• Название:

    Erich Maria Remarque Liebe Deinen Nchsten

  • Размер: 2.68 Мб
  • Формат: PDF
  • или
  • Название: Liebe Deinen Nächsten
  • Описание: Roman
  • Автор: Remarque, Erich Maria

wurde, hat drei weitere Emigrantenwerke geschrieben. Dieses 1941 zuerst
in den USA erschienene Buch ist ein
eindrückliches Porträt jener Zeit, bewegend und spannend zugleich. Time
Magazine urteilte: »Remarque hat
– wie Hemingway – die seltene Fähigkeit, Texte zu schreiben, die zugleich
populär und echte Kunstwerke sind
und die es verstehen, eine Generation
zu verkörpern.

Über den Autor
Erich Maria Remarque, 1891 in Osnabrück geboren, 1916 Soldat. 1929
erschien sein Buch Im Westen nichts
Neues, das ein ungeheurer Erfolg
wurde. 1933 wurden seine Bücher
öffentlich verbrannt. Lebte seit 1929
überwiegend im Ausland, nach dem
Krieg in der Schweiz, wo er 1970
starb.

unverkäuflich

Über das Buch
Josef Steiner, ein deutscher Politiker,
Ludwig Kern, Sohn eines jüdischen
Fabrikanten, und die Studentin Ruth
Holland sind die Hauptfiguren dieses
Romans. Nach ihrer Flucht aus dem
nationalsozialistischen Deutschland
versuchen sie wie viele andere, in der
Tschechoslowakei, Österreich oder der
Schweiz Fuß zu fassen. Doch überall
sind sie ungebetene Gäste, die man
sofort über die Grenze ins Nachbarland
abschiebt. Ohne Papiere und Arbeit
in die Illegalität gedrängt, ständig von
Verhaftung und Ausweisung bedroht,
lernen sie, sich in ihrem unsicheren
Dasein zu behaupten, mit Tricks und
Finten zu überleben. Ihre Lage scheint
aussichtslos, aber immer wieder helfen
ihnen erfahrene Leidensgenossen, der
Verfolgung durch Behörden und Polizei zu entkommen. Die wachsende
Zuneigung zwischen Ludwig und Ruth
schützt sie vor Hoffnungslosigkeit und
Verzweiflung: Freundschaft und Liebe
bewähren sich in einer Welt, die das
christliche Gebot der Nächstenliebe
fast vergessen hat.
Der Titel dieses Buches schwebt
wie ein unsichtbares Programm über
Remarques Gesamtwerk. Er, der 1938
selbst aus Deutschland ausgebürgert

V. 04207

Erich Maria Remarque

Liebe Deinen
Nächsten
Roman
Mit einem Nachwort von Tilman Westphalen

Kiepenheuer & Witsch

© 94 by Erich Maria Remarque 978, 99 by Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne
schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter
Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder
verbreitet werden
Umschlag Manfred Schulz, Köln,
nach einer Konzeption von Hannes Jahn
Umschlagfoto Paul Wolff, Archiv für Kunst und Geschichte
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck
ISBN 3 462 024 9

Man braucht ein starkes Herz,
um ohne Wurzel zu leben –

Erster Teil

1

Kern fuhr mit einem Ruck aus schwarzem, brodelndem
Schlaf empor und lauschte. Er war, wie alle Gehetzten, sofort ganz wach, gespannt und bereit zur Flucht. Während er
unbeweglich, den schmalen Körper schräg vorgeneigt, im Bette
saß, überlegte er, wie er entkommen könnte, wenn der Aufgang
schon besetzt wäre.
Das Zimmer lag im vierten Stock. Es hatte ein Fenster nach
der Hofseite, aber keinen Balkon und kein Gesims, von denen
aus die Dachrinne zu erreichen gewesen wäre. Nach dem Hofe
zu war eine Flucht also unmöglich. Es gab nur noch einen Weg:
über den Korridor zum Dachboden und über das Dach hinweg
zum nächsten Hause.
Kern sah auf das Leuchtzifferblatt seiner Uhr. Es war kurz nach
fünf. Das Zimmer war noch fast finster. Grau und undeutlich
schimmerten die Laken der beiden anderen Betten durch die
Dunkelheit. Der Pole, der an der Wand schlief, schnarchte.
Vorsichtig glitt Kern aus dem Bett und schlich zur Tür. Im
selben Augenblick rührte sich der Mann, der im mittleren Bette
lag. »Ist was los?« flüsterte er.
Kern gab keine Antwort; er hielt das Ohr an die Tür gepreßt.
Der andere richtete sich auf. Er wühlte in den Sachen, die am
Pfosten des eisernen Bettgestells hingen. Eine Taschenlampe
blitzte auf und fing in ihrem fahlen, zitternden Lichtkreis ein
Stück der braunen, abgeblätterten Tür und die Gestalt Kerns, der
mit wirrem Haar und zerdrücktem Unterzeug am Schlüsselloch
lauschte.
»Verdammt, sag, was los ist!« zischte der Mann im Bett.
Kern richtete sich auf. »Ich weiß nicht. Bin aufgewacht, weil ich
irgendwas gehört habe.«
»Irgendwas! Was irgendwas, du Dummkopf?«
»Irgendwas unten. Stimmen, Schritte oder so was.«
6

Der Mann stand auf und kam zur Tür. Er hatte ein gelbliches
Hemd an, unter dem im Schein der Taschenlampe ein Paar
stark behaarte, muskulöse Beine hervorkamen. Er horchte eine
Weile. »Wie lange wohnst du schon hier?« fragte er dann.
»Zwei Monate.«
»War in der Zeit schon mal ’ne Razzia?«
Kern schüttelte den Kopf.
»Aha! Wirst dich dann wohl verhört haben. Ein Furz im Schlaf
klingt ja manchmal wie ein Donnerschlag.«
Er leuchtete Kern ins Gesicht. »Na ja, knapp zwanzig, was?
Emigrant?«
»Natürlich.«
»Jesus Christus tso siem stalo …« gurgelte plötzlich der Pole
in der Ecke.
Der Mann im Hemd ließ den Lichtkreis hinüberwandem.
Ein schwarzes Bartgestrüpp mit aufgerissener Mundhöhle und
aufgerissenen Augen unter buschigen Brauen tauchte aus dem
Dunkel auf.
»Halt’s Maul mit deinem Jesu Christo, Polack«, knurrte der
Mann mit der Taschenlampe. »Der lebt nicht mehr. Ist als Kriegsfreiwilliger an der Somme gefallen.«
»Tso?«
»Da ist es wieder!« Kern sprang zum Bett. »Sie kommen von
unten! Wir müssen übers Dach!«
Der andere drehte sich wie ein Kreisel. Man hörte Türen klappen und gedämpfte Stimmen. »Verflucht! ’raus! Polski, ’raus!
Polizei!«
Er riß seine Sachen vom Bett. »Weißt du den Weg?« fragte er
Kern.
»Ja. Rechts, den Korridor entlang! Die Treppe hinter dem
Ausguß ’rauf!«
7

»Los!« Der Mann im Hemd öffnete lautlos die Tür.
»Matka boska!« gurgelte der Pole.
»Halt’s Maul! Verrat nichts!«
Der Mann zog die Tür zu. Kern und er huschten den schmalen,
schmutzigen Korridor entlang. Sie liefen so leise, daß sie den
schlecht zugedrehten Wasserhahn über dem Ausguß tröpfeln
hörten.
»Hier ’rum!« flüsterte Kern, bog um die Ecke und rannte gegen
etwas. Er taumelte, sah eine Uniform und wollte zurück.
Im gleichen Augenblick bekam er einen Schlag auf den Arm.
»Stehenbleiben! Hände hoch!« kommandierte jemand aus dem
Dunkel.
Kern ließ seine Sachen zu Boden rutschen. Sein linker Arm war
taub von dem Schlag, der den Ellenbogen getroffen hatte. Der
Mann im Hemd sah eine Sekunde lang so aus, als wolle er sich in
das Dunkel auf die Stimme stürzen. Aber dann blickte er auf den
Lauf des Revolvers, der ihm von einem zweiten Beamten gegen
die Brust gehalten wurde, und hob langsam die Arme.
»Umdrehen!« kommandierte die Stimme. »Ans Fenster stellen!«
Die beiden gehorchten.
»Sieh nach, was in den Taschen ist«, sagte der Polizist mit dem
Revolver.
Der zweite Beamte untersuchte die Kleider, die auf dem Boden
lagen. »Fünfunddreißig Schilling – eine Taschenlampe – eine
Pfeife – ein Taschenmesser – ein Lauskamm – sonst nichts …«
»Keine Papiere?«
»Paar Briefe oder so was …«
»Keine Pässe?«
»Nein.«
»Wo habt ihr eure Pässe?« fragte der Polizist mit dem Revolver.
8

»Ich habe keinen«, erwiderte Kern.
»Natürlich!« Der Polizist stieß dem Mann im Hemd den Revolver in den Rücken. »Und du? Muß man dich extra fragen, du
Hurenbankert?« sagte er.
Die beiden Polizisten sahen sich an. Der ohne Revolver fing
an zu lachen. Der andere leckte sich die Lippen. »Ah, da schau
her, ein feiner Herr!« sagte er langsam. »Exzellenz, der Stromer!
General Stinktier!« Er holte plötzlich aus und schlug dem Mann
die Faust gegen das Kinn. »Hände hoch!« brüllte er, als der andere taumelte.
Der Mann sah ihn an. Kern glaubte noch nie einen solchen
Blick gesehen zu haben. »Dich meine ich, du Scheißer!« sagte
der Polizist. »Wird’s bald? Oder soll ich dir dein Gehirn noch
einmal aufschütteln?«
»Ich habe keinen Paß«, sagte der Mann.
»Ich habe keinen Paß«, äffte der Polizist nach. »Natürlich, Herr
Hurenbankert hat keinen Paß. Konnte man sich ja wohl denken!
Los, anziehen, aber flott!«
Eine Gruppe Polizisten lief den Korridor entlang. Sie rissen
die Türen auf. Einer mit Schulterstücken kam heran. »Was habt
ihr denn da?«
»Zwei Vögel, die übers Dach verduften wollten.«
Der Offizier betrachtete die beiden. Er war jung. Sein Gesicht
war schmal und blaß. Er trug einen sorgfältig gestutzten, kleinen
Schnurrbart und roch nach Toilettewasser. Kern erkannte es; es
war Eau de Cologne 47. Sein Vater hatte eine Parfümfabrik
gehabt, daher wußte er so etwas.
»Die beiden werden wir uns besonders vornehmen«, sagte der
Offizier. »Handschellen!«
»Ist es der Wiener Polizei erlaubt, bei Verhaftungen zu schlagen?« fragte der Mann im Hemd.
9

Der Offizier sah auf. »Wie heißen Sie?«
»Steiner. Josef Steiner.«
»Er hat keinen Paß und hat uns bedroht«, erklärte der Polizist
mit dem Revolver.
»Es ist noch viel mehr erlaubt, als Sie denken«, sagte der Offizier kurz.
»Marsch, ’runter!«
Die beiden zogen sich an. Der Polizist holte Handschellen
hervor. »Kommt, ihr Lieblinge! So, jetzt seht ihr schon besser
aus. Passen wie nach Maß.«
Kern spürte den Stahl kühl an seinen Gelenken. Es war das
erste Mal in seinem Leben, daß er gefesselt wurde. Die Stahlreifen hinderten ihn beim Gehen nicht sehr. Aber ihm schien, als
fesselten sie mehr als nur seine Hände.
Draußen war es früher Morgen. Vor dem Hause hielten zwei
Polizeiautos. Steiner verzog das Gesicht. »Begräbnis erster Klasse!
Nobel, was, Kleiner?«
Kern antwortete nicht. Er versteckte die Handschellen, so gut
es ging, unter seinem Rock. Ein paar Milchkutscher standen
neugierig auf der Straße. Gegenüber in den Häusern waren
Fenster offen. Gesichter schimmerten wie Teig aus den dunklen
Öffnungen. Eine Frau kicherte.
Ungefähr dreißig Verhaftete wurden auf die Wagen gebracht.
Es waren offene Polizeiflitzer. Die meisten der Leute stiegen ohne
ein Wort hinauf. Auch die Besitzerin des Hauses war darunter,
eine dicke, hellblonde Frau von etwa fünfzig Jahren. Sie war die
einzige, die erregt protestierte. Seit einigen Monaten hatte sie
zwei leerstehende Etagen ihres baufälligen Hauses auf billigste
Weise in eine Art Pension verwandelt. Es hatte sich bald herumgesprochen, daß man dort schwarz schlafen konnte, ohne bei
der Polizei gemeldet zu werden. Die Frau hatte nur vier richtige
10

Mieter mit polizeilicher Anmeldung – einen Hausdiener, einen
Kammerjäger und zwei Huren. Die übrigen kamen abends, wenn
es dunkel wurde. Fast alle waren Emigranten und Flüchtlinge aus
Deutschland, Polen, Rußland und Italien.
»Los, los!« sagte der Offizier zu der Vermieterin. »Sie können das alles auf der Wache erklären. Da haben Sie Zeit genug
dazu.«
»Ich protestiere!« schrie die Frau.
»Protestieren können Sie, soviel Sie wollen. Vorläufig kommen
Sie mit.«
Zwei Polizisten faßten die Frau unter die Arme und hoben sie
auf den Wagen.
Der Offizier wandte sich zu Kern und Steiner. »So, jetzt diese
beiden. Extra aufpassen auf sie.«
»Merci«, sagte Steiner und stieg auf. Kern folgte ihm.
Die Autos fuhren los. »Auf Wiedersehen!« kreischte eine Frauenstimme aus den Fenstern.
»Schlagt das Emigrantenpack tot!« brüllte ein Mann hinterher.
»Dann spart ihr das Futter.«
Die Polizeiautos fuhren ziemlich schnell, denn die Straßen
waren noch fast leer. Der Himmel hinter den Häusern wich
zurück, er wurde heller und weiter und durchsichtig blau, aber
die Verhafteten standen dunkel auf den Wagen wie Weiden im
Herbstregen. Ein paar Polizisten aßen belegte Brote. Sie tranken
Kaffee aus flachen Blechflaschen.
In der Nähe der Aspernbrücke kreuzte ein Gemüseauto die
Straße. Die Polizeiwagen bremsten und zogen dann wieder an.
Im gleichen Augenblick kletterte einer der Verhafteten über den
Rand des zweiten Wagens und sprang ab. Er fiel schräg auf den
Kotflügel, verfing sich mit dem Mantel und schlug mit einem
trockenen Knack auf das Pflaster.
11

»Anhalten! Hinterher!« schrie der Führer. »Schießt, wenn er
nicht stehenbleibt!«
Der Wagen bremste scharf. Die Polizisten sprangen herunter. Sie
liefen zu der Stelle, wo der Mann hingefallen war. Der Chauffeur
sah sich um. Als er bemerkte, daß der Mann nicht flüchtete, fuhr
er den Wagen langsam zurück.
Der Mann lag auf dem Rücken. Er war mit dem Hinterkopf auf
die Steine geschlagen. In seinem offenen Mantel lag er da, mit
ausgebreiteten Armen und Beinen, wie eine große heruntergeklatschte Fledermaus.
»Bringt ihn ’rauf!« rief der Offizier.
Die Polizisten bückten sich. Dann richtete sich einer auf. »Er
muß sich was gebrochen haben. Kann nicht aufstehen.«
»Natürlich kann er aufstehen! Hebt ihn hoch!«
»Gebt ihm einen gehörigen Tritt, dann wird er schon munter«,
sagte der Polizist, der Steiner geschlagen hatte, träge.
Der Mann stöhnte. »Er kann tatsächlich nicht aufstehen«,
meldete der andere. »Blutet auch am Kopf.«
»Verflucht!« Der Führer kletterte herunter. »Daß sich keiner
von euch rührt!« schrie er zu den Verhafteten hinauf. »Verdammte Bande! Nichts als Scherereien!«
Der Wagen stand jetzt dicht neben dem Verunglückten. Kern
konnte ihn von oben genau sehen. Er kannte ihn. Es war ein
schmächtiger polnischer Jude mit schütterem, grauem Bart.
Er erinnerte sich deutlich des alten Mannes, wie er morgens in
aller Frühe, die Gebetsriemen über den Schultern, am Fenster
gestanden und gebetet hatte, während er den Körper leise hinund herwiegte. Er hatte mit Garnrollen, Schnürriemen und Zwirn
gehandelt und war schon dreimal aus Österreich ausgewiesen
worden.
»Aufstehen! Los!« kommandierte der Offizier. »Wozu springen
12

Sie denn vom Wagen? Zuviel auf dem Kerbholz, wie? Gestohlen,
und wer weiß was noch!«
Der alte Mann bewegte die Lippen. Seine Augen waren groß
auf den Offizier gerichtet.
»Was?« fragte der. »Hat er was gesagt?«
»Er sagt, es wäre aus Angst gewesen«, erwiderte der Polizist,
der neben ihm kniete.
»Angst? Natürlich aus Angst! Weil er was ausgefressen hat!
Was sagt er?«
»Er sagt, er hätte nichts ausgefressen.«
»Das sagt jeder. Aber was machen wir jetzt mit ihm? Was hat
er denn?«
»Man sollte einen Arzt holen«, sagte Steiner vom Wagen herab.
»Seien Sie ruhig!« schnauzte der Offizier nervös. »Wo soll man
denn um diese Zeit einen Arzt herkriegen? Er kann doch nicht
solange auf der Straße liegen. Nachher heißt es dann wieder, wir
hätten ihn so zugerichtet. Geht ja immer alles auf die Polizei!«
»Er gehört ins Krankenhaus«, sagte Steiner. »Sogar schnell!«
Der Offizier war verwirrt. Er sah jetzt, daß der Mann schwer
verletzt war und vergaß darüber, Steiner den Mund zu verbieten.
»Krankenhaus! Da nehmen sie ihn doch- nicht einfach so auf.
Dazu braucht er doch einen Überweisungsschein. Ich kann das
auch gar nicht allein machen. Ich muß ihn erst zum Rapport
bringen.«
»Bringen Sie ihn zum jüdischen Krankenhaus«, sagte Steiner.
»Da nehmen sie ihn ohne Überweisungsschein und Rapport.
Sogar ohne Geld.«
Der Offizier starrte ihn an. »Woher wissen Sie denn das,
Sie?«
13

»Man sollte ihn zur Rettungsgesellschaft bringen«, schlug einer
der Polizisten vor. »Da ist immer ein Sanitäter oder ein Arzt. Die
könnten dann weitersehen. Damit wären wir ihn auch los.«
Der Offizier hatte seinen Entschluß gefaßt. »Gut, hebt ihn auf!
Wir fahren bei der Rettungswache vorbei. Dann bleibt einer mit
ihm da. Verdammte Schweinerei!«
Die Polizisten hoben den Mann hoch. Er stöhnte und wurde
sehr blaß. Sie legten ihn auf den Boden des Wagens. Er zuckte und
öffnete die Augen. Sie glänzten unnatürlich in dem verfallenen
Gesicht. Der Offizier biß sich auf die Lippen. »So ein Blödsinn!
’runterspringen, solch ein alter Mann! Los, langsam fahren!«
Unter dem Kopf des Verletzten bildete sich langsam eine
Blutlache. Die knotigen Finger scharrten über das Bodenholz
des Wagens. Die Lippen zogen sich allmählich von den Zähnen
zurück und gaben sie frei. Es sah aus, als lache hinter der geisterhaft verschatteten Maske des Schmerzes jemand anders lautlos
und voll Hohn.
»Was sagt er?« fragte der Offizier.
Der Polizist von vorher kniete wieder neben den Alten hin und
hielt ihm beim Rattern des Wagens den Kopf fest. »Er sagt, er
hätte zu seinen Kindern gewollt. Sie müßten jetzt verhungern«,
berichtete er.
»Ach, Unsinn! Werden nicht verhungern. Wo sind sie denn?«
Der Polizist beugte sich herunter. »Er will es nicht sagen. Sie
würden dann ausgewiesen. Hätten alle keine Aufenthaltserlaubnis.«
»Das sind doch Phantasien. Was sagt er jetzt?«
»Er sagt, Sie möchten ihm verzeihen.«
»Was?« fragte der Offizier erstaunt.
»Er sagt, Sie möchten ihm verzeihen wegen der Scherereien,
die er macht.«
14

»Verzeihen? Was soll denn das nun wieder?« Kopfschüttelnd
starrte der Offizier den Mann am Boden an.
Der Wagen hielt vor der Rettungswache. »Tragt ihn ’rein!«
kommandierte der Offizier. »Aber vorsichtig. Und Sie, Rohde,
bleiben bei ihm, bis ich telefoniere.«
Sie hoben den Verunglückten hoch. Steiner bückte sich. »Wir
finden deine Kinder. Wir werden ihnen helfen«, sagte er. »Verstehst du, Alter?«
Der Jude schloß die Augen und öffnete sie wieder. Dann trugen
ihn drei Polizisten in das Haus. Seine Arme hingen herunter und
schleiften widerstandslos über das Pflaster, als wären sie schon
ohne Leben. Nach einiger Zeit kamen zwei Polizisten zurück
und stiegen wieder auf. »Hat er noch etwas gesagt?« fragte der
Offizier.
»Nein. Er war schon ganz grün im Gesicht. Wenn’s die Wirbelsäule ist, macht er’s nicht mehr lange.«
»Na ja, halt ein Jud weniger«, sagte der Polizist, der Steiner
geschlagen hatte.
»Verzeihen«, murmelte der Offizier. »So was! Komische Menschen …«
»Besonders in diesen Zeiten«, sagte Steiner.
Der Offizier straffte sich. »Halten Sie’s Maul gefälligst, Sie Bolschewist!« brüllte er. »Ihnen werden wir Ihre Frechheiten schon
austreiben!«
MAN BRACHTE DIE Verhafteten zur Polizeistation an der Elisabethpromenade. Steiner und Kern wurden die Handschellen
abgenommen, dann kamen sie zu den andern in einen großen,
halbdunklen Raum. Die meisten saßen schweigend herum. Sie
waren gewohnt zu warten. Nur die dicke blonde Wirtin lamentierte unentwegt weiter.
15

Gegen neun Uhr wurde einer nach dem andern heraufgeholt.
Kern wurde in ein Zimmer geführt, in dem sich zwei Polizisten,
ein Schreiber in Zivil, der Offizier und ein älterer Polizeioberkommissär befanden. Der Oberkommissär saß in einem hölzernen
Sessel und rauchte Zigaretten. »Personalien«, sagte er zu dem
Mann am Tisch.
Der Schreiber war ein schmaler, pickliger Mensch, der an einen
Hering erinnerte. »Name?« fragte er mit einer überraschend
tiefen Stimme.
»Ludwig Kern.«
»Geboren?«
»Dreißigster November neunzehnhundertvierzehn in Dresden.«
»Also Deutscher?«
»Nein. Staatenlos. Ausgebürgert.«
Der Oberkommissär blickte auf. »Mit einundzwanzig? Was
haben’s denn angestellt?«
»Nichts. Mein Vater ist ausgebürgert worden. Da ich damals
minderjährig war, ich auch.«
»Und weshalb Ihr Vater?«
Kern schwieg einen Augenblick. Ein Jahr Emigration hatte
ihn Vorsicht mit jedem Wort bei Behörden gelehrt. »Er wurde
zu Unrecht als politisch unzuverlässig denunziert«, sagte er
schließlich.
»Jude?« fragte der Schreiber.
»Mein Vater. Meine Mutter nicht.«
»Aha!«
Der Oberkommissär schnippte die Asche seiner Zigarette
auf den Boden. »Warum sind Sie denn nicht in Deutschland
geblieben?«
»Man hat uns unsere Pässe abgenommen und uns ausgewiesen.
16

Wir wären eingesperrt worden, wenn wir geblieben wären. Und
wenn wir eingesperrt werden mußten, wollten wir es lieber in
einem anderen Lande als in Deutschland.«
Der Oberkommissär lachte trocken. »Kann ich verstehen. Wie
sind Sie denn ohne Paß über die Grenze gekommen?«
»An der tschechischen Grenze genügte damals für den kleinen
Grenzverkehr ein einfacher Einwohner-Meldeschein. Den hatten
wir noch. Man konnte damit drei Tage in der Tschechoslowakei
bleiben.«
»Und nachher?«
»Wir bekamen drei Monate Aufenthaltserlaubnis. Dann mußten wir fort.«
»Wie lange sind Sie schon in Österreich?«
»Drei Monate.«
»Warum haben Sie sich nicht bei der Polizei gemeldet?«
»Weil ich dann sofort ausgewiesen worden wäre.«
»Na, na!« Der Oberkommissär schlug mit der flachen Hand
auf die Sessellehne. »Woher wissen Sie das so genau?«
Kern verschwieg, daß er und seine Eltern sich das erste Mal,
als sie über die österreichische Grenze gegangen waren, sofort
bei der Polizei gemeldet hatten. Sie waren am gleichen Tage über
die Grenze zurückgeschoben worden. Als sie dann wiederkamen,
hatten sie sich nicht mehr gemeldet.
»Ist es vielleicht nicht wahr?« fragte er.
»Sie haben hier nicht zu fragen; Sie haben nur zu antworten«,
sagte der Schreiber grob.
»Wo sind Ihre Eltern jetzt?« fragte der Oberkommissär.
»Meine Mutter ist in Ungarn. Sie hat dort eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, weil sie ungarischer Herkunft ist. Mein Vater
ist verhaftet und ausgewiesen worden, als ich nicht im Hotel war.
Ich weiß nicht, wo er ist!«
17

»Was sind Sie von Beruf?«
»Ich war Student.«
»Wovon haben Sie gelebt?«
»Ich habe etwas Geld.«
»Wieviel?«
»Ich habe zwölf Schilling hier. Das andere habe ich bei Bekannten.«
Kern besaß nicht mehr als die zwölf Schilling. Er hatte sie verdient durch Handel mit Seife, Parfüm und Toilettewasser. Hätte
er das jedoch zugegeben, wäre er auch wegen verbotener Arbeit
strafbar gewesen.
Der Oberkommissär erhob sich und gähnte. »Sind wir durch?«
»Es ist noch einer unten«, sagte der Schreiber.
»Wird auch dasselbe sein. Viel Gescher und wenig Wolle.«
Der Oberkommissär warf einen schiefen Blick auf den Offizier.
»Alles Leute, die illegal eingereist sind. Sieht nicht nach kommunistischem Komplott aus, was? Wer hat denn die Anzeige
gemacht?«
»Jemand, der auch so eine Bude hat. Nur mit Wanzen«, sagte
der Schreiber. »Geschäftsneid wahrscheinlich.«
Der Oberkommissär lachte. Dann sah er, daß Kern noch im
Zimmer war. »Bringt ihn hinunter. Sie wissen ja, was es gibt:
vierzehn Tage Haft und Ausweisung.« Er gähnte nochmals. »Na,
ich geh’ auf ein Gulasch und ein Bier.«
MAN BRACHTE KERN in eine kleinere Zelle als vorher. Außer
ihm befanden sich noch fünf der Verhafteten darin; darunter
der Pole, der mit im Zimmer geschlafen hatte. Nach einer Viertelstunde brachte man auch Steiner. Er setzte sich neben Kern.
»Das erstemal im Kasten, Kleiner?«
Kern nickte.
18

»Und? Fühlst dich wie ein Mörder, was?«
Kern verzog die Lippen. »Ungefähr. Gefängnis – ich habe da
noch so Vorstellungen von früher her.«
»Das hier ist nicht Gefängnis«, belehrte Steiner ihn. »Es ist Haft.
Gefängnis kommt später.«
»Warst du schon drin?«
»Ja. Wirst es dir das erstemal zu Herzen nehmen. Dann nicht
mehr. Besonders im Winter nicht. Hast wenigstens Ruhe während
der Zeit. Ein Mensch ohne Paß ist eine Leiche auf Urlaub. Hat
sich eigentlich nur umzubringen, sonst nichts.«
»Und mit Paß? Mit Paß bekommst du doch auch nirgendwo
im Ausland Arbeitserlaubnis.«
»Natürlich nicht. Du hast damit nur das Recht, in Ruhe zu
verhungern. Nicht auf der Flucht. Das ist schon viel.«
Kern starrte vor sich hin.
Steiner schlug ihm auf die Schulter.
»Kopf hoch, Baby!
Du hast dafür das Glück, im zwanzigsten Jahrhundert zu leben
– im Jahrhundert der Kultur, des Fortschritts und der Menschlichkeit.«
»Gibt es hier eigentlich nichts zu essen?« fragte ein kleiner
Mann mit einem Glatzkopf, der in der Ecke auf einer Pritsche
saß. »Keinen Kaffee wenigstens?«
»Sie brauchen nur dem Kellner zu klingeln«, erwiderte Steiner.
»Er soll die Karte bringen. Es gibt hier vier Menüs zur Auswahl.
Kaviar à discretion selbstverständlich.«
»Essen särr schlecht hierr«, sagte der Pole.
»Ach, da ist ja unser Jesu Christo!« Steiner betrachtete ihn
interessiert. »Bist du Professional hier?«
»Särr schlecht«, wiederholte der Pole. »Und so wenig …«
»O Gott!« sagte der Glatzkopf in der Ecke. »Und ich habe ein
19

gebratenes Huhn in meinem Koffer. Wann werden sie uns hier
bloß ’rauslassen?«
»In vierzehn Tagen«, erwiderte Steiner. »Das ist die übliche
Strafe für Emigranten ohne Papiere. Nicht wahr, Jesu Christo?
Du kennst das doch!«
»Vierzehn Tage«, bestätigte der Pole. »Odärr länger. Essen särr
wennig. Särr schlecht. Dünne Suppe.«
»Verflucht! In der Zeit ist das Huhn verfault.« Der Glatzkopf
stöhnte. »Mein erstes Poulet seit zwei Jahren. Zusammengespart,
Groschen für Groschen. Heute mittag wollte ich es essen.«
»Warten Sie bis heute abend mit Ihrem Schmerz«, sagte Steiner.
»Dann können Sie annehmen, Sie hätten es schon gegessen, und
Sie haben es leichter.«
»Was? Was reden Sie da für Unsinn?« Der Mann starrte Steiner
aufgewühlt an. »Das soll dasselbe sein, Sie Quatschkopf? Wenn
ich es doch nicht gegessen habe? Und außerdem hätte ich mir
eine Keule noch für morgen früh aufgehoben.«
»Dann warten Sie bis morgen mittag.«
»Fürr mich das nicht schlimm«, mischte sich der Pole ein.
»Esse nie Poulet.«
»Für dich kann’s doch auch nicht schlimm sein. Du hast doch
keins gebraten im Koffer liegen«, schimpfte der Mann in der
Ecke.
»Auch wenn ich hätte, nicht schlimm! Esse nie derselbe! Vertrage nicht Poulet. Kotze hinterher!« Der Pole sah sehr zufrieden
aus und strählte seinen Bart. »Fürr mich gar nicht schlimm, der
Poulet!«
»Mann Gottes, das will ja niemand wissen!« schrie der Glatzkopf ärgerlich.
»Sogar wenn Poulet hierr – ich demselben nicht essen!« verkündete der Pole triumphierend.
20

»Herrgott! Hat man so was schon mal gehört!« Der Besitzer
des Huhns im Koffer drückte verzweifelt die Hände gegen die
Augen.
»Mit gebratenen Poulets kann ihm scheinbar nichts passieren«,
sagte Steiner. »Unser Jesu Christo ist da immun. Ein Diogenes
der Brathühner. Wie ist es denn mit Suppenhuhn?«
»Auch nicht«, erklärte der Pole fest.
»Und Paprikahuhn?«
»Ibberhaupt kein Huhn!« Der Pole strahlte.
»Ich werde verrückt!« heulte der gemarterte Besitzer des Poulets.
Steiner drehte sich um. »Und Eier, Jesu Christo? Hühnereier?«
Das Strahlen verschwand. »Eierchen. Ja! Eierchen gärne!« Ein
Schimmer von Sehnsucht umflog den zerrauften Bart. »Särr
gärne.«
»Dem Himmel sei Dank! Endlich ein Loch in der Vollkommenheit!«
»Eierchen särr gärne«, beteuerte der Pole. »Vierr Stück, sechs
Stück, zwölf Stück, gekocht sechs Stück, andere gebraten. Mit
Bratkartoffelchens. Bratkartoffelchens mit Speck.«
»Ich kann das nicht mehr mit anhören! Schlagt ihn ans Kreuz,
den gefräßigen Christus!« tobte das Huhn im Koffer.
»Meine Herren«, sagte eine warme Baßstimme mit russischem
Akzent, »wozu so viel Aufregung um eine Illusion. Ich habe eine
Flasche Wodka mit durchgebracht. Darf ich anbieten? Wodka
wärmt das Herz und beruhigt das Gemüt.«
Der Russe entkorkte die Flasche, trank und reichte sie Steiner. Der nahm einen Schluck und gab sie an Kern weiter. Kern
schüttelte den Kopf.
»Trink, Baby«, sagte Steiner. »Gehört dazu. Mußt es lernen.«
21

»Wodka särr gutt!« bestätigte der Pole.
Kern nahm einen Schluck und gab die Flasche an den Polen,
der sie mit geübtem Griff in die Gurgel schwenkte.
»Er säuft sie aus, der Eierfetischist!« knurrte der Mann mit
dem Poulet und entriß ihm die Flasche. »Es ist nicht mehr viel
drin«, sagte er bedauernd zu dem Russen, nachdem er getrunken
hatte.
Der wehrte ab. »Macht nichts. Ich komme spätestens heute
abend ’raus.«
»Sind Sie dessen so sicher?« fragte Steiner.
Der Russe machte eine kleine Verbeugung. »Leider, möchte ich
fast sagen. Ich besitze als Russe einen Nansenpaß.«
»Nansenpaß!« wiederholte das Poulet ehrfürchtig. »Da gehören
Sie natürlich zur Aristokratie der Vaterlandslosen.«
»Es tut mir leid, daß es bei Ihnen noch nicht soweit ist«, sagte
der Russe höflich.
»Sie hatten den Vorrang«, erwiderte Steiner. »Sie waren die
ersten. Sie hatten das große Mitleid der Welt. Wir haben nur
noch das kleine. Man bedauert uns; aber wir sind lästig und
unerwünscht.«
Der Russe hob die Schultern. Dann reichte er die Flasche dem
letzten Mann in der Zelle, der bisher schweigend dagesessen
hatte. »Bitte, nehmen Sie doch auch einen Schluck.«
»Danke«, sagte der Mann ablehnend. »Ich gehöre nicht zu
Ihnen.«
Alle sahen ihn an.
»Ich besitze einen gültigen Paß, ein Vaterland. Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis.«
Alle schwiegen. »Verzeihen Sie die Frage«, sagte der Russe nach
einer Weile zögernd, »weshalb sind Sie denn dann hier?«
»Wegen meines Berufes«, erwiderte der Mann hochmütig. »Ich
22

bin kein windiger Flüchtling ohne Papiere. Ich bin ein anständiger
Taschendieb und Falschspieler mit vollem Bürgerrecht.«
Mittags gab es dünne Bohnensuppe ohne Bohnen. Abends
dasselbe, nur hieß es diesmal Kaffee, und es gab ein Stück Brot
dazu. Um sieben Uhr klapperte die Tür. Der Russe wurde abgeholt, wie er es vorausgesagt hatte. Er verabschiedete sich wie von
alten Bekannten. »Ich werde in vierzehn Tagen ins Café Sperler
schauen«, sagte er zu Steiner. »Vielleicht sind Sie dann schon dort
und ich weiß schon etwas. Auf Wiedersehen!«
Um acht Uhr war der Vollbürger und Falschspieler reif für den
Anschluß. Er holte eine Schachtel Zigaretten hervor und ließ sie
herumgehen. Alle rauchten. Die Zelle bekam durch die Dämmerung und die glühenden Zigaretten fast etwas Heimatliches.
Der Taschendieb erzählte, daß man nur nachforsche, ob er im
letzten halben Jahr einen Coup gemacht habe. Er glaube nicht,
daß man etwas fände. Dann schlug er vor, ein Spiel zu machen
und zauberte aus seinem Jackett ein Paket Karten.
Es war dunkel geworden, und das elektrische Licht wurde
nicht angezündet. Der Falschspieler war darauf vorbereitet. Er
zauberte noch einmal – eine Kerze und Streichhölzer. Die Kerze
wurde auf einen Mauervorsprung geklebt. Sie gab ein mattes,
flackerndes Licht.
Der Pole, das Poulet und Steiner rückten heran. »Spielen ohne
Geld, nicht wahr?« sagte das Poulet.
»Selbstverständlich.« Der Falschspieler lächelte.
»Spielst du nicht mit?« fragte Steiner Kern.
»Ich kann nicht Karten spielen.«
»Mußt du lernen, Baby. Was willst du sonst abends machen?«
»Morgen. Heute nicht.«
Steiner drehte sich um. Das schwache Licht grub tiefe Furchen
in sein Gesicht. »Ist was los mit dir?«
23

Kern schüttelte den Kopf. »Nein. Nur etwas müde. Lege mich
auf die Pritsche da.«
Der Falschspieler mischte bereits die Karten. Er hatte eine
knatternde, elegante Manier, sie ineinanderschießen zu lassen.
»Wer gibt?« fragte das Poulet.
Der Vollbürger reichte die Karten herum. Der Pole zog eine
Neun, das Poulet eine Dame, Steiner und der Falschspieler jeder
ein As.
Der Falschspieler sah kurz auf. »Stechen.«
Er zog. Wieder ein As. Er lächelte und gab das Paket an Steiner. Der warf nachlässig die unterste Karte des Spiels auf – das
Kreuz-As.
»So ein Zufall!« Das Poulet lachte.
Der Falschspieler lachte nicht. »Woher kennen Sie den Trick?«
fragte er Steiner betroffen. »Sind Sie aus der Branche?«
»Nein, Amateur. Da freut einen die Anerkennung des Fachmannes doppelt.«
»Es ist nicht das!« Der Falschspieler sah ihn an. »Der Trick
stammt nämlich von mir.«
»Ach so!« Steiner zerdrückte seine Zigarette. »Ich habe ihn in
Budapest gelernt. Im Gefängnis vor meiner Ausweisung. Von
einem gewissen Katscher.«
»Katscher! Jetzt verstehe ich!« Der Taschendieb atmete auf.
»Daher also! Katscher ist ein Schüler von mir. Sie haben das gut
gelernt.«
»Ja«, sagte Steiner, »man lernt allerhand, wenn man unterwegs
ist.«
Der Falschspieler übergab ihm das Spiel Karten und blickte
prüfend in die Kerzenflamme. »Das Licht ist schlecht – aber
wir spielen natürlich nur zum Vergnügen, meine Herren, nicht
wahr? Ehrlich …«
24

Kern legte sich auf die Pritsche und schloß die Augen. Er war
voll von einer nebelhaften, grauen Traurigkeit. Seit dem Verhör
morgens hatte er ununterbrochen an seine Eltern denken müssen;
– seit langer Zeit zum erstenmal wieder. Er sah seinen Vater vor
sich, als er von der Polizei zurückkam. Ein Konkurrent hatte ihn
wegen staatsgefährlicher Reden bei der Gestapo denunziert, um
sein kleines Laboratorium für medizinische Seifen, Parfüme und
Toilettewasser zu ruinieren und es dann für nichts zu kaufen. Der
Plan gelang wie tausend andere um diese Zeit. Kerns Vater kam
völlig gebrochen nach sechs Wochen Haft zurück. Er sprach nie
darüber; aber er verkaufte seine Fabrik für einen lächerlichen
Preis an den Konkurrenten. Bald darauf kam die Ausweisung,
und damit begann die Flucht ohne Ende. Von Dresden nach
Prag; von Prag nach Brünn; von da nachts über die Grenze
nach Österreich – am nächsten Tag durch die Polizei zurück in
die Tschechei – heimlich ein paar Tage später wieder über die
Grenze nach Wien – die Mutter mit einem nachts gebrochenen
Arm, notdürftig im Walde mit zwei Aststücken geschient – von
Wien nach Ungarn; ein paar Wochen bei Verwandten der Mutter
– dann wieder Polizei; der Abschied von der Mutter, die bleiben
konnte, weil sie ungarischer Herkunft war – wieder die Grenze;
wieder Wien – das erbärmliche Hausieren mit Seife, Toilettewasser, Hosenträgern und Schnürsenkeln – die ewige Angst,
angezeigt oder erwischt zu werden – der Abend, an dem der
Vater nicht wiederkam – die Monate allein, von einem Versteck
zum andern …
Kern drehte sich um. Dabei stieß er jemand an. Er öffnete die
Augen. Auf der Pritsche neben ihm lag wie ein schwarzes Bündel in der Dunkelheit der letzte Bewohner der Zelle, ein Mann
von etwa fünfzig Jahren, der sich den ganzen Tag noch kaum
gerührt hatte.
25

»Entschuldigung«, sagte Kern. »Ich habe Sie nicht gesehen …«
Der Mann antwortete nicht. Kern bemerkte, daß er die Augen
offen hatte. Er kannte die Art von Zuständen; er hatte sie oft
unterwegs gesehen. Es war am besten, den Mann in Ruhe zu
lassen.
»Verdammt!« schrie plötzlich in der Ecke der Kartenspieler das
Poulet auf. »Ich Ochse! Ich unerhörter Ochse!«
»Wieso?« fragte Steiner ruhig. »Die Herzdame war genau
richtig!«
»Das meine ich ja nicht! Aber dieser Russe hätte mir doch
mein Poulet schicken können! Herrgott, ich dämlicher Ochse!
Ich einfach wahnsinniger Ochse!«
Er sah sich um, als ob die Welt untergegangen wäre.
Kern merkte auf einmal, daß er lachte. Er wollte nicht lachen.
Aber er konnte plötzlich nicht mehr aufhören. Er lachte, daß er
sich schüttelte, und er wußte nicht weshalb. Irgend etwas in ihm
lachte und warf alles durcheinander – Traurigkeit, Vergangenheit
und alle Gedanken.
»Was ist los, Baby« fragte Steiner und blickte von seinen Karten
auf.
»Ich weiß nicht. Ich lache.«
»Lachen ist immer gut.« Steiner zog den Pickönig und trumpfte
dem sprachlosen Polen einen todsicheren Stich ab.
Kern griff nach einer Zigarette. Alles erschien ihm auf einmal
ganz einfach. Er beschloß, morgen Karten spielen zu lernen, und
er hatte das merkwürdige Gefühl, als ändere dieser Entschluß
sein ganzes Leben.

2

Nach fünf Tagen wurde der Falschspieler entlassen. Man
hatte nichts gegen ihn finden können. Steiner und er
schieden als Freunde. Der Falschspieler hatte die Zeit
dazu benützt, die Methode seines Schülers Katscher bei Steiner
zu vollenden. Zum Abschied schenkte er ihm das Spiel Karten,
und Steiner begann mit dem Unterricht Kerns. Er brachte ihm
Skat, Jaß, Tarock und Poker bei – Skat für Emigranten; Jaß für
die Schweiz; Tarock für Österreich und Poker für alle anderen
Fälle.
Nach vierzehn Tagen wurde Kern heraufgeholt. Ein Inspektor
führte ihn in einen Raum, in dem ein älterer Mann saß. Das
Zimmer erschien Kern riesig groß und so hell, daß er blinzeln
mußte; er war schon an die Zelle gewöhnt.
»Sie sind Ludwig Kern, staatenlos, Student, geboren am dreißigsten November neunzehnhundertvierzehn in Dresden?« fragte
der Mann gleichgültig und blickte in ein Papier.
Kern nickte. Er konnte nicht sprechen. Seine Kehle war plötzlich
trocken. Der Mann sah auf.
»Ja«, sagte Kern heiser.
»Sie haben sich ohne Papiere und unangemeldet in Österreich
aufgehalten …« Der Mann las rasch das Protokoll herunter. »Sie
sind zu vierzehn Tagen Haft verurteilt, die inzwischen verbüßt
worden sind. Sie werden aus Österreich ausgewiesen. Jede Rückkehr ist strafbar. Hier ist der gerichtliche Ausweisungsbeschluß.
Und hier haben Sie zu unterschreiben, daß Sie den Ausweisungsbeschluß zur Kenntnis genommen haben und wissen, daß jede
Rückkehr strafbar ist. Hier rechts.«
Der Mann zündete sich eine Zigarette an. Kern sah wie gebannt auf die etwas schwammige Hand mit den dicken Adern,
die das Streichholz hielt. Dieser Mann würde in zwei Stunden
seinen Schreibtisch abschließen und zum Abendessen gehen
27

– nachher würde er vielleicht ein Tarock spielen und ein paar
Gläser Heurigen trinken – gegen elf Uhr würde er gähnen, seine
Zeche zahlen und erklären: »Ich bin müde. Ich gehe nach Hause.
Schlafen.« Nach Hause. Schlafen. Um dieselbe Zeit würde die
Dunkelheit dicht über den Wäldern und Feldern an der Grenze
liegen, die Dunkelheit, die Fremde, die Angst, und verloren darin, allein, stolpernd, müde, mit Sehnsucht nach Menschen und
Angst vor Menschen, das winzige, flackernde Fünkchen Leben
Ludwig Kern. Und all das nur, weil ihn und den gelangweilten
Beamten hinter dem Schreibtisch ein Stück Papier trennte, Paß
genannt. Ihr Blut hatte die gleiche Temperatur, ihre Augen hatten
die gleiche Konstruktion, ihre Nerven reagierten auf die gleichen
Reize, ihre Gedanken liefen in den gleichen Bahnen – und doch
trennte sie ein Abgrund, nichts war gleich bei ihnen, das Behagen
des einen war die Qual des andern, sie waren Besitzender und
Ausgestoßener, und der Abgrund, der sie trennte, war nur ein
kleines Stück Papier, auf dem nichts weiter stand als ein Name
und ein paar belanglose Daten.
»Hier rechts«, sagte der Beamte. »Vor- und Zuname.«
Kern riß sich zusammen und unterschrieb.
»An welche Grenze wollen Sie gestellt werden?« fragte der
Beamte.
»An die tschechische.«
»Gut. In einer Stunde geht’s los. Es wird Sie jemand hinbringen.«
»Ich habe noch ein paar Sachen in dem Hause, wo ich gewohnt
habe. Kann ich die vorher abholen?«
»Was für Sachen?«
»Einen Koffer mit Wäsche und so was.«
»Gut. Sagen Sie es dem Beamten, der Sie an die Grenze bringt.
Sie können vorbeigehen.«
28

Der Inspektor führte Kern wieder hinunter und nahm Steiner
mit hinauf. »Was war los?« fragte das Poulet neugierig.
»In einer Stunde kommen wir ’raus.«
»Jesus Christus!« sagte der Pole. »Geht Scheiße dann wieder
los.«
»Möchtest du hier bleiben?« fragte das Poulet.
»Wenn Essen bessärr – und kleine Posten als Kalfaktor – gärrne.«
Kern nahm sein Taschentuch hervor und rieb seinen Anzug
sauber, so gut es ging. Sein Hemd war sehr schmutzig geworden
in den vierzehn Tagen. Er drehte die Manschetten um. Er hatte
sie die ganze Zeit geschont. Der Pole sah ihm zu. »In ein, zwei
Jahren das dirr ganz eggal«, prophezeite er.
»Wohin gehst du?« fragte das Poulet.
»Tschechei. Und du? Nach Ungarn?«
»Schweiz. Hab’s mir überlegt. Komm mit. Von da lassen wir
uns dann nach Frankreich schieben.«
Kern schüttelte den Kopf. »Nein, ich will sehen, daß ich nach
Prag komme.«
Ein paar Minuten später wurde Steiner wieder hereingebracht.
»Weißt du, wie der Polizist heißt, der mich bei der Verhaftung
ins Gesicht geschlagen hat?« fragte er Kern. »Leopold Schäfer. Er
wohnt Trautenaugasse siebenundzwanzig. Sie haben es mir aus
dem Protokoll vorgelesen. Natürlich nicht, daß er mich geschlagen hat. Nur daß ich ihn bedroht hätte.« Er sah Kern an. »Glaubst
du, daß ich den Namen und die Adresse vergessen werde?«
»Nein«, sagte Kern. »Bestimmt nicht.«
»Das meine ich auch!«
Ein Kriminalbeamter in Zivil holte Steiner und Kern ab. Kern
war aufgeregt. Vor der Tür blieb er unwillkürlich stehen. Das
Bild, das er sah, prallte wie ein weicher, südlicher Wind gegen
29

seine Stirn. Der Himmel war blau und ein wenig dämmerig über
den Häusern, die Giebel leuchteten im letzten, roten Schein der
Sonne, der Donaukanal schimmerte, und auf der Straße schoben
sich beglänzte Autobusse durch den Strom heimkehrender und
spazierender Menschen. Eine Schar Mädchen in hellen Kleidern
drängte lachend und eilig dicht vorbei. Kern glaubte, noch nie
etwas so Schönes gesehen zu haben.
»Los, gehen wir«, sagte der Kriminalbeamte.
Kern zuckte zusammen. Beschämt sah er an sich herunter. Er
bemerkte, daß ein Vorbeigehender ihn ungeniert musterte. Sie
gingen durch die Straßen, der Beamte in der Mitte. Die Cafés
hatten Tische und Stühle herausgestellt, und überall saßen fröhliche, plaudernde Menschen. Kern senkte den Kopf und begann,
schneller zu gehen. Steiner sah ihn mit gutmütigem Spott an. »Na,
Kleiner, ist nichts für uns, was? Das da.«
»Nein«, erwiderte Kern und preßte die Lippen zusammen.
Sie kamen zu ihrer Pension. Die Wirtin empfing sie mit einer
Mischung von Ärger und Mitleid. Sie gab ihnen ihre Sachen
gleich heraus. Es war nichts gestohlen worden. Kern hatte in der
Zelle die Absicht gehabt, ein sauberes Hemd anzuziehen, aber
jetzt, nachdem er durch die Straßen gegangen war, tat er es nicht.
Er nahm den zerstoßenen Koffer unter den Arm und bedankte
sich bei der Wirtin.
»Es tut mir leid, daß Sie solche Unannehmlichkeiten hatten«,
sagte er.
Die Wirtin wehrte ab. »Lassen Sie sich’s nur gut gehen. Und Sie
auch, Herr Steiner. Wo soll’s denn hin?«
Steiner machte eine ziellose Geste. »Den Weg der Grenzwanzen.
Von Gebüsch zu Gebüsch.«
Die Wirtin stand einen Augenblick unentschlossen. Dann trat
sie mit energischem Schritt an ein Wandschränkchen aus Nuß30

baumholz, das in Form einer mittelalterlichen Burg gearbeitet
war. »Nehmen Sie noch einen auf den Weg …«
Sie holte drei Gläser und eine Flasche hervor und schenkte
ein.
»Sliwowitz?« fragte Steiner.
Sie nickte und bot dem Beamten auch ein Glas an.
Der wischte sich den Schnurrbart. »Unsereins tut schließlich
nur seine Pflicht«, erklärte er.
»Natürlich!« Die Wirtin goß sein Glas wieder voll. »Warum
trinken Sie denn nicht?« fragte sie Kern.
»Ich kann nicht. So auf den leeren Magen …«
»Ach so!« Die Wirtin blickte ihn prüfend an. Sie hatte ein
schwammiges, kaltes Gesicht, das jetzt unversehens wärmer
wurde. »Gott ja, er wächst wohl noch«, murmelte sie. »Franzi«,
rief sie dann. »Ein belegtes Brot!«
»Danke, das ist nicht nötig«, Kern errötete. »Ich habe keinen
Hunger.«
Die Kellnerin brachte ein großes doppeltes Schinkenbrot. »Zieren Sie sich nicht«, sagte die Wirtin. »Vorwärts.«
»Willst du nicht die Hälfte?« fragte Kern Steiner. »Es ist zuviel
für mich.«
»Rede nicht! Iß!« erwiderte Steiner.
Kern aß das Schinkenbrot auf und trank ein Glas Sliwowitz.
Dann verabschiedeten sie sich. Sie fuhren mit der Straßenbahn
zum Ostbahnhof. Im Zug fühlte sich Kern plötzlich sehr müde.
Das Rattern des Wagens schläferte ihn ein. Er sah die Häuser
wie im Traum vorübergleiten, Fabrikhöfe, Straßen, Wirtsgärten
mit hohen Nußbäumen, Wiesen, Felder und die sanfte, blaue
Dämmerung des Abends. Er war satt, das wirkte auf ihn wie
ein Rausch. Seine Gedanken wurden unscharf, sie verloren sich
in Träumen – von einem weißen Hause zwischen blühenden
31

Kastanien, von einer Deputation feierlicher Menschen in Gehröcken, die ihm einen Ehrenbürgerbrief überreichten, und von
einem uniformierten Diktator, der ihn weinend kniefällig um
Entschuldigung bat.
Es war fast dunkel, als sie am Zollhaus ankamen. Der Kriminalbeamte übergab sie der Zollwache und stapfte dann zurück
durch die fliederfarbene Dämmerung.
»Es ist noch zu früh«, sagte der Zollbeamte, der die Automobile
abfertigte. »So um halb zehn ist die beste Zeit.«
Kern und Steiner setzten sich vor die Tür auf eine Bank und
sahen zu, wie die Automobile ankamen. Nach einiger Zeit kam
ein zweiter Zollbeamter heraus. Er führte sie rechts vom Zollhaus
einen Fußweg entlang. Sie kamen durch Felder, die stark nach
Erde und Tau rochen, an ein paar Häusern mit erleuchteten Fenstern und einem Waldstreifen vorbei. Nach einiger Zeit blieb der
Beamte stehen. »Geht hier weiter und haltet euch links, damit ihr
durch die Büsche gedeckt seid, bis ihr an die March kommt. Sie
ist jetzt nicht tief. Ihr könnt leicht hindurchwaten.«
Die beiden gingen. Es war sehr still. Nach einer Weile sah Kern
sich um. Die schwarze Silhouette des Beamten hob sich vom
Horizont ab. Er beobachtete sie. Sie gingen weiter.
An der March zogen sie sich aus. Sie packten ihre Kleider und
ihr Gepäck zu einem Bündel zusammen. Das Wasser war moorig
und schimmerte braun und silbern. Es waren Sterne und Wolken
am Himmel, und der Mond brach manchmal durch.
»Ich werde vorangehen«, sagte Steiner. »Ich bin größer als du.«
Sie wateten durch den Fluß. Kern fühlte das Wasser kühl und
geheimnisvoll an seinem Körper hochsteigen, als wollte es ihn
nie mehr freigeben. Vor ihm tastete sich Steiner langsam und
vorsichtig vorwärts. Er hielt seinen Rucksack und seine Kleider
über den Kopf. Seine breiten Schultern waren weiß vom Mond
32

überschienen. In der Mitte des Flusses blieb er stehen und sah sich
um. Kern war dicht hinter ihm. Er lächelte und nickte ihm zu.
Sie kletterten ans gegenüberliegende Ufer und trockneten sich
mit ihren Taschentüchern flüchtig ab. Dann zogen sie sich an
und gingen weiter. Nach einer Weile blieb Steiner stehen. »Jetzt
sind wir über die Grenze«, sagte er. Seine Augen waren hell und
fast gläsern in dem durchscheinenden Licht. Er sah Kern an.
»Wachsen die Bäume anders? Riecht der Wind anders? Sind es
nicht dieselben Sterne? Sterben die Menschen anders?«
»Nein«, sagte Kern. »Das nicht. Aber ich fühle mich anders.«
Sie suchten sich einen Platz unter einer alten Buche, wo sie vor
Sicht geschützt waren. Vor ihnen lag eine langsam abfallende
Wiese. In der Ferne schimmerten die Lichter eines slowakischen
Dorfes. Steiner band seinen Rucksack auf, um nach Zigaretten zu
suchen. Dabei sah er auf Kerns Koffer. »Ich habe gefunden, daß
ein Rucksack praktischer ist als ein Koffer. Er fällt nicht so auf.
Man hält dich für einen harmlosen Wandervogel.«
»Wandervögel revidiert man auch«, erwiderte Kern. »Alles, was
arm aussieht, revidiert man. Ein Auto wäre das beste.«
Sie zündeten sich Zigaretten an. »Ich gehe in einer Stunde
zurück«, sagte Steiner. »Und du?«
»Ich will versuchen, nach Prag zu kommen. Die Polizei ist da
besser. Man bekommt leicht ein paar Tage Aufenthaltserlaubnis,
und dann muß man weitersehen. Vielleicht finde ich auch meinen
Vater, und er kann mir helfen. Ich habe gehört, er wäre da.«
»Weißt du, wo er wohnt?«
»Nein.«
»Wieviel Geld hast du?«
»Zwölf Schilling.«
Steiner kramte in seiner Rocktasche. »Hier hast du etwas dazu.
Das reicht ungefähr bis Prag.«
33

Kern blickte auf. »Nimm’s ruhig«, sagte Steiner. »Ich habe noch
genug für mich.«
Er zeigte ein paar Scheine. Kern konnte es im Schatten der
Bäume nicht sehen, was für welche es waren. Er zauderte einen
Augenblick. Dann nahm er das Geld.
»Danke«, sagte er.
Steiner erwiderte nichts. Er rauchte. Die Zigarette glomm auf,
wenn er zog, und beleuchtete sein verschattetes Gesicht. »Weshalb bist du eigentlich unterwegs?« fragte Kern zögernd. »Du
bist doch kein Jude!«
Steiner schwieg eine Zeitlang. »Nein, ich bin kein Jude«, sagte
er endlich.
Es raschelte im Gebüsch hinter ihnen. Kern sprang auf. »Ein
Hase oder ein Kaninchen«, sagte Steiner. Dann wandte er sich
Kern zu. »Damit du daran denken kannst, Kleiner, wenn du
mal verzweifelst. Du bist draußen, dein Vater ist draußen, deine
Mutter ist draußen. Ich bin draußen – aber meine Frau ist in
Deutschland. Und ich weiß nichts von ihr.«
Es raschelte wieder hinter ihnen. Steiner drückte seine Zigarette aus und lehnte sich an den Stamm der Buche. Es begann zu
wehen. Der Mond hing über dem Horizont. Ein Mond, kreidig
und unbarmherzig wie in jener letzten Nacht.
NACH SEINER FLUCHT aus dem Konzentrationslager hatte Steiner
sich eine Woche lang bei einem Freunde verborgen gehalten.
Er hatte in einer abgeschlossenen Dachkammer gesessen, immer bereit, über das Dach zu fliehen, wenn er ein verdächtiges
Geräusch hören würde. Nachts brachte ihm der Freund Brot,
Konserven und ein paar Flaschen Wasser. In der zweiten Nacht
ein paar Bücher. Steiner las sie tagsüber immer wieder, um sich
abzulenken. Seine Notdurft mußte er in einen Topf verrichten, der
34

in einem Pappkarton verborgen war. Der Freund holte ihn nachts
herunter und brachte ihn wieder hinauf. Sie mußten so vorsichtig
sein, daß sie kaum miteinander flüsterten; die Dienstmädchen,
die nebenan schliefen, hätten sie hören und verraten können.
»Weiß Marie es?« fragte Steiner in der ersten Nacht.
»Nein. Das Haus ist bewacht.«
»Ist ihr etwas passiert?«
Der Freund schüttelte den Kopf und ging.
Steiner fragte immer dasselbe. Jede Nacht. In der vierten Nacht
brachte der Freund endlich die Nachricht, daß er sie gesehen
habe. Sie wisse jetzt, wo er sei. Er habe es ihr zuflüstern können.
Morgen sähe er sie wieder. Auf dem Wochenmarkt im Gedränge.
Steiner verbrachte den nächsten Tag damit, ihr einen Brief zu
schreiben, den der Freund ihr zustecken sollte. Abends zerriß
er ihn. Er wußte nicht, ob man sie beobachtete. Nachts bat er
aus demselben Grunde den Freund, sie nicht mehr zu treffen. Er
blieb noch drei Nächte in der Kammer. Endlich kam der Freund
mit Geld, einer Fahrkarte und einem Anzug. Steiner schnitt sich
das Haar und wusch es mit Wasserstoffsuperoxyd hell. Dann
rasierte er sich den Schnurrbart ab. Vormittags verließ er das
Haus. Er trug eine Monteurjacke und einen Kasten mit Werkzeug.
Er sollte sofort aus der Stadt hinaus; aber er wurde schwach. Es
war zwei Jahre her, daß er seine Frau gesehen hatte. Er ging zum
Wochenmarkt. Nach einer Stunde kam sie. Er fing an zu zittern.
Sie ging an ihm vorüber, aber sie sah ihn nicht. Er folgte ihr, und
als er dicht hinter ihr war, sagte er: »Sieh dich nicht um! Ich bin’s!
Geh weiter! Geh weiter!«
Ihre Schultern zuckten, und sie warf den Kopf zurück. Dann
ging sie weiter. Aber es war, als wäre sie nur noch ein einziges
Lauschen nach rückwärts.
»Hat man dir etwas getan?« fragte die Stimme hinter ihr.
35

Sie schüttelte den Kopf.
»Beobachtet man dich?«
Sie nickte.
»Jetzt?«
Sie zögerte. Dann schüttelte sie den Kopf.
»Ich gehe jetzt gleich. Will versuchen, durchzukommen. Ich
kann dir nicht schreiben. Es ist zu gefährlich für dich.«
Sie nickte.
»Du mußt dich von mir scheiden lassen.«
Die Frau verhielt eine Sekunde den Schritt. Dann ging sie
weiter.
»Du mußt dich von mir scheiden lassen. Du mußt morgen
hingehen. Du mußt sagen, daß du dich wegen meiner Gesinnung
scheiden lassen willst. Du hättest das alles früher nicht gewußt.
Hast du es verstanden?«
Die Frau rührte den Kopf nicht. Sie ging steif aufgerichtet
weiter.
»Versteh mich doch«, flüsterte Steiner. »Es ist nur, damit du in
Sicherheit bist! Es würde mich verrückt machen, wenn sie dir
was täten! Du mußt dich scheiden lassen – dann lassen sie dich
in Ruhe!«
Die Frau antwortete nicht.
»Ich hebe dich, Marie«, sagte Steiner leise, zwischen den Zähnen
hindurch, und die Augen flimmerten ihm vor Erregung. »Ich liebe
dich, und ich gehe nicht weg, wenn du es nicht versprichst! Ich gehe
zurück, wenn du es nicht versprichst! Verstehst du mich?«
Nach einer Ewigkeit, schien ihm, nickte die Frau.
»Versprichst du es mir?«
Die Frau nickte langsam. Ihre Schultern sanken zusammen.
»Ich biege jetzt ab und komme den Gang rechts herauf. Geh
links herum und komme mir entgegen. Sprich nichts, tu nichts!
36

Ich will dich nur noch einmal sehen. Dann gehe ich. Wenn du
nichts hörst, bin ich durchgekommen.«
Die Frau nickte und ging rascher.
Steiner bog ab und ging die Gasse rechts hinauf. Sie war eingesäumt von den Buden der Schlächter. Frauen mit Körben
feilschten vor den Ständen. Das Fleisch glänzte blutig und weiß
in der Sonne. Es roch unerträglich. Die Schlächter schrien. Aber
plötzlich versank alles. Das .Hacken der Beile auf den Holzklötzen
wurde zum feinen Dengeln von Sensen. Eine Wiese war da, ein
Kornfeld, Freiheit, Birken, Wind und der geliebte Schritt und das
geliebte Gesicht. Ihre Augen faßten sich und ließen sich nicht
los, und in ihnen war alles: Schmerz und Glück und Liebe und
Trennung, das Leben schwankend hoch über ihren Gesichtern,
voll und süß und wild, und der Verzicht, das rasende Kreisen der
tausend flimmernden Messer.
Sie gingen und standen still zugleich, und sie gingen und
wußten es nicht. Dann stürzte die Leere grell in Steiners Augen,
und erst nach einer Weile unterschied er wieder die Farben und
das Kaleidoskop, das sinnlos vor seinen Augäpfeln abrollte und
nicht eindrang.
Er stolperte weiter, dann ging er rasch, so schnell er konnte, ohne aufzufallen. Er stieß die Hälfte eines geschlachteten
Schweines von einem mit Wachstuch belegten Tisch, er hörte
das Schimpfen des Schlächters wie das Rasseln einer Trommel,
er lief um die Ecke der Budengasse und blieb stehen.
Er sah sie fortgehen vom Markt. Sie ging sehr langsam. An der
Ecke der Straße blieb sie stehen und drehte sich um. So stand
sie lange Zeit, das Gesicht etwas emporgehoben, die Augen weit
offen. Der Wind zerrte an ihren Kleidern und drückte sie gegen
ihren Körper. Steiner wußte nicht, ob sie ihn sah. Er wagte nicht,
sich ihr noch einmal zu zeigen. Er ahnte, daß sie vielleicht zu37

rücklaufen würde zu ihm. Nach einer Weile hob sie die Hände
und legte sie um ihre Brüste. Sie hielt sie ihm hin. Sie hielt sich
ihm hin. Sie hielt sich ihm hin in einer schmerzvoll leeren, blinden Umarmung, den Mund geöffnet, mit geschlossenen Augen.
Dann wandte sie sich langsam ab, und die Schattenschlucht der
Straße verschluckte sie.
Drei Tage später kam Steiner über die Grenze. Die Nacht war
hell und windig, und der Mond stand kreidig am Himmel. Steiner
war ein harter Mensch, aber als er die Grenze überquert hatte, naß
von kaltem Schweiß, drehte er sich um und sagte wie irrsinnig in
die Richtung, aus der er kam, den Namen seiner Frau.
ER NAHM EINE neue Zigarette heraus. Kern gab ihm Feuer.
»Wie alt bist du?« fragte Steiner.
»Einundzwanzig. Bald zweiundzwanzig.«
»So, bald zweiundzwanzig. Kein Spaß, Baby, was?«
Kern schüttelte den Kopf.
Steiner schwieg eine Zeitlang. Dann sagte er: »Mit einundzwanzig war ich im Krieg. In Flandern. War auch kein Spaß. Da
ist dieses hier hundertmal besser. Verstehst du?«
»Ja.« Kern drehte sich um. »Es ist auch besser, als tot zu sein.
Das weiß ich alles.«
»Dann weißt du schon viel. Vor dem Kriege wußten nur wenige
Leute so was.«
»Vor dem Kriege – das war vor hundert Jahren.«
»Vor tausend. Mit zweiundzwanzig Jahren lag ich im Lazarett.
Da habe ich etwas gelernt. Willst du wissen, was?«
»Ja.«
»Schön.« Steiner zog an seiner Zigarette. »Ich hatte nichts Besonderes. Fleischdurchschuß ohne viel Schmerzen. Aber neben
mir lag mein Freund. Nicht irgendein Freund. Mein Freund.
38

Ein Splitter hatte ihm den Bauch aufgerissen. Er lag da und
schrie. Kein Morphium, verstehst du? Hatten sogar für die Offiziere zuwenig. Am zweiten Tag war er so heiser, daß er nur noch
stöhnte. Flehte mich an, ein Ende zu machen. Hätte es getan, wenn
ich gewußt hätte, wie. Am dritten Tag gab’s mittags auf einmal
Erbsensuppe. Dicke Friedenssuppe mit Speck. Vorher hatten wir
nur so eine Art Aufwaschwasser gekriegt. Wir aßen sie. Waren
furchtbar hungrig. Und während ich fraß wie ein heißhungriges
Vieh, selbstvergessen mit Genuß fraß, sah ich über den Rand
der Schüssel das Gesicht meines Freundes, die zerborstenen,
aufgerissenen Lippen, ich sah, daß er unter Qualen starb, zwei
Stunden später war er tot, und ich fraß und es schmeckte mir
wie nie in meinem Leben.«
Er machte eine Pause.
»Ihr hattet eben schrecklichen Hunger«, sagte Kern.
»Nein, das war es nicht. Es war etwas anderes: daß neben dir
jemand verrecken kann – und du nichts davon spürst. Mitleid,
gut – aber die Schmerzen spürst du trotzdem nicht! Dein Bauch
ist heil, das ist es. Einen halben Meter neben dir geht für einen
andern die Welt unter in Gebrüll und Qual – und du spürst nichts.
Das ist das Elend der Welt! Merk dir das, Baby. Deshalb geht es
so langsam vorwärts. Und so schnell rückwärts. Glaubst du’s?«
»Nein«, sagte Kern.
Steiner lächelte. »Klar. Aber denk mal gelegentlich dran. Vielleicht hilft dir’s.«
Er stand auf. »Ich will los. Zurück. Der Zöllner glaubt nicht, daß
ich jetzt kommen werde. Er hat die erste halbe Stunde aufgepaßt.
Morgen früh wird er wieder aufpassen. Daß ich inzwischen ’rüberrücken könnte, geht nicht in seinen Kopf. Zöllnerpsychologie.
Gottlob ist der Gejagte meistens nach einiger Zeit klüger als der
Jäger. Weißt du warum?«
39

»Nein.«
»Weil für ihn mehr auf dem Spiel steht.« Er schlug Kern auf die
Schulter. »Deshalb sind die Juden das schlaueste Volk der Erde
geworden. Erstes Gesetz des Lebens: Gefahr schärft die Sinne.«
Er gab Kern die Hand. Sie war groß und trocken und warm.
»Mach’s gut. Vielleicht sehen wir uns mal wieder. Ich werde
abends öfter im Café Sperle sein. Kannst da nach mir fragen.«
Kern nickte.
»Also mach’s gut. Und vergiß das Kartenspielen nicht. Es lenkt
ab, ohne daß man denken muß. Ein hohes Ziel für Leute ohne
Bleibe. Du bist nicht schlecht in Jaß und Tarock. Im Poker mußt
du noch mehr riskieren. Mehr bluffen.«
»Gut«, sagte Kern. »Ich werde mehr bluffen. Und ich danke dir
auch. Für alles.«
»Dankbarkeit mußt du dir abgewöhnen. Nein, gewöhn sie dir
nicht ab. Kommst besser damit durch. Ich meine nicht bei den
Leuten, das ist gleichgültig. Bei dir. Wärmt dir das Herz, wenn
du’s mal sein kannst. Und denk dran: alles besser als Krieg!«
»Und besser als tot.«
»Tot weiß ich nicht. Aber besser als sterben auf jeden Fall.
Servus, Baby!«
»Servus, Steiner!«
Kern blieb noch eine Zeitlang sitzen. Der Himmel war klar
geworden und die Landschaft war voll Frieden. Sie war ohne
Menschen.
Kern saß schweigend im Schatten der Buche. Das helle durchscheinende Grün der Blätter bauschte sich über ihm wie ein
großes Segel – als triebe der Wind die Erde sanft durch den
unendlichen blauen Raum – vorbei an den Signallichtern der
Sterne und der Leuchtboje des Mondes.
Kern beschloß zu versuchen, nachts noch bis Preßburg zu kom40

men und von da nach Prag. Eine Stadt war immer am sichersten.
Er öffnete seinen Koffer und nahm das saubere Hemd und ein
Paar Strümpfe hervor, um sich umzuziehen. Er wußte, daß es
wichtig war, wenn ihm jemand begegnete. Er wollte es auch, um
das Gefängnis loszuwerden.
Es war ihm sonderbar zumute, als er nackt im Mondlicht dastand. Er kam sich wie ein verlorenes Kind vor. Rasch nahm er das
frische Hemd, das im Grase vor ihm lag, und streifte es über. Es
war ein blaues Hemd und das war praktisch, denn es schmutzte
nicht so leicht. Im Mondlicht sah es fahlgrau und violett aus. Er
nahm sich vor, mutig zu bleiben.

3

Kern kam nachmittags in Prag an. Er ließ seinen Koffer am
Bahnhof und ging sofort zur Polizei. Er wollte sich nicht
melden; er wollte nur in Ruhe nachdenken, was er tun sollte.
Dazu war das Polizeigebäude der beste Platz. Dort streiften keine
Polizisten umher und fragten nach Papieren. Er setzte sich auf eine
Bank im Korridor. Gegenüber lag das Büro, in dem die Fremden
abgefertigt wurden. »Ist der Beamte mit dem Spitzbart noch da?«
fragte er einen Mann, der neben ihm wartete.
»Ich weiß nicht. Der, den ich kenne, hat keinen.«
»Aha! Kann sein, daß er versetzt ist. Wie sind sie denn jetzt
hier?«
»Es geht«, sagte der Mann. »Ein paar Tage Aufenthalt kriegt
man schon. Aber nachher wird’s schwer. Es sind zu viele hier.«
Kern überlegte. Wenn er ein paar Tage Aufenthaltserlaubnis
erhielt, konnte er beim Komitee für Flüchtlingshilfe für ungefähr
eine Woche Eß- und Schlafkarten bekommen, das wußte er von
früher her. Wenn er sie nicht bekam, riskierte er, daß man ihn
einsperrte und zurück über die Grenze schob.
»Sie sind dran«, sagte der Mann neben ihm.
Kern sah ihn an. »Wollen Sie nicht vorgehen? Ich habe Zeit.«
»Gut.«
Der Mann stand auf und ging hinein. Kern beschloß abzuwarten, was mit ihm passierte, um sich dann zu entscheiden, ob er
selbst hineingehen sollte oder nicht. Unruhig wanderte er auf
dem Korridor hin und her. Endlich kam der Mann wieder heraus.
Kern ging rasch auf ihn zu. »Wie war es?« fragte er.
»Zehn Tage!« Der Mann strahlte. »So ein Glück! Und ohne zu
fragen. Muß gut gelaunt sein. Oder vielleicht, weil heute nicht so
viele da sind. Das letztemal hatte ich nur fünf Tage.«
Kern gab sich einen Ruck. »Dann werde ich es auch versuchen.«
42

Der Beamte hatte keinen Spitzbart. Trotzdem kam er Kern bekannt vor. Vielleicht hatte er sich den Bart inzwischen abnehmen
lassen. Er spielte mit einem zierlichen Federmesser aus Perlmutter
und warf einen müden Fischblick auf Kern. »Emigrant?«
»Ja.«
»Aus Deutschland gekommen?«
»Ja. Heute.«
»Irgendwelche Papiere?«
»Nein.«
Der Beamte nickte. Er ließ die Klingen seines Messers zuschnappen und klappte den Schraubenzieher auf. Kern sah, daß
in der perlmutternen Schale außerdem noch eine Nagelfeile
eingelassen war. Der Beamte begann vorsichtig damit seinen
Daumennagel zu glätten.
Kern wartete. Es schien ihm, als wäre der Nagel des müden
Mannes vor ihm das Wichtigste auf der Welt. Er wagte kaum zu
atmen, um ihn nicht zu stören und ärgerlich zu machen. Er preßte
nur verstohlen die Hände auf dem Rücken fest aneinander.
Der Nagel war endlich fertig. Der Beamte besah ihn befriedigt
und blickte auf. »Zehn Tage«, sagte er. »Sie können zehn Tage
hier bleiben. Dann müssen Sie ’raus.«
Die Spannung in Kern löste sich jäh. Er glaubte, er fiele, aber
er atmete nur tief. Dann faßte er sich rasch. Er hatte gelernt, den
Zufall festzuhalten. »Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich
vierzehn Tage haben könnte«, sagte er.
»Das geht nicht. Warum?«
»Ich warte darauf, daß mir Papiere nachgeschickt werden.
Dazu muß ich eine feste Adresse haben. Ich möchte dann nach
Österreich.«
Kern hatte Angst, im letzten Augenblick noch alles zu verderben; aber er konnte nicht mehr zurück. Er log glatt und schnell. Er
43

hätte ebensogern die Wahrheit gesagt, aber er wußte, daß er lügen
mußte. Der Beamte dagegen wußte, daß er diese Lügen glauben
mußte – denn es gab keine Möglichkeit, sie zu kontrollieren. So
kam es, daß beide fast glaubten, von der Wahrheit zu reden.
Der Beamte ließ den Schraubenzieher seines Messers zuschnappen. »Gut«, sagte er. »Ausnahmsweise vierzehn Tage. Aber es gibt
dann keine Verlängerung.«
Er nahm einen Zettel und begann zu schreiben. Kern sah ihm
zu, als schriebe ein Erzengel. Er konnte kaum fassen, daß alles
so geklappt hatte. Bis zum letzten Augenblick erwartete er, daß
der Beamte in der Kartothek nachsehen und feststellen könnte,
daß er schon zweimal in Prag war. Zur Vorsicht gab er deshalb
einen anderen Vornamen und falsche Geburtsdaten an. Er konnte
dann immer noch behaupten, das damalls sei ein Bruder von
ihm gewesen.
Aber der Beamte war viel zu müde, um etwas nachzusehen. Er
schob Kern den Zettel hin. »Hier! Sind noch mehr draußen?«
»Nein, ich glaube nicht. Vorhin wenigstens war niemand mehr
da.«
»Gut.«
Der Mann zog ein Taschentuch hervor und begann liebevoll
die Perlmutterschalen seines Messers zu putzen. Er merkte kaum
noch, daß Kern sich bedankte und dann so rasch hinausging,
als könne ihm sein Papier noch jetzt wieder abgenommen werden.
Erst draußen vor dem Tor des Gebäudes blieb er stehen und
sah sich um. Du süßer Himmel, dachte er überwältigt, du süßer,
blauer Himmel! Ich bin zurückgekommen und nicht eingesperrt
worden! Ich brauche vierzehn Tage lang keine Angst zu haben,
vierzehn volle Tage und vierzehn Nächte, eine Ewigkeit! Gott
segne den Mann mit dem Perlmuttermesser! Möge er demnächst
44

eins finden, das noch eine versenkbare Uhr und eine goldene
Schere enthält.
Neben ihm vor dem Eingang stand ein Polizist. Kern fühlte
nach dem Ausweis in seiner Tasche. Mit einem Entschluß trat
er dann auf den Polizisten zu. »Wie spät ist es, Wachtmeister?«
fragte er.
Er hatte selbst eine Uhr bei sich. Aber es war ein zu seltenes
Erlebnis, einmal vor einem Polizisten keine Angst haben zu
brauchen.
»Fünf«, brummte der Polizist.
»Danke.« Kern ging langsam die Treppe hinunter. Er wäre am
liebsten gelaufen. Jetzt erst glaubte er, daß alles wirklich wahr
war.
DER GROSSE WARTERAUM des Komitees für Flüchtlingshilfe war
überfüllt mit Menschen. Trotzdem wirkte er auf eine sonderbare Weise kahl. Die Leute standen und saßen im Halbdunkel
herum wie Schatten. Fast niemand sprach. Jeder hatte alles, was
ihn anging, schon hundertmal gesagt und besprochen. Jetzt gab
es nur noch eins, zu warten. Es war die letzte Barriere vor der
Verzweiflung.
Über die Hälfte der Anwesenden waren Juden. Neben Kern
saß ein bleicher Mensch mit einem Birnenschädel, der einen
Geigenkasten auf den Knien hielt. Auf der andern Seite hockte
ein alter Mann, über dessen gebuckelte Stirn eine Narbe lief. Er
öffnete und schloß ruhelos die Hände. Daneben saßen, eng zusammengeschmiegt, ein blonder, junger Mann und ein dunkles
Mädchen. Sie hielten die Hände fest ineinander verschränkt, als
fürchteten sie, wenn ihre Aufmerksamkeit nur einen Augenblick
nachließe, auch hier noch auseinandergerissen zu werden. Sie
sahen sich nicht an; sie sahen irgendwohin in den Raum und
45

in die Vergangenheit hinein, und ihre Augen waren leer von
Gefühl. Hinter ihnen saß eine dicke Frau, die lautlos weinte.
Die Tränen liefen ihr aus den Augen, über die Wangen und
das Kinn auf das Kleid; sie achtete nicht darauf und machte
keinen Versuch, sie aufzuhalten. Ihre Hände lagen schlaff in
ihrem Schoß.
In dieser schweigenden Ergebenheit und Trauer spielte unbefangen ein Kind. Es war ein Mädchen von ungefähr sechs Jahren.
Lebhaft und ungeduldig, mit glänzenden Augen und schwarzen
Locken, wanderte es umher.
Vor dem Mann mit dem Birnenschädel blieb es stehen. Es
blickte ihn eine Zeitlang an; dann zeigte es auf den Kasten, den
er auf den Knien hielt. »Hast du eine Geige darin?« fragte es mit
einer klingenden, fordernden Stimme.
Der Mann sah das Kind einen Moment an, als verstände er es
nicht. Dann nickte er.
»Zeig sie mir«, sagte das Mädchen.
»Warum?«
»Ich möchte sie sehen.«
Der Geiger zögerte einen Augenblick; dann öffnete er den
Kasten und nahm das Instrument heraus. Es war in ein violettes Seidentuch gewickelt. Mit behutsamen Händen faltete er es
auseinander.
Das Kind starrte die Geige lange an. Vorsichtig hob es dann die
Hand und berührte die Saiten.
»Warum spielst du nicht?« fragte es.
Der Geiger antwortete nicht.
»Spiel doch etwas«, wiederholte das Mädchen.
»Mirjam!« rief eine Frau, die einen Säugling auf dem Schoß
hatte, von der andern Seite des Raumes leise und unterdrückt.
»Komm her zu mir, Mirjam!«
46

Das Mädchen hörte nicht auf sie. Es schaute den Geiger an.
»Kannst du nicht spielen?«
»Ich kann schon …«
»Warum spielst du dann nicht?«
Der Geiger sah sich verlegen um. Seine große, ausgearbeitete
Hand umklammerte den Geigenhals. Ein paar Leute in der Nähe
wurden aufmerksam und sahen ihn an. Er wußte nicht, wohin
er blicken sollte.
»Ich kann doch hier nicht spielen«, sagte er schließlich.
»Warum denn nicht?« fragte das Mädchen. »Spiel doch! Es ist
langweilig hier.«
»Mirjam!« rief die Mutter.
»Das Kind hat recht«, sagte der alte Mann mit der Narbe auf
der Stirn, der neben dem Geiger saß. »Spielen Sie doch. Vielleicht
lenkt es uns alle etwas ab. Und es wird ja wohl erlaubt sein.«
Der Geiger zögerte noch einen Augenblick. Dann nahm er den
Bogen aus dem Kasten, spannte ihn und setzte die Geige an seine
Schulter. Klar schwebte der erste Ton durch den Raum.
Es war Kern, als ob ihn etwas anrühre. Als ob eine Hand etwas in ihm wegschiebe. Er wollte sich wehren, aber er konnte
es nicht. Seine Haut war dagegen. Sie fröstelte plötzlich und zog
sich zusammen. Dann dehnte sie sich aus und war nichts mehr
als Wärme.
Die Tür zum Büro öffnete sich. Der Kopf des Sekretärs erschien.
Er kam herein und ließ die Tür hinter sich offenstehen. Sie war
hell erleuchtet. Im Büro brannte schon Licht. Die kleine verwachsene Gestalt des Sekretärs hob sich dunkel von ihr ab. Es sah aus,
als wollte er etwa sagen – doch dann legte er den Kopf schräg
und lauschte. Langsam und lautlos, als drücke eine unsichtbare
Hand gegen sie, schwang hinter ihm die Tür wieder zu.
Nur noch die Geige war da. Sie erfüllte die schwere, tote Luft
47

des Raumes, und es schien, als verändere sich alles – als schmelze
sie die stumme Einsamkeit der vielen, kleinen Existenzen, die im
Schatten der Wände kauerten, und sammele sie zu einer großen
gemeinsamen Sehnsucht und Klage.
Kern legte die Arme um seine Knie. Er senkte den Kopf und
ließ die Flut über sich hinwegströmen. Er hatte das Gefühl, daß
sie ihn wegschwemmte, irgendwohin – zu sich selbst und zu etwas sehr Fremdem. Das kleine, schwarzhaarige Mädchen hockte
auf dem Boden neben dem Geiger. Es saß still und reglos und
blickte ihn an.
Die Geige schwieg. Kern konnte etwas Klavier spielen, und er
verstand so viel von Musik, um zu wissen, daß der Mann wunderbar gespielt hatte.
»Schumann?« fragte der Alte neben dem Geiger.
Der nickte.
»Spiel weiter«, sagte das Mädchen. »Spiel etwas, daß man lachen
kann. Hier ist es traurig.«
»Mirjam!« rief die Mutter leise.
»Gut«, sagte der Geiger.
Er setzte den Bogen wieder an.
Kern blickte sich um. Er sah gebeugte Nacken und zurückgelegte, weiß schimmernde Gesichter, er sah Trauer, Verzweiflung
und die sanfte Verklärung, die die Melodie der Geige für einige
Augenblicke darüber breitete – er sah es, und er dachte an viele
ähnliche Räume, die er schon gesehen hatte, angefüllt mit Ausgestoßenen, deren einziges Verschulden es war, geboren worden zu
sein und zu leben. Das gab es, und diese Musik gab es zu gleicher
Zeit. Es schien unbegreiflich. Es war ein unendlicher Trost und
ein furchtbarer Hohn zugleich. Kern sah, daß der Kopf des Geigers auf der Geige lag wie auf der Schulter einer Geliebten. Ich
will nicht untergehen, dachte er, indes die Dämmerung immer
48

tiefer wurde in dem großen Raum, ich will nicht untergehen,
das Leben ist wild und süß, ich kenne es noch nicht, es ist eine
Melodie, ein Ruf, ein Schrei über fernen Wäldern, über unbekannten Horizonten, in unbekannten Nächten, ich will nicht
untergehen!
Erst nach einiger Zeit merkte er, daß es still geworden war. »Was
war das?« fragte das Mädchen.
»Das waren die deutschen Tänze von Franz Schubert«, sagte
der Geiger heiser.
Der alte Mann neben ihm lachte auf. »Deutsche Tänze!« Er
strich sich über die Narbe auf seiner Stirn. »Deutsche Tänze«,
wiederholte er.
Der Sekretär schaltete das Licht von der Tür her an. »Der
nächste …«, sagte er.
KERN BEKAM EINE Anweisung für einen Schlafplatz im Hotel
Bristol und zehn Eßkarten für die Mensa am Wenzelsplatz. Er
lief fast durch die Straßen, aus Angst, daß er zu spät käme.
Er hatte sich nicht geirrt. Alle Plätze in der Mensa waren besetzt,
und er mußte noch warten. Unter den Essenden sah er einen
seiner früheren Universitätsprofessoren. Er wollte schon auf ihn
zugehen und ihn begrüßen; aber dann besann er sich und ließ
es. Er wußte, daß viele Emigranten nicht an ihr früheres Leben
erinnert werden wollten.
Nach einer Weile sah er den Geiger kommen und unschlüssig
umherstehen. Er winkte ihm. Der Geiger sah ihn erstaunt an und
kam langsam herüber. Kern wurde verwirrt. Er hatte, als er ihn wiedersah, geglaubt, den Geiger schon lange zu kennen; jetzt fiel ihm
ein, daß sie noch nicht einmal miteinander gesprochen hatten.
»Entschuldigen Sie«, sagte er. »Ich habe Sie vorhin spielen hören, und ich dachte, Sie wüßten vielleicht nicht Bescheid hier.«
49

»Das weiß ich auch nicht. Sie?«
»Ja. Ich war schon zweimal hier. Sind Sie noch nicht lange
draußen?«
»Vierzehn Tage. Ich bin heute hier angekommen.«
Kern sah, daß der Professor und jemand neben ihm aufstanden.
»Da werden zwei Plätze frei«, sagte er rasch. »Kommen Sie!«
Sie drängten sich zwischen den Tischen durch. Der Professor
kam ihnen durch den schmalen Gang entgegen. Er blickte Kern
zweifelnd an und blieb stehen. »Kenne ich Sie nicht?«
»Ich war einer Ihrer Schüler«, sagte Kern.
»Ach so, ja …« Der Professor nickte. »Sagen Sie, wissen Sie
vielleicht Leute, die Staubsauger brauchen könnten? Mit zehn
Prozent Rabatt und Ratenzahlung? Oder Grammophone mit
eingebautem Radio?«
Kern war nur einen Augenblick überrascht. Der Professor war
eine Autorität in der Krebsforschung gewesen. »Nein, leider
nicht«, sagte er mitleidig. Er wußte, was es hieß, Staubsauger und
Grammophone verkaufen zu wollen.
»Ich hätte es mir denken können.« Der Professor sah ihn abwesend an. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er dann, als spräche
er zu jemand ganz anderem, und ging weiter.
Es gab Graupensuppe mit Rindfleisch. Kern löffelte seinen
Teller rasch leer. Als er aufschaute, saß der Geiger da, die Hände
auf den Tisch gelegt, den Teller unberührt vor sich.
»Essen Sie nicht?« fragte Kern erstaunt.
»Ich kann nicht.«
»Sind Sie krank?« Der Birnenschädel des Geigers sah sehr
gelb und farblos aus unter dem kalkigen Licht der schirmlosen
Deckenlampen.
»Nein.«
»Sie sollten essen«, sagte Kern.
50

Der Geiger antwortete nicht. Er zündete sich eine Zigarette
an und rauchte hastig. Dann schob er seinen Teller beiseite. »So
kann man nicht leben!« stieß er schließlich hervor.
Kern sah ihn an. »Haben Sie keinen Paß?« fragte er.
»Doch. Aber …« Der Geiger zerdrückte nervös eine Zigarette.
»So kann man doch nicht leben! So ohne alles! Ohne Boden
unter den Füßen!«
»Mein Gott!« sagte Kern. »Sie haben einen Paß, und Sie haben
Ihre Geige …«
Der Geiger blickte auf. »Das hat doch nichts damit zu tun«,
erwiderte er gereizt. »Begreifen Sie das nicht?«
»Doch.«
Kern war maßlos enttäuscht. Er hatte geglaubt, wer so spielen
konnte, müßte etwas Besonderes sein. Jemand, von dem etwas
zu lernen war. Und nun sah er einen verbitterten Menschen da
sitzen, der ihm, obwohl er sicher fünfzehn Jahre älter war als er,
vorkam wie ein eigensinniges Kind. Erstes Stadium der Emigration, dachte er. Wird schon still werden.
»Essen Sie Ihre Suppe wirklich nicht?« fragte er.
»Nein.«
»Dann geben Sie sie mir. Ich bin noch hungrig.«
Der Geiger schob sie ihm hin. Kern aß sie langsam auf. Jeder
Löffel voll war Kraft, dem Elend zu widerstehen, und er wollte
nichts davon verlieren. Dann stand er auf. »Ich danke Ihnen für
die Suppe. Ich hätte lieber gehabt, Sie hätten sie selbst gegessen.«
Der Geiger sah ihn an. Sein Gesicht war von Falten zerrissen.
»Das verstehen Sie noch nicht«, sagte er ablehnend.
»Das ist leichter zu verstehen, als Sie glauben«, erwiderte Kern.
»Sie sind unglücklich, weiter nichts.«
»Weiter nichts?«
51

»Nein. Man meint anfangs, es sei etwas Besonderes. Aber Sie
werden es schon merken, wenn Sie länger draußen sind. Unglück
ist das Alltäglichste, was es gibt.«
Er ging hinaus. Zu seiner Verwunderung sah er draußen, auf der
andern Seite der Straße, den Professor hin- und herwandern. Er
hatte die charakteristische Haltung, die Hände auf dem Rücken,
den Körper etwas vorgebeugt, die er annahm, wenn er vor dem
Katheder auf- und abschritt, um irgendeine neue verwickelte
Entdeckung auf dem Gebiet der Krebsforschung zu erläutern.
Nur, daß er jetzt vielleicht an Staubsauger und Grammophone
dachte.
Kern zögerte eine Sekunde. Er hätte den Professor nie angesprochen. Doch jetzt, nachdem er den Geiger gesehen hatte, ging
er zu ihm hinüber.
»Herr Professor«, sagte er, »entschuldigen Sie, daß ich Sie anspreche. Ich hätte nicht geglaubt, daß ich Ihnen jemals einen Rat
geben könnte. Aber jetzt möchte ich es tun.«
Der Professor blieb stehen. »Gerne«, erwiderte er zerstreut.
»Sehr gerne. Ich bin für jeden Rat dankbar. Wie war doch Ihr
Name?«
»Kern. Ludwig Kern.«
»Ich bin für jeden Rat dankbar, Herr Kern. Ganz außerordentlich dankbar, wirklich!«
»Es ist kaum ein Rat. Nur etwas Erfahrung. Sie versuchen,
Staubsauger und Grammophone zu verkaufen. Lassen Sie es. Es
ist Zeitverschwendung. Hunderte von Emigranten versuchen das
hier. Es ist ebenso sinnlos, wie Lebensversicherungen abschließen
zu wollen.«
»Das wollte ich gerade nächstens versuchen«, unterbrach ihn
der Professor lebhaft. »Jemand hat mir gesagt, es wäre leicht, und
es wäre etwas damit zu verdienen.«
52

»Er hat Ihnen eine Provision für jeden Abschluß angeboten,
nicht wahr?«
»Ja, natürlich, eine gute Provision.«
»Aber sonst nichts? Keine Spesen und kein Fixum?«
»Nein, das nicht.«
»Das kann ich Ihnen auch anbieten. Es bedeutet gar nichts.
Herr Professor, haben Sie schon einen Staubsauger verkauft?
Oder ein Grammophon?«
Der Professor sah hilflos auf. »Nein«, sagte er sonderbar beschämt, »aber ich hoffe, in der nächsten Zeit …«
»Geben Sie es auf«, erwiderte Kern. »Das ist mein Rat. Kaufen
Sie eine Handvoll Schnürsenkel. Oder ein paar Büchsen Stiefelwichse. Oder einige Pakete Sicherheitsnadeln. Kleine Sachen, die
jeder brauchen kann. Handeln Sie damit. Sie werden nicht viel
daran verdienen. Aber Sie werden ab und zu etwas verkaufen.
Auch damit handeln Hunderte von Emigranten. Aber man verkauft Sicherheitsnadeln leichter als Staubsauger.«
Der Professor blickte ihn nachdenklich an. »Daran habe ich
noch gar nicht gedacht.«
Kern lächelte verlegen. »Das glaube ich. Aber überlegen Sie es
einmal. Es ist besser. Ich weiß es. Ich habe früher auch Staubsauger
verkaufen wollen.«
»Vielleicht haben Sie recht.« Der Professor reichte ihm die
Hand. »Ich danke Ihnen. Sie sind sehr freundlich …« Seine
Stimme war plötzlich sonderbar leise und fast unterwürfig, als
wäre er ein Schüler, der schlecht gelernt hatte.
Kern biß sich auf die Lippen. »Ich war in jeder Ihrer Vorlesungen …«, sagte er.
»Ja, ja …« Der Professor machte eine flatternde Geste. »Ich
danke Ihnen, Herr … Herr …«
»Kern. Aber es ist nicht wichtig.«
53

»Doch, es ist wichtig, Herr Kern. Entschuldigen Sie bitte. Ich
bin etwas vergeßlich in der letzten Zeit. Und haben Sie vielen
Dank. Ich glaube, ich werde es versuchen, Herr Kern.«
DAS HOTEL BRISTOL war ein baufälliger, kleiner Kasten, der von
der Flüchtlingshilfe gemietet worden war. Kern bekam ein Bett
in einem Zimmer angewiesen, in dem zwei andere Flüchtlinge
wohnten. Er war nach dem Essen sehr müde geworden und legte
sich gleich schlafen. Die beiden andern waren noch nicht da, und
er hörte auch nicht, daß sie kamen.
Mitten in der Nacht wachte er auf. Er hörte Schreie und sprang
sofort empor. Ohne nachzudenken, griff er nach seinem Koffer
und seinen Kleidern und rannte aus der Tür, den Korridor entlang.
Draußen war alles still. Am Treppenabsatz blieb er stehen. Er
stellte den Koffer ab und lauschte – dann strich er sich mit den
Fäusten über das Gesicht. Wo war er? Was war los? Wo war die
Polizei?
Langsam kam ihm die Erinnerung. Er blickte an sich herunter
und lächelte erleichtert und entspannt. Er war in Prag im Hotel
Bristol, und er hatte für vierzehn Tage eine Aufenthaltserlaubnis.
Es gab keinen Grund, so zu erschrecken. Sicher hatte er irgend
etwas geträumt. Er kehrte um. Das darf nicht wieder passieren,
dachte er. Es fehlt noch, daß ich nervös werde. Dann ist alles
aus.
Er öffnete die Tür und tastete im Dunkeln nach seinem Bett. Es
war das rechte an der Wand. Er stellte seinen Koffer leise ab und
hängte seine Kleider unten über den Bettpfosten. Dann tastete
er nach der Decke. Plötzlich spürte er, gerade als er sich hinlegen
wollte, unter seiner Hand etwas Weiches, warm Atmendes und
schoß bolzengerade hoch.
54

»Wer ist da?« fragte eine Mädchenstimme schlaftrunken.
Kern hielt den Atem an. Er hatte die Zimmer verwechselt.
»Ist jemand da?« fragte die Stimme noch einmal.
Kern blieb stocksteif stehen. Er fühlte, wie ihm der Schweiß
ausbrach.
Nach einiger Zeit hörte er einen Seufzer und dann, wie jemand
sich umdrehte. Er wartete noch ein paar Minuten. Als alles still
blieb und nur noch das tiefe Atmen im Dunkel zu hören war,
griff er lautlos nach seinen Sachen und schlich vorsichtig aus
dem Zimmer.
Auf dem Korridor stand jetzt ein Mann im Hemd. Er stand
vor dem Zimmer, in dem Kern wohnte, und starrte ihn durch
eine Brille an. Er beobachtete, wie er mit seinen Sachen aus dem
Zimmer nebenan kam. Kern war zu verwirrt, um etwas zu erklären. Er ging wortlos durch die offene Tür, an dem Mann vorbei,
der ihm keinen Platz machte, packte seine Sachen weg und legte
sich zu Bett. Vorher strich er zur Vorsicht über die Decke. Es lag
niemand darunter.
Der andere Mann stand noch eine Weile im Türausschnitt.
Seine Brille blinkte im schwachen Licht des Korridors. Dann kam
er herein und machte die Tür mit einem trockenen Knack zu.
Im selben Augenblick fing das Schreien wieder an. Kern verstand es jetzt. »Nicht schlagen! Nicht schlagen! Um Christi willen,
nicht schlagen! Bitte, bitte! Oh …«
Das Schreien ging in ein entsetzliches Gurgeln über und erstarb. Kern richtete sich auf. »Was ist denn das?« fragte er in das
Dunkel hinein.
Ein Schalter klickte, und es wurde hell. Der Mann mit der Brille
stand auf und ging zum dritten Bett. Darin lag ein keuchender,
schweißüberströmter Mensch mit irren Augen. Der andere
nahm ein Glas, füllte es mit Wasser und hielt es dem im Bett an
55

den Mund. »Trinken Sie das mal. Sie haben geträumt. Sie sind
in Sicherheit.«
Der Mann trank gierig. Der Adamsapfel an seinem dünnen
Halse stieg auf und ab. Dann ließ er sich erschöpft zurückfallen
und schloß tief atmend die Augen.
»Was ist das?« fragte Kern noch einmal.
Der Mann mit der Brille kam an sein Bett. »Was das ist? Jemand, der träumt. Laut träumt. Vor ein paar Wochen aus dem
Konzentrationslager entlassen. Nerven, verstehen Sie?«
»Ja«, sagte Kern.
»Wohnen Sie hier?« fragte der Mann mit der Brille.
Kern nickte. »Ich scheine auch etwas nervös zu sein. Vorhin, als
er schrie, bin ich hinausgelaufen. Ich dachte, es wäre Polizei im
Hause. Da habe ich hinterher die Zimmer verwechselt.«
»Ach so …»
»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte der dritte Mann. »Ich werde
jetzt wach bleiben. Entschuldigen Sie.«
»Ach, Unsinn!« Der mit der Brille ging zu seinem Bett zurück.
»Das bißchen Träumen stört uns gar nicht. Nicht wahr, junger
Mann?«
»Gar nicht«, wiederholte Kern.
Der Lichtschalter knackte, und es wurde wieder dunkel. Kern
streckte sich aus. Er konnte lange nicht einschlafen. Sonderbar
war das gewesen, vorhin, in dem Zimmer nebenan. Die weiche
Brust unter dem dünnen Leinen. Er fühlte es immer noch … als
wäre seine Hand anders geworden dadurch.
Später hörte er, wie der Mann, der geschrien hatte, aufstand und
sich ans Fenster setzte. Sein gebeugter Kopf hob sich schwarz vor
dem heraufdämmernden Grau des Morgens ab – wie das finstere
Monument eines Sklaven. Kern betrachtete ihn eine Zeitlang.
Dann überfiel ihn der Schlaf.
56

Josef Steiner kam leicht über die Grenze zurück. Er kannte sie
gut und war als alter Soldat das Patrouillegehen gewohnt. Er
war Kompanieführer gewesen und hatte bereits 95 für eine
schwierige Patrouille, von der er einen Gefangenen mitgebracht
hatte, das Eiserne Kreuz erhalten.
Nach einer Stunde war er außer Gefahr. Er ging zum Bahnhof.
Es waren nicht viele Leute im Wagen. Der Schaffner sah ihn an.
»Schon zurück?«
»Eine Fahrkarte nach Wien, einfach«, erwiderte Steiner.
»Ging ja rasch«, sagte der Schaffner.
Steiner blickte auf. »Ich kenne das«, fuhr der Schaffner fort.
»Jeden Tag kommen ein paar solcher Transporte – da kennt man
die Beamten bald. Es ist ein Kreuz. Sie sind in diesem Waggon
herausgefahren, das wissen Sie wohl nicht mehr?«
»Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden.«
Der Schaffner lachte. »Sie werden es schon wissen. Stellen Sie
sich hinten auf die Plattform. Wenn ein Kontrolleur kommt,
springen Sie ab. Wahrscheinlich kommt keiner um diese Zeit.
Sie sparen so die Fahrkarte.«
»Schön.«
Steiner stand auf und ging nach hinten. Er spürte den Wind
und sah die Lichter der kleinen Weindörfer vorüberfliegen. Er
atmete tief und genoß den stärksten Rausch, den es gibt: den
Rausch der Freiheit. Er fühlte das Blut in seinen Adern und die
warme Kraft seiner Muskeln. Er lebte. Er war nicht gefangen; er
lebte, er war entkommen.
»Nimm eine Zigarette, Bruder«, sagte er zu dem Schaffner, der
nach hinten gekommen war.
»Meinetwegen. Ich darf sie nur jetzt nicht rauchen. Dienst.«
»Aber ich darf meine jetzt rauchen?«
»Ja.« Der Schaffner lachte gutmütig. »Das hast du mir voraus.«
57

»Ja«, sagte Steiner und zog den würzigen Rauch in die Lungen
ein. »Das habe ich dir voraus.«
ER GING ZU der Pension, in der die Polizei ihn erwischt hatte.
Die Wirtin saß noch im Büro. Sie fuhr zusammen, als sie Steiner
erblickte. »Sie können hier nicht wohnen«, sagte sie rasch.
»Doch!« Steiner legte den Rucksack ab.
»Herr Steiner, es ist unmöglich! Die Polizei kann jeden Tag
wiederkommen. Dann schließen sie mir die Pension!«
»Luischen«, sagte Steiner ruhig, »die beste Deckung, die es
im Kriege gab, war ein frisches Granatloch. Es kam fast nie vor,
daß es gleich darauf noch einmal hineinschoß. Deshalb ist im
Moment Ihre Bude eine der sichersten in Wien!«
Die Wirtin faßte verzweifelt in ihr blondes Haar. »Sie sind mein
Untergang!« erklärte sie pathetisch.
»Wie schön! Das wollte ich immer schon mal sein! Jemandes
Untergang! Sie sind eine romantische Natur, Luischen!« Steiner sah sich um. »Gibt es noch ein bißchen Kaffee? Und einen
Schnaps?«
»Kaffee? Und Schnaps?«
»Ja, Luischen! Ich wußte, daß Sie mich verstehen würden. Eine
so hübsche Frau! Ist da noch der Sliwowitz im Wandschrank?«
Die Wirtin blickte ihn ratlos an. »Ja, natürlich«, sagte sie
dann.
»Genau das Richtige!« Steiner nahm die Flasche und zwei
Gläser heraus. »Nehmen Sie auch einen?«
»Ich?«
»Ja, Sie! Wer sonst?«
»Nein.«
»Doch, Luischen! Tun Sie mir den Gefallen. Allein trinken hat
was Herzloses. Hier …« Er füllte das Glas und hielt es ihr hin.
58

Die Wirtin zögerte. Dann nahm sie das Glas. »Gut, meinetwegen! Aber Sie werden nicht hier wohnen, nicht wahr?«
»Nur ein paar Tage«, sagte Steiner beruhigend, »nicht länger
als ein paar Tage. Sie bringen mir Glück. Ich habe was vor.« Er
lächelte. »Und nun den Kaffee, Luischen!«
»Kaffee? Ich habe keinen Kaffee hier.«
»Doch, Kind. Da drüben steht er ja. Ich wette, daß er gut ist.«
Die Wirtin lachte ärgerlich. »Sie sind schon einer! Ich heiße
übrigens nicht Luise. Ich heiße Therese.«
»Therese ist ein Traum!«
Die Wirtin holte ihm den Kaffee. »Da sind noch die Sachen
vom alten Seligmann hier«, sagte sie und zeigte auf einen Koffer.
»Was soll ich nur mit denen machen?«
»War das der Jude mit dem grauen Bart?«
Die Wirtin nickte. »Er ist tot, das habe ich gehört. Mehr
nicht …«
»Das ist auch schon genug für einen einzelnen Menschen.
Wissen Sie nicht, wo seine Kinder sind?«
»Wie soll ich das wissen? Darum kann ich mich doch nicht
auch noch kümmern!-«
»Das ist wahr.« Steiner zog den Koffer heran und öffnete ihn.
Eine Anzahl Garnrollen mit verschiedenfarbenem Zwirn fiel
heraus. Darunter lag sauber verpackt ein Paket Schnürriemen.
Dann kamen ein Anzug, ein Paar Schuhe, ein hebräisches Buch,
etwas Wäsche, ein paar Bogen mit Hornknöpfen, ein kleines
Ledersäckchen mit Einschillingstücken, zwei Gebetsriemen und
ein weißer Gebetsmantel, in Seidenpapier eingewickelt.
»Nicht viel für ein ganzes Leben, was, Therese?« sagte Steiner.
»Manche haben noch weniger.«
»Auch richtig.« Steiner untersuchte das hebräische Buch und
fand zwischen den inneren Umschlagseiten einen Zettel einge59

klemmt. Vorsichtig zog er ihn heraus. Er enthielt eine mit Tinte
geschriebene Adresse. »Aha! Da werde ich mal nachfragen.« Steiner stand auf. »Danke für den Kaffee und den Sliwowitz, Therese.
Ich komme spät heute. Am besten quartieren Sie mich parterre
nach dem Hof zu ein. Da kann ich dann rasch hinaus.«
Die Wirtin wollte noch etwas sagen. Aber Steiner hob die Hand.
»Nein, nein, Therese! Wenn die Tür nicht offen ist, komme ich
mit der gesamten Wiener Polizei. Aber ich bin sicher, sie wird
offen sein! Die Heimatlosen beherbergen ist ein Gebot Gottes.
Dafür gibt es tausend Jahre größter Glückseligkeit im Himmel.
Meinen Rucksack lasse ich schon hier.«
Er ging. Er wußte, daß es zwecklos war, das Gespräch fortzusetzen, und er kannte die merkwürdig eindringliche Wirkung zurückgelassener Sachen auf bürgerliche Menschen. Sein Rucksack
würde ein besserer Quartiermeister für ihn sein als alle weiteren
Überredungsversuche. Er würde die letzten Widerstände der
Wirtin durch sein stummes Vorhandensein besiegen.
STEINER GING ZUM Café Sperler. Er wollte den Russen Tschernikoff treffen. Sie hatten während der Haft verabredet, am ersten
und zweiten Tag der Freilassung Steiners nach Mitternacht dort
aufeinander zu warten. Die Russen hatten als Staatenlose fünfzehn Jahre Praxis mehr als die Deutschen. Tschernikoff hatte
Steiner versprochen, nachzuforschen, ob in Wien falsche Papiere
zu kaufen seien.
Steiner setzte sich an einen Tisch. Er wollte etwas zu trinken
bestellen; aber kein Kellner kümmerte sich um ihn. Es war nicht
üblich, daß man etwas bestellen mußte; die meisten hatten kein
Geld dafür.
Das Lokal war die typische Emigrantenbörse. Es war voll von
Menschen. Viele saßen auf den Bänken und Stühlen und schlie60

fen; andere lagen auf dem Fußboden, die Rücken gegen die Wand
gelehnt. Sie nutzten die Zeit aus, umsonst zu schlafen, bis das
Café wieder geöffnet wurde. Es waren meistens Intellektuelle.
Sie konnten sich am wenigsten zurechtfinden.
Ein Mann in einem karierten Anzug mit einem Vollmondgesicht setzte sich neben Steiner. Er beobachtete ihn eine Weile mit
flinken, schwarzen Augen. »Was zu verkaufen?« fragte er dann.
»Schmuck? Auch alten? Ich zahle bar.«
Steiner schüttelte den Kopf.
»Anzüge? Wäsche? Schuhe?« Der Mann blickte ihn dringlich
an. »Einen Trauring vielleicht?«
»Schieb ab, du Aasgeier«, knurrte Steiner. Er haßte die Händler,
die den ratlosen Emigranten ihre wenigen Sachen für ein paar
Groschen abjagen wollten.
Er rief einen vorüberhuschenden Kellner an. »Hallo! Einen
Kognak!«
Der Kellner warf einen zweifelnden Blick auf ihn und kam heran. »Sagten Sie Anwalt? Heute sind zwei da. Drüben in der Ecke
Rechtsanwalt Silber vom Kammergericht Berlin; ein Schilling
die Beratung. Am runden Tisch neben der Tür Landgerichtsrat
Epstein aus München; fünfzig Groschen die Konsultation. Unter
uns: Silber ist besser.«
»Ich will keinen Anwalt, ich will Kognak«, sagte Steiner.
Der Kellner hielt die Hand ans Ohr. »Habe ich recht verstanden?
Einen Kognak?«
»Ja. Ein Getränk, das besser wird, wenn die Gläser nicht zu
klein sind.«
»Sehr wohl. Verzeihen Sie, ich bin etwas schwerhörig. Und
dann bin ich es nicht mehr gewohnt. Hier wird fast nur Kaffee
verlangt.«
»Gut. Dann bringen Sie den Kognak in einer Kaffeetasse.«
61

Der Kellner holte den Kognak und blieb am Tisch stehen. »Was
ist los?« fragte Steiner. »Wollen Sie zusehen, wie ich trinke?«
»Es muß vorher gezahlt werden. Das geht hier nicht anders.
Wir würden sonst pleite gehen.«
»Ach so, richtig!«
Steiner zahlte. »Das ist zuviel«, sagte der Kellner.
»Was zuviel ist, ist Ihr Trinkgeld.«
»Trinkgeld?« Der Kellner schmeckte das Wort förmlich ab.
»Mein Gott«, sagte er dann gerührt. »Das ist das erste seit Jahren hier. Danke vielmals, mein Herr! Da fühlt man sich ja direkt
wieder einmal als Mensch!«
Ein paar Minuten später kam der Russe durch die Tür. Er sah
Steiner sofort und setzte sich zu ihm.
»Ich dachte schon, Sie wären nicht mehr in Wien, Tschernikoff.«
Der Russe lachte. »Bei uns ist das Wahrscheinliche immer unwahrscheinlich. Ich habe alles herausbekommen, was Sie wissen
wollen.«
Steiner trank seinen Kognak aus. »Gibt es Papiere?«
»Ja. Sehr gute sogar. Das Beste, was ich an Fälschungen seit
langem gesehen habe.«
»Ich muß ’raus!« sagte Steiner. »Ich muß Papiere haben! Lieber
mit einem falschen Paß Zuchthaus riskieren als diese tägliche
Sorge und Einsperrerei. Was haben Sie gesehen?«
»Ich war in der ›Hellebarde‹. Da verkehren die Leute jetzt.
Es sind dieselben wie vor sieben Jahren. Sie sind in ihrer Art
zuverlässig. Das billigste Papier kostet allerdings vierhundert
Schilling.«
»Was gibt es dafür?«
»Den Paß eines toten Österreichers. Noch ein Jahr gültig.«
»Ein Jahr. Und dann?«
62

Tschernikoff sah Steiner an. »Im Ausland vielleicht verlängerbar. Oder von einer geschickten Hand im Datum zu ändern.«
Steiner nickte.
»Es gibt noch zwei Pässe von gestorbenen deutschen Flüchtlingen. Die kosten aber achthundert Schilling jeder. Völlig falsche
sind nicht unter fünfzehnhundert zu haben. Die würde ich – Ihnen auch nicht empfehlen.«
Tschernikoff klopfte seine Zigarette ab. »Vom Völkerbund ist
für Sie ja vorläufig auf nichts zu hoffen. Für illegal ohne Paß
Eingereiste schon gar nicht. Nansen ist tot, der uns unsere Pässe
durchgesetzt hat.«
»Vierhundert Schilling«, sagte Steiner. »Ich habe fünfundzwanzig.«
»Man wird handeln können. Auf dreihundertfünfzig, schätze
ich.«
»Das ist gegen fünfundzwanzig dasselbe. Aber es hilft nichts;
ich muß sehen, daß ich das Geld bekomme. Wo ist die ›Hellebarde‹?«
Der Russe zog einen Zettel aus der Tasche. »Hier ist die Adresse.
Auch der Name des Kellners, der die Sache vermittelt. Er ruft
die Leute an, wenn Sie ihm Bescheid sagen. Er bekommt fünf
Schilling dafür.«
»Gut. Ich will sehen, wie ich es mache.« Steiner steckte den
Zettel sorgfältig weg. »Herzlichen Dank für Ihre Mühe, Tschernikoff!«
»Aber ich bitte Sie!« Der Russe hob abwehrend die Hand. »Man
hilft sich doch, wenn es möglich ist. Man kann ja jeden Tag in
dieselbe Lage kommen.«
»Ja.« Steiner stand auf. »Ich suche mal wieder nach Ihnen hier
und sage Ihnen Bescheid.«
»Gut. Ich bin oft um diese Zeit hier. Spiele Schach mit dem
63

süddeutschen Meister. Drüben der Mann mit den Locken. Hätte
nie gedacht, das Glück mit einer solchen Autorität in normalen
Zeiten zu haben.« Tschernikoff lächelte. »Schach ist eine Leidenschaft von mir …«
Steiner nickte ihm zu. Dann stieg er über ein paar schlafende
junge Leute weg, die mit offenen Mündern an der Wand lagen,
und ging zur Tür. Am Tisch des Landgerichtsrats Epstein saß
eine gedunsene Jüdin. Sie hielt die Hände gefaltet und starrte
Epstein, der salbungsvoll dozierte, an wie einen unzuverlässigen
Gott. Vor ihr auf dem Tisch lagen fünfzig Groschen. Epsteins
haarige linke Hand lag dicht daneben wie eine große lauernde
Spinne.
DRAUSSEN ATMETE STEINER tief auf. Die weiche Nachtluft erschien ihm wie Wein nach dem toten Rauch und dem grauen
Jammer des Cafés. Ich muß da ’raus, dachte er, ich muß ’raus um
jeden Preis! Er sah nach der Uhr. Es war schon spät. Er beschloß,
trotzdem noch zu versuchen, den Falschspieler zu treffen.
Die kleine Bar, die der Falschspieler ihm als sein Stammlokal
genannt hatte, war fast leer. Nur aufgedonnerte Mädchen hockten
wie Papageien an der Nickelstange auf den hohen Stühlen.
»War Fred hier?« fragte Steiner den Mixer.
»Fred?« Der Mixer sah ihn scharf an. »Was wollen Sie denn
von Fred?«
»Das Vaterunser mit ihm beten, Bruder. Was sonst?«
Der Mixer dachte eine Zeitlang nach. »Er ist vor einer Stunde
gegangen«, sagte er dann.
»Kommt er nochmals wieder?«
»Keine Ahnung.«
»Schön. Da werde ich warten. Geben Sie mir einen Wodka.«
Steiner wartete ungefähr eine Stunde. Er überlegte, was er alles
64

zu Geld machen könne. Aber er kam nicht höher als auf etwa
siebzig Schilling.
Die Mädchen hatten ihn nur flüchtig gemustert. Sie saßen noch
einige Zeit herum, dann stelzten sie hinaus. Der Mixer begann
mit einem Knobelbecher vor sich hin zu würfeln. »Wollen wir
einen austrudeln?« fragte Steiner.
»Von mir aus.«
Sie würfelten und Steiner gewann. Sie spielten weiter. Steiner
warf zweimal nacheinander in zwei Würfen vier Asse. »Mit Assen
scheine ich Glück zu haben«, sagte er.
»Sie haben überhaupt Glück«, erwiderte der Mixer. »Was sind
Sie astrologisch?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sie scheinen ein Löwe zu sein. Mindestens haben Sie die
Sonne im Löwen. Ich verstehe ein bißchen davon. Letzte Runde,
was? Fred kommt doch nicht mehr. Er ist noch nie um diese Zeit
gekommen. Braucht Schlaf und ruhige Hände.«
Sie knobelten, und Steiner gewann wieder. »Sehen Sie«, sagte
der Mixer befriedigt und schob ihm fünf Schilling hinüber, »Sie
sind bestimmt ein Löwe. Mit starkem Neptun, denke ich. In
welchem Monat sind Sie geboren?«
»August.«
»Dann sind Sie ein typischer Löwe. Glänzende Chancen dieses
Jahr!«
»Dafür nehme ich einen ganzen Urwald voll Löwen auf mich.«
Steiner trank sein Glas aus. »Wollen Sie Fred sagen, daß ich hier
war? Steiner hätte nach ihm gefragt. Ich komme morgen wieder
vorbei.«
»Schön.«
Steiner ging zur Pension zurück. Der Weg war lang, und die
Straßen waren leer. Der Himmel hing voller Sterne, und über
65

die Mauern kam ab und zu der schwere Geruch blühenden
Flieders. Mein Gort, Marie, dachte er, es kann doch nicht ewig
dauern …

4

Kern stand in einer Drogerie in der Nähe des Wenzelplatzes. Er hatte im Schaufenster ein paar Flaschen Toilettewasser entdeckt, die das Etikett aus dem Laboratorium
seines Vaters trugen.
»Farr-Toilettewasser!« Kern drehte die Flasche, die der Drogist
vom Regal geholt hatte, in der Hand. »Wo haben Sie denn das
her?«
Der Drogist zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht mehr. Es
kommt aus Deutschland. Wir haben es schon lange. Wollen Sie
die Flasche kaufen?«
»Nicht nur die eine. Sechs …«
»Sechs?«
»Ja, sechs zunächst. Später noch mehr. Ich handle damit. Natürlich muß ich Prozente haben.«
Der Drogist sah Kern an. »Emigrant?« fragte er.
Kern stellte die Flasche auf den Ladentisch. »Wissen Sie«, sagte
er ärgerlich, »diese Frage langweilt mich allmählich, wenn sie von
Zivilisten gestellt wird. Besonders, wenn ich eine Aufenthaltserlaubnis in der Tasche habe. Sagen Sie mir lieber, wieviel Prozent
Sie mir geben wollen?«
»Zehn.«
»Das ist lächerlich. Wie soll ich da etwas verdienen?«
»Sie können die Flaschen mit fünfundzwanzig Prozent haben«,
sagte der Besitzer des Ladens, der herangekommen war. »Wenn
Sie zehn nehmen, sogar mit dreißig. Wir sind froh, wenn wir den
alten Kram loswerden.«
»Alten Kram?« Kern blickte den Mann beleidigt an. »Das ist
ein ganz hervorragendes Toilettewasser, wissen Sie das?«
Der Besitzer des Ladens bohrte sich gleichgültig einen Finger
ins Ohr. »Mag sein. Dann sind Sie sicher auch mit zwanzig Prozent zufrieden.«
67

»Dreißig ist das mindeste. Das hat doch nichts mit der Qualität
zu tun. Sie können mir dreißig Prozent geben, und das Toilettewasser kann trotzdem gut sein, oder nicht?«
Der Drogist verzog die Lippen. »Alle Toilettewasser sind gleich.
Gut sind nur die, für die Reklame gemacht wird. Das ist das ganze
Geheimnis.«
Kern sah ihn an. »Reklame wird für dieses bestimmt nicht mehr
gemacht. Danach ist es allerdings sehr schlecht. Dann wären
fünfunddreißig Prozent die richtige Provision.«
»Dreißig«, erwiderte der Besitzer. »Ab und zu wird doch danach gefragt.«
»Herr Bureck«, sagte der Drogist, »ich glaube, wir können sie
ihm mit fünfunddreißig geben, wenn er ein Dutzend nimmt. Der
Mann, der ab und zu danach fragt, ist immer derselbe. Er kauft
auch nicht; er will uns nur das Rezept verkaufen.«
»Das Rezept? Lieber Gott, das fehlt uns noch!« Bureck hob
abwehrend die Hände.
»Das Rezept?« Kern horchte auf. »Wer ist denn das, der Ihnen
das Rezept verkaufen will?«
Der Drogist lachte. »Irgend jemand, der behauptet, er hätte
früher selbst das Laboratorium gehabt. Natürlich alles Schwindel!
Was die Emigranten sich immer so ausdenken!«
Kern war einen Augenblick atemlos. »Wissen Sie, wo der Mann
wohnt?« fragte er.
Der Drogist zuckte die Achseln. »Ich glaube, wir haben die
Adresse irgendwo ’rumliegen. Er hat sie uns ein paarmal gegeben.
Warum?«
»Ich glaube, es ist mein Vater.
Die beiden starrten Kern an. »lst das wahr?« fragte der Drogist.
»Ja, ich glaube, daß er es ist. Ich suche ihn schon lange.«
68

»Bertha!« rief der Besitzer aufgeregt zu einer Frau hinüber,
die an einem Bürotisch im Hintergrund der Drogerie arbeitete.
»Haben wir noch die Adresse des Herrn, der uns das Rezept für
Toilettewasser verkaufen wollte?«
»Meinen Sie Herrn Stran oder den alten Quatschkopf, der hier
ein paarmal ’rumgestanden hat?« rief die Frau zurück.
»Verdammt!« Der Besitzer des Ladens sah Kern geniert an.
»Entschuldigen Sie!« Er ging rasch nach hinten.
»Das kommt davon, wenn man mit seinen Angestellten schläft«,
erklärte der Drogist hämisch hinter ihm her.
Der Besitzer kam nach einer Weile schnaufend mit einem
Zettel zurück. »Hier haben wir die Adresse. Es ist ein Herr Kern.
Siegmund Kern.«
»Das ist mein Vater.«
»Tatsächlich?« Der Mann gab Kern den Zettel.
»Hier ist die Adresse. Er war vor etwa drei Wochen das letztemal hier. Entschuldigen Sie die Bemerkung vorhin. Sie wissen
ja …«
»Es macht gar nichts. Ich möchte nur gern gleich gehen. Ich
komme dann nachher zurück wegen der Flaschen.«
»Natürlich! Das hat ja Zeit!«
Das Haus, in dem Kerns Vater wohnen sollte, lag in der Tuzarova ulice, in der Nähe der Markthallen. Es war dunkel und muffig
und roch nach feuchten Wänden und Kohldunst.
Kern stieg langsam die Treppen hinauf. Es war sonderbar, aber
er hatte etwas Furcht, seinen Vater nach so langer Zeit wiederzusehen – er war zu sehr gewohnt, daß nie etwas besser wurde.
In der dritten Etage klingelte er. Nach einer Weile schlurfte
es hinter der Tür, und das Pappschild hinter dem runden Loch
des Spions verschob sich. Kern sah ein schwarzes Auge auf sich
gerichtet.
69

»Wer ist da?« fragte eine mürrische Frauenstimme.
»Ich möchte jemand sprechen, der hier wohnt«, sagte Kern.
»Hier wohnt niemand.«
»Doch! Sie wohnen ja schon hier!« Kern sah auf das Schild an
der Tür. »Frau Melanie Ekowski, nicht wahr? Aber Sie möchte
ich nicht sprechen.«
»Na, also.«
»Ich möchte einen Mann sprechen, der hier wohnt.«
»Hier wohnt kein Mann.«
Kern blickte das runde, schwarze Auge an. Vielleicht stimmte
es, und sein Vater war längst ausgezogen. Er fühlte sich plötzlich
leer und enttäuscht.
»Wie soll er denn heißen?« fragte die Frau hinter der Tür.
Kern hob voll neuer Hoffnung den Kopf. »Das möchte ich nicht
durchs ganze Haus schreien. Wenn Sie die Tür öffnen, werde ich
es Ihnen sagen.«
Das Auge verschwand vom Guckloch. Eine Kette rasselte. Das ist
ja eine Festung, dachte Kern. Er war ziemlich sicher, daß sein Vater
doch noch hier wohnte; die Frau hätte sonst nicht weiter gefragt.
Die Tür öffnete sich. Eine kräftige Tschechin mit roten Backen und
breitem Gesicht betrachtete Kern von oben bis unten.
»Ich möchte Herrn Kern sprechen.«
»Kern? Kenne ich nicht. Wohnt nicht hier.«
»Herrn Siegmund Kern. Ich heiße Ludwig Kern.«
»So?« Die Frau musterte ihn mißtrauisch. »Das kann jeder
sagen.«
Kern zog seine Aufenthaltserlaubnis aus der Tasche. »Hier -sehen Sie sich dieses Papier bitte an. Der Vorname ist aus Versehen
falsch geschrieben; aber Sie sehen das andere.«
Die Frau las den gesamten Zettel durch. Es dauerte lange. Dann
gab sie ihn zurück. »Verwandter?«
70

»Ja.« Etwas hielt Kern ab, mehr zu sagen. Er war jetzt fest überzeugt, daß sein Vater hier war.
Die Frau hatte sich entschieden. »Wohnt nicht hier«, erklärte
sie kurz.
»Gut«, erwiderte Kern. »Dann will ich Ihnen sagen, wo ich wohne. Im Hotel Bristol. Ich bleibe nur ein paar Tage hier. Ich hätte
vor meiner Abreise gern mit Herrn Siegmund Kern gesprochen.
Ich habe ihm etwas zu übergeben«, fügte er mit einem Blick auf
die Frau hinzu.
»So?«
»Ja. Hotel Bristol. Ludwig Kern. Guten Abend.«
Er stieg die Treppen hinunter. Du lieber Himmel, dachte er, das
ist ja ein Zerberus, der ihn da bewacht! Immerhin – bewachen
ist besser als verraten.
Er ging zu der Drogerie zurück. Der Besitzer stürzte auf ihn
zu. »Haben Sie Ihren Vater gefunden?« Er hatte die ganze Neugier eines Menschen im Gesicht, dem jede Sensation in seinem
Leben fehlt.
»Noch nicht«, sagte Kern, plötzlich widerwillig. »Aber er wohnt
dort. Er war nicht zu Hause.«
»So was! Das ist doch wirklich ein Zufall, nicht wahr?«
Der Mann legte die Arme auf den Tisch und schickte sich an,
breit über sonderbare Zufälle im Leben zu reden.
»Für uns nicht«, sagte Kern. »Für uns ist es eher ein Zufall,
wenn etwas mal normal geht. Was ist mit dem Toilettewasser?
Ich kann nur sechs Flaschen nehmen, zunächst. Ich habe nicht
mehr Geld. Wieviel Prozent geben Sie mir?«
Der Besitzer überlegte einen Augenblick. »Fünfunddreißig«,
erklärte er dann großzügig. »So was kommt ja nicht alle Tage
vor.«
»Gut.«
71

Kern zahlte. Der Drogist packte die Flaschen ein. Die Frau, die
Bertha hieß, war inzwischen aus dem Hintergrund herangekommen, um den jungen Mann anzusehen, der seinen Vater wiedergefunden hatte. Sie kaute aufgeregt an etwas Unsichtbarem.
»Wissen Sie«, sagte der Besitzer, »was ich noch sagen wollte
– das Toilettewasser ist sehr gut. Sehr gut, wirklich.«
»Danke!« Kern nahm das Paket. »Ich komme dann hoffentlich
bald, den Rest abzuholen.«
ER GING ZUM Hotel. In seinem Zimmer machte er das Paket auf
und packte zwei Flaschen mit einigen Stücken Seife und ein paar
Flakons billigen Parfüms in eine Aktentasche. Er wollte gleich
versuchen, noch etwas davon zu verkaufen.
Als er auf den Korridor trat, sah er, daß jemand das Zimmer
nebenan verließ. Es war ein mittelgroßes Mädchen in einem
hellen Kleide, das ein paar Bücher unter dem Arm trug. Kern
achtete zunächst nicht darauf. Er war damit beschäftigt, die Preise
für sein Toilettewasser auszurechnen. Aber plötzlich fiel ihm ein,
daß das Mädchen aus dem Zimmer gekommen war, das er nachts
verwechselt hatte, und er blieb stehen. Er hatte das Gefühl, als
könne es ihn auch jetzt noch erkennen.
Das Mädchen ging, ohne sich umzusehen, die Treppe hinunter.
Kern wartete noch eine Weile. Dann ging er rasch den Korridor
entlang hinterher. Er war plötzlich sehr neugierig geworden, zu
wissen, wie sie aussah.
Er ging die Treppe hinunter und sah sich unten um; aber das
Mädchen war nirgendwo zu sehen. Er ging zum Ausgang und
blickte die Straße entlang. Sie lag leer im staubigen Licht. Nur ein
paar Schäferhunde balgten sich auf dem Fahrdamm. – Kern ging
ins Hotel zurück. »Ist nicht eben jemand fortgegangen?« fragte
er den Portier, der gleichzeitig Kellner und Hausbursche war.
72

»Nur Sie!« Der Portier starrte ihn an. Er wartete darauf, daß
Kern über seinen Witz in ein fassungsloses Gelächter ausbrechen
sollte.
Kern lachte nicht. »Ein Mädchen meine ich«, sagte er. »Eine
junge Dame.«
»Hier wohnen keine Damen«, erwiderte der Portier mürrisch.
Er war beleidigt, weil er seinen Geist verschwendet hatte. »Nur
Frauen.«
»Also ist niemand hinausgegangen?«
»Sind Sie von der Polizei, daß Sie das so genau wissen müssen?«
Der Portier war jetzt offen feindlich.
Kern sah ihn erstaunt an. Er verstand nicht, was der Mann
hatte. Den Witz hatte er gar nicht bemerkt. Er holte ein Päckchen
Zigaretten aus der Tasche und bot sie dem Portier an.
»Danke«, erwiderte der frostig. »Ich rauche was Besseres.«
»Das glaube ich.«
Kern steckte die Zigaretten wieder ein. Er blieb noch einen
Augenblick stehen und überlegte. Das Mädchen mußte noch
im Hotel sein. Wahrscheinlich war sie dann in der Halle. Er ging
zurück.
Die Halle war ein schmaler, langer Raum, mit einer zementierten Terrasse davor. Sie führte in einen ummauerten Garten, in
dem ein paar Fliederbüsche standen.
Kern blickte durch die Glastür. Er sah das Mädchen an einem
Tisch sitzen. Es hatte die Ellenbogen aufgestützt und las. Außer
ihm war niemand in der Halle. Kern konnte nicht anders; er
öffnete die Tür und trat ein.
Das Mädchen blickte auf, als es die Tür hörte. Kern wurde
befangen. »Guten Abend«, sagte er zögernd.
Das Mädchen sah ihn an. Dann nickte es und las weiter.
Kern setzte sich in eine Ecke des Zimmers. Nach einer Weile
73

stand er auf und holte sich ein paar Zeitungen. Er kam sich
plötzlich ziemlich lächerlich vor und wäre gern schon wieder
draußen gewesen. Aber es erschien ihm fast unmöglich, jetzt
sofort wieder aufzustehen und hinauszugehen.
Er faltete die Zeitungen auseinander und begann zu lesen. Nach
einiger Zeit sah er, wie das Mädchen nach seiner Handtasche
griff und sie öffnete. Es nahm ein silbernes Zigarettenetui heraus
und klappte es auf. Dann klappte es das Etui wieder zu, ohne eine
Zigarette zu nehmen, und schob es zurück in die Tasche.
Kern legte die Zeitung rasch beiseite und stand auf. »Ich sehe,
daß Sie Ihre Zigaretten vergessen haben«, sagte er. »Kann ich
Ihnen aushelfen?«
Er zog sein Paket hervor. Er hätte viel darum gegeben, wenn
er jetzt ein Etui gehabt hätte. Das Paket war zerdrückt und an
den Enden eingerissen. Er hielt es dem Mädchen hin. »Ich weiß
allerdings nicht, ob Sie diese Sorte mögen. Der Portier hat sie
vorhin abgelehnt. Sie waren ihm zu schlecht.«
Das Mädchen blickte auf die Marke. »Ich rauche die gleichen«,
sagte sie.
Kern lachte. »Es sind die billigsten, die es gibt. Das ist schon fast
dasselbe, als hätte man sich seine Lebensgeschichte erzählt.«
Das Mädchen sah ihn an. »Ich glaube, das Hotel erzählt sie
ohnehin.«
»Das ist wahr.«
Kern zündete ein Streichholz an und gab dem Mädchen Feuer.
Das schwache, rötliche Licht beleuchtete ein schmales, bräunliches Gesicht mit starken, dunklen Augenbrauen. Die Augen
waren groß und klar und der Mund voll und weich. Kern hätte
nicht sagen können, ob das Mädchen schön war und ob sie ihm
gefiel; er hatte nur das sonderbare Gefühl einer leisen und fernen
Verbundenheit mit ihr – seine Hand hatte auf ihrer Brust gelegen,
74

bevor er sie kannte. Er sah sie atmen; und plötzlich, obschon er
wußte, daß es töricht war, steckte er seine Hand in die Tasche.
»Sind Sie schon lange draußen?« fragte er.
»Zwei Monate.«
»Das ist nicht lange.«
»Es ist endlos.«
Kern blickte überrascht auf. »Sie haben recht«, sagte er dann.
»Zwei Jahre sind nicht lange. Aber zwei Monate sind endlos. Doch
das hat immerhin einen Vorteil: sie werden kürzer, je länger es
dauert.«
»Glauben Sie, daß es lange dauert?« fragte das Mädchen.
»Ich weiß es nicht. Darüber denke ich nicht mehr nach.«
»Ich immer.«
»Das tat ich auch, als ich zwei Monate draußen war.«
Das Mädchen schwieg. Es hielt den Kopf nachdenklich gesenkt
und rauchte langsam, in tiefen Zügen. Kern betrachtete das starke,
etwas gewellte schwarze Haar, von dem das Gesicht umrahmt
war. Er hätte gern etwas Besonderes, Geistvolles gesagt, aber ihm
fiel nichts ein. Er versuchte sich zu erinnern, wie die weltmännischen Helden mancher Bücher, die er gelesen hatte, in einer
ähnlichen Situation gehandelt hätten – doch sein Gedächtnis
war wie ausgetrocknet, und die Helden waren auch wohl nie in
einem Emigrantenhotel in Prag gewesen.
»Ist es nicht zu dunkel zum Lesen?« fragte er schließlich.
Das Mädchen fuhr zusammen, als wären seine Gedanken woanders gewesen. Dann klappte es das Buch, das vor ihm lag, zu.
»Nein. Ich will auch nicht mehr lesen. Es ist zwecklos.«
»Es lenkt einen manchmal ab«, sagte Kern. »Wenn ich irgendwo
einen Kriminalroman finde, lese ich ihn in einem Zuge durch.«
Das Mädchen lächelte müde. »Dies ist kein Kriminalroman. Es
ist ein Lehrbuch der anorganischen Chemie.«
75

»Ach so! Sie waren an der Universität?«
»Ja. In Würzburg.«
»Ich war in Leipzig. Ich hatte anfangs auch meine Lehrbücher
bei mir. Ich wollte nichts vergessen. Später habe ich sie dann
verkauft. Sie waren zu schwer zum Tragen, und ich habe mir
Toilettewasser und Seife dafür gekauft, um damit zu handeln.
Davon lebe ich jetzt.«
Das Mädchen sah ihn an. »Sie machen mir nicht gerade sehr
viel Mut.«
»Ich wollte Sie nicht mutlos machen«, sagte Kern rasch. »Bei mir
war das etwas ganz anderes. Ich hatte überhaupt keine Papiere.
Sie haben doch wahrscheinlich einen Paß.«
Das Mädchen nickte. »Einen Paß habe ich. Aber er läuft in
sechs Wochen ab.«
»Das macht nichts. Dann können Sie ihn sicher verlängern
lassen.«
»Ich glaube nicht.«
Das Mädchen stand auf.
»Wollen Sie nicht noch eine Zigarette rauchen?« fragte Kern.
»Nein, danke. Ich rauche viel zuviel.«
»Jemand hat mir einmal gesagt, eine Zigarette im richtigen
Augenblick wäre besser als alle Ideale der Welt.«
»Das stimmt.« Das Mädchen lächelte, und auf einmal erschien
sie Kern sehr schön. Er hätte viel darum gegeben, weiter mit ihr
zu sprechen, aber er wußte nicht, was er tun sollte, damit sie
noch bliebe.
»Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann«, sagte er
schnell, »ich würde es gern tun. Ich kenne das hier in Prag. Ich
war schon zweimal hier. Ich heiße Ludwig Kern und wohne in
dem Zimmer rechts neben Ihnen.«
Das Mädchen sah ihn mit einem raschen Blick an. Kern glaubte
76

schon, alles verraten zu haben. Aber sie gab ihm unbefangen die
Hand. Er spürte einen festen Druck. »Ich will Sie gern fragen,
wenn ich etwas nicht weiß«, sagte sie. »Danke vielmals.«
Sie nahm ihre Bücher vom Tisch und ging die Treppe hinauf.
Kern blieb noch eine Weile in der Halle sitzen. Er wußte plötzlich alles, was er hätte sagen sollen.
»NOCH EINMAL, STEINER«, sagte der Falschspieler. »Weiß der
Himmel, ich bin nervöser für Ihr Debüt in der Quetsche drüben,
als wenn ich selbst im Jockeiklub spiele.«
Sie saßen in der Bar, und Fred machte Generalprobe mit Steiner.
Er wollte ihn in einer Kneipe in der Nähe zum erstenmal gegen
ein paar kleinere Falschspieler loslassen. Steiner sah darin den
einzigen Weg, um vielleicht zu Geld zu kommen -von Diebstahl
und schwerem Raub abgesehen.
Sie übten etwa eine halbe Stunde den Trick mit den Assen. Dann
war der Taschendieb zufrieden und stand auf. Er war im Smoking.
»Ich muß jetzt los. Oper. Große Premiere. Die Lehmann singt. Bei
wirklich großer Kunst ist immer was zu tun für uns. Macht die
Leute geistesabwesend, verstehen Sie?« Er gab Steiner die Hand.
»Übrigens – da fällt mir noch ein – wieviel Geld haben Sie?«
»Zweiunddreißig Schilling.«
»Das ist zuwenig. Die Brüder müssen größeres Geld sehen,
sonst beißen sie nicht an.« Er griff in die Tasche und zog einen
Hundertschillingschein heraus.
»Hier, damit zahlen Sie Ihren Kaffee; dann wird schon einer
kommen. Geben Sie das Geld dem Wirt zurück für mich; er
kennt mich. Und nun: kurz spielen und aufpassen, wenn die vier
Damen kommen! Hals- und Beinbruch!«
Steiner nahm den Schein. »Wenn ich das Geld verliere, kann
ich es Ihnen nie zurückgeben.«
77

Der Taschendieb zuckte die Achseln. »Dann ist es eben weg.
Künstlerpech. Aber Sie werden es nicht verlieren. Ich kenne die
Leute. Einfache Bauernfänger. Keine Klasse. Sind Sie nervös?«
»Ich glaube nicht.«
»Auch dann haben Sie noch eine Chance. Die drüben wissen
nicht, daß Sie was wissen. Bis sie es merken, sind sie schon eingeseift und können nicht mehr viel machen. Also Servus.«
»Servus.«
Steiner ging zu der Kneipe hinüber. Er überlegte unterwegs,
daß es sonderbar war: kein anderer Mensch hätte ihm auch nur
ein Viertel des Geldes anvertraut, das ihm der Falschspieler bedenkenlos gegeben hatte. Immer dasselbe. Gott sei Dank!
Im vorderen Raum der Kneipe waren ein paar Tarockpartien im
Gang. Steiner setzte sich ans Fenster und bestellte einen Schnaps.
Umständlich zog er seine Brieftasche, in die er noch ein paar
Bogen Papier gesteckt hatte, damit sie voller aussah, und zahlte
mit dem Hunderter.
Eine Minute später sprach ihn ein schmächtiger Mann an und
forderte ihn auf, bei einem kleinen Poker mitzuspielen. Steiner
lehnte gelangweilt ab. Der Mann redete ihm zu.
»Ich habe zuwenig Zeit«, erklärte Steiner. »Höchstens eine halbe
Stunde, das ist zum Spielen doch zuwenig.«
»Aber wo, aber wo!« Der Schmächtige zeigte ein sehr schadhaftes Gebiß. »In einer halben Stunde hat schon mancher sein
Glück gemacht, Herr Nachbar!«
Steiner sah die beiden andern am Nebentisch an. Einer hatte
ein dickes Gesicht und eine Glatze, der andere war schwarz,
stark behaart und hatte eine zu große Nase. Beide blickten ihn
gleichgültig an. »Wenn es wirklich nur für eine halbe Stunde
ist«, sagte Steiner scheinbar zögernd, »könnte man es ja mal
versuchen.«
78

»Aber natürlich, natürlich«, erwiderte der Schmächtige herzlich.
»Und ich kann aufhören, wann ich will?«
»Aber klar, Herr Nachbar, wann Sie wollen.«
»Auch wenn ich gewonnen habe.«
Die Lippen des Dicken am Tisch verzogen sich etwas. Er sah
zu dem Schwarzen hinüber: da schien man ein richtiges Spießbürgerhühnchen im Netz zu haben. »Aber gerade, dann gerade,
Herr Nachbar!« meckerte der Schmächtige fröhlich.
»Also gut.«
Steiner setzte sich an den Tisch. Der Dicke mischte und gab.
Steiner gewann ein paar Schilling. Als er selbst mischte, fühlte
er die Kartenränder ab. Dann mischte er noch einmal, hob für
sich an der Stelle ab, wo er etwas spürte, bestellte einen Sliwowitz,
blickte dabei unter den oberen Pack und sah, daß es die Könige
waren, die etwas beschnitten waren. Dann mischte er wieder
gut und gab.
Nach einer Viertelstunde hatte er ungefähr dreißig Schilling
gewonnen. »Ganz gut!« meckerte der Schmächtige. »Wollen wir
nicht mal etwas höher ’rangehen?«
Steiner nickte. Er gewann auch den nächsten Satz, der höher
gereizt war. Dann gab der Dicke. Er hatte rosa Patschhändchen,
die eigentlich zu klein für die Volte waren. Steiner sah, daß er
sie trotzdem sehr geschickt machte. Er hob seine Karten auf. Er
hatte drei Damen.
»Wieviel?« fragte der Dicke und kaute an seiner Zigarre.
»Vier«, sagte Steiner. Er merkte, daß der Dicke stutzte, denn er
hätte nur zwei Karten kaufen dürfen. Der Dicke schob ihm vier hin.
Steiner sah, daß die erste die vierte, fehlende Dame war. Er hatte natürlich jetzt kein Blatt und warf mit einem »Verdammt! Verkauft!«
die Karten hin. Die andern drei sahen sich an und paßten auch.
79

Steiner wußte, daß er nur etwas machen konnte, wenn er selbst
gab. Seine Chancen standen dadurch eins zu drei. Der Taschendieb hatte recht gehabt. Er mußte rasch handeln, ehe die andern
zuviel merkten.
Er machte den As-Trick, aber nur einfach. Der Säugling spielte
gegen ihn und verlor. Steiner sah nach der Uhr. »Ich muß fort.
Letzte Runde.«
»Na, na, Herr Nachbar!« meckerte der Kleine. Die andern
beiden sagten nichts.
Beim nächstenmal hatte Steiner vier Damen im ersten Blatt.
Er kaufte eine Karte hinzu. Eine Neun. Der behaarte Schwarze
kaufte zwei Karten. Steiner sah, daß der Schmächtige sie mit einer
Schleuderbewegung der Hand von unten her gab. Er wußte Bescheid, reizte aber trotzdem bis zu zwanzig Schilling mit und gab
dann auf. Der Schwarze schoß ihm einen Blick zu und kassierte
den Pott. »Was haben Sie denn für eine Karte gehabt?« bellte der
Schmächtige und warf rasch Steiners Blatt um. »Vier Damen! Und
da passen Sie, Mann Gottes? Da war doch alles Geld der Welt drin!
Was haben Sie denn gehabt?« fragte er den Schwarzen.
»Drei Könige«, sagte der mit schiefem Gesicht.
»Na, sehen Sie! Sehen Sie! Da hätten Sie doch gewonnen,
Herr Nachbar! Wie hoch wären Sie gegangen mit den drei Königen?«
»Mit drei Königen reize ich bis zum Mond hoch«, erwiderte
der Schwarze ziemlich finster.
»Ich habe mich versehen«, sagte Steiner. »Dachte, ich hätte nur
drei Damen. Habe die eine für einen Buben gehalten.«
»So was!«
Der Schwarze gab. Steiner bekam drei Könige und kaufte den
vierten hinzu. Er reizte fünfzehn Schilling, dann paßte er. Der
Säugling zog schlürfend die Luft ein. Steiner hatte ungefähr
80

neunzig Schilling gewonnen, und es gab nur noch zwei Spiele.
»Was haben Sie denn gehabt, Herr Nachbar?«
Der Schmächtige versuchte rasch, die Karten umzuwerfen. Steiner schlug ihm die Hand weg. »Ist das hier Mode?« fragte er.
»Na, entschuldigen Sie nur. Man ist doch neugierig.«
Beim nächsten Spiel verlor Steiner acht Schilling. Weiter ging
er nicht. Dann nahm er die Karten und mischte. Er hatte genau
achtgegeben und mischte die Könige unter das Spiel, so daß
er von unten her sie dem Dicken austeilen konnte. Es klappte.
Der Schwarze ging zum Schein beim Reizen mit, der Dicke verlangte eine Karte. Steiner gab ihm den letzten König. Der Dicke
schlürfte und wechselte mit den anderen einen Blick. Diesen
Moment benutzte Steiner für den Trick mit den Assen. Er warf
drei seiner Karten weg und gab sich die beiden letzten Asse, die
jetzt oben lagen.
Der Dicke fing an zu bieten. Steiner legte seine Karten hin und
ging zögernd mit. Der Schwarze verdoppelte. Bei hundertzehn
Schilling schied er aus. Der Dicke trieb das Spiel auf hundertfünfzig. Steiner hielt es. Er war nicht ganz sicher. Daß der Dicke
vier Könige hatte, wußte er. Nur die letzte Karte kannte er nicht.
Wenn es der Joker war, war Steiner verloren.
Der Schmächtige zappelte auf seinem Sitz. »Darf man mal
sehen?« Er wollte nach Steiners Karten greifen.
»Nein.« Steiner legte die Hand auf seine Karten. Er war erstaunt
über diese naive Frechheit. Der Schmächtige hätte sofort dem
Dicken Steiners Blatt mit dem Fuß telegrafiert.
Der Dicke wurde unsicher. Steiner war so vorsichtig bisher
gewesen, daß er ein schweres Blatt haben mußte. Steiner merkte
es und erhöhte schärfer. Bei hundertachtzig hörte der Dicke auf.
Er legte vier Könige auf den Tisch. Steiner atmete auf und drehte
seine vier Asse um.
81

Der Schmächtige stieß einen Pfiff aus. Dann wurde es sehr still,
während Steiner das Geld einsteckte.
»Wir spielen noch eine Runde«, sagte plötzlich der Schwarze
hart.
»Tut mir leid«, sagte Steiner.
»Wir spielen noch eine Runde«, wiederholte der Schwarze und
schob das Kinn vor.
Steiner stand auf. »Das nächstemal.«
Er ging zur Theke und zahlte. Dann schob er dem Wirt eine
zusammengefaltete Hundertschillingnote hin. »Geben Sie das
bitte Fred.«
Der Wirt hob überrascht die Brauen. »Fred?«
»Ja.«
»Gut.« Der Wirt grinste, »’reingefallen, die Brüder! Wollten
einen Schellfisch fangen und sind an einen Hai gekommen.«
Die drei standen an der Tür. »Wir spielen noch eine Runde«, sagte
der Schwarze und versperrte den Ausgang. – Steiner sah ihn an.
»So geht das nicht, Herr Nachbar«, meckerte der Schmächtige.
»Ausgeschlossen, Sir!«
»Wir brauchen uns wohl nichts vorzumachen«, sagte Steiner.
»Krieg ist Krieg. Man muß auch mal verlieren können.«
»Wir nicht«, erwiderte der Schwarze. »Wir spielen noch eine
Runde.«
»Oder Sie geben ’raus, was Sie gewonnen haben«, fügte der
Dicke hinzu.
Steiner schüttelte den Kopf. »Es war ein ehrliches Spiel«, sagte
er mit einem ironischen Lächeln. »Sie wußten, was Sie wollten,
und ich wußte, was ich wollte. Guten Abend.«
Er versuchte, zwischen dem Schwarzen und dem Schmächtigen hindurchzukommen. Dabei fühlte er die Muskelstränge des
Schwarzen.
82

In diesem Augenblick kam der Wirt. »Keinen Radau in meinem
Lokal, meine Herren!«
»Ich will auch keinen«, sagte Steiner. »Ich will gehen.«
»Wir gehen mit«, sagte der Schwarze.
Der Schmächtige und der Schwarze gingen voran, dann kam
Steiner und hinter ihm der Dicke. Steiner wußte, daß nur der
Schwarze gefährlich war. Es war ein Fehler, daß er voranging. Im
Moment, als er die Tür passierte, trat Steiner nach hinten aus, dem
Dicken in den Bauch, und schlug dem Schwarzen die geballte
Faust mit aller Kraft wie einen Hammer ins Genick, so daß er die
Stufen hinunter gegen den Schmächtigen taumelte. Mit einem
Satz sprang er dann hinaus und raste die Straße entlang, ehe die
andern sich erholt hatten. Er wußte, daß es seine einzige Chance
war, denn auf der Straße hätte er gegen drei Mann nichts mehr
machen können. Er hörte Geschrei und sah sich im Laufen um
– aber niemand folgte ihm. Sie waren zu überrascht gewesen.
Er ging langsamer und kam allmählich in belebtere Straßen.
Vor dem Spiegel eines Modegeschäftes blieb er stehen und sah
sich an. Falschspieler und Betrüger, dachte er. Aber ein halber
Paß … Er nickte sich zu und ging weiter.

5

Kern saß auf der Mauer des alten jüdischen Friedhofs und
zählte im Schein einer Straßenlaterne sein Geld. Er hatte
den ganzen Tag in der Gegend des Heiligenkreuzberges gehandelt. Es war ein armes Viertel; – aber Kern wußte, daß Armut
mildtätig ist und nicht nach Polizei ruft. Er hatte achtundreißig
Kronen verdient. Es war ein guter Tag gewesen.
Er steckte sein Geld ein und versuchte, auf dem verwitterten Grabstein, der schief neben ihm an der Mauer lehnte,
den Namen zu entziffern. »Rabbi Israel Löw«, sagte er dann,
»gestorben in verwischten Zeiten, sicher hochgelehrt einst
und nun ein bißchen Knochenerde da unten – was meinst du,
was soll ich jetzt tun? Nach Hause gehen, zufrieden sein oder
versuchen, zu spekulieren und auf fünfzig Kronen Verdienst
zu kommen?«
Er zog ein Fünfkronenstück hervor. »Es ist dir ziemlich gleichgültig, Alter, was? Fragen wir also das Schicksal der Emigranten,
den Zufall. Kopf ist Zufriedenheit, Schrift Weiterhandeln.«
Er wirbelte das Geldstück hoch und fing es auf. Es rollte aus
seiner Hand und fiel auf das Grab. Kern kletterte über die Mauer
und hob es vorsichtig hoch. »Schrift! Auf deinem Grab! Du selbst
rätst mir also ebenfalls dazu, Rabbi! Dann aber los!« Er ging auf
das nächste Haus zu, als wollte er eine Festung stürmen.
Im Parterre öffnete niemand. Kern wartete eine Zeitlang, dann
stieg er die Treppen hinauf. In der ersten Etage kam ein hübsches
Dienstmädchen heraus. Es sah seine Tasche, verzog die Lippen
und machte schweigend die Tür wieder zu.
Kern stieg zur zweiten Etage empor. Nach zweimaligem Klingeln erschien dort ein Mann mit offenstehender Weste in der
Tür. Kern hatte kaum angefangen zu sprechen, als der Mann ihn
empört unterbrach. »Toilettewasser? Parfüm? So eine Frechheit!
Können Sie nicht lesen, Mensch? Mir, dem Generalvertreter von
84

Andrea-Parfümerieartikeln, ausgerechnet mir wagen Sie Ihren
Mist anzubieten? ’raus!«
Er schmiß die Tür zu. Kern zündete ein Streichholz an und
studierte das Messingschild an der Tür. Es war Tatsache; Josef
Schimek handelte selbst en gros mit Parfüm, Toilettewasser und
Seife. Kern schüttelte den Kopf. »Rabbi Israel Löw«, murmelte er.
»Was heißt das? Sollten wir uns mißverstanden haben?«
Er klingelte in der dritten Etage. Eine freundliche, dicke Frau
öffnete. »Kommen Sie nur herein«, sagte sie gutmütig, als sie
ihn sah. »Deutscher, nicht wahr? Flüchtling? Kommen Sie nur
herein!«
Kern folgte ihr in die Küche. »Setzen Sie sich«, sagte die Frau,
»Sie sind doch sicher müde.«
»Nicht sehr.«
Es war das erstemal in Prag, daß man Kern einen Stuhl anbot.
Er nutzte die seltene Gelegenheit aus und setzte sich. Entschuldige, Rabbi, dachte er, ich war voreilig. Entschuldige, ich bin jung,
Rabbi Israel. Dann packte er seine Tasche aus.
Die dicke Frau stand behäbig, mit über dem Magen gekreuzten
Armen, vor ihm und sah ihm zu. »Ist das Parfüm?« fragte sie und
zeigte auf eine kleine Flasche.
»Ja.« Kern hatte eigentlich erwartet, daß sie sich für Seife interessieren würde. Er hielt die Flasche hoch wie einen kostbaren
Edelstein. »Das hier ist das berühmte Farr-Parfüm der Firma
Kern. Etwas ganz Besonderes! Nicht so eine Lauge wie zum
Beispiel die Produkte der Andreawerke, die Herr Schimek unter
uns vertritt.«
»Soso …«
Kern öffnete die Flasche und ließ die Frau riechen. Dann nahm
er ein Glasstäbchen und strich es über ihre fette Hand. »Versuchen Sie selbst …«
85

Die Frau schnupperte ihre Hand ab und nickte. »Scheint gut
zu sein. Aber haben Sie nur so kleine Flaschen?«
»Hier ist eine größere. Dann habe ich noch eine, die ist sehr
groß. Die hier. Sie kostet allerdings vierzig Kronen.«
»Das macht nichts. Die große ist richtig, die behalte ich.«
Kern glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Das waren
bare achtzehn Kronen Verdienst. »Wenn Sie die große Flasche
nehmen, gebe ich Ihnen noch ein Stück Mandelseife gratis dazu«,
erklärte er begeistert.
»Schön, Seife kann man immer gebrauchen.«
Die Frau nahm die Flasche und die Seife und ging in ein Nebenzimmer. Kern packte inzwischen seine Sachen wieder ein. Aus
der halboffenen Tür drang der Geruch von gekochtem Fleisch. Er
beschloß, sich nachher ein erstklassiges Abendessen zu gönnen.
Die Suppe aus der Mensa am Wenzelsplatz machte nicht satt.
Die Frau kam zurück. »Also schönen Dank und auf Wiedersehen«, sagte sie freundlich. »Hier haben Sie auch ein Butterbrot
auf den Weg!«
»Danke.« Kern blieb stehen und wartete.
»Ist noch was?« fragte die Frau.
»Ja, natürlich,« Kern lachte, »Sie haben mir das Geld noch
nicht gegeben.«
»Das Geld? Was für Geld?«
»Die vierzig Kronen«, sagte Kern erstaunt.
»Ach so! Anton!« rief die Frau ins Nebenzimmer hinein.
»Komm doch mal her! Hier fragt einer nach Geld!«
Ein Mann in Hosenträgern kam aus dem Nebenzimmer. Er
wischte sich den Schnurrbart und kaute. Kern sah, daß er über
dem verschwitzten Hemd eine Hose mit Litzen trug, und eine
böse Ahnung stieg plötzlich in ihm auf. »Geld?« fragte der Mann
heiser und bohrte in seinem Ohr.
86

»Vierzig Kronen«, erwiderte Kern. »Aber geben Sie mir lieber
einfach die Flasche zurück, wenn es Ihnen zuviel ist. Die Seife
können Sie dann behalten.«
»Soso!« Der Mann kam näher heran. Er roch nach altem
Schweiß und gekochtem frischem Schweinebauch. »Komm mal
mit, mein Sohn!« Er ging und öffnete die Tür zum Nebenzimmer
weiter. »Kennst du das da?« Er zeigte auf einen Uniformrock, der
über einem Stuhl hing. »Soll ich das mal anziehen und mit dir
zur Polizei gehen?«
Kern trat einen Schritt zurück. Er sah sich bereits vierzehn
Tage im Gefängnis wegen verbotenen Handels. »Ich habe eine
Aufenthaltserlaubnis«, sagte er so gleichgültig, wie er konnte.
»Ich kann sie Ihnen zeigen.«
»Zeig mir lieber deine Arbeitserlaubnis«, erwiderte der Mann
und starrte Kern an. »Die habe ich im Hotel.«
»Dann können wir ja mal zum Hotel gehen. Oder soll die Flasche nicht doch lieber ein Geschenk sein, wie?«
»Meinetwegen.« Kern sah sich nach der Tür um.
»Hier, nehmen Sie doch Ihr Butterbrot mit«, sagte die Frau mit
breitem Lächeln.
»Danke, das brauche ich nicht.« Kern öffnete die Tür.
»Sieh einer an! Undankbar ist er auch noch!«
Kern schlug die Tür hinter sich zu und ging rasch die Treppen
hinunter. Er hörte nicht das donnernde Gelächter, das seiner
Flucht folgte. »Großartig, Anton!« prustete die Frau. »Hast du
gesehen, wie er türmte? Als wenn er Bienen in der Hose hätte.
Noch schneller als der alte Jude heute nachmittag. Der hat dich
bestimmt für ’n Polizeihauptmann gehalten und sah sich schon
im Kasten!«
Anton schmunzelte. »Haben eben alle Angst vor jeder Uniform! Selbst wenn sie einem Briefträger gehört. Unser Vorteil!
87

Wir leben nicht schlecht von den Emigranten, was?« Er griff der
Frau an die Brüste.
»Das Parfüm ist gut.« Sie drängte sich an ihn. »Besser als das
Haarwasser von dem alten Juden heute nachmittag.«
Anton zog sich die Hose hoch. »Da schmiere dich heute Abend
damit ein; dann habe ich eine Gräfin im Bett. Ist noch Fleisch
im Topf?«
Kern stand auf der Straße. »Rabbi Israel Löw«, sagte er ziemlich
jämmerlich zum Friedhof hinüber. »Sie haben mich ’reingelegt.
Vierzig Kronen. Dreiundvierzig sogar mit dem Stück Seife. Das
sind vierundzwanzig Nettoverlust.«
Er ging zum Hotel zurück. »War jemand für mich da?« fragte
er den Portier.
Der schüttelte den Kopf. »Kein Mensch.«
»Bestimmt nicht?«
»Nein. Nicht mal der Präsident der Tschechoslowakei.«
»Auf den warte ich auch nicht«, sagte Kern.
Er stieg die Treppen hinauf. Es war sonderbar, daß er von seinem Vater nichts hörte. Vielleicht war er wirklich nicht da; oder
er war inzwischen von der Polizei gefaßt worden.
Er beschloß, noch ein paar Tage zu warten und dann noch
einmal in die Wohnung der Frau Ekowski zu gehen.
Oben in seinem Zimmer traf er den Mann, der nachts schrie.
Er hieß Rabe. Er war gerade dabei sich auszuziehen.
»Wollen Sie schon zu Bett?« fragte Kern. »Vor neun schon?«
Rabe nickte. »Es ist das Vernünftigste für mich. Ich schlafe
dann bis zwölf. Das ist die Zeit, wo ich jede Nacht hochfahre. Um
Mitternacht kamen sie gewöhnlich, wenn man im Bunker saß.
Dann setze ich mich zwei Stunden ans Fenster. Hinterher nehme
ich ein Schlafmittel. So komme ich ganz gut durch.«
Er stellte ein Glas Wasser neben sein Bett. »Wissen Sie, was mich
88

am meisten beruhigt, wenn ich nachts am Fenster sitze? Ich sage
mir Gedichte auf. Alte Gedichte aus der Schule.«
»Gedichte?« fragte Kern erstaunt.
»Ja, ganz einfache. Zum Beispiel dieses, das man abends bei
Kindern singt:
Müde bin ich, geh’ zur Ruh,
Schließe meine Augen zu,
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein.
Hab ich Unrecht heut getan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut
Machen alle Sünden gut…«
Er stand in seinem weißen Unterzeug wie ein müdes, freundliches Gespenst im halbdunklen Zimmer und sprach die Verse des
Wiegenliedes langsam, mit monotoner Stimme vor sich hin, die
erloschenen Augen in die Nacht vor dem Fenster gerichtet.
»Es beruhigt mich«, wiederholte er dann und lächelte. »Ich
weiß nicht, wie es kommt, aber es beruhigt mich.«
»Kann sein«, sagte Kern.
»Es klingt verrückt, aber es beruhigt mich wirklich. Ich fühle
mich dann still und als wäre ich irgendwo zu Hause.«
Kern wurde unbehaglich zumute. Er spürte etwas wie eine
Gänsehaut. »Ich kann keine Gedichte auswendig«, sagte er. »Ich
habe alles vergessen. Mir ist, als wäre es eine Ewigkeit her, seit
ich in der Schule war.«
»Ich wußte es auch nicht mehr. Aber jetzt auf einmal kann ich
mich an alles erinnern.«
89

Kern nickte. Dann stand er auf. Er wollte aus dem Zimmer
’raus. Rabe konnte dann schlafen, und er brauchte nicht mehr
an ihn zu denken.
»Wenn man nur wüßte, was man abends machen soll!« sagte er.
»Abends, das ist immer das Verfluchte. Zu lesen habe ich schon
lange nichts mehr. Und unten zu sitzen und zum hundertsten
Male darüber zu reden, wie schön es in Deutschland war, und
wann es wohl anders werden wird, dazu habe ich auch keine
Lust.«
Rabe setzte sich auf sein Bett. »Gehen Sie ins Kino. Das ist das
beste, um einen Abend ’rumzukriegen. Man weiß nachher nicht
mehr, was man gesehen hat; aber man hat wenigstens an nichts
gedacht.«
Er zog die Strümpfe aus. Kern sah ihm nachdenklich zu.
»Kino«, sagte er. Ihm fiel ein, daß er vielleicht das Mädchen von
nebenan dazu einladen könnte. »Kennen Sie die Leute hier im
Hotel?« fragte er.
Rabe legte die Strümpfe auf einen Stuhl und bewegte seine
nackten Zehen. »Ein paar. Warum?« Er blickte seine Zehen an,
als hätte er sie noch nie gesehen.
»Hier nebenan die?«
Rabe dachte nach. »Da wohnt die alte Schimanowska. Sie war
vor dem Kriege eine berühmte Schauspielerin.«
»Die meine ich nicht.«
»Er meint Ruth Holland, ein junges, hübsches Mädchen«, sagte
der Mann mit der Brille, der als dritter im Zimmer wohnte. Er
hatte schon eine Weile in der Tür gestanden und zugehört. Er
hieß Marill und war ehemaliger Reichstagsabgeordneter. »Nicht
wahr, Kern, Don Juan, so ist es doch?«
Kern errötete.
»Sonderbar«, fuhr Marill fort. »Bei den natürlichsten Sachen
90

errötet der Mensch. Bei den gemeinen nie. Wie war das Geschäft
heute, Kern?«
»Eine glatte Katastrophe. Ich habe bares Geld verloren.«
»Dann geben Sie noch was dazu. Das ist das beste Mittel, keine
Komplexe zu bekommen.«
»Ich bin gerade dabei«, sagte Kern. »Ich will ins Kino gehen.«
»Bravo. Mit Ruth Holland, nehme ich an, nach Ihrer vorsichtigen Fragerei.«
»Ich weiß nicht. Ich kenne sie ja nicht.«
»Man kennt die meisten Menschen nicht. Irgendwann muß
man einmal damit anfangen. Immer los, Kern. Mut ist der schönste Schmuck der Jugend.«
»Glauben Sie, daß sie mitgehen wird?«
»Natürlich. Das ist einer der Vorteile unseres beschissenen
Lebens. Zwischen Angst und Langerweile ist jeder dankbar,
wenn man ihn ablenkt. Also keine falsche Scham! Losgebraust
und nicht gezittert!«
»Gehen Sie ins Rialto«, sagte Rabe aus seinem Bett heraus. »Da
spielen sie Marokko. Ich habe gefunden, je fremder die Länder
sind, desto besser wird man abgelenkt.«
»Marokko ist immer gut«, erklärte Marill. »Auch für junge
Mädchen.«
Rabe packte sich seufzend in seine Decke. »Manchmal wollte
ich, ich könnte zehn Jahre durchschlafen!«
»Möchten Sie dann auch zehn Jahre älter sein?« fragte Marill.
Rabe sah ihn an. »Nein«, sagte er. »Dann wären meine Kinder
ja schon erwachsen.«
KERN KLOPFTE AN die Tür nebenan. Eine Stimme von drinnen
antwortete etwas. Er öffnete die Tür und blieb sofort stehen. Er
hatte der Schimanowska ins Auge geblickt.
91

Sie hatte ein Gesicht wie eine Schleiereule. Die wulstigen Falten waren dicht mit weißem Puder überdeckt und wirkten wie
eine gebirgige Schneelandschaft. Tief darin, wie Löcher, saßen
die schwarzen Augen. Sie starrte Kern an, als wollte sie ihm im
nächsten Auenblick mit ihren Krallen ins Gesicht fliegen. In den
Händen hielt sie einen zinnoberroten Schal, in dem ein paar
Stricknadeln steckten. Plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht. Kern
dachte schon, sie würde auf ihn losstürzen, aber auf einmal glitt
eine Art von Lächeln über ihre Züge. »Was wollen Sie, mein junger Freund?« fragte sie mit pathetischer, tiefer Theaterstimme.
»Ich möchte mit Fräulein Holland sprechen.« Das Lächeln
verschwand wie weggewischt. »Ach so.« Die Schimanowska
blickte Kern verächtlich an und begann, heftig mit ihren Nadeln
zu klappern.
Ruth Holland hockte auf ihrem Bett. Sie hatte gelesen. Kern
sah, daß es das Bett war, an dem er nachts gestanden hatte. Er
fühlte plötzlich eine Wärme hinter seiner Stirn. »Kann ich Sie
etwas fragen?« sagte er.
Das Mädchen stand auf und ging mit ihm auf den Korridor.
Die Schimanowska ließ ihnen ein Schnauben wie von einem
verwundeten Pferd folgen.
»Ich wollte Sie fragen, ob Sie mit ins Kino wollen«, sagte Kern
draußen. »Ich habe zwei Karten«, log er hinzu.
Ruth Holland sah ihn an.
»Oder haben Sie etwas anderes vor? Es kann ja sein …«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe nichts vor.«
»Dann kommen Sie doch mit! Wozu wollen Sie den ganzen
Abend im Zimmer sitzen?«
»Daran bin ich schon gewöhnt.«
»Um so schlimmer. Ich war nach zwei Minuten schon froh,
wieder draußen zu sein. Ich dachte, ich würde aufgefressen.«
92

Das Mädchen lachte. Sie wirkte plötzlich sehr kindlich. »Die
Schimanowska sieht nur so aus. Sie hat ein gutes Herz.«
»Mag sein, aber das sitzt ihr nicht auf den Schultern. Der Film
fängt in’einer Viertelstunde an. Wollen wir gehen?«
»Gut«, sagte Ruth Holland, und es schien, als fasse sie damit
einen Entschluß.
An der Kasse ging Kern rasch voraus. »Einen Augenblick, ich
hole nur die Karten ab. Sie sind hier hinterlegt.«
Er kaufte zwei Billette und hoffte, daß sie nichts gemerkt hatte.
Es war ihm gleich darauf aber auch schon egal – die Hauptsache
war, daß sie neben ihm saß.
Der Saal wurde dunkel. Die Kasbah von Marrakesch erschien
auf der Leinwand, malerisch und von Sonne überflirrt, die Wüste
glänzte auf, und der eintönige Klang der Flöten und Tamburine
zitterte durch die heiße afrikanische Nacht …
Ruth Holland lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Die Musik fiel
über sie wie ein warmer Regen – ein warmer, eintöniger Regen,
aus dem sich quälend die Erinnerung hob …
Sie stand am Burggraben von Nürnberg. Es war April. Vor ihr
stand in der Dunkelheit der Student Herbert Billing, ein zerknülltes Zeitungsblatt in der Hand.
»Du verstehst, was ich meine, Ruth?«
»Ja, ich verstehe es, Herbert! Es ist leicht zu verstehen.«
Billing zerknitterte nervös das Exemplar des »Stürmer«.
»Mein Name als Judenknecht in der Zeitung! Als Rassenschänder! Das ist der Ruin, verstehst du?«
»Ja, Herbert.«
»Ich muß sehen, wie ich da ’rauskomme. Meine ganze Karriere steht auf dem Spiel. In der Zeitung, das liest jeder, verstehst
du?«
»Ja, Herbert. Mein Name steht auch in der Zeitung.«
93

»Das ist ganz was anderes! Was kann dir das ausmachen? Du
darfst doch sowieso nicht mehr zur Universität.«
»Du hast recht, Herbert.«
»Also Schluß, nicht wahr? Wir sind getrennt und haben nichts
mehr miteinander zu tun.«
»Nichts mehr. Und nun leb wohl.«
Sie drehte sich um und ging.
»Warte – Ruth – hör doch, einen Moment!«
Sie blieb stehen. Er kam heran. Sein Gesicht war so dicht vor
ihr in der Dunkelheit, daß sie seinen Atem spürte. »Hör zu«, sagte
er. »Wo gehst du jetzt hin?«
»Nach Hause.«
»Du brauchst doch nicht gleich …« Er atmete stärker. »Es
ist natürlich alles abgemacht, nicht wahr? Das bleibt dann so!
Aber du könntest doch … wir könnten … gerade heute abend
ist keiner bei mir zu Hause, verstehst du, und wir würden nicht
gesehen.« Er faßte nach ihrem Arm. »Wir brauchen uns ja nicht
gerade so zu trennen, so formell meine ich, wir könnten doch
noch einmal …«
»Geh!« sagte sie. »Sofort!«
»Aber sei doch vernünftig, Ruth.« Er nahm sie um die Schulter.
Sie sah das hübsche Gesicht, das sie geliebt und dem sie gedankenlos vertraut hatte. Dann schlug sie hinein. »Geh!« schrie sie,
während ihr die Tränen herunterstürzten. »Geh!«
Billing zuckte zurück. »Was? Schlagen? Mich schlagen? Du
dreckige Judensau willst mich schlagen?«
Er machte Miene, sich auf sie zu stürzen.
»Geh!« schrie sie gellend.
Er sah sich um. »Halt den Mund!« zischte er. »Willst mir wohl
noch Leute auf den Hals hetzen, was? Könnte dir so passen! Ich
gehe, jawohl, ich gehe! Gott sei Dank, daß ich dich los bin!«
94

»Quand l’amour meurt«, sang die Frau auf der Leinwand mit
ihrer dunklen Stimme durch den Lärm und Rauch des marokkanischen Cafés. Ruth Holland strich sich über die Stirn.
Das andere war wenig dagegen. Die Angst der Verwandten, bei
denen sie wohnte – das Drängen des Onkels, abzureisen, damit
er nicht hineingezogen würde – der anonyme Brief, in dem ihr
mitgeteilt wurde, wenn sie nicht in drei Tagen verschwunden sei,
werde man sie auf einem Wagen, mit Schildern auf Brust und
Rücken und abgeschnittenem Haar als Rassenschänderin durch
die Stadt führen – der Besuch am Grabe ihrer Mutter – der nasse
Morgen vor dem Kriegerdenkmal, von dem man den Namen ihres Vaters, der 96 in Flandern gefallen war, abgekratzt hatte, weil
er Jude war – und dann die hastige, einsame Fahrt mit den paar
Schmuckstücken ihrer Mutter über die Grenze nach Prag …
Die Flöten und Tamburine setzten auf der Leinwand wieder ein.
Darüber hinweg wehte der Marsch der Fremdenlegionäre -die
eiligen, erregenden Rufe der Clairons über den Kompanien der
in die Wüste ziehenden Kämpfer ohne Heimat und Vaterland.
Kern beugte sich zu Ruth Holland hinüber. »Gefällt es Ihnen?«
»Ja …«
Er griff in die Tasche und schob ihr eine kleine flache Flasche
hinüber. »Eau de Cologne«, flüsterte er. »Es ist heiß hier. Vielleicht
erfrischt es Sie etwas.«
»Danke.«
Sie schüttelte ein paar Tropfen auf ihre Hand. Kern sah nicht,
daß sie plötzlich Tränen in den Augen hatte.
»Danke«, sagte sie noch einmal.
STEINER SASS ZUM zweitenmal im Café Hellebarde. Er schob dem
Kellner einen Fünfschillingschein hin und bestellte einen Kaffee.
95

»Telefonieren?« fragte der Kellner.
Steiner nickte. Er hatte noch einige Male mit wechselndem
Glück in anderen Lokalen gespielt und besaß jetzt etwa fünfhundert Schilling.
Der Kellner legte ihm einen Pack Journale hin und ging. Steiner
griff nach einer Zeitung und begann zu lesen. Aber er legte sie
bald wieder beiseite; es interessierte ihn wenig,“ was in der Welt
los war. Für jemand, der unter Wasser schwamm, gab es nur eins:
wieder hochzukommen … es war ihm gleich, was die Fische für
Farben hatten.
Der Kellner brachte den Kaffee und stellte ein Glas Wasser dazu.
»Die Herren kommen in einer Stunde.«
Er blieb am Tisch stehen. »Schönes Wetter heute, was?« fragte
er nach einiger Zeit.
Steiner nickte und starrte auf die Wand, an der eine Aufforderung hing, durch Malzbiertrinken das Leben zu verlängern.
Der Kellner schlurfte hinter die Theke zurück. Nach einiger Zeit
brachte er auf einem Tablett ein zweites Glas Wasser heran.
»Bringen Sie mir lieber einen Kirsch«, sagte Steiner.
»Gut. Sofort.«
»Trinken Sie auch einen mit.«
Der Kellner verbeugte sich. »Danke, mein Herr. Sie haben
Verständnis für unsereins. Das findet man selten.«
»Ach wo!« erwiderte Steiner. »Ich langweile mich nur, das ist
alles.«
»Ich habe Leute gekannt, die sind schon auf schlechtere Ideen
gekommen, wenn sie sich gelangweilt haben«, sagte der Kellner.
Er trank und kratzte sich die Gurgel. »Mein Herr«, sagte er
dann vertraulich, »ich weiß doch, worum es sich bei Ihnen handelt – wenn ich Ihnen einen Rat geben dürfte, würde ich Ihnen
96

den toten Österreicher empfehlen. Es gibt ja auch noch tote
Rumänen, die sind sogar etwas billiger – aber wer kann schon
rumänisch?«
Steiner sah ihn scharf an.
Der Kellner ließ seine Gurgel im Stich und begann, sich den
Nacken zu reiben. Er kratzte dazu mit dem Fuß wie ein Hund.
»Am besten wäre natürlich ein Amerikaner oder ein Engländer«,
sagte er nachdenklich. »Aber wann stirbt schon mal ein Amerikaner in Österreich! Und wenn schon, vielleicht durch einen
Autounfall – wie kommt man an den Paß?«
»Ich glaube, ein deutscher ist besser als ein österreichischer«,
sagte Steiner. »Schlechter zu kontrollieren.«
»Das schon. Aber Sie kriegen keine Arbeitserlaubnis darauf.
Nur Aufenthalt. Mit einem toten Österreicher dagegen können
Sie überall in Österreich arbeiten.«
»Bis man erwischt wird.«
»Ja, natürlich! Aber wer wird in Österreich schon erwischt?
Höchstens der Falsche …«
Steiner mußte lachen. »Man kann auch mal der Falsche sein.
Es bleibt gefährlich.«
»Ach, wissen Sie, mein Herr«, sagte der Kellner, »gefährlich
soll’s auch sein, wenn man in der Nase bohrt.«
»Ja; aber darauf steht kein Zuchthaus.«
Der Kellner fing an, vorsichtig seine Nase zu massieren. Er
bohrte aber nicht. »Ich meine es gut, mein Herr«, sagte er. »Ich
habe hier meine Erfahrungen gesammelt. Ein toter Österreicher
ist noch das Reellste.«
GEGEN ZEHN UHR kamen die beiden Paßhändler. Einer von ihnen,
ein behender Mensch mit Vogelaugen, führte die Unterhaltung. Der
andere saß nur massig und aufgeschwemmt dabei und schwieg.
97

Der Redner zog einen deutschen Paß hervor. »Wir haben uns
bei unseren Geschäftsfreunden erkundigt. Sie können diesen Paß
auf Ihren eigenen Namen ausgestellt bekommen. Die Personalbeschreibung wird weggewaschen und Ihre eigene eingesetzt.
Bis auf den Geburtsort natürlich, da müssen Sie schon Augsburg
nehmen, weil die Stempel von dort sind. Das kostet allerdings
zweihundert Schilling mehr. Präzisionsarbeit, verstehen Sie?«
»Soviel Geld habe ich nicht«, sagte Steiner. »Ich lege auch keinen
Wert auf meinen Namen.«
»Dann nehmen Sie ihn so. Wir ändern nur die Fotografie. Den
kleinen Stempelrand, der über das Foto läuft, machen wir Ihnen
gratis dazu.«
»Nützt nichts. Ich will arbeiten. Mit dem Paß da bekomme ich
keine Arbeitserlaubnis.«
Der Redner zuckte die Achseln. »Dann bleibt nur der österreichische. Damit können Sie hier arbeiten.«
»Und wenn bei der Polizeibehörde angefragt wird, die ihn
ausgestellt hat?«
»Wer soll anfragen? Wenn Sie nichts ausfressen?«
»Dreihundert Schilling«, sagte Steiner.
Der Redner fuhr zurück. »Wir haben feste Preise«, erklärte er
beleidigt. »Fünfhundert, nicht einen Groschen darunter.«
Steiner schwieg.
»Bei dem deutschen hätte man was machen können, so was
kommt öfter vor. Aber ein österreichischer ist was Rares. Wann
hat ein Österreicher schon mal einen Paß? Im Lande braucht er
keinen, und wann reist er schon ins Ausland? Dazu noch bei der
Devisensperre! Fünfhundert ist geschenkt dafür.«
»Dreihundertfünfzig.«
Der Redner ereiferte sich. »Dreihundertfünfzig habe ich selbst
der Trauerfamilie gezahlt. Was meinen Sie, was für Arbeit dazu
98

gehört hat! Dazu die Provisionen und die Spesen. Pietät ist teuer, mein Herr! So frisch vom Grabe weg was zu bekommen, da
müssen Sie schön bare Pimperlinge auf den Tisch zählen! Nur
bares Geld trocknet die Tränen und läßt die Trauer zurücktreten!
Vierhundertfünfzig meinetwegen, gegen unsere Interessen, weil
Sie uns sympathisch sind.«
Sie einigten sich auf vierhundert. Steiner zog eine Fotografie
von sich aus der Tasche, die er in einem Automaten für einen
Schilling hatte machen lassen. Die beiden gingen damit los, und
eine Stunde später brachten sie den Paß zurück. Steiner bezahlte
ihn und steckte ihn ein.
»Viel Glück!« sagte der Redner. »Und noch einen Tip. Wenn er
abgelaufen ist, können wir ihn verlängern. Datum wegwaschen
und ändern. Sehr einfach. Die einzige Schwierigkeit sind die Visa.
Je später Sie weiche brauchen, um so besser – desto länger kann
man das Datum verschieben.«
»Das hätten wir doch jetzt schon tun können«, sagte Steiner.
Der Redner schüttelte den Kopf. »Besser für Sie so. Sie haben
so einen echten Paß, den Sie gefunden haben können. Eine Fotografie auszutauschen ist nicht so schlimm, wie etwas Schriftliches zu ändern. Und Sie haben ja ein Jahr Zeit. Da kann viel
passieren.«
»Hoffentlich.«
»Strenge Diskretion natürlich, nicht wahr? Unser aller Interesse.
Höchstens mal eine seriöse Empfehlung. Sie kennen ja den Weg.
Alsdann, guten Abend.«
»Guten Abend.«
»Strszecz miecze«, sagte der Schweiger.
»Er spricht nicht deutsch«, grinste der Redner auf einen Blick
Steiners. »Hat aber eine wunderbare Hand für Stempel. Streng
seriös natürlich.«
99

Steiner ging zum Bahnhof. Er hatte seinen Rucksack dort in der
Gepäckaufbewahrung gelassen. Am Abend vorher war er aus der
Pension ausgezogen. Die Nacht hatte er auf einer Bank in den
Anlagen geschlafen. Morgens hatte er sich in der Bahnhoftoilette
den Schnurrbart abrasiert und dann die Fotografie machen lassen. Eine wilde Genugtuung erfüllte ihn. Er war jetzt der Arbeiter
Johann Huber aus Graz.
Unterwegs blieb er stehen. Er hatte noch etwas zu regeln aus
der Zeit, als er Steiner hieß. Er ging zu einem Telefonautomaten
und suchte im Telefonbuch eine Nummer. »Leopold Schäfer«,
murmelte er, »Trautenaugasse siebenundzwanzig.« Der Name
hatte sich ins Gedächtnis eingebrannt.
Er fand die Nummer und rief an. Eine Frau meldete sich. »Ist
der Wachmann Schäfer zu Hause?« fragte er.
»Ja, ich will ihn gleich rufen.«
»Das ist nicht nötig«, erwiderte Steiner rasch. »Hier ist die
Polizeidirektion Elisabethpromenade. Um zwölf Uhr ist eine
Razzia. Der Wachmann Schäfer hat sich um dreiviertel zwölf
hier zu melden. Haben Sie verstanden?«
»Ja. Um dreiviertel zwölf.« – »Gut.« Steiner hängte ab.
Die Trautenaugasse war eine schmale, stille Straße, mit kahlen
Kleinbürgerhäusern. Steiner sah sich Haus Nummer siebenundzwanzig genau an. Es unterschied sich in nichts von den andern;
aber es erschien ihm besonders widerwärtig. Dann ging er ein
Stück zurück und wartete.
Der Wachmann Schäfer kam eilig und wichtig aus dem Haus
gepoltert. Steiner ging ihm so entgegen, daß er ihm an einer
dunklen Stelle begegnete. Dort rempelte er ihn mit einem mächtigen Schulterstoß an.
Schäfer taumelte. »Sind Sie besoffen, Mensch?« brüllte er. »Sehen
Sie nicht, daß Sie einen Beamten im Dienst vor sich haben?«
100

»Nein«, erwiderte Steiner. »Ich sehe nur einen jämmerlichen
Hurensohn! Einen Hurensohn, verstehst du?«
Schäfer war einen Moment sprachlos. »Mensch«, sagte er dann
leise. »Sie müssen verrückt sein! Das werden Sie mir büßen! Los,
mit zur Wache!«
Er versuchte, seinen Revolver zu ziehen. Steiner trat mit dem
Fuß gegen seinen Arm, trat blitzschnell heran und tat das Entehrendste, was es für einen Mann gibt; er schlug Schäfer mit der
flachen Hand links und rechts ins Gesicht.
Der Wachmann röchelte und sprang auf ihn los. Steiner wich
zur Seite und landete einen linken Schwinger auf Schäfers Nase,
die sofort blutete. »Hurensohn!« knurrte er. »Jammervoller
Scheißer! Feiges Aas!«
Er zerschlug ihm mit einem trockenen Geraden die Lippen und
fühlte die Zähne unter seinen Knöcheln knacken. Schäfer taumelte. »Hilfe!« schrie er dann mit einer fetten, hohen Stimme.
»Halt’s Maul!« knurrte Steiner und setzte einen scharfen Rechten aufs Kinn und gleich darauf die kurz geschlagene Linke genau
auf den Solarplexus. Schäfer gab einen froschähnlichen Laut von
sich und stürzte wie eine Säule zu Boden.
Ein paar Fenster wurden hell. »Was ist denn da schon wieder
los?« schrie eine Stimme.
»Nichts«, erwiderte Steiner aus dem Dunkel. »Nur ein Besoffener!«
»Der Teufel soll die Saufbrüder holen!« rief die Stimme ärgerlich. »Bringen Sie ihn doch zur Polizei!«
»Da soll er gerade hin!«
»Hauen Sie ihm vorher noch ein paar in das versoffene
Maul!«
Das Fenster klappte zu. Steiner grinste und verschwand um
die nächste Ecke. Er war sicher, daß Schäfer ihn mit seinem
101

veränderten Gesicht im Dunkel nicht erkannt hatte. Er kreuzte
noch ein paar Straßenecken, bis er in eine belebte Gegend kam.
Dann ging er langsamer.
Wunderbar und gleichzeitig zum Kotzen, dachte er. So ein
bißchen lächerliche Rache! Aber es wiegt Jahre der Flucht und
Geducktheit auf! Man muß die Gelegenheit nehmen, wie sie
kommt! Er blieb unter einer Laterne stehen und holte seinen
Paß heraus. Johann Huber! Arbeiter! Du bist tot und verfaulst
irgendwo in der Erde von Graz – aber dein Paß lebt und ist gültig
für die Behörden. Ich, Josef Steiner, lebe; aber ich bin ohne Paß
tot für die Behörden. Er lachte. Tauschen wir, Johann Huber! Gib
mir dein papierenes Leben und nimm meinen papierlosen Tod!
Wenn die Lebenden uns nicht helfen, müssen die Toten es tun!

6

Kern kam Sonntag abend ins Hotel zurück. In seinem
Zimmer stieß er auf Marill, der sehr aufgeregt war. »Endlich irgend jemand!« rief er. »Verdammte Bude, in der
ausgerechnet heute kein Aas zu finden ist! Alles ausgegangen!
Alles unterwegs! Sogar der verfluchte Wirt!«
»Was ist denn los?« fragte Kern.
»Wissen Sie, wo eine Hebamme wohnt? Oder ein Arzt, irgendein Frauenarzt oder so was?«
»Nein.«
»Natürlich nicht!« Marill starrte ihn an. »Sie sind doch ein
vernünftiger Mensch, Kern. Kommen Sie mit. Irgend jemand
muß bei der Frau bleiben. Ich werde dann losgehen und eine
Hebamme suchen. Können Sie das?«
»Was?«
»Aufpassen, daß sie sich nicht zuviel bewegt! Mit ihr reden.
Irgendwas tun!«
Er schleppte Kern, der nicht verstand, was los war, den Korridor
entlang in den unteren Stock und öffnete die Tür eines kleinen
Zimmers, in dem nicht viel mehr als ein Bett stand. Darin lag
eine Frau und stöhnte.
»Siebenter Monat! Fehlgeburt oder so was! Beruhigen Sie sie,
wenn Sie können! Ich hole einen Arzt.«
Er war draußen, ehe Kern etwas erwidern konnte.
Die Frau im Bett stöhnte. Kern trat auf Zehenspitzen heran.
»Kann ich Ihnen etwas geben?« fragte er.
Die Frau stöhnte weiter. Sie hatte klatschnasse, verschwitzte
Haare von einem verblichenen Blond und ein graues Gesicht,
aus dem dicke Sommersprossen sonderbar dunkel hervorschimmerten. Die Augen waren verdreht; unter den halbgeschlossenen Lidern war fast nur das Weiße zu sehen. Die
dünnen Lippen waren zurückgezogen, die Zähne gefletscht
103

und fest aufeinandergebissen. Sie leuchteten sehr weiß aus dem
Halbdunkel.
»Kann ich Ihnen etwas geben?« fragte Kern noch einmal.
Er sah sich um. Ein billiger, dünner Staubmantel hing über
einem Stuhl, wie hingeworfen. Vor dem Bett standen ein Paar
ausgetretene Schuhe. Die Frau lag mit ihren Kleidern im Bett,
wie hineingestürzt. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit Wasser
und neben dem Waschtisch ein Koffer.
Die Frau stöhnte. Kern wußte nicht, was er tun sollte. Die Frau
warf sich hm und her. Er erinnerte sich an das, was Marill ihm
gesagt hatte, und an das wenige, was er von dem einen Jahr an
der Universität wußte, und versuchte, die Schultern der Frau
festzuhalten. Aber es war, als wollte er eine Schlange festhalten.
Während er sich bemühte und sie ihm entglitt und ihn wegstieß,
riß sie plötzlich die Hände hoch und krallte sich augenblicklich
mit aller Kraft an seinen Armen fest.
Er stand wie festgeschmiedet. Er hätte nie geglaubt, daß die Frau
eine solche Kraft haben könnte. Sie drehte den Kopf langsam,
als wäre er eine Schraube, und stöhnte grauenvoll, als käme ihr
Atem aus der Erde.
Der Körper zuckte, und plötzlich sah Kern unter der Bettdecke,
die sich verschoben hatte, einen schwarzroten Fleck hervorkriechen, das Leintuch entlang, größer werden und sich ausbreiten.
Er versuchte, sich loszumachen, aber die Frau hielt ihn eisern
fest. Wie gebannt starrte er auf den Fleck, der zu einem breiten
Streifen wurde, bis er die Kante des Leintuchs erreichte und von
da zur Erde tropfte und eine schwarze Lache bildete.
»Loslassen! Lassen Sie los!« Kern wagte nicht die Arme zu
bewegen, weil er dann den Körper der Frau geschüttelt hätte.
»Loslassen!« knirschte er. »Loslassen!«
Plötzlich erschlaffte der Körper der Frau. Sie ließ los und fiel
104

in die Kissen. Kern griff nach der Decke und hob sie etwas hoch.
Ein Schwall Blut quoll hervor und klatschte auf den Boden. Er
sprang auf und rannte hinauf zu dem Zimmer, in dem Ruth
Holland wohnte.
Sie war da. Sie saß allein auf ihrem Bett zwischen ihren aufgeschlagenen Büchern. »Kommen Sie!« rief Kern. »Unten verblutet
eine Frau!«
Sie liefen hinunter. Das Zimmer war dunkler geworden. Im
Fenster flammte das Abendrot und warf einen düsteren Schein
über den Boden und den Tisch. Ein roter Reflex funkelte wie
ein Rubin in der Wasserflasche. Die Frau lag jetzt ganz still. Sie
schien nicht mehr zu atmen.
Ruth Holland hob die Bettdecke auf. Die Frau schwamm in
Blut. »Machen Sie Licht«, rief das Mädchen.
Kern lief zum Schalter. Das Licht der schwachen Birne mischte
sich mit dem Abendrot zu einer trüben Helligkeit. In diesem gelbroten Brodem lag die Frau auf dem Bett. Sie schien nichts zu sein
als ein unförmiger Bauch mit verschobenen, blutigen Kleidern,
unter denen die Beine mit herabgerutschten, schwarzen Strümpfen herausragten, sonderbar in sich verdreht und erschlafft.
»Geben Sie das Handtuch! Sie muß aufhören zu bluten! Vielleicht finden Sie irgend etwas!«
Kern sah, wie Ruth die Ärmel hochschob und die Kleider der
Frau zu lösen versuchte. Er gab ihr das Handtuch vom Waschtisch. »Der Arzt muß gleich kommen! Marill ist unterwegs.«
Er suchte nach Verbandszeug und stülpte den Koffer hastig
um.
»Geben Sie her, was Sie finden«, rief Ruth.
Auf dem Boden lag ein Haufen Säuglingswäsche – kleine
Hemden, Windeln, Tücher und dazwischen ein paar Jäckchen,
gestrickt aus rosa und hellblauer Wolle, mit Schleifen und Seide
105

geschmückt. Eins war noch nicht fertig; ein paar Stricknadeln
steckten noch drin. Ein Knäuel weiches, blaues Wollgarn fiel
heraus und rollte lautlos über den Boden.
»Geben Sie her!« Ruth warf das blutige Handtuch weg. Kern
gab ihr die Windeln und die Tücher. Dann hörte er Schritte auf
der Treppe. Gleich darauf ging die Tür auf, und Marill kam mit
einem Arzt herein.
»Ja, was ist denn da … verdammt!«
Der Arzt machte einen langen Schritt, schob Ruth Holland
beiseite und beugte sich über die Frau. Nach einiger Zeit wandte
er sich um zu Marill. »Rufen Sie sofort Nummer 267 an. Braun
soll eiligst kommen und alles mitbringen für Narkose, Braxton-Hicks-Operation. Verstanden? Außerdem alles für schwere
Blutungen.«
»Gut.«
Der Arzt sah sich um. »Sie können gehen!« sagte er zu Kern.
»Das Fräulein bleibt hier. Holen Sie Wasser. Geben Sie mir meine
Tasche.«
Der zweite Arzt kam zehn Minuten spater. Mit Hilfe Kerns und
einiger anderer Leute, die inzwischen gekommen waren, wurde
der Raum neben dem Zimmer, wo die Frau lag, in ein Operationszimmer verwandelt. Die Betten wurden beiseite geschoben,
Tische herangerückt und die Instrumente vorbereitet. Der Wirt
holte die stärksten Birnen, die er hatte, und schraubte sie in die
Lampen ein.
»Los, Los!«
Der erste Arzt tobte vor Ungeduld. Er riß seinen weißen Mantel
über und ließ sich ihn von Ruth Holland zuknöpfen. »Nehmen Sie
sich auch so was!« Er warf ihr einen Mantel zu. »Wir brauchen Sie
vielleicht hier. Können Sie Blut sehen? Wird Ihnen schlecht?«
»Nein«, sagte Ruth.
106

»Gut! Brav!«
»Vielleicht kann ich auch was tun«, sagte Kern. »Ich habe zwei
Semester Medizin.«
»Vorläufig nicht.« Der Arzt sah nach den Instrumenten. »Können wir anfangen?«
Das Licht spiegelte sich in seiner Glatze. Die Tür wurde ausgehängt. Vier Männer trugen das Bett mit der leise wimmernden
Frau über den Korridor herein. Die Frau hatte die Augen weit
offen. Ihre farblosen Lippen bebten.
»Los! Anfassen!« schnauzte der Arzt. »Hochheben! Vorsichtig,
verflucht noch mal!«
Die Frau war schwer. Kern standen die Schweißtropfen auf der
Stirn. Sein Blick begegnete dem Ruths. Sie war blaß, aber ruhig
und so verändert, daß er sie kaum wiedererkannte. Sie gehörte
zu der blutenden Frau.
»So! ’raus alles, was nichts hier zu tun hat!« schnauzte der Arzt
mit der Glatze. Er nahm die Hand der Frau. »Es tut nicht
weh. Es ist ganz leicht.« Er hatte plötzlich die Stimme einer
Mutter.
»Das Kind soll leben«, flüsterte die Frau.
»Beide, beide …«, erwiderte der Arzt sanft.
»Das Kind …«
»Wir drehen es nur ein bißchen um, aus der Schulterlage
heraus. Dann kommt es wie der Blitz. Nur ruhig, ganz ruhig.
Narkose!«
KERN STAND MIT Marill und ein paar anderen Leuten in dem
verlassenen Zimmer der Frau. Sie warteten darauf, daß sie wieder
gebraucht würden. Von nebenan klang gedämpft das Murmeln
der Ärzte. Auf dem Boden verstreut lagen die rosa und blauen
gestrickten Jäckchen.
107

»Eine Geburt«, sagte Marill zu Kern. »So ist das, wenn man
auf die Welt kommt … Blut, Blut und Schreie! Verstehen Sie,
Kern?«
»Ja.«
»Nein«, sagte Marill. »Sie nicht und ich nicht! Eine Frau, nur
eine Frau! Fühlen Sie sich nicht wie ein Schwein?«
»Nein«, erwiderte Kern.
»So? Aber ich!« Marill wischte sich die Brille ab und betrachtete
Kern. »Haben Sie schon mit einer Frau geschlafen? Nein! Sonst
würden Sie sich auch wie ein Schwein fühlen. Gibt’s hier irgendwo
eine Möglichkeit für einen Schnaps?«
Der Kellner trat aus dem Hintergrund des Zimmers hervor.
»Bringen Sie eine halbe Flasche Kognak!« sagte Marill. »Jaja, ich
habe Geld dafür! Bringen Sie nur!«
Der Kellner verschwand. Mit ihm der Wirt und zwei andere
Gestalten. Die beiden blieben allein. »Setzen wir uns ans Fenster«,
sagte Marill. Er zeigte auf das Abendrot. »Schön, was?«
Kern nickte.
»Ja«, sagte Marill, »alles nebeneinander. Ist das Flieder, da unten
im Garten?«
»Ja.«
»Flieder und Äther. Blut und Kognak. Na, prost!«
»Ich habe vier Gläser gebracht, Herr Marill«, sagte der Kellner
und stellte das Tablett auf den Tisch. »Ich dachte, vielleicht …«
Er wies mit dem Kopf nach nebenan.
»Gut.«
Marill schenkte zwei Gläser voll. »Trinken Sie, Kern?«
»Wenig.«
»Ein jüdisches Laster, Abstinenz. Dafür verstehen sie mehr von
Frauen. Aber Frauen wollen gar nicht verstanden sein. Prost!«
»Prost!«
108

Kern trank sein Glas leer. Er fühlte sich besser danach. »Ist das
nur eine Frühgeburt?« fragte er. »Oder noch mehr?«
»Ja. Vier Wochen zu früh. Überanstrengt. Deshalb: Reisen,
Umsteigen, Aufregung, ’rumlaufen und so was, verstehen Sie?
Sollte eine Frau nicht machen in dem Zustand.«
»Und warum?«
Marill schenkte neu ein. »Warum …« sagte er. »Weil sie wollte,
daß ihr Kind Tscheche würde. Weil sie nicht wollte, daß man es in
der Schule schon anspucken und Dreckjude schimpfen sollte.«
»Ich verstehe«, sagte Kern. »Ist der Mann nicht mit ’rausgekommen?«
»Den Mann hat man vor ein paar Jahren eingelocht. Warum?
Weil er ein Geschäft hatte und tüchtiger und fleißiger war als
sein Konkurrent an der nächsten Ecke. Was macht man dann als
Konkurrent? Man geht hin und zeigt den Fleißigen an – staatsverräterische Reden, geschimpft, oder kommunistische Ideen.
Irgendwas. Darauf wird er eingelocht – und man übernimmt
die Kunden. Kapiert?«
»Das kenne ich«, sagte Kern.
Marill trank sein Glas aus. »Ein rauhes Zeitalter. Der Frieden
wird mit Kanonen und Bombenflugzeugen stabilisiert, die
Menschlichkeit mit Konzentrationslagern und Pogromen. Wir
leben in einer Umkehrung aller Werte, Kern. Der Angreifer ist
heute der Hüter des Friedens, der Verprügelte und Gehetzte der
Störenfried der Welt. Und es gibt ganze Völkerstämme, die das
glauben!«
Eine halbe Stunde später hörten sie ein dünnes, quäkendes
Schreien von nebenan.
»Verdammt!« sagte Marill. »Sie haben es geschafft! Ein Tscheche
mehr auf der Welt! Darauf wollen wir einen heben! Los, Kern! Auf
das große Mysterium der Welt! Die Geburt! Wissen Sie, warum
109

es ein Mysterium ist? Weil man hinterher wieder stirbt. Prost.«
Die Tür öffnete sich. Der zweite Arzt kam herein. Er war blutbespritzt und schwitzte. In den Händen hielt er ein krebsrotes
Etwas, das quäkte und dem er auf den Rücken patschte.
»Es lebt!« knurrte er. »Gibt’s hier irgendwas …« er griff nach
einem Pack Tücher … »na, zur Not … Fräulein!«
Er übergab Ruth das Kind und die Tücher. »Baden und einwikkeln – nicht zu fest – die Alte drinnen weiß Bescheid, die Wirtin
– aber ’raus aus dem Äther, lassen Sie es im Badezimmer …«
Ruth nahm das Kind. Ihre Augen schienen Kern doppelt so
groß wie sonst. Der Arzt setzte sich an den Tisch. »Gibt’s hier
Kognak?«
Marill goß ihm ein Glas ein. »Wie ist einem Arzt eigentlich
zumute«, fragte er, »wenn er sieht, daß täglich neue Bombenflugzeuge und Kanonen gebaut werden, aber keine Hospitäler? Die
einen sind doch nur dazu da, um die andern zu füllen.«
Der Arzt schaute auf. »Beschissen«, sagte er, »beschissen! Schöne Aufgabe: man flickt sie mit der größten Kunst zusammen,
damit sie mit der größten Barbarei wieder in Stücke gerissen
werden. Warum nicht gleich die Kinder totschlagen! Ist doch
viel einfacher.«
»Mein Lieber«, erwiderte der Reichstagsabgeordnete Marill,
»Kinder töten ist Mord. Erwachsene töten ist eine Angelegenheit
nationaler Ehre.«
»Im nächsten Krieg werden auch genug Frauenbund Kinder dabei sein«, brummte der Arzt. »Die Cholera rotten wir aus - dabei
ist das eine harmlose Krankheit gegen ein bißchen Krieg.«
»Braun!« rief der Arzt aus dem Nebenzimmer. »Rasch.«
»Ich komme!«
»Verdammt! Scheint nicht alles glatt zu gehen«, sagte Marill.
110

NACH EINIGER ZEIT kam Braun zurück. Er sah verfallen aus.
»Riß im Gebärmutterhals«, sagte er. »Nichts zu machen. Die Frau
verblutet.«
»Nichts zu machen?«
»Nichts. Haben alles versucht. Hört nicht auf zu bluten.«
»Können Sie keine Blutübertragung machen?« fragte Ruth, die
in der Tür stand. »Sie können es von mir nehmen.«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Hilft nichts, Kindchen. Wenn’s
nicht aufhört …«
Er ging zurück. Die Tür blieb offen. Das helle Viereck wirkte
gespenstisch. Die drei saßen und schwiegen. Der Kellner tappte
herein. – »Soll ich abräumen?«
»Nein.«
»Wollen Sie etwas trinken?« fragte Marill Ruth.
Sie schüttelte den Kopf.
»Doch, nehmen Sie was. Es ist besser.« Er goß ihr ein halbes
Glas ein.
Es war dunkel geworden. Am Horizont über den Dächern
schimmerte nur noch schwachgrün und orangefarben das
letzte Licht. Darin schwamm der bleiche Mond, zerfressen von
Löchern wie eine alte Messingmünze. Von der Straße her hörte
man Stimmen. Sie waren laut, vergnügt und nichtsahnend. Kern
erinnerte sich plötzlich an Steiner und das, was er gesagt hatte.
Wenn neben dir jemand stirbt: du spürst es nicht. Das ist das
Unglück der Welt. Mitleid ist kein Schmerz. Mitleid ist eine versteckte Schadenfreude. Ein Aufatmen, daß man es nicht selber ist
oder einer, den man liebt. Er blickte zu Ruth hinüber. Er konnte
ihr Gesicht nicht mehr sehen.
Marill horchte auf. »Was ist denn das?«
Ein langer, voller Geigenton schwang durch die anbrechende
Nacht. Er verhallte, schwoll wieder an, stieg empor, sieghaft,
111

trotzig – und dann begannen Läufe zu perlen, zarter und zarter,
und eine Melodie löste sich los, einfach und traurig wie der
versinkende Abend.
»Es ist hier im Hotel«, sagte Marill und spähte durchs Fenster.
»Über uns in der vierten Etage.«
»Ich glaube, ich kenne ihn«, erwiderte Kern. »Es ist ein Geiger,
den ich schon einmal gehört habe. Ich wußte nicht, daß er auch
hier wohnt.«
»Das ist kein einfacher Geiger. Das ist viel mehr.«
»Soll ich hinaufgehen und ihm sagen, er möchte aufhören?«
»Warum?«
Kern machte eine Bewegung zur Tür. Marills Brille glänzte.
»Nein. Wozu? Traurig sein kann man immer. Und Sterben ist
überall. Das geht alles zusammen.«
Sie saßen und lauschten. Nach langer Zeit kam Braun aus
dem Nebenzimmer. »Aus«, sagte er. ^Exitus. Sie hat nicht viel
gespürt. Weiß nur, daß ein Kind da ist. Das haben wir ihr noch
sagen können.«
Die drei standen auf. »Wir können sie wieder hierher bringen«,
sagte Braun. »Das Zimmer nebenan wird ja gebraucht.«
Die Frau lag weiß und plötzlich schmal in der Verwüstung
von blutigen Tüchern, Tupfern und Eimern und Schalen von
Blut und Watte. Sie lag da mit einem fremden, strengen Gesicht,
und es ging sie alles nichts mehr an. Der Arzt mit der Glatze,
der sich um sie herumbewegte, wirkte wie unanständig gegen
sie: fressendes, säftevolles, zermalmendes, ausscheidendes Leben
neben der Ruhe der Vollendung.
»Lassen Sie sie zugedeckt«, sagte der Arzt. »Besser Sie sehen
das andere nicht. War sowieso schon ein bißchen viel, nicht wahr,
kleines Fräulein?«
Ruth schüttelte den Kopf.
112

»Sie haben sich tapfer gehalten. Nicht gemuckt. Wissen Sie, was
ich jetzt könnte, Braun? Mich aufhängen, mich glatt am nächsten
Fenster aufhängen!«
»Sie haben das Kind lebendig geholt; das war eine Glanzleistung.«
»Aufhängen! Verstehen Sie, ich weiß, daß wir alles getan haben, daß man machtlos dagegen ist. Trotzdem könnte ich mich
aufhängen!«
Er würgte wütend, sein Gesicht über dem Kragen des blutigen
Kittels war rot und fleischig. »Zwanzig Jahre mache ich das nun
schon. Und jedesmal, wenn mir einer durch die Lappen geht,
möchte ich mich aufhängen. Zu blödsinnig.« Er wandte sich
an Kern. »Nehmen Sie mir da aus der linken Rocktasche die
Zigaretten und stecken Sie mir eine in den Mund. Ja, kleines
Fräulein, ich weiß, was Sie denken. So, und nun Feuer. Ich geh’
mich waschen.« Er starrte auf die Gummihandschuhe, als wären
sie an allem schuld, und ging schwerfällig ins Badezimmer.
Sie trugen die Tote mit dem Bett auf den Korridor hinaus und
von da in ihr Zimmer zurück. Auf dem Korridor standen ein
paar Leute, die in dem großen Zimmer wohnten. »Konnte man
sie denn nicht in eine Klinik bringen?« fragte eine dürre Frau,
die einen Hals wie ein Truthahn hatte.
»Nein«, sagte Marill. »Sonst hätte man’s getan.«
»Und nun bleibt sie hier, die ganze Nacht? Eine Tote nebenan
– wer kann da schlafen!«
»Dann bleiben Sie wach, Großmutter«, entgegnete Marill.
»Ich bin keine Großmutter«, fauchte die Frau.
»Das merkt man.«
Die Frau warf ihm einen bösen Blick zu. »Und wer macht das
Zimmer sauber? Der Geruch geht ja nie heraus. Man hätte ja
auch Nummer zehn drüben dafür nehmen können!«
113

»Sehen Sie«, sagte Marill zu Ruth, »die Frau hier ist tot. Und ihr
Kind hätte sie gebraucht und ihr Mann vielleicht auch. Aber dieses unfruchtbare Plättbrett da draußen lebt. Wird wahrscheinlich
steinalt zum Ärger der Mitmenschen. Das ist eines der Rätsel,
hinter die man nie kommt.«
»Das Böse ist härter, es hält mehr aus«, erwiderte Ruth finster.
Marill sah sie an. »Woher wissen Sie das denn schon?«
»Das ist heute leicht zu lernen.«
Marill erwiderte nichts. Er blickte sie nur an. Die beiden Ärzte
kamen. »Das Kind ist bei der Wirtin«, sagte der mit der Glatze.
»Es wird abgeholt werden. Ich telefoniere gleich deswegen. Auch
wegen der Frau. Kannten Sie sie näher?«
Marill schüttelte den Kopf. »Sie ist vor ein paar Tagen gekommen. Ich habe nur einmal mit ihr gesprochen.«
»Vielleicht hat sie Papiere. Die kann man dann mitgeben.«
»Ich werde nachsehen.«
Die Ärzte gingen. Marill suchte den Koffer der Toten durch.
Er enthielt nur Kindersachen, ein blaues Kleid, etwas Wäsche
und eine bunte Kinderklapper. Er packte die Sachen wieder ein.
»Sonderbar, wie das alles plötzlich auch tot ist.«
In der Handtasche fand er einen Paß und einen Meldeschein
der Polizei Frankfurt an der Oder. Er hielt sie ans Licht. »Katharina Hirschfeld, geborene Brinkmann, aus Münster, geboren am
siebzehnten März neunzehnhunderteins.«
Er stand auf und sah die Tote an – die blonden Haare und das
schmale, harte westfälische Gesicht. »Katharina Brinkmann,
verheiratete Hirschfeld.«
Er blickte wieder in den Paß. »Noch drei Jahre gültig«, murmelte
er. »Drei Jahre für einen anderen. Der Meldeschein genügt auch
für ein Grab.«
114

Er steckte die Papiere ein. »Ich werde das erledigen«, sagte er
zu Kern. »Und eine Kerze besorgen. Ich weiß nicht … man sollte
ein bißchen bei ihr bleiben. Nützt zwar nichts, aber merkwürdig
… ich habe so das Gefühl, man sollte ein bißchen bei ihr bleiben.«
»Ich bleibe hier«, erwiderte Ruth.
»Ich auch«, sagte Kern.
»Gut. Ich komme dann später und löse Sie ab.«
DER MOND WURDE heller. Die Nacht stieg empor und war weit
und dunkelblau. Sie hauchte in das Zimmer hinein mit dem
Geruch von Erde und Blüten.
Kern stand mit Ruth am Fenster. Es war ihm, als wäre er weit
fort gewesen und zurückgekommen. Dunkel in ihm war noch das
Entsetzen über die Schreie der Gebärenden und ihren zuckenden,
blutenden Körper. Er hörte den leisen Atem des Mädchens neben
sich und sah ihren sanften, jungen Mund. Er wußte plötzlich,
daß auch sie dazu gehörte, zu diesem finsteren Geheimnis, das
die Liebe mit einem Ring von Grauen umschloß, er ahnte, daß
auch die Nacht dazugehört und die Blüten und dieser schwere
Geruch nach Erde und der süße Geigenton über den Dächern,
er wußte, daß, wenn er sich umwandte, im flatternden Licht der
Kerze die fahle Maske des Todes ihn anstarren würde, und um
so stärker fühlte er die Wärme unter seiner Haut, die ihn frösteln
machte und ihn nach Wärme suchen ließ, nur nach Wärme und
nach nichts als Wärme …
Eine fremde Hand nahm seine Hand und legte sie um die
glatten, jungen Schultern neben ihm.

7

Marill saß auf der Zementterrasse des Hotels und fächelte
sich mit einer Zeitung. Er hatte einige Bücher vor sich.
»Kommen Sie her, Kern!« rief er. »Der Abend naht. Da
sucht das Tier die Einsamkeit und der Mensch die Gesellschaft.
Was macht die Aufenthaltserlaubnis?«
»Noch eine Woche.« Kern setzte sich zu ihm.
»Eine Woche im Gefängnis ist lang. In der Freizeit kurz.« Marill
schlug auf die Bücher vor ihm. »Die Emigration bildet! Auf meine
alten Tage lerne ich noch Französisch und Englisch.«
»Ich kann das Wort Emigrant manchmal nicht mehr hören«,
sagte Kern verdrießlich.
Marill lachte. »Unsinn! Sie sind in der besten Gesellschaft.
Dante war ein Emigrant. Schiller mußte ausreißen. Heine. Victor Hugo. Das sind nur ein paar. Sehen Sie da oben den blassen
Bruder Mond – ein Emigrant der Erde. Und Mutter Erde selbst
-eine alte Emigrantin der Sonne.« Er blinzelte. »Vielleicht wäre
es besser gewesen, diese Emigration wäre unterblieben und wir
sausten da noch als feuriges Gas herum. Oder als Sonnenflecken.
Meinen Sie nicht?« – »Nein«, sagte Kern.
»Richtig.« Marill fächelte sich wieder mit der Zeitung. »Wissen
Sie, was ich eben gelesen habe?«
»Daß die Juden daran schuld sind, daß es nicht regnet.«
»Nein.«
»Daß ein Granatsplitter im Bauch erst das volle Glück für den
echten Mann bedeutet.«
»Auch nicht.«
»Daß die Juden deshalb alle Bolschewisten sind, weil sie so
gierig Vermögen anhäufen.«
»Nicht schlecht! Weiter.«
»Daß Christus ein Arier war. Der uneheliche Sohn eines germanischen Legionärs …«
116

Marill lachte. »Nein, Sie werden es nicht erraten. Heiratsanzeigen. Hören Sie mal zu: Wo ist der liebe, sympathische
Mann, der mich glücklich machen will? Ebensolches Fräulein,
tiefinnerliches Gemüt, vornehmer, edler Charakter, mit Liebe
für alles Gute und Schöne und erstklassigen Kenntnissen im
Hotelfach sucht gleichgestimmte Seele zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren in guter Position …« Er blickte auf.
»Zwischen fünfunddreißig und vierzig! Einundvierzig scheidet schon aus. Das ist Glaube, was? Oder hier: Wo finde ich
Dich, meine Ergänzung? Tiefschürfende Frohnatur, Lady und
Hausmütterchen, mit vom Alltag unzerbrochenen Schwingen,
Temperament und Geist, innerlicher Schönheit und kameradschaftlichem Verständnis wünscht sich Gentleman mit
entsprechendem Einkommen, kunst- und sportliebend, der
gleichzeitig ein lieber Bub sein soll. – Herrlich, wie? Oder
nehmen wir dieses: Seelisch vereinsamter Fünfziger, sensitive
Natur, jünger aussehend, Vollwaise …« Marill hielt inne. »Vollwaise!« wiederholte er. »Mit fünfzig! Welch bedauernswertes
Geschöpf, dieser weiche Fünfziger!«
»Hier, mein Lieber!« Er hielt Kern die Zeitung hin. »Zwei Seiten!
Jede Woche zwei volle Seiten, nur in dieser einen Zeitung. Sehen
Sie bloß die Überschriften, wie es da von Seele, Güte, Kameradschaft, Liebe, Freundschaft wimmelt! Ein wahres Paradies! Der
Garten Eden in der Wüste der Politik! Das belebt und erfrischt!
Da sieht man, daß es in diesen jämmerlichen Zeiten doch auch
noch gute Menschen gibt. Richtet immer auf, so was …«
Er warf die Blätter hin. »Warum sollte nicht auch mal drinstehen: Kommandant eines Konzentrationslagers, tiefes Gemüt,
zarte Seele …«
»Er hält sich gewiß dafür«, sagte Kern.
»Sicher! Je primitiver ein Mensch ist, für um so besser hält er
117

sich, das sehen Sie ja an den Anzeigen hier. Das gibt« -Marill
grinste – »die Stoßkraft! Die blinde Überzeugung! Zweifel und
Toleranz sind die Eigenschaften des Kulturmenschen. Daran geht
er immer aufs neue zugrunde. Die alte Sisyphusarbeit. Eines der
tiefsten Gleichnisse der Menschheit.«
»Herr Kern, da ist jemand, der will Sie sprechen«, meldete
plötzlich der Pikkolo des Hotels aufgeregt. »Scheint keine Polizei
zu sein!«
Kern stand rasch auf. »Gut, ich komme.«
ER ERKANNTE DEN dürftigen älteren Mann auf den ersten Blick
nicht wieder. Es war ihm, als sähe er eine unscharfe, verwischte
Einstellung auf einer fotografischen Mattscheibe, die erst allmählich schärfer wurde und vertrautere Züge annahm.
»Vater!« sagte er dann tief erschrocken.
»Ja, Ludwig.«
Der alte Kern wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Heiß
ist es«, sagte er mit einem matten Lächeln.
»Ja, sehr heiß. Komm, wir gehen hier in das Zimmer mit dem
Klavier. Da ist es kühl.«
Sie setzten sich. Kern stand gleich wieder auf, um seinem Vater
eine Zitronenlimonade zu holen. Er war sehr beunruhigt. »Wir
haben uns lange nicht gesehen, Vater«, sagte er vorsichtig, als er
zurückkam.
Der alte Kern nickte. »Darfst du hierbleiben, Ludwig?«
»Ich glaube nicht. Du kennst es ja. Sie sind ganz anständig.
Vierzehn Tage Aufenthaltserlaubnis und noch vielleicht zwei
oder drei Tage dazu … aber dann ist es aus.«
»Und willst du dann illegal hierbleiben?«
»Nein, Vater. Es sind jetzt zu viele Emigranten hier. Das
wußte ich nicht. Ich werde sehen, daß ich wieder nach Wien
118

zurückkomme. Da ist es leichter, unterzutauchen. Was machst
du denn?«
»Ich war krank, Ludwig. Grippe. Vor ein paar Tagen bin ich
erst wieder aufgestanden.«
»Ach so …« Kern atmete befreit auf. »Krank warst du! Bist du
denn jetzt wieder ganz gesund?«
»Ja, du siehst es ja …«
»Und was tust du, Vater?«
»Ich bin irgendwo untergekommen.«
»Du wirst gut bewacht«, sagte Kern und lächelte.
Der Alte blickte ihn so gequält und verlegen an, daß er stutzte.
»Geht’s dir nicht gut, Vater?« fragte er.
»Gut, Ludwig, was heißt für uns gut? Ein bißchen Ruhe, das ist
schon gut. Ich mache etwas; ich führe Bücher. Es ist nicht viel.
Aber es ist eine Beschäftigung. In einer Kohlenhandlung.«
»Das ist doch großartig. Wieviel verdienst du denn da?«
»Ich verdiene nichts; nur ein Taschengeld. Ich habe dafür das
Essen und die Wohnung.«
»Das ist auch schon etwas. Morgen komme ich dich besuchen,
Vater!«
»Ja – ja – oder ich kann auch hierher kommen.«
»Aber wozu sollst du laufen? Ich komme schon …«
»Ludwig …« Der alte Kern schluckte. »Ich möchte lieber hierher kommen.«
Kern sah ihn erstaunt an. Und plötzlich verstand er alles. Das
kräftige Weib an der Tür. – Sein Herz schlug einen Augenblick wie
ein Hammer gegen seine Rippen. Er wollte aufspringen, seinen
Vater nehmen, mit ihm fortrennen, er dachte in einem Wirbel
an seine Mutter, an Dresden, an die stillen Sonntagvormittage
zusammen – dann sah er den vom Schicksal zerschlagenen
Mann vor sich, der ihn mit entsetzlicher Demut anblickte, und
119

er dachte: Kaputt! Fertig! Und der Krampf löste sich, und er war
nichts mehr als grenzenloses Mitleid.
»Sie haben mich zweimal ausgewiesen, Ludwig. Wenn ich nur
einen Tag wieder da war, haben sie mich gefunden. Sie waren
nicht böse. Aber sie können uns ja nicht alle hierbehalten. Ich
wurde krank; es regnete immerfort. Lungenentzündung mit einem Rückfall. Und da … sie hat mich gepflegt – ich wäre sonst
umgekommen, Ludwig. Und sie meint es nicht schlecht …«
»Sicher, Vater«, sagte Kern ruhig.
»Ich arbeite auch etwas. Ich verdiene das, was ich koste. Es ist
nicht so … du weißt… so nicht. Aber ich kann nicht mehr auf
Bänken schlafen und immer die Angst haben, Ludwig …«
»Ich verstehe das, Vater.«
Der Alte sah vor sich hin. »Ich denke manchmal, Mutter sollte
sich scheiden lassen. Dann könnte sie doch wieder zurück nach
Deutschland.«
»Möchtest du denn das?«
»Nein, nicht für mich. Für sie. Ich bin doch schuld an allem.
Wenn sie nicht mehr mit mir verheiratet ist, kann sie doch zurück. Ich bin doch schuld. An dir auch. Meinetwegen hast du
keine Heimat mehr.«
Es war Kern schrecklich zumute. Das war nicht mehr sein heiterer, lebensfroher Vater aus Dresden; – das war ein rührender,
älterer, hilfloser Mann, der mit ihm verwandt war, und der mit
dem Leben nicht mehr fertig werden konnte. Er stand in seiner
Verwirrung auf und tat etwas, was er noch nie getan hatte. Er
nahm ihn um die schmalen, gebeugten Schultern und küßte
ihn.
»Du verstehst es, Ludwig?« murmelte Siegmund Kern.
»Ja, Vater. Es ist nichts dabei. Gar nichts dabei.« Er klopfte ihm
zart mit der Handfläche auf den knochigen Rücken und starrte
120

über seine Schulter hinweg auf das Bild der Schneeschmelze in
Tirol, das über dem Klavier hing.
»Ich werde dann jetzt gehen …«
»Ja.«
»Ich will nur noch die Zitrone bezahlen. Ich habe dir auch
eine Schachtel Zigaretten mitgebracht. Du bist groß geworden,
Ludwig, groß und kräftig.«
Ja, und du alt und zittrig, dachte Kern. Hätte ich doch nur einen
von denen drüben, die dich soweit gebracht haben, hier, um ihm
das satte, zufriedene, dumme Gesicht zu zerschlagen!
»Du hast dich auch gut gehalten, Vater«, sagte er. »Die Zitrone
ist schon bezahlt. Ich verdiene jetzt etwas Geld. Und weißt du,
womit? Mit unseren alten eigenen Sachen. Mit deiner Mandelcreme und deinem Farr-Toilettewasser. Ein Drogist hier hat noch
einen Stock davon, bei dem kaufe ich es ein.«
Die Augen Siegmund Kerns belebten sich etwas. Dann lächelte
er traurig. »Und nun mußt du damit hausieren. Du mußt mir
verzeihen, Ludwig.«
»Ach wo!« Kern schluckte etwas jäh in seinem Halse Aufsteigendes hinunter. »Es ist die beste Schule der Welt, Vater. Man
lernt das Leben von unten kennen. Die Menschen auch. Man
kann später nie mehr enttäuscht werden.«
»Werde nur nicht krank.«
»Nein, ich bin sehr abgehärtet.«
Sie gingen hinaus. »Du hast so viel Hoffnung, Ludwig…« Mein
Gott, Hoffnung nennt er das, dachte Kern. »Es wird auch alles wieder
in Ordnung kommen«, sagte er. »So kann es ja nicht bleiben.«
»Ja …« Der Alte blickte vor sich hin. »Ludwig«, sagte er dann
leise, »wenn wir wieder zusammen sind – und wenn Mutter auch
wieder da ist -« er machte eine Bewegung hinter sich – »das ist
dann alles vergessen – wir denken nicht mehr daran, was?«
121

Er sprach leise und kindlich und zutraulich; es war wie das
Gezwitscher eines müden Vogels. »Ohne mich könntest du nun
studieren, Ludwig«, sagte er ein wenig klagend und mechanisch,
wie jemand, der so oft darüber nachgegrübelt hat, daß sein Schuldbewußtsein mit der Zeit etwas Automatisches angenommen hat.
»Ohne dich wäre ich gar nicht am Leben, Vater«, erwiderte
Kern.
»Bleib gesund, Ludwig. Willst du nicht die Zigaretten nehmen?
Ich bin doch dein Vater, ich möchte dir gern etwas geben.«
»Gut, Vater. Ich werde sie behalten.«
»Vergiß mich nicht ganz«, sagte der alte Mann, und seine Lippen
zitterten plötzlich. »Ich habe es gut gewollt, Ludwig.« Es schien,
als könne er sich von dem Namen nicht trennen; er wiederholte
ihn immer wieder. »Wenn ich es auch nicht fertiggebracht habe,
Ludwig. Ich wollte für euch sorgen, Ludwig.«
»Du hast für uns gesorgt, solange du es konntest.«
»Dann werde ich jetzt gehen. Alles Gute für dich, mein
Kind.«
Kind, dachte Kern. Wer von uns beiden ist das Kind? Er sah
seinen Vater langsam die Straße hinuntergehen, er hatte ihm
versprochen, er würde ihm schreiben und ihn wiedersehen, aber
er wußte, es war das letztemal, daß er ihn sah. Er blickte ihm
mit weiten Augen nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann
wurde es leer.
Er ging zurück. Auf der Terrasse saß Marill und las mit einem
Gesicht voll Abscheu und Hohn noch immer in seiner Zeitung.
Merkwürdig, wie schnell etwas einstürzen kann, dachte Kern …
schon, während ein anderer immer noch die Zeitung liest. Vollwaise, Fünfzigjähriger – er lächelte krampfhaft und mit trübem
Spott – Vollwaise … als ob man es nicht werden könnte, ohne
daß Vater und Mutter tot waren …
122

DREI TAGE SPÄTER reiste Ruth Holland nach Wien. Sie hatte ein
Telegramm einer Freundin erhalten, bei der sie wohnen konnte,
und sie wollte versuchen, Arbeit zu bekommen und zur Universität zu gehen.
Am Abend ihrer Abreise ging sie mit Kern in das Restaurant
»Zum schwarzen Ferkel«. Beide hatten bislang jeden Tag in der
Volksküche gegessen; für den letzten Abend jedoch hatte ihr Kern
vorgeschlagen, etwas Besonderes zu unternehmen.
Das »Schwarze Ferkel« war ein kleines, verräuchertes Lokal,
das nicht teuer, aber sehr gut war. Marill hatte es Kern genannt.
Er hatte ihm auch die genauen Preise gesagt und ihm besonders
die Spezialität des Wirtes, Kalbsgulasch, empfohlen. Kern hatte
sein Geld gezählt und ausgerechnet, daß es sogar noch für Käsekuchen hinterher als Dessert reichen mußte. Ruth hatte ihm
einmal gesagt, das sei eine Leidenschaft von ihr. Als sie ankamen,
erwartete sie jedoch eine peinliche Überraschung. Es gab kein
Gulasch mehr. Sie waren zu spät gekommen. Sorgenvoll studierte
Kern die Speisekarte. Die meisten anderen Sachen waren teurer.
Neben ihm leierte der Kellner seine Litanei herunter. »Geselchtes mit Kraut, Schweinskotelett mit Salat, Paprikahuhn, frische
Gansleber …«
Gansleber, dachte Kern – der Narr scheint uns für Multimillionäre zu halten. Er gab Ruth die Karte. »Was möchtest du statt
Gulasch haben?« fragte er. Er hatte festgestellt, daß, wenn er
Koteletts bestellte, die Käsekuchen dahin waren.
Ruth warf einen kurzen Blick auf die Karte. »Würstchen mit
Kartoffelsalat«, sagte sie. Es war das Billigste.
»Ausgeschlossen«, erklärte Kern. »Das ist kein Abschiedsessen.«
»Ich esse sie sehr gerne. Nach den Suppen der Volksküche sind
sie schon ein Fest.«
123

»Und was meinst du zu einem Fest mit Schweinskoteletts. Aber
große!«
»Sind alle eins wie’s andere«, erwiderte der Kellner ungerührt.
»Was vorher? Suppe, Hors d’œuvre, Sülze?«
»Nein«, sagte Ruth, bevor Kern sie fragen konnte.
Sie bestellten noch eine Karaffe billigen Wein, dann zog der
Kellner ziemlich verächtlich ab – als ahnte er, daß Kern bereits
eine halbe Krone an seinem Trinkgeld fehlte.
Das Lokal war fast leer. An einem Tisch in der Ecke saß nur
noch ein einziger Gast. Es war ein Mann mit einem Monokel
und mit Schmissen im breiten, roten Gesicht. Er saß vor einem
Glase Bier und betrachtete Kern und Ruth.
»Schade, daß der da sitzt«, sagte Kern.
Ruth nickte. »Wenn es noch jemand anderes wäre! Aber das
… das erinnert einen …«
»Ja, das ist bestimmt kein Emigrant«, sagte Kern. »Eher das
Gegenteil.«
»Wir wollen gar nicht hinsehen …«
Er tat es aber doch. Und er bemerkte, daß der Mann sie unentwegt weiter ansah.
»Ich weiß nicht, was er will«, sagte er ärgerlich. »Er läßt ja kein
Auge von uns.«
»Vielleicht ist es ein Agent der Gestapo. Ich habe gehört, daß
es hier von Spitzeln wimmelt.«
»Soll ich hingehen und ihn fragen, was er von uns will?«
»Nein!« Ruth legte erschreckt die Hand auf Kerns Arm.
Die Koteletts kamen. Sie waren knusprig und zart, und es gab
frischen grünen Salat dazu. Trotzdem schmeckte es beiden nicht
so, wie sie erwartet hatten. Sie waren zu unruhig.
»Er kann nicht unsertwegen hier sein«, sagte Kern. »Niemand
wußte, daß wir hierher gehen würden.«
124

»Das nicht«, erwiderte Ruth. »Vielleicht war er zufällig hier.
Aber er beobachtet uns, das sieht man …«
Der Kellner trug die Schüsseln ab. Kern blickte mißmutig hinterher. Er hatte Ruth eine Freude damit machen wollen, und nun
hatte die Angst vor dem Kerl mit dem Monokel alles verdorben.
Ärgerlich stand er auf; er hatte einen Entschluß gefaßt. »Einen
Augenblick, Ruth …«
»Was willst du tun?« fragte sie angstvoll. »Bleib hier!«
»Nein, nein, nichts mit dem da drüben. Ich will nur einmal
den Wirt sprechen.«
Er hatte zur Vorsicht, als sie fortgingen, zwei kleine Flaschen
Parfüm eingesteckt. Jetzt wollte er versuchen, eine davon gegen
zwei Käsekuchen beim Wirt umzutauschen. Sie waren zwar
bedeutend mehr wert, aber das war ihm gleich. Nach den mißglückten Koteletts sollte Ruth wenigstens den Nachtisch haben,
den sie liebte. Vielleicht konnte er auch noch einen Kaffee dazu
einhandeln.
Er ging hinaus und machte dem Wirt seinen Vorschlag. Der lief
sofort rot an. »Aha, Zechpreller! Fressen und dann nicht bezahlen
können! Nee, mein Lieber, da gibt’s nur eins: Polizei!«
»Ich kann bezahlen, was ich verzehrt habe!« Kern hieb ärgerlich
sein Geld auf den Tisch.
»Zählen Sie es nach«, sagte der Wirt zum Kellner. »Stecken Sie
Ihr Gepansche ein«, schnaubte er dann Kern an. »Was wollen Sie
überhaupt? Sind Sie ein Gast oder ein Hausierer?«
»Vorläufig bin ich ein Gast«, erklärte Kern wütend. »Und Sie
sind …«
»Einen Augenblick!« sagte eine Stimme hinter ihm.
Kern fuhr herum. Der Fremde mit dem Monokel stand direkt
hinter ihm. »Kann ich Sie einmal etwas fragen?«
Der Mann ging ein paar Schritte von der Theke weg. Kern folgte
125

ihm. Sein Herz klopfte plötzlich wie rasend. »Sie sind deutsche
Emigranten, nicht wahr?« fragte der Mann.
Kern starrte ihn an. »Was geht Sie das an!«
»Nichts«, erwiderte der Mann ruhig. »Ich habe nur gehört,
worüber Sie eben verhandelten. Wollen Sie mir die Flasche
verkaufen?«
Kern glaubte jetzt zu wissen, worauf der Mann hinauswollte.
Wenn er ihm die Flasche verkaufte, hatte er sich unerlaubten
Handels schuldig gemacht und konnte sofort verhaftet und
ausgewiesen werden.
»Nein«, sagte er.
»Warum nicht?«
»Ich habe nichts zu verkaufen. Ich treibe keinen Handel.«
»Dann lassen Sie uns tauschen. Ich gebe Ihnen das dafür, was
der Wirt nicht geben will: den Kuchen und den Kaffee.«
»Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie wollen«, sagte Kern.
Der Mann lächelte. »Und ich verstehe, daß Sie mißtrauisch
sind. Hören Sie zu. Ich bin aus Berlin und fahre in einer Stunde
wieder dahin zurück. Sie können nicht zurück …«
»Nein«, sagte Kern.
Der Mann sah ihn an. »Das ist der Grund, weshalb ich hier
stehe. Und weshalb ich Ihnen gern mit dieser Kleinigkeit helfen
möchte. Ich war Kompanieführer im Kriege. Einer meiner besten Leute war ein Jude. Wollen Sie mir nun die kleine Flasche
geben?«
Kern reichte sie ihm. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Ich habe
etwas ganz anderes von Ihnen gedacht.«
»Das kann ich mir vorstellen.« Der Mann lachte. »Und nun
lassen Sie das junge Fräulein nicht länger allein. Es hat sicher
schon Angst. Ich wünsche Ihnen beiden alles Gute!« Er gab Kern
die Hand.
126

»Danke. Danke vielmals.«
Kern ging verwirrt zurück. »Ruth«, sagte er, »entweder ist
Weihnachten, oder ich bin verrückt.«
Gleich darauf erschien der Kellner. Er trug ein Tablett mit
Kaffee und einen silbernen Ständer mit Kuchen, drei Etagen
übereinander.
»Was ist denn das?« fragte Ruth erstaunt.
»Das sind die Wunder von Kerns Farr-Parfüm!«
Kern strahlte und schenkte den Kaffee ein. »Wir haben jeder
das Recht auf ein beliebiges’ Stück Kuchen. Was möchtest du
haben, Ruth?«
»Ein Stück Käsekuchen.«
»Hier hast du ein Stück Käsekuchen. Ich nehme einen Mohrenkopf.«
»Soll ich Ihnen den Rest einpacken?« fragte der Kellner.
»Welchen Rest? Wieso?«
Der Kellner machte eine Handbewegung über die drei Etagen.
»Das ist doch alles für Sie bestellt!«
Kern sah ihn erstaunt an. »Alles für uns? Wo ist denn … kommt
der Herr denn nicht …«
»Der ist längst weggegangen. Alles schon erledigt. Also …«
»Halt«, sagte Kern eilig, »halt um Himmels willen! Ruth, noch
eine Cremeschnitte? Ein Schweinsohr? Oder ein Stück Streuselkuchen?«
Er packte ihr den Teller voll und nahm sich selbst auch noch ein
paar Stücke. »So«, sagte er dann aufatmend, »den Rest packen Sie
bitte in zwei Pakete. Eins bekommst du mit, Ruth. Wie herrlich,
einmal für dich sorgen zu können!«
»Der Champagner ist schon kalt gestellt«, erwiderte der Kellner
und ergriff das silberne Meisterwerk.
»Champagner! Ein guter Witz!« Kern lachte.
127

»Kein Witz.« Der Kellner zeigte zur Tür. Dort erschien der Wirt
persönlich und trug einen mit Eis gefüllten Kübel vor sich her,
aus dem der Hals einer Champagnerflasche ragte.
»Nichts für ungut«, grinste er süßlich. »War natürlich nur ein
Scherz, vorhin …«
Kern lehnte sich mit aufgerissenen Augen zurück.
Der Kellner nickte. »Alles schon bezahlt.«
»Ich träume«, sagte Kern und strich sich über die Augen. »Hast
du jemals Champagner getrunken, Ruth?«
»Nein. Das habe ich bis jetzt nur im Film gesehen.«
Kern faßte sich mühsam. »Herr Wirt«, sagte er mit Würde, »Sie
sehen, welch vorteilhaften Tausch ich Ihnen vorgeschlagen habe.
Eine Flasche des weltberühmten Kern-Farr gegen zwei lächerliche Käsekuchen! Hier sehen Sie, was Kenner dafür geben!«
»Man kann nicht alles wissen«, erklärte der Wirt. »Ich verstehe
mehr von Getränken.«
»Ruth«, sagte Kern, »von heute an glaube ich an Wunder. Wenn
jetzt hier durchs Fenster eine weiße Taube hereinflöge, im Schnabel zwei gültige Pässe für uns auf fünf Jahre oder eine unbegrenzte Arbeitserlaubnis – es würde mich nicht erstaunen!«
Sie tranken die Flasche leer. Es wäre ihnen als Sünde erschienen, wenn sie einen Tropfen dringelassen hätten. Es schmeckte
ihnen nicht einmal so besonders; aber sie tranken und wurden immer heiterer und waren zum Schluß beide ein wenig
betrunken.
Sie brachen auf. Kern nahm die Kuchenpakete und wollte die
Koteletts bezahlen. Aber der Kellner wehrte ab. »Alles schon
erledigt…«
»Ruth«, sagte Kern mit etwas stockender Stimme, »das Leben
überwältigt uns. Noch ein solcher Tag, und ich werde zum Romantiker.«
128

Der Wirt hielt sie auf. »Haben Sie noch was von dem Parfüm?
Ich dachte, für meine Frau …«
Kern wurde wieder wach. »Zufällig habe ich noch eine da. Die
letzte.« Er zog die zweite Flasche aus der Tasche. »Aber nicht
mehr wie vorhin, mein Lieber. Die Gelegenheit haben Sie verpaßt!
Zwanzig Kronen!« Er hielt den Atem an. »Weil Sie es sind!«
Der Wirt rechnete blitzschnell. Dreißig Kronen hatte er dem
Rittmeister bei dem Champagner und dem Kuchen zuviel gerechnet. Blieben also noch zehn Kronen Überverdienst. »Fünfzehn«,
bot er.
»Zwanzig.« Kern machte Miene, die Flasche wieder einzustekken.
»Also gut.« Der Wirt holte einen zerknitterten Schein aus der
Tasche. Er beschloß, seiner Geliebten, der strammen Barbara, zu
sagen, die Flasche hätte fünfzig gekostet. Er konnte so einen Hut
für sie sparen, den sie seit Wochen verlangte, und der achtundvierzig Kronen kosten sollte. Ein doppeltes Geschäft.
Kern und Ruth gingen zum Hotel. Sie holten Ruths Koffer und
gingen dann zum Bahnhof.
Ruth war still geworden. »Sei nicht traurig«, sagte Kern. »Ich
komme bald nach. In einer Woche spätestens muß ich hier hinaus.
Ich kenne das. Dann komme ich nach Wien. Willst du, daß ich
nach Wien komme?«
»Ja, komm! Aber nur, wenn es richtig für dich ist.«
»Warum sagst du nicht einfach: ›Ja, komm‹?«
Sie sah ihn etwas schuldbewußt an. »Ist das andere nicht
mehr?«
»Ich weiß nicht. Es klingt vorsichtiger.«
»Ja«, erwiderte sie, plötzlich traurig, »vorsichtiger, das ist es.«
»Sei doch nicht traurig«, sagte Kern. »Vorhin warst du noch
so froh!«
129

Sie blickte hilflos zu ihm auf. »Hör nicht auf mich«, murmelte
sie. »Manchmal bin ich ganz durcheinander. Vielleicht ist es der
Wein. Denk, es wäre der Wein. Komm, wir haben noch ein paar
Minuten Zeit.«
Sie setzten sich auf eine Bank in den Anlagen. Kern legte den
Arm um ihre Schultern. »Sei doch froh, Ruth. Das andere nützt
ja nichts. Das klingt dumm, aber für uns ist es nicht dumm. Wir
haben unser bißchen Fröhlichkeit bitter nötig. Gerade wir.«
Sie starrte vor sich hin. »Ich möchte ja froh sein, Ludwig. Aber
ich bin so schwer. Ich möchte so gern leicht sein. Ich möchte
alles gut machen. Aber es ist immer ungeschickt und schwer.«
Sie stieß die Worte zornig hervor, und Kern sah plötzlich, daß ihr
Gesicht überströmt war von Tränen. Sie weinte ohne Laut, zornig
und hilflos. »Ich weiß nicht, weshalb ich weine«, sagte sie, »ich
habe doch gerade jetzt so wenig Grund. Aber vielleicht weine ich
deshalb. Sieh nicht hin … sieh mich nicht an …«
»Doch«, erwiderte Kern. – Sie beugte ihr Gesicht vor und legte
ihm ihre Hände auf die Schulter. Er zog sie an sich, und sie küßte
ihn – blind, mit geschlossenen Augen und hartem, geschlossenem
Mund, wild und zornig, als stieße sie ihn weg.
»Ach …« Sie wurde ruhiger. »Was weißt du …« Ihr Kopf fiel
an seine Schulter, ihre Augen blieben geschlossen, »was weißt
du …« Ihr Mund öffnete sich, und ihre Lippen wurden weich
wie eine Frucht.
SIE GINGEN WEITER. Am Bahnhof verschwand Kern und kaufte
einen Strauß Rosen. Er segnete dabei den Mann mit dem Monokel und den Wirt des »Schwarzen Ferkels«.
Ruth war völlig verwirrt, als er mit den Blumen ankam. Sie
errötete, und aller Kummer wich aus ihrem Gesicht. »Blumen«,
sagte sie, »Rosen! Ich reise ab wie ein Filmstar.«
130

»Du reist ab wie die Frau eines äußerst erfolgreichen Geschäftsmannes«, erklärte Kern stolz.
»Geschäftsleute schenken keine Blumen, Ludwig.«
»Doch, die jüngste Generation tut es wieder.«
Er legte ihren Koffer und das Kuchenpaket in das Gepäcknetz.
Sie stieg mit ihm aus. Auf dem Bahnhof nahm sie seinen Kopf in
die Hände und sah ihn ernst an. »Es war gut, daß du da warst.«
Sie küßte ihn. »Und nun geh. Geh fort, während ich einsteige.
Ich will jetzt nicht wieder weinen. Sonst glaubst du, ich könnte
gar nichts anderes. Geh …«
Er blieb stehen. »Ich fürchte mich nicht vor einem Abschied«,
sagte er. »Ich habe schon viele mitgemacht. Dies ist kein Abschied.«
Der Zug fuhr an. Ruth winkte. Kern blieb stehen, bis der Zug
nicht mehr zu sehen war. Dann ging er zurück. Er hatte das Gefühl, die ganze Stadt wäre ausgestorben.
Vor dem Eingang des Hotels traf er Rabe. »Guten Abend«,
sagte er, zog die Zigarettenschachtel heraus und hielt sie ihm
hin. Rabe fuhr zurück und hob den Arm, als wollte er sich vor
einem Schlage schützen. Kern blickte ihn erstaunt an. »Verzeihen Sie«, sagte Rabe sehr verlegen. »Das ist noch so eine … eine
unwillkürliche Bewegung …«
Er nahm eine Zigarette.
STEINER WAR SEIT vierzehn Tagen Kellner in der Gastwirtschaft
»Zum Grünen Baum«. Es war spät nachts. Der Wirt schlief seit
zwei Stunden, und nur noch ein paar Gäste saßen herum.
Steiner ließ die Läden herunter. »Feierabend!« sagte er.
»Trinken wir noch einen, Johann«, erwiderte einer der Gäste,
ein Tischlermeister mit einem Gesicht wie eine Gurke.
»Gut«, erwiderte Steiner. »Mikolasch?«
131

»Nein, keinen Ungarischen mehr. Fangen wir jetzt mit einem
guten Zwetschgenwasser an.«
Steiner brachte die Flasche und die Gläser. »Trink einen mit«,
sagte der Tischlermeister.
»Heute nicht. Entweder nichts mehr, oder ich müßte mich
besaufen.«
»Dann besauf dich.« Der Tischlermeister rieb seine Gurke. »Ich
besaufe mich auch! Stell dir vor: Die dritte Tochter! Kommt da
heute morgen die Hebamme heraus und sagt: Gratuliere, Herr
Blau, die dritte gesunde Tochter !‹ Und ich hab’ mir gedacht, diesmal wird’s bestimmt ein Bub! Drei Mädchen und kein Stammhalter! Ist das nicht zum Wahnsinnigwerden? Ist das nicht zum
Wahnsinnigwerden, Johann? Du bist doch ein Mensch, du mußt
das doch verstehen!«
»Na und wie«, sagte Steiner. »Nehmen wir größere Gläser?«
Der Tischlermeister schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Verflucht noch einmal, da hast du verdammt recht! Das ist es!
Größere Gläser, das ist eine Idee! Daß ich darauf noch nicht
gekommen bin!«
Sie nahmen größere Gläser und tranken eine Stunde lang. Dann
verwechselte der Tischlermeister alles und beschwerte sich darüber, daß seine Frau drei Jungen geboren hätte. Mit Mühe zahlte
er und schwankte mit seinen Kumpanen hinaus.
Steiner räumte ab. Er schenkte sich noch ein Wasserglas voll
Zwetschengeist ein und trank es aus. Sein Kopf dröhnte. Er
setzte sich an den Tisch und brütete vor sich hin. Dann stand
er auf und ging in seine Kammer. Er kramte aus seinen Sachen
eine Fotografie seiner Frau hervor und sah sie lange an. Er hatte
nie etwas von ihr gehört. Er hatte ihr auch nie geschrieben, weil
er annahm, ihre Post würde überwacht. Er glaubte, daß sie sich
hatte scheiden lassen.
132

»Verdammt!« Er stand auf. »Vielleicht lebt sie längst mit einem
andern und hat mich vergessen!« Er riß mit einem Ruck die Fotografie durch und warf sie zu Boden. »Ich muß auch da ’raus!
Es macht mich sonst kaputt. Ich bin ein Mann, der allein lebt, ich
bin Johann Huber und nicht mehr Steiner, fertig!«
Er trank noch ein Glas, dann schloß er ab und ging auf die
Straße. In der Nähe des Rings sprach ihn ein Mädchen an. »Gehst
du mit mir, Schatz?«
»Ja.«
Sie gingen nebeneinander her. Das Mädchen betrachtete
Steiner forschend von der Seite. »Du hast mich ja nicht einmal
angesehen.«
»Doch«, erwiderte Steiner, ohne den Blick zu heben.
»Ich glaube nicht. Gefall’ ich dir?«
»Ja, du gefällst mir.«
»Das geht ja schnell bei dir.«
»Ja«, sagte er, »das geht schnell.«
Sie schob ihren Arm unter seinen. »Was schenkst du mir denn,
Schatz?«
»Ich weiß nicht. Was willst du haben?«
»Bleibst du die ganze Nacht?«
»Nein.«
»Wie wäre es mit zwanzig Schilling?«
»Zehn. Ich bin ein Kellner, der nicht viel verdient.«
»Du siehst nicht aus wie ein Kellner.«
»Es gibt auch Leute, die sehn nicht aus wie Staatspräsidenten
und sind es doch.«
Das Mädchen lachte. »Du bist lustig. Ich mag lustige Leute gern.
Also zehn, meinetwegen. Ich habe ein schönes Zimmer. Paß auf,
ich werde dich glücklich machen.«
»So?« sagte Steiner.
133

Das Zimmer war eine rote Plüschbude mit Nippesfiguren und
Deckchen über Tischen und Sesseln. Auf dem Sofa saß eine Reihe
von Teddybären, Fastnachtspuppen und Stoffaffen. Über dem
Sofa hing die vergrößerte Fotografie eines Feldwebels in voller
Uniform mit glotzendem Blick und gewichstem Schnurrbart.
»Ist das dein Mann?« fragte Steiner.
»Nein, der Selige von der Alten.«
»Die ist wohl froh, daß sie ihn los ist, was?«
»Hast du eine Ahnung!« Das Mädchen nestelte sich die Bluse
los. »Die heult ihm heute noch nach, so fabelhaft soll er gewesen
sein. Stramm, weißt du?«
»Weshalb hängt sie ihn denn dann hier zu dir herein?«
»Sie hat bei sich noch ein anderes Bild von ihm. Größer und
bunt. Natürlich nur die Uniform bunt, verstehst du? Komm, mach
mir die Hafteln hinten auf!«
Steiner spürte feste Schultern unter seinen Händen. Er hatte
das nicht erwartet. Er wußte aus seiner Militärzeit, wie Huren
sich anfühlten – immer etwas zu weich und grau.
Das Mädchen warf die Bluse auf das Sofa. Die Brüste waren
voll und fest. Sie paßten zu den kräftigen Schultern und dem
Hals. »Setz dich, Schatz«, sagte sie. »Mach dir’s bequem. Kellner
und unsereins haben immer müde Füße.«
Sie streifte den Rock ab
»Verdammt«, sagte Steiner, »du bist ja schön!«
»Das hat mir schon mancher gesagt.« Das Mädchen legte seinen
Rock sorgfältig zusammen. »Wenn’s dich nicht stört …«
»Doch, es stört mich.«
Sie wandte sich halb um. »Du machst Witze … bist halt ein
lustiger Patron!«
Steiner sah sie an.
»Was siehst du mich denn so an?« sagte das Mädchen. »Man
134

könnte sich ja vor dir furchten. Jesus, wie ein Messerstecher! Hast
lange keine Frau gehabt, was?«
»Wie heißt du?« fragte Steiner.
»Du wirst lachen … Elvira. War so eine Idee von meiner Mutter.
Die hat immer hoch hinaus wollen. Komm ins Bett.«
»Nein«, sagte Steiner, »laß uns noch was trinken.«
»Hast du Geld?« fragte sie rasch.
Steiner nickte. Elvira ging nackt und unbekümmert zur Tür.
»Frau Poschnigg!« schrie sie. »Was zu trinken.«
Die Wirtin erschien so schnell, als hätte sie hinter der Tür gelauscht. Sie war rund, in schwarzen Samt gepreßt und hatte rote
Backen und glänzende Kugelaugen. »Wir hätten einen Champagner«, sagte sie dienstfertig, »wie Zucker!«
»Schnaps«, erwiderte Steiner, ohne sie anzusehen. »Zwetschgenwasser, Kirsch, Enzian, ganz egal.«
Die beiden Frauen wechselten einen Blick. »Kirsch«, sagte
Elvira. »Von dem guten auf dem obersten Brett. Kostet zehn
Schilling, Schatz.«
Steiner gab ihr das Geld. »Wo hast du die Haut her?« fragte
er.
»Kein Wimmerl, was?« Elvira drehte sich vor ihm hin und her.
»Das findest du nur bei Rothaarigen.«
»Ja«, sagte Steiner, »das habe ich vorhin nicht gesehen, daß du
rote Haare hast.«
»Das kommt vom Hut, Liebling.« Elvira nahm der Wirtin die
Flasche ab. »Trinken Sie einen mit, Frau Poschnigg?«
»Wenn ich darf?« Die Wirtin setzte sich. »Gut haben Sie’s,
Fräulein Elvira!« Sie seufzte. »Unsereins, eine arme Witwe …
immer einsam …«
Die arme Witwe kippte das Glas hinunter und goß sich sofort
neu ein. »Gesundheit, fescher Herr!«
135

Sie erhob sich und blitzte Steiner kokett an. »Alsdann besten
Dank! Und viel Vergnügen.«
»Bei der hast du Chancen, Schatz«, erklärte Elvira.
»Gib mir mal das Wasserglas da her«, sagte Steiner. Er goß es
voll und trank es aus.
»Jesus!« Elvira blickte ihn besorgt an. »Du wirst doch nichts
kaputtschlagen, Liebling? Die Wohnung ist kostbar, verstehst du?
So was ist teuer, Schatzi!«
»Setz dich hierher«, sagte Steiner. »Neben mich.«
»Wir hätten lieber ’rausfahren sollen. In den Prater oder in
den Wald.«
Steiner hob den Kopf. Er spürte den Kirsch mit weichem
Hämmern hinter seiner Stirn gegen die Augäpfel schlagen. »In
den Wald?« fragte er.
»Ja, in den Wald. Oder in ein Kornfeld, jetzt im Sommer.«
»Ein Kornfeld – im Sommer? Wie kommst du auf ein Kornfeld?«
»Wie man eben so drauf kommt«, plapperte Elvira eifrig und
besorgt. »Weil halt Sommer ist, Schatz! Da geht man gern in ein
Kornfeld, weißt du?«
»Versteck die Flasche nicht, ich hau’ dir deine Bude nicht kaputt.
Ein Kornfeld sagst du … im Sommer?«
»Natürlich im Sommer, Schatz, im Winter ist’s ja kalt.«
Steiner goß sein Glas voll. »Verdammt, wie du riechst …«
»Rothaarige riechen alle ähnlich, Schatzi.«
Die Hämmer hämmerten schneller. Das Zimmer schwankte.
»Ein Kornfeld …« sagte Steiner langsam und schwer, »und der
Wind nachts …«
»Ist das dein Mann?« fragte Steiner.
»Nein, der Selige von der Alten.«
»Die ist wohl froh, daß sie ihn los ist, was?«
136

»Hast du eine Ahnung!« Das Mädchen nestelte sich die Bluse
los. »Die heult ihm heute noch nach, so fabelhaft soll er gewesen
sein. Stramm, weißt du?«
»Weshalb hängt sie ihn denn dann hier zu dir herein?«
»Sie hat bei sich noch ein anderes Bild von ihm. Größer und
bunt. Natürlich nur die Uniform bunt, verstehst du? Komm, mach
mir die Hafteln hinten auf!«
Steiner spürte feste Schultern unter seinen Händen. Er hatte
das nicht erwartet. Er wußte aus seiner Militärzeit, wie Huren
sich anfühlten – immer etwas zu weich und grau.
Das Mädchen warf die Bluse auf das Sofa. Die Brüste waren
voll und fest. Sie paßten zu den kräftigen Schultern und dem
Hals. »Setz dich, Schatz«, sagte sie. »Mach dir’s bequem. Kellner
und unsereins haben immer müde Füße.«
Sie streifte den Rock ab
»Verdammt«, sagte Steiner, »du bist ja schön!«
»Das hat mir schon mancher gesagt.« Das Mädchen legte seinen
Rock sorgfältig zusammen. »Wenn’s dich nicht stört …«
»Doch, es stört mich.«
Sie wandte sich halb um. »Du machst Witze … bist halt ein
lustiger Patron!« – Steiner sah sie an.
»Was siehst du mich denn so an?« sagte das Mädchen. »Man
könnte sich ja vor dir furchten. Jesus, wie ein Messerstecher! Hast
lange keine Frau gehabt, was?«
»Wie heißt du?« fragte Steiner.
»Du wirst lachen … Elvira. War so eine Idee von meiner Mutter.
Die hat immer hoch hinaus wollen. Komm ins Bett.«
»Nein«, sagte Steiner, »laß uns noch was trinken.«
»Hast du Geld?« fragte sie rasch.
Steiner nickte. Elvira ging nackt und unbekümmert zur Tür.
»Frau Poschnigg!« schrie sie. »Was zu trinken.«
137

Die Wirtin erschien so schnell, als hätte sie hinter der Tür gelauscht. Sie war rund, in schwarzen Samt gepreßt und hatte rote
Backen und glänzende Kugelaugen. »Wir hätten einen Champagner«, sagte sie dienstfertig, »wie Zucker!«
»Schnaps«, erwiderte Steiner, ohne sie anzusehen. »Zwetschgenwasser, Kirsch, Enzian, ganz egal.«
Die beiden Frauen wechselten einen Blick. »Kirsch«, sagte
Elvira. »Von dem guten auf dem obersten Brett. Kostet zehn
Schilling, Schatz.«
Steiner gab ihr das Geld. »Wo hast du die Haut her?« fragte
er.
»Kein Wimmerl, was?« Elvira drehte sich vor ihm hin und her.
»Das findest du nur bei Rothaarigen.«
»Ja«, sagte Steiner, »das habe ich vorhin nicht gesehen, daß du
rote Haare hast.«
»Das kommt vom Hut, Liebling.« Elvira nahm der Wirtin die
Flasche ab. »Trinken Sie einen mit, Frau Poschnigg?«
»Wenn ich darf?« Die Wirtin setzte sich. »Gut haben Sie’s,
Fräulein Elvira!« Sie seufzte. »Unsereins, eine arme Witwe …
immer einsam …«
Die arme Witwe kippte das Glas hinunter und goß sich sofort
neu ein. »Gesundheit, fescher Herr!«
Sie erhob sich und blitzte Steiner kokett an. »Alsdann besten
Dank! Und viel Vergnügen.«
»Bei der hast du Chancen, Schatz«, erklärte Elvira.
»Gib mir mal das Wasserglas da her«, sagte Steiner. Er goß es
voll und trank es aus.
»Jesus!« Elvira blickte ihn besorgt an. »Du wirst doch nichts
kaputtschlagen, Liebling? Die Wohnung ist kostbar, verstehst du?
So was ist teuer, Schatzi!«
»Setz dich hierher«, sagte Steiner. »Neben mich.«
138

»Wir hätten lieber ’rausfahren sollen. In den Prater oder in
den Wald.«
Steiner hob den Kopf. Er spürte den Kirsch mit weichem
Hämmern hinter seiner Stirn gegen die Augäpfel schlagen. »In
den Wald?« fragte er.
»Ja, in den Wald. Oder in ein Kornfeld, jetzt im Sommer.«
»Ein Kornfeld – im Sommer? Wie kommst du auf ein Kornfeld?«
»Wie man eben so drauf kommt«, plapperte Elvira eifrig und
besorgt. »Weil halt Sommer ist, Schatz! Da geht man gern in ein
Kornfeld, weißt du?«
»Versteck die Flasche nicht, ich hau’ dir deine Bude nicht kaputt.
Ein Kornfeld sagst du … im Sommer?«
»Natürlich im Sommer, Schatz, im Winter ist’s ja kalt.«
Steiner goß sein Glas voll. »Verdammt, wie du riechst …«
»Rothaarige riechen alle ähnlich, Schatzi.«
Die Hämmer hämmerten schneller. Das Zimmer schwankte.
»Ein Kornfeld …« sagte Steiner langsam und schwer, »und der
Wind nachts …«
»Komm jetzt ins Bett, Liebling, zieh dich aus …«
»Mach das Fenster auf …«
»Das Fenster ist ja offen, Schatzi. Komm, ich mach’ dich glücklich!«
Steiner trank. »Warst du mal glücklich?« fragte er und starrte
auf den Tisch.
»Natürlich, oft.«
»Ach, halt den Schnabel. Mach das Licht aus.«
»Zieh dich doch erst aus.«
»Mach das Licht aus.«
Elvira gehorchte. Das Zimmer wurde dunkel. »Komm ins Bett,
Schatz.«
139

»Nein. Bett, nein. Bett ist was anderes. Verdammt! Bett,
nein!«
Steiner goß mit schwankender Hand Kirschwasser in sein Glas.
Sein Kopf toste. Das Mädchen ging durchs Zimmer. Es kam am
Fenster vorbei und blieb einen Augenblick stehen und blickte hinaus. Das schwache Licht der Laternen von draußen fiel über ihre
dunklen Schultern. Hinter ihrem Kopf stand die Nacht. Sie hob
eine Hand in ihr Haar … »Komm her«, sagte Steiner heiser.
Sie drehte sich um und kam weich und lautlos auf ihn zu. Sie
kam, reif wie ein Kornfeld, dunkel und unerkennbar, mit dem
Geruch und der Haut von tausend Frauen und einer …
»Marie«, murmelte Steiner.
Das Mädchen lachte tief und zärtlich. »Da sieht man, wie besoffen du bist, Schatz … ich heiß’ doch Elvira …«

8

Es gelang Kern, seine Aufenthaltserlaubnis noch um fünf
Tage zu verlängern; dann wurde er ausgewiesen. Man gab
ihm einen Freifahrtschein bis zur Grenze, und er fuhr zur
Zollstation.
»Ohne Papiere?« fragte der tschechische Beamte.
»Ja.«
»Gehen Sie ’rein. Es sind schon ein paar da. In ungefähr zwei
Stunden ist die beste Zeit.«
Kern betrat die Zollbude. Es waren noch drei Leute da – ein
sehr blasser Mann mit einer Frau und ein alter Jude.
»Guten Abend«, sagte Kern.
Die anderen murmelten etwas.
Kern stellte seinen Koffer ab und setzte sich. Er war müde und
schloß die Augen. Er wußte, daß der Weg nachher noch lang sein
würde, und versuchte zu schlafen.
»Wir kommen ’rüber«, hörte er den blassen Mann sagen, »du
wirst sehen, Anna, dann wird alles besser.«
Die Frau gab keine Antwort.
»Bestimmt kommen wir ’rüber«, begann der Mann wieder,
»ganz bestimmt! Weshalb sollten sie uns nicht ’rüberlassen?«
»Weil sie uns nicht haben wollen«, erwiderte die Frau.
»Aber wir sind doch Menschen …«
Du armer Narr, dachte Kern. Er hörte den Mann undeutlich
weitermurmeln; dann schlief er ein.
Er erwachte, als der Zollbeamte kam, um sie abzuholen. Sie gingen über die Felder und kamen zu einem Laubwald, der massig
wie ein schwarzer Block vor ihnen im Dunkel lag.
Der Beamte blieb stehen. »Folgen Sie diesem Fußweg und
halten Sie sich nach rechts. Wenn Sie die Straße erreicht haben,
wieder nach links. Alles Gute.«
Er verschwand in der Nacht.
141

Die vier standen unentschlossen. »Was sollen wir nun machen?« fragte die Frau. »Weiß einer den Weg?«
»Ich werde vorangehen«, sagte Kern. »Ich war vor einem Jahr
schon einmal hier.«
Sie tasteten sich durch das Dunkel. Der Mond war noch nicht
aufgegangen. Das Gras war naß und streifte unsichtbar und fremd
über ihre Schuhe. Dann kam der Wald mit seinem großen Atem
und nahm sie auf.
Sie gingen lange Zeit. Kern hörte die andern hinter sich. Plötzlich blitzten elektrische Lampen vor ihnen auf, und eine grobe
Stimme rief: »Halt! Stehenbleiben!«
Kern brach mit einem Sprung seitlich aus. Er rannte ins Dunkel,
stieß gegen Bäume, tastete sich weiter, durch ein Brombeergestrüpp, und warf seinen Koffer hinein. Hinter sich hörte er laufen.
Er drehte sich um. Es war die Frau. »Verstecken Sie sich!« flüsterte
er. »Ich klettere hier ’rauf!«
»Mein Mann … oh, dieser …«
Kern kletterte rasch einen Baum hinauf. Er fühlte das weiche,
rauschende Laub unter sich und hockte sich in eine Astgabel.
Unten stand regungslos die Frau; er konnte sie nicht sehen, er
fühlte nur, daß sie da stand.
Aus der Ferne hörte er den alten Juden etwas sagen.
»Das ist mir wurscht«, erwiderte die grobe Stimme dagegen.
»Ohne Paß kommen Sie nicht durch, basta!«
Kern lauschte. Nach einer Weile hörte er auch die leise Stimme
des anderen Mannes, der dem Gendarmen antwortete. Sie hatten
also beide erwischt. Im selben Augenblick raschelte es unter ihm.
Die Frau murmelte etwas und ging zurück.
Eine Weile blieb es ruhig. Dann huschte der Lichtschein der
Taschenlampe zwischen den Bäumen umher. Schritte kamen
näher. Kern drückte sich an den Stamm. Er war gut gedeckt
142

durch das volle Laub unter ihm. Plötzlich hörte er die harte,
unbeherrschte Stimme der Frau. »Hier muß er sein! Er ist auf
einen Baum geklettert, hier …«
Der Lichtschein glitt nach oben, »’runterkommen!« schrie die
grobe Stimme. »Sonst wird geschossen!«
Kern überlegte einen Moment. Es hatte keinen Zweck. Er
kletterte herunter. Die Taschenlampen leuchteten ihm grell ins
Gesicht. »Paß?«
»Wenn ich einen Paß hätte, war’ ich da nicht hinaufgeklettert.«
Kern sah die Frau an, die ihn verraten hatte. Sie war aufgelöst
und fast nicht bei Sinnen. »Das möchten Sie wohl!« zischte sie
ihn an. »Ausreißen, und wir sollen hierbleiben! Alle sollen hierbleiben!« schrie sie. »Alle!«
»Maul halten!« brüllte der Gendarm. »Zusammenstellen!« Er
leuchtete die Gruppe an. »Wir sollten euch eigentlich ins Gefängnis bringen, das wißt ihr wohl! Unbefugter Grenzübertritt!
Aber wozu euch erst noch füttern! Kehrt marsch! Zurück in die
Tschechoslowakei. Aber merkt euch: das nächstemal wird sofort
geschossen!«
Kern suchte seinen Koffer aus dem Gestrüpp. Dann gingen die
vier schweigend im Gänsemarsch zurück. Hinter ihnen gingen
die Gendarmen mit den Taschenlampen. Es war gespenstisch,
daß sie von ihren Gegnern nichts sahen als die weißen Kreise
der Lampen; es waren nur Stimmen und Licht, die sie gefangen
hatten und zurücktrieben.
Die Lichtkreise blieben stehen. »Marsch, vorwärts in dieser
Richtung!« befahl die grobe Stimme. »Wer wiederkommt, wird
erschossen!«
Die vier gingen weiter, bis das Licht hinter den Bäumen verschwand.
143

Kern hörte hinter sich die leise Stimme des Mannes der Frau,
die ihn verraten hatte. »Verzeihen Sie … sie war außer sich …
entschuldigen Sie … es tut ihr ganz bestimmt jetzt schon leid
…«
»Das ist mir egal«, sagte Kern nach rückwärts.
»Verstehen Sie doch«, flüsterte der Mann; »der Schreck, die
Angst …«
»Verstehen meinetwegen!« Kern wandte sich um. »Verzeihen
ist mir zu anstrengend. Ich vergesse lieber.«
Er blieb stehen. Sie befanden sich auf einer kleinen Lichtung.
Die andern hielten ebenfalls an. Kern legte sich ins Gras und
schob seinen Koffer unter den Kopf. Die andern flüsterten miteinander. Dann trat die Frau einen Schritt vor. »Anna«, sagte
der Mann.
Die Frau stellte sich vor Kern auf. »Wollen Sie uns den Weg
zurück nicht zeigen?« fragte sie scharf.
»Nein«, erwiderte Kern.
»Sie! – Sie haben doch Schuld, daß wir erwischt wurden! Sie
Lump!«
»Anna!« sagte der Mann.
»Lassen Sie nur«, sagte Kern. »Immer gut, wenn man sich
ausspricht.«
»Stehen Sie auf!« schrie die Frau.
»Ich bleibe hier. Sie können tun, was Sie wollen. Geradeaus
hinter dem Wald links geht’s zum tschechischen Zoll.«
»Judenlümmel!« schrie die Frau.
Kern lachte. »Das hat noch gefehlt!«
Er sah, wie der blasse Mann auf die maßlose Frau einflüsterte
und sie wegdrängte.
»Er geht bestimmt zurück!« schluchzte sie, »ich weiß, er geht
zurück und kommt ’rüber. Er soll uns … er hat die Pflicht…»
144

Der Mann führte die Frau langsam weg, dem Walde zu. Kern
griff nach einer Zigarette. Da sah er ein paar Meter vor sich etwas
Dunkles auftauchen, wie einen Gnom aus der Erde. Es war der
alte Jude, der sich ebenfalls hingelegt hatte. Er richtete sich auf
und schüttelte den Kopf. »Diese Gojim!«
Kern erwiderte nichts. Er zündete seine Zigarette an.
»Bleiben wir die Nacht hier?« fragte der Alte nach einer Weile
sanft.
»Bis drei. Dann ist die beste Zeit. Jetzt passen sie noch auf. Wenn
keiner kommt, werden sie müde.«
»Wer’n wir halt solange warten«, sagte der Alte friedlich.
»Es ist weit, und ein Stück werden wir jetzt wohl kriechen
müssen«, erwiderte Kern.
»Macht nix. Wer’ ich halt auf meine alten Tage ’n jiddischer
Indianer.«
Sie saßen schweigend. Allmählich kamen Sterne am Himmel
durch. Kern erkannte den Großen Bären und den Polarstern.
»Ich muß nach Wien«, sagte der Alte nach einiger Zeit.
»Ich muß eigentlich nirgendwohin«, erwiderte Kern.
»Das gibt’s.« Der Alte kaute an einem Grashalm. »Später muß
man dann wieder irgendwohin. So geht das. Man muß nur abwarten.«
»Ja«, sagte Kern. »Das muß man. Aber worauf wartet man?«
»Auf nichts im Grunde«, entgegnete der Alte ruhig. »Wenn
es kommt, ist es nichts. Dann wartet man wieder auf was anderes.«
»Ja, vielleicht.« Kern streckte sich wieder aus. Er fühlte den
Koffer unter seinem Kopf. Es war gut, ihn zu fühlen.
»Ich bin der Moritz Rosenthal aus Godesberg am Rhein«, sagte
der Alte nach einer Weile. Er holte aus einem Rucksack einen
dünnen, grauen Havelock hervor und hängte ihn sich um die
145

Schultern. Er sah jetzt noch mehr wie ein Gnom aus. »Manchmal ist es komisch, daß man einen Namen hat, was? Besonders
nachts …«
Kern sah in den dunklen Himmel. »Wenn man keinen Paß
hat, auch. Namen müssen aufgeschrieben sein, sonst gehören
sie einem nicht.«
Der Wind fing sich in den Kronen der Bäume. Es rauschte, als
wäre hinter dem Walde ein Meer. »Glauben Sie, daß sie schießen
werden drüben?« fragte Moritz Rosenthal.
»Ich weiß nicht. Vielleicht nicht.«
Der Alte wiegte seinen Kopf. »Einen Vorteil hat’s, wenn man
über siebzig ist; man riskiert nicht mehr so viel von seinem
Leben …«
STEINER HATTE ENDLICH erfahren, wo die Kinder des alten Seligmann versteckt waren. Die Adresse, die in dem hebräischen
Gebetbuch gesteckt hatte, war richtig gewesen; aber man hatte die
Kinder inzwischen anderswohin gebracht. Es dauerte lange, ehe
Steiner herausbekam, wohin … man hielt ihn zunächst überall
für einen Spitzel und war mißtrauisch.
Er holte den Koffer aus der Pension und machte sich auf den
Weg. Das Haus lag im Osten Wiens. Es dauerte über eine Stunde,
bis er ankam. Er stieg die Treppen empor. In jeder Etage waren
drei Wohnungstüren. Er zündete Streichhölzer an und suchte.
Endlich fand er im vierten Stock ein ovales Messingschild mit
der Aufschrift: Samuel Bernstein. Uhrmacher. Er klopfte.
Hinter der Tür hörte er ein Raunen und Huschen. Dann fragte
eine vorsichtige Stimme. »Wer ist da?«
»Ich habe etwas abzugeben«, sagte Steiner. »Einen Koffer.«
Er hatte plötzlich das Gefühl, daß er beobachtet wurde, und
drehte sich rasch um.
146

Die Tür zur Wohnung hinter ihm hatte sich lautlos geöffnet.
Ein schmächtiger Mensch in Hemdsärmeln stand im Eingang.
Steiner stellte den Koffer zu Boden.
»Zu wem wollen Sie?« fragte der Mann in der Tür.
Steiner sah ihn an. »Bernstein ist nicht da«, fügte der Mann
hinzu.
»Ich habe hier die Sachen des alten Seligmann«, sagte Steiner. »Seine Kinder sollen hier sein. Ich war dabei, wie er verunglückte.«
Der Mann betrachtete ihn noch einen Augenblick. »Du kannst
ihn ruhig ’reinlassen, Moritz«, rief er dann.
Eine Kette rasselte, und ein Schlüssel knirschte. Die Tür zur
Wohnung Bernsteins ging auf. Steiner spähte in das trübe Licht.
»Was«, sagte er, »das ist doch nicht … aber natürlich, das ist
Vater Moritz!«
Moritz Rosenthal stand in der Tür. In der Hand hielt er einen
hölzernen Kochlöffel. Um seine Schultern hing der Havelock.
»Ich bin’s«, erwiderte er. »Aber wer … Steiner!« sagte er plötzlich
herzlich und überrascht. »Ich hätte es mir denken sollen! Wahrhaftig, meine Augen werden schlecht! Ich wußte, daß Sie in Wien
sind. Wann haben wir uns das letztemal getroffen?«
»Das ist schon ungefähr ein Jahr her, Vater Moritz.«
»In Prag?«
»In Zürich.«
»Richtig, in Zürich im Gefängnis. Nette Leute dort. Ich werfe
das in der letzten Zeit etwas durcheinander. War vor einem halben Jahr erst wieder in der Schweiz. Basel. Vorzügliche Kost dort;
leider keine Zigaretten wie im Stadtgefängnis von Locarno. Hatte
da sogar einen Busch Kamelien in der Zelle. Tat mir leid, weg
zu müssen. Mailand war kein Vergleich dagegen.« Er hielt inne.
»Kommen Sie ’rein, Steiner. Wir stehen da wie alte Raubmörder
auf dem Korridor und tauschen Erinnerungen aus.«
147

Steiner trat ein. Die Wohnung bestand aus einer Küche und
einer Kammer. Sie enthielt ein paar Stühle, einen Tisch, einen
Schrank und zwei Matratzen mit Decken. Auf dem Tisch lag eine
Anzahl Werkzeuge herum. Dazwischen standen billige Weckuhren und ein bemaltes Gehäuse mit Barockengeln, die eine alte Uhr
hielten, deren Sekundenzeiger ein’ hin und her schwankender Tod
mit einer Hippe war. Über dem Herd hing an einem gebogenen
Arm eine Küchenlampe mit einem grünlichweißen, zerfledderten
Gasbrenner. Auf den eisernen Ringen des Gaskochers stand ein
großer Suppentopf und dampfte.
»Ich koche den Kindern gerade etwas«, sagte Moritz Rosenthal.
»Fand sie hier wie Mäuse in der Falle. Bernstein ist im Krankenhaus.«
Die drei Kinder des toten Seligmann hockten neben dem Herd.
Sie beachteten Steiner nicht. Sie starrten auf den Suppentopf. Der
ältere war etwa vierzehn Jahre alt; der jüngste sieben oder acht.
Steiner stellte den Koffer nieder. »Hier ist der Koffer eures
Vaters«, sagte er.
Die drei sahen ihn gleichzeitig an, fast ohne jede Bewegung.
Sie wandten kaum die Köpfe.
»Ich habe ihn noch gesehen«, sagte Steiner. »Er sprach von
euch.«
Die Kinder sahen ihn an. Sie antworteten nicht. Ihre Augen
glitzerten wie rundgeschliffene schwarze Steine. Das Licht des
Gasbrenners zischte. Steiner fühlte sich unbehaglich. Er hatte das
Gefühl, etwas Warmes, Menschliches sagen zu müssen, aber alles,
was ihm einfiel, erschien ihm albern und unwahr vor der Verlassenheit, die von den drei schweigenden Kindern ausging.
»Was ist in dem Koffer?« fragte nach einer Zeitlang der älteste. Er hatte eine fahle Stimme und sprach langsam, hart und
vorsichtig.
148

»Ich weiß es nicht mehr genau. Verschiedene Sachen eures
Vaters. Auch etwas Geld.«
»Gehört er jetzt uns?«
»Natürlich. Deshalb habe ich ihn ja gebracht.«
»Kann ich ihn nehmen?«
»Aber ja!« sagte Steiner erstaunt.
Der Junge stand auf. Er war schmal, schwarz und groß. Langsam, die Augen fest auf Steiner gerichtet, näherte er sich dem
Koffer. Mit einer raschen, tierhaften Bewegung griff er dann
danach und sprang fast zurück, als fürchte er, Steiner würde ihm
die Beute wieder entreißen. Er schleppte den Koffer sofort in die
Kammer nebenan. Die andern beiden folgten ihm rasch, dicht
aneinandergedrängt, wie zwei große schwarze Katzen.
Steiner sah Vater Moritz an. »Na ja«, sagte er erleichtert. »Sie
wußten es ja wohl schon länger …«
Moritz Rosenthal rührte die Suppe durcheinander. »Es macht
ihnen nicht mehr viel. Sie haben ihre Mutter und zwei Brüder
sterben sehen. Da trifft es sie nicht mehr so. Was oft kommt, trifft
nicht mehr so.«
»Oder noch mehr«, sagte Steiner.
Moritz Rosenthal sah ihn aus seinen faltigen Augen an. »Wenn
man sehr jung ist, nicht. Wenn man sehr alt ist, auch nicht mehr.
Dazwischen, das ist die schlimme Zeit.«
»Ja«, sagte Steiner. »Diese lausigen fünfzig Jahre dazwischen,
die sind es.«
Moritz Rosenthal nickte friedlich. »Gehen mich nichts mehr
an, jetzt.« Er legte den Deckel auf den Topf. »Wir haben sie
schon untergebracht«, sagte er. »Einen nimmt Mayer mit nach
Rumänien. Der zweite kommt in ein Kinderasyl in Locarno. Ich
kenne jemand da, der für ihn bezahlt. Der älteste bleibt vorläufig
hier bei Bernstein …«
149

»Wissen sie schon, daß sie sich trennen müssen?«
»Ja. Auch das macht ihnen nicht viel. Sie halten es mehr für
ein Glück.« Rosenthal wandte sich um. »Steiner«, sagte er, »ich
kannte ihn seit zwanzig Jahren. Wie ist er gestorben? Ist er ’runtergesprungen?«
»Ja.«
»Man hat ihn nicht ’runtergeworfen?«
»Nein. Ich war dabei.«
»Ich hörte es in Prag. Da hieß es, sie hätten ihn ’runtergestoßen.
Ich bin dann hergekommen. Nach den Kindern sehen. Hatte es
ihm mal versprochen. Er war noch jung. Knapp sechzig. Dachte
nicht, daß es so kommen würde. Aber er war immer etwas kopflos, seit Rachel tot ist.« Moritz Rosenthal blickte Steiner an. »Er
hatte viele Kinder. Das ist oft so bei Juden. Sie lieben Familie.
Aber sie sollten eigentlich keine haben.« Er zog den Havelock
um die Schultern, als fröre ihn, und sah plötzlich sehr alt und
müde aus.
Steiner holte ein Paket Zigaretten hervor. »Wie lange sind Sie
schon hier, Vater Moritz?« fragte er.
»Seit drei Tagen. Wurden an der Grenze einmal erwischt. Bin
mit einem jungen Mann ’rübergekommen, den Sie kennen. Er
erzählte mir von Ihnen. Kern hieß er.«
»Kern? Ja, den kenne ich. Wo ist er?«
»Auch hier irgendwo in Wien. Ich weiß nicht wo.«
Steiner stand auf. »Ich will mal sehen, ob ich ihn nicht finde. Auf
Wiedersehen, Vater Moritz, alter Wanderer. Weiß der Himmel,
wo wir uns wiedersehen werden.«
Er ging zu der Kammer, um sich von den Kindern zu verabschieden. Die drei saßen auf einer der Matratzen und hatten den
Inhalt des Koffers vor sich ausgebreitet. Sorgfältig geordnet lagen
die Garnrollen auf einem Häufchen; daneben die Schnürriemen,
150

das Säckchen mit Schillingstücken und einige Pakete Nähseide. Die
Wäsche, die Schuhe, der Anzug und die übrigen Sachen des alten
Seligmann lagen noch im Koffer. Der älteste sah auf, als Steiner mit
Moritz Rosenthal hereinkam. Unwillkürlich breitete er die Hände
über die Dinge auf der Matratze. Steiner blieb stehen.
Der Junge blickte Moritz Rosenthal an. Seine Wangen waren
gerötet, und seine Augen glänzten. »Wenn wir das da verkaufen«,
sagte er aufgeregt und wies auf die Sachen im Koffer, »werden
wir noch ungefähr dreißig Schilling mehr haben. Wir können
das ganze Geld anlegen und Stoffe dazu nehmen – Manchester,
Buckskin und auch noch Strümpfe –, damit verdient man mehr.
Ich fange morgen gleich an. Morgen um sieben Uhr fange ich
an.« Er sah ernst und sehr gespannt den alten Mann an.
»Gut!« Moritz Rosenthal streichelte ihm den schmalen Kopf.
»Morgen um sieben Uhr fängst du an.«
»Walter braucht dann nicht nach Rumänien«, sagte der Junge.
»Er kann mir helfen. Wir kommen schon durch. Nur Max muß
dann weg.«
Die drei Kinder sahen Moritz Rosenthal an. Max, der jüngste,
nickte. Er fand es richtig so.
»Wir werden sehen. Wir sprechen nachher noch darüber.«
Moritz Rosenthal begleitete Steiner zur Tür. »Keine Zeit zum
Kummer«, sagte er. »Zuviel Not, Steiner.«
Steiner nickte. »Hoffentlich erwischt man den Jungen nicht
sofort …«
Moritz Rosenthal schüttelte den Kopf. »Er wird schon aufpassen. Er weiß genug. Wir lernen früh.«
STEINER GING ZUM Café Sperler. Er war lange nicht mehr dagewesen. Seit er den falschen Paß hatte, vermied er Plätze, wo er
von früher her bekannt war.
151

Kern saß an der Wand auf einem Stuhl. Er hatte die Füße auf
seinen Koffer gestellt, den Kopf zurückgelehnt und schlief. Steiner setzte sich behutsam neben ihn; er wollte ihn nicht wecken.
Etwas älter geworden, dachte er. Älter und reifer.
Er sah sich im Lokal um. Neben der Tür hockte der Landgerichtsrat Epstein, ein paar Bücher und ein Glas Wasser vor sich
auf dem Tisch. Er saß allein und unzufrieden da; niemand saß
vor ihm, angstvoll, fünfzig Groschen in der Hand. Steiner blickte
sich um; anscheinend hatte die Konkurrenz, Rechtsanwalt Silber,
die Kundschaft an sich gerissen. Aber Silber war gar nicht da.
Der Kellner kam heran, ohne gerufen zu werden. Sein Gesicht
war verklärt. »Auch wieder einmal da?« fragte er familiär.
»Erinnern Sie sich an mich?«
»Und ob! Ich hatte schon Sorgen um Sie. Ist ja alles viel schärfer
geworden jetzt. Wieder einen Kognak, mein Herr?«
»Ja. Wo ist denn der Rechtsanwalt Silber geblieben?«
»Das ist auch ein Opfer, mein Herr. Verhaftet und ausgewiesen.«
»Aha! War Herr Tschernikoff kürzlich hier?«
»In dieser Woche nicht!«
Der Kellner brachte den Kognak und stellte das Tablett auf den
Tisch. Im selben Moment öffnete Kern die Augen. Er blinzelte;
dann sprang er auf. »Steiner!«
»Komm«, erwiderte der ruhig. »Trink mal gleich diesen Kognak
hier. Nichts erfrischt so, wenn man sitzend geschlafen hat, wie
ein Schnaps.«
Kern trank den Kognak aus. »Ich war schon zweimal hier, dich
zu suchen«, sagte er.
Steiner lächelte. »Die Füße auf dem Koffer. Also ohne Bleibe,
was?«
»Ja.«
152

»Du kannst bei mir schlafen.«
»Wirklich? Das wäre wunderbar. Ich hatte bis jetzt ein Zimmer
bei einer jüdischen Familie. Aber heute mußte ich ’raus. Sie haben
zuviel Angst, jemand länger als zwei Tage zu behalten.«
»Bei mir brauchst du keine Angst zu haben. Ich wohne weit
draußen. Wir können gleich aufbrechen. Du siehst aus, als
brauchtest du Schlaf.«
»Ja«, sagte Kern. »Ich bin müde. Ich weiß nicht, warum.«
Steiner winkte dem Kellner. Der kam angaloppiert wie ein altes
Schlachtroß, das schon lange Karren gezogen hat, beim Signal
zum Sammeln. »Danke«, sagte er erwartungsvoll, schon bevor
Steiner gezahlt hatte, »danke herzlichst, mein Herr!«
Er besah das Trinkgeld. »Küß’ die Hand«, stammelte er überwältigt. »Ergebenster Diener, Herr Graf!«
»Wir müssen in den Prater«, sagte Steiner draußen.
»Ich gehe überall hin«, erwiderte Kern. »Ich bin schon wieder
ganz munter.«
»Wir werden die Trambahn nehmen. Besser, wegen deines
Koffers. Immer noch Toilettewasser und Seife?«
Kern nickte.
»Ich heiße inzwischen anders; kannst mich aber ruhig weiter
Steiner nennen. Ich führe den Namen für alle Zufälle als Künstlernamen. Kann dann immer behaupten, er sei ein Pseudonym.
Oder der andere sei eines. Je nachdem.«
»Was bist du denn jetzt?«
Steiner lachte. »Eine Zeitlang war ich Aushilfskellner. Als der
frühere dann aus dem Hospital zurückkam, mußte ich ’raus.
Jetzt bin ich Assistent des Vergnügungsetablissements Potzloch.
Schießbudenhengst und Hellseher. Was hast du vor, hier?«
»Nichts.«
»Vielleicht kann ich dich bei uns unterbringen. Es werden
153

gelegentlich immer Leute zur Aushilfe gebraucht. Werde morgen mal dem alten Potzloch auf die Bude rücken. Der Vorteil
ist, daß niemand im Prater kontrolliert. Brauchst nicht einmal
angemeldet zu werden.«
»Mein Gott«, sagte Kern, »das wäre großartig. Ich möchte jetzt
gern eine Zeitlang in Wien bleiben.«
»So?« Steiner sah ihn schräg von der Seite an. »Möchtest
du?«
»Ja.«
Sie stiegen aus und gingen durch den nächtlichen Prater. Vor
einem Wohnwagen, etwas abseits von der Rummelplatzstadt,
blieb Steiner stehen. Er schloß auf und zündete eine Lampe an.
»So, Baby, da sind wir. Jetzt werden wir dir zunächst einmal
eine Art Bett zaubern.«
Er holte ein paar Decken und eine alte Matratze aus einem
Winkel und breitete sie neben seinem Bett auf dem Boden aus.
»Du hast sicher Hunger, was?« fragte er.
»Ich weiß es schon nicht mehr.«
»In dem kleinen Kasten ist Brot, Butter und ein Stück Salami.
Mach mir auch ein Brot zurecht.«
Es klopfte leise an die Tür. Kern legte das Messer weg und
lauschte. Seine Augen suchten das Fenster. Steiner lachte. »Die
alte Angst, Kleiner, was? Werden wir sicher nie wieder los. Komm
herein, Lilo!« rief er.
Eine schlanke Frau trat ein und blieb an der Tür stehen. »Ich
habe Besuch«, sagte Steiner. »Ludwig Kern. Jung, aber schon erfahren in der Fremde. Er bleibt hier. Kannst du uns etwas Kaffee
machen, Lilo?«
»Ja.«
Die Frau nahm einen Spirituskocher, zündete ihn an, stellte
einen kleinen Kessel mit Wasser darauf und begann, Kaffee zu
154

mahlen. Sie machte das alles fast geräuschlos, mit langsamen,
gleitenden Bewegungen.
»Ich dachte, du schliefest längst, Lilo«, sagte Steiner.
»Ich kann nicht schlafen.«
Die Frau hatte eine tiefe, heisere Stimme. Ihr Gesicht war
schmal und regelmäßig. Das schwarze Haar hatte sie in der Mitte
gescheitelt. Sie sah aus wie eine Italienerin, aber sie sprach das
harte Deutsch der Slawen.
Kern saß auf einem zerbrochenen Rohrstuhl. Er war sehr müde,
nicht nur im Kopf – eine schläfrige Entspannung, wie seit langem
nicht, war über ihn gekommen. Er fühlte sich geborgen.
»Ein Kissen«, sagte Steiner. »Das einzige, was fehlt, ist ein
Kissen.«
»Das macht nichts«, erwiderte Kern. »Ich lege meine Jacke
zusammen oder etwas Unterzeug aus meinem Koffer.«
»Ich habe ein Kissen«, sagte die Frau.
Sie brühte den Kaffee auf, dann erhob sie sich und ging mit
ihren schattenhaften, lautlosen Bewegungen hinaus.
»Komm, iß!« sagte Steiner und goß Kaffee in zwei henkellose
Tassen mit blauem Zwiebelmuster.
Sie aßen das Brot und die Wurst … Die Frau kam wieder herein
und brachte ein Kissen mit. Sie legte es auf das Lager Kerns und
setzte sich an den Tisch.
»Willst du keinen Kaffee, Lilo?« fragte Steiner.
Sie schüttelte den Kopf. Sie sah still den beiden zu, während sie
aßen und tranken. Dann stand Steiner auf. »Zeit zum Schlafen.
Bist doch müde, Kleiner, was?«
»Ja. Jetzt allmählich wieder.«
Steiner strich der Frau über das Haar. »Geh auch schlafen,
Lilo …«
»Ja.« Sie stand gehorsam auf. »Gute Nacht …«
155

Kern und Steiner legten sich zu Bett. Steiner löschte die Lampe
aus. »Weißt du«, sagte er nach einer Weile aus dem warmen Dunkel hervor, »man soll so leben, als ob man nie mehr zurückkäme
nach drüben.«
»Ja«, erwiderte Kern. »Für mich ist das nicht schwer.«
Steiner zündete sich eine Zigarette an. Er rauchte langsam.
Der rötliche Lichtpunkt glomm jedesmal heller auf, wenn er den
Rauch einatmete. »Willst du auch eine haben?« fragte er. »Sie
schmecken ganz anders im Dunkeln.«
»Ja.« Kern fühlte Steiners Hand, die ihm das Paket und die
Streichhölzer hinüberreichte.
»Wie war es in Prag?« fragte Steiner.
»Gut.« Kern wartete und rauchte. Dann sagte er: »Ich habe
jemand da getroffen.«
»Bist du deshalb jetzt nach Wien gekommen?«
»Nicht nur deshalb. Aber sie ist auch in Wien.«
Steiner lächelte im Dunkeln. »Bedenke, daß du ein Wanderer
bist, Baby. Wanderer sollen Abenteuer haben; aber nichts, was
ihnen ein Stück Herz wegreißt, wenn sie fort müssen.«
Kern schwieg.
»Das sagt nichts gegen die Abenteuer«, fügte Steiner hinzu.
»Auch nichts gegen das Herz. Am allerwenigsten aber gegen
die, die uns ein bißchen Wärme unterwegs geben. Nur etwas
gegen uns, vielleicht. Weil man nimmt – und wenig zurückgeben
kann.«
»Ich glaube, ich kann gar nichts zurückgeben.« Kern fühlte sich
plötzlich sehr mutlos. Was wußte er schon? Und was konnte er
Ruth schon geben? Nur sein Gefühl. Und das schien ihm nichts
zu sein. Er war jung und unwissend, das war alles.
»Gar nichts ist viel mehr als ein wenig, Baby«, sagte Steiner
ruhig. »Es ist schon beinahe alles.«
156

»Es kommt darauf an, von wem …«
Steiner lächelte. »Hab keine Angst, Baby. Alles ist richtig,
was man fühlt. Wirf dich hinein. Aber bleib nicht hängen.« Er
drückte seine Zigarette aus. »Schlaf gut. Morgen gehen wir zu
Potzloch…«
»Danke. Ich werde sicher gut schlafen hier …«
Kern legte seine Zigarette beiseite und wühlte den Kopf in das
Kissen der fremden Frau. Er war immer noch mutlos; aber auch
fast glücklich.

9

Direktor Potzloch war ein behendes kleines Männchen
mit einem zausigen Schnurrbart, einer riesigen Nase und
einem Kneifer, der ewig rutschte. Er war immer in großer
Eile; am meisten, wenn nichts zu tun war.
»Was ist los? Schnell!« fragte er, als Steiner mit Kern zu ihm
kam.
»Wir brauchen doch eine Hilfe«, sagte Steiner. »Tagsüber zum
Aufräumen, abends für die telepathischen Experimente. Hier ist
sie.« Er wies auf Kern.
»Kann er irgend etwas?«
»Er kann das, was wir brauchen.«
Potzloch blinzelte. »Einer von Ihren Bekannten? Was verlangt
er?«
»Essen, Wohnen und dreißig Schilling. Vorläufig.«
»Ein Vermögen!« schrie Direktor Potzloch. »Die Gage eines
Filmstars! Wollen Sie mich ruinieren, Steiner? So viel zahlt man
ja beinahe einem legal angemeldeten Arbeitsburschen«, fügte er
friedlicher hinzu.
»Ich bleibe auch ohne Geld«, erwiderte Kern rasch.
»Bravo, junger Mann! So wird man Millionär! Nur der Bescheidene kommt vorwärts im Leben!« Potzloch blies schmunzelnd
Luft durch die Nase und erhaschte seinen rutschenden Klemmer.
»Aber Sie kennen Leopold Potzloch nicht, den letzten Menschenfreund! Sie bekommen Gage. Fünfzehn blanke Schilling
im Monat. Gage, sagte ich, lieber Freund. Gage, nicht Gehalt! Ab
heute sind Sie Künstler. Fünfzehn Schilling Gage sind mehr als
tausend Gehalt. Kann er noch was Besonderes?«
»Etwas Klavier spielen«, sagte Kern.
Potzloch hakte den Klemmer energisch auf die Nase.
»Können Sie leise spielen? Stimmungsmusik?«
»Leise besser als laut.«
158

»Gut!« Potzloch verwandelte sich in einen Feldmarschall. »Er
soll irgendwas Ägyptisches üben! Bei der zersägten Mumie und
der Dame ohne Unterleib können wir Musik brauchen.«
Er verschwand. Steiner sah Kern kopfschüttelnd an. »Du bestätigst meine Theorie«, sagte er. »Ich habe die Juden immer für
das dümmste und vertrauensseligste Volk der Welt gehalten. Wir
hätten glatt dreißig Schilling ’rausgeholt.«
Kern lächelte. »Du rechnest nicht mit einem: mit der panischen
Angst, die ein paar tausend Jahre Pogrome und Getto gezüchtet
haben. Daran gemessen, sind die Juden sogar ein tollkühnes
Völkchen. Und schließlich bin ich nur ein elender Mischling.«
Steiner grinste. »Na schön, dann komm. Mazzes essen! Wir wollen das Laubhüttenfest feiern. Lilo ist eine wunderbare Köchin.«
Das Etablissement Potzloch bestand aus drei Abteilungen:
einem Karussell, einer Schießbude und dem Panorama der
Weltsensationen. Steiner führte Kern am Morgen gleich in einen
Teil seiner Arbeiten ein. Er hatte den besseren Karussellpferden
die Messingteile ihres Geschirrs zu putzen und das Karussell zu
fegen.
Kern machte sich an seine Arbeit. Er putzte nicht nur die Pferde, sondern auch die Hirsche, die sich im Takt wiegten, und die
Schwane und die Elefanten. Er war so vertieft, daß er nicht hörte,
wie Steiner an ihn herantrat. »Komm, Kleiner, Mittagessen!«
»Schon wieder essen?«
Steiner nickte. »Schon wieder. Etwas ungewohnt, was? Du bist
unter Künstlern; da herrschen die bürgerlichsten Sitten der Welt.
Es gibt sogar nachmittags eine Jause. Kaffee und Kuchen.«
»Ein Schlaraffenland!« Kern kroch aus einer Gondel vor, die
von einem Walfisch gezogen wurde. »Mein Gott, Steiner!« sagte
er. »Man könnte Angst kriegen, so wunderbar geht alles in der
letzten Zeit. Zuerst in Prag – und jetzt hier. Gestern wußte ich
159

noch nicht, wo ich schlafen sollte … und heute habe ich eine
Stellung, eine Wohnung und werde zum Mittagessen abgeholt!
Ich glaube es noch nicht!«
»Glaub’s nur«, erwiderte Steiner. »Denk nicht nach, nimm’s!
Alte Devise der fahrenden Leute.«
»Hoffentlich dauert es noch ein bißchen!«
»Es ist eine Lebensstellung«, sagte Steiner. »Mindestens für drei
Monate. Bis es zu kalt wird.«
Lilo hatte einen wackeligen Tisch in das Gras vor dem Wohnwagen gestellt. Sie brachte eine große Schüssel mit Gemüsesuppe
und Fleisch und setzte sich zu Steiner und Kern. Es war helles
Wetter mit einer Ahnung von Herbst in der Luft. Auf der Wiese
waren Wäschestücke aufgehängt, zwischen denen ein paar gelbgrüne Zitronenfalter spielten.
Steiner dehnte die Arme. »Eine gesunde Existenz! Und nun
auf in die Schießbude.«
Er zeigte Kern die Gewehre, und wie sie geladen wurden. »Es
gibt zwei Arten von Schützen«, sagte er. »Die Ehrgeizigen und
die Habgierigen.«
»Wie im Leben«, meckerte Direktor Potzloch, der gerade vorüberstrich.
»Die Ehrgeizigen schießen auf Karten und Nummern«, erläuterte Steiner weiter. »Sie sind nicht gefährlich. Die Habgierigen
wollen etwas gewinnen.« Er zeigte auf eine Anzahl Etageren im
Hintergrund der Bude, die mit Teddybären, Puppen, Aschbechern, Weinflaschen, Bronzefiguren, Haushaltungsgegenständen
und ähnlichen Sachen gefüllt waren.
»Sie sollen etwas gewinnen. Die unteren Etagen nämlich.
Kommt einer aber an fünfzig Ringe heran, dann gerät er in die
obersten Etagen, wo die Stücke zehn Schilling und mehr wert
sind. Dann gibst du eine von Direktor Potzlochs Original-Zau160

berkugeln ins Gewehr. Sie sehen genauso aus wie die andern.
Hier liegen sie, an dieser Seite. Der Mann wird staunen, wenn er
plötzlich damit nur einen Zweier oder Dreier schießt. Bißchen
weniger Pulver, verstehst du?«
»Ja.«
»Vor allem nie das Gewehr wechseln, junger Mann!« erklärte
Direktor Potzloch, der wieder hinter ihnen stand. »Mit dem Gewehr sind die Brüder mißtrauisch. Mit den Kugeln nicht. Und
dann die Balance! Gewonnen soll werden. Verdient aber muß
werden. Das muß ausbalanciert werden. Wenn Sie das können,
sind Sie ein Lebenskünstler. Nicht zuviel gesagt. Wer oft schießt,
hat natürlich ein Recht auf die dritte Etage.«
»Wer fünf Schilling verpulvert hat, darf eine von den Bronzegöttinnen gewinnen«, sagte Steiner. »Wert einen Schilling.«
»Junger Mann«, sagte Potzloch plötzlich mit pathetischer
Drohung, »auf eins mache ich Sie aber gleich aufmerksam: auf
den Hauptgewinn. Der ist ungewinnbar, verstehn S’? Er ist ein
Privatstück aus meiner Wohnung: ein Prunkstück!«
Er zeigte auf einen getriebenen, silbernen Obstkorb mit zwölf
Silbertellern und Bestecken dazu. »Sie haben eher zu sterben, als
einen Sechziger durchzulassen. Versprechen S’ mir das!«
Kern versprach es. Potzloch wischte sich den Schweiß von der
Stirn und haschte nach seinem Kneifer. »Allein schon der Gedanke!« murmelte er. »Meine Frau brächte mich um! Ein Erbstück,
junger Mann«, schrie er, »ein Erbstück in dieser traditionslosen
Zeit! Wissen S’ was ein Erbstück ist? Lassen S’ nur, Sie wissen es
nicht …«
Er sauste los. Kern sah ihm nach. »Nicht so schlimm«, sagte
Steiner. »Unsere Gewehre stammen sowieso aus der Zeit der
Belagerung Trojas. Und außerdem hast du Lilo zu Hilfe, wenn’s
brenzlig wird.«
161

Sie gingen zum Panorama der Weltsensationen hinüber. Es
war eine Bude, die mit bunten Plakaten bedeckt war. Sie stand
auf einem dreistufigen Podest. Vorn war ein Kassenhäuschen in
Form eines chinesischen Tempels aufgebaut – eine Idee Leopold
Potzlochs. Steiner wies auf ein Plakat, das einen Mann vorstellte,
dem Blitze aus den Augen schossen. »Alvaro, das Wunder der
Telepathie – das bin ich, Baby. Und du wirst mein Assistent
werden.«
SIE GINGEN IN die Bude hinein, die halbdunkel war und muffig
roch. Einige Reihen leerer Stühle standen wie Gespenster unordentlich umher. Steiner stieg auf die Bühne. »Also paß auf! Irgend
jemand im Zuschauerraum versteckt etwas bei einem andern;
meistens sind es Zigarettenschachteln, Zündhölzer, Puderdosen
oder sonderbarerweise Stecknadeln. Weiß der Himmel, wo die
Leute immer die Stecknadeln herkriegen! Ich habe das zu finden.
Ein interessierter Zuschauer wird heraufgebeten, ich fasse ihn bei
der Hand und rase los. Entweder bist du das, dann führst du mich
einfach hin, und je fester du meine Hand drückst, desto dichter
bin ich bei dem versteckten Gegenstand. Leichtes Klopfen mit
dem Mittelfinger bedeutet, daß es der richtige ist. Das ist einfach.
Ich suche so lange, bis du klopfst. Höher oder tiefer zeigst du mir
durch Auf- und Abbewegen der Hand.«
Direktor Potzloch erschien mit Getöse im Eingang. »Lernt
er’s?«
»Wir wollen gerade probieren«, erwiderte Steiner. »Setzen Sie
sich mal hin, Direktor, und verstecken Sie was an sich. Haben Sie
eine Stecknadel bei sich?«
»Natürlich!« Potzloch griff nach seinem Rockaufschlag.
»Natürlich hat er eine Stecknadel!« Steiner drehte sich um.
»Verstecken Sie sie. Und dann komm, Kern, und führe mich.«
162

Leopold Potzloch nahm die Nadel mit einem listigen Blick
und klemmte sie zwischen seine Schuhsohle. »Los, Kern!« sagte
er dann.
Kern ging zur Bühne und nahm Steiners Hand. Er führte ihn
zu Potzloch, und Steiner begann zu suchen.
»Ich bin kitzlig, Steiner«, prustete Potzloch und kreischte auf.
Nach einigen Minuten fand Steiner die Nadel. Sie wiederholten
das Experiment noch ein paarmal. Kern lernte die Zeichen, und
die Zeit, bis Steiner Potzlochs Zündholzschachtel fand, wurde
immer kürzer.
»Ganz gut«, sagte Potzloch. »Übt das heute nachmittag weiter. Aber nun die Hauptsache: wenn S’ als Zuschauer auftreten,
müssen S’ zögern, verstehen S’? Das Publikum darf keine Lunte
riechen. Deshalb müssen S’ zögern! Machen Sie’s einmal, Steiner,
ich werd’s ihm zeigen!«
Er setzte sich auf einen Stuhl neben Kern.
Steiner ging zum Podium. »Und nun bitte ich«, donnerte er
mit Ausruferstimme in die leere Bude, »einen der geehrten Herrschaften, sich hierher auf die Bühne zu begeben! Nur durch einen
Griff an die Hand, ohne ein Wort, wird die Gedankenübertragung
erfolgen und der versteckte Gegenstand gefunden werden!«
Direktor Potzloch beugte sich vor, als wollte er aufstehen und
etwas sagen. Dann begann er zu zögern. Er rutschte auf seinem
Stuhl hin und her, rückte an seinem Kneifer und blickte sich
verschämt um. Dann lächelte er entschuldigend, erhob sich halb,
kicherte, setzte sich schnell wieder zurück, gab sich schließlich
einen Ruck und schritt ernst, verlegen, neugierig und zaudernd
zugleich auf den vor Lachen tobenden Steiner zu.
Vor dem Podium drehte er sich um. »Nun kopieren Sie das,
junger Mann!« ermunterte er Kern selbstgefällig.
»Das ist nicht zu kopieren!« rief Steiner.
163

Potzloch grinste geschmeichelt. »Verlegenheit ist schwer darzustellen, das weiß ich als alter Bühnenhase. Echte Verlegenheit,
mein’ ich.«
»Er ist von Natur verlegen«, erklärte Steiner. »Er wird es schon
schaffen.«
»Na schön! Ich muß jetzt zum Ringelspiel.«
Potzloch schoß davon.
»Ein vulkanisches Temperament!« äußerte Steiner anerkennend. »Über sechzig Jahre alt! Jetzt zeige ich dir, was du zu tun
hast, wenn du nicht zögern kannst. Wenn ein anderer zögert. Wir
haben zehn Reihen Stühle hier. Das erstemal, wenn du dir übers
Haar streichst, zeigst du die Zahl der Reihe, wo das Versteckte
ist. Einfach soviel Finger, Das zweitemal der wievielte Stuhl von
links es ist. Dann faßt du bei dir unauffällig an die Stelle, wo es
ungefähr versteckt ist. Ich finde es dann schon …«
»Genügt denn das?«
»Es genügt. Der Mensch ist enorm phantasielos in solchen
Sachen.«
»Mir sieht es zu einfach aus.«
»Betrug muß einfach sein. Komplizierte Betrügereien mißlingen fast immer. Wir werden die Kiste heute nachmittag weiter
üben. Lilo hilft auch mit. Jetzt zeige ich dir den Klavierschimmel.
Er hat Museumswert. Eines der ersten Klaviere, die je gebaut
wurden.«
»Ich glaube, ich spiele viel zu schlecht.«
»Unsinn! Such dir ein paar hübsche Akkorde ’raus. Bei der
zersägten Mumie spielst du sie getragen; bei der Dame ohne
Unterleib flotter und abgehackt. Es hört dir ohnehin niemand
zu.«
»Gut. Ich werde es probieren und es dir nachher vorspielen.«
Kern kroch in den Verschlag hinter der Bühne, aus dem ihm
164

das Klavier mit gelben Stockzähnen entgegengrinste. Nach einigem Nachdenken wählte er für die Mumie den Tempeltanz
aus »Aida« und für den fehlenden Unterleib das Salonstück
»Maikäfers Hochzeitstraum«. Er trommelte auf dem Klavier
herum und dachte an Ruth, an Steiner, an die Wochen der Ruhe
und das Abendessen, und er glaubte, es nie in seinem Leben so
gut gehabt zu haben.
Eine Woche später erschien Ruth im Prater. Sie kam gerade, als die Nachtvorstellung des Panoramas der Sensationen
begann. Kern brachte sie auf einen Platz in der ersten Reihe.
Dann verschwand er ziemlich aufgeregt, um das Klavier zu bedienen. Er wechselte zur Feier des Tages das Programm. Für die
Mumie spielte er die »Japanische Fackelserenade« und für die
Dame ohne Unterleib »Glühwürmchen, schimm’re!« Sie waren
effektvoller. Hinterher gab er für Mungo, den australischen
Waldmenschen, freiwillig noch den Prolog aus dem »Bajazzo«
hinzu, sein Glanzstück, das reichlich Gelegenheit zu Arpeggios
und Oktaven bot.
Draußen erwischte ihn Leopold Potzloch. »Prima!« sagte er
anerkennend. »Viel feuriger als sonst! Was getrunken?«
»Nein«, erwiderte Kern. »Nur eben so eine Stimmung …«
»Junger Mann!« Potzloch griff nach seinem Kneifer. »Sie scheinen mich bis jetzt betrogen zu haben! Ich müßte Gage von Ihnen
zurückverlangen! Von heute an sind Sie verpflichtet, immer in
Stimmung zu sein. Ein Künstler kann das, verstehen Sie?«
»Ja.«
»Und als Ausgleich spielen Sie von nun an auch bei den zahmen
Seehunden. Irgendwas Klassisches, verstanden?«
»Gut«, sagte Kern. »Ich kann ein Stück aus der Neunten Symphonie; das wird passen.«
Er ging in die Bude und setzte sich in eine der hinteren Reihen.
165

Zwischen einem Federhut und einer Glatze sah er weit vorn, umwölkt von Zigarettenrauch, Ruths Kopf. Er schien ihm plötzlich
der schmälste und schönste Kopf der Welt zu sein.
Manchmal verschwand er, wenn die Zuschauer sich bewegten
und lachten; dann, überraschend, war er wieder da, wie eine ferne,
sanfte Vision, und Kern konnte sich nur schwer vorstellen, daß
er zu jemand gehörte, mit dem er nachher sprechen und neben
dem er gehen würde.
Steiner trat auf die Bühne. Er trug ein schwarzes Trikot, auf das
ein paar astrologische Zeichen gemalt waren. Eine dicke Dame
versteckte ihren Lippenstift in der Brusttasche eines Jünglings,
und Steiner forderte jemand auf, zu ihm auf die Bühne zu kommen.
Kern begann zu zögern. Er zögerte geradezu meisterhaft; selbst
als er schon in der Mitte des Ganges war, wollte er noch einmal
zurück. Potzloch warf ihm einen zustimmenden Blick zu – irrtümlicherweise, denn es war keine reife künstlerische Nuance,
sondern Kern hatte nur einfach plötzlich das Gefühl, nicht an
Ruth vorbeigehen zu können.
Dann aber klappte alles und war ganz leicht.
Potzloch winkte Kern nach der Vorstellung zu sich. »Junger
Mann«, sagte er, »was ist heute los mit Ihnen? Sie haben erstklassig gezögert. Sogar mit dem Schweiß der Verlegenheit auf der
Stirn. Schweiß ist schwer darzustellen, das weiß ich. Wie haben
Sie’s gemacht? Atem angehalten?«
»Ich glaube, es war nur Lampenfieber.«
»Lampenfieber?« Potzloch strahlte. »Endlich! Die echte Erregung des wirklichen Künstlers vor dem Auftritt! Ich will Ihnen
was sagen: Sie spielen bei den Seehunden und von jetzt an auch
bei dem Waldmenschen aus Neukölln, und ich erhöhe Ihr Gehalt
um fünf Schilling. Einverstanden?«
166

»Einverstanden!« sagte Kern. »Und zehn Schilling Vorschuß.«
Potzloch starrte ihn an. »Das Wort Vorschuß kennen Sie auch
schon?« Er zog einen Zehnschillingschein aus der Tasche. »Jetzt
gibt’s keinen Zweifel mehr: Sie sind tatsächlich ein Künstler!«
»ALSO, KINDER«, SAGTE Steiner, »lauft los! Aber seid um ein
Uhr wieder hier zum Essen. Es gibt heiße Piroggen, die heilige
russische Nationalspeise. Nicht wahr, Lilo?«
Lilo nickte.
Kern und Ruth gingen über die Wiese hinter der Schießbude
entlang, dem Lärm der Karussells zu. Die Lichter und die Musik
des großen Platzes schlugen ihnen wie eine helle, strahlende
Woge entgegen und überstürzten sie mit dem Gischt gedankenloser Fröhlichkeit.
»Ruth!« Kern nahm ihren Arm. »Du sollst heute einen großen
Abend haben! Mindestens fünfzig Schilling werde ich für dich
ausgeben.«
»Das wirst du nicht!« Ruth blieb stehen.
»Doch! Ich werde fünfzig Schilling für dich ausgeben. Aber so
wie das Deutsche Reich. Ohne sie zu haben. Du wirst es sehen.
Komm!«
Sie gingen zur Geisterbahn. Es war ein Riesenkomplex mit
hoch in die Luft gebauten Schienen, über die kleine Wagen voll
Gelächter und Geschrei sausten. Vor dem Eingang stauten sich
die Menschen. Kern drängte sich durch und zog Ruth hinter sich
her. Der Mann an der Kasse sah ihn an. »Hallo, George«, sagte
er. »Auch wieder da? Geht hinein!«
Kern öffnete die Tür eines der niedrigen Wagen. »Steig ein!«
Ruth sah ihn überrascht an.
Kern lachte. »Es ist so! Reine Zauberei! Wir brauchen nicht
zu bezahlen.«
167

Sie sausten los. Der Wagen stieg steil empor und stürzte dann
in einen finsteren Tunnel. Ein kettenbeladenes Ungeheuer erhob
sich wimmernd und griff nach Ruth. Sie schrie auf und drückte
sich an Kern. Im nächsten Augenblick öffnete sich ein Grab, und
eine Anzahl Skelette rasselte mit ihren Knochen einen monotonen Trauermarsch. Gleich darauf schoß der Wagen aus dem
Tunnel heraus, wirbelte durch eine Kurve und stürzte aufs neue
in einen Schacht. Ein anderer Wagen raste ihnen entgegen, zwei
aneinandergedrückte Menschen saßen darin, die sie erschreckt
anstarrten, ein Zusammenstoß schien unvermeidlich – da schleuderte der Wagen durch eine Kurve, das Spiegelbild verschwand,
und sie flogen in eine dampfende Höhle, in der feuchte Hände
über ihre Gesichter glitten.
Sie überfuhren noch einen letzten, wimmernden Greis, dann
kamen sie wieder ans Tageslicht, und der Wagen hielt an. Sie
stiegen aus. Ruth strich sich über die Augen. »Wie schön das alles
plötzlich ist!« sagte sie und lächelte. »Das Licht, die Luft – daß
man atmet und gehen kann …«
»Warst du schon einmal im Flohzirkus?« fragte Kern.
»Nein.«
»Dann komm!«
»Servus, Charlie!« sagte die Frau am Eingang zu Kern. »Ausgehtag heut? Geht hinein! Wir haben gerade Alexander II. drin.«
Kern sah Ruth vergnügt an. »Wieder umsonst!« erklärte er.
»Komm!«
Alexander II. war ein ziemlich starker, rötlicher Floh, der zum
erstenmal frei vor dem Publikum arbeitete. Der Dompteur war
etwas nervös; Alexander II. war bisher nur als vorderes linkes
Pferd eines Viererzuges tätig gewesen und hatte ein ungestümes,
unberechenbares Temperament. Das Publikum, das mit Ruth und
Kern aus fünf Personen bestand, beobachtete ihn gespannt.
168

Aber Alexander II. arbeitete tadellos. Er ging wie ein Traber; er
kletterte und turnte am Trapez, und sogar sein Glanzstück frei
an der Balancierstange verrichtete er, ohne auch nur einmal zur
Seite zu schielen.
»Bravo, Alfons!« Kern schüttelte dem stolzen Dompteur die
zerstochene Hand.
»Danke. Wie hat es Ihnen gefallen, meine Dame?«
»Es war wunderbar.« Ruth schüttelte ihm ebenfalls die Hand.
»Ich verstehe nicht, wie Sie das überhaupt fertigbringen.«
»Es ist ganz einfach. Alles Dressur. Und Geduld. Mir hat einmal
einer gesagt, man könne sogar Steine dressieren, wenn man genug Geduld hätte.« Der Dompteur machte verschmitzte Augen.
»Weißt du, Charlie, bei Alexander II. war ein kleiner Trick dabei.
Ich habe das Vieh vor der Vorstellung eine halbe Stunde an der
Kanone ziehen lassen. An dem schweren Mörser. Davon ist er
müde geworden. Und müde macht willig.«
»An der Kanone?« fragte Ruth. »Haben denn selbst die Flöhe
schon Kanonen?«
»Sogar schwere Feldartillerie.« Der Dompteur ließ Alexander II.
einen herzhaften Belohnungsbiß an seinem Unterarm tun. »Es
ist halt einmal das populärste, meine Dame. Und populär bringt
Geld!«
»Sie schießen aber nicht aufeinander«, sagte Kern. »Sie rotten
sich nicht aus – darin sind sie vernünftiger als wir.«
Sie gingen zur mechanischen Autorennbahn.
»Grüß dich Gott, Peperl!« heulte der Mann am Eingang, durch
das metallene Getöse. »Nehmt Nummer sieben, die rammt
gut!«
»Hältst du mich nicht allmählich für den Bürgermeister von
Wien?« fragte Kern Ruth.
»Für viel mehr; für den Besitzer des Praters.«
169

Sie sausten los, stießen mit andern zusammen und waren bald
mitten im Wirbel. Kern lachte und ließ das Steuer los; Ruth versuchte ernsthaft, mit zusammengezogenen Augenbrauen, weiterzulenken. Schließlich ließ sie es, wandte sich an Kern, wie entschuldigend, und lächelte – das seltene Lächeln, das ihr Gesicht erhellte
und weich und kindlich machte. Man sah dann plötzlich den roten,
vollen Mund und nicht mehr die schweren Augenbrauen.
Sie machten noch die Runde durch ein halbes Dutzend Buden
und Etablissements – von den rechnenden Seelöwen bis zum
indischen Zukunftsdeuter; nirgendwo brauchten sie etwas zu
zahlen. »Du siehst«, sagte Kern stolz, »sie verwechseln zwar
meinen Namen überall; aber wir haben freien Eintritt. Das ist
die höchste Form der Volkstümlichkeit.«
»Werden wir auch beim großen Riesenrad umsonst ’reingelassen?« fragte Ruth.
»Bestimmt! Als Künstler Direktor Potzlochs. Sogar mit besonderen Ehren. Komm, wir gehen sofort hin.«
»Servus, Schani«, sagte der Mann an der Kasse. »Mit Fräulein
Braut?«
Kern nickte, errötete und blickte Ruth nicht an.
Der Mann nahm zwei bunte Postkarten von einem Haufen, der
neben ihm lag, und überreichte sie Ruth. Es waren Abbildungen
des Riesenrades mit dem Panorama von Wien. »Zur Erinnerung,
mein Fräulein.«
»Danke vielmals.«
Sie stiegen in einen der Wagen und setzten sich ans Fenster.
»Das mit der Braut habe ich so hingehen lassen«, sagte Kern. »Es
hätte zu lange gedauert, ihm das zu erklären.«
Ruth lachte. »Dafür haben wir ja die besonderen Ehren. Unsere
Postkarten. Wir wissen nur beide nicht, wem wir sie schicken
sollten.«
170

»Nein«, sagte Kern. »Ich weiß niemand. Und die, die ich wüßte,
haben keine Adresse.«
Der Wagen schwebte langsam empor, und unter ihm entfaltete
sich allmählich, wie ein großer Fächer, das Panorama von Wien.
Zuerst der Prater mit den hellen Schnüren der erleuchteten
Alleen, die wie doppelreihige Perlenstränge über dem dunklen
Nacken des Waldes lagen – dann, wie ein riesiger Schmuck aus
Smaragden und Rubinen, der bunte Glanz der Budenstadt – und
endlich, mit allen Lichtern, unübersehbar fast, die Stadt und
dahinter der schmale, dunkle Rauch der Höhenzüge.
Sie waren allein in dem Wagen, der in sanfter Kurve immer
weiter stieg und dann nach links hinüberglitt – und es schien
ihnen plötzlich, als wäre es kein Wagen mehr – als säßen sie in
einem lautlosen Aeroplan und unter ihnen drehte sich langsam
die Erde fort – als gehörten sie gar nicht mehr zu ihr, als wären sie
in einem Geisterflugzeug, das nirgendwo mehr einen Landeplatz
hatte und unter dem tausend Heimaten vorüberzogen, tausend
erleuchtete Häuser und Stuben, abendliches Heimkehrlicht bis
zu den Horizonten, Lampen und Wohnungen und schirmende
Dächer darüber, die riefen und lockten, und keines war das ihre.
Sie schwebten darüber im Dunkel der Heimatlosigkeit, und
alles, was sie anzünden konnten, war die trostlose Kerze der
Sehnsucht …
Die Fenster des Wohnwagens standen weit offen. Es war schwül
und sehr still. Lilo hatte eine bunte Decke über das Bett und
einen alten Samtvorhang aus der Schießbude über Kerns Lager
gebreitet. Im Fenster schwankten zwei Lampions.
»Venezianische Nacht der Nomaden von heute«, sagte Steiner.
»Wart ihr im kleinen Konzentrationslager?«
»Was meinst du?«
»Die Geisterbahn.«
171

»Ja.«
Steiner lachte. »Bunker, Verliese, Ketten, Blut und Tränen -die
Geisterbahn ist plötzlich modern geworden, was, kleine Ruth?«
Er stand auf. »Wollen einen Wodka nehmen!« Er holte die Flasche
vom Tisch. »Wollen Sie auch einen, Ruth?«
»Ja, einen großen.«
»Und Kern?«
»Einen doppelten.«
»Kinder, ihr macht euch!« sagte Steiner.
»Ich nehme einen aus reiner Lebensfreude«, erklärte Kern.
»Gib mir auch ein Glas«, sagte Lilo, die mit einer Platte brauner Piroggen hereinkam. Steiner schenkte ein. Dann hob er sein
Glas und grinste. »Es lebe die Depression! Die dunkle Mutter
der Lebensfreude!«
Lilo stellte die Platte ab und holte einen Steinkrug mit Gurken
und einen Teller mit dunklem russischem Brot. Dann nahm sie
ihr Glas und trank es langsam aus. Das Licht der Lampions glitzerte in der klaren Flüssigkeit, daß es schien, als tränke sie aus
einem rosafarbenen Diamanten.
»Gibst du mir noch ein Glas?« fragte sie Steiner.
»Soviel du willst, mein melancholisches Steppenkind. Ruth,
wie ist es mit Ihnen?«
»Auch noch einen.«
»Gebt mir auch noch einen«, sagte Kern. »Ich habe Gehaltserhöhung bekommen.«
Sie tranken und aßen dann die warmen Kohl- und Fleischpasteten. Hinterher hockte Steiner sich auf sein Bett und rauchte.
Kern und Ruth setzten sich auf das Lager Kerns am Boden. Lilo
ging hin und her und räumte ab. Ihr Schatten schwankte groß
über die Wände des Wagens. »Sing etwas, Lilo«, sagte Steiner
nach einer Weile.
172

Sie nickte und nahm eine Gitarre, die in der Ecke an der Wand
hing. Ihre Stimme, die heiser war, wenn sie sprach, wurde klar und
tief, wenn sie sang. Sie saß im Halbdunkel. Ihr sonst unbewegtes
Gesicht belebte sich, und die Augen bekamen einen wilden und
schwermütigen Glanz. Sie sang russische Volkslieder und die
alten Wiegenlieder der Zigeuner. Nach einer Zeitlang hörte sie
auf und sah Steiner an. Das Licht spiegelte sich in ihren Augen.
»Sing weiter«, sagte Steiner.
Sie nickte und griff einige Akkorde auf der Gitarre. Dann
begann sie zu summen, kleine, einförmige Melodien, aus denen
manchmal Worte aufstiegen wie Vögel aus dem Dunkel weiter
Steppen, Lieder der Wanderschaft, der flüchtigen Ruhe unter
Zelten, und es schien, als würde auch der Wagen im unruhigen
Licht der Lampions zu einem Zelt, rasch aufgeschlagen in der
Nacht, und morgen müßten sie alle weiter.
Ruth saß vor Kern und lehnte sich an ihn; ihre Schultern
berührten seine hochgezogenen Knie, und er spürte die glatte
Wärme ihres Rückens. Sie legte den Kopf zurück gegen seine
Hände. Die Wärme strömte durch seine Hände in sein Blut und
machte ihn hilflos vor fremden Wünschen. Es wollte etwas herein
und hinaus, ein Dunkles, es war in ihm und außer ihm, es war in
der tiefen, leidenschaftlichen Stimme Lilos und in dem Atem der
Nacht, in der verworrenen Flucht seiner Gedanken und in der
leuchtenden Flut, die ihn plötzlich hob und trug. Er legte seine
Hände wie eine Schale um den schmalen Nacken vor ihm, der
ihm willig entgegenkam.
ES WAR STILL draußen, als Kern und Ruth fortgingen. Die Buden waren schon mit ihren Zeltplanen verhängt, der Lärm war
verstummt, und über Rummel und Geschrei, über das Knallen
der Schüsse und die schrillen Rufe der Achterbahnen war lautlos
173

wieder der Wald gewachsen und hatte den bunten und grauen
Aussatz der Zelte unter sich begraben.
»Willst du schon nach Hause?« fragte Kern.
»Ich weiß nicht. Nein.«
»Laß uns noch hierbleiben. Herumgehen. Ich wollte, es würde
nie morgen.«
»Ja. Morgen ist immer Angst und Ungewißheit. Wie schön es
hier ist.«
Sie gingen durch das Dunkel. Die Bäume über ihnen regten sich
nicht. Sie waren in ein weiches Schweigen wie in unsichtbare Watte gepackt. Die Blätter machten nicht das geringste Geräusch.
»Vielleicht sind wir die einzigen, die noch wach sind …«
»Ich weiß nicht. Die Polizisten sind immer länger wach …«
»Hier gibt es keine Polizisten. Hier nicht. Hier ist Wald. Wie
schön es ist zu gehen! Man hörte die Füße gar nicht.«
»Ja, man hört nichts.«
»Doch, dich höre ich. Aber vielleicht bin ich es auch. Ich kann
mir nicht mehr vorstellen, wie es war ohne dich.«
Sie gingen weiter. Es war so still, daß die Stille zu raunen schien
– als wäre sie ohne Atem und warte auf etwas ungeheuer Fremdes
von weit her.
»Gib mir deine Hand«, sagte Kern. »Ich habe Angst, daß du
plötzlich nicht mehr da bist.«
Ruth lehnte sich an ihn. Er fühlte ihr Haar an seinem Gesicht.
»Ruth«, sagte er, »ich weiß, es ist nichts anderes als ein bißchen
Zusammengehören in all der Flucht und der Leere – aber für uns
ist das wohl mehr als vieles, das große Namen hat …«
Sie nickte an seiner Schulter. Sie standen eine Weile so. »Ludwig«, sagte Ruth. »Manchmal möchte ich nirgendwo mehr hin.
Mich einfach so fallen lassen, in die Erde, und auslöschen …«
»Bist du müde?«
174

»Nein, nicht müde. Ich bin nicht müde. Ich könnte immer so
weitergehen. Es ist so weich. Man stößt nirgendwo an.«
Es begann zu wehen. Das Laub über ihnen fing an zu rauschen.
Kern fühlte einen warmen Tropfen auf seiner Hand. Ein zweiter
streifte sein Gesicht. Er sah auf. »Es fängt an zu regnen, Ruth.«
»Ja.«
Die Tropfen fielen regelmäßiger und dichter. »Nimm meine
Jacke«, sagte Kern. »Mir macht es nichts, ich bin es gewohnt.«
Er hängte Ruth seine Jacke über die Schultern. Sie fühlte die
Wärme, die noch darin war, und fühlte sich plötzlich sonderbar
geborgen.
Es hörte auf zu wehen. Einen Augenblick schien der Wald den
Atem anzuhalten, dann flammte ein lautloser, weißer Blitz durch
das Dunkel, ein rascher Donner folgte, und auf einmal stürzte der
Regen hernieder, als hätte der Blitz den Himmel aufgerissen.
»Komm schnell!« rief Kern.
Sie liefen dem Karussell zu, das mit seinen heruntergelassenen Zeltwänden wie ein stumpfer Räuberturm undeutlich in
der Nacht stand. Kern hob die Zeltplane an einer Stelle hoch,
sie krochen beide darunter hinweg und standen, hoch atmend,
plötzlich geschützt wie unter einer riesigen, dunklen Trommel,
auf die der Regen herabprasselte.
Kern faßte Ruths Hand und zog sie mit sich. Ihre Augen gewöhnten sich bald an das Dunkel. Gespensterhaft ragten die
Umrisse der sich bäumenden Pferde auf; die Hirsche waren in
ewiger, schattenhafter Flucht versteinert; die Schwäne breiteten
Flügel voll geheimnisvoller Dämmerung, und ruhevoll standen,
dunkler im Dunkel, die mächtigen Rücken der Elefanten.
»Komm!« Kern zog Ruth zu einer Gondel. Er griff ein paar
Samtkissen aus den Wagen und Karossen zusammen und packte
sie unten hinein. Dann riß er einem Elefanten seine goldbestickte
175

Schabracke ab. »So, jetzt hast du eine Decke wie eine Prinzessin …«
Draußen rollte langgezogen der Donner. Die Blitze warfen einen matten, bleichen Glanz in das warme Dunkel des Zeltes -und
jedesmal tauchten dann die bunten Geweihe und Geschirre der
Tiere, die friedlich in ewigem Kreise hintereinander paradierten,
auf, wie die sanfte, ferne Vision eines verzauberten Paradieses.
Kern sah Ruths bleiches Gesicht mit den dunklen Augen, und er
spürte, während er sie zudeckte, ihre Brust unter seiner Hand;
unbekannt und fremd wieder und erregend, wie in der ersten
Nacht im Hotel Bristol in Prag.
Das Gewitter kam rasch näher. Der Donner überrollte das
Trommeln auf dem straffgespannten Zeltdache, von dem das
Wasser in Güssen herniederschoß; der Boden bebte bei den
heftigen Schlägen, und plötzlich, im nachklingenden Schweigen
einer letzten, besonders schweren Erschütterung, löste sich das
Karussell und begann sich langsam zu drehen. Langsamer als am
Tage, fast unwillig und wie unter einem geheimen Zwang – auch
die Musik war langsamer als am Tage und auf eine sonderbare
Weise mit Pausen untermischt. Es war nur eine halbe Runde, als
wäre es einen Augenblick aus dem Schlaf erwacht – dann stand
es wieder still, und auch die Orgel schwieg, als wäre sie müde
auseinandergebrochen, und nur noch Regen rauschte, der Regen,
das älteste Schlaflied der Welt.

ZWEITER TEIL

10

Der Platz vor der Universität lag in der leeren Mittagssonne. Die Luft war klar und blau, und über den Dächern
kreiste ein Zug unruhiger Schwalben. Kern stand am Rande des
Platzes und wartete auf Ruth.
Die ersten Studenten kamen durch die großen Türen und gingen die Treppen hinunter. Kern reckte den Kopf, um Ruths braune
Baskenmütze zu entdecken. Sie war gewöhnlich eine der ersten,
die herauskamen. Aber er sah sie nicht. Es kamen plötzlich auch
keine Studenten mehr. Im Gegenteil: eine Anzahl von denen, die
draußen waren, kehrte wieder um. Es schien etwas los zu sein.
Plötzlich, wie durch eine Explosion hervorgetrieben, quoll ein
wirrer, ineinander verfilzter Haufe von Studenten aus der Tür. Es
war eine Prügelei. Kern unterschied jetzt auch die Rufe: »Juden
’raus!« – »Haut die Mosessöhne in die krummen Fressen!« – »Jagt
sie nach Palästina!«
Er ging rasch über den Platz und stellte sich am rechten Flügel
des Gebäudes auf. Er mußte vermeiden, in die Prügelei zu geraten; gleichzeitig wollte er aber so nahe dabeisein, wie es ging,
um Ruth herauszuholen.
Eine Gruppe von etwa dreißig jüdischen Studenten versuchte
zu entkommen. Dicht aneinandergedrängt, schoben sie sich
die Treppe hinunter. Sie waren umringt von ungefähr hundert
anderen, die von allen Seiten auf sie einschlugen.
»Haut sie auseinander!« schrie ein großer, schwarzhaariger
Student, der jüdischer aussah als die meisten der Angegriffenen.
»Packt sie einzeln!«
Er setzte sich an die Spitze eines Trupps, der mit gewaltigem
Geschrei einen Keil in die Gruppe der Juden bohrte und nacheinander einzelne losriß und sie den andern hinwarf, die sie sofort
lit Fäusten, Bücherpacken und Stöcken bearbeiteten.
Kern blickte unruhig nach Ruth aus. Er konnte sie nirgendwo
178

sehen und hoffte, daß sie in der Universität geblieben war. Oben
auf der Freitreppe standen nur noch zwei Professoren. Einer, mit
einem geteilten, grauen Franz-Joseph-Bart und einem rosigen
Gesicht, der sich lächelnd die Hände rieb – und ein anderer,
der hager und streng, mit unbewegter Miene in das Getümmel
hinabschaute.
Ein paar Polizisten kamen von jenseits des Platzes eilig heran.
Der vorderste blieb in der Nähe Kerns stehen. »Stopp!« sagte er
zu den beiden anderen. »Nicht einmischen!«
Die beiden blieben stehen. »Juden, was?«, fragte einer von
ihnen.
Der erste nickte. Dann bemerkte er Kern und sah ihn scharf an.
Kern tat, als habe er nichts gehört. Umständlich zündete er sich
eine Zigarette an und ging dabei wie absichtslos einige Schritte
weiter fort. Die Polizisten verschränkten die Arme und sahen
neugierig der Schlägerei zu.
Ein kleiner jüdischer Student entkam dem Getümmel. Er blieb
wie geblendet einen Augenblick stehen. Dann sah er die Polizisten
und rannte auf sie zu.
»Kommen Sie!« schrie er. »Rasch! Helfen Sie! Man schlägt sie
ja tot!«
Die Polizisten betrachteten ihn wie ein seltenes Insekt. Keiner
von ihnen erwiderte etwas. Der Kleine starrte sie einen Moment fassungslos an. Dann drehte er sich ohne ein Wort wieder
um und ging zurück, auf das Getümmel zu. Er war noch keine
zehn Schritte weit gekommen, als sich zwei Studenten aus dem
großen Haufen lösten. Sie stürmten auf ihn zu. »Saujud!« schrie
der vorderste. »Der Saujud jammert nach Gerechtigkeit! Sollst
du haben!«
Er schlug ihn mit einem klatschenden Schlag ins Gesicht nieder. Der Kleine versuchte, wieder hochzukommen. Der andere
179

stieß ihn mit einem Tritt vor den Bauch zurück. Dann packten
beide ihn an den Beinen und schleiften ihn wie einen Karren
über das Pflaster. Der Kleine versuchte sich vergebens an den
Steinen festzukrallen. Sein weißes Gesicht starrte wie eine Maske des Entsetzens zurück zu den Polizisten. Der Mund war wie
ein schwarzes, offenes Loch, aus dem Blut über das Kinn lief. Er
schrie nicht.
Kern spürte seinen Gaumen trocken werden. Er hatte das Gefühl, auf die beiden losspringen zu müssen. Aber er sah, daß die
Polizisten ihn beobachteten, und steif und verkrampft vor Wut
ging er zur andern Ecke des Platzes hinüber.
Die beiden Studenten kamen mit ihrem Opfer dicht an ihm
vorüber. Ihre Zähne schimmerten, sie lachten, und ihre Gesichter wiesen nicht die Spur von Bosheit auf. Sie leuchteten einfach
nur von aufrichtigem, unschuldigem Vergnügen – als trieben sie
irgendeinen Sport und schleiften nicht einen Menschen blutig.
Plötzlich kam Hilfe. Ein großer, blonder Student, der bisher
herumgestanden hatte, verzog angewidert das Gesicht, als der
Kleine an ihm vorbeigeschleppt wurde. Er streifte die Ärmel
seiner Jacke etwas hoch, machte ein paar langsame Schritte und
schlug dann mit zwei kurzen, wuchtigen Schlägen die Peiniger
des Kleinen nieder.
Er hob den verschmierten Kleinen am Kragen hoch und stellte
ihn auf die Beine. »So, nun mach, daß du wegkommst«, knurrte
er. »Aber schnell!«
Darauf ging er, ebenso langsam und nachdenklich wie vorher,
auf den tobenden Haufen zu. Er besah sich den schwarzhaarigen
Anführer und gab ihm dann einen so furchtbaren Hieb auf die
Nase und sofort hinterher einen fast unsichtbaren Schlag gegen
das Kinn, daß er krachend aufs Pflaster stürzte.
In diesem Augenblick erblickte Kern Ruth. Sie hatte ihre Mütze
180

verloren und befand sich am Rande des Getümmels. Er lief auf
sie zu. »Rasch! Komm rasch, Ruth! Wir müssen hier weg!«
Sie erkannte ihn im ersten Augenblick nicht. »Die Polizei!«
stammelte sie, blaß vor Erregung, »die Polizei muß helfen!«
»Die Polizei hilft nicht! Sie darf uns hier auch nicht erwischen!
Wir müssen fort, Ruth!«
»Ja.« Sie sah ihn wie erwachend an. Ihr Gesicht veränderte sich.
Es schien, als wollte sie weinen. »Ja, Ludwig«, sagte sie mit einer
sonderbar zerbrochenen Stimme. »Komm, fort!«
»Ja, rasch!« Kern nahm ihren Arm und zog sie mit sich. Hinter
sich hörten sie Geschrei. Es gelang der Gruppe jüdischer Studenten durchzubrechen. Ein Teil von ihnen lief über den Platz. Das
Gedränge verschob sich, und plötzlich waren Kern und Ruth
mittendrin.
»Ah, Rebekka! Sarah!« Einer der Angreifer griff nach Ruth.
Kern spürte etwas wie das Abschnellen einer Feder. Er war aufs
höchste überrascht, den Studenten langsam zusammensinken zu
sehen. Er war sich nicht bewußt, geschlagen zu haben.
»Hübscher Gerader!« sagte jemand anerkennend neben ihm.
Es war der große blonde Student, der soeben zwei andere mit
den Köpfen zusammenschlug. »Nichts Edles verletzt!« sagte er,
ließ sie fallen wie nasse Säcke und griff nach zwei andern.
Kern bekam einen Schlag mit einem Spazierstock über den
Arm. Er sprang wütend los, in einen roten Nebel hinein und
schlug um sich. Er zerschmetterte eine Brille und rannte jemand um. Dann dröhnte es furchtbar, und der rote Nebel wurde
schwarz.
ER ERWACHTE AUF der Polizeistation. Sein Kragen war zerrissen,
seine Backe blutete, und sein Kopf dröhnte immer noch. Er setzte
sich auf.
181

»Servus!« sagte jemand neben ihm. Es war der große blonde
Student.
»Verdammt!« erwiderte Kern. »Wo sind wir?«
Der andere lachte. »In Haft, mein Lieber. Ein, zwei Tage, dann
lassen sie uns schon wieder ’raus.«
»Mich nicht.« Kern sah sich um. Sie waren zu acht. Außer dem
Blonden alles Juden. Ruth war nicht dabei.
Der Student lachte wieder. »Was sehen Sie sich so um? Sie
meinen, die Falschen wären hier? Irrtum, mein Lieber! Nicht
der Angreifer, der Angegriffene ist schuldig! Er ist die Ursache
des Ärgernisses. Modernste Psychologie.«
»Haben Sie gesehen, was aus dem Mädchen geworden ist, mit
dem ich zusammen war?« fragte Kern.
»Das Mädchen?« Der Blonde dachte nach. »Es wird ihr nichts
passiert sein. Was soll ihr schon geschehen? Mädchen läßt man
doch in Ruhe bei einer Prügelei.«
»Sind Sie dessen sicher?«
»Ja. Ziemlich. Außerdem kam ja doch gleich die Polizei.«
Kern starrte vor sich hin. Die Polizei. Das war es ja. Aber Ruths
Paß war noch gültig. Man konnte ihr nicht allzuviel tun. Doch
auch das war schon zuviel.
»Sind außer uns noch mehr verhaftet worden?« fragte er.
Der Blonde schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Ich war der
letzte. An mich gingen sie nur zögernd ’ran.«
»Bestimmt nicht?«
»Nein. Dann wären sie auch hier. Wir sind ja vorläufig noch
auf der Wachstube.«
Kern atmete auf. Vielleicht war Ruth nichts passiert.
Der blonde Student betrachtete ihn ironisch. »Katzenjammer,
was? Geht einem immer so, wenn man unschuldig ist. Besser,
man hat einen Grund für das, was einem passiert. Sehen Sie, der
182

einzige, der nach gutem, altem Recht hier sitzt, bin ich. Ich habe
mich freiwillig eingemischt. Deshalb bin ich auch fröhlich.«
»Es war anständig von Ihnen.«
»Ach, anständig!« Der Blonde machte eine wegwerfende
Handbewegung. »Ich bin ein alter Antisemit. Aber bei so einer
Schlächterei kann man doch nicht zuschauen. Sie haben übrigens
einen schönen, kurzen Geraden geschlagen. Trocken und schnell.
Irgendwann boxen gelernt?«
»Nein.«
»Dann sollten Sie es lernen. Sie haben gute Anlagen. Sind nur
viel zu hitzig. Wenn ich der Papst der Juden wäre, würde ich ihnen
jeden Tag eine Stunde Boxen verordnen. Solltet sehen, wie die
Brüder Respekt vor euch kriegten.«
Kern griff sich vorsichtig an den Kopf. »Mir ist im Moment
nicht nach Boxen zumute.«
»Gummiknüppel«, erklärte der Student sachlich. »Unsere brave
Polizei. Immer auf der Seite der Sieger. Heute abend ist Ihr Schädel besser. Dann fangen wir an zu üben. Irgendwas müssen wir
ja zu tun haben.« Er zog die langen Beine auf die Pritsche und
sah sich um. »Zwei Stunden sind wir nun schon hier! Verdammt
langweilige Bude! Wenn wir wenigstens ein Spiel Karten hätten!
Schwarzen Peter kann doch irgendeiner spielen.« Er musterte
die jüdischen Studenten verächtlich.
»Ich habe ein Spiel bei mir.« Kern griff in die Tasche. Steiner
hatte ihm damals das Spiel des Taschendiebes geschenkt. Er trug
es seitdem stets als eine Art von Amulett mit sich.
Der Student sah ihn anerkennend an. »Alle Achtung! Aber
sagen Sie mir jetzt nur nicht, daß Sie Bridge spielen! Alle Juden
spielen Bridge, sonst nichts.«
»Ich bin Halbjude. Ich spiele Skat, Tarock, Jaß und Poker«,
erwiderte Kern mit einem Anflug von Stolz.
183

»Erstklassig. Da sind Sie mir über. Jaß kann ich nicht.«
»Es ist ein Schweizer Spiel. Ich werde es Ihnen beibringen,
wenn Sie wollen.«
»Gut. Ich gebe Ihnen dann dafür Ihre Boxlektion. Austausch
geistiger Werte.«
Sie spielten bis abends. Die jüdischen Studenten unterhielten
sich inzwischen über Politik und Gerechtigkeit. Sie kamen zu
keinem Resultat. Kern und der Blonde spielten zuerst Jaß; später
Poker. Kern gewann im Poker sieben Schilling. Er war ein guter
Schüler Steiners geworden. Sein Kopf wurde allmählich klarer.
Er vermied es, an Ruth zu denken. Er konnte nichts für sie tun;
Grübeln allein hätte ihn schwach gemacht. Und er wollte seine
Nerven zusammen haben für die Vernehmung vor dem Richter.
Der Blonde warf die Karten zusammen und zahlte Kern aus.
»Jetzt kommt der zweite Teil«, sagte er. »Los! ’ran, um ein zweiter
Dempsey zu werden.«
Kern stand auf. Er war noch sehr schwach. »Ich glaube, es
geht nicht«, sagte er. »Mein Kopf verträgt noch keinen zweiten
Schlag.«
»Ihr Kopf war klar genug, mir sieben Schilling abzunehmen«,
erwiderte der Blonde grinsend. »Vorwärts, überwinden Sie den
inneren Schweinehund! Lassen Sie das arische Raufboldblut in
sich sprechen! Geben Sie der humanen jüdischen Hälfte einen
Stoß!«
»Das tue ich schon seit einem Jahr.«
»Ausgezeichnet. Also schonen wir vorerst den Kopf. Fangen wir
mit den Beinen an. Die Hauptsache beim Boxen ist die Leichtigkeit der Füße. Sie müssen tänzeln. Tänzelnd schlägt man dem
Gegner die Zähne ein. Angewandter Nietzsche!«
Der Blonde stellte sich in Positur, wiegte sich in den Knien
184

und machte eine Anzahl Wechselschritte vorwärts und zurück.
»Machen Sie das nach.« Kern machte es nach.
Die jüdischen Studenten hatten aufgehört zu diskutieren. Einer
von ihnen, mit einer Brille, stand auf. »Würden Sie mich auch
unterrichten?« fragte er.
»Natürlich! Brille ’runter und ’ran!« Der Blonde klopfte ihm
auf die Schulter. »Altes Makkabäerblut, rausche auf!«
Es meldeten sich noch zwei Schüler. Die übrigen blieben abweisend, aber neugierig auf den Pritschen sitzen.
»Zwei nach rechts, zwei nach links!« dirigierte der Blonde.
»Und nun auf, zum Blitzkurs! Jahrtausendelang vernachlässigte
Erziehung zum Rohling nachholen. Der Arm schlägt nicht – der
ganze Körper schlägt …«
Er legte sein Jackett ab. Die andern folgten ihm. Dann begann
eine kurze Erklärung der Körperarbeit und eine Probe. Die vier
hüpften eifrig in der halbdunklen Zelle herum.
Der Blonde überblickte väterlich seine schwitzende Schülerschar. »So«, erklärte er nach einer Weile, »das kennt ihr nun!
Übt es, während ihr eure acht Tage absitzt wegen Aufreizung
echter Arier zum Rassenhaß. Nun tief atmen ein paar Minuten!
Verschnaufen! Und jetzt zeige ich euch den kurzen Geraden, das
federnde Mittelstück der Boxerei!«
Er machte vor, wie man schlagen mußte. Dann nahm er seine
Jacke, ballte sie zusammen, hielt sie in Gesichtshöhe und ließ
die andern danach schlagen. Als sie mitten im besten Üben
waren, ging die Tür auf. Ein Kalfaktor kam herein mit ein paar
dampfenden Näpfen. »Das ist doch …« Er stellte die Näpfe rasch
ab und schrie zurück: »Wache! Schnell! Die Bande prügelt sich
sogar auf der Polizei weiter!«
Zwei Wachleute kamen hereingestürzt. Der blonde Student
legte ruhig seine Jacke weg. Die vier Boxschüler hatten sich
185

rasch in die Ecken verdrückt. »Rhinozeros!« sagte der Blonde
mit großer Autorität zum Kalfaktor. »Schafskopf! Tepperter Gefängniswedel!« Dann wandte er sich an die Wachleute. »Was Sie
hier sehen, ist eine Unterrichtsstunde in moderner Humanität.
Ihr Erscheinen, die lechzende Hand am Gummiknüppel, war
überflüssig, verstanden?«
»Nein«, sagte einer der Wachleute.
Der Blonde sah ihn mitleidig an. »Körperliche Ertüchtigung.
Gymnastik! Freiübungen! Nun verstanden? Soll das da unser
Abendessen sein?«
»Klar«, bestätigte der Kalfaktor.
Der Blonde beugte sich über einen der Näpfe und verzog angewidert das Gesicht. »Hinaus damit!« schnauzte er dann plötzlich
scharf. »Diesen Dreck wagt ihr hereinzubringen? Spülwasser für
den Sohn des Senatspräsidenten? Wollt ihr degradiert werden?«
Er blickte die Wachleute an. »Ich werde mich beschweren! Ich
wünsche sofort den Bezirksleiter zu sprechen! Führen Sie mich
auf der Stelle zum Polizeipräsidenten! Morgen wird mein Vater
dem Justizminister euretwegen die Hölle heiß machen!«
Die beiden Wachleute starrten zu ihm auf. Sie wußten nicht,
ob sie grob werden konnten oder vorsichtig sein mußten. Der
Blonde fixierte sie. »Herr«, sagte schließlich der ältere vorsichtig,
»das hier ist die normale Gefängniskost.«
»Bin ich im Gefängnis?« Der Blonde war eine einzige Beleidigung. »Ich bin in Haft! Kennen Sie den Unterschied nicht?«
»Doch, doch …« Der Wachmann war sichtlich eingeschüchtert.
»Sie können sich natürlich selbst verköstigen, mein Herr! Das ist
Ihr Recht. Wenn Sie bezahlen wollen, kann der Kalfaktor Ihnen
ein Gulasch holen …«
»Endlich ein vernünftiges Wort!« Die Haltung des Blonden
milderte sich.
186

»Und vielleicht ein Bier dazu …«
Der Blonde sah den Wachmann an. »Sie gefallen mir! Ich werde
mich für Sie verwenden! Wie ist Ihr Name?«
»Rudolf Egger.«
»Recht so! Weitermachen!« Der Student zog Geld aus der
Tasche und gab es dem Kalfaktor. »Zwei Rindsgulasch mit Erdäpfeln. Eine Flasche Zwetschgenwasser …«
Der Wachmann Rudolf Egger öffnete den Mund. »Alkoholische …«
»Sind erlaubt«, vollendete der Blonde. »Zwei Flaschen Bier, eine
für die Wachleute, eine für uns!«
»Danke vielmals, küß’ die Hand!« sagte Rudolf Egger.
»Wenn das Bier nicht frisch und eiskalt ist«, erklärte der Sohn
des Senatspräsidenten dem Kalfaktor, »säge ich dir einen Fuß ab.
Wenn es gut ist, behältst du den Rest des Geldes.«
Der Kalfaktor verzog fröhlich das Gesicht. »Werd’s schon machen, Herr Graf!« Er strahlte. »So was von einem echten, goldenen
Wiener Humor!«
Das Essen kam. Der Student lud Kern ein. Der wollte anfangs
nicht. Er sah die Juden mit ernsten Gesichtern das Spülwasser
essen. »Seien Sie ein Verräter! Das ist modern!« ermunterte ihn
der Student. »Und außerdem ist das hier ein Essen unter Kartenspielern.«
Kern setzte sich nieder. Das Gulasch war gut, und schließlich
hatte er keinen Paß und war zudem ein Mischling.
»Weiß Ihr Vater, daß Sie hier sind?« fragte er.
»Lieber Gott!« Der Blonde lachte. »Mein Vater! Der hat ein
Weißwarengeschäft in Linz.«
Kern sah ihn überrascht an.
»Mein Lieber«, sagte der Student ruhig. »Sie scheinen noch
nicht zu wissen, daß wir im Zeitalter des Bluffs leben. Die Demo187

kratie ist durch die Demagogie abgelöst worden. Eine natürliche
Folge. Prost!«
Er entkorkte das Zwetschgenwasser und bot dem Studenten
mit der Brille ein Glas an.
»Danke, ich trinke nicht«, erwiderte der verlegen.
»Natürlich! Hätte ich mir denken können!« Der Blonde kippte
das Glas selbst herunter. »Schon deshalb werden die andern euch
ewig verfolgen! Wie ist es mit uns beiden, Kern? Wollen wir die
Flasche leermachen?« – »Ja.«
Sie tranken die Flasche aus. Dann legten sie sich auf die Pritschen. Kern glaubte, er könne schlafen. Aber er wachte alle Augenblicke wieder auf. Verdammt, was haben sie mit Ruth gemacht,
dachte er. Und wie lange werden sie mich hier einsperren?
Er bekam zwei Monate Gefängnis. Körperverletzung, Aufruhr,
Widerstand gegen die Staatsgewalt, wiederholter, illegaler Aufenthalt – er wunderte sich, daß er nicht zehn Jahre bekam.
Er verabschiedete sich von dem Blonden, der um dieselbe Zeit
freigelassen wurde. Dann führte man ihn nach unten. Er mußte
seine Sachen abgeben und erhielt Gefängniskleidung. Während
er unter der Dusche stand, fiel ihm ein, daß es ihn einmal bedrückt hatte, als man ihm Handschellen anlegte. Es schien ihm
endlos lange her zu sein. Jetzt fand er die Gefängniskleidung nur
praktisch; er schonte so seine Privatsachen.
Seine Mitgefangenen waren ein Dieb, ein kleiner Defraudant
und ein russischer Professor aus Kasan, der als Landstreicher
eingesperrt worden war. Alle vier arbeiteten in der Schneiderei
des Gefängnisses.
Der erste Abend war schlimm. Kern erinnerte sich an das, was
Steiner ihm damals gesagt hatte – daß er sich gewöhnen werde.
Aber er saß trotzdem auf seiner Pritsche und starrte gegen die
Wand.
188

»Sprechen Sie Französisch?« fragte ihn der Professor plötzlich
von seiner Pritsche her.
Kern schreckte auf. »Nein.«
»Wollen Sie es lernen?«
»Ja. Wir können gleich anfangen.«
Der Professor stand auf. »Man muß sich beschäftigen, wissen
Sie! Sonst fressen einen die Gedanken auf.«
»Ja.« Kern nickte. »Ich kann es außerdem gut gebrauchen. Ich
werde wohl nach Frankreich müssen, wenn ich ’rauskomme.«
Sie setzten sich nebeneinander auf die Ecke der unteren
Pritsche. Über ihnen rumorte der Defraudant. Er hatte einen
Bleistiftstummel und bemalte die Wände mit schweinischen
Zeichnungen. Der Professor war sehr mager. Die Gefängniskluft war ihm viel zu weit. Er hatte einen roten, wilden Bart und
ein Kindergesicht mit blauen Augen. »Fangen wir an mit dem
schönsten und vergeblichsten Wort der Welt«, sagte er mit einem
wunderschönen Lächeln ohne jede Ironie – »mit dem Wort
Freiheit – la liberté.«
KERN LERNTE VIEL in dieser Zeit. Nach drei Tagen konnte er bereits
beim Spazierengehen auf dem Hof mit den Gefangenen vor und
hinter sich sprechen, ohne die Lippen zu bewegen. In der Schneiderei memorierte er auf dieselbe Weise eifrig mit dem Professor
französische Verben. Abends, wenn er müde vom Französischen
war, brachte ihm der Dieb bei, aus einem Draht Dietriche zu machen und wachsame Hunde zu beschwichtigen. Er lehrte ihn auch
die Reifezeiten aller Feldfrüchte und die Technik, unbemerkt in
Heuschober zu kriechen, um dort zu schlafen. Der De-fraudant
hatte einige Hefte der »Eleganten Welt« eingeschmuggelt. Es war
außer der Bibel das einzige, was sie zu lesen hatten, und sie lernten
daraus, wie man sich bei diplomatischen Empfängen zu kleiden
189

hatte und wann man zum Frack eine rote oder eine weiße Nelke
zu tragen hatte. Leider war der Dieb in einem Punkte unbelehrbar;
er behauptete, zum Frack gehöre eine schwarze Krawatte – er habe
es in genug Lokalen bei Kellnern gesehen.
Als sie am Morgen des fünften Tages herausgeführt würden,
stieß der Kalfaktor Kern so heftig an, daß er gegen die Wand
taumelte. »Paß auf, du Esel!« brüllte er.
Kern tat, als ob er sich nicht auf den Füßen halten könnte. Er
wollte auf diese Weise den Kalfaktor gegen das Schienbein treten,
ohne daß er bestraft werden konnte. Es hätte dann wie ein Zufall
ausgesehen. Doch bevor es dazu kam, zupfte der Kalfaktor ihn am
Ärmel und flüsterte: »Melde dich in einer Stunde zum Austreten.
Sag, du hast Bauchkrämpfe. Vorwärts!« schrie er dann. »Meinst
du, wir können auf dich warten?«
Kern überlegte während des Spazierganges, ob der Kalfaktor
ihn mit irgend etwas ’reinlegen wollte. Beide konnten sich nicht
leiden. Er besprach die Sache nachher lautlos flüsternd in der
Schneiderei mit dem Dieb, der Gefängnisfachmann war.
»Austreten kannst du immer«, erklärte der. »Das ist dein
menschliches Recht. Damit kann er dir nichts machen. Manche
treten öfter aus, manche weniger, das ist die Natur. Aber paß
nachher auf.«
»Gut. Mal sehen, was er will. Auf jeden Fall ist es eine Abwechslung.«
Kern simulierte Bauchschmerzen, und der Kalfaktor führte ihn
hinaus. Er brachte ihn zum Lokus und sah sich um. »Zigarette?«
fragte er.
Es war verboten zu rauchen. Kern lachte. »Das ist es also! Nein,
mein Lieber, damit kriegst du mich nicht.«
»Ach, halt’s Maul. Meinst du, ich will dich ’reinlegen? Kennst
du Steiner?«
190

Kern starrte den Kalfaktor an. »Nein«, sagte er dann. Er vermutete, daß es eine Falle war, um Steiner zu fangen.
»Du kennst Steiner nicht?«
»Nein.«
»Schön, dann paß auf. Steiner läßt dir sagen, daß Ruth in
Sicherheit ist. Du brauchst keine Sorge zu haben. Wenn du herauskommst, sollst du dich nach der Tschechei ausweisen lassen
und zurückkommen. Kennst du ihn nun?«
Kern spürte plötzlich, daß er zitterte. »Jetzt eine Zigarette?«
fragte der Kalfaktor.
Kern nickte. Der Kalfaktor zog eine Schachtel Memphis und
ein Paket Streichhölzer aus der Tasche. »Hier, nimm! Von Steiner.
Wenn du erwischt wirst, hast du sie nicht von mir gekriegt. Und
nun setz dich da hinein und rauch eine. Blas den Rauch in die
Brille. Ich gebe draußen acht.«
Kern setzte sich auf die Brille. Er nahm eine Zigarette heraus,
brach sie in zwei Teile und zündete die eine Hälfte an. Er rauchte
langsam und tief. Ruth war in Sicherheit. Steiner paßte auf. Er
starrte auf die schmutzige Wand mit den obszönen Zeichnungen
und glaubte, es sei der schönste Raum der Welt.
»Warum hast du mir denn nicht gesagt, daß du Steiner kennst?«
sagte der Kalfaktor zu ihm, als er wieder herauskam.
»Nimm eine Zigarette«, sagte Kern.
Der Kalfaktor schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage!«
»Woher kennst du ihn denn?« fragte Kern.
»Er hat mich einmal aus einem Senf herausgeholt. Verdammter
Senf. Nun komm!«
Sie gingen zurück in die Schneiderei. Der Professor und der
Dieb sahen Kern an. Er nickte und setzte sich. »In Ordnung?«
fragte der Professor lautlos.
Kern nickte wieder.
191

»Also weiter«, flüsterte der Professor in seinen roten Bart.
»Aller. Unregelmäßiges Verb. Je vais, tu vas, il …«
»Nein«, erwiderte Kern. »Heute wollen wir ein anderes nehmen.
Was heißt: lieben?«
»Lieben? Aimer. Aber das ist ein regelmäßiges Verb …«
»Eben deshalb«, sagte Kern.
DER PROFESSOR WURDE nach vier Wochen entlassen. Der Dieb
nach sechs; der Defraudant ein paar Tage später. Er versuchte,
Kern in den letzten Tagen zur Homosexualität zu bekehren; aber
Kern war kräftig genug, ihn sich vom Leibe zu halten. Er schlug
ihn einmal mit dem kurzen Geraden des blonden Studenten k.
o.; dann hatte er Ruhe.
Er war einige Tage allein; dann bekam er zwei neue Zellengenossen. Er erkannte sofort, daß es Emigranten waren. Der eine
war älter und sehr schweigsam, der jüngere ungefähr dreißig
Jahre alt. Sie trugen abgeschabte Anzüge, denen man die Mühe
ansah, mit der sie saubergehalten wurden.
Der ältere legte sich sofort auf die Pritsche.
»Wo kommen Sie her?« fragte Kern den jüngeren.
»Aus Italien.«
»Wie ist es da?«
»Es war gut. Ich war zwei Jahre dort. Jetzt ist es vorbei. Sie
kontrollieren alles.«
»Zwei Jahre!« sagte Kern. »Das will was heißen!«
»Ja, aber hier haben sie mich nach acht Tagen gefaßt. Geht das
immer so?«
»Es ist schlimmer geworden im letzten halben Jahr
Der Neue stützte den Kopf in die Hände. »Es wird überall
schlimmer. Was soll daraus noch werden? Wie ist es in der
Tschechoslowakei?«
192

»Auch schlimmer. Es sind zu viele da. Waren Sie in der
Schweiz?«
»Die Schweiz ist zu klein. Man fällt rasch auf.« Der Mann starrte
vor sich hin. »Ich hätte doch nach Frankreich gehen sollen.«
»Können Sie Französisch?«
»Ja, natürlich.« Der Mann wühlte in seinem Haar.
Kern sah ihn an. »Wollen wir etwas Französisch sprechen? Ich
habe es gerade gelernt und möchte es nicht vergessen.«
Der Mann blickte erstaunt hoch. »Französisch sprechen?«
Er lachte trocken auf. »Nein, das kann ich nicht! Ins Gefängnis
geworfen werden und dann französische Konversation machen
– das ist zu absurd! Wahrhaftig, Sie scheinen sonderbare Ideen
zu haben.«
»Gar nicht. Ich führe nur ein sonderbares Leben.«
Kern wartete noch eine Weile, ob der Mann nicht nachgeben
würde. Dann kletterte er auf seine Pritsche und wiederholte
solange unregelmäßige Verben, bis er endlich einschlief.
Er erwachte davon, daß ihn jemand rüttelte. Es war der Mann,
der nicht französisch sprechen wollte. »Helfen Sie!« keuchte er.
»Schnell! Er hat sich erhängt!«
Kern richtete sich verschlafen auf. Im fahlen Grau des frühen
Morgens hing eine schwarze Gestalt mit gesenktem Kopf am
Fenster. Er sprang von seiner Pritsche. »Ein Messer! Rasch!«
»Verdammt, nein! Abgenommen! Ich werde ihn hochheben.
Streifen Sie den Riemen über seinen Kopf!«
Kern stieg auf die Pritsche und versuchte, den Erhängten anzuheben. Er war schwer wie die Welt. Er war viel schwerer, als er
aussah. Seine Kleider waren kalt und tot wie er. Kern faßte mit
aller Kraft zu. Er konnte ihn nur mit Mühe heben. »Los!« keuchte
er. »Riemen lockern! Ich kann ihn nicht lange so halten.«
»Ja.« Der andere kletterte hinauf und machte sich am Halse
193

des Erhängten zu schaffen. Plötzlich ließ er los, schwankte und
erbrach sich.
»Verfluchte Sauerei!« schrie Kern. »Weiter können Sie nichts?
Machen Sie ihn los! Schnell!«
»Kann’s nicht ansehen!« stöhnte der andere. »Die Augen! Die
Zunge!«
»Dann kommen Sie ’runter! Heben Sie ihn hoch, und ich werde
ihn losmachen!«
Er gab den schweren Körper dem andern in die Arme und
sprang auf die Pritsche. Der Anblick war schauderhaft. Das gedunsene, fahle Gesicht, die herausgequollenen, wie zerplatzten
Augen, die dicke, schwarze Zunge – Kern griff nach dem dünnen
Lederriemen, der tief in den geblähten Hals einschnitt.
»Höher!« rief er. »Heben Sie ihn höher!«
Er hörte ein Gurgeln unter sich. Der Mann erbrach sich schon
wieder. Gleichzeitig ließ er den Erhängten los, dem durch den
Ruck die Augen und die Zunge heraustrieben, als mache er sich
auf eine grauenhafte Weise über die machtlosen Lebenden lustig.
»Verdammt!« Kern suchte verzweifelt nach irgend etwas, damit
der Mann unten zu sich kam. Plötzlich, wie ein Blitz, flog ihm die
Szene zwischen dem blonden Studenten und dem Kalfaktor durchs
Gehirn. »Wenn du verfluchtes Waschweib jetzt nicht sofort zufaßt«,
brüllte er, »trete ich dir die Eingeweide aus dem Leibe! Los, du
elender Feigling!« Gleichzeitig holte er mit dem Fuß aus und spürte,
daß er gut getroffen hatte. Er trat noch einmal mit aller Kraft. »Ich
schlage dir den Schädel ein!« schrie er. »Heb sofort hoch!«
Der Mann unten schwieg und hob. »Höher!« tobte Kern. »Höher, du dreckiger Waschlappen!«
Der Mann hob höher. Es gelang Kern, die Schlinge zu lösen
und über den Kopf des Erhängten zu streifen. »So, jetzt ’runterlassen!«
194

Beide griffen zu und legten den schlaffen Körper auf die
Pritsche. Kern riß Weste und Hosenbund auf. »Stecken Sie die
Klappe ’raus!« sagte er. »Rufen Sie nach der Wache! Ich werde
mit künstlicher Atmung anfangen.«
Er kniete hinter dem schwarzgrauen Kopf, nahm die kalten,
toten Hände in seine warmen, lebensvollen und begann die Arme
zu bewegen. Er hörte das rauhe, krächzende Schlürfen, wenn der
Brustkorb sich hob und senkte und horchte manchmal – aber
der Atem blieb aus. An der Tür rasselte der Mann, der nicht
französisch sprechen wollte, mit der Klappe und schrie: »Wache!
Wache!« Es hallte dumpf in der Zelle.
Kern arbeitete weiter. Er wußte, daß man es Stunden machen
mußte – aber nach einer Zeitlang hörte er auf.
»Atmet er?« fragte der andere.
»Nein.« Kern war plötzlich entsetzlich müde. »Es ist auch
sinnlos. Der Mann wollte sterben. Warum soll man ihm das
nicht lassen?«
»Aber um Gottes willen …«
»Mensch, seien Sie ruhig!« sagte Kern sehr leise und gefährlich.
Er hätte es nicht ertragen, noch ein Wort zu hören. Er wußte alles,
was der Mann sagen wollte. Aber er wußte auch, daß der andere
sich zum zweitenmal aufhängen würde, wenn er durchkam. »Versuchen Sie es«, sagte er nach einem Augenblick ruhiger. »Der hier
wird schon gewußt haben, weshalb er nicht mehr wollte.«
Gleich darauf kam die Wache. »Was soll der Radau? Verrückt
geworden?«
»Hier hat sich jemand erhängt.«
»Herrgott! Was für Scherereien! Lebt er noch?«
Der Wachmann öffnete die Tür. Er roch stark nach Zervelatwurst und Wein. Seine Taschenlampe blitzte auf. »Ist er tot?«
»Wahrscheinlich.«
195

»Dann hat’s ja Zeit bis morgen früh. Soll sich der Sternikosch
damit ’rumärgern. Ich weiß von nix.«
Er wollte weg. »Halt!« sagte Kern. »Sie holen sofort Sanitäter.
Von der Unfallwache.«
Der Wachmann starrte ihn an.
»Wenn sie in fünf Minuten nicht hier sind, setzt es einen Krach,
bei dem Sie Ihren Posten riskieren!«
»Es ist doch möglich, daß er noch gerettet werden kann! Mit
Sauerstoff!« rief der andere Gefangene aus dem Hintergrund, wo
er schattenhaft die Arme des Erhängten hob und senkte.
»Fängt gut an, der Tag!« murrte die Wache und schob ab.
Einige Minuten später kamen Sanitäter und holten den Erhängten ab.
Kurz darauf erschien die Wache noch einmal. »Ihr sollt Hosenträger, Gürtel und Schnürriemen abgeben.«
»Ich erhäng’ mich nicht«, sagte Kern.
»Einerlei, ihr sollt’s abgeben.«
Sie gaben die Sachen ab und hockten sich auf die Pritsche. Es
roch sauer nach Erbrochenem. »In einer Stunde ist es hell, dann
können Sie es wegmachen«, sagte Kern.
Seine Kehle war trocken. Er war sehr durstig. Alles in ihm war
trocken und staubig. Er fühlte sich, als hätte er Kohle und Watte
geschluckt. Als würde er nie wieder sauber werden.
»Furchtbar, was?« sagte der andere nach einer Weile.
»Nein«, erwiderte Kern.
MAN BRACHTE SIE am nächsten Abend in eine größere Zelle,
in der schon vier Leute waren. Es schien Kern, als ob es alles
Emigranten wären; aber er kümmerte sich nicht darum. Er war
sehr müde und kletterte auf seine Pritsche. Doch er konnte
nicht schlafen. Er lag mit offenen Augen da und starrte auf das
196

kleine Viereck des vergitterten Fensters. Spät, um Mitternacht,
kamen noch zwei Leute dazu. Kern sah sie nicht; er hörte sie
nur rumoren.
»Wie lange dauert das wohl, bis wir hier wieder ’rauskommen?«
fragte die Stimme eines der Neuen nach einiger Zeit zaghaft
durch das Dunkel.
Es dauerte eine Weile, bis er Antwort bekam.
Dann knurrte eine Baßstimme. »Kommt drauf an, was Sie
gemacht haben. Bei Raubmord lebenslänglich – bei politischem
Mord acht Tage.«
»Mich haben sie nur zum zweiten Male ohne Paß erwischt.«
»Das ist schlimmer«, grunzte der Baß. »Rechnen Sie ruhig mit
vier Wochen.«
»Mein Gott! Und ich habe ein Huhn in meinem Koffer. Ein
gebratenes Huhn! Das ist dann verfault, bis ich ’rauskomme!«
»Ohne Zweifel!« bestätigte der Baß.
Kern horchte auf. »Hatten Sie nicht schon früher einmal ein
Huhn in Ihrem Koffer?« fragte er.
»Ja! Das ist richtig!« erwiderte der Neue erstaunt nach einer
Weile. »Woher wissen Sie das, mein Herr?«
»Wurden Sie damals nicht auch verhaftet?«
»Natürlich! Wer fragt mich da? Wer sind Sie? Wie kommt es,
daß Sie das wissen, mein Herr?« fragte die Stimme aus dem
Dunkel aufgewühlt.
Kern lachte. Er lachte plötzlich so, daß er fast erstickte. Es war
wie ein Zwang, ein schmerzhafter Krampf, es löste sich alles
darin, was sich in den zwei Monaten in ihm aufgespeichert
hatte, die Wut über die Verhaftung, die Verlassenheit, die Angst
um Ruth, die Energie, sich nicht zu verlieren, das Grauen vor
dem Erhängten, er lachte und lachte, stoßweise und heftig und
konnte nicht aufhören. »Das Poulet!« stammelte er. »Tatsäch197

lich, es ist das Poulet! Und wieder ein Huhn im Koffer! So ein
Zufall!«
»Zufall nennen Sie das?« fluchte das Poulet wütend. »Ein ganz
verdammtes Schicksal ist so was!«
»Sie scheinen Unglück mit Brathühnern zu haben«, sagte der
Baß.
»Ruhe!« schnaubte ein anderer. »Die Pest über eure Brathühner!
Einem Menschen ohne Heimat nachts einen solchen Kohldampf
im Bauch zu entfachen!«
»Vielleicht besteht zwischen ihm und den Poulets ein tieferer
Zusammenhang«, orakelte der Baß.
»Er kann’s ja mal mit gebratenen Schaukelpferden versuchen!«
brüllte der Mann ohne Heimat.
»Oder mit einem Magenkrebs«, wieherte ein hoher Quetschtenor.
»Vielleicht war er in einem früheren Dasein einmal ein Fuchs«,
vermutete der Baß. »Und jetzt rächen sich die Hühner dafür an
ihm.«
Das Poulet kam noch einmal durch. »So eine gottverdammte
Gemeinheit, einen Menschen im Unglück noch zu verhöhnen!«
»Wann denn sonst?« fragte salbungsvoll der Baß.
»Ruhe!« schrie die Wache von draußen. »Hier ist ein anständiges Gefängnis und kein Nachtlokal!«

11

Kern unterschrieb seine zweite Ausweisung aus Österreich. Sie war lebenslänglich. Er fühlte diesmal nichts
mehr dabei. Er dachte nur daran, daß er wahrscheinlich
am nächsten Vormittag wieder im Prater sein würde.
»Haben Sie in Wien noch irgendwelche Sachen mitzunehmen?«
fragte der Beamte.
»Nein, nichts.«
»Sie wissen, daß Sie mindestens drei Monate Gefängnis riskieren, wenn Sie wieder nach Österreich kommen?«
»Ja.«
Der Beamte sah Kern eine Weile an. Dann griff er in die Tasche
und schob ihm einen Fünfschillingschein zu. »Hier, trinken Sie
eins dafür. Ich kann die Gesetze auch nicht ändern. Nehmen
Sie Gumpoldskirchner. Der ist dieses Jahr am besten. Und nun
los!«
»Danke!« sagte Kern überrascht. Es war das erstemal, daß er
auf der Polizei etwas geschenkt bekam. »Danke vielmals! Ich
kann Geld gut brauchen.«
»Schon gut, schon gut! Schauen Sie jetzt, daß Sie hinauskommen! Ihr Begleitmann wartet schon im Vorzimmer.«
Kern steckte das Geld ein. Er konnte damit nicht nur zwei Viertel Gumpoldskirchner bezahlen, sondern auch ein Stück mit der
Bahn nach Wien zurückfahren. Das war weniger gefährlich.
Sie fuhren denselben Weg hinaus wie das erstemal mit Steiner.
Kern hatte das Gefühl, daß es seitdem zehn Jahre her waren.
Von der Station aus mußten sie noch ein Stück gehen. Nach
einiger Zeit kamen sie an einer Heurigenkneipe vorbei. Ein paar
Tische und Stühle standen draußen im Vorgarten. Kern erinnerte
sich an den Rat des Beamten. »Wollen wir ein Glas trinken?«
fragte er den Begleitmann.
»Was?«
199

»Gumpoldskirchner. Der ist am besten dieses Jahr.«
»Können wir machen! Es ist sowieso noch zu hell für den
Zoll.«
Sie setzten sich in den Vorgarten und tranken den herben, klaren Gumpoldskirchner. Es war sehr still und friedlich rundumher.
Der Himmel war klar und hoch und apfelgrün. Ein Flugzeug
summte wie ein Falke in der Richtung nach Deutschland. Der
Wirt brachte ein Windlicht und stellte es auf den Tisch. Es war
Kerns erster Abend im Freien. Er hatte seit zwei Monaten keinen
offenen Himmel und kein offenes Land mehr gesehen. Es schien
ihm, als ob er zum erstenmal wieder atmete. Er saß still und genoß
das bißchen Frieden, das er jetzt noch hatte. In ein, zwei Stunden
würden die Sorge und die Hetze wieder losgehen.
»Es ist doch wirklich zum Speiben!« knurrte der Beamte
plötzlich.
Kern sah auf. »Das finde ich auch!«
»Ich meine das anders.«
»Kann ich mir denken.«
»Ich meine mit euch Emigranten«, erklärte der Beamte mürrisch. »Ihr bringt einem ja direkt die Berufsehre ins Wanken!
Nichts als Emigranten hat man mehr zu eskortieren! Jeden Tag
dasselbe! Immer von Wien zur Grenze. Was ist das schon für
ein Leben! Nie mehr ein ehrlicher, schöner Handschellentransport!«
»Vielleicht werden Sie uns in ein, zwei Jahren auch in Handschellen zur Grenze bringen«, erwiderte Kern trocken.
»Das ist doch kein Ersatz!« Der Beamte sah ihn ziemlich
verächtlich an. »Ihr seid doch nichts, im polizeilichen Sinne!
Ich habe den vierfachen Raubmörder Müller II zu eskortieren
gehabt, Revolver schußbereit – und dann vor zwei Jahren den
Frauenschlächter Bergmann und später den Aufschlitzer Brust
200

– gar nicht zu reden von dem Leichenschänder Teddy Blümel!
Ja, das waren noch Zeiten! Aber heute, ihr – mit euch krepiert
man ja vor Langeweile!« Er seufzte und trank sein Glas aus.
»Immerhin – Sie verstehen wenigstens etwas von Wein. Wollen
noch ein Viertel trinken! Diesmal zahle ich.«
»Gut.«
Sie tranken einträchtig das zweite Viertel. Dann brachen sie
auf. Es war inzwischen dunkel geworden. Fledermäuse und
Nachtschmetterlinge huschten über den Weg.
Das Zollhaus war hell erleuchtet. Die alten Beamten waren noch
da. Der Begleitmann lieferte Kern ab. »Setzen Sie sich derweil
herein«, sagte einer der Beamten. »Es ist noch zu früh.«
»Ich weiß«, erwiderte Kern.
»So, Sie wissen das schon?«
»Natürlich. Die Grenzen sind ja unsere Heimat.«
BEIM MORGENGRAUEN WAR Kern wieder im Prater. Er wagte
nicht, zum Wohnwagen Steiners zu gehen, um ihn zu wecken, weil
er nicht wußte, was inzwischen passiert war. Er wanderte umher.
Die Bäume standen bunt im Nebel. Es war Herbst geworden,
während er im Gefängnis war. Vor dem grau verhängten Karussell
blieb er eine Zeitlang stehen. Dann hob er die Zeltplane auf und
kroch hinein. Er setzte sich in eine Gondel. So war er sicher vor
umherstreifenden Polizisten.
Er erwachte, als er jemand lachen hörte. Es war hell, und die
Zeltplanen waren zurückgeschoben. Rasch fuhr er hoch. Steiner
stand im blauen Overall vor ihm.
Kern sprang mit einem Satz aus der Gondel. Er war plötzlich
zu Hause. »Steiner!« rief er strahlend. »Gottlob, ich bin wieder
da!«
»Das sehe ich. Der verlorene Sohn, heimgekehrt aus den Ver201

liesen der Polizei! Komm, laß dich anschauen! Ein bißchen blaß
und mager geworden vom Gefängnisfraß! Warum bist du denn
nicht ’reingekommen?«
»Ich wußte nicht, ob du noch da warst.«
»Vorläufig noch. Aber nun wollen wir erst mal frühstücken.
Danach sieht die Welt anders aus. Lilo!« rief Steiner zum Wagen
hinüber. »Unser Kleiner ist wieder da! Er braucht ein kräftiges
Frühstück!« Er wandte sich wieder Kern zu. »Gewachsen und
etwas männlicher geworden! Was gelernt, Baby, in der Zeit?«
»Ja. Daß man hart werden muß, wenn man nicht krepieren
will. Und daß sie mich nicht kaputtkriegen werden! Außerdem
Säcke nähen und Französisch. Und daß befehlen oft mehr nützt
als bitten.«
»Allerhand!« Steiner schmunzelte. »Allerhand, Kindchen!«
»Wo ist Ruth?« fragte Kern.
»In Zürich. Sie ist ausgewiesen worden. Sonst ist ihr nichts
passiert. Lilo hat Briefe für dich. Sie ist unser Postamt. Hat ja als
einzige richtige Papiere. Ruth hat an sie für dich geschrieben.«
»In Zürich …«, sagte Kern.
»Ja, Baby. Ist das schlimm?«
Kern sah ihn an. »Nein.«
»Sie wohnt da bei Bekannten. Du wirst eben auch bald in Zürich
sein, das ist alles. Hier wird es ohnedies langsam heiß.«
»Ja …«
Lilo kam. Sie begrüßte Kern, als sei er auf einem Spaziergang
gewesen. Für sie waren zwei Monate nichts, was zu erörtern war.
Sie lebte seit fast zwanzig Jahren außerhalb Rußlands und hatte
Menschen von China und Sibirien wiederkommen sehen, die
zehn, fünfzehn Jahre verschollen gewesen waren. Mit ruhigen
Bewegungen stellte sie ein Tablett mit Tassen und einer Kanne
Kaffee auf den Tisch.
202

»Gib ihm seine Briefe, Lilo«, sagte Steiner. »Er frühstückt doch
nicht eher.«
Lilo zeigte auf das Tablett. Die Briefe lehnten dort an einer
Tasse. Kern riß sie auf. Er begann zu lesen, und plötzlich vergaß
er alles. Es waren die ersten Briefe, die er von Ruth bekam. Es
waren die ersten Liebesbriefe seines Lebens. Alles fiel durch
Zauberei von ihm ab – die Enttäuschung, daß sie nicht da war,
die Unruhe, die Angst, die Unsicherheit, das Alleinsein –, er las
und die schwarzen Tintenstriche begannen zu leuchten und zu
phosphoreszieren – da war auf einmal ein Mensch, der sich um
ihn sorgte, der verzweifelt war über das, was geschehen war, und
der ihm sagte, daß er ihn liebe. Deine Ruth. Deine Ruth. Mein
Gott, dachte er, deine Ruth! Deine! Es schien fast unmöglich.
Deine Ruth. Was hatte ihm bisher schon gehört? Was war sein
gewesen? Ein paar Flaschen, etwas Seife und die Sachen, die er
trug. Und jetzt ein Mensch? Ein ganzer Mensch? Das schwere,
schwarze Haar, die Augen! Es war fast unmöglich!
Er blickte auf. Lilo war zum Wagen gegangen. Steiner rauchte
eine Zigarette. »Alles in Ordnung, Baby?« fragte er.
»Ja. Sie schreibt, ich solle nicht kommen. Ich solle nicht noch
einmal ihretwegen etwas riskieren.«
Steiner lachte. »Was sie alles so schreiben, was?« Er goß ihm
eine Tasse Kaffee ein. »Komm, trink das erst einmal und iß.«
Er lehnte sich an den Wagen und sah Kern zu, wie er aß und
trank. Die Sonne kam durch den dünnen, weißen Nebel. Kern
fühlte sie auf seinem Gesicht; er fühlte sie, als atme er Wein ein.
Am Morgen vorher hatte er aus einer abgestoßenen Blechschale
in einem stinkenden Raum eine lauwarme Brühe gelöffelt, und
der Landstreicher Leo hatte dazu ein Furzkonzert gegeben -seine
Spezialität nach dem Aufwachen. Jetzt wehte ein leichter, frischer
Morgenwind über seine Hände, er aß weißes Brot und trank gu203

ten Kaffee dazu, ein Brief Ruths knisterte in seiner Tasche, und
Steiner lehnte neben ihm am Wagen.
»Einen Vorteil hat es, wenn man im Kasten war«, sagte er. »Alles
nachher ist wunderbar.«
Steiner nickte. »Du möchtest am liebsten heute abend los,
was?« fragte er.
Kern sah ihn an. »Ich möchte weg, und ich möchte hierbleiben.
Ich wollte, wir könnten alle zusammen gehen.«
Steiner gab ihm eine Zigarette. »Bleib vorläufig mal zwei, drei
Tage hier«, sagte er. »Du siehst erbärmlich aus. Der Gefängnisfraß hat dich ’runtergebracht. Futtere dich hier etwas heraus. Du
brauchst Mark in den Knochen für die Landstraße. Besser, du
wartest ein paar Tage, als daß du unterwegs zusammenklappst
und geschnappt wirst. Die Schweiz ist kein Kinderspiel. Fremdes
Land – da muß man gut beieinander sein.« »Kann ich hier denn
irgend etwas tun?«
»Du kannst in der Schießbude helfen. Und abends beim Hellsehen. Dafür habe ich zwar schon jemand anders nehmen müssen;
aber zwei sind immer besser.«
»Gut«, sagte Kern. »Du hast sicher recht. Ich muß mich wohl
erst etwas zurechtfinden, bevor ich losgehe. Ich habe irgendwie
einen entsetzlichen Hunger. Nicht nur im Magen – in den Augen, im Kopf, überall. Besser, ich werde erst einmal ein bißchen
klarer.«
Steiner lachte. »Richtig! Da kommt Lilo mit heißen Piroggen.
Iß gründlich, Baby. Ich gehe inzwischen Potzloch aufwecken.«
Lilo stellte die Platte vor Kern hin. Er begann aufs neue zu essen.
Zwischendurch tastete er nach seinen Briefen.
»Bleiben Sie hier?« fragte Lilo in ihrem langsamem, etwas
harten Deutsch.
Kern nickte.
204

»Keine Angst«, sagte Lilo. »Sie müssen keine Angst haben um
Ruth. Sie kommt durch. Ich kenne Gesichter.« – Kern wollte ihr
sagen, daß er deswegen keine Angst habe. Daß er nur Sorge habe,
sie könne in Zürich gefaßt werden, bevor er ankäme … Doch ein
Blick in das dunkle, von einer ungeheuren Trauer überschattete
Gesicht der Russin ließ ihn verstummen. Alles war klein und belanglos dagegen. Aber sie schien trotzdem etwas gespürt zu haben.
»Nicht schlimm«, sagte sie. »Solange anderer lebt, nie schlimm.«
ES WAR ZWEI Tage später, nachmittags. Ein paar Leute schlenderten auf die Schießbude zu. Lilo war mit einer Gruppe junger Burschen beschäftigt, und die Leute kamen zu Kern. »Los!
Schießen wir einmal!«
Kern gab dem ersten eine Büchse. Die Leute schössen zunächst
ein paarmal auf Figuren, die herunterrasselten, und auf dünne
Glaskugeln, die im Strahl eines kleinen Springbrunnens tanzten.
Dann begannen sie die Prämientafel zu studieren und forderten
Scheiben, um sich Gewinne zu erschießen.
Die ersten beiden schössen vierunddreißig und vierundvierzig
Punkte. Sie gewannen einen Plüschbären und ein versilbertes
Zigarettenetui. Der dritte, ein untersetzter Mann mit hochstehenden Haaren und einer dichten, braunen Schnurrbartbürste,
zielte lange und sorgfältig und kam auf 48 Ringe. Seine Freunde
brüllten Beifall. Lilo warf einen kurzen Blick herüber. »Noch mal
fünf Schuß!« forderte der Mann und schob den Hut zurück. »Mit
demselben Gewehr.«
Kern lud. Der Mann machte mit drei Schuß 36 Ringe. Jedesmal
eine Zwölf. Kern sah den silbernen Obstkorb mit den Bestecken,
das Erb- und Familienstück, das ungewinnbar war, in Gefahr. Er
nahm eine von Direktor Potzlochs Glückskugeln. Der nächste
Schuß war eine Sechs.
205

»Holla!« Der Mann setzte das Gewehr ab. »Da stimmt was
nicht. Ich bin tadellos abgekommen.«
»Vielleicht haben Sie doch etwas gezuckt«, sagte Kern. »Es ist
ja dasselbe Gewehr.«
»Ich zucke nicht«, erwiderte der Mann gereizt. »Ein alter Polizeifeldwebel zuckt nicht. Ich weiß, wie ich schieße.«
Diesmal zuckte Kern. Ein Polizist, auch in Zivil, ging ihm auf
die Nerven. Der Mann starrte ihn an. »Da stimmt was nicht, Sie!«
sagte er drohend.
Kern erwiderte nichts. Er reichte ihm das geladene Gewehr
wieder hin. Diesmal hatte er eine normale Kugel hineingegeben.
Der Feldwebel sah ihn noch einmal an, ehe er zu zielen begann.
Er schoß eine Zwölf und setzte das Gewehr ab. »Na?«
»Kommt vor«, sagte Kern.
»Kommt vor? Kommt nicht vor! Vier Zwölfer und einen Sechser! Das glauben Sie doch wohl selber nicht, was?«
Kern schwieg. Der Mann näherte ihm sein rotes Gesicht. »Ich
kenne Sie doch irgendwoher …«
Seine Freunde unterbrachen ihn. Lärmend verlangten sie einen Freischuß. Der Sechser sei ungültig. »Ihr habt was mit den
Kugeln, ihr Brüder!« schrien sie.
Lilo kam heran. »Was ist los?« fragte sie. »Kann ich Ihnen
helfen? Der junge Mann ist noch neu hier.«
Die anderen redeten auf sie ein. Der Polizist sprach nicht mit.
Er blickte Kern an und in seinem Kopf arbeitete es. Kern hielt den
Blick aus. Er erinnerte sich an alle Lehren, die ihm sein unruhiges Leben gegeben hatte. »Ich will mit dem Direktor sprechen«,
sagte er nachlässig. »Ich kann hier nichts entscheiden.« Er dachte
daran, dem Polizisten einen Schuß frei zu geben. Aber er sah
Potzloch bereits tosen, wenn das Erbstück der Familie seiner
Frau zum Teufel ging. Er stand zwischen Skylla und Charybdis.
206

Langsam holte er eine Zigarette hervor und zündete sie an. Er
zwang sich eisern, daß seine Hände nicht zitterten. Dann drehte
er sich um und schlenderte zu Lilos Platz hinüber.
Lilo blieb an seiner Stelle stehen. Sie schlug einen Vergleich vor.
Der Polizist solle noch einmal fünf Schüsse machen. Umsonst
natürlich. Die anderen wollten nicht. Lilo blickte zu Kern hinüber.
Sie sah, daß er blaß war, und sie merkte, daß mehr los war als nur
ein Streit um Potzlochs Zauberkugeln. Sie lächelte plötzlich und
setzte sich auf den Tisch, dem Polizisten gegenüber.
»So ein fescher Mann wird auch zum zweitenmal gut schießen«,
sagte sie. »Kommen Sie, probieren Sie es! Fünf Freischüsse für
den Schützenkönig!«
Der Polizist reckte geschmeichelt den Kopf aus dem Kragen.
»Wer so eine Hand hat, der hat keine Angst«, sagte Lilo und
legte ihre schmale Hand auf die kräftige, rötlich behaarte des
Feldwebels.
»Angst! Kennen wir nicht!« Der Polizist warf sich in die Brust
und lachte hölzern. »Wäre ja noch schöner!«
»Das habe ich mir gedacht!« Lilo sah ihn bewundernd an und
reichte ihm das Gewehr.
Der Polizist nahm es, zielte sorgfältig und schoß. Eine Zwölf.
Befriedigt blickte er Lilo an. Sie lächelte und lud das Gewehr
wieder. Der Polizist schoß 58 Ringe.
Lilo strahlte ihn an. »Sie sind der beste Schütze seit Jahren
hier«, erklärte sie. »Ihre Frau braucht wahrhaftig keine Angst
zu haben.«
»Hab’ noch keine Frau.«
Sie sah ihm in die Augen. »Wohl nur, weil Sie nicht wollen.«
Er schmunzelte. Seine Freunde lärmten. Lilo ging, ihm den
Picknickkorb holen, den er gewonnen hatte. Er strich sich den
Schnurrbart und sagte mit kleinen, kalten Augen plötzlich zu
207

Kern: »Ich krieg’s schon ’raus mit Ihnen! Ich komme einmal in
Uniform wieder!«
Dann nahm er grinsend seinen Korb und zog mit seinen
Freunden weiter.
»Hat er Sie erkannt?« fragte Lilo rasch.
»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Ich habe ihn nie gesehen.
Aber vielleicht er mich irgendwann.«
»Gehen Sie vorläufig wieder weg. Besser, er sieht Sie nicht mehr.
Sagen Sie es Steiner.«
DER POLIZIST KAM am selben Tag nicht wieder. Aber Kern beschloß, noch abends abzufahren.
»Ich muß weg«, sagte er zu Steiner. »Ich habe das Gefühl, daß
sonst etwas passiert. Ich war jetzt zwei Tage hier. Ich bin wieder
in Ordnung, glaube ich, meinst du nicht auch?«
Steiner nickte. »Fahr ab, Baby. Ich will in ein paar Wochen auch
weiter. Mein Paß ist überall besser als hier. In Österreich wird
es gefährlich. Ich habe so allerhand gehört in den letzten Tagen.
Komm, wir gehen zu Potzloch.«
Direktor Potzloch war wütend wegen des Picknickkorbes. »Ein
Wert von dreißig Schilling, junger Mann, netto, Einkauf en gros«,
trompetete er. »Sie ruinieren mich!«
»Er geht ja«, sagte Steiner und erklärte ihm die Sachlage. »Es
war reine Notwehr«, schloß er. »Ihr Familienerbstück wäre verloren gewesen.«
Potzloch erschrak nachträglich und verklärte sich dann. »Also
gut, das ist was anderes.« Er zahlte Kern seine Gage aus und
führte ihn darauf vor die Schießbude. »Junger Mann«, sagte er,
»Sie sollen Leopold Potzloch kennenlernen, den letzten Menschenfreund! Suchen Sie sich hier von den Sachen was aus! Als
Andenken. Zum Verkaufen natürlich. Ein ordentlicher Mensch
208

behält keine Andenken. Verbittern nur das Leben. Sie werden
doch etwas handeln, wie? Suchen Sie aus! A discrétion …«
Er verschwand in der Richtung des Panoramas der Sensationen.
»Tue es ruhig«, sagte Steiner. »Schund geht immer. Nimm kleine,
leichte Sachen. Tue es rasch, ehe Potzloch es bereut.«
Aber Potzloch bereute nicht. Im Gegenteil: er gab auf die
Aschbecher, Kämme und Würfel, die Kern sich ausgesucht
hatte, freiwillig noch drei kleine nackte Göttinnen aus echtem
Bronzeersatz hinzu. »Wird Ihr größter Erfolg sein in kleineren
Städten«, erläuterte er und griff hohnlachend nach seinem
Zwicker. »Der Mensch der Kleinstadt kennt die dumpfe Brunst.
Kleinstadt ohne Bordell natürlich! Und nun Gott befohlen, Kern!
Ich muß zu einer Konferenz gegen die hohe Lustbarkeitssteuer.
Lustbarkeitssteuer! Typisch für dies Jahrhundert! Anstatt eine
Prämie dafür auszusetzen!«
Kern packte seine Koffer. Er wusch seine Strümpfe und seine
Hemden und hängte sie zum Trocknen auf. Dann aß er mit Lilo
und Steiner zu Abend.
»Sei traurig, Kleiner«, sagte Steiner. »Es ist dein Recht. Die alten
griechischen Helden weinten mehr als eine sentimentale Närrin
unserer Tage. Sie wußten, daß man es nicht herunterfressen soll.
Wir haben als Ideal die unbeugsame Courage einer Statue. Gar
nicht nötig. Sei traurig, dann bist du es bald los.«
»Traurigkeit ist manchmal – letztes Glück«, sagte Lilo ruhig
und gab Kern einen Teller Borschtsch mit Sahne.
Steiner lächelte und strich ihr übers Haar. »Letztes Glück für
dich, kleiner Kosmopolit, soll vorläufig eine gute Mahlzeit sein.
Die alte Soldatenweisheit. Und du bist ein Soldat, vergiß das nicht.
Ein Vorposten. Eine Patrouille. Ein Pionier des Weltbürgertums.
Zehn Zollgrenzen kannst du mit einem Flugzeug an einem Tage
überfliegen; jede hat die andere nötig-und alle panzern sich mit
209

Eisen und Pulver bis an den Hals gegeneinander. Das bleibt
nicht. Du bist einer der ersten Europäer – vergiß das nicht. Sei
stolz darauf.«
Kern lächelte. »Alles ganz schön. Ich bin auch stolz darauf. Aber
was mache ich heute abend, wenn ich allein bin?«
ER FUHR MIT dem Nachtzuge ab. Er nahm die billigste Klasse
und den billigsten Zug und kam auf Umwegen bis Innsbruck.
Von da ging er zu Fuß weiter und wartete auf ein Auto, das ihn
mitnehmen sollte. Er fand keins. Abends ging er in ein kleines
Gasthaus und aß eine Portion Bratkartoffeln; das sättigte und kostete wenig. Nachts schlief er in einem Heustadel. Er wandte dabei
die Technik an, die der Dieb im Gefängnis ihm beigebracht hatte.
Sie war erstklassig. Am nächsten Morgen fand er ein Auto, das ihn
bis Landeck mitnahm. Der Besitzer kaufte ihm für fünf Schilling
eine der Göttinnen Direktor Potzlochs ab. Abends begann es zu
regnen. Kern blieb in einem kleinen Gasthof und spielte Tarock
mit ein paar Holzfällern. Dabei verlor er drei Schilling. Er ärgerte
sich so darüber, daß er bis Mitternacht nicht einschlafen konnte.
Aber dann fand er es noch ärgerlicher, daß er zwei Schilling für
den Schlaf bezahlt hatte und auch noch darum kam; darüber
schlief er ein. Morgens ging er weiter. Er hielt ein Auto an, aber
der Fahrer verlangte fünf Schilling Fahrgeld von ihm. Es war ein
Austro-Daimler im Werte von 5 000 Schilling. Kern verzichtete.
Später nahm ihn ein Bauer ein Stück auf seinem Wagen mit und
schenkte ihm ein großes Butterbrot. Abends schlief er im Heu. Es
regnete, und er lauschte lange auf das monotone Geräusch und
roch den herben und erregenden Duft des nassen, gärenden Heus.
Am nächsten Tag erkletterte und überschritt er den Arlbergpaß.
Er war sehr müde, als er oben von einem Gendarmen abgefaßt
wurde. Trotzdem mußte er den Weg zurück neben dem Fahrrad
210

des Gendarmen her bis St. Anton machen. Dort sperrte man ihn
eine Nacht ein. Er schlief keine Minute, weil er fürchtete, man
würde herausbekommen, daß er in Wien gewesen sei, und ihn
zurückschicken und dort verurteilen. Aber man glaubte ihm,
daß er über die Grenze wollte und ließ ihn am nächsten Morgen
laufen. Er gab jetzt seinen Koffer als Frachtgut bis Feldkirch auf,
weil der Gendarm ihn daran erkannt hätte. Einen Tag später war
er in Feldkirch, holte seinen Koffer, wartete bis nachts, zog sich
aus und überschritt den Rhein, Koffer und Kleider in den hoch
erhobenen
Händen. Er war jetzt in der Schweiz. Er marschierte zwei
Nächte, bis er die gefährliche Zone hinter sich hatte. Dann gab
er seinen Koffer auf der Bahn auf und fand bald darauf ein Auto,
das ihn bis Zürich mitnahm.
ES WAR NACHMITTAGS, als er am Hauptbahnhof ankam. Er ließ
seinen Koffer an der Gepäckaufbewahrungsstelle. Er wußte Ruths
Adresse; aber er wollte nicht tagsüber zu ihrer Wohnung gehen.
Eine Zeitlang blieb er am Bahnhof; dann erkundigte er sich in
einigen jüdischen Geschäften nach der Flüchtlingsfürsorge. In
einer Strumpfwarenhandlung bekam er die Adresse der Kultusgemeinde und ging hin.
Ein junger Mensch empfing ihn. Kern erklärte ihm, daß er
gestern über die Grenze gekommen sei.
»Legal?« fragte der junge Mann.
»Nein.«
»Haben Sie Papiere?«
Kern sah ihn erstaunt an. »Wenn ich Papiere hätte, wäre ich
nicht hier.«
»Jude?«
»Nein. Halbjude.«
211

»Religion?«
»Evangelisch.«
»Evangelisch, ach so! Da können wir wenig für Sie tun. Unsere
Mittel sind sehr beschränkt, und als religiöse Gemeinde sind
unsere Hauptsorge natürlich die – Sie verstehen – Juden unseres
Glaubens.«
»Ich verstehe«, sagte Kern. »Aus Deutschland bin ich ’rausgeflogen, weil ich einen jüdischen Vater habe. Sie hier können mir nicht
helfen, weil ich eine christliche Mutter habe. Komische Welt!«
Der junge Mann zuckte die Achseln. »Es tut mir leid. Aber wir
haben nur private Spenden zur Verfügung.«
»Können Sie mir wenigstens sagen, wo ich ein paar Tage unangemeldet wohnen kann?« fragte Kern.
»Leider nicht. Ich kann es nicht und darf es auch nicht. Die
Vorschriften sind sehr streng, und wir haben uns genau daran zu
halten. Sie müssen zur Polizei gehen und um eine Aufenthaltserlaubnis ersuchen.«
»Na«, sagte Kern, »darin habe ich schon eine gewisse Erfahrung.«
Der junge Mann sah ihn an. »Warten Sie doch bitte noch einen
Augenblick.« Er ging in ein Büro im Hintergrunde und kam bald
darauf wieder. »Wir können Ihnen ausnahmsweise mit zwanzig
Franken helfen. Mehr können wir leider nicht für Sie tun.«
»Danke vielmals! So viel habe ich gar nicht erwartet!«
Kern faltete den Schein sehr sorgfältig zusammen und steckte
ihn in seine Brieftasche. Es war das einzige Schweizer Geld, das
er hatte.
Auf der Straße blieb er stehen. Er wußte nicht, wohin er gehen
sollte.
»Nun, Herr Kern«, sagte da jemand hinter ihm etwas spöttisch.
212

Kern fuhr herum. Ein junger, ziemlich elegant angezogener
Mensch, ungefähr in seinem Alter, stand hinter ihm. Er lächelte.
»Erschrecken Sie nicht! Ich war auch eben dort oben.« Er wies
auf die Tür der Kultusgemeinde. »Sie sind das erstemal in Zürich,
wie?«
Kern sah ihn eine Sekunde mißtrauisch an. »Ja«, sagte er dann.
»Ich bin sogar das erstemal in der Schweiz.«
»Das habe ich mir gedacht. Ihre Geschichte war so. Etwas
ungeschickt – verzeihen Sie. Es war nicht notwendig, daß Sie
sagten, Sie wären evangelisch. Aber Sie haben ja auch so eine
Unterstützung bekommen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein
paar Aufklärungen geben. Ich heiße Binder. Wollen wir einen
Kaffee trinken?«
»Ja, gern. Gibt es hier ein Emigrantencafé oder so etwas?«
»Mehrere. Wir gehen am besten ins Café Greif. Das ist nicht
weit von hier, und die Polizei kennt es noch nicht so genau. Bis
jetzt war wenigstens noch keine Razzia da.«
Sie gingen zum Café Greif. Es glich dem Café Sperler in Wien
wie ein Ei dem andern.
»Woher kommen Sie?« fragte Binder.
»Aus Wien.«
»Da müssen Sie einiges umlernen. Passen Sie auf! Sie können
natürlich bei der Polizei eine kurze Aufenthaltserlaubnis bekommen. Nur für ein paar Tage selbstverständlich, dann müssen Sie
’raus. Die Chance, ohne Papiere eine zu bekommen, ist augenblicklich keine zwei Prozent; die Chance, sofort ausgewiesen zu
werden, etwa achtundneunzig. Wollen Sie das riskieren?«
»Auf keinen Fall.«
»Richtig! Sie riskieren nämlich außerdem, daß Ihnen sofort die
Einreise gesperrt wird – auf ein Jahr, drei Jahre, fünf und mehr, je
nachdem. Wenn Sie danach erwischt werden, gibt es Gefängnis.«
213

»Das weiß ich«, sagte Kern. »Wie überall.«
»Gut. Sie schieben das hinaus, wenn Sie illegal bleiben. Natürlich nur, bis Sie zum erstenmal erwischt werden. Das ist
Geschicklichkeits- und Glückssache.«
Kern nickte. »Wie steht es mit Arbeitsmöglichkeiten?«
Binder lachte. »Ausgeschlossen. Die Schweiz ist ein kleines
Land und hat selbst genug Arbeitslose.«
»Also das Übliche: legal oder illegal verhungern oder gegen
die Gesetze verstoßen.«
»Exakt!« erwiderte Binder glatt und gewandt. »Nun zur Frage
der Zonen. Zürich ist sehr heiß. Sehr eifrige Polizei. In Zivil, das
ist das Unangenehme. Hier halten sich nur Routiniers. Keine
Dilettanten. Gut ist augenblicklich die französische Schweiz.
Genf vor allem. Sozialistische Regierung. Das Tessin ist auch
nicht schlecht, aber die Städte sind zu klein. Wie arbeiten Sie?
Glatt oder mit Pelle?«
»Was heißt das?«
»Das heißt, ob Sie nur versuchen, eine Unterstützung zu bekommen, oder ob Sie dasselbe tun, indem Sie etwas zu verkaufen
bei sich haben.«
»Ich möchte etwas verkaufen.«
»Gefährlich. Gilt als Arbeit. Doppelt strafbar. Illegaler Aufenthalt
und illegale Arbeit. Besonders, wenn Sie angezeigt werden.«
»Angezeigt?«
»Mein Lieber«, erwiderte der Fachmann Binder geduldig belehrend, »ich bin schon einmal von einem Juden angezeigt worden,
der mehr Millionen hat als Sie Franken. Er war entrüstet, weil
ich ihn um Geld für eine Fahrkarte nach Basel bat. Also, wenn
Sie etwas verkaufen, nur kleine Sachen: Bleistifte, Schnürsenkel,
Knöpfe, Radiergummi, Zahnbürsten und so etwas. Nie einen
Koffer, einen Kasten, nicht einmal eine Aktentasche mitnehmen.
214

Selbst damit sind schon Leute ’reingefallen. Alles am besten in
den Taschen bei sich tragen. Das wird jetzt im Herbst leichter,
weil Sie einen Mantel anziehen können. Womit handeln Sie?«
»Seife, Parfüms, Toilettewasser, Kämme, Sicherheitsnadeln und
so was Ähnliches.«
»Gut. Je wertloser ein Gegenstand, desto besser ist der Verdienst.
Ich selbst handle grundsätzlich nicht. Ich bin ein einfacher Unterstützungstiger. Vermeide so den Paragraphen wegen illegaler
Arbeit und falle nur unter Bettelei und Landstreicherei. Wie ist
es mit Adressen? Haben Sie welche?«
»Was für Adressen?«
Binder lehnte sich zurück und sah Kern erstaunt an. »Um des
Himmels willen!« sagte er. »Das ist doch das wichtigste! Adressen
von Leuten, an die Sie sich wenden können, natürlich. Sie können
doch nicht aufs Geratewohl von Haus zu Haus laufen! Dann sind
Sie ja in drei Tagen erledigt.«
Er bot Kern eine Zigarette an. »Ich werde Ihnen eine Anzahl
zuverlässiger Adressen geben«, fuhr er fort. »Drei Serien – fromm
jüdische, gemischte und christliche. Sie bekommen sie umsonst.
Ich selbst habe für meine ersten zwanzig Franken zahlen müssen.
Die Leute sind natürlich zum Teil furchtbar überlaufen; aber sie
machen Ihnen wenigstens keine Schwierigkeiten.«
Er musterte Kerns Anzug. »Ihre Kleidung ist in Ordnung. Man
muß in der Schweiz darauf halten. Wegen der Detektive. Wenigstens der Mantel muß gut sein; er deckt unter Umständen einen
zerfetzten Anzug, der Argwohn erwecken könnte. Allerdings gibt
es eine Menge Leute, die einem eine Unterstützung verweigern,
wenn man noch einen Anzug trägt, den man schont und pflegt.
Haben Sie eine gute Geschichte, die Sie erzählen können?«
Er sah auf und bemerkte Kerns Blick. »Mein Lieber«, sagte er,
»ich weiß, was Sie jetzt denken. Ich habe es auch einmal gedacht.
215

Aber glauben Sie mir; selbst sich im Elend zu erhalten, ist schon
eine Kunst. Und die Wohltätigkeit ist eine Kuh, die wenig und
schwer Milch gibt. Ich kenne Leute, die drei verschiedene Geschichten auf Lager haben, eine sentimentale, eine brutale und
eine sachliche; je nachdem, was der Mann, der seine paar Franken
Unterstützung ’rausrücken soll, hören will. Sie lügen, gewiß. Aber
nur, weil sie müssen. Die Grundgeschichte ist immer dieselbe:
Not, Flucht und Hunger.«
»Ich weiß«, erwiderte Kern. »Daran habe ich auch gar nicht
gedacht. Ich war nur verblüfft, daß Sie so viel und alles so genau
wissen.«
»Konzentrierte Erfahrung von drei Jahren aufmerksamsten Lebenskampfes. Ich bin gerissen, ja. Das sind wenige. Mein Bruder
war es nicht. Er hat sich vor einem Jahr erschossen.«
Binders Gesicht war einen Augenblick verzerrt. Dann wurde
es wieder glatt. Er stand auf. »Wenn Sie nicht wissen, wohin Sie
sollen, können Sie die Nacht bei mir schlafen. Ich habe zufallig
für eine Woche eine sichere Bude. Das Zimmer eines Züricher
Bekannten, der auf Urlaub ist. Ich bin ab elf Uhr hier. Um zwölf
ist Polizeistunde. Seien Sie vorsichtig nach zwölf. Es wimmelt
dann von Detektiven auf den Straßen.«
»Die Schweiz scheint verdammt heiß zu sein«, sagte Kern.
»Gott sei Dank, daß ich Sie getroffen habe. Ohne Sie wäre ich
wahrscheinlich schon am ersten Tage erwischt worden. Ich danke
Ihnen herzlich! Sie haben mir sehr geholfen!«
Binder wehrte ab. »Das ist doch selbstverständlich bei Leuten,
die ganz unten sind. Kameraderie der Illegalen – fast wie bei
Verbrechern. Jeder von uns kann morgen in der Patsche sein und
auch Hilfe brauchen. Also eventuell um elf hier!«
Er bezahlte den Kaffee, gab Kern die Hand und ging sicher
und elegant hinaus.
216

Kern wartete im Café Greif, bis es dunkel wurde. Er ließ sich
einen Stadtplan geben und zeichnete sich den Weg zu Ruths
Wohnung auf. Dann brach er auf und ging rasch, in einer unruhigen Spannung, die Straßen entlang. Es dauerte ungefähr eine
halbe Stunde, ehe er das Haus fand. Es lag in einem verwinkelten,
ruhigen Stadtteil und schimmerte groß und weiß im Mondlicht.
Vor der Tür blieb er stehen. Er blickte auf die breite Messingklinke, und die Spannung erlosch plötzlich. Er glaubte auf einmal
nicht, daß er nur eine Treppe hinaufzugehen brauchte, um Ruth
zu finden. Es war zu einfach, nach all den Monaten. Er war nicht
gewohnt, daß etwas einfach war. Er starrte zu den Fenstern empor. Vielleicht war sie gar nicht im Hause. Vielleicht war sie auch
schon nicht mehr in Zürich.
Er ging an dem Haus vorbei. Ein paar Ecken weiter war ein Tabakladen. Er trat ein. Eine mürrische Frau kam hinter dem Aufbau der Theke hervor. – »Ein Paket Parisiennes«, sagte Kern.
Die Frau schob das Päckchen vor ihn hin. Dann griff sie in einen
Kasten unter der Theke, holte Streichhölzer hervor und legte sie
auf die Zigaretten. Es waren zwei Pakete, die anein-anderklebten.
Die Frau sah es, löste sie voneinander und warf eins zurück in
den Kasten. »Fünfzig Rappen«, sagte sie.
Kern bezahlte. »Kann ich einmal telefonieren?« fragte er.
Die Frau nickte. »Da links in der Ecke steht der Apparat.«
Kern suchte im Telefonbuch die Nummer Neumann – es schien
Hunderte von Neumanns in dieser Stadt zu geben. Endlich fand
er den richtigen. Er hob den Hörer ab und nannte die Nummer.
Die Frau blieb an der Theke stehen und beobachtete ihn. Kern
drehte ihr ärgerlich den Rücken zu. Es dauerte lange, bis sich
jemand meldete.
»Kann ich mit Fräulein Holland sprechen?« fragte er in den
schwarzen Trichter hinein.
217

»Wer ist dort?«
»Ludwig Kern.«
Die Stimme im Telefon schwieg einen Augenblick. »Ludwig …«,
sagte sie dann wie atemlos. »Du, Ludwig?«
»Ja …« Kern fühlte plötzlich sein Herz hart schlagen, als wäre
es ein Hammer. »Ja, bist du es, Ruth? Ich habe deine Stimme nicht
erkannt. Wir haben ja noch nie miteinander telefoniert.«
»Wo bist du denn? Von wo rufst du an?«
»Ich bin hier. In Zürich. In einem Zigarettenladen.«
»Hier?«
»Ja, in derselben Straße wie du.«
»Warum kommst du denn nicht her? Ist etwas passiert?«
»Nein, nichts. Ich bin heute angekommen. Ich dachte schon,
du wärst nicht mehr da. Wo können wir uns treffen?«
»Hier! Komm her. Rasch! Weißt du das Haus? Es ist in der
zweiten Etage.«
»Ja, ich weiß. Aber geht es denn? Ich meine wegen der Leute,
bei denen du wohnst?«
»Es ist niemand hier. Ich bin allein. Alle sind fort über das
Wochenende. Komm!«
»Ja.«
Kern legte den Hörer auf. Er sah sich abwesend um. Es schien
nicht mehr derselbe Laden zu sein wie vorher. Dann ging er zur
Theke zurück. »Was kostet das Gespräch?« fragte er.
»Zehn Rappen.«
»Nur zehn Rappen?«
»Teuer genug.« Die Frau klaubte das Nickelstück auf. »Vergessen Sie Ihre Zigaretten nicht.«
»Ach so … ja …«
Kern trat auf die Straße. Ich will jetzt nicht laufen, dachte er.
Wer läuft, ist verdächtig. Ich will mich zusammenhalten. Steiner
218

würde auch nicht laufen. Ich will gehen. Niemand soll mir etwas
anmerken. Aber ich kann schnell gehen. Ich kann sehr schnell
gehen. Das ist ebenso rasch, als wenn ich laufe.
Ruth stand auf der Treppe. Es war dunkel, und Kern konnte sie
nur undeutlich sehen. »Nimm dich in acht!« sagte er heiser und
eilig, »ich bin schmutzig! Meine Sachen sind noch am Bahnhof.
Ich konnte mich nicht waschen und umziehen!«
Sie erwiderte nichts. Sie stand vorgebeugt am Treppenabsatz
und wartete auf ihn. Er lief die Stufen hinauf, und plötzlich war
sie bei ihm, warm und wirklich, das Leben und mehr als das
Leben.
Sie lag still in seinem Arm. Er hörte sie atmen und fühlte ihr
Haar. Er stand regungslos, und die undeutliche Dunkelheit um
ihn herum schien zu schwanken. Dann merkte er, daß sie weinte. Er machte eine Bewegung. Sie schüttelte den Kopf an seiner
Schulter, ohne ihn loszulassen. »Laß mich nur. Ich bin gleich
durch.«
Unten ging eine Tür. Kern drehte sich vorsichtig und fast
unmerklich zur Seite, um die Treppe übersehen zu können.
Er hörte Schritte. Dann klickte ein Schalter, und es wurde hell.
Ruth schreckte auf. »Komm! Komm rasch herein!« Sie zog ihn
zur Tür.
SIE SASSEN IM Wohnzimmer der Familie Neumann. Es war das
erstemal seit langer Zeit, daß Kern wieder in einer Wohnung
war. Das Zimmer war bürgerlich und ohne viel Geschmack eingerichtet, mit gediegenen Mahagonimöbeln, einem modernen
Perserteppich, ein paar mit Rips überzogenen Sesseln und einigen
Lampen mit Schirmen aus farbiger Seide – aber Kern erschien es
wie eine Vision des Friedens und eine Insel der Sicherheit.
»Seit wann ist dein Paß abgelaufen?« fragte er.
219

»Seit sieben Wochen, Ludwig.« Ruth nahm zwei Gläser und
eine Flasche aus dem Büfett.
»Hast du eine Verlängerung beantragt?«
»Ja. Ich war auf dem Konsulat hier in Zürich. Sie haben es
abgelehnt. Ich habe auch nichts anderes erwartet.«
»Ich eigentlich auch nicht. Obschon ich immer noch auf irgendein Wunder gehofft habe. Wir sind ja Staatsfeinde. Gefährliche
Staatsfeinde. Sollten uns eigentlich wichtig damit vorkommen,
was?«
»Mir ist es egal«, sagte Ruth und stellte die Gläser und die Flasche auf den Tisch. »Ich habe vor dir jetzt nichts mehr voraus,
das ist auch etwas.«
Kern lachte. Er nahm sie um die Schultern und zeigte auf die
Flasche. »Was ist denn das? Kognak?«
»Ja. Der beste Kognak der Familie Neumann. Ich will mit dir
trinken, weil du wieder da bist. Es war eine schreckliche Zeit ohne
dich. Und es war schrecklich zu wissen, daß du im Gefängnis
warst. Sie haben dich geschlagen, diese Verbrecher! Und alles
war meine Schuld!«
Sie sah ihn an. Sie lächelte, aber Kern merkte, daß sie erregt war.
Ihre Stimme war fast zornig, und ihre Hand zitterte, als sie die
Gläser vollschenkte. »Es war schrecklich!« sagte sie noch einmal
und gab ihm sein Glas. »Aber jetzt bist du wieder da!«
Sie tranken. »Es war gar nicht schlimm«, sagte Kern. »Wirklich
nicht!«
Ruth stellte ihr Glas weg. Sie hatte es mit einem Ruck ausgetrunken. Sie legte ihre Arme um Kerns Nacken und küßte ihn.
»Jetzt lasse ich dich nicht wieder weg«, murmelte sie. »Nie!«
Kern sah sie an. Er hatte sie noch nie so gesehen. Sie war völlig
verändert. Etwas Fremdes, das früher oft schattenhaft zwischen
ihnen gestanden hatte, war gewichen. Sie war jetzt aufgeschlos220

sen und ganz da, und er fühlte zum erstenmal, daß sie zu ihm
gehörte. Er hatte es früher nie sicher gewußt.
»Ruth«, sagte er, »ich wollte, die Decke bräche auseinander und
ein Flugzeug käme, und wir flögen zu einer Insel mit Palmen und
Korallen, wo keiner weiß, was ein Paß und eine Aufenthaltserlaubnis ist!«
Sie küßte ihn wieder. »Ich fürchte, sie wissen es auch da, Ludwig.
Unter Palmen und Korallen haben sie sicher Forts und Kanonen
und Kriegsschiffe und passen noch mehr auf als in Zürich.«
»Ja, bestimmt! Laß uns noch ein Glas trinken.« Er nahm die
Flasche und schenkte ein. »Aber Zürich ist auch schon gefährlich.
Man kann sich hier nicht lange verstecken.«
»Dann laß uns weggehen!«
Kern sah auf das Zimmer, auf die Damastvorhänge, die Sessel
und die gelbseidenen Lampen. »Ruth«, sagte er und machte eine
Gebärde über das alles hin, »es ist wunderbar, mit dir zusammen
wegzugehen, und ich habe mir auch nie etwas anderes vorstellen
können. Aber dies hier gibt es dann nicht mehr, das mußt du
wissen. Es gibt nur noch Verstecken und Landstraße und Heuschober und kleine jämmerliche Pensionszimmer mit Angst vor
der Polizei, wenn wir Glück haben. Und Gefängnis.«
»Das weiß ich. Es ist mir egal. Und du brauchst dir keine Gedanken deswegen zu machen. Ich muß ohnehin hier fort. Ich
kann nicht mehr bleiben. Die Leute haben Angst vor der Polizei, weil ich nicht angemeldet bin. Sie sind froh, wenn ich weg
bin. Ich habe auch noch etwas Geld, Ludwig. Und ich werde dir
handeln helfen. Ich werde nicht viel kosten. Ich glaube, ich bin
ganz praktisch.«
»So«, sagte Kern, »etwas Geld hast du sogar, und verkaufen
helfen willst du! Noch ein Wort mehr, und ich fange an zu heulen
wie ein altes Weib. Hast du viele Sachen mitzunehmen?«
221

»Nicht viel. Was ich nicht brauche, lasse ich hier.«
»Gut. Was machen wir mit deinen Büchern? Besonders mit den
dicken über Chemie? Lassen wir die vorläufig hier?«
»Meine Bücher habe ich verkauft. Ich habe den Rat befolgt,
den du mir in Prag gegeben hast. Man soll nichts mitnehmen
von früher. Nichts. Und man soll auch nicht zurückschauen, das
macht nur müde und kaputt. Die Bücher haben uns Unglück
gebracht. Ich habe sie verkauft. Sie wären auch viel zu schwer zu
schleppen gewesen.«
Kern lächelte. »Du hast recht, du bist praktisch, Ruth. Ich denke,
wir gehen zuerst nach Luzern. Georg Binder, ein Professional für
die Schweiz, hat mir das geraten. Es sind viele Fremde da, man
fällt deshalb nicht auf, und die Polizei ist nicht so scharf. Wann
wollen wir los?«
»Übermorgen früh. Solange können wir hier bleiben.«
»Gut. Ich habe eine Bude zum Schlafen. Ich muß nur bis zwölf
im Café Greif sein.«
»Du wirst nicht bis zwölf im Café Greif sein! Du bleibst hier,
Ludwig! Wir gehen nicht vor übermorgen früh auf die Straße.
Ich würde sonst umkommen vor Angst!«
Kern starrte sie an. »Geht denn das? Ist da nicht ein Dienstmädchen oder so was, das uns verraten kann?«
»Das Dienstmädchen hat Urlaub bis Montag mittag. Es kommt
mit dem Zuge um elf Uhr vierzig zurück. Die andern um drei
Uhr nachmittags. Solange haben wir Zeit.«
»Herr des Himmels«, sagte Kern. »So lange haben wir diese
ganze Wohnung für uns?«
»Ja.«
»Und wir können darin leben, als wenn sie uns gehörte, mit
diesem Salon und Schlafzimmern und einem eigenen Eßzimmer
und einem blütenweißen Tischtuch und Porzellan und womög222

lich silbernen Gabeln und Messern und Extramessern für Äpfel
und Kaffee aus kleinen Mokkatassen und einem Radio.«
»Mit allem! Und ich werde kochen und braten und ein Abendkleid von Sylvia Neumann für dich anziehen!«
»Und ich den Smoking des Herrn Neumann heute abend! Und
wenn er noch so groß ist! Ich habe aus der ›Eleganten Welt‹ im
Gefängnis gelernt, wie man sich zu kleiden hat!«
»Er wird dir sogar passen!«
»Großartig! Das müssen wir feiern!« Kern sprang begeistert
auf.
»Dann kann ich ja auch ein heißes Bad mit viel Seife haben,
was? Das habe ich lange entbehrt. Im Gefängnis gab’s nur so eine
Art Lysolschauer.«
»Natürlich! Ein heißes Bad mit dem weltbekannten Kern-FarrParfüm drin sogar!«
»Das habe ich gerade ausverkauft.«
»Aber ich habe noch eine Flasche! Die, die du mir im Kino
in Prag geschenkt hast. An unserem ersten Abend. Ich habe sie
aufbewahrt.«
»Das ist der Gipfel!« sagte Kern. »Gesegnetes Zürich! Du überwältigst mich, Ruth! Es fängt gut mit uns an!«

12

Kern belagerte in Luzern zwei Tage lang die Villa des
Kommerzienrates Arnold Oppenheim. Das weiße
Haus lag wie eine Burg auf einer Anhöhe über dem
Vierwaldstätter See. In den Adressen, die der Professional Binder
Kern geschenkt hatte, stand als Anmerkung hinter Oppenheim:
Deutscher, Jude. Gibt, aber nur auf Druck. National. Nicht von
Zionismus reden.
Am dritten Tage wurde Kern vorgelassen. Oppenheim empfing
ihn in einem großen Garten, der voll war von Astern, Sonnenblumen und Chrysanthemen. Er war ein gutgelaunter, kräftiger
Mann mit dicken kurzen Fingern und einem kleinen, dichten
Schnurrbart. »Kommen Sie jetzt aus Deutschland?« fragte er.
»Nein. Ich bin schon über zwei Jahre fort.«
»Und woher sind Sie?«
»Aus Dresden.«
»Ach, Dresden!« Oppenheim strich sich über den glänzenden,
kahlen Schädel und seufzte schwärmerisch. »Dresden ist eine
herrliche Stadt! Ein Juwel! Diese Brühlsche Terrasse! Etwas
Einzigartiges, wie?«
»Ja«, sagte Kern. Ihm war heiß, und er hätte gern ein Glas von
dem Traubensaft gehabt, der vor Oppenheim auf dem Steintisch
stand. Aber Oppenheim kam nicht auf den Gedanken, ihm eins
anzubieten. Versonnen schaute er in die klare Luft. »Und der
Zwinger – das Schloß – die Galerien – das kennen Sie natürlich
alles genau, wie?«
»Nicht so genau. Mehr von außen.«
»Aber, lieber junger Freund!« Oppenheim sah ihn vorwurfsvoll
an. »So etwas nicht zu kennen! Edelstes deutsches Barock! Haben
Sie nie etwas von Daniel Pöppelmann gehört?«
»Doch, selbstverständlich!« Kern hatte keine Ahnung von dem
Baumeister des Barocks, aber er wollte Oppenheim gefällig sein.
224

»Na, sehen Sie!« Oppenheim lehnte sich in seinem Sessel zurück.
»Ja, unser Deutschland! Das macht uns keiner nach, wie?«
»Sicher nicht. Das ist auch ganz gut.«
»Gut? Wieso? Wie meinen Sie das?«
»Ganz einfach. Es ist gut für die Juden. Wir wären sonst verloren.«
»Ach so! Sie meinen das politisch! Na, hören Sie… verloren …
verloren, was sind das für große Worte! Glauben Sie mir, es wird
heute auch sehr viel übertrieben. Ich weiß es aus bester Quelle:
So schlimm ist es gar nicht.«
»So?«
»Bestimmt!« Oppenheim beugte sich vor und dämpfte vertraulich seine Stimme. »Unter uns gesagt, die Juden haben selbst viel
Schuld an dem, was heute passiert. Eine Menge Schuld haben
sie, das sage ich Ihnen, und ich weiß, was ich sage. Es war vieles
nicht notwendig, was sie gemacht haben, und ich verstehe was
davon!«
Wieviel mag er mir geben, dachte Kern. Ob es ausreichen wird,
daß wir bis Bern kommen?
»Nehmen Sie zum Beispiel die Sache mit den Ostjuden, den
galizischen und polnischen Einwanderern«, erklärte Oppenheim
und nahm einen Schluck Traubensaft. »Mußten die alle hineingelassen werden? Was haben diese Leute wirklich in Deutschland
zu suchen? Ich bin genauso dagegen wie die Regierung. Juden
sind Juden, heißt es da immer – aber was besteht schon für eine
Gemeinschaft zwischen so einem schmutzigen Hausierer mit
speckigem Kaftan und Peieslöckchen und einer alten, seit Jahrhunderten eingesessenen bürgerlich-jüdischen Familie?«
»Die einen sind früher eingewandert, die andern später«, sagte
Kern gedankenlos und erschrak nachträglich etwas. Er wollte
Oppenheim auf keinen Fall reizen.
225

Doch der merkte nichts; er war zu sehr mit seinem Problem
beschäftigt. »Die einen sind assimiliert, sind wertvolle, wichtige, national erstklassige Bürger – und die anderen sind fremde
Einwanderer! Das ist es, mein Lieber! Was haben wir mit diesen
Leuten zu tun? Gar nichts, überhaupt nichts! Man hätte die in
Polen lassen sollen!«
»Da will man sie aber auch nicht haben.«
Oppenheim machte eine weit ausholende Bewegung und sah
Kern ärgerlich an. »Das hat doch nichts mit Deutschland zu tun!
Das ist doch ganz was anderes! Man muß objektiv sein! Ich hasse
es, alles in Bausch und Bogen zu verdammen. Man kann gegen
Deutschland sagen, was man will, die Leute jetzt drüben tun was!
Und sie erreichen was! Das müssen Sie wohl zugeben, wie?«
»Natürlich.«. Zwanzig Franken, dachte Kern, sind vier Tage
Pension. Vielleicht gibt er auch mehr.
»Daß es dem einzelnen dabei mal schlecht geht, oder bestimmten Gruppen …«, Oppenheim schnaufte kurz, »nun, das sind
harte politische Notwendigkeiten! Große Politik kennt keine
Sentimentalität. Das müssen wir hinnehmen …«
»Gewiß …«
»Sehen Sie«, sagte Oppenheim, »das Volk wird beschäftigt. Die
nationale Würde gehoben. Gewiß, es gibt da Übertreibungen, aber
das kommt immer im Anfang vor. Das wird sich geben. Betrachten Sie nur, was aus unserer Wehrmacht geworden ist! So was ist
doch einzigartig! Wir sind plötzlich wieder vollwertig. Ein Volk
ohne große, schlagkräftige Armee ist nichts, gar nichts!«
»Davon verstehe ich nichts«, erwiderte Kern.
Oppenheim gab ihm einen schiefen Blick. »Das sollten Sie
aber!« erklärte er und stand auf. »Gerade im Ausland!« Er
haschte nach einer Mücke und zerdrückte sie sorgfältig. »Die
andern haben schon wieder Angst vor uns! Und Angst ist alles,
226

glauben Sie mir das! Nur wenn der andere Angst hat, erreicht
man was!«
»Das verstehe ich«, sagte Kern.
Oppenheim trank seinen Traubensaft aus und machte einige
Schritte durch seinen Garten. Unten leuchtete der See wie ein
blauer, vom Himmel gefallener Schild. »Und was ist mit Ihnen
los?« fragte er in verändertem Ton. »Wohin wollen Sie?«
»Nach Paris.«
»Warum gerade nach Paris?«
»Ich weiß nicht. Um ein Ziel zu haben. Es soll besser sein, dort
unterzukommen.«
»Warum bleiben Sie nicht in der Schweiz?«
»Herr Kommerzienrat!« Kern war plötzlich atemlos. »Wenn
ich das könnte! Wenn Sie mir dazu verhelfen könnten, daß ich
hierbliebe! Eine Empfehlung vielleicht, oder daß Sie bereit wären,
mir Arbeit zu geben … wenn Sie mit Ihrem Namen …«
»Ich kann gar nichts machen«, unterbrach Oppenheim ihn eilig.
»Gar nichts! Überhaupt nichts. So meinte ich das auch gar nicht.
Es war nur eine Frage. Ich muß politisch völlig neutral sein, in
jeder Beziehung. Ich kann mich in nichts einmischen!«
»Es ist doch nicht politisch …«
»Heute ist alles politisch! Die Schweiz ist mein Gastland. Nein,
nein, kommen Sie mir nicht mit so was!« Oppenheim wurde
immer mißmutiger. »Was wollten Sie denn sonst noch?«
»Ich wollte fragen, ob Sie etwas von diesen Kleinigkeiten brauchen könnten.« Kern zog ein paar Sachen aus der Tasche.
»Was haben Sie denn? Parfüm? Toilettewasser? Kommt nicht
in Frage.« Oppenheim schob die Flaschen beiseite. »Seife? Na,
ja. Seife kann man ja wohl immer brauchen. Zeigen Sie mal her!
Schön. Lassen Sie ein Stück hier. Warten Sie …« Er griff in die
Tasche, zögerte einen Augenblick, schob ein paar Geldstücke
227

zurück und legte zwei Franken auf den Tisch. »So, ist ja wohl
sehr gut bezahlt, was?«
»Es ist sogar zuviel. Die Seife koste nur einen Franken.«
»Na, lassen Sie nur«, erklärte Oppenheim großzügig. »Aber
erzählen Sie es nicht weiter. Man wird sowieso schon furchtbar
überlaufen.«
»Herr Kommerzienrat«, sagte Kern ruhig, »eben deshalb möchte ich nur das haben, was die Seife kostet.«
Oppenheim sah ihn etwas überrascht an. »Na, wie Sie wollen.
Ein gutes Prinzip übrigens. Nichts schenken lassen. Das war auch
immer mein Wahlspruch.«
Kern verkaufte nachmittags noch zwei Stück Seife, einen Kamm
und drei Pakete Sicherheitsnadeln. Er verdiente damit insgesamt
drei Franken. Mehr aus Gleichgültigkeit ging er schließlich in ein
kleines Wäschegeschäft, das einer Frau Sarah Grünberg gehörte.
Frau Grünberg, eine Frau mit wirrem Haar und einem Zwicker,
hörte ihn geduldig an.
»Das ist nicht Ihr Beruf, wie?« fragte sie.
»Nein«, sagte Kern. »Ich glaube, ich bin auch nicht sehr geschickt dafür.«
»Wollen Sie arbeiten? Ich mache gerade Inventur. Zwei bis drei
Tage hätte ich zu tun. Sieben Franken am Tag und gutes Essen.
Sie können morgen um acht kommen.«
»Gern«, sagte Kern, »aber …«
»Ich weiß schon … von mir erfährt keiner was. Und nun geben
Sie mir ein Stück Seife. Reicht das, drei Franken?«
»Es ist zuviel.«
»Es ist nicht zuviel. Es ist zuwenig. Verlieren Sie den Mut
nicht.«
»Mit Mut allein kommt man nicht weit«, sagte Kern und nahm
das Geld. »Aber es gibt immer wieder Glück. Das ist besser.«
228

»Sie können mir jetzt noch ein paar Stunden aufräumen helfen.
Einen Franken die Stunde. Nennen Sie das auch Glück?«
»Ja«, sagte Kern. »Mit Glück kann man gar nicht weit genug
unten anfangen. Um so öfter kommt es.«
»Lernen Sie so was unterwegs?« fragte Frau Grünberg.
»Unterwegs nicht; aber in den Pausen, wenn ich nicht unterwegs bin. Dann denke ich darüber nach und versuche, etwas
daraus zu lernen. Man lernt jeden Tag etwas. Manchmal sogar
von Kommerzienräten.«
»Verstehen Sie auch was von Wäsche?« fragte Frau Grünberg.
»Nur von sehr grober. Ich habe kürzlich in einem Institut
zwei Monate lang nähen gelernt. Allerdings nur sehr einfache
Sachen.«
»Kann nie schaden«, erklärte Frau Grünberg. »Ich kann sogar Zähne ziehen. Habe es vor zwanzig Jahren mal von einem
Dentisten gelernt. Wer weiß … vielleicht mache ich damit noch
gelegentlich mein Glück!«
KERN ARBEITETE BIS zehn Uhr und bekam außer einem guten
Abendessen noch fünf Franken ausgezahlt. Das reichte mit dem
andern für zwei Tage und gab ein besseres Gefühl als hundert
Franken des Kommerzienrates Oppenheim.
Ruth wartete auf ihn in einer kleinen Pension, die aus dem
Adressenverzeichnis von Binder stammte. Man konnte dort ein
paar Tage wohnen, ohne angemeldet zu sein. Sie war nicht allein.
Neben ihr am Tisch auf der kleinen Terrasse saß ein schlanker,
älterer Mann.
»Gottlob, daß du da bist«, sagte Ruth und stand auf. »Ich habe
schon Angst um dich gehabt.«
»Du mußt keine Angst haben. Wenn man Angst hat, passiert
229

meistens nichts. Es passiert nur etwas, wenn man gar nicht damit
rechnet.«
»Das ist ein Sophismus, aber keine Philosophie«, sagte der
Mann, der mit Ruth am Tisch gesessen hatte.
Kern drehte sich nach ihm um. Der Mann lächelte. »Kommen
Sie und trinken Sie mit mir ein Glas Wein. Fräulein Holland
wird Ihnen sagen, daß ich harmlos bin. Ich heiße Vogt und war
irgendwann einmal Privatdozent in Deutschland. Leisten Sie mir
etwas Gesellschaft bei meiner letzten Flasche.«
»Warum bei Ihrer letzten Flasche?«
»Weil ich morgen für eine Zeitlang in Pension gehe. Ich bin
müde. Ich muß mich etwas ausruhen.«
»Pension?« fragte Kern verständnislos.
»Ich nenne es so. Man kann auch Gefängnis dazu sagen. Ich
werde mich morgen bei der Polizei melden und erklären, daß
ich mich seit zwei Monaten illegal in der Schweiz aufhalte. Dafür
bekomme ich dann ein paar Wochen Gefängnis, weil ich schon
zweimal ausgewiesen worden bin. Staatspension. Es ist wichtig
zu sagen, daß man schon einige Zeit wieder im Lande ist; sonst
gilt der Bruch der Einreisesperre als Notstand und man wird nur
über die Grenze abgeschoben.«
Kern sah Ruth an.
»Wenn Sie etwas Geld brauchen … ich habe heute ganz gut
verdient.«
Vogt wehrte ab. »Danke, nein, ich habe noch zehn Franken.
Das reicht für den Wein und die Nacht. Ich bin nur müde; ich
will mich wieder einmal ausruhen. Und das können wir doch
nur im Gefängnis. Ich bin zweiundfünfzig Jahre alt und nicht
sehr gesund. Ich bin wirklich sehr müde vom Herumlaufen und
Verstecken. Kommen Sie, setzen Sie sich beide zu mir. Wenn man
so viel allein ist, freut man sich an Gesellschaft.«
230

Er goß Wein in die Gläser. »Es ist Neuchâteler; herb und rein
wie Gletscherwasser.«
»Aber Gefängnis …«, sagte Kern.
»Das Gefängnis in Luzern ist gut. Ich kenne es … das ist der
Luxus, den ich mir gönne; daß ich mir aussuche,, wo ich ins
Gefängnis möchte. Meine Angst besteht nur darin, daß ich nicht
hineinkomme. Daß ich allzu menschliche Richter finde, die mich
einfach zur Grenze abschieben lassen. Dann geht es wieder von
vorn an. Und für uns sogenannte Arier ist das noch schwerer als
für Juden. Wir haben keine Kultusgemeinden, die uns unterstützen – und keine Glaubensgenossen. Aber sprechen wir nicht von
diesen Dingen …«
Er hob sein Glas. »Wir wollen auf das Schöne trinken in der
Welt… das ist unzerstörbar.«
Sie stießen miteinander an. Die Gläser gaben einen reinen
Klang. Kern trank den kühlen Wein. Traubensaft, dachte er. Oppenheim. Er setzte sich zu Vogt und Ruth an den Tisch.
»Ich dachte schon, ich müßte allein sein«, sagte Vogt. »Und nun
sind Sie hier. Wie schön der Abend ist! Dieses klare herbstliche
Licht.«
Sie saßen lange schweigend auf der halb erleuchteten Terrasse.
Ein paar späte Nachtschmetterlinge stießen mit ihren schweren
Leibern beharrlich gegen das heiße Glas der elektrischen Glühbirne. Vogt lehnte etwas abwesend und sehr friedlich in seinem
Stuhl, mit schmalem Gesicht und klaren Augen, und es erschien
den beiden andern plötzlich, als nähme da ein Mensch aus einem
versunkenen Jahrhundert gelassen und gefaßt Abschied von
seinem Leben und der Welt.
»Heiterkeit«, sagte Vogt nachdenklich, als spräche er zu sich
selbst. »Heiterkeit, die gelassene Tochter der Toleranz … sie ist
unserer Zeit verlorengegangen. Es gehört zu vieles dazu – Wis231

sen, Überlegenheit, Bescheidenheit und die ruhige Resignation
vor dem Unmöglichen. Das alles ist geflohen vor dem wilden
Kasernenidealismus, der heute unduldsam die Welt verbessern
will. Weltverbesserer waren immer Weltverschlechterer – und
Diktatoren sind nie heiter.«
»Die, denen sie diktieren, auch nicht«, sagte Kern.
Vogt nickte und trank langsam einen Schluck des hellen Weines. Dann zeigte er auf den See, der im Licht des halben Mondes
silbern glänzte und den die Berge umrahmten wie die Wände
einer kostbaren Schale. »Denen kann man nicht diktieren«, sagte
er. »Den Schmetterlingen auch nicht und dem Laub der Bäume.
Und denen auch nicht …« Er wies auf ein paar zerlesene Bücher.
»Hölderlin und Nietzsche. Der eine hat die reinsten Hymnen auf
das Leben geschrieben … der andere erträumte die göttlichen
Tänze dionysischer Heiterkeit – und beide endeten im Wahnsinn
… als wenn die Natur irgendwo eine Grenze gesetzt hätte.«
»Diktatoren werden nicht wahnsinnig«, sagte Kern.
»Natürlich nicht.« Vogt stand auf und lächelte. »Aber auch
nicht vernünftig.«
»Wollen Sie wirklich morgen zur Polizei?« fragte Kern.
»Ja, ich will. Leben Sie wohl und Dank dafür, daß Sie mir helfen
wollten. Ich gehe noch eine Stunde zum See hinunter.«
Er ging langsam die Straße entlang. Sie war leer, und man
hörte seine Schritte noch eine Weile, nachdem er nicht mehr zu
sehen war.
Kern sah Ruth an. Sie lächelte ihm zu. »Hast du Angst?« fragte
er.
Sie schüttelte den Kopf.
»Mit uns ist das anders«, sagte er. »Wir sind jung. Wir kommen
durch.«
232

ZWEI TAGE SPÄTER tauchte Binder aus Zürich auf; kühl, elegant
und sicher.
»Wie geht’s?« fragte er. »Hat alles geklappt?«
Kern berichtete sein Erlebnis mit dem Kommerzienrat Oppenheim. Binder hörte aufmerksam zu. Er lachte, als Kern ihm
erzählte, er hätte Oppenheim gebeten, sich für ihn zu verwenden.
»Das war Ihr Fehler«, sagte er. »Der Mann ist die feigste Kröte,
die ich kenne. Aber ich werde einmal eine Strafexpedition gegen
ihn unternehmen.«
Er verschwand und kam abends wieder, einen Zwanzigfrankenschein in der Hand.
»Alle Achtung«, sagte Kern.
Binder schüttelte sich. »Es war nicht schön, das können Sie mir
glauben. Der nationale Herr Oppenheim, der alles versteht, seiner
Millionen wegen. Geld macht verdammt charakterlos, was?«
»Kein Geld auch.«
»Stimmt, aber seltener. Ich habe ihn gründlich erschreckt mit
wilden Nachrichten aus Deutschland. Er gibt nur aus Angst. Um
sich vom Schicksal loszukaufen. Steht das nicht in der Liste?«
»Nein. Da steht: Gibt, aber nur auf Druck.«
»Das ist dasselbe. Na, vielleicht treffen wir den Kommerzienrat
noch einmal als Kollegen auf der Landstraße wieder. Das würde
mich für vieles entschädigen.
Kern lachte. »Der findet schon ’raus. Aber weshalb sind Sie in
Luzern?«
»Es wurde etwas zu heiß in Zürich. Ein Detektiv war hinter mir
her. Und dann …« sein Gesicht verschattete sich, »komme ich
von Zeit zu Zeit her, um Briefe aus Deutschland abzuholen.«
»Von Ihren Eltern?«
»Von meiner Mutter.«
Kern schwieg. Er dachte an seine Mutter. Er hatte ihr ab und
233

zu geschrieben. Aber er konnte keine Antwort bekommen, weil
seine Adresse ständig wechselte.
»Essen Sie gern Kuchen?« fragte Binder nach einer Weile.
»Ja, natürlich. Haben Sie welchen?«
»Ja. Warten Sie einen Augenblick.«
Er kam mit einem Paket zurück. Es war ein Pappkarton, in dem,
sorgfältig in Seidenpapier gewickelt, eine kleine Sandtorte lag.
»Heute vom Zoll gekommen«, sagte Binder. »Die Leute hier
haben sie abgeholt.«
»Aber die essen Sie doch selber«, sagte Kern. »Ihre Mutter hat
sie selbst gebacken, das sieht man sofort!«
»Ja, sie hat sie selbst gebacken. Deshalb will ich sie ja nicht
essen. Ich kann es nicht. Nicht ein Stück!«
»Das verstehe ich nicht. Mein Gott, wenn ich von meiner Mutter einen Kuchen bekäme! Einen Monat würde ich daran essen!
Jeden Abend ein kleines Stück.«
»Aber verstehen Sie doch!« sagte Binder mit unterdrückter,
heftiger Stimme. »Sie hat ihn nicht für mich geschickt! Er ist für
meinen Bruder.«
Kern starrte ihn an. »Sie haben doch gesagt, Ihr Bruder sei
tot.«
»Ja, natürlich. Aber sie weiß es noch nicht.« »Sie weiß es
nicht?«
»Nein. Ich kann es ihr nicht schreiben. Ich kann es einfach nicht.
Sie stirbt, wenn sie es erfährt. Er war ihr Liebling. Mich mochte
sie nie besonders. Er war auch besser als ich. Deshalb hat er auch
nicht ausgehalten. Ich komme durch! Natürlich! Sie sehen es ja!«
Er schleuderte das Geld Oppenheims auf den Fußboden.
Kern hob den Schein auf und legte ihn wieder auf den Tisch,
Binder setzte sich auf einen Stuhl und zündete sich eine Zigarette an. Dann zog er einen Brief aus der Tasche. »Hier … das
234

ist ihr letzter Brief. Er lag dabei. Wenn Sie das lesen, werden Sie
verstehen, daß es einem an die Knochen geht.«
Es war ein Brief auf blaßblauem Papier, mit einer weichen,
schrägen Handschrift, wie von einem jungen Mädchen geschrieben. »Mein innigstgeliebter Leopold. Deinen Brief habe ich
gestern erhalten, und ich habe mich so darüber gefreut, daß ich
mich erst einmal hinsetzen mußte und abwarten, bis ich ruhiger
wurde. Dann habe ich ihn aufgemacht und angefangen zu lesen.
Mein Herz ist nicht mehr so gut durch alle die Aufregungen,
das kannst Du Dir sicher wohl denken. Wie froh bin ich, daß
Du nun endlich Arbeit gefunden hast! Wenn Du auch nicht viel
verdienst, mach Dir nichts daraus; wenn Du fleißig bist, wird es
schon vorwärtsgehen. Dann kannst Du später auch wohl wieder
studieren. Lieber Leopold, achte doch auf Georg. Er ist so schnell
und unbedacht! Aber solange Du da bist, bin ich ruhig. Ich habe
Dir heute morgen einen Kuchen gebacken von der Sandtorte,
die Du immer so gerne gegessen hast. Ich schicke ihn Dir, hoffentlich kommt er nicht zu trocken an. Obwohl, Sandtorte darf
ja ruhig etwas trocken sein, deshalb habe ich .Dir die gebacken,
sonst hätte ich Dir einen Frankfurter Kranz geschickt, den magst
Du ja am liebsten. Aber der verdirbt sicher unterwegs. Lieber
Leopold, schreib mir bald wieder, wenn Du Zeit hast. Ich bin
immer so unruhig. Hast Du nicht ein Bild von Dir? Hoffentlich
sind wir bald alle wieder zusammen. Vergiß mich nicht. Deine
Dich liebende Mutter. Grüße Georg.«
Kern legte den Brief auf den Tisch. Er gab ihn Binder nicht in
die Hand; er legte ihn neben ihm auf den Tisch.
»Ein Bild«, sagte Binder. »Wo soll ich denn ein Bild herkriegen?«
»Hat sie den letzten Brief Ihres Bruders erst jetzt bekommen?«
235

Binder schüttelte den Kopf. »Er hat sich vor einem Jahr erschossen. Seitdem schreibe ich ihr. Alle paar Wochen. In der
Handschrift meines Bruders. Ich habe gelernt, sie nachzumachen.
Sie darf nichts wissen. Es ist unmöglich. Finden Sie nicht auch,
daß sie nichts wissen darf?« Er sah Kern drängend an. »Sagen
Sie doch, was Sie meinen!«
»Ja. Ich glaube, es ist besser so.«
»Sie ist sechzig. Sechzig, und ihr Herz ist kaputt. Sie lebt nicht
mehr lange. Ich werde es wohl schaffen, daß sie es nicht erfährt.
Daß er es selbst getan hat, verstehen Sie, das könnte sie nie begreifen.«
»Ja.«
Binder stand auf. »Ich muß ihr jetzt wieder einen Brief schreiben. Von ihm. Dann habe ich es hinter mir. Ein Bild – woher soll
ich nur ein Bild nehmen?«
Er nahm den Brief vom Tisch. »Nehmen Sie den Kuchen, ich
bitte Sie! Wenn Sie ihn nicht haben wollen, geben Sie ihn Ruth.
Sie brauchen ihr ja nicht zu sagen, was es damit auf sich hat.«
Kern zögerte. »Es ist ein guter Kuchen. Ich möchte nur ein
kleines Stückchen abschneiden … gerade nur so …«
Binder zog ein Messer aus der Tasche, schnitt einen schmalen
Streifen vom Rand der Sandtorte ab und legte ihn in den Brief
seiner Mutter. »Wissen Sie was?« sagte er dann, mit einem sonderbar zerfallenen Gesicht. »Mein Bruder hat meine Mutter nie
sehr geliebt. Aber ich … ich; komisch, was?«
Er ging auf sein Zimmer.
ES WAR ABENDS gegen elf Uhr. Ruth und Kern saßen auf der
Terrasse. Binder kam die Treppe herunter. Er war wieder kühl
und elegant wie früher.
»Kommen Sie mit mir noch irgendwohin?« sagte er. »Ich kann
236

noch nicht schlafen. Und ich möchte heute nicht allein sein. Nur
eine Stunde. Ich weiß ein Lokal, das sicher ist. Tun Sie mir den
Gefallen.«
Kern sah Ruth an. »Bist du müde?« fragte er.
Sie schüttelte den Kopf.
»Tun Sie mir den Gefallen«, sagte Binder. »Nur eine Stunde.
Um etwas anderes zu sehen.«
»Gut.«
Er führte sie zu einer Café-Bar, in der getanzt wurde. Ruth sah
hinein. »Das ist zu elegant«, sagte sie. »Das ist nichts für uns!«
»Für wen sollte es denn sonst sein, wenn nicht für uns Kosmopoliten«, erwiderte Binder mit trübem Spott. »Es ist auch gar
nicht so elegant, wenn Sie wirklich hinsehen. Nur gerade genug,
um sicher vor Detektiven zu sein. Und ein Kognak ist hier nicht
teurer als anderswo. Die Musik aber viel besser. So was braucht man
manchmal auch. Kommen Sie, bitte. Da ist schon ein Platz.«
Sie setzten sich und bestellten etwas zu trinken. »Was nützt
alles«, sagte Binder und hob sein Glas. »Wir wollen fröhlich sein!
Das Leben ist bald zu Ende, und nachher gibt uns niemand etwas
dafür, ob wir fröhlich oder traurig waren.«
»Richtig.« Kern nahm ebenfalls sein Glas. »Wir wollen einfach
annehmen, wir wären einmal richtige Inländer, nicht wahr, Ruth?
Leute, die eine Wohnung in Zürich haben und einen Ausflug
nach Luzern machen.«
Ruth nickte und lächelte ihm zu.
»Oder Touristen«, sagte Binder. »Reiche Touristen!«
Er trank sein Glas aus und bestellte ein neues. »Nehmen Sie
auch noch eins?« fragte er Kern.
»Später.«
»Nehmen Sie noch eins. Man kommt schneller in Stimmung.
Bitte tun Sie es.«
237

»Gut.«
Sie saßen an ihrem Tisch und sahen den Tanzenden zu. Es war
eine Menge junger Leute da, die auch nicht älter waren als sie
… aber trotzdem wirkten sie auf eine sonderbare Art wie drei
verirrte Kinder, die mit großen Augen dasaßen und nicht
dazugehörten. Es war nicht ihre Heimatlosigkeit allein, die
wie ein grauer Ring um sie lag – es war auch die Freudlosigkeit
einer Jugend, die ohne viel Hoffnung und Zukunft war. Was ist
das nur mit uns? dachte Kern, wir wollten doch froh sein! Ich
habe doch alles, was ich nur haben kann, und fast noch mehr,
was ist das nur?
»Gefällt es dir?« fragte Ruth.
»Ja, sehr«, erwiderte sie.
Das Lokal verdunkelte sich, ein bunter Scheinwerfer huschte
über die Tanzfläche, und eine hübsche schlanke Tänzerin wirbelte
über das Parkett.
»Wunderbar, was?« fragte Binder und klatschte.
»Hervorragend!« Kern klatschte mit.
»Die Musik ist großartig, nicht wahr?«
»Erstklassig!«
Sie saßen da und waren sehr bereit, alles herrlich zu finden
und leicht und fröhlich zu sein; aber es war etwas wie Staub und
Asche in allem, und sie wußten nicht, woher es kam.
»Warum tanzen Sie nicht einmal zusammen?« fragte Binder.
»Wollen wir?« Kern stand auf.
»Ich glaube nicht, daß ich es kann«, sagte Ruth.
»Ich kann es auch nicht. Das macht es einfacher.«
Ruth zögerte einen Augenblick; dann ging sie mit Kern zur
Tanzfläche. Die bunten Scheinwerfer glitten über die Tanzenden. »Da kommt gerade violettes Licht«, sagte Kern. »Eine gute
Gelegenheit, unterzutauchen!«
238

Sie tanzten vorsichtig und etwas scheu miteinander. Allmählich
wurden sie sicherer, besonders als sie merkten, daß niemand sie
beobachtete. »Wie schön das ist, mit dir zu tanzen«, sagte Kern.
»Es gibt immer neue schöne Dinge mit dir. Nicht allein, daß du
da bist … alles rundherum wird auch anders und schön.«
Sie rückte ihre Hand näher an seine Schulter und lehnte sich
an ihn. Langsam glitten sie in den Rhythmus der Musik. Die
Scheinwerfer spielten wie farbiges Wasser über sie hin, und einen Augenblick vergaßen sie alles andere – sie waren nur noch
weiches, junges Leben, das zueinanderstrebte und gelöst war von
den Schatten der Angst, des Versteckens und des Mißtrauens.
Die Musik brach ab. Sie gingen zu ihrem Tisch zurück. Kern
sah Ruth an. Ihre Augen glänzten, und ihr Gesicht war bewegt.
Es hatte plötzlich einen strahlenden, selbstvergessenen und fast
kühnen Ausdruck. Verdammt, dachte er, leben zu können, wie
man wollte … und war eine Sekunde furchtbar erbittert.
»Sehen Sie mal, wer da kommt!« sagte Binder.
Kern blickte auf. Der Kommerzienrat Arnold Oppenheim
durchquerte den Raum und ging dem Ausgang zu. Neben ihrem
Tisch stutzte er und blieb stehen. Eine Weile starrte er die drei an.
»Ganz interessant!« knurrte er dann. »Äußerst lehrreich!«
Niemand antwortete. »Das hat man also für seine Güte und
Unterstützung!« fuhr Oppenheim empört fort. »In Bars wird
das Geld sofort wieder verjubelt!«
»Ein bißchen Vergessen ist manchmal notwendiger als ein
Abendessen, Herr Kommerzienrat«, erwiderte Binder ruhig.
»Redensarten! So junge Leute haben in Bars nichts zu suchen.«
»Auf der Landstraße auch nicht«, antwortete Binder.
»Darf ich bekannt machen?« sagte Kern. Er wandte sich an
Ruth. »Der Herr, der sich hier über uns aufregt, ist der Kom239

merzienrat Oppenheim. Er hat mir ein Stück Seife abgekauft.
Ich habe daran vierzig Centimes verdient.«
Oppenheim sah ihn verdutzt an. Dann schnaufte er etwas, das
wie »Frechheit« klang, und stapfte davon.
»Was war denn das?« fragte Ruth.
»Das Alltäglichste von der Welt«, erwiderte Binder mit einer
Stimme voll Hohn. »Bewußte Wohltätigkeit. Härter als Stahl.«
Ruth stand auf. »Er wird doch sicher die Polizei holen! Wir
müssen fort.«
»Dazu ist er viel zu feige. Es würde ihm Unbequemlichkeiten
machen.«
»Wir wollen doch lieber gehen!« – »Gut.«
Binder bezahlte, und sie brachen auf und gingen zu ihrer
Pension. In der Nähe des Bahnhofs kamen ihnen zwei Männer
entgegen. »Achtung!« flüsterte Binder. »Ein Detektiv! Unbefangen bleiben.«
Kern fing leise an zu pfeifen, nahm Ruths Arm und ging langsamer. Er spürte, daß Ruth schneller gehen wollte. Er drückte
ihren Arm, lachte und schlenderte langsam weiter.
Die beiden Männer gingen vorüber. Einer von ihnen trug einen
steifen Hut und rauchte gleichmütig eine Zigarre. Der andere
war Vogt. Er erkannte sie und machte ein fast unmerkliches
bedauerndes Zeichen mit den Augen.
Kern sah sich nach einer Weile um. Die beiden Männer waren
verschwunden. »Richtung Basel, Zug zwölf Uhr fünfzehn zur
Grenze«, erklärte Binder fachmännisch.
Kern nickte. »Hat einen zu menschlichen Richter gehabt.«
Sie gingen weiter. Ruth fröstelte. »Es ist auf einmal etwas unheimlich hier«, sagte sie.
»Frankreich«, erwiderte Binder. »Paris. Eine große Stadt ist
das beste.«
240

»Warum gehen Sie nicht auch hin?«
»Ich kann kein Wort Französisch. Und dann bin ich Spezialist
für die Schweiz. Außerdem …« Er brach ab.
Sie gingen schweigend weiter. Ein kühler Wind kam vom See.
Der Himmel stand groß und eisengrau und fremd über ihnen.
VOR STEINER SASS der ehemalige Rechtsanwalt Dr. Goldbach II
vom Kammergericht Berlin. Er war das neue telepathische Medium. Steiner hatte ihn im Café Sperler gefunden.
Goldbach war etwa fünfzig Jahre alt und als Jude aus Deutschland ausgewiesen worden. Er handelte mit Krawatten und schwarzen juristischen Ratschlägen. Damit verdiente er aber nur gerade
so viel, um nicht zu verhungern. Er hatte eine sehr schöne Frau
von dreißig Jahren, die er liebte. Sie lebte vorläufig vom Verkauf
ihres Schmuckes; aber er wußte, daß er sie wahrscheinlich nicht
behalten würde. Steiner hatte seine Geschichte angehört und ihm
die Stelle für die Abendvorstellungen verschafft. Tagsüber konnte
er dann seinen übrigen Berufen nachgehen.
Nach kurzer Zeit zeigte es sich, daß Goldbach als Medium ungeeignet war. Er verwechselte alles und schmiß die Vorstellungen.
Nachts saß er dann verzweifelt vor Steiner und flehte ihn an, ihn
nicht hinauszuwerfen.
»Goldbach«, sagte Steiner, »heute war es besonders schlimm!
So geht es wirklich nicht weiter! Sie zwingen mich ja, tatsächlich
hellzusehen!«
Goldbach blickte ihn an wie ein sterbender Schäferhund.
»Es ist doch so einfach«, fuhr Steiner fort. »Die Anzahl Ihrer
Schritte bis zur ersten Zeltstange bedeutet, die wievielte Stuhlreihe es ist. Rechtes Auge geschlossen bedeutet Dame – linkes
Herr. Anzahl der Finger, unauffällig gezeigt, der wievielte von
links. Vorgesetzter rechter Fuß: am Oberkörper versteckt – lin241

ker: Unterkörper. Je weiter vorgesetzt, desto höher oder tiefer.
– Wir haben das System schon Ihretwegen geändert, weil Sie so
zappelig sind.«
Der Anwalt fingerte nervös an seinem Kragen herum. »Herr
Stemer«, sagte er dann schuldbewußt, »ich habe es auswendig
gelernt, probe es jeden Tag … weiß der Himmel, es ist wie verhext …«
»Aber Goldbach!« sagte Steiner geduldig. »In Ihrer Praxis
mußten Sie doch viel mehr im Kopf behalten.«
Goldbach rang die Hände. »Ich kann das Bürgerliche Gesetzbuch auswendig, ich kenne Hunderte von Zusätzen, Entscheidungen, glauben Sie mir, Herr Steiner, ich war mit meinem
Gedächtnis der Schrecken der Richter … aber dieses hier ist wie
verhext …«
Steiner schüttelte den Kopf. »Ein Kind kann das doch behalten.
Acht verschiedene Zeichen, nicht mehr! Und dann noch vier für
seltene Fälle.«
»Ich kenne sie ja! Mein Gott, ich übe sie ja täglich. Es ist nur
die Aufregung …«
Goldbach saß klein und geduckt auf seiner Kiste und sah ratlos
vor sich hin.
Steiner lachte.
»Aber Sie waren doch im Gerichtssaal nie aufgeregt! Sie haben
doch große Prozesse durchgeführt, bei denen Sie eine schwierige
Materie vollkommen und kaltblütig beherrschen mußten!«
»Jaja, das war leicht. Aber hier! Bevor es anfängt, weiß ich jede
Einzelheit genau – doch sowie ich in die Bude trete, verwechsle
ich alles in meiner Aufregung …«
»Weshalb, um Himmels willen, sind Sie denn so aufgeregt?«
Goldbach schwieg eine Weile. »Ich weiß es nicht«, sagte er dann
leise. »Da kommt wohl vieles zusammen.«
242

Er erhob sich. »Wollen Sie es morgen noch einmal mit mir
probieren, Herr Steiner?«
»Natürlich. Aber morgen muß es klappen. Sonst kommt uns
Potzloch auf den Kopf!«
Goldbach fischte in der Tasche seines Jacketts umher und holte eine in Seidenpapier gewickelte Krawatte hervor. Er hielt sie
Steiner hin. »Ich habe Ihnen hier eine Kleinigkeit mitgebracht.
Sie haben so viel Mühe mit mir …«
Steiner wehrte ab. »Ausgeschlossen! Das gibt’s bei uns
nicht …«
»Sie kostet mich nichts.«
Steiner klopfte Goldbach auf die Schulter. »Bestechungsversuch
durch einen Juristen. Was bringt das mehr an Strafe in einem
Prozeß?«
Goldbach lächelte schwach. »Das müssen Sie den Staatsanwalt
fragen. Einen guten Rechtsanwalt fragt man nur: Was bringt es
weniger. Das Strafmaß ist übrigens gleich; nur mildernde Umstände sind ausgeschlossen. Der letzte größere Fall dieser Art
war die Affäre Hauer und Konsorten.«
Er belebte sich etwas. »Die Verteidigung damals hatte Freygang. Ein geschickter Mann mit etwas zuviel Freude an Paradoxen. Ein Paradox als Detail ist unschätzbar, weil es verblüfft;
nicht aber als Grundlage der Verteidigung. Daran scheiterte
Freygang. Er wollte für einen Landgerichtsrat auf mildernde
Umstände plädieren wegen …«, er lachte angeregt, »Unkenntnis
der Gesetze.«
»Guter Einfall«, sagte Steiner.
»Für einen Witz – nicht für einen Prozeß.«
Goldbach stand da, den Kopf etwas schräggelegt, das Auge
plötzlich scharf, die Lider eingekniffen – er war auf einmal nicht
mehr der armselige Emigrant und Krawattenhändler, er war
243

wieder Dr. Goldbach II vom Kammergericht, der gefürchtete
Tiger im Dschungel der Paragraphen.
SCHNELL, GERADE, AUFGERICHTET, wie lange nicht, ging er die
Hauptallee des Praters hinunter. Er sah nichts von der Schwermut der klaren Herbsmacht – er stand wieder im überfüllten
Gerichtssaal, seine Notizen vor sich, er war an der Stelle des
Rechtsanwalts Freygang, er sah, wie der Staatsanwalt, der seine
Anklagerede beendet hatte, sich setzte, er schob seinen Talar
zurecht, er stützte die Knöchel der Hände leicht auf, wiegte sich
ein wenig wie ein Fechter und begann mit metallener Stimme:
»Hoher Gerichtshof – der Angeklagte Hauer …»
Satz folgte auf Satz, kurz und scharf, unanfechtbar in seiner
Logik. Er nahm die Motive des Staatsanwaltes auf, eines nach
dem andern, er schien der Beweisführung zu folgen, er schien
anzuklagen und nicht zu verteidigen, der Saal wurde still, die
Richter hoben die Köpfe – aber plötzlich, mit einer virtuosen
Wendung, drehte er um, zitierte den Bestechungsparagraphen
und beleuchtete in vier harten Fragesätzen seine Zweideutigkeit,
um dann, peitschend und rasch, das Entlastungsmaterial zu
bringen, das jetzt eine ganz neue Wirkung hatte.
Er stand vor dem Haus, in dem er wohnte. Langsam ging er die
Treppe hinauf – immer zögernder, immer langsamer.
»Ist meine Frau schon da?« fragte er das verschlafene Mädchen,
das ihm öffnete.
»Sie ist vor einer Viertelstunde gekommen.«
»Danke.« Goldbach ging den Korridor entlang in sein Zimmer.
Es war schmal und hatte ein kleines Fenster zum Hof.
Er bürstete sich die Haare. Dann klopfte er an die Zwischentür.
»Ja …«
244

Die Frau saß vor dem Spiegel und betrachtete aufmerksam ihr
Gesicht. Sie wandte sich nicht um. »Was gibt’s?« fragte sie.
»Wie geht es dir, Lena?«
»Wie soll es schon gehen bei dem Leben! Schlecht! Wozu fragst
du eigentlich so was?« Die Frau prüfte ihre Augenlider.
»Warst du fort?«
»Ja.«
»Wo warst du?«
»Irgendwo. Ich kann doch nicht den ganzen Tag hier sitzen
und die Wände anstarren.«
»Das sollst du ja auch nicht. Ich bin doch froh, wenn du Unterhaltung hast.«
»Na also, dann ist es ja gut.«
Die Frau begann langsam und sorgfältig eine Creme auf ihre
Haut zu reiben. Sie sprach mit Goldbach wie mit einem Stück
Holz – ohne jede Erregung, mit einer entsetzlichen Gleichgültigkeit. Er stand an der Tür und sah ihr zu – hungrig nach einem
guten Wort. Sie hatte eine fleckenlose, rosige Haut, die im Lichte
der Lampe schimmerte. Ihr Körper war üppig und weich. »Hast
du etwas gefunden?« fragte sie.
Goldbach sank in sich zusammen. »Du weißt doch, Lena – ich
habe noch keine Arbeitserlaubnis. Ich war beim Kollegen Höpfner; er kann auch nichts machen. Es dauert alles so furchtbar
lange …«
»Ja, es dauert schon zu lange.«
»Ich tue, was ich kann, Lena.«
»Ja, ich weiß. Ich bin müde.«
»Ich gehe schon, gute Nacht.«
Goldbach schloß die Tür. Er wußte nicht, was er tun sollte. Hineinstürzen und sie anflehen, ihn zu verstehen, sie anbetteln, mit
ihm zu schlafen, eine Nacht … oder? Er ballte kraftlos die Fäuste.
245

Verprügeln, dachte er, alle Demütigung und alle Beschämung
hineinschlagen in dieses rosige Fleisch, einmal sich loslassen,
alle Wut, das Zimmer zertrümmern und schlagen, bis dieser
gleichmütige, hochmütige Mund schrie und wimmerte und der
weiche Körper sich am Boden krümmte.
Er zitterte und lauschte, Karbatke, nein, richtig, Karbutke, hatte
der Mann damals geheißen; es war ein untersetzter Kerl gewesen, mit tief in die Stirn gewachsenem Haar und einem Gesicht,
wie der Laie es sich bei einem Mörder vorstellt – es war schwer
gewesen, gerade für dieses Gesicht auf Freispruch wegen Handlung im Affekt zu plädieren. Der Mann hatte seinem Mädchen
die Zähne eingeschlagen, den Arm gebrochen und den Mund
tief eingerissen; ihre Augen waren bei der Verhandlung noch
verschwollen, so war sie verprügelt worden; aber trotzdem hing
sie an dem Vieh von Kerl in hündischer Ergebenheit – vielleicht
auch gerade deshalb. Es war ein großer Erfolg gewesen damals,
dieser Freispruch, den er erreicht hatte, eine psychologisch tiefschürfende Meisterverteidigung, wie Kollege Cohn III ihn damals
beglückwünscht hatte.
Goldbach ließ die Hände sinken. Er sah die Auswahl billiger,
kunstseidener Krawatten, die auf dem Tisch lagen. Ja, damals im
Anwaltszimmer unter den Kollegen … wie scharfsinnig hatte er
da nachgewiesen, daß die Liebe der Frau nach dem Herrn und
Meister verlange; damals, als er sechzigtausend Mark im Jahr
verdiente und Lena Schmuck schenkte, dessen Erlös sie jetzt für
sich verbrauchte.
Er horchte darauf, wie sie sich zu Bett legte. Er tat es jeden
Abend und haßte sich deswegen, aber er konnte es nicht lassen.
Seine Wangen wurden fleckig, als er das Knarren der Federn
hörte. Er biß die Zähne zusammen, ging zum Spiegel und sah
sich an. Dann nahm er einen Stuhl und stellte ihn in die Mitte des
246

Zimmers. »Nehmen wir an, neunte Reihe, die dritte Frau, einen
Schlüssel im Schuh versteckt«, murmelte er. Aufmerksam machte
er neun kurze Schritte bis zum Stuhl, blinzelte mit dem rechten
Auge, fuhr sich mit drei Fingern über die Stirn und schob den
linken Fuß vor – weiter; er war jetzt ganz konzentriert, er sah
Steiner suchen und schob den Fuß noch weiter vor.
Im rötlichen Licht der Glühbirne schwankte sein Schatten
armselig und verschroben an der Wand mit.
»WAS UNSER KLEINER wohl macht, Lilo?« sagte um dieselbe Zeit
Steiner. »Weiß der Himmel, es ist nicht allein wegen des dämlichen Goldbach … er fehlt mir tatsächlich oft, der Kleine!«

13

Kern und Ruth waren in Bern. Sie wohnten in der
Pension Immergrün. Sie stand auf Binders Liste. Man
konnte dort zwei Tage bleiben, ohne polizeilich angemeldet zu werden.
Am zweiten Abend klopfte es sehr spät an Kerns Zimmertür.
Er war schon ausgezogen und gerade dabei, zu Bett zu gehen.
Ohne sich zu rühren, wartete er einen Moment. Es klopfte wieder. Lautlos, auf nackten Füßen, lief er zum Fenster. Es war zu
hoch, um herunterzuspringen, und es gab auch nirgendwo eine
Regenrinne, um daran hochzuklettern. Langsam ging er zurück
und öffnete die Tür.
Ein Mann von etwa dreißig Jahren stand draußen. Er war einen
Kopf größer als Kern, hatte ein rundes Gesicht mit wasserblauen
Augen und weißblonden, krausen Haaren und hielt einen grauen
Velourshut in den Händen, an dem er nervös herumfingerte.
»Entschuldigen Sie«, sagte er, »ich bin ein Emigrant wie
Sie …«
Kern hatte das Gefühl, als wüchsen ihm plötzlich Flügel. Gerettet! dachte er. Keine Polizei!
»Ich bin in großer Verlegenheit«, fuhr der Mann fort. »Binding
ist mein Name. Richard Binding. Ich bin unterwegs nach Zürich
und habe keinen Centime mehr, um irgendwo unterzukommen
für die Nacht. Ich will Sie nicht um Geld bitten. Ich wollte Sie
nur fragen, ob ich die Nacht hier auf dem Fußboden schlafen
kann.«
Kern sah ihn an. »In diesem Zimmer? Auf dem Fußboden?«
»Ja. Ich bin das gewohnt, und ich werde Sie bestimmt nicht
stören. Ich bin jetzt seit drei Nächten unterwegs. Sie wissen, wie
das ist, draußen auf den Bänken mit der ewigen Angst vor der
Polizei. Da ist man froh, wenn man irgendwo ein paar Stunden
sicher ist.«
248

»Das weiß ich. Aber sehen Sie sich doch das Zimmer an! Es ist
ja nirgendwo so viel Platz, daß Sie sich lang ausstrecken können.
Wie wollen Sie denn da schlafen?«
»Das macht nichts!« erklärte Binding eifrig. »Das geht schon!
Dort in der Ecke zum Beispiel! Ich kann im Sitzen schlafen und
mich gegen den Schrank lehnen. Das geht sehr gut! Wenn man
nur etwas Ruhe hat, kann unsereins doch überall schlafen!«
»Nein, das geht nicht.« Kern überlegte einen Moment. »Ein
Zimmer hier kostet zwei Franken. Ich kann Ihnen das Geld
geben. Das ist am einfachsten. Dann können Sie gründlich ausschlafen.«
Binding hob abwehrend die Hände. Sie waren groß und rot und
dick. »Ich will kein Geld von Ihnen! Dazu bin ich nicht gekommen! Wer hier wohnt, braucht seine paar Groschen selber!
Und dann – ich war schon unten und habe gefragt, ob ich nicht
irgendwo schlafen könnte. Es ist kein Zimmer frei.«
»Vielleicht ist eins frei, wenn Sie zwei Franken in der Hand
haben.«
»Ich glaube nicht. Der Wirt sagte mir, er würde jemand, der
zwei Jahre im Konzentrationslager war, immer umsonst schlafen
lassen. Aber er hätte tatsächlich kein Zimmer frei.«
»Was?« sagte Kern, »Sie waren zwei Jahre im Konzentrationslager?«
»Ja.« Binding klemmte seinen Velourshut zwischen die Knie
und holte aus seiner Brusttasche einen zerschlissenen Ausweis
hervor. Er faltete ihn auseinander und gab ihn Kern. »Hier – sehen Sie! Das ist mein Entlassungsschein aus Oranienburg.«
Kern nahm den Schein vorsichtig, um die brüchigen Faltkniffe
nicht zu zerreißen. Er hatte noch nie ein Entlassungszeugnis aus
dem Konzentrationslager gesehen. Er las den Aufdruck, den vorgedruckten Text, den mit Schreibmaschine eingefügten Namen
249

Richard Binding – dann blickte er auf den Stempel mit dem
Hakenkreuz und die saubere, klare Unterschrift des Beamten
– es stimmte. Es stimmte sogar in einer pedantisch ordentlichen
und bürokratischen Weise, und gerade das machte das Ganze fast
unheimlich – als käme jemand mit einer Aufenthaltserlaubnis
und einem Visum aus dem Inferno wieder.
Er gab den Schein an Binding zurück. »Hören Sie«, sagte er, »ich
weiß, was wir machen! Sie nehmen mein Bett und Zimmer. Ich
kenn jemand in der Pension, der ein größeres Zimmer hat. Ich
kann dort sehr gut schlafen. So ist uns beiden geholfen.«
Binding starrte ihn mit runden Augen an. »Aber das ist doch
ganz unmöglich!«
»Im Gegenteil! Es ist das Leichteste von der Welt!« Kern nahm
seinen Mantel und streifte ihn über seinen Pyjama. Dann legte
er seinen Anzug über den Arm und griff nach seinen Schuhen.
»Sehen Sie! Ich nehme das mit. So brauche ich Sie nicht einmal
allzu früh zu stören. Ich kann mich drüben anziehen. Es freut
mich, etwas tun zu können für jemand, der so viel mitgemacht
hat.«
»Aber …« Binding ergriff plötzlich Kerns Hände. Es sah aus, als
wollte er sie küssen. »Mein Gott, Sie sind ja ein Engel!« stammelte
er. »Ein Lebensretter!«
»Ach wo!« erwiderte Kern verlegen. »Einer hilft dem andern
mal aus, das ist alles. Was sollte sonst aus uns werden? Schlafen
Sie gut!«
»Das werde ich! Weiß der Himmel!«
Kern überlegte einen Moment, ob er seinen Koffer mitnehmen sollte. Er hatte in einer kleinen Seitentasche darin vierzig
Franken versteckt. Aber das Geld war gut versteckt, der Koffer
war abgeschlossen, und er scheute sich, einem Mann, der im
Konzentrationslager gewesen war, so offen sein Mißtrauen zu
250

zeigen. Emigranten stehlen nicht untereinander. »Gute Nacht!
Schlafen Sie gut!« sagte er noch einmal und ging.
Ruth wohnte auf demselben Korridor. Kern klopfte zweimal
kurz an ihrer Tür. Das war das Zeichen, das sie miteinander
ausgemacht hatten. Sie öffnete sofort. »Ist etwas passiert?« fragte
sie erschrocken, als sie die Sachen in seiner Hand sah. »Müssen
wir ausreißen?«
»Nein. Ich habe nur mein Zimmer so einem armen Teufel
gegeben, der im Konzentrationslager war und ein paar Nächte
nicht geschlafen hat. Kann ich hier bei dir auf der Chaiselongue
schlafen?«
Ruth lächelte. »Die Chaiselongue ist alt und wackelig; aber
glaubst du nicht, daß das Bett groß genug ist für uns beide?«
Kern trat rasch ein und küßte sie. »Ich stelle manchmal wirklich
die dümmsten Fragen der Welt«, sagte er. »Aber glaube mir, es ist
nur Verlegenheit. Es ist alles noch zu neu für mich.«
Ruths Zimmer war etwas größer als das andere. Es war, abgesehen von der Chaiselongue, ähnlich möbliert – aber Kern fand,
daß es völlig anders aussah. Sonderbar, dachte er – es müssen
die paar Sachen sein, die sie darin hat – die schmalen Schuhe,
die Bluse, der braune Rock – wieviel Zärtlichkeit darin ist! Mit
meinen Sachen sieht ein Zimmer nur unordentlich aus.
»Ruth«, sagte er, »wenn wir heiraten wollten … weißt du, daß
wir das gar nicht könnten? Weil wir keine Papiere haben.«
»Ich weiß. Aber das soll unsere geringste Sorge sein. Wozu
haben wir überhaupt eigentlich zwei Zimmer?«
Kern lachte. »Wegen der hohen Schweizer Moral. Unangemeldet, das geht noch – aber unverheiratet, das ist unmöglich!«
Er wartete am nächsten Morgen bis zehn. Dann ging er hinüber,
um seinen Koffer zu holen. Er wollte ein paar Adressen abklappern und Binding weiterschlafen lassen.
251

Aber das Zimmer war schon leer. Binding war vermutlich
schon wieder unterwegs. Kern öffnete seinen Koffer. Er war
nicht verschlossen, das wunderte ihn. Er glaubte bestimmt,
ihn abends abgeschlossen zu haben. Es schien ihm auch, als
ob die Flaschen anders lägen, als er es gewohnt war. Er suchte
rasch. Das kleine Kuvert in der versteckten Seitentasche war
da. Er klappte es auf und sah sofort, daß sein Schweizer Geld
fehlte. Nur zwei einsame österreichische Fünfschillingscheine
flatterten ihm entgegen.
Er suchte noch einmal alles durch; auch seinen Anzug, obschon
er sicher war, das Geld nicht darin zu haben. Er trug nie etwas bei
sich, für den Fall, daß er unterwegs abgefaßt wurde. Ruth hatte
so immer wenigstens noch den Koffer und das Geld. Aber die
vierzig Franken waren verschwunden.
Er setzte sich auf den Boden neben den Koffer. »Dieser Gauner«, sagte er fassungslos. »Dieser verfluchte Gauner! Ist denn
so etwas möglich?«
Er blieb eine Weile so sitzen. Dann überlegte er, ob er Ruth
Bescheid sagen sollte; aber er beschloß, das erst zu tun, wenn
es nicht anders mehr möglich war. Er wollte sie nicht früher als
unbedingt notwendig beunruhigen.
Schließlich nahm er die Listen Binders heraus und notierte sich
eine Anzahl Berner Adressen. Dann packte er seine Taschen voll
Seife, Schnürsenkel, Sicherheitsnadeln und Toilettewasser und
ging die Treppen hinunter.
Unten traf er den Wirt. »Kennen Sie einen Mann, der Richard
Binding heißt«, fragte er.
Der Wirt dachte eine Zeitlang nach. Dann schüttelte er den
Kopf.
»Ich meine jemand, der gestern abend hier war. Er hat ein
Zimmer verlangt.«
252

»Gestern abend hat niemand ein Zimmer verlangt. Ich war ja
gar nicht da. Ich war bis zwölf Uhr kegeln.«
»Ach so! Hatten Sie denn Zimmer frei?«
»Ja, drei. Die sind auch heute noch frei. Erwarten Sie noch
jemand? Sie können Nummer sieben haben, auf Ihrem Korridor.«
»Nein. Ich glaube nicht, daß der, auf den ich warte, wiederkommt. Er wird schon unterwegs nach Zürich sein.«
Mittags hatte Kern drei Franken verdient. Er ging in ein billiges
Restaurant, um ein Butterbrot zu essen und dann gleich weiter
zu hausieren.
Er blieb an der Theke stehen und aß hungrig. Plötzlich fiel ihm
das Sandwich fast aus der Hand. Er hatte an einem der entferntesten Tische Binding erkannt.
Mit einem Ruck steckte er den Rest des Butterbrotes in den
Mund, schluckte es herunter und ging langsam auf den Tisch
zu. Binding saß allein, die Ellenbogen aufgestemmt, vor einer
großen Schüssel Schweinekoteletts mit Rotkohl und Kartoffeln
und aß selbstvergessen.
Er blickte erst auf, als Kern dicht vor ihm stand. »Ah, sieh da!«
sagte er nachlässig. »Wie geht’s?«
»Mir fehlen vierzig Franken in meiner Brieftasche«, sagte
Kern.
»Bedauerlich«, erwiderte Binding und schluckte ein großes
Stück Braten hinunter. »Wirklich bedauerlich!«
»Geben Sie mir den Rest, den Sie noch haben, heraus, und die
Sache ist erledigt.«
Binding trank einen Schluck Bier und wischte sich den Mund.
»Die Sache ist auch so erledigt«, erklärte er gemütlich. »Oder was
hatten Sie sonst vor zu tun?«
Kern starrte ihn an. Er hatte in seiner Wut bisher noch nicht
253

daran gedacht, daß er tatsächlich nichts tun konnte. Wenn er
zur Polizei ging, wurde er nach Papieren gefragt und selbst mit
eingesperrt und ausgewiesen.
Er musterte Binding mit zusammengekniffenen Augen.
»Keine Chance«, sagte dieser. »Sehr guter Boxer. Vierzig Pfund
schwerer als Sie. Außerdem: bei Krach im Lokal Polizei und
Ausweisung.«
Kern hätte im Augenblick wenig danach gefragt, was mit ihm
selbst passiert wäre; aber er dachte an Ruth. Binding hatte recht:
Es gab nicht die geringste Chance für ihn, etwas zu tun. »Machen
Sie so was öfter?« fragte er.
»Ich lebe davon. Und wie Sie sehen, gut.«
Kern erstickte fast vor ohnmächtiger Erbitterung. »Geben Sie
mir wenigstens zwanzig Franken zurück«, sagte er heiser. »Ich
brauche das Geld. Nicht für mich. Für jemand anders, dem es
gehört.«
Binding schüttelte den Kopf. »Ich brauche das Geld selbst. Sie
sind billig davongekommen. Sie haben für vierzig Franken die
größte Lehre empfangen, die es im Leben gibt: nicht vertrauensselig zu sein.«
»Das stimmt.« Kern starrte ihn an. Er wollte gehen, aber er
konnte nicht. »Ihre ganzen Papiere … das war natürlich alles
Schwindel!«
»Denken Sie an, nein!« erwiderte Binding. »Ich war im Konzentrationslager.« Er lachte. »Allerdings wegen Diebstahls bei
einem Gauleiter. Seltener Fall!«
Er langte nach dem letzten Kotelett, das noch in der Schüssel
lag. Im nächsten Moment hatte Kern es in der Hand. »Machen
Sie ruhig Skandal«, sagte er.
Binding grinste. »Ich denke nicht daran! Ich bin ziemlich
satt. Lassen Sie sich einen Teller bringen und nehmen Sie von
254

dem Rotkohl dazu. Ich bin sogar bereit, Ihnen ein Glas Bier zu
spendieren!«
Kern erwiderte nichts. Er war an der Grenze, sich zu prügeln,
mit allem, was ihm in die Hand gekommen wäre. Rasch drehte
er sich um und ging, das erbeutete Kotelett in der Hand. An der
Theke ließ er sich etwas Papier geben, um es einzupacken. Das
Servierfräulein sah ihm neugierig zu. Dann fischte es zwei Gurken aus einem Glase. »Hier«, sagte sie. »Etwas dazu.«
Kern nahm auch die Gurken. »Danke«, sagte er. »Danke
vielmals.« Ein Abendessen für Ruth, dachte er. Verdammt und
verflucht, für vierzig Franken!
An der Tür drehte er sich noch einmal um. Binding beobachtete ihn. Kern spuckte aus. Binding salutierte lächelnd mit zwei
Fingern der rechten Hand.
HINTER BERN BEGANN es zu regnen. Ruth und Kern hatten nicht
mehr genug Geld, um die Eisenbahn bis zum nächsten größeren
Ort zu nehmen. Sie besaßen zwar noch eine kleine eiserne Reserve, aber die wollten sie erst in Frankreich angreifen. Ungefähr
fünfzig Kilometer weit nahm ein vorüberkommendes Auto sie
mit. Dann mußten sie zu Fuß gehen. Kern traute sich nur selten, in den Dörfern etwas zu verkaufen. Es fiel zu sehr auf. Sie
schliefen im selben Ort immer nur eine Nacht. Sie kamen abends
spät, wenn die Polizeibüros schon geschlossen waren, und gingen
morgens, ehe sie wieder geöffnet wurden. So waren sie immer
schon aus dem Ort heraus, wenn das Anmeldeformular zur
Gendarmerie gegeben wurde. Binders Liste versagte für diesen
Teil der Schweiz; sie enthielt nur die größeren Städte.
In der Nähe von Murten schliefen sie in einer leeren Scheune.
Nachts prasselte ein Wolkenbruch hernieder. Das Dach war
schadhaft, und als sie erwachten, waren sie bis auf die Haut naß.
255

Sie versuchten, ihre Sachen zu trocknen, aber sie konnten kein
Feuer machen. Alles war feucht, und sie fanden nur mit Mühe
einen Fleck, wo es nicht durchgeregnet hatte. Sie schliefen eng
aneinandergedrückt, um sich zu wärmen, aber ihre Mäntel,
mit denen sie sich zudeckten, waren zu naß; – sie wachten vor
Kälte wieder auf. So warteten sie bis zum Morgengrauen, dann
brachen sie auf.
»Das Gehen wird uns warm machen«, sagte Kern. »Irgendwo
werden wir in einer Stunde auch schon etwas Kaffee kriegen.«
Ruth nickte. »Vielleicht kommt die Sonne durch. Dann werden
wir rasch trocken sein.«
Aber es blieb den ganzen Tag über kalt und böig. Regenschauer
jagten über die Felder. Es war der erste sehr kalte Tag des Monats,
die Wolken hingen faserig und tief, und nachmittags prasselte ein
zweites schweres Wetter hernieder. Ruth und Kern warteten es
in einer kleinen Kapelle ab. Es war sehr dunkel, und nach einer
Weile begann es zu donnern, und Blitze zuckten durch die bunten
Glasscheiben, auf denen Heilige in Blau und Rot Spruchbänder
über den Frieden des Himmels und der Seele in ihren Händen
hielten.
Kern fühlte, daß Ruth zitterte. »Ist dir sehr kalt?« fragte er.
»Nein, nicht sehr.«
»Komm, wir gehen etwas umher, das ist besser. Ich habe Angst,
daß du dich erkältest.«
»Ich erkälte mich nicht. Laß mich nur etwas so sitzen.«
»Bist du müde?«
»Nein. Ich möchte nur einen Augenblick noch so sitzen.«
»Willst du nicht doch lieber umhergehen? Nur ein paar Minuten? Man soll in nassen Sachen nicht so lange sitzen. Der
Steinboden ist zu kalt.«
»Gut.«
256

Sie gingen langsam durch die Kapelle. Ihre Schritte hallten in
dem leeren Raum. Sie gingen an den Beichtstühlen vorbei, deren
grüne Vorhänge sich in der Zugluft bauschten, um den Altar
herum, zur Sakristei und zurück
»Bis Murten sind es noch neun Kilometer«, sagte Kern. »Wir
müssen sehen, daß wir vorher unterkommen.«
»Neun Kilometer können wir noch ganz gut schaffen.«
Kern murmelte etwas.
»Was sagst du?« fragte Ruth.
»Nichts. Ich verfluche nur einen gewissen Binding.«
Sie schob ihre Hand unter seinen Arm. »Vergiß es! Das ist am
einfachsten. Ich glaube, es hört auch schon auf zu regnen.«
Sie gingen hinaus. Es tröpfelte noch, aber über den Bergen
stand ein mächtiger Regenbogen. Er überspannte das ganze Tal
wie eine riesige bunte Brücke. Hinter den Wäldern, zwischen den
zerborstenen Wolken, stürzte ein Schwall gelbweißen Lichts über
die Landschaft. Sie konnten die Sonne nicht sehen; sie sahen nur
das Licht, das wie ein leuchtender Nebel hervorbrach.
»Komm«, sagte Ruth. »Jetzt wird es besser.«
Abends kamen sie an einen Schafstall. Der Hirt, ein älterer,
schweigsamer Bauer, saß vor der Tür. Zwei Schäferhunde lagen
neben ihm. Sie stürzten den beiden bellend entgegen. Der Bauer
nahm die Pfeife aus dem Mund und pfiff sie zurück. Kern ging
auf ihn zu. »Können wir die Nacht hier schlafen? Wir sind naß
und müde und können nicht weiter.«
Der Mann sah ihn lange an. »Es ist ein Heuboden oben«, sagte
er dann.
»Das ist alles, was wir brauchen.«
Der Mann sah ihn wieder eine Zeitlang an. »Geben Sie mir
Ihre Zündhölzer und Ihre Zigaretten«, sagte er schließlich. »Es
ist viel Heu da.«
257

Kern gab sie ihm. »Sie müssen die Leiter drinnen emporklettern«, erklärte der Bauer. »Ich schließe den Stall hinter Ihnen ab.
Ich wohne im Ort. Morgen früh lasse ich Sie dann heraus.«
»Danke. Danke vielmals.«
Sie kletterten die Leiter hinauf. Oben war es halbdunkel und
warm. Nach einer Weile kam der Bauer. Er brachte ihnen Weintrauben, etwas Schafkäse und dunkles Brot. »Ich schließe jetzt
ab«, sagte er. »Gute Nacht.«
»Gute Nacht. Und vielen Dank.«
Sie horchten, bis er unten war. Dann zogen sie ihre nassen Sachen
aus und legten sie auf das Heu. Sie kramten ihre Nachtsachen aus
den Koffern und fingen an zu essen. Sie waren sehr hungrig.
»Wie schmeckt es?« fragte Kern.
»Wunderbar.« Ruth lehnte sich an ihn.
»Wir haben Glück, was?«
Sie nickte.
Unten schloß der Bauer ab. Der Heuboden hatte ein rundes
Fenster. Sie hockten sich daran und sahen den Bauern fortgehen. Der Himmel war klar geworden. Er spiegelte sich im See.
Der Bauer ging langsam über die abgemähten Felder, mit dem
bedächtigen Schritt von Menschen, die der Natur täglich nahe
sind. Außer ihm war niemand zu sehen. Er ging allein über die
Felder, und es schien, als trüge er auf seinen dunklen Schultern
den ganzen Himmel.
Sie saßen am Fenster, bis die farblose Stunde vor der Nacht
alles Licht grau machte. Das Heu wuchs hinter ihnen im Spiel der
Schatten zu einem phantastischen Gebirge. Sein Geruch mischte
sich mit dem Geruch von Torf und Whisky, den die
Schafe ausströmen. Sie konnten sie durch die Bodenluke sehen; -undeutliches Gewimmel von flockigen Rücken mit vielen
kleinen Lauten, das allmählich ruhiger und stiller wurde.
258

Am nächsten Morgen kam der Bauer und schloß den Stall
auf. Kern ging hinunter. Ruth schlief noch. Ihr Gesicht war gerötet, und sie atmete hastig. Kern half dem Bauern die Schafe
austreiben.
»Können wir wohl einen Tag hierbleiben?« fragte er. »Wir
wollen Ihnen gern dafür helfen, wenn es geht.«
»Zu helfen ist da nicht viel. Aber Sie können ruhig hierbleiben.«
»Danke.«
Kern erkundigte sich nach Adressen von Deutschen in der
Stadt. Der Ort stand nicht auf Binders Liste. Der Bauer nannte
ihm ein paar Leute und beschrieb ihm, wo sie wohnten.
Kern ging nachmittags, als es dunkel wurde, los. Er fand das
erste Haus sehr leicht. Es war eine weiße Villa, die in einem kleinen Garten lag. Ein sauberes Hausmädchen öffnete die Tür. Es
führte ihn sofort in einen kleinen Vorraum, anstatt ihn draußen
stehenzulassen. Gutes Zeichen, dachte Kern. »Ist Herr Ammers
zu sprechen? Oder Frau Ammers?« frage er.
»Einen Augenblick.«
Das Mädchen verschwand und kam dann wieder. Es führte
ihn in einen Salon mit neuen Mahagonimöbeln. Kern wäre fast
gefallen, so glatt war der Boden gebohnert. Auf allen Möbeln
lagen Spitzendecken.
Nach einer Minute erschien Herr Ammers. Er war ein kleiner
Mann mit weißem Spitzbart und sah teilnahmsvoll aus. Kern
entschloß sich, von den zwei Geschichten, die er auf Lager hatte,
die wahre zu erzählen.
Ammers hörte ihm freundlich zu. »Also Sie sind ein Emigrant
ohne Paß und ohne Aufenthaltserlaubnis?« sagte er dann. »Und
Sie haben Seife und Haushaltssachen zu verkaufen?«
»Ja.«
259

»Gut.« Ammers erhob sich. »Meine Frau kann sich Ihre Sachen
einmal ansehen.«
Er ging hinaus. Nach einiger Zeit kam seine Frau herein. Sie war
ein ausgeblichenes Neutrum mit einem Gesicht von der Farbe zu
lange gekochten Fleisches und blassen Schellfischaugen.
»Was haben Sie denn für Sachen?« fragte sie mit zimperlicher
Stimme.
Kern packte seine Dinge aus. Es war nicht mehr allzuviel. Die
Frau suchte hin und her, sie betrachtete die Nähnadeln, als hätte
sie nie vorher welche gesehen, sie roch an der Seife und probierte
die Zahnbürste auf dem Daumen; – dann fragte sie nach den
Preisen und beschloß endlich, ihre Schwester zu holen.
Die Schwester war eine Zwillingsausgabe der Frau.
Der Spitzbart Ammers mußte, so klein er war, ein eisernes
Regiment im Hause führen, denn auch die Schwester war wie ausgelöscht und hatte eine geduckte, ängstliche Stimme. Die Blicke
beider Frauen gingen alle Augenblicke zur Tür. Sie zögerten und
zauderten, so daß Kern endlich ungeduldig wurde. Er merkte,
daß die Frauen sich doch nicht entschließen konnten, und packte
seine Sachen zusammen. »Vielleicht überlegen Sie es sich bis
morgen«, sagte er. »Ich kann ja noch einmal wiederkommen.«
Die Frau sah ihn wie erschrocken an. »Wollen Sie vielleicht
eine Tasse Kaffee?« fragte sie dann.
Kern hatte lange keinen Kaffee mehr getrunken. »Wenn Sie
gerade einen da haben.«
»Ja, doch! Sofort! Einen Augenblick.«
Sie schob sich hinaus, ungeschickt wie eine schiefe Tonne, doch
schnell. Die Schwester blieb im Zimmer. »Ganz gut, eine Tasse
Kaffee jetzt«, sagte Kern, um etwas zu sagen.
Die Schwester gluckste ein Lachen wie ein Truthahn und
schwieg plötzlich still, als hätte sie sich verschluckt. Kern sah sie
260

erstaunt an. Sie duckte sich und stieß einen hohen pfeifenden
Laut durch die Nase aus.
Die Frau kam herein und stellte die dampfende Tasse vor Kern
auf den Tisch. »Trinken Sie nur in aller Ruhe«, sagte sie besorgt.
»Sie haben ja Zeit, und der Kaffee ist sehr heiß.«
Die Schwester lachte kurz und hoch auf und duckte sich sofort
hinterher erschrocken.
Kern kam nicht dazu, den Kaffee zu trinken. Die Tür ging auf,
und Ammers trat mit kurzen, elastischen Schritten ein, gefolgt
von einem mißmutig aussehenden Gendarmen.
Ammers wies mit einer sakralen Geste auf Kern. »Herr Gendarm, tun Sie Ihre Pflicht! Ein vaterlandsloses Individuum ohne
Paß, ausgestoßen aus dem Deutschen Reich!«
Kern erstarrte.
Der Gendarm betrachtete ihn. »Kommen Sie mit!« knurrte
er dann.
Kern hatte einen Moment lang das Gefühl, als sei sein Gehirn
ausgelöscht. Er hatte alles erwartet, nur das nicht. Langsam und
mechanisch wie in einer Zeitlupenaufnahme suchte er seine
Sachen zusammen. Dann richtete er sich auf. »Deshalb also der
Kaffee und die Freundlichkeit!« sagte er stockend und mühsam,
als müsse er es sich erst selbst klarmachen. »Alles nur, um mich
hinzuhalten! Deshalb also!« Er ballte die Fäuste und machte einen
Schritt auf Ammers zu, der sofort zurückwich. »Keine Angst!«
sagte Kern sehr leise, »ich rühre Sie nicht an! Ich verfluche Sie
nur. Ich verfluche Sie und Ihre Kinder und Ihre Frau mit der
ganzen Kraft meiner Seele! Alles Unglück der Welt soll auf Sie
fallen! Ihre Kinder sollen sich gegen Sie empören und Sie allein
lassen, allein, arm, in Jammer und Elend!«
Ammers wurde blaß. Sein Spitzbart zuckte. »Schützen Sie
mich!« befahl er dem Gendarmen.
261

»Er hat Sie noch nicht beleidigt«, erwiderte der Beamte phlegmatisch. »Er hat Sie bis jetzt nur verflucht. Wenn er Ihnen zum
Beispiel: dreckiger Denunziant gesagt hätte, so wäre das eine
Beleidigung gewesen, und zwar wegen des Wortes dreckig.«
Ammers sah ihn wütend an. »Tun Sie Ihre Pflicht!« fauchte er.
»Herr Ammers«, erklärte der Gendarm ruhig. »Sie haben mir
keine Anweisungen zu geben. Das können nur meine Vorgesetzten. Sie haben einen Mann zur Anzeige gebracht; ich bin
gekommen, und das Weitere werden Sie mir überlassen. Folgen
Sie mir!« sagte er zu Kern.
Die beiden gingen hinaus. Hinter ihnen klappte die Haustür zu.
Kern ging stumm neben dem Beamten her. Er konnte noch immer nicht richtig denken. Er hatte irgendwo das dumpfe Gefühl:
Ruth – aber er wagte einfach noch nicht weiterzudenken.
»Menschenskind«, sagte der Gendarm nach einer Weile,
»manchmal besuchen die Schafe wirklich die Hyänen. Wußten
Sie denn nicht, wer das ist? Der geheime Spion der deutschen
Nazipartei hier am Ort. Der hat schon allerlei Leute angezeigt.«
»Mein Gott!« sagte Kern.
»Ja«, erwiderte der Beamte. »Das nennt man Künstlerpech,
was?«
Kern schwieg. »Ich weiß nicht«, sagte er dann stumpf. »Ich weiß
nur, daß auf mich jemand wartet, der krank ist.«
Der Gendarm blickte die Straße entlang und zuckte die Achseln.
»Das hilft alles nichts! Es geht mich auch nichts an. Ich muß
Sie zur Polizei bringen.« Er schaute sich um. Die Straße war
leer. »Ich möchte Ihnen nicht raten, zu flüchten!« fuhr er fort.
»Es hat keinen Zweck! Zwar habe ich ein verstauchtes Bein und
kann nicht hinter Ihnen herlaufen, aber ich würde Sie sofort
262

anrufen und dann meinen Revolver ziehen, wenn Sie nicht
stehenbleiben.« Er musterte Kern ein paar Sekunden lang. »Das
dauert natürlich seine Zeit«, erklärte er dann. »Sie könnten mir
vielleicht inzwischen entwischen, besonders an einer Stelle, an
die wir gleich kommen, da sind allerhand Gäßchen und Ecken
und von Schießenkönnen ist da nicht viel die Rede. Wenn Sie
da fliehen würden, könnte ich Sie tatsächlich nicht fangen. Ich
müßte Ihnen höchstens vorher Handschellen anlegen.«
Kern war plötzlich hellwach und von einer unsinnigen Hoffnung erfüllt. Er starrte den Beamten an.
Der Gendarm ging gleichmütig weiter. »Wissen Sie«, sagte er
nach einer Weile nachdenklich, »für manche Sachen ist man sich
eigentlich zu anständig.«
Kern fühlte, daß seine Hände naß vor Aufregung waren. »Hören
Sie«, sagte er eilig, »auf mich wartet ein Mensch, der ohne mich
kaputtgeht! Lassen Sie mich los! Wir sind auf dem Wege nach
Frankreich, wir wollen ohnehin hinaus aus der Schweiz, es ist
doch gleich, ob so oder so!«
»Das kann ich nicht!« erwiderte der Beamte phlegmatisch.
»Das ist gegen meine Dienstvorschrift. Ich muß Sie zur Polizei
bringen, das ist meine Pflicht. Sie können mir höchstens weglaufen, dagegen kann ich natürlich nichts weiter machen.« Er blieb
stehen. »Wenn Sie zum Beispiel die Straße hier hinunterliefen,
um die Ecke und dann links – da wären Sie fort, ehe ich schießen
könnte.« Er blickte Kern ungeduldig an.
»Na, dann werde ich Ihnen mal jetzt Handschellen anlegen!
Donnerwetter, wo habe ich denn die Dinger?«
Er drehte sich halb um und kramte umständlich in seiner
Tasche.
»Danke!« sagte Kern und rannte.
An der Ecke sah er sich im Laufen rasch um. Der Gendarm
263

stand da, beide Hände auf die Hüften gestützt, und grinste hinter
ihm her.
In der nächsten Nacht erwachte Kern. Er hörte Ruth sehr
hastig und flach atmen. Er tastete nach ihrer Stirn; sie war heiß
und feucht. Er wagte sie nicht zu wecken; sie schlief tief, aber
sehr unruhig. Das Heu roch stark, obschon Decken und grobe
Tücher darübergebreitet waren. Nach einiger Zeit erwachte sie
von selbst. Mit verschlafener, kindlicher Stimme verlangte sie
nach Wasser. Kern holte ihr eine Kanne und einen Becher, und
sie trank gierig.
»Ist dir heiß?« fragte er.
»Ja, sehr. Aber vielleicht ist es das Heu. Mein Hals ist wie ausgedorrt.«
»Hoffentlich hast du kein Fieber.«
»Ich darf kein Fieber haben. Ich darf nicht krank werden. Ich
bin es auch nicht. Ich bin es nicht.«
Sie drehte sich um, schob den Kopf unter seinen Arm und
schlief wieder ein. Kern lag still. Er hätte gern Licht gehabt, um
zu sehen, wie Ruth aussah. Er fühlte an der feuchten Hitze ihres
Gesichtes, daß sie Fieber haben mußte. Aber er besaß keine Taschenlampe. So lag er still und lauschte auf ihre hastigen, kurzen
Atemzüge und betrachtete die unendlich langsam kreisenden
Zeiger auf dem Leuchtzifferblatt seiner Uhr, die wie eine ferne,
bleiche Höllenmaschine der Zeit durch das Dunkel schimmerte.
Die Schafe unten stießen sich und stöhnten manchmal auf, und
es schien Jahre zu dauern, bis das Fensterrund heller wurde und
den Morgen anzeigte.
Ruth erwachte. »Gib mir Wasser, Ludwig.«
Kern reichte ihr den Becher. »Du hast Fieber, Ruth. Kannst du
eine Stunde allein bleiben?«
»Ja.«
264

»Ich laufe nur in den Ort, um etwas gegen Fieber zu holen.«
Der Bauer kam und schloß auf. Kern sagte ihm, was los war.
Der Bauer machte ein saures Gesicht.
»Da muß sie wohl ins Krankenhaus. Hier kann sie dann nicht
bleiben.«
»Wir wollen sehen, ob es bis mittags nicht besser wird.«
Kern ging trotz seiner Furcht, dem Gendarmen oder jemand
von der Familie Ammers zu begegnen, in den Ort zu einer Apotheke und bat den Apotheker, ihm ein Thermometer zu leihen.
Der Assistent gab es ihm, als er das Geld dafür hinterlegte. Kern
kaufte noch eine Röhre Arkanol und lief dann zurück.
Ruth hatte 38,5 Grad Fieber. Sie schluckte zwei Tabletten, und
Kern packte sie in seiner Jacke und ihrem Mantel ins Heu. Mittags
stieg das Fieber trotz des Mittels auf 39 Grad.
Der Bauer kratzte sich den Kopf. »Sie braucht Pflege. Ich würde
sie an Ihrer Stelle ins Krankenhaus bringen.«
»Ich will nicht ins Krankenhaus«, sagte Ruth heiser und leise.
»Ich bin morgen wieder gesund.«
»Das sieht nicht so aus«, sagte der Bauer. »Sie sollten in einem
Zimmer liegen und nicht hier auf dem Heuboden.«
»Nein, hier ist es warm und gut. Bitte, lassen Sie mich hier
liegen.«
Der Bauer ging nach unten, und Kern folgte ihm. »Weshalb
will sie denn nicht fort?« fragte der Bauer.
»Weil wir dann getrennt werden.«
»Das macht doch nichts. Sie können doch auf sie warten.«
»Das kann ich nicht. Wenn sie im Krankenhaus liegt, wird man
sehen, daß sie keinen Paß hat. Vielleicht wird man sie behalten,
obschon wir nicht Geld genug haben; aber hinterher wird die
Polizei sie an eine Grenze bringen, und ich weiß nicht, wohin
und wann.«
265

Der Bauer schüttelte den Kopf. »Und Sie haben nichts getan?
Nichts ausgefressen?«
»Wir haben keine Pässe und können keine bekommen, das
ist alles.«
»Das meine ich nicht. Sie haben nicht irgendwo etwas gestohlen
oder jemand betrogen oder so etwas?«
»Nein.«
»Und trotzdem jagt man hinter Ihnen her, als wäre ein Steckbrief auf Sie ausgeschrieben?« – »Ja.«
Der Bauer spuckte aus. »Das verstehe, wer kann. Ein einfacher
Mann versteht es nicht.«
»Ich verstehe es«, sagte Kern.
»Es kann eine Lungenentzündung geben, da oben, wissen Sie
das?«
»Lungenentzündung?« Kern sah ihn erschrocken an. »Das ist
unmöglich! Das wäre ja lebensgefährlich!«
»Natürlich«, sagte der Bauer. »Deshalb rede ich doch mit Ihnen.«
»Es wird eine Grippe sein.«
»Es ist Fieber, hohes Fieber, und was es wirklich ist, kann nur
ein Arzt sagen.«
»Dann muß ich einen Arzt holen.«
»Hierher?«
»Vielleicht kommt einer. Ich will nachsehen, ob es einen jüdischen im Adreßbuch gibt.«
Kern ging wieder zurück in den Ort. In einem Zigarettenladen
kaufte er zwei Zigaretten und ließ sich das Telefonbuch geben. Er
fand einen Arzt, Doktor Rudolf Beer, und ging hin. Die Sprechstunde war zu Ende, als er kam, und er mußte über eine Stunde
warten. Er beschäftigte sich damit, Zeitschriften und Magazine
anzusehen; er starrte auf die Bilder und konnte nicht begreifen,
266

daß es Tenniswettkämpfe gab und Empfänge und halbnackte
Frauen in Florida und fröhliche Menschen und daß er hilflos
dasaß und daß Ruth krank war.
Endlich kam der Arzt. Es war ein noch junger Mann. Er hörte
Kern schweigend an, dann packte er seine Tasche und griff nach
seinem Hut. »Kommen Sie mit. Mein Wagen steht unten, wir
werden hinfahren.«
Kern schluckte. »Können wir nicht gehen? Im Auto kostet es
doch mehr. Wir haben nur noch sehr wenig Geld.«
»Das lassen Sie meine Sorge sein«, erwiderte Beer.
Sie fuhren zu dem Schafstall hinaus. Der Arzt behorchte Ruth.
Sie blickte ängstlich auf Kern und schüttelte leise den Kopf. Sie
wollte nicht fort.
Beer stand auf. »Sie müssen ins Krankenhaus. Dämpfung der
rechten Lunge. Grippe und Gefahr einer Pneumonie. Ich werde
Sie mitnehmen.«
»Nein! Ich will nicht ins Krankenhaus. Wir können es auch
nicht bezahlen!«
»Kümmern Sie sich nicht um das Geld. Sie müssen hier heraus.
Sie sind ernstlich krank.«
Ruth blickte Kern an. »Wir sprechen noch darüber«, sagte er.
»Ich komme gleich wieder.«
»Ich hole Sie in einer halben Stunde ab«, erklärte der Arzt.
»Haben Sie warme Sachen und Decken?«
»Wir haben nur das.«
»Ich werde etwas mitbringen. Also in einer halben Stunde.«
Kern ging mit ihm hinunter. »Ist es unbedingt notwendig?«
fragte er.
»Ja. Sie kann hier in dem Heu nicht liegenbleiben. Es hat auch
keinen Zweck, sie in irgendein Zimmer zu stecken. Sie gehört
ins Krankenhaus, und zwar rasch.«
267

»Gut«, sagte Kern. »Dann muß ich Ihnen sagen, was das für
uns bedeutet.«
Beer hörte ihm zu. »Sie glauben nicht, daß Sie sie besuchen
können?« fragte er dann.
»Nein. Es würde sich in ein paar Tagen herumsprechen, und
die Polizei brauchte nur auf mich zu warten. So aber habe ich
die Chance, in ihrer Nähe zu bleiben, und von Ihnen zu hören,
wie es ihr geht und was mit ihr geschieht, und mich danach zu
richten.«
»Ich verstehe. Sie können jederzeit zu mir kommen und nachfragen.«
»Danke. Ist es gefährlich mit ihr?«
»Es kann gefährlich werden. Sie muß unbedingt fort von
hier.«
Der Arzt fuhr ab. Kern stieg langsam die Leiter zum Boden
wieder empor. Er war taub und ohne Gefühl. Das weiße Gesicht
mit den dunklen Flecken der Augenhöhlen wendete sich aus der
Dämmerung des niedrigen Raumes ihm zu. »Ich weiß, was du
sagen willst«, flüsterte Ruth.
Kern nickte. »Es geht nicht anders. Wir müssen glücklich sein,
daß wir diesen Arzt gefunden haben. Ich bin sicher, du kommst
umsonst ins Krankenhaus.«
»Ja.« Sie starrte vor sich hin. Dann richtete sie sich plötzlich
erschrocken auf. »Mein Gott, wo bleibst du denn, wenn ich ins
Krankenhaus komme? Und wie sehen wir uns wieder? Du kannst
ja nicht kommen, sie verhaften dich vielleicht dort.«
Er setzte sich neben sie und nahm ihre heißen Hände fest in
seine. »Ruth«, sagte er. »Wir müssen jetzt sehr klar und vernünftig sein. Ich habe alles schon überlegt. Ich bleibe hier und
verstecke mich. Der Bauer hat es mir erlaubt. Ich warte einfach
auf dich. Es ist besser, wenn ich nicht ins Krankenhaus komme,
268

dich zu besuchen. So etwas spricht sich rasch herum, und sie
können mich schnappen. Wir machen es anders. Ich werde jeden Abend zum Krankenhaus kommen und zu deinem Fenster
hinaufschauen. Der Arzt wird mir sagen, wo du liegst. Das ist
dann wie ein Besuch.«
»Um wieviel Uhr?«
»Um neun Uhr.«
»Dann ist es dunkel, dann kann ich dich nicht sehen.«
»Ich kann nur kommen, wenn es dunkel ist, sonst ist es zu
gefährlich. Ich kann mich am Tage nicht blicken lassen.«
»Du sollst überhaupt nicht kommen. Laß mich nur, es wird
schon gehen.«
»Doch, ich komme. Ich kann es sonst nicht aushalten. Du mußt
dich jetzt anziehen.«
Er wusch ihr mit einem Taschentuch und etwas Wasser aus der
Zinnkanne das Gesicht und trocknete es ab. Ihre Lippen waren
aufgesprungen und heiß. Sie legte ihr Gesicht in seine Hand.
»Ruth«, sagte er. »Wir wollen an alles denken. Wenn du gesund
bist, und ich sollte nicht mehr hier sein, oder man schiebt dich
ab … laß dich nach Genf an die Grenze schicken. Wir wollen
abmachen, daß wir uns dann nach Genf postlagernd schreiben.
Wir können uns so immer wiedertreffen. Genf, hauptpostlagernd.
Wir werden auch dem Arzt unsere Adressen schicken, wenn ich
geschnappt werde. Er kann sie dann immer dem andern geben.
Er hat mir versprochen, es zu tun. Ich werde durch ihn alles hören und dir durch ihn alle Nachrichten geben. Wir sind so ganz
sicher, daß wir uns nie verlieren werden.«
»Ja, Ludwig«, flüsterte sie.
»Sei nicht ängstlich, Ruth. Ich sage dir das nur für den schlimmsten Fall. Es ist nur dafür, wenn man mich erwischt. Oder wenn
sie dich nicht einfach aus dem Krankenhaus entlassen, ohne daß
269

die Polizei etwas erfährt, und dann fahren wir einfach zusammen
weiter.«
»Und wenn sie etwas erfährt?«
»Man kann dich nur zur Grenze schicken. Und da warte ich
auf dich. In Genf, Hauptpost.«
Er sah sie zuversichtlich an. »Hier hast du Geld. Verstecke es,
denn du brauchst es vielleicht für die Reise.«
Er gab ihr das wenige Geld, das er noch besaß. »Sag im Krankenhaus nicht, daß du es hast. Du mußt es für die Zeit nachher
behalten.«
Der Arzt rief von unten herauf. »Ruth!« sagte Kern und nahm
sie in seine Arme. »Wirst du tapfer sein, Ruth?«
Sie klammerte sich an ihn. »Ich will tapfer sein. Und ich will
dich wiedersehen.«
»Postlagernd Genf, wenn alles falsch geht. Sonst hole ich dich
hier ab. Jeden Abend um neun stehe ich draußen und wünsche
dir alles, was es gibt.«
»Ich komme ans Fenster.«
»Du bleibst im Bett, sonst komme ich nicht! Lach noch einmal!«
»Fertig?« rief der Arzt.
Sie lächelte unter Tränen. »Vergiß mich nicht!«
»Wie kann ich das? Du bist doch alles, was ich habe!«
Er küßte sie auf die trockenen Lippen. Der Kopf des Arztes
erschien in der Bodenluke. »Macht nichts«, sagte er, »aber nun
los!« Sie brachten Ruth hinunter ins Auto und deckten sie zu.
»Kann ich heute abend anfragen?« sagte Kern.
»Natürlich. Bleiben Sie jetzt hier? Ja, es ist besser. Sie können
jederzeit kommen.«
Das Auto fuhr ab. Kern blieb stehen, aber er glaubte, ein Sturmwind risse ihn nach rückwärts.
270

Um acht Uhr ging er zu Doktor Beer. Der Arzt war zu Hause. Er
beruhigte ihn; das Fieber sei hoch, aber vorläufig sei keine große
Gefahr. Es scheine eine normale Lungenentzündung zu werden.
»Wie lange dauert das?«
»Wenn es gut geht, zwei Wochen. Und dann eine Woche Rekonvaleszenz.«
»Wie ist es mit dem Geld?« fragte Kern. »Wir haben keins.«
Beer lachte. »Vorläufig liegt sie erst einmal im Krankenhaus.
Irgendeine Wohltätigkeitsinstitution wird nachher schon die
Kosten übernehmen.«
Kern sah ihn an. »Und Ihr Honorar?«
Beer lachte wieder. »Behalten Sie Ihre paar Franken nur. Ich
kann ohne sie leben. Sie können morgen wieder fragen kommen.«
Er stand auf.
»Wo liegt sie?« fragte Kern. »In welchem Stock?«
Beer legte seinen knochigen Zeigefinger an die Nase. »Warten
Sie mal … Zimmer 35 im zweiten Stock.«
»Welches Fenster ist das?«
Beer zwinkerte mit den Augen. »Ich glaube, es ist das zweite
von rechts. Es nützt aber nichts; sie wird schon schlafen.«
»Ich meinte nicht deswegen.«
»Natürlich nicht«, erwiderte Beer.
Kern fragte sich nach dem Krankenhaus durch. Er fand es rasch
und blickte auf die Uhr. Es war eine Viertelstunde vor neun. Das
zweite Fenster von rechts war dunkel. Er wartete. Er hätte nie geglaubt, daß es so langsam neun Uhr werden könne. Plötzlich sah er,
daß das Fenster hell wurde. Er stand angespannt und schaute auf
das rötliche Viereck. Er hatte einmal etwas von Gedankenübertragung gehört und versuchte sich jetzt zu konzentrieren, um Kraft zu
Ruth hinüberzuschicken. – Laß sie gesund werden, laß sie gesund
werden! dachte er eindringlich und wußte nicht, zu wem er betete.
271

Er holte tief Atem und ließ ihn langsam ausströmen; er erinnerte
sich, daß tiefes Atmen als wichtig bezeichnet war in dem Buch, das
er gelesen hatte. Er ballte die Fäuste und spannte die Muskeln an,
er hob sich auf die Zehen, als wollte er losspringen, und flüsterte
immer wieder gegen das helle Lichtkarree in die Nacht: »Werde
gesund! Werde gesund! Ich liebe dich!«
Das Fenster verdunkelte sich. Er sah einen Schatten. Sie soll
doch im Bett bleiben! dachte er, während ein Sturzbach von
Glück ihn überströmte. Sie winkte; er winkte wild zurück. Dann
erinnerte er sich, daß sie ihn nicht sehen konnte. Verzweifelt
blickte er nach einer Laterne, nach einem Schein Helligkeit aus,
um sich davorzustellen. Nichts war zu sehen. Da kam ihm ein
Gedanke. Er riß eine Schachtel Zündhölzer aus der Tasche, die er
morgens zu seinen zwei Zigaretten geschenkt bekommen hatte,
zündete eins an und hielt es hoch.
Der Schatten winkte. Er winkte vorsichtig mit dem Zündholz
zurück. Dann riß er ein paar neu an und hielt sie so, daß sie sein
Gesicht beleuchteten. Ruth winkte heftig. Er machte Zeichen, sie
solle sich niederlegen. Sie schüttelte den Kopf. Er beleuchtete sein
Gesicht und nickte nachdrücklich. Sie folgte nicht. Er merkte,
daß er fortgehen mußte, um sie dazu zu bewegen, sich wieder
ins Bett zu legen. Er machte ein paar Schritte, um zu zeigen, daß
er ginge. Dann warf er alle brennenden Streichhölzer hoch. Sie
fielen flackernd zu Boden und verlöschten. Das Licht brannte
noch einen Augenblick. Dann erlosch es, und das Fenster schien
dunkler zu sein als alles andere.
»GRATULIERE, GOLDBACH!« SAGTE Steiner. »Sie waren heute zum
erstenmal gut! Ohne jeden Fehler, ruhig und überlegen. Erstklassig, wie Sie mir den Tip gegeben haben mit dem Streichholz im
Busenhalter! Das war wirklich schwer.«
272

Goldbach sah ihn dankbar an. »Ich weiß selbst nicht, wie es
gekommen ist. Plötzlich, wie eine Erleuchtung, von gestern auf
heute. Passen Sie auf, ich werde noch ein gutes Medium. Morgen
werde ich anfangen, mir andere Tricks auszudenken.«
Steiner lachte. »Kommen Sie, trinken wir einen Schnaps auf
das freudige Ereignis.«
Er holte eine Flasche Marillengeist und schenkte ein. »Prosit,
Goldbach!«
»Prosit!«
Goldbach verschluckte sich und stellte das Glas nieder. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Ich bin das nicht mehr gewohnt. Wenn
Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt gern gehen.«
»Aber natürlich! Wir sind ja fertig hier. Wollen Sie nicht wenigstens Ihr Glas noch austrinken?«
»Ja, gern.« Goldbach trank gehorsam.
Steiner gab ihm die Hand. »Und üben Sie nicht zu viele Tricks.
Sonst finde ich vor lauter Raffinement nichts mehr.«
»Nein. Nein.«
Goldbach ging rasch die Allee hinunter zur Stadt. Er fühlte
sich leicht, als wäre eine schwere Last von ihm abgefallen. Aber
es war eine Leichtigkeit ohne Freude … als wären seine Knochen
voll Luft und sein Wille aus Gas, nicht mehr lenkbar und jedem
Winde preisgegeben.
»Ist meine Frau da?« fragte er das Mädchen an der Tür der
Pension.
»Nein.« Das Mädchen fing an zu lachen.
»Weshalb lachen Sie denn?« fragte Goldbach befremdet.
»Warum soll ich nicht lachen? Ist es verboten zu lachen?«
Goldbach sah sie abwesend an. »So meine ich das nicht«, murmelte er. »Lachen Sie nur.«
Er ging den schmalen Korridor entlang in sein Zimmer und
273

horchte nach nebenan. Er hörte nichts. Sorgfältig bürstete er seine
Haare und seinen Anzug; dann klopfte er an die Verbindungstür,
obschon das Mädchen gesagt hatte, seine Frau sei nicht da. Vielleicht ist sie inzwischen gekommen, dachte er. Vielleicht hat das
Mädchen sie nicht gesehen. Er klopfte noch einmal. Niemand
antwortete. Er drückte vorsichtig die Klinke herunter und trat
ein. Das Licht am Spiegel brannte. Er starrte auf das Licht wie ein
Schiffer auf einen Leuchtturm. Sie wird gleich wiederkommen,
dachte er. Sonst würde das Licht nicht brennen.
Er wußte schon, irgendwo in seinen luftleichten Knochen, in dem
grauen Aschengewirr seiner Adern, daß sie nicht wiederkommen
würde. Er wußte es unterhalb seiner Gedanken, aber sein Kopf
hielt mit dem Eigensinn der Angst wie an einem Balken, der ihn
vor der Flut retten könne, an den sinnlosen Worten fest: Sie muß
wiederkommen … sonst würde das Licht nicht brennen …
Dann entdeckte er die Leere des Zimmers. Die Bürsten und die
Cremetöpfe vor dem Spiegel fehlten; eine Tür des Schrankes stand
halb offen, und der rosa- und pastellfarbene Fleck der Kleider
fehlte in der Öffnung; sie gähnte schwarz und verlassen. Nur der
Geruch im Zimmer war noch da, ein Hauch Leben, aber auch
schon dünner … Erinnerung und lauernder Schmerz. Dann fand
er den Brief und wunderte sich stumpf, daß er ihn so lange nicht
gesehen hatte – er lag mitten auf dem Tisch.
Es dauerte lange, ehe er ihn öffnete. Er wußte ohnehin alles
– wozu ihn noch öffnen? Schließlich riß er ihn mit einer vergessenen Haarnadel, die neben ihm auf einem Sessel gelegen
hatte, auf. Er las ihn, doch die Worte drangen nicht mehr durch
die Eisschicht seines Gehirns; sie blieben tot, Worte aus einer
Zeitung, einem Buch, zufällige Worte, die ihn nichts angingen.
Die Haarnadel in seiner Hand war lebendiger.
Er saß ruhig da und wartete auf den Schmerz und wunderte
274

sich, daß er nicht kam. Es war nur ein taubes Gefühl, eine ungeheure Dämpfung, wie der angstvolle Augenblick vor dem Einschlafen, wenn er eine zu große Dosis Brom genommen hatte.
Er saß lange Zeit so. Er sah seine Hände an – sie lagen wie weiße,
tote Tiere auf seinen Knien; blasse, empfindungslose Kraken mit
fünf schlaffen Tentakeln. Sie gehörten nicht zu ihm. Er gehörte
überhaupt nicht zu sich selbst, er war der Körper eines andern,
dessen Augen nach innen gerichtet waren und eine Lähmung
anstarrten, die nur manchmal in sich erzitterte.
Schließlich stand er auf und ging in sein Zimmer zurück. Er sah
die Krawatten auf dem Tisch liegen. Mechanisch suchte er eine
Schere heraus und begann die Binder zu zerschneiden, sorgfältig,
Streifen um Streifen. Er ließ die abgeschnittenen Stücke nicht
auf den Boden fallen, sondern sammelte sie pedantisch in der
hohlen Hand und schichtete sie auf dem Tisch zu einem bunten
Häufchen. Mitten in dieser automatischen Tätigkeit überraschte
er sich dabei, was er tat; er legte die Schere beiseite und hörte auf.
Gleich darauf hatte er vergessen, was er getan hatte. Er ging mit
steifen Schritten durch das Zimmer und setzte sich in eine Ecke.
Dort blieb er hocken und rieb sich die Hände, immer wieder, mit
einer sonderbar müden, greisen Bewegung, als fröre er und hätte
nicht mehr die Kraft, sich wirklich zu wärmen.

14

Kern warf die letzten Streichhölzer in die Luft. Da
legte sich eine Hand auf seine Schulter. »Was machen
Sie denn da?«
Er zuckte zusammen, wandte sich um und sah eine Uniform.
»Nichts«, stammelte er. »Entschuldigen Sie! Eine Spielerei, weiter
nichts.«
Der Beamte sah ihm aufmerksam ins Gesicht. Es war nicht
derselbe, der ihn bei Ammers verhaftet hatte. Kern sah rasch zum
Fenster hinauf. Ruth war nicht mehr zu sehen. Sie konnte auch
wohl nichts bemerkt haben; es war zu dunkel.
Kern versuchte ein treuherziges Lächeln. »Entschuldigen Sie
vielmals«, sagte er leichthin. »Es war nur ein kleiner Spaß. Sie
sehen sicher selbst, daß nichts dadurch geschehen konnte. Ein
paar Streichhölzer, weiter nichts. Ich wollte mir eine Zigarette
anzünden. Sie brannte nicht recht, da habe ich gleich ein halbes
Dutzend genommen und mir fast die Finger verbrannt.«
Er lachte, schlenkerte die Hand und wollte weitergehen. Doch
der Beamte hielt ihn fest. »Einen Moment! Sie sind kein Schweizer, was?«
»Warum nicht?«
»Das hört man doch! Warum leugnen Sie?«
»Ich leugne ja gar nicht«, erwiderte Kern. »Es interessiert mich
nur, woher Sie das sofort wußten.«
Der Beamte betrachtete ihn äußerst mißtrauisch. »Sollten
wir da vielleicht …?« murmelte er und ließ eine Taschenlampe
aufblitzen. »Hören Sie!« sagte er dann, und seine Stimme hatte
plötzlich einen anderen Klang. »Kennen Sie Herrn Ammers?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Kern, so ruhig er konnte.
»Wo wohnen Sie?«
»Ich bin erst seit heute morgen hier, wollte mir gerade einen Gasthof suchen. Können Sie mir einen empfehlen? Nicht zu teuer.«
276

»Zunächst kommen Sie mal mit. Da liegt eine Anzeige von
Herrn Ammers vor, die paßt genau auf Sie. Das wollen wir erst
mal aufklären!«
Kern ging mit. Er verfluchte sich selbst, daß er nicht besser
aufgepaßt hatte. Der Beamte mußte auf Gummisohlen von hinten
herangeschlichen sein. Eine Woche lang war es gut gegangen, daran lag es wahrscheinlich. Er war zu sicher geworden. Verstohlen
blickte er umher, um eine Gelegenheit zum Weglaufen zu finden.
Aber der Weg war zu kurz; wenige Minuten später war er schon
auf der Polizeiwache.
Der Beamte, der ihn das erstemal hatte laufenlassen, saß an
einem Tisch und schrieb. Kern schöpfte Mut. »Ist er das?« fragte
der Polizist, der ihn gebracht hatte.
Der erste sah Kern flüchtig an. »Möglich. Kann’s nicht genau
sagen. Es war zu dunkel.«
»Dann werde ich Ammers mal anrufen, der muß ihn ja kennen.«
Er ging hinaus. »Menschenskind!« sagte der erste Beamte zu
Kern, »ich dachte, Sie wären längst weg. Jetzt wird’s böse. Ammers
hat Sie damals angezeigt.«
»Kann ich nicht wieder weglaufen?« fragte Kern rasch. »Sie
wissen doch …«
»Ausgeschlossen. Der einzige Weg geht durch das Vorzimmer
drüben. Und da steht Ihr Freund und telefoniert. Nein … jetzt
sitzen Sie drin. Gerade unserm schärfsten Mann, der befördert
werden will, sind Sie in die Finger gefallen.«
»Verdammt!«
»Ja. Besonders, weil Sie schon einmal ausgerissen sind. Ich
mußte das seinerzeit rapportieren, weil ich wußte, daß Ammers
nachspionieren würde.«
»Jesus!« Kern trat einen Schritt zurück.
277

»Sie können sogar Jesus Christus sagen!« erklärte der Beamte.
»Diesmal hilft es nichts, Sie kriegen ein paar Wochen.«
Einige Minuten später kam Ammers. Er keuchte, so war er
gelaufen. Sein Spitzbart glänzte. »Natürlich!« sagte er. »Das ist
er! In Lebensgröße, dieser Frechling!«
Kern sah ihn an. »Diesmal wird er ja wohl nicht entwischen,
wie?« fragte Ammers.
»Diesmal nicht«, bestätigte der Gendarm.
»Gottes Mühlen mahlen langsam«, deklamierte Ammers salbungsvoll und triumphierend. »Langsam, aber trefflich fein. Der
Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.«
»Wissen Sie, daß Sie Leberkrebs haben?« unterbrach Kern ihn.
Er wußte kaum, was er sagte. Er wußte auch nicht, wie er auf den
Gedanken kam. Er war nun plötzlich rasend vor Wut, und ohne
sein Unglück noch ganz zu fassen, richtete sich all sein Denken
im Augenblick automatisch nur auf den Punkt, Ammers durch
irgend etwas zu treffen. Schlagen konnte er ihn nicht, das hätte
seine Strafe vergrößert.
»Was?« Ammers vergaß vor Überraschung den Mund zu
schließen.
»Leberkrebs! Typischen Leberkrebs!« Kern sah, daß er getroffen
hatte. Sofort stürzte er sich weiter darauf. »Ich bin Mediziner, ich
weiß das! In einem Jahr geht es los mit rasenden Schmerzen! Sie
werden einen furchtbaren Tod haben! Es ist nichts dagegen zu
machen! Nichts!«
»Das ist doch …!«
»Gottes Mühlen!« zischte Kern. »Wie sagten Sie? Langsam,
langsam! Jahrelang!«
»Herr Gendarm!« zeterte Ammers. »Ich verlange, daß Sie mich
schützen vor diesem Individuum!«
»Machen Sie Ihr Testament«, fauchte Kern. »Es ist das einzige,
278

was Ihnen noch übrigbleibt! Von innen zerfressen und verfaulen
werden Sie!«
»Herr Gendarm!« Ammers blickte hilfesuchend und wild um
sich. »Sie haben mich vor dieser Beleidigung zu schützen.«
Der erste Beamte sah ihn interessiert an. »Bis jetzt beleidigt er
Sie noch nicht«, erklärte er dann. »Bis jetzt macht er nur medizinische Feststellungen.«
»Ich verlange, daß das alles zu den Akten genommen wird!«
schrie Ammers.
»Sehen Sie nur!« Kern zeigte mit dem Finger auf Ammers, der
zurückzuckte, als wäre dieser Finger eine Schlange. »Die bleigraue
Gesichtshaut in der Erregung, die gelblichen Augäpfel … ganz
sichere Anzeichen! Ein Todeskandidat! Man kann nur noch für
ihn beten!«
»Todeskandidat!« tobte Ammers, »nehmen Sie Todeskandidat
zu den Akten!«
»Todeskandidat ist ebenfalls keine Beleidigung«, erklärte der
erste Beamte mit offener Schadenfreude. »Sie werden nicht darauf
klagen können. Wir sind alle Todeskandidaten.«
»Die Leber zersetzt sich bei lebendigem Leibe!« Kern sah, daß
Ammers plötzlich blaß geworden war. Er machte einen Schritt
vorwärts. Ammers wich vor ihm zurück wie vor dem Satan.
»Anfangs merkt man nichts!« erklärte Kern mit wütendem
Triumph. »Es ist auch kaum etwas festzustellen. Wenn man es
aber merkt, ist es schon zu spät. Leberkrebs! Der langsamste und
fürchterlichste Tod, den es gibt!«
Ammers starrte Kern nur noch an. Er erwiderte nichts mehr.
Unwillkürlich griff er mit der Hand in die Gegend der Leber.
»Seien Sie jetzt ruhig!« schnauzte der zweite Beamte auf einmal
scharf. »Es ist genug damit! Setzen Sie sich dorthin und antworten
Sie auf unsere Fragen. Seit wann sind Sie in der Schweiz?«
279

Kern wurde am nächsten Morgen dem Bezirksgericht vorgeführt.
Der Richter war ein älterer, dicker Mann mit einem runden, roten
Gesicht. Er war menschlich, aber er konnte Kern nicht helfen.
Die Paragraphen waren eindeutig.
»Warum haben Sie sich nicht bei der Polizei gemeldet, als Sie
illegal über die Grenze kamen?« fragte er.
»Weil ich dann sofort wieder ausgewiesen worden wäre«, erwiderte Kern müde. – »Ja, natürlich, das wären Sie.«
»Und drüben auf der anderen Seite hätte ich mich wieder
sofort beim nächsten Polizeiposten melden müssen, wenn ich
nicht das Gesetz hätte verletzen wollen. Von dort wäre ich dann
in der nächsten Nacht zurück in die Schweiz gebracht worden.
Und von der Schweiz wieder nach drüben. Und von drüben
wieder zurück. So wäre ich langsam zwischen den Grenzposten
verhungert. Zumindest wäre ich ewig von einer Polizeiwache
zur andern gewandert. Was sollen wir denn anderes machen, als
gegen das Gesetz verstoßen?«
Der Richter hob die Schultern. »Ich kann Ihnen nicht helfen.
Ich muß Sie verurteilen. Die Mindeststrafe ist vierzehn Tage
Gefängnis. Es ist das Gesetz. Wir müssen unser Land vor der
Überschwemmung durch Flüchtlinge schützen.«
»Ich weiß.«
Der Richter sah in seine Akten. »Alles, was ich tun kann, ist
für Sie eine Eingabe zu machen an das Obergericht, daß Sie nur
Haft bekommen und kein Gefängnis.«
»Danke vielmals«, sagte Kern. »Aber das ist mir gleich. Darin
habe ich keinen Ehrgeiz mehr.«
»Das ist gar nicht gleich«, erklärte der Richter mit einem
gewissen Eifer. »Im Gegenteil, es ist sogar sehr wichtig für die
bürgerlichen Ehrenrechte. Wenn Sie Haft bekommen, gelten Sie
nicht als vorbestraft, das wissen Sie vielleicht noch nicht!«
280

Kern blickte den ahnungslosen, gutmütigen Menschen eine
Weile an. »Bürgerliche Ehrenrechte«, sagte er dann. »Was soll
ich damit? Ich habe ja nicht einmal die einfachsten bürgerlichen
Rechte! Ich bin ein Schatten, ein Gespenst, ein bürgerlicher Toter.
Was sollen mir da die Dinge, die Sie Ehrenrechte nennen?«
Der Richter schwieg eine Weile. »Sie müssen doch irgendwelche Papiere bekommen können«, sagte er schließlich. »Vielleicht
kann man über ein deutsches Konsulat einen Ausweis für Sie
beantragen!«
»Das hat ein tschechisches Gericht vor einem Jahr bereits getan.
Der Antrag ist abgelehnt worden. Wir existieren für Deutschland
nicht mehr. Für die übrige Welt nur noch als Subjekte für die
Polizei.«
Der Richter schüttelte den Kopf. »Hat denn der Völkerbund
noch nichts für Sie getan? Sie sind doch viele Tausende; und Sie
müssen doch irgendwie existieren dürfen!«
»Der Völkerbund berät seit ein paar Jahren darüber, uns Identitätspapiere zu geben«, erwiderte Kern geduldig. »Jedes Land
versucht auch da, uns dem andern zuzuschieben. Es wird wohl
also noch eine Anzahl von Jahren dauern.«
»Und inzwischen …«
»Inzwischen … Sie sehen ja …«
»Aber mein Gott!« sagte der Richter plötzlich ziemlich ratlos
in seinem breiten, weichen Schweizer Dialekt »Das ist ja ein
Problem! Was soll denn nur aus Ihnen werden?«
»Das weiß ich nicht. Wichtiger ist, was jetzt mit mir geschieht.«
Der Richter fuhr sich über das glänzende Gesicht und sah Kern
an. »Ich habe einen Sohn«, sagte er, »der ist ungefähr so alt wie Sie.
Wenn ich mir vorstellen sollte, daß er herumgejagt würde, ohne
irgendeinen anderen Grund, als daß er geboren worden ist …«
281

»Ich habe einen Vater«, erwiderte Kern. »Wenn Sie ihn sähen …«
Er blickte zum Fenster hinaus. Die Herbstsonne schien friedlich
auf einen Apfelbaum, der voll von Früchten hing. Da draußen
war die Freiheit. Da draußen war Ruth.
»Ich möchte Sie etwas fragen«, sagte der Richter nach einer
Weile. »Es gehört nicht mehr dazu. Aber ich möchte Sie es doch
fragen. Glauben Sie noch an irgend etwas?«
»O ja; ich glaube an den heiligen Egoismus! An die Unbarmherzigkeit! An die Lüge! An die Trägheit des Herzens!«
»Das habe ich gefürchtet. Wie sollten Sie auch anders …«
»Es ist noch nicht alles«, erwiderte Kern ruhig. »Ich glaube auch
an Güte, an Kameradschaft, an Liebe und an Hilfsbereitschaft!
Ich habe sie kennengelernt. Mehr vielleicht als mancher, dem es
gut geht.«
Der Richter stand auf und kam schwerfällig um seinen Stuhl
herum auf Kern zu. »Gut, so was zu hören«, murmelte er. »Wenn
ich nur wüßte, was ich für Sie tun könnte!«
»Nichts«, sagte Kern. »Ich kenne die Gesetze auch schon, und
ich habe einen Bekannten, der ist sogar Spezialist darin. Schicken
Sie mich ins Gefängnis.«
»Ich schicke Sie in Untersuchungshaft und gebe Ihren Fall an
das Obergericht weiter.«
»Wenn es Ihnen das Urteil erleichtert, gern. Wenn es aber länger
dauert, möchte ich lieber ins Gefängnis.«
»Es dauert nicht länger, dafür werde ich sorgen.«
Der Richter nahm ein riesiges Portemonnaie aus der Tasche.
»Es gibt ja leider nur diese primitive Form von Hilfe«, sagte er
zögernd und nahm einen zusammengefalteten Schein heraus. »Es
ist mir peinlich, nichts anderes für Sie tun zu können …«
Kern nahm das Geld. »Es ist das einzige, was uns wirklich hilft«,
282

erwiderte er und dachte: Zwanzig Franken! Welch ein Glück!
Damit kommt Ruth bis zur Grenze!
Er wagte nicht, ihr zu schreiben. Es wäre dadurch herausgekommen, daß sie schon langer im Lande war, und sie hätte verurteilt
werden können. So hatte sie immer noch die Möglichkeit, einfach
ausgewiesen zu werden oder, wenn sie Glück hatte, ohne weiteres
aus dem Krankenhaus entlassen zu werden.
Am ersten Abend war er unglücklich und unruhig und konnte
nicht schlafen. Er sah Ruth fiebernd im Bett liegen und schreckte
auf, weil er geträumt hatte, sie würde begraben. Er hockte sich auf
die Pritsche und saß lange Zeit so, die Arme um die Knie gepreßt.
Er wollte sich nicht unterkriegen lassen, aber er fühlte, daß es
stärker sein könnte als er. Es ist die Nacht, dachte er, die Nacht
und die Angst der Nacht. Die Angst am Tage ist vernünftig; die
Angst der Nacht ist ohne Grenzen.
Er stand auf und ging in dem kleinen Raum hin und her. Er
atmete lang und tief. Dann zog er seine Jacke aus und begann,
Freiübungen zu machen. Ich darf die Nerven nicht verlieren,
dachte er; dann bin ich verloren. Ich muß gesund bleiben. Er
machte Kniebeugen und Rumpfdrehungen, und allmählich gelang es ihm, sich auf seinen Körper zu konzentrieren. Dann kam
ihm die Erinnerung an den Abend auf der Polizeiwache in Wien
und den Studenten, der Boxunterricht gegeben hatte. Er verzog
das Gesicht. Ohne den Studenten wäre ich heute abend sicher
nicht so gegen Ammers gewesen, dachte er. Ohne ihn nicht und
ohne Steiner nicht. Ohne dieses ganze harte Leben nicht; es soll
mich hart machen, aber es soll mich nicht kaputtschlagen. Ich
will mich wehren. Er begann auszuholen, weich in den Beinen federnd, und schlug lange Gerade mit dem ganzen Körperschwung
in das Dunkel, rechts und links, dann ein paar kurze Uppercuts
dazwischen, rascher und rascher … und plötzlich schimmerte
283

vor ihm geisterhaft der weiße Spitzbart des leberkranken Ammers durch die Finsternis, und die Sache bekam Saft und Kraft.
Er schlug ihm kurze Gerade und gewaltige Schwinger um Kinn
und Ohren, er pfefferte zwei wüste Herzhaken und einen grauenhaften Schlag auf den Solarplexus hinterher, und es schien
ihm, als hörte er Ammers mit einem Ächzen zu Boden krachen.
Aber das war ihm noch nicht genug. Er ließ ihn immer aufs neue
hochkommen, und er zerschlug systematisch den Schatten des
Feindes, keuchend vor Erregung, wobei ihm zum Schluß als
besondere Delikatesse schwere Leberhaken einfielen. So wurde
es Morgen, und er war so erschöpft und müde, daß er auf seine
Pritsche fiel und sofort einschlief und die Angst der Nacht hinter
sich gebracht hatte.
Zwei Tage später trat Doktor Beer in die Zelle. Kern sprang
auf. »Wie geht es ihr?«
»Ganz gut; das heißt normal.«
Kern atmete auf. »Woher wußten Sie, daß ich hier bin?«
»Das war einfach. Sie kamen nicht mehr. Also mußten Sie hier
sein.«
»Das stimmt. Weiß sie es?«
»Ja. Als Sie gestern abend nicht als Prometheus auftraten, hat
sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, mich zu erreichen.
Eine Stunde später wußten wir Bescheid. Übrigens eine verrückte
Idee, das mit den Streichhölzern!«
»Ja, das war es! Manchmal glaubt man, schon sehr gerissen zu
sein; dann macht man gewöhnlich Dummheiten. Ich bin vorläufig zu vierzehn Tagen verurteilt. Ich komme wahrscheinlich
in zwölf Tagen heraus. Ist sie dann gesund?«
»Nein. Jedenfalls noch nicht so, daß sie reisen kann. Ich denke,
wir lassen sie so lange im Krankenhaus, wie es eben geht.«
»Natürlich!« Kern dachte nach. »Ich muß dann eben in Genf
284

auf sie warten. Ich kann sie ja ohnehin nicht mitnehmen. Ich
werde ja abgeschoben.«
Beer zog einen Brief aus der Tasche. »Hier! Ich habe Ihnen
etwas mitgebracht.«
Kern griff hastig nach dem Brief – aber dann steckte er ihn in
die Tasche. »Sie können ihn ruhig jetzt lesen«, sagte Beer. »Ich
habe Zeit.«
»Nein, ich lese ihn nachher.«
»Dann gehe ich jetzt zum Krankenhaus zurück. Ich will ihr
Bescheid sagen, daß ich Sie gesehen habe. Wollen Sie mir etwas
mitgeben?« Beer zog einen Füllfederhalter und Briefpapier aus
dem Mantel. »Ich habe alles mitgebracht.«
»Danke. Danke vielmals!« Kern schrieb rasch einen Brief; es
ginge ihm gut, Ruth möge rasch gesund werden. Wenn er vorher abgeschoben werde, wolle er auf sie in Genf warten. Jeden
Mittag um zwölf Uhr vor der Hauptpost. Beer werde ihr alles
noch genau sagen.
Er legte den Zwanzigfrankenschein des Richters hinein und
klebte den Umschlag zu. »Hier!«
»Wollen Sie nicht erst den anderen Brief lesen?« fragte Beer.
»Nein! Noch nicht. So schnell nicht. Ich habe doch den ganzen
Tag nichts anderes.«
Beer sah ihn überrascht an; dann steckte er den Brief ein. »Gut.
Ich werde Sie in ein paar Tagen wieder besuchen.«
»Bestimmt?«
Beer lachte. »Warum denn nicht?«
»Ja, das ist wahr! Jetzt ist ja alles in Ordnung. Wenigstens in
der Beziehung. Die nächsten zwölf Tage kann nichts mehr dazwischenkommen. Keine Überraschungen. Das ist eigentlich
ganz beruhigend.«
Kern nahm den Brief Ruths in die Hände, als Beer draußen war.
285

So leicht, dachte er, ein bißchen Papier und ein paar Tintenstriche
und so viel Glück.
Er legte den Brief auf die Kante seiner Pritsche. Dann machte
er seine Übungen. Er boxte Ammers erneut nieder und gab ihm
diesmal auch ein paar verbotene kräftige Nierenschläge. »Wir
lassen uns mal nicht unterkriegen«, sagte er zu dem Brief hinüber
und schickte Ammers mit einem schönen Schwinger gegen den
Spitzbart abermals zu Boden. Er ruhte sich aus und unterhielt sich
weiter mit dem Brief. Erst nachmittags, als es dämmerig wurde,
öffnete er ihn und las die ersten Zeilen. Jede Stunde las er ein
Stück weiter. Abends war er bis zur Unterschrift gekommen. Er
sah die Sorge Ruths, ihre Angst, ihre Liebe und ihre Tapferkeit,
und er sprang auf und schlug aufs neue auf Ammers ein. Dieser
Kampf war allerdings nicht sehr sportgerecht … Ammers erhielt
Ohrfeigen, Fußtritte, und zum Schluß wurde ihm der weiße
Spitzbart ausgerissen.
STEINER HATTE SEINE Sachen gepackt. Er wollte nach Frankreich.
Es war gefährlich in Österreich geworden, und der Anschluß an
Deutschland war nur noch eine Frage der Zeit. Außerdem rüstete der Prater und das Unternehmen Direktor Potzlochs zum
großen Winterschlaf.
Potzloch schüttelte Steiner die Hand. »Wir fahrenden Leute
sind ja gewohnt, daß man sich trennt. Irgendwo trifft man sich
immer mal wieder.«
»Bestimmt.«
»Na also!« Potzloch griff nach seinem Kneifer. »Kommen Sie
gut durch den Winter. Ich bin kein Freund von Abschiedsszenen.«
»Ich auch nicht«, erwiderte Steiner.
»Wissen Sie«, Potzloch zwinkerte, »es ist eine reine Gewohn286

heitssache. Wenn man so viele Leute hat kommen und gehen
sehen wie ich … reine Gewohnheitssache zum Schluß. Als wenn
man bloß mal von der Schießbude zum Ringelspiel hinübergeht.«
»Ein schönes Bild! Von der Schießbude zum Ringelspiel …
und vom Ringelspiel wieder zur Schießbude … sogar ein Bild
zum Verlieben!«
Potzloch schmunzelte geschmeichelt. »Unter uns gesprochen,
Steiner … wissen Sie, was das Furchtbarste ist auf der Welt? Im
Vertrauen gesagt: daß alles zum Schluß Gewohnheitssache wird.«
Er hakte seinen Kneifer auf die Nase. »Sogar die sogenannten
Ekstasen!«
»Sogar der Krieg«, sagte Steiner. »Sogar der Schmerz! Sogar
der Tod! Ich kenne jemand, dem sind in zehn Jahren vier Frauen
gestorben. Jetzt hat er die fünfte. Sie kränkelt schon. Was soll ich
Ihnen sagen, er schaut bereits in aller Ruhe nach der sechsten
aus. Alles Gewohnheitssache! Nur der eigene Tod nicht.«
Potzloch winkte flüchtig ab. »An den glaubt man ja nie ernstlich,
Steiner. Nicht einmal im Krieg; denn sonst gab’s keinen mehr.
Jeder glaubt immer, gerade er käme dran vorbei. Stimmt’s?«
Er sah Steiner mit schiefem Kopf an. Steiner nickte amüsiert.
Potzloch streckte ihm noch einmal die Hand hin. »Also Servus!
Ich muß rasch zur Schießbude hinüber, nachsehen, ob die das
Service gut einpacken.«
»Servus! Ich gehe dafür wieder einmal ins Ringelspiel.«
Potzloch grinste und sauste davon.
Steiner ging zum Wagen hinüber. Das trockene Laub knisterte
unter seinen Füßen. Die Nacht stand schweigend und unbarmherzig über dem Walde. Von der Schießbude klang Hämmern
herüber. Im halb abgebrochenen Karussell schwankten ein paar
Lampen.
287

Steiner ging, sich von Lilo zu verabschieden. Sie blieb in Wien.
Ihre Ausweise und ihre Arbeitserlaubnis galten nur für Österreich. Sie wäre auch nicht mitgegangen, wenn sie gekonnt hätte.
Steiner und sie waren Kameraden des Schicksals, zusammengeweht vom Wind der Zeit … sie wußten das beide.
Sie stand im Wohnwagen und deckte den Tisch. Als er eintrat,
wandte sie sich um. »Es ist Post für dich gekommen«, sagte sie.
Steiner nahm den Brief und sah auf die Marke. »Aus der
Schweiz. Sicher von unserem Kleinen.« Er riß den Umschlag auf
und las. »Ruth ist im Krankenhaus«, sagte er dann.
»Was hat sie?« fragte Lilo.
»Lungenentzündung. Aber anscheinend nicht schwer. Sie sind
in Murten. Der Kleine gibt abends Feuerzeichen vor dem Hospital. Vielleicht treffe ich sie noch, wenn ich durch die Schweiz
komme.«
Steiner steckte den Brief in seine Brusttasche. »Hoffentlich
weiß der Kleine, was er machen muß, damit sie wieder zusammenkommen.«
»Er wird es wissen«, sagte Lilo. »Er hat viel gelernt.«
»Ja, trotzdem …«
Steiner wollte Lilo erklären, daß es schwierig für Kern sei,
wenn Ruth aus dem Krankenhaus zur Grenze gebracht würde.
Aber dann dachte er daran, daß sie beide sich heute abend zum
letztenmal sähen – und daß es besser sei, nicht von zwei Menschen zu sprechen, die beieinander bleiben und sich wiedersehen
wollten.
Er ging zum Fenster und sah hinaus. Auf dem mit Karbidlampen erleuchteten Platz packten Arbeiter die Schwäne, die Pferde
und Giraffen des Karussells in graue Säcke. Die Tiere lagen
und standen auf dem Boden herum, als hätte eine Bombe das
paradiesische Zusammenleben plötzlich zerstört. In einer der
288

abmontierten Gondeln saßen zwei Arbeiter und tranken Bier
aus Flaschen. Sie hatten ihre Jacken und ihre Mützen über das
Geweih eines weißen Hirsches gestülpt, der mit weitgestreckten
Beinen, wie erstarrt zu ewigem Aufbruch, an einer Kiste lehnte.
»Komm«, sagte Lilo hinter ihm, »das Essen ist fertig. Ich habe
dir Piroggen gemacht.«
Steiner drehte sich um und nahm sie um die Schulter. »Essen«,
sagte er. »Piroggen. Für uns unstete Teufel ist zusammen essen
schon so etwas wie eine Heimat, wie?«
»Es gibt noch etwas anderes. Aber das weißt du nicht.« Sie
wartete einen Augenblick. »Du weißt es nicht, weil du nicht
weinen kannst und nicht verstehst, was das ist… zusammen
traurig zu sein.«
»Ja, das kenne ich nicht«, sagte Steiner. »Wir waren nicht oft
traurig, Lilo.«
»Nein. Du nicht. Du bist wild oder gleichgültig, oder du lachst
oder bist das, was ihr tapfer nennt. Es ist es nicht.«
»Was ist es denn, Lilo?«
»Furcht davor, sich dem Gefühl auszuliefern. Furcht vor Tränen.
Furcht davor, kein Mann zu sein. In Rußland konnten Männer
weinen und doch Männer bleiben und tapfer sein. Du hast dein
Herz nie gelöst.«
»Nein«, sagte Steiner.
»Worauf wartest du?«
»Ich weiß es nicht. Ich will es auch nicht wissen.«
Lilo betrachtete ihn aufmerksam. »Komm essen«, sagte sie
dann. »Ich werde dir Brot und Salz mitgeben wie in Rußland und
dich segnen, ehe du gehst – du Unruhe ohne Fließen, vielleicht
wirst du auch darüber lachen.«
»Nein.«
Sie stellte die Schüssel mit den Piroggen auf den Tisch.
289

»Setz dich zu mir, Lilo.«
Sie schüttelte den Kopf. »Du ißt heute allein. Ich werde dich
bedienen und dir geben, was du ißt. Es ist deine letzte Mahlzeit.« Sie blieb stehen und reichte ihm die Piroggen, das Brot,
das Fleisch und die Gurken. Sie sah zu, wie er aß, und breitete
ihm schweigend den Tee. Sie ging biegsam mit ihren weiten
Schritten durch den kleinen Wagen wie ein Panther, der einen zu
engen Käfig schon gewohnt ist. Ihre schmalen, bronzenen Hände
schnitten ihm das Fleisch, ihr Gesicht hatte einen gesammelten,
undeutbaren Ausdruck, und sie erschien Steiner plötzlich wie
eine biblische Gestalt.
Er erhob sich und holte seine Sachen. Seinen Rucksack hatte er
gegen einen Koffer vertauscht, seit er einen Paß hatte. Er öffnete
die Tür des Wagens, ging die Stufen langsam hinunter und stellte
den Koffer draußen nieder. Dann ging er wieder zurück.
Lilo stand am Tisch. Sie hatte eine Hand aufgestützt, und ihre
Augen spiegelten eine so blinde Leere, als sähen sie nichts und
sie wäre schon allein. Steiner ging auf sie zu. »Lilo …«
Sie rührte sich und sah ihn an. Ihre Augen veränderten ihren
Ausdruck. »Es ist schwer, fortzugehen«, sagte Steiner.
Sie nickte und legte eine Hand um seinen Nacken. »Ich werde
allein sein ohne dich.«
»Wohin wirst du gehen?«
»Du wirst sicher sein in Österreich. Auch wenn es deutsch
wird.«
»Ja.«
Sie blickte ihn ernst an. Ihre Augen waren sehr tief und glänzend.
»Schade, Lilo«, murmelte Steiner.
»Ja.«
»Du weißt warum?«
290

»Ich weiß es, und du weißt es auch von mir.«
Sie sahen sich immer noch an. »Sonderbar«, sagte Steiner, »nur
ein Stück Zeit und ein Stück Leben, das zwischen uns steht. Alles
andere ist da.«
»Alle Zeit, Steiner«, erwiderte Lilo sanft, »alle Zeit und unser
ganzes Leben …«
Er nickte. Lilo legte ihre Hände um sein Gesicht und sprach
einige russische Worte. Dann gab sie ihm ein Stück Brot und etwas Salz. »Iß es, wenn du fort bist. Es soll dir Brot ohne Kummer
in der Fremde geben. Und nun geh.«
Steiner wollte sie küssen, aber er unterließ es, als er sie ansah.
»Geh jetzt!« sagte sie leise. »Geh!«
Er ging durch den Wald. Nach einiger Zeit blickte er sich um.
Die Budenstadt war in der Nacht versunken, und es war nichts
mehr da als die ungeheure, saugende Dunkelheit mit dem Lichtviereck einer fernen, offenen Tür und eine kleine Gestalt, die
nicht winkte.

15

Kern wurde nach vierzehn Tagen dem Bezirksgericht
wieder vorgeführt. Der dicke Mann mit dem Apfelgesicht blickte ihn bekümmert an. »Ich muß Ihnen etwas
Unangenehmes mitteilen, Herr Kern …«
Kern richtete sich gerade auf. Vier Wochen, dachte er, hoffentlich nicht mehr als vier Wochen! So lange kann Beer Ruth zur
Not noch im Krankenhaus behalten.
»Der Rekurs für Sie ist vom Obergericht verworfen worden.
Sie waren zu lange in der Schweiz. Der Begriff eines Notstandes
war nicht mehr gerechtfertigt. Außerdem war da die Sache mit
dem Gendarmen. Sie sind zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt
worden.«
»Zu vierzehn Tagen mehr?«
»Nein. Nur vierzehn Tage. Die Untersuchungshaft wird darauf
angerechnet.«
Kern tat einen tiefen Atemzug. »Danach käme ich also heute
heraus?«
»Ja. Sie haben in Ihrer Erinnerung lediglich statt in Haft im
Gefängnis gesessen. Schlimm ist nur, daß Sie jetzt als vorbestraft
gelten.«
»Das werde ich aushalten.«
Der Richter sah ihn an. »Es wäre besser, Sie hätten nichts im
Strafregister. Aber es war nicht zu machen.«
»Werde ich heute abgeschoben?« fragte Kern.
»Ja. Über Basel.«
»Über Basel? Nach Deutschland?« Kern blickte sich blitzschnell
um. Er war bereit, sofort aus dem Fenster zu springen und zu
flüchten. Er hatte einige Male davon gehört, daß man Emigranten
nach Deutschland abgeschoben hatte. Aber es waren meistens
Flüchtlinge gewesen, die gerade aus Deutschland gekommen
waren.
292

Das Fenster war offen, und der Gerichtsraum lag zu ebener
Erde. Draußen schien die Sonne. Draußen wiegte der Apfelbaum
seine Zweige, und dahinter war eine Hecke, die man überspringen
konnte, und dahinter war die Freiheit.
Der Richter schüttelte den Kopf. »Sie werden nach Frankreich
gebracht. Nicht nach Deutschland. Basel ist unsere deutsche und
unsere französische Grenze.«
»Kann ich denn nicht in Genf über die Grenze geschoben
werden?«
»Nein, das geht leider nicht. Basel ist der nächste Platz. Wir
haben unsere Anweisungen dafür. Genf ist viel weiter.«
Kern schwieg einen Moment. »Es ist bestimmt, daß ich nach
Frankreich abgeschoben werde?« fragte er dann.
»Ganz bestimmt.«
»Wird niemand, der hier ohne Papiere gefaßt wird, nach
Deutschland abgeschoben?«
»Niemand, soviel ich weiß. Das kann höchstens in den Grenzstädten einmal passieren. Aber ich habe auch davon kaum etwas
gehört.«
»Eine Frau würde doch bestimmt nicht nach Deutschland
zurückgeschickt werden?«
»Sicher nicht. Ich würde es jedenfalls niemals tun. Warum
wollen Sie das wissen?«
»Es hat keinen besonderen Grund. Ich habe nur unterwegs
auch manchmal Frauen ohne Papiere gesehen. Für die war alles
noch viel schwerer. Deshalb fragte ich.«
Der Richter nahm ein Schreiben aus den Akten und zeigte es
Kern. »Hier ist Ihr Ausweisungsbefehl. Glauben Sie nun, daß Sie
nach Frankreich gebracht werden?« – »Ja.«
Der Richter legte das Papier in den Aktendeckel zurück. »Ihr
Zug geht in zwei Stunden.«
293

»Es ist völlig unmöglich, nach Genf gebracht zu werden?«
»Völlig. Die Flüchtlinge kosten uns eine Menge Eisenbahnfahrten. Es besteht eine strikte Anweisung, sie zur nächsten Grenze
zu bringen. Ich kann Ihnen da wirklich nicht helfen.«
»Wenn ich die Reise selbst bezahlen würde, könnte ich dann
nach Genf gebracht werden?«
»Ja, das wäre möglich. Wollen Sie denn das?«
»Nein, dazu habe ich nicht genug Geld. Es war nur so eine
Frage.«
»Fragen Sie nicht zuviel«, sagte der Richter. »Eigentlich müßten
Sie auch die Fahrt nach Basel schon bezahlen, wenn Sie Geld bei
sich hätten. Ich habe davon abgesehen, das zu inquirieren.« Er
stand auf. »Leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen alles Gute! Und
hoffentlich wird alles bald anders!«
»Ja, vielleicht! Ohne das könnten wir uns ja sofort aufhängen.«
KERN HATTE KEINE Gelegenheit mehr, Ruth Nachricht zu geben.
Beer war am Tage vorher dagewesen und hatte ihm erklärt, sie
müsse noch ungefähr eine Woche im Hospital bleiben. Er beschloß, ihm sofort von der französischen Grenze aus zu schreiben. Er wußte jetzt das Wichtigste – daß Ruth auf keinen Fall
nach Deutschland abgeschoben wurde und daß sie, wenn sie
Reisegeld hatte, nach Genf gebracht werden konnte.
Pünktlich nach zwei Stunden holte ihn ein Detektiv in Zivil ab.
Sie gingen zum Bahnhof. Kern trug seinen Koffer. Beer hatte ihn
am Tage vorher aus dem Schafstall geholt und ihm gebracht.
Sie kamen an einem Gasthof vorbei. Die Fenster der Wirtsstube,
die zu ebener Erde lag, standen weit offen. Eine Zitherkapelle
spielte einen Ländler, und ein Männerchor sang dazu. Neben
dem Fenster standen zwei Sänger in Älplertracht und jodelten. Sie
294

wiegten sich dabei hin und her, einer den Arm um die Schulter
des andern.
Der Detektiv blieb stehen. Einer der Jodler brach ab. Es war
der Tenor. »Wo bleibst du denn so lange, Max?« fragte er. »Alle
warten schon.«
»Dienst!« erwiderte der Detektiv.
Der Jodler streifte Kern mit einem Blick. »So ein Mist!« brummte er mit plötzlich tiefer Stimme. »Dann ist unser Quartett heute
abend geschmissen.«
»Ausgeschlossen. Ich bin in zwanzig Minuten zurück.«
»Bestimmt?«
»Bestimmt!«
»Gut! Wir müssen den neuen Doppeljodler heute unbedingt
hinkriegen. Erkälte dich nicht!«
»Nein, nein!«
Sie gingen weiter. »Fahren Sie denn nicht mit zur Grenze?«
fragte Kern nach einiger Zeit.
»Nein. Wir haben ein neues Patent für euch.«
Sie kamen zum Bahnhof. Der Detektiv suchte den Zugführer.
»Hier ist er«, erklärte er und zeigte auf Kern. Dann übergab er
dem Zugführer den Ausweisungsbefehl. »Gute Reise, mein Herr«,
sagte er auf einmal sehr höflich und stapfte von dannen.
»Kommen Sie mit!«
Der Zugführer brachte Kern zu dem Bremserhäuschen eines
Güterwagens. »Steigen Sie hier ein.«
Die kleine Kabine enthielt nichts als einen hölzernen Sitz. Kern
schob seinen Koffer darunter auf den Boden. Der Zugführer
schloß die Tür von außen ab. »So! In Basel werden Sie ’rausgelassen.«
Er ging weiter, den schwach beleuchteten Bahnsteig entlang.
Kern schaute aus dem Fenster der Kabine. Er probierte vorsichtig,
295

ob er sich hindurchzwängen könne. Es ging nicht; das Fenster
war schmal.
Ein paar Minuten später fuhr der Zug an. Die hellen Wartesäle
glitten vorüber mit leeren Tischen und dem leeren, sinnlosen
Licht. Der Stationsvorsteher mit der roten Mütze blieb im Dunkel zurück. Ein paar geduckte Straßen schwangen vorüber, eine
Bahnschranke mit wartenden Automobilen, ein kleines Café,
in dem ein paar Leute Karten spielten – dann war die Stadt
verschwunden.
Kern setzte sich auf das hölzerne Brett. Er stellte seine Füße auf
den Koffer. Er preßte sie fest dagegen und sah aus dem Fenster.
Die Nacht draußen war dunkel und unbekannt und windig, und
er fühlte sich plötzlich sehr elend.
In Basel wurde er von einem Polizisten abgeholt und zur Zollwache gebracht. Man gab ihm zu essen. Dann fuhr er mit einem
Beamten mit der Straßenbahn nach Burgfelden. Sie kamen im
Dunkel an einem jüdischen Friedhof vorbei. Dann passierten sie
eine Ziegelei und bogen von der Chaussee ab. Nach einiger Zeit
blieb der Beamte stehen. »Hier weiter – immer geradeaus.«
Kern ging weiter. Er wußte ungefähr, wo er war, und hielt sich
in der Richtung auf St. Louis. Er versteckte sich nicht; es war ihm
gleich, ob man ihn sofort faßte.
Er verfehlte die Richtung. Erst gegen Morgen kam er in St.
Louis an. Er meldete sich sofort bei der französischen Polizei
und erklärte, nachts von Basel herübergeschoben worden zu sein.
Er mußte vermeiden, daß man ihn ins Gefängnis steckte. Das
konnte er nur, wenn er sich stets am selben Tage bei der Polizei
oder beim Zoll meldete. Dann war er nicht strafbar, und man
konnte ihn nur zurückschicken.
Die Polizei behielt ihn tagsüber in Haft. Abends schickte sie
ihn zum Grenzzollamt.
296

Es waren zwei Zollbeamte da. Einer saß an einem Tisch und
schrieb. Der andere hockte auf einer Bank neben dem Ofen. Er
rauchte Zigaretten aus schwerem algerischem Tabak und musterte Kern von Zeit zu Zeit.
»Was haben Sie in Ihrem Koffer?« fragte er nach einer Weile.
»Ein paar Sachen, die mir gehören.«
»Machen Sie ihn mal auf.«
Kern öffnete den Deckel. Der Zöllner stand auf und kam faul
heran. Dann beugte er sich interessiert über den Koffer. »Toilettewasser, Seife, Parfüm! Sieh an – haben Sie das alles aus der
Schweiz mitgebracht?«
»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie das alles selbst gebrauchen
– für ihren persönlichen Bedarf?«
»Nein. Ich habe damit gehandelt.«
»Dann müssen Sie es verzollen!« erklärte der Beamte. »Packen
Sie es aus! Diesen Kram da«, er zeigte auf die Nadeln, Schnürsenkel und die andern kleinen Sachen, »will ich Ihnen erlassen.«
Kern glaubte, er träume. »Verzollen?« frage er. »Ich soll etwas
verzollen?«
»Selbstverständlich! Sie sind doch kein diplomatischer Kurier,
was? Oder dachten Sie, ich wollte die Flaschen kaufen? Sie haben
Zollgut nach Frankreich gebracht. Los, ’raus damit jetzt!«
Der Beamte griff nach einem Zolltarif und rückte eine Waage
heran.
»Ich habe kein Geld«, sagte Kern.
»Kein Geld?« Der Beamte steckte die Hände in die Hosentaschen und wiegte sich in den Knien. »Gut, dann werden die
Sachen eben beschlagnahmt. Geben Sie sie her.«
Kern blieb auf dem Boden hocken und hielt seinen Koffer
fest. »Ich habe mich hier gemeldet, um zurück in die Schweiz zu
gehen. Ich brauche nichts zu verzollen.«
297

»Sieh mal an! Sie wollen mich wohl noch belehren, was?«
»Laß den Jungen doch in Ruhe, François!« sagte der Zöllner,
der am Tisch saß und schrieb.
»Ich denke gar reicht daran! Ein Boche, der alles besser weiß,
wie die ganze Bande drüben! Los, ’raus mit den Falschen!«
»Ich bin kein Boche!« sagte Kern.
In diesem Augenblick trat ein dritter Beamter ein. Kern sah,
daß er einen höheren Rang hatte als die beiden andern. »Was
gibt’s hier?« fragte er kurz.
Der Zöllner erklärte, was los war. Der Inspektor betrachtete
Kern. »Haben Sie sich sofort bei der Polizei gemeldet?« fragte
er.
»Ja.«
»Und Sie wollen zurück in die Schweiz?«
»Ja. Deshalb bin ich ja hier.«
Der Inspektor dachte einen Augenblick nach. »Dann kann er
nichts dafür«, entschied er. »Er ist kein Schmuggler. Er ist selbst
geschmuggelt worden. Schickt ihn zurück und damit basta.«
Er verließ den Raum. »Siehst du, François«, sagte der Zöllner,
der am Tisch saß. »Wozu regst du dich immer so auf? Es schadet
nur deiner Galle.«
François erwiderte nichts. Er starrte Kern ängstlich an. Kern
starrte zurück. Es fiel ihm plötzlich ein, daß er französisch gesprochen hatte und Franzosen verstanden hatte, und er segnete
im geheimen den russischen Professor aus dem Gefängnis in
Wien.
AM NÄCHSTEN MORGEN war er wieder in Basel. Er änderte jetzt
seine Taktik. Er ging nicht sofort morgens wieder zur Polizei. Es
konnte ihm nicht viel passieren, wenn er tagsüber in Basel blieb
und sich erst abends meldete. Für Basel aber hatte er die Adres298

senliste Binders. Es war zwar der von Emigranten überlaufenste
Platz der Schweiz, aber er beschloß trotzdem, zu versuchen, etwas
zu verdienen.
Er fing mit den Pastoren an. Es war ziemlich sicher, daß sie
ihn nicht denunzierten. Beim ersten wurde er sofort hinausgeworfen; beim zweiten erhielt er ein Butterbrot; beim dritten
fünf Franken. Er arbeitete weiter und hatte Glück – bis mittags
hatte er siebzehn Franken verdient. Er versuchte vor allem
sein letztes Parfüm und sein Toilettewasser loszuwerden, für
den Fall, daß er François noch einmal begegnen würde. Das
war schwer bei den Pastoren – aber es gelang bei den andern
Adressen. Nachmittags hatte er achtundzwanzig Franken verdient. Er ging in die katholische Kirche. Sie war offen, und sie
war der sicherste Platz, sich auszuruhen. Er hatte zwei Nächte
nicht geschlafen.
Die Kirche war halbdunkel und leer. Sie roch nach Weihrauch
und Kerzen. Kern setzte sich in eine Bank und schrieb einen Brief
an Doktor Beer. Er legte einen Brief für Ruth und Geld für sie
hinein. Dann klebte er ihn zu und steckte ihn in die Tasche. Er
fühlte sich sehr müde. Langsam rutschte er auf die Kniebank und
legte den Kopf auf das Betpult. Er wollte nur einen Augenblick
ausruhen; aber er schlief ein.
Als er erwachte, wußte er überhaupt nicht, wo er war. Er blinzelte in den matten, roten Schein des Ewigen Lichtes und fand
sich allmählich zurecht. Als er Schritte hörte, wurde er sofort
völlig wach.
Ein Geistlicher in schwarzer Priestertracht kam langsam den
Mittelgang herunter. Er blieb bei Kern stehen und sah ihn an.
Kern faltete zur Vorsicht die Hände.
»Ich wollte Sie nicht stören«, sagte der Geistliche.
»Ich wollte gerade gehen«, erwiderte Kern.
299

»Ich sah Sie von der Sakristei aus. Sie sind schon zwei Stunden
hier. Haben Sie für etwas Besonderes gebetet?«
»O ja«, sagte Kern, etwas überrascht, aber schnell gefaßt.
»Sie sind nicht von hier?« Der Geistliche blickte auf Kerns
Koffer.
»Nein.« Kern sah ihn an. Der Priester machte einen vertrauenerweckenden Eindruck. »Ich bin Emigrant. Ich muß heute
nacht über die Grenze. In dem Koffer dort habe ich Sachen, die
ich verkaufe.«
Er hatte nachmittags noch eine Flasche Toilettewasser übrigbehalten und faßte plötzlich die irrsinnige Idee, sie dem Geistlichen
in der Kirche zu verkaufen. Es war unwahrscheinlich; aber er war
an unwahrscheinliche Dinge gewöhnt. »Toilettewasser«, sagte er.
»Sehr gutes. Und sehr billig. Ich verkaufe es gerade aus.«
Er wollte seinen Koffer öffnen.
Der Priester wehrte ab. »Lassen Sie nur. Ich glaube Ihnen. Wir
wollen die Wechsler im Tempel nicht nachahmen. Ich freue mich,
daß Sie so lange gebetet haben. Kommen Sie mit in die Sakristei.
Wir haben einen kleinen Fond für bedürftige Gläubige.
Kern bekam zehn Franken. Er war etwas beschämt, aber nicht
lange. Es war ein Stück französische Eisenbahn für ihn und Ruth.
Die Pechsträhne scheint zu Ende zu sein, dachte er. Er ging in
die Kirche zurück und betete nun tatsächlich. Er wußte nicht
genau zu wem – er selbst war protestantisch, sein Vater war
Jude, und er kniete in einer katholischen Kirche – aber er fand,
daß in Zeiten wie diesen wahrscheinlich auch im Himmel ein
ziemliches Durcheinander sein mußte, und er nahm an, daß sein
Gebet schon den richtigen Weg finden würde.
Abends fuhr er mit der Eisenbahn nach Genf. Er hatte plötzlich
das Gefühl, Ruth könne schon früher aus dem Hospital entlassen
werden. Er kam morgens an, deponierte seinen Koffer am Bahn300

hof und ging zur Polizei. Dem Beamten erklärte er, gerade aus
Frankreich herübergeschoben worden zu sein. Da er seinen Ausweisungsbefehl aus der Schweiz bei sich hatte, der nur ein paar
Tage alt war, glaubte man ihm; man behielt ihn tagsüber da und
schob ihn nachts in der Richtung Cologny über die Grenze.
Er meldete sich sofort beim französischen Zollamt. »Gehen Sie
’rein«, sagte ein schläfriger Beamter. »Es ist schon jemand anders
da. Wir schicken euch gegen vier Uhr zurück.«
Kern ging in die Zollbude. »Vogt!« sagte er erstaunt. »Wie
kommen Sie denn hierher?«
Vogt hob die Schultern. »Ich belagere wieder einmal die
Schweizer Grenze.«
»Seit damals? Seit Sie zum Bahnhof in Luzern gebracht wurden?«
»Seit damals.«
Vogt sah schlecht aus. Er war mager, und seine Haut war wie
graues Papier. »Ich habe Pech«, sagte er. »Es gelingt mir nicht,
ins Gefängnis zu kommen. Dabei sind die Nächte schon so kalt,
daß ich sie nicht mehr vertrage.«
Kern setzte sich zu ihm. »Ich war im Gefängnis«, sagte er. »Und
ich bin froh, daß ich wieder draußen bin. So ist das Leben!«
Ein Gendarm brachte ihnen etwas Brot und Rotwein. Sie aßen
und schliefen sofort auf der Bank ein. Um vier Uhr morgens wurden sie geweckt und zur Grenze gebracht. Es war noch völlig dunkel. Die bereiften Felder schimmerten bleich am Wegrande.
Vogt zitterte vor Kälte. Kern zog seinen Sweater aus. »Hier,
ziehen Sie das an. Mir ist nicht kalt.«
»Wirklich nicht?«
»Nein.«
»Sie sind jung«, sagte Vogt, »das ist es.« Er streifte den Sweater
über. »Nur für die paar Stunden, bis die Sonne kommt.«
301

Kurz vor Genf verabschiedeten sie sich. Vogt wollte versuchen,
über Lausanne tiefer in die Schweiz zu kommen. Solange er in
der Nähe der Grenze war, schickte man ihn einfach zurück, und
er konnte nicht auf ein Gefängnis rechnen.
»Behalten Sie den Sweater«, sagte Kern.
»Ausgeschlossen! Das ist doch ein Kapital!«
»Ich habe noch einen. Geschenk eines Gefängnisgeistlichen in
Wien. In der Gepäckaufbewahrung in Genf.«
»Ist das wahr?«
»Natürlich. Es ist ein blauer Sweater mit einem roten Rand.
Glauben Sie es nun?«
Vogt lächelte. Er zog ein schmales Buch aus der Tasche. »Nehmen Sie das dafür.«
Es waren die Gedichte Hölderlins. »Das können Sie doch noch
viel weniger entbehren«, sagte Kern.
»Doch. Ich kann die meisten auswendig.«
Kern ging nach Genf hinein. Er schlief zwei Stunden in der
Kirche und stand um zwölf Uhr an der Hauptpost. Er wußte, daß
Ruth noch nicht kommen konnte, aber er wartete trotzdem bis
zwei Uhr. Dann zog er die Adressenliste Binders zu Rate. Er hatte
wieder Glück. Bis abends hatte er siebzehn Franken verdient, und
damit ging er zur Polizei.
Es war Sonnabend. Die Nacht war unruhig. Schon um elf Uhr
wurden zwei völlig Betrunkene eingeliefert. Sie kotzten das Lokal
an und begannen dann zu singen. Gegen ein Uhr waren sie zu
fünft. Um zwei Uhr brachte man Vogt.
»Es ist wie verhext«, sagte er melancholisch. »Immerhin, wir
sind wenigstens zu zweit.«
Eine Stunde später wurden sie abgeholt. Die Nacht war kalt.
Die Sterne flimmerten und waren sehr fern. Der halbe Mond
war klar wie geschmolzenes Metall.
302

Der Gendarm blieb stehen. »Sie biegen hier rechts ab,
dann …«
»Ich weiß«, unterbrach Kern ihn. »Ich kenne den Weg.«
»Dann alles Gute.«
Sie gingen weiter, über den schmalen Streifen Niemandsland
zwischen Grenze und Grenze.
WIDER ERWARTEN SCHICKTE man sie nicht in derselben Nacht
zurück. Man brachte sie auf die Präfektur und nahm ein Protokoll
mit ihnen auf. Dann gab man ihnen zu essen. In der folgenden
Nacht schob man sie wieder ab.
Es war windig und trübe geworden. Vogt war sehr müde. Er
sprach kaum und machte einen fast verzweifelten Eindruck. Als
sie ein Stück weit über die Grenze waren, rasteten sie in einem
Heustadel. Vogt schlief bis zum Morgen wie ein Toter.
Er wachte auf, als die Sonne aufging. Er rührte sich nicht; er
öffnete nur die Augen. Es hatte etwas sonderbar Erschütterndes
für Kern, diese schmale regungslose Gestalt unter dem dünnen
Mantel, dieses bißchen Mensch mit den groß geöffneten, stillen
Augen zu sehen.
Sie lagen auf einem sanft abfallenden Hang, von dem man einen Blick auf die morgendliche Stadt und auf den See hatte. Der
Rauch der Schornsteine stieg von den Häusern in die frische Luft
und erweckte das Gefühl von Wärme, Geborgenheit, Frühstück
und Betten. Der See blinkte in einer weichen Unruhe herauf. Vogt
betrachtete schweigend, wie die leichten, wehenden Nebel von
der Sonne eingeatmet wurden und verschwanden, und wie das
weiße Massiv des Montblanc langsam hinter den Wolkenfetzen
hervortrat und zu schimmern begann wie die hellen Mauern
eines hochgebauten, himmlischen Jerusalem.
Gegen neun Uhr brachen sie auf. Sie kamen nach Genf und
303

nahmen den Weg am See entlang. Nach einiger Zeit blieb Vogt
stehen. »Sehen Sie sich das einmal an!« sagte er.
»Was?«
Vogt zeigte auf ein palastartiges Gebäude, das in einem großen Park lag. Das mächtige Haus leuchtete in der Sonne wie
ein Schloß der Sicherheit und des wohlgefügten Lebens. Der
herrliche Park funkelte im Gold und Rot des Herbstlaubes.
Lange Reihen von Automobilen standen gestaffelt in dem breit
angelegten Einfahrtshof, und Scharen vergnügter Menschen
gingen aus und ein.
»Wunderbar«, sagte Kern. »Sieht aus, als ob der Kaiser der
Schweiz hier wohnte.«
»Wissen Sie nicht, was das ist?«
Kern schüttelte den Kopf.
»Das ist der Palast des Völkerbundes«, sagte Vogt mit einer
Stimme voller Trauer und Ironie.
Kern sah ihn überrascht an.
Vogt nickte. »Das ist der Platz, wo seit Jahren über unser
Schicksal beraten wird. Ob man uns Ausweispapiere geben und
uns wieder zu Menschen machen soll oder nicht.«
Ein offener Cadillac löste sich aus der Reihe der Automobile
und glitt der Ausfahrt zu. Eine Anzahl eleganter, jüngerer Leute
saß darin, darunter ein sehr schönes Mädchen in einem Nerzmantel. Sie lachten und winkten einem zweiten Wagen zu und
verabredeten ein Frühstück am See.
»Ja«, sagte Vogt nach einer Weile. »Verstehen Sie nun, weshalb
es so lange dauert?« – »Ja«, erwiderte Kern.
»Hoffnungslos, was?«
Kern hob die Schultern. »Ich glaube nicht, daß die es sehr eilig
haben.« Ein Pförtner kam heran und musterte Kern und Vogt
mißtrauisch. »Suchen Sie jemand?«
304

Kern schüttelte den Kopf.
»Was möchten Sie denn?« fragte der Pförtner.
Vogt sah Kern an. In seinen Augen blinkte ein müder Funken
Spott auf. »Nichts«, sagte er dann zu dem Pförtner. «Wir sind nur
Touristen. Einfache Wanderer auf Gottes Erde.«
»Dann ist es wohl besser, Sie gehen weiter«, sagte der Pförtner, dem Gedanken an verrückte Anarchisten durch den Kopf
schossen.
»Ja«, sagte Vogt. »Das ist wohl besser.«
In der Rue de Montblanc sahen sie sich die Auslagen der Geschäfte an. Vor einem Juwelierladen blieb Vogt stehen. »Ich will
mich hier verabschieden.«
»Wohin wollen Sie diesmal?« fragte Kern.
»Nicht mehr weit. Ich gehe in dieses Geschäft.«
Kern blickte verständnislos durch die Scheibe der Auslage, in
der auf grauem Samt Brillanten, Rubine und Smaragden ausgestellt waren.
»Ich glaube, Sie werden kein Glück haben«, sagte er. »Juweliere
sind bekannt hartherzig. Vielleicht, weil sie dauernd mit Steinen
umgehen. Sie geben nie etwas.«
»Ich will nichts haben. Ich will nur etwas stehlen.«
»Was?« Kern sah Vogt zweifelnd an. »Meinen Sie das im Ernst?
Damit werden Sie nicht weit kommen, so wie Sie jetzt sind.«
»Das will ich auch nicht. Deshalb tue ich es ja.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Kern.
»Sie werden es gleich verstehen. Ich habe es mir genau überlegt. Es ist die einzige Möglichkeit für mich, über den Winter zu
kommen. Ich bekomme mindestens ein paar Monate dafür. Ich
habe keine Wahl mehr. Ich bin ziemlich kaputt. Noch ein paar
Wochen Grenze geben mir den Rest. Ich muß es tun.«
»Aber …«, begann Kern.
305

»Ich weiß alles, was Sie sagen wollen.« Vogts Gesicht fiel plötzlich zusammen, als wären die Fäden gerissen, die es gehalten hatten. »Ich kann nicht mehr …«, murmelte er. »Leben Sie wohl.«
Kern sah, daß es vergeblich war, noch etwas zu sagen. Er drückte
die schwache Hand Vogts. »Hoffentlich erholen Sie sich bald.«
»Ja, hoffentlich. Das Gefängnis hier ist ganz gut.« Vogt wartete,
bis Kern ein Stück weitergegangen war. Dann betrat er das Geschäft. Kern blieb an der Straßenecke stehen und beobachtete den
Eingang, indem er tat, als warte er auf die elektrische Bahn. Nach
kurzer Zeit sah er einen jungen Mann aus dem Geschäft stürzen
und bald darauf mit einem Polizisten zurückkehren. Hoffentlich
hat er nun Ruhe, dachte er und ging weiter.
STEINER FAND KURZ hinter Wien ein Auto, das ihn bis zur Grenze
mitnahm. Er wollte nicht riskieren, seinen Paß österreichischen
Zollbeamten vorzuzeigen – deshalb stieg er ein Stück vor der
Grenze aus und ging den Rest des Weges zu Fuß. Gegen zehn
Uhr abends meldete er sich am Zollamt. Er erklärte, gerade aus
der Schweiz herübergeschoben worden zu sein.
»Schön«, sagte ein alter Zollbeamter mit einem Kaiser-FranzJoseph-Bart. »Das kennen wir. Morgen früh schicken wir Sie
zurück. Setzen Sie sich nur irgendwohin.«
Steiner setzte sich draußen vor die Zollbude und rauchte. Es war
sehr ruhig. Der Beamte, der gerade Dienst hatte, döste vor sich
hin. Nur ab und zu fuhr ein Auto durch. Ungefähr eine Stunde
später kam der Beamte mit dem Kaiserbart heraus. »Sagen Sie«,
fragte er Steiner: »Sind Sie Österreicher?«.
Steiner war sofort in Alarm. Er hatte seinen Paß in seinen Hut
eingenäht. Wie kommen Sie darauf«, sagte er ruhig. »Wenn ich
Österreicher wäre, wäre ich doch kein Emigrant.«
Der Beamte schlug sich vor die Stirn, daß sein silberner Bart
306

wackelte. »Richtig! Richtig! Was man so manchmal alles vergißt!
Ich fragte Sie nur, weil ich dachte, wenn Sie Österreicher wären,
könnten Sie vielleicht Tarock spielen.«
»Tarock spielen kann ich. Das habe ich als Kind schon gelernt,
im Krieg. Ich war eine Zeitlang in einer österreichischen Division.«
»Großartig! Großartig!« Der Kaiser Franz Joseph klopfte Steiner auf die Schulter. »Da sind Sie ja fast ein Landsmann. Wie ist
es denn? Spielen wir eine Partie? Es paßt gerade mit der Zahl.«
»Natürlich.«
Sie gingen hinein. Eine Stunde später hatte Steiner sieben
Schilling gewonnen. Er spielte nicht nach den Methoden des
Falschspielers Fred – er spielte ehrlich. Aber er spielte viel besser
als die Zollbeamten, so daß er gewinnen mußte, wenn sein Blatt
nur einigermaßen gut war.
Um elf Uhr aßen sie zusammen zu Abend. Die Zollbeamten
erklärten, es sei ihr Frühstück; ihr Dienst gehe bis morgens
acht Uhr. Das Frühstück war kräftig und gut. Dann spielten sie
weiter.
Steiner bekam ein sehr gutes Blatt. Der österreichische Zoll
spielte mit dem Mute der Verzweiflung gegen ihn. Sie kämpften,
aber sie waren fair. Um drei Uhr duzten sie sich. Und um vier
Uhr waren sie völlig familiär; die Bezeichnungen Schweinehund,
Mistvieh und Arschloch galten nicht mehr als Beleidigungen,
sondern als spontane Ausdrücke des Erstaunens, der Bewunderung und der Zuneigung.
Um fünf Uhr kam der Zöllner vom Dienst herein. »Kinder, es
ist die höchste Zeit, Josef über die Grenze zu bringen.«
Es entstand ein allgemeines Schweigen. Aller Augen richteten
sich auf das Geld, das vor Steiner lag. Schließlich machte der
Kaiser Franz Joseph eine Bewegung. »Gewonnen ist gewonnen«,
307

sagte er resigniert. »Er hat uns ausgemistet. Nun zieht er davon
wie eine Herbstschwalbe, dieser Galgenstrick!«
»Ich hatte gute Karten«, erwiderte Steiner. »Verdammt gute
Karten.«
»Das ist es ja gerade«, sagte Kaiser Franz Joseph melancholisch.
»Du hast gute Karten gehabt. Morgen hätten wir vielleicht gute
Karten. Dann bist du aber nicht mehr da. Darin liegt irgendeine
Ungerechtigkeit.«
»Das stimmt. Aber wo gibt es schon Gerechtigkeit, Brüder?«
»Die Gerechtigkeit beim Kartenspielen liegt darin, daß der
Gewinner Revanche geben muß. Wenn er dann wieder gewinnt,
kannst du nichts machen. Aber so …« Kaiser Franz Joseph hob
die Hände und hielt sie flach in die Luft. »Es hat was Unbefriedigendes so …«
»Aber Kinder«, sagte Steiner. »Wenn es das allein ist! Ihr schiebt
mich über die Grenze, morgen abend schieben die Schweizer
mich zurück – und ich gebe euch Revanche!«
Kaiser Franz Joseph klappte seine ausgestreckten Hände zusammen. Es schallte nur so durch den Raum. »Das war es!« stöhnte
er erlöst. »Wir selbst konnten es dir nicht vorschlagen, verstehst
du? Weil wir ja eine Behörde sind. Wir dürfen dich nicht verleiten,
die Grenze wieder zu überschreiten. Wenn du von selbst kommst,
das ist was andres!«
»Ich komme«, sagte Steiner. »Ihr könnt euch drauf verlassen.«
Er meldete sich beim Schweizer Grenzposten und erklärte,
nachts wieder nach Österreich zurückzuwollen. Man schickte ihn
nicht zur Polizei, sondern behielt ihn da. Es war Sonntag. Gleich
neben der Zollwache war ein kleines Wirtshaus. Nachmittags war
viel zu tun; aber abends nach acht Uhr wurde es still.
Ein paar Zollbeamte, die Urlaub hatten, hockten in der Wirts308

stube herum. Sie hatten ihre Kameraden besucht und begannen, nun Jaß zu spielen. Ehe Steiner sich dessen versah, war er
dabei.
Die Schweizer waren wunderbare Spieler. Sie hatten eine eiserne
Ruhe und enormes Glück. Um zehn Uhr hatten sie Steiner bereits
acht Franken abgenommen; gegen Mitternacht holte er fünf auf.
Aber um zwei Uhr nachts, als das Restaurant geschlossen wurde,
hatte er dreizehn Franken verloren.
Die Schweizer traktierten ihn mit ein paar großen Gläsern
Kirschwasser. Er konnte sie brauchen; denn die Nacht war sehr
frisch, und er mußte den Rhein durchwaten.
Auf der andern Seite gewahrte er vor dem Himmel eine dunkle
Gestalt. Es war der Kaiser Franz Joseph. Der Mond stand hinter
seinem Kopf wie ein Heiligenschein.
Steiner trocknete sich ab. Ihm klapperten die Zähne. Er trank
den Rest des Kirschwassers aus, das ihm die Schweizer gegeben
hatten, und zog sich an. Dann ging er auf die einsame Gestalt
zu.
»Wo bleibst du nur?« begrüßte ihn Franz Joseph. »Ich warte
schon seit eins auf dich. Wir dachten, du könntest dich verirren,
deshalb stehe ich hier!«
Steiner lachte. »Die Schweizer haben mich aufgehalten.«
»Na, dann komm rasch! Wir haben ja nur noch zweieinhalb
Stunden.«
Die Schlacht begann sofort. Um fünf Uhr war sie noch unentschieden; die Österreicher hatten gerade gute Karten bekommen.
Der Kaiser Franz Joseph warf sein Blatt auf den Tisch. »So eine
Gemeinheit. Gerade jetzt!«
Er zog seinen Mantel an und schnallte sein Koppel um. »Komm,
Sepp! Es hilft nichts. Dienst ist Dienst! Wir müssen dich abschieben!«
309

Steiner und er gingen der Grenze zu. Franz Joseph paffte eine
würzige Virginia. »Weißt du«, sagte er nach einer Weile, »ich
habe das Gefühl, die Schweizer passen heute nacht besonders
scharf auf. Sie warten, daß du wieder ’rüberkommst, glaubst du
nicht?«
»Leicht möglich«, erwiderte Steiner.
»Es könnte sein, daß es vernünftig wäre, dich erst morgen nacht
zu schicken. Dann glauben sie, daß du bei uns durchgekommen
bist, und passen nicht mehr so auf.«
»Das ist klar.«
Franz Joseph blieb stehen. »Siehst du da hinten? Da hat was
geblitzt! Das war eine Taschenlampe. Da, jetzt drüben auch! Hast
du gesehen?«
»Ganz deutlich!« Steiner grinste. Er hatte nichts gesehen. Aber
er wußte, was der alte Zollbeamte wollte.
Franz Joseph kratzte seinen silbernen Bart. Dann blinzelte er
Steiner schlau zu. »Du kommst nicht durch, das ist klar, meinst
du nicht auch? Wir müssen zurück, Sepp! Es tut mir leid, aber
die ganze Grenze ist schwer besetzt. Wir können gar nichts anderes machen, als bis morgen warten. Ich werde eine Meldung
machen!«
»Gut.«
Sie spielten bis acht Uhr morgens. Steiner verlor siebzehn
Schilling, aber er hatte noch zweiundzwanzig im voraus. Franz
Joseph schrieb seine Meldung und übergab Steiner dann den
ablösenden Zöllnern.
Die Tageszöllner waren dienstlich und sehr förmlich. Sie
sperrten Steiner in die Polizeiwache. Er schlief dort den ganzen
Tag. Punkt acht Uhr erschien Kaiser Franz Joseph, um ihn im
Triumph zur Zollbude zurückzuholen.
Es wurde kurz, aber kräftig gegessen – dann begann der Kampf.
310

Alle zwei Stunden wurde einer der Zöllner ausgewechselt gegen
den, der dann vom Dienst zurückkam. Steiner blieb bis morgens
um fünf Uhr am Tisch sitzen. Um zwölf Uhr fünfzehn verbrannte
Kaiser Franz Joseph in der Aufregung die obere Krause seines
Bartes. Er hatte gedacht, es wäre eine Zigarette in seinem Mund,
und hatte versucht, sie anzuzünden. Es war eine Sinnestäuschung,
weil er eine Stunde lang nur Pik und Kreuz bekommen hatte. Er
sah schwarz, wo gar nichts war.
Steiner schlachtete den Zoll ab. Er weidete ihn aus, besonders
zwischen drei und fünf Uhr. Franz Joseph holte in seiner Verzweiflung Verstärkung heran. Er telefonierte dem Tarockchampion von Buchs, der mit seinem Motorrad angebraust kam. Es
nützte nichts; Steiner nahm auch ihn aus. Zum erstenmal, seit er
ihn kannte, war Gott mit dem Bedürftigen; Steiner hatte eine Karte, daß er nur eins bedauerte: nicht mit Millionären zu spielen.
Um fünf Uhr ging es in die letzten Runden. Dann wurden die
Karten eingesammelt. Steiner hatte einhundertsechs Schilling
gewonnen.
Der Champion von Buchs sauste grußlos mit seinem Motorrad ab. Steiner und der Kaiser Franz Joseph gingen zur Grenze.
Franz Joseph zeigte ihm einen anderen Weg als zwei Nächte
vorher. »Nimm diese Richtung«, sagte er. »Sieh zu, daß du dich
morgens versteckst. Nachmittags kannst du dann zum Bahnhof
weitergehen. Du hast ja jetzt Geld. Und laß dich nie wieder hier
blicken, du Straßenräuber!« fügte er mit Grabesstimme hinzu.
»Wir müssen sonst um eine Gehaltserhöhung einkommen.«
»Gut. Ich gebe euch noch mal irgendwann Revanche.«
»Nicht im Tarock. Davon haben wir genug. In Schach meinetwegen oder Blindekuh.«
Steiner passierte die Grenze. Er überlegte, ob er noch zum
Schweizer Zoll gehen und Revanche verlangen sollte. Aber er
311

wußte, daß er verlieren würde. Er beschloß, nach Murten zu
fahren und nach Kern zu sehen. Es lag am Wege nach Paris und
war kein großer Umweg.
KERN GING LANGSAM auf die Hauptpost zu. Er war müde. Die
letzten Nächte hatte er kaum schlafen können. Ruth hätte schon
vor drei Tagen da sein müssen. Er hatte die ganze Zeit nichts von
ihr gehört. Sie hatte nicht geschrieben. Er hatte immer geglaubt, es
hätte irgendeine andere Ursache, und sich tausend Gründe dafür
ausgedacht – aber jetzt, auf einmal, glaubte er, daß sie nicht mehr
käme. Er fühlte sich sonderbar ausgelöscht. Der Lärm der Straße
sickerte von weit her in seine dumpfe, gestaltlose Traurigkeit, und
automatisch setzte er Fuß vor Fuß.
Es dauerte eine Weile, ehe er den blauen Mantel erkannte. Er
blieb stehen. Irgendein blauer Mantel, dachte er, einer von den
hundert blauen Mänteln, die mich in dieser Woche verrückt
gemacht haben! Er sah weg und wieder hin. Kassenboten und
eine dicke Frau, die mit Paketen beladen war, versperrten ihm
den Blick. Er hielt den Atem an. Er spürte, daß er zitterte. Der
blaue Mantel tanzte vor seinen Augen zwischen roten Gesichtern, Hüten, Fahrrädern, Paketen, Menschen, die sich unablässig
dazwischenschoben. Er ging vorsichtig weiter, als schritte er über
ein Seil und fürchtete jede Sekunde abzustürzen. Selbst als Ruth
sich umdrehte und er ihr Gesicht sah, glaubte er noch an eine entsetzliche Ähnlichkeit und eine Täuschung der Phantasie. Erst als
ihr Gesicht sich veränderte, stürzte er vorwärts, ihr entgegen.
»Ruth! Du bist da! Du bist da! Du wartest und ich bin nicht
da!«
Er hielt sie fest in seinen Armen und fühlte, wie sie ihn hielt. Sie
klammerten sich aneinander, als stünden sie auf einer schmalen
Bergeskuppe und der Sturm reiße an ihnen, um sie herunterzu312

wehen. Sie standen mitten in der Tür der Hauptpost von Genf,
zur Zeit des größten Verkehrs, und Leute drängten an ihnen
vorüber, stießen sie an, drehten sich erstaunt um und lachten
– sie merkten es nicht. Sie waren allein. Erst als Kern in seinem
Blickfeld eine Uniform auftauchen sah, wurde er sofort wach.
Er ließ Ruth los.
»Komm rasch!« flüsterte er. »In die Post! Ehe etwas passiert!«
Sie tauchten eilig im Gedränge unter. »Komm hierher!«
Sie stellten sich an das Ende einer Reihe von Leuten, die vor
einem Briefmarkenschalter warteten. »Wann bist du angekommen?« fragte Kern. Die Hauptpost in Genf war ihm noch nie so
hell erschienen.
»Heute morgen.«
»Haben sie dich erst nach Basel gebracht? Oder direkt hierher?«
»Nein. Man hat mir in Murten eine Aufenthaltserlaubnis für
drei Tage gegeben. Da bin ich gleich hierhergefahren.«
»Wunderbar! Eine Aufenthaltserlaubnis sogar! Da brauchst du
überhaupt keine Angst zu haben! Ich sah dich schon allein an der
Grenze. Du bist blaß und schmal geworden, Ruth!«
»Ich bin aber wieder ganz gesund. Sehe ich häßlicher aus?«
»Nein, viel schöner! Du bist jedesmal schöner, wenn ich dich
wiedersehe! Hast du Hunger?«
»Ja«, sagte Ruth. »Hunger nach allem; dich zu sehen, über
Straßen zu gehen, nach Luft und Sprechen.«
»Dann wollen wir gleich essen gehen. Ich weiß ein kleines
Restaurant. Da gibt es frische Fische aus dem See. Wie in Luzern.« Kern strahlte. »Die Schweiz hat so viele Seen. Wo ist dein
Gepäck?«
»Am Bahnhof natürlich! Ich bin doch ein alter, gelernter Vagabund.«
313

»Ja! Ich bin stolz auf dich! Ruth, jetzt kommt deine erste illegale
Grenze. Das ist ungefähr wie das Abitur. Hast du Angst?«
»Überhaupt nicht.«
»Das brauchst du auch nicht. Diese Grenze kenne ich wie meine
Brieftasche. Ich weiß alles. Ich habe sogar schon Fahrkarten. In
Frankreich gekauft, vorgestern. Alles ist vorbereitet. Ich kenne den
Bahnhof ganz genau. Wir bleiben in einer kleinen Kneipe, die
sicher ist, und gehen erst im letzten Moment direkt zum Zug.«
»Du hast schon Fahrkarten? Wo hast du denn das Geld dazu
her? Du hast mir doch so viel geschickt?«
»Ich habe in meiner Verzweiflung die Schweizer Geistlichkeit
ausgeplündert. Ich bin wie ein Gangster durch Basel und Genf
gebraust. Für ein halbes Jahr darf ich mich jetzt hier nicht mehr
sehen lassen.«
Ruth lachte. »Ich bringe auch etwas Geld mit. Doktor Beer hat
es von einer Flüchtlingshilfe für mich geholt.«
Sie standen dicht nebeneinander und rückten langsam in der
Kette der Wartenden vor. Kern hielt Ruths herabhängende Hand
fest in der seinen. Sie sprachen leise, mit unterdrückten Stimmen, und bemühten sich, möglichst gleichmütig und unbeteiligt
auszusehen.
»Wir scheinen ein unheimliches Glück zu haben«, sagte Kern.
»Du kommst nicht nur wieder – mit einer Aufenthaltsgenehmigung – du bringst sogar noch Geld mit! Weshalb hast du mir
denn nicht geschrieben. Konntest du es nicht?«
»Ich hatte Angst! Ich dachte, man könnte dich fassen, wenn du
die Briefe abholtest. Beer hat mir die Sache mit Ammers erzählt.
Er glaubte auch, es wäre besser, nicht zu schreiben. Ich habe dir
viele Briefe geschrieben, Ludwig. Ich habe immerfort an dich
geschrieben – ohne Bleistift und Papier. Du weißt das, nicht
wahr?« Sie sah ihn an.
314

Kern drückte ihre Hand. »Ich weiß es. Hast du schon ein Zimmer?«
»Nein. Ich bin gleich von der Bahn hierhergegangen.«
»Ja, nur …« Kern zögerte einen Moment. »Weißt du, ich bin in
den letzten Tagen so eine Art Nachtwandler geworden. Ich wollte
nichts riskieren. Da habe ich mehr die staatlichen Pensionen
benutzt.« Er bemerkte Ruths Blick. »Nein, nein«, sagte er, »nicht
das Gefängnis. Die Zollwachen. Man schläft dort sehr gut. Warm
vor allem. Alle Zollwachen sind prima geheizt, wenn es kalt wird.
Das ist aber nichts für dich. Du hast eine Aufenthaltserlaubnis
– für dich könnten wir großartig ein Zimmer im Grand Hotel
Bellevue nehmen. Da wohnen die Vertreter des Völkerbundes.
Minister und ähnlich unnützes Volk.«
»Das werden wir nicht tun. Ich bleibe bei dir. Wenn du glaubst,
daß es gefährlich ist, laß uns heute nacht noch weggehen.«
»Was?« fragte der Postbeamte hinter dem Schalter ungeduldig.
Sie waren bis zum Fenster vorgerückt, ohne darauf zu achten.
»Eine Briefmarke für zehn Centimes«, sagte Kern, rasch gefaßt.
Der Beamte schob die Marke hinüber. Kern zahlte, und sie
gingen dem Ausgang zu. »Was willst du denn mit der Marke
machen?« fragte Ruth.
»Ich weiß nicht. Ich habe sie nur so gekauft. Ich reagiere automatisch, wenn ich eine Uniform sehe.« Kern betrachtete die
Marke. Die Teufelsfälle am Gotthard waren darauf abgebildet.
»Ich könnte einen anonymen Schmähbrief an Ammers schreiben«, erklärte er.
»Ammers …«, sagte Ruth. »Weißt du, daß er bei Beer in Behandlung ist?«
»Was? Ist das wahr?« Kern starrte sie an. »Jetzt sag noch wegen
Leberbeschwerden, und ich stehe vor Jubel kopf.«
315

Ruth lachte. Sie lachte so, daß sie sich bog wie eine Weide im
Wind. »Ja – es ist wahr! Deshalb ist er ja bei Beer! Beer ist der
einzige Spezialist in Murten. Denk dir, das macht dem Ammers
noch Gewissensbeschwerden dazu – daß er zu einem jüdischen
Arzt gehen muß!«
»Großer Gott! Das ist ein stolzer Moment in meinem Leben!
Steiner hat mir einmal gesagt, Liebe und Rache gleichzeitig
wäre das Seltenste in der Welt. Hier stehe ich, auf den Stufen der
Hauptpost in Genf, und habe es! Vielleicht sitzt auch Binding jetzt
gerade im Gefängnis oder hat sich ein Bein gebrochen!«
»Oder man hat ihm sein Geld gestohlen.«
»Noch besser! Du hast gute Ideen, Ruth!«
Sie gingen die Stufen hinunter. »Dicker Verkehr ist am besten«,
sagte Kern. »Da kann einem kaum was passieren.«
»Gehen wir heute nacht über die Grenze?« fragte Ruth.
»Nein. Du mußt dich erst ausruhen und schlafen. Es ist ein
langer Weg.«
»Und du! Mußt du nicht schlafen? Wir können doch eine
Pension nehmen, die in Binders Liste steht. Ist es wirklich so
gefährlich?«
»Ich weiß es nicht mehr«, sagte Kern. »Ich glaube nicht. So
dicht an der Grenze kann nicht viel passieren. Ich bin schon zu
oft hin und her gegangen. Sie können uns höchstens zum Zoll
bringen, das ist alles. Und wenn es auch etwas gefährlich wäre
– ich würde heute nicht allein noch einmal losgehen, glaube ich.
Mittags um zwölf Uhr fünfzehn mitten im Verkehr ist man noch
stark in seinen Vorsätzen – aber abends, wenn es dunkel wird, ist
alles anders. Es wird ohnehin jede Minute unwahrscheinlicher.
Du bist wieder da – wie kann man da freiwillig weggehen!«
»Ich wäre auch nicht allein hiergeblieben«, sagte Ruth.
316

16

Es gelang Kern und Ruth, unbemerkt die Grenze zu
überschreiten und in Bellegarde die Bahn zu erreichen.
Sie kamen abends in Paris an und standen vor dem
Bahnhof, ohne zu wissen wohin.
»Mut, Ruth!« sagte Kern. »Wir werden in irgendein kleines
Hotel gehen. Heute ist es zu spät, etwas anderes zu versuchen.
Morgen sehen wir dann weiter.«
Ruth nickte. Sie war müde von der Nacht und der Fahrt. Gehen
wir in irgendein Hotel.«
Sie fanden in einer Seitenstraße ein rot aufleuchtendes Glasschild; Hotel Habana. Kern ging hinein und fragte, was ein Zimmer koste. – »Für die ganze Nacht?« fragte der Portier.
»Ja, natürlich«, erwiderte Kern verwundert.
»Fünfundzwanzig Francs.«
»Für zwei Personen?« fragte Kern.
»Ja, natürlich«, erwiderte der Portier, jetzt seinerseits verwundert.
Kern ging hinaus, um Ruth zu holen. Der Portier warf einen
raschen Blick auf beide und schob Kern dann ein Anmeldeformular hin. Als er sah, daß Kern unentschlossen zögerte, lächelte
er und sagte: »Es kommt nicht so genau darauf an.«
Kern schrieb sich erleichtert als Ludwig Oppenheim ein. »Das
genügt«, sagte der Portier. »Fünfundzwanzig Francs.«
Kern zahlte, und ein Junge führte sie hinauf. Das Zimmer war
klein, sauber und sogar von einer gewissen Eleganz. Es enthielt
ein großes, bequemes Bett, zwei Waschtische, einen Sessel, aber
keinen Schrank. »Wir kommen auch ohne Schrank aus«, sagte
Kern und ging zum Fenster, um hinauszuschauen. Dann wendete
er sich um. »Nun sind wir in Paris, Ruth.«
»Ja«, erwiderte sie und lächelte ihn an. »Und wie schnell das
alles ging.«
317

»Mit den Anmeldezetteln brauchen wir hier nicht viel Sorge
zu haben. Hast du gehört, wie ich Französisch gesprochen habe?
Ich habe alles verstanden, was der Portier gesagt hat.«
»Du warst wunderbar!« erwiderte Ruth. »Ich hätte den Mund
nicht aufbekommen.«
»Dabei sprichst du viel besser Französisch als ich. Ich bin nur
frecher als du, das ist alles! Komm, jetzt gehen wir essen. Eine
Stadt erscheint einem so lange feindlich, bis man in ihr gegessen
und getrunken hat.«
Sie gingen in ein kleines, hell erleuchtetes Bistro in der Nähe.
Es glänzte von Spiegeln und roch nach Sägespänen und Anis.
Sie bekamen für sechs Francs eine volle Mahlzeit und eine Karaffe
roten Wein dazu. Er war billig und gut. Sie hatten den ganzen
Tag kaum etwas gegessen, und der Wein stieg ihnen zu Kopf und
machte sie so müde, daß sie bald zum Hotel zurückgingen.
IM VORRAUM BEIM Portier standen ein Mädchen in einem Pelzmantel und ein etwas angetrunkener Mann. Sie verhandelten mit
dem Portier. Das Mädchen war hübsch und gut geschminkt. Es
sah Ruth verächtlich an. Der Mann rauchte eine Zigarre und trat
nicht beiseite, als Kern den Zimmerschlüssel verlangte.
»Scheint ziemlich elegant hier zu sein«, sagte Kern, als sie die
Treppen hinaufstiegen. »Hast du den Pelzmantel gesehen?«
»Ja, Ludwig.« Ruth lächelte. »Es war eine Imitation. Einfache
Katze. So etwas kostet nicht viel mehr als ein guter Tuchmantel.«
»Das hätte ich nie gesehen. Ich hätte es für Nerz gehalten.«
Kern knipste den Lichtschalter an. Ruth ließ ihre Tasche und
ihren Mantel zu Boden fallen und legte ihre Arme um seinen
Nacken und ihr Gesicht an sein Gesicht. »Ich bin müde«, sagte
sie, »müde und glücklich und etwas furchtsam und am meisten
müde. Hilf mir und bring mich zu Bett.«
318

»Ja.«
Sie lagen im Dunkel nebeneinander. Ruth legte ihren Kopf an
Kerns Schulter und schlief mit einem tiefen Seufzer wie ein Kind
sofort ein. Kern lag noch eine Zeitlang wach und hörte auf ihren
Atem. Dann schlief auch er ein.
Irgend etwas weckte ihn. Er flog hoch und lauschte. Draußen
war Lärm. Sein Herz setzte aus; er glaubte, es sei die Polizei. Rasch
sprang er aus dem Bett, lief zur Tür, öffnete sie eine Handbreit
und spähte hinaus. Jemand schrie unten etwas, und eine wütende,
hohe Frauenstimme antwortete in schrillem Französisch. Nach
einiger Zeit kam der Portier herauf.
»Was ist los?« fragte Kern erregt durch den Türspalt.
Der Portier sah ihn träge erstaunt an. »Nichts, ein Betrunkener,
der nicht zahlen wollte.«
»Sonst nichts?«
»Was soll sonst sein. So was kommt schon vor. Haben Sie weiter
nichts zu tun?«
Er schloß die Tür nebenan auf und ließ einen Mann mit einem
pechschwarzen Schnurrbart und eine wogende, blonde Frau, die
hinter ihm hergekommen waren, eintreten. Kern schloß den Spalt
und tastete sich im Dunkeln zurück. Er stieß gegen das Bett, und
als er sich aufstützte, spürte er plötzlich Ruths weiche Brust unter
seiner Hand. Prag, dachte er, und eine Welle von Liebe überstürzte
ihn. Im selben Moment erzitterte die Brust, Ruth stemmte sich auf
die Ellenbogen, und eine fremde, angstvolle, ganz enge Stimme
flüsterte: »Was … was ist? Um Gottes willen!« und verstummte,
und nur der Atem keuchte im Dunkel.
»Ich bin es, Ruth«, sagte Kern und legte sich in das Bett. »Ich
bin es, ich habe dich erschreckt.«
»Ach so«, murmelte sie, und ihre Ellenbogen gaben nach.
Sie schlief sofort wieder ein. Ihr heißes Gesicht lag an Kerns
319

Schulter. Das haben sie nun schon aus dir gemacht, dachte er
erbittert. Damals in Prag fragtest du nur leise: Wer ist da? -aber
jetzt zitterst du bereits und hast Angst …
»Zieh dich ganz aus«, sagte eine fette Männerstimme im Zimmer nebenan. »Ich bin scharf auf deinen dicken Hintern.«
Die Frau lachte. »Da kann ich dir was bieten.«
Kern horchte. Er wußte jetzt, wo er war. In einem Stundenhotel.
Vorsichtig spähte er zu Ruth hinüber. Sie schien nichts gehört zu
haben. »Ruth«, sagte er fast lautlos, »du geliebtes, kleines, müdes
Pony … schlaf weiter und wach nicht auf. Das da drüben hat
mit uns nichts zu tun. Ich liebe dich und du liebst mich, und wir
sind allein …«
»Verdammt!« Ein Klatschen drang durch die dünne Wand.
»Das ist Klasse, Donnerwetter noch mal! Wie Stein!«
»Au! Du Schwein! Du bist schon ein tolles Schwein!« johlte
die Frau.
»Natürlich! Dachtest du, ich wäre aus Pappe?«
»Wir sind gar nicht hier«, flüsterte Kern. »Ruth, wir sind gar
nicht hier. Wir liegen auf einer Wiese in der Sonne, und rund
um uns blühen Kamillen und Klatschmohn und Wegerich. Ein
Kuckuck ruft, und bunte Schmetterlinge fliegen über dein Gesicht …«
»Andersrum! Laß das Licht an!« quetschte die fette Stimme
nebenan.
»Was willst du denn jetzt? Ah!« Die Frau kreischte vor Lachen.
»In einem kleinen Bauernhaus sind wir«, flüsterte Kern. »Es
ist Abend, und wir haben saure Milch gegessen und frisches
Brot. Die Dämmerung weht über unsere Gesichter, es ist still,
wir warten auf die Nacht, wir sind ruhig und wissen, daß wir
uns lieben …«
320

Nebenan begann Radau und Knarren und Schreien.
»Ich lehne den Kopf an deine Knie und fühle deine Hände auf
meinem Haar. Du hast keine Angst mehr, du hast einen Paß, und
alle Polizisten grüßen unsere Gesichter, es ist still, wir warten auf die
Nacht, wir sind ruhig und wissen, daß wir uns lieben … ich …«
Schritte kamen über den Korridor. An der anderen Seite des
Zimmers, die bisher ruhig gewesen war, rasselte ein Schlüssel.
»Danke«, sagte der Portier, »besten Dank.«
»Was schenkst du mir, Schatz?« fragte eine gelangweilte Stimme.
»Viel habe ich nicht«, erwiderte ein Mann. »Wie wär’s mit
einem Fünfziger?«
»Du bist verrückt. Unter hundert mache ich keinen Knopf
auf.«
»Aber Kind …« Die Stimme wurde zu einem kehligen Raunen.
»Wir haben Ferien und sind an der See«, sagte Kern leise und
eindringlich. »Du hast gebadet und bist im heißen Sande eingeschlafen. Das Meer ist blau, und am Horizont sieht man ein
weißes Segel. Die Möwen schreien und der Wind weht …«
Irgend etwas polterte gegen die Wand. Ruth zuckte. »Was ist?«
fragte sie schlaftrunken.
»Nichts, nichts! Schlaf, Ruth.«
»Du bist da, ja?«
»Ich bin immer da und liebe dich.«
»Ja, liebe mich …«
Sie schlief wieder ein. »Du bist bei mir und ich bin bei dir, und
all der Dreck geht uns nichts an, der Dreck, durch den sie uns
jagen«, flüsterte Kern durch den schmutzigen Lärm des Stundenhotels. »Wir sind allein und jung, und unser Schlaf ist rein, Ruth,
geliebtes Pony von den blühenden Feldern der Liebe.«
321

Kern kam aus dem Büro der Flüchtlingshilfe. Er hatte nichts
anderes erwartet als das, was er gehört hatte. An eine Aufenthaltserlaubnis war nicht zu denken. An Unterstützungen nur im
äußersten Fall. Arbeit mit und ohne Aufenthaltserlaubnis war
selbstverständlich verboten.
Kern war nicht besonders niedergeschlagen. Es war in allen
Ländern das gleiche. Trotzdem lebten Tausende von Emigranten,
die den Gesetzen nach längst verhungert sein mußten.
Er blieb eine Zeitlang im Vorzimmer des Büros stehen. Der
Raum war gedrängt voll Menschen. Kern betrachtete sie der
Reihe nach genau. Dann ging er auf einen Mann zu, der etwas
abseits saß und einen ruhigen, überlegeneren Eindruck machte.
»Verzeihen Sie«, sagte er. »Ich möchte Sie etwas fragen. Können
Sie mir sagen, wo man wohnen kann, ohne angemeldet zu sein?
Ich bin erst seit gestern in Paris.«
»Haben Sie Geld?« fragte der Mann, ohne im geringsten erstaunt zu sein.
»Etwas.«
»Können Sie sechs Francs am Tag für ein Zimmer bezahlen?«
»Vorläufig ja.«
»Dann gehen Sie in das Hotel Verdun in der Rue de Turenne.
Sagen Sie der Wirtin, ich schicke sie. Ich heiße Klassmann. Doktor
Klassmann«, fügte der Mann mit trübem Spott hinzu.
»Ist das Verdun sicher vor Polizei?«
»Sicher ist nichts. Man füllt Anmeldezettel ohne Datum aus, die
nicht zur Polizei gegeben werden. Sollte revidiert werden, sind
Sie immer gerade am selben Tage angekommen, und die Zettel
sollten am nächsten Morgen zur Polizei geschickt werden, verstehen Sie? Die Hauptsache ist, daß man Sie nicht gerade erwischt.
Dafür gibt es einen prima unterirdischen Gang. Sie werden das
322

schon sehen. Das Verdun ist kein Hotel – es ist etwas, was Gott
schon vor fünfzig Jahren in weiser Voraussicht für die Emigranten
geschaffen hat. Haben Sie Ihre Zeitung schon gelesen?«
»Ja.«
»Dann geben Sie sie mir. Damit sind wir dann quitt.«
»Gut. Danke vielmals.«
Kern ging zu Ruth, die in einem Café an der nächsten Ecke auf
ihn gewartet hatte. Sie hatte einen Stadtplan und eine französische Grammatik vor sich. »Hier«, sagte sie, »das habe ich mir in
einer Buchhandlung inzwischen gekauft. Billig. Antiquarisch. Ich
glaube, es sind die beiden Waffen, die wir brauchen, um Paris zu
erobern.«
»Exakt. Wir wollen sie sofort benutzen. Laß uns nachsehen, wo
die Rue de Turenne ist.«
Das Hotel Verdun war ein altes, baufälliges Haus, von dem der
Verputz in großen Stücken herabgefallen war. Es hatte eine kleine
Eingangstür, hinter der sich eine Loge befand, in der die Wirtin,
eine hagere, schwarzgekleidete Frau, saß.
Kern brachte in stockendem Französisch sein Anliegen vor. Die
Wirtin musterte beide mit glänzenden, schwarzen Vogelaugen von
oben bis unten. »Mit oder ohne Pension?« fragte sie dann kurz.
»Was kostet es mit Pension?«
»Zwanzig Francs pro Person. Drei Mahlzeiten. Frühstück auf
dem Zimmer, die andern im Speisesaal.«
»Ich glaube, wir nehmen für den ersten Tag mit Pension«, sagte
Kern auf deutsch zu Ruth. »Wir können das ja immer noch ändern. Die Hauptsache, daß wir zunächst mal unterkommen.«
Ruth nickte.
»Also mit Pension«, sagte Kern. »Ist ein Unterschied im Preis,
wenn wir ein Zimmer nehmen?«
323

Die Wirtin schüttelte den Kopf. »Doppelzimmer sind nicht
frei. Sie haben hunderteinundvierzig und zweiundvierzig.«
Sie warf zwei Schlüssel auf den Tisch. »Zahlung jeden Tag. Im
voraus.«
»Gut.« Kern schrieb die Anmeldeformulare ohne Datum aus.
Dann zahlte er und nahm die Schlüssel. Sie hingen an riesigen
Holzklötzen, auf die die Nummern eingebrannt waren.
Die beiden Zimmer lagen nebeneinander. Es waren schmale
einbettige Kammern nach dem Hof hinaus. Das Zimmer im
Hotel Habana war ein Palast dagegen gewesen.
Kern sah sich um. »Das sind richtige Emigrantenbuden«, sagte
er. »Trostlos, aber anheimelnd. Sie versprechen nicht mehr, als
sie halten wollen. Was meinst du?«
»Ich finde sie großartig«, erwiderte Ruth. »Jeder hat ein Zimmer
und ein Bett. Denk nur, wie es in Prag war! Zu dritt und viert in
einem Zimmer.«
»Richtig, das hatte ich ganz vergessen. Ich dachte eben an die
Wohnung der Familie Neumann in Zürich.«
Ruth lachte. »Und ich an die Scheune, in der wir naßgeregnet
wurden.«
»Du denkst besser als ich. Aber du weißt, weshalb ich so denke?«
»Ja«, sagte Ruth, »aber es ist falsch, und es beleidigt mich.
Wir werden etwas Seidenpapier kaufen und daraus herrliche
Lampenschirme machen. Wir werden hier Französisch lernen
an diesem Tisch und draußen über dem Dach ein Stück Himmel sehen. Wir werden schlafen in diesen Betten, die die besten
der Welt sein sollen, und aufwachen, und wenn wir am Fenster
stehen, dann wird dieser schmutzige Hof voller Romantik sein,
denn es ist ein Hof in Paris.«
»Gut!« sagte Kern. »Dann wollen wir jetzt in den Speisesaal
324

gehen. Dort gibt es französisches Essen. Es soll ebenfalls das
beste der Welt sein!«
Der Speisesaal des Hotels Verdun befand sich im Kellergeschoß.
Er wurde von den Gästen deshalb als die Katakombe bezeichnet.
Man hatte einen langen, verwickelten Weg, um hinzukommen
– über Treppen, durch Gänge und sonderbare, seit Jahrzehnten
eingemottete Zimmer, in denen die Luft stillstand wie Wasser in
einem moorigen Teich. Er war ziemlich groß; denn er gehörte
gleichzeitig zum Hotel International, das nebenan lag und der
Schwester der Wirtin gehörte.
Dieser gemeinsame Speisesaal war die Attraktion der beiden
baufälligen Hotels. Es war für die Emigranten das, was die Katakomben im alten Rom für die Christen waren. Wurde im International kontrolliert, so verschwand alles durch den Speisesaal
zum Verdun hinüber; und umgekehrt ebenso. Der gemeinsame
Keller war die Rettung.
Kern und Ruth blieben einen Moment unschlüssig an der Tür
stehen. Es war Mittag, aber der Speisesaal war, da er keine Fenster
hatte, erleuchtet. Das elektrische Licht wirkte merkwürdig verloren und krank um diese Stunde – als wäre ein Stück Zeit vom
Abend vorher übriggeblieben und vergessen worden.
»Da ist ja Marill!« sagte Kern.
»Wo?« – »Drüben, neben der Lampe! So was! Da haben wir ja
gleich jemand, den wir kennen!«
Marill sah sie jetzt. Er rückte einen Augenblick ungläubig an
seiner Brille. Dann stand er auf, kam auf sie zu und schüttelte
ihnen die Hände. »Die Kinder in Paris! Ist das möglich! Wie habt
ihr denn das alte Verdun entdeckt?«
»Doktor Klassmann hat es uns gesagt.«
»Klassmann, ach so! Na, ihr seid richtig hier. Das Verdun ist
prima. Habt ihr Pension?«
325

»Ja, aber nur für einen Tag.«
»Gut. Ändert das morgen. Zahlt nur das Zimmer, und kauft
euch das andere selbst. Viel billiger! Ab und zu eßt ihr dann mal
hier, damit die Wirtin bei guter Laune bleibt. War richtig, daß
ihr aus Wien verschwunden seid. Es wird jetzt sehr brenzlig da
unten!«
»Wie ist es hier?«
»Hier? Mein Junge … Österreich, die Tschechoslowakei, die
Schweiz, das war der Bewegungskrieg der Emigranten, aber Paris
ist der Stellungskrieg. Die vorderste Linie der Schützengräben.
Jede Emigrationswelle ist bis hierher gerollt. Sehen Sie den Mann
mit dem buschigen schwarzen Haar drüben? Ein Italiener. Den
mit dem Bart daneben? Ein Russe. Zwei Plätze weiter? Ein Spanier. Noch zwei weiter, ein Pole und zwei Armenier. Daneben vier
Deutsche. Paris ist die letzte Hoffnung und das letzte Schicksal
von allen.« Er blickte auf die Uhr. »Kommt, Kinder! Es ist vor
zwei. Wenn ihr was zu essen haben wollt, wird es jetzt Zeit. Die
Franzosen sind ein genaues Volk mit den Mahlzeiten. Nach zwei
gibt’s nichts mehr.«
Sie setzten sich an Marills Tisch. »Wenn ihr hier eßt, empfehle
ich euch diese dicke Kellnerin«, sagte er. »Sie heißt Yvonne und
stammt aus dem Elsaß. Ich weiß nicht, wie sie es macht – aber in
ihren Schüsseln ist immer mehr als in allen andern.«
Yvonne stellte die Suppe auf den Tisch und grinste.
»Habt ihr Geld, Kinder?« fragte Marill.
»Für ungefähr zwei Wochen«, erwiderte Kern.
Marill nickte. »Das ist gut. Habt ihr schon überlegt, was ihr
machen wollt?«
»Nein. Wir sind erst gestern angekommen. Wovon leben alle
die Leute hier?«
»Gut gefragt, Kern. Fangen wir mit mir an. Ich lebe von Artikeln,
326

die ich für ein paar Emigrantenblätter schreibe. Die Leute kaufen
sie, weil ich mal Reichstagsabgeordneter war. Die Russen haben
alle Nansenpässe und Arbeitserlaubnis. Sie waren die erste Emigrationswelle. Vor zwanzig Jahren. Sie sind Kellner, Köche, Masseure,
Portiers, Schuhmacher, Chauffeure und so etwas. Die Italiener sind
auch zum größten Teil untergebracht; sie waren die zweite Welle.
Wir Deutschen haben zum Teil noch gültige Pässe; die wenigsten
haben eine Arbeitserlaubnis. Manche besitzen noch etwas Geld,
das sie sehr vorsichtig einteilen. Die meisten aber haben keins
mehr. Sie arbeiten schwarz für das Essen und ein paar Francs. Sie
verkaufen, was sie noch besitzen. Dort drüben der Rechtsanwalt
macht Übersetzungen und Schreibmaschinenarbeit. Neben ihm
der junge Mann bringt Deutsche mit Geld zu Nachtklubs und bekommt dafür Prozente. Die Schauspielerin ihm gegenüber lebt von
Handlesekunst und Astrologie. Manche geben Sprachunterricht.
Manche sind Gymnastiklehrer geworden. Ein paar gehen morgens
früh zu den Markthallen, um Körbe zu schleppen. Eine Anzahl
lebt nur von den Unterstützungen der Flüchtlingshilfe. Manche
handeln; manche betteln – und manche kommen irgendwann
nicht mehr wieder. Wart ihr schon bei der Flüchtlingshilfe?«
»Ich war da«, sagte Kern. »Heute vormittag.«
»Nichts bekommen?«
»Nein.«
»Macht nichts. Sie müssen wieder hingehen. Ruth muß zur
jüdischen gehen; Sie zur gemischten; ich gehöre zur arischen.«
Marill lachte. »Das Elend hat seine Bürokratie, wie Sie sehen.
Haben Sie sich eintragen lassen?«
»Nein, noch nicht.«
»Machen Sie das morgen. Klassmann kann euch helfen. Er ist
Experte darin. Für Ruth kann er sogar versuchen, eine Aufenthaltserlaubnis zu kriegen. Sie hat doch einen Paß.«
327

»Sie hat einen Paß«, sagte Kern. »Aber er ist abgelaufen, und
sie mußte illegal über die Grenze.«
»Das macht nichts. Ein Paß ist ein Paß. Gold wert! Klassmann
wird euch das erklären.«
Yvonne stellte Kartoffeln und eine Platte auf den Tisch, auf der
drei Stücke Kalbfleisch lagen. Kern lächelte sie an. Sie grinste
breit zurück.
»Seht ihr!« sagte Marill. »Das ist Yvonne! Die reguläre Portion
ist ein Stück Fleisch. Sie bringt eins mehr.«
»Danke vielmals, Yvonne«, sagte Ruth.
Yvonne verstärkte ihr Grinsen und schaukelte hinaus.
»Lieber Himmel!« sagte Kern. »Eine Aufenthaltserlaubnis für
Ruth! Sie scheint Glück damit zu haben! In der Schweiz hatte sie
auch schon eine. Wenn auch nur für drei Tage.«
»Haben Sie die Chemie aufgegeben, Ruth?« fragte Marill.
»Ja. Ja und nein. Vorläufig ja.«
Marill nickte. »Richtig.« Er zeigte auf einen jungen Mann, der
am Fenster saß und ein Buch vor sich hatte. »Der Junge dort drüben ist seit zwei Jahren Tellerwäscher in einem Nachtklub. Er war
deutscher Student. Vor zwei Wochen hat er seinen französischen
Doktor gemacht. Inzwischen hat er erfahren, daß er hier nicht
angestellt werden kann, daß aber Chancen in Kapstadt sind. Jetzt
lernt er Englisch, um seinen englischen Doktor zu machen und
nach Südafrika zu gehen. So etwas gibt es hier auch. Ist Ihnen
das ein Trost?«
»Ja.«
»Ihnen auch, Kern?«
»Mir ist alles ein Trost. Wie ist die Polizei hier?«
»Ziemlich lax. Man muß aufpassen, aber sie ist nicht so scharf
wie in der Schweiz.«
»Das ist mir ein Trost!« sagte Kern.
328

Kern ging am nächsten Vormittag mit Klassmann zur Flüchtlingshilfe, um sich einschreiben zu lassen. Von da gingen sie zur
Präfektur. »Es hat nicht den geringsten Zweck, sich zu melden«,
sagte Klassmann. »Sie würden nur ausgewiesen werden. Aber
es ist ganz gut, daß Sie einmal sehen, was los ist. Es ist nicht
gefährlich. Die Polizeigebäude sind neben Kirchen und Museen
die ungefährlichsten Plätze für Emigranten.«
»Das stimmt!« erwiderte Kern. »An Museen habe ich allerdings
bisher noch nicht gedacht.«
Die Präfektur war ein mächtiger Gebäudekomplex, der um
einen großen Hof gelagert war. Klassmann führte Kern durch
ein paar Torbögen und Türen in einen großen Saal, der ungefähr
aussah wie eine Bahnhofshalle. An den Wänden entlang lief eine
Reihe von Schaltern, hinter denen die Angestellten saßen. In
der Mitte des Raumes stand eine Anzahl Bänke ohne Lehnen.
Einige hundert Menschen saßen herum oder standen in langen
Schlangen vor den Schaltern.
»Dies ist der Saal der Auserwählten«, sagte Klassmann. »Es ist
beinah das Paradies. Hier sehen Sie Leute, die eine Aufenthaltserlaubnis haben, die sie verlängern lassen müssen.«
Kern spürte die lastende Sorge und den Ernst des Raumes.
»Das ist das Paradies?« fragte er.
»Ja. Sehen Sie!«
Klassmann zeigte auf eine Frau, die den Schalter neben ihnen
verließ. Sie starrte mit einem Ausdruck irrsinnigen Entzückens
auf einen Ausweis, den die Beamtin ihr gestempelt zurückgegeben hatte. Dann lief sie auf eine Gruppe wartender Menschen
zu. »Vier Wochen!« rief sie unterdrückt. »Um vier Wochen
verlängert!«
Klassmann wechselte einen Blick mit Kern. »Vier Wochen - das
ist heute schon fast ein ganzes Leben, was?«
329

Kern nickte.
Ein alter Mann stand jetzt vor dem Schalter. »Aber was soll ich
denn machen?« fragte er verstört.
Der Beamte erwiderte etwas in rapidem Französisch, das Kern
nicht verstand. Der alte Mann hörte ihm zu. »Ja, aber was soll ich
denn machen?« fragte er dann zum zweitenmal.
Der Beamte wiederholte seine Erklärung. »Der nächste«, sagte
er dann und griff nach den Papieren, die ihm der folgende in der
Reihe über den Kopf des alten Mannes hinweg reichte.
Der alte Mann wandte den Kopf. »Ich bin doch noch nicht fertig!« sagte er. »Ich weiß doch nicht, was ich machen soll. Wohin
soll ich denn gehen?« fragte er den Beamten.
Der Beamte sagte etwas und beschäftigte sich mit den Papieren
des nächsten. Der alte Mann hielt sich am Brett des Schalters fest
wie an einer Planke im Meer. »Was soll ich denn tun, wenn Sie
mir mein Recepisse nicht verlängern?« fragte er.
Der Beamte kümmerte sich nicht um ihn. Der Mann drehte
sich zu den Leuten um, die hinter ihm standen. »Was soll ich
denn nur tun?«
Er sah in eine Mauer steinerner, versorgter, gehetzter Gesichter. Niemand antwortete; aber niemand drängte ihn auch fort.
Über seinen Kopf weg reichte man die Papiere in das Fenster des
Schalters, behutsam bemüht, ihn nicht anzustoßen.
Er wandte sich wieder dem Beamten zu. »Irgend jemand muß
mir doch sagen, was ich tun soll!« sagte er leise immer wieder.
Er flüsterte nur noch, mit erschrockenen Augen, schon geduckt
unter den Armen, die wie Wogen über seinen Kopf hinweg sich
zum Schalter bewegten. Seine Hände mit den dick hervorstehenden, krausen Adern klammerten sich noch an das Schalterbrett.
Dann schwieg er. Und plötzlich, als erlahme seine Kraft, ließ er
die Arme fallen und verließ den Schalter. Die großen, nutzlosen
330

Hände pendelten an seinem Körper herunter wie an Tauen,
zusammenhanglos, als wären sie nur zufällig aufgehängt an den
Schultern, und der vorgeneigte Kopf schien nichts mehr zu sehen. Aber während er noch völlig verloren dastand, sah Kern das
nächste Gesicht vor dem Schalter in Entsetzen erstarren. Dann
folgten hastige Gebärden und wieder dieses furchtbare, trostlose
Starren, dieses blinde Insichhineinschauen, ob es nicht irgendwo
noch irgendeine Rettung gäbe.
»Das ist das Paradies?« sagte Kern.
»Ja«, erwiderte Klassmann. »Dies hier ist schon das Paradies.
Viele werden abgelehnt; aber viele bekommen auch ihre Verlängerung.«
Sie gingen durch einige Korridore und kamen in einen Raum,
der nicht mehr aussah wie eine Bahnhofshalle, sondern wie ein
Wartesaal vierter Klasse. Ein Völkergemisch erfüllte ihn. Die
Bänke reichten bei weitem nicht aus. Die Leute standen oder
saßen auf dem Boden. Kern sah eine schwere, dunkle Frau wie
eine breite, brütende Glucke in einer Ecke auf dem Boden sitzen.
Das schwarze Haar war gescheitelt und geflochten. Um sie herum
spielten mehrere Kinder. Das kleinste hatte sie an der entblößten
Brust. Sie saß unbefangen mit der sonderbaren Hoheit eines
gesunden Tieres und dem Recht jeder Mutter in all dem Lärm
und hatte nur Augen für ihre Brut, die um ihre Knie und ihren
Rücken spielte wie um ein Denkmal.
Neben ihr stand eine Gruppe Juden mit schütteren grauen
Bärten, in schwarzen Kaftanen, mit Löckchen. Sie standen und
warteten, mit einem Ausdruck so unerschütterlicher Ergebung,
als hätten sie schon Hunderte von Jahren gewartet und wüßten,
daß sie noch weitere hundert Jahre warten müßten. Auf einer
Bank an der Wand saß eine schwangere Frau. Neben ihr ein
Mann, der fortwährend nervös seine Hände rieb. Daneben ein
331

Mann mit weißen Haaren, der leise auf eine weinende Frau einsprach. Auf der andern Seite ein junger, pickliger Mensch, der
Zigaretten rauchte und hastig wie ein Dieb eine schöne, elegante
Frau anstarrte, die ihm gegenübersaß und ihre Handschuhe anund auszog. Ein Buckliger, der in ein Notizbuch schrieb. Eine
Anzahl Rumänen, die zischten wie Dampfkessel. Ein Mann, der
Fotografien betrachtete, sie einsteckte, gleich wieder hervorholte,
wieder betrachtete und wieder einsteckte. Eine dicke Frau, die in
einer italienischen Zeitung las. Ein junges Mädchen, das ohne
jeden Anteil dasaß, völlig versunken in seine Traurigkeit.
»Das hier sind alles Leute, die eine Aufenthaltserlaubnis beantragt
haben«, sagte Klassmann. »Oder die eine beantragen wollen.«
»Mit was für Papieren ist denn das möglich?«
»Die meisten haben noch gültige oder abgelaufene, nicht erneuerte Pässe. Oder sind auf irgendwelche Ausweise legal eingereist,
mit Visum.«
»Dann ist dies hier noch nicht die schlimmste Abteilung?«
»Nein«, sagte Klassmann.
Kern sah, daß außer Beamten auch Mädchen hinter den
Schaltern arbeiteten. Sie waren hübsch und adrett angezogen;
die meisten trugen helle Blusen und halblange Ärmelschoner
darüber aus schwarzem Satin. Es erschien ihm einen Augenblick
sonderbar, daß hinter den Schaltern Menschen waren, denen es
wichtig war, die Ärmel ihrer Bluse vor etwas Schmutz zu schonen, während vor ihnen sich andere Menschen drängten, deren
ganzes Leben im Schmutz versank.
»In den letzten Wochen ist es besonders schlimm hier in der
Präfektur«, sagte Klassmann. »Immer, wenn in Deutschland etwas
geschieht, was die umliegenden Länder nervös macht, müssen
die Emigranten es als erste ausbaden. Sie sind die Sündenböcke
für die einen und für die andern.«
332

Kern sah am Schalter einen Mann mit einem schmalen, geistvollen Gesicht. Seine Papiere schienen in Ordnung zu sein; das
junge Mädchen hinter dem Schalter nahm sie nach einigen
Fragen, nickte und begann zu schreiben. Aber Kern sah, wie
der Mann, während er nur dastand und wartete, zu schwitzen
begann. Der große Raum war kalt, und der Mann trug nur einen
dünnen Sommeranzug; aber der Schweiß drang ihm aus allen
Poren, sein Gesicht wurde glänzend naß, und helle Tropfen
flossen ihm über Stirn und Wangen. Er stand unbeweglich, die
Arme auf das Schalterbrett gestützt, in einer verbindlichen, nicht
einmal unterwürfigen Haltung da, bereit, Antwort zu geben - und
sein Wunsch ging in Erfüllung –, und trotzdem war er nichts
als Todesschweiß, als würde er auf dem unsichtbaren Rost der
Herzlosigkeit gebraten. Hätte er geschrien, lamentiert oder gebettelt, es wäre Kern nicht so schrecklich erschienen. Aber daß
er höflich, in guter Haltung, gefaßt dastand und daß nur seine
Poren seinen Willen überfluteten, das war, als ob der Mann in
sich selbst ertrank. Es war die Not der Kreatur selbst, die alle
Dämme des Menschseins zu durchsickern schien.
Die Beamtin gab dem Mann seine Papiere mit einem freundlichen Wort zurück. Er dankte in einem weichen ausgezeichneten
Französisch und ging rasch davon. Erst an der Ausgangstür des
Saales öffnete er sein Papier, um nachzusehen, was darin stand.
Es war nur ein bläulicher Stempel mit ein paar Daten, aber dem
Mann schien es auf einmal, als sei es Mai und die Nachtigallen
der Freiheit sängen betäubend in dem nüchternen Saal.
»Wollen wir gehen?« fragte Kern.
»Haben Sie genug gesehen?« - »Ja.«
Sie gingen dem Ausgang zu. Aber sie wurden aufgehalten durch
eine Schar armseliger Juden, die wie ein Schwarm zerzauster,
hungriger Dohlen sie umkreiste.
333

»Bittäh – helfen …« Der Älteste trat vor mit weiten, fallenden,
demütigen Bewegungen. »Wir nicht sprechen französisch - hel
– fen – bitte Mensch – Mensch …«
»Mensch – Mensch …«, fielen die andern im Chor ein und
flatterten mit ihren weiten Ärmeln. »Mensch – Mensch …«
Es schien fast das einzige Wort Deutsch zu sein, das sie kannten,
denn sie wiederholten es ununterbrochen und wiesen dabei mit
den gelblichen, abgezehrten Händen auf sich, auf ihre Stirnen,
ihre Augen, ihre Herzen, immer wieder in einem weichen, eindringlichen, fast schmeichlerischen Singsang: »Mensch – Mensch
…«, und nur der Älteste fügte hinzu: » … auch – Mensch …« Er
konnte ein paar Worte mehr.
»Sprechen Sie jiddisch?« fragte Klassmann.
»Nein«, erwiderte Kern. »Nicht ein Wort.«
»Es sind Juden, die nur jiddisch sprechen. Sie sitzen hier Tag
für Tag und können sich nicht verständigen. Sie suchen jemand,
der ihnen dolmetschen hilft.«
»Jiddisch, jiddisch!« nickte der Älteste eifrig.
»Mensch – Mensch …«, summte der flatternde Chor mit aufgeregten, ausdrucksvollen Gesichtern.
»Helfen – helfen…« Der Älteste zeigte zu den Schaltern: »Nicht
– kann – sprechen … nur: Mensch – Mensch …«
Klassmann machte eine bedauernde Bewegung. »Nicht jiddisch.«
Die Dohlen umringten Kern. »Jiddisch? Jiddisch? Mensch
…«
Kern schüttelte den Kopf. Das Flattern hörte auf. Die Bewegung
erstarb. Der Älteste fragte noch einmal, mit vorgeneigtem Kopf,
erstarrt: »Nicht …?«
Kern schüttelte wieder den Kopf. »Ah!« Der alte Jude hob die
Hände bis zur Brust, die Fingerspitzen berührten sich, und die
334

Hände bildeten ein kleines Dach über dem Herzen. So stand er
ein wenig vorgebeugt, als lausche er auf einen Ruf aus der Ferne.
Dann verneigte er sich und ließ die Hände langsam sinken.
Kern und Klassmann verließen den Raum. Als sie den vorderen
Korridor erreichten, hörten sie von den Steintreppen herab, die
hier einmündeten, eine brausende Musik. Es war ein federnder
Marsch mit Trompetengejubel und mächtigen Fanfarenstößen.
»Was ist denn das?« fragte Kern.
»Radio. Oben sind die Unterkunftsräume für die Polizei. Mittagskonzert.«
Die Musik stürmte die Treppen herab wie ein glitzernder Bach;
sie staute sich im Korridor und sprühte dann wie ein Wasserfall
durch die breiten Ausgangstüren. Sie sprühte und übersprühte
eine einsame, kleine Gestalt, die dunkel und ohne Farbe auf
der untersten Treppenstufe hockte, wie ein regloser Klumpen
Schwarz, eine kleine Erhöhung mit rastlosen, verstörten Augen.
Es war der alte Mann, der sich so schwer von dem erbarmungslosen Schalter gelöst hatte. Verloren und fertig hockte er in der
Ecke, die Schultern eingezogen, die Knie am Körper, als könne er
nie wieder aufstehen – und über ihn hinweg sprühte und tanzte
die Musik in bunten, leuchtenden Kaskaden, kraftvoll, ohne
Mitleid und Anhalten, wie das Leben selbst.
»KOMMEN SIE«, SAGTE Klassmann draußen. »Wir trinken noch
einen Kaffee.«
Sie setzten sich an einen Rohrtisch vor ein kleines Bistro. Kern
war erleichtert, als er den bitteren, schwarzen Kaffee getrunken
hatte.
»Was ist die letzte Station?« fragte er.
»Die letzte Station sind die vielen, die allein irgendwo sitzen
und verhungern«, erwiderte Klassmann. »Die Gefängnisse. Die
335

Untergrundbahnhöfe nachts. Die Neubauten. Die Brückenbogen
der Seine.«
Kern blickte auf den Menschenstrom, der vor den Tischen des
Bistro sich unablässig entlangschob. Ein Mädchen mit einem
großen Hutkarton am Arm lächelte ihn im Vorübergehen an.
Sie drehte sich noch einmal um und warf ihm über die Schulter
einen schnellen Blick zu.
»Wie alt sind Sie?« fragte Klassmann.
»Einundzwanzig. Bald zweiundzwanzig.«
»Das habe ich mir gedacht.« Klassmann rührte in seiner Tasse.
»Mein Sohn ist ebenso alt wie Sie.«
»Ist er auch hier?«
»Nein«, sagte Klassmann, »er ist in Deutschland.«
Kern sah auf. »Das ist schlimm, das kann ich verstehen.«
»Nicht für ihn.«
»Um so besser.«
»Für ihn wäre es schlimmer, wenn er hier wäre«, sagte Klassmann.
»So?« Kern blickte ihn etwas verwundert an.
»Ja. Ich würde ihn dann zum Krüppel schlagen.«
»Was?«
»Er hat mich denunziert. Ich mußte seinetwegen ’raus.«
»Oh, verflucht!« sagte Kern.
»Ich bin Katholik, gläubiger Katholik. Der Junge dagegen war
schon ein paar Jahre in einer dieser Jugendorganisationen drüben von der Partei. Alter Kämpfer nennt man das da. Sie können
sich denken, daß mir das nicht gepaßt hat und daß es manches
Wort hin und her gab. Der Junge wurde immer aufsässiger. Eines
Tages sagte er mir, so etwa wie ein Unteroffizier einem Rekruten,
ich solle meinen Mund halten, sonst würde mir was passieren.
Drohte, verstehen Sie. Ich haute ihm eine Ohrfeige herunter. Er
336

rannte wütend weg und denunzierte mich bei der Staatspolizei.
Gab Wort für Wort zu Protokoll, was ich über die Partei geschimpft hatte. Zum Glück hatte ich einen Bekannten dort, der
mich sofort telefonisch warnte. Ich mußte schleunigst weg. Eine
Stunde später kam schon ein Kommando, mich zu holen – an
der Spitze mein Sohn.«
»Kein Spaß«, sagte Kern.
Klassmann nickte. »Wird aber auch kein Spaß für ihn sein,
wenn ich mal wiederkomme.«
»Vielleicht hat er dann selber einen Sohn, der ihn denunziert
hat. Vielleicht dann bei den Kommunisten.«
Klassmann sah Kern betroffen an. »Meinen Sie, daß es so lange
dauert?«
»Ich weiß nicht. Ich kann mir nicht denken, daß ich jemals
zurückkomme.«
STEINER BEFESTIGTE EIN nationalsozialistisches Parteiabzeichen
unter dem linken Umschlag seines Jacketts. »Großartig, Beer!«
sagte er. »Wo haben Sie das nur her?«
Doktor Beer grinste. »Von einem Patienten. Autounfall kurz vor
Murten. Ich schiente ihm seinen Arm. Erst war er vorsichtig und
fand alles wunderbar drüben; dann tranken wir ein paar Kognaks
zusammen, und er fing an zu fluchen auf die ganze Wirtschaft
und vermachte mir sein Parteiabzeichen zur Erinnerung. Er
mußte leider zurück nach Deutschland.«
»Der Mann sei gesegnet!« Steiner nahm einen blauen Aktendeckel vom Tisch und öffnete ihn. Eine Liste mit einem Hakenkreuz und einige Propagandaaufrufe lagen darin. »Ich glaube,
das genügt. Darauf fällt er zehnmal ’rein.«
Die Aufrufe und die Liste hatte er von Beer, dem solche Dinge
aus einem rätselhaften Grund seit Jahren von einer Parteior337

ganisation in Stuttgart zugeschickt wurden. Steiner hatte eine
Auswahl getroffen und befand sich jetzt auf dem Kriegspfade
gegen Ammers. Beer hatte ihm erzählt, was Kern passiert war.
»Wann fahren Sie weiter?« fragte Beer.
»Um elf. Vorher bringe ich Ihnen aber noch Ihr Abzeichen
wieder.«
»Gut. Ich werde mit einer Flasche Fendant auf Sie warten.«
Steiner ging los. Er klingelte an der Haustür von Ammers. Das
Dienstmädchen öffnete. »Ich möchte Herrn Ammers sprechen«,
sagte er kurz. »Mein Name ist Huber.«
Das Dienstmädchen verschwand und kam wieder. »In welcher
Angelegenheit?«
Aha, dachte Steiner, das ist Kerns Verdienst. Er wußte, daß Kern
nicht gefragt worden war. »Parteisache«, erklärte er kurz.
Diesmal erschien Ammers selbst. Er starrte Steiner neugierig
an. Steiner hob nachlässig die Hand. »Parteigenosse Ammers?«
»Ja.«
Steiner drehte seinen Rockaufschlag um und zeigte sein Abzeichen. »Huber«, erklärte er. »Ich komme von der Auslandsorganisation und habe Sie einige Dinge zu fragen.«
Ammers stand gleichzeitig stramm und verbeugte sich. »Bitte,
treten Sie ein … Herr … Herr …«
»Huber. Schlichtweg Huber. Sie wissen – die Ohren der Feinde
sind überall.«
»Ich weiß! Eine besondere Ehre, Herr Huber.«
Steiner hatte richtig kalkuliert. Ammers dachte gar nicht daran,
ihm zu mißtrauen. Der Gehorsam und die Angst vor der Gestapo saßen ihm viel zu sehr in den Knochen. Und selbst wenn
er mißtraut hätte, hätte er in der Schweiz gegen Steiner nichts
machen können. Steiner besaß einen österreichischen Paß auf
den Namen Huber. Wieweit er mit deutschen Organisationen
338

in Verbindung war, konnte niemand feststellen. Nicht einmal
die Deutsche Gesandtschaft, die längst nicht über alle geheimen
Propagandamaßnahmen informiert war.
Ammers führte Steiner in den Salon. »Setzen Sie sich, Ammers«,
sagte Steiner und nahm selbst in Ammers’ Sessel Platz.
Er blätterte in seinem Aktendeckel. »Sie wissen, Parteigenosse
Ammers, daß wir ein Hauptprinzip bei unserer Arbeit im Ausland
haben: Lautlosigkeit.«
Ammers nickte.
»Wir haben das auch von Ihnen erwartet. Geräuschlose Arbeit. Jetzt hören wir, daß Sie hier mit einem jungen Emigranten
unnötiges Aufsehen gemacht haben!«
Ammers fuhr von seinem Stuhl hoch. »Dieser Verbrecher!
Ganz krank hat er mich gemacht, krank und lächerlich, dieser
Lump …«
»Lächerlich?« fuhr Steiner schneidend dazwischen, »öffentlich
lächerlich? Parteigenosse Ammers!«
»Nicht öffentlich, nicht öffentlich!« Ammers sah, daß er einen
Fehler gemacht hatte. Er verhaspelte sich fast vor Aufregung.
»Nur vor mir selbst, meine ich …!«
Steiner sah ihn durchbohrend an. »Ammers«, sagte er dann
langsam, »ein echter Parteigenosse ist auch vor sich selbst nie
lächerlich! Was ist los mit Ihnen, Mann? Haben demokratische
Wühlmäuse Ihre Gesinnung angefressen? Lächerlich … so ein
Wort gibt es für uns gar nicht! Die andern sind grundsätzlich
lächerlich, verstanden?«
»Ja, natürlich!« Ammers fuhr sich über die Stirn. Er sah sich
schon halb im Konzentrationslager, damit seine Gesinnung aufgefrischt würde. »Es war wirklich nur dieser eine Fall! Sonst bin
ich stahlhart. Meine Treue ist unerschütterlich …«
Steiner ließ ihn eine Zeitlang reden. Dann schnitt er ihm das
339

Wort ab. »Gut, Parteigenosse. Ich hoffe, so etwas wird nicht wieder vorfallen. Kümmern Sie sich nicht mehr um Emigranten,
verstanden? Wir sind froh, daß wir sie los sind.«
Ammers nickte eifrig. Er stand auf und holte eine Kristallflasche und zwei silberne, innen vergoldete Likörschalen auf
hohen Stielen vom Büfett. Steiner betrachtete das Arrangement
mit Abscheu.
»Was ist das?« fragte er.
»Kognak. Ich dachte, Sie würden vielleicht eine kleine Erfrischung …«
»Kognak serviert man so, wenn er sehr schlecht ist, Ammers«,
sagte Steiner etwas jovialer. »Oder an Mitglieder eines Keuschheitsvereins. Bringen Sie mir ein einfaches, nicht zu kleines Glas.«
»Sehr wohl!« Ammers war entzückt, daß das Eis scheinbar
gebrochen war.
Steiner trank. Der Kognak war ziemlich gut. Aber das war
kein Verdienst Ammers’. Es gab keinen schlechten Kognak in
der Schweiz.
Steiner nahm den blauen Aktendeckel aus der Ledermappe, die
er von Beer entliehen hatte. »Hier noch etwas nebenbei, Parteigenosse. Streng vertraulich. Sie wissen, daß unsere Propaganda
in der Schweiz noch sehr im argen liegt?«
»Ja«, bestätigte Ammers eifrig. »Ich habe das schon immer
gefunden.«
»Gut«, Steiner winkte leutselig ab. »Das soll anders werden. Es
soll ein Geheimfonds aufgebracht werden.« Er blickte in seine
Liste. »Wir haben schon namhafte Gaben. Aber auch geringe
Spenden sind willkommen. Dieses hübsche Haus hier ist Ihr
Eigentum, nicht wahr?«
»Ja. Es sind allerdings zwei Hypotheken darauf. Praktisch gehört
es also eigentlich der Bank«, erklärte Ammers ziemlich eilig.
340

»Hypotheken sind dazu da, um weniger Steuer zu bezahlen.
Ein Parteigenosse, der ein Haus besitzt, ist kein Windbeutel,
der das Geld dafür nicht auf der Bank hat. Wie hoch soll ich Sie
eintragen?«
Ammers sah ziemlich unentschlossen drein. »Gerade im Augenblick ist es nicht schlecht für Sie«, sagte Steiner ermunternd.
»Wir schicken die Liste mit den Namen natürlich nach Berlin.
Ich denke, wir können Sie mit fünfzig Franken eintragen.«
Ammers wirkte erleichtert. Er hatte mit mindestens hundert gerechnet. Er kannte die Unersättlichkeit der Partei. »Selbstverständlich!« erklärte er sofort. »Oder vielleicht sechzig«, fügte er hinzu.
»Gut, also sechzig.« Steiner schrieb. »Haben Sie außer Heinz
noch einen anderen Vornamen?«
»Heinz, Karl, Goswin – Goswin mit einem s.«
»Goswin ist ein seltener Name.«
»Ja, aber echt deutsch! Altdeutsch. Ein König Goswin kam
schon in der Völkerwanderung vor.«
»Ich glaube es.«
Ammers legte einen Fünfzig- und einen Zehnfrankenschein auf
den Tisch. Steiner steckte das Geld ein. »Quittung ausgeschlossen«, sagte er. »Sie verstehen, warum!?«
»Selbstverständlich! Geheim! Hier in der Schweiz!« Ammers
zwinkerte schlau.
»Und keinen unnützen Radau wieder, Parteigenosse! Lautlosigkeit ist der halbe Erfolg! Denken Sie also immer daran!«
»Sehr wohl! Ich weiß Bescheid! Es war nur ein unglücklicher
Zufall.«
Steiner ging durch die verwinkelten Straßen zu Doktor Beer
zurück. Er schmunzelte. Leberkrebs! Dieser Kern! Was für Augen er machen würde, wenn er die sechzig Franken von dieser
Strafexpedition bekam!

17

Es klopfte. Ruth horchte zur Tür hinüber. Sie war allein.
Kern war seit vormittags unterwegs, um Arbeit zu suchen. Sie zögerte einen Moment. Dann stand sie leise auf,
ging in Kerns Zimmer und schloß die Verbindungstür hinter sich
ab. Die Zimmer lagen über Eck. Das hatte für Razzien einen Vorteil.
Man konnte von jedem Zimmer auf den Korridor gelangen, ohne
von jemand gesehen zu werden, der vor der anderen Tür stand.
Ruth zog die Außentür von Kerns Zimmer lautlos zu. Dann
ging sie den Korridor entlang um die Ecke.
Ein Mann von etwa vierzig Jahren stand vor ihrer Tür. Ruth
kannte ihn vom Sehen. Er wohnte im Hotel und hieß Brose. Seine
Frau lag seit sieben Monaten krank zu Bett. Beide lebten von
einer kleinen Unterstützung der Flüchtlingshilfe und von etwas
Geld, das sie mitgebracht hatten. Das war kein Geheimnis. Im
Hotel Verdun wußte jeder über jeden nahezu alles.
»Wollen Sie zu mir?« fragte Ruth.
»Ja. Ich wollte Sie um etwas bitten. Sie sind Fräulein Holland,
nicht wahr?«
»Ja.«
»Ich heiße Brose und wohne im Stock unter Ihnen«, sagte der
Mann verlegen. »Ich habe eine kranke Frau unten und muß fort,
Arbeit suchen. Da wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht etwas
Zeit hätten …«
Brose hatte ein schmales, gequältes Gesicht. Ruth wußte, daß
fast jeder im Hotel vor ihm davonlief, wenn er nur in Sicht kam.
Er suchte dauernd nach Gesellschaft für seine Frau.
»Sie ist sehr viel allein – und Sie wissen ja, wie das ist –, da
verliert sie leicht die Hoffnung. Es gibt Tage, da ist sie besonders
traurig. Aber wenn sie etwas Gesellschaft hat, ist es gleich besser.
Ich dachte, daß Sie sich vielleicht auch gern einmal unterhalten.
Meine Frau ist klug …«
342

Ruth war gerade dabei, Pullover aus leichter Kaschmirwolle
stricken zu lernen; man hatte ihr gesagt, ein russisches Geschäft
in den Champs-Elysées kaufe so etwas, um es für den dreifachen
Preis weiterzuverkaufen. Sie wollte weiterarbeiten und wäre
wohl nicht gegangen – aber dieses hilflose Anpreisen: »Meine
Frau ist klug« entschied. Es beschämte sie auf eine sonderbare
Weise. »Warten Sie einen Augenblick«, sagte sie. »Ich hole ein
paar Sachen; dann gehe ich mit Ihnen.«
Sie holte ihre Wolle und ihr Muster und ging mit Brose hinunter.
Die Frau lag im ersten Stock in einem kleinen Zimmer nach der
Straße hin. Broses Gesicht veränderte sich, als er mit Ruth eintrat.
Er strahlte angestrengt. »Lucie, hier ist Fräulein Holland«, sagte
er eifrig. »Sie möchte dir gern etwas Gesellschaft leisten.«
Zwei dunkle Augen in einem wachsbleichen Gesicht richteten
sich mißtrauisch auf Ruth. »Ich gehe dann jetzt«, sagte Brose
rasch. »Ich komme abends wieder. Heute wird es bestimmt etwas.
Auf Wiedersehen.«
Er lächelte, winkte und zog die Tür hinter sich zu.
»Er hat Sie geholt, nicht wahr?« fragte die blasse Frau nach
einer Weile.
Ruth wollte zuerst etwas anderes antworten, aber dann nickte
sie.
»Ich habe es mir gedacht. Danke, daß Sie gekommen sind. Aber
ich kann gut allein bleiben. Lassen Sie sich nicht in Ihrer Arbeit
stören. Ich kann etwas schlafen.«
»Ich habe nichts vor«, sagte Ruth. »Ich lerne nur gerade strikken. Das kann ich hier auch. Ich habe mein Strickzeug mitgebracht.«
»Es gibt angenehmere Dinge, als bei einer Kranken zu sitzen«,
sagte die Frau müde.
»Sicher. Aber es ist doch besser, als allein zu sitzen.«
343

»Das sagen alle immer, um einen zu trösten«, murmelte die
Frau. »Ich weiß, Kranke will man immer trösten. Sagen Sie doch
ruhig frei heraus, daß es Ihnen unangenehm ist, bei einer unbekannten, schlechtgelaunten Kranken zu sitzen, und daß Sie es
nur tun, weil mein Mann Sie überredet hat.«
»Das ist richtig«, erwiderte Ruth. »Ich habe auch gar nicht die
Absicht, Sie zu trösten. Aber ich bin froh, einmal mit jemand
reden zu können.«
»Sie können doch ausgehen!« sagte die Kranke.
»Das tue ich nicht gern.«
Ruth sah auf, weil keine Antwort kam. Sie blickte in ein fassungsloses Gesicht. Die Kranke hatte sich aufgestützt und starrte
sie an, und plötzlich stürzten ihr die Tränen wie Sturzbäche aus
den Augen. Das Gesicht war in einer Sekunde wie überschwemmt.
»Mein Gott«, schluchzte sie, »das sagen Sie so einfach – und ich
–, wenn ich nur einmal auf die Straße gehen könnte …«
Sie fiel in die Kissen zurück. Ruth war aufgestanden. Sie sah
die grau-weißen Schultern zucken, sie sah das armselige Bett im
staubigen Nachmittagslicht, und sie sah dahinter die sonnige,,
klare Straße, die Häuser mit den kleinen Eisenbalkonen, und groß
über den Dächern eine riesige leuchtende Flasche – die Reklame
für den Aperitif Dubonnet, die sinnlos bereits im Nachmittag
glühte – und es erschien ihr einen Augenblick lang, als wäre das
alles weit weg, auf einem anderen Planeten.
Die Frau hörte auf zu weinen. Sie richtete sich langsam auf.
»Sie sind noch da?« fragte sie.
»Ja.«
»Ich bin hysterisch und nervös. Ich habe manchmal so Tage.
Bitte seien Sie mir nicht böse.«
»Nein. Ich war gedankenlos, das war alles.«
Ruth setzte sich wieder neben das Bett. Sie legte das Muster des
344

Pullovers, das sie mitgebracht hatte, vor sich hin und begann, es
weiter zu kopieren. Sie sah die Kranke nicht an. Sie wollte das
fassungslose Gesicht nicht noch einmal sehen. Ihre eigene Gesundheit erschien ihr prahlerisch dagegen.
»Sie halten die Nadeln nicht richtig«, sagte die Kranke nach
einer Weile. »Sie kommen so viel langsamer vorwärts. Sie müssen
das anders machen.«
Sie nahm die Nadeln und zeigte es Ruth. Dann nahm sie ihr
das gestrickte Stück aus der Hand und betrachtete es. »Hier fehlt
eine Masche«, erklärte sie. »Wir müssen das wieder aufmachen.
Sehen Sie, so.«
Ruth blickte auf. Die Kranke lächelte sie an. Ihr Gesicht war
jetzt aufmerksam und gesammelt und ganz mit der Arbeit beschäftigt. Es zeigte nichts mehr von dem Ausbruch kurz vorher.
Die blassen Hände arbeiteten leicht und schnell.
»So«, sagte sie eifrig, »nun versuchen Sie es einmal.«
Brose kam abends zurück. Das Zimmer war dunkel. Im Fenster
stand nur der apfelgrüne Abendhimmel und die rotleuchtende,
riesige Flasche Dubonnet. »Lucie?« fragte er in das Dunkel
hinein.
Die Frau im Bett rührte sich, und Brose sah jetzt ihr Gesicht.
Es war sanft gerötet durch den Widerschein der Lichtreklame
– als wäre ein Wunder geschehen und sie plötzlich gesund geworden.
»Hast du geschlafen?« fragte er.
»Nein. Ich liege nur so.«
»Ist Fräulein Holland schon lange fort?«
»Nein. Erst ein paar Minuten.«
»Lucie.« Er setzte sich vorsichtig auf den Rand des Bettes.
»Mein Lieber.« Sie strich über seine Hand. »Hast du etwas
erreicht?«
345

»Noch nicht, aber es wird schon kommen.«
Die Frau lag eine Zeitlang und schwieg. »Ich bin eine solche
Last für dich, Otto«, sagte sie dann.
»Wie kannst du das sagen, Lucie! Was sollte ich machen, wenn
ich dich nicht hätte?«
»Du wärest frei. Da könntest du tun, was du wolltest. Du könntest auch nach Deutschland zurückgehen und arbeiten.«
»So?«
»Ja«, sagte sie, »laß dich von mir scheiden! Man wird es dir
drüben sogar hoch anrechnen, daß du es getan hast.«
»Der Arier, der sich auf sein Blut besonnen hat und sich von
der Jüdin hat scheiden lassen, wie?« fragte Brose.
»So ähnlich nennen sie es wohl. Sie haben doch sonst nichts
gegen dich, Otto.«
»Nein, aber ich habe was gegen sie.«
Brose lehnte den Kopf gegen den Bettpfosten. Er dachte daran,
wie sein Chef zu ihm in das Zeichenbüro gekommen war und
lange herumgeredet hatte von den Zeiten, von seiner Tüchtigkeit,
und wie schade es sei, daß man ihm kündigen müsse, nur weil
er eine jüdische Frau habe. Er hatte seinen Hut genommen und
war gegangen. Acht Tage später hatte er seinem Hausportier,
der gleichzeitig Blockwart und Parteispitzel war, die Nase blutiggeschlagen, weil er seine Frau als Judensau bezeichnet hatte.
Das wäre beinahe schlecht ausgegangen. Zum Glück hatte sein
Anwalt dem Portier staatsfeindliche Reden beim Bier nachweisen
können; darauf verschwand der Portier aus dem Hause. Aber die
Frau traute sich nicht mehr auf die Straße; sie wollte nicht mehr
von uniformierten Gymnasiasten angerempelt werden. Brose
fand keine Stellung wieder. Da waren sie abgereist nach Paris.
Die Frau war unterwegs krank geworden.
Der apfelgrüne Himmel vor dem Fenster verlor seine Farbe.
346

Er wurde staubig und dunkler. »Hast du Schmerzen gehabt,
Lucie?« fragte Brose.
»Nicht sehr. Ich bin nur furchtbar müde. So von innen.«
Brose strich ihr über das Haar. Es leuchtete in kupfernen Reflexen unter dem Licht der Dubonnet-Reklame. »Du wirst bald
wieder aufstehen können.«
Die Frau bewegte langsam den Kopf unter seiner Hand. »Was
mag es nur sein, Otto? Ich habe nie etwas Derartiges gehabt. Und
es dauert schon Monate.«
»Irgend etwas. Nichts Schlimmes. Frauen haben oft irgend
etwas.«
»Ich glaube, ich werde nie mehr gesund«, sagte die Frau plötzlich trostlos.
»Du wirst bestimmt gesund. Sogar sehr bald. Du mußt nur
Mut haben.«
Draußen kroch die Nacht über die Dächer. Brose saß still, den
Kopf immer noch an den Bettpfosten gelehnt. Sein tagsüber
versorgtes und ängstliches Gesicht wurde klar und friedlich im
undeutlichen letzten Licht.
»Wenn ich nur nicht eine solche Last für dich wäre, Otto.«
»Ich liebe dich, Lucie«, sagte Brose leise, ohne seine Haltung
zu ändern.
»Eine kranke Frau kann man nicht lieben.«
»Eine kranke Frau liebt man doppelt. Sie ist eine Frau und ein
Kind dazu.«
»Das ist es ja!« Die Stimme der Frau wurde eng und klein. »Ich
bin nicht einmal das! Nicht einmal deine Frau. Selbst das hast du
nicht bei mir. Ich bin nur eine Last, weiter nichts!«
»Ich habe dein Haar«, sagte Brose, »dein geliebtes Haar!« Er
beugte sich vor und küßte ihr Haar. »Ich habe deine Augen.«
Er küßte ihre Augen. »Deine Hände.« Er küßte ihre Hände.
347

»Und ich habe dich. Deine Liebe. Oder liebst du mich nicht
mehr?«
Sein Gesicht war dicht über dem ihren. »Liebst du mich nicht
mehr?« fragte er.
»Otto …«, murmelte sie schwach und schob ihre Hand zwischen ihre Brust und ihn.
»Liebst du mich nicht mehr?« fragte er leise. »Sag es! Ich kann
verstehen, daß man einen untüchtigen Mann nicht mehr liebt,
der nichts zu verdienen versteht. Sag es nur gleich, du Geliebte,
Einzige«, sagte er drohend in das verfallene Gesicht hinein.
Ihre Tränen flossen plötzlich leicht, und ihre Stimme war weich
und jung. »Liebst du mich denn wirklich noch, Otto?« fragte sie
mit einem Lächeln, das ihm das Herz zerriß.
»Muß ich dir das jeden Abend wiederholen? Ich liebe dich so,
daß ich eifersüchtig bin auf das Bett, in dem du liegst. Du solltest
in mir liegen, in meinem Herzen und in meinem Blut!«
Er lächelte, damit sie es sehen sollte, und beugte sich wieder
über sie. Er liebte sie, und sie war alles, was er hatte – aber trotzdem hatte er oft einen unerklärlichen Widerwillen dagegen, sie
zu küssen. Er haßte sich deswegen – er wußte, woran sie litt, und
sein gesunder Körper war einfach stärker als er. Aber jetzt, in dem
barmherzigen, warmen Widerschein der Aperitifreklame, schien
dieser Abend ein Abend vor Jahren zu sein – jenseits der finsteren
Gewalt der Krankheit –, ein warmer und trostvoller Widerschein,
wie eben dieses rote Licht von den Dächern gegenüber.
»Lucie«, murmelte er.
Sie legte ihre nassen Lippen auf seinen Mund. So lag sie still und
vergaß eine Weile ihren gequälten Körper, in dem gespenstisch
und lautlos die Krebszellen wucherten und unter dem nebligen
Griff des Todes langsam die Gebärmutter und die Eierstöcke wie
müde Kohlen zu grauer, gestaltloser Asche zerfielen.
348

KERN UND RUTH schlenderten langsam über die Champs-Elysées.
Es war Abend. Die Schaufenster leuchteten, die Cafés waren voller
Gäste, die Lichtreklamen flammten, und dunkel wie ein Tor zum
Himmel stand der Are de Triomphe vor der klaren, auch nachts
noch silbernen Luft von Paris.
»Sieh mal dort, rechts!« sagte Kern. »Waser und Rosenfeld.«
Vor den riesigen Fenstern der General Motors Co. standen zwei
jüngere Männer. Sie waren dürftig angezogen. Ihre Anzüge waren abgewetzt, und beide trugen keine Mäntel. Sie diskutierten
so aufgeregt miteinander, daß sie Kern und Ruth neben sich
eine ganze Weile nicht bemerkten. Beide waren Bewohner des
Hotels Verdun. Waser war Techniker und Kommunist; Rosenfeld
der Sohn einer Bankiers-Familie aus Frankfurt, die im zweiten
Stock wohnte. Beide waren Autofanatiker. Beide lebten von fast
nichts.
»Rosenfeld!« sagte Waser beschwörend, »nun seien Sie doch
nur einen Moment vernünftig! Ein Cadillac – gut für alte Leute
meinetwegen! Aber was wollen Sie mit einem Sechzehnzylinder?
Der säuft Benzin wie eine Kuh Wasser und ist trotzdem nicht
schneller.«
Rosenfeld schüttelte den Kopf. Er starrte fasziniert in das
taghell erleuchtete Schaufenster, in dem ein riesiger, schwarzer
Cadillac sich langsam auf einer Scheibe im Boden um sich selbst
drehte. »Soll er Benzin fressen!« erklärte er hitzig. »Fässer meinetwegen. Darauf kommt es doch nicht an! Sehen Sie nur, wie
wunderbar bequem der Wagen ist! Sicher und zuverlässig wie
ein Panzerturm!«
»Rosenfeld, das sind Argumente für eine Lebensversicherung,
aber nicht für ein Auto!« Waser zeigte auf das Schaufenster
nebenan, das der Lanciavertretung gehörte. »Sehen Sie sich das
da an! Da haben Sie Rasse und Klasse! Vier Zylinder nur, ein
349

nervöses, niedriges Biest, aber ein Panther, wenn’s losgeht! Damit
können Sie eine Hauswand ’rauffahren, wenn Sie wollen!«
»Ich will keine Hauswand ’rauffahren! Ich will zum Cocktail
im Ritz vorfahren!« erwiderte Rosenfeld ungerührt.
Waser beachtete den Einwurf nicht. »Sehen Sie sich die Linie
an!« schwärmte er. »Wie flach das am Boden entlangschleicht!
Ein Pfeil, ein Blitz … der Achtzylinder ist mir schon zu massig.
Ein Traum von Geschwindigkeit.«
Rosenfeld brach in ein Hohngelächter aus. »Wie wollen Sie
denn in den Kindersarg ’reinkommen? Waser, das ist ein Auto
für Liliputaner. Stellen Sie sich vor: Sie haben eine schöne Frau
bei sich im langen Abendkleid, womöglich sogar aus Goldbrokat
oder Pailletten, mit einem kostbaren Pelz, Sie kommen aus dem
Maxim, es ist Dezember, Schnee, Matsch auf der Straße, und dann
haben Sie diesen fahrbaren Radioapparat da stehen – wollen Sie
sich noch lächerlicher machen?«
Waser bekam einen roten Kopf. »Das sind Ideen eines Kapitalisten! Rosenfeld, ich flehe Sie an! Sie träumen von einer Lokomotive, aber nicht von einem Auto. Wie können Sie nur an so einem
Mammut Gefallen finden? Das ist was für Kommerzienräte! Sie
sind doch ein junger Mensch! Wenn Sie etwas Schweres haben
wollen, dann nehmen Sie in Gottes Namen den Delahaye, der hat
Rasse und macht immer noch leicht seine 60 Kilometer!«
»Delahaye?« Rosenfeld schnaubte verächtlich durch die Nase.
»Verölte Kerzen alle Augenblicke, meinen Sie, was?«
»Ausgeschlossen, wenn Sie ihn richtig fahren! Ein Jaguar, ein
Projektil, vom Ton des Motors wird man allein schon besoffen!
Oder wenn Sie etwas ganz Fabelhaftes haben wollen, dann
nehmen Sie den neuen Supertalbot! Hundertachtzig Kilometer
spielend! Da haben Sie wirklich etwas!«
Rosenfeld quietschte vor Empörung. »Ein Talbot! Ja, da habe ich
350

was! Nicht geschenkt nehme ich die Karre, die so überkomprimiert ist, daß sie im Stadtverkehr kocht! Nein, Waser, ich bleibe
beim Cadillac.« Er wendete sich wieder dem General-MotorsFenster zu. »Sehen Sie nur die Qualität! Fünf Jahre lang brauchen
Sie da die Haube nicht aufzumachen! Komfort, lieber Waser, den
haben nur die Amerikaner ’raus! Der Motor geschmeidig und
lautlos, Sie hören ihn überhaupt nicht!«
»Aber Mensch!« brach Waser los, »ich will doch gerade den
Motor hören! Das ist doch Musik, wenn so ein nerviges Aas
losgeht!«
»Dann schaffen Sie einen Traktor an! Der ist noch lauter!«
Waser starrte Rosenfeld an. »Hören Sie«, sagte er dann leise,
sich mühsam beherrschend, »ich schlage Ihnen ein Kompromiß
vor: Nehmen Sie den Mercedes Kompressor! Schwer und rassig
dabei! Einverstanden?«
Rosenfeld winkte überlegen ab. »Nicht mit mir zu machen!
Geben Sie sich keine Mühe! Cadillac, sonst nichts!« Er vertiefte
sich wieder in die schwarze Eleganz des riesigen Wagens auf der
Drehscheibe.
Waser sah verzweifelt um sich. Dabei erblickte er Kern und
Ruth. »Hören Sie, Kern«, sagte er, »wenn Sie die Wahl hätten
zwischen einem Cadillac oder einem neuen Talbot, was würden
Sie nehmen? Doch den Talbot, was?«
Rosenfeld drehte sich um. »Den Cadillac, natürlich, daran ist
doch gar kein Zweifel!«
Kern grinste. »Ich wäre schon mit einem kleinen Citroen zufrieden.«
»Mit einem Citroen?« Die beiden Auto-Enthusiasten sahen ihn
wie ein räudiges Schaf an.
»Oder mit einem Fahrrad«, fügte Kern hinzu.
Die beiden Fachleute wechselten einen raschen Blick. »Ach
351

so!« meinte Rosenfeld dann, sehr abgekühlt. »Sie haben nicht
viel Verständnis für Autos, wie?«
»Auch wohl nicht für Autosport, was?« fügte Waser etwas
angeekelt hinzu. »Nun ja, es gibt Leute, die interessieren sich für
Briefmarken.«
»Das tue ich!« erklärte Kern erheitert. »Besonders für ungestempelte.«
»Na, dann entschuldigen Sie!« Rosenfeld schlug seinen Rockkragen hoch. »Kommen Sie, Waser, wir wollen noch die neuen
Modelle von Alfa Romeo und Hispano drüben besichtigen.«
Die beiden gingen, versöhnt durch den Ignoranten Kern, einträchtig in ihren abgeschabten Anzügen davon, um noch über
einige Rennwagen zu streiten. Sie hatten Zeit dazu – denn sie
hatten kein Geld für ein Abendessen.
Kern sah ihnen erfreut nach. »Der Mensch ist ein Wunder,
Ruth, was?«
Sie lachte.
KERN FAND KEINE Arbeit. Er bot sich überall an; aber selbst für
zwanzig Francs am Tag konnte er nirgendwo unterkommen.
Nach zwei Wochen war das Geld verbraucht, das sie besaßen.
Ruth bekam von dem jüdischen und Kern vom gemischt jüdischchristlichen Komitee eine kleine Unterstützung; zusammen
hatten sie etwa fünfzig Francs in der Woche. Kern sprach mit
der Wirtin und erreichte, daß sie für diesen Betrag die beiden
Zimmer behalten konnten und morgens etwas Kaffee mit Brot
bekamen.
Er verkaufte seinen Mantel, seinen Koffer und den Rest seiner Sachen von Potzloch. Dann begannen sie Ruths Sachen zu
verkaufen. Einen Ring ihrer Mutter, Kleider und ein schmales
goldenes Armband. Sie waren nicht sehr unglücklich darüber.
352

Sie lebten in Paris, das war ihnen genug. Sie hofften auf den
nächsten Tag und fühlten sich geborgen. In dieser Stadt, die alle
Emigranten des Jahrhunderts aufgenommen hatte, wehte der
Geist der Duldung; man konnte in ihr verhungern, aber man
wurde nur so viel verfolgt, wie unbedingt notwendig war – und
das erschien ihnen schon viel.
Marill nahm sie an einem Sonntagnachmittag, als es keinen
Eintritt kostete, mit in den Louvre. »Ihr braucht im Winter etwas,
um eure Zeit hinzubringen«, sagte er. »Das Problem des Emigranten ist der Hunger, die Bleibe und die Zeit, mit der er nichts
anfangen kann, weil er nicht arbeiten darf. Der Hunger und die
Sorge, wo er bleiben kann, das sind zwei Todfeinde, gegen die er
kämpfen muß – aber die Zeit, die viele leere, ungenutzte Zeit ist
der schleichende Feind, der seine Energie zerfrißt, das Warten,
das ihn müde macht, die schattenhafte Angst, die ihn lähmt. Die
beiden andern fallen ihn von vorne an, und er muß sich wehren
oder untergehen – aber die Zeit kommt von hinten und zersetzt
ihm das Blut. Ihr seid jung. Hockt nicht in den Cafés, jammert
nicht, werdet nicht müde. Wenn’s mal schlimm wird, geht in
den großen Wartesaal von Paris: den Louvre. Er ist gut geheizt
im Winter. Besser vor einem Delacroix, einem Rembrandt oder
einem van Gogh zu trauern als vor einem Schnaps oder im Kreise ohnmächtiger Klage und Wut. Das sage ich euch, Marill, der
auch lieber vor einem Schnaps sitzt. Sonst würde ich euch diese
lehrhafte Rede nicht halten.«
Sie wanderten durch das große Kunstdämmer des Louvre
-vorbei an den Jahrhunderten, vorbei an den steinernen Königen Ägyptens, den Göttern Griechenlands, den Cäsaren Roms
– vorbei an babylonischen Altären, an persischen Teppichen
und flämischen Gobelins – vorbei an den Bildern der größten
Herzen, an Rembrandt, Goya, Greco, Leonardo, Dürer – durch
353

endlose Säle und Korridore, bis sie zu den Räumen kamen, wo
die Bilder der Impressionisten hingen.
Sie setzten sich auf eines der Sofas, die in der Mitte standen.
Von den Wänden leuchteten die Landschaften Cezannes, van
Goghs und Monets, die Tänzerinnen Degas’, die pastellhaften
Frauenköpfe Renoirs und die farbigen Szenen Manets. Es war
still, und niemand außer ihnen war da, und allmählich erschien
es Kern und Ruth, als säßen sie in einem verzauberten Turm, und
die Bilder seien Fenster zu fernen Welten – zu Gärten ernster
Lebensfreude, zu weiten Gefühlen, zu großen Träumen und zu
einer unzerstörbaren Landschaft der Seele, jenseits von Willkür,
Angst und Rechtlosigkeit.
»Emigranten!« sagte Marill. »Die alle dort waren auch Emigranten! Gejagt, verlacht, ’rausgeschmissen, ohne Bleibe oft,
verhungert, manche angepöbelt und ignoriert von ihren Zeitgenossen, elend gelebt, elend gestorben – aber seht euch an, was
sie geschaffen haben! Die Kultur der Welt! Das wollte ich euch
zeigen.«
Er nahm seine Brille herab und putzte sie umständlich. »Was
ist Ihr stärkster Eindruck bei diesen Bildern?« fragte er Ruth.
»Der Friede«, sagte sie sofort.
»Der Friede. Ich dachte, sie würden sagen: die Schönheit. Aber
es ist wahr – Friede ist heute Schönheit. Besonders für uns. Und
Ihrer, Kern?«
»Ich weiß nicht«, sagte Kern, »ich möchte eins davon haben
und es verkaufen, damit wir was zu leben haben.«
»Sie sind ein Idealist«, erwiderte Marill.
Kern sah ihn mißtrauisch an. »Ich meine das ernst«, sagte
Marill.
»Ich weiß, daß es dumm ist. Aber es ist Winter, und ich würde
Ruth einen Mantel kaufen.«
354

Kern kam sich ziemlich töricht vor; aber ihm fiel wirklich
nichts anderes ein, und er hatte die ganze Zeit dran gedacht. Zu
seiner Überraschung fühlte er plötzlich Ruths Hand in seiner.
Sie strahlte ihn an und lehnte sich fest gegen ihn.
Marill setzte seine Brille wieder auf. Dann blickte er sich um.
»Der Mensch ist groß in seinen Extremen«, sagte er. »In der
Kunst, in der Liebe, in der Dummheit, im Haß, im Egoismus
und sogar im Opfer – aber das, was der Welt am meisten fehlt,
ist eine gewisse mittlere Güte.«
KERN UND RUTH hatten ihr Abendessen beendet. Es bestand aus
Kakao und Brot und war seit einer Woche ihre einzige Mahlzeit,
abgesehen von der Tasse Kaffee und den zwei Brioches morgens,
die Kern in den Zimmerpreis mit eingehandelt hatte. »Das Brot
schmeckt heute nach Beefsteak«, sagte Kern. »Nach gutem, saftigem Beefsteak mit gebratenen Zwiebeln dran.«
»Ich fand, es schmeckte nach Huhn«, erwiderte Ruth. »Nach
jungem Brathuhn mit frischem, grünem Salat dazu.«
»Möglich. Vielleicht auf deiner Seite. Gib mir eine Scheibe von
da. Ich kann gut noch etwas Brathuhn vertragen.«
Ruth schnitt eine dicke Scheibe des langen französischen
Weißbrots ab. »Hier«, sagte sie. »Es ist ein Schenkelstück. Oder
willst du lieber Brust?«
Kern lachte. »Ruth, wenn ich dich nicht hätte, würde ich jetzt
mit Gott hadern!«
»Und ich würde ohne dich im Bett liegen und heulen.«
Es klopfte. »Brose«, sagte Kern ziemlich gemütlos. »Natürlich,
gerade im Moment zartester Liebesbekenntnisse!«
»Herein!« rief Ruth.
Die Tür öffnete sich. »Nein!« sagte Kern. »Das ist doch unmöglich! Ich träume!« Er stand so vorsichtig auf, als wolle er
355

ein Phantom nicht verscheuchen. »Steiner«, stammelte er. Das
Phantom grinste. »Steiner!« rief Kern. »Herr des Himmels, es
ist Steiner!«
»Ein gutes Gedächtnis ist die Grundlage der Freundschaft -und
der Verderb der Liebe«, erwiderte Steiner. »Entschuldigen Sie,
Ruth, daß ich mit einer Sentenz eintrete – aber ich habe unten
eben meinen alten Bekannten Marill getroffen. Da ist so was
unvermeidlich.«
»Wo kommst du her?« fragte Kern. »Direkt aus Wien?«
»Aus Wien. Auf dem Umweg über Murten.«
»Was?« Kern trat einen Schritt zurück. »Über Murten?«
Ruth lachte. »Murten ist der Ort unserer Schmach, Steiner. Ich
bin dort krank geworden – und diesen alten Grenzwanderer hat
die Polizei erwischt. Ein ruhmloser Name für uns – Murten.«
Steiner schmunzelte. »Deshalb war ich da! Ich habe euch gerächt, Kinder.« Er holte seine Brieftasche hervor und zog sechzig
Schweizer Franken heraus. »Hier. Das sind vierzehn Dollar oder
etwa dreihundertfünfzig französische Francs. Ein Geschenk
Ammers’.«
Kern sah ihn verständnislos an. »Ammers?« sagte er. »Dreihundertfünfzig Francs?«
»Ich erkläre dir das später, Knabe. Steck es ein. Und nun laßt
euch mal ansehen!« Er musterte beide. »Hohlwangig, unterernährt, Kakao mit Wasser als Abendbrot – und keinem hier was
gesagt, wie?«
»Noch nicht«, erwiderte Kern. »Immer, wenn es nahe daran
war, lud Marill uns zum Essen ein. Als hätte er einen sechsten
Sinn.«
»Er hat noch einen mehr. Für Bilder. Hat er euch nach dem
Essen nicht ins Museum geschleppt? Das ist gewöhnlich die
Buße dafür.«
356

»Ja. Zu Cézanne, van Gogh, Manet, Renoir und Degas«, sagte
Ruth.
»Aha! Zu den Impressionisten. Dann habt ihr Mittagessen mit
ihm gehabt. Für ein Abendessen schleppt er einen zu Rembrandt,
Goya und Greco. Aber nun los, Kinder, anziehen. Die Restaurants
der Stadt Paris sind hell erleuchtet und warten auf uns!«
»Wir haben gerade …«
»Das sehe ich!« unterbrach Steiner grimmig. »Zieht euch sofort
an! Ich schwimme in Geld.«
»Wir sind fertig angezogen.«
»Ach so! Mantel verkauft an einen Glaubensgenossen, der euch
bestimmt beschummelt hat…«
»Nein …«, sagte Ruth.
»Kind, es gibt auch unehrliche Juden! So heilig mir euer Stamm
als Märtyrervolk augenblicklich auch ist. Also kommt! Wir wollen
das Rassenproblem der Brathühner aufrollen.«
»ALSO JETZT ERZÄHLT, was los ist«, sagte Steiner nach dem
Essen. »Es ist wie verhext«, sagte Kern. »Paris ist nicht nur die
Stadt der Toilettewasser, der Seifen und Parfüms, es ist auch
die Stadt der Sicherheitsnadeln, Schnürsenkel, Knöpfe und
anscheinend sogar der Heiligenbilder. Der Handel fällt hier
fast ganz aus. Ich habe eine Menge Dinge probiert – Geschirr
gewaschen, Obstkörbe geschleppt, Adressen geschrieben, mit
Spielzeug gehandelt –, aber es hat noch nichts Rechtes eingebracht. Es blieb immer zufällig. Ruth hat vierzehn Tage lang ein
Büro saubergemacht; dann ging die Firma pleite, und sie bekam
überhaupt nichts dafür. Für Pullover aus Kaschmirwolle bot
man ihr so viel, daß sie gerade die Wolle dafür wieder kaufen
konnte. Infolgedessen …«
Er öffnete sein Jackett. »Ich laufe infolgedessen wie ein reicher
357

Amerikaner herum. Wunderbar, wenn man keinen Mantel hat.
Vielleicht strickt sie dir auch so einen Pullover, Steiner …«
»Ich habe noch Wolle für einen«, sagte Ruth. »Schwarze allerdings. Mögen Sie schwarz?«
»Und wie! Wir leben ja schwarz.« Steiner zündete sich eine
Zigarette an. »Ich sehe schon! Habt ihr eure Mäntel verkauft
oder versetzt?«
»Erst versetzt, dann verkauft.«
»Gut. Der natürliche Weg. Wart ihr schon mal im Café Maurice?«
»Nein. Nur im Alsace.«
»Schön. Dann gehen wir mal zum Maurice. Da gibt es Dickmann. Er weiß alles. Auch über Mäntel. Ich will ihn aber noch
etwas Wichtigeres fragen. Über die Weltausstellung, die dieses
Jahr kommt.«
»Die Weltausstellung?«
»Ja, Baby«, sagte Steiner. »Da soll es nämlich Arbeit geben. Und
nach Papieren soll nicht so genau gefragt werden.«
»Wie lange bist du eigentlich schon in Paris, Steiner? Daß du
alles weißt?«
»Vier Tage. Ich war vorher in Straßburg. Hatte da etwas zu besorgen. Euch habe ich durch Klassmann gefunden. Traf ihn auf
der Präfektur. Ich habe ja einen Paß, Kinder. In ein paar Tagen
ziehe ich ins International. Mir gefällt der Name.«
DAS CAFÉ MAURICE glich dem Café Sperler in Wien und dem
Café Greif in Zürich. Es war die typische Emigrantenbörse. Steiner bestellte für Ruth und Kern Kaffee und ging dann zu einem
älteren Mann hinüber. Beide unterhielten sich eine Zeitlang.
Dann blickte der Mann prüfend zu Kern und Ruth hinüber und
ging fort.
358

»Das war Dickmann«, sagte Steiner. »Er weiß alles. Es stimmt
mit der Weltausstellung, Kern. Die ausländischen Pavillons werden jetzt gebaut. Das bezahlen die ausländischen Regierungen.
Zum Teil bringen sie eigene Arbeiter mit – für die einfachen
Sachen aber, Erdarbeiten und so was, engagieren sie die Leute
hier. Und da liegt unsere große Chance! Da die Löhne von ausländischen Komitees bezahlt werden, kümmern die Franzosen
sich wenig darum, wer da arbeitet. Morgen früh gehen wir hin.
Es ist schon eine Anzahl Emigranten beschäftigt. Wir sind billiger
als die Franzosen – das ist unser Vorteil.«
Dickmann kam wieder. Er trug zwei Mäntel über dem Arm.
»Ich glaube, sie werden passen.«
»Probier den Mantel mal«, sagte Steiner zu Kern. »Du zuerst.
Dann Ruth den andern. Widerstand ist zwecklos.«
Die Mäntel paßten genau. Der von Ruth hatte sogar einen
verschabten, kleinen Pelzkragen. Dickmann lächelte schwach.
»Mein Auge …«, sagte er.
»Sind das deine besten Klamotten, Heinrich?« fragte Steiner.
Dickmann sah ihn etwas beleidigt an. »Die Mäntel sind gut.
Nicht neu, das ist klar. Der mit dem Pelzkragen stammt sogar
von einer Gräfin.« – »Im Exil natürlich«, fügte er auf einen
Blick Steiners hinzu. »Es ist echter Waschbär. Josef. Kein Kaninchen!«
»Gut. Wir nehmen sie. Ich komme morgen, und dann sprechen
wir weiter darüber.
»Das brauchst du nicht. Du kannst sie so haben. Wir haben ja
noch was zu verrechnen.«
»Unsinn.«
»Doch. Nimm sie und vergiß es. Damals war ich schön in der
Patsche. Herrgott!«
»Wie geht’s sonst?« fragte Steiner.
359

Dickmann zuckte die Achseln. »Es reicht für die Kinder und
mich. Aber es ist ekelhaft, so auf Krampf zu leben.«
Steiner lachte. »Werde nicht sentimental, Heinrich! Ich bin Urkundenfälscher, Falschspieler, Vagabund, ich habe Körperverletzungen hinter mir, Widerstand gegen die Staatsgewalt und noch
allerhand mehr – ich habe trotzdem kein schlechtes Gewissen.«
Dickmann nickte. »Meine Kleinste ist krank. Grippe. Fieber.
Aber Fieber ist bei Kindern nicht schlimm, was?«
Er sah Steiner dringend an. Der schüttelte den Kopf. »Rapider
Heilprozeß, sonst nichts.«
»Ich will heute mal früher nach Hause gehen.«
Steiner bestellte sich einen Kognak. »Baby«, sagte er zu Kern,
»auch einen?«
»Hör zu, Steiner …«, begann Kern.
Steiner winkte ab. »Rede nicht! Weihnachtsgeschenke, die
mich nichts kosten. Ihr habt es ja gesehen. Einen Kognak, Ruth?
Ja, was?«
»Ja.«
»Neue Mäntel! Arbeit in Sicht!« Kern trank seinen Kognak.
»Das Dasein fängt an, interessant zu werden.«
»Täusche dich nicht!« grinste Steiner. »Später, wenn du mal
Arbeit genug hast, wird dir die Zeit, wo du nicht arbeiten durftest,
als der interessantere Teil deines Lebens vorkommen. Wunderbare Geschichte für Enkel, die um die Knie spielen. Damals in
Paris …«
Dickmann kam vorüber. Er grüßte müde und ging dem Ausgang zu.
»War mal sozialdemokratischer Bürgermeister.« Steiner sah
ihm nach. »Fünf Kinder. Frau tot. Guter Bettler. Mit Würde. Weiß
alles. Etwas zu zarte Seele, wie oft bei Sozialdemokraten. Sind
deshalb so schlechte Politiker.«
360

Das Café begann sich zu füllen. Die Schläfer kamen, um Eckplätze für die Nacht zu ergattern. Steiner trank seinen Kognak
aus. »Der Wirt hier ist großartig. Er läßt alles schlafen, was Platz
findet. Umsonst. Oder für eine Tasse Kaffee. Wenn diese Buden
nicht existierten, sähe es für manche Leute böse aus.«
Er stand auf. »Wollen gehen, Kinder.«
Sie gingen hinaus. Es war windig und kalt. Ruth schlug den
Waschbärkragen ihres neuen Mantels hoch und zog ihn eng
um sich zusammen. Sie lächelte Steiner zu. Er nickte. »Wärme,
kleine Ruth! Alles auf der Welt hängt nur von einem bißchen
Wärme ab.«
Er winkte einer alten Blumenfrau, die vorüberschlurfte, zu.
Sie trottete heran. »Veilchen«, krächzte sie. »Frische Rivieraveilchen.«
»Welch eine Stadt! Veilchen mitten auf der Straße im Dezember!« Steiner nahm einen Strauß und gab ihn Ruth. »Violettes
Glück! Unnützes Blühen! Unnütze Dinge! Geben übrigens die
meiste Wärme!« Er zwinkerte Kern zu. »Eine Lehre fürs Leben,
würde Marill sagen.«

18

Sie saßen in der Kantine der Weltausstellung. Es war
Zahltag gewesen. Kern legte die dünnen Papierscheine
rund um seinen Teller. »Zweihundertsiebzig Francs!«
sagte er. »In einer Woche verdient! Und das schon zum drittenmal! Es ist ein glattes Märchen.«
Marill betrachtete ihn eine Weile amüsiert. Dann hob er sein
Glas Steiner entgegen. »Wir wollen einen Schluck des Abscheus
auf das Papier trinken, lieber Huber! Es ist erstaunlich, was für
eine Macht es über den Menschen bekommen hat! Unsere Urväter zitterten vor Donner und Blitz, vor Tigern und Erdbeben
– unsere Mittelväter vor Schwertern, Räubern, Seuchen und
Gott – wir aber zittern vor dem bedruckten Papier – sei es als
Geldschein oder als Paß. Der Neandertaler wurde mit der Keule
erschlagen; der Römer mit dem Schwert; der Mensch des Mittelalters mit der Pest – uns aber kann man schon mit einem Stück
Papier auslöschen.«
»Oder zum Leben bringen«, ergänzte Kern und betrachtete die
Noten der Bank von Frankreich rund um seinen Teller.
Marill sah ihn schief an. »Was sagst du zu diesem Knaben?«
fragte er Steiner. »Macht sich, was?«
»Und wie! Er gedeiht im rauhen Wind der Fremde. Mordet
sogar schon Pointen.«
»Ich kannte ihn noch als Kind«, erklärte Marill. »Zart und
trostbedürftig. Vor ein paar Monaten.«
Steiner lachte. »Er lebt in einem labilen Jahrhundert. Da kommt
man leicht um – aber man wächst auch schnell.«
Marill nahm einen Schluck des leichten, roten Weins. »Ein labiles Jahrhundert!« wiederholte er. »Die große Unruhe! Ludwig
Kern, ein junger Wandale der zweiten Völkerwanderung.«
»Stimmt nicht«, erwiderte Kern. »Ich bin ein junger Halbhebräer beim zweiten Auszug aus Ägypten!«
362

Marill sah Steiner anklagend an. »Dein Schüler, Huber«, sagte
er.
»Nein – das Aphoristische hat er von dir, Marill! Im übrigen
erhöht ein sicherer Wochenlohn den Witz jedes Menschen. Es
lebe die Heimkehr der verlorenen Söhne zum Gehalt!« Steiner
wandte sich an Kern. »Steck das Geld in die Tasche, Baby, sonst
fliegt es weg. Geld siebt das Licht nicht.«
»Ich werde es dir geben«, sagte Kern. »Dann ist es gleich weg.
Du bekommst ohnehin noch viel mehr von mir zurück.«
»Untersteh dich! Um Geld zurückzunehmen, bin ich noch
lange nicht reich genug!«
Kern sah ihn an. Dann steckte er das Geld in die Tasche. »Wie
lange sind heute die Geschäfte offen?« fragte er.
»Warum?«
»Heute ist doch Silvester.«
»Bis sieben, Kern«, sagte Marill. »Wollen Sie Schnaps einkaufen
für heute abend? Der ist hier in der Kantine billiger. Ausgezeichneter Martinique-Rum.«
»Nein, keinen Schnaps.«
»Aha! Sie wollen dann anscheinend wohl am letzten Tage des
Jahres auf den Pfaden bürgerlicher Sentiments wandeln, was?«
»So ungefähr.« Kern stand auf. »Ich will zu Salomon Levi. Vielleicht ist er heute auch sentimental und hat labilere Preise.«
»In labilen Jahrhunderten steigen die Preise«, erwiderte Marill.
»Aber immer los, Kern! Gewohnheit ist nichts – Impuls alles!
Und vergessen Sie über dem Schachern nicht, um acht Uhr ist
das Abendessen der alten Krieger der Emigration bei der Mère
Margot!«
SALOMON LEVI WAR ein behendes, wieselartiges Männchen
mit einem schütteren Ziegenbart. Er hauste in einem dunklen,
363

gewölbeartigen Raum, zwischen Uhren, Musikinstrumenten,
gebrauchten Teppichen, Ölgemälden, Hausrat, Gipszwergen
und Porzellantieren. Im Schaufenster waren billige Imitationen,
künstliche Perlen, silbergefaßter alter Schmuck, Taschenuhren
und alte Münzen sinnlos durcheinander aufgestapelt.
Levi erkannte Kern sofort wieder. Er hatte ein Gedächtnis
wie ein Hauptbuch und schon manches gute Geschäft dadurch
gemacht.
»Was gibt’s?« fragte er sofort kampfbereit, weil er ohne weiteres
annahm, Kern wollte wieder etwas verkaufen. »Sie kommen zu
einer schlechten Zeit!«
»Wieso? Haben Sie den Ring schon verkauft?«
»Verkauft, verkauft?« jammerte Levi. »Verkauft sagen Sie, wenn
ich mich nicht verhört habe. Oder habe ich mich geirrt?«
»Nein.«
»Junger Mann«, zeterte Levi weiter, »lesen Sie denn keine Zeitungen? Leben Sie auf dem Mond und wissen Sie nicht, was in der
Welt vorgeht? Verkauft! So alten Plunder! Verkauft! Wie Sie das
sagen, so großmächtig dahin, wie der Rothschild. Wissen Se, was
dazu gehört, daß mer was verkauft?« Er machte eine Kunstpause
und erklärte dann pathetisch: »Daß ein femder Mensch kommt
und was haben will und daß er dann seine Börse aus der Tasche
zieht …«, Levi holte ein Portemonnaie hervor, »sie öffnet« – er
öffnet es – »und bares, koscheres Geld herausnimmt« – er zückte
einen Zehnfrankenschein –, »es hinlegt« – der Schein wurde auf
dem Tisch glattgestrichen – »und dann die Hauptsache« – Levis
Stimme kletterte ins Falsett –, »sich dauernd von ihm trennt!«
Levi steckte den Schein wieder ein. »Und wofür? Für irgendeinen Fummel, irgend’ne Sache. Bares, koscheres Geld! Daß ich
nicht lache! Nur Verrückte und Gojim machen so was. Oder ich
Unglückseliger mit meiner Leidenschaft fürs Geschäft. Also was
364

haben Sie diesmal? Viel kann ich nicht geben. Ja, vor vier Wochen,
das waren noch Zeiten!«
»Ich will nichts verkaufen, Herr Levi. Ich möchte den Ring
wiederkaufen.«
»Was?« Levi sperrte einen Moment den Mund auf, wie eine
hungrige Goldammer im Nest. Der Bart war das Nest. »Ah, ich
weiß schon, tauschen wollen Se. Nee, junger Mann, das kenn’
ich! Ich habe vor ’ner Woche noch Pech damit gehabt, ’ne Uhr,
gut, sie ging nicht mehr, aber Uhr ist Uhr schließlich, gegen
ein bronzenes Tischschreibzeug und einen Füllfederhalter mit
Goldspitze. Was soll ich Ihnen sagen? ’reingelegt haben se mich
vertrauensseligen Narren – der Füllfederhalter funktioniert nicht.
Gut, die Uhr geht auch höchstens ä Viertelstund, aber es is doch
längst nicht dasselbe, wenn ä Uhr nich geht oder ä Füllhalter. Ä
Uhr bleibt ä Uhr trotzdem, aber ä Füllhalter, der leer ist, haben
Sie Gedanken? Das ist doch ä Widersinn, das is doch, als war’ er
gar nich da. Was wollten Se denn tauschen?«
»Gar nichts, Herr Levi. Ich habe kaufen gesagt. Kaufen.«
»Mit Geld?«
»Ja, mit barem Geld.«
»Aha, ich weiß schon! Irgendso ungarisches oder rumänisches
oder entwertetes österreichisches Geld oder Inflationsscheine
natürlich, wer kennt sich denn da aus! Erst neulich hat so einer
mit’m gewichsten Schnurrbart wie Karl der Große …«
Kern holte einen Hundertfrancschein hervor und legte seine
Brieftasche auf den Tisch. Levi erstarrte und stieß einen hohen
Pfiff aus. »Sie sind bei Kasse? Das erstemal, daß ich so was sehe!
Junger Mann, die Polizei…«
»Verdient!« sagte Kern. »Ehrlich verdient. Und nun, wo ist der
Ring?«
»Momenterl!« Levi rannte fort und kam mit dem Ring von
365

Ruths Mutter zurück. Er putzte ihn mit seinem Rockärmel blank,
blies behutsam darauf, putzte ihn noch einmal und legte ihn dann
auf ein Stück Samt, als wäre er ein zwanzigkarätiger Diamant. »Ä
scheenes Stick«, sagte er andächtig. »Ä wirkliche Rarität!«
»Herr Levi«, sagte Kern. »Sie haben uns damals hundertfünfzig
Francs für den Ring gegeben. Wenn ich Ihnen hundertachtzig
wiedergebe, haben Sie zwanzig Prozent verdient. Das ist ein guter
Vorschlag, was?«
Levi hörte nichts. »Ein Stück zum Verlieben«, träumte er verzückt. »Kein moderner Schund. Ware! Reelle Ware! Ich wollte es
selbst behalten. Ich habe so ä kleine Sammlung, privat, für mich
persönlich!«
Kern zählte hundertachtzig Francs auf den Tisch.
»Geld!« sagte Levi verächtlich, »was ist heute Geld? Bei der
Entwertung! Sachwerte, das ist richtig. So ä Ringelchen, da hat
man Freude daran, und es steigt noch im Wert. Doppelte Freude!
Und grad Gold ist so gestiegen«, meinte er sinnend. »Vierhundert
Francs wäre billig für so ein schönes Stück. Liebhaberpreise könnt
man dafür haben!«
Kern erschrak. »Herr Levi!«
»Ich bin ein Mensch«, sagte Levi entschlossen, »ich trenne mich.
Ich will Ihnen die Freude machen. Ich will nichts verdienen,
weil heute Silvester ist! Dreihundert Francs, fertig, und wenn
ich verblute.«
»Das ist ja das Doppelte!« sagte Kern empört.
»Das Doppelte! Das sagen Sie so dahin, ohne zu wissen, was Sie
reden. Das Doppelte ist die Hälfte, sagt schon der Rabbi Michael
von Howorodka irgendwo. Haben Sie schon mal was von Spesen
gehört, junger Mann? Das kostet und kostet! Steuern, Miete,
Kohlen, Abgaben, Verluste! Für Sie ist das nichts, aber für mich
is es enorm! Das kommt jeden Tag dazu auf so ä Ringelchen!«
366

»Ich bin ein armer Teufel, ein Emigrant …«
Levi winkte ab. »Wer ist kein Emigrant? Wer kaufen will, ist
immer reicher, als wer verkaufen muß. Na, und wer von uns
beiden will kaufen?«
»Zweihundert Francs«, sagte Kern, »und das ist das letzte.«
Levi nahm den Ring, blies darauf und trug ihn fort. Kern
steckte das Geld ein und ging zur Tür. Als er sie öffnete, schrie
Levi von hinten: »Zweihundertfuffzich, weil Sie jung sind und
ich ein Wohltäter sein will!«
»Zweihundert«, gab Kern von der Tür zurück.
»Schalom alechem!« grüßte Levi.
»Zweihundertzwanzig.«
»Zweihundertfünfundzwanzig, ehrlich und treu, weil ich morgen Miete zahlen muß.«
Kern kehrte zurück und legte das Geld hin. Levi packte den
Ring in einen kleinen Pappkasten. »Das Schächtelchen haben
Se gratis«, sagte er, »und die hübsche blaue Watte auch. Ruiniert
haben Sie mich!«
»Fünfzig Prozent«, knurrte Kern. »Wucherer!«
Levi nahm das letzte Wort gar nicht zur Kenntnis. »Glauben
Sie mir«, erwiderte er lediglich treuherzig, »in der Rue de la Paix
bei Cartier kostet so ein Ring sechshundert. Wert ist er dreihundertfünfzig. Diesmal stimmt’s.«
Kern fuhr zurück zum Hotel. »Ruth!« sagte er in der Tür. »Es
geht mächtig aufwärts mit uns! Hier! Der letzte Mohikaner ist
heimgekehrt.«
Ruth öffnete die Schachtel und sah hinein. »Ludwig«, sagte
sie.
»Unnütze Dinge, weiter nichts!« erklärte Kern schnell und
verlegen. »Wie sagt Steiner? Sollen die meiste Wärme geben.
Wollte es auch mal versuchen. Und nun setz ihn auf! Wir essen
367

heute alle zusammen in einem Restaurant. Wie richtige Arbeiter
mit Wochenlohn!«
Es war zehn Uhr abends. Steiner, Marill, Ruth und Kern saßen
in der »Mère Margot«. Die Kellner begannen die Stühle zusammenzustellen und mit Reisigbesen und Wasser den Boden zu
fegen. Die Katze an der Kasse dehnte sich und sprang herab.
Die Patronne schlief, fest in eine Strickjacke gewickelt. Nur ab
und zu öffnete sie ein wachsames Auge.
»Ich glaube, man will uns hier herausschmeißen«, sagte Steiner
und winkte dem Kellner. »Es wird auch Zeit. Wir müssen zu Edith
Rosenfeld. Vater Moritz ist heute angekommen.«
»Vater Moritz?« fragte Ruth. »Wer ist das?«
»Vater Moritz ist der Veteran der Emigranten«, erwiderte Steiner. »Fünfundsiebzig Jahre alt, kleine Ruth. Kennt alle Grenzen,
alle Städte, alle Hotels, alle Pensionen und Privatquartiere, in
denen man unangemeldet wohnen kann, und die Gefängnisse
von fünf Kulturstaaten. Er heißt Moritz Rosenthal und stammt
aus Godesberg am Rhein.«
»Dann kenn’ ich ihn«, sagte Kern. »Ich bin einmal mit ihm von
der Tschechoslowakei nach Österreich gegangen.«
»Ich mit ihm von der Schweiz nach Italien«, sagte Marill.
Der Kellner brachte die Rechnung. »Ich habe mit ihm auch ein
paar Grenzen gemacht«, sagte Steiner. »Haben Sie eine Flasche
Kognak zum Mitnehmen?« fragte er dann den Kellner. »Courvoisier? Zum Ladenpreis natürlich.«
»Einen Moment. Ich werde die Patronne fragen.«
Der Kellner ging zu der schlafenden Strickjacke hinüber. Sie
öffnete ein Auge und nickte. Der Kellner kam zurück, holte eine
Flasche von den Regalen und gab sie Steiner, der sie in die Seitentasche seines Mantels steckte.
In diesem Augenblick ging die Tür zur Straße auf, und eine
368

schattenhafte Gestalt trat ein. Die Patronne fuhr sich über den
Mund, gähnte und öffnete beide Augen.
Die Kellner machten ärgerliche Gesichter.
Der Mann, der hereingekommen war, ging schweigend wie
ein Mondsüchtiger durch die ganze Wirtsstube zu dem großen
Rost hinüber, an dem über glühenden Holzkohlen sich ein paar
Brathühner am Spieß drehten.
Der Mann examinierte die Hühner mit Röntgenaugen. »Was
kostet das da?« fragte er dann den Kellner.
»Sechsundzwanzig Francs.«
»Und das da?«
»Sechsundzwanzig Francs.«
»Kosten alle sechsundzwanzig Francs?«
»Ja.«
»Warum sagen Sie mir das nicht gleich?«
»Weil Sie mich nicht gleich danach gefragt haben.«
Der Mann sah auf. Durch das Mondsüchtige brach einen Moment eine gesunde Wut durch. Dann deutete er auf das größte
Huhn. »Geben Sie mir das da!«
Kern stieß Steiner an. Steiner saß aufmerksam da. Um seinen
Mund zuckte es.
»Mit Salat, Bratkartoffeln, Reis?« fragte der Kellner.
»Mit nichts. Mit Messer und Gabel. Geben Sie es her.«
»Das Poulet!« sagte Kern leise. »Das alte Poulet, tatsächlich!«
Steiner nickte. »Er ist es! Das Poulet aus dem Gefängnis in
Wien.«
Der Mann ließ sich an einem Tisch nieder. Er nahm seine
Brieftasche heraus und überzählte sein Geld. Dann steckte er sie
wieder fort und entfaltete feierlich die Serviette. Vor ihm prangte
das gebratene Huhn. Der Mann hob die Hände wie ein Priester,
als wolle er es segnen. Eine strahlende, wilde Genugtuung um369

schwebte ihn. Dann hob er es von der Schüssel auf seinen Teller
hinüber.
»Wir wollen ihn nicht stören«, grinste Steiner leise. »Er hat sich
sein Brathuhn sicher hart verdient.«
»Im Gegenteil, ich schlage vor, daß wir sofort flüchten!« erwiderte Kern. »Ich habe ihn bisher zweimal erlebt. Beide Male
im Gefängnis. Jedesmal war er verhaftet worden im Moment,
wo er ein Brathuhn essen wollte. Danach muß die Polizei jede
Sekunde kommen!«
Steiner lachte. »Dann aber los! Lieber bei der Silvesterfeier der
vom Schicksal Enterbten als in der Polizeiwache der Präfektur!«
Sie brachen auf. An der Tür sahen sie sich noch einmal um.
Das Poulet löste gerade einen braunen, knusprigen Schenkel
vom Körper des Huhnes los, betrachtete ihn wie ein Pilger das
Heilige Grab und biß andächtig, dann aber entschlossen und mit
einer ungeheuren Gefräßigkeit hinein.
EDITH ROSENFELD WAR eine zierliche, weißhaarige Frau von
Sechsundsechzig Jahren. Sie war vor zwei Jahren mit sieben
Kindern nach Paris gekommen. Sechs davon hatte sie untergebracht. Der älteste Sohn war als Arzt in den chinesischen Krieg
gegangen, die älteste Tochter, die Philologin in Bonn gewesen war,
hatte durch die Flüchtlingshilfe eine Stelle als Dienstmädchen
in Schottland bekommen, der zweite Sohn hatte in Paris sein
französisches Staatsexamen in Jura gemacht; als er keine Praxis
fand, war er Kellner im Carlton Hotel in Cannes geworden, der
dritte hatte sich in die Fremdenlegion gemeldet, der nächste war
nach Bolivien ausgewandert, und die zweite Tochter lebte auf
einer Orangenpflanzung in Palästina. Übriggeblieben war nur
noch der jüngste Sohn. Für ihn suchte die Flüchtlingshilfe eine
Möglichkeit, als Chauffeur nach Mexiko zu kommen.
370

Die Wohnung Edith Rosenfelds bestand aus zwei Zimmern
– einem größeren für sie und einem kleinen, in dem der letzte
Sohn, der Autofanatiker Max Rosenfeld, wohnte. Als Steiner,
Marill, Kern und Ruth ankamen, waren schon ungefähr zwanzig
Personen in den beiden Zimmern versammelt – alles Flüchtlinge
aus Deutschland, einige mit, die meisten ohne Arbeitserlaubnis.
Diejenigen, die es sich leisten konnten, hatten etwas zu trinken
mitgebracht. Fast alle den billigen französischen Rotwein. Steiner
und Marill saßen wie zwei Eckpfeiler dazwischen mit Kognak. Sie
schenkten freigebig davon ein, um überflüssige Sentimentalität
zu verhüten.
Moritz Rosenthal kam um elf Uhr. Kern kannte ihn kaum
wieder. Er schien zehn Jahre älter geworden zu sein in kaum
einem Jahr. Sein Gesicht war gelb, ohne einen Tropfen Blut, und
er ging mühsam an einem Ebenholzstock mit einer altmodischen
Elfenbeinkrücke.
»Edith, meine alte Liebe«, sagte er, »da bin ich wieder. Ich konnte
nicht früher kommen. Ich war sehr müde.«
Er beugte sich nieder, um ihr die Hand zu küssen. Es gelang
ihm nicht. Edith Rosenfeld stand auf. Sie war leicht wie ein Vogel.
Sie hielt seine Hand und küßte ihn auf die Wange.
»Ich glaube, ich werde alt«, sagte Moritz Rosenthal. »Ich kann
dir nicht mehr die Hand küssen. Du aber küßt mich furchtlos
auf die Wange. Ja, wenn ich noch siebzig wäre!«
Edith Rosenfeld sah ihn an und lächelte. Sie wollte ihm nicht
zeigen, wie erschrocken sie darüber war, daß er so elend aussah. Und Moritz Rosenthal zeigte ihr nicht, daß er wußte, wie
erschrocken sie war. Er war ruhig und heiter, und er war nach
Paris gekommen, um zu sterben.
Er sah sich um. »Bekannte Gesichter«, sagte er. »Wer nirgendwo
hingehört, trifft sich überall wieder. Sonderbare Geschichte! Stei371

ner, wo war es doch das letztemal mit uns? In Wien, richtig! Und
Marill! In Brissago und später Locarno, in Polizeihaft, nicht wahr?
Und da ist auch Klassmann, der Sherlock Holmes von Zürich! Ja,
mein Gedächtnis funktioniert immer noch einigermaßen. Und
Waser! Brose! Und Kern aus der Tschechei! Meyer, der Freund der
Carabinieri in Pallanza! Gott ja, Kinder, die alten schönen Zeiten!
Jetzt geht’s nicht mehr so. Die Beine wollen nicht mehr.«
Er setzte sich umständlich hin. »Woher kommen Sie jetzt, Vater
Moritz?« fragte Steiner.
»Von Basel. Kinder, ich sage euch eins: meidet das Elsaß! Seid
vorsichtig in Straßburg und flieht vor Kolmar! Zuchthausatmosphäre. Matthias Grünewald und der Isenheimer Altar haben
nichts vermocht. Drei Monate Gefängnis für illegale Einreise;
jedes andere Gericht verurteilt höchstens zu fünfzehn Tagen.
Beim zweitenmal sechs Monate. Und die Gefängnisse sind
Zuchthäuser. Also meidet Kolmar und das Elsaß, Kinder. Geht
über Genf!«
»Wie ist Italien jetzt?« fragte Klassmann.
Moritz Rosenthal nahm ein Glas Rotwein, das Edith Rosenfeld
vor ihn hingestellt hatte. Seine Hände zitterten stark, als er es hob.
Er schämte sich und stellte es wieder zurück. »Italien ist voll deutscher Agenten«, sagte er. »Nichts mehr für uns zu machen.«
»Und Österreich?« fragte Waser.
»Österreich und die Tschechoslowakei sind Mausefallen.
Frankreich ist das einzige Land, das übriggeblieben ist für uns
in Europa. Seht zu, daß ihr hier bleibt.«
»Hast du etwas von Mary Altmann gehört, Moritz?« fragte Edith
Rosenfeld nach einer Weile. »Sie war zuletzt in Mailand.«
»Ja. Sie ist jetzt in Amsterdam als Dienstmädchen. Ihre Kinder
sind in einem Emigrantenheim in der Schweiz. In Locarno, glaube
ich. Ihr Mann ist in Brasilien.«
372

»Hast du sie schon gesprochen?«
»Ja, kurz vor ihrer Abreise in Zürich. Sie war überglücklich, daß
alle untergebracht sind.«
»Wissen Sie etwas von Josef Fessler?« fragte Klassmann. »Er
wartete in Zürich auf eine Aufenthaltserlaubnis.«
»Fessler hat sich mit seiner Frau erschossen«, erwiderte Moritz
Rosenthal so ruhig, als erzählte er etwas über Bienenzucht. Er sah
Klassmann nicht an. Er blickte auf die Tür. Klassmann antwortete
nicht. Auch niemand von den andern. Es war nur einen Moment
still. Jeder tat, als habe er nichts gehört.
»Haben Sie Josef Friedmann irgendwo getroffen?« fragte
Brose.
»Nein, aber ich weiß, daß er in Salzburg im Gefängnis ist. Sein
Bruder ist nach Deutschland zurückgegangen. Er soll jetzt in
einem Schulungs-Konzentrationslager sein.«
Moritz Rosenthal nahm sein Glas mit beiden Händen, vorsichtig wie einen Pokal, und trank langsam.
»Was macht eigentlich der Minister Althoff?« fragte Marill.
»Dem geht es glänzend. Er ist Taxichauffeur in Zürich geworden. Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis.«
»Natürlich!« sagte der Kommunist Waser.
»Und Bernstein?«
»Bernstein ist in Australien. Sein Vater in Ostafrika. Max May
hat besonderes Glück gehabt; er ist Assistent eines Zahnarztes
in Bombay geworden. Schwarz natürlich, aber er hat zu essen.
Löwenstein hat alle englischen Anwaltsexamina nachgemacht
und ist jetzt Advokat in Palästina. Der Schauspieler Hansdorff
ist am Staatstheater in Zürich. Storm hat sich erhängt. Kanntest
du den Regierungsrat Binder in Berlin, Edith?«
»Ja.«
»Er hat sich scheiden lassen. Der Karriere wegen. Er war mit
373

einer Oppenheimer verheiratet. Die Frau hat sich mit ihren beiden Kindern vergiftet.
Moritz Rosenthal dachte eine Zeitlang nach. »Das ist ungefähr
alles, was ich weiß«, sagte er dann. »Die andern irren umher wie
immer. Es sind nur noch viel mehr geworden.«
Marill schenkte sich einen Kognak ein. Er benutzte ein Wasserglas dazu, das die Aufschrift trug: Gare de Lyon. Es war eine
Erinnerung an seine erste Verhaftung, und er schleppte es immer
mit sich herum. Er trank das Glas mit einem Ruck aus. »Eine
aufschlußreiche Chronik!« erklärte er dann. »Es lebe die Vernichtung des Individuums! Bei den alten Griechen war Denken eine
Auszeichnung. Dann wurde es ein Glück. Später eine Krankheit.
Heute ist es ein Verbrechen. Die Geschichte der Kultur ist die
Leidensgeschichte derer, die sie schufen.«
Steiner grinste ihn an. Marill grinste zurück. Im selben Augenblick begannen draußen die Glocken zu läuten. Steiner blickte in
die Gesichter rundum – die vielen kleinen Schicksale, die vom
Wind des Schicksals hierher zusammengeweht worden waren
–, und er hob sein Glas. »Vater Moritz!« sagte er. »König der
Wanderer, letzter Nachkomme Ahasvers, ewiger Emigrant, sei
uns gegrüßt! Weiß der Teufel, was dieses Jahr uns bringen wird!
Es lebe die unterirdische Brigade! Solange man da ist, ist nichts
verloren!«
Moritz Rosenthal nickte. Er hob sein Glas Steiner entgegen und
trank. Im Hintergrund des Zimmers lachte jemand. Dann wurde
es still. Alle sahen sich mit verlegenen Gesichtern an, als seien
sie auf etwas Verbotenem ertappt worden. Von draußen auf der
Straße kamen Rufe. Feuerwerk knallte. Taxis hupten lärmend
vorüber. Auf einem Balkon des Hauses gegenüber brannte ein
kleiner Mann in Weste und Hemdsärmeln eine Schale mit Grünfeuerpulver ab. Die ganze Front leuchtete auf. Das grüne Licht
374

blendete in das Zimmer Edith Rosenfelds hinein und machte es
unwirklich – als wäre es nicht mehr ein Raum in einem Hotel
in Paris, sondern eine Kabine in einem versunkenen Schiff, tief
unter Wasser.
DIE SCHAUSPIELERIN BARBARA Klein saß in einer Ecke an einem
Tisch in der Katakombe. Es war spät, und nur zwei elektrische
Birnen über den Durchgangstüren brannten noch. Sie saß in
einem Sessel vor einem Palmenarrangement, und wenn sie sich
zurücklehnte, griffen die Palmblätter wie starre Hände in ihr
Haar. Sie fühlte es jedesmal und zuckte mit dem Kopf – aber
sie hatte nicht mehr die Kraft, aufzustehen und sich anderswo
hinzusetzen.
Von der Küche her kam der Lärm von Geschirr und die jammernde Akkordeonmusik eines Radios. Station Toulouse, dachte
Barbara Klein. Station Toulouse. Ein neues Jahr. Ich bin müde.
Station Toulouse. Ich will nicht mehr leben. Station Toulouse.
Was wußten sie alle davon, wie müde man sein konnte.
Ich bin nicht betrunken, dachte sie. Meine Gedanken sind nur
schon langsamer. Langsam wie die Fliegen im Winter, in denen
der Tod wächst. Er wächst wie ein Baum in mir. Er wächst wie
ein Baum von Adern, die allmählich erfrieren. Jemand hat mir
ein Glas Kognak gegeben. Der, den sie Marill nennen, oder der
andere, der dann weggegangen ist. Ich sollte warm sein. Aber ich
bin nicht einmal kalt. Ich fühle mich nur nicht mehr.
Sie saß da und sah wie durch eine Glaswand jemand auf sich
zukommen. Er kam näher, und sie sah ihn nun genauer; aber es
war immer noch Glas dazwischen. Sie erkannte ihn jetzt; es war
der, der neben ihr gesessen hatte im Zimmer von Edith Rosenfeld.
Er hatte ein scheues, undeutliches Gesicht mit großen Brillengläsern und einem verzogenen Mund gehabt und unruhige Hände
375

und er hinkte – aber jetzt hinkte er durch das Glas und hinter
ihm schlug es weich und schillernd wieder zusammen wie ein
Gelee aus flüssigem Glas.
Es dauerte lange, ehe sie etwas von dem verstand, was er sagte.
Sie sah ihn weggehen mit seinem hinkenden Gang, als schwimme
er, und sie sah ihn wiederkommen und neben sich sitzen, und sie
trank, was er ihr gab, und sie fühlte nicht, daß sie es schluckte. In
ihren Ohren war ein sanftes Brausen und dazwischen die Stimme, Worte, nutzlose, sinnlose Worte, weither, von einem anderen
Ufer. Und dann war es plötzlich kein Mensch mehr, heiß, fleckig
und unruhig, der vor ihr war – es war nur noch irgend etwas
Armseliges, sich Bewegendes, etwas Verprügeltes, Flehendes, es
waren nur noch gehetzte, verlangende Augen, irgendein Tier,
gefangen in dieser Einsamkeit aus Glas und Station Toulouse
und fremder Nacht.
»Ja«, sagte sie, »ja …«
Sie wollte, daß er ginge und sie allein ließe, nur einen Augenblick noch, ein paar Minuten, ein kleines Stück von der langen
Ewigkeit, die vor ihr lag – doch da stand er schon auf und stand
vor ihr und beugte sich herunter und nahm ihren Arm und zog
sie hoch und zog sie fort, und sie watete durch den Glasschlamm
und folgte, und dann kamen die Treppen, die weich waren und
mit den Zähnen ihrer Stufen nach ihren Beinen schnappten, und
Türen und Helligkeit und ein Zimmer.
Sie saß auf ihrem Bett. Sie hatte das Gefühl, nie wieder aufstehen
zu können. Ihre Gedanken fielen auseinander. Es schmerzte nicht.
Es war nur ein lautloses Auseinanderfallen, wie überreife Früchte
fallen, nachts in der Stille des Herbstes von einem regungslosen
Baum. Sie beugte sich vor, sie sah auf den abgetretenen Läufer,
als müßten sie daliegen, und dann hob sie den Kopf, und jemand
sah sie an.
376

Es waren fremde Augen, unter weichem Haar, es war ein schmales, fremdes Gesicht, vorgeneigt, wie eine Maske, und dann war
es ein kühler Schauder und ein Erbeben und ein Erwachen von
weit her, und sie sah, daß es ihr Gesicht war, das sie aus dem
Spiegel anblickte.
Sie rührte sich. Und dann sah sie den Mann, der neben ihrem
Bett kniete, in einer sonderbar lächerlichen Haltung, und ihre
Hände hielt.
Sie zog die Hände weg. »Was wollen Sie?« fragte sie heftig. »Was
wollen Sie von mir?«
Der Mann starrte sie an. »Aber Sie haben mir doch … Sie haben
mir doch gesagt, ich könne mitkommen …«
Sie wurde schon wieder müde. »Nein …«, sagte sie. »Nein …«
Die Worte kamen wieder. Worte von Unglück und Jammer und
Einsamkeit und Leiden. Worte, viel zu große Worte, aber gab es
denn kleine für das Kleine, das einen zerrieb und zerschliß? Und
daß er morgen fort müsse, und daß noch nie eine Frau dagewesen
sei, und Angst nur und das Gebrechen, das ihn lähme und scheu
und lächerlich mache, ein zerschlagener Fuß, nur ein Fuß, und
die Verzweiflung und die Hoffnung, gerade heute nacht, sie habe
ihn doch immer angesehen und er habe geglaubt…
Hatte sie ihn angesehen? Sie wußte es nicht. Sie wußte jetzt nur,
daß dieses ihr Zimmer war und daß sie nie mehr hinausgehen
würde, und daß alles andere ein Nebel war und weniger.
»Es würde ein anderes Leben für mich sein!« flüsterte der Mann
neben ihren Knien. »Alles würde anders für mich sein … verstehen Sie das doch! Nicht mehr sich ausgestoßen fühlen …«
Sie verstand nichts. Sie sah wieder in den Spiegel. Das war Barbara
Klein, eine Schauspielerin, vorgebeugt, achtundzwanzig Jahre alt,
unberührt ein Leben lang, aufbewahrt für einen Traum, der nie
gekommen war, und nun ohne Hoffnung und am Ende.
377

Sie stand vorsichtig auf. Sie ließ das Bild im Spiegel nicht aus
dem Auge. Sie sah es an. Sie lächelte ihm zu, und einen Augenblick
flackerte etwas wie Ironie und ein makabrer Spott hindurch. »Ja«,
sagte sie müde. »Ja … gut …«
Der Mann verstummte. Er starrte sie fast ungläubig an. Sie
achtete nicht darauf. Alles war plötzlich zu schwer. Das Kleid
drückte wie ein Panzer. Sie ließ es. fallen. Sie ließ sich selbst fallen,
die schweren Schuhe, den schweren, schmalen Körper, und das
Bett wuchs und wurde riesig und nahm sie in seine Arme, das
weiche, weiße Grab …
Sie hörte einen Schalter knipsen und das Rascheln von Kleidern. Sie öffnete mit Mühe die Augen. Es war dunkel. »Licht!«
sagte sie in das Kissen hinein. »Das Licht soll brennen!«
»Einen Augenblick! Bitte nur einen Moment noch!« Die Stimme des Mannes war verlegen und hastig. »Es ist nur … bitte,
verstehen Sie …«
»Das Licht soll brennen bleiben …«, wiederholte sie.
»Ja, gewiß … sofort … nur …«
»Es ist noch so lange dunkel dann …«, murmelte sie.
»Ja … ja, gewiß … die Nächte im Winter sind lang …«
Sie hörte den Schalter klicken. Das Licht war wieder auf ihren
geschlossenen Augenlidern, eine sanfte rote Dämmerung. Dann
fühlte sie den anderen Körper. Eine Sekunde zog sich alles in
ihr zusammen – dann ließ sie sich los. Es würde vorübergehen,
wie alles …
SIE ÖFFNETE LANGSAM wieder die Augen. Ein Mensch, den sie
nicht kannte, stand vor ihrem Bett. Sie hatte eine Erinnerung
gehabt an etwas Unruhiges, Flehendes, Elendes … aber das, was
sie jetzt sah, war ein heißes, offenes Gesicht, das überflackert war
von Zärtlichkeit und Glück.
378

Sie sah ihn einen Augenblick an. »Sie müssen jetzt gehen«, sagte
sie dann. »Bitte, gehen Sie …«
Der Mann machte eine Bewegung. Dann kamen die Worte
wieder, schnelle, sprudelnde Worte. Sie verstand anfangs nichts.
Es war zu schnell, und sie war zu ausgelöscht. Sie wollte nur,
daß er jetzt ging. Dann verstand sie etwas – daß er verzweifelt
und kaputt gewesen sei und es nun nicht mehr wäre. Und daß
er wieder Mut hätte, gerade jetzt, wo er ausgewiesen sei aus
Frankreich …
Sie nickte. Er sollte aufhören zu sprechen. »Bitte«, sagte sie.
Er schwieg.
»Sie müssen jetzt gehen«, sagte sie.
»Ja …«
Sie lag zerschlagen unter der Decke. Ihre Augen folgten dem
Manne, der zur Tür ging. Er war der letzte Mensch, den sie sehen
würde. Sie lag sehr still, in einem sonderbaren Frieden – es ging
sie alles nichts mehr an.
Der Mann blieb an der Tür stehen. Er zögerte und wartete
eine Weile. Dann wendete er sich ihr zu. »Sag mir noch etwas«,
sagte er. »Hast du … hast du es nur so getan … aus … mehr aus
Mitleid … oder …«
Sie sah ihn an. Der letzte Mensch. Das letzte Stück Leben. »Nein
…«, sagte sie mit großer Anstrengung.
»Nicht aus Mitleid?«
»Nein.«
Der Mann an der Tür erstarrte. Er war atemlose Erwartung.
»Was …?« fragte er so leise, als fürchte er abzustürzen.
Sie sah ihn immer noch an. Sie war sehr ruhig. Das letzte bißchen Leben. »Liebe …«, sagte sie.
Der Mann an der Tür schwieg. Er wirkte, als hätte er einen
Keulenschlag erwartet und wäre in eine Umarmung getaumelt.
379

Er bewegte sich nicht und schien doch zu wachsen. »Mein Gott!«
sagte er.
Sie hatte plötzlich Angst, er würde wieder zurückkommen. »Du
mußt nun gehen«, sagte sie. »Ich bin sehr müde …«
»Ja …«
Sie hörte nicht mehr, was er sagte. Sie fühlte die Erschöpfung
und schloß die Augen. Dann war die Tür wieder da, blank und
leer, und sie war allein und hatte ihn vergessen.
Sie blieb eine Zeitlang still liegen. Sie sah ihr Gesicht im Spiegel
und lächelte ihm zu … sehr müde und zärtlich. Ihr Kopf war
ganz klar jetzt. Barbara Klein, dachte sie. Schauspielerin. Am
Neujahrstage gerade. Schauspielerin. Aber war nicht ein Tag
wie der andere? Sie sah ihre Uhr auf dem Nachttisch. Sie hatte
sie morgens aufgezogen. Die Uhr würde noch eine Woche lang
ticken. Sie sah den Brief daneben. Den schrecklichen Brief, in
dem der Tod war.
Sie nahm die kleine Rasierklinge aus der Schublade. Sie nahm
sie zwischen Daumen und Zeigefinger und zog die Decke über
sich. Es tat nicht sehr weh. Die Wirtin würde schimpfen morgen.
Aber sie hatte nichts anderes. Sie hatte kein Veronal. Sie drückte
das Gesicht in das Kissen. Es wurde dunkler. Dann kam es wieder.
Weit weg Radio Toulouse. Näher und näher. Ein blasses Dröhnen.
Ein Trichter, in den man rutscht. Schneller und schneller. Und
dann der Wind …

19

Marill kam in die Kantine. »Draußen ist jemand, der
dich sucht, Steiner.«
»Als was? Als Steiner oder als Huber?«
»Als Steiner.«
»Hast du ihn gefragt, was er will?«
»Natürlich. Schon aus Vorsicht.« Marill sah ihn an. »Er hat
einen Brief für dich aus Berlin.«
Steiner schob mit einem Ruck seinen Stuhl zurück. »Wo ist
er?«
»Drüben am rumänischen Pavillon.«
»Kein Spitzel oder so was?«
»Sieht nicht so aus.«
Sie gingen zusammen hinüber. Unter den kahlen Bäumen
wartete ein Mann von etwa fünfzig Jahren. »Sind Sie Steiner?«
fragte er.
»Nein«, sagte Steiner. »Warum?«
Der Mann fixierte ihn flüchtig. »Ich habe einen Brief für Sie.
Von Ihrer Frau.«
Er nahm einen Brief aus seiner Brieftasche und zeigte ihn
Steiner. »Sie kennen ja wohl die Handschrift.«
Steiner fühlte, daß er ruhig stand, mit aller Kraft, aber innen
war plötzlich alles lose und bebte und flog. Er konnte die Hand
nicht heben; er glaubte, sie würde wegfliegen.
»Woher wissen Sie, daß Steiner in Paris ist?« fragte Marill.
»Der Brief kommt aus Wien. Jemand hat ihn aus Berlin mitgebracht. Dann hat er Sie zu erreichen versucht und gehört, daß
Sie in Paris sind.« Der Mann zeigte auf ein zweites Kuvert. Josef
Steiner, Paris, stand darauf, in Lilos großer Handschrift. »Er hat
mit noch anderer Post den Brief an mich geschickt. Ich suche Sie
seit einigen Tagen. Im Café Maurice habe ich endlich gehört, daß
ich Sie hier finden kann. Sie brauchen mir nicht zu sagen, ob Sie
381

Steiner sind. Ich weiß, daß man vorsichtig sein muß. Sie brauchen
nur den Brief zu nehmen. Ich will ihn los werden.«
»Er ist für mich«, sagte Steiner.
»Gut.«
Der Mann gab ihm den Brief. Steiner mußte sich Mühe geben,
ihn zu nehmen; er war anders und schwerer als alle Briefe der
Welt. Aber als er den Umschlag zwischen den Fingern fühlte,
hätte man ihm die Hand abschlagen müssen, um ihn wiederzubekommen. »Danke«, sagte er zu dem Mann. »Sie haben viel
Mühe gehabt.«
»Macht nichts. Wenn wir schon Post bekommen, ist sie wichtig
genug, um jemand zu suchen. Gut, daß ich Sie gefunden habe.«
Er grüßte und ging.
»Marill«, sagte Steiner, vollkommen außer sich. »Von meiner
Frau! Der erste Brief! Was kann das sein? Sie sollte doch nicht
schreiben!«
»Mach ihn auf …«
»Ja. Bleib hier sitzen. Verdammt, was mag sie haben?«
Er riß den Umschlag auf und begann zu lesen. Er saß wie ein
Stein und las den Brief zu Ende; aber sein Gesicht begann sich zu
verändern. Er wurde bleich und schien einzufallen. Die Muskeln
an den Backen spannten sich, und die Adern traten hervor.
Er ließ den Brief sinken und saß eine Zeitlang schweigend und
starrte zu Boden. Dann blickte er nach dem Datum. »Zehn Tage
…«, sagte er. »Sie liegt im Krankenhaus. Vor zehn Tagen hat sie
noch gelebt …« – Marill sah ihn an und wartete.
»Sie sagt, sie sei nicht zu retten. Deshalb schreibt sie. Es sei ja
nun egal. Sie sagt nicht, was sie hat. Sie schreibt … du verstehst
… es ist ihr letzter Brief …«
»In welchem Krankenhaus liegt sie?« fragte Marill. »Hat sie es
geschrieben?«
382

»Ja.«
»Wir werden sofort anrufen. Wir rufen das Krankenhaus an.
Unter irgendeinem Namen.«
Steiner stand etwas taumelnd auf. »Ich muß hin.«
»Ruf erst an. Komm, wir fahren zum Verdun.«
Steiner meldete die Nummer an. Nach einer halben Stunde
klirrte das Telefon, und er ging in die Kabine, wie in einen dunklen Schacht. Als er herauskam, war er naß von Schweiß.
»Sie lebt noch«, sagte er.
»Hast du mit ihr gesprochen?« fragte Marill.
»Nein, mit dem Arzt.«
»Hast du deinen Namen gesagt?«
»Nein, ich habe gesagt, ich sei ein Verwandter von ihr. Sie ist
operiert worden. Sie ist nicht mehr zu retten. Drei, vier Tage noch
höchstens, sagt der Arzt. Deshalb hat sie auch geschrieben. Sie
dachte nicht, daß ich den Brief so rasch bekäme. Verdammt!«
Er hatte den Brief immer noch in der Hand und sah sich um,
als hätte er noch nie in dem schmutzigen Vorraum des Verdun
gestanden. »Marill, ich fahre heute abend.«
Marill sah ihn an. »Bist du verrückt geworden, Kind?« fragte
er dann leise.
»Nein. Ich komme über die Grenze. Ich habe ja den Paß.«
»Der Paß nützt dir nichts, wenn du drüben bist. Das weißt du
doch selbst ganz genau!«
»Ja.«
»Dann weißt du auch, was es bedeutet, wenn du ’rüberfährst!«
»Ja.«
»Daß du wahrscheinlich verloren bist.«
»Ich bin auch verloren, wenn sie stirbt.«
»Das ist nicht wahr!« Marill war plötzlich maßlos wütend. »Es
383

klingt roh, was ich dir rate, Steiner, schreibe ihr, telegrafiere ihr,
aber bleibe hier.«
Steiner schüttelte abwesend den Kopf. Er hatte kaum zugehört.
Marill packte ihn an der Schulter. »Du kannst ihr nicht helfen.
Auch nicht, wenn du hinfährst.«
»Ich kann sie sehen.«
»Aber Mensch, sie wird entsetzt sein, wenn du kommst! Wenn
du sie fragen würdest, jetzt, sie würde alles tun, damit du hierbleibst.«
Steiner hatte auf die Straße gestarrt, ohne etwas zu sehen. Jetzt
wandte er sich rasch um. »Marill«, sagte er, und seine Augen flatterten, »noch ist sie alles, was es gibt für mich, sie lebt, sie atmet
noch, ihre Augen sind noch da und ihre Gedanken, ich bin noch
da hinter ihren Augen – und sie wird tot sein in ein paar Tagen,
nichts mehr wird von ihr dasein, sie wird daliegen und es nicht
mehr sein, ein zerfallender, fremder Kadaver – aber jetzt, jetzt ist
sie doch noch da, sie ist noch da, ein paar Tage noch, die letzten
Tage, und ich soll nicht bei ihr sein, begreife doch, daß ich fahren
muß, es geht gar nicht anders, verdammt, die Welt geht zugrunde,
wenn ich nicht komme, ich zerbreche einfach, ich sterbe mit!«
»Du stirbst nicht mit. Komm, telegrafiere ihr, nimm mein Geld
zu deinem, nimm das von Kern dazu und telegrafiere ihr jede
Stunde, ganze Seiten, Briefe, alles – aber bleib hier!«
»Es ist nicht gefährlich, wenn ich fahre. Ich habe den Paß, ich
komme wieder zurück damit.«
»Quatsch mir nichts vor! Du weißt, daß es gefährlich ist! Sie
haben drüben eine verdammt gute Organisation.«
»Ich fahre«, sagte Steiner.
Marill versuchte ihn am Arm zu fassen und mitzuziehen.
»Komm, wir saufen ein paar Flaschen Schnaps! Besauf dich!
384

Ich verspreche dir, daß ich alle paar Stunden telefonieren werde.«
Steiner schüttelte ihn ab wie ein Kind. »Laß das, Marill. Es sitzt
anderswo. Ich weiß, was du meinst. Ich verstehe es auch, ich bin
nicht verrückt. Ich weiß, was auf dem Spiele steht, aber auch wenn
es tausendmal mehr wäre, würde ich fahren, und nichts könnte
mich daran hindern. Verstehst du das denn nicht?«
»Ja«, brüllte Marill. »Natürlich verstehe ich es! Ich würde ja
selbst auch fahren!«
STEINER PACKTE SEINE Sachen. Er war wie ein vereister Strom,
der aufgebrochen ist. Er konnte kaum begreifen, daß er mit jemand telefoniert hatte, der im gleichen Hause wie Marie gewesen
war; es erschien ihm fast unfaßlich, daß seine eigene Stimme so
dicht in ihrer Nähe im schwarzen Kautschuk einer Hörmuschel
gesummt hatte; alles erschien ihm unvorstellbar – daß er packte,
daß er einen Zug besteigen würde und daß er morgen da sein
konnte, wo sie war.
Er warf den Rest der wenigen Dinge, die er brauchte, in den
Koffer und schloß ihn zu. Dann ging er zu Ruth und Kern hinüber. Sie hatten alles schon von Marill gehört und erwarteten
ihn verstört.
»Kinder«, sagte er, »ich gehe jetzt weg. Es hat lange gedauert,
aber ich wußte eigentlich immer, daß es so kommen würde. Nicht
ganz so«, fügte er hinzu. »Aber das glaube ich auch noch nicht.
Ich weiß es nur.«
Er lächelte verstört und traurig. »Leben Sie wohl, Ruth.«
Ruth gab ihm die Hand. Sie weinte. »Ich wollte Ihnen so vieles
sagen, Steiner. Aber jetzt weiß ich nichts mehr. Ich bin nur noch
traurig. Wollen Sie das mitnehmen?« Sie hielt ihm den schwarzen
Pullover hin. »Er ist gerade heute fertig geworden.«
385

Steiner lächelte und war einen Augenblick wieder wie früher.
»Das hat gerade geklappt«, sagte er. Dann wandte er sich an
Kern. »Leb wohl, Baby. Manchmal geht alles furchtbar langsam,
was? Und manchmal verdammt schnell.«
»Ich weiß nicht, ob ich ohne dich noch da wäre, Steiner«, sagte
Kern.
»Bestimmt. Aber es ist schön, daß du mir das sagst. Dann war
die Zeit doch nicht ganz umsonst.«
»Kommen Sie wieder!« sagte Ruth. »Mehr kann ich nicht sagen.
Kommen Sie wieder. Wir können wenig für Sie tun; aber alles,
alles was wir sind, ist für Sie da. Immer.«
»Gut. Ich will sehen. Lebt wohl, Kinder. Haltet die Ohren
steif.«
»Laß uns mit zum Bahnhof gehen«, sagte Kern.
Steiner zögerte. »Marill geht mit. Oder ja, kommt nur mit!« Sie
gingen die Treppen hinunter. Draußen drehte Steiner sich um
und sah zu der grauen, abgeblätterten Front des Hotels hinüber.
»Verdun …«, murmelte er.
»Laß mich deinen Koffer tragen«, sagte Kern.
»Wozu, Baby? Ich kann es selbst ganz gut.«
»Gib ihn mir«, sagte Kern mit einem verzerrten Lächeln. »Ich
habe dir heute nachmittag gezeigt, wie kräftig ich geworden
bin.«
»Ja, das hast du. Heute nachmittag. Wie lange das her ist!«
Steiner gab ihm den Koffer. Er wußte, daß Kern etwas für ihn
tun wollte und daß es nichts anderes gab als dieses wenige: den
Koffer für ihn zu tragen.
Sie kamen gerade zur Abfahrt des Zuges zurecht. Steiner stieg
ein und ließ das Fenster herunter. Der Zug stand noch; aber
Steiner schien den dreien auf dem Bahnsteig durch das Fenster schon auf eine unwiderrufliche Weise von ihnen getrennt.
386

Kern sah mit brennenden Augen auf das harte, hagere Gesicht;
er wollte es sich einprägen für sein ganzes Leben. Es hatte ihn
viele Monate begleitet und war sein Lehrer gewesen; was an ihm
selbst abgehärtet worden war, das verdankte er Steiner. Und jetzt
sah er dieses Gesicht, beherrscht und ruhig, freiwillig in seinen
Untergang gehen; denn niemand von allen rechnete mit dem
Wunder, daß Steiner zurückkäme.
Der Zug fuhr an. Niemand sprach ein Wort. Steiner hob langsam die Hand. Die drei auf dem Bahnhof sahen ihm nach, bis
die Wagen hinter einer Kurve verschwanden.
»Verdammt!« sagte Marill schließlich heiser. »Kommt, ich
muß einen Schnaps haben. Ich habe viele Menschen sterben
sehen, aber ich war noch nie dabei, wenn jemand Selbstmord
verübte.«
Sie kehrten zum Hotel zurück. Kern und Ruth gingen in Ruths
Zimmer. »Ruth«, sagte Kern nach einer Weile, »es ist plötzlich leer
und man friert – als wäre die ganze Stadt ausgestorben.«
ABENDS BESUCHTEN SIE Vater Moritz. Er lag jetzt im Bett und
konnte nicht mehr aufstehen. »Setzt euch, Kinder«, sagte er. »Ich
weiß schon alles. Es ist nichts daran zu tun. Jeder Mensch hat das
Recht, sein Schicksal zu bestimmen.«
Moritz Rosenthal wußte, daß er nie mehr aufstehen würde. Er
hatte deshalb sein Bett so stellen lassen, daß er aus dem Fenster
sehen konnte. Es war nicht viel, was er erblickte: nur ein Stück
der Häuserreihe gegenüber. Aber da er sonst nichts hatte, wurde
es viel. Er sah die Fenster auf der anderen Seite, und sie wurden
für ihn der Inbegriff des Lebens. Er sah sie morgens, wenn sie
geöffnet wurden, er sah die Gesichter in ihnen erscheinen, er
kannte das verdrossene Mädchen, das die Scheiben putzte, die
müde junge Frau, die nachmittags fast regungslos hinter der
387

weggeschobenen Gardine saß und auf die Straße starrte, und
den Kahlkopf im oberen Stock, der abends bei offenem Fenster
turnte. Er sah nachmittags das Licht hinter den herabgelassenen
Vorhängen erscheinen, er sah Schatten hin und her wandern, er
sah Abende, wo alles dunkel lag, wie eine verlassene Höhle, und
andere, wo die Lichter lange brannten. Das und der gedämpfte
Lärm der Straße war für ihn die Welt draußen, zu der nur noch
seine Gedanken, nicht mehr sein Körper gehörten – die andere,
die Welt der Erinnerungen, hatte er in seinem Zimmer an den
Wänden. Mit seiner letzten Kraft und mit Hilfe des Zimmermädchens hatte er alle Fotografien und Bilder, die er besaß, mit
Reißnägeln dort befestigt.
An der Wand über dem Bett hingen verblichene Fotografien
seiner Familie; seiner Eltern, seiner Frau, die vor vierzig Jahren
gestorben war, das Bild eines Enkels, der mit siebzehn Jahren
gestorben war; das Bild der Schwiegertochter, die nur fünfunddreißig Jahre alt geworden war – Tote, zwischen denen Moritz
Rosenthal uralt und gelassen selbst den Tod erwartete.
Die Wand gegenüber war mit Landschaftsbildern bedeckt,
Fotos vom Rhein, von Burgen, Schlössern und Weinbergen,
bunte Ausschnitte aus Zeitungen dazwischen, Sonnenaufgänge
und Gewitter über dem Rhein, und zum Schluß eine Serie von
Bildern aus dem Städtchen Godesberg am Rhein.
»Ich kann mir nicht helfen«, sagte Moritz Rosenthal verlegen,
»ich sollte eigentlich Bilder aus Palästina hier hängen haben;
wenigstens ein paar dazwischen, aber ich mache mir nichts
draus.«
»Wie lange haben Sie in Godesberg gelebt?« fragte Ruth.
»Bis zu meinem achtzehnten Jahre. Dann zogen wir weg.«
»Und später?«
»Später war ich nie wieder da.«
388

»Das ist lange her, Vater Moritz«, sagte Ruth.
»Ja, da warst du noch nicht auf der Welt. Vielleicht wurde deine
Mutter damals erst geboren.«
Sonderbar, dachte Ruth, meine Mutter wurde geboren, als diese
Bilder schon Erinnerungen waren im Gehirn hinter dieser Stirn
vor mir, und sie hat ihr schweres Leben gelebt und ist ausgelöscht
worden. Immer noch geistern dieselben Erinnerungen hinter
dieser alten Stirn, als wären sie stärker als manches Leben.
Es klopfte.
Edith Rosenfeld trat ein. »Edith«, sagte Moritz Rosenthal,
»meine ewige Liebe! Woher kommst du?«
»Von der Bahn, Moritz. Ich habe Max fortgebracht. Er fährt
nach London und von da nach Mexiko.«
»Dann bist du jetzt allein, Edith …«
»Ja, Moritz, jetzt habe ich sie alle untergebracht, und sie können
arbeiten.«
»Was soll Max in Mexiko machen?«
»Er geht als Arbeiter. Aber er will versuchen, in den Autohandel
zu kommen.«
»Du bist eine gute Mutter, Edith«, sagte Moritz Rosenthal nach
einer Weile.
»Ich bin wie jede, Moritz.«
»Was wirst du jetzt tun?«
»Ich werde mich etwas ausruhen. Dann habe ich wieder Arbeit.
Es gibt ein Baby hier im Hotel. Vor vierzehn Tagen geboren. Die
Mutter muß bald wieder arbeiten. Da werde ich zur AdoptivGroßmutter.«
Moritz Rosenthal richtete sich ein wenig auf. »Ein Baby? Vierzehn Tage alt? Das ist dann ja schon ein Franzose! Habe ich mit
achtzig Jahren nicht geschafft.« Er lächelte. »Kannst du es denn
in den Schlaf singen, Edith?« – »Ja.«
389

»Mit den Liedern, mit denen du meinen Sohn damals in den
Schlaf gesungen hast. Es ist lange her, Edith. Alles ist plötzlich so
lange her. Willst du mir nicht wieder einmal eines davon vorsingen? Manchmal bin ich auch schon wie ein Kind, das schlafen
möchte.«
»Welches denn, Moritz?«
»Das Lied vom armen Judenkind. Es ist vierzig Jahre her, daß
du es gesungen hast. Du warst sehr schön und jung damals. Du
bist immer noch schön, Edith.«
Edith Rosenfeld lächelte. Dann richtete sie sich ein wenig auf
und begann mit ihrer brüchigen Stimme ein altes jiddisches Lied
zu singen. Ihre Stimme klirrte etwas, wie die dünne Melodie
einer alten Spieldose. Moritz Rosenthal legte sich zurück und
lauschte. Er schloß die Augen und atmete ruhig. Leise sang die
alte Frau in dem kahlen Raum die schwermütige Melodie der
Heimatlosigkeit und die traurigen Worte dazu:
»Rosinkes und Mandele,
Das wird sein dein Beruf –
Domit wirst müsse, Jiddele, handele –
Schluf, Jiddele, schluf –«
Ruth und Kern saßen schweigend und hörten zu. Über ihren
Köpfen rauschte der Wind der Zeit – vierzig Jahre, fünfzig Jahre
wehten im Gespräch der alten Frau mit dem alten Mann vorüber, und es erschien den beiden Alten als selbstverständlich,
daß sie vergangen waren. Aber mitten darin hockten die beiden
zwanzigjährigen Leben, für die ein Jahr schon etwas Unendliches
und fast Unausdenkbares war, und sie spürten etwas wie eine
schattenhafte Angst: daß alles verging und vergehen mußte und
daß es auch nach ihnen einmal greifen würde …
390

Edith Rosenfeld stand auf und beugte sich über Moritz Rosenthal. Er schlief. Sie betrachtete das große Greisengesicht eine
Zeitlang. »Kommt«, sagte sie dann, »wir wollen ihn schlafen
lassen.«
Sie löschte das Licht aus, und sie gingen ohne Geräusch hinaus auf den finsteren Korridor und tappten zu ihrem Zimmer
hinüber.
KERN FUHR GERADE eine schwere Karre voll Erde vom Pavillon
fort zu Marill hinüber, als er von zwei Herren angehalten wurde.
»Einen Moment, bitte! Sie auch«, sagte der eine zu Marill.
Kern stellte umständlich die Karre zu Boden. Er wußte, was los
war. Diesen Ton kannte er; in der ganzen Welt wäre er sofort aus
tiefstem Schlaf aufgesprungen, wenn er diesen leisen, höflichen
und unerbittlichen Ton neben seinem Bett gehört hätte.
»Wollen Sie uns, bitte, Ihre Ausweispapiere zeigen?«
»Ich habe sie nicht bei mir«, erwiderte Kern.
»Wollen Sie uns vorher, bitte, Ihre Ausweispapiere zeigen?«
sagte Marill.
»Aber gewiß, gern! Hier, das genügt wohl, nicht wahr? Polizei.
Der Herr ist Kontrolleur des Arbeitsministeriums. Sie verstehen:
die große Anzahl französischer Arbeitsloser zwingt uns zu einer
Kontrolle …«
»Ich verstehe, mein Herr. Ich kann Ihnen leider nur eine Aufenthaltserlaubnis zeigen; eine Arbeitserlaubnis habe ich nicht;
Sie haben sie auch sicher nicht erwartet …«
»Sie haben ganz recht, mein Herr«, sagte der Kontrolleur
höflich, »wir haben das nicht erwartet. Aber es genügt uns. Sie
können weiterarbeiten. Die Regierung will in diesem besonderen
Falle beim Bau der Ausstellung die Bestimmungen nicht allzu
streng nehmen. Entschuldigen Sie bitte die Störung.«
391

»Bitte, es ist doch Ihre Pflicht.«
»Darf ich Ihren Ausweis sehen?« fragte der Kontrolleur Kern.
»Ich habe keinen.«
»Kein Recepisse?«
»Nein.«
»Sie sind illegal eingewandert?«
»Ich hatte keine andere Möglichkeit.«
»Ich bedaure sehr«, sagte der Mann von der Polizei, »aber Sie
müssen mit uns zur Präfektur kommen.«
»Ich habe damit gerechnet«, erwiderte Kern und sah Marill an.
»Sagen Sie Ruth, daß ich geschnappt worden bin; ich komme so
schnell zurück, wie ich kann. Sie soll keine Angst haben.«
Er hatte deutsch gesprochen. »Ich habe nichts dagegen, wenn
Sie sich noch einen Augenblick unterhalten wollen«, erklärte der
Kontrolleur zuvorkommend.
»Ich werde für Ruth sorgen, bis Sie wiederkommen«, sagte
Marill auf deutsch. »Hals- und Beinbruch, alter Junge. Lassen
Sie sich über Basel abschieben. Über Burgfelden wieder herein.
Telefonieren Sie vom Gasthof Steiff zum Hotel Steiff in St. Louis
um ein Taxi bis Mülhausen und von dort bis Belfort. Das ist der
beste Weg. Wenn man Sie in die Santé bringt, schreiben Sie mir,
sobald Sie können. Klassmann wird außerdem aufpassen. Ich
rufe ihn sofort an.«
Kern nickte Marill zu. »Ich bin fertig«, sagte er dann.
Der Vertreter der Polizei übergab ihn einem Manne, der in der
Nähe gewartet hatte. Der Kontrolleur sah Marill lächelnd an.
»Hübsche Abschiedsworte«, sagte er in perfektem Deutsch. »Sie
scheinen unsere Grenzen gut zu kennen.«
»Leider«, erwiderte Marill.

392

MARILL SASS MIT Waser in einem Bistro. »Kommen Sie«, sagte
er, »lassen Sie uns noch einen Schnaps nehmen! Verdammt, ich
traue mich nicht ins Hotel! Das erstemal, daß mir so was passiert!
Was nehmen Sie? Einen Fine oder einen Pernod?«
»Fine«, erklärte Waser mit Würde. »Das Anisettezeug ist für
Weiber.«
»Nicht in Frankreich.« Marill winkte dem Kellner und bestellte
einen Kognak und einen Pernod pur.
»Ich kann es ihr sagen«, schlug Waser vor. »In unseren Kreisen
ist so was gang und gäbe. Da wird alle Augenblicke mal jemand
hopp genommen, und man muß es der Frau oder seinem Mädchen beibringen. Am besten ist es, Sie starten mit der großen,
allgemeinen Sache, die immer Opfer erfordert.«
»Was für eine allgemeine Sache?«
»Die Bewegung! Die revolutionäre Aufklärung der Massen,
selbstverständlich!«
Marill betrachtete den Kommunisten aufmerksam eine Weile.
»Waser«, sagte er dann ruhig, »damit würden wir wohl nicht
weit kommen. So was ist gut für ein sozialistisches Manifest,
aber für weiter nichts. Ich vergaß, daß Sie in politischen Dingen
stecken. Trinken wir unsern Schnaps, und dann an die Gewehre!
Irgendwie wird es schon gemacht werden.«
Sie zahlten und gingen durch den matschigen Schneebrei zum
Hotel Verdun. Waser verschwand in der Katakombe, und Marill
stieg langsam die Treppen hinauf.
Er klopfte an Ruths Tür. Sie öffnete so schnell, als hätte sie hinter
der Tür gewartet. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verwischte sich
etwas, als sie Marill sah. »Marill …«, sagte sie.
»Ja, den haben Sie wohl nicht erwartet, was?«
»Ich dachte, es wäre Ludwig. Er muß ja auch jeden Augenblick
kommen.«
393

»Ja.«
Marill trat ein. Er sah Teller auf dem Tisch stehen, einen Spirituskocher mit brodelndem Wasser, Brot und Aufschnitt und
in einer Vase ein paar Blumen. Er sah das alles, er sah Ruth, die
erwartungsvoll vor ihm stand, und er nahm unschlüssig, um
etwas zutun, die Vase hoch. »Blumen«, murmelte er. »Auch noch
Blumen.«
»Blumen sind billig in Paris«, sagte Ruth.
»Ja. Ich meinte das nicht so. Nur …« Marill stellte die Vase so
vorsichtig zurück, als wäre sie nicht aus billigem, dickem Preßglas,
sondern aus hauchdünnem Porzellan. »Es macht es nur noch so
verflucht viel schwerer, das alles …«
»Was?«
Marill antwortete nicht.
»Ich weiß es«, sagte Ruth plötzlich. »Die Polizei hat Ludwig
gefaßt.«
Marill drehte sich um, ihr zu. »Ja, Ruth.«
»Wo ist er?«
»In der Präfektur.«
Ruth nahm schweigend ihren Mantel. Sie zog ihn an, stopfte
ein paar Sachen in die Taschen und wollte an Marill vorbei, aus
der Tür. Er hielt sie auf. »Das ist sinnlos«, erklärte er. »Es hilft
ihm und Ihnen nichts. Wir haben jemand in der Präfektur, der
aufpaßt. Bleiben Sie hier!«
»Wie kann ich das? Ich kann ihn doch noch sehen! Sie sollen
mich mit einsperren! Dann gehen wir zusammen über die Grenze!« Marill hielt sie fest. Sie war wie eine zusammengezogene
Stahlfeder. Ihr Gesicht war blaß, und es schien kleiner geworden
vor Anspannung. Dann gab sie plötzlich nach. »Marill …«, sagte
sie hilflos, »was soll ich tun?«
»Hierbleiben. Klassmann ist auf der Präfektur. Er wird uns
394

sagen, was passiert. Man kann ihn nur ausweisen. Dann ist er in
ein paar Tagen wieder da. Ich habe ihm versprochen, daß Sie hier
warten. Er weiß, daß Sie vernünftig sein werden.«
»Ja, das will ich.« Ihre Augen waren voll Tränen. Sie zog ihren
Mantel aus und ließ ihn zu Boden fallen. »Marill«, sagte sie, »weshalb macht man das alles mit uns? Wir haben doch niemandem
etwas getan!«
Marill sah sie nachdenklich an. »Ich glaube, das ist der ganze
Grund«, sagte er. »Tatsächlich, ich glaube, das ist es.«
»Wird man ihn ins Gefängnis bringen?«
»Ich glaube nicht. Wir werden das durch Klassmann erfahren.
Wir müssen bis morgen warten.«
Ruth nickte und nahm ihren Mantel langsam vom Boden wieder auf. »Hat Ihnen Klassmann sonst nichts gesagt?«
»Nein. Ich habe ihn nur einen Moment gesprochen. Er ist dann
gleich zur Präfektur gegangen.«
»Ich war heute vormittag mit ihm da. Man hatte mich hinbestellt.« Sie nahm ein Papier aus ihrer Manteltasche, strich es glatt
und gab es Marill. »Deshalb.«
Es war eine Aufenthaltserlaubnis für Ruth, gültig für vier Wochen.
»Das Flüchtlingskomitee hat es durchgesetzt. Ich hatte ja noch
einen abgelaufenen Paß. Klassmann kam heute mit der Nachricht.
Er hat all die Monate daran gearbeitet. Ich wollte es Ludwig zeigen.
Deshalb habe ich auch die Blumen hier auf dem Tisch.«
»So, deshalb!« Marill hielt den Schein in der Hand. »Es ist ein
verfluchtes Glück und ein verdammtes Elend gleichzeitig«, sagte
er. »Aber mehr ein Glück. Dies hier ist eine Art Wunder. Das
kommt nicht leicht wieder. Aber Kern kommt wieder. Glauben
Sie das?«
»Ja«, sagte Ruth. »Das eine geht nicht ohne das andere. Er muß
wiederkommen!«
395

»Gut. Und jetzt gehen Sie mit mir hinaus. Wir essen irgendwo.
Und wir werden etwas trinken – auf die Aufenthaltserlaubnis und
auf Kern. Er ist ein erfahrener Soldat. Wir alle sind Soldaten. Sie
auch. Habe ich recht?«
»Ja.«
»Kern würde sich fünfzigmal mit Jubel ausweisen lassen für
das, was Sie da in der Hand halten, das wissen Sie doch?«
»Ja, aber ich würde hundertmal lieber nicht …«
»Ich weiß«, unterbrach Marill. »Darüber reden wir, wenn er
wieder da ist. Das ist eine der ersten Soldatenregeln.«
»Hat er Geld, um zurückzufahren?«
»Das nehme ich an. Als alte Kämpfer haben wir immer so viel
bei uns für den Notfall. Wenn er nicht genug hat, schmuggelt
Klassmann den Rest hinein. Er ist unser Vorposten und unsere
Patrouille. Und nun kommen Sie! Manchmal ist es verdammt
gut, daß es Schnaps gibt auf der Welt. In der letzten Zeit besonders!«
STEINER WAR SEHR wach und gespannt, als der Zug an der
Grenze hielt. Die französischen Zollbeamten gingen gleichgültig
und rasch durch. Sie fragten nach dem Paß, stempelten ihn und
verließen das Abteil. Der Zug fuhr wieder an und rollte langsam
weiter. Steiner wußte, daß in diesem Augenblick sein Schicksal
entschieden war; er konnte nicht mehr zurück.
Nach einer Weile kamen zwei deutsche Beamte und grüßten.
»Bitte Ihren Paß.«
Steiner nahm das Heft und gab es dem jüngeren, der gefragt
hatte. »Wozu reisen Sie nach Deutschland?« fragte der andere.
»Ich will Verwandte besuchen.«
»Leben Sie in Paris?«
»Nein, in Graz. Ich habe in Paris einen Verwandten besucht.«
396

»Wie lange wollen Sie in Deutschland bleiben?«
»Ungefähr vierzehn Tage. Dann fahre ich wieder nach Graz
zurück.«
»Haben Sie Devisen bei sich?«
»Ja. Fünfhundert Francs.«
»Wir müssen das in den Paß eintragen. Haben Sie das Geld aus
Österreich mitgebracht?«
»Nein, ein Vetter in Paris hat es mir gegeben.«
Der Beamte betrachtete den Paß, dann schrieb er etwas hinein
und stempelte ihn.
»Haben Sie etwas zu verzollen?« fragte der andere.
»Nein, nichts.« Steiner nahm seinen Koffer herunter.
»Haben Sie noch großes Gepäck?«
»Nein, dieses hier ist alles.«
Der Beamte sah flüchtig in den Koffer. »Haben Sie Zeitungen,
Drucksachen oder Bücher bei sich?«
»Nichts.«
»Danke.« Der jüngere Beamte gab Steiner den Paß zurück. Beide grüßten und gingen. Steiner atmete auf. Er merkte plötzlich,
daß er naß von Schweiß war.
Der Zug begann schneller zu fahren. Steiner lehnte sich zurück
und blickte durch die Scheiben. Draußen war es Nacht, Wolken
zogen rasch und niedrig über den Himmel, und dazwischen
blinkten die Sterne. Kleine, halb erleuchtete Bahnhöfe flogen
vorüber. Die roten und grünen Lichter der Signale huschten
vorüber, und die Schienen glänzten. Steiner ließ das Fenster
herunter und sah hinaus. Der feuchte Fahrtwind riß an seinem
Gesicht und an seinen Haaren. Er atmete tief; es schien eine andere Luft zu sein. Es war ein anderer Wind, es war ein anderer
Horizont, es war ein anderes Licht, die Pappeln an den Straßen
bogen sich anders und vertrauter, die Straßen selbst führten ir397

gendwo in sein Herz – er atmete tief, es war ihm heiß, sein Blut
klopfte, die Landschaft hob sich und sah ihn an, rätselhaft und
doch nicht mehr fremd – verdammt, dachte er, was ist das, ich
werde sentimental! Er setzte sich wieder hin und versuchte zu
schlafen – aber er konnte es nicht. Die dunkle Landschaft draußen lockte und rief, sie wurde zu Gesichtern und Erinnerungen,
die schweren Jahre des Krieges standen wieder auf, als der Zug
über die Rheinbrücke donnerte; das Wasser, schillernd und mit
dumpfem Rauschen dahintreibend, warf hundert Namen hoch,
verschollene, tote, fast schon vergessene Namen, Namen von
Regimentern und Kameraden, von Städten und Lagern, Namen
aus der Nacht der Jahre, es war ein Anprall, und Steiner stand
plötzlich im Sturm seiner Vergangenheit und wollte sich wehren
und konnte es nicht.
Er war allein im Abteil. Er zündete eine Zigarette nach der anderen an und wanderte hin und her in dem kleinen Raum. Er hatte
nicht geglaubt, daß alles noch eine solche Gewalt über ihn haben
könnte. Krampfhaft begann er sich zu zwingen, an morgen zu
denken, daran, wie er versuchen mußte, durchzukommen, ohne
Aufsehen zu erregen, an das Krankenhaus, an seine Lage, und
wen von seinen Freunden er aufsuchen und fragen könnte.
Aber all das erschien ihm im Augenblick sonderbar neblig und
unwirklich – es entwich ihm, wenn er es fassen wollte, sogar die
Gefahr, in der er schwebte und der er entgegenfuhr, verblich zu
einer abstrakten Vorstellung, sie hatte keine Kraft, sein zitterndes
Blut kühl und zum Nachdenken zu zwingen, im Gegenteil, sie
peitschte es mit auf zu einem Wirbel, in dem sich sein Leben wie
in einem dunklen Tanz und einer mystischen Wiederkehr zu
drehen schien. Da gab er es auf. Er wußte, es war die letzte Nacht;
morgen würde alles überschattet sein von dem andern – es war
die letzte reine Nacht im Ungewissen, im Sturm des Gefühls, es
398

war die letzte Nacht ohne das grausame Wissen und die Klarheit
des Verderbens. Er gab es auf, zu denken. Er gab sich hin.
Die Nacht entfaltete sich groß vor dem Fenster des dahinjagenden Zuges. Sie war ohne Ende, sie entfaltete sich über vierzig
Jahre eines Mannes und über sein Leben, für das vierzig Jahre
die Ewigkeit bedeuteten. Die Dörfer, die vorüberglitten, mit
wenigen Lichtern und vereinzeltem Hundelaut, waren alle die
Dörfer seiner Kindheit – er hatte in allen gespielt, über alle waren seine Sommer und Winter dahingegangen, und die Glocken
ihrer Kapellen hatten überall für ihn geläutet. Die Wälder, die
schwarz und verschlafen vorüberflogen, waren alle die Wälder
seiner Jugend – ihr grüngoldenes Dämmer hatte seine ersten
Streifzüge überschattet, in ihren glatten Teichen hatte sich sein
atemloses Gesicht gespiegelt, wenn er das Leben der gefleckten
Molche mit den roten Bäuchen belauerte – und der Wind, der in
den Buchen harfte und in den Tannen sang, war der uralte Wind
der Abenteuer gewesen. Die matt leuchtenden Straßen, die wie ein
Netz die mächtigen Felder überspannten, waren alle die Straßen
seiner Unruhe gewesen, er war auf ihnen allen gewandert, er hatte
an ihren Kreuzungen gezögert, er kannte ihren Abschied und
ihre Hoffming und ihre Wiederkehr von Horizont zu Horizont,
er kannte ihre Meilensteine und die Gehöfte, die an ihnen lagen.
Und die Häuser, unter deren Dächern geduckt das Licht gefangen
war und wie die Verheißung von Wärme und Heimat rötlich aus
den Fenstern leuchtete; er hatte in jedem ihrer Fenster gewohnt,
er kannte den sanften Druck der Türklinken, er wußte, wer unter dem Lampengrund wartete, die Stirn ein wenig gesenkt, das
goldene, feuerfarbene Haar übersprüht von Funken – sie, deren
Gesicht überall gestanden und gewartet hatte, an allen Straßen
und in allen Winkeln der Welt, verdunkelt manchmal und oft fast
unsichtbar, überflutet von Sehnsucht und Vergessenwollen, das
399

Antlitz seines Lebens, dem er nun entgegenfuhr, das Gesicht, das
sich jetzt über den Nachthimmel ausbreitete, die Augen, die hinter den Wolken schimmerten, der Mund, der vom Horizont her
lautlose Worte sprach, die Arme, die er schon fühlte im Wind, im
Wehen der Bäume, und das Lächeln, in dem die Landschaft und
sein Herz versanken im Ansturm des unendlichen Gefühls.
Er spürte, wie seine Adern schmolzen und sich öffneten, wie
sein Blut hinauszuströmen schien in den verklärten Strom, der
draußen flutete und es aufnahm und stärker mit ihm zurückkehrte, der seine Hände trug und sie mit sich nahm zu fernen Händen,
die sich ihm entgegenstreckten, diesen kreisenden Strom, der
Stück um Stück von ihm wegbröckelte und wegschwemmte, der
seine Vereinzelung löste wie ein Wildwasser im Frühjahr eine
Eisscholle und der ihm in dieser einzigen, endlosen Nacht das
einsame Glück der Allverbundenheit gab und ihm alles an die
Brust schwemmte: Sein Leben, die verlorenen Jahre, den Glanz
der Liebe und das tiefe Wissen um die Wiederkehr, jenseits der
Zerstörung.

20

Steiner kam morgens um elf Uhr an. Er ließ seinen
Koffer in der Aufbewahrungsstelle für Gepäck und ging
sofort zum Krankenhaus. Er sah die Stadt nicht; er sah nur etwas,
das an ihm zu beiden Seiten vorbeitrieb, eine Flut von Häusern,
Wagen und Menschen.
Vor dem großen, weißen Bau blieb er stehen. Er zögerte eine
Weile. Er starrte auf das weite Portal und die endlosen Reihen der
Fenster, Stock über Stock. Irgendwo dort – aber vielleicht auch
nicht mehr. Er biß die Zähne zusammen und trat ein.
»Ich möchte mich erkundigen, wann Besuchsstunde ist«, sagte
er im Anmeldebüro.
»Für welche Klasse?« fragte die Schwester.
»Das weiß ich nicht. Ich komme zum erstenmal.«
»Zu wem wollen Sie?«
»Zu Frau Marie Steiner.«
Steiner wunderte sich einen Augenblick, als die Schwester
gleichgültig ein dickes Buch nachschlug. Er hatte fast erwartet,
die weiße Halle müsse zusammenstürzen, oder die Schwester
müsse aufspringen und jemand rufen, eine Wache oder Polizei,
als er den Namen aussprach.
Die Schwester blätterte. »Patienten erster Klasse können jederzeit Besuch empfangen«, sagte sie, während sie suchte.
»Es wird nicht erster Klasse sein«, erwiderte Steiner. »Vielleicht
dritter.«
»Für dritte Klasse ist Besuchsstunde von drei bis fünf.«
Die Schwester suchte und suchte. »Wie war doch der Name?«
fragte sie.
»Steiner, Marie Steiner.« Steiner hatte plötzlich einen trockenen Hals. Er starrte die hübsche, puppenhafte Schwester an, als
käme sein Todesurteil. Er wartete darauf, daß sie sagen würde:
Gestorben.
401

»Marie Steiner«, sagte die Schwester, »zweite Klasse. Zimmer
fünfhundertfünf, fünfter Stock. Besuchsstunde von drei bis sechs
Uhr.«
»Fünfhundertfünf. Danke vielmals, Schwester.«
»Bitte, mein Herr!«
Steiner blieb stehen. Die Schwester griff nach dem summenden
Telefon. »Haben Sie noch eine Frage, mein Herr?«
»Lebt sie noch?« fragte Steiner.
Die Schwester legte das Telefon nieder. In der Muschel quakte
eine leise, blecherne Stimme weiter, als wäre das Telefon ein
Tier.
»Natürlich, mein Herr«, sagte die Schwester und blickte in ihr
Buch. »Sonst wäre doch ein Vermerk hinter ihrem Namen. Die
Abgänge werden immer pünktlich gemeldet.«
»Danke.«
Steiner zwang sich, nicht zu fragen, ob er sofort hinaufgehen
könne. Er fürchtete, daß man wissen wolle, weshalb, und er mußte
jedes Aufsehen vermeiden. Deshalb ging er. Er wanderte ziellos
durch die Straßen, immer wieder in größeren Kreisen am Hospital vorbei. Sie lebt, dachte er. Mein Gott, sie lebt! Dann überfiel
ihn plötzlich die Angst, jemand könnte ihn erkennen, und er
suchte eine abgelegene Kneipe, um dort zu warten. Er bestellte
etwas zu essen, aber er konnte nichts hinunterkriegen.
Der Kellner sah ihn befremdet an. »Schmeckt es Ihnen nicht?«
»Doch, es ist gut. Aber bringen Sie mir vorher einen Kirsch.«
Er zwang sich, die Mahlzeit zu essen. Dann bestellte er sich eine
Zeitung und Zigaretten. Er tat, als wenn er läse, und er wollte es
auch. Aber nichts drang durch die Mauer seiner Stirn. Er saß
in einem halbdunklen Raum, der nach Speisen und schalem
vergossenem Bier roch, und erlebte die schrecklichsten Stunden
seines Daseins. Er malte sich aus, daß Marie jetzt, in diesen Stun402

den, stürbe, er hörte ihre verzweifelten Rufe nach ihm, er sah ihr
vom Todesschweiß überträntes Gesicht, und er saß bleiern auf
seinem Stuhl, die Zeitung raschelnd vor den Augen, und biß die
Zähne zusammen, um nicht zu stöhnen und aufzuspringen und
fortzulaufen. Der kriechende Zeiger auf seiner Uhr war der Arm
des Schicksals, der sein Leben staute und ihn fast ersticken ließ
ob seiner Langsamkeit.
Er ließ endlich die Zeitung sinken und stand auf. Der Kellner
lehnte an der Theke und stocherte in den Zähnen. Er kam heran,
als er sah, daß der Gast sich erhob. »Zahlen?« fragte er.
»Nein«, sagte Steiner. »Noch einen Kirsch.«
»Gut.« Der Kellner schenkte ein.
»Nehmen Sie auch einen.«
»Können wir machen.«
Der Kellner goß noch ein Glas voll und hob es mit zwei Fingern an.
»Zur Gesundheit!«
»Ja«, sagte Steiner, »zur Gesundheit.«
Sie tranken und setzten die Gläser nieder. »Spielen Sie Billard?«
fragte Steiner.
Der Kellner blickte auf den dunkelgrün ausgeschlagenen Tisch,
der in der Mitte der Gaststube stand. »Etwas.«
»Wollen wir eine Partie machen?«
»Warum nicht? Spielen Sie gut?«
»Ich habe lange nicht gespielt. Wir können erst eine Probepartie
machen, wenn Sie wollen.«
»Gemacht.«
Sie kreideten die Stöcke ein und spielten einige Bälle. Dann
begannen sie eine Partie, die Steiner gewann.
»Sie spielen besser als ich«, sagte der Kellner. »Sie müssen mir
zehn Punkte vorgeben.«
403

»Gut.«
Wenn ich diese Partie gewinne, wird alles gut, dachte Steiner.
Sie lebt, ich sehe sie, sie wird vielleicht wieder gesund …
Er spielte konzentriert und gewann die Partie. »Jetzt gebe ich
Ihnen zwanzig Punkte vor«, sagte er. Diese zwanzig Punkte waren Leben, Gesundheit und Flucht zusammen, und die weißen
Bälle und ihr Klicken waren wie das Schnappen der Schlüssel des
Schicksals. Das Spiel war hart. Der Kellner kam in einer guten
Serie bis auf zwei Punkte an die volle Zahl heran; dann verfehlte
er den letzten Ball um einen Zentimeter. Steiner nahm sein Queue
und begann zu spielen. Die Augen flimmerten ihm, und er mußte
einige Male pausieren; aber er kam ohne Fehlstoß zu Ende.
»Gut gespielt«, sagte der Kellner anerkennend.
Steiner nickte ihm dankbar zu und sah auf die Uhr. Es war nach
drei. Rasch zahlte er und ging.
Er stieg die mit Linoleum belegten Stufen hinauf und war nichts
mehr als ein einziges, ungeheuer hohes, rasendes Vibrieren. Der
lange Gang bog und wellte sich, und dann sprang kreidig eine weiße Tür heraus, schob sich vor und stand still: fünfhundertfünf.
Steiner klopfte. Niemand antwortete. Er klopfte noch einmal.
Sein Magen krampfte sich hoch in einer entsetzlichen Angst, daß
jetzt noch etwas passieren könne. Er öffnete die Tür.
Das kleine Zimmer lag im Licht der Nachmittagssonne da
wie eine Insel des Friedens aus einer andern Welt. Es schien, als
hätte die hallende, vorwärts stürmende Zeit keine Gewalt mehr
über die unendlich stille Gestalt, die in dem schmalen Bett lag
und Steiner ansah. Er taumelte etwas, und sein Hut entfiel ihm.
Er wollte sich bücken, ihn aufzuheben, aber mitten im Bücken
brach es wie ein Schlag in seinen Rücken, und ohne zu wissen,
was er getan hatte, kniete er neben dem Bett und strömte lautlos
von Schütterung und Heimkehr über.
404

Die Augen der Frau sahen ihn lange friedvoll an. Erst allmählich
wurden sie unruhig. Die Stirn begann zu zucken, und die Lippen
bewegten sich. Dann flackerte es wie Schrecken in ihnen auf. Die
Hand, die reglos auf der Decke lag, hob sich, als wollte sie sich
vergewissern und berühren, was die Augen sahen.
»Ich bin es, Marie«, sagte Steiner.
Die Frau versuchte den Kopf zu heben. Ihre Augen irrten über
sein Gesicht, das dicht vor ihr war.
»Sei ruhig, Marie, ich bin es«, sagte Steiner. »Ich bin gekommen.«
»Josef …«, flüsterte die Frau.
Steiner mußte den Kopf senken. Das Wasser schoß ihm in die
Augen. Er biß sich auf die Lippen und schluckte. »Ich bin es,
Marie. Ich bin zurückgekommen, zu dir.«
»Wenn sie dich finden …«, flüsterte die Frau.
»Sie finden mich nicht. Sie können mich nicht finden. Ich kann
hierbleiben. Ich bleibe bei dir.«
»Faß mich an, Josef – ich muß fühlen, daß du da bist. Gesehen
habe ich dich oft…«
Er nahm ihre leichte Hand mit den blauen Adern in seine Hände und küßte sie. Dann beugte er sich über sie und legte seine
Lippen auf ihren müden und schon fernen Mund. Als er sich
aufrichtete, standen ihre Augen voll Tränen. Sie schüttelte sanft
das Gesicht, und die Tropfen fielen wie Regen herunter.
»Ich wußte, daß du nicht kommen konntest. Aber ich habe
immer auf dich gewartet …«
»Jetzt bleibe ich bei dir.«
Sie versuchte ihn zurückzuschieben. »Du kannst doch nicht
hierbleiben! Du mußt fort. Du weißt nicht, was hier war. Du
mußt gleich gehen. Geh, Josef …«
»Nein, es ist nicht gefährlich.«
405

»Es ist gefährlich, ich weiß es besser. Ich habe dich gesehen,
nun geh! Es dauert nicht lange mehr mit mir. Das kann ich gut
allein abmachen.«
»Ich habe es so eingerichtet, daß ich hierbleiben kann, Marie.
Es kommt eine Amnestie; darunter falle ich auch.«
Sie blickte ihn ungläubig an.
»Es ist wahr«, sagte er, »ich schwöre es dir, Marie. Es braucht
niemand zu wissen, daß ich hier bin. Aber es ist auch nicht
schlimm, wenn man es weiß.«
»Ich sage nichts, Josef. Ich habe nie etwas gesagt.«
»Das weiß ich, Marie.« Eine Wärme stieg ihm in die Stirn. »Du
hast dich nicht von mir scheiden lassen?«
»Nein. Wie konnte ich das! Sei nicht böse deshalb.«
»Es war nur für dich, damit du es leichter haben solltest.«
»Ich habe es nicht schwer gehabt. Man hat mir geholfen. Auch
daß ich dieses Zimmer habe. Es war besser, allein zu liegen. Du
warst dann mehr da.«
Steiner sah sie an. Das Gesicht war zusammengeschmolzen,
die Knochen traten heraus, und die Haut war wächsern blaß, mit
blauen Schatten. Der Hals war zerbrechlich und dünn, und die
Schlüsselbeine standen stark aus den eingesunkenen Schultern
hervor. Sogar die Augen waren verschleiert, und der Mund war
ohne Farbe. Nur das Haar leuchtete und funkelte, es schien dichter und stärker geworden zu sein, als ob all die vergangene Kraft
sich in ihm gesammelt habe, um über den erlöschenden Körper
zu triumphieren. Es bauschte sich in der Nachmittagssonne wie
eine Gloriole aus Rot und Gold, wie ein wilder Protest gegen
die Müdigkeit des kindhaften Leibes unter dem Leinen, das er
kaum mehr hob.
Die Tür ging auf, und eine Schwester kam herein. Steiner stand
auf. Die Schwester trug ein Glas mit einer milchigen Flüssigkeit
406

und stellte es auf den Tisch. »Sie haben Besuch?« sagte sie, während ihre raschen, blauen Augen Steiner musterten.
Die Kranke bewegte den Kopf. »Aus Breslau«, flüsterte sie.
»So weit her? Das ist schön. Da haben Sie doch etwas Unterhaltung. «
Die blauen Augen gingen wieder hurtig über Steiner hinweg,
während die Schwester ein Thermometer hervorzog.
»Hat sie Fieber?« fragte Steiner.
»Ach wo«, erwiderte die Schwester fröhlich. »Seit Tagen schon
nicht mehr.«
Sie legte das Thermometer an und ging. Steiner zog einen Stuhl
an das Bett und setzte sich Marie gegenüber. Er nahm ihre Hände
in seine Hände. »Freust du dich, daß ich da bin?« und war sich
bewußt, wie töricht seine Frage war.
»Es ist alles«, sagte Marie, ohne zu lächeln.
Sie sahen sich an und schwiegen. Es war so wenig zu sagen, denn
es war so viel, daß sie beisammen waren. Sie sahen sich an, und
es war nichts mehr da außer ihnen. Der eine versank im andern.
Sie waren heimgekehrt zu sich. Das Leben hatte keine Zukunft
und keine Vergangenheit mehr; es war nur noch Gegenwart. Es
war Ruhe, Stille und Frieden.
Die Schwester kam noch einmal herein und zeichnete einen
Strich auf die Fieberkurve; sie merkten es kaum. Sie sahen sich
an.
Die Sonne glitt langsam weiter, sie verließ zögernd das flammende, schöne Haar und ließ sich wie eine weiche Katze aus
Licht dicht daneben auf dem Kissen nieder; dann schob sie sich
unwillig zur Wand hinüber und kletterte langsam daran empor;
die beiden sahen sich an. Die Dämmerung kam auf blauen Füßen
und füllte das Zimmer; sie sahen sich an und ließen sich nicht,
bis die Schatten aus den Zimmerecken hervorgeweht kamen
407

und mit ihren Flügeln das weiße Gesicht, das einzige Gesicht
verdeckten.
Die Tür ging auf, und mit einem Strom von Licht kam der Arzt
und hinter ihm die Schwester. »Sie müssen nun gehen«, sagte
die Schwester.
»Ja.« Steiner erhob sich und beugte sieh über das Bett. »Ich
komme morgen wieder, Marie.«
Sie lag wie ein müde gespieltes, halb schlafendes, halb träumendes Kind. »Ja«, sagte sie, und er konnte nicht erkennen, ob sie zu
ihm oder zu seinem Traumbild sprach. »Ja, komm wieder.«
Steiner wartete draußen auf den Arzt. Er fragte ihn, wie lange
es noch dauern würde. Der Arzt musterte ihn. »Drei bis vier Tage
höchstens«, sagte er dann. »Es ist ein Wunder, daß sie überhaupt
noch so lange ausgehalten hat.«
»Danke.« Steiner ging langsam die Treppen hinunter. Vor dem
Portal blieb er stehen. Vor ihm lag plötzlich die Stadt. Er hatte sie
nicht wahrgenommen, als er gekommen war … aber jetzt lag sie
deutlich und unentrinnbar zugleich vor ihm. Er sah die Straßen,
er sah die Gefahr, die unsichtbare, schweigende Gefahr, die an
jeder Ecke, in jedem Haustor, in jedem Gesicht auf ihn lauerte.
Er wußte, daß er nicht viel tun konnte. Der Platz, wo man ihn
fassen konnte, wie ein Wild an der Tränke im Dschungel, war
dieser weiße, steinerne Bau hinter ihm. Aber er wußte auch, daß
er sich verbergen mußte, um wiederkommen zu können. Drei bis
vier Tage. Ein Nichts und eine Ewigkeit. Einen Augenblick überlegte er, ob er versuchen sollte, einen seiner Freunde zu treffen
– doch dann entschied er sich für ein mittleres Hotel. Das war
am unauffälligsten für den ersten Tag.

408

KERN SASS MIT DEM Österreicher Leopold Brück und dem
Westfalen Moenke in einer Zelle des Gefängnisses La Santé. Sie
klebten Tüten.
»Kinder«, sagte Leopold nach einer Weile, »ich habe einen
Hunger – unmenschlich! Am liebsten möchte ich den Kleister
auffressen – wenn’s nicht bestraft würde!«
»Warte noch zehn Minuten«, erwiderte Kern. »Dann kommt
der Abendfraß.« – »Was nützt das schon! Hinterher werde ich
erst recht Hunger haben.« Leopold blies eine Tüte auf und zerschlug sie mit einem Knall. »Es ist ein Elend in so verfluchten
Zeiten, daß der Mensch einen Magen hat. Wenn ich jetzt an ein
Beinfleisch denke … oder gar an einen Tafelspitz … ich könnte
diese ganze Bude niederreißen!«
Moenke hob den Kopf. »Ich denke mehr an ein großes, blutiges
Beefsteak«, erklärte er. »Mit Zwiebeln und Bratkartoffeln. Dazu
ein eiskaltes Bier.«
»Hör auf!« Leopold stöhnte. »Denken wir an was anderes. An
Blumen meinetwegen.«
»Warum denn gerade an Blumen?«
»An irgend etwas Schönes, verstehst du denn nicht? Zum
Ablenken was!«
»Blumen lenken mich nicht ab.«
»Ich habe einmal ein Beet mit Rosen gesehen.« Leopold versuchte sich krampfhaft zu konzentrieren. »Letzten Sommer. Vor
dem Gefängnis in Pallanza. Abends in der Sonne, als wir entlassen
wurden. Rote Rosen. So rot wie … wie …«
»Wie ein rohes Beefsteak«, half Moenke aus.
»Ach, verdammt!«
Ein Schlüssel rasselte. »Da kommt der Fraß«, sagte Moenke.
Die Tür öffnete sich. Es war nicht der Kalfaktor mit dem Essen
– es war der Aufseher. »Kern …«, sagte er.
409

Kern stand auf.
»Kommen Sie mit! Besuch!«
»Wahrscheinlich der Präsident der Republik«, vermutete
Leopold.
»Vielleicht Klassmann. Er hat ja Papiere. Möglich, daß er was
zu essen mitbringt.«
»Butter!« sagte Leopold inbrünstig. »Ein großes Stück. Gelb
wie eine Sonnenblume!«
Moenke grinste. »Mensch, Leopold, du Lyriker! Jetzt denkst du
sogar an Sonnenblumen!«
Kern blieb an der Tür stehen, als hätte er einen Schlag empfangen. »Ruth!« sagte er atemlos. »Wie kommst denn du hierher?
Haben sie dich gefaßt?«
»Nein, nein, Ludwig!«
Kern warf einen raschen Blick auf den Aufseher, der teilnahmslos in einer Ecke lehnte. Dann ging er eilig zu Ruth hinüber.
»Um Gottes willen, geh sofort wieder, Ruth«, flüsterte er auf
deutsch. »Du weißt nicht, was los ist! Sie können dich jeden Moment verhaften, und das heißt vier Wochen Gefängnis und beim
zweitenmal sechs Monate! Also geh schnell – schnell!«
»Vier Wochen?« Ruth sah ihn erschrocken an. »Vier Wochen
mußt du hier bleiben?«
»Das macht doch nichts! Das war eben Pech! Aber du … laß
uns nicht leichtsinnig sein! Jeder kann dich nach Papieren fragen!
Jede Sekunde!«
»Aber ich habe doch Papiere!«
»Was?«
»Ich habe eine Aufenthaltserlaubnis, Ludwig!«
Sie holte den Zettel aus ihrer Tasche und gab ihn Kern. Er
starrte auf das Papier. »Christus!« sagte er dann nach einer Weile
langsam. »Es ist Tatsache! Wahr und wahrhaftig! Das ist ja, als
410

wenn ein Toter aufersteht! Es hat also doch einmal geklappt! Wer
war es? Die Flüchtlingshilfe?«
»Ja. Die Flüchtlingshilfe und Klassmann.«
»Herr Aufseher«, sagte Kern, »ist es einem Sträfling erlaubt,
eine Dame zu küssen?«
Der Aufseher blickte ihn träge an. »Von mir aus, so lange Sie
wollen«, erwiderte er. »Hauptsache, daß sie Ihnen dabei kein
Messer oder keine Feile zusteckt!«
»Das lohnt sich nicht für die paar Wochen.«
Der Aufseher rollte sich eine Zigarette und zündete sie an.
»Ruth!« sagte Kern. »Habt ihr denn etwas von Steiner gehört?«
»Nein, nichts. Aber Marill sagt, das wäre auch unmöglich. Er
wird sicher nicht schreiben. Er kommt einfach wieder. Plötzlich
ist er wieder da.«
Kern sah sie an. »Glaubt Marill das wirklich?«
»Wir alle glauben es, Ludwig. Was sollen wir sonst tun?«
Kern nickte. »Ja, was sollen wir wirklich anderes tun! Er ist ja
erst eine Woche fort. Vielleicht kommt er durch.«
»Er muß durchkommen. Ich kann mir nichts anderes denken.«
»Zeit«, sagte der Aufseher. »Schluß für heute.«
Kern nahm Ruth in die Arme.
»Komm wieder!« flüsterte sie. »Komm rasch wieder! Bleibst
du hier in der Santé?«
»Nein. Sie transportieren uns ab. Zur Grenze.«
»Ich werde versuchen, noch eine Erlaubnis zu bekommen, dich
zu besuchen! Komm wieder! Ich liebe dich. Komm rasch! Ich
habe Angst! Ich möchte mitfahren!«
»Das kannst du nicht. Dein Recepisse gilt nur für Paris. Ich
komme wieder.«
411

»Ich habe Geld hier. Es steckt unter meinem Achselband. Nimm
es heraus, wenn du mich küßt.«
»Ich brauche nichts. Ich habe genug bei mir. Behalte es! Marill wird auf dich aufpassen. Vielleicht ist Steiner auch bald
zurück.«
»Zeit!« mahnte der Aufseher. »Kinder, er geht ja nicht zur
Guillotine!«
»Leb wohl!« Ruth küßte Kern. »Ich liebe dich. Komm wieder,
Ludwig!«
Sie sah sich um und holte ein Paket von der Bank. »Hier ist etwas zu essen. Sie haben es unten kontrolliert. Es ist in Ordnung«,
sagte sie zu dem Aufseher. »Leb wohl, Ludwig!«
»Ich bin glücklich, Ruth! Gott im Himmel, ich bin so glücklich über deine Aufenthaltserlaubnis. Das ist ein Paradies hier
jetzt!«
»Also los!« sagte der Aufseher. »Zurück ins Paradies.«
Kern nahm sein Paket unter den Arm. Es war schwer. Er ging
mit dem Aufseher zurück. »Wissen Sie«, sagte dieser nach einer
Weile nachdenklich. »Meine Frau ist sechzig und hat einen leichten Buckel. Manchmal fällt mir das auf.«
Der Kalfaktor mit den Eßnäpfen stand gerade vor der Zelle,
als Kern zurückkam. »Kern«, sagte Leopold mit einem trostlosen
Gesicht. »Wieder mal Kartoffelsuppe ganz ohne Kartoffeln.«
»Das ist eine Gemüsesuppe«, erklärte der Kalfaktor.
»Du kannst auch sagen, Kaffee«, erwiderte Leopold. »Ich glaube
dir alles.«
»Was hast du in dem Paket?« fragte der Westfale Moenke
Kern.
»Was zu essen. Ich weiß nur noch nicht, was.«
Leopolds Gesicht wurde zu einer strahlenden Monstranz.
»Mach’s auf! Rasch!« Kern löste die Bindfäden.
412

»Butter!« sagte Leopold andächtig.
»Wie eine Sonnenblume!« ergänzte Moenke.
»Weißes Brot! Würste! Schokolade!« fuhr Leopold ekstatisch
fort. »Und da … ein ganzer Käse!«
»Wie eine Sonnenblume«, wiederholte Moenke.
Leopold achtete nicht darauf. Er richtete sich auf. »Kalfaktor!«
sagte er gebieterisch. »Nehmen Sie Ihren elenden Fraß und …«
»Halt!« unterbrach Moenke. »Nicht zu eilig! Diese Österreicher!
Dadurch haben wir 98 den Krieg verloren! Geben Sie die Näpfe
her«, sagte er zu dem Kalfaktor.
Er nahm sie und stellte sie auf eine Bank. Dann packte er die
anderen Sachen daneben und betrachtete das Stilleben. Über
dem Käse stand mit Bleistift von einem früheren Zelleninsassen an die Wand geschrieben: »Alles ist vergänglich … sogar
lebenslänglich!«
Moenke grinste. »Wir betrachten die Gemüsesuppe einfach
als Tee«, erklärte er. »Und nun essen wir einmal zu Abend wie
gebildete Menschen! Was meinst du dazu, Kern?«
»Amen!« erwiderte der.
»ICH KOMME MORGEN wieder, Marie.«
Steiner beugte sich über das stille Antlitz und richtete sich
auf.
Die Schwester stand an der Tür. Ihre schnellen Augen huschten
über ihn hinweg; sie blickte ihn nicht an. Das Glas in ihrer Hand
zitterte und klirrte leise.
Steiner trat auf den Korridor hinaus. »Stehenbleiben!« kommandierte eine Stimme.
Rechts und links von der Tür standen zwei Leute in Uniform,
Revolver in den Händen. Steiner blieb stehen. Er erschrak nicht
einmal.
413

»Wie heißen Sie?«
»Johann Huber.«
»Kommen Sie mit ans Fenster.«
Ein dritter trat an ihn heran und sah ihn an. »Es ist Steiner«,
sagte er. »Kein Zweifel. Ich kenne ihn wieder. Du kennst mich ja
wohl auch, Steiner, was?«
»Ich habe dich nicht vergessen, Steinbrenner«, erwiderte Steiner ruhig.
»Wird dir auch schwerfallen«, kicherte der Mann. »Herzlich
willkommen zu Hause! Freue mich wirklich, dich wiederzusehen.
Wirst ja jetzt wohl ein bißchen bei uns bleiben, was? Wir haben
ein wunderschönes, neues Lager, mit allem Komfort.«
»Das glaube ich.«
»Handschellen!« kommandierte Steinbrenner. »Zur Vorsicht,
mein Süßer. Mir würde das Herz brechen, wenn du uns nochmals
ausreißen könntest.«
Eine Tür klappte, Steiner sah schräg über seine Schulter. Es
war die Tür des Zimmers, in dem seine Frau lag. Die Schwester
schaute heraus und zog rasch den Kopf zurück.
»Aha«, sagte Steiner, »daher …«
»Ja, die Liebe!« kicherte Steinbrenner. »Führt die ausgekochtesten Vögel ins Nest zurück – zum Wohle des Staates und zur
Freude ihrer Freunde.«
Steiner sah das fleckige Gesicht mit dem zurückfliehenden
Kinn und den bläulichen Schatten unter den Augen. Er sah ruhig
hinein; er wußte, was ihm von diesem Gesicht bevorstand, aber
es war weit weg, wie etwas, was ihn noch nichts anging. Steinbrenner zwinkerte, leckte sich die Lippen und trat dann einen
Schritt zurück. »Immer noch kein Gewissen, Steinbrenner?«
fragte Steiner.
Der Mann grinste. »Nur ein gutes, Liebling. Wird immer besser,
414

je mehr von euch ich unter der Fuchtel habe. Habe einen prima
Schlaf. Bei dir werde ich eine Ausnahme machen. Dich werde
ich nachts besuchen, um ein bißchen mit dir zu plaudern. Los,
abführen!« sagte er plötzlich barsch.
Steiner ging mit seiner Eskorte die Treppe hinunter. Die Leute,
die ihnen begegneten, blieben stehen und ließen sie schweigend
vorübergehen. Auch auf der Straße herrschte dieses Schweigen,
wenn sie vorüberkamen.
Steiner wurde zur Vernehmung gebracht. Ein älterer Beamter
fragte ihn aus. Er gab seine Daten zu Protokoll.
»Weshalb sind Sie nach Deutschland zurückgekommen?«
fragte der Beamte.
»Ich wollte meine Frau sehen, bevor sie stirbt.«
»Wen von Ihren politischen Freunden haben Sie hier getroffen?«
»Niemand.«
»Es ist besser, Sie sagen es mir hier, bevor Sie überführt werden.«
»Ich habe es schon gesagt: Niemand.«
»In wessen Auftrag sind Sie hier?«
»Ich habe keine Aufträge.«
»Welcher politischen Organisation waren Sie im Ausland angeschlossen?«
»Keiner.«
»Wovon haben Sie denn gelebt?«
»Von dem, was ich verdient habe. Sie sehen, daß ich einen
österreichischen Paß habe.«
»Und mit welcher Gruppe sollten Sie hier Verbindung nehmen?«
»Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mich anders versteckt.
Ich wußte, was ich tat, als ich zu meiner Frau ging.«
415

Der Beamte fragte ihn noch eine Zeitlang weiter. Dann studierte er Steiners Paß und den Brief seiner Frau, den man ihm
abgenommen hatte. Er blickte Steiner an; dann las er den Brief
noch einmal. »Sie werden heute nachmittag überführt«, sagte er
schließlich achselzuckend.
»Ich möchte Sie um etwas bitten«, erwiderte Steiner. »Es ist
wenig, aber für mich ist es alles. Meine Frau lebt noch. Der Arzt
sagt, daß es höchstens noch ein bis zwei Tage dauern kann. Sie
weiß, daß ich morgen wiederkommen sollte. Wenn ich nicht
komme, wird sie wissen, daß ich hier bin. Ich erwarte für mich
weder Mitleid noch irgendeine Vergünstigung; aber ich möchte, daß meine Frau ruhig stirbt. Ich bitte Sie, mich einen oder
zwei Tage hierzubehalten und mir zu erlauben, meine Frau zu
sehen.«
»Das geht nicht. Ich kann Ihnen nicht Gelegenheit zur Flucht
geben.«
»Ich werde nicht flüchten. Das Zimmer liegt im fünften Stock
und hat keine Nebenausgänge. Wenn mich jemand hinbringt und
die Tür bewacht, kann ich nichts machen. Ich bitte Sie nicht für
mich; ich bitte Sie für eine sterbende Frau.«
»Unmöglich«, sagte der Beamte. »Ich habe nicht die Kompetenz dafür.«
»Sie haben die Kompetenz. Sie können mich noch einmal
verhören lassen. Und Sie können mir die Zusammenkunft ermöglichen. Der Grund könnte sein, daß ich vielleicht mit meiner
Frau etwas spreche, was wichtig zu erfahren ist. Das wäre auch
der Grund, weshalb meine Bewachung draußenbleiben würde.
Sie könnten anordnen, daß die Schwester, die ja zuverlässig ist,
im Zimmer bleibt, um zu hören, was gesprochen wird.«
»Das ist alles Unsinn. Ihre Frau wird Ihnen nichts sagen und
Sie ihr nichts.«
416

»Natürlich nicht. Sie weiß ja nichts. Aber sie würde ruhig
sterben.«
Der Beamte dachte nach und blätterte in den Akten. »Wir haben
Sie damals verhört, über die Gruppe VII. Sie haben keine Namen
genannt. Inzwischen haben wir Müller, Böse und Welldorf gefunden. Wollen Sie uns die übrigen Namen nennen?«
Steiner schwieg.
»Wollen Sie uns die Namen nennen, wenn ich Ihnen ermögliche, zwei Tage zu Ihrer Frau zu gehen?«
»Ja«, sagte Steiner nach einer Weile.
»Dann sagen Sie sie mir.«
Steiner schwieg.
»Wollen Sie mir morgen abend zwei Namen nennen und die
andern übermorgen?«
»Ich werde Ihnen die Namen übermorgen nennen.«
»Versprechen Sie das?«
»Ja.«
Der Beamte sah ihn lange an. »Ich werde sehen, was ich tun
kann. Sie werden jetzt in Ihre Zelle zurückgebracht.«
»Wollen Sie mir den Brief zurückgeben?« fragte Steiner.
»Den Brief? Er muß bei den Akten bleiben.« Der Beamte betrachtete ihn unschlüssig. »Es steht nichts Belastendes darin. Gut,
nehmen Sie ihn mit.«
»Danke«, sagte Steiner.
Der Beamte klingelte und ließ Steiner abführen. Schade, dachte
er, aber was soll man machen? Man kommt ja selbst in des Teufels Küche, wenn man etwas wie Menschlichkeit verrät. Er hieb
plötzlich mit der Faust auf den Tisch.
MORITZ ROSENTHAL LAG in seinem Bett. Er war seit Tagen zum
erstenmal ohne Schmerzen. Es war früher Abend, und in der
417

silbrig blauen Dämmerung der Pariser Februartage leuchteten die
ersten Lichter auf. Moritz Rosenthal beobachtete, ohne den Kopf
zu bewegen, wie die Fenster des gegenüberliegenden Hauses hell
wurden; es schwamm wie ein Riesenschiff in der Dämmerung,
wie ein Ozeandampfer kurz vor der Abfahrt. Das Mauerstück
zwischen den Fenstern warf einen langen dunklen Schatten
herüber zum Hotel Verdun; er sah aus wie ein Landungssteg aus
Schatten, der darauf wartete, daß man hinüberging.
Moritz Rosenthal regte sich nicht; er lag in seinem Bett, aber er
sah, wie plötzlich die Fenster sich weit öffneten und wie jemand,
der ihm glich, aufstand und hinausschritt. Über den Schatten
hinweg, hinüber zu dem Schiff, das in der langen Dämmerung des
Lebens sacht schwankte und nun die Anker lichtete und langsam
davonglitt. Das Zimmer um ihn herum zerbarst wie eine mürbe
Pappschachtel in der Strömung und wirbelte davon. Straßen
rauschten vorüber, Wälder glitten unter dem Bug entlang, Nebel,
das Schiff hob sich sanft in das leise Brausen der Unendlichkeit,
Wolken schwammen heran, Sterne und tiefes Blau, und dann, in
diesem Wiegen wie ein Wiegenlied, wölbte sich ihm eine Küste
entgegen, aus Rosa und Gold, die dunkle Landungsbrücke senkte
sich lautlos wieder herab, Moritz Rosenthal schritt sie entlang,
hinunter, und als er sich umblickte, war das Schiff nicht mehr
da, und er war allein an der fremden Küste.
Eine lange, ebene Straße breitete sich vor seinen Füßen aus. Der
alte Wanderer besann sich nicht lange; eine Straße war dazu da,
sie entlangzugehen – und seine Füße kannten viele Straßen.
Aber schon nach kurzer Zeit hob sich hinter silbernen Bäumen
ein funkelndes, mächtiges Tor hervor, hinter dem es von Kuppeln
und Türmen blitzte. Eine große Gestalt in Licht und Schimmer
stand mit einem Krummstabe mitten vor dem Eingang.
Der Zoll! dachte Moritz Rosenthal erschrocken und sprang
418

hinter ein Gebüsch. Er sah sich um. Zurück konnte er nicht
mehr; es ging da ins Nichts hinab. Es hilft nichts, dachte der alte
Emigrant ergeben, ich werde mich hier versteckt halten müssen,
bis es Nacht wird. Vielleicht kann ich dann seitlich wegschleichen
und irgendwo hintenherum vorbeikommen. Er schielte zwischen
einer Astgabel von Karfunkel und Onyx hindurch und sah, daß
der gewaltige Wächter mit seinem Stabe winkte. Er blickte sich
noch einmal um. Außer ihm war niemand da. Der Wächter winkte wieder. »Vater Moritz!« rief eine sanfte, hallende Stimme. Ruf
nur, dachte Moritz Rosenthal, ich melde mich nicht.
»Vater Moritz«, rief die Stimme wieder, »komm hinter dem
Busch der Mühsal hervor.«
Moritz stand auf. Erwischt, dachte er. Bestimmt kann der Riese
schneller laufen als ich; es nützt nichts, ich muß hingehen.
»Vater Moritz!« rief die Stimme wieder.
»Kennen tut er mich auch, so ein Pech!« murmelte Moritz.
»Ich muß also hier auch schon mal ausgewiesen worden sein.
Das gibt dann nach den neuesten Gesetzen mindestens drei
Monate Gefängnis. Hoffentlich ist wenigstens das Essen gut. Und
sie geben mir nicht die Familienzeitschrift von 902 zum Lesen,
sondern was Moderneres. Irgendwas von Hemingway möchte
ich gerne mal lesen.«
Das Tor wurde immer heller und strahlender, je näher er kam.
Was sie jetzt für Lichteffekte an den Grenzen haben, grübelte
Moritz, man kann gar nicht mehr erkennen, wo man ist. Vielleicht
haben sie neuerdings alles erleuchtet, um uns besser zu erwischen.
Eine Verschwendung!
»Vater Moritz«, sagte der Türhüter, »weshalb versteckst du
dich denn?«
»Auch ’ne Frage, dachte Moritz, wo er mich doch kennt und
weiß, was mit mir los ist.
419

»Geh hinein«, sagte der Türwächter.
»Hören Se«, erwiderte Moritz, »bis jetzt bin ich meiner Ansicht
nach noch nicht strafbar. Ich habe Ihre Grenzen noch nicht passiert. Oder gilt das hinter mir auch schon mit?«
»Es gilt schon mit«, sagte der Hüter.
Dann bin ich verloren, dachte Rosenthal. Es scheint ’ne Insel zu
sein, vielleicht ist es Kuba, da wollen ja neuerdings so viele hin.
»Fürchte dich nicht«, sagte der Wächter, »es geschieht dir nichts.
Geh ruhig hinein.«
»Hören Se«, erwiderte Moritz Rosenthal, »ich will Ihnen gleich
die Wahrheit sagen: Ich habe keinen Paß.«
»Du hast keinen Paß?«
Sechs Monate, dachte Moritz, als er die Stimme grollen hörte,
und schüttelte ergeben den Kopf.
Der Türhüter hob den Stab. »Dann brauchst du nicht erst zwanzig Millionen Lichtjahre im himmlischen Stehparterre zu bleiben.
Du bekommst sofort einen gepolsterten Sessel mit Armlehnen
und Flügelstützen.«
»Alles ganz schön«, erwiderte Vater Moritz, »aber es geht nicht.
Ich habe nämlich auch keine Einreise- und keine Aufenthaltserlaubnis. Von Arbeitserlaubnis wollen wir gar nicht erst reden.«
»Keine Aufenthaltserlaubnis? Kein Visum? Keine Arbeitserlaubnis?« Der Wächter hob die Hand. »Dann bekommst du
sogar eine Loge im ersten Rang, Mitte, mit vollem Blick auf die
himmlischen Heerscharen.«
»Das wäre nicht schlecht«, sagte Moritz, »besonders, wo ich
so gern ins Theater gehe. Aber jetzt kommt das, was alles kaputt
macht, und eigentlich wundere ich mich, daß Sie nicht weiter
draußen schon ein Schild haben, daß wir nicht ’reindürfen.
Also ich bin ein Jude. Ausgebürgert aus Deutschland. Illegal seit
Jahren.«
420

Der Türhüter hob beide Arme. »Jude? Ausgebürgert? Illegal seit
Jahren? Dann bekommst du zwei Engel zu deiner persönlichen
Bedienung und einen Posaunenbläser dazu.« Er rief in das Tor.
»Der Engel der Heimatlosen!« Und eine große Gestalt in blauen
Gewändern mit einem Gesicht wie alle Mütter der Welt trat hervor neben Vater Moritz. »Der Engel derer, die viel gelitten haben!«
rief der Wächter aufs neue, und eine weißgekleidete Gestalt mit
einem Krug Tränen auf der Schulter trat auf die andere Seite
von Vater Moritz.
»Eine Sekunde«, bat der und fragte den Wächter: »Sie sind
sicher, mein Herr, daß da drin nicht …?«
»Keine Sorge. Unsere Konzentrationslager sind weiter unten.«
Die beiden Engel nahmen seine Arme, und dann schritt Vater
Moritz, der alte Wanderer, der Veteran der Emigranten, getrost
durch das Tor, auf ein ungeheures Licht zu, über das plötzlich
rauschend schneller und schneller farbige Schatten fielen …
»Moritz«, sagte Edith Rosenfeld in der Tür. »Hier ist das Baby.
Der kleine Franzose. Willst du ihn sehen?«
Es blieb still. Sie trat vorsichtig näher. Moritz Rosenthal aus
Godesberg am Rhein atmete nicht mehr.
MARIE ERWACHTE NOCH einmal. Sie hatte den ganzen Vormittag
in einer dämmernden Agonie gelegen. Jetzt erkannte sie Steiner
ganz klar.
»Du bist noch hier?« flüsterte sie erschrocken.
»Ich kann hierbleiben, so lange ich will, Marie.«
»Was heißt das?«
»Die Amnestie ist herausgekommen. Ich falle darunter. Du
brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich bleibe jetzt immer
hier.«
421

Sie sah ihn grübelnd an. »Du sagst mir das, um mich zu beruhigen, Josef…«
»Nein, Marie. Die Amnestie ist gestern herausgekommen.«
Er wandte sich nach der Schwester um, die im Hintergrund des
Zimmers herumhantierte. »Nicht wahr, Schwester, seit gestern
besteht keine Gefahr mehr für mich, erwischt zu werden?«
»Nein« erwiderte die Schwester undeutlich.
»Bitte, kommen Sie doch näher, meine Frau möchte es von
Ihnen genau hören.«
Die Schwester blieb gebückt stehen. »Ich hab’s ja schon gesagt.«
»Bitte, Schwester!« flüsterte Marie.
Es blieb still. »Bitte, Schwester«, flüsterte die Kranke noch
einmal.
Die Schwester schob sich unwillig heran. Die Kranke sah sie
angestrengt an. »Nicht wahr, ich darf seit gestern immer hierbleiben?« fragte Steiner.
»Ja«, stieß die Schwester hervor.
»Es besteht keine Gefahr für mich mehr, erwischt zu werden?«
»Nein.«
»Danke, Schwester.«
Steiner sah, wie sich die Augen der Sterbenden verschleierten.
Sie hatte keine Kraft mehr, zu weinen. »Jetzt ist alles gut, Josef«,
flüsterte sie. »Und jetzt, gerade wo du mich brauchen kannst,
muß ich weg …«
»Du gehst nicht weg, Marie …«
»Ich möchte aufstehen und mit dir gehen können.«
»Wir werden zusammen fortgehen.«
Sie lag eine Zeitlang und sah ihn an. Ihr Gesicht war grau, das
Skelett arbeitete sich durch, und das Haar war über Nacht fahl
und glanzlos geworden, als sei es erblindet. Steiner sah das alles
422

und sah es doch nicht; er sah nur, daß der Atem noch ging; und
solange sie lebte, war sie für ihn Marie, seine Frau, umgeben vom
Schimmer der Jugend und der Gemeinsamkeit.
Der Abend kroch ins Zimmer, und von draußen, von der Tür
her, hörte man ab und zu das herausfordernde Räuspern Steinbrenners. Maries Atem wurde flach, dann kam er stoßweise, mit
Pausen. Endlich wurde er leise und hörte auf, wie ein schwacher
Wind, der einschläft. Steiner hielt ihre Hände, bis sie kalt wurden. Er starb mit. Als er aufstand, um hinauszugehen, war er ein
gefühlloser Fremder, eine leere Hülle, die die Bewegung eines
Menschen hatte. Er streifte die Schwester mit einem gleichgültigen Blick. Draußen wurde er von Steinbrenner und dem zweiten
in Empfang genommen. Ȇber drei Stunden haben wir auf dich
gewartet«, knurrte Steinbrenner. »Darüber werden wir uns öfter
noch mal unterhalten, da kannst du sicher sein.«
»Ich bin sicher, Steinbrenner, dieser Dinge bin ich bei dir sicher.«
Steinbrenner leckte sich die Lippen. »Du weißt ja wohl, daß die
Anrede für mich ›Herr Wachtmeister‹ ist, glaube ich, was? Sag
ruhig weiter ›Steinbrenner‹ und ›Du‹ zu mir … aber für jedesmal
wirst du wochenlang blutige Tränen weinen, mein Liebling. Ich
hab’ ja jetzt Zeit mit dir.«
Sie gingen die breite Treppe hinunter, Steiner zwischen den
beiden Wächtern. Es war ein milder Abend, und die bis zum
Boden reichenden Fenster der oval geschwungenen Außenwand
waren weit geöffnet. Es roch nach Benzin und einer Ahnung von
Frühling.
»Ich habe ja so unendlich viel Zeit mit dir«, erklärte Steinbrenner langsam und vergnügt. »Dein ganzes Leben, mein Süßer. Und
unsere Namen passen so schön … Steiner und Steinbrenner. Mal
sehen, was wir daraus noch machen können.«
423

Steiner nickte nachdenklich. Das schräg geschnittene offene
Fenster wurde größer, kam heran, ganz nahe, er gab Steinbrenner
einen Stoß gegen das Fenster hin, sprang gegen ihn, über ihn und
stürzte mit ihm zusammen ins Leere.
»SIE KÖNNEN DAS Geld ruhig nehmen«, sagte Marill zerstört und
traurig. Er hat es mir ausdrücklich für Sie beide hiergelassen. Ich
sollte es Ihnen geben, wenn er nicht zurückkommt.«
Kern schüttelte den Kopf. Er war gerade angekommen und
saß schmutzig und abgerissen mit Marill in der Katakombe. Von
Dijon aus war er als Beifahrer und Gehilfe eines Lastwagenzuges
gefahren.
»Er kommt wieder«, sagte er. »Steiner kommt wieder.«
»Er kommt nicht wieder!« erwiderte Marill heftig. »Herrgott,
machen Sie es einem doch nicht noch schwerer mit Ihrem dauernden: er kommt wieder! Er kommt nicht wieder! Hier, lesen
Sie das!«
Er zog ein zerknittertes Telegramm aus der Tasche und warf es
auf den Tisch. Kern nahm es und glättete es. Es war aus Berlin
und an die Wirtin des Verdun gerichtet. »Herzliche Wünsche
zum Geburtstag, Otto«, las er.
Er sah Marill an.
»Was heißt das?« fragte er.
»Das heißt, daß er geschnappt worden ist. Wir hatten das so
verabredet. Einer seiner Freunde sollte das Telegramm schicken.
Es war vorauszusehen. Ich habe es ihm gleich gesagt. Und nun
nehmen Sie endlich diese dreckigen Lappen!«
Er schob das Geld zu Kern hinüber. »Es sind zweitausendzweihundertvierzig Francs«, erklärte er. »Und hier ist noch etwas!«
Er holte seine Brieftasche hervor und nahm zwei kleine Hefte
heraus. »Das sind Fahrkarten von Bordeaux nach Mexiko. Mit
424

der ›Tacoma‹. Portugiesischer Frachtdampfer. Für Sie und Ruth.
Fährt am Achtzehnten. Wir haben sie gekauft von dem übrigen
Geld. Dies hier ist der Rest. Visa sind schon besorgt. Liegen beim
Flüchtlingskomitee.«
Kern starrte die Hefte an. »Aber …«, sagte er völlig verständnislos.
»Nichts aber!« unterbrach Marill ihn ärgerlich. »Machen Sie
keine Schwierigkeiten, Kern! Hat Mühe genug gekostet, das
alles! Verdammter Zufall! Kam vor drei Tagen heraus. Das
Flüchtlingskomitee hat von der mexikanischen Regierung die
Erlaubnis bekommen, hundertfünfzig Emigranten hinüberzuschicken. Voraussetzung, daß sie die Überfahrt bezahlen
können. Eines der Wunder, die ab und zu passieren. Klassmann
kam damit an. Wir haben sofort gebucht für Sie beide, bevor
alles überzeichnet ist. Geld für die Reise war ja da, jetzt gerade.
Na, und …«
Er schwieg.
»Yvonne, bringen Sie mir einen Kirsch«, sagte er dann zu der
dicken Kellnerin aus dem Elsaß.
Yvonne nickte und schaukelte mit wiegenden Hüften zur Küche
hinüber.
»Bringen Sie zwei!« rief Marill ihr nach.
Yvonne wandte sich um. »Hätte ich sowieso gemacht, Herr
Marill«, erklärte sie.
»Gut. Wenigstens eine verständige Seele.«
Marill wandte sich wieder Kern zu. »Verstanden, inzwischen?«
fragte er. »Etwas überraschend, das alles, ich gebe es zu. Wenn
Sie die Fahrkarte und das Visum auf der Präfektur vorzeigen,
bekommen Sie eine Aufenthaltserlaubnis für Frankreich bis zu
dem Datum, an dem das Schiff ausfährt. Auch wenn Sie illegal
eingereist sind. Das Flüchtlingskomitee hat das erreicht. Sie
425

können morgen gleich hingehen. Es ist die einzige Möglichkeit
für Sie, ’rauszukommen aus dem Dreck.«
»Ja. Beim erstenmal einen Monat, beim zweitenmal sechs
Monate Gefängnis.«
»Sechs Monate, ja. Und irgendwann wird man immer zum
zweitenmal geschnappt, todsicher!« Marill sah auf. Yvonne stand
vor ihm und stellte ein Tablett mit zwei Gläsern auf den Tisch.
Eines war ein normales Glas; das zweite ein Wasserglas, bis oben
mit Kirschgeist gefüllt.
»Das ist für Sie!« erklärte Yvonne grinsend und zeigte mit dem
Daumen auf das Wasserglas. »Zum selben Preis!«
»Danke! Sie sind ein vernünftiges Kind. Viel zu schade, um in
einer Ehe zur unvermeidlichen Xanthippe zu werden. Oder zu
einer braven Märtyrerin. Prost!«
Marill trank auf einen Schluck das halbe Glas aus. »Prost,
Kern!« sagte er. »Weshalb trinken Sie denn nicht?«
Er stellte das Glas auf den Tisch und sah Kern zum erstenmal
voll ins Gesicht. »Das fehlt noch«, sagte er dann, »daß Sie anfangen zu heulen! Mann, haben Sie denn gar keinen Anstand?«
»Ich heule nicht!« erwiderte Kern. »Und wenn ich heule, so
ist es scheißegal! Aber verdammt, all die Zeit habe ich gedacht,
Steiner wäre wieder hier, wenn ich zurückkäme, und nun packen
Sie mir da Geld hin und Fahrkarten, und ich bin gerettet, weil er
verloren ist, das ist doch eine verfluchte Schweinerei, verstehen
Sie das denn nicht?«
»Nein! Verstehe ich nicht! Sie reden sentimentalen Quatsch!
Ist gar nichts daran zu verstehen. Geht doch immer so! Und
nun trinken Sie das da aus! So wie … nun, wie er es ausgetrunken hätte. Zum Teufel, meinen Sie, es geht mir nicht an
die Knochen?«
»Ja …«
426

Kern trank das Glas aus. »Ich bin wieder beieinander«, sagte
er. »Haben Sie eine Zigarette, Marill?«
»Natürlich. Hier …«
Kern atmete den Rauch tief ein. Er sah plötzlich, im Halbdunkel der Katakombe, Steiners Gesicht. Etwas ironisch, vorgeneigt,
beschienen vom flackernden Kerzenlicht, wie damals vor einer
Ewigkeit im Gefängnis in Wien, und ihm war, als hörte er die
ruhige, tiefe Stimme: »Na, Baby?« Ja, dachte er, ja, Steiner!
»Weiß Ruth es?« fragte er.
»Ja.«
»Wo ist sie?«
»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich beim Flüchtlingskomitee. Sie
wußte nicht, daß Sie kämen.«
»Nein. Ich wußte ja selbst nicht genau, wann ich ankommen
würde. Kann man in Mexiko arbeiten?«
»Ja. Was, weiß ich nicht. Aber Sie bekommen eine Aufenthaltsund Arbeitserlaubnis. Das ist garantiert.«
»Ich kann kein Wort Spanisch«, sagte Kern. »Oder spricht man
da Portugiesisch?«
»Spanisch. Sie müssen es eben lernen.«
Kern nickte.
Marill beugte sich vor. »Kern«, sagte er mit plötzlich veränderter Stimme: »Ich weiß, es ist nicht einfach. Aber ich sage
euch: fahrt ab! Denkt nicht nach! Fahrt ab! Macht, daß ihr aus
Europa ’rauskommt! Weiß der Teufel, was hier noch werden
wird! So eine Chance kommt nicht leicht wieder. Und so viel
Geld werdet ihr auch nie wieder zusammenkriegen! Fahrt ab,
Kinder! Hier …«
Er trank den Rest seines Glases aus.
»Fahren Sie mit?« fragte Kern.
»Nein.«
427

»Reicht das Geld nicht für drei? Wir haben doch auch noch
etwas.«
»Darauf kommt es nicht an. Ich bleibe hier. Ich kann Ihnen
nicht erklären, warum. Ich bleibe. Ganz gleich, was wird. Man
kann das nicht erklären. Man weiß es, fertig.«
»Ich verstehe«, sagte Kern.
»Da kommt Ruth«, erwiderte Marill. »Und ebenso wie ich
hierbleibe, fahren Sie ab, verstehen Sie das auch?«
»Ja, Marill.«
»Gott sei Dank!«
Ruth blieb eine Sekunde an der Tür stehen. Dann stürzte sie
auf Kern zu. »Wann bist du gekommen?«
»Vor einer halben Stunde.«
Ruth hob den Kopf aus einer Umarmung, die endlos und kürzer
als ein Herzschlag war. »Weißt du …?«
»Ja. Marill hat mir alles gesagt.«
Kern sah sich um. Marill war nicht mehr da.
»Und weißt du auch …?« fragte Ruth zögernd.
»Ja, ich weiß es. Wir wollen nicht davon sprechen jetzt. Komm,
wir wollen hier heraus! Laß uns auf die Straße gehen. Nach draußen. Ich möchte hier weg. Laß uns auf die Straße gehen.«
»Ja.«
SIE GINGEN ÜBER die Champs-Elysées. Es war Abend, und der
halbe Mond stand blaß am apfelgrünen Himmel. Die Luft war
silbern und klar und so milde, daß die Kaffeehausterrassen voller
Gäste waren.
Sie gingen schweigend, eine lange Zeit. »Weißt du eigentlich,
wo Mexiko liegt?« fragte Kern schließlich.
Ruth schüttelte den Kopf. »Nicht genau. Aber ich weiß auch
nicht mehr, wo Deutschland liegt.«
428

Kern sah sie an. Dann nahm er ihren Arm. »Wir müssen uns
eine Grammatik kaufen und Spanisch lernen, Ruth.«
»Ich habe vorgestern schon eine gekauft. Antiquarisch.«
»So, antiquarisch …« Kern lächelte. »Wir werden schon durchkommen, Ruth, was?«
Sie nickte.
»Auf jeden Fall sehen wir etwas von der Welt. Das hätten wir
sonst nicht gehabt, zu Hause.«
Sie nickte wieder.
Sie gingen weiter, am Rond point vorüber. An den Bäumen
drängte sich das erste junge Grün. Im Licht der frühen Lampen
sah es aus wie ein flackerndes Elmsfeuer, das aus der Erde kam
und die Äste und Zweige der Kastanien entlang loderte. Die
Erde der Anlagen war umgegraben. Ihr starker Duft mischte sich
sonderbar mit dem Geruch von Benzin und Öl, der immer über
die breite Straße wehte. An einigen Stellen hatten die Gärtner
bereits blühende Narzissenbeete eingesetzt. Sie schimmerten in
der Dämmerung. Es war die Stunde, wo die Geschäfte geschlossen wurden, und der Verkehr war so dicht, daß es schwer war,
vorwärts zu kommen.
Kern sah Ruth an. »Wie viele Menschen es gibt«, sagte er.
»Ja«, erwiderte sie. »Furchtbar viele Menschen.«

NACHWORT
»Man braucht ein starkes Herz, um ohne Wurzel zu leben –«

I.
Das ist das Motto, das Erich Maria Remarque im Manuskript
seinem Roman voranstellt und das in der US-Erstausgabe vom
April 94 in englischer Übersetzung steht:
To live without roots takes a stout heart.
Bislang fehlte das Motto, das ein so bezeichnendes Licht auf die
Situation des Autors selbst wie auf seine ins Exil gehetzten Romanfiguren wirft, in allen deutschen Ausgaben des Romans. Remarque schreibt Liebe Deinen Nächsten im Exil, in seinem bereits
93 erworbenen Haus, der Casa Monte Tabor, in Porto Ronco
am Lago Maggiore im Schweizer Tessin, nach der Fertigstellung
der Umarbeitung von Drei Kameraden und der Exil-Publikation
des Romans 937/38.2
Es sollten noch drei weitere Exil-Romane folgen: Arc de Triomphe, 946; Die Nacht von Lissabon, 963; Schatten im Paradies,
97 (nach dem Tode Remarques, 970, von der Witwe Paulette
Goddard veröffentlicht).
Es liegt nahe anzunehmen, daß das Jahr seiner Ausbürgerung
938 auch der Beginn seiner dann folgenden 32jährigen Beschäftigung mit dem Exil-Thema ist. Noch im Todesjahr 970 arbeitet
er auf dem Krankenbett intensiv an der Fertigstellung des letzten
Exil-Romans Schatten im Paradies.
430

Neben dem Anti-Kriegs-Thema ist das Exil-Thema für den
Autor Remarque das Hauptanliegen seiner Romane. In beiden
Bereichen sammelte er existentielle Grunderfahrungen aus dem
eigenen Erleben.
Liebe Deinen Nächsten zeichnet die ersten Stationen deutscher
Emigranten in den Jahren 936-37 auf: Wien, Prag, die Schweiz,
Paris. Arc de Triomphe beginnt in Paris am Vorabend der 20. Wiederkehr des Waffenstillstandstages von Compiègne am . November 938 und endet mit dem Kriegsausbruch im September
939. Die daraufhin für Deutsche eingerichteten französischen
Internierungslager sind Durchgangsstationen für die Hauptfiguren in Die Nacht von Lissabon. Die Handlung erstreckt sich
vom Mai 939 bis 942 und endet mit der Flucht aus Europa und
der Ankunft in den USA. In Schatten im Paradies verbringt die
Hauptfigur die letzten Kriegsjahre in den USA und versucht nach
Kriegsende wieder in Europa Fuß zu fassen, was zur »schwersten
Enttäuschung« wird. Es ist
… eine Rückkehr in die Fremde, eine Rückkehr in die Gleichgültigkeit, versteckten Haß und Feigheit.3
Gleichgültigkeit, »die Trägheit des Herzens«4, offener und versteckter Haß, Feigheit sind die mentalen Antriebsmechanismen
derjenigen, durch die schon in Liebe Deinen Nächsten die um ihr
Überleben im Exil kämpfenden und bettelnden Menschen aufs
schwerste bedrängt werden und die ihnen einen Kampf aufzwingen, der ohne »ein starkes Herz« nicht zu bestehen ist.
Im Rückblick auf seine eigene Exilsituation, die weniger von
materieller Not und bürokratischen Schwierigkeiten als vom
Entzug des geistig-kulturellen Umfelds geprägt ist, sagt Remarque in einem Interview des Jahres 962, d. h. 24 Jahre nach seiner
Ausbürgerung und 5 Jahre nach dem Erwerb der US-Staatsbürgerschaft (7. August 947):
431

Ein Schriftsteller ohne Vaterland? Worüber sollte er denn
schreiben ? Woher seine Nahrung nehmen ?… Ich war – ohne
eigenes Land wie ein Tier, das nichts zu fressen bekam.5
Das Bild der Nahrungsaufnahme in dem obigen Zitat – gemeint
ist die geistige Nahrung und die Geborgenheit unter den Mitmenschen gleicher Sprache und heimatlicher Bindungen – findet seine Entsprechung in der Wurzel-Metapher des eingangs
zitierten Mottos des Romans – »Man braucht ein starkes Herz,
um ohne Wurzel zu leben –«.
Die pflanzliche Verwurzelung im Erdreich ist Voraussetzung für
Wachsen, Blühen und Früchtetragen. Dieses ›Erdreich‹ muß im
Exil durch das »starke Herz« ersetzt werden, aus dem die sonst
aus den Wurzeln aufsteigenden Kräfte zu gewinnen sind. Das
gilt für den Autor, das gilt für die Emigranten seiner Romane,
wenn sie zum Überleben fähig und willens sind. Über seinen
ersten Exilroman Liebe Deinen Nächsten äußert Remarque 952
in einem Interview:
Ich schrieb… – sagen wir eine Art Tatsachenbericht um
meine Person.6
Natürlich hat Remarque als begüterter Exilant mit Haus- und
Wohnrecht in der Schweiz die Schicksale seiner Romanfiguren
nicht selbst erduldet, aber er hatte, wie wir wissen, in Porto Ronco
und auf seinen Reisen ständigen Kontakt mit Menschen, deren
Schicksale in den im Roman geschilderten Ereignissen treffend
wiedergegeben sind. Remarque ist ein guter und geduldiger Zuhörer, ein außerordentlich scharfsichtiger Beobachter. Das macht
die realistische Qualität seiner Schilderungen aus.
Dem zunächst freiwilligen, dann wegen der sicheren Verfolgung
durch die Nazis erzwungenen Exil folgt, was ihn innerlich zutiefst
trifft: die Ausbürgerung.
432

II.
Durch den Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger No. 55 vom 7. Juli 938 wird Remarque – aufgrund des
von der Reichsregierung erlassenen »Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen
Staatsangehörigkeit« vom 4. Juli 933 – die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Die einschlägigen Passagen in § 2 des
Gesetzes lauten:
Reichsangehörige, die sich im Ausland aufhalten, können der
deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt werden,
sofern sie durch ein Verhalten, das gegen die Pflicht zur
Treue gegen Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange
geschädigt haben …
Bei der Einleitung des Aberkennungsverfahrens … kann
ihr Vermögen beschlagnahmt, nach Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit als dem Reiche verfallen erklärt
werden … Die Aberkennung der Staatsangehörigkeit wird
mit der Verkündung der Entscheidung im Reichsanzeiger
wirksam.7
Nach dem Gesetz »trifft der Reichsminister des Inneren im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Äußeren in der Regel
nach Anhörung der Regierungen der beteiligten Länder« die
Entscheidung. Daher finden sich Akten zur Ausbürgerung Remarques im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn. Dort heißt
es in einer Begründung des Ausbürgerungsbegehrens durch die
Geheime Staatspolizei vom 2. März 938 über Remarques Bücher
Im Westen nichts Neues und Der Weg zurück:
Beide Erzeugnisse zeichnen sich durch eine besonders niedrige und undeutsche Auffassung vom Sinn des Krieges aus.
Deutsches Soldaten- und Heldentum wird in diesen Mach433

werken in nicht wiederzugebender Weise in den Schmutz
gezogen… Erich Remark hat mit Unterstützung durch
die jüdische Ullstein-Presse jahrelang in gemeinster und
niederträchtigster Weise das Andenken an die Gefallenen
des Weltkriegs beschimpft und sich schon dadurch aus der
Deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen.
Weiterhin heißt es über Remarques Leben in der Schweiz:
Mit dem auf diese Weise erworbenen Geld kaufte er sich eine
Villa in der Schweiz. In Porto Ronco bei Locarno unterhielt er
bis in die letzte Zeit einen regen Verkehr, der sich ausschließlich auf Emigranten, Juden und Kommunisten beschränkte.
Zwar ist Remark schriftstellerisch in der letzten Zeit nicht
mehr hervorgetreten; trotzdem ist bei der aus seinen Büchern
sprechenden Einstellung mit Sicherheit anzunehmen, daß er
weiterhin im deutschfeindlichen Sinne tätig ist. Sein Umgang
beweist auch eindeutig, daß er noch genauso wie früher den
jüdisch-marxistischen Ideen der Zersetzung anhängt.8
Ob die Regierung der Schweiz ›angehört‹ wurde, wie das Gesetz
es vorschreibt, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Der Gestapo
war zum Zeitpunkt des Berichts im März 938 offensichtlich entgangen, daß Remarques nächster Roman Drei Kameraden bereits
936/37 in dänischer Übersetzung erschienen war, der noch vor
Ende 938 die deutschsprachige Exil-Ausgabe in Stockholm bei
Bermann-Fischer folgte.
Die Antwort Remarques auf die Ausbürgerung ist sein erster
Exilroman. Die Lektüre von Liebe Deinen Nächsten hätte die
Gestapo in ihrer Ansicht zweifellos bestätigt, daß Remarque
»weiterhin im deutschfeindlichen Sinne tätig ist«. Der Roman ist
Remarques erste und entschiedene Kampfansage an das braune
Unrechtsregime, darüber hinaus ist er ein zutiefst humanes Plädoyer für alle durch staatliche Willkür und Behördenbürokratie
434

rechtlos gewordenen, in ihrer Menschenwürde und ihren unveräußerlichen Menschenrechten zutiefst getroffenen Exilanten,
Asylanten, Flüchtlinge, Vertriebenen und Verfolgten, deren Zahl
in diesem Jahrhundert bis in sein letztes Jahrzehnt unvorstellbare
Größenordnungen erreicht hat.
Heute wiedergelesen, wird Liebe Deinen Nächsten für uns
Deutsche zu einem engagierten und eindringlichen Aufruf zur
Verteidigung des Asylrechts in unserer Verfassung gegen »die
Trägheit des Herzens«, gegen selbstgerechte Wohlstandsmentalität, gegen Fremdenphobie und gegen neuen Nationalismus. So
könnte man es mit Begriffen unserer Zeit ausdrücken. Es geht
darum, die vielen, die auch heute wegsehen, nichts davon wissen
wollen, ihre Gleichgültigkeit und ihr Desinteresse zur Schau
tragen, daran zu erinnern, daß das Asylrecht zum Bestandteil
der in unserem Grundgesetz geschützten Menschenrechte
werden konnte und werden mußte aufgrund der Geschehnisse,
wie sie in Liebe Deinen Nächsten und vergleichbarer Literatur
geschildert sind.

III.
Ludwig Kern wird in Murten in der Schweiz verhaftet und steht
wegen illegalen Aufenthalts im Herbst 936 vor dem Richter des
Bezirksgerichts. Er verteidigt sich mit dem Satz, der auch heute
wieder die Situation von Füchtlingen und Asylsuchenden in der
ganzen Welt treffend kennzeichnet:
Was sollen wir denn anderes machen, als gegen das Gesetz
verstoßen? (Liebe Deinen Nächsten, S. 209)
Der Richter ist »ein älterer, dicker Mann mit einem runden, roten
435

Gesicht«. Er ist zwar, wie der Autor uns mitteilt, »menschlich,
doch er kann »nicht helfen«. Die Paragraphen sind »eindeutig« (S.
208). Der »ahnungslose, gutmütige Mensch« weiß keine andere
Lösung, als den Illegalen zu verurteilen. Denn, so sagt er: »Wir
müssen unser Land vor der Überschwemmung durch Flüchtlinge
schützen« (S. 28).
Trotz des hier geäußerten National-Egoismus wird dieser Richter mit dem Zwiespalt, den ihm seine Menschlichkeit beschert,
nicht fertig und räumt Kern gegenüber ein: »Sie müssen doch
irgendwie existieren dürfen!« (S. 28).
Nein, das darf der als minderjähriger Sohn zusammen mit
seinem Vater aus dem Deutschen Reich ausgewiesene und
ausgebürgerte Kern nicht. Des Richters Frage: »Hat denn der
Völkerbund noch nichts für Sie getan ? « beantwortet Kern geduldig: » Der Völkerbund berät seit ein paar Jahren darüber, uns
Identitätspapiere zu geben… Jedes Land versucht auch da, uns
dem anderen zuzuschieben«.
Da begreift der Richter endlich:
Aber mein Gott!… Das ist ja ein Problem! Was soll denn nur
aus Ihnen werden?« (S. 28)
Schlagartig wird ihm klar, daß es bei einer anderen politischen
Konstellation auch seinem eigenen Sohn so ergehen könnte, der
– etwa gleichaltrig wie Kern – jetzt in sicherer Ruhe und Geborgenheit als Schweizer Bürger dem Leben entgegengeht. Mit einem
Anflug von Verzweiflung sagt der Richter zu Kern.:
Wenn ich mir vorstellen sollte, daß er (der Sohn) herumgejagt
würde, ohne irgendeinen anderen Grund, als daß er geboren
worden ist … (S. 282)
Durch eine Eingabe an das Obergericht will der Richter für Kern
erreichen, daß die gesetzlich vorgeschriebene Mindeststrafe von
4 Tagen Gefängnis nur als »Untersuchungshaft« bewertet wird,
436

nicht als »Gefängnis«. Dies sei für Kerns »bürgerliche Ehrenrechte« wichtig, denn dann gelte er nicht als »vorbestraft«.
Hier stoßen Welten aufeinander, die miteinander unversöhnlich bleiben: der Ehren- und Rechtskodex des wohlanständigen
Bürgers in einem geordneten Staatswesen und das rechtlose
Ausgeliefertsein des Exilanten, dem diese Dinge durch seinen
Staat genommen wurden und die ein anderer Staat ihm zu geben nicht bereit ist. Insofern folgt in der Antwort Kerns die den
Richter verstummen machende, bittere Belehrung für den durch
sein Rechtskorsett fest gestützten Amtswalter:
Bürgerliche Ehrenrechte … Was soll ich damit? Ich habe ja
nicht einmal die einfachsten bürgerlichen Rechte! Ich bin ein
Schatten, ein Gespenst, ein bürgerlicher Toter. Was sollen mir
da Dinge, die Sie Ehrenrechte nennen? (S. 28)9
Der Richter ist verunsichert. Er begreift, daß dem von ihm Verurteilten nichts anderes übrigbleibt, als »gegen das Gesetz (zu)
verstoßen«, das er, der Richter, zu repräsentieren hat, und er begreift, daß diese Gesetzesübertretung gleichzusetzen ist mit der
Wahrnehmung eines individuellen Menschenrechts: des Rechts
auf Leben und Existenz.0
Der Richter steht, wie so viele Amtswalter, für Systeme der
bürokratischen Verweigerung der einfachsten Grundrechte, und
zwar als Repräsentant einer als ›human‹ und ›liberal‹ geltenden
Schweizer Eidgenossenschaft. Er begreift den Widerspruch und
seine eigene Hilflosigkeit als Funktionsträger des Systems. »Wenn
ich nur wüßte, was ich für Sie tun könnte!« murmelt er, und dann
ergänzt er sein von ihm selbst als inhuman begriffenes Amtshandeln
durch eine Geste der Mitmenschlichkeit. Er greift zu seinem »riesigen Portemonnaie« und gibt Kern mit dem Ausdruck der tiefsten
Verlegenheit einen 20 Franken-Schein mit den Worten: »Es ist mir
peinlich, nichts anderes für Sie tun zu können…« (S. 282).
437

Das ist alles, was von dem titelgebenden Gebot »Liebe Deinen
Nächsten« übriggeblieben ist, und doch ist es viel mehr Menschlichkeit, als andere Gestalten des Romans zu zeigen in der Lage
oder gewillt sind.
So brüllt gleich zu Beginn des Buches in Wien ein Mann hinter
den von den Polizisten auf einem Auto eingesammelten Illegalen
her:
»Schlagt das Emigrantenpack tot!… Dann spart ihr das
Futter« (S.).
Der österreichische Polizist, der bei der ersten Verhaftungsszene des Romans Josef Steiner einen Kinnhaken versetzt und
ihn »Hurenbankert« und »General Stinktier« beschimpft (S. 9)
– offensichtlich ein Antisemit und Nationalsozialist längst vor
dem Anschluß Österreichs – kommentiert den Tod des älteren
Juden, der vom Polizeiwagen gesprungen war, lakonisch: »Naja,
halt ein Jud weniger« (S. 4).
Bei der Verprügelung der jüdischen Studenten vor der Wiener
Universität tönt es:
»Juden raus!« – »Haut die Mosessöhne in die krummen
Fressen!« – »Jagt sie nach Palästina« (S. 78).
Die Ähnlichkeiten mit heutigen Medienberichten über Gewalt
gegen Ausländer und die Transparente ›Ausländer raus!‹ sind
nicht zufällig.
Insgesamt betrachtet, beschreibt Remarque die Haltung der
Menschen in dem geschilderten Umfeld der Exilanten sehr differenziert in den jeweiligen Ländern Österreich, Tschechoslowakei,
Schweiz und Frankreich. Das gilt sowohl für nationalstaatliches
Handeln wie für individuelle Menschlichkeit.
So heißt es über Paris, in dem die Emigranten »sich geborgen«
fühlen:
In dieser Stadt, die alle Emigranten des Jahrhunderts aufge438

nommen hatte, wehte der Geist der Duldung; … man wurde
nur soviel verfolgt, wie unbedingt notwendig war – und das
erschien ihnen (den Exilanten) schon viel. (S. 263)
Über die Prager Ordnungshüter sagt Kern bei seiner ersten Abschiebung aus Wien: »Die Polizei ist da besser« (S. 33). In Prag
erhält Kern sogar eine kurzfristige Aufenthaltserlaubnis und
landet nicht im Gefängnis (wie in Österreich, der Schweiz und
Frankreich).
In der Tat wird Österreich als schon in hohem Maße vom
Faschismus durchdrungen geschildert. Daneben herrschen
stumpfe Bürokratie, aber auch Mitmenschlichkeit, wie sie der
Wiener Polizeibeamte bei Kerns zweiter Abschiebung zeigt. Wie
später der Schweizer Richter gibt er Kern einen Geldschein in
Verbindung mit seiner Amtshandlung, und zwar 5 Schilling, mit
den Worten:
Hier, trinken Sie eins dafür. Ich kann die Gesetze auch nicht
ändern. Nehmen Sie den Gumpoldskirchner. Der ist dieses
Jahr am besten. Und nun los! (S. 49)
Die Begegnungen in der Schweiz sind zwiespältig. Da ist der
deutschnational gesonnene Kommerzienrat Arnold Oppenheim,
Jude und Deutscher mit Gastrecht in der Schweiz, der Kern
schließlich ein Stück Seife für einen Franken abkauft. Deutschland ist für ihn das Höchste: »Ja, unser Deutschland! Das macht
uns keiner nach, wie?« (S. 225). Er ist des Lobes voll über die
deutsche Erneuerung:
Man muß objektiv sein! … man kann gegen Deutschland
sagen, was man will, die Leute jetzt drüben tun was! Und sie
erreichen was! (S. 226)
Und weiter muß Kern, der immer noch auf ein Almosen von
etlichen Franken hofft, sich anhören:
Daß es dem einzelnen dabei manchmal schlecht geht oder
439

bestimmten Gruppen… nun, das sind harte politische Notwendigkeiten ! Große Politik kennt keine Sentimentalität…
Gewiß, es gibt da Übertreibungen, aber das kommt immer
am Anfang vor. (S. 226)
Da ist der deutsche Resident Ammers in Murten, der ihn bei der
Polizei denunziert mit den Worten: »Ein vaterlandsloses Individuum ohne Paß, ausgestoßen aus dem Deutschen Reich« (S.
94). Aber da ist auch der Gendarm, der ihn gegen seine Dienstvorschrift zur Flucht ermutigt und der jüdisch-schweizerische
Arzt Dr. Rudolf Beer, der alles für die kranke Ruth und Kern
tut. Da ist der Schweizer Richter und die Besitzerin des kleinen
Wäschegeschäfts in Luzern, Sarah Grünberg, die Kern sofort bei
ihrer anstehenden Inventur beschäftigt. (S. 228-229).
Die Ambivalenz unmenschlichen und menschlichen Handelns, gestützt auf Ideologie, Nationalismus, Fremdenhaß und
Bürokratentum einerseits und unverstellter Humanität, direkter
Mitmenschlichkeit andererseits, wird zu einem wesentlichen
Spannungselement bei der Erzählung der Emigranten-Geschikke, vielleicht am besten illustriert durch die Gestalt des Mannes
»mit einem Monokel und Schmissen im breiten, roten Gesicht«
(S. 24) im Restaurant »Zum Schwarzen Ferkel« in Prag. Kern
hat Ruth vor ihrer Rückfahrt nach Wien zum Abschiedsessen
eingeladen. Der Mann betrachtet das junge Paar intensiv. Ruth
kommentiert sein Äußeres: »Aber das… das erinnert einen…«
(S. 24) und sie hält ihn möglicherweise für einen »Agenten
der Gestapo«. Die »Angst vor dem Kerl mit dem Monokel« (S.
25) ruiniert ihr Abschiedsessen, aber dann kommt die dramaturgische Wendung, und der Gast erklärt seine mitfühlende
Teilnahme:
Ich bin aus Berlin und fahre in einer Stunde wieder dahin
zurück. Sie können nicht zurück … Das ist der Grund, wes440

halb ich hier stehe. Und weshalb ich Ihnen gern mit dieser
Kleinigkeit helfen möchte. (S. 96)
Der Mann war »Kompanieführer im Kriege« und einer seiner
»besten Leute war ein Jude«. Er zahlt die Zeche und stiftet noch
eine Flasche Champagner.
Es sind die kleinen Gesten der Mitmenschlichkeit, die für die
Emigranten glückliche Momente ihrer geschundenen Existenz
ermöglichen und die Hoffnung auf ein humaneres Leben aufrechterhalten. Ruth und Kern schwelgen in ihrem Glück. Kern
spricht es aus:
Ruth… von heute an glaube ich an Wunder. Wenn jetzt hier
durch das Fenster eine weiße Taube hereinflöge, im Schnabel
zwei gültige Pässe für uns auf 5 Jahre oder eine unbegrenzte
Arbeitserlaubnis – es würde mich nicht erstaunen! (S. 28).
Utopie und Verheißung des Humanen, das Vertrauen auf die
Liebe des Nächsten.
Nur in diesem Sinne ist erklärlich, wenn Kern dem Richter (in
der eingangs zitierten Szene) auf dessen Frage, ob er noch an
irgend etwas glaube, antwortet:
O ja; ich glaube an den heiligen Egoismus! An die Unbarmherzigkeit ! An die Lüge! An die Trägheit des Herzens!
Das ist es, was der Richter erwartet und befürchtet hat. Aber er
resigniert zu früh, denn Kern fährt fort:
Es ist noch nicht alles … Ich glaube auch an Güte, an Kameradschaft, an Liebe, an Hilfsbereitschaft! Ich habe sie
kennengelernt. Mehr vielleicht als mancher, dem es gut geht
(S. 282).
Die gemurmelte Antwort des Richters: »Gut, so was zu hören«
gilt auch für die Leser Remarques und für den Autor selbst, der
einmal in bezug auf die Intention seines Schreibens vom »notwendigen Optimismus des Pessimisten« gesprochen hat.“
441

IV.
Der amerikanische Titel »Strandgut« (Flotsam) sowohl für die
Publikation der Fortsetzungs-Fassung von 939 in Collier’s wie
der US-Buchausgabe von 94 erweckt im Leser völlig andere
Assoziationen als das Bergpredigt-Zitat der deutschen Ausgabe.3
Bisher ließ sich noch nicht ermitteln, wie es zu dieser Titelgebung kam. Es läßt sich vermuten, daß aus der Sicht des Verlegers
und der Leser in den USA, die 939 den Emigrantenproblemen
im fernen Europa noch wenig beteiligt zuschauen, »Strandgut«
eine überzeugende Metapher war, zumal die ersten Ausläufer
des Emigranten-Strandguts inzwischen über den Ozean gespült
wurden.
Dieses Treibgut ist entwurzelt, weggeworfen als Abfall, abgerissen und losgebrochen, angegriffen durch die Salzlauge der See,
zerschlagen durch die Wellen, hin und her gerollt, abgeschliffen,
letztlich auf irgendeinen Strand geworfen, an irgendeine Küste
gespült durch Winde, Strömungen, Ebbe und Flut, durch Kräfte, die außerhalb der Kontrolle der davon gesteuerten Objekte
liegen, aber nicht untergegangen, nicht auf dem Grunde der See
modernd. Strandgut wird aufgelesen und manchmal von denen,
die es geborgen haben, in neue Strukturen eingefügt; wenn es
pflanzliches Leben als Samen oder Keim in sich trägt, wird es
am neuen Gestade wieder verwurzeln. Der deutsche Titel Liebe
Deinen Nächsten steht für die Utopie der immer noch erhofften
humanen Gesellschaft und für die immer wieder erfahrene
tätige Nächstenliebe selbst für die »bürgerlichen Toten«, für
die »Leichen auf Urlaub«, wie Steiner die Paßlosen schon zu
Beginn des Buches nennt. Aber, trotz aller Hoffnung, es geht
»so langsam vorwärts« und »so schnell rückwärts«, wie Steiner
sagt. Zumindest in der Wahrnehmung der Exilanten ist der
442

Rückschritt wesentlich greifbarer als die dennoch am Horizont
aufscheinende Utopie.
Das unbehauste Individuum ist »Strandgut«, in dem aber das
»Prinzip Hoffnung« (um es mit Ernst Blochs großem Entwurf
zu formulieren) fortlebt als Keim der Zukunft und als Überlebensmechanismus im Ausgestoßensein der Gegenwart, wenn
und solange ein »starkes Herz« die Wurzeln zu ersetzen vermag.
Das ist Re-marques Botschaft, die in diesem ersten Exilroman
stärker zum Ausdruck kommt als in den folgenden, die unter
dem Eindruck der Grauenhaftigkeit der Morde und Verfolgungen des Zweiten Weltkriegs weniger Optimismus ausstrahlen.
Besonders gilt dies für den letzten Exil-Roman, Schatten im
Paradies (97).

V.
Ein Mensch ohne Paß ist eine Leiche auf Urlaub. Hat sich
eigentlich nur umzubringen, sonst nichts. (S. 9)
Das ist Steiners bitteres Fazit, als der Exil-Erfahrene dem Neuling Kern in dessen erster Haft in Wien ›aufklärt‹. Kern begreift
schnell. Als er dem Beamten gegenübersitzt, der ihn aus Österreich ausweisen wird, reflektiert »das winzige, flackernde Fünkchen Leben4 Ludwig Kern«, das »Sehnsucht nach Menschen
und Angst vor Menschen« hat, den Unterschied zwischen den
»bürgerlich Toten« und den lebenden Bürgern:
Dieser Mann würde in zwei Stunden seinen Schreibtisch abschließen und zum Abendessen gehen… Nach Hause. (S. 23)
Kern fährt fort:
Und all das nur, weil ihn und den gelangweilten Beamten hin443

ter dem Schreibtisch ein Stück Papier trennte, Paß genannt.
Ihr Blut hatte die gleiche Temperatur, ihre Augen hatten die
gleiche Konstruktion, ihre Nerven reagierten auf die gleichen
Reize, ihre Gedanken liefen in den gleichen Bahnen – und
doch trennte sie ein Abgrund, nichts war gleich bei ihnen, das
Behagen des einen war die Qual des anderen, sie waren Besitzender und Ausgestoßener, und der Abgrund, der sie trennte,
war nur ein kleines Stückchen Papier, auf dem nichts weiter
stand als ein Name und ein paar belanglose Daten. (S. 28).
Das Paß-Thema durchzieht den ganzen Roman. »Namen
müssen aufgeschrieben sein, sonst gehören sie einem nicht«
(S. 08), sagt Kern später. Josef Steiner erwirbt den durch ein
neues Bild verfälschten Paß eines Toten zum Zwecke neuer
Identität und Schein-Legalität. In seiner Reflexion treibt er die
›Paß-Philosophie‹ auf einen zugleich realistischen wie absurden
Höhepunkt:
Johann Huber! Arbeiter! Du bist tot und verfaulst irgendwo
in der Erde von Graz – aber dein Paß lebt und ist gültig für
die Behörden … Tauschen wir, Johann Huber! Gib mir dein
papiernes Leben und nimm meinen papierlosen Tod! Wenn die
Lebenden uns nicht helfen, müssen es die Toten tun! (S. 02)
Ludwig Kerns Gedanken verlieren »sich in Träumen«, als er
der ersten Abschiebung über die tschechische Grenze im Zug
entgegenrollt. Er träumt
von einer Deputation feierlicher Menschen in Gehröcken,
die einen Ehrenbürgerbrief überreichen, und von einem
uniformierten Diktator, der ihn weinend kniefällig um Entschuldigung bat. (S. 32)
Der Traum Kerns erscheint auch wie der Traum Remarques, der
schließlich 968 die Ehrenbürgerschaft seiner Gastgemeinden
Ronco und Ascona erhielt.
444

Remarques deutscher Paß hatte wohl schon vor 937 seine
Gültigkeit verloren. Daher besorgte er für sich und seine geschiedene Frau Ilse-Jutta Zambona vom panamanesischen Konsulat
in Thessaloniki einen Paß der Republik Panama, ausgestellt am
9. Juni 937, mit dem er reisen konnte.5 Mit der Ausbürgerung
vom 7. Juli 938 ist auch Remarque für 9 Jahre ein »bürgerlich
Toter«, der erst durch die US-Einbürgerung vom 7. August 947
wieder »papiernes Leben« erhält.6
Zahlreiche Äußerungen belegen, wie sehr er es begrüßt hätte,
wenn nach 945 der Ausbürgerungsakt rückgängig gemacht
worden wäre, wieviel das für ihn bedeutet hätte, der zeitlebens
emotional Osnabrücker und Deutscher geblieben ist und der
962 in einem Interview sagt: »Ich stehe heute zu Deutschland
genauso positiv wie je und immer.«7
Aber die Bundesrepublik Deutschland, Rechtsnachfolger des
Deutschen Reiches, »erkennt noch immer den Verwaltungsakt
der Ausbürgerung als rechtmäßig an«. Dies gilt für insgesamt
39 006 Ausbürgerungen in der Zeit 933-945.8
Die in Art. 6 des Grundgesetzes gewählte Lösung der ›Wiedereinbürgerung‹ hält Remarque nicht für akzeptabel, eine Regelung,
die von den Ausgebürgerten verlangte, wieder Wohnsitz in der
Bundesrepublik zu nehmen oder einen Antrag auf Wiedereinbürgerung zu stellen. Remarque pflegte – auf die Frage seiner
Wiedereinbürgerung angesprochen – ständig zu wiederholen:
»Ich habe keinen Antrag auf Ausbürgerung gestellt, also werde
ich auch keinen Antrag auf Einbürgerung stellen.«9
So bleibt das große Unrecht bis heute bestehen. Juristischer
Sachverstand hätte sicher eine akzeptablere Lösung finden können, wenn man den Gefühlen von Menschen wie Erich Maria
Remarque und anderen Emigranten mehr Gewicht hätte beilegen
wollen.
445

Immerhin schreibt heute das Grundgesetz, solange es denn
in seiner jetzigen Form gilt, als Grundsatz vor: »Die deutsche
Staatsangehörigkeit darf nicht entzogen werden.« (Art. 6, Abs. ,
Satz ) Doch auch dieser Grundsatz kann »aufgrund eines Gesetzes« Einschränkungen erfahren, wobei dann garantiert sein muß,
daß der Betroffene durch den »Verlust der Staatsangehörigkeit«
-das ist ein gewichtiger Fortschritt – »nicht staatenlos wird«
(Satz 2). In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der
Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 0. Dezember
948 heißt es in Artikel 6:
Jeder Mensch hat überall Anspruch auf Anerkennung als
Rechtsperson.
Aber auch dieser Artikel gilt – wie viele andere Menschenrechte – zunächst nur als »das von allen Völkern und Nationen zu
erreichende gemeinsame Ideal«, wie es in der Präambel heißt.
Bis zur Verwirklichung dieses Rechtes auf »papiernes Leben«
durch nationale Gesetzgebungen wird es auch weiter zahlreiche
»bürgerlich Tote« geben.
In der Präambel der Menschenrechtserklärung heißt es auch,
daß »durch Unterricht und Erziehung die Achtung dieser Rechte
und Freiheiten zu fördern« sind. In diesem Sinne wäre Remarques Roman eine wichtige Lektüre für unsere Schulen. Denn
in Liebe Deinen Nächsten geht es um das Menschenrecht der
»Anerkennung als Rechtsperson« und um das »Asylrecht«, das
in der Menschenrechtserklärung wie folgt formuliert ist:
Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung
Asyl zu suchen und zu genießen. (Art. 4, Abs. ) In unserem
Grundgesetz heißt es: »Politisch Verfolgte genießen Asylrecht«
(Art. 6, Abs. 2), (noch) ohne jeglichen einschränkenden Gesetzesvorbehalt. Dabei soll und muß es bleiben, wenn die bitteren
Leiden des Exils nicht umsonst gewesen sein sollen.
446

VI.
Als das Buch 94 in den USA erscheint, erhält es überwiegend
positive Kritiken. So stellt der Philadelphia Inquirer am 23. April
den Roman als ›Buch der Woche‹ unter dem Titel »Remarques
ausgezeichnete Erzählung über die Not der Flüchtlinge« vor. Der
Kritiker Fred G. Hyde spricht sogar von einer »zwingenderen
Perspektive« und einer »weitergehenden Vision« als selbst bei
Im Westen nichts Neues. Diese Geschichte der Exilanten, so heißt
es, »mußte erzählt werden«. Remarque habe die Notwendigkeit
empfunden, die »schandbaren Zustände vor die Augen der Welt
zu bringen«, und dies geschehe mit der »Feder eines Poeten«
und dem ȟberzeugend artikulierten Zorn eines Mannes, dessen
Herz beim Anblick des Unrechts aufschreit. «20 In Time Magazine
liest man:
Strandgut ist eine tief bewegende Geschichte … Remarque hat
– wie Hemingway – die seltene Fähigkeit, Texte zu schreiben,
die zugleich populär und echte Kunstwerke sind und die es
verstehen, eine Generation zu verkörpern.2
Natürlich gibt es auch Kritik. Unter der Überschrift »Enttäuschungen« heißt es am 26. April 94 in The New Yorker:
Als ein Album dramatischer Schnappschüsse (der Exilanten)
ist Strandgut bewundernswert, als Gesamterzählung funktioniert es nicht.
Passagenweise sei es »verwässerter Hemingway«. Dem kann
man aber auch überschwengliches Lob gegenüberstellen, wie in
Chicago Daily News publiziert:
Strandgut hat etwas von der Qualität der Bergpredigt, etwas
von der Einfachheit aller großen Poesie.2
In einer Besprechung in der Exilzeitung Das andere Deutschland, Buenos Aires (März 942), wird Remarque überzeugender
447

Realismus attestiert, aber der Autor Hans Jahn vermißt, daß die
»Unpolitischen« zu »Erkennenden, zu bewußten Kämpfern« in
der Anti-Hitler-Koalition werden, deren Weg aus »Schmutz und
Erniedrigung des Flüchtlingsdaseins aufsteigt zum Blutopfer der
internationalen Brigaden vor Madrid«.22
Erst nach Kriegsende wird das Buch in den frühen 50er Jahren
im deutschen Sprachraum breiter rezipiert. Liebe Deinen Nächsten erscheint in der Bundesrepublik erst 953, als letzter der
bislang hier nicht veröffentlichten Romane der Exilzeit (zuvor:
Drei Kameraden, 95; Arc de Triomphe, 952),23 d. h. erst nach der
Publikation des nach 945 geschriebenen KZ-Romans Der Funke
Leben (952) und vor dem in Remarques Schaffen folgenden
Rußlandkriegsroman Zeit zu leben und Zeit zu sterben (954).
Die Kontroverse um den KZ-Roman findet noch seinen Widerhall in der Besprechung von Joachim Besser in der Welt am
Sonntag vom 26. April 953, in der er bedauernd einräumt: »Es
ist unmöglich, über Remarque einer Meinung zu sein.« Denn,
so schreibt er:
Die ganz Radikalen werden behaupten, es sei überflüssig
heute noch, im ›endlich wieder‹ national empfindenden
Bundesdeutschland, Bücher dieses Emigranten zu verlegen,
dieses Mannes mit dem französisierten Namen, der amerikanischer Staatsbürger ist… und der nicht nach Deutschland
zurückkehren will.
Aber die Qualität des Exil-Romans, so glaubt Besser, werde das
Bild zurechtrücken:
Zu diesem Buch werden nur noch die Menschen mit krassem
Vorurteil nein sagen. Alle übrigen werden anerkennen, daß es
ein gelungener Wurf ist, sehr dicht angesiedelt seinem ersten
Werk, stark in der Handlung, echt in Diktion und Stil, fern
aller Snobismen, voller gesunder Kraft und durchdrungen
448

von einer Gläubigkeit, die wir nicht immer bei Remarque
gefunden haben.
In der FAZ vom 5. August 953 lesen wir von Martin Ruppert:
Remarques Roman hat nicht den Charakter einer dokumentarischen Zeitgeschichte; aus Wirklichkeit und Illusion formt
sich ein Realismus, der auch die Bezüge zu unmittelbarer
Aktualität offenbart…
… die glückliche Verbindung von sachlich interpretierter
Wahrheit (aus eigener Erfahrung) mit der Prägnanz des Stils
gewährt auch diesem Werk einen bevorzugten Platz auf den
vorderen Rängen der deutschsprachigen Literatur.
Erst 962 erscheint der Roman in französischer Übersetzung
unter dem Titel Les Exiles und trifft auf hohes Lob und Anerkennung, dies in gleichem Maße für sein humanistisches Engagement wie für seine Darstellungsqualität.
Abschließend ein Zitat aus Vers L’Avenir vom 6. Februar 962,
das eine Gesamtwürdigung des Autors für sein humanes Engagement bis zu Les Exiles beinhaltet:
Wenn es in unserer Macht läge, Erich Maria Remarque würde
Träger des Friedensnobelpreises
– für das Aufbäumen der Menschenwürde, das er in seinem
Werk bezeugte, inmitten des totalen Ausbruchs der Leidenschaften des Nationalismus und Militarismus der Jahre
94-8
– für sein entschlossenes und hartnäckiges Eintreten, immer
wieder seit 20 Jahren zugunsten einer umhergetriebenen und
umherirrenden unsteten Menschheit.
Osnabrück, Juli 99

Tilman Westphalen

ANMERKUNGEN
1 Remarques Motto für Liebe Deinen Nächsten findet sich im
Nachlaß, der in New York lagert (Nr. R-C 1.242/014, siehe
Thomas Schneider: Erich Maria Remarque. Der Nachlaß in
der Fales Library der New York University. Ein Verzeichnis.
Osnabrück 1989). In der US-Erstausgabe unter dem Titel
Flotsam (d. i. Strandgut), in der Übersetzung von Denver
Lindley vom April 1941 (Little, Brown and Company, Boston), steht das Motto in englischer Übersetzung. Zuvor war
eine erste, zum Teil stark abweichende Fassung unter dem
gleichen Titel als Fortsetzungsroman in dem US-Magazin
Collier’s vom 8. Juli bis zum 29. September 1939 erschienen. Diese Fassung enthält das Motto ebensowenig wie die
deutschsprachige Exilausgabe unter dem Titel Liebe Deinen
Nächsten (Stockholm: Bermann-Fischer 1941) und die erst
1953 im Kurt Desch-Verlag, München, erschienene Erstausgabe für den deutschen Markt nach Kriegsende. Ebenfalls
fehlt das Motto in den folgenden deutschen Lizenz-Ausgaben (Ullstein-Taschenbuch, 1961, und Bertelsmann, 1961)
sowie auch in der Neuausgabe von Kiepenheuer & Witsch,
Köln, 1968, nach Übernahme der Buchrechte vom DeschVerlag. Hingegen findet sich das Motto in der spanischen
Ausgabe, Barcelona, 1948. Über die Publikationsgeschichte
siehe weiter Tilman Westphalen (u. a.): Erich Maria Remarque. Bibliographie. Quellen. Materialien. Dokumente. Bd. 1-2.
Osnabrück 1988, Abschnitt 1.9.
2 Näheres siehe Nachwort von T. W. in der Ausgabe von Drei
Kameraden, Köln 1991 (KiWi 239).
450

3 Schatten im Paradies, München 1974, S. 347 (Knaur Taschenbuch). Siehe auch die Nachworte von T. W. zu Die
Nacht von Lissabon (KiWi 151), Arc de Triomphe (KiWi
164).
4 Zitate aus Liebe Deinen Nächsten werden mit Seitenangabe
der vorliegenden Ausgabe nachgewiesen. Das verwendete
Zitat steht auf Seite 210. Im folgenden sind die Seitenangaben zu Liebe Deinen Nächsten der Einfachheit halber in
() im Text eingefügt.
5 Interview mit Heinz Liepmann: »So denk’ ich über Deutschland«. In: Zürcher Woche, 30.11.1962, und in: Die Welt,
1.12.1962.
6 Interview mit Jürgen von Hollander. In: Die Minute (Kulmbach), August 1952.
7 Text des Gesetzes faksimiliert in: Man kann alten Dreck
nicht vergraben, er fängt immer wieder an zu stinken.
Materialien zu einem E. M. Remarque-Projekt … Hg. von
Tilman Westphalen und Lothar Schwindt. Osnabrück 1984
(Schriftenreihe E. M. Remarque-Archiv, Bd. 2), S. 35.
8 Kopie im Remarque-Archiv Osnabrück, Nr. 11.2.2.011.
Weitere Dokumente zur NS-Verfolgung: siehe Erich Maria
Remarque. Bibliographie, Abschnitt 11.2.2. Nr. 1-18 (vgl.
Anmerkung 1)
9 In bitteren Sarkasmus spitzt Remarque die Bürgerrechts
frage schon beim ersten Wiener Gefängnisaufenthalt Kerns
zu, indem er einen Berufskriminellen auf die Frage der Mithäftlinge, warum er eingesperrt sei, antworten läßt: »Ich bin
kein windiger Flüchtling ohne Papiere. Ich bin ein anständiger Taschendieb und Falschspieler mit vollem Bürgerrecht.«
(S. 19)
10 Zuvor sagt Kern, als er von dem Exil-Experten Binder erste
451

11

12
13

14

Informationen über die Schweiz erhält: »Also das Übliche:
legal oder illegal, verhungern oder gegen die Gesetze verstoßen.« (S. 160) Später, in Paris, resümiert Kern: »Es war
in allen Ländern das gleiche. Trotzdem lebten Tausende
von Emigranten, die den Gesetzen nach längst verhungert
sein müßten.« (S. 240)
Remarque, der als Staatenloser Aufenthalts- und Lebensrecht in der Schweiz genießt, läßt seine Romanfigur Steiner
zu Kern sagen, der in die Schweiz will: »Die Schweiz ist kein
Kinderspiel.« (S. 152) Einige Seiten später gibt der schon er
wähnte Binder (Anmerkung 10) Kern einen Überblick über
die Situation in unterschiedlichen Regionen der Schweiz.
Dabei kommt Remarques Gast-Kanton ganz gut weg: »Das
Tessin ist auch nicht schlecht, aber die Städte sind zu klein.«
(S. 160) Aus den Worten, die Remarque Binder in den Mund
legt, wird auch ein gewisses Verständnis für sein Gastland
erkennbar: »Die Schweiz ist ein kleines Land und hat selbst
genug Arbeitslose.« (S. 160)
Interview mit Friedrich Luft, Sender Freies Berlin, 3. 2. 1963
(Remarque-Archiv Nr. 2.2.005).
Der amerikanische Titel wird für die englische Ausgabe
(London: Hutchinson 1941) übernommen und beeinflußt
den spanischen Titel Naúfragos (Die Schiffbrüchigen), sonst
aber setzt sich der von Remarque intendierte deutsche Titel
durch in der dänischen, italienischen, niederländischen und
serbokroatischen Ausgabe. Die französische Übersetzung
(Paris 1962) wählt weder die Titel-Metapher ›Strandgut‹
noch das Bibel-Zitat; sie setzt statt dessen eine Sachausgabe:
Les Exiles (Die Exilierten).
Vgl. den Titel von Remarques KZ-Roman Der Funke Leben
(1952). Diese Metapher findet sich mehrfach in seinen
452

15

16

17
18

19

20
21
22
23

Romanen, mit der die Gefahr des vorzeitigen Verlöschens
wie die Hoffnung des Weiterglühens als positiv erfahrenes
Leben (bis zum Aschewerden im unvermeidlichen natürlichen Tode) zum Ausdruck gebracht wird.
Im Entwurf eines Abrisses von Lebensdaten vom 18. September 1944, der im Nachlaß erhalten ist, schreibt Remarque mit Bezug auf den Panama-Paß: »without citizenship,
for travelling« (siehe Faksimile in: Thomas Schneider: Erich
Maria Remarque. Ein Chronist des 20. Jahrhunderts. Eine
Biographie in Bildern und Dokumenten. Bramsche: Rasch
1991, S. 94; Panama-Paß, S. 76).
Das erste im Nachlaß erhaltene Schweizer Ausweisdokument ist ein Certificat d’Identite, ausgestellt von der Bundesregierung in Bern, datiert 21. November 1939 (Kopie
im Remarque-Archiv, Nr. 11.1.1.013). Der erste Paß der
USA für Remarque wurde am 30. April 1948 ausgestellt
(Nr. 11.1.1.015).
Siehe Anmerkung 5.
Siehe Bericht von Margret Schulz: »Geächtet und vogelfrei.
Tagung über Ausbürgerung im Dritten Reich«, Aachener
Volkszeitung, 19. November 1986.
Siehe auch Erich Maria Remarque 1898–1970, Hg. T. Westphalen, Bramsche: Rasch 1988, insbesondere S. 17f. und
Anmerkung 17.
Dieses und die folgenden Pressezitate übersetzt vom Verf.
des Nachwortes.
Zitiert in einer Verlagsanzeige von Little, Brown & Co. in
der New York Times Book Review, 11. Mai 1941.
S. 9. Remarque-Archiv, Nr. N8.9.021/1.
Siehe Anmerkung 1.
Ende eBook: E. M. Remarque – Liebe Deinen Nächsten