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Die Obstverkдuferin

Ich gehe gerne einkaufen. Nein, nicht shoppen. Ich meine nicht Hosen, Schuhe und Sonnenbrillen. Ich spreche von Brot und Kдse, Obst und Wein. Das kaufe ich sehr gerne. Aber nicht im Supermarkt. Ich gehe zu den kleinen Geschдften in meiner StraЯe und vor allem: auf den Markt. Ich weiЯ: Das ist nicht praktisch, nicht billig und dauert lange. Na und? Es macht SpaЯ. Ich kenne die Leute in den Lдden, wir grьЯen uns freundlich, wir plaudern ьber Wetter, Familie, FuЯball. Smalltalk, kann sein, aber menschlich und zivilisiert. Wir sind Nachbarn und im Laden bleiben wir Nachbarn. In anderen Geschдften ist es nicht ganz so: Da wird man Kunde und es gibt Verkдufer. Aber auch dort redet man, hцflich von Mensch zu Mensch. Im Supermarkt aber gibt es keine Menschen, nur Konsumenten und Kassierer. Sprechen verboten! Niemand hat Zeit. Nicht die Kunden, denn die mьssen kaufen. So schnell wie mцglich. Nicht die Kassierer, denn die mьssen kassieren. So schnell wie mцglich. Nonstop. Kommunikation, reduziert auf ein Minimum: Tьte? Karte? Kleingeld? Weiter! Immer weiter! Dieser Stress an der Kasse, alle nervцs und ungeduldig. Wie traurig! Tristesse im Neonlicht, nur diese furchtbare Softmusik aus allen Boxen. Musik, so steril wie die Plastikverpackungen. Wie gesagt, da gehe ich lieber auf den Markt. Ein Paradies aus Farben und Formen. Frische Luft, frisches Leben! Menschen, laut, lebendig, lustig. Einkaufen, Leute treffen und plaudern. Die Hдndler rufen ihre Angebote aus, die Stra Яenmusiker spielen munter ihre Melodien. Alles offen, bunt, natьrlich. Ein Volksfest. Ich habe dort meine festen Orte: Kдse an der Ecke, Fisch in der Mitte und die Weinhandlung neben der Bдckerei. Mein Lieblingsplatz aber ist der Obststand. Manchmal stehen auch dort viele Leute, aber das macht nichts. Es gibt eine einfache Lцsung.Nein, man muss keine Nummer ziehen. Man fragt einfach: Wer ist der Letzte? und jemand antwortet: Ich! Dann kann man in Ruhe warten. Ich kenne die Verkдuferinnen. Leila und Fatima aus Marokko, Tata aus Ekuador. Ihre Arbeit muss stressig sein, den ganzen Tag stehen, und manche Kunden sind leider nicht sehr angenehm. Aber die drei sind immer frцhlich und haben etwas zu lachen. Und sie haben Humor.

Oft grьЯen sie mit: Hola joven! oder Hola, guapo! Jung, schцn ... nette Komplimente, denkt man zuerst. Aber dann kapiert man: Sie sagen das immer, auch zu dem alten zahnlosen GroЯvдterchen hinter mir. Aber gut so. Vielleicht kein Kompliment, aber ein schцnes Ritual. Sie sind wirklich lieb und geben mir nur die frischesten Sachen. Nichts Altes, nichts Kaputtes. Sie sind richtige Komplizinnen, vor allem Tata: Ich will ein Kilo Mandarinen kaufen, aber sie sagt: Achtung. Besser nicht. Die sind nicht gut heute. Sie spricht leise, der Chef ist auch da, der hцrt das nicht gerne. Danke fьr den Tipp , flьstere ich zurьck, was soll ich dann nehmen? Die Pfirsiche oder die Bananen, die sind heute besonders gut. Ich glaube, sie gibt diese Tipps nicht allen. Vor allem nicht den Touristen. Wir reden immer ein bisschen. Sie mцchte ihr De utsch verbessern. Das ist meistens unser Thema. Jedes Gesprдch eine kleine Lektion. Heute sprechen wir aber nicht ьber Deutsch. Und heute ist sie auch nicht frцhlich. Sie ist sehr, sehr traurig. Ein Brief aus Ekuador. Ihr Mann und ihre Tochter kцnnen nicht nach Europa kommen und hier mit ihr leben. Keine Papiere, definitiv. Die Bьrokratie. Sie muss aber hier bleiben, sie brauchen das Geld. Keine Chance, ich habe meine Familie schon fast zwei Jahre nicht mehr gesehen, sagt sie und zeigt mir ein Foto. Aber kannst du sie nicht wenigstens besuchen?, frage ich. Nein, antwortet sie traurig. Die Papiere ..., es ist zu kompliziert. Und dann verliert sie vielleicht auch die Arbeit. Und vor allem ist der Flug so teuer. Ein Monatslohn f ьr sie. Ekuador, flьstert sie, das ist so furchtbar weit weg. Eine andere Welt und keine Brьcke. Der Chef steht immer noch da, und die Leute warten. Ich muss weitermachen, sagt sie schnell und versucht wieder zu lдcheln. Ich gehe nach Hause. Sie tut mir leid, eine so traurige Geschichte. So fern von zu Hause und kein Weg. In der Kьche packe ich meine Einkдufe aus und lege das Obst auf den Tisch. Das Etikett auf den Bananen: Frisch aus Ekuador‘.