Harry_Potter_und_der_Stein_der_Weisen

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HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 1 von 1

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 2 von 2 Joanne&K.&Rowling& HARRY POTTER und&der&Stein&der&Weisen Aus dem Englischen von Klaus Frit z F?r Jessica, f?r Anne und f? Di; Jessica mag Geschichten, Anne mochte sie einst, und Di h?rte diese Geschichte zuerst. Ein Junge ?berlebt.......................................................................................................2!Ein Fenster verschwindet..........................................................................................13!Briefe von niemandem...............................................................................................21!Der H?ter der Schl?ssel............................................................................................31!In der Winkelgasse.....................................................................................................41!Abreise von Gleis neundreiviertel.............................................................................59!Der Sprechende Hut...................................................................................................76!Der Meister der Zaubertr?nke..................................................................................87!Duell um Mitternacht................................................................................................95!Halloween.................................................................................................................108!Quidditch..................................................................................................................119!Der Spiegel Nerhegeb..............................................................................................128!Nicolas Flamel..........................................................................................................141!Norbert, der Norwegische Stachelbuckel................................................................149!Der verbotene Wald.................................................................................................158!Durch die Fallt?r.....................................................................................................171!Der Mann mit den zwei Gesichtern........................................................................188! Ein Junge ?berlebt Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand w?re auf die Idee gekommen, sie k?nnten sich in eine merkw?rdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben. Mr Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war gro? und bullig und hatte fast keinen Hals, daf?r aber einen sehr gro?en Schnurrbart. Mrs Dursley war d?nn und blond und besa? doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen w?re, was allerdings sehr n?tzlich war, denn so konnte sie den Hals ?ber den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hin?bersp?hen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in ihren Augen gab es nirgendwo einen pr?chtigeren Jungen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 3 von 3 Die Dursleys besa?en alles, was sie wollten, doch sie hatten auch ein Geheimnis, und dass es jemand aufdecken k?nnte, war ihre gr??te Sorge. Einfach unertr?glich w?re es, wenn die Sache mit den Potters herauskommen w?rde. Mrs Potter war die Schwester von Mrs Dursley; doch die beiden hatten sich schon seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Mrs Dursley behauptete sogar, dass sie gar keine Schwester h?tte, denn diese und deren Nichtsnutz von einem Mann waren so undursleyhaft, wie man es sich nur denken konnte. Die Dursleys schauderten beim Gedanken daran, was die Nachbarn sagen w?rden, sollten die Potters eines Tages in ihrer Stra?e aufkreuzen. Die Dursleys wussten, dass auch die Potters einen kleinen Sohn hatten, doch den hatten sie nie gesehen. Auch dieser Junge war ein guter Grund, sich von den Potters fernzuhalten; mit einem solchen Kind sollte ihr Dudley nicht in Ber?hrung kommen. Als Mr und Mrs Dursley an dem tr?ben und grauen Dienstag, an dem unsere Geschichte beginnt, die Augen aufschlugen, war an dem wolkenverhangenen Himmel drau?en kein Vorzeichen der merkw?rdigen und geheimnisvollen Dinge zu erkennen, die bald ?berall im Land geschehen sollten. Mr Dursley summte vor sich hin und suchte sich f?r die Arbeit seine langweiligste Krawatte aus, und Mrs Dursley schwatzte munter vor sich hin, w?hrend sie mit dem schreienden Dudley rangelte und ihn in seinen Hochstuhl zw?ngte. Keiner von ihnen sah den riesigen Waldkauz am Fenster vorbeifliegen. Um halb neun griff Mr Dursley nach der Aktentasche, gab seiner Frau einen Schmatz auf die Wange und versuchte es auch bei Dudley mit einem Abschiedskuss. Der ging jedoch daneben, weil Dudley gerade einen Wutanfall hatte und die W?nde mit seinem Haferbrei bewarf. ?Kleiner Schlingel?, gluckste Mr Dursley, w?hrend er nach drau?en ging. Er setzte sich in den Wagen und fuhr r?ckw?rts die Einfahrt zu Nummer 4 hinaus. An der Stra?enecke fiel ihm zum ersten Mal etwas Merkw?rdiges auf ? eine Katze, die eine Stra?enkarte studierte. Einen Moment war Mr Dursley nicht klar, was er gesehen hatte ? dann wandte er rasch den Kopf zur?ck, um noch einmal hinzuschauen. An der Einbiegung zum Ligusterweg stand eine getigerte Katze, aber eine Stra?enkarte war nicht zu sehen. Woran er nur wieder gedacht hatte! Das musste eine Sinnest?uschung gewesen sein. Mr Dursley blinzelte und starrte die Katze an. Die Katze starrte zur?ck. W?hrend Mr Dursley um die Ecke bog und die Stra?e entlangfuhr, beobachtete er die Katze im R?ckspiegel. Jetzt las sie das Schild mit dem Namen Ligusterweg ? nein, sie blickte auf das Schild. Katzen konnten weder Karten nochSchilder lesen. Mr Dursley gab sich einen kleinen Ruck und verjagte die Katze aus seinen Gedanken. W?hrend er in Richtung Stadt fuhr, hatte er nur noch den gro?en Auftrag f?r Bohrmaschinen im Sinn, der heute hoffentlich eintreffen w?rde. Doch am Stadtrand wurden die Bohrmaschinen von etwas anderem aus seinen Gedanken verdr?ngt. Er sa? im ?blichen morgendlichen Stau fest und konnte nicht umhin zu bemerken, dass offenbar eine Menge seltsam gekleideter Menschen unterwegs waren. Menschen in langen und weiten Umh?ngen. Mr Dursley konnte Leute nicht ausstehen, die sich komisch anzogen ? wie sich die jungen Leute

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 4 von 4 herausputzten! Das musste wohl irgendeine dumme neue Mode sein. Er trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und sein Blick fiel auf eine Ansammlung dieser merkw?rdigen Gestalten nicht weit von ihm. Ganz aufgeregt fl?sterten sie miteinander. Erz?rnt stellte Mr Dursley fest, dass einige von ihnen ?berhaupt nicht jung waren; nanu, dieser Mann dort musste ?lter sein als er und trug einen smaragdgr?nen Umhang! Der hatte vielleicht Nerven! Doch dann fiel Mr Dursley pl?tzlich ein, dass dies wohl eine verr?ckte Verkleidung sein musste ? die Leute sammelten offenbar f?r irgendetwas ? ja, so musste es sein. Die Autoschlange bewegte sich, und ein paar Minuten sp?ter fuhr Mr Dursley auf den Parkplatz seiner Firma, die Gedanken wieder bei den Bohrern. In seinem B?ro im neunten Stock sa? Mr Dursley immer mit dem R?cken zum Fenster. Andernfalls w?re es ihm an diesem Morgen schwergefallen, sich auf die Bohrer zu konzentrieren. Er bemerkte die Eulen nicht, die am helllichten Tage vorbeischossen, wohl aber die Leute unten auf der Stra?e; sie deuteten in die L?fte und verfolgten mit offenen M?ndern, wie eine Eule nach der andern ?ber ihre K?pfe hinwegflog. Die meisten von ihnen hatten ?berhaupt noch nie eine gesehen, nicht einmal nachts. Mr Dursley jedoch verbrachte einen ganz gew?hnlichen, eulenfreien Morgen. Er machte f?nf verschiedene Leute zur Schnecke. Er f?hrte mehrere wichtige Telefongespr?che und schrie dabei noch ein wenig lauter. Bis zur Mittagspause war er gl?nzender Laune und wollte sich nun ein wenig die Beine vertreten und beim B?cker ?ber der Stra?e einen Krapfen holen. Die Leute in der merkw?rdigen Aufmachung hatte er schon l?ngst vergessen, doch nun, auf dem Weg zum B?cker, begegnete er einigen dieser Gestalten. Im Vorbeigehen warf er ihnen zornige Blicke zu. Er wusste nicht, warum, aber sie bereiteten ihm Unbehagen. Auch dieses Pack hier tuschelte ganz aufgeregt und eine Sammelb?chse war nirgends zu sehen. Auf dem Weg zur?ck vom B?cker, eine T?te mit einem gro?en Donut in der Hand, schnappte er ein paar Worte von ihnen auf. ?Die Potters, das stimmt, das hab ich geh?rt ?? ?? ja, ihr Sohn, Harry ?? Mr Dursley blieb wie angewurzelt stehen. Angst ?berkam ihn. Er wandte sich nach den Fl?sterern um, als ob er ihnen etwas sagen wollte, besann sich dann aber eines Besseren. Hastig ?berquerte er die Stra?e, st?rmte hoch ins B?ro, fauchte seine Sekret?rin an, er wolle nicht gest?rt werden, griff nach dem Telefon und hatte schon fast die Nummer von daheim gew?hlt, als er es sich anders ?berlegte. Er legte den H?rer auf die Gabel und strich sich ?ber den Schnurrbart. Nein, dachte er, ich bin dumm. Potter war kein besonders ungew?hnlicher Name. Sicher gab es eine Menge Leute, die Potter hie?en und einen Sohn namens Harry hatten. Nun, da er dar?ber nachdachte, war er sich nicht einmal mehr sicher, ob sein Neffe wirklich Harry hie?. Er hatte den Jungen noch nicht einmal gesehen. Er konnte auch Harvey hei?en. Oder Harold. Es hatte keinen Sinn, Mrs Dursley zu beunruhigen, sie geriet immer so au?er sich, wenn man ihre Schwester auch nur erw?hnte. Er machte ihr

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 5 von 5 deswegen keinen Vorwurf ? wenn er eine solche Schwester h?tte ? Und dennoch, diese Leute in den Umh?ngen ? An diesem Nachmittag fiel es ihm um einiges schwerer, seine Gedanken auf die Bohrer zu richten, und als er das B?ro um f?nf Uhr verlie?, war er immer noch so voller Sorge, dass er beim ersten Schritt nach drau?en gleich mit jemandem zusammenprallte. ?Verzeihung?, grummelte er, als der kleine alte Mann ins Stolpern kam und beinahe hinfiel. Erst nach ein paar Sekunden bemerkte Mr Dursley, dass der Mann einen violetten Umhang trug. Dass er ihn fast umgesto?en hatte, schien ihn gar nicht weiter zu ?rgern. Im Gegenteil, auf seinem Gesicht ?ffnete sich ein breites L?cheln, und die Leute, die vorbeigingen, blickten auf, als er mit piepsiger Stimme sagte: ?Heute verzeih ich alles, mein lieber Herr, heute kann mich nichts aus der Bahn werfen! Freuen wir uns, denn Du-wei?t-schon-wer ist endlich von uns gegangen! Selbst Muggel wie Sie sollten diesen freudigen, freudigen Tag feiern!? Und der alte Mann umarmte Mr Dursley ungef?hr in Bauchh?he und ging von dannen. Mr Dursley stand da wie angewurzelt. Ein v?llig Fremder hatte ihn umarmt. Auch hatte er ihn wohl einen Muggel genannt, was immer das sein mochte. V?llig durcheinander eilte er zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Er hoffte, sich diese Dinge nur einzubilden, und das war neu f?r ihn, denn von Einbildungskraft hielt er normalerweise gar nichts. Als er in die Auffahrt von Nummer 4 einbog, fiel sein Blick als Erstes ? und das besserte seine Laune nicht gerade ? auf die getigerte Katze, die er am Morgen schon gesehen hatte. Sie sa? jetzt auf seiner Gartenmauer. Gewiss war es dieselbe Katze; sie hatte dasselbe Muster um die Augen. ?Schhhh!?, zischte Mr Dursley laut. Die Katze regte sich nicht. Sie blickte ihn nur aus ernsten Augen an. War so etwas denn normal f?r Katzen, fragte sich Mr Dursley. Er versuchte sich zusammenzurei?en und ?ffnete die Haust?r. Immer noch war er entschlossen, nichts von alledem seiner Frau zu sagen. Mrs Dursley hatte einen netten, gew?hnlichen Tag hinter sich. Beim Abendessen erz?hlte sie ihm alles ?ber Frau Nachbarins Probleme mit deren Tochter und dass Dudley ein neues Wort gelernt hatte (?pfui?). Mr Dursley versuchte sich ganz wie immer zu geben. Nachdem Dudley zu Bett gebracht worden war, ging er ins Wohnzimmer, wo er sich das Neueste in den Abendnachrichten ansah. ?Und hier noch eine Meldung. Wie die Vogelkundler im ganzen Land berichten, haben sich unsere Eulen heute sehr ungew?hnlich verhalten. Obwohl Eulen normalerweise nachts jagen und tags?ber kaum gesichtet werden, wurden diese V?gel seit Sonnenaufgang hunderte Male beobachtet, wie sie kreuz und quer ?ber das Land hinwegflogen. Die Fachleute k?nnen sich nicht erkl?ren, warum die Eulen pl?tzlich ihre Gewohnheiten ge?ndert haben.? Der Nachrichtensprecher erlaubte

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 6 von 6 sich ein Grinsen. ?Sehr mysteri?s. Und nun zu Jim McGuffin mit dem Wetter. Sind heute Abend noch weitere Eulenschauer zu erwarten, Jim?? ?Nun, Ted?, meinte der Wetteransager, ?das kann ich nicht sagen, aber es sind nicht nur die Eulen, die sich heute seltsam verhalten haben. Zuschauer aus so entfernten Gegenden wie Kent, Yorkshire und Dundee haben mich heute angerufen und berichtet, dass anstelle des Regens, den ich gestern versprochen hatte, ganze Schauer von Sternschnuppen niedergegangen sind! Vielleicht haben die Leute zu fr?h Silvester gefeiert ? das ist noch eine Weile hin, meine Damen und Herren! Aber ich kann Ihnen f?r heute eine regnerische Nacht versprechen.? Mr Dursley sa? starr wie ein Eiszapfen in seinem Sessel. Sternschnuppen ?ber ganz Gro?britannien? Eulen, die bei Tage flogen? Allerorten geheimnisvolle Leute in sonderbarer Kleidung? Und ein Tuscheln, ein Tuscheln ?ber die Potters ? Mrs Dursley kam mit zwei Tassen Tee ins Wohnzimmer. Es hatte keinen Zweck. Er musste ihr etwas sagen. Nerv?s r?usperte er sich. ?Ahm ? Petunia, Liebes ? du hast in letzter Zeit nichts von deiner Schwester geh?rt, oder?? Wie er bef?rchtet hatte, blickte ihn Mrs Dursley entsetzt und w?tend an. Schlie?lich taten sie f?r gew?hnlich so, als h?tte sie keine Schwester. ?Nein?, sagte sie scharf. ?Warum?? ?Komisches Zeug in den Nachrichten?, murmelte Mr Dursley. ?Eulen ? Sternschnuppen ? und heute waren eine Menge komisch aussehender Leute in der Stadt ?? ?Und??, fuhr ihn Mrs Dursley an. ?Nun, ich dachte nur ? vielleicht ? hat es etwas zu tun mit ? du wei?t ? ihrem Kl?ngel.? Mrs Dursley nippte mit gesch?rzten Lippen an ihrem Tee. Konnte er es wagen, ihr zu sagen, dass er den Namen ?Potter? geh?rt hatte? Nein, das konnte er nicht. Stattdessen bemerkte er so beil?ufig, wie er nur konnte: ?Ihr Sohn ? er w?re ungef?hr in Dudleys Alter, oder?? ?Ich nehme an?, sagte Mrs Dursley steif. ?Wie war noch mal sein Name? Howard, nicht wahr?? ?Harry. Ein h?sslicher, gew?hnlicher Name, wenn du mich fragst.? ?O ja?, sagte Mr Dursley und das Herz rutschte ihm in die Hose. ?Ja, da bin ich ganz deiner Meinung.? Bis es Zeit zum Schlafen war und sie nach oben gingen, verlor er kein Wort mehr dar?ber. W?hrend Mrs Dursley im Bad war, schlich sich Mr Dursley zum Schlafzimmerfenster und sp?hte hinunter in den Vorgarten. Die Katze war immer noch da. Sie starrte auf den Ligusterweg, als ob sie auf etwas wartete.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 7 von 7 Bildete er sich das alles nur ein? Konnte all dies etwas mit den Potters zu tun haben? Wenn es so war ? und wenn herausk?me, dass sie verwandt waren mit einem Paar von ? nein, das w?rde er einfach nicht ertragen k?nnen. Die Dursleys gingen zu Bett. Mrs Dursley schlief rasch ein, doch Mr Dursley lag wach und w?lzte alles noch einmal im Kopf hin und her. Bevor er einschlief, kam ihm ein letzter, tr?stender Gedanke. Selbst wenn die Potters wirklich mit dieser Geschichte zu tun hatten, gab es keinen Grund, warum sie bei ihm und Mrs Dursley auftauchen sollten. Die Potters wussten sehr wohl, was er und Petunia von ihnen und ihresgleichen hielten ? Er konnte sich nicht denken, wie er und Petunia in irgendetwas hineingeraten sollten, was dort drau?en vor sich ging ? er g?hnte und drehte sich auf die Seite ?, damit w?rden er und seine Frau jedenfalls nichts zu tun haben ? Wie sehr er sich t?uschte. Mr Dursley mochte in einen unruhigen Schlaf hin?bergeglitten sein, doch die Katze drau?en auf der Mauer zeigte keine Spur von M?digkeit. Sie sa? noch immer da wie eine Statue, die Augen, ohne zu blinzeln, auf die weiter entfernte Ecke des Ligusterwegs gerichtet. Kein H?rchen regte sich, als eine Stra?e weiter eine Autot?r zugeknallt wurde oder als zwei Eulen ?ber ihren Kopf hinwegschwirrten. In der Tat war es fast Mitternacht, als die Katze sich zum ersten Mal r?hrte. An der Ecke, die sie beobachtet hatte, erschien ein Mann, so j?h und lautlos, als w?re er geradewegs aus dem Boden gewachsen. Der Schwanz der Katze zuckte und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Einen Mann wie diesen hatte man im Ligusterweg noch nie gesehen. Er war gro?, d?nn und sehr alt, jedenfalls der silbernen Farbe seines Haares und Bartes nach zu schlie?en, die beide so lang waren, dass sie in seinem G?rtel h?tten stecken k?nnen. Er trug eine lange Robe, einen purpurroten Umhang, der den Boden streifte, und Schnallenstiefel mit hohen Hacken. Seine blauen Augen leuchteten funkelnd hinter den halbmondf?rmigen Brillengl?sern hervor, und seine Nase war sehr lang und krumm, als ob sie mindestens zweimal gebrochen w?re. Der Name dieses Mannes war Albus Dumbledore. Albus Dumbledore schien nicht zu bemerken, dass er soeben in einer Stra?e aufgetaucht war, in der alles an ihm, von seinem Namen bis zu seinen Stiefeln, keineswegs willkommen war. Gedankenverloren durchst?berte er die Taschen seines Umhangs. Doch offenbar bemerkte er, dass er beobachtet wurde, denn pl?tzlich sah er zu der Katze hin?ber, die ihn vom andern Ende der Stra?e her immer noch anstarrte. Aus irgendeinem Grunde schien ihn der Anblick der Katze zu belustigen. Er gluckste vergn?gt und murmelte: ?Ich h?tte es wissen m?ssen.? In seiner Innentasche hatte er gefunden, wonach er suchte. Es sah aus wie ein silbernes Feuerzeug. Er lie? den Deckel aufschnappen, hielt es hoch in die Luft und lie? es knipsen. Mit einem leisen ?Plop? ging eine Stra?enlaterne in der N?he aus. Er knipste noch mal ? und die n?chste Laterne flackerte und erlosch. Zw?lfmal knipste er mit dem Ausmacher, bis die einzigen Lichter, die in der ganzen Stra?e noch zu sehen waren, zwei kleine Stecknadelk?pfe in der Ferne waren, und das

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 8 von 8 waren die Augen der Katze, die ihn beobachtete. Niemand, der jetzt aus dem Fenster geschaut h?tte, auch nicht die scharf?ugige Mrs Dursley, h?tte nun irgendetwas von dem mitbekommen, was unten auf dem B?rgersteig geschah. Dumbledore lie? den Ausmacher in die Umhangtasche gleiten und machte sich auf den Weg die Stra?e entlang zu Nummer 4, wo er sich auf die Mauer neben die Katze setzte. Er sah sie nicht an, doch nach einer Weile sprach er mit ihr. ?Was f?r eine ?berraschung, Sie hier zu sehen, Professor McGonagall.? Mit einem L?cheln wandte er sich zur Seite, doch die Tigerkatze war verschwunden. Statt ihrer l?chelte er einer ziemlich ernst dreinblickenden Frau mit Brille zu, deren Gl?ser quadratisch waren wie das Muster um die Augen der Katze. Auch sie trug einen Umhang, einen smaragdgr?nen. Ihr schwarzes Haar war zu einem festen Knoten zusammengebunden. Sie sah recht verwirrt aus. ?Woher wussten Sie, dass ich es war??, fragte sie. ?Mein lieber Professor, ich habe noch nie eine Katze so steif dasitzen sehen.? ?Sie w?ren auch steif, wenn Sie den ganzen Tag auf einer Backsteinmauer gesessen h?tten?, sagte Professor McGonagall. ?Den ganzen Tag? Wo Sie doch h?tten feiern k?nnen? Ich muss auf dem Weg an mindestens einem Dutzend Feste und Partys vorbeigekommen sein.? Ver?rgert schnaubte Professor McGonagall durch die Nase. ?O ja, alle Welt feiert, sehr sch?n?, sagte sie ungeduldig. ?Man sollte meinen, sie k?nnten ein bisschen vorsichtiger sein, aber nein ? selbst die Muggel haben bemerkt, dass etwas los ist. Sie haben es in ihren Nachrichten gebracht.? Mit einem Kopfrucken deutete sie auf das dunkle Wohnzimmerfenster der Dursleys. ?Ich habe es geh?rt. Ganze Schw?rme von Eulen ? Sternschnuppen ? Nun, ganz dumm sind sie auch wieder nicht. Sie mussten einfach irgendetwas bemerken. Sternschnuppen unten in Kent ? ich wette, das war D?dalus Diggel. Der war noch nie besonders vern?nftig.? ?Sie k?nnen ihnen keinen Vorwurf machen?, sagte Dumbledore sanft. ?Elf Jahre lang haben wir herzlich wenig zu feiern gehabt.? ?Das wei? ich?, sagte Professor McGonagall gereizt. ?Aber das ist kein Grund, den Kopf zu verlieren. Die Leute sind einfach unvorsichtig, wenn sie sich am helllichten Tage drau?en auf den Stra?en herumtreiben und Ger?chte zum Besten geben. Wenigstens k?nnten sie Muggelsachen anziehen.? Dabei wandte sie sich mit scharfem Blick Dumbledore zu, als hoffte sie, er w?rde ihr etwas mitteilen. Doch er schwieg und sie fuhr fort: ?Das w?re eine sch?ne Bescherung, wenn ausgerechnet an dem Tag, da Du-wei?t-schon-wer endlich verschwindet, die Muggel alles ?ber uns herausfinden w?rden. Ich nehme an, er ist wirklich verschwunden, Dumbledore?? ?Es sieht ganz danach aus?, sagte Dumbledore. ?Wir m?ssen f?r vieles dankbar sein. M?chten Sie ein Brausebonbon??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 9 von 9 ?Ein was?? ?Ein Zitronenbrausebonbon. Eine Nascherei der Muggel, auf die ich ganz scharf bin.? ?Nein, danke?, sagte Professor McGonagall k?hl, als sei jetzt nicht der richtige Moment f?r Zitronenbrausebonbons. ?Wie ich schon sagte, selbst wenn Du-wei?t-schon-wer wirklich fort ist ?? ?Mein lieber Professor, eine vern?nftige Person wie Sie kann ihn doch sicher beim Namen nennen? Der ganze Unsinn mit ?Du-wei?t-schon-wer? ? seit elf Jahren versuche ich die Leute dazu zu bringen, ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen: Voldemort.? Professor McGonagall zuckte zur?ck, doch Dumbledore, der zwei weitere Bonbons aus der T?te fischte, schien davon keine Notiz zu nehmen. ?Es verwirrt doch nur, wenn wir dauernd ?Du-wei?t-schon-wer? sagen. Ich habe nie eingesehen, warum ich Angst davor haben sollte, Voldemorts Namen auszusprechen.? ?Das wei? ich wohl?, sagte Professor McGonagall halb aufgebracht, halb bewundernd. ?Doch Sie sind anders. Alle wissen, dass Sie der Einzige sind, den Du-wei?t- ? ahm, na gut, Voldemort f?rchtete.? ?Sie schmeicheln mir?, sagte Dumbledore leise. ?Voldemort hatte Kr?fte, die ich nie besitzen werde.? ?Nur weil Sie zu ? ja ? nobel sind, um sie einzusetzen.? ?Ein Gl?ck, dass es dunkel ist. So rot bin ich nicht mehr geworden, seit Madam Pomfrey mir gesagt hat, ihr gefielen meine neuen Ohrensch?tzer.? Professor McGonagall sah Dumbledore scharf an und sagte: ?Die Eulen sind nichts gegen die Ger?chte, die umherfliegen. Wissen Sie, was alle sagen? Warum er verschwunden ist? Was ihn endlich aufgehalten hat?? Offenbar hatte Professor McGonagall den Punkt erreicht, ?ber den sie unbedingt reden wollte, den wirklichen Grund, warum sie den ganzen Tag auf einer kalten, harten Mauer gewartet hatte, denn weder als Katze noch als Frau hatte sie Dumbledore mit einem so durchdringenden Blick festgenagelt wie jetzt. Was auch immer ?alle? sagen mochten, offensichtlich glaubte sie es nicht, bis sie es aus dem Mund von Dumbledore geh?rt hatte. Der jedoch nahm sich ein weiteres Zitronenbrausebonbon und schwieg. ?Was sie sagen?, dr?ngte sie weiter, ?ist n?mlich, dass Voldemort letzte Nacht in Godric?s Hollow auftauchte. Er war auf der Suche nach den Potters. Dem Ger?cht zufolge sind Lily und James Potter ? sie sind ? tot.? Dumbledore senkte langsam den Kopf. Professor McGonagall stockte der Atem. ?Lily und James ? Ich kann es nicht glauben ? Ich wollte es nicht glauben ? Oh, Albus ?? Dumbledore streckte die Hand aus und klopfte ihr sanft auf die Schultern. ?Ich wei? ? ich wei? ??, sagte er mit belegter Stimme.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 10 von 10 Professor McGonagall fuhr mit zitternder Stimme fort: ?Das ist nicht alles. Es hei?t, er habe versucht, Potters Sohn Harry zu t?ten. Aber ? er konnte es nicht. Er konnte diesen kleinen Jungen nicht t?ten. Keiner wei?, warum oder wie, aber es hei?t, als er Harry Potter nicht t?ten konnte, fiel Voldemorts Macht in sich zusammen ? und deshalb ist er verschwunden.? Dumbledore nickte mit d?sterer Miene. ?Ist das ? wahr??, stammelte Professor McGonagall. ?Nach all dem, was er getan hat ? nach all den Menschen, die er umgebracht hat ?, konnte er einen kleinen Jungen nicht t?ten? Das ist einfach unglaublich ? ausgerechnet das setzt ihm ein Ende ? aber wie um Himmels willen konnte Harry das ?berleben?? ?Wir k?nnen nur mutma?en?, sagte Dumbledore. ?Vielleicht werden wir es nie wissen.? Professor McGonagall zog ein Spitzentaschentuch hervor und betupfte die Augen unter der Brille. Dumbledore zog eine goldene Uhr aus der Tasche und gab ein langes Schniefen von sich. Es war eine sehr merkw?rdige Uhr. Sie hatte zw?lf Zeiger, aber keine Ziffern; stattdessen drehten sich kleine Planeten in ihrem Rund. Dumbledore jedenfalls musste diese Uhr etwas mitteilen, denn er steckte sie zur?ck in die Tasche und sagte: ?Hagrid versp?tet sich. ?brigens nehme ich an, er hat Ihnen erz?hlt, dass ich hierherkommen w?rde?? ?Ja?, sagte Professor McGonagall. ?Und ich nehme nicht an, dass Sie mir sagen werden, warum Sie ausgerechnet hier sind?? ?Ich bin gekommen, um Harry zu seiner Tante und seinem Onkel zu bringen. Sie sind die Einzigen aus der Familie, die ihm noch geblieben sind.? ?Sie meinen doch nicht ? Sie k?nnen einfach nicht die Leute meinen, die hier wohnen??, rief Professor McGonagall, sprang auf und deutete auf Nummer 4. ?Dumbledore ? das geht nicht. Ich habe sie den ganzen Tag beobachtet. Sie k?nnten keine zwei Menschen finden, die uns weniger ?hneln. Und sie haben diesen Jungen ? ich habe gesehen, wie er seine Mutter den ganzen Weg die Stra?e entlang gequ?lt und nach S??igkeiten geschrien hat. Harry Potter und hier leben?? ?Das ist der beste Platz f?r ihn?, sagte Dumbledore bestimmt. ?Onkel und Tante werden ihm alles erkl?ren k?nnen, wenn er ?lter ist. Ich habe ihnen einen Brief geschrieben.? ?Einen Brief??, wiederholte Professor McGonagall mit erlahmender Stimme und setzte sich wieder auf die Mauer. ?Wirklich, Dumbledore, glauben Sie, dass Sie all das in einem Brief erkl?ren k?nnen? Diese Leute werden ihn nie verstehen! Er wird ber?hmt werden ? eine Legende ?, es w?rde mich nicht wundern, wenn der heutige Tag in Zukunft Harry-Potter-Tag hei?t ? ganze B?cher wird man ?ber Harry schreiben ? jedes Kind in unserer Welt wird seinen Namen kennen!? ?Genau?, sagte Dumbledore und blickte sehr ernst ?ber die Halbmonde seiner Lesebrille. ?Das w?rde reichen, um jedem Jungen den Kopf zu verdrehen. Ber?hmt, bevor er gehen und sprechen kann! Ber?hmt f?r etwas, an das er sich nicht einmal

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 11 von 11 erinnern wird! Sehen Sie nicht, wie viel besser es f?r ihn w?re, wenn er weit weg von alledem aufw?chst, bis er bereit ist, es zu begreifen?? Professor McGonagall ?ffnete den Mund, ?nderte ihre Meinung, schluckte und sagte: ?Ja ? ja, Sie haben Recht, nat?rlich. Doch wie kommt der Junge hierher, Dumbledore?? Pl?tzlich musterte sie seinen Umhang, als dachte sie, er verstecke vielleicht den kleinen Harry darunter. ?Hagrid bringt ihn mit.? ?Sie halten es f?r ? klug, Hagrid etwas so Wichtiges anzuvertrauen?? ?Ich w?rde Hagrid mein Leben anvertrauen?, sagte Dumbledore. ?Ich behaupte nicht, dass sein Herz nicht am rechten Fleck ist?, grummelte Professor McGonagall, ?doch Sie k?nnen nicht so tun, als ob er besonders umsichtig w?re. Er neigt dazu ? was war das?? Ein tiefes Brummen hatte die Stille um sie her zerbrochen. Immer lauter wurde es, und sie schauten links und rechts die Stra?e hinunter, ob vielleicht ein Scheinwerfer auftauchte. Der L?rm schwoll zu einem Dr?hnen an, und als sie beide zum Himmel blickten ? da fiel ein riesiges Motorrad aus den L?ften und landete auf der Stra?e vor ihnen. Schon das Motorrad war gewaltig, doch nichts im Vergleich zu dem Mann, der breitbeinig darauf sa?. Er war fast zweimal so gro? wie ein gew?hnlicher Mann und mindestens f?nfmal so breit. Er sah einfach verboten dick aus, und so wild ? Haar und Bart verdeckten mit langen Str?hnen fast sein ganzes Gesicht, er hatte H?nde, so gro? wie M?lleimerdeckel, und in den Lederstiefeln steckten F??e wie Delphinbabys. In seinen ausladenden, muskelbepackten Armen hielt er ein B?ndel aus Leint?chern. ?Hagrid?, sagte Dumbledore mit erleichterter Stimme. ?Endlich. Und wo hast du dieses Motorrad her?? ?Hab es geborgt, Professor Dumbledore, Sir?, sagte der Riese und kletterte vorsichtig von seinem Motorrad. ?Der junge Sirius Black hat es mir geliehen. Ich hab ihn, Sir.? ?Keine Probleme?? ?Nein, Sir ? das Haus war fast zerst?rt, aber ich hab ihn gerade noch herausholen k?nnen, bevor die Muggel angeschwirrt kamen. Er ist eingeschlafen, als wir ?ber Bristol flogen.? Dumbledore und Professor McGonagall neigten ihre K?pfe ?ber das Leintuchb?ndel. Darin steckte, gerade eben zu sehen, ein kleiner Junge, fast noch ein Baby, in tiefem Schlaf. Unter einem B?schel rabenschwarzen Haares auf der Stirn konnten sie einen merkw?rdigen Schnitt erkennen, der aussah wie ein Blitz. ?Ist es das, wo ???, fl?sterte Professor McGonagall. ?Ja?, sagte Dumbledore. ?Diese Narbe wird ihm immer bleiben.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 12 von 12 ?K?nnen Sie nicht etwas dagegen tun, Dumbledore?? ?Selbst wenn ich es k?nnte, ich w?rde es nicht. Narben k?nnen recht n?tzlich sein. Ich selbst habe eine oberhalb des linken Knies und die ist ein tadelloser Plan der Londoner U-Bahn. Nun denn ? gib ihn mir, Hagrid ?, wir bringen es besser hinter uns.? Dumbledore nahm Harry in die Arme und wandte sich dem Haus der Dursleys zu. ?K?nnte ich ? k?nnte ich ihm adieu sagen, Sir??, fragte Hagrid. Er beugte seinen gro?en, struppigen Kopf ?ber Harry und gab ihm einen gewiss sehr kratzigen, barthaarigen Kuss. Dann, pl?tzlich, stie? Hagrid ein Heulen wie ein verletzter Hund aus. ?Schhhh!?, zischte Professor McGonagall, ?Sie wecken noch die Muggel auf!? ?V-v-verzeihung?, schluchzte Hagrid, zog ein gro?es, gepunktetes Taschentuch hervor und vergrub das Gesicht darin. ?Aber ich k-k-kann es einfach nicht fassen ? Lily und James tot ? und der arme kleine Harry muss jetzt bei den Muggels leben ?? ?Ja, ja, das ist alles sehr traurig, aber rei? dich zusammen, Hagrid, oder man wird uns entdecken?, fl?sterte Professor McGonagall und klopfte Hagrid behutsam auf den Arm, w?hrend Dumbledore ?ber die niedrige Gartenmauer stieg und zum Vordereingang trat. Sanft legte er Harry vor die Eingangst?r, zog einen Brief aus dem Umhang, steckte ihn zwischen Harrys Leint?cher und kehrte dann zu den beiden andern zur?ck. Eine ganze Minute lang standen die drei da und sahen auf das kleine B?ndel; Hagrids Schultern zuckten, Professor McGonagall blinzelte heftig, und das funkelnde Licht, das sonst immer aus Dumbledores Augen schien, war wohl erloschen. ?Nun?, sagte Dumbledore schlie?lich, ?das war?s ? Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Wir sollten lieber verschwinden und zu den Feiern gehen.? ?Jaow?, sagte Hagrid mit sehr dumpfer Stimme, ?ich bring am besten diese Kiste weg. Nacht, Professor McGonagall ? Professor Dumbledore, Sir.? Hagrid wischte sich mit dem Jacken?rmel die tropfnassen Augen, schwang sich auf das Motorrad und erweckte die Maschine mit einem Fu?kick zum Leben; donnernd erhob sie sich in die L?fte und verschwand in der Nacht. ?Wir werden uns bald wiedersehen, vermute ich, Professor McGonagall?, sagte Dumbledore und nickte ihr zu. Zur Antwort schn?uzte sich Professor McGonagall die Nase. Dumbledore drehte sich um und entfernte sich die Stra?e entlang. An der Ecke blieb er stehen und holte den Ausmacher hervor. Er knipste einmal und zw?lf Lichtb?lle huschten zur?ck in ihre Stra?enlaternen. Mit einem Mal leuchtete der Ligusterweg in Orange, und er konnte eine kleine Tigerkatze sehen, die am anderen Ende der Stra?e um die Ecke strich. Auf der T?rschwelle von Nummer 4 konnte er gerade noch das B?ndel aus Leint?chern erkennen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 13 von 13 ?Viel Gl?ck, Harry?, murmelte er. Er drehte sich auf dem Absatz um und mit einem Wehen seines Umhangs war er verschwunden. Eine Brise kr?uselte die sorgf?ltig geschnittenen Hecken des Ligusterwegs, der still und ordentlich dalag unter dem tintenfarbenen Himmel, und nie w?re man auf den Gedanken gekommen, dass hier etwas Unerh?rtes geschehen k?nnte. In seinen Leint?chern drehte sich Harry Potter auf die Seite, ohne aufzuwachen. Seine kleinen Finger klammerten sich an den Brief neben ihm, und er schlief weiter, nicht wissend, dass er etwas Besonderes war, nicht wissend, dass er ber?hmt war, nicht wissend, dass in ein paar Stunden, wenn Mrs Dursley die Haust?r ?ffnen w?rde, um die Milchflaschen hinauszustellen, ein Schrei ihn wecken w?rde, und auch nicht wissend, dass ihn sein Vetter Dudley in den n?chsten Wochen peinigen und piesacken w?rde ? Er konnte nicht wissen, dass in ebendiesem Moment ?berall im Land geheime Versammlungen stattfanden, Gl?ser erhoben wurden und ged?mpfte Stimmen sagten: ?Auf Harry Potter ? den Jungen, der lebt!? Ein Fenster verschwindet Fast zehn Jahre waren vergangen, seit die Dursleys eines Morgens die Haust?r ge?ffnet und auf der Schwelle ihren Neffen gefunden hatten, doch der Ligusterweg hatte sich kaum ver?ndert. Wenn die Sonne aufging, tauchte sie dieselben fein s?uberlich gepflegten Vorg?rten in ihr Licht und lie? dasselbe Messingschild mit der Nummer 4 ?ber der T?r erglimmen. Schlie?lich krochen ihre Strahlen ins Wohnzimmer. Dort sah es fast genauso aus wie in jener Nacht, als Mr Dursley im Fernsehen den unheilvollen Bericht ?ber die Eulen gesehen hatte. Nur die Fotos auf dem Kaminsims f?hrten einem vor Augen, wie viel Zeit verstrichen war. Zehn Jahre zuvor hatten dort eine Menge Bilder gestanden, auf denen etwas, das an einen gro?en rosa Strandball erinnerte, zu sehen war und Bommelh?te in verschiedenen Farben trug ? doch Dudley Dursley war nun kein Baby mehr, und jetzt zeigten die Fotos einen gro?en, blonden Jungen, mal auf seinem ersten Fahrrad, mal auf dem Rummelplatz Karussell fahrend, mal beim Computerspiel mit dem Vater und schlie?lich, wie ihn die Mutter knuddelte und k?sste. Nichts in dem Zimmer lie? ahnen, dass in diesem Haus auch noch ein anderer Junge lebte. Doch Harry Potter war immer noch da, er schlief gerade, aber nicht mehr lange. Seine Tante Petunia war schon wach und ihre schrille Stimme durchbrach die morgendliche Stille. ?Aufstehen, aber dalli!? Mit einem Schlag war Harry hellwach. Noch einmal trommelte seine Tante gegen die T?r. ?Aufstehen!?, kreischte sie. Harry h?rte, wie sie in die K?che ging und dort die Pfanne auf den Herd stellte. Er drehte sich auf den R?cken und versuchte sich an den Traum zu erinnern, den er gerade noch getr?umt hatte. Es war ein guter Traum. Ein fliegendes Motorrad war darin vorgekommen. Er hatte das merkw?rdige Gef?hl, den Traum schon einmal getr?umt zu haben.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 14 von 14 Drau?en vor der T?r stand jetzt schon wieder seine Tante. ?Bist du schon auf den Beinen??, fragte sie. ?Fast?, sagte Harry. ?Beeil dich. Ich m?chte, dass du auf den Schinken aufpasst. Und lass ihn ja nicht anbrennen, an Duddys Geburtstag muss alles tipptopp sein.? Harry st?hnte. ?Was hast du gesagt??, keifte seine Tante durch die T?r. ?Nichts, nichts ?? Dudleys Geburtstag ? wie konnte er den nur vergessen haben? Langsam kletterte Harry aus dem Bett und begann nach Socken zu suchen. Unter seinem Bett fand er ein Paar, zupfte eine Spinne davon weg und zog sie an. Harry war an Spinnen gew?hnt, weil es im Schrank unter der Treppe von Spinnen wimmelte. Und in diesem Schrank schlief Harry. Als er angezogen war, ging er den Flur entlang und betrat die K?che. Der ganze Tisch war ?ber und ?ber bedeckt mit Geburtstagsgeschenken. Offenbar hatte Dudley den neuen Computer bekommen, den er sich gew?nscht hatte, und, der Rede gar nicht wert, auch noch den zweiten Fernseher und das Rennrad. Warum Dudley eigentlich ein Rennrad haben wollte, war Harry ein R?tsel, denn Dudley war sehr dick und verabscheute Sport ? au?er nat?rlich, wenn es darum ging, andern eine reinzuhauen. Dudleys Lieblingsopfer war Harry, doch den bekam er nicht so oft zu fassen. Man sah es Harry zwar nicht an, aber er konnte sehr schnell rennen. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er in einem dunklen Schrank lebte, jedenfalls war Harry f?r sein Alter immer recht klein und d?rr gewesen. Er sah sogar noch kleiner und d?rrer aus, als er in Wirklichkeit war, denn alles, was er zum Anziehen hatte, waren die abgelegten Klamotten Dudleys, und der war etwa viermal so dick wie Harry. Harry hatte ein schmales Gesicht, knubbelige Knie, schwarzes Haar und hellgr?ne Augen. Er trug eine Brille mit runden Gl?sern, die, weil Dudley ihn auf die Nase geschlagen hatte, mit viel Klebeband zusammengehalten wurden. Das Einzige, das Harry an seinem Aussehen mochte, war eine sehr feine Narbe auf seiner Stirn, die an einen Blitz erinnerte. So weit er zur?ckdenken konnte, war sie da gewesen, und seine allererste Frage an Tante Petunia war gewesen, wie er zu dieser Narbe gekommen war. ?Durch den Autounfall, bei dem deine Eltern starben?, hatte sie gesagt. ?Und jetzt h?r auf zu fragen.? H?r auf zu fragen ? das war die erste Regel, wenn man bei den Dursleys ein ruhiges Leben fristen wollte. Onkel Vernon kam in die K?che, als Harry gerade den Schinken umdrehte. ?K?mm dir die Haare!?, bellte er als Morgengru?. Etwa einmal die Woche sp?hte Onkel Vernon ?ber seine Zeitung und rief, Harry m?sse endlich einmal zum Friseur. Harry musste ?fter beim Friseur gewesen sein

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 15 von 15 als alle Jungen seiner Klasse zusammen, doch es half nichts. Sein Haar wucherte einfach vor sich hin ? wie ein wilder Garten. Harry briet gerade Eier, als Dudley mit seiner Mutter in die K?che kam. Dudley sah Onkel Vernon auff?llig ?hnlich. Er hatte ein breites, rosa Gesicht, nicht viel Hals, kleine, w?ssrige blaue Augen und dichtes blondes Haar, das glatt auf seinem runden, fetten Kopf lag. Tante Petunia sagte oft, dass Dudley aussehe wie ein kleiner Engel ? Harry sagte oft, Dudley sehe aus wie ein Schwein mit Per?cke. Harry stellte die Teller mit Eiern und Schinken auf den Tisch, was schwierig war, denn viel Platz gab es nicht. Dudley z?hlte unterdessen seine Geschenke. Er zog eine Schnute. ?Sechsunddrei?ig?, sagte er und blickte auf zu Mutter und Vater. ?Das sind zwei weniger als letztes Jahr.? ?Liebling, du hast Tante Magdas Geschenk nicht mitgez?hlt, schau, es ist hier unter dem gro?en von Mummy und Daddy.? ?Na gut, dann eben siebenunddrei?ig?, sagte Dudley und lief rot an ? Harry, der einen gewaltigen Wutanfall nach Art von Dudley kommen sah, schlang seinen Schinken so schnell wie m?glich hinunter, f?r den Fall, dass Dudley den Tisch umkippte. Auch Tante Petunia witterte offenbar Gefahr, denn rasch sagte sie: ?Und heute, wenn wir ausgehen, kaufen wir dir noch zwei Geschenke. Was sagst du nun, Sp?tzchen?? Dudley dachte einen Augenblick nach und es sah wie Schwerstarbeit aus. Schlie?lich sagte er langsam: ?Dann habe ich achtund? achtund?? ?Neununddrei?ig, mein S??er?, sagte Tante Petunia. ?Oh.? Dudley lie? sich auf einen Stuhl plumpsen und grabschte nach einem P?ckchen. ?Von mir aus.? Onkel Vernon gluckste. ?Der kleine L?mmel will was sehen f?r sein Geld, genau wie sein Vater. Braver Junge, Dudley!? Er fuhr mit der Hand durch Dudleys Haar. In diesem Moment klingelte das Telefon, und Tante Petunia ging an den Apparat, w?hrend Harry und Onkel Vernon Dudley dabei zusahen, wie er das Rennrad, eine Videokamera, ein ferngesteuertes Modellflugzeug, sechzehn neue Computerspiele und einen Videorecorder auspackte. Gerade riss er das Papier von einer goldenen Armbanduhr, als Tante Petunia mit zornigem und besorgtem Blick vom Telefon zur?ckkam. ?Schlechte Nachrichten, Vernon?, sagte sie. ?Mrs Figg hat sich ein Bein gebrochen. Sie kann ihn nicht nehmen.? Unwirsch nickte sie mit dem Kopf in Harrys Richtung. Dudley klappte vor Schreck der Mund auf, doch Harrys Herz begann zu h?pfen. Jedes Jahr an Dudleys Geburtstag machten seine Eltern mit ihm und einem Freund

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 16 von 16 einen Ausflug, sie besuchten Abenteuerparks, gingen Hamburger essen oder ins Kino. Jedes Jahr blieb Harry bei Mrs Figg, einer verr?ckten alten Dame zwei Stra?en weiter. Harry hasste es, dorthin zu gehen. Das ganze Haus roch nach Kohl, und Mrs Figg bestand darauf, dass er sich die Fotos aller Katzen ansah, die sie je besessen hatte. ?Und nun??, sagte Tante Petunia und sah Harry so zornig an, als h?tte er pers?nlich diese Unannehmlichkeit ausgeheckt. Harry wusste, es sollte ihm eigentlich leidtun, dass sich Mrs Figg ein Bein gebrochen hatte, doch fiel ihm das nicht leicht bei dem Gedanken, sich Tibbles, Snowy, Putty und Tuffy erst wieder in einem Jahr angucken zu m?ssen. ?Wir k?nnten Magda anrufen?, schlug Onkel Vernon vor. ?Sei nicht albern, Vernon, sie hasst den Jungen.? Die Dursleys sprachen oft ?ber Harry, als ob er gar nicht da w?re ? oder vielmehr, als ob er etwas ganz Widerw?rtiges w?re, das sie nicht verstehen konnten, eine Schnecke vielleicht. ?Was ist mit Wie-hei?t-sie-noch-mal, deine Freundin ? Yvonne?? ?Macht Ferien auf Mallorca?, sagte Tante Petunia barsch. ?Ihr k?nntet mich einfach hierlassen?, schlug Harry hoffnungsvoll vor (dann konnte er zur Abwechslung mal fernsehen, was er wollte, und sich vielleicht sogar einmal ?ber Dudleys Computer hermachen). Tante Petunia schaute, als h?tte sie soeben in eine Zitrone gebissen. ?Und wenn wir zur?ckkommen, liegt das Haus in Tr?mmern??, raunzte sie. ?Ich werde das Haus schon nicht in die Luft jagen?, sagte Harry, aber sie h?rten ihm nicht zu. ?Ich denke, wir k?nnten ihn in den Zoo mitnehmen?, sagte Tante Petunia langsam, ?? und ihn im Wagen lassen ?? ?Der Wagen ist neu, kommt nicht in Frage, dass er alleine drinbleibt ?? Dudley begann laut zu weinen. Er weinte zwar nicht wirklich, seit Jahren hatte er nicht mehr wirklich geweint, aber er wusste, wenn er eine Schnute zog und jammerte, w?rde ihm seine Mutter alles geben, was er wollte. ?Mein kleiner Duddybums, weine nicht, Mami wird nicht zulassen, dass er deinen Geburtstag verdirbt.? ?Ich ? will ? nicht ? dass er ? m-m-mitkommt!?, schrie Dudley zwischen den markersch?tternden falschen Schluchzern. ?Er macht immer alles k-k-kaputt!? Durch die Arme seiner Mutter hindurch warf er Harry ein geh?ssiges Grinsen zu. In diesem Augenblick l?utete es an der T?r ? ?Ach du liebes bisschen, da sind sie!?, rief Tante Petunia hellauf entsetzt ? und schon marschierte Dudleys bester Freund, Piers Polkiss, in Begleitung seiner Mutter herein. Piers war ein magerer Junge mit einem Gesicht wie eine Ratte. Meist war es Piers, der den anderen

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 17 von 17 Kindern die Arme auf dem R?cken festhielt, w?hrend Dudley auf sie einschlug. Sofort h?rte Dudley auf mit seinem falschen Weinen. Eine halbe Stunde sp?ter sa? Harry, der sein Gl?ck noch nicht fassen konnte, zusammen mit Piers und Dudley hinten im Wagen, auf dem Weg zum ersten Zoobesuch seines Lebens. Onkel und Tante war einfach nichts Besseres eingefallen, doch bevor sie aufgebrochen waren, hatte Onkel Vernon Harry beiseitegenommen. ?Ich warne dich?, hatte er gesagt und war mit seinem gro?en purpurroten Gesicht dem Harrys ganz nahe gekommen, ?ich warne dich jetzt, Junge ? irgendwelche krummen Dinger, auch nur eine Kleinigkeit ? und du bleibst von heute bis Weihnachten im Schrank.? ?Ich mach ?berhaupt nichts?, sagte Harry, ?ehrlich ?? Doch Onkel Vernon glaubte ihm nicht. Nie glaubte ihm jemand. Das Problem war, dass oft merkw?rdige Dinge um Harry herum geschahen, und es hatte einfach keinen Zweck, den Dursleys zu sagen, dass er nichts daf?r konnte. Einmal, als Harry wieder einmal vom Friseur kam und so aussah, als sei er gar nicht dort gewesen, hatte sich Tante Petunia voll ?berdruss eine K?chenschere gegriffen und sein Haar so kurz geschnitten, dass er am Ende fast eine Glatze hatte. Nur ?ber der Stirn hatte sie noch etwas ?brig gelassen, um ?diese schreckliche Narbe zu verdecken?. Dudley hatte sich dumm und d?mlich gelacht bei diesem Anblick, und Harry machte in dieser Nacht kein Auge zu beim Gedanken, wie es ihm am n?chsten Tag in der Schule ergehen w?rde, wo sie ihn ohnehin schon wegen seiner ausgebeulten Sachen und seiner zusammengeklebten Brille h?nselten. Am n?chsten Morgen jedoch wachte er auf und fand sein Haar genauso lang vor, wie es gewesen war, bevor Tante Petunia es ihm abges?belt hatte. Daf?r hatte er eine Woche Schrank bekommen, obwohl er versucht hatte zu erkl?ren, dass er sich nicht erkl?ren konnte, wie das Haar so rasch wieder gewachsen war. Ein andermal hatte Tante Petunia versucht, ihn in einen ekligen alten Pulli von Dudley zu zw?ngen (braun mit orangeroten Bommeln). Je verzweifelter sie sich m?hte, ihn ?ber Harrys Kopf zu ziehen, desto enger schien er zu werden, bis er am Ende vielleicht noch einer Babypuppe gepasst h?tte, aber sicher nicht Harry. Tante Petunia gab sich schlie?lich mit der Erkl?rung zufrieden, er m?sse wohl beim Waschen eingelaufen sein, und zu Harrys gro?er Erleichterung bestrafte sie ihn nicht. Andererseits war er in schreckliche Schwierigkeiten geraten, weil man ihn eines Tages auf dem Dach der Schulk?che gefunden hatte. Dudleys Bande hatte ihn wie ?blich gejagt, als er auf einmal, und zwar ebenso verdutzt wie alle andern, auf dem Kamin sa?. Die Dursleys bekamen daraufhin in einem sehr w?tenden Brief von Harrys Schulleiterin zu lesen, Harry sei das Schulhaus emporgeklettert. Doch alles, was er hatte tun wollen, war (wie er Onkel Vernon durch die verschlossene T?r seines Schranks zurief), hinter die gro?en Abfalleimer drau?en vor der K?chent?r zu springen. Vielleicht, ?berlegte Harry, hatte ihn der Wind mitten im Sprung erfasst und hochgetragen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 18 von 18 Doch heute sollte nichts schiefgehen. Um den Tag blo? nicht in der Schule, seinem Schrank oder in Mrs Figgs nach Kohl riechendem Wohnzimmer verbringen zu m?ssen, nahm er sogar die Gesellschaft von Dudley und Piers in Kauf. W?hrend der Fahrt beschwerte sich Onkel Vernon bei Tante Petunia. Er beklagte sich gerne: die Leute im B?ro, Harry, der Stadtrat, Harry, die Bank und Harry waren nur einige seiner Lieblingsthemen. Heute Morgen waren es die Motorradfahrer. ?? jagen hier lang wie die Verr?ckten, diese jungen Rowdys?, klagte er, als ein Motorrad sie ?berholte. ?Ich habe von einem Motorrad getr?umt?, sagte Harry, der sich pl?tzlich wieder daran erinnerte. ?Es konnte fliegen.? Onkel Vernon knallte beinahe in den Vordermann. Er drehte sich auf seinem Sitz ganz nach hinten um, das Gesicht wie eine riesige Scheibe Rote Bete mit Schnurrbart, und schrie Harry an: ?MOTORR?DER FLIEGEN NICHT!? Dudley und Piers wieherten. ?Das wei? ich?, sagte Harry. ?Es war ja nur ein Traum.? H?tte er blo? nichts gesagt, dachte er. Wenn es etwas gab, was die Dursleys noch mehr hassten als seine Fragen, dann waren es seine Geschichten ?ber die Dinge, die sich nicht so verhielten, wie sie sollten, egal, ob es nun in einem Traum oder in einem Comic passierte ? sie glaubten offenbar, er k?nnte auf gef?hrliche Gedanken kommen. Es war ein sehr sonniger Sonnabend und im Zoo dr?ngelten sich die Familien. Die Dursleys kauften Dudley und Piers am Eingang ein paar gro?e Schoko-Eiskugeln, und weil die Frau im Eiswagen Harry mit einem L?cheln fragte, was denn der junge Mann bekomme, kauften sie ihm ein billiges Zitroneneis am Stiel. Das war auch nicht schlecht, dachte Harry und lutschte vor sich hin, w?hrend sie einem Gorilla zuschauten, der sich am Kopf kratzte und der, auch wenn er nicht blond war, Dudley erstaunlich ?hnlich sah. Es war Harrys bester Morgen seit langem. Umsichtig ging er ein St?ck hinter den Dursleys her, damit Dudley und Piers, die um die Mittagszeit anfingen sich zu langweilen, nicht wieder auf ihre Lieblingsbesch?ftigung verfielen, n?mlich Harry zu verhauen. Sie a?en im Zoorestaurant, und als Dudley einen Wutanfall bekam, weil sein Eisbecher Hawaii nicht gro? genug war, bestellte ihm Onkel Vernon einen neuen, und Harry durfte den ersten aufessen. Das war des Guten zu viel, und im Nachhinein hatte Harry das Gef?hl, er h?tte es wissen m?ssen. Nach dem Mittagessen gingen sie ins Reptilienhaus. Hier drin war es k?hl und dunkel und entlang der W?nde waren beleuchtete Sichtfenster eingelassen. Hinter dem Glas krabbelten und glitten alle Arten von Echsen und Schlangen ?ber ?ste und Steine. Dudley und Piers wollten die riesigen, giftigen Kobras und die Pythonschlangen sehen, die Menschen zerquetschen konnten. Schnell fand Dudley

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 19 von 19 die gr??te Schlange, die es hier gab. Sie h?tte sich zweimal um Onkel Vernons Wagen schlingen und ihn in einen M?lleimer quetschen k?nnen ? doch offenbar war sie dazu gerade nicht in Stimmung. Tats?chlich d?ste sie vor sich hin. Dudley hatte die Nase gegen das Fenster gepresst und starrte wie gebannt auf die gl?nzenden braunen Windungen. ?Mach, dass sie sich bewegt?, sagte er in quengelndem Ton zu seinem Vater. Onkel Vernon klopfte mit der Faust gegen das Glas, doch die Schlange r?hrte sich nicht. ?Mach?s noch einmal?, befahl Dudley. Onkel Vernon trommelte beh?nde mit den Kn?cheln auf das Glas, doch die Schlange schnarchte einfach weiter. ?Wie langweilig?, klagte Dudley und schlurfte davon. Harry trat vor die Scheibe und lie? den Blick auf der Schlange ruhen. Es h?tte ihn nicht ?berrascht, wenn auch sie vor Langeweile gestorben w?re ? keine Gesellschaft au?er doofen Leuten, die mit den Fingern gegen das Glas trommelten und sie den ganzen Tag lang st?rten. Das war schlimmer, als einen Schrank als Zimmer zu haben, wo der einzige Besucher Tante Petunia war, die an die T?r h?mmerte, um einen aufzuwecken. Doch zumindest bekam er den Rest des Hauses zu sehen. Die Schlange ?ffnete pl?tzlich ihre kleinen Perlaugen. Langsam, ganz allm?hlich, hob sie den Kopf, bis ihre Augen auf einer H?he mit denen Harrys waren. Sie zwinkerte. Harry starrte sie an. Rasch blickte er ?ber die Schulter, ob jemand zusah. Niemand. Er drehte sich wieder zu der Schlange um und zwinkerte zur?ck. Die Schlange stie? mit dem Kopf in Richtung Onkel Vernon und Dudley und rollte die Augen nach oben. Sie sah Harry mit einem Blick an, der eindeutig sagte: ?So was muss ich den ganzen Tag ertragen.? ?Ich wei??, murmelte Harry durch das Glas, wenn er auch nicht sicher war, ob die Schlange ihn h?ren konnte. ?Das muss dich wirklich auf die Palme bringen.? Die Schlange nickte lebhaft. ?Woher kommst du eigentlich??, fragte Harry. Die Schlange stie? mit ihrem Schwanz gegen ein kleines Schild nahe dem Fenster. Harry sp?hte auf die Inschrift. Boa constrictor, Brasilien. ?War es sch?n dort?? Wieder stie? die Schlange mit dem Schwanz gegen das Schild und Harry las weiter: Dieses Exemplar wurde im Zoo ausgebr?tet. ?Oh, ich verstehe, du warst nie in Brasilien?? Die Schlange sch?ttelte den Kopf, und pl?tzlich erschallte hinter Harry ein ohrenbet?ubendes Rufen, das sie beide zusammenzucken lie?: ?DUDLEY! MR

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 20 von 20 DURSLEY! KOMMT UND SEHT EUCH DIESE SCHLANGE AN!DAS GLAUBT IHR NICHT, WAS DIE TUT!? Dudley kam, so schnell er konnte, auf sie zugewatschelt. ?Aus dem Weg, Mann?, sagte er und stie? Harry in die Rippen. Harry, von dem Schlag ganz ?berrascht, fiel hart auf den Betonboden. Was nun kam, passierte so schnell, dass niemand sah, wie es geschah: Einen Moment lang dr?ckten sich Piers und Dudley ganz dicht gegen das Glas und im n?chsten Moment sprangen sie unter Schreckgeheule zur?ck. Harry setzte sich auf und nun stockte ihm der Atem. Die Glasscheibe am Terrarium der Boa constrictor war verschwunden. Die gro?e Schlange entrollte sich im Nu und schl?ngelte sich heraus auf den Boden. ? Im ganzen Reptilienhaus schrien die Menschen und rannten zu den Ausg?ngen. Als die Schlange an Harry vorbeiglitt, h?tte er schw?ren k?nnen, dass eine leise, zischelnde Stimme sagte: ?Brasilien, ich komme ? tsch?sss, Amigo.? Der Obertierpfleger des Reptilienhauses stand unter Schock. ?Aber das Glas?, murmelte er st?ndig vor sich hin, ?was ist aus dem Glas geworden?? Der Zoodirektor pers?nlich br?hte Tante Petunia eine Tasse starken, s??en Tee und ?berschlug sich mit seinen Entschuldigungen. Piers und Dudley schnatterten nur noch. Soweit Harry es gesehen hatte, hatte die Schlange nichts getan, au?er im Vorbeigleiten spielerisch gegen ihre Fersen zu schlenzen, doch als sie alle wieder in Onkel Vernons Wagen sa?en, erz?hlte ihnen Dudley, die Schlange h?tte ihm fast das Bein abgebissen, w?hrend Piers schwor, sie h?tte versucht, ihn totzuquetschen. Doch am schlimmsten f?r Harry war, dass Piers, als er sich ein wenig beruhigt hatte, sagte: ?Harry hat mit ihr gesprochen, nicht wahr, Harry?? Onkel Vernon wartete, bis Piers endg?ltig aus dem Haus war, bevor er sich Harry vorkn?pfte. Er war so w?tend, dass er kaum ein Wort hervorbrachte. ?Geh ? Schrank ? bleib ? kein Essen?, konnte er gerade noch herausw?rgen, bevor er auf einem Stuhl zusammensackte und Tante Petunia ihm schleunigst einen gro?en Cognac bringen musste. Harry lag noch lange wach in seinem dunklen Schrank. H?tte er doch nur eine Uhr. Er wusste nicht, wie sp?t es war, und er war sich nicht sicher, ob die Dursleys schon schliefen. Bis es so weit war, konnte er es nicht riskieren, in die K?che zu schleichen und sich etwas zu essen zu holen. Fast zehn Jahre lebte er nun bei den Dursleys, solange er sich erinnern konnte, und es waren zehn elende Jahre gewesen. Schon als Baby war er zu ihnen gekommen, denn seine Eltern waren bei einem Autounfall gestorben. Er konnte sich nicht erinnern, in diesem Auto gewesen zu sein, als der Unfall passierte. Manchmal, wenn er sich w?hrend der langen Stunden im Schrank ganz angestrengt zu erinnern suchte, tauchte ein unheimliches Bild vor seinen Augen auf: ein blendend heller Blitz aus gr?nem Licht und ein brennender Schmerz auf seiner Stirn. Das musste der Unfall gewesen sein, obwohl er sich nicht erkl?ren konnte, wo all das gr?ne

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 21 von 21 Licht herkam. Er konnte sich ?berhaupt nicht an seine Eltern erinnern. Onkel und Tante sprachen nie ?ber sie, und nat?rlich war es ihm verboten, Fragen zu stellen. Im Haus gab es auch keine Fotos von ihnen. Als Harry noch j?nger gewesen war, hatte er immer und immer wieder von einem unbekannten Verwandten getr?umt, der kommen und ihn mitnehmen w?rde, aber das war nie Wirklichkeit geworden; die Dursleys waren alles, was er noch an Familie hatte. Doch manchmal hatte er den Eindruck (oder vielleicht die Hoffnung), dass Unbekannte auf der Stra?e ihn zu kennen schienen. Sehr merkw?rdige Unbekannte waren das ?brigens. Einmal, als er mit Tante Petunia und Dudley beim Einkaufen war, hatte sich ein kleiner Mann mit einem violetten Zylinder vor ihm verneigt. Tante Petunia fragte Harry ganz entsetzt, ob er den Mann kenne, und schubste ihn und Dudley hastig aus dem Laden, ohne etwas zu kaufen. Ein andermal hatte ihm eine wild aussehende, ganz in Gr?n gekleidete alte Frau im Bus fr?hlich zugewinkt. Und ein glatzk?pfiger Mann mit einem sehr langen, purpurnen Umhang hatte ihm doch tats?chlich mitten auf der Stra?e die Hand gesch?ttelt und war dann, ohne ein Wort zu sagen, weitergegangen. Das Seltsamste an all diesen Leuten war, dass sie zu verschwinden schienen, wenn Harry versuchte sie genauer anzusehen. In der Schule hatte Harry niemanden. Jeder wusste, dass Dudleys Bande diesen komischen Harry Potter mit seinen ausgebeulten alten Klamotten und seiner zerbrochenen Brille nicht ausstehen konnte, und niemand mochte Dudleys Bande in die Quere kommen. Briefe von niemandem Die Flucht der brasilianischen Boa constrictor hatte Harry die bisher l?ngste Strafe eingebracht. Als er den Schrank wieder verlassen durfte, hatten die Sommerferien begonnen. Dudley hatte seine neue Videokamera schon l?ngst zertr?mmert und sein ferngesteuertes Flugzeug zu Bruch geflogen. Bei seiner ersten Fahrt mit dem Rennrad hatte er die alte Mrs Figg, die gerade, auf ihre Kr?cken gest?tzt, den Ligusterweg ?berquerte, ?ber den Haufen geradelt. Harry war froh, dass die Schule zu Ende war, doch Dudleys Bande, die das Haus Tag f?r Tag heimsuchte, konnte er nicht entkommen. Piers, Dennis, Malcolm und Gordon waren allesamt gro? und dumm, doch weil Dudley der Gr??te und D?mmste von allen war, war er ihr Anf?hrer. Die andern schlossen sich mit ausgesprochenem Vergn?gen Dudleys Lieblingssport an: Harry jagen. Deshalb verbrachte Harry m?glichst viel Zeit au?er Haus und wanderte durch die Stra?en. Das baldige Ende der Ferien war ein kleiner Hoffnungsschimmer. Im September w?rde er auf die h?here Schule kommen und zum ersten Mal im Leben nicht mehr mit Dudley zusammen sein. Dudley hatte einen Platz an Onkel Vernons alter Schule, Smeltings. Auch Piers Polkiss ging dorthin. Harry dagegen kam in die Stonewall High School, die Gesamtschule in der Nachbarschaft. Dudley fand das sehr lustig.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 22 von 22 ?In Stonewall stecken sie den Neuen am ersten Tag den Kopf ins Klo?, er?ffnete er Harry. ?Willst du mit hochkommen und schon mal ?ben?? ?Nein, danke?, sagte Harry. ?Das arme Klo hat noch nie etwas so F?rchterliches wie deinen Kopf geschluckt ? vielleicht wird ihm schlecht davon.? Dann rannte er los, bevor sich Dudley einen Reim darauf machen konnte. Eines Tages im Juli nahm Tante Petunia Dudley mit nach London, um dort die Schuluniform f?r Smeltings zu kaufen, und lie? Harry bei Mrs Figg zur?ck. Mrs Figg war nicht mehr so ?bel wie fr?her. Harry erfuhr, dass sie sich den Fu? gebrochen hatte, als sie ?ber eine ihrer Katzen gestolpert war, und inzwischen schien sie von ihnen nicht mehr ganz so begeistert zu sein. Sie lie? Harry fernsehen und reichte ihm ein St?ck Schokoladenkuchen, der schmeckte, als h?tte sie ihn schon etliche Jahre aufbewahrt. An diesem Abend stolzierte Dudley in seiner neuen Uniform unter den Augen der Eltern im Wohnzimmer umher. Die Jungen in Smeltings trugen kastanienbraune Fr?cke, orangefarbene Knickerbocker-Hosen und flache Strohh?te, die sie ?Kreiss?gen? nannten. Au?erdem hatten sie knorrige Holzst?cke, mit denen sie sich, wenn die Lehrer nicht hinsahen, gegenseitig Hiebe versetzten. Das galt als gute ?bung f?rs sp?tere Leben. Onkel Vernon musterte Dudley in den neuen Knickerbockern und grummelte etwas vom stolzesten Augenblick seines Lebens. Tante Petunia brach in Tr?nen aus und sagte, sie k?nne es einfach nicht fassen, dass dies ihr s??er kleiner Dudleyspatz sei, so h?bsch und erwachsen, wie er aussehe. Harry wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Wom?glich hatte er sich schon zwei Rippen angeknackst vor lauter Anstrengung, nicht loszulachen. Am n?chsten Morgen, als Harry zum Fr?hst?ck in die K?che kam, schlug ihm ein f?rchterlicher Gestank entgegen. Offenbar kam er von einer gro?en Emailwanne in der Sp?le. Er trat n?her, um sich die Sache anzusehen. In dem grauen Wasser der Sch?ssel schwamm etwas, das aussah wie ein B?ndel schmutziger Lumpen. ?Was ist das denn??, fragte er Tante Petunia. Sie kniff die Lippen zusammen, wie immer, wenn er eine Frage zu stellen wagte. ?Deine neue Schuluniform?, sagte sie. Harry warf noch einen Blick in die Sch?ssel. ?Aha?, sagte er, ?ich wusste nicht, dass sie so nass sein muss.? ?Stell dich nicht so dumm an?, keifte Tante Petunia. ?Ich f?rbe ein paar alte Sachen grau f?r dich. Die sehen dann genauso aus wie die der andern.? Das bezweifelte Harry ernsthaft, er hielt es aber f?r besser, ihr nicht zu widersprechen. Er setzte sich an den Tisch und versuchte nicht daran zu denken, wie er an seinem ersten Schultag in der Stonewall High aussehen w?rde ? vermutlich wie einer, der ein paar Fetzen alter Elefantenhaut trug. Dudley und Onkel Vernon kamen herein und beide hielten sich beim Gestank von Harrys neuer Uniform die Nase zu. Onkel Vernon schlug wie immer seine Zeitung

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 23 von 23 auf, und Dudley knallte seinen Smelting-Stock, den er immer bei sich trug, auf den Tisch. Die Klappe des Briefschlitzes quietschte und die Post klatschte auf die T?rmatte. ?Hol die Post, Dudley?, sagte Onkel Vernon hinter seiner Zeitung hervor. ?Soll doch Harry sie holen.? ?Hol die Post, Harry.? ?Soll doch Dudley sie holen.? ?Knuff ihn mal mit deinem Smelting-Stock, Dudley.? Harry wich dem Stock aus und ging hinaus, um die Post zu holen. Dreierlei lag auf der T?rmatte: eine Postkarte von Onkel Vernons Schwester Magda, die Ferien auf der Isle of Wight machte, ein brauner Umschlag, der wohl eine Rechnung enthielt, und ? ein Brief f?r Harry. Harry hob ihn auf und starrte auf den Umschlag. Sein Herz schwirrte wie ein riesiges Gummiband. Niemand hatte ihm je in seinem ganzen Leben einen Brief geschrieben. Wer konnte es sein? Er hatte keine Freunde, keine anderen Verwandten ? er war nicht in der B?cherei angemeldet und hatte deshalb auch nie unh?fliche Aufforderungen erhalten, B?cher zur?ckzubringen. Doch hier war er, ein Brief, so klar adressiert, dass ein Fehler ausgeschlossen war: Mr H. Potter Im Schrank unter der Treppe Ligusterweg 4 Little Whinging Surrey Dick und schwer war der Umschlag, aus gelblichem Pergament, und die Adresse war mit smaragdgr?ner Tinte geschrieben. Eine Briefmarke war nicht draufgeklebt. Mit zitternder Hand drehte Harry den Brief um und sah ein purpurnes Siegel aus Wachs, auf das ein Wappenschild eingepr?gt war: ein L?we, ein Adler, ein Dachs und eine Schlange, die einen Kreis um den Buchstaben ?H? schlossen. ?Beeil dich, Junge!?, rief Onkel Vernon aus der K?che. ?Was machst du da drau?en eigentlich, Briefbombenkontrolle?? Er gluckste ?ber seinen eigenen Scherz. Harry kam in die K?che zur?ck, den Blick unverwandt auf den Brief gerichtet. Er reichte Onkel Vernon die Rechnung und die Postkarte, setzte sich und begann langsam den gelben Umschlag zu ?ffnen. Onkel Vernon riss den Brief mit der Rechnung auf, schnaubte vor Abscheu und ?berflog die Postkarte. ?Magda ist krank?, teilte er Tante Petunia mit. ?Hat eine faule Wellhornschnecke gegessen ?? ?Dad!?, sagte Dudley pl?tzlich. ?Dad, Harry hat etwas!?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 24 von 24 Harry war gerade dabei, den Brief zu entfalten, der aus demselben schweren Pergament bestand wie der Umschlag, als Onkel Vernon ihm das Blatt aus der Hand riss. ?Das ist f?r mich!?, rief Harry und versuchte Onkel Vernon den Brief wegzuschnappen. ?Wer sollte dir denn schreiben??, h?hnte Onkel Vernon, sch?ttelte das zusammengefaltete Blatt mit einer Hand auseinander und begann zu lesen. Sein Gesicht wechselte schneller von Rot zu Gr?n als eine Verkehrsampel. Und es blieb nicht bei Gr?n. Nach ein paar Sekunden war es gr?ulich-wei? wie alter Haferschleim. ?P-P-Petunia!?, stie? er keuchend hervor. Dudley grabschte nach dem Brief, um ihn zu lesen, aber Onkel Vernon hielt ihn hoch, so dass er ihn nicht zu fassen bekam. Tante Petunia nahm ihn neugierig in die Hand und las die erste Zeile. Einen Moment lang sah es so aus, als w?rde sie in Ohnmacht fallen. Sie griff sich an den Hals und gab ein w?rgendes Ger?usch von sich. ?Vernon! Ach du lieber Gott ? Vernon!? Sie starrten einander an, als h?tten sie vergessen, dass Harry und Dudley immer noch in der K?che waren. Dudley war es nicht gewohnt, ignoriert zu werden. Mit dem Smelting-Stock versetzte er seinem Vater einen kurzen schmerzhaften Hieb auf den Kopf. ?Ich will diesen Brief lesen?, sagte er laut. ?Ich will ihn lesen?, sagte Harry w?tend, ?es ist n?mlich meiner.? ?Raus hier, beide?, kr?chzte Onkel Vernon und stopfte den Brief in den Umschlag zur?ck. Harry r?hrte sich nicht vom Fleck. ?ICH WILL MEINEN BRIEF!?, rief er. ?Lass mich sehen!?, verlangte Dudley. ?RAUS!?, br?llte Onkel Vernon, packte Harry und Dudley am Genick, warf sie hinaus in den Flur und knallte die K?chent?r hinter ihnen zu. Prompt lieferten sich Harry und Dudley einen erbitterten, aber stummen Kampf darum, wer am Schl?sselloch lauschen durfte. Dudley gewann, und so legte sich Harry, die Brille von einem Ohr herabh?ngend, flach auf den Bauch und lauschte an dem Spalt zwischen T?r und Fu?boden. ?Vernon?, sagte Tante Petunia mit zitternder Stimme, ?schau dir die Adresse an ? wie k?nnen sie denn nur wissen, wo er schl?ft? Sie beobachten doch nicht etwa unser Haus?? ?Beobachten ? spionieren ? vielleicht folgen sie uns?, murmelte Onkel Vernon verwirrt.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 25 von 25 ?Aber was sollen wir tun, Vernon? Sollen wir vielleicht antworten? Ihnen sagen, wir wollen nicht ?? Harry konnte Onkel Vernons gl?nzende schwarze Schuhe die K?che auf und ab schreiten sehen. ?Nein?, sagte er endlich. ?Nein, wir tun so, als ob nichts w?re. Wenn sie keine Antwort bekommen ? Ja, das ist das Beste ? Wir tun gar nichts ?? ?Aber ?? ?Ich will keinen davon im Haus haben, Petunia! Als wir ihn aufnahmen, haben wir uns da nicht geschworen, diesen gef?hrlichen Unsinn auszumerzen?? Als Onkel Vernon an diesem Abend vom B?ro zur?ckkam, tat er etwas, was er nie zuvor getan hatte: Er besuchte Harry in seinem Schrank. ?Wo ist mein Brief??, sagte Harry, kaum hatte sich Onkel Vernon durch die T?r gezw?ngt. ?Wer schreibt an mich?? ?Niemand. Er war nur versehentlich an dich adressiert?, sagte Onkel Vernon kurz angebunden. ?Ich habe ihn verbrannt.? ?Es war kein Versehen?, rief Harry zornig, ?mein Schrank stand drauf.? ?RUHE!?, schrie Onkel Vernon und ein paar Spinnen fielen von der Decke. Er holte ein paar Mal tief Luft und zwang dann sein Gesicht zu einem recht schmerzhaft wirkenden L?cheln. ?Ahm ? ja, Harry ? wegen dieses Schranks hier. Deine Tante und ich haben dar?ber nachgedacht ? Du wirst allm?hlich wirklich etwas zu gro? daf?r ? Wir meinen, es w?re doch nett, wenn du in Dudleys zweites Schlafzimmer ziehen w?rdest.? ?Warum??, sagte Harry. ?Keine dummen Fragen!?, fuhr ihn der Onkel an. ?Bring dieses Zeug nach oben, aber sofort.? Das Haus der Dursleys hatte vier Schlafzimmer: eines f?r Onkel Vernon und Tante Petunia, eines f?r Besucher (meist Onkel Vernons Schwester Magda), eines, in dem Dudley schlief, und eines, in dem Dudley all seine Spielsachen und die Dinge aufbewahrte, die nicht mehr in sein erstes Schlafzimmer passten. Harry musste nur einmal nach oben gehen und schon hatte er all seine Sachen aus dem Schrank in das neue Zimmer gebracht. Er setzte sich aufs Bett und lie? den Blick kreisen. Fast alles hier drin war kaputt. Die einen Monat alte Videokamera lag auf einem kleinen, noch funktionierenden Panzer, den Dudley einmal ?ber den Hund der Nachbarn gefahren hatte. In der Ecke stand Dudleys erster Fernseher. Als seine Lieblingssendung abgesetzt wurde, hatte er den Fu? durch den Bildschirm gerammt. Auch ein gro?er Vogelk?fig stand da, in dem einmal ein Papagei gelebt hatte, den Dudley in der Schule gegen ein echtes Luftgewehr getauscht hatte. Es lag mit durchgebogenem Lauf auf einem Regal, denn Dudley hatte sich darauf niedergelassen. Andere Regale

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 26 von 26 standen voller B?cher. Das waren die einzigen Dinge in dem Zimmer, die aussahen, als w?ren sie nie anger?hrt worden. Von unten war Dudley zu h?ren, wie er seine Mutter anbr?llte. ?Ich will ihn nicht da drin haben ? Ichbrauche dieses Zimmer ? Er soll wieder ausziehen ?? Harry seufzte und streckte sich auf dem Bett aus. Gestern noch h?tte er alles darum gegeben, hier oben zu sein. Heute w?re er lieber wieder in seinem Schrank mit dem Brief in der Hand statt hier oben ohne ihn. Am n?chsten Morgen beim Fr?hst?ck waren alle recht schweigsam. Dudley stand unter Schock. Er hatte geschrien, seinen Vater mit dem Smelting-Stock geschlagen, sich absichtlich ?bergeben, seine Mutter getreten und seine Schildkr?te durch das Dach des Gew?chshauses geworfen, aber sein Zimmer hatte er trotzdem nicht zur?ckbekommen. Harry dachte dar?ber nach, was gestern beim Fr?hst?ck geschehen war. H?tte er den Brief doch nur schon im Flur ge?ffnet, dachte er voll Bitterkeit. Onkel Vernon und Tante Petunia sahen sich unabl?ssig mit d?sterer Miene an. Die Post kam, und Onkel Vernon, der offenbar versuchte nett zu Harry zu sein, lie? Dudley aufstehen und sie holen. Sie konnten ihn h?ren, wie er den ganzen Flur entlang mit seinem Smelting-Stock mal hierhin, mal dorthin schlug. Dann rief er: ?Da ist schon wieder einer! Mr H. Potter, Das kleinste Schlafzimmer, Ligusterweg 4 ?? Mit einem erstickten Schrei sprang Onkel Vernon von seinem Stuhl hoch und rannte den Flur entlang, Harry dicht hinter ihm ? Onkel Vernon musste Dudley zu Boden ringen, um ihm den Brief zu entwinden, was schwierig war, weil Harry Onkel Vernon von hinten um den Hals gepackt hatte. Nach einem kurzen Gerangel, bei dem jeder ein paar saftige Schl?ge mit dem Smelting-Stock einstecken musste, richtete sich Onkel Vernon nach Luft ringend auf und hielt Harrys Brief in der Hand. ?Verschwinde in deinen Schrank ? ich meine, dein Zimmer?, japste er Harry zu. ?Dudley ? geh ? ich bitte dich, geh.? Oben in seinem neuen Zimmer ging Harry auf und ab, auf und ab. Jemand wusste, dass er aus dem Schrank ausgezogen war, und offenbar auch, dass er den ersten Brief nicht erhalten hatte. Das bedeutete doch gewiss, dass sie es wieder versuchen w?rden? Und das n?chste Mal w?rde er daf?r sorgen, dass es klappte. Er hatte einen Plan ausgeheckt. Um sechs Uhr am n?chsten Morgen klingelte der reparierte Wecker. Harry brachte ihn rasch zum Verstummen und zog sich leise an. Er durfte die Dursleys nicht aufwecken. Ohne Licht zu machen, stahl er sich die Treppe hinunter. Er w?rde an der Ecke des Ligusterwegs auf den Postboten warten und sich die Briefe f?r Nummer 4 gleich geben lassen. Mit laut pochendem Herzen stahl er sich durch den dunklen Flur zur Haust?r ? ?AAAAAUUUUUH!?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 27 von 27 Harry machte einen Sprung in die Luft ? er war auf etwas Gro?es und Matschiges getreten, das auf der T?rmatte lag ? etwas Lebendiges! Im ersten Stock gingen Lichter an, und mit einem furchtbaren Schreck wurde Harry klar, dass das gro?e matschige Etwas das Gesicht seines Onkels war. Onkel Vernon hatte in einem Schlafsack vor der T?r gelegen, und zwar genau deshalb, um Harry daran zu hindern, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Er schrie Harry etwa eine halbe Stunde lang an und befahl ihm dann, Tee zu kochen. Niedergeschlagen schlurfte Harry in die K?che, und als er zur?ckkam, war die Post schon eingeworfen worden, mitten auf den Scho? von Onkel Vernon. Harry konnte drei mit gr?ner Tinte beschriftete Briefe erkennen. ?Ich will ??, begann er, doch Onkel Vernon zerriss die Briefe vor seinen Augen in kleine Fetzen. An diesem Tag ging Onkel Vernon nicht zur Arbeit. Er blieb zu Hause und nagelte den Briefschlitz zu. ?Wei?t du?, erkl?rte er Tante Petunia mit dem Mund voller N?gel, ?wenn sie die Briefe nicht zustellen k?nnen, werden sie es einfach bleiben lassen.? ?Ich bin mir nicht sicher, ob das klappt, Vernon.? ?Oh, diese Leute haben eine ganz merkw?rdige Art zu denken, Petunia, sie sind nicht wie du und ich?, sagte Onkel Vernon und versuchte einen Nagel mit dem St?ck Obstkuchen einzuschlagen, den ihm Tante Petunia soeben gebracht hatte. Am Freitag kamen nicht weniger als zw?lf Briefe f?r Harry. Da sie nicht in den Briefschlitz gingen, waren sie unter der T?r durchgeschoben, zwischen T?r und Rahmen geklemmt oder durch das kleine Fenster der Toilette im Erdgeschoss gezw?ngt worden. Wieder blieb Onkel Vernon zu Hause. Nachdem er alle Briefe verbrannt hatte, holte er sich Hammer, N?gel und Leisten und nagelte die Spalten an Vorder- und Hintert?r zu, so dass niemand hinausgehen konnte. Beim Arbeiten summte er ?Bi-Ba-Butzemann? und zuckte beim kleinsten Ger?usch zusammen. Am Sonnabend gerieten die Dinge au?er Kontrolle. Vierundzwanzig Briefe f?r Harry fanden den Weg ins Haus, zusammengerollt im Innern der zwei Dutzend Eier versteckt, die der v?llig verdatterte Milchmann Tante Petunia durch das Wohnzimmerfenster hineingereicht hatte. W?hrend Onkel Vernon w?tend beim Postamt und bei der Molkerei anrief und versuchte jemanden aufzutreiben, bei dem er sich beschweren konnte, zerschnitzelte Tante Petunia die Briefe in ihrem K?chenmixer. ?Wer zum Teufel will so dringend mit dir sprechen??, fragte Dudley Harry ganz verdutzt. Als sich Onkel Vernon am Sonntagmorgen an den Fr?hst?ckstisch setzte, sah er m?de und ziemlich ersch?pft, aber gl?cklich aus.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 28 von 28 ?Keine Post an Sonntagen?, gemahnte er sie fr?hlich, w?hrend er seine Zeitung mit Marmelade bestrich, ?keine verfluchten Briefe heute ?? W?hrend er sprach, kam etwas pfeifend den K?chenkamin heruntergesaust und knallte gegen seinen Hinterkopf. Einen Augenblick sp?ter kamen drei?ig oder vierzig Briefe wie Kugeln aus dem Kamin geschossen. Die Dursleys gingen in Deckung, doch Harry h?pfte in der K?che umher und versuchte einen Brief zu fangen. ?Raus! RAUS!? Onkel Vernon packte Harry um die H?fte und warf ihn hinaus in den Flur. Als Tante Petunia und Dudley mit den Armen ?ber dem Gesicht hinausgerannt waren, knallte Onkel Vernon die T?r zu. Sie konnten die Briefe immer noch in die K?che rauschen und gegen die W?nde und den Fu?boden klatschen h?ren. ?Das reicht?, sagte Onkel Vernon. Er versuchte ruhig zu sprechen, zog jedoch gleichzeitig gro?e Haarb?schel aus seinem Schnurrbart. ?Ich m?chte, dass ihr euch alle in f?nf Minuten hier einfindet, bereit zur Abreise. Wir gehen. Packt ein paar Sachen ein. Und keine Widerrede!? Mit nur einem halben Schnurrbart sah er so gef?hrlich aus, dass niemand ein Wort zu sagen wagte. Zehn Minuten sp?ter hatten sie sich durch die brettervernagelten T?ren gezw?ngt, sa?en im Wagen und sausten in Richtung Autobahn davon. Auf dem R?cksitz wimmerte Dudley vor sich hin; sein Vater hatte ihm links und rechts eine geknallt, weil er sie aufgehalten hatte mit dem Versuch, seinen Fernseher, den Videorecorder und den Computer in seine Sporttasche zu packen. Sie fuhren. Und sie fuhren. Selbst Tante Petunia wagte nicht zu fragen, wo sie denn hinfuhren. Hin und wieder machte Onkel Vernon scharf kehrt und fuhr dann eine Weile in die entgegengesetzte Richtung. ?Sch?ttel sie ab ? sch?ttel sie ab?, murmelte er immer dann, wenn er umkehrte. Den ganzen Tag ?ber hielten sie nicht einmal an, um etwas zu essen oder zu trinken. Als die Nacht hereinbrach, war Dudley am Br?llen. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie einen so schlechten Tag gehabt. Er war hungrig, er hatte f?nf seiner Lieblingssendungen im Fernsehen verpasst, und er hatte noch nie so lange Zeit verbracht, ohne am Computer einen Au?erirdischen in die Luft zu jagen. Endlich machte Onkel Vernon vor einem d?ster aussehenden Hotel am Rande einer gro?en Stadt Halt. Dudley und Harry teilten sich ein Zimmer mit Doppelbett und feuchten, modrigen Decken. Dudley schnarchte, aber Harry blieb wach. Er sa? auf der Fensterbank, blickte hinunter auf die Lichter der vorbeifahrenden Autos und dachte lange nach ? Am n?chsten Morgen fr?hst?ckten sie muffige Cornflakes und kalte Dosentomaten auf Toast. Kaum waren sie fertig, trat die Besitzerin des Hotels an ihren Tisch.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 29 von 29 ?Verzeihn Sie, aber ist einer von Ihnen Mr H. Potter? Es ist nur ? ich hab ungef?hr hundert von diesen Dingern am Empfangsschalter.? Sie hielt einen Brief hoch, so dass sie die mit gr?ner Tinte geschriebene Adresse lesen konnten: Mr H. Potter Zimmer 17 Hotel zum Bahnblick Cokeworth Harry schnappte nach dem Brief, doch Onkel Vernon schlug seine Hand weg. Die Frau starrte sie an. ?Ich nehme sie?, sagte Onkel Vernon, stand rasch auf und folgte ihr aus dem Speisezimmer. ?W?re es nicht besser, wenn wir einfach nach Hause fahren w?rden, Schatz??, schlug Tante Petunia einige Stunden sp?ter mit sch?chterner Stimme vor. Doch Onkel Vernon schien sie nicht zu h?ren. Keiner von ihnen wusste, wonach genau er suchte. Er fuhr sie in einen Wald hinein, stieg aus, sah sich um, sch?ttelte den Kopf, setzte sich wieder ins Auto, und weiter ging?s. Dasselbe geschah inmitten eines umgepfl?gten Ackers, auf halbem Weg ?ber einer H?ngebr?cke und auf der obersten Ebene eines mehrst?ckigen Parkhauses. ?Daddy ist verr?ckt geworden, nicht wahr??, fragte Dudley sp?t am Nachmittag mit dumpfer Stimme Tante Petunia. Onkel Vernon hatte an der K?ste geparkt, sie alle im Wagen eingeschlossen und war verschwunden. Es begann zu regnen. Gro?e Tropfen klatschten auf das Wagendach. Dudley schniefte. ?Es ist Montag?, erkl?rte er seiner Mutter. ?Heute kommt der Gro?e Humberto. Ich will dahin, wo sie einen Fernseher haben.? Montag. Das erinnerte Harry an etwas. Wenn es Montag war ? und meist konnte man sich auf Dudley verlassen, wenn es um die Wochentage ging, und zwar wegen des Fernsehens ?, dann war morgen Dienstag, Harrys elfter Geburtstag. Nat?rlich waren seine Geburtstage nie besonders lustig gewesen ? letztes Jahr hatten ihm die Dursleys einen Kleiderb?gel und ein Paar alte Socken von Onkel Vernon geschenkt. Trotzdem, man wird nicht jeden Tag elf. Onkel Vernon kam zur?ck mit einem L?cheln auf dem Gesicht. In den H?nden trug er ein langes, schmales Paket, doch auf Tante Petunias Frage, was er gekauft habe, antwortete er nicht. ?Ich habe den idealen Platz gefunden!?, sagte er. ?Kommt! Alle aussteigen!? Drau?en war es sehr kalt. Onkel Vernon wies hinaus aufs Meer, wo in der Ferne ein gro?er Felsen zu erkennen war. Auf diesem Felsen thronte die sch?bigste kleine

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 30 von 30 H?tte, die man sich vorstellen kann. Eins war sicher, einen Fernseher gab es dort nicht. ?Sturmwarnung f?r heute Nacht!?, sagte Onkel Vernon schadenfroh und klatschte in die H?nde. ?Und dieser Gentleman hier hat sich freundlicherweise bereit erkl?rt, uns sein Boot zu leihen!? Ein zahnloser alter Mann kam auf sie zugehumpelt und deutete mit einem recht verschmitzten Grinsen auf ein altes Ruderboot im stahlgrauen Wasser unter ihnen. ?Ich hab uns schon einige Futterrationen besorgt?, sagte Onkel Vernon, ?also alles an Bord!? Im Boot war es bitterkalt. Eisige Gischt und Regentropfen krochen ihnen die R?cken hinunter und ein frostiger Wind peitschte ?ber ihre Gesichter. Nach Stunden, so kam es ihnen vor, erreichten sie den Fels, wo sie Onkel Vernon rutschend und schlitternd zu dem heruntergekommenen Haus f?hrte. Innen sah es f?rchterlich aus; es stank durchdringend nach Seetang, der Wind pfiff durch die Ritzen der Holzw?nde und die Feuerstelle war nass und leer. Es gab nur zwei R?ume. Onkel Vernons Rationen stellten sich als eine Packung Kr?cker f?r jeden und vier Bananen heraus. Er versuchte ein Feuer zu machen, doch die leeren Kr?cker-Schachteln gaben nur Rauch von sich und schrumpelten zusammen. ?Jetzt k?nnte ich ausnahmsweise mal einen dieser Briefe gebrauchen, Leute?, sagte er fr?hlich. Er war bester Laune. Offenbar glaubte er, niemand h?tte eine Chance, sie hier im Sturm zu erreichen und die Post zuzustellen. Harry dachte im Stillen das Gleiche, doch der Gedanke munterte ihn ?berhaupt nicht auf. Als die Nacht hereinbrach, kam der versprochene Sturm um sie herum m?chtig in Fahrt. Gischt von den hohen Wellen spritzte gegen die W?nde der H?tte und ein zorniger Wind r?ttelte an den schmutzigen Fenstern. Tante Petunia fand ein paar nach Aal riechende Leint?cher und machte Dudley auf dem mottenzerfressenen Sofa ein Bett zurecht. Sie und Onkel Vernon gingen ins zerlumpte Bett nebenan, und Harry musste sich das weichste St?ck Fu?boden suchen und sich unter der d?nnsten, zerrissensten Decke zusammenkauern. Die Nacht r?ckte vor und immer w?tender blies der Sturm. Harry konnte nicht schlafen. Er bibberte und w?lzte sich hin und her, um es sich bequemer zu machen, und sein Magen r?hrte vor Hunger. Dudleys Schnarchen ging im rollenden Donnern unter, das um Mitternacht anhob. Der Leuchtzeiger von Dudleys Uhr, die an seinem dicken Handgelenk vom Sofarand herunterbaumelte, sagte Harry, dass er in zehn Minuten elf Jahre alt sein w?rde. Er lag da und sah zu, wie sein Geburtstag tickend n?her r?ckte. Ob die Dursleys ?berhaupt an ihn denken w?rden?, fragte er sich. Wo der Briefeschreiber jetzt wohl war? Noch f?nf Minuten. Harry h?rte drau?en etwas knacken. Hoffentlich kam das Dach nicht herunter, auch wenn ihm dann vielleicht w?rmer sein w?rde. Noch vier

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 31 von 31 Minuten. Vielleicht war das Haus am Ligusterweg, wenn sie zur?ckkamen, so vollgestopft mit Briefen, dass er auf die eine oder andere Weise einen davon stibitzen konnte. Noch drei Minuten. War es das Meer, das so hart gegen die Felsen schlug? Und (noch zwei Minuten) was war das f?r ein komisches, malmendes Ger?usch? Zerbrach der Fels und st?rzte ins Meer? Noch eine Minute und er war elf. Drei?ig Sekunden ? zwanzig ? zehn ? neun ? vielleicht sollte er Dudley aufwecken, einfach um ihn zu ?rgern ? drei ? zwei ? eine ? BUMM. Die ganze H?tte erzitterte. Mit einem Mal sa? Harry kerzengerade da und starrte auf die T?r. Da drau?en war jemand und klopfte. Der H?ter der Schl?ssel BUMM. Wieder klopfte es. Dudley schreckte aus dem Schlaf. ?Wo ist die Kanone??, sagte er dumpf. Hinter ihnen h?rten sie ein lautes Krachen. Onkel Vernon kam hereingestolpert. In den H?nden hielt er ein Gewehr ? das war also in dem langen, schmalen Paket gewesen, das er mitgebracht hatte. ?Wer da??, rief er. ?Ich warne Sie ? ich bin bewaffnet!? Einen Augenblick lang war alles still. Dann ? SPLITTER! Die T?r wurde mit solcher Wucht getroffen, dass sie glattweg aus den Angeln sprang und mit einem ohrenbet?ubenden Knall auf dem Boden landete. In der T?r?ffnung stand ein Riese von Mann. Sein Gesicht war fast g?nzlich von einer langen, zottigen Haarm?hne und einem wilden, struppigen Bart verdeckt, doch man konnte seine Augen erkennen, die unter all dem Haar schimmerten wie schwarze K?fer. Dieser Riese zw?ngte sich in die H?tte, den R?cken gebeugt, so dass sein Kopf die Decke nur streifte. Er b?ckte sich, stellte die T?r aufrecht und setzte sie mit leichter Hand wieder in den Rahmen ein. Der L?rm des Sturms drau?en lie? etwas nach. Er wandte sich um und blickte sie an. ?K?nnte ?ne Tasse Tee vertragen. War keine leichte Reise ?? Er schritt hin?ber zum Sofa, auf dem der vor Angst versteinerte Dudley sa?. ?Beweg dich, Klops?, sagte der Fremde. Dudley quiekte und rannte hinter den R?cken seiner Mutter, die sich voller Angst hinter Onkel Vernon zusammenkauerte.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 32 von 32 ?Und hier ist Harry!?, sagte der Riese. Harry blickte hinauf in sein grimmiges, wildes Gesicht und sah, dass sich die F?ltchen um seine K?feraugen zu einem L?cheln gekr?uselt hatten. ?Letztes Mal, als ich dich gesehen hab, warst du noch ?n Baby?, sagte der Riese. ?Du siehst deinem Vater m?chtig ?hnlich, aber die Augen hast du von deiner Mum.? Onkel Vernon gab ein merkw?rdig rasselndes Ger?usch von sich. ?Ich verlange, dass Sie auf der Stelle verschwinden!?, sagte er. ?Das ist Hausfriedensbruch!? ?Aach, halt den Mund, Dursley, du Oberpflaume?, sagte der Riese. Er streckte den Arm ?ber die Sofalehne hinweg, riss das Gewehr aus Onkel Vernons H?nden, verdrehte den Lauf ? als w?re er aus Gummi ? zu einem Knoten und warf es in die Ecke. Onkel Vernon gab abermals ein merkw?rdiges Ger?usch von sich, wie eine getretene Maus. ?Dir jedenfalls, Harry?, sagte der Riese und kehrte den Dursleys den R?cken zu, ?einen sehr herzlichen Gl?ckwunsch zum Geburtstag. Hab hier was f?r dich ? vielleicht hab ich zwischendurch mal draufgesessen, aber er schmeckt sicher noch gut.? Aus der Innentasche seines schwarzen Umhangs zog er eine etwas eingedellte Schachtel. Harry ?ffnete sie mit zitternden Fingern. Ein gro?er, klebriger Schokoladenkuchen kam zum Vorschein, auf dem mit gr?nem Zuckerguss Herzlichen Gl?ckwunsch, Harry geschrieben stand. Harry sah zu dem Riesen auf. Er wollte eigentlich danke sagen, aber auf dem Weg zum Mund gingen ihm die Worte verloren, und stattdessen sagte er: ?Wer bist du?? Der Riese gluckste. ?Wohl wahr, hab mich nicht vorgestellt. Rubeus Hagrid, H?ter der Schl?ssel und L?ndereien von Hogwarts.? Er streckte eine gewaltige Hand aus und sch?ttelte Harrys ganzen Arm. ?Was ist nun eigentlich mit dem Tee??, sagte er und rieb sich die H?nde. ?W?rd nicht nein sagen, wenn er ?n bisschen st?rker w?r, wenn du verstehst, was ich meine.? Sein Blick fiel auf einen Korb mit den zusammengeschrumpften Kr?cker-Schachteln und er schnaubte. Er beugte sich zur Feuerstelle hinunter; sie konnten nicht sehen, was er tat, doch als er sich einen Moment sp?ter aufrichtete, prasselte dort ein Feuer. Es erf?llte die ganze feuchte H?tte mit flackerndem Licht, und Harry f?hlte die W?rme ?ber sein Gesicht flie?en, als ob er in ein hei?es Bad getaucht w?re. Der Riese setzte sich wieder auf das Sofa, das unter seinem Gewicht einknickte, und begann dann alle m?glichen Dinge aus den Taschen seines Umhangs zu ziehen: einen Kupferkessel, eine platt gedr?ckte Packung W?rstchen, einen Sch?rhaken, eine Teekanne, einige ineinandergesteckte Becher und eine Flasche mit einer

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 33 von 33 bernsteinfarbenen Fl?ssigkeit, aus der er sich einen Schluck genehmigte, bevor der Tee zu kochen begann. Bald war die H?tte erf?llt von dem Duft der brutzelnden W?rste. W?hrend der Riese arbeitete, sagte niemand ein Wort, doch als er die ersten sechs fetten, saftigen, leicht angekokelten W?rste vom Rost nahm, zappelte Dudley ein wenig. Onkel Vernon fauchte ihn an: ?Dudley, du r?hrst nichts von dem an, was er dir gibt.? Der Riese gab ein dunkles Glucksen von sich. ?Dein gro?er Pudding von einem Sohn muss nicht mehr gem?stet werden, Dursley, keine Panik.? Er reichte die W?rstchen Harry, der so hungrig war, dass es ihm vorkam, als h?tte er noch nie etwas Wundervolleres gekostet, doch immer noch konnte er den Blick nicht von dem Riesen abwenden. Schlie?lich, da offenbar niemand etwas zu erkl?ren schien, sagte er: ?Tut mir leid, aber ich wei? immer noch nicht richtig, wer du bist.? Der Riese nahm einen gro?en Schluck Tee und wischte sich mit dem Handr?cken den Mund. ?Nenn mich Hagrid?, sagte er, ?das tun alle. Und wie ich dir schon gesagt hab, bin ich der Schl?sselh?ter von Hogwarts ? ?ber Hogwarts wei?t du nat?rlich alles.? Ȁhm ? nein?, sagte Harry. Hagrid sah schockiert aus. ?Tut mir leid?, sagte Harry rasch. ?Tut dir leid??, bellte Hagrid und wandte sich zu den Dursleys um mit einem Blick, der sie in die Schatten zur?ckweichen lie?. ?Denen sollte es leidtun. Ich wusste, dass du deine Briefe nicht kriegst, aber ich h?tt nie gedacht, dass du nicht mal von Hogwarts wei?t, das is ja zum Heulen! Hast du dich nie gefragt, wo deine Eltern das alles gelernt haben?? ?Alles was??, fragte Harry. ?ALLES WAS??, donnerte Hagrid. ?Nu mal langsam!? Er war aufgesprungen. In seinem Zorn schien er die ganze H?tte auszuf?llen. Die Dursleys kauerten sich an die Wand. ?Wollt ihr mir etwa sagen?, knurrte er sie an, ?dass dieser Junge ? dieser Junge! ? nichts von ? vonNICHTS wei??? Das ging Harry doch ein wenig zu weit. Immerhin ging er zur Schule und hatte keine schlechten Noten. ?Ich wei? schon einiges?, sagte er. ?Ich kann n?mlich Mathe und solche Sachen.? Doch Hagrid tat dies mit einer Handbewegung ab und sagte: Ȇber unsere Welt, meine ich. Deine Welt.Meine Welt. Die Welt von deinen Eltern.? ?Welche Welt??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 34 von 34 Hagrid sah aus, als w?rde er gleich explodieren. ?DURSLEY!?, dr?hnte er. Onkel Vernon, der ganz blass geworden war, fl?sterte etwas, das sich anh?rte wie ?Mimbelwimbel?. Hagrid starrte Harry mit wildem Blick an. ?Aber du musst doch von Mum und Dad wissen?, sagte er. ?Ich meine, sie sind ber?hmt. Du bistber?hmt.? ?Was? Mum und Dad waren doch nicht ber?hmt!? ?Du wei?t es nicht ? du wei?t es nicht ?? Hagrid fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und fixierte Harry mit einem best?rzten Blick. ?Du wei?t nicht, was du bist??, sagte er schlie?lich. Onkel Vernon fand pl?tzlich seine Stimme wieder. ?Aufh?ren?, befahl er, ?h?ren Sie sofort auf, Sir! Ich verbiete Ihnen, dem Jungen irgendetwas zu sagen!? Auch ein mutigerer Mann als Vernon Dursley w?re unter dem zornigen Blick Hagrids zusammengebrochen; als Hagrid sprach, zitterte jede Silbe vor Entr?stung. ?Du hast es ihm nie gesagt? Ihm nie gesagt, was in dem Brief stand, den Dumbledore f?r ihn dagelassen hat? Ich war auch dabei! Ich hab gesehen, wie Dumbledore ihn dort hingelegt hat, Dursley! Und du hast ihn Harry all die Jahre vorenthalten?? ?Was vorenthalten??, fragte Harry begierig. ?AUFH?REN! ICH VERBIETE ES IHNEN!?, schrie Onkel Vernon in Panik. Tante Petunia schnappte vor Schreck nach Luft. ?Aach, kocht eure K?pfe doch im eigenen Saft, ihr beiden?, sagte Hagrid. ?Harry, du bist ein Zauberer.? In der H?tte herrschte mit einem Mal Stille. Nur das Meer und das Pfeifen des Winds waren noch zu h?ren. ?Ich bin ein was?? ?Ein Zauberer, nat?rlich?, sagte Hagrid und setzte sich wieder auf das Sofa, das unter ?chzen noch tiefer einsank. ?Und ein verdammt guter noch dazu, w?rd ich sagen, sobald du mal ?n bisschen ?bung hast. Was solltest du auch anders sein, mit solchen Eltern wie deinen? Und ich denk, ?s ist an der Zeit, dass du deinen Brief liest.? Harry streckte die Hand aus und nahm endlich den gelblichen Umschlag, der in smaragdgr?ner Schrift adressiert war an Mr H. Potter, Der Fu?boden, H?tte-auf-dem-Fels, Das Meer. Er zog den Brief aus dem Umschlag und las: HOGWARTS-SCHULE F?R HEXEREI UND ZAUBEREI Schulleiter: Albus Dumbledore

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 35 von 35 (Orden der Merlin, Erster Klasse, Gro?z., Hexenmst. Ganz hohes Tier, Internationale Vereinig. d. Zauberer) Sehr geehrter Mr Potter, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu k?nnen, dass Sie an der Hogwarts-Schule f?r Hexerei und Zauberei aufgenommen sind. Beigelegt finden Sie eine Liste aller ben?tigten B?cher und Ausr?stungsgegenst?nde. Das Schuljahr beginnt am 1. September. Wir erwarten Ihre Eule sp?testens am 31. Juli. Mit freundlichen Gr??en Minerva McGonagall Stellvertretende Schulleiterin Wie ein Feuerwerk explodierten Fragen in Harrys Kopf, und er konnte sich nicht entscheiden, welche er zuerst stellen sollte. Nach ein paar Minuten stammelte er: ?Was soll das hei?en, sie erwarten meine Eule?? ?Galoppierende Gorgonen, da f?llt mir doch ein ??, sagte Hagrid und schlug sich mit solcher Wucht die Hand gegen die Stirn, dass es einen Brauereigaul umgehauen h?tte. Aus einer weiteren Tasche im Innern seines Umhangs zog er eine Eule hervor ? eine echte, lebende, recht zerzaust aussehende Eule ? sowie einen langen Federkiel und eine Pergamentrolle. Mit der Zunge zwischen den Lippen kritzelte er eine Notiz. F?r Harry standen die Buchstaben zwar auf dem Kopf, dennoch konnte er sie lesen: Sehr geehrter Mr Dumbledore, ich habe Harry seinen Brief ?berreicht. Nehme ihn morgen mit, um seine Sachen einzukaufen. Wetter ist f?rchterlich. Hoffe, Sie sind wohlauf. Hagrid Hagrid rollte die Nachricht zusammen, ?bergab sie der Eule, die sie in den Schnabel klemmte, ging zur T?r und schleuderte die Eule hinaus in den Sturm. Dann kam er zur?ck und setzte sich, als h?tte er nur mal kurz telefoniert. Harry bemerkte, dass ihm der Mund offen stand, und klappte ihn rasch zu. ?Wo war ich gerade??, sagte Hagrid, doch in diesem Augenblick trat Onkel Vernon, immer noch aschfahl, doch sehr zornig aussehend, in das Licht des Kaminfeuers. ?Er bleibt hier?, sagte er. Hagrid grunzte.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 36 von 36 ?Das m?chte ich sehen, wie ein so gro?er Muggel wie du ihn aufhalten will?, sagte er. ?Ein was??, fragte Harry neugierig. ?Ein Muggel?, sagte Hagrid, ?so nennen wir Leute wie ihn, die nicht zu den Magiern geh?ren. Und es ist dein Pech, dass du in einer Familie der gr??ten Muggel aufgewachsen bist, die ich je gesehen habe.? ?Als wir ihn aufnahmen, haben wir geschworen, diesem Bl?dsinn ein Ende zu setzen?, sagte Onkel Vernon, ?geschworen, es ihm auszubl?uen! Zauberer, in der Tat!? ?Ihr habt es gewusst??, sagte Harry, ?ihr habt gewusst, dass ich ein ? ein Zauberer bin?? ?Gewusst!?, schrie Tante Petunia pl?tzlich auf, ?gewusst! Nat?rlich haben wir?s gewusst! Wie denn auch nicht, wenn meine vermaledeite Schwester so eine war? Sie hat n?mlich genau den gleichen Brief bekommen und ist dann in diese ? diese Schule verschwunden und kam in den Ferien jedes Mal mit den Taschen voller Froschlaich nach Hause und hat Teetassen in Ratten verwandelt. Ich war die Einzige, die klar erkannt hat, was sie wirklich war ? eine Missgeburt. Aber bei Mutter und Vater, o nein, da hie? es Lily hier und Lily da, sie waren stolz, eine Hexe in der Familie zu haben!? Sie hielt inne, um tief Luft zu holen, und fing dann erneut an zu schimpfen. Es schien, als ob sie das schon all die Jahre hatte loswerden wollen. ?Dann hat sie diesen Potter an der Schule getroffen, und sie sind weggegangen und haben geheiratet und haben dich bekommen, und nat?rlich wusste ich, dass du genau so einer sein w?rdest, genauso seltsam, genauso ? unnormal, und dann, bitte sch?n, hat sie es geschafft, sich in die Luft zu jagen, und wir mussten uns pl?tzlich mit dir herumschlagen!? Harry war ganz bleich geworden. Sobald er seine Stimme gefunden hatte, sagte er: ?In die Luft gejagt? Du hast mir erz?hlt, dass sie bei einem Autounfall gestorben sind!? ?AUTOUNFALL!?, donnerte Hagrid und sprang so w?tend auf, dass die Dursleys sich in ihre Ecke verdr?ckten. ?Wie k?nnten Lily und James Potter in einem Auto ums Leben kommen? Das ist eine Schande! Ein Skandal! Harry Potter kennt nicht mal seine eigene Geschichte, wo doch jedes Kind in unserer Welt seinen Namen wei?!? ?Warum eigentlich? Was ist passiert??, fragte Harry dr?ngend. Der Zorn wich aus Hagrids Gesicht. Pl?tzlich schien er etwas zu f?rchten. ?Das h?tte ich nie erwartet?, sagte er mit leiser, besorgter Stimme. ?Als Dumbledore sagte, dass es schwierig werden w?rde, dich zu erwischen, hatte ich keine Ahnung, wie wenig du wei?t. Ach, Harry, vielleicht bin ich nicht der Richtige, um es dir zu sagen ? aber einer muss es tun ?, und du kannst nicht nach Hogwarts gehen, ohne es zu wissen.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 37 von 37 Er warf den Dursleys einen finsteren Blick zu. ?Nun, es ist am besten, wenn du so viel wei?t, wie ich dir sagen kann ? aber nat?rlich kann ich dir nicht alles sagen, es ist ein gro?es Geheimnis, manches davon jedenfalls ?? Er setzte sich, starrte einige Augenblicke lang ins Feuer und sagte dann: ?Es f?ngt, glaube ich, mit ? mit einem Typen namens ? aber es ist unglaublich, dass du seinen Namen nicht kennst, in unserer Welt kennen ihn alle ?? ?Wen?? ?Nun ja, ich nenn den Namen lieber nicht, wenn?s nicht unbedingt sein muss. Keiner tut?s.? ?Warum nicht?? ?Schluckende Wasserspeier, Harry, die Leute haben immer noch Angst. Verflucht, ist das schwierig. Sieh mal, da war dieser Zauberer, der ? b?se geworden ist. So b?se, wie es nur geht. Schlimmer noch. Schlimmer als schlimm. Sein Name war ?? Hagrid w?rgte, aber kein Wort kam hervor. ?K?nntest du es aufschreiben??, schlug Harry vor. ?N?h ? kann ihn nicht buchstabieren. Na gut ? Voldemort.? Hagrid erschauerte. ?Zwing mich nicht, das noch mal zu sagen. Jedenfalls, dieser ? dieser Zauberer hat vor etwa zwanzig Jahren begonnen, sich Anh?nger zu suchen. Und die hat er auch bekommen ? manche hatten Angst, manche wollten einfach ein wenig von seiner Macht, denn er verschaffte sich viel Macht, das muss man sagen. Dunkle Zeiten, Harry. Wussten nicht, wem wir trauen sollten, wagten nicht, uns mit fremden Zauberern oder Hexen anzufreunden ? Schreckliche Dinge sind passiert. Er hat die Macht ?bernommen. Klar haben sich einige gewehrt ? und er hat sie umgebracht. Furchtbar. Einer der wenigen sicheren Orte, die es noch gab, war Hogwarts. Vermute, Dumbledore war der Einzige, vor dem Du-wei?t-schon-wer Angst hatte. Hat es nicht gewagt, die Schule einzusacken, damals jedenfalls nicht. Nun waren deine Mum und dein Dad als Hexe und Zauberer so gut, wie ich noch niemanden gekannt hab. Zu ihrer Zeit Schulsprecher und Schulsprecherin in Hogwarts! F?r mich ist es ein gro?es R?tsel, warum Du-wei?t-schon-wer nie versucht hat, sie auf seine Seite zu bringen ? Hat wohl gewusst, dass sie Dumbledore zu nahe waren, um etwas mit der dunklen Seite zu tun haben zu wollen. Vielleicht hat er geglaubt, er k?nne sie ?berreden ? Vielleicht hat er sie auch nur aus dem Weg haben wollen. Alles, was man wei?, ist, dass er in dem Dorf auftauchte, wo ihr alle gelebt habt, an Halloween vor zehn Jahren. Du warst gerade mal ein Jahr alt. Er kam in euer Haus und ? und ?? Hagrid zog pl?tzlich ein sehr schmutziges, gepunktetes Taschentuch hervor und schn?uzte sich laut wie ein Nebelhorn die Nase.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 38 von 38 ?Tut mir leid?, sagte er. ?Aber es ist so traurig ? hab deine Mum und deinen Dad gekannt, und nettere Menschen hast du einfach nicht finden k?nnen, jedenfalls ? Du-wei?t-schon-wer hat sie get?tet. Und dann ? und das ist das eigentlich Geheimnisvolle daran ? hat er versucht, auch dich zu t?ten. Wollte reinen Tisch machen, denk ich, oder hatte inzwischen einfach Spa? am T?ten. Aber er konnte es nicht. Hast du dich nie gefragt, wie du diese Narbe auf der Stirn bekommen hast? Das war kein gew?hnlicher Schnitt. Das kriegst du, wenn ein m?chtiger, b?ser Fluch dich ber?hrt ? hat sogar bei deiner Mum und deinem Dad und deinem Haus geklappt ? aber nicht bei dir, und darum bist du ber?hmt, Harry. Keiner hat es ?berlebt, wenn er einmal beschlossen hat, jemanden zu t?ten, keiner au?er dir, und er hatte einige der besten Hexen und Zauberer der Zeit get?tet ? die McKinnons, die Bones, die Prewetts ?, und du warst nur ein Baby, aber du hast ?berlebt.? In Harrys Kopf spielte sich etwas sehr Schmerzhaftes ab. Als Hagrid mit der Geschichte ans Ende kam, sah er noch einmal den blendend hellen, gr?nen Blitz vor sich, deutlicher als jemals zuvor ? und er erinnerte sich zum ersten Mal im Leben an etwas anderes ? an ein h?hnisches, kaltes, grausames Lachen. Hagrid betrachtete ihn traurig. ?Hab dich selbst aus dem zerst?rten Haus geholt, auf Dumbledores Befehl hin. Hab dich zu diesem Pack hier gebracht ?? ?Lauter dummes Zeug?, sagte Onkel Vernon. Harry schreckte auf, er hatte fast vergessen, dass die Dursleys auch noch da waren. Onkel Vernon hatte offenbar seine Courage wiedergewonnen. Die F?uste geballt, sah er Harry mit finsterem Blick an. ?Jetzt h?rst du mir mal zu, Kleiner?, schnauzte er. ?Mag sein, dass es etwas Seltsames mit dir auf sich hat, vermutlich nichts, was nicht durch ein paar saftige Ohrfeigen h?tte kuriert werden k?nnen ? und was diese Geschichte mit deinen Eltern angeht, nun, sie waren eben ziemlich verr?ckt, und die Welt ist meiner Meinung nach besser dran ohne sie. Haben?s ja nicht anders gewollt, wenn sie sich mit diesem Zaubererpack eingelassen haben ? genau was ich erwartet hab, ich hab immer gewusst, dass es mit ihnen kein gutes Ende nehmen w?rde ?? Doch in diesem Augenblick sprang Hagrid vom Sofa und zog einen zerfledderten rosa Schirm aus seinem Umhang. Wie ein Schwert hielt er ihn Onkel Vernon entgegen und sagte: ?Ich warne dich, Dursley ? ich warne dich ? noch ein Wort ?? Nun, da Onkel Vernon Gefahr lief, vom Schirm eines b?rtigen Riesen aufgespie?t zu werden, verlie? ihn der Mut wieder; er dr?ckte sich gegen die Wand und verstummte. ?Schon besser so?, sagte Hagrid schwer atmend und setzte sich aufs Sofa zur?ck, das sich diesmal bis auf den Boden durchbog. Harry lagen unterdessen immer noch Fragen auf der Zunge, hunderte von Fragen. ?Aber was geschah mit Vol-, ?tschuldigung ? ich meine Du-wei?t-schon-wer?? ?Gute Frage, Harry. Ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Noch in der Nacht, als er versucht hat, dich zu t?ten. Macht dich noch ber?hmter. Das ist

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 39 von 39 das gr??te Geheimnis, wei?t du ? Er wurde immer m?chtiger ? warum h?tte er gehen sollen? Manche sagen, er sei gestorben. Stuss, wenn du mich fragst. Wei? nicht, ob er noch genug Menschliches in sich hatte, um sterben zu k?nnen. Manche sagen, er sei immer noch irgendwo dort drau?en und warte nur auf den rechten Augenblick, aber das glaub ich nicht. Leute, die auf seiner Seite waren, sind zu uns zur?ckgekommen. Manche sind aus einer Art Trance erwacht. Glaub nicht, dass sie es geschafft h?tten, wenn er vorgehabt h?tte zur?ckzukommen. Die meisten von uns denken, dass er immer noch irgendwo da drau?en ist, aber seine Macht verloren hat. Zu schwach, um weiterzumachen. Denn etwas an dir, Harry, hat ihm den Garaus gemacht. In jener Nacht geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte ? wei? nicht, was es war, keiner wei? es ?, aber etwas an dir hat er nicht gepackt, und das war?s.? Hagrid betrachtete Harry voller W?rme und Hochachtung, doch Harry f?hlte sich nicht froh und stolz deswegen, sondern war sich ganz sicher, dass es sich hier um einen f?rchterlichen Irrtum handeln musste. Ein Zauberer? Er? Wie sollte das m?glich sein? Sein Leben lang hatte er unter den Schl?gen Dudleys gelitten und war von Tante Petunia und Onkel Vernon schikaniert worden; wenn er wirklich ein Zauberer war, warum hatten sie sich nicht jedes Mal, wenn sie versucht hatten, ihn in den Schrank einzuschlie?en, in warzige Kr?ten verwandelt? Wenn er einst den gr??ten Hexer der Welt besiegt hatte, wie konnte ihn dann Dudley immer herumkicken wie einen Fu?ball? ?Hagrid?, sagte er leise, ?du musst einen Fehler gemacht haben. Ich kann unm?glich ein Zauberer sein.? Zu seiner ?berraschung gluckste Hagrid. ?Kein Zauberer, was? Nie Dinge geschehen lassen, wenn du Angst hattest oder w?tend warst?? Harry blickte ins Feuer. Nun, da er dar?ber nachdachte ? Alle seltsamen Dinge, die Onkel und Tante auf die Palme gebracht hatten, waren geschehen, als er, Harry, aufgebracht oder zornig gewesen war ? Auf der Flucht vor Dudleys Bande war er manchmal einfach nicht zu fassen gewesen ? Manchmal, wenn er mit diesem l?cherlichen Haarschnitt partout nicht hatte zur Schule gehen wollen, hatte er es geschafft, dass sein Haar rasch nachwuchs ? Und das letzte Mal, als Dudley ihn gesto?en hatte, da hatte er doch seine Rache bekommen, ohne auch nur zu wissen, was er tat? Hatte er nicht eine Boa constrictor auf ihn losgelassen? Harry wandte sich erneut Hagrid zu und l?chelte, und er sah, dass Hagrid ihn geradezu anstrahlte. ?Siehst du??, sagte Hagrid. ?Harry Potter und kein Zauberer ? wart nur ab, und du wirst noch ganz ber?hmt in Hogwarts.? Doch Onkel Vernon w?rde nicht kampflos aufgeben.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 40 von 40 ?Hab ich Ihnen nicht gesagt, der Junge bleibt hier??, zischte er. ?Er geht auf die Stonewall High und wird daf?r dankbar sein. Ich habe diese Briefe gelesen, und er braucht allen m?glichen Nonsens ? und Zauberspruchfibeln und Zauberst?be und ?? ?Wenn er gehen will, wird ihn ein gro?er Muggel wie du nicht aufhalten k?nnen?, knurrte Hagrid. ?Lily und James Potters Sohn von Hogwarts fernhalten! Du bist ja verr?ckt. Sein Name ist vorgemerkt, schon seit seiner Geburt. Er geht bald auf die beste Schule f?r Hexerei und Zauberei auf der ganzen Welt. Nach sieben Jahren dort wird er sich nicht mehr wiedererkennen. Er wird dort mit jungen Leuten seinesgleichen zusammen sein, zur Abwechslung mal, und er wird unter dem gr??ten Schulleiter lernen, den Hogwarts je gesehen hat, Albus Dumbled?? ?ICH BEZAHLE KEINEN HIRNRISSIGEN ALTEN DUMMKOPF, DAMIT ER IHM ZAUBERTRICKS BEIBRINGT!?, schrie Onkel Vernon. Doch nun war er endg?ltig zu weit gegangen. Hagrid packte den Schirm, schwang ihn ?ber seinem Kopf hin und her und polterte: ?BELEIDIGE NIE ? ALBUS DUMBLEDORE ? IN MEINER GEGENWART!? Pfeifend sauste der Schirm herunter, bis die Spitze auf Dudley gerichtet war ? ein Blitz aus violettem Licht, ein Ger?usch wie das Knallen eines Feuerwerksk?rpers, ein schrilles Kreischen ?, und schon begann Dudley einen Tanz aufzuf?hren, mit den H?nden auf dem dicken Hintern und heulend vor Schmerz. Gerade als er ihnen den R?cken zuwandte, sah Harry ein geringeltes Schweineschw?nzchen durch ein Loch in seiner Hose hervorpurzeln. Onkel Vernon tobte. Er zog Tante Petunia und Dudley in den anderen Raum, warf Hagrid einen letzten, angsterf?llten Blick zu und schlug die T?r hinter sich zu. Hagrid sah auf den Schirm hinab und strich sich ?ber den Bart. ?H?tt die Beherrschung nicht verlieren d?rfen?, sagte er reuevoll, ?aber es hat ohnehin nicht geklappt. Wollte ihn in ein Schwein verwandeln, aber ich denke, er war einem Schwein so ?hnlich, dass es nicht mehr viel zu tun gab.? Unter seinen buschigen Augenbrauen hervor blickte er Harry von der Seite an. ?W?r dir dankbar, wenn du das niemandem in Hogwarts erz?hlst?, sagte er. ?Ich ? ?hm ? soll eigentlich nicht herumzaubern, um es genau zu nehmen. Ich durfte ein wenig, um dir zu folgen und um dir die Briefe zu bringen und ? einer der Gr?nde, warum ich so scharf auf diesen Job war ?? ?Warum sollst du nicht zaubern?? ?Nun ja ? ich war selbst in Hogwarts, doch ich ? ?hm ? man hat mich rausgeworfen, um dir die Wahrheit zu sagen. Im dritten Jahr. Sie haben meinen Zauberstab zerbrochen und alles. Doch Dumbledore hat mich als Wildh?ter dabehalten. Gro?artiger Mann, Dumbledore.? ?Warum hat man dich rausgeworfen?? ?Es wird sp?t und wir haben morgen viel zu erledigen?, sagte Hagrid laut. ?M?ssen hoch in die Stadt und dir alle B?cher und Sachen besorgen.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 41 von 41 Er nahm seinen dicken schwarzen Umhang ab und warf ihn Harry zu. ?Kannst drunter pennen?, sagte er. ?Mach dir nichts draus, wenn?s da drin ein wenig zappelt, ich glaub, ich hab immer noch ein paar Haselm?use in den Taschen.? In der Winkelgasse Am n?chsten Morgen wachte Harry fr?h auf. Er wusste zwar, dass es drau?en schon hell war, doch er hielt die Augen fest geschlossen. ?Es war ein Traum?, sagte er sich entschlossen. ?Ich habe von einem Riesen namens Hagrid getr?umt, der mir erkl?rt hat, von nun an werde ich eine Schule f?r Zauberer besuchen. Wenn ich aufwache, bin ich zu Hause in meinem Schrank.? Pl?tzlich h?rte er ein lautes, tappendes Ger?usch. ?Und das ist Tante Petunia, die an die T?r klopft?, dachte Harry und das Herz wurde ihm schwer. Doch die Augen hielt er weiter geschlossen. Ein sch?ner Traum war es gewesen. Tapp. Tapp. Tapp. ?Schon gut?, murmelte Harry. ?Ich steh ja schon auf.? Er richtete sich auf und Hagrids schwerer Umhang fiel von seinen Schultern. Sonnenlicht durchflutete die H?tte, der Sturm hatte sich gelegt. Hagrid selbst schlief auf dem zusammengebrochenen Sofa, und eine Eule, eine Zeitung in den Schnabel geklemmt, tappte mit ihrer Kralle gegen das Fenster. Harry rappelte sich auf. Er war so gl?cklich, dass es ihm vorkam, als w?rde in seinem Innern ein gro?er Ballon anschwellen. Schnurstracks lief er zum Fenster und riss es auf. Die Eule schwebte herein und lie? die Zeitung auf Hagrids Bauch fallen. Er schlief jedoch munter weiter. Die Eule flatterte auf den Boden und begann auf Hagrids Umhang herumzupicken. ?Lass das.? Harry versuchte die Eule wegzuscheuchen, doch sie hackte w?tend nach ihm und fuhr fort, den Umhang zu zerfetzen. ?Hagrid!?, sagte Harry laut. ?Da ist eine Eule ?? ?Bezahl sie?, grunzte Hagrid in das Sofa. ?Was?? ?Sie will ihren Lohn f?rs Zeitungausfliegen. Schau in meinen Taschen nach.? Hagrids Umhang schien aus nichts als Taschen zu bestehen: Schl?sselbunde, Musketenkugeln, Bindfadenr?llchen, Pfefferminzbonbons, Teebeutel ? Schlie?lich zog er eine Hand voll merkw?rdig aussehender M?nzen hervor. ?Gib ihr f?nf Knuts?, sagte Hagrid schl?frig.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 42 von 42 ?Knuts?? ?Die kleinen aus Bronze.? Harry z?hlte f?nf kleine Bronzem?nzen ab. Die Eule streckte ein Bein aus, und er steckte das Geld in ein Lederbeutelchen, das daran festgebunden war. Dann flatterte sie durch das offene Fenster davon. Hagrid g?hnte laut, richtete sich auf und reckte gen?sslich die Glieder. ?Wir brechen am besten gleich auf, Harry, haben heute ?ne Menge zu erledigen. M?ssen hoch nach London und dir alles f?r die Schule besorgen.? Harry drehte die M?nzen nachdenklich hin und her. Eben war ihm ein Gedanke gekommen, der dem Gl?cksballon in seinem Innern einen Pikser versetzt hatte. Ȁhm ? Hagrid?? ?Mm?? Hagrid zog gerade seine riesigen Stiefel an. ?Ich hab kein Geld ? und du hast ja gestern Nacht Onkel Vernon geh?rt ? er wird nicht daf?r bezahlen, dass ich fortgehe und Zaubern lerne.? ?Mach dir dar?ber keine Gedanken?, sagte Hagrid. Er stand auf und kratzte sich am Kopf. ?Glaubst du etwa, deine Eltern h?tten dir nichts hinterlassen?? ?Aber wenn doch ihr Haus zerst?rt wurde ?? ?Sie haben ihr Gold doch nicht im Haus aufbewahrt, mein Junge! Nee, wir machen als Erstes bei Gringotts Halt. Zaubererbank. Nimm dir ein W?rstchen, kalt sind sie auch nicht schlecht ? und zu ?nem St?ck von deinem Geburtstagskuchen w?rd ich auch nicht nein sagen.? ?Zauberer haben Banken?? ?Nur die eine. Gringotts. Wird von Kobolden gef?hrt.? Harry lie? sein W?rstchen fallen. ?Kobolde?? ?Jaow. Musst also ganz sch?n bescheuert sein, wenn du versuchst, sie auszurauben. Leg dich nie mit den Kobolden an, Harry. Gringotts ist der sicherste Ort der Welt f?r alles, was du aufbewahren willst ? mit Ausnahme vielleicht von Hogwarts. Muss ?brigens sowieso bei Gringotts vorbeischauen. Auftrag von Dumbledore. Gesch?ftliches f?r Hogwarts.? Hagrid richtete sich stolz auf. ?Meist nimmt er mich, wenn es Wichtiges zu erledigen gibt. Dich abholen, etwas von Gringotts besorgen, wei?, dass er mir vertrauen kann, verstehst du. Alles klar? Na dann los.? Harry folgte Hagrid hinaus auf den Felsen. Der Himmel war jetzt klar und das Meer schimmerte im Sonnenlicht. Das Boot, das Onkel Vernon gemietet hatte, lag noch da. Viel Wasser hatte sich auf dem Boden angesammelt. ?Wie bist du hergekommen??, fragte Harry und sah sich nach einem zweiten Boot um.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 43 von 43 ?Geflogen?, sagte Hagrid. ?Geflogen?? ?Ja, aber zur?ck nehmen wir das Ding hier. Jetzt, wo du dabei bist, darf ich nicht mehr zaubern.? Sie setzten sich ins Boot. Harry starrte Hagrid unverwandt an und versuchte sich vorzustellen, wie er flog. ?Schande allerdings, dass man rudern muss?, sagte Hagrid und sah Harry wieder mit einem seiner Blicke von der Seite her an. ?Wenn ich ? ?hm ? die Sache etwas beschleunigen w?rde, w?rst du so freundlich und w?rdest in Hogwarts nichts davon sagen?? ?Klar?, sagte Harry, gespannt darauf, mehr von Hagrids Zauberk?nsten zu sehen. Hagrid zog den rosa Schirm hervor, schlug ihn zweimal sachte gegen die Seitenwand des Bootes, und schon rauschten sie in Richtung K?ste davon. ?Warum w?re es verr?ckt, wenn man Gringotts ausrauben wollte??, fragte Harry. ?Magische Banne, Zauberfl?che?, sagte Hagrid und ?ffnete seine Zeitung. ?Es hei?t, die Hochsicherheitsverliese werden von Drachen bewacht. Und dann musst du erst einmal hinfinden ? Gringotts liegt n?mlich hunderte von Meilen unterhalb von London. Tief unter der Untergrundbahn. Du stirbst vor Hunger, bevor du wieder ans Tageslicht kommst, auch wenn du dir was unter den Nagel gerissen hast.? Harry sa? da und dachte dar?ber nach, w?hrend Hagrid seine Zeitung, den Tagespropheten, las. Harry wusste von Onkel Vernon, dass die Erwachsenen beim Zeitunglesen in Ruhe gelassen werden wollten, auch wenn es ihm jetzt schwerfiel, denn noch nie hatte er so viele Fragen auf dem Herzen gehabt. ?Zaubereiministerium vermasselt mal wieder alles, wie ?blich?, brummte Hagrid und bl?tterte um. ?Es gibt ein Ministerium f?r Zauberei??, platzte Harry los. ?Klar?, sagte Hagrid. ?Wollten nat?rlich Dumbledore als Minister haben, aber der w?rde nie von Hogwarts weggehen. Deshalb hat Cornelius Fudge die Stelle bekommen. Gibt keinen gr??eren St?mper. Schickt also Dumbledore jeden Morgen ein Dutzend Eulen und fragt ihn um Rat.? ?Aber was tut ein Zaubereiministerium?? ?Nun, seine Hauptaufgabe ist, vor den Muggels geheim zu halten, dass es landauf, landab immer noch Hexen und Zauberer gibt.? ?Warum?? ?Warum? Meine G?te, Harry, die w?ren doch ganz scharf darauf, dass wir ihre Schwierigkeiten mit magischen Kr?ften l?sen. N?, die sollen uns mal in Ruhe lassen.? In diesem Augenblick stupste das Boot sanft gegen die Hafenmauer. Hagrid faltete die Zeitung zusammen und sie stiegen die Steintreppe zur Stra?e empor.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 44 von 44 Die Menschen starrten Hagrid mit gro?en Augen an, als die beiden durch die kleine Stadt zum Bahnhof gingen. Harry konnte es ihnen nicht ver?beln. Hagrid war nicht nur doppelt so gro? wie alle anderen, er zeigte auch auf ganz gew?hnliche Dinge wie Parkuhren und rief dabei laut: ?Schau dir das an, Harry. Solche Sachen lassen sich die Muggels einfallen, nicht zu fassen!? ?Hagrid?, sagte Harry ein wenig au?er Atem, weil er rennen musste, um Schritt zu halten. ?Hast du gesagt, bei Gringotts gebe es Drachen?? ?Ja, so hei?t es?, sagte Hagrid. ?Mann, ich h?tte gern einen Drachen.? ?Du h?ttest gerne einen?? ?Schon als kleiner Junge wollte ich einen ? hier lang.? Sie waren am Bahnhof angekommen. In f?nf Minuten ging ein Zug nach London. Hagrid, der mit ?Muggelgeld?, wie er es nannte, nicht zurechtkam, reichte Harry ein paar Scheine, mit denen er die Fahrkarten kaufte. Im Zug glotzten die Leute noch mehr. Hagrid, der zwei Sitzpl?tze brauchte, strickte w?hrend der Fahrt an etwas, das aussah wie ein kanariengelbes Zirkuszelt. ?Hast deinen Brief noch, Harry??, fragte er, w?hrend er die Maschen z?hlte. Harry zog den Pergamentumschlag aus der Tasche. ?Gut?, sagte Hagrid. ?Da ist eine Liste drin mit allem, was du brauchst.? Harry entfaltete einen zweiten Bogen Papier, den er in der Nacht zuvor nicht bemerkt hatte, und las: HOGWARTS-SCHULE F?R HEXEREI UND ZAUBEREI Uniform Im ersten Jahr ben?tigen die Sch?ler: 1. Drei Garnituren einfache Arbeitskleidung (schwarz) 2. Einen einfachen Spitzhut (schwarz) f?r tags?ber 3. Ein Paar Schutzhandschuhe (Drachenhaut o. ?.) 4. Einen Winterumhang (schwarz, mit silbernen Schnallen) Bitte beachten Sie, dass alle Kleidungsst?cke der Sch?ler mit Namensetiketten versehen sein m?ssen. Lehrb?cher Alle Sch?ler sollten jeweils ein Exemplar der folgenden Werke besitzen: ? Miranda Habicht: Lehrbuch der Zauberspr?che, Band 1 ? Bathilda Bagshot: Geschichte der Zauberei ? Adalbert Schwahfel: Theorie der Magie

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 45 von 45 ? Emeric Wendel: Verwandlungen f?r den Anf?nger ? Phyllida Spore: Tausend Zauberkr?uter und -pilze ? Arsenius Bunsen: Zaubertr?nke und Zauberbr?ue ? Newt Scamander: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind ? Quirin Sumo: Dunkle Kr?fte. Ein Kurs zur Selbstverteidigung Ferner werden ben?tigt: ? 1 Zauberstab ? 1 Kessel (Zinn, Normgr??e 2) ? 1 Sortiment Glas- oder Kristallfl?schchen ? 1 Teleskop ? 1 Waage aus Messing Es ist den Sch?lern zudem freigestellt, eine Eule ODER eine Katze ODER eine Kr?te mitzubringen. DIE ELTERN SEIEN DARAN ERINNERT, DASS ERSTKL?SSLER KEINE EIGENEN BESEN BESITZEN D?RFEN. ?Und das alles k?nnen wir in London kaufen??, fragte sich Harry laut. ?Ja. Wenn du wei?t, wo?, sagte Hagrid. Harry war noch nie in London gewesen. Hagrid schien zwar zu wissen, wo er hinwollte, doch offensichtlich war er es nicht gewohnt, auf normalem Weg dorthin zu gelangen. Er verhedderte sich im Drehkreuz zur Untergrundbahn und beschwerte sich laut, die Sitze seien zu klein und die Z?ge zu lahm. ?Keine Ahnung, wie die Muggels zurechtkommen ohne Zauberei?, meinte er, als sie eine kaputte Rolltreppe emporkletterten, die auf eine belebte, mit L?den ges?umte Stra?e f?hrte. Hagrid war ein solcher Riese, dass er ohne M?he einen Keil in die Menschenmenge trieb, und Harry brauchte sich nur dicht hinter ihm zu halten. Sie gingen an Buchhandlungen und Musikl?den vorbei, an Schnellimbissen und Kinos, doch nirgends sah es danach aus, als ob es Zauberst?be zu kaufen g?be. Dies war eine ganz gew?hnliche Stra?e voll ganz gew?hnlicher Menschen. Konnte es wirklich sein, dass viele Meilen unter ihnen haufenweise Zauberergold vergraben war? Gab es wirklich L?den, die Zauberb?cher und Besen verkauften? War all dies vielleicht nur ein gewaltiger Jux, den die Dursleys ausgeheckt hatten? Das h?tte Harry vielleicht geglaubt, wenn er nicht gewusst h?tte, dass die Dursleys keinerlei Sinn

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 46 von 46 f?r Humor besa?en. Doch obwohl alles, was Hagrid ihm bisher erz?hlt hatte, schlicht unfassbar war, konnte er einfach nicht anders, als ihm zu vertrauen. ?Hier ist es?, sagte Hagrid und blieb stehen. ?Zum Tropfenden Kessel. Den Laden kennt jeder.? Es war ein kleiner, schmuddelig wirkender Pub. Harry h?tte ihn nicht einmal bemerkt, wenn Hagrid nichts gesagt h?tte. Die vorbeieilenden Menschen beachteten ihn nicht. Ihre Blicke wanderten von der gro?en Buchhandlung auf der einen Seite zum Plattenladen auf der anderen Seite, als k?nnten sie den Tropfenden Kessel ?berhaupt nicht sehen. Tats?chlich hatte Harry das ganz eigent?mliche Gef?hl, dass nur er und Hagrid ihn sahen. Doch bevor er den Mund aufmachen konnte, schob ihn Hagrid zur T?r hinein. F?r einen ber?hmten Ort war es hier sehr dunkel und sch?big. In einer Ecke sa?en ein paar alte Frauen und tranken Sherry aus kleinen Gl?sern. Eine von ihnen rauchte eine lange Pfeife. Ein kleiner Mann mit Zylinder sprach mit dem alten Wirt, der vollkommen kahlk?pfig war und aussah wie eine klebrige Walnuss. Als sie eintraten, verstummte das leise Summen der Gespr?che. Hagrid schienen alle zu kennen; sie winkten und l?chelten ihm zu, und der Wirt griff nach einem Glas: ?Das ?bliche, Hagrid?? ?Heute nicht, Tom, bin im Auftrag von Hogwarts unterwegs?, sagte Hagrid und versetzte Harry mit seiner gro?en Hand einen Klaps auf die Schulter, der ihn in die Knie gehen lie?. ?Meine G?te?, sagte der Wirt und sp?hte zu Harry hin?ber, ?ist das ? kann das ??? Im Tropfenden Kessel war es mit einem Schlag mucksm?uschenstill geworden. ?Grundg?tiger?, fl?sterte der alte Barmann. ?Harry Potter ? welch eine Ehre.? Er eilte hinter der Bar hervor, trat raschen Schrittes auf Harry zu und ergriff mit Tr?nen in den Augen seine Hand. ?Willkommen zu Hause, Mr Potter, willkommen zu Hause.? Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Die alte Frau paffte ihre Pfeife, ohne zu bemerken, dass sie ausgegangen war. Hagrid strahlte. Nun ging im Tropfenden Kessel ein gro?es St?hler?cken los, und die G?ste sch?ttelten Harry einer nach dem andern die Hand. ?Doris Crockford, Mr Potter, ich kann es einfach nicht fassen, Sie endlich zu sehen.? ?Ich bin so stolz, Sie zu treffen, Mr Potter, so stolz.? ?Wollte Ihnen schon immer die Hand sch?tteln ? mir ist ganz schwindelig.? ?Erfreut, Mr Potter, mir fehlen die Worte. Diggel ist mein Name, D?dalus Diggel.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 47 von 47 ?Sie hab ich schon mal gesehen!?, rief Harry, als D?dalus Diggel vor Aufregung seinen Zylinder verlor. ?Sie haben sich einmal in einem Laden vor mir verneigt.? ?Er wei? es noch!?, rief D?dalus Diggel und blickte in die Runde. ?Habt ihr das geh?rt? Er erinnert sich an mich!? Harry sch?ttelte H?nde hier und H?nde dort ? Doris Crockford konnte gar nicht genug kriegen. Ein blasser junger Mann bahnte sich den Weg nach vorne. Er wirkte sehr fahrig; eins seiner Augen zuckte. ?Professor Quirrell!?, sagte Hagrid. ?Harry, Professor Quirrell ist einer deiner Lehrer in Hogwarts.? ?P-P-Potter?, stammelte Professor Quirrell, ?ich k-kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich f-freue, Sie zu t-treffen.? ?Welche Art von Magie lehren Sie, Professor Quirrell?? ?V-Verteidigung g-gegen die d-dunklen K-K?nste?, murmelte Professor Quirrell, als ob er lieber nicht daran denken wollte. ?Nicht, d-dass Sie es n?tig h?tten, oder, P-Potter?? Er lachte nerv?s. ?Sie b-besorgen sich Ihre Ausr?stung, nehme ich an? Ich muss auch noch ein neues B-Buch ?ber V-Vampire abholen.? Schon bei dem blo?en Gedanken daran sah er furchtbar ver?ngstigt drein. Doch die anderen lie?en nicht zu, dass Professor Quirrell Harry allein in Beschlag nahm. Es dauerte fast zehn Minuten, bis er von allen losgekommen war. Endlich konnte sich Hagrid in der allgemeinen Aufregung Geh?r verschaffen. ?Wir m?ssen weiter ? haben eine Menge einzukaufen. Komm, Harry.? Doris Crockford sch?ttelte Harry ein letztes Mal die Hand. Hagrid f?hrte ihn durch die Bar auf einen kleinen, von Mauern umgebenen Hof hinaus, wo es nichts als einen M?lleimer und ein paar Unkr?uter gab. Hagrid grinste Harry zu. ?Hab?s dir doch gesagt, oder? Hab dir doch gesagt, dass du ber?hmt bist. Sogar Professor Quirrell hat gezittert, als er dich sah ? nun ja, er zittert fast st?ndig.? ?Ist er immer so nerv?s?? ?O ja. Armer Kerl. Genialer Kopf. Ging ihm gut, als er nur die B?cher studierte, doch dann hat er sich ein Jahr freigenommen, um ein wenig Erfahrung zu sammeln ? Es hei?t, er habe im Schwarzwald Vampire getroffen und er soll ein ?bles kleines Problem mit einer Hexe gehabt haben ? ist seitdem jedenfalls nicht mehr der Alte. Hat Angst vor den Sch?lern, Angst vor dem eigenen Unterrichtsstoff ? wo ist jetzt eigentlich mein Schirm abgeblieben?? Vampire? Hexen? Harry war leicht schwindelig. Unterdessen z?hlte Hagrid die Backsteine an der Mauer ?ber dem M?lleimer ab. ?Drei nach oben ? zwei zur Seite ??, murmelte er. ?Gut, einen Schritt zur?ck, Harry.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 48 von 48 Mit der Spitze des Schirms klopfte er dreimal gegen die Mauer. Der Stein, auf den er geklopft hatte, erzitterte, wackelte und in der Mitte erschien ein kleiner Spalt. ? Der wurde immer breiter, und eine Sekunde sp?ter standen sie vor einem Torbogen, der selbst f?r Hagrid gro? genug war. Er f?hrte hinaus auf eine gepflasterte Gasse, die sich in einer engen Biegung verlor. ?Willkommen in der Winkelgasse?, sagte Hagrid. Harrys verbl?ffter Blick lie? ihn verschmitzt l?cheln. Sie traten durch den Torbogen. Harry blickte rasch ?ber die Schulter und konnte gerade noch sehen, wie sich die Steinmauer wieder schloss. Die Sonne erleuchtete einen Stapel Kessel vor der T?r eines Ladens. Kessel ? Alle Gr??en ? Kupfer, Messing, Zinn, Silber ? Selbstumr?hrend ? Faltbar hie? es auf einem Schild ?ber ihren K?pfen. ?Jaow, du brauchst einen?, sagte Hagrid, ?aber erst m?ssen wir dein Geld holen.? Harry w?nschte sich mindestens vier Augenpaare mehr. Er drehte den Kopf in alle Himmelsrichtungen, w?hrend sie die Stra?e entlanggingen, und versuchte, alles auf einmal zu sehen: die L?den, die Auslagen vor den T?ren, die Menschen, die hier einkauften. Vor einer Apotheke stand eine rundliche Frau, und als sie vorbeigingen, sagte sie kopfsch?ttelnd: ?Drachenleber, sechzehn Sickel die Unze, die m?ssen verr?ckt sein ?? Ged?mpftes Eulengeschrei drang aus einem dunklen Laden. Auf einem Schild ?ber dem Eingang stand:Eeylops Eulenkaufhaus ? Waldk?uze, Zwergohreulen, Steink?uze, Schleiereulen, Schneeeulen. Einige Jungen in Harrys Alter dr?ckten ihre Nasen gegen ein Schaufenster mit Besen. ?Schau mal?, h?rte Harry einen von ihnen sagen, ?der neue Nimbus Zweitausend, der schnellste ?berhaupt ?? Manche L?den verkauften nur Umh?nge, andere Teleskope und merkw?rdige silberne Instrumente, die Harry noch nie gesehen hatte. Es gab Schaufenster, die vollgestopft waren mit F?ssern voller Fledermausmilzen und Aalaugen, wacklig gestapelten Zauberspruchfibeln, Federkielen, Pergamentrollen, Zaubertrankflaschen, Mondgloben ? ?Gringotts?, sagte Hagrid. Sie waren vor einem schneewei?en Haus angelangt, das hoch ?ber die kleinen L?den hinausragte. Neben dem blank polierten Bronzetor, in einer scharlachroten und goldbestickten Uniform stand ein ? ?Tja, das ist ein Kobold?, sagte Hagrid leise, als sie die steinernen Stufen zu ihm hochstiegen. Der Kobold war etwa einen Kopf kleiner als Harry. Er hatte ein dunkelh?utiges, kluges Gesicht, einen Spitzbart und, wie Harry auffiel, sehr lange Finger und gro?e F??e. Mit einer Verbeugung wies er sie hinein. Wieder standen sie vor einer Doppelt?r, einer silbernen diesmal, in die folgende Worte eingraviert waren: Fremder, komm du nur herein,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 49 von 49 Hab Acht jedoch und bl?u?s dir ein, Wer der S?nde Gier will dienen Und will nehmen, nicht verdienen, Der wird voller Pein verlieren. Wenn du suchst in diesen Hallen Einen Schatz, dem du verfallen, Dieb, sei gewarnt und sage dir, Mehr als Gold harrt deiner hier. ?Wie ich gesagt hab, du musst verr?ckt sein, wenn du den Laden knacken willst?, sagte Hagrid. Ein Paar Kobolde verbeugte sich, als sie durch die silberne T?r in eine riesige Marmorhalle schritten. Um die hundert Kobolde sa?en auf hohen Schemeln hinter einem langen Schalter, kritzelten Zahlen in gro?e Folianten, wogen auf Messingwaagen M?nzen ab und pr?ften Edelsteine mit unter die Brauen geklemmten Uhrmacherlupen. Unz?hlige T?ren f?hrten in anschlie?ende R?ume, und andere Kobolde geleiteten Leute herein und hinaus. Hagrid und Harry traten vor den Schalter. ?Moin?, sagte Hagrid. ?Wir sind hier, um ein wenig Geld aus Mr Harry Potters Safe zu entnehmen.? ?Sie haben seinen Schl?ssel, Sir??, fragte der Kobold. ?Hab ihn hier irgendwo?, sagte Hagrid und begann seine Taschen zu entleeren und ihren Inhalt auf dem Schalter auszubreiten, wobei er eine Hand voll kr?meliger Hundekuchen ?ber das Kassenbuch des Kobolds verstreute. Dieser r?mpfte die Nase. Harry sah dem Kobold zu ihrer Rechten dabei zu, wie er einen Haufen Rubine wog, die so gro? waren wie Eierkohlen. ?Hab ihn?, sagte Hagrid endlich und hielt dem Kobold einen kleinen goldenen Schl?ssel vor die Nase. Der Kobold nahm ihn genau in Augenschein. ?Das scheint in Ordnung zu sein.? ?Und ich habe au?erdem einen Brief von Professor Dumbledore?, sagte Hagrid, sich mit gewichtiger Miene in die Brust werfend. ?Es geht um den Du-wei?t-schon-was in Verlies siebenhundertunddreizehn.? Der Kobold las den Brief sorgf?ltig durch. ?Sehr gut?, sagte er und gab ihn Hagrid zur?ck. ?Ich werde veranlassen, dass man Sie in beide Verliese f?hrt. Griphook!? Auch Griphook war ein Kobold. Sobald Hagrid alle seine Hundekuchen in die Taschen zur?ckgestopft hatte, folgten er und Harry Griphook zu einer der T?ren, die aus der Halle hinausf?hrten.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 50 von 50 ?Was ist der Du-wei?t-schon-was in Verlies siebenhundertunddreizehn??, fragte Harry. ?Darf ich nicht sagen?, meinte Hagrid geheimnistuerisch. ?Streng geheim. Hat mit Hogwarts zu tun. Dumbledore vertraut mir. Lohnt sich nicht, meinen Job zu riskieren und es dir zu sagen.? Griphook hielt die T?r f?r sie auf. Harry, der noch mehr Marmor erwartet hatte, war ?berrascht. Sie waren nun in einem engen, steinernen Gang, den lodernde Fackeln erleuchteten. In den Boden waren schmale Bahngeleise eingelassen, die steil in die Tiefe f?hrten. Griphook pfiff und ein kleiner Karren kam auf den Schienen zu ihnen hochgezockelt. Sie kletterten hinauf und setzten sich ? Hagrid mit einigen Schwierigkeiten ? und schon ging es los. Zuerst fuhren sie durch ein Gewirr sich ?berkreuzender G?nge. Harry versuchte sich den Weg zu merken, links, rechts, rechts, links, durch die Mitte, rechts, links ? doch es war unm?glich. Der ratternde Karren schien zu wissen, wo es langging, denn es war nicht Griphook, der ihn steuerte. Harrys Augen schmerzten in der kalten Luft, durch die sie sausten, doch er hielt sie weit ge?ffnet. Einmal meinte er am Ende eines Durchgangs einen Feuersto? zu erkennen und wandte sich rasch um, denn vielleicht war es ein Drache ? aber zu sp?t. Sie drangen weiter in die Tiefe vor und passierten einen unterirdischen See, bei dem riesige Stalaktiten und Stalagmiten von der Decke und aus dem Boden wucherten. ?Ich kann mir nie merken?, rief Harry durch das l?rmende Rattern des Karrens Hagrid zu, ?was der Unterschied zwischen Stalaktiten und Stalagmiten ist.? ?Stalagmiten haben ein ?m? in der Mitte?, sagte Hagrid. ?Und jetzt keine Fragen mehr, mir ist schlecht.? Er war ganz gr?n im Gesicht, und als die Karre endlich neben einer kleinen T?r in der Wand des unterirdischen Ganges hielt, stieg Hagrid aus und musste sich gegen die Wand lehnen, um seine zitternden Knie zu beruhigen. Griphook schloss die T?r auf. Ein Schwall gr?nen Rauchs drang heraus, und als er sich verzogen hatte, stockte Harry der Atem. Im Innern lagen h?gelweise Goldm?nzen. Stapelweise Silberm?nzen. Haufenweise kleine bronzene Knuts. ?Alles dein?, sagte Hagrid l?chelnd. Alles geh?rte Harry ? das war unglaublich. Die Dursleys konnten davon nichts gewusst haben, oder sie h?tten es ihm schneller abgenommen, als er blinzeln konnte. Wie oft hatten sie sich dar?ber beschwert, wie viel es sie kostete, f?r Harry zu sorgen? Und die ganze Zeit ?ber war ein kleines Verm?gen, das ihm geh?rte, tief unter Londons Stra?en vergraben gewesen. Hagrid half Harry dabei, einen Teil der Sch?tze in eine T?te zu packen. ?Die goldenen sind Galleonen?, erkl?rte er. ?Siebzehn Silbersickel sind eine Galleone und neunundzwanzig Knuts sind eine Sickel. Nichts einfacher als das. Gut, das sollte f?r ein paar Schuljahre reichen, wir bewahren den Rest f?r dich auf.? Er

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 51 von 51 wandte sich Griphook zu. ?Verlies siebenhundertunddreizehn jetzt, bitte, und k?nnen wir etwas langsamer fahren?? ?Nur eine Geschwindigkeit?, sagte Griphook. Sie fuhren nun noch tiefer hinunter und wurden allm?hlich schneller. W?hrend sie durch scharfe Kurven rasten, wurde die Luft immer k?lter. Sie ratterten ?ber eine unterirdische Schlucht hinweg, und Harry lehnte sich ?ber den Wagenrand, um zu sehen, was tief unten auf dem dunklen Grund war, doch Hagrid st?hnte und zog ihn am Kragen zur?ck. Verlies siebenhundertunddreizehn hatte kein Schl?sselloch. ?Zur?cktreten?, sagte Griphook mit achtungheischender Stimme. Mit einem seiner langen Finger streichelte er sanft die T?r ? die einfach wegschmolz. ?Sollte jemand dies versuchen, der kein Kobold von Gringotts ist, dann wird er durch die T?r gesogen und sitzt dort drin in der Falle?, sagte Griphook. ?Wie oft schaust du nach, ob jemand dort ist??, fragte Harry. ?Einmal in zehn Jahren vielleicht?, sagte Griphook mit einem ziemlich gemeinen Grinsen. In diesem Hochsicherheitsverlies musste etwas ganz Besonderes aufbewahrt sein, da war sich Harry sicher, und er steckte seine Nase begierig hinein, um zumindest ein paar sagenhafte Juwelen zu sehen ? doch auf den ersten Blick schien alles leer. Dann bemerkte er auf dem Boden ein schmutziges, mit braunem Papier umwickeltes P?ckchen. Hagrid hob es auf und verstaute es irgendwo in den Tiefen seines Umhangs. Harry h?tte zu gern gewusst, was es war, aber ihm war klar, dass er besser nicht danach fragte. ?Los komm, zur?ck auf diese H?llenkarre, und red auf dem R?ckweg nicht. Es ist besser, wenn ich den Mund geschlossen halte?, sagte Hagrid. Nach einer weiteren haarstr?ubenden Fahrt auf dem Karren standen sie endlich wieder drau?en vor Gringotts und blinzelten in das Sonnenlicht. Nun, da Harry einen Sack voll Geld besa?, wusste er nicht, wo er zuerst hinlaufen sollte. Er musste nicht wissen, wie viel Galleonen ein englisches Pfund ausmachten, um sich bewusst zu sein, dass er noch nie im Leben so viel Geld besessen hatte ? mehr Geld, als selbst Dudley jemals gehabt hatte. ?K?nnten jetzt eigentlich mal deine Uniform kaufen?, sagte Hagrid und nickte zu Madam Malkins Anz?ge f?r alle Gelegenheiten hin?ber. ?H?r mal, Harry, w?rd es dir was ausmachen, wenn ich mir einen kleinen Magenbitter im Tropfenden Kessel genehmige? Ich hasse die Fuhrwerke bei Gringotts.? Er sah immer noch etwas bleich aus. Und so betrat der ein wenig nerv?se Harry allein Madam Malkins Laden. Madam Malkin war eine st?mmige, l?chelnde Hexe, die von Kopf bis Fu? malvenfarben gekleidet war.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 52 von 52 ?Hogwarts, mein Lieber??, sagte sie, kaum hatte Harry den Mund aufgemacht. ?Hab die Sachen hier ? ?brigens wird hier gerade noch ein junger Mann ausgestattet.? Hinten im Laden stand auf einem Schemel ein Junge mit blassem, spitzem Gesicht, und eine zweite Hexe steckte seinen langen schwarzen Umhang mit Nadeln ab. Madam Malkin stellte Harry auf einen Stuhl daneben, lie? einen langen Umhang ?ber seinen Kopf gleiten und steckte mit Nadeln die richtige L?nge ab. ?Hallo?, sagte der Junge. ?Auch Hogwarts?? ?Ja?, sagte Harry. ?Mein Vater ist nebenan und kauft die B?cher, und Mutter ist ein paar L?den weiter und sucht nach Zauberst?ben?, sagte der Junge. Er sprach mit gelangweilter, schleppender Stimme. ?Danach werd ich sie mitschleifen und mir einen Rennbesen aussuchen. Ich seh nicht ein, warum Erstkl?ssler keinen eigenen haben d?rfen. Ich glaub, ich geh meinem Vater so lange auf die Nerven, bis er mir einen kauft, und schmuggel ihn dann irgendwie rein.? Der Junge erinnerte Harry stark an Dudley. ?Hast du denn deinen eigenen Besen??, fuhr er fort. ?Nein?, sagte Harry. ?Spielst du ?berhaupt Quidditch?? ?Nein?, sagte Harry erneut und fragte sich, was zum Teufel Quidditch denn sein k?nnte. ?Aber ich ? Vater sagt, es w?re eine Schande, wenn ich nicht ausgew?hlt werde, um f?r mein Haus zu spielen, und ich muss sagen, er hat Recht. Wei?t du schon, in welches Haus du kommst?? ?Nein?, sagte Harry und f?hlte sich mit jeder Minute d?mmer. ?Na ja, eigentlich wei? es keiner, bevor er hinkommt, aber ich wei?, dass ich im Slytherin sein werde, unsere ganze Familie war da. ? Stell dir vor, du kommst nach Hufflepuff, ich glaub, ich w?rde abhauen, du nicht?? ?Mmm?, sagte Harry und w?nschte, er k?nnte etwas Interessanteres sagen. ?Ach herrje, schau dir mal diesen Mann an!?, sagte der Junge pl?tzlich und deutete auf das Schaufenster. Drau?en stand Hagrid, grinste Harry zu und hielt zwei gro?e T?ten mit Eiskrem hoch, um zu zeigen, dass er nicht hereinkommen konnte. ?Das ist Hagrid?, sagte Harry, froh, dass er etwas wusste, was der Junge nicht wusste. ?Er arbeitet in Hogwarts.? ?Oh?, sagte der Junge, ?ich hab von ihm geh?rt. Er ist ein Knecht oder so was, nicht wahr?? ?Er ist der Wildh?ter?, sagte Harry. Er konnte den Jungen mit jeder Sekunde weniger ausstehen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 53 von 53 ?Ja, genau. Ich hab geh?rt, dass er eine Art Wilder ist ? lebt in einer H?tte auf dem Schulgel?nde, betrinkt sich des ?fteren, versucht zu zaubern und steckt am Ende sein Bett in Brand.? ?Ich halte ihn f?r brillant?, sagte Harry k?hl. ?Tats?chlich??, sagte der Junge mit einer Spur H?me. ?Warum ist er mit dir zusammen? Wo sind deine Eltern?? ?Sie sind tot?, sagte Harry knapp. Er hatte keine gro?e Lust, mit diesem Jungen dar?ber zu sprechen. ?Oh, tut mir leid?, sagte der andere, wobei es gar nicht danach klang. ?Aber sie geh?rten zu uns, oder?? ?Sie war eine Hexe und er ein Zauberer, falls du das meinst.? ?Ich halte ?berhaupt nichts davon, die andern aufzunehmen, du etwa? Die sind einfach anders erzogen worden als wir und geh?ren eben nicht dazu. Stell dir vor, manche von ihnen wissen nicht einmal von Hogwarts, bis sie ihren Brief bekommen. Ich meine, die alten Zaubererfamilien sollten unter sich bleiben. Wie hei?t du eigentlich mit Nachnamen?? Doch bevor Harry antworten konnte, sagte Madam Malkin: ?So, das w?r?s, mein Lieber?, und Harry, froh ?ber die Gelegenheit, von dem Jungen loszukommen, sprang von seinem Schemel herunter. ?Gut, wir sehen uns in Hogwarts, nehme ich an?, sagte der Junge mit der schleppenden Stimme. Recht wortkarg schleckte Harry das Eis, das Hagrid ihm gekauft hatte (Schokolade und Himbeere mit Nussst?ckchen). ?Was ist los??, sagte Hagrid. ?Nichts?, log Harry. Sie traten in einen Laden, um Pergament und Federkiele zu kaufen. Harrys Laune besserte sich etwas, als sie eine Flasche Tinte kauften, die beim Schreiben ihre Farbe ver?nderte. Als sie wieder drau?en waren, sagte er: ?Hagrid, was ist Quidditch?? ?Mein Gott, Harry, ich vergess immer, wie wenig du wei?t ? kennst nicht mal Quidditch!? ?Mach?s nicht noch schlimmer?, sagte Harry. Er erz?hlte Hagrid von dem blassen Jungen bei Madam Malkin. ?? und er sagte, Leute aus Muggelfamilien sollten gar nicht aufgenommen werden ?? ?Du bist nicht aus einer Muggelfamilie. Wenn er w?sste, wer du bist ? wenn seine Eltern Zauberer sind, dann hat er deinen Namen mit der Muttermilch eingesogen ? du hast die Zauberer im Tropfenden Kessel gesehen. Und au?erdem, was wei? er schon, manche von den Besten waren die Einzigen in einer langen Linie von

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 54 von 54 Muggels, die das Zeug zum Zaubern hatten ? denk an deine Mum! Denk mal daran, was sie f?r eine Schwester hatte!? ?Also was ist jetzt Quidditch?? ?Das ist unser Sport. Zauberersport. Es ist wie ? wie Fu?ball in der Muggelwelt ? alle fahren auf Quidditch ab ? man spielt es in der Luft auf Besen und mit vier B?llen ? nicht ganz einfach, die Regeln zu erkl?ren.? ?Und was sind Slytherin und Hufflepuff?? ?Schulh?user. Es gibt vier davon. Alle sagen, in Hufflepuff sind ?ne Menge Flaschen, aber ?? ?Ich wette, ich komme nach Hufflepuff?, sagte Harry bedr?ckt. ?Besser Hufflepuff als Slytherin?, sagte Hagrid mit d?sterer Stimme. ?Die Hexen und Zauberer, die b?se wurden, waren allesamt in Slytherin. Du-wei?t-schon-wer war einer davon.? ?Vol-, ?tschuldigung ? Du-wei?t-schon-wer war in Hogwarts?? ?Das ist ewig lange her?, sagte Hagrid. Sie kauften die Schulb?cher f?r Harry in einem Laden namens Flourish & Blotts, wo die Regale bis an die Decke vollgestopft waren mit in Leder gebundenen B?chern, so gro? wie Gehwegplatten; andere waren klein wie Briefmarken und in Seide gebunden; viele B?cher enthielten merkw?rdige Symbole, und es gab auch einige, in denen gar nichts stand. Selbst Dudley, der nie las, w?re ganz scharf auf manche davon gewesen. Hagrid musste Harry beinahe wegziehen von Werken wie Fl?che und Gegenfl?che (Verzaubern Sie Ihre Freunde und verhexen Sie Ihre Feinde mit den neuesten Racheakten: Haarausfall, Wabbelbeine, Vertrocknete Zunge und vieles, vieles mehr) von Professor Vindictus Viridian. ?Ich m?chte rausfinden, wie ich Dudley verhexen kann.? ?Keine schlechte Idee, w?rd ich meinen, aber du sollst in der Muggelwelt nicht zaubern, au?er wenn?s brenzlig wird?, sagte Hagrid. ?Und du k?nntest mit diesen Fl?chen ohnehin noch nicht umgehen, du musst noch sehr viel lernen, bis du das kannst.? Hagrid wollte Harry auch keinen Kessel aus purem Gold kaufen lassen (?auf der Liste steht Zinn?), aber sie fanden eine praktische kleine Waage, um die Zutaten f?r die Zaubertr?nke abzumessen, und ein zusammenschiebbares Messingteleskop. Danach schauten sie in der Apotheke vorbei. Hier stank es zwar f?rchterlich nach einer Mischung aus faulen Eiern und verrottetem Kohl, doch es gab viele interessante Dinge zu sehen. Auf dem Boden standen F?sser, die mit einer Art Schleim gef?llt waren; die Regale an den W?nden waren vollgestellt mit Gl?sern, die Kr?uter, getrocknete Wurzeln und hellfarbene Pulver enthielten; von der Decke hingen Federb?schel, an Schn?ren aufgezogene Rei?z?hne und Krallenb?ndel. W?hrend Hagrid den Mann hinter der Theke um eine Auswahl wichtiger Zaubertrankzutaten f?r Harry bat, untersuchte Harry selbst die silbernen Einhorn-

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 55 von 55 H?rner zu einundzwanzig Galleonen das St?ck und die winzigen gl?nzend schwarzen K?feraugen (f?nf Knuts der Sch?pfl?ffel). Drau?en vor der Apotheke warf Hagrid noch einmal einen Blick auf Harrys Liste. ?Nur dein Zauberstab fehlt noch ? ach ja, und ich hab immer noch kein Geburtstagsgeschenk f?r dich.? Harry sp?rte, wie er rot wurde. ?Du musst mir kein ?? ?Ich wei?, ich muss nicht. Wei?t du was, ich kauf dir das Tier. Keine Kr?te, Kr?ten sind schon seit Jahren nicht mehr angesagt, man w?rde dich auslachen ? und ich mag keine Katzen, von denen muss ich niesen. Ich kauf dir eine Eule. Alle Kinder wollen Eulen, die sind unglaublich n?tzlich, besorgen deine Post und so weiter.? Zwanzig Minuten sp?ter verlie?en sie Eeylops Eulenkaufhaus. Dunkel war es dort gewesen, aus der einen oder andern Ecke hatten sie ein Flattern geh?rt, und gelegentlich waren diamanthelle Augenpaare aufgeblitzt. Harry trug jetzt einen gro?en K?fig, in dem eine wundersch?ne Schneeeule sa?, tief schlafend mit dem Kopf unter einem Fl?gel. Unabl?ssig stammelte er seinen Dank und klang dabei genau wie Professor Quirrell. ?Nicht der Rede wert?, sagte Hagrid schroff. ?Kann mir denken, dass du von diesen Dursleys nicht allzu viele Geschenke bekommen hast. M?ssen jetzt nur noch zu Ollivander, dem Laden f?r Zauberst?be, und du brauchst den besten.? Ein Zauberstab ? darauf war Harry am meisten gespannt. Der Laden war eng und sch?big. ?ber der T?r hie? es in abbl?tternden Goldbuchstaben: Ollivander ? Gute Zauberst?be seit 382 v. Chr. Auf einem verblassten purpurroten Kissen im staubigen Fenster lag ein einziger Zauberstab. Sie traten ein und von irgendwo ganz hinten im Laden kam das helle L?uten einer Glocke. Der Raum war klein und leer mit Ausnahme eines einzigen storchbeinigen Stuhls, auf den sich Hagrid niederlie?, um zu warten. Harry f?hlte sich so fremd hier, als ob er eine Bibliothek mit sehr strenger Aufsicht betreten h?tte. Er schluckte eine Menge neuer Fragen hinunter, die ihm gerade eingefallen waren, und betrachtete stattdessen tausende von l?nglichen Schachteln, die fein s?uberlich bis an die Decke gestapelt waren. Aus irgendeinem Grund kribbelte es ihm im Nacken. Allein der Staub und die Stille hier schienen ihn mit einem geheimen Zauber zu kitzeln. ?Guten Tag?, sagte eine sanfte Stimme. Harry schreckte auf. Auch Hagrid musste erschrocken sein, denn ein lautes Knacken war zu h?ren, und rasch erhob er sich von den Storchenbeinen. Ein alter Mann stand vor ihnen, seine weit ge?ffneten, blassen Augen leuchteten wie Monde durch die D?sternis des Ladens. ?Hallo?, sagte Harry verlegen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 56 von 56 ?Ah ja?, sagte der Mann. ?Ja, ja. Hab mir gedacht, dass Sie bald vorbeikommen. Harry Potter.? Das war keine Frage. ?Sie haben die Augen Ihrer Mutter. Mir kommt es vor, als w?re sie erst gestern selbst hier gewesen und h?tte ihren ersten Zauberstab gekauft. Zehneinviertel Zoll lang, geschmeidig, aus Weidenholz gefertigt. H?bscher Stab f?r bezaubernde Arbeit.? Mr Ollivander trat n?her. Harry w?nschte, er w?rde einmal blinzeln. Diese silbernen Augen waren etwas gruslig. ?Ihr Vater hingegen wollte lieber einen Zauberstab aus Mahagoni. Elf Zoll. Elastisch. Ein wenig mehr Kraft und hervorragend geeignet f?r Verwandlungen. Nun ja, ich sage, Ihr Vater wollte ihn ? im Grunde ist es nat?rlich der Zauberstab, der sich den Zauberer aussucht.? Mr Ollivander war Harry so nahe gekommen, dass sich beider Nasenspitzen fast ber?hrten. Harry konnte in diesen nebligen Augen sein Spiegelbild sehen. ?Und hier hat ?? Mr Ollivander ber?hrte die blitzf?rmige Narbe auf Harrys Stirn mit einem langen, wei?en Finger. ?Leider muss ich sagen, dass ich selbst den Zauberstab verkauft habe, der das angerichtet hat?, sagte er sanft. ?Dreizehneinhalb Zoll. Eibe. M?chtiger Zauberstab, sehr m?chtig, und in den falschen H?nden ? Nun, wenn ich gewusst h?tte, was dieser Zauberstab drau?en in der Welt anstellen w?rde ?? Er sch?ttelte den Kopf und bemerkte dann zu Harrys Erleichterung Hagrid. ?Rubeus! Rubeus Hagrid! Wie sch?n, Sie wiederzusehen ? Eiche, sechzehn Zoll, recht biegsam, nicht wahr?? ?Ja, Sir, das war er?, sagte Hagrid. ?Guter Stab, muss ich sagen. Aber ich f?rchte, man hat ihn zerbrochen, als Sie ausgeschlossen wurden??, sagte Mr Ollivander pl?tzlich mit ernster Stimme. Ȁhm ? ja, das haben sie, ja?, sagte Hagrid und scharrte mit den F??en. ?Hab aber immer noch die St?cke?, f?gte er strahlend hinzu. ?Aber Sie benutzen sie nicht, oder??, sagte Mr Ollivander scharf. ?O nein, Sir?, sagte Hagrid rasch. Harry bemerkte, dass er seinen rosa Schirm fest umklammerte, w?hrend er sprach. ?Hmmm?, sagte Mr Ollivander und sah Hagrid mit durchdringendem Blick an. ?Nun zu Ihnen, Mr Potter. Schauen wir mal.? Er zog ein langes Bandma? mit silbernen Strichen aus der Tasche. ?Welche Hand ist Ihre Zauberhand?? Ȁhm ? ich bin Rechtsh?nder?, sagte Harry. ?Strecken Sie Ihren Arm aus. Genau so.? Er ma? Harry von der Schulter bis zu den Fingerspitzen, dann vom Handgelenk zum Ellenbogen, von der Schulter bis zu den F??en, vom Knie zur Armbeuge und schlie?lich von Ohr zu Ohr. W?hrend er mit dem Ma?band arbeitete, sagte er: ?Jeder Zauberstab von Ollivander hat einen

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 57 von 57 Kern aus einem m?chtigen Zauberstoff, Mr Potter. Wir benutzen Einhornhaare, Schwanzfedern von Ph?nixen und die Herzfasern von Drachen. Keine zwei Ollivander-St?be sind gleich, ebenso wie kein Einhorn, Drache oder Ph?nix dem andern aufs Haar gleicht. Und nat?rlich werden Sie mit dem Stab eines anderen Zauberers niemals so hervorragende Resultate erzielen.? Harry fiel pl?tzlich auf, dass das Ma?band, welches gerade den Abstand zwischen seinen Nasenl?chern ma?, dies von selbst tat. Mr Ollivander huschte zwischen den Regalen herum und nahm Schachteln herunter. ?Das wird reichen?, sagte er und das Bandma? schnurrte zu einem Haufen auf dem Boden zusammen. ?Nun gut, Mr Potter. Probieren Sie mal diesen. Buchenholz und Drachenherzfasern. Neun Zoll. Handlich und biegsam. Nehmen Sie ihn einfach mal und schwingen Sie ihn durch die Luft.? Harry nahm den Zauberstab in die Hand und schwang ihn ein wenig hin und her (wobei er sich albern vorkam), doch Mr Ollivander riss ihm den Stab gleich wieder weg. ?Ahorn und Ph?nixfeder. Sieben Zoll. Peitscht so richtig. Versuchen Sie?s!? Harry versuchte es, doch kaum hatte er den Zauberstab erhoben, entriss ihm Mr Ollivander auch diesen. ?Nein, nein ? hier, Ebenholz und Einhornhaare, achteinhalb Zoll, federnd. Nur zu, nur zu, probieren Sie ihn aus.? Harry probierte. Und probierte. Er hatte keine Ahnung, worauf Mr Ollivander eigentlich wartete. Der Stapel mit den abgelegten Zauberst?ben auf dem storchbeinigen Stuhl wuchs immer h?her, doch je mehr Zauberst?be Mr Ollivander von den Regalen zog, desto gl?cklicher schien er zu werden. ?Schwieriger Kunde, was? Keine Sorge, wir werden hier irgendwo genau das Richtige finden. Ich frage mich jetzt ? ja, warum eigentlich nicht ? ungew?hnliche Verbindung ? Stechpalme und Ph?nixfeder, elf Zoll, handlich und geschmeidig.? Harry ergriff den Zauberstab. Pl?tzlich sp?rte er W?rme in den Fingern. Er hob den Stab ?ber den Kopf und lie? ihn durch die staubige Luft herabsausen. Ein Strom roter und goldener Funken schoss aus der Spitze hervor wie ein Feuerwerk, das tanzende Lichtflecken auf die W?nde warf. Hagrid johlte und klatschte, und Mr Ollivander rief: ?Aah, bravo. Ja, in der Tat, oh, sehr gut. Gut, gut, gut ? Wie seltsam ? Ganz seltsam ?? Er legte Harrys Zauberstab zur?ck in die Schachtel, immer noch murmelnd: ?Seltsam ? Seltsam ?? ?Verzeihung?, sagte Harry, ?aber was ist seltsam?? Mr Ollivander sah Harry mit blassen Augen fest an. ?Ich erinnere mich an jeden Zauberstab, den ich je verkauft habe, Mr Potter. An jeden einzelnen. Es trifft sich nun, dass der Ph?nix, dessen Schwanzfeder in Ihrem Zauberstab steckt, noch eine andere Feder gab ? nur eine noch. Es ist schon sehr

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 58 von 58 seltsam, dass Sie f?r diesen Zauberstab bestimmt sind, w?hrend sein Bruder ? nun ja, sein Bruder Ihnen diese Narbe beigebracht hat.? Harry schluckte. ?Ja, dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Wirklich merkw?rdig, wie die Dinge zusammentreffen. Der Zauberstab sucht sich den Zauberer, erinnern Sie sich ? Ich denke, wir haben Gro?artiges von Ihnen zu erwarten, Mr Potter ? Schlie?lich hat auch Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf Gro?artiges getan ? Schreckliches, ja, aber Gro?artiges.? Harry schauderte. Er war sich nicht sicher, ob er Mr Ollivander besonders gut leiden mochte. Er zahlte sieben goldene Galleonen f?r seinen Zauberstab und Mr Ollivander geleitete sie mit einer Verbeugung aus der T?r. Die sp?te Nachmittagssonne stand tief am Himmel, als sich Harry und Hagrid auf den R?ckweg durch die Winkelgasse machten, zur?ck durch die Mauer, zur?ck durch den Tropfenden Kessel, der nun menschenleer war. Harry schwieg, w?hrend sie die Stra?e entlanggingen; er bemerkte nicht einmal, wie viele Menschen in der U-Bahn sie mit offenem Munde anstarrten, beladen, wie sie waren, mit ihren merkw?rdigen P?ckchen und mit der schlafenden Schneeeule auf Harrys Scho?. Wieder fuhren sie eine Rolltreppe hoch, und hinaus ging es auf den Bahnhof Paddington. Harry erkannte erst, wo sie waren, als Hagrid ihm auf die Schulter klopfte. ?Haben noch Zeit f?r einen Imbiss, bevor dein Zug geht?, sagte er. Er kaufte f?r sich und Harry zwei Hamburger, und sie setzten sich auf die Plastiksitze, um sie zu verspeisen. Harry sah sich unabl?ssig um. Alles kam ihm irgendwie fremd vor. ?Alles in Ordnung mit dir, Harry? Du bist ja ganz still?, sagte Hagrid. Harry wusste nicht recht, wie er es erkl?ren konnte. Gerade hatte er den sch?nsten Geburtstag seines Lebens verbracht. Und doch, er kaute an seinem Hamburger und versuchte die richtigen Worte zu finden. ?Alle denken, ich sei etwas Besonderes?, sagte er endlich. ?All diese Leute im Tropfenden Kessel, Professor Quirrell, Mr Ollivander ? Aber ich wei? ?berhaupt nichts von Zauberei. Wie k?nnen sie gro?artige Dinge von mir erwarten? Ich bin ber?hmt, und ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wof?r ich ber?hmt bin. Ich wei? nicht, was passiert ist, als Vol-, tut mir leid ? ich meine, in der Nacht, als meine Eltern starben.? Hagrid beugte sich ?ber den Tisch. Hinter dem wilden Bart und den buschigen Augenbrauen entdeckte Harry ein liebevolles L?cheln. ?Mach dir keine Sorgen, Harry. Du wirst alles noch schnell genug lernen. In Hogwarts fangen sie alle ganz von vorne an, es wird dir sicher gut gehen. Sei einfach du selbst. Ich wei?, es ist schwer. Du bist auserw?hlt worden und das ist immer schwer. Aber du wirst eine tolle Zeit in Hogwarts verbringen ? wie ich damals ? und heute noch, um genau zu sein.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 59 von 59 Hagrid half Harry in den Zug, der ihn zu den Dursleys zur?ckbringen w?rde, und reichte ihm dann einen Umschlag. ?Deine Fahrkarte nach Hogwarts?, sagte er. ?Am 1. September Bahnhof King?s Cross ? steht alles drauf. Wenn du irgendwelche Schwierigkeiten mit den Dursleys hast, schick mir deine Eule, sie wei?, wo sie mich findet ? Bis bald, Harry.? Der Zug fuhr aus dem Bahnhof hinaus. Harry wollte Hagrid beobachten, bis er au?er Sicht war; er setzte sich auf und dr?ckte die Nase gegen das Fenster. Doch er blinzelte und schon war Hagrid verschwunden. Abreise von Gleis neundreiviertel Harrys letzter Monat bei den Dursleys war nicht besonders lustig. Gewiss, Dudley hatte nun so viel Angst vor Harry, dass er nicht im selben Zimmer mit ihm bleiben wollte, und Tante Petunia und Onkel Vernon schlossen Harry nicht mehr in den Schrank ein, zwangen ihn zu nichts und schrien ihn nicht an ? in Wahrheit sprachen sie kein Wort mit ihm. Halb entsetzt, halb w?tend taten sie, als ob der Stuhl, auf dem Harry sa?, leer w?re. So ging es ihm in mancher Hinsicht besser als zuvor, doch mit der Zeit wurde er ein wenig niedergeschlagen. Harry blieb gerne in seinem Zimmer in Gesellschaft seiner Eule. Er hatte beschlossen, sie Hedwig zu nennen, ein Name, den er in der Geschichte der Zauberei gefunden hatte. Seine Schulb?cher waren sehr interessant. Er lag auf dem Bett und las bis sp?t in die Nacht, w?hrend Hedwig durchs offene Fenster hinaus- oder hereinflatterte, wie es ihr gefiel. Ein Gl?ck, dass Tante Petunia nicht mehr mit dem Staubsauger hereinkam, denn andauernd brachte Hedwig tote M?use mit. Harry hatte einen Monatskalender an die Wand geheftet, und jede Nacht, bevor er einschlief, hakte er einen weiteren Tag ab. Am letzten Augusttag fiel ihm ein, dass er wohl mit Onkel und Tante dar?ber reden m?sse, wie er am n?chsten Tag zum Bahnhof King?s Cross kommen sollte. Er ging hinunter ins Wohnzimmer, wo sie sich ein Fernsehquiz ansahen. Als er sich r?usperte, um auf sich aufmerksam zu machen, schrie Dudley auf und rannte davon. Ȁhm ? Onkel Vernon?? Onkel Vernon grunzte zum Zeichen, dass er h?rte. Ȁhm ? ich muss morgen nach King?s Cross, um ? um nach Hogwarts zu fahren.? Onkel Vernon grunzte erneut. ?W?rde es dir etwas ausmachen, mich hinzufahren?? Ein Brummen. Harry nahm an, dass es Ja hie?.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 60 von 60 ?Danke.? Er war schon auf dem Weg zur Treppe, als Onkel Vernon tats?chlich den Mund aufmachte. ?Komische Art, zu einer Zaubererschule zu kommen, mit dem Zug. Die fliegenden Teppiche haben wohl alle L?cher, was?? Harry schwieg. ?Wo ist diese Schule ?berhaupt?? ?Ich wei? es nicht?, sagte Harry, selbst davon ?berrascht. Er zog die Fahrkarte, die Hagrid ihm gegeben hatte, aus der Tasche. ?Ich nehme einfach den Zug um elf Uhr von Gleis neundreiviertel?, las er laut. Tante und Onkel starrten ihn an. ?Gleis wie viel?? ?Neundreiviertel.? ?Red keinen Stuss?, sagte Onkel Vernon, ?es gibt kein Gleis neundreiviertel.? ?Es steht auf meiner Fahrkarte.? ?Total verr?ckt?, sagte Onkel Vernon, ?vollkommen ?bergeschnappt, das ganze Pack. Du wirst sehen. Wart?s nur ab. Gut, wir fahren dich nach King?s Cross. Wir m?ssen morgen ohnehin nach London, sonst w?rd ich mir die M?he ja nicht machen.? ?Warum fahrt ihr nach London??, fragte Harry, um das Gespr?ch ein wenig freundlich zu gestalten. ?Wir bringen Dudley ins Krankenhaus?, knurrte Onkel Vernon. ?Bevor er nach Smeltings kommt, muss dieser vermaledeite Schwanz weg.? Am n?chsten Morgen wachte Harry um f?nf Uhr auf, viel zu aufgeregt und nerv?s, um wieder einschlafen zu k?nnen. Er stieg aus dem Bett und zog seine Jeans an, weil er nicht in seinem Zaubererumhang auf dem Bahnhof erscheinen wollte ? er w?rde sich dann im Zug umziehen. Noch einmal ging er die Liste f?r Hogwarts durch, um sich zu vergewissern, dass er alles N?tige dabeihatte, und schloss Hedwig in ihren K?fig ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab, darauf wartend, dass die Dursleys aufstanden. Zwei Stunden sp?ter war Harrys riesiger, schwerer Koffer im Wagen der Dursleys verstaut, Tante Petunia hatte Dudley ?berredet, sich neben Harry zu setzen, und los ging die Fahrt. Sie erreichten King?s Cross um halb elf. Onkel Vernon packte Harrys Koffer auf einen Gep?ckwagen und schob ihn in den Bahnhof. Harry fand dies ungew?hnlich freundlich von ihm, bis Onkel Vernon mit einem h?sslichen Grinsen auf dem Gesicht vor den Bahnsteigen Halt machte. ?Nun, das war?s, Junge. Gleis neun ? Gleis zehn. Dein Gleis sollte irgendwo dazwischen liegen, aber sie haben es wohl noch nicht gebaut, oder??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 61 von 61 Nat?rlich hatte er vollkommen Recht. ?ber dem Bahnsteig hing auf der einen Seite die gro?e Plastikziffer 9, ?ber der anderen die gro?e Plastikziffer 10, und dazwischen war nichts. ?Na dann, ein gutes Schuljahr?, sagte Onkel Vernon mit einem noch h?sslicheren Grinsen. Er verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Harry wandte sich um und sah die Dursleys wegfahren. Alle drei lachten. Harrys Mund wurde ganz trocken. Was um Himmels willen sollte er tun? Schon richteten sich viele erstaunte Blicke auf ihn ? wegen Hedwig. Er musste jemanden fragen. Er sprach einen vorbeigehenden Wachmann an, wagte es aber nicht, Gleis neundreiviertel zu erw?hnen. Der Wachmann hatte nie von Hogwarts geh?rt, und als Harry ihm nicht einmal sagen konnte, in welchem Teil des Landes die Schule lag, wurde er zusehends ?rgerlich, als ob Harry sich absichtlich dumm anstellen w?rde. Schon ganz verzweifelt fragte Harry nach dem Zug, der um elf Uhr ging, doch der Wachmann meinte, es gebe keinen. Eine m?rrische Bemerkung ?ber Zeitverschwender auf den Lippen, ging er schlie?lich davon. Harry versuchte mit aller Macht, ruhig Blut zu bewahren. Der gro?en Uhr ?ber der Ankunfttafel nach hatte er noch zehn Minuten, um in den Zug nach Hogwarts zu steigen, und er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Da stand er nun, verloren mitten auf einem Bahnhof, mit einem Koffer, den er kaum vom Boden heben konnte, einer Tasche voller Zauberergeld und einer gro?en Eule. Hagrid musste vergessen haben, ihm zu sagen, dass er etwas Bestimmtes tun sollte, so wie man auf den dritten Backstein zur Linken klopfen musste, um auf die Winkelgasse zu kommen. Sollte er vielleicht seinen Zauberstab herausholen und auf den Fahrkartenschalter zwischen Gleis neun und Gleis zehn klopfen? In diesem Augenblick ging eine Gruppe von Menschen dicht hinter ihm vorbei und er schnappte ein paar Worte ihrer Unterhaltung auf: ?? voller Muggel, nat?rlich ?? Harry wandte sich rasch um. Gesprochen hatte eine kugelrunde Frau, um sie herum vier Jungen, allesamt mit flammend rotem Haar. Jeder der vier schob einen Koffer, so gro? wie der Harrys, vor sich her ? und sie hatten eine Eule dabei. Mit klopfendem Herzen schob Harry seinen Gep?ckwagen hinter ihnen her. Sie hielten an, und auch Harry blieb stehen, dicht genug hinter ihnen, um sie zu h?ren. ?So, welches Gleis war es noch mal??, fragte die Mutter der Jungen. ?Neundreiviertel?, piepste ein kleines M?dchen an ihrer Hand, das ebenfalls rote Haare hatte. ?Mammi, kann ich nicht mitgehen ?? ?Du bist noch zu klein, Ginny, und jetzt sei still. Percy, du gehst zuerst.? Der offenbar ?lteste Junge machte sich auf den Weg in Richtung Bahnsteig neun und zehn. Harry beobachtete ihn, angestrengt darauf achtend, nicht zu blinzeln, damit ihm nichts entginge ? doch gerade als der Junge die Absperrung zwischen den beiden Gleisen erreichte, schw?rmte eine gro?e Truppe Touristen an ihm vorbei, und als der letzte Rucksack sich verzogen hatte, war der Junge verschwunden.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 62 von 62 ?Fred, du bist dran?, sagte die rundliche Frau. ?Ich bin nicht Fred, ich bin George?, sagte der Junge. ?Ehrlich mal, gute Frau, du nennst dich unsere Mutter? Kannst du nicht sehen, dass ich George bin?? ?Tut mir leid, George, mein Liebling.? ?War nur ?n Witz, ich bin Fred?, sagte der Junge, und fort war er. Sein Zwillingsbruder rief ihm nach, er solle sich beeilen, und das musste er getan haben, denn eine Sekunde sp?ter war er verschwunden ? doch wie hatte er es geschafft? Nun schritt der dritte Bruder z?gig auf die Bahnsteigabsperrung zu ? er war schon fast dort ?, und dann, ganz pl?tzlich, war er nicht mehr zu sehen. Er war spurlos verschwunden. ?Entschuldigen Sie?, sagte Harry zu der rundlichen Frau. ?Hallo, mein Junge?, sagte sie. ?Das erste Mal nach Hogwarts? Ron ist auch neu.? Sie deutete auf den letzten und j?ngsten ihrer S?hne. Er war hoch gewachsen, d?nn und schlaksig, hatte Sommersprossen, gro?e H?nde und F??e und eine kr?ftige Nase. ?Ja?, sagte Harry. ?Die Sache ist die ? ist n?mlich die, ich wei? nicht, wie ich ?? ?Wie du zum Gleis kommen sollst??, sagte sie freundlich und Harry nickte. ?Keine Sorge?, sagte sie. ?Du l?ufst einfach schnurstracks auf die Absperrung vor dem Bahnsteig f?r die Gleise neun und zehn zu. Halt nicht an und hab keine Angst, du k?nntest dagegenknallen, das ist sehr wichtig. Wenn du nerv?s bist, dann renn lieber ein bisschen. Nun geh, noch vor Ron.? Ȁhm ? ja?, sagte Harry. Er drehte seinen Gep?ckwagen herum und blickte auf die Absperrung. Sie machte einen sehr stabilen Eindruck. Langsam ging er auf sie zu. Menschen auf dem Weg zu den Gleisen neun oder zehn rempelten ihn an. Harry beschleunigte seine Schritte. Er w?rde direkt in diesen Fahrkartenschalter knallen und dann s??e er in der Patsche. Er lehnte sich, auf den Wagen gest?tzt, nach vorn und st?rzte nun schwer atmend los ? die Absperrung kam immer n?her ? anhalten konnte er nun nicht mehr ? der Gep?ckkarren war au?er Kontrolle ? noch ein halber Meter ? er schloss die Augen, bereit zum Aufprall ? Nichts geschah ? Harry rannte weiter ? er ?ffnete die Augen. Eine scharlachrote Dampflok stand an einem Bahnsteig bereit, der voller Menschen war. Auf einem Schild ?ber der Lok stand Hogwarts-Express, 11 Uhr. Harry warf einen Blick ?ber die Schulter und sah an der Stelle, wo der Fahrkartenschalter gestanden hatte, ein schmiedeeisernes Tor und darauf die Worte Gleis neundreiviertel. Er hatte es geschafft. Die Lok blies Dampf ?ber die K?pfe der schnatternden Menge hinweg, w?hrend sich hie und da Katzen in allen Farben zwischen den Beinen der Leute

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 63 von 63 hindurchschl?ngelten. Durch das Geschnatter der Wartenden und das Kratzen der schweren Koffer schrien sich Eulen gegenseitig etwas m?rrisch an. Die ersten Waggons waren schon dicht mit Sch?lern besetzt. Einige lehnten sich aus den Fenstern und sprachen mit ihren Eltern und Geschwistern, andere stritten sich um Sitzpl?tze. Auf der Suche nach einem freien Platz schob Harry seinen Gep?ckwagen weiter den Bahnsteig hinunter. Er kam an einem Jungen mit rundem Gesicht vorbei und h?rte ihn klagen: ?Oma, ich hab schon wieder meine Kr?te verloren.? ?Ach, Neville?, h?rte er die alte Frau seufzen. Ein kleiner Auflauf hatte sich um einen Jungen mit Rastalocken gebildet. ?Lass uns nur einmal gucken, Lee, komm schon!? Der Junge hob den Deckel einer Schachtel, die er in den Armen hielt, und die Umstehenden kreischten und schrien auf, als ein langes, haariges Bein zum Vorschein kam. Harry schob sich weiter durch die Menge, bis er fast am Ende des Zuges ein leeres Abteil fand. Dort stellte er erst einmal Hedwig ab, dann begann er seinen Koffer in Richtung Waggont?r zu wuchten. Er versuchte ihn die Stufen hochzuhieven, doch er konnte den Koffer kaum auch nur an einer Seite anheben. Zweimal fiel er ihm auf die F??e und das tat weh. ?Brauchst du Hilfe?? Das war einer der rothaarigen Zwillinge, denen er durch den Fahrkartenschalter gefolgt war. ?Ja, bitte?, keuchte Harry. ?Hallo, Fred! Pack mal mit an!? Mit Hilfe der Zwillinge verstaute er seinen Koffer schlie?lich in einer Ecke des Abteils. ?Danke?, sagte Harry und wischte sich die schwei?nassen Haare aus der Stirn. ?Was ist denn das??, rief einer der Zwillinge pl?tzlich und deutete auf Harrys Blitznarbe. ?Mensch!?, sagte der andere Zwilling. ?Bist du ??? ?Er ist es?, sagte der erste Zwilling. ?Oder etwa nicht??, f?gte er an Harry gewandt hinzu. ?Wer??, sagte Harry. ?Harry Potter?, riefen die Zwillinge im Chor. ?Oh, der?, sagte Harry. ?Ja, allerdings, der bin ich.? Die beiden Jungen starrten ihn mit offenen M?ndern an, und Harry sp?rte, wie er rot wurde. Dann kam, zu seiner Erleichterung, eine Stimme durch die offene Waggont?r hereingeschwebt. ?Fred? George? Seid ihr da drin??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 64 von 64 ?Wir kommen, Mum.? Mit einem letzten Blick auf Harry sprangen die Zwillinge aus dem Zug. Harry setzte sich ans Fenster, wo er, halb verdeckt, die rothaarige Familie auf dem Bahnsteig beobachten und ihrem Gespr?ch lauschen konnte. Die Mutter hatte soeben ein Taschentuch hervorgezogen. ?Ron, du hast was an der Nase.? Der J?ngste versuchte sich loszurei?en, doch sie packte ihn und fing an seine Nase zu putzen. ?Mum ? h?r auf.? Er wand sich los. ?Aaah, hat Ronniesp?tzchen etwas am N?schen??, sagte einer der Zwillinge. ?Halt den Mund?, sagte Ron. ?Wo ist Percy??, fragte die Mutter. ?Da kommt er.? Der ?lteste Junge kam angeschritten. Er hatte bereits seinen wogenden schwarzen Hogwarts-Umhang angezogen und Harry bemerkte ein schimmerndes rot-goldenes Abzeichen mit dem Buchstaben V auf seiner Brust. ?Kann nicht lange bleiben, Mutter?, sagte er. ?Ich bin ganz vorn, die Vertrauenssch?ler haben zwei Abteile f?r sich.? ?Oh, du bist Vertrauenssch?ler, Percy??, sagte einer der Zwillinge und tat ganz ?berrascht. ?H?ttest du doch etwas gesagt, wir wussten ja gar nichts davon.? ?Warte, mir ist, als h?tte er mal was erw?hnt?, sagte der andere Zwilling. ?Einmal ?? ?Oder auch zweimal ?? ?So nebenbei ?? ?Den ganzen Sommer ?ber ?? ?Ach, h?rt auf?, sagte Percy der Vertrauenssch?ler. ?Warum hat Percy eigentlich einen neuen Umhang??, fragte einer der Zwillinge. ?Weil er ein Vertrauenssch?ler ist?, sagte die Mutter vergn?gt. ?Nun gut, mein Schatz, ich w?nsch dir ein gutes Schuljahr ? und schick mir eine Eule, wenn du angekommen bist.? Sie k?sste Percy auf die Wange und er verabschiedete sich. Dann wandte sie sich den Zwillingen zu. ?Und jetzt zu euch beiden. Dieses Jahr benehmt ihr euch. Wenn ich noch einmal eine Eule bekomme, die mir sagt, dass ihr ? dass ihr ein Klo in die Luft gejagt habt oder ?? ?Ein Klo in die Luft gejagt? Wir haben noch nie ein Klo in die Luft gejagt.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 65 von 65 ?Ist aber eine klasse Idee, danke, Mum.? ?Das ist nicht lustig. Und passt auf Ron auf.? ?Keine Sorge, Ronniesp?tzchen ist sicher mit uns.? ?Haltet den Mund?, sagte Ron erneut. Er war schon fast so gro? wie die Zwillinge, und seine Nase war dort, wo die Mutter sie geputzt hatte, immer noch rosa. ?He, Mum, wei?t du was? Rate mal, wen wir im Zug getroffen haben!? Harry lehnte sich rasch zur?ck, damit sie nicht sehen konnten, dass er sie beobachtete. ?Wei?t du noch, dieser schwarzhaarige Junge, der im Bahnhof neben uns stand? Wei?t du, wer das ist?? ?Wer?? ?Harry Potter!? Harry h?rte die Stimme des kleinen M?dchens. ?Oh, Mum, kann ich in den Zug gehen und ihn sehen? Mum, bitte ?? ?Du hast ihn schon gesehen, Ginny, und der arme Junge ist kein Tier, das man sich anguckt wie im Zoo. Ist er es wirklich, Fred? Woher wei?t du das?? ?Hab ihn gefragt. Hab seine Narbe gesehen. Es gibt sie wirklich ? sieht aus wie ein Blitz.? ?Der Arme ? kein Wunder, dass er allein war. Er hat ja so h?flich gefragt, wie er auf den Bahnsteig kommen soll.? ?Schon gut, aber glaubst du, er erinnert sich daran, wie Du-wei?t-schon-wer aussieht?? Ihre Mutter wurde pl?tzlich sehr ernst. ?Ich verbiete dir, ihn danach zu fragen, Fred. Wag es ja nicht. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass er an seinem ersten Schultag daran erinnert wird.? ?Schon gut, reg dich ab.? Ein Pfiff gellte ?ber den Bahnsteig. ?Beeilt euch!?, sagte die Mutter und die drei Jungen stiegen in den Zug. Sie lehnten sich aus dem Fenster f?r einen Abschiedskuss und ihre kleine Schwester begann zu weinen. ?Nicht doch, Ginny, wir senden dir kistenweise Eulen.? ?Wir schicken dir eine Klobrille aus Hogwarts.? ?George!? ?War nur ?n Witz, Mum.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 66 von 66 Mit einem Ruck fuhr der Zug an. Harry sah die Mutter der Jungen und die kleine Schwester halb lachend, halb weinend zum Abschied winken. Sie rannten mit, bis der Zug zu schnell wurde, dann blieben sie stehen und winkten. Der Zug ging in eine Kurve und Harry verlor das M?dchen und seine Mutter aus den Augen. Vor dem Fenster zogen H?user vorbei. Pl?tzlich war Harry ganz aufgeregt. Er wusste nicht, was ihn erwartete ? doch besser als das, was er zur?cklie?, musste es allemal sein. Die Abteilt?r glitt auf und der j?ngste der Rotsch?pfe kam herein. ?Sitzt da jemand??, fragte er und deutete auf den Sitz gegen?ber von Harry. ?Der ganze Zug ist n?mlich voll.? Harry sch?ttelte den Kopf und der Junge setzte sich. Er warf Harry einen schnellen Blick zu und sah dann schweigend aus dem Fenster. Harry sah, dass er immer noch einen schwarzen Fleck auf der Nase hatte. ?He, Ron.? Da waren die Zwillinge wieder. ?H?r mal, wir gehen weiter in die Mitte. Lee Jordan hat eine riesige Tarantel.? ?Macht nur?, murmelte Ron. ?Harry?, sagte der andere Zwilling, ?haben wir uns eigentlich schon vorgestellt? Fred und George Weasley. Und das hier ist Ron, unser Bruder. Bis sp?ter dann.? ?Tschau?, sagten Harry und Ron. Die Zwillinge schoben die Abteilt?r hinter sich zu. ?Bist du wirklich Harry Potter??, kam es aus Ron hervorgesprudelt. Harry nickte. ?Aah, gut, ich dachte, es w?re vielleicht wieder so ein Scherz von Fred und George?, sagte Ron. ?Und hast du wirklich ? du wei?t schon ?? Er deutete auf Harrys Stirn. Harry strich sich die Haare aus dem Gesicht und zeigte ihm die Blitznarbe. Ron machte gro?e Augen. ?Also hier hat Du-wei?t-schon-wer ??? ?Ja?, sagte Harry, ?aber ich kann mich nicht daran erinnern.? ?An nichts??, fragte Ron neugierig. ?Na ja, ich erinnere mich noch, dass ?berall gr?nes Licht war, aber an sonst nichts.? ?Mensch?, sagte Ron. Er sa? da, starrte Harry einige Zeit lang an, und dann, als sei ihm pl?tzlich klar geworden, was er da tat, wandte er seine Augen rasch wieder aus dem Fenster.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 67 von 67 ?Sind alle in eurer Familie Zauberer??, fragte Harry, der Ron genauso interessant fand wie Ron ihn. Ȁhm ? ja, ich denke schon?, sagte Ron. ?Ich glaube, Mum hat noch einen zweiten Vetter, der Buchhalter ist, aber wir reden nie ?ber ihn.? ?Dann musst du schon viel vom Zaubern verstehen.? Die Weasleys waren offensichtlich eine dieser alten Zaubererfamilien, von denen der blasse Junge in der Winkelgasse gesprochen hatte. ?Ich hab geh?rt, dass du bei den Muggeln gelebt hast?, sagte Ron. ?Wie sind die?? ?F?rchterlich ? na ja, nicht alle. Meine Tante, mein Onkel und mein Vetter jedenfalls. Ich w?nschte, ich h?tte auch drei Zaubererbr?der.? ?F?nf?, sagte Ron. Aus irgendeinem Grund verd?sterte sich seine Miene. ?Ich bin der Sechste in unserer Familie, der nach Hogwarts geht. Und das hei?t, in mich setzt man hohe Erwartungen. Bill und Charlie sind schon nicht mehr dort ? Bill war Schulsprecher und Charlie war Kapit?n der Quidditch-Mannschaft. Und Percy ist jetzt Vertrauenssch?ler. Fred und George machen zwar eine Menge Unsinn, aber sie haben trotzdem ganz gute Noten und sind beliebt. Alle erwarten von mir, dass ich so gut bin wie die andern, aber wenn ich es schaffe, ist es keine gro?e Sache, weil sie es schon vorgemacht haben. Au?erdem kriegst du nie etwas Neues, wenn du f?nf Br?der hast. Ich habe den alten Umhang von Bill, den alten Zauberstab von Charlie und die alte Ratte von Percy.? Ron schob die Hand in die Jacke und zog eine fette, graue, schlafende Ratte hervor. ?Ihr Name ist Kr?tze und sie ist nutzlos, sie pennt immer. Percy hat von meinem Dad eine Eule bekommen, weil er Vertrauenssch?ler wurde, aber sie konnten sich keine ? ich meine, ich habe stattdessen Kr?tze bekommen.? Rons Ohren f?rbten sich rosa. Offenbar glaubte er, er habe jetzt zu viel gesagt, denn er sah jetzt wieder aus dem Fenster. Harry fand es ?berhaupt nicht schlimm, wenn jemand sich keine Eule leisten konnte. Schlie?lich hatte er bis vor einem Monat keinen Penny gehabt, und er erz?hlte Ron auch, dass er immer Dudleys alte Klamotten tragen musste und nie ein richtiges Geburtstagsgeschenk bekommen hatte. Das schien Ron ein wenig aufzumuntern. ?? und bis Hagrid es mir gesagt hat, wusste ich ?berhaupt nicht, dass ich ein Zauberer bin, und auch nichts von meinen Eltern und Voldemort.? Ron stockte der Atem. ?Was ist??, fragte Harry. ?Du hast Du-wei?t-schon-wen beim Namen genannt!?, sagte Ron, entsetzt und beeindruckt zugleich. ?Ich h?tte nicht gedacht, dass ausgerechnet du ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 68 von 68 ?Ich m?chte nicht so tun, als ob ich besonders mutig w?re, wenn ich den Namen sage?, antwortete Harry. ?Ich habe einfach nie gewusst, dass man es nicht tun sollte. Verstehst du? Ich hab noch eine Menge zu lernen ? Ich wette?, fuhr er fort und redete sich etwas von der Seele, das ihm seit kurzem viel Sorge bereitete, ?ich wette, ich bin der Schlechteste in der Klasse.? ?Das glaube ich nicht. Es gibt eine Menge Leute aus Muggelfamilien und sie lernen trotzdem schnell.? W?hrend sie sich unterhielten, hatte der Zug London hinter sich gelassen. Wiesen mit K?hen und Schafen zogen nun schnell an ihnen vorbei. Eine Weile schwiegen sie und schauten hinaus auf Felder und Wege. Um halb zw?lf drang vom Gang ein lautes Geklirre und Geklapper herein, und eine Frau mit Gr?bchen in den Wangen schob die T?r auf und sagte l?chelnd: ?Eine Kleinigkeit vom Wagen gef?llig, ihr S??en?? Harry, der nicht gefr?hst?ckt hatte, sprang auf, doch Rons Ohren liefen wieder rosa an. Er habe Stullen dabei, nuschelte er. Harry trat hinaus in den Gang. Bei den Dursleys hatte er nie Geld f?r S??igkeiten gehabt, und nun, mit den Taschen voll klimpernder Gold- und Silberm?nzen, hatte er gro?e Lust, so viele Schokoriegel zu kaufen, wie er nur tragen konnte, doch die Frau hatte keine Schokoriegel. Es gab Bertie Botts Bohnen in allen Geschmacksrichtungen, Bubbels Besten Blaskaugummi, Schokofr?sche, K?rbispasteten, Kesselkuchen, Lakritz-Zauberst?be und einige andere seltsame Dinge, die Harry noch nie gesehen hatte. Damit ihm auch nichts entginge, nahm er von allem etwas und zahlte der Frau elf Silbersickel und sieben Bronzeknuts. Ron machte gro?e Augen, als Harry mit all den Sachen ins Abteil zur?ckkam und sie auf einen leeren Sitz fallen lie?. ?Bist wohl ziemlich hungrig?? ?Ich verhungere gleich?, sagte Harry und nahm einen gro?en Bissen von einer K?rbispastete. Ron hatte ein klobiges Papierb?ndel herausgeholt und es aufgewickelt. Drin waren vier belegte Brote. Er zog eins davon auseinander und sagte: ?Sie vergisst immer, dass ich kein Corned Beef mag.? ?Ich tausch es f?r eine hiervon?, sagte Harry und hielt eine Pastete hoch. ?Na los ?? ?Das Brot magst du sicher nicht, es ist ganz trocken?, sagte Ron. ?Sie hat nicht viel Zeit?, f?gte er rasch hinzu, ?mit gleich f?nfen von uns, du wei?t ja.? ?Ach, komm schon, nimm dir eine Pastete?, sagte Harry, der noch nie etwas zu teilen gehabt hatte oder auch nur jemanden, mit dem er etwas h?tte teilen k?nnen. Es war ein gutes Gef?hl, hier mit Ron zu sitzen und sich durch all seine Pasteten und Kuchen zu futtern (die Stullen hatten sie l?ngst vergessen).

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 69 von 69 ?Was ist das??, fragte Harry und hielt eine Schachtel Schokofr?sche hoch. ?Das sind keine echtenFr?sche, oder?? Allm?hlich hatte er das Gef?hl, dass ihn nichts mehr ?berraschen w?rde. ?Nein?, sagte Ron. ?Aber schau nach, was auf der Karte ist, mir fehlt noch Agrippa.? ?Was?? ?Ach, das wei?t du nat?rlich nicht! In den Schokofr?schen sind Bildkarten von ber?hmten Hexen und Zauberern zum Sammeln. Ich habe ?ber f?nfhundert, aber mir fehlen noch Agrippa und Ptolem?us.? Harry wickelte den Schokofrosch aus und entnahm die Karte. Sie zeigte das Gesicht eines Mannes. Er trug eine Lesebrille, hatte eine lange, krumme Nase, wehendes Silberhaar und einen m?chtigen Vollbart. Unter dem Bild stand der Name Albus Dumbledore. ?Das ist also Dumbledore!?, rief Harry. ?Sag blo?, du hast noch nie von Dumbledore geh?rt!?, rief Ron. ?Kann ich einen Frosch haben? Vielleicht ist Agrippa drin. ? Danke.? Harry drehte seine Karte um und las: Albus Dumbledore, gegenw?rtig Schulleiter von Hogwarts. Gilt bei vielen als der gr??te Zauberer der j?ngeren Geschichte. Professor Dumbledores Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg ?ber den schwarzen Magier Grindelwald im Jahre 1945, auf der Entdeckung der zw?lf Anwendungen f?r Drachenblut und auf seinem Werk ?ber Alchemie, verfasst zusammen mit seinem Partner Nicolas Flamel. In seiner Freizeit h?rt Professor Dumbledore mit Vorliebe Kammermusik und spielt Bowling. Harry drehte die Karte wieder um und stellte verbl?fft fest, dass Dumbledores Gesicht verschwunden war. ?Er ist weg!? ?Tja, du kannst nicht erwarten, dass er den ganzen Tag hier rumh?ngt?, sagte Ron. ?Er wird schon wiederkommen. Ach nein, ich hab schon wieder Morgana; von der hab ich doch schon sechs St?ck ? willst du sie? Du k?nntest anfangen zu sammeln.? Rons Augen wanderten hin?ber zu dem Haufen Schokofr?sche, die nur darauf warteten, ausgewickelt zu werden. ?Bedien dich?, sagte Harry. ?Aber in der ? in der Muggelwelt bleiben die Leute einfach sichtbar.? ?Wirklich? Soll das hei?en, sie bewegen sich ?berhaupt nicht?? Ron klang verbl?fft. ?Komisch!? Harry machte gro?e Augen, als Dumbledore wieder ins Bild auf seiner Karte huschte und ihn kaum merklich anl?chelte. Ron war mehr daran interessiert, die

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 70 von 70 Fr?sche zu verspeisen, als die Karten mit den ber?hmten Hexen und Zauberern zu betrachten, doch Harry konnte seine Augen nicht von ihnen abwenden. Bald besa? er nicht nur Dumbledore und Morgana, sondern auch Hengis von Woodcroft, Alberich Grunnion, Circe, Paracelsus und Merlin. Schlie?lich wandte er mit M?he die Augen von der Druidin Cliodna ab, die sich gerade an der Nase kratzte, und ?ffnete eine T?te Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen. ?Sei blo? vorsichtig mit denen?, warnte ihn Ron. ?Wenn sie sagen, jede Geschmacksrichtung, dannmeinen sie es auch. ? Du kriegst zwar alle gew?hnlichen wie Schokolade und Pfefferminz und Erdbeere, aber auch Spinat und Leber und Kutteln. George meint, er habe mal eine mit Popelgeschmack gehabt.? Ron nahm sich eine gr?ne Bohne, studierte sie sorgf?ltig und biss sich ein St?ck ab. Ȁ??hhh ? siehst du? Rosenkohl.? Die Bohnen jeder Geschmacksrichtung zu essen machte ihnen Spa?. Harry hatte Toast, Kokosnuss, gebackene Bohnen, Erdbeere, Curry, Gras, Kaffee und Sardine und war sogar k?hn genug, um das Ende einer merkw?rdigen grauen Bohne anzuknabbern, die Ron nicht einmal anfassen wollte. Sie schmeckte nach Pfeffer. Die Landschaft, die nun am Fenster vorbeiflog, wurde zunehmend wilder. Die ordentlich bestellten Felder waren verschwunden. Jetzt sahen sie W?lder, verschlungene Fl?sse und dunkelgr?ne H?gel. An der Abteilt?r klopfte es, und der Junge mit dem runden Gesicht, an dem Harry auf dem Bahnsteig vorbeigegangen war, kam herein. Er sah ganz verweint aus. ?Tut mir leid?, sagte er, ?aber habt ihr vielleicht eine Kr?te gesehen?? Als sie die K?pfe sch?ttelten, fing er an zu klagen: ?Ich hab sie verloren. Immer haut sie ab!? ?Sie wird schon wieder auftauchen?, sagte Harry. ?Ja?, sagte der Junge verzweifelt. ?Gut, falls ihr sie seht ?? Er verschwand wieder. ?Wei? nicht, warum er sich so aufregt?, sagte Ron. ?Wenn ich eine Kr?te mitgebracht h?tte, dann w?r ich sie so schnell wie m?glich losgeworden. Doch was soll?s, hab ja Kr?tze mitgebracht, ich sollte also lieber den Mund halten.? Die Ratte d?ste immer noch auf Rons Scho?. ?Sie k?nnte inzwischen gestorben sein, ohne dass ich es gemerkt h?tte?, sagte Ron voller Abscheu. ?Gestern hab ich versucht, sie gelb zu f?rben, damit sie interessanter aussieht, aber der Spruch hat nicht gewirkt. Ich zeig?s dir, schau mal ?? Er st?berte in seinem Koffer herum und zog einen arg in Mitleidenschaft genommenen Zauberstab hervor. An manchen Stellen war er angeschnitten und etwas Wei?es glitzerte an der Spitze.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 71 von 71 ?Das Einhornhaar kommt schon fast raus. Egal ?? Gerade hatte er seinen Zauberstab erhoben, als die Abteilt?r erneut aufgeschoben wurde. Wieder war es der kr?tenlose Junge, doch diesmal war ein M?dchen bei ihm. Sie trug schon jetzt ihren neuen Hogwarts-Umhang. ?Hat jemand eine Kr?te gesehen? Neville hat seine verloren?, sagte sie mit gebieterischer Stimme. Sie hatte einen ?ppigen braunen Haarschopf und recht lange Vorderz?hne. ?Wir haben ihm schon gesagt, dass wir sie nicht gesehen haben?, erkl?rte Ron. Doch das M?dchen h?rte nicht zu, sondern betrachtete den Zauberstab in seiner Hand. ?Aha, du bist gerade am Zaubern? Dann lass mal sehen.? Sie setzte sich. Ron sah verlegen aus. Ȁhm ? na gut.? Er r?usperte sich. ?Eidotter, G?nsekraut und Sonnenschein, Gelb soll diese fette Ratte sein.? Er wedelte mit dem Zauberstab durch die Luft, doch nichts passierte. Kr?tze blieb bei seiner grauen Farbe und schlief munter weiter. ?Bist du sicher, dass das ein richtiger Zauberspruch ist??, sagte das M?dchen. ?Jedenfalls ist er nicht besonders gut. Ich hab selbst ein paar einfache Spr?che probiert, nur zum ?ben, und bei mir hat?s immer geklappt. Keiner in meiner Familie ist magisch, es war ja so eine ?berraschung, als ich meinen Brief bekommen hab, aber ich hab mich unglaublich dar?ber gefreut, es ist nun einmal die beste Schule f?r Zauberei, die es gibt, wie ich geh?rt hab ? ich hab nat?rlich alle unsere Schulb?cher auswendig gelernt, ich hoffe nur, das reicht. ?brigens, ich bin Hermine Granger, und wer seid ihr?? Das alles sprudelte in atemberaubender Geschwindigkeit aus ihr heraus. Harry sah Ron an und war erleichtert, in seinem verbl?fften Gesicht ablesen zu k?nnen, dass auch er nicht alle Schulb?cher auswendig gelernt hatte. ?Ich bin Ron Weasley?, murmelte Ron. ?Harry Potter?, sagte Harry. ?Ach tats?chlich??, sagte Hermine. ?Nat?rlich wei? ich alles ?ber dich, ich hab noch ein paar andere B?cher, als Hintergrundlekt?re, und du stehst in der Geschichte der modernen Magie, im Aufstieg und Niedergang der dunklen K?nste und in der Gro?en Chronik der Zauberei des zwanzigsten Jahrhunderts.? ?Nicht zu fassen?, sagte Harry, etwas schwurbelig im Kopf. ?Meine G?te, hast du das nicht gewusst, ich jedenfalls h?tte alles ?ber mich rausgefunden, wenn ich du gewesen w?re?, sagte Hermine. ?Wisst ihr eigentlich

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 72 von 72 schon, in welches Haus ihr kommt? Ich hab herumgefragt und hoffentlich komme ich nach Gryffindor, da h?rt man das Beste, es hei?t, Dumbledore selber war dort, aber ich denke, Ravenclaw w?r auch nicht schlecht ? Gut denn, wir suchen jetzt besser weiter nach Nevilles Kr?te. ?brigens, ihr beide solltet euch lieber umziehen, ich glaube, wir sind bald da.? Den kr?tenlosen Jungen im Schlepptau, zog sie von dannen. ?Egal, in welches Haus ich komme, Hauptsache, die ist woanders?, sagte Ron. Er warf seinen Zauberstab in den Koffer zur?ck. ?Bl?der Spruch, ich hab ihn von George. Wette, er hat gewusst, dass es ein Blindg?nger ist.? ?In welchem Haus sind deine Br?der??, fragte Harry. ?Gryffindor?, sagte Ron. Wieder schienen ihn d?stere Gedanken gefangen zu nehmen. ?Mum und Dad waren auch dort. Ich wei? nicht, was sie sagen werden, wenn ich woanders hinkomme. Ravenclaw w?re sicher nicht allzu schlecht, aber stell dir vor, sie stecken mich nach Slytherin.? ?Das ist das Haus, in dem Vol-, ich meine, Du-wei?t-schon-wer war?? ?Ja?, sagte Ron. Er lie? sich mit tr?bseliger Miene in seinen Sitz zur?ckfallen. ?Wei?t du was, mir kommen die Spitzen von Kr?tzes Schnurrhaaren doch etwas heller vor?, sagte Harry, um Ron abzulenken. ?Und was machen jetzt eigentlich deine ?lteren Br?der, wo sie aus der Schule sind?? Harry war neugierig, was ein Zauberer wohl nach der Schule anstellen mochte. ?Charlie ist in Rum?nien und erforscht Drachen und Bill ist in Afrika und erledigt etwas f?r Gringotts?, sagte Ron. ?Hast du von Gringotts geh?rt? Es kam ganz gro? im Tagespropheten, aber den kriegst du wohl nicht bei den Muggeln: Jemand hat versucht ein Hochsicherheitsverlies auszurauben.? Harry starrte ihn an. ?Wirklich? Und weiter?? ?Nichts, darum hat die Sache ja Schlagzeilen gemacht. Man hat sie nicht erwischt. Mein Dad sagt, es muss ein m?chtiger schwarzer Magier gewesen sein, wenn er bei Gringotts eindringen konnte, aber sie glauben nicht, dass sie etwas mitgenommen haben, und das ist das Merkw?rdige daran. Nat?rlich kriegen es alle mit der Angst zu tun, wenn so etwas passiert, es k?nnte ja Du-wei?t-schon-wer dahinterstecken.? Harry dachte ?ber diese Neuigkeit nach. Inzwischen sp?rte er immer ein wenig Angst in sich hochkribbeln, wenn der Name von Du-wei?t-schon-wem fiel. Das geh?rte wohl dazu, wenn man in die Welt der Zauberer eintrat, doch es war viel einfacher gewesen, ?Voldemort? zu sagen, ohne sich deswegen zu beunruhigen. ?F?r welche Quidditch-Mannschaft bist du eigentlich??, fragte Ron. Ȁhm ? ich kenne gar keine?, gestand Harry. ?Was?? Ron sah ihn verdutzt an. ?Ach, wart?s nur ab, das ist das beste Spiel der Welt ?? Und dann legte er los und erkl?rte alles ?ber die vier B?lle und die Positionen der sieben Spieler, beschrieb ber?hmte Spiele, die er mit seinen Br?dern

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 73 von 73 besucht hatte, und den Besen, den er gerne kaufen w?rde, wenn er das Geld dazu h?tte. Gerade war er dabei, Harry in die raffinierteren Z?ge des Spiels einzuf?hren, als die Abteilt?r wieder aufging. Doch diesmal waren es weder Neville, der kr?tenlose Junge, noch Hermine Granger. Drei Jungen traten ein und Harry erkannte sofort den mittleren von ihnen: Es war der blasse Junge aus Madam Malkins Laden. Er musterte Harry nun viel interessierter als in der Winkelgasse. ?Stimmt es??, sagte er. ?Im ganzen Zug sagen sie, dass Harry Potter in diesem Abteil ist. Also du bist es?? ?Ja?, sagte Harry. Er sah die anderen Jungen an. Beide waren st?mmig und wirkten ziemlich fies. Wie sie da zur Rechten und zur Linken des blassen Jungen standen, sahen sie aus wie seine Leibw?chter. ?Oh, das ist Crabbe und das ist Goyle?, bemerkte der blasse Junge l?ssig, als er Harrys Blick folgte. ?Und mein Name ist Malfoy. Draco Malfoy.? Von Ron kam ein leichtes Husten, das sich anh?rte wie ein verdruckstes Kichern. Draco Malfoy sah ihn an. ?Meinst wohl, mein Name ist komisch, was? Wer du bist, muss man ja nicht erst fragen. Mein Vater hat mir gesagt, alle Weasleys haben rotes Haar, Sommersprossen und mehr Kinder, als sie sich leisten k?nnen.? Er wandte sich wieder Harry zu. ?Du wirst bald feststellen, dass einige Zaubererfamilien viel besser sind als andere, Potter. Und du wirst dich doch nicht etwa mit der falschen Sorte abgeben. Ich k?nnte dir behilflich sein.? Er streckte die Hand aus, doch Harry machte keine Anstalten, ihm die seine zu reichen. ?Ich denke, ich kann sehr gut selber entscheiden, wer zur falschen Sorte geh?rt?, sagte er k?hl. Draco Malfoy wurde nicht rot, doch ein Hauch Rosa erschien auf seinen blassen Wangen. ?Ich an deiner Stelle w?rde mich vorsehen, Potter?, sagte er langsam. ?Wenn du nicht ein wenig h?flicher bist, wird es dir genauso ergehen wie deinen Eltern. Die wussten auch nicht, was gut f?r sie war. Wenn du dich mit Gesindel wie den Weasleys und diesem Hagrid abgibst, wird das auf dich abf?rben.? Harry und Ron erhoben sich. Rons Gesicht war nun so rot wie sein Haar. ?Sag das noch mal?, sagte er. ?Oh, ihr wollt euch mit uns schlagen??, h?hnte Malfoy. ?Au?er ihr verschwindet sofort?, sagte Harry, was mutiger klang, als er sich f?hlte, denn Crabbe und Goyle waren viel kr?ftiger als er und Ron.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 74 von 74 ?Aber uns ist ?berhaupt nicht nach Gehen zumute, oder, Jungs? Wir haben alles aufgefuttert, was wir hatten, und bei euch gibt?s offenbar noch was.? Goyle griff nach den Schokofr?schen neben Ron. Ron machte einen Sprung nach vorn, doch bevor er Goyle auch nur ber?hrt hatte, entfuhr diesem ein f?rchterlicher Schrei. Kr?tze, die Ratte, baumelte von Goyles Zeigefinger herab, ihre scharfen kleinen Z?hne tief in seine Kn?chel versenkt ? Crabbe und Malfoy wichen zur Seite, als der jaulende Goyle Kr?tze weit im Kreis herumschwang. Als Kr?tze schlie?lich wegflog und gegen das Fenster klatschte, verschwanden alle drei auf der Stelle. Vielleicht dachten sie, noch mehr Ratten w?rden zwischen den S??igkeiten lauern, oder vielleicht hatten sie Schritte geh?rt, denn einen Augenblick sp?ter trat Hermine Granger ein. ?Was war hier los??, sagte sie und blickte auf die Naschereien, die auf dem Boden verstreut lagen. Ron packte Kr?tze am Schwanz und hob ihn hoch. ?Ich denke, er ist k. o. gegangen?, sagte Ron zu Harry gewandt. Er besah sich Kr?tze n?her. ?Nein ? doch nicht. Ist wohl wieder eingeschlafen.? Und so war es. ?Hast du Malfoy schon einmal getroffen?? Harry erz?hlte von ihrer Begegnung in der Winkelgasse. ?Ich hab von seiner Familie geh?rt?, sagte Ron in d?sterem Ton. ?Sie geh?rten zu den Ersten, die auf unsere Seite zur?ckkehrten, nachdem Du-wei?t-schon-wer verschwunden war. Sagten, sie seien verhext worden. Mein Dad glaubt nicht daran. Er sagt, Malfoys Vater brauchte keine Ausrede, um auf die dunkle Seite zu gehen.? Er wandte sich Hermine zu. ?K?nnen wir dir behilflich sein?? ?Ich schlage vor, ihr beeilt euch ein wenig und zieht eure Umh?nge an. Ich war gerade vorn beim Lokf?hrer, und er sagt, wir sind gleich da. Ihr habt euch nicht geschlagen, oder? Ihr kriegt noch Schwierigkeiten, bevor wir ?berhaupt da sind!? ?Kr?tze hat gek?mpft, nicht wir?, sagte Ron und blickte sie finster an. ?W?rdest du bitte gehen, damit wir uns umziehen k?nnen?? ?Schon gut. Ich bin nur reingekommen, weil sich die Leute drau?en einfach kindisch auff?hren und st?ndig die G?nge auf und ab rennen?, sagte Hermine hochn?sig. ?Und ?brigens, du hast Dreck an der Nase, wei?t du das?? Unter dem zornfunkelnden Blick von Ron ging sie schlie?lich hinaus. Harry sah aus dem Fenster. Es wurde langsam dunkel. Unter einem tiefpurpurrot gef?rbten Himmel konnte er noch Berge und W?lder erkennen. Der Zug schien langsamer zu werden. Die beiden legten die Jacken ab und zogen ihre langen schwarzen Umh?nge an. Rons Umhang war ein wenig zu kurz f?r ihn, man konnte seine Turnschuhe darunter sehen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 75 von 75 Eine Stimme hallte durch den Zug: ?In f?nf Minuten kommen wir in Hogwarts an. Bitte lassen Sie Ihr Gep?ck im Zug, es wird f?r Sie zur Schule gebracht.? Harry sp?rte ein Ziehen im Magen und Ron sah unter seinen Sommersprossen ganz blass aus. Sie stopften sich den letzten Rest S??igkeiten in die Taschen und traten hinaus auf den Gang, der schon voller Sch?ler war. Der Zug bremste und kam zum Stillstand. Alles dr?ngelte sich durch die T?r und hinaus auf einen kleinen, dunklen Bahnsteig. Harry zitterte in der kalten Abendluft. Pl?tzlich erhob sich ?ber ihren K?pfen der Schein einer Lampe und Harry h?rte eine vertraute Stimme: ?Erstkl?ssler! Erstkl?ssler hier r?ber! Alles klar, Harry?? Hagrids gro?es, haariges Gesicht strahlte ihm ?ber das Meer von K?pfen hinweg entgegen. ?Nu mal los, mir nach ? noch mehr Erstkl?ssler da? Passt auf, wo ihr hintretet! Erstkl?ssler mir nach!? Rutschend und stolpernd folgten sie Hagrid einen steilen, schmalen Pfad hinunter. Um sie her war es so dunkel, dass Harry vermutete, zu beiden Seiten m?ssten dichte B?ume stehen. Kaum jemand sprach ein Wort. Neville, der Junge, der immer seine Kr?te verlor, schniefte hin und wieder. ?Augenblick noch, und ihr seht zum ersten Mal in eurem Leben Hogwarts?, rief Hagrid ?ber die Schulter, ?nur noch um diese Biegung hier.? Es gab ein lautes ?Oooooh!?. Der enge Pfad war pl?tzlich zu Ende und sie standen am Ufer eines gro?en schwarzen Sees. Dr?ben auf der anderen Seite, auf der Spitze eines hohen Berges, die Fenster funkelnd im rabenschwarzen Himmel, thronte ein gewaltiges Schloss mit vielen Zinnen und T?rmen. ?Nicht mehr als vier in einem Boot!?, rief Hagrid und deutete auf eine Flotte kleiner Boote, die am Ufer d?mpelten. Harry und Ron sprangen in eines der Boote und ihnen hinterher Neville und Hermine. ?Alle drin??, rief Hagrid, der ein Boot f?r sich allein hatte. ?Nun denn ? VORW?RTS!? Die kleinen Boote setzten sich gleichzeitig in Bewegung und glitten ?ber den spiegelglatten See. Alle schwiegen und starrten hinauf zu dem gro?en Schloss. Es thronte dort oben, w?hrend sie sich dem Felsen n?herten, auf dem es gebaut war. ?K?pfe runter!?, rief Hagrid, als die ersten Boote den Felsen erreichten; sie duckten sich, und die kleinen Boote schienen durch einen Vorhang aus Efeu zu schweben, der sich direkt vor dem Felsen auftat. Sie glitten durch einen dunklen Tunnel, der sie anscheinend in die Tiefe unterhalb des Schlosses f?hrte, bis sie eine Art unterirdischen Hafen erreichten und aus den Booten kletterten. ?He, du da! Ist das deine Kr?te??, rief Hagrid, der die Boote musterte, w?hrend die Kinder ausstiegen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 76 von 76 ?Trevor!?, schrie Neville selig vor Gl?ck und streckte die H?nde aus. Dann stiefelten sie hinter Hagrids Lampe einen Felsgang empor und kamen schlie?lich auf einer weichen, feuchten Wiese im Schatten des Schlosses heraus. Sie gingen eine lange Steintreppe hoch und versammelten sich vor dem riesigen Eichentor des Schlosses. ?Alle da? Du da, hast noch deine Kr?te?? Hagrid hob seine gewaltige Faust und klopfte dreimal an das Schlosstor. Der Sprechende Hut Sogleich ?ffnete sich das Tor. Vor ihnen stand eine gro?e Hexe mit schwarzen Haaren und einem smaragdgr?nen Umhang. Sie hatte ein strenges Gesicht, und Harrys erster Gedanke war, dass mit ihr wohl nicht gut Kirschen essen w?re. ?Die Erstkl?ssler, Professor McGonagall?, sagte Hagrid. ?Danke, Hagrid. Ich nehm sie dir ab.? Sie zog die Torfl?gel weit auf. Die Eingangshalle war so gro?, dass das ganze Haus der Dursleys hineingepasst h?tte. Wie bei Gringotts beleuchtete das flackernde Licht von Fackeln die Steinw?nde, die Decke war so hoch, dass man sie nicht mehr erkennen konnte, und vor ihnen f?hrte eine gewaltige Marmortreppe in die oberen Stockwerke. Sie folgten Professor McGonagall durch die steingeflieste Halle. Aus einem Gang zur Rechten konnte Harry das Summen hunderter von Stimmen h?ren ? die anderen Sch?ler mussten schon da sein ?, doch Professor McGonagall f?hrte die Erstkl?ssler in eine kleine, leere Kammer neben der Halle. Sie dr?ngten sich hinein und standen dort viel enger beieinander, als sie es normalerweise getan h?tten. Aufgeregt blickten sie sich um. ?Willkommen in Hogwarts?, sagte Professor McGonagall. ?Das Bankett zur Er?ffnung des Schuljahrs beginnt in K?rze, doch bevor ihr eure Pl?tze in der Gro?en Halle einnehmt, werden wir feststellen, in welche H?user ihr kommt. Das ist eine sehr wichtige Zeremonie, denn das Haus ist gleichsam eure Familie in Hogwarts. Ihr habt gemeinsam Unterricht, ihr schlaft im Schlafsaal eures Hauses und verbringt eure Freizeit im Gemeinschaftsraum. Die vier H?user hei?en Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. Jedes Haus hat seine eigene, ehrenvolle Geschichte und jedes hat bedeutende Hexen und Zauberer hervorgebracht. W?hrend eurer Zeit in Hogwarts holt ihr mit euren gro?en Leistungen Punkte f?r das Haus, doch wenn ihr die Regeln verletzt, werden eurem Haus Punkte abgezogen. Am Ende des Jahres erh?lt das Haus mit den meisten Punkten den Hauspokal, eine gro?e Auszeichnung. Ich hoffe, jeder von euch ist ein Gewinn f?r das Haus, in welches er kommen wird.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 77 von 77 Die Einf?hrungsfeier, an der auch die anderen Sch?ler teilnehmen, beginnt in wenigen Minuten. Ich schlage vor, dass ihr die Zeit nutzt und euch beim Warten so gut wie m?glich zurechtmacht.? Ihre Augen ruhten kurz auf Nevilles Umhang, der unter seinem linken Ohr festgemacht war, und auf Rons verschmierter Nase. Harry m?hte sich nerv?s, sein Haar zu gl?tten. ?Ich komme zur?ck, sobald alles f?r euch vorbereitet ist?, sagte Professor McGonagall. ?Bitte bleibt ruhig, w?hrend ihr wartet.? Sie verlie? die Kammer. Harry schluckte. ?Wie legen sie denn fest, in welche H?user wir kommen??, fragte er Ron. ?Es ist eine Art Pr?fung, glaube ich. Fred meinte, es tut sehr weh, aber ich glaube, das war nur ein Witz.? Harrys Herz fing f?rchterlich an zu pochen. Eine Pr?fung? Vor der ganzen Schule? Aber er konnte doch noch gar nicht zaubern ? was um Himmels willen w?rde er tun m?ssen? Als sie hier angekommen waren, hatte er mit so etwas nicht gerechnet. ?ngstlich blickte er sich um und sah, dass auch alle anderen entsetzt schauten. Kaum jemand sagte etwas, au?er Hermine Granger. Hastig fl?sterte sie alle Zauberspr?che vor sich hin, die sie gelernt hatte, und fragte sich, welchen sie wohl brauchen w?rde. Harry versuchte angestrengt wegzuh?ren. Noch nie war er so nerv?s gewesen. Auch damals nicht, als er einen blauen Brief zu den Dursleys heimbringen musste, in dem es hie?, dass er auf unbekannte Weise die Per?cke seines Lehrers blau gef?rbt habe. Er blickte unabl?ssig auf die T?r. Jeden Augenblick konnte Professor McGonagall zur?ckkommen und ihn in den Untergang f?hren. Dann geschah etwas, das ihn vor Schreck einen halben Meter in die Luft springen lie? ? mehrere Sch?ler hinter ihm begannen zu schreien. ?Was zum ??? Er hielt den Atem an. Die andern um ihn her ebenfalls. Soeben waren etwa zwanzig Geister durch die r?ckw?rtige Wand hereingeschwebt. Perlwei? und fast durchsichtig glitten sie durch den Raum, wobei sie sich unterhielten und den Erstkl?sslern nur gelegentlich einen Blick zuwarfen. Sie schienen sich zu streiten. Einer, der aussah wie ein fetter M?nch, sagte: ?Vergeben und vergessen, w?rd ich sagen, wir sollten ihm eine zweite Chance geben.? ?Mein lieber Bruder, haben wir Peeves nicht alle Chancen gegeben, die ihm zustehen? Er bringt uns alle in Verruf, und du wei?t, er ist nicht einmal ein echter Geist ? ach du meine G?te, was macht ihr denn alle hier?? Ein Geist, der eine Halskrause und Strumpfhosen trug, hatte pl?tzlich die Erstkl?ssler bemerkt. Keiner antwortete.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 78 von 78 ?Neue Sch?ler?, sagte der fette M?nch und l?chelte in die Runde. ?Werdet gleich ausgew?hlt, nicht wahr?? Ein paar nickten stumm. ?Hoffe, wir sehen uns in Hufflepuff!?, sagte der M?nch. ?Mein altes Haus, wisst ihr.? ?Gehen Sie weiter?, sagte eine strenge Stimme. ?Die Einf?hrungsfeier beginnt.? Professor McGonagall war zur?ckgekommen. Die Geister schwebten einer nach dem andern durch die Wand gegen?ber. ?Und ihr stellt euch der Reihe nach auf?, wies Professor McGonagall die Erstkl?ssler an, ?und folgt mir.? Harry, dessen Beine sich anf?hlten, als seien sie aus Blei, reihte sich hinter einem Jungen mit rotblondem Haar ein, Ron stellte sich hinter ihn, und im G?nsemarsch verlie?en sie die Kammer, gingen zur?ck durch die Eingangshalle und betraten durch eine Doppelt?r die Gro?e Halle. Harry hatte von einem so fremdartigen und wundervollen Ort noch nicht einmal getr?umt. Tausende und abertausende von Kerzen erleuchteten ihn, ?ber den vier langen Tischen schwebend, an denen die anderen Sch?ler sa?en. Die Tische waren mit schimmernden Goldtellern und -kelchen gedeckt. Am anderen Ende der Halle stand noch ein langer Tisch, an dem die Lehrer sa?en. Dorthin f?hrte Professor McGonagall die Erstkl?ssler, so dass sie schlie?lich mit den R?cken zu den Lehrern in einer Reihe vor den anderen Sch?lern standen. Hunderte von Gesichtern starrten sie an und sahen aus wie fahle Laternen im flackernden Kerzenlicht. Die Geister, zwischen den Sch?lern verstreut, gl?nzten dunstig silbern. Um den starrenden Blicken auszuweichen, wandte Harry das Gesicht nach oben und sah eine samtschwarze, mit Sternen ?bers?te Decke. Er h?rte Hermine fl?stern: ?Sie ist so verzaubert, dass sie wie der Himmel drau?en aussieht, ich hab dar?ber in der Geschichte Hogwarts? gelesen.? Es war schwer zu glauben, dass es hier ?berhaupt eine Decke geben sollte und dass die Gro?e Halle sich nicht einfach zum Himmel hin ?ffnete. Harry wandte den Blick rasch wieder nach unten, als Professor McGonagall schweigend einen vierbeinigen Stuhl vor die Erstkl?ssler stellte. Auf den Stuhl legte sie einen Spitzhut, wie ihn Zauberer benutzen. Es war ein verschlissener, hie und da geflickter und ziemlich schmutziger Hut. Tante Petunia w?re er nicht ins Haus gekommen. Vielleicht mussten sie versuchen einen Hasen daraus hervorzuzaubern, schoss es Harry durch den Kopf, darauf schien es hinauszulaufen. Er bemerkte, dass inzwischen aller Augen auf den Hut gerichtet waren, und so folgte er dem Blick der andern. Ein paar Herzschl?ge lang herrschte vollkommenes Schweigen. Dann begann der Spitzhut zu wackeln. Ein Riss nahe der Krempe tat sich auf, so weit wie ein Mund, und der Spitzhut begann zu singen: Ihr denkt, ich bin ein alter Hut,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 79 von 79 mein Aussehen ist auch gar nicht gut. Daf?r bin ich der schlauste aller H?te, und ist?s nicht wahr, so fress ich mich, du meine G?te! Alle Zylinder und schicken Kappen sind gegen mich doch nur Jammerlappen! Ich wei? in Hogwarts am besten Bescheid und bin f?r jeden Sch?del bereit. Setzt mich nur auf, ich sag euch genau, wohin ihr geh?rt ? denn ich bin schlau. Vielleicht seid ihr Gryffindors, sagt euer alter Hut, denn dort regieren, wie man wei?, Tapferkeit und Mut. In Hufflepuff dagegen ist man gerecht und treu, man hilft dem andern, wo man kann, und hat vor Arbeit keine Scheu. Bist du geschwind im Denken, gelehrsam auch und weise, dann machst du dich nach Ravenclaw, so wett ich, auf die Reise. In Slytherin wei? man noch List und T?cke zu verbinden, doch daf?r wirst du hier noch echte Freunde finden. Nun los, so setzt mich auf, nur Mut, habt nur Vertrauen zum Sprechenden Hut! Als der Hut sein Lied beendet hatte, brach in der Halle ein Beifallssturm los. Er verneigte sich vor jedem der vier Tische und verstummte dann. ?Wir m?ssen also nur den Hut aufsetzen!?, fl?sterte Ron Harry zu. ?Ich bring Fred um, er hat gro?e T?ne gespuckt ? von wegen Ringkampf mit einem Troll.? Harry l?chelte m?de. Ja, den Hut anprobieren war viel besser, als einen Zauberspruch aufsagen zu m?ssen, doch es w?re ihm lieber gewesen, wenn nicht alle zugeschaut h?tten. Der Hut stellte offenbar eine ganze Menge Fragen; Harry f?hlte sich im Augenblick weder mutig noch schlagfertig noch ?berhaupt zu irgendetwas aufgelegt. Wenn der Hut nur ein Haus f?r solche Sch?ler erw?hnt h?tte, die sich ein wenig angematscht f?hlten, das w?re das Richtige f?r ihn. Professor McGonagall trat vor, in den H?nden eine lange Pergamentrolle. ?Wenn ich euch aufrufe, setzt ihr den Hut auf und nehmt auf dem Stuhl Platz, damit euer Haus bestimmt werden kann?, sagte sie. ?Abbott, Hannah!? Ein M?dchen mit rosa Gesicht und blonden Z?pfen stolperte aus der Reihe der Neuen hervor, setzte den Hut auf, der ihr sogleich ?ber die Augen rutschte, und lie? sich auf dem Stuhl nieder. Einen Moment lang geschah nichts ?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 80 von 80 ?HUFFLEPUFF!?, rief der Hut. Der Tisch zur Rechten johlte und klatschte, als Hannah aufstand und sich bei den Hufflepuffs niederlie?. Harry sah, wie der Geist des fetten M?nchs ihr fr?hlich zuwinkte. ?Bones, Susan!? ?HUFFLEPUFF!?, rief der Hut abermals, und Susan schlurfte los, um sich neben Hannah zu setzen. ?Boot, Terry!? ?RAVENCLAW!? Diesmal klatschte der zweite Tisch von links; mehrere Ravenclaws standen auf, um Terry, dem Neuen, die Hand zu sch?tteln. ?Brocklehurst, Mandy? kam ebenfalls nach Ravenclaw, doch ?Brown, Lavender? wurde die erste neue Gryffindor, und der Tisch ganz links brach in Jubelrufe aus. Harry konnte sehen, wie Rons Zwillingsbr?der pfiffen. ?Bulstrode, Millicent? schlie?lich wurde eine Slytherin. Vielleicht bildete Harry es sich nur ein, nach all dem, was er ?ber Slytherin geh?rt hatte, aber sie sahen doch alle recht unangenehm aus. Ihm war allm?hlich entschieden ?bel. Er erinnerte sich, wie in seiner alten Schule die Mannschaften zusammengestellt wurden. Immer war er der Letzte gewesen, den man aufrief, nicht weil er schlecht in Sport gewesen w?re, sondern weil keiner Dudley auf den Gedanken bringen wollte, dass man ihn vielleicht mochte. ?Finch-Fletchley, Justin!? ?HUFFLEPUFF!? Bei den einen, bemerkte Harry, verk?ndete der Hut auf der Stelle das Haus, bei anderen wiederum brauchte er eine Weile, um sich zu entscheiden. ?Finnigan, Seamus?, der rotblonde Junge vor Harry in der Schlange, sa? fast eine Minute lang auf dem Stuhl, bevor der Hut verk?ndete, er sei ein Gryffindor. ?Granger, Hermine!? Hermine ging eilig auf den Stuhl zu und packte sich den Hut begierig auf den Kopf. ?GRYFFINDOR!?, rief der Hut. Ron st?hnte. Pl?tzlich ?berfiel Harry ein schrecklicher Gedanke, so pl?tzlich, wie es Gedanken an sich haben, wenn man aufgeregt ist. Was, wenn er gar nicht gew?hlt w?rde? Was, wenn er, den Hut auf dem Kopf, eine Ewigkeit lang nur das??e, bis Professor McGonagall ihm den Hut vom Kopf rei?en und erkl?ren w?rde, offenbar sei ein Irrtum geschehen und er solle doch besser wieder in den Zug steigen? Neville Longbottom wurde aufgerufen, der Junge, der st?ndig seine Kr?te verlor. Auf dem Weg zum Stuhl stolperte er und w?re fast gest?rzt. Bei Neville brauchte der Hut lange, um sich zu entscheiden. Als er schlie?lich GRYFFINDOR rief, rannte

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 81 von 81 Neville mit dem Hut auf dem Kopf los, und er musste unter tosendem Gel?chter zur?cklaufen und ihn ?McDougal, Morag? ?bergeben. Malfoy stolzierte nach vorn, als sein Name aufgerufen wurde, und bekam seinen Wunsch sofort erf?llt: Kaum hatte der Hut seinen Kopf ber?hrt, als er schon ?SLYTHERIN!? rief. Malfoy ging hin?ber zu seinen Freunden Crabbe und Goyle, offensichtlich zufrieden mit sich selbst. Nun waren nicht mehr viel Neue ?brig. ?Moon? ?, ?Nott? ?, ?Parkinson? ?, dann die Zwillingsm?dchen ?Patil? und ?Patil? ?, dann ?Perks, Sally-Anne? ? und dann, endlich ? ?Potter, Harry!? Als Harry vortrat, entflammten pl?tzlich ?berall in der Halle Feuer, kleine, zischelnde Gefl?sterfeuer. ?Potter, hat sie gesagt?? ?Der Harry Potter?? Das Letzte, was Harry sah, bevor der Hut ?ber seine Augen herabsank, war die Halle voller Menschen, die die H?lse reckten, um ihn gut im Blick zu haben. Im n?chsten Moment sah er nur noch das schwarze Innere des Huts. Er wartete. ?Hmm?, sagte eine piepsige Stimme in seinem Ohr. ?Schwierig. Sehr schwierig. Viel Mut, wie ich sehe. Kein schlechter Kopf au?erdem. Da ist Begabung, du meine G?te, ja ? und ein kr?ftiger Durst, sich zu beweisen, nun, das ist interessant ? Nun, wo soll ich dich hinstecken?? Harry umklammerte die Stuhllehnen und dachte: ?Nicht Slytherin, blo? nicht Slytherin.? ?Nicht Slytherin, nein??, sagte die piepsige Stimme. ?Bist du dir sicher? Du k?nntest gro? sein, wei?t du, es ist alles da in deinem Kopf, und Slytherin wird dir auf dem Weg zur Gr??e helfen. Kein Zweifel ? nein? Nun, wenn du dir sicher bist ? dann besser nach GRYFFINDOR!? Harry h?rte, wie der Hut das letzte Wort laut in die Halle rief. Er nahm den Hut ab und ging mit zittrigen Knien hin?ber zum Tisch der Gryffindors. Er war so erleichtert, ?berhaupt aufgerufen worden und nicht nach Slytherin gekommen zu sein, dass er kaum bemerkte, dass er den lautesten Beifall ?berhaupt bekam. Percy der Vertrauenssch?ler stand auf und sch?ttelte ihm begeistert die Hand, w?hrend die Weasley-Zwillinge riefen: ?Wir haben Potter! Wir haben Potter!? Harry setzte sich an einen Platz gegen?ber dem Geist mit der Halskrause, den er schon vorhin gesehen hatte. Der Geist t?tschelte ihm den Arm, und Harry hatte pl?tzlich das schreckliche Gef?hl, den Arm gerade in einen Eimer voll eiskalten Wassers zu tauchen. Er hatte jetzt eine gute Aussicht auf den Hohen Tisch der Lehrer. Am einen Ende, ihm am n?chsten, sa? Hagrid, der seinen Blick erwiderte und mit dem Daumen

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 82 von 82 nach oben zeigte. Harry grinste zur?ck. Und dort, in der Mitte des Hohen Tischs, auf einem gro?en goldenen Stuhl, sa? Albus Dumbledore. Harry erkannte ihn von der Karte wieder, die er im Zug aus dem Schokofrosch geholt hatte. Dumbledores silbernes Haar war das Einzige in der ganzen Halle, was so hell leuchtete wie die Geister. Harry erkannte auch Professor Quirrell, den nerv?sen jungen Mann aus dem Tropfenden Kessel. Mit seinem gro?en purpurroten Turban sah er sehr eigenartig aus. Jetzt waren nur noch drei Sch?ler ?brig, deren Haus bestimmt werden musste. ?Turpin, Lisa? wurde eine Ravenclaw. Dann war Ron an der Reihe. Mittlerweile war er blassgr?n im Gesicht. Harry kreuzte die Finger unter dem Tisch und eine Sekunde sp?ter rief der Hut ?GRYFFINDOR!?. Harry klatschte wie die andern am Tisch laut Beifall, als Ron sich auf den Stuhl neben ihm fallen lie?. ?Gut gemacht, Ron, hervorragend?, sagte Percy Weasley wichtigtuerisch ?ber Harrys Kopf hinweg, w?hrend ?Zabini, Blaise? zu einem Slytherin gemacht wurde. Professor McGonagall rollte ihr Pergament zusammen und trug den Sprechenden Hut fort. Harry blickte hinab auf seinen leeren Goldteller. Jetzt erst ?berkam ihn auf einmal gewaltiger Hunger. Die K?rbispasteten schien er schon vor einer Ewigkeit verspeist zu haben. Albus Dumbledore war aufgestanden. Mit einem strahlenden L?cheln blickte er in die Runde der Sch?ler, die Arme weit ausgebreitet, als ob nichts ihm mehr Freude machen k?nnte, als sie alle hier versammelt zu sehen. ?Willkommen!?, rief er. ?Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, m?chte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek! Danke sehr!? Er nahm wieder Platz. Alle klatschten und jubelten. Harry wu?te nicht recht, ob er lachen sollte. ?Ist er ? ist er ein bisschen verr?ckt??, fragte er Percy unsicher. ?Verr?ckt??, sagte Percy unbek?mmert. ?Er ist ein Genie! Der beste Zauberer der Welt! Aber ein bisschen verr?ckt ist er, ja. Kartoffeln, Harry?? Harry staunte mit offenem Mund. Die Platten vor ihm auf dem Tisch waren ?berladen mit Essen. Er hatte noch nie so vieles, das er mochte, auf einem einzigen Tisch gesehen: Roastbeef, Brath?hnchen, Schweine- und Lammkoteletts, W?rste, Schinken, Steaks, Pellkartoffeln, Bratkartoffeln, Pommes, Yorkshire-Pudding, Erbsen, Karotten, Bratenso?e, Ketschup und, aus irgendeinem merkw?rdigen Grund, Pfefferminzbonbons. Die Dursleys hatten Harry nicht gerade hungern lassen, aber er hatte nie so viel essen d?rfen, wie er wollte. Dudley hatte Harry immer das weggenommen, was er wirklich mochte, selbst wenn Dudley schlecht davon wurde. Harry h?ufte von allem

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 83 von 83 etwas auf seinen Teller, nur die Pfefferminzbonbons lie? er aus. Er begann zu essen und es schmeckte k?stlich. ?Das sieht wahrhaft gut aus?, sagte der Geist mit der Halskrause traurig, w?hrend er Harry dabei zusah, wie er sein Steak zerschnitt. ?K?nnen Sie nicht ??? ?Ich habe seit fast f?nfhundert Jahren nichts mehr gegessen?, sagte der Geist. ?Ich muss nat?rlich nicht, aber man vermisst es ja doch. Habe ich mich eigentlich schon vorgestellt? Sir Nicholas de Mimsy-Porpington, zu Ihren Diensten. Hausgeist von Gryffindor; ich wohne im Turm.? ?Ich wei?, wer Sie sind!?, platzte Ron los. ?Meine Br?der haben mir von Ihnen erz?hlt. Sie sind der Fast Kopflose Nick!? ?Ich z?ge es doch vor, wenn Sie mich Sir Nicholas de Mimsy nennen w?rden ??, erwiderte der Geist leicht pikiert, doch der rotblonde Seamus Finnigan unterbrach sie. ?Fast kopflos? Wie kann man fast kopflos sein?? Sir Nicholas sah h?chst verdrossen drein, als ob diese kleine Unterhaltung ?berhaupt nicht in seinem Sinne verliefe. ?Eben so?, sagte er leicht ver?rgert. Er packte sein linkes Ohr und zog daran. Sein ganzer Kopf kippte vom Hals weg, als ob er an einem Scharnier hinge, und fiel ihm auf die Schulter. Offensichtlich hatte jemand versucht ihn zu k?pfen, aber das Gesch?ft nicht richtig erledigt. Der Fast Kopflose Nick freute sich ?ber die verdutzten Gesichter um ihn herum, klappte seinen Kopf zur?ck auf den Hals, hustete und sagte: ?So ? die neuen Gryffindors! Ich hoffe, ihr strengt euch an, dass wir die Hausmeisterschaft dieses Jahr gewinnen? Gryffindor war noch nie so lange ohne Sieg. Slytherin hat den Pokal jetzt sechs Jahre in Folge! Der Blutige Baron wird langsam unertr?glich ? er ist der Geist von Slytherin.? Harry blickte hin?ber zum Tisch der Slytherins und sah dort einen f?rchterlichen Geist sitzen, mit leeren, stierenden Augen, einem ausgemergelten Gesicht und einem mit silbrigem Blut bespritzten Umhang. Er sa? auf dem Platz neben Malfoy, der, wie Harry vergn?gt feststellte, ?ber die Sitzordnung nicht gerade gl?cklich war. ?Wie hat er sich so mit Blut bespritzt??, fragte Seamus m?chtig interessiert. ?Ich habe ihn nie gefragt?, sagte der Fast Kopflose Nick taktvoll. Als alle gegessen hatten, so viel sie konnten, verschwanden die Reste von den Tellern und hinterlie?en sie so funkelnd sauber wie zuvor. Einen Augenblick sp?ter erschien der Nachtisch: ganze Bl?cke von Eiskrem in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen, Apfelkuchen, Siruptorten, Schoko-Eclairs und marmeladegef?llte Donuts, Biskuits, Erdbeeren, Wackelpeter, Reispudding ? W?hrend Harry eine Siruptorte verspeiste, wandte sich das Gespr?ch ihren Familien zu.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 84 von 84 ?Ich bin halb und halb?, sagte Seamus. ?Mein Vater ist ein Muggel. Mum hat ihm nicht erz?hlt, dass sie eine Hexe ist, bis sie verheiratet waren. War doch ein kleiner Schock f?r ihn.? Die andern lachten. ?Und wie steht?s mit dir, Neville??, fragte Ron. ?Meine Oma hat mich aufgezogen und sie ist eine Hexe?, sagte Neville, ?aber die Familie hat die ganze Zeit geglaubt, ich sei mit Haut und Haaren ein Muggel. Mein Gro?onkel Algie wollte mich immer erwischen, wenn ich nicht auf der Hut war, um ein wenig Magie aus mir herauszupressen. Einmal, in Blackpool, hat er mich vom Ende des Piers ins Wasser gesto?en, ich bin fast ertrunken. Aber bis ich acht war, ist nichts passiert. Dann kam Gro?onkel Algie eines Tages zum Tee vorbei, und er lie? mich gerade an den Fu?gelenken aus einem Fenster im oberen Stock baumeln, als Gro?tante Enid ihm ein St?ck Kuchen anbot. Da hat er einfach aus Versehen losgelassen. Doch ich bin geh?pft wie ein Ball ? durch den Garten hindurch bis auf die Stra?e. Sie waren alle ganz aus dem H?uschen. Oma hat geheult, so gl?cklich war sie. Und du h?ttest ihre Gesichter sehen sollen, als ich hier aufgenommen wurde. Sie dachten, ich sei vielleicht nicht Zauberer genug. Gro?onkel Algie hat sich so gefreut, dass er mir eine Kr?te geschenkt hat.? Zu Harrys anderer Seite sprachen Percy Weasley und Hermine ?ber den Unterricht (?Ich hoffe doch, sie fangen gleich an, es gibt so viel zu lernen. Mich interessieren besonders Verwandlungen, wei?t du, etwas in etwas anderes verwandeln, nat?rlich soll es sehr schwer sein.? ? ?Ihr fangt mit ganz einfachen Sachen an, Streichh?lzer in Nadeln verwandeln zum Beispiel ??). Harry, der sich allm?hlich warm und schl?frig f?hlte, sah erneut zum Hohen Tisch hin?ber. Hagrid nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch. Professor McGonagall sprach mit Professor Dumbledore. Professor Quirrell mit seinem komischen Turban unterhielt sich mit einem Lehrer mit fettigem schwarzem Haar, Hakennase und fahler Haut. Es geschah urpl?tzlich. Der hakennasige Lehrer blickte an Quirrells Turban vorbei direkt in Harrys Augen und ein scharfer, hei?er Schmerz schoss pl?tzlich durch Harrys Narbe. ?Autsch!? Harry schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. ?Was ist los mit dir??, fragte Percy. ?N-nichts.? Der Schmerz war so schnell abgeklungen, wie er gekommen war. Schwerer abzusch?tteln war das Gef?hl, das der Blick des Lehrers in Harry ausgel?st hatte, ein Gef?hl, das er Harry ?berhaupt nicht mochte. ?Wer ist der Lehrer, der sich mit Professor Quirrell unterh?lt??, fragte er Percy. ?Aha, du kennst Quirrell also schon? Kein Wunder, dass er so nerv?s aussieht. Das ist Professor Snape. Er lehrt Zaubertr?nke, ist aber damit nicht zufrieden.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 85 von 85 Jeder wei?, dass er scharf ist auf die Arbeit von Professor Quirrell. Wei? eine Unmenge ?ber die dunklen K?nste, dieser Snape.? Harry beobachtete Snape eine Weile, doch Snape blickte nicht mehr her?ber. Schlie?lich verschwand auch der Nachtisch und noch einmal erhob sich Professor Dumbledore. Ȁhm ? jetzt, da wir alle gef?ttert und getr?nkt sind, nur noch ein paar Worte. Ich habe ein paar Mitteilungen zum Schuljahresbeginn. Die Erstkl?ssler sollten beachten, dass der Wald auf unseren L?ndereien f?r alle Sch?ler verboten ist. Und einigen von den ?lteren Sch?lern m?chte ich nahelegen, sich daran zu erinnern.? Dumbledores zwinkernde Augen blitzten zu den Weasley-Zwillingen hin?ber. ?Au?erdem hat mich Mr Filch, der Hausmeister, gebeten, euch daran zu erinnern, dass in den Pausen auf den G?ngen nicht gezaubert werden darf. Die Quidditch-Auswahl findet in der zweiten Woche des Schuljahrs statt. Alle, die gerne in den Hausmannschaften spielen wollen, m?gen sich an Madam Hooch wenden. Und schlie?lich muss ich euch mitteilen, dass in diesem Jahr das Betreten des Korridors im dritten Stock, der in den rechten Fl?gel f?hrt, allen verboten ist, die nicht einen sehr schmerzhaften Tod sterben wollen.? Harry lachte, aber nur wenige lachten mit ihm. ?Er meint es doch nicht etwa ernst??, fl?sterte er Percy zu. ?Muss er wohl?, sagte Percy und sah mit einem Stirnrunzeln zu Dumbledore hin?ber. ?Merkw?rdig, denn normalerweise sagt er uns den Grund, warum wir irgendwo nicht hind?rfen. Der Wald ist voller gef?hrlicher Tiere, das wissen alle. Ich denke, er h?tte es zumindest uns Vertrauenssch?lern sagen sollen.? ?Und nun, bevor wir zu Bett gehen, singen wir die Schulhymne!?, rief Dumbledore. Harry bemerkte, dass das L?cheln der anderen Lehrer recht steif geworden war. Dumbledore fuchtelte kurz mit seinem Zauberstab, als ob er eine Fliege von der Spitze verscheuchen wollte, und ein langer goldener Faden schwebte daraus hervor, stieg hoch ?ber die Tische und nahm, sich windend wie eine Schlange, die Gestalt von Worten an. ?Jeder nach seiner Lieblingsmelodie?, sagte Dumbledore, ?los geht?s!? Und die ganze Schule sang begeistert: Hogwarts, Hogwarts, warzenschweiniges Hogwarts, bring uns was Sch?nes bei, Ob alt und kahl oder jung und albern, wir sehnen uns Wissen herbei. Denn noch sind unsre K?pfe leer,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 86 von 86 voll Luft und voll toter Fliegen, wir wollen nun alles erlernen, was du uns bisher hast verschwiegen. Gib dein Bestes ? wir k?nnen?s gebrauchen, unsere K?pfe, sie sollen rauchen! Kaum einmal zwei von ihnen h?rten gleichzeitig auf. Am Ende h?rte man nur noch die Weasley-Zwillinge nach der Melodie eines langsamen Trauermarsches singen. Dumbledore dirigierte ihre letzten Verse mit seinem Zauberstab, und als sie geendet hatten, klatschte er am lautesten. ?Aah, Musik?, sagte er und wischte sich die Augen. ?Ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier treiben. Und nun in die Betten!? Die Erstkl?ssler von Gryffindor folgten Percy durch die schnatternde Menge hinaus aus der Gro?en Halle und die Marmortreppe empor. Harrys Beine waren wieder bleischwer, diesmal jedoch nur, weil er sich den Bauch so vollgeschlagen hatte und todm?de war. Er war sogar zu schl?frig, um sich dar?ber zu wundern, dass die Menschen auf den Portr?ts entlang der Korridore fl?sterten und auf sie deuteten, als sie vorbeigingen, oder dass Percy sie zweimal durch T?rb?gen f?hrte, die versteckt hinter beiseitegleitenden T?felungen und Wandteppichen lagen. Noch mehr Treppen ging es empor, g?hnend und schlurfend, und Harry fragte sich gerade, wie lange es noch dauern w?rde, als sie pl?tzlich Halt machten. Ein B?ndel Spazierst?cke schwebte in der Luft vor ihnen, und als Percy einen Schritt auf sie zutrat, begannen sie, sich auf ihn zu werfen. ?Peeves?, fl?sterte Percy den Erstkl?sslern zu. ?Ein Poltergeist.? Er hob seine Stimme: ?Peeves, zeige dich.? Ein lautes, grobes Ger?usch, wie Luft, die aus einem Ballon gelassen wird, antwortete. ?Willst du, dass ich zum Blutigen Baron gehe?? Es machte ?Plopp? und ein kleiner Mann mit b?sen dunklen Augen und weit ge?ffnetem Mund erschien. Die Beine ?ber Kreuz, schwebte er vor ihnen in der Luft und packte die Spazierst?cke. ?Ooooooooh!?, sagte er mit einem geh?ssigen Kichern. ?Die s??en kleinen Erstkl?ssler! Welch ein Spa?!? Pl?tzlich rauschte er auf sie zu. Sie duckten sich. ?Verschwinde, Peeves, oder der Baron erf?hrt davon, ich meine es ernst!?, bellte Percy. Peeves streckte die Zunge heraus und verschwand, nicht ohne die St?cke auf Nevilles Kopf fallen zu lassen. Sie h?rten ihn abziehen, an jeder R?stung r?ttelnd, an der er vorbeikam.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 87 von 87 ?Nehmt euch lieber in Acht vor Peeves?, sagte Percy, als sie sich wieder auf den Weg machten. ?Der Blutige Baron ist der Einzige, der ihn im Griff hat, er h?rt nicht einmal auf uns Vertrauenssch?ler. Da sind wir.? Ganz am Ende des Ganges hing das Bildnis einer sehr dicken Frau in einem rosa Seidenkleid. ?Passwort??, fragte sie. ?Caput Draconis?, sagte Percy. Das Portr?t schwang zur Seite und gab den Blick auf ein rundes Loch in der Wand frei. Sie zw?ngten sich hindurch ? Neville brauchte ein wenig Hilfestellung ? und fanden sich in einem gem?tlichen, runden Zimmer voll weicher Sessel wieder: dem Gemeinschaftsraum von Gryffindor. Percy zeigte den M?dchen den Weg durch eine T?r, die in ihren Schlafsaal f?hrte, und geleitete die Jungen in ihren. Sie kletterten eine Wendeltreppe empor ? offensichtlich waren sie in einem der T?rme ? und fanden nun endlich ihre Betten: f?nf Himmelbetten, die mit tiefroten samtenen Vorh?ngen verkleidet waren. Ihre Koffer waren schon hochgebracht worden. Viel zu m?de, um sich noch lange zu unterhalten, zogen sie ihre Pyjamas an und lie?en sich in die Kissen fallen. ?Tolles Essen, was??, murmelte Ron durch die Vorh?nge zu Harry hin?ber. ?Hau ab, Kr?tze! Er kaut an meinem Laken.? Harry wollte Ron noch fragen, ob er von der Zuckergusstorte gekostet habe, doch in diesem Moment fielen ihm die Augen zu. Vielleicht hatte Harry ein wenig zu viel gegessen, denn er hatte einen sehr merkw?rdigen Traum. Er trug Professor Quirrells Turban, der st?ndig zu ihm sprach. Er m?sse sofort nach Slytherin ?berwechseln, das sei sein Schicksal; der Turban wurde immer schwerer; Harry versuchte ihn vom Kopf zu rei?en, doch er zog sich so eng zusammen, dass es wehtat. Und da war Malfoy, der ihn auslachte, jetzt verwandelte sich Malfoy in den hakennasigen Lehrer Snape, dessen Lachen spitz und kalt wurde ? gr?nes Licht flammte auf und Harry erwachte zitternd und in Schwei? gebadet. Er drehte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein, und als er am n?chsten Morgen aufwachte, erinnerte er sich nicht mehr an den Traum. Der Meister der Zaubertr?nke ?Da ist er.? ?Wo?? ?Neben dem gro?en rothaarigen Jungen.? ?Der mit der Brille?? ?Siehst du sein Gesicht?? ?Siehst du seine Narbe??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 88 von 88 Ein Fl?stern verfolgte Harry von dem Moment an, da er am n?chsten Morgen den Schlafsaal verlie?. Drau?en vor den Klassenzimmern stellten sie sich auf Zehenspitzen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Andere machten auf dem Weg durch den Korridor kehrt und liefen mit neugierigem Blick an ihm vorbei. Harry mochte das nicht, denn er war noch viel zu sehr damit besch?ftigt, den Weg in die Klassenzimmer zu finden. Es gab einhundertundzweiundvierzig Treppen in Hogwarts: breite, weit ausschwingende; enge, kurze, wacklige; manche f?hrten freitags woandershin; manche hatten auf halber H?he eine Stufe, die ganz pl?tzlich verschwand, und man durfte nicht vergessen, sie zu ?berspringen. Dann wiederum gab es T?ren, die nicht aufgingen, au?er wenn man sie h?flich bat oder sie an genau der richtigen Stelle kitzelte, und T?ren, die gar keine waren, sondern W?nde, die nur so taten, als ob. Schwierig war es auch, sich daran zu erinnern, wo etwas Bestimmtes war, denn alles schien ziemlich oft den Platz zu wechseln. Die Leute in den Portr?ts gingen sich st?ndig besuchen, und Harry war sich sicher, dass die R?stungen laufen konnten. Auch die Geister waren nicht besonders hilfreich. Man bekam einen f?rchterlichen Schreck, wenn einer von ihnen durch eine T?r schwebte, die man gerade zu ?ffnen versuchte. Der Fast Kopflose Nick freute sich immer, wenn er den neuen Gryffindors den Weg zeigen konnte, doch Peeves der Poltergeist bot mindestens zwei verschlossene T?ren und eine Geistertreppe auf, wenn man zu sp?t dran war und ihn auf dem Weg zum Klassenzimmer traf. Er leerte den Sch?lern Papierk?rbe ?ber dem Kopf aus, zog ihnen die Teppiche unter den F??en weg, bewarf sie mit Kreidest?ckchen oder schlich sich unsichtbar von hinten an, griff sie an die Nase und schrie: ?HAB DEINEN ZINKEN!? Noch schlimmer als Peeves, wenn davon ?berhaupt die Rede sein konnte, war Argus Filch, der Hausmeister. Harry und Ron schafften es schon am ersten Morgen, ihm in die Quere zu kommen. Filch erwischte sie dabei, wie sie sich durch eine T?r zw?ngen wollten, die sich ungl?cklicherweise als der Eingang zum verbotenen Korridor im dritten Stock herausstellte. Filch wollte nicht glauben, dass sie sich verlaufen hatten, und war fest davon ?berzeugt, dass sie versucht hatten, die T?r aufzubrechen. Er werde sie beide in den Kerker sperren, drohte er, gerade als Professor Quirrell vorbeikam und sie rettete. Filch hatte eine Katze namens Mrs Norris, eine d?rre, staubfarbene Kreatur mit hervorquellenden, lampenartigen Augen. Sie patrouillierte allein durch die Korridore. Brach man vor ihren Augen eine Regel oder setzte auch nur einen Fu? falsch auf, dann flitzte sie zu Filch, der zwei Sekunden sp?ter keuchend vor einem stand. Filch kannte die Geheimg?nge der Schule besser als alle andern (mit Ausnahme vielleicht der Weasley-Zwillinge) und konnte so pl?tzlich auftauchen wie sonst nur ein Geist. Die Sch?ler mochten ihn alle nicht leiden und h?tten Mrs Norris am liebsten einen gepfefferten Fu?tritt versetzt. Und dann, wenn man es einmal geschafft hatte, das Klassenzimmer zu finden, war da der eigentliche Unterricht. Wie Harry rasch feststellte, geh?rte zum Zaubern

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 89 von 89 viel mehr, als nur mit dem Zauberstab herumzufuchteln und ein paar merkw?rdige Worte von sich zu geben. Jeden Mittwoch um Mitternacht mussten sie mit ihren Teleskopen den Nachthimmel studieren und die Namen verschiedener Sterne und die Bewegungen der Planeten lernen. Dreimal die Woche gingen sie hinaus zu den Gew?chsh?usern hinter dem Schloss, wo sie bei einer plumpen kleinen Professorin namens Sprout Kr?uterkunde hatten. Hier lernten sie, wie man all die seltsamen Pflanzen und Pilze z?chtete und herausfand, wozu sie n?tze waren. Der bei weitem langweiligste Stoff war Geschichte der Zauberei, der einzige Unterricht, den ein Geist gab. Professor Binns war wirklich schon sehr alt gewesen, als er vor dem Kaminfeuer im Lehrerzimmer eingeschlafen und am n?chsten Morgen zum Unterricht aufgestanden war, wobei er freilich seinen K?rper zur?ckgelassen hatte. Binns leierte Namen und Jahreszahlen herunter, und sie kritzelten alles in ihre Hefte und verwechselten Emmerich den B?sen mit Ulrich dem Komischen Kauz. Professor Flitwick, der Lehrer f?r Zauberkunst, war ein winzig kleiner Magier, der sich, um ?ber das Pult sehen zu k?nnen, auf einen Stapel B?cher stellen musste. Zu Beginn der ersten Stunde verlas er die Namensliste, und als er zu Harry gelangte, gab er ein aufgeregtes Quieken von sich und st?rzte vom B?cherstapel. Professor McGonagall wiederum war ganz anders. Harry hatte durchaus zu Recht vermutet, mit dieser Lehrerin sei nicht gut Kirschen essen. Streng und klug, hielt sie ihnen eine Rede, kaum hatten sie sich zur ersten Stunde hingesetzt. ?Verwandlungen geh?ren zu den schwierigsten und gef?hrlichsten Zaubereien, die ihr in Hogwarts lernen werdet?, sagte sie. ?Jeder, der in meinem Unterricht Unsinn anstellt, hat zu gehen und wird nicht mehr zur?ckkommen. Ihr seid gewarnt.? Dann verwandelte sie ihr Pult in ein Schwein und wieder zur?ck. Sie waren alle sehr beeindruckt und konnten es kaum erwarten, loslegen zu d?rfen, doch sie erkannten bald, dass es noch lange dauern w?rde, bis sie die M?bel in Tiere verwandeln konnten. Erst einmal schrieben sie eine Menge komplizierter Dinge auf, dann erhielt jeder ein Streichholz, das sie in eine Nadel zu verwandeln suchten. Am Ende der Stunde hatte nur Hermine Granger ihr Streichholz ein klein wenig ver?ndert. Professor McGonagall zeigte der Klasse, dass es ganz silbrig und spitz geworden war, und schenkte Hermine ein bei ihr seltenes L?cheln. Wirklich gespannt waren sie auf Verteidigung gegen die dunklen K?nste, doch Quirrells Unterricht stellte sich als Witz heraus. Sein Klassenzimmer roch stark nach Knoblauch, und alle sagten, das diene dazu, einen Vampir fernzuhalten, den er in Rum?nien getroffen habe und der, wie Quirrell bef?rchtete, eines Tages kommen und ihn holen w?rde. Seinen Turban, erkl?rte er, habe ihm ein afrikanischer Prinz geschenkt, weil er dem Prinzen einen l?stigen Zombie vom Hals geschafft habe, aber sie waren sich nicht sicher, was sie von dieser Geschichte halten sollten. Als n?mlich Seamus Finnigan neugierig fragte, wie Quirrell den Zombie denn verjagt habe, lief der rosarot an und begann ?ber das Wetter zu reden; au?erdem hatten sie bemerkt, dass von dem Turban ein komischer Geruch ausging, und die Weasley-Zwillinge

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 90 von 90 behaupteten steif und fest, auch er sei vollgestopft mit Knoblauch, damit Professor Quirrell gesch?tzt sei, wo immer er gehe und stehe. Harry stellte erleichtert fest, dass er nicht meilenweit hinter den andern herhinkte. Viele Sch?ler kamen aus Muggelfamilien und hatten wie er keine Ahnung gehabt, dass sie Hexen oder Zauberer waren. Es gab so viel zu lernen, dass selbst Sch?ler wie Ron keinen gro?en Vorsprung hatten. Ein gro?er Tag f?r Harry und Ron war der Freitag. Sie schafften es endlich, den Weg zum Fr?hst?ck in die Gro?e Halle zu finden, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu verirren. ?Was haben wir heute??, fragte Harry Ron, w?hrend er Zucker auf seinen Haferbrei sch?ttete. ?Doppelstunde Zaubertr?nke, zusammen mit den Slytherins?, sagte Ron. ?Snape ist der Hauslehrer von Slytherin. Es hei?t, er bevorzugt sie immer. Wir werden ja sehen, ob das stimmt.? ?Ich w?nschte, die McGonagall w?rde uns bevorzugen?, sagte Harry. Professor McGonagall war Hauslehrerin von Gryffindor und trotzdem hatte sie ihnen tags zuvor eine Unmenge Hausaufgaben aufgehalst. In diesem Augenblick kam die Post. Harry hatte sich inzwischen daran gew?hnt, doch am ersten Morgen hatte er einen kleinen Schreck bekommen, als w?hrend des Fr?hst?cks pl?tzlich an die hundert Eulen in die Gro?e Halle schwirrten, die Tische umkreisten, bis sie ihre Besitzer erkannten, und dann die Briefe und P?ckchen auf ihren Scho? fallen lie?en. Hedwig hatte Harry bisher nichts gebracht. Manchmal lie? sie sich auf seiner Schulter nieder, knabberte ein wenig an seinem Ohr und verspeiste ein St?ck Toast, bevor sie sich mit den anderen Schuleulen in die Eulerei zum Schlafen verzog. An diesem Morgen jedoch landete sie flatternd zwischen dem Marmeladeglas und der Zuckersch?ssel und lie? einen Brief auf Harrys Teller fallen. Harry riss ihn sofort auf. Lieber Harrry, stand da sehr kraklig geschrieben, ich wei?, dass du Freitagnachmittag freihast. H?ttest du nicht Lust, mich gegen drei zu besuchen und eine Tasse Tee zu trinken? Ich m?chte alles ?ber deine erste Woche erfahren. Schick mir durch Hedwig eine Antwort. Hagrid Harry borgte sich Rons Federkiel, kritzelte ?Ja, gerne, wir sehen uns sp?ter? auf die R?ckseite des Briefes und schickte Hedwig damit los. Ein Gl?ck, dass Harry sich auf den Tee mit Hagrid freuen konnte, denn der Zaubertrankunterricht stellte sich als das Schlimmste heraus, was ihm bisher passiert war. Beim Bankett zum Schuljahresbeginn hatte Harry den Eindruck gewonnen, dass Professor Snape ihn nicht mochte. Am Ende der ersten Zaubertrankstunde wusste

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 91 von 91 er, dass er falsch gelegen hatte. Es war nicht so, dass Snape ihn nicht mochte ? er hasste ihn. Der Zaubertrankunterricht fand tief unten in einem der Kerker statt. Hier war es k?lter als oben im Hauptschloss, und auch ohne die eingelegten Tiere, die in gro?en, an den W?nden aufgereihten Gl?sern herumschwammen, w?re es schon unheimlich genug gewesen. Snape begann die Stunde wie Flitwick mit der Verlesung der Namensliste, und wie Flitwick hielt er bei Harrys Namen inne. ?Ah, ja?, sagte er leise. ?Harry Potter. Unsere neue ? Ber?hmtheit.? Draco Malfoy und seine Freunde Crabbe und Goyle kicherten hinter vorgehaltenen H?nden. Snape rief die restlichen Namen auf und richtete dann den Blick auf die Klasse. Seine Augen waren so schwarz wie die Hagrids, doch sie hatten nichts von deren W?rme. Sie waren kalt und leer und erinnerten an dunkle Tunnel. ?Ihr seid hier, um die schwierige Wissenschaft und exakte Kunst der Zaubertrankbrauerei zu lernen.? Es war kaum mehr als ein Fl?stern, doch sie verstanden jedes Wort ? wie Professor McGonagall hatte Snape die Gabe, eine Klasse m?helos ruhig zu halten. ?Da es bei mir nur wenig albernes Zauberstabgefuchtel gibt, werden viele von euch kaum glauben, dass es sich um Zauberei handelt. Ich erwarte nicht, dass ihr wirklich die Sch?nheit des leise brodelnden Kessels mit seinen schimmernden D?mpfen zu sehen lernt, die zarte Macht der Fl?ssigkeiten, die durch die menschlichen Venen kriechen, den Kopf verhexen und die Sinne bet?ren ? Ich kann euch lehren, wie man Ruhm in Flaschen f?llt, Ansehen zusammenbraut, sogar den Tod verkorkt ? sofern ihr kein gro?er Haufen Dummk?pfe seid, wie ich sie sonst immer in der Klasse habe.? Die Klasse blieb stumm nach dieser kleinen Rede. Harry und Ron tauschten mit hochgezogenen Augenbrauen Blicke aus. Hermine Granger sa? auf dem Stuhlrand und sah aus, als w?re sie ganz versessen darauf, zu beweisen, dass sie kein Dummkopf war. ?Potter!?, sagte Snape pl?tzlich. ?Was bekomme ich, wenn ich einem Wermutaufguss geriebene Affodillwurzel hinzuf?ge?? Geriebene Wurzel wovon einem Aufguss wovon hinzuf?gen? Harry blickte Ron an, der genauso verdutzt aussah wie er; Hermines Hand war nach oben geschnellt. ?Ich wei? nicht, Sir?, sagte Harry. Snapes Lippen kr?uselten sich zu einem h?mischen L?cheln. ?Tjaja ? Ruhm ist eben nicht alles.? Hermines Hand ?bersah er. ?Versuchen wir?s noch mal, Potter. Wo w?rdest du suchen, wenn du mir einen Bezoar beschaffen m?sstest?? Hermine streckte die Hand so hoch in die Luft, wie es m?glich war, ohne dass sie sich vom Stuhl erhob, doch Harry hatte nicht die geringste Ahnung, was ein Bezoar

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 92 von 92 war. Er mied den Blick hin?ber zu Malfoy, Crabbe und Goyle, die sich vor Lachen sch?ttelten. ?Ich wei? nicht, Sir.? ?Dachtest sicher, es w?re nicht n?tig, ein Buch aufzuschlagen, bevor du herkommst, nicht wahr, Potter?? Harry zwang sich, fest in diese kalten Augen zu blicken. Bei den Dursleys hatte er wohl in seine B?cher geschaut, doch erwartete Snape, dass er alles aus Tausend Zauberkr?utern und -pilzen herbeten konnte? Snape missachtete immer noch Hermines zitternde Hand. ?Was ist der Unterschied zwischen Eisenhut und Wolfswurz, Potter?? Bei dieser Frage stand Hermine auf, ihre Fingerspitzen ber?hrten jetzt fast die Kerkerdecke. ?Ich wei? nicht?, sagte Harry leise. ?Aber ich glaube, Hermine wei? es, also warum nehmen Sie nicht mal Hermine dran?? Ein paar lachten; Harry fing Seamus? Blick auf, der ihm zuzwinkerte. Snape allerdings war nicht erfreut. ?Setz dich?, blaffte er Hermine an. ?Zu deiner Information, Potter, Affodill und Wermut ergeben einen Schlaftrank, der so stark ist, dass er als Trank der Lebenden Toten bekannt ist. Ein Bezoar ist ein Stein aus dem Magen einer Ziege, der einen vor den meisten Giften rettet. Was Eisenhut und Wolfswurz angeht, so bezeichnen sie dieselbe Pflanze, auch bekannt unter dem Namen Aconitum. Noch Fragen? Und warum schreibt ihr euch das nicht auf?? Dem folgte ein lautes Geraschel von Pergament und Federkielen. Durch den L?rm drang Snapes Stimme: ?Und Gryffindor wird ein Punkt abgezogen, wegen dir, Potter.? Auch sp?ter erging es den Gryffindors in der Zaubertrankstunde nicht besser. Snape stellte sie zu Paaren zusammen und lie? sie einen einfachen Trank zur Heilung von Furunkeln anr?hren. Er huschte in seinem langen schwarzen Umhang zwischen den Tischen umher, sah zu, wie sie getrocknete Nesseln abwogen und Giftz?hne von Schlangen zermahlten. Bei fast allen hatte er etwas auszusetzen, au?er bei Malfoy, den er offenbar gut leiden konnte. Gerade forderte er die ganze Klasse auf, sich anzusehen, wie gut Malfoy seine Wellhornschnecken geschmort hatte, als giftgr?ne Rauchwolken und ein lautes Zischen den Kerker erf?llten. Neville hatte es irgendwie geschafft, den Kessel von Seamus zu einem unf?rmigen Klumpen zu zerschmelzen. Das Gebr?u sickerte ?ber den Steinboden und brannte L?cher in die Schuhe. Im Nu stand die ganze Klasse auf den St?hlen, w?hrend Neville, der sich mit dem Gebr?u vollgespritzt hatte, als der Kessel zersprang, vor Schmerz st?hnte, denn ?berall auf seinen Armen und Beinen brachen zornrote Furunkel auf. ?Du Idiot!?, blaffte Snape ihn an und wischte den versch?tteten Trank mit einem Schwung seines Zauberstabs weg. ?Ich nehme an, du hast die

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 93 von 93 Stachelschweinstacheln hinzugegeben, bevor du den Kessel vom Feuer genommen hast?? Neville wimmerte, denn Furunkel brachen nun auch auf seiner Nase auf. ?Bring ihn hoch in den Hospitalfl?gel?, fauchte Snape Seamus an. Dann nahm er sich Harry und Ron vor, die am Tisch neben Neville gearbeitet hatten. ?Du ? Potter ? warum hast du ihm nicht gesagt, er solle die Pastillen weglassen? Dachtest wohl, du st?ndest besser da, wenn er es vermasselt, oder? Das ist noch ein Punkt, der Gryffindor wegen dir abgezogen wird.? Das war so unfair, dass Harry den Mund ?ffnete, um ihm zu widersprechen, doch Ron versetzte ihm hinter ihrem Kessel einen Knuff. ?Leg?s nicht darauf an?, fl?sterte er. ?Ich hab geh?rt, Snape kann sehr gemein werden.? Als sie eine Stunde sp?ter die Kerkerstufen emporstiegen, rasten wilde Gedanken durch Harrys Kopf und er f?hlte sich miserabel. In der ersten Woche schon hatte Gryffindor seinetwegen zwei Punkte verloren.Warum hasste Snape ihn so sehr? ?Mach dir nichts draus?, sagte Ron. ?Snape nimmt Fred und George auch immer Punkte weg. Kann ich mitkommen zu Hagrid?? Um f?nf vor drei verlie?en sie das Schloss und machten sich auf den Weg. Hagrid lebte in einem kleinen Holzhaus am Rande des verbotenen Waldes. Neben der T?r standen eine Armbrust und ein Paar Galoschen. Als Harry klopfte, h?rten sie von drinnen ein aufgeregtes Kratzen und ein donnerndes Bellen. Dann erwachte Hagrids Stimme: ?Zur?ck, Fang ? mach Platz.? Hagrids gro?es, haariges Gesicht erschien im T?rspalt, dann ?ffnete er. ?Wartet?, sagte er. ?Platz, Fang.? Er lie? sie herein, wobei er versuchte einen riesigen schwarzen Saur?den am Halsband zu fassen. Drinnen gab es nur einen Raum. Von der Decke hingen Schinken und Fasane herunter, ein Kupferkessel brodelte ?ber dem offenen Feuer, und in der Ecke stand ein riesiges Bett mit einer Flickendecke. ?Macht?s euch bequem?, sagte Hagrid und lie? Fang los, der gleich auf Ron losst?rzte und ihn an den Ohren leckte. Wie Hagrid war auch Fang offensichtlich nicht so wild, wie er aussah. ?Das ist Ron?, erkl?rte Harry, w?hrend Hagrid kochendes Wasser in einen gro?en Teekessel goss und Pl?tzchen auf einen Teller legte. ?Noch ein Weasley, nicht wahr??, sagte Hagrid und betrachtete Rons Sommersprossen. ?Mein halbes Leben hab ich damit verbracht, deine Zwillingsbr?der aus dem Wald zu verjagen.? Die Pl?tzchen waren so hart, dass sie sich fast die Z?hne ausbissen, doch Harry und Ron lie?en sich nichts anmerken und erz?hlten Hagrid alles ?ber die ersten

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 94 von 94 Unterrichtsstunden. Fang legte den Kopf auf Harrys Knie und Sabber lief den Umhang hinunter. Harry und Ron genossen es, dass Hagrid Filch einen ?bl?den Sack? nannte. ?Und was diese Katze angeht, Mrs Norris, die m?cht ich mal Fang vorstellen. Wisst ihr, immer wenn ich hochgeh zur Schule, folgt sie mir auf Schritt und Tritt. Kann sie nicht absch?tteln, Filch macht sie extra scharf auf mich.? Harry erz?hlte Hagrid von der ersten Stunde bei Snape. Wie zuvor schon Ron, riet ihm auch Hagrid, sich dar?ber keine Gedanken zu machen; Snape m?ge eben kaum einen Sch?ler. ?Aber er schien mich richtig zu hassen.? ?Unsinn!?, sagte Hagrid. ?Warum sollte er?? Doch Harry meinte zu bemerken, dass Hagrid ihm dabei nicht wirklich in die Augen schaute. ?Wie geht?s deinem Bruder Charlie??, fragte Hagrid Ron. ?Mochte ihn sehr gern, konnte prima mit Tieren umgehen.? Harry fragte sich, ob Hagrid das Thema absichtlich gewechselt hatte. W?hrend Ron Hagrid von Charlies Arbeit mit den Drachen erz?hlte, zog Harry ein Blatt Papier unter der Teehaube hervor. Es war ein Ausschnitt aus dem Tagespropheten: Neues vom Einbruch bei Gringotts Die Ermittlungen im Fall des Einbruchs bei Gringotts vom 31. Juli werden fortgesetzt. Allgemein wird vermutet, dass es sich um die Tat schwarzer Magier oder Hexen handelt. Um wen genau es sich handelt, ist jedoch unklar. Vertreter der Kobolde bei Gringotts bekr?ftigten heute noch einmal, dass nichts gestohlen wurde. Das Verlies, das durchsucht wurde, war zuf?llig am selben Tag geleert worden. ?Wir sagen Ihnen allerdings nicht, was drin war, also halten Sie Ihre Nasen da raus, falls Sie wissen, was gut f?r Sie ist?, sagte ein offizieller Koboldsprecher von Gringotts heute Nachmittag. Harry erinnerte sich, dass Ron ihm im Zug gesagt hatte, jemand habe versucht, Gringotts auszurauben. Doch Ron hatte nicht erw?hnt, an welchem Tag das war. ?Hagrid!?, rief Harry, ?dieser Einbruch bei Gringotts war an meinem Geburtstag! Vielleicht sogar, w?hrend wir dort waren!? Diesmal konnte es keinen Zweifel geben: Hagrid blickte Harry nicht in die Augen. Er st?hnte auf und bot ihm noch ein Pl?tzchen an. Harry las den Zeitungsartikel noch einmal durch. Das Verlies, das durchsucht wurde, war zuf?llig am selben Tag geleert worden. Hagrid hatte Verlies siebenhundertdreizehn geleert, wenn man es so nennen konnte, denn er hatte nur dieses schmutzige kleine Paket herausgeholt. War es das, wonach die Diebe gesucht hatten?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 95 von 95 Als Harry und Ron zum Abendessen ins Schloss zur?ckkehrten, waren ihre Taschen vollgestopft mit den steinharten Pl?tzchen, die sie aus H?flichkeit nicht hatten ablehnen wollen. Harry ?berlegte, dass ihm bisher keine Unterrichtsstunde so viel Stoff zum Nachdenken geliefert hatte wie dieser Teenachmittag bei Hagrid. Hatte Hagrid dieses P?ckchen gerade noch rechtzeitig geholt? Wo war es jetzt? Und wusste Hagrid mehr ?ber Snape, als er Harry erz?hlen wollte? Duell um Mitternacht Harry h?tte sich nicht tr?umen lassen, dass er je auf einen Jungen sto?en w?rde, den er mehr hasste als Dudley ? bis er Draco Malfoy kennen lernte. Ein Gl?ck, dass die Erstkl?ssler von Gryffindor nur die Zaubertrankstunden gemeinsam mit den Slytherins hatten und sie sich deshalb nicht allzu lange mit Malfoy abgeben mussten. Wenigstens taten sie es nicht, bis sie am schwarzen Brett ihres Aufenthaltsraumes eine Notiz bemerkten, die sie alle aufst?hnen lie?. Die Flugstunden w?rden am Donnerstag beginnen. Und Gryffindor und Slytherin sollten zusammen Unterricht haben. ?Das hat mir gerade noch gefehlt?, sagte Harry mit d?sterer Stimme. ?Genau das, was ich immer wollte. Mich vor den Augen Malfoys auf einem Besen l?cherlich machen.? Auf das Fliegenlernen hatte er sich mehr gefreut als auf alles andere. ?Du wei?t doch noch gar nicht, ob du dich l?cherlich machst?, sagte Ron vern?nftigerweise. ?Jedenfalls wei? ich, dass Malfoy immer damit protzt, wie gut er im Quidditch ist, aber ich wette, das ist alles nur Gerede.? Malfoy sprach in der Tat ausgiebig vom Fliegen. Er beklagte sich lauthals, dass die Erstkl?ssler es nie schafften, in eines der Quidditch-Teams aufgenommen zu werden, und erz?hlte langatmige Geschichten, die immer damit zu enden schienen, dass er um Haaresbreite irgendwelchen Muggeln in Hubschraubern entkommen war. Allerdings war er nicht der Einzige: Seamus Finnigan jedenfalls lie? durchblicken, dass er den gr??ten Teil seiner Kindheit damit verbracht habe, auf einem Besen ?bers Land zu brausen. Selbst Ron erz?hlte jedem, der es h?ren wollte, wie er auf Charlies altem Besen einmal fast mit einem Drachenflieger zusammengesto?en sei. Alle Sch?ler aus Zaubererfamilien redeten st?ndig ?ber Quidditch. Mit Dean Thomas, der auch in ihrem Schlafsaal war, hatte sich Ron bereits einen heftigen Streit ?ber Fu?ball geliefert. Ron konnte einfach nicht einsehen, was so spannend sein sollte an einem Spiel mit nur einem Ball, bei dem es nicht erlaubt war, zu fliegen. Harry hatte Ron dabei erwischt, wie er vor Deans Poster von dessen Lieblingsfu?ballmannschaft stand und die Spieler anfeuerte, sich doch endlich zu bewegen. Neville wiederum hatte noch nie einen Besen bestiegen. Seine Gro?mutter wollte ihn nicht einmal in die N?he eines solchen Flugger?ts lassen. Harry gab ihr im Stillen Recht, denn Neville schaffte es sogar, mit beiden F??en fest auf dem Boden eine erstaunliche Zahl von Unf?llen zu erleiden.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 96 von 96 Fast so nerv?s wie Neville, wenn es ans Fliegen ging, war Hermine Granger. Fliegen war etwas, was man nicht aus einem Buch auswendig lernen konnte ? nicht, dass sie es nicht versucht h?tte. Beim Fr?hst?ck am Donnerstagmorgen langweilte sie alle mit dummen Flugtipps, die sie in einem Bibliotheksband namens Quidditch im Wandel der Zeiten gefunden hatte. Neville hing ihr an den Lippen, begierig auf alles, was ihm nachher helfen k?nnte, auf dem Besen zu bleiben, doch alle anderen waren erleichtert, als die Ankunft der Post Hermines Vorlesung unterbrach. Seit Hagrids Einladung hatte Harry keinen einzigen Brief mehr bekommen, was Malfoy nat?rlich schnell bemerkt hatte. Malfoys Uhu brachte ihm immer P?ckchen mit S??igkeiten von daheim, die er am Tisch der Slytherins gen?sslich auspackte. Eine Schleiereule brachte Neville ein kleines P?ckchen von seiner Gro?mutter. Er ?ffnete es ganz aufgeregt und zeigte den andern eine Glaskugel, die einer gro?en Murmel ?hnelte und offenbar mit wei?em Rauch gef?llt war. ?Ein Erinnermich?, erkl?rte er. ?Oma wei?, dass ich st?ndig alles vergesse. Das Ding hier sagt einem, ob es etwas gibt, was man zu tun vergessen hat. Schaut mal, ihr schlie?t es ganz fest in die Hand, und wenn es rot wird ? oh ?? Er schaute betreten drein, denn das Erinnermich ergl?hte im Nu scharlachrot, ?? dann habt ihr etwas vergessen ?? Neville war gerade damit besch?ftigt, sich daran zu erinnern, was er vergessen hatte, als Draco Malfoy am Tisch der Gryffindors vorbeiging und ihm das Erinnermich aus der Hand riss. Harry und Ron sprangen auf. Insgeheim hofften sie, einen Grund zu finden, um sich mit Malfoy schlagen zu k?nnen, doch Professor McGonagall, die schneller als alle anderen Lehrer der Schule sp?rte, wenn es ?rger gab, stand schon vor ihnen. ?Was geht hier vor?? ?Malfoy hat mein Erinnermich, Frau Professor.? Mit zornigem Blick lie? Malfoy das Erinnermich rasch wieder auf den Tisch fallen. ?Wollte nur mal sehen?, sagte er und trottete mit Crabbe und Goyle im Schlepptau davon. An diesem Nachmittag um halb vier rannten Harry, Ron und die anderen Gryffindors ?ber die Vordertreppe hinaus auf das Schlossgel?nde, wo die erste Flugstunde stattfinden sollte. Es war ein klarer, ein wenig windiger Tag, und das Gras wellte sich unter ihren F??en, als sie den sanft abfallenden Hang zu einem flachen St?ck Rasen auf der gegen?berliegenden Seite des verbotenen Waldes hinuntergingen, dessen B?ume in der Ferne dunkel wogten. Die Slytherins waren schon da, und auch, fein s?uberlich aneinandergereiht auf dem Boden liegend, zwanzig Besen. Harry hatte geh?rt, wie Fred und George Weasley sich ?ber die Schulbesen mokierten. Manche davon fingen an zu vibrieren, wenn man zu hoch flog, oder bekamen einen Drall nach links. Jetzt erschien Madam Hooch, ihre Lehrerin. Sie hatte kurzes, graues Haar und gelbe Augen wie ein Falke.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 97 von 97 ?Nun, worauf wartet ihr noch??, blaffte sie die Sch?ler an. ?Jeder stellt sich neben einem Besen auf. Na los, Beeilung.? Harry sah hinunter auf seinen Besen. Es war ein altes Modell und einige der Reisigzweige waren kreuz und quer abgespreizt. ?Streckt die rechte Hand ?ber euren Besen aus?, rief Madam Hooch, die sich vor ihnen aufgestellt hatte, ?und sagt ?Hoch!?.? ?HOCH!?, riefen alle. Harrys Besen sprang sofort hoch in seine Hand, doch er war nur einer von wenigen, bei denen es klappte. Der Besen von Hermine Granger hatte sich einfach auf dem Boden umgedreht und der Nevilles hatte sich ?berhaupt nicht ger?hrt. Vielleicht sp?rten Besen wie Pferde, wenn man Angst hatte, dachte Harry. In Nevilles Stimme lag ein Zittern, das nur zu deutlich sagte, dass er mit den F??en lieber auf dem Boden bleiben wollte. Madam Hooch zeigte ihnen nun, wie sie die Besenstiele besteigen konnten, ohne hinten herunterzurutschen, und ging die Reihen entlang, um ihre Griffe zu ?berpr?fen. Harry und Ron freuten sich riesig, als sie Malfoy erkl?rte, dass er es all die Jahre falsch gemacht habe. ?Passt jetzt auf. Wenn ich pfeife, sto?t ihr euch vom Boden ab, und zwar mit aller Kraft?, sagte Madam Hooch. ?Haltet eure Besenstiele gerade, steigt ein paar Meter hoch und kommt dann gleich wieder runter, indem ihr euch leicht nach vorn neigt. Auf meinen Pfiff ? drei ? zwei ?? Neville jedoch, nerv?s und aufgeregt und voller Angst, auf dem Boden zur?ckzubleiben, nahm all seine Kr?fte zusammen und stie? sich vom Boden ab, bevor die Pfeife Madam Hoochs Lippen ber?hrt hatte. ?Komm zur?ck, Junge!?, rief sie. Doch Neville schoss in die Luft wie der Korken aus einer Sektflasche ? vier Meter ? sieben Meter. Harry sah sein ver?ngstigtes Gesicht auf den entschwindenden Boden blicken, sah ihn die Luft anhalten, seitlich vom Besenstiel gleiten und ? WUMM ? ein dumpfer Schlag und ein h?ssliches Knacken, und Neville, ein unf?rmiges B?ndel, lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Gras. Sein Besen stieg immer noch h?her und schwebte ganz allm?hlich zum verbotenen Wald hin?ber, wo er verschwand. Madam Hooch beugte sich ?ber Neville, ihr Gesicht ebenso bleich wie das seine. ?Handgelenk gebrochen?, h?rte Harry sie murmeln. ?Na komm, Junge, es ist schon gut, steh auf.? Sie drehte sich zum Rest der Klasse um. ?Keiner von euch r?hrt sich, w?hrend ich diesen Jungen in den Krankenfl?gel bringe! Ihr lasst die Besen, wo sie sind, oder ihr seid schneller aus Hogwarts drau?en, als ihr ?Quidditch? sagen k?nnt! Komm, mein Kleiner.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 98 von 98 Neville, mit tr?nen?berstr?mtem Gesicht, umklammerte sein Handgelenk und hinkte mit Madam Hooch davon, die ihren Arm um ihn gelegt hatte. Kaum waren sie au?er Sicht, brach Malfoy in lautes Lachen aus. ?Habt ihr das Gesicht von diesem Riesentrampel gesehen?? Die anderen Slytherins stimmten in sein Lachen ein. ?Halt den Mund, Malfoy?, sagte Parvati Patil in scharfem Ton. ?Ooh, machst dich f?r Longbottom stark??, sagte Pansy Parkinson, ein Slytherin-M?dchen mit harten Z?gen. ?H?tte nicht gedacht, dass ausgerechnet du fette kleine Heulsusen magst, Parvati.? ?Schaut mal?, sagte Malfoy, machte einen Sprung und pickte etwas aus dem Gras. ?Das bl?de Ding, das die Oma von Longbottom ihm geschickt hat.? Er hielt das Erinnermich hoch und es schimmerte in der Sonne. ?Gib es her, Malfoy?, sagte Harry ruhig. Alle schwiegen mit einem Schlag und richteten die Augen auf die beiden. Malfoy grinste. ?Ich glaube, ich steck es irgendwohin, damit Longbottom es sich abholen kann ? wie w?r?s mit ? oben auf einem Baum?? ?Gib es her!?, schrie Harry. Doch Malfoy war auf seinen Besen geh?pft und hatte sich in die L?fte erhoben. Gelogen hatte er nicht ? fliegen konnte er. Von den obersten ?sten einer Eiche herab rief er: ?Komm und hol?s dir doch, Potter!? Harry griff nach seinem Besen. ?Nein?, rief Hermine Granger. ?Madam Hooch hat gesagt, wir d?rfen uns nicht r?hren. ? Du bringst uns noch alle in Schwierigkeiten.? Harry beachtete sie nicht. Blut pochte in seinen Ohren. Er stieg auf den Besen, stie? sich heftig vom Boden ab und schoss mit wehendem Haar und in der Luft peitschendem Umhang nach oben ? und wilde Freude durchstr?mte ihn, denn er sp?rte, dass er etwas konnte, was man ihm nicht erst beibringen musste ? Fliegen war leicht, Fliegen war toll. Er zog ein wenig an seinem Besenstiel, damit er ihn noch h?her trug, und von unten h?rte er die M?dchen schreien und seufzen und einen bewundernden Zuruf von Ron. Er riss den Besen scharf herum, um Malfoy mitten in der Luft zu stellen. Malfoy sah ?berrascht aus. ?Gib es her?, rief Harry, ?oder ich werf dich von deinem Besen runter!? ?Was du nicht sagst??, entgegnete Malfoy und versuchte ein h?hnisches Grinsen. Allerdings sah er ein wenig besorgt aus. Aus irgendeinem Grund wusste Harry, was zu tun war. Er beugte sich vor, griff den Besenstiel fest mit beiden H?nden und lie? ihn auf Malfoy zuschie?en wie einen Speer. Malfoy konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen; Harry machte scharf

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 99 von 99 kehrt und hielt den Besenstiel gerade. Unten auf dem Boden klatschten ein paar Sch?ler in die H?nde. ?Kein Crabbe und kein Goyle hier oben, um dich rauszuhauen, Malfoy!?, rief Harry. Derselbe Gedanke schien auch Malfoy gekommen zu sein. ?Dann fang?s doch, wenn du kannst!?, schrie er, warf die Glaskugel hoch in die Luft und sauste hinunter gen Erde. Harry sah den Ball wie in Zeitlupe hochsteigen und dann immer schneller fallen. Er beugte sich vor und dr?ckte seinen Besenstiel nach unten. ? Im n?chsten Augenblick war er in steilem Sinkflug, immer schneller hinter der Kugel her ? der Wind pfiff ihm um die Ohren, hin und wieder drangen Schreie vom Boden durch ? er streckte die Hand aus ? kaum einen halben Meter ?ber dem Boden fing er sie auf, gerade rechtzeitig, um seinen Besenstiel in die Waagrechte zu ziehen, und mit dem Erinnermich sicher in der Faust landete er sanft auf dem Gras. ?HARRY POTTER!? Das Herz sank ihm wesentlich schneller in die Hose, als er gerade eben f?r seinen Flug aus luftiger H?he zur?ck auf die Erde gebraucht hatte. Mit zitternden Knien stand er auf. ?Nie, w?hrend meiner ganzen Zeit in Hogwarts ?? Professor McGonagall war fast sprachlos vor Entsetzen und ihre Brillengl?ser funkelten zornig. ?Wiekannst du es wagen, du h?ttest dir den Hals brechen k?nnen ?? ?Es war nicht seine Schuld, Professor ?? ?Seien Sie still, Miss Patil!? ?Aber Malfoy ?? ?Genug, Mr Weasley. Potter, folgen Sie mir, sofort.? Harry sah noch Malfoys, Crabbes und Goyles triumphierende Gesichter, als er benommen hinter Professor McGonagall hertrottete, die raschen Schritts auf das Schloss zuging. Er w?rde von der Schule verwiesen werden, das hatte er im Gef?hl. Er wollte etwas sagen, um sich zu verteidigen, doch mit seiner Stimme schien etwas nicht zu stimmen. Professor McGonagall eilte voran, ohne ihn auch nur anzublicken; um Schritt zu halten, musste er laufen. Jetzt hatte er es vermasselt. Nicht einmal zwei Wochen lang hatte er es geschafft. In zehn Minuten w?rde er seine Koffer packen. Was w?rden die Dursleys sagen, wenn er vor ihrer T?r auftauchte? Es ging die Vordertreppe hoch, dann die Marmortreppe im Innern des Schlosses, und noch immer sagte Professor McGonagall kein Wort. Sie riss T?ren auf und marschierte G?nge entlang, den niedergeschlagenen Harry im Schlepptau. Vielleicht brachte sie ihn zu Dumbledore. Er dachte an Hagrid: von der Schule verwiesen, doch als Wildh?ter noch geduldet. Vielleicht konnte er Hagrids Gehilfe werden. Ihm drehte es den Magen um, als er sich das vorstellte: Ron und den anderen zusehen,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 100 von 100 wie sie Zauberer wurden, w?hrend er ?ber die L?ndereien humpelte mit Hagrids Tasche auf dem R?cken. Professor McGonagall machte vor einem Klassenzimmer Halt. Sie ?ffnete die T?r und steckte den Kopf hinein. ?Entschuldigen Sie, Professor Flitwick, k?nnte ich mir Wood f?r eine Weile ausleihen?? Wood?, dachte Harry verwirrt; war Wood ein Stock, den sie f?r ihn brauchte? Doch Wood stellte sich als Mensch heraus, als ein st?mmiger Junge aus der f?nften Klasse, der etwas verdutzt aus Flitwicks Unterricht herauskam. ?Folgt mir, ihr beiden?, sagte Professor McGonagall, und sie gingen weiter den Korridor entlang, wobei Wood Harry neugierige Blicke zuwarf. ?Da hinein.? Professor McGonagall wies sie in ein Klassenzimmer, das leer war, mit Ausnahme von Peeves, der gerade w?ste Ausdr?cke an die Tafel schrieb. ?Raus hier, Peeves!?, blaffte sie ihn an. Peeves warf die Kreide in einen M?lleimer, der ein lautes Klingen von sich gab, und schwebte fluchend hinaus. Professor McGonagall schlug die T?r hinter ihm zu und musterte die beiden Jungen. ?Potter, dies ist Oliver Wood. Wood, ich habe einen Sucher f?r Sie gefunden.? Der zuvor noch ratlose Wood schien nun pl?tzlich hellauf begeistert. ?Meinen Sie das ernst, Professor?? ?Vollkommen ernst?, sagte Professor McGonagall forsch. ?Der Junge ist ein Naturtalent. So etwas habe ich noch nie gesehen. War das Ihr erstes Mal auf einem Besen, Potter?? Harry nickte schweigend. Er hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging, doch offenbar wurde er nicht von der Schule verwiesen, und allm?hlich bekam er wieder ein Gef?hl in den Beinen. ?Er hat dieses Ding aufgefangen nach einem Sturzflug aus f?nfzehn Metern?, sagte Professor McGonagall zu Wood gewandt. ?Hat sich nicht einmal einen Kratzer geholt. Nicht einmal Charlie Weasley h?tte das geschafft.? Wood guckte, als ob all seine Tr?ume auf einen Schlag wahr geworden w?ren. ?Jemals ein Quidditch-Spiel gesehen, Potter??, fragte er aufgeregt. ?Wood ist Kapit?n der Mannschaft von Gryffindor?, erkl?rte Professor McGonagall. ?Au?erdem hat er genau die richtige Statur f?r einen Sucher?, sagte Wood, der nun mit pr?fendem Blick um Harry herumging. ?Leicht, schnell, wir m?ssen ihm einen anst?ndigen Besen verschaffen, Professor, einen Nimbus Zweitausend oder einen Sauberwisch Sieben, w?rd ich sagen.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 101 von 101 ?Ich werde mit Professor Dumbledore sprechen und zusehen, dass wir die Regeln f?r die Erstkl?ssler etwas zurechtbiegen k?nnen. Wei? Gott, wir brauchen eine bessere Mannschaft als letztes Jahr.Plattgemacht von Slytherin in dem letzten Spiel ? ich konnte Severus Snape wochenlang nicht in die Augen sehen ?? Professor McGonagall sah Harry mit ernstem Blick ?ber die Brillengl?ser hinweg an. ?Ich m?chte h?ren, dass Sie hart trainieren werden, Potter, oder ich k?nnte mir das mit der Bestrafung noch einmal ?berlegen.? Dann l?chelte sie pl?tzlich. ?Ihr Vater w?re stolz auf Sie. Er war selbst ein hervorragender Quidditch-Spieler.? ?Du machst Witze.? Sie waren beim Abendessen. Harry hatte Ron gerade erz?hlt, was passiert war, nachdem er mit Professor McGonagall ins Schloss gegangen war. Ron hatte gerade ein St?ck Steak-und-Nieren-Pastete auf halbem Weg in den Mund, doch er verga? v?llig zu essen. ?Sucher??, sagte er. ?Aber Erstkl?ssler werden nie ? du musst der j?ngste Hausspieler seit mindestens ?? ?? einem Jahrhundert sein?, sagte Harry und schaufelte sich Pastete in den Mund. Nach der Aufregung am Nachmittag war er besonders hungrig. ?Wood hat es mir erz?hlt.? Ron war so beeindruckt und aus dem H?uschen, dass er nur dasa? und Harry mit offenem Mund anstarrte. ?N?chste Woche fange ich an zu trainieren?, sagte Harry. ?Aber sag?s nicht weiter, Wood will es geheim halten.? Fred und George kamen jetzt in die Halle, sahen Harry und liefen rasch zu ihm. ?Gut gemacht?, sagte George mit leiser Stimme, ?Wood hat es uns erz?hlt. Wir sind auch in der Mannschaft ? als Treiber.? ?Ich sag?s euch, dieses Jahr gewinnen wir ganz sicher den Quidditch-Pokal?, meinte Fred. ?Seit Charlie weg ist, haben wir nicht mehr gewonnen, aber die Mannschaft von diesem Jahr ist klasse. Du musst wohl ganz gut sein, Harry, Wood hat sich fast ?berschlagen, als er es erz?hlt hat.? Ȇbrigens, wir m?ssen gleich wieder los, Lee Jordan glaubt, er habe einen neuen Geheimgang entdeckt, der aus der Schule herausf?hrt.? ?Wette, es ist der hinter dem Standbild von Gregor dem Kriecher, den wir schon in unserer ersten Woche hier entdeckt haben. Bis sp?ter.? Kaum waren Fred und George verschwunden, als jemand auftauchte, der weit weniger willkommen war: Malfoy, flankiert von Crabbe und Goyle.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 102 von 102 ?Nimmst deine letzte Mahlzeit ein, Potter? Wann f?hrt der Zug zur?ck zu den Muggeln?? ?Hier unten bist du viel mutiger und deine kleinen Kumpel hast du auch mitgebracht?, sagte Harry k?hl. Nat?rlich war ?berhaupt nichts Kleines an Crabbe und Goyle, doch da der Hohe Tisch mit Lehrern besetzt war, konnte keiner von ihnen mehr tun, als mit den Kn?cheln zu knacken und b?se Blicke zu werfen. ?Mit dir w?rd ich es jederzeit allein aufnehmen?, sagte Malfoy. ?Heute Nacht, wenn du willst. Zaubererduell. Nur Zauberst?be, kein K?rperkontakt. Was ist los? Noch nie von einem Zaubererduell geh?rt, was?? ?Nat?rlich hat er?, sagte Ron und stand auf. ?Ich bin sein Sekundant, wer ist deiner?? Malfoy musterte Crabbe und Goyle. ?Crabbe?, sagte er. ?Mitternacht, klar? Wir treffen uns im Pokalzimmer, das ist immer offen.? Als Malfoy verschwunden war, sahen sich Ron und Harry an. ?Was ist ein Zaubererduell??, fragte Harry. ?Und was soll das hei?en, du bist mein Sekundant?? ?Na ja, ein Sekundant ist da, um deine Angelegenheiten zu regeln, falls du stirbst?, sagte Ron l?ssig und machte sich endlich ?ber seine kalte Pastete her. Er bemerkte Harrys Gesichtsausdruck und f?gte rasch hinzu: ?Aber man stirbt nur in richtigen Duellen mit richtigen Zauberern. Alles, was du und Malfoy k?nnt, ist, euch mit Funken zu bespr?hen. Keiner von euch kann gut genug zaubern, um wirklich Schaden anzurichten. Ich wette, er hat ohnehin erwartet, dass du ablehnst.? ?Und was, wenn ich mit meinem Zauberstab herumfuchtle und nichts passiert?? ?Dann wirf ihn weg und hau Malfoy eins auf die Nase?, schlug Ron vor. ?Entschuldigt, wenn ich st?re.? Beide sahen auf. Es war Hermine Granger. ?Kann ein Mensch hier nicht mal in Ruhe essen??, sagte Ron. Hermine ignorierte ihn und wandte sich an Harry. ?Ich habe unfreiwillig mitbekommen, was du und Malfoy beredet habt ?? ?Von wegen unfreiwillig?, murmelte Ron. ?? und ihr d?rft einfach nicht nachts in der Schule herumlaufen, denkt an die Punkte, die Gryffindor wegen euch verliert, wenn ihr erwischt werdet, und das werdet ihr sicher. Das ist wirklich sehr egoistisch von euch.? ?Und dich geht es wirklich nichts an?, sagte Harry. ?Auf Wiedersehen?, sagte Ron.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 103 von 103 Trotz allem konnte man nicht gerade von einem gelungenen Abschluss des Tages reden, dachte Harry, als er sp?ter noch lange wach lag und h?rte, wie Dean und Seamus einschliefen (Neville war noch nicht aus dem Krankenfl?gel zur?ckgekehrt). Ron hatte ihm den ganzen Abend lang Ratschl?ge erteilt, zum Beispiel: ?Wenn er versucht, dir einen Fluch anzuh?ngen, dann weich ihm besser aus, ich wei? n?mlich nicht, wie man sie abblocken kann.? Wahrscheinlich w?rden sie ohnehin von Filch oder Mrs Norris erwischt werden, und Harry hatte das Gef?hl, dass er sein Gl?ck aufs Spiel setzte, wenn er heute noch eine Schulregel brach. Andererseits tauchte st?ndig Malfoys grinsendes Gesicht aus der Dunkelheit auf ? das war die gro?e Gelegenheit, ihn von Angesicht zu Angesicht zu schlagen. Er konnte sie nicht sausen lassen. ?Halb zw?lf?, murmelte Ron schlie?lich, ?wir sollten aufbrechen.? Sie zogen die Morgenm?ntel an, griffen sich ihre Zauberst?be und schlichen durch das Turmzimmer, die Wendeltreppe hinab und in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Ein paar Holzscheite gl?hten noch im Kamin und verwandelten die Sessel in gedrungene schwarze Schatten. Sie hatten das Loch hinter dem Portr?t schon fast erreicht, als eine Stimme aus n?chster N?he zu ihnen sprach: ?Ich kann einfach nicht glauben, dass du das tust, Harry.? Eine Lampe ging flackernd an. Es war Hermine Granger, die einen rosa Morgenmantel trug und auf der Stirn eine tiefe Sorgenfalte. ?Du!?, sagte Ron zornig. ?Geh wieder ins Bett!? ?Ich h?tte es fast deinem Bruder erz?hlt?, sagte Hermine spitz, ?Percy, er ist Vertrauenssch?ler, und er h?tte das hier nicht zugelassen.? Harry konnte es nicht fassen, dass sich jemand auf so unversch?mte Weise einmischte. ?Los, weiter?, sagte er zu Ron. Er schob das Portr?t der fetten Dame beiseite und kletterte durch das Loch. So schnell gab Hermine jedoch nicht auf. Sie folgte Ron durch das Loch hinter dem Bild und fauchte wie eine w?tende Gans. ?Ihr schert euch ?berhaupt nicht um Gryffindor, sondern nur um euch selbst. Ich jedenfalls will nicht, dass Slytherin den Hauspokal gewinnt und ihr s?mtliche Punkte wieder verliert, die ich von Professor McGonagall gekriegt habe, weil ich alles ?ber die Verwandlungsspr?che wusste.? ?Hau ab.? ?Na gut, aber ich warne euch, erinnert euch an das, was ich gesagt habe, wenn ihr morgen im Zug nach Hause sitzt, ihr seid ja so was von ?? Doch was sie waren, erfuhren sie nicht mehr. Hermine hatte sich zu dem Portr?t der fetten Dame umgedreht, um zur?ckzukehren, doch das Bild war leer. Die fette Dame war zu einem n?chtlichen Besuch ausgegangen und Hermine war aus dem Gryffindor-Turm ausgesperrt.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 104 von 104 ?Was soll ich jetzt tun??, fragte sie mit schriller Stimme. ?Das ist dein Problem?, sagte Ron. ?Wir m?ssen weiter, sonst kommen wir noch zu sp?t.? Sie hatten noch nicht einmal das Ende des Ganges erreicht, als Hermine sie einholte. ?Ich komme mit?, sagte sie. ?Das tust du nicht.? ?Glaubt ihr, ich warte hier drau?en, bis Filch mich erwischt? Wenn er uns alle drei erwischt, sage ich ihm die Wahrheit, n?mlich dass ich euch aufhalten wollte, und ihr k?nnt es ja best?tigen.? ?Du hast vielleicht Nerven ??, st?hnte Ron. ?Seid still, beide!?, zischte Harry. ?Ich hab etwas geh?rt.? Es h?rte sich an wie ein Schn?ffeln. ?Mrs Norris??, fl?sterte Ron und sp?hte durch die Dunkelheit. Es war nicht Mrs Norris. Es war Neville. Er lag zusammengekauert auf dem Boden und schlief, doch als sie sich n?herten, schreckte er hoch. ?Gott sei Dank, dass ihr mich gefunden habt! Ich bin schon seit Stunden hier drau?en. Ich hab das Passwort vergessen und bin nicht reingekommen.? ?Sprich leise, Neville. Das Passwort ist ?Schweineschnauze?, aber das wird dir nicht weiterhelfen, die fette Dame ist n?mlich ausgeflogen.? ?Was macht dein Arm??, fragte Harry. ?Wieder in Ordnung?, sagte Neville und zeigte ihn vor. ?Madam Pomfrey hat ihn in einer Minute heil gemacht.? ?Gut. Nun h?r mal zu, Neville, wir m?ssen noch weiter, wir sehen uns sp?ter ?? ?Lasst mich nicht allein!?, rief Neville und rappelte sich hoch. ?Ich will nicht alleine hierbleiben, der Blutige Baron ist schon zweimal vorbeigekommen.? Ron sah auf die Uhr und blickte dann Hermine und Neville w?tend an. ?Wenn wir wegen euch erwischt werden, ruhe ich nicht eher, bis ich diesen Fluch der Kobolde gelernt habe, von dem uns Quirrell erz?hlt hat, und ihn euch auf den Hals gejagt habe.? Hermine ?ffnete den Mund, vielleicht um Ron genau zu erkl?ren, wie der Fluch der Kobolde funktionierte, doch mit einem Zischen gebot ihr Harry zu schweigen und scheuchte sie alle weiter. Sie huschten G?nge entlang, in die der Mond Lichtstreifen durch die hohen Fenster warf. Nach jeder Ecke erwartete Harry, sie w?rden auf Filch oder Mrs Norris sto?en, doch sie hatten Gl?ck. Sie rannten eine Treppe zum dritten Stock empor und gingen auf Zehenspitzen in Richtung Pokalzimmer.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 105 von 105 Malfoy und Crabbe waren noch nicht da. Die Vitrinen aus Kristallglas schimmerten im Mondlicht. Pokale, Schilder, Teller und Statuen blinkten silbern und golden durch die Dunkelheit. Sie dr?ckten sich leise an den W?nden entlang und behielten dabei die T?ren auf beiden Seiten des Raumes im Auge. Harry nahm seinen Zauberstab heraus f?r den Fall, dass Malfoy hereinsprang und sofort loslegte. Die Minuten krochen vorbei. ?Er kommt zu sp?t, vielleicht hat er Muffensausen gekriegt?, fl?sterte Ron. Ein Ger?usch im Zimmer nebenan lie? sie zusammenschrecken. Harry hatte gerade den Zauberstab erhoben, als sie jemanden sprechen h?rten ? und es war nicht Malfoy. ?Schn?ffel ein wenig herum, meine S??e, vielleicht lauern sie in einer Ecke.? Es war Filch, der mit Mrs Norris sprach. Harry, den ein f?rchterlicher Schreck gepackt hatte, ruderte wild mit den Armen, um den anderen zu bedeuten, sie sollten ihm so schnell wie m?glich folgen. Sie tasteten sich zur T?r, die von Filchs Stimme wegf?hrte. Kaum war Nevilles Umhang um die Ecke gewischt, als sie Filch das Pokalzimmer betreten h?rten. ?Sie sind irgendwo hier drin?, h?rten sie ihn murmeln, ?wahrscheinlich verstecken sie sich.? ?Hier entlang!?, bedeutete Harry den andern mit einer Mundbewegung, und mit entsetzensstarren Gliedern schlichen sie eine endlose Galerie voller R?stungen entlang. Sie konnten Filch n?her kommen h?ren. Neville gab pl?tzlich ein ?ngstliches Quieken von sich und rannte los, er stolperte, klammerte seine Arme um Rons H?fte und beide st?rzten mitten in eine R?stung. Das Klingen und Klirren reichte aus, um das ganze Schloss aufzuwecken. ?LAUFT!?, rief Harry, und die vier rasten die Galerie entlang, ohne sich umzusehen, ob Filch folgte. Sie schwangen sich um einen T?rpfosten und liefen einen Gang runter und dann noch einen, Harry voran, der jedoch keine Ahnung hatte, wo sie waren oder hinrannten. Schlie?lich durchrissen sie einen Wandbehang und fanden sich in einem Geheimgang wieder. Immer noch rennend kamen sie in der N?he des Klassenzimmers heraus, wo sie Zauberkunst hatten und von dem sie wussten, dass es vom Pokalzimmer meilenweit entfernt war. ?Ich glaube, wir haben ihn abgeh?ngt?, stie? Harry au?er Atem hervor, lehnte sich gegen die kalte Wand und wischte sich die Stirn. Neville war pfeifend und prustend in sich zusammengesunken. ?Ich ? hab?s euch ? gesagt?, keuchte Hermine und griff sich an die Seite, wo sie ein Stechen sp?rte, ?ich ? hab?s ? euch ? doch ? gesagt.? ?Wir m?ssen zur?ck in den Gryffindor-Turm?, sagte Ron, ?so schnell wie m?glich.? ?Malfoy hat dich reingelegt?, sagte Hermine zu Harry. ?Das siehst du doch auch, oder? Er hat dich nie treffen wollen ? Filch wusste, dass im Pokalzimmer etwas vor sich ging, Malfoy muss ihm einen Tipp gegeben haben.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 106 von 106 Sie hat vermutlich Recht, dachte Harry, doch das w?rde er ihr nicht sagen. ?Gehen wir.? So einfach war es freilich nicht. Nach kaum einem Dutzend Schritten r?ttelte es an einer T?rklinke und aus einem Klassenzimmer kam eine Gestalt herausgeschossen. Es war Peeves. Er bemerkte sie und gab ein freudiges Quietschen von sich. ?Halt den Mund, Peeves, bitte, wegen dir werden wir noch rausgeworfen.? Peeves lachte gackernd. ?Stromern um Mitternacht im Schloss herum, die kleinen Erstkl?ssler? Soso, soso. Gar nicht brav, man wird euch erwischen.? ?Nicht, wenn du uns nicht verpetzt, Peeves, bitte.? ?Sollte es Filch sagen, sollte ich wirklich?, sagte Peeves mit sanfter Stimme, doch mit verschlagen glitzernden Augen. ?Ist nur zu eurem Besten, wisst ihr.? ?Aus dem Weg?, fuhr ihn Ron an und schlug nach ihm, was ein gro?er Fehler war. ?SCH?LER AUS DEM BETT!?, br?llte Peeves, ?SCH?LER AUS DEM BETT, HIER IM ZAUBERKUNSTKORRIDOR!? Sie duckten sich unter Peeves hindurch und rannten wie um ihr Leben bis zum Ende des Gangs, wo sie in eine T?r krachten ? und die war verschlossen. ?Das war?s!?, st?hnte Ron, als sie verzweifelt versuchten die T?r aufzudr?cken. ?Wir sitzen in der Falle! Das ist das Ende!? Sie h?rten Schritte. Filch rannte, so schnell er konnte, den Rufen von Peeves nach. ?Ach, geh mal beiseite?, fauchte Hermine. Sie packte Harrys Zauberstab, klopfte auf das T?rschloss und fl?sterte: ?Alohomora!? Das Schloss klickte und die T?r ging auf ? sie st?rzten sich alle auf einmal hindurch, verschlossen sie rasch hinter sich und dr?ckten die Ohren dagegen, um zu lauschen. ?In welche Richtung sind sie gelaufen, Peeves??, h?rten sie Filch fragen. ?Schnell, sag?s mir.? ?Sag ?bitte?.? ?Keine bl?den M?tzchen jetzt, Peeves, wo sind sie hingegangen?? ?Ich sag dir nichts, wenn du nicht ?bitte? sagst?, antwortete Peeves mit einer nervigen Singsangstimme. ?Na gut ? bitte.? ?NICHTS! Hahaaa! Hab dir gesagt, dass ich nichts sagen w?rde, wenn du nicht ?bitte? sagst! Haha! Haaaaa!? Und sie h?rten Peeves fortrauschen und Filch w?tend fluchen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 107 von 107 ?Er glaubt, dass diese T?r verschlossen ist?, fl?sterte Harry, ?ich glaube, wir haben?s geschafft ? lasslos, Neville!? Denn Neville zupfte schon seit einer Minute st?ndig an Harrys ?rmel. ?Was?? Harry wandte sich um und sah, ganz deutlich, was. Einen Moment lang glaubte er, in einen Alptraum geschlittert zu sein ? das war einfach zu viel, nach dem, was bisher schon passiert war. Sie waren nicht in einem Zimmer, wie er gedacht hatte. Sie waren in einem Gang. In dem verbotenen Gang im dritten Stock. Und jetzt wussten sie auch, warum er verboten war. Sie sahen direkt in die Augen eines Ungeheuers von Hund, eines Hundes, der den ganzen Raum zwischen Decke und Fu?boden einnahm. Er hatte drei K?pfe. Drei Paar rollender, irrsinniger Augen; drei Nasen, die in ihre Richtung zuckten und zitterten; drei sabbernde M?uler, aus denen von gelblichen Fangz?hnen in glitschigen F?den der Speichel herunterhing. Er stand ganz ruhig da, alle sechs Augen auf sie gerichtet, und Harry wusste, dass der einzige Grund, warum sie nicht schon tot waren, ihr pl?tzliches Erscheinen war, das ihn ?berrascht hatte. Doch dar?ber kam er jetzt schnell hinweg, denn es war unmissverst?ndlich, was dieses Donnergrollen bedeutete. Harry griff nach der T?rklinke ? wenn er zwischen Filch und dem Tod w?hlen musste, dann nahm er lieber Filch. Sie liefen r?ckw?rts. Harry schlug die T?r hinter ihnen zu und sie rannten, flogen fast, den Gang entlang zur?ck. Filch war nirgends zu sehen, er musste fortgeeilt sein, um anderswo nach ihnen zu suchen, doch das k?mmerte sie nicht. Alles, was sie wollten, war, das Ungeheuer so weit wie m?glich hinter sich zu lassen. Sie h?rten erst auf zu rennen, als sie das Portr?t der fetten Dame im siebten Stock erreicht hatten. ?Wo um Himmels willen seid ihr alle gewesen??, fragte sie und musterte ihre Morgenm?ntel, die ihnen von den Schultern hingen, und ihre erhitzten, schwei??berstr?mten Gesichter. ?Das ist jetzt egal ? Schweineschnauze, Schweineschnauze?, keuchte Harry und das Portr?t schwang zur Seite. Sie dr?ngten sich in den Aufenthaltsraum und lie?en sich zitternd in die Sessel fallen. Es dauerte eine Weile, bis einer von ihnen ein Wort sagte. Neville sah tats?chlich so aus, als ob er nie mehr den Mund aufmachen w?rde. ?Was denken die sich eigentlich, wenn sie so ein Ding hier in der Schule eingesperrt halten??, sagte Ron schlie?lich. ?Wenn es einen Hund gibt, der mal Auslauf braucht, dann der da unten.? Hermine hatte inzwischen wieder Atem gesch?pft und auch ihre schlechte Laune zur?ckgewonnen. ?Ihr benutzt wohl eure Augen nicht, keiner von euch??, fauchte sie. ?Habt ihr nicht gesehen, worauf er stand??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 108 von 108 ?Auf dem Boden??, war der Beitrag Harrys zu dieser Frage. ?Ich habe nicht auf seine Pfoten geschaut, ich war zu besch?ftigt mit den K?pfen.? ?Nein, nicht auf dem Boden. Er stand auf einer Fallt?r. Offensichtlich bewacht er etwas.? Sie stand auf und sah sie entr?stet an. ?Ich hoffe, ihr seid zufrieden mit euch. Wir h?tten alle sterben k?nnen ? oder noch schlimmer, von der Schule verwiesen werden. Und jetzt, wenn es euch nichts ausmacht, gehe ich zu Bett.? Ron starrte ihr mit offenem Mund nach. ?Nein, es macht uns nichts aus?, sagte er. ?Du k?nntest glatt meinen, wir h?tten sie mitgeschleift, oder?? Doch Hermine hatte Harry etwas anderes zum Nachdenken gegeben, bevor sie ins Bett ging. Der Hund bewachte etwas ? Was hatte Hagrid gesagt? Gringotts war der sicherste Ort auf der Welt, mit Ausnahme vielleicht von Hogwarts. Es sah so aus, als h?tte Harry herausgefunden, wo das schmutzige kleine P?ckchen aus dem Verlies siebenhundertunddreizehn steckte. Halloween Malfoy wollte seinen Augen nicht trauen, als er am n?chsten Tag sah, dass Harry und Ron immer noch in Hogwarts waren, m?de zwar, doch gl?nzend gelaunt. Tats?chlich hielten die beiden ihre Begegnung mit dem dreik?pfigen Hund am n?chsten Morgen f?r ein tolles Abenteuer und waren ganz erpicht auf ein neues. Unterdessen erz?hlte Harry Ron von dem P?ckchen, das offenbar von Gringotts nach Hogwarts gebracht worden war, und sie zerbrachen sich die K?pfe dar?ber, was denn mit so viel Aufwand gesch?tzt werden musste. ?Entweder ist es sehr wertvoll oder sehr gef?hrlich?, sagte Ron. ?Oder beides?, sagte Harry. Doch weil sie ?ber das geheimnisvolle Ding nicht mehr wussten, als dass es gut f?nf Zentimeter lang war, hatten sie ohne n?here Anhaltspunkte keine gro?e Chance zu erraten, was in dem P?ckchen war. Weder Neville noch Hermine zeigten das geringste Interesse an der Frage, was wohl unter dem Hund und der Fallt?r liegen k?nnte. Neville interessierte nur eines, n?mlich nie mehr in die N?he des Hundes zu kommen. Hermine weigerte sich von nun an, mit Harry und Ron zu sprechen, doch sie war eine so aufdringliche Besserwisserin, dass die beiden dies als Zusatzpunkt f?r sich verbuchten. Was sie jetzt wirklich wollten, war eine Gelegenheit, es Malfoy heimzuzahlen, und zu ihrem gro?en Vergn?gen kam sie eine Woche sp?ter per Post. Die Eulen flogen wie immer in einem langen Strom durch die Gro?e Halle, doch diesmal schauten alle sogleich auf das lange, schmale Paket, das von sechs gro?en Schleiereulen getragen wurde. Harry war genauso neugierig darauf wie alle andern,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 109 von 109 was wohl in diesem gro?en Paket stecken mochte, und war sprachlos, als die Eulen herabstie?en und es vor seiner Nase fallen lie?en, so dass sein Fr?hst?cksspeck vom Tisch rutschte. Sie waren kaum aus dem Weg geflattert, als eine andere Eule einen Brief auf das Paket warf. Harry riss als Erstes den Brief auf, und das war ein Gl?ck, denn er lautete: ?FFNEN SIE DAS PAKET NICHT BEI TISCH. Es enth?lt Ihren neuen Nimbus Zweitausend, doch ich m?chte nicht, dass die andern von Ihrem Besen erfahren, denn dann wollen sie alle einen. Oliver Wood erwartet Sie heute Abend um sieben Uhr auf dem Quidditch-Feld zu ihrer ersten Trainingsstunde. Professor M. McGonagall Harry fiel es schwer, seine Freude zu verbergen, als er Ron den Brief zu lesen gab. ?Einen Nimbus Zweitausend?, st?hnte Ron neidisch. ?Ich hab noch nicht mal einen ber?hrt.? Sie verlie?en rasch die Halle, um den Besen zu zweit noch vor der ersten Stunde auszupacken, doch in der Eingangshalle sahen sie, dass Crabbe und Goyle ihnen an der Treppe den Weg versperrten. Malfoy riss Harry das Paket aus den H?nden und betastete es. ?Das ist ein Besen?, sagte er und warf ihn Harry zur?ck, eine Mischung aus Eifersucht und H?me im Gesicht. ?Diesmal bist du dran, Potter, Erstkl?ssler d?rfen keinen haben.? Ron konnte nicht widerstehen. ?Es ist nicht irgendein bl?der Besen?, sagte er, ?es ist ein Nimbus Zweitausend. Was sagtest du, was f?r einen du daheim hast, einen Komet Zwei-Sechzig?? Ron grinste Harry an. ?Ein Komet sieht ganz protzig aus, aber der Nimbus spielt in einer ganz anderen Liga.? ?Was wei?t du denn schon dar?ber, Weasley, du k?nntest dir nicht mal den halben Stiel leisten?, fauchte Malfoy zur?ck. ?Ich nehme an, du und deine Br?der m?ssen sich jeden Reisigzweig einzeln zusammensparen.? Bevor Ron antworten konnte, erschien Professor Flitwick an Malfoys Seite. ?Die Jungs streiten sich doch nicht etwa??, quiekte er. ?Potter hat einen Besen geschickt bekommen, Professor?, sagte Malfoy wie aus der Pistole geschossen. ?Ja, das hat seine Richtigkeit?, sagte Professor Flitwick und strahlte Harry an. ?Professor McGonagall hat mir die besonderen Umst?nde eingehend erl?utert, Potter. Und welches Modell ist es?? ?Ein Nimbus Zweitausend, Sir?, sagte Harry und musste k?mpfen, um beim Anblick von Malfoys Gesicht nicht laut loszulachen. ?Und im Grunde genommen verdanke ich ihn Malfoy hier?, f?gte er hinzu.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 110 von 110 Mit halb unterdr?cktem Lachen ?ber Malfoys unverhohlene Wut und Best?rzung stiegen Harry und Ron die Marmortreppe hoch. ?Tja, es stimmt?, frohlockte Harry, als sie oben angelangt waren, ?wenn er nicht Nevilles Erinnermich geklaut h?tte, w?r ich nicht in der Mannschaft ?? ?Du glaubst wohl, es sei eine Belohnung daf?r, dass du die Regeln gebrochen hast??, t?nte eine zornige Stimme hinter ihnen. Hermine stapfte die Treppe hoch und betrachtete missbilligend das Paket in Harrys Hand. ?Ich dachte, du sprichst nicht mehr mit uns??, sagte Harry. ?H?r jetzt blo? nicht auf damit?, sagte Ron, ?es tut uns ja so gut.? Hermine warf den Kopf in den Nacken und stolzierte davon. Harry fiel es an diesem Tag ausgesprochen schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. In Gedanken stieg er hoch zum Schlafsaal, wo sein neuer Besen unter dem Bett lag, und schlenderte hinaus zum Quidditch-Feld, wo er heute Abend noch spielen lernen w?rde. Das Abendessen schlang er hinunter, ohne zu bemerken, dass er ?berhaupt a?, und rannte dann mit Ron die Treppen hoch, um endlich den Nimbus Zweitausend auszupacken. ?Aaah?, seufzte Ron, als der Besen auf Harrys Bettdecke lag. Selbst f?r Harry, der nichts ?ber die verschiedenen Besen wusste, sah er wundervoll aus. Der schlanke, gl?nzende Stiel war aus Mahagoni und trug die goldgepr?gte Aufschrift Nimbus Zweitausend an der Spitze, der Schweif war aus fest geb?ndelten und geraden Reisigzweigen. Es war bald sieben. Harry verlie? das Schloss und machte sich in der D?mmerung auf den Weg zum Quidditch-Feld. Er war noch nie in dem Stadion gewesen. Auf Trib?nen um das Feld herum waren hunderte von Sitzen befestigt, so dass die Zuschauer hoch genug sa?en, um das Geschehen verfolgen zu k?nnen. An beiden Enden des Feldes standen je drei goldene Pfeiler mit Ringen an der Spitze. Sie erinnerten Harry an die Ringe aus Plastik, mit denen die Muggelkinder Seifenblasen machten, nur waren sie in einer H?he von fast f?nfzehn Metern angebracht. Harry war so scharf darauf, wieder zu fliegen, dass er nicht auf Wood wartete, sondern seinen Besen bestieg und sich vom Boden abstie?. Was f?r ein Gef?hl ? er schwebte durch die Torringe und raste dann das Spielfeld hinauf und hinunter. Der Nimbus Zweitausend reagierte auf die leiseste Ber?hrung. ?He, Potter, runter da!? Oliver Wood war angekommen. Er trug eine gro?e Holzkiste unter dem Arm. Harry landete neben ihm. ?Sehr sch?n?, sagte Wood mit gl?nzenden Augen. ?Ich wei? jetzt, was McGonagall gemeint hat ? du bist wirklich ein Naturtalent. Heute Abend erkl?re ich dir nur die Regeln und dann nimmst du dreimal die Woche am Mannschaftstraining teil.? Er ?ffnete die Kiste. Darin lagen vier B?lle verschiedener Gr??e.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 111 von 111 ?So?, sagte Wood, ?pass auf. Quidditch ist leicht zu verstehen, auch wenn es nicht leicht zu spielen ist. Jede Mannschaft hat sieben Spieler. Drei von ihnen hei?en J?ger.? ?Drei J?ger?, wiederholte Harry und Wood nahm einen hellroten Ball in der Gr??e eines Fu?balls heraus. ?Dieser Ball ist der so genannte Quaffel?, sagte Wood. ?Die J?ger werfen sich den Quaffel zu und versuchen ihn durch einen der Ringe zu werfen und damit ein Tor zu erzielen. Jedes Mal zehn Punkte, wenn der Quaffel durch einen Ring geht. Alles klar so weit?? ?Die J?ger spielen mit dem Quaffel und werfen ihn durch die Ringe, um ein Tor zu erzielen?, wiederholte Harry. ?Das ist wie Basketball auf Besen mit sechs K?rben, oder?? ?Was ist Basketball??, fragte Wood neugierig. ?Nicht so wichtig?, sagte Harry rasch. ?Nun hat jede Seite noch einen Spieler, der H?ter hei?t ? ich bin der H?ter von Gryffindor. Ich muss um unsere Ringe herumfliegen und die andere Mannschaft daran hindern, Tore zu erzielen.? ?Drei J?ger, ein H?ter?, sagte Harry, entschlossen, sich alles genau zu merken. ?Und sie spielen mit dem Quaffel. Gut, hab ich verstanden. Und wozu sind die da?? Er deutete auf die drei B?lle, die noch in der Kiste lagen. ?Das zeig ich dir jetzt?, sagte Wood. ?Nimm das.? Er reichte Harry ein kleines Schlagholz, das an einen Baseballschl?ger erinnerte. ?Ich zeig dir, was die Klatscher tun?, sagte Wood. ?Diese beiden hier sind Klatscher.? Er zeigte Harry zwei gleiche B?lle, die tiefschwarz und etwas kleiner waren als der rote Quaffel. Harry bemerkte, dass sie den B?ndern offenbar entkommen wollten, die sie im Korb festhielten. ?Geh einen Schritt zur?ck?, warnte Wood Harry. Er b?ckte sich und befreite einen der Klatscher. Der schwarze Ball stieg sofort hoch in die Luft und schoss dann direkt auf Harrys Gesicht zu. Harry schlug mit dem Schlagholz nach ihm, damit er ihm nicht die Nase brach, und der Ball flog im Zickzack hoch in die Luft. Er drehte sich im Kreis um ihre K?pfe und schoss dann auf Wood hinunter, der sich auf ihn st?rzte und es schaffte, ihn auf dem Boden festzuhalten. ?Siehst du??, keuchte Wood und m?hte sich damit ab, den Klatscher wieder in den Korb zu zw?ngen und ihn sicher festzuschnallen. ?Die Klatscher schie?en in der Luft herum und versuchen die Spieler von ihren Besen zu sto?en. Deshalb hat jede Mannschaft zwei Treiber ? die Weasley-Zwillinge sind unsere ?, ihre Aufgabe ist es, die eigene Seite vor den Klatschern zu sch?tzen und zu versuchen, sie auf die gegnerische Mannschaft zu jagen. So, meinst du, du hast alles im Kopf??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 112 von 112 ?Drei J?ger versuchen mit dem Quaffel Tore zu erzielen; der H?ter bewacht die Torpfosten; die Treiber halten die Klatscher von ihrem Team fern?, spulte Harry herunter. ?Sehr gut?, sagte Wood. Ȁhm ? haben die Klatscher schon mal jemanden umgebracht??, fragte Harry, wobei er m?glichst l?ssig klingen wollte. ?In Hogwarts noch nie. Wir hatten ein paar gebrochene Kiefer, doch ansonsten nichts Ernstes. Wir haben noch einen in der Mannschaft, n?mlich den Sucher. Das bist du. Und du brauchst dich um den Quaffel und die Klatscher nicht zu k?mmern ?? ?Au?er sie spalten mir den Sch?del.? ?Mach dir keine Sorgen, die Weasleys sind den Klatschern weit ?berlegen ? ich will sagen, sie sind wie ein Paar menschlicher Klatscher.? Wood griff in seine Kiste und nahm den vierten und letzten Ball heraus. Er war kleiner als der Quaffel und die Klatscher, so klein etwa wie eine gro?e Walnuss. Er war hellgolden und hatte kleine, flatternde Silberfl?gel. ?Das hier?, sagte Wood, ?ist der Goldene Schnatz, und der ist der wichtigste Ball von allen. Er ist sehr schwer zu fangen, weil er sehr schnell und kaum zu sehen ist. Der Sucher muss ihn fangen. Du musst dich durch die J?ger, Treiber, Klatscher und den Quaffel hindurchschl?ngeln, um ihn vor dem Sucher der anderen Mannschaft zu fangen, denn der Sucher, der ihn f?ngt, holt seiner Mannschaft zus?tzlich hundertf?nfzig Punkte, und das hei?t fast immer, dass sie gewinnt. Deshalb werden Sucher so oft gefoult. Ein Quidditch-Spiel endet erst, wenn der Schnatz gefangen ist, also kann es ewig lange dauern. Ich glaube, der Rekord liegt bei drei Monaten, sie mussten damals st?ndig Ersatzleute ranschaffen, damit die Spieler ein wenig schlafen konnten. Nun, das war?s. Noch Fragen?? Harry sch?ttelte den Kopf. Er hatte begriffen, wie das Spiel ging, nun war das Problem, das alles in die Tat umzusetzen. ?Wir ?ben heute noch nicht mit dem Schnatz?, sagte Wood und verstaute ihn sorgf?ltig wieder in der Kiste. ?Es ist zu dunkel, er k?nnte verloren gehen. Am besten f?ngst du mit ein paar von denen an.? Er zog einen Beutel mit gew?hnlichen Golfb?llen aus der Tasche und ein paar Minuten sp?ter waren die beiden oben in den L?ften. Wood warf die Golfb?lle, so weit er konnte, in alle Himmelsrichtungen und Harry musste sie auffangen. Harry fing jeden Ball, bevor er den Boden ber?hrte, was Wood ungemein freute. Nach einer halben Stunde war die Nacht hereingebrochen und sie mussten aufh?ren. ?Der Quidditch-Pokal wird dieses Jahr unseren Namen tragen?, sagte Wood gl?cklich, als sie zum Schloss zur?ckschlenderten. ?W?rde mich nicht wundern,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 113 von 113 wenn du besser bist als Charlie Weasley, und der h?tte f?r England spielen k?nnen, wenn er nicht Drachen jagen gegangen w?re.? Vielleicht war Harry so besch?ftigt mit dem Quidditch-Training drei Abende die Woche und dazu noch mit all den Hausaufgaben, jedenfalls konnte er es kaum fassen, als ihm klar wurde, dass er schon seit zwei Monaten in Hogwarts war. Im Schloss f?hlte er sich mehr zu Hause als jemals im Ligusterweg. Auch der Unterricht wurde nun, da sie die Grundlagen beherrschten, immer interessanter. Als sie am Morgen von Halloween aufwachten, wehte der k?stliche Geruch gebackener K?rbisse durch die G?nge. Und es kam noch besser: Professor Flitwick verk?ndete im Zauberunterricht, sie seien nun so weit, Gegenst?nde fliegen zu lassen, und danach hatten sie sich alle gesehnt, seit sie erlebt hatten, wie er Nevilles Kr?te im Klassenzimmer umherschwirren lie?. F?r die ?bungen stellte Professor Flitwick die Sch?ler paarweise zusammen. Harrys Partner war Seamus Finnigan (wor?ber er froh war, denn Neville hatte schon zu ihm her?bergesp?ht). Ron sollte jedoch mit Hermine Granger arbeiten. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden deshalb missmutiger war. Seit Harrys Besen gekommen war, hatte sie nicht mehr mit ihnen gesprochen. ?Also, vergesst nicht diese flinke Bewegung mit dem Handgelenk, die wir ge?bt haben!?, quiekte Professor Flitwick, wie ?blich auf seinem Stapel B?cher stehend. ?Wutschen und schnipsen, denkt daran, wutschen und schnipsen. Und die Zauberworte richtig herzusagen ist auch sehr wichtig ? denkt immer an Zauberer Baruffio, der ?r? statt ?w? gesagt hat und pl?tzlich auf dem Boden lag ? mit einem B?ffel auf der Brust.? Es war sehr schwierig. Harry und Seamus wutschten und schnipsten, doch die Feder, die sie himmelw?rts schicken sollten, blieb einfach auf dem Tisch liegen. Seamus wurde so ungeduldig, dass er sie mit seinem Zauberstab anstachelte, worauf sie anfing zu brennen ? Harry musste das Feuer mit seinem Hut ersticken. Ron, am Tisch nebenan, erging es auch nicht viel besser. ?Wingardium Leviosa!?, rief er und lie? seine langen Arme wie Windm?hlenfl?gel kreisen. ?Du sagst es falsch?, h?rte Harry Hermine meckern. ?Es hei?t Wing-gar-dium Levi-o-sa, mach das ?gar? sch?n und lang.? ?Dann mach?s doch selber, wenn du alles besser wei?t?, knurrte Ron. Hermine rollte die ?rmel ihres Kleids hoch, knallte kurz mit dem Zauberstab auf den Tisch und sagte?Wingardium Leviosa!?. Die Feder erhob sich vom Tisch und blieb gut einen Meter ?ber ihren K?pfen in der Luft schweben. ?Oh, gut gemacht!?, rief Professor Flitwick und klatschte in die H?nde. ?Alle mal hersehen, Miss Granger hat es geschafft!? Am Ende der Stunde hatte Ron eine hundsmiserable Laune.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 114 von 114 ?Kein Wunder, dass niemand sie ausstehen kann?, sagte er zu Harry, als sie hinaus in den belebten Korridor dr?ngten, ?ehrlich gesagt ist sie ein Alptraum.? Jemand stie? im Vorbeigehen Harry an. Es war Hermine. F?r einen Augenblick sah er ihr Gesicht ? und war ?berrascht, dass sie weinte. ?Ich glaube, sie hat dich geh?rt.? ?So??, sagte Ron und schaute allerdings etwas unbehaglich drein. ?Ihr muss selbst schon aufgefallen sein, dass sie keine Freunde hat.? Hermine erschien nicht zur n?chsten Stunde und blieb den ganzen Nachmittag lang verschwunden. Auf ihrem Weg hinunter in die Gro?e Halle zum Halloween-Festessen h?rten Harry und Ron, wie Parvati Patil ihrer Freundin Lavender sagte, Hermine sitze heulend im M?dchenklo und wolle allein gelassen werden. Daraufhin machte Ron einen noch verlegeneren Eindruck, doch nun betraten sie die Gro?e Halle, die f?r Halloween ausgeschm?ckt war, und verga?en Hermine. Tausend echte Flederm?use flatterten an den W?nden und an der Decke, und noch einmal tausend fegten in langen schwarzen Wolken ?ber die Tische und lie?en die Kerzen in den K?rbissen flackern. Auf einen Schlag, genau wie beim Bankett zum Schuljahresbeginn, waren die goldenen Platten mit dem Festessen gef?llt. Harry nahm sich gerade eine Pellkartoffel, als Professor Quirrell mit verrutschtem Turban und angstverzerrtem Gesicht in die Halle gerannt kam. Aller Blicke richteten sich auf ihn, als er Professor Dumbledores Platz erreichte, gegen den Tisch rempelte und nach Luft schnappend hervorstie?: ?Troll ? im Kerker ? dachte, Sie sollten es wissen.? Dann sank er ohnm?chtig auf den Boden. Mit einem Mal herrschte heilloser Aufruhr. Etliche purpurrote Knallfr?sche aus Professor Dumbledores Zauberstab waren n?tig, um den Saal zur Ruhe zu bringen. ?Vertrauenssch?ler?, polterte er, ?f?hrt eure H?user sofort zur?ck in die Schlafs?le!? Percy war in seinem Element. ?Folgt mir! Bleibt zusammen, Erstkl?ssler! Kein Grund zur Angst vor dem Troll, wenn ihr meinen Anweisungen folgt! Bleibt jetzt dicht hinter mir. Platz machen bitte f?r die Erstkl?ssler. Pardon, ich bin Vertrauenssch?ler!? ?Wie konnte ein Troll reinkommen??, fragte Harry, w?hrend sie die Treppen hochstiegen. ?Frag mich nicht, angeblich sollen sie ziemlich dumm sein?, sagte Ron. ?Vielleicht hat ihn Peeves hereingelassen, als Streich zu Halloween.? Unterwegs trafen sie immer wieder auf andere H?ufchen von Sch?lern, die in verschiedene Richtungen eilten. Als sie sich ihren Weg durch eine Gruppe verwirrter Hufflepuffs bahnten, packte Harry Ron pl?tzlich am Arm. ?Da f?llt mir ein ? Hermine.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 115 von 115 ?Was ist mit ihr?? ?Sie wei? nichts von dem Troll.? Ron biss sich auf die Lippe. ?Von mir aus?, knurrte er. ?Aber Percy sollte uns lieber nicht sehen.? Sie duckten ihre K?pfe in der Menge und folgten den Hufflepuffs, die in die andere Richtung unterwegs waren, huschten dann einen verlassenen Korridor entlang und rannten weiter in Richtung der M?dchenklos. Gerade waren sie um die Ecke gebogen, als sie hinter sich schnelle Schritte h?rten. ?Percy!?, zischte Ron und zog Harry hinter einen gro?en steinernen Greifen. Als sie um die Ecke sp?hten, sahen sie nicht Percy, sondern Snape. Er ging den Korridor entlang und entschwand ihren Blicken. ?Was macht der hier??, fl?sterte Harry. ?Warum ist er nicht unten in den Kerkern mit den anderen Lehrern?? ?Keine Ahnung.? So vorsichtig wie m?glich schlichen sie den n?chsten Gang entlang, Snapes leiser werdenden Schritten nach. ?Er ist auf dem Weg in den dritten Stock?, sagte Harry, doch Ron hielt die Hand hoch. ?Riechst du was?? Harry schn?ffelte, und ein ?bler Gestank drang ihm in die Nase, eine Mischung aus getragenen Socken und der Sorte ?ffentlicher Toiletten, die niemand je zu putzen scheint. Und dann h?rten sie es ? ein leises Grunzen und das Schleifen gigantischer F??e. Ron deutete nach links ? vom Ende eines Ganges her bewegte sich etwas Riesiges auf sie zu. Sie dr?ngten sich in die Dunkelheit der Schatten und sahen, wie das Etwas in einem Fleck Mondlicht Gestalt annahm. Es war ein f?rchterlicher Anblick. ?ber drei Meter hoch, die Haut ein fahles, granitenes Grau, der gro?e, plumpe K?rper wie ein Findling, auf den man einen kleinen, kokosnussartigen Glatzkopf gesetzt hatte. Das Wesen hatte kurze Beine, dick wie Baumst?mme, mit flachen, verhornten F??en. Der Gestank, den es ausstr?mte, verschlug einem den Atem. Es hielt eine riesige h?lzerne Keule in der Hand, die, wegen seiner langen Arme, auf dem Boden entlangschleifte. Der Troll machte an einer T?r Halt, ?ffnete sie einen Spaltbreit und linste hinein. Er wackelte mit den langen Ohren, fasste dann in seinem kleinen Hirn einen Entschluss und schlurfte gem?chlich in den Raum hinein. ?Der Schl?ssel steckt?, fl?sterte Harry. ?Wir k?nnten ihn einschlie?en.? ?Gute Idee?, sagte Ron nerv?s.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 116 von 116 Sie schlichen die Wand entlang zu der offenen T?r, mit trockenen M?ndern, betend, dass der Troll nicht gleich wieder herauskam. Harry machte einen gro?en Satz und schaffte es, die Klinke zu packen, die T?r zuzuschlagen und sie abzuschlie?en. ?Ja!? Mit Siegesr?te auf den Gesichtern rannten sie los, den Gang zur?ck, doch als sie die Ecke erreichten, h?rten sie etwas, das ihre Herzen stillstehen lie? ? einen schrillen, panischen Entsetzensschrei ?, und er kam aus dem Raum, den sie gerade abgeschlossen hatten. ?O nein?, sagte Ron, blass wie der Blutige Baron. ?Es ist das M?dchenklo!?, keuchte Harry. ?Hermine!?, japsten sie einstimmig. Es war das Letzte, was sie tun wollten, doch hatten sie eine Wahl? Sie machten auf dem Absatz kehrt, rannten zur?ck zur T?r, drehten, zitternd vor Panik, den Schl?ssel herum ? Harry stie? die T?r auf und sie st?rzten hinein. Hermine Granger stand mit zitternden Knien an die Wand gedr?ckt da und sah aus, als ob sie gleich in Ohnmacht fallen w?rde. Der Troll schlug die Waschbecken von den W?nden und kam langsam auf sie zu. ?Wir m?ssen ihn ablenken!?, sagte Harry verzweifelt zu Ron, griff nach einem auf dem Boden liegenden Wasserhahn und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Der Troll hielt knapp einen Meter vor Hermine inne. Schwerf?llig drehte er sich um und blinzelte dumpf, um zu sehen, was diesen L?rm gemacht hatte. Die b?sen kleinen Augen erblickten Harry. Er z?gerte kurz und ging dann, die Keule emporhebend, auf Harry los. ?He, du, Erbsenhirn!?, schrie Ron von der anderen Seite des Raums und warf ein Metallrohr nach ihm. Der Troll schien nicht einmal Notiz davon zu nehmen, dass das Rohr seine Schulter traf, doch er h?rte den Schrei, hielt erneut inne und wandte seine h?ssliche Schnauze nun Ron zu, was Harry die Zeit gab, um ihn herumzurennen. ?Schnell, lauf, lauf!?, rief Harry Hermine zu und versuchte sie zur T?r zu zerren, doch sie konnte sich nicht bewegen. Immer noch stand sie flach gegen die Wand gedr?ckt, mit vor Entsetzen weit offenem Mund. Die Schreie und deren Echo schienen den Troll zur Raserei zu bringen. Mit einem dumpfen R?hren ging er auf Ron los, der ihm am n?chsten stand und keinen Ausweg hatte. Harry tat nun etwas, das sehr mutig und sehr dumm zugleich war: Mit einem m?chtigen Satz sprang er auf den R?cken des Trolls und klammerte die Arme um seinen Hals. Der Troll sp?rte zwar nicht, dass Harry auf seinem R?cken hing, doch selbst ein Troll bemerkt, wenn man ihm ein langes St?ck Holz in die Nase steckt,

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 117 von 117 und Harry hatte seinen Zauberstab noch in der Hand gehabt, als er sprang ? der war ohne weiteres in eines der Nasenl?cher des Trolls hineingeflutscht. Der Troll heulte vor Schmerz, zuckte und schlug mit der Keule wild um sich, und Harry, in Todesgefahr, klammerte sich noch immer auf seinem R?cken fest; gleich w?rde der Troll ihn herunterrei?en oder ihm einen schrecklichen Schlag mit der Keule versetzen. Hermine war vor Angst zu Boden gesunken. Jetzt zog Ron seinen eigenen Zauberstab hervor ? er wusste zwar nicht, was er tat, doch er h?rte, wie er den ersten Zauberspruch rief, der ihm in den Sinn kam:?Wingardium Leviosa!? Die Keule flog pl?tzlich aus der Hand des Trolls, stieg hoch, hoch in die Luft, drehte sich langsam um ? und krachte mit einem scheu?lichen Splittern auf den Kopf ihres Besitzers. Der Troll wankte kurz im Kreis und fiel dann flach auf die Schnauze, mit einem dumpfen Schlag, der den ganzen Raum ersch?tterte. Harry zitterte und rang nach Atem. Ron stand immer noch mit erhobenem Zauberstab da und starrte auf das, was er angestellt hatte. Hermine machte als Erste den Mund auf. ?Ist er ? tot?? ?Glaub ich nicht?, sagte Harry. ?Ich denke, er ist k. o.? Er b?ckte sich und zog den Zauberstab aus der Nase des Trolls. Er war beschmiert mit etwas, das aussah wie klumpiger grauer Kleber. ?U???h, Troll-Popel.? Er wischte ihn an der Hose des Trolls ab. Ein pl?tzliches T?rschlagen und laute Schritte lie?en die drei aufhorchen. Sie hatten nicht bemerkt, was f?r einen H?llenl?rm sie veranstaltet hatten, doch nat?rlich musste unten jemand das R?hren des Trolls und das Krachen geh?rt haben. Einen Augenblick sp?ter kam Professor McGonagall hereingest?rmt, dicht gefolgt von Snape, mit Quirrell als Nachhut. Quirrell warf einen Blick auf den Troll, gab ein schwaches Wimmern von sich, griff sich ans Herz und lie? sich schnell auf einem der Toilettensitze nieder. Snape beugte sich ?ber den Troll. Professor McGonagall blickte Ron und Harry an. Noch nie hatte Harry sie so w?tend gesehen. Ihre Lippen waren wei?. Seine Hoffnungen, f?nfzig Punkte f?r Gryffindor zu gewinnen, schmolzen rasch dahin. ?Was zum Teufel habt ihr euch eigentlich gedacht??, fragte Professor McGonagall mit kalter Wut in der Stimme. Harry sah Ron an, der immer noch mit erhobenem Zauberstab dastand. ?Ihr k?nnt von Gl?ck reden, dass ihr noch am Leben seid. Warum seid ihr nicht in eurem Schlafsaal?? Snape versetzte Harry einen raschen, aber durchdringenden Blick. Harry sah zu Boden. Er w?nschte, Ron w?rde den Zauberstab sinken lassen. Dann drang eine leise Stimme aus dem Schatten.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 118 von 118 ?Bitte, Professor McGonagall, sie haben nach mir gesucht.? ?Miss Granger!? Hermine schaffte es endlich, auf die Beine zu kommen. ?Ich bin dem Troll nachgelaufen, weil ich ? ich dachte, ich k?nnte allein mit ihm fertig werden. Sie wissen ja, weil ich alles ?ber Trolle gelesen habe.? Ron lie? seinen Zauberstab sinken. Hermine Granger erz?hlte ihrer Lehrerin eine glatte L?ge? ?Wenn sie mich nicht gefunden h?tten, w?re ich jetzt tot. Harry hat ihm seinen Zauberstab in die Nase gesto?en und Ron hat ihn mit seiner eigenen Keule erledigt. Sie hatten keine Zeit, jemanden zu holen. Er wollte mich gerade umbringen, als sie kamen.? Harry und Ron versuchten auszusehen, als ob ihnen diese Geschichte keineswegs neu w?re. ?Na, wenn das so ist ??, sagte Professor McGonagall und blickte sie alle drei streng an. ?Miss Granger, Sie dummes M?dchen, wie konnten Sie glauben, es allein mit einem Bergtroll aufnehmen zu k?nnen?? Hermine lie? den Kopf h?ngen. Harry war sprachlos. Hermine war die Letzte, die etwas tun w?rde, was gegen die Regeln verstie?, und da stellte sie sich hin und behauptete ebendies, nur um ihm und Ron aus der Patsche zu helfen. Es war, als w?rde Snape pl?tzlich S??igkeiten verteilen. ?Miss Granger, daf?r werden Gryffindor f?nf Punkte abgezogen?, sagte Professor McGonagall. ?Ich bin sehr entt?uscht von Ihnen. Wenn Sie nicht verletzt sind, gehen Sie jetzt besser hinauf in den Gryffindor-Turm. Die Sch?ler beenden das Festmahl in ihren H?usern.? Hermine ging hinaus. Professor McGonagall wandte sich Ron und Harry zu. ?Nun, ich w?rde immer noch sagen, dass Sie Gl?ck gehabt haben, aber nicht viele Erstkl?ssler h?tten es mit einem ausgewachsenen Bergtroll aufnehmen k?nnen. Sie beide gewinnen je f?nf Punkte f?r Gryffindor. Professor Dumbledore wird davon unterrichtet werden. Sie k?nnen gehen.? Sie gingen rasch hinaus und sprachen kein Wort, bis sie zwei Stockwerke weiter oben waren. Sie waren, abgesehen von allem andern, heilfroh, den Gestank des Trolls los zu sein. ?Wir sollten mehr als zehn Punkte bekommen?, brummte Ron. ?F?nf, meinst du, wenn du die von Hermine abziehst.? ?Gut von ihr, uns zu helfen?, gab Ron zu. ?Immerhin haben wir sie wirklich gerettet.? ?Sie h?tte es vielleicht nicht n?tig gehabt, wenn wir das Ding nicht mit ihr eingeschlossen h?tten?, erinnerte ihn Harry.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 119 von 119 Sie hatten das Bildnis der fetten Dame erreicht. ?Schweineschnauze?, sagten sie und traten ein. Im Gemeinschaftsraum war es voll und laut. Alle waren dabei, das Essen zu verspeisen, das ihnen hochgebracht worden war. Hermine allerdings stand allein neben der T?r und wartete auf sie. Es gab eine sehr peinliche Pause. Dann, ohne dass sie sich anschauten, sagten sie alle ?Danke? und sausten los, um sich Teller zu holen. Doch von diesem Augenblick an war Hermine Granger ihre Freundin. Es gibt Dinge, die man nicht gemeinsam erleben kann, ohne dass man Freundschaft schlie?t, und einen fast vier Meter gro?en Bergtroll zu erlegen geh?rt gewiss dazu. Quidditch Anfang November wurde es sehr kalt. Die Berge im Umkreis der Schule wurden eisgrau und der See kalt wie Stahl. Allmorgendlich war der Boden mit Reif bedeckt. Von den oberen Fenstern aus konnten sie Hagrid sehen, wie er, warm angezogen mit einem langen Mantel aus Maulwurffell, Handschuhen aus Hasenfell und gewaltigen Biberpelzstiefeln, die Besen auf dem Quidditch-Feld entfrostete. Die Quidditch-Saison hatte begonnen. Am Samstag, nach wochenlangem Training, w?rde Harry seine erste Partie spielen: Gryffindor gegen Slytherin. Wenn die Gryffindors gewinnen sollten, dann w?rden sie den zweiten Tabellenplatz in der Hausmeisterschaft erobern. Bislang hatte kaum jemand Harry spielen sehen, denn Wood hatte beschlossen, die Geheimwaffe m?sse ? nun ja ? geheim gehalten werden. Doch auf irgendeinem Wege war durchgesickert, dass Harry den Sucher spielte, und Harry wusste nicht, was schlimmer war ? die Leute, die ihm sagten, er w?rde ein gl?nzender Spieler sein, oder die Leute, die ank?ndigten, sie w?rden mit einer Matratze auf dem Spielfeld herumlaufen. Harry hatte wirklich Gl?ck, dass er inzwischen Hermine zur Freundin hatte. Bei all den von Wood immer in letzter Minute angesetzten Trainingsstunden h?tte er ohne sie nicht gewusst, wie er seine ganzen Hausaufgaben schaffen sollte. Hermine hatte ihm auch Quidditch im Wandel der Zeiten ausgeliehen, ein Buch, in dem es interessante Dinge zu lesen gab. Harry erfuhr, dass es siebenhundert M?glichkeiten gab, ein Quidditch-Foul zu begehen, und dass sie alle bei einem Weltmeisterschaftsspiel von 1473 vorgekommen waren; dass Sucher meist die kleinsten und schnellsten Spieler waren und dass sie sich offenbar immer die schwersten Verletzungen zuzogen; dass die Spieler zwar selten einmal starben, es jedoch vorgekommen war, dass Schiedsrichter einfach verschwanden und dann Monate sp?ter in der W?ste Sahara wieder auftauchten. Seit Hermine von Harry und Ron vor dem Bergtroll gerettet worden war, sah sie die Regeln nicht mehr so eng und war ?berhaupt viel netter zu ihnen. Am Tag vor Harrys erstem Quidditch-Spiel standen die drei in einer Pause drau?en im eiskalten

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 120 von 120 Hof. Hermine hatte f?r sie ein hellblaues Feuer heraufbeschworen, das man in einem Marmeladeglas mit sich herumtragen konnte. Sie standen gerade mit dem R?cken zum Feuer und w?rmten sich, als Snape ?ber den Hof kam. Harry fiel gleich auf, dass Snape hinkte. Die drei r?ckten n?her aneinander, um das Feuer vor ihm zu verbergen, denn gewiss war es nicht erlaubt. Ungl?cklicherweise musste Snape ihre schuldbewussten Gesichter bemerkt haben, denn er hinkte zu ihnen her?ber. Das Feuer hatte er nicht gesehen, doch er schien ohnehin nach einem Grund zu suchen, um ihnen eine Lektion zu erteilen. ?Was hast du da in der Hand, Potter?? Es war Quidditch im Wandel der Zeiten. Harry zeigte es ihm. ?B?cher aus der Bibliothek d?rfen nicht nach drau?en genommen werden?, sagte Snape. ?Gib es mir. F?nf Punkte Abzug f?r Gryffindor.? ?Diese Regel hat er gerade erfunden?, zischte Harry w?tend, als Snape fortgehinkt war. ?Was ist eigentlich mit seinem Bein?? ?Wei? nicht, aber hoffentlich tut?s richtig weh?, sagte Ron verbittert. An diesem Abend war es im Aufenthaltsraum der Gryffindors sehr laut. Harry, Ron und Hermine sa?en zusammen am Fenster. Hermine las sich Harrys und Rons Hausaufgaben f?r Zauberkunst durch. Abschreiben durften sie bei ihr nie (?Wie wollt ihr dann je was lernen??), doch wenn sie sie baten, ihre Hefte durchzulesen, bekamen sie auch so die richtigen Antworten. Harry war nerv?s. Er wollte Quidditch im Wandel der Zeiten zur?ckhaben, um sich vom morgigen Spiel abzulenken. Und warum sollte er vor Snape Angst haben? Er stand auf und sagte, er werde Snape fragen, ob er es zur?ckhaben k?nne. ?Der gibt es dir nie im Leben?, sagten Ron und Hermine wie aus einem Munde, doch Harry hatte das Gef?hl, Snape w?rde nicht nein sagen, wenn noch andere Lehrer zuh?rten. Er ging hinunter zum Lehrerzimmer und klopfte. Keine Antwort. Er klopfte noch einmal. Wieder nichts. Vielleicht hatte Snape das Buch dort dringelassen? Einen Versuch war es wert. Er dr?ckte die T?r einen Spaltbreit auf und sp?hte hinein ? und es bot sich ihm ein furchtbares Schauspiel. Snape und Filch waren im Zimmer, allein. Snape hatte den Umhang ?ber ein Knie hochgezogen. Sein Bein war zerfleischt und blutig. Filch reichte Snape Binden. ?Verdammtes Biest?, sagte Snape. ?Wie soll man eigentlich auf alle drei K?pfe gleichzeitig achten?? Harry versuchte die T?r leise zu schlie?en, doch ? ?POTTER!? Snape lie? sofort den Umhang los, um sein Bein zu verdecken. Sein Gesicht war wutverzerrt. Harry schluckte.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 121 von 121 ?Ich wollte nur fragen, ob ich mein Buch zur?ckhaben kann.? ?RAUS HIER! RAUS!? Harry machte sich davon, bevor Snape Gryffindor noch mehr Punkte abziehen konnte. Er rannte die Treppen hoch zu den andern. ?Hast du es??, fragte Ron, als Harry hereinkam. ?Was ist los?? Leise fl?sternd berichtete Harry, was er gesehen hatte. ?Wisst ihr, was das hei?t??, schloss er au?er Atem, ?er hat an Halloween versucht, an diesem dreik?pfigen Hund vorbeizukommen! Er war auf dem Weg dorthin, als wir ihn gesehen haben ? was auch immer der Hund bewacht, Snape will es haben! Und ich wette meinen Besen, dass er den Troll hereingelassen hat, um die andern abzulenken!? Hermine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. ?Nein, das w?rde er nicht tun?, sagte sie. ?Ich wei?, er ist nicht besonders nett, aber er w?rde nichts zu stehlen versuchen, was Dumbledore sicher aufbewahrt.? ?Ehrlich gesagt, Hermine, du glaubst, alle Lehrer seien so etwas wie Heilige?, fuhr Ron sie an. ?Ich finde, Harry hat Recht. Snape trau ich alles zu. Aber hinter was ist er her? Was bewacht der Hund?? Als Harry zu Bett ging, surrte ihm noch immer diese Frage durch den Kopf. Neville schnarchte laut, doch Harry konnte ohnehin nicht schlafen. Er versuchte die Gedanken daran zu vertreiben ? er brauchte Schlaf. Er musste schlafen, denn in ein paar Stunden hatte er sein erstes Quidditch-Spiel ? doch den Ausdruck auf Snapes Gesicht, nachdem Harry sein Bein gesehen hatte, konnte er einfach nicht vergessen. Strahlend hell und kalt zog der Morgen herauf. Die Gro?e Halle war erf?llt mit dem k?stlichen Geruch von Bratw?rsten und dem fr?hlichen Geschnatter all derer, die sich auf ein gutes Quidditch-Spiel freuten. ?Du musst etwas fr?hst?cken.? ?Ich will nichts.? ?Nur ein wenig Toast?, redete ihm Hermine zu. ?Ich hab keinen Hunger.? Harry f?hlte sich elend. In einer Stunde w?rde er das Spielfeld betreten. ?Harry, du brauchst Kraft?, sagte Seamus Finnigan. ?Im Quidditch versucht man immer, den Sucher der anderen Mannschaft auszulaugen.? ?Danke, Seamus?, sagte Harry und sah ihm zu, wie er Ketschup auf seine W?rste sch?ttete. Um elf schien die ganze Schule drau?en auf den R?ngen um das Quidditch-Feld zu sein. Viele Sch?ler hatten Ferngl?ser mitgebracht. Die Sitze mochten zwar hoch oben angebracht sein, doch manchmal war es trotzdem schwierig zu sehen, was vor sich ging.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 122 von 122 Ron und Hermine setzten sich in die oberen R?nge zu Neville, Seamus und Dean, dem unerm?dlichen Fu?ball-Fan. Als ?berraschung f?r Harry hatten sie aus einem der Leint?cher, die Kr?tze ruiniert hatte, ein gro?es Spruchband gemacht und Potter vor ? f?r Gryffindor draufgeschrieben. Dean, der gut malen konnte, hatte einen gro?en Gryffindor-L?wen daruntergesetzt. Hermine hatte das Bild dann mit einem kleinen Zaubertrick in verschiedenen Farben zum Leuchten gebracht. Unterdessen zogen Harry und die anderen aus der Mannschaft ihre scharlachroten Quidditch-Umh?nge an (Slytherin w?rde in Gr?n spielen). Mit einem R?uspern verschaffte sich Wood Ruhe. ?Okay, M?nner?, sagte er. ?Und Frauen?, sagte die J?gerin Angelina Johnson. ?Und Frauen?, stimmte Wood zu. ?Das ist es.? ?Das Gro?e?, sagte Fred Weasley. ?Auf das wir alle gewartet haben?, sagte George. ?Wir kennen Olivers Rede auswendig?, erkl?rte Fred Harry, ?wir waren schon letztes Jahr im Team.? ?Ruhe, ihr beiden?, sagte Wood. ?Dies ist die beste Mannschaft von Gryffindor seit Jahren. Wir gewinnen. Ich wei? es.? Er sah sie alle durchdringend an, als ob er sagen wollte: ?Und wehe, wenn nicht.? ?Gut, es wird Zeit. Viel Gl?ck euch allen.? Harry folgte Fred und George aus dem Umkleideraum und lief in der Hoffnung, die Knie w?rden ihm nicht nachgeben, unter lauten Anfeuerungsrufen hinaus auf das Spielfeld. Madam Hooch war die Schiedsrichterin. Sie stand in der Mitte des Feldes, ihren Besen in der Hand, und wartete auf die beiden Mannschaften. ?H?rt zu, ich will ein sch?nes, faires Spiel sehen, von allen?, sagte sie, als sie sich um sie versammelt hatten. Harry fiel auf, dass sie dabei vor allem den Kapit?n der Slytherins, Marcus Flint, anschaute, einen F?nftkl?ssler. Harry kam es vor, als ob Flint ein wenig Trollblut in den Adern h?tte. Aus den Augenwinkeln sah er hoch oben ?ber der Menge das flatternde Transparent, das Potter vor ? f?r Gryffindorverk?ndete. Sein Herz machte einen H?pfer. Er f?hlte sich mutiger. ?Besteigt eure Besen, bitte.? Harry kletterte auf seinen Nimbus Zweitausend. Madam Hooch hob ihre silberne Pfeife an den Mund und lie? einen gellenden Pfiff ert?nen. F?nfzehn Besen stiegen in die L?fte empor, hoch und immer h?her. Es konnte losgehen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 123 von 123 ?Und Angelina Johnson von Gryffindor ?bernimmt sofort den Quaffel ? was f?r eine gl?nzende J?gerin dieses M?dchen ist, und au?erdem auffallend h?bsch ?? ?JORDAN!? ?Verzeihung, Professor.? Der Freund der Weasley-Zwillinge, Lee Jordan, machte den Stadionsprecher, unter den strengen Ohren von Professor McGonagall. ?Und sie hat wirklich ein H?llentempo drauf da oben, jetzt ein sauberer Pass zu Alicia Spinnet, eine gute Entdeckung von Oliver Wood, letztes Jahr noch auf der Reservebank ? wieder zu Johnson und ? nein, Slytherin hat jetzt den Quaffel, ihr Kapit?n Marcus Flint holt sich ihn und haut damit ab ? Flint fliegt dort oben rum wie ein Adler ? gleich macht er ein To? ? nein, eine gl?nzende Parade von Gryffindor-Torwart Wood stoppt ihn, und jetzt wieder die Gryffindors in Quaffelbesitz ? das ist die J?gerin Katie Bell von Gryffindor dort oben, elegant ist sie unter Flint hindurchgetaucht und schnell jagt sie ?ber das Feld und ? AU ? das muss wehgetan haben, ein Klatscher trifft sie im Nacken ? der Quaffel jetzt wieder bei den Slytherins ? das ist Adrian Pucey, der in Richtung Tore losfegt, doch ein zweiter Klatscher h?lt ihn auf ? geschickt von Fred oder George Weasley, ich kann die beiden einfach nicht auseinanderhalten ? gutes Spiel vom Treiber der Gryffindors jedenfalls, und Johnson wieder in Quaffelbesitz, hat jetzt freie Bahn, und weg ist sie ? sie fliegt ja buchst?blich ? weicht einem schnellen Klatscher aus ? da sind schon die Tore ? ja, mach ihn rein, Angelina ? Torh?ter Bletchley taucht ab, verfehlt den Quaffel ? und TOR F?R GRYFFINDOR!? Jubelrufe f?r Gryffindor f?llten die kalte Luft, von den Slytherins kam Heulen und St?hnen. ?Bewegt euch da oben, r?ckt ein St?ck weiter.? ?Hagrid!? Ron und Hermine dr?ngten sich eng aneinander, um f?r Hagrid Platz zu machen. ?Hab von meiner H?tte aus zugeschaut?, sagte Hagrid und t?tschelte ein gro?es Fernglas, das um seinen Hals hing. ?Aber es ist einfach was anderes, dabei zu sein. Noch kein Zeichen vom Schnatz, oder?? ?Null?, sagte Ron. ?Harry hat noch nicht viel zu tun.? ?Hat sich aber auf der sicheren Seite gehalten bisher, das ist schon mal was?, sagte Hagrid, setzte das Fernglas an die Augen und sp?hte himmelw?rts auf den Fleck, der Harry war. Hoch ?ber ihnen glitt Harry ?ber das Spiel hinweg und hielt Ausschau nach einem Anzeichen vom Schnatz. Das hatten er und Wood miteinander abgesprochen. ?Halt dich raus, bis du den Schnatz sichtest?, hatte Wood gesagt. ?Besser, wenn du nicht angegriffen wirst, bevor es sein muss.? Nach Angelinas Tor hatte Harry ein paar Loopings hingelegt, um seiner Freude Luft zu machen. Nun war er wieder damit besch?ftigt, nach dem Schnatz Ausschau

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 124 von 124 zu halten. Einmal hatte er etwas Goldenes aufblitzen sehen, doch es war nur ein Lichtreflex von der Armbanduhr eines Weasley, und wenn ein Klatscher sich entschied, einer Kanonenkugel gleich auf ihn zuzujagen, wich ihm Harry aus und Fred Weasley kam hinter ihm hergefegt. ?Alles in Ordnung bei dir??, konnte er noch rufen, bevor er den Klatscher w?tend in Richtung Marcus Flint schlug. ?Slytherin im Quaffelbesitz?, sagte Lee Jordan. ?J?ger Pucey duckt sich vor zwei Klatschern, zwei Weasleys und J?ger Bell und rast auf die ? Moment mal ? war das der Schnatz?? Ein Gemurmel ging durch die Menge, als Adrian Pucey den Quaffel fallen lie?, weil er es nicht lassen konnte, sich umzudrehen und dem goldenen Etwas nachzuschauen, das an seinem linken Ohr vorbeigezischt war. Harry sah es. Mit pl?tzlicher Begeisterung st?rzte er sich hinab, dem goldenen Schweif hinterher. Der Sucher der Slytherins, Terence Higgs, hatte ihn ebenfalls gesehen. Kopf an Kopf rasten sie hinter dem Schnatz her ? alle J?ger schienen vergessen zu haben, was sie zu tun hatten, und hingen mitten in der Luft herum, um ihnen zuzusehen. Harry war schneller als Higgs ? er konnte den kleinen Ball sehen, der fl?gelflatternd vor ihm herjagte ? Harry legte noch einmal etwas zu ? WUMM! Von den Gryffindors unten auf den R?ngen kam lautes Zorngeschrei ? Marcus Flint hatte Harry absichtlich geblockt, Harrys Besen trudelte jetzt durch die Luft und Harry selbst klammerte sich in Todesgefahr an ihn. ?Foul!?, schrien die Gryffindors. Die wutentbrannte Madam Hooch kn?pfte sich Flint vor und gab den Gryffindors einen Freiwurf. Doch in all der Aufregung war der Goldene Schnatz nat?rlich wieder verschwunden. Unten auf den R?ngen schrie Dean Thomas: ?Schick ihn vom Platz, Schiri! Rote Karte!? ?Das ist nicht Fu?ball, Dean?, erinnerte ihn Ron. ?Du kannst im Quidditch keinen vom Platz stellen ? und was ist eigentlich eine rote Karte?? Doch Hagrid war auf Deans Seite. ?Sie sollten die Regeln ?ndern, wegen Flint w?re Harry ja fast runtergefallen.? Lee Jordan fiel es schwer, nicht Partei zu ergreifen. ?So ? nach diesem offenen und widerw?rtigen Betrug ?? ?Jordan!?, knurrte Professor McGonagall. ?Ich meine, nach diesem offenen und emp?renden Foul ?? ?Jordan, ich warne Sie ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 125 von 125 ?Schon gut, schon gut. Flint bringt den Sucher der Gryffindors fast um, das k?nnte nat?rlich jedem passieren, da bin ich mir sicher, also ein Freiwurf f?r Gryffindor, Spinnet ?bernimmt ihn, und sie macht ihn rein, keine Frage, und das Spiel geht weiter, Gryffindor immer noch im Quaffelbesitz.? Es geschah, als Harry erneut einem Klatscher auswich, der gef?hrlich nahe an seinem Kopf vorbeischlingerte. Sein Besen tat pl?tzlich einen f?rchterlichen Ruck. Den Bruchteil einer Sekunde lang glaubte er hinunterzust?rzen. Er umklammerte den Besen fest mit beiden H?nden und Knien. Ein solches Gef?hl hatte er noch nie gehabt. Es passierte wieder. Als ob der Besen versuchte ihn abzusch?tteln. Doch ein Nimbus Zweitausend beschloss nicht pl?tzlich, seinen Reiter abzusch?tteln. Harry versuchte sich zu den Toren der Gryffindors umzuwenden; halb dachte er daran, Wood um eine Spielpause zu bitten ? und nun war ihm klar, dass der Besen ihm ?berhaupt nicht mehr gehorchte. Er konnte ihn nicht wenden. Er konnte ihn ?berhaupt nicht mehr steuern. Im Zickzack fegte er durch die Luft und machte in kurzen Abst?nden w?tende Schlenker, die ihn fast herunterrissen. Lee kommentierte immer noch das Spiel. ?Slytherin im Ballbesitz ? Flint mit dem Quaffel ? vorbei an Spinnet ? vorbei an Bell ? der Klatscher trifft ihn hart im Gesicht, hat ihm hoffentlich die Nase gebrochen ? nur ?n Scherz, Professor ? Tor f?r Slytherin ? o nein ?? Die Slytherins jubelten. Keiner schien bemerkt zu haben, dass Harrys Besen sich merkw?rdig benahm. Er trug ihn langsam h?her, ruckend und zuckend, fort vom Spiel. ?Wei? nicht, was Harry da eigentlich treibt?, murmelte Hagrid. Er sah gebannt durch sein Fernglas. ?Wenn ich es nicht besser w?sste, w?rd ich sagen, er hat seinen Besen nicht mehr im Griff ? aber das kann nicht sein ?? Auf einmal deuteten ?berall auf den R?ngen Menschen auf Harry. Sein Besen rollte sich nun im Kreis, unabl?ssig, und Harry konnte sich nur noch mit letzter Kraft halten. Dann st?hnte die Menge auf. Harrys Besen hatte einen gewaltigen Ruck gemacht und Harry hatte den Halt verloren. Er hing jetzt in der Luft, mit einer Hand am Besenstiel. ?Hat er irgendwas abgekriegt, als Flint ihn geblockt hat??, fl?sterte Seamus. ?Kann nicht sein?, meinte Hagrid mit zitternder Stimme. ?Nichts kann einen Besen durch?nanderbringen au?er machtvolle schwarze Magie ? kein Kind k?nnt so was mit ?nem Nimbus Zweitausend anstellen.? Bei diesen Worten griff sich Hermine Hagrids Fernglas, doch anstatt zu Harry hinaufzusehen, lie? sie den Blick hastig ?ber die Menge schweifen. ?Was machst du da??, st?hnte Ron graugesichtig. ?Ich wusste es?, keuchte Hermine, ?Snape ? sieh mal.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 126 von 126 Ron hob das Fernglas an die Augen. Snape stand in der Mitte der R?nge gegen?ber. Seine Augen waren fest auf Harry gerichtet und er murmelte unabl?ssig vor sich hin. ?Da ist was faul ? er verhext den Besen?, sagte Hermine. ?Was sollen wir machen?? Ȇberlass ihn mir.? Bevor Ron noch ein Wort sagen konnte, war Hermine verschwunden. Ron richtete das Fernglas wieder auf Harry. Dessen Besen ruckte nun so heftig, dass er sich kaum noch daran festklammern konnte. S?mtliche Zuschauer waren aufgestanden und sahen entsetzt zu, wie die Weasleys hochflogen und versuchten, ihn auf einen ihrer Besen zu ziehen, doch es n?tzte nichts: Jedes Mal, wenn sie ihm nahe kamen, stieg der Besen sofort noch h?her. Sie lie?en sich ein wenig sinken und zogen unterhalb von Harry Kreise, offenbar in der Hoffnung, ihn auffangen zu k?nnen, falls er herunterfiel. Marcus Flint packte den Quaffel und schoss f?nf Tore, ohne dass jemand Notiz davon nahm. ?Los, Hermine, mach schon?, murmelte Ron verzweifelt. Hermine hatte sich zu der Trib?ne durchgek?mpft, auf der Snape stand, und raste nun die Sitzreihe entlang auf ihn zu; sie hielt nicht einmal an, um sich zu entschuldigen, als sie Professor Quirrell kopf?ber in die Reihe davor stie?. Als sie Snape erreicht hatte, zog sie ihren Zauberstab hervor, kauerte sich auf den Boden und fl?sterte ein paar wohl gew?hlte Worte. Aus ihrem Zauberstab z?ngelten hellblaue Fl?mmchen zum Saum von Snapes Umhang empor. Snape brauchte vielleicht eine halbe Minute, um zu bemerken, dass er brannte. Ein pl?tzliches Aufheulen sagte ihr, dass sie es geschafft hatte. Sie sog das Feuer von ihm ab in ein kleines Glasgef??, das sie in der Tasche hatte, und stolperte dann durch die Reihe zur?ck ? Snape erfuhr nie, was geschehen war. Doch es war gelungen. Hoch oben in den L?ften konnte Harry pl?tzlich wieder auf seinen Besen klettern. ?Neville, du kannst wieder hinsehen!?, rief Ron. Neville hatte die letzten f?nf Minuten in Hagrids Jacke geschluchzt. Harry raste gerade bodenw?rts, als die Menge ihn pl?tzlich die Hand vor den Mund schlagen sah, als ob ihm schlecht w?re ? auf allen vieren knallte er auf das Spielfeld ? hustete ? und etwas Goldenes fiel ihm in die Hand. ?Ich hab den Schnatz!?, rief er, mit den Armen rudernd, und das Spiel endete in heilloser Verwirrung. ?Er hat ihn nicht gefangen, er hat ihn fast verschluckt?, br?llte Flint zwanzig Minuten sp?ter immer noch, doch es half nichts mehr ? Harry hatte keine Regel gebrochen und der gl?ckselige Lee Jordan rief immer noch das Ergebnis aus ? Gryffindor hatte mit hundertsiebzig zu sechzig Punkten gewonnen. Davon h?rte Harry freilich nichts mehr. Hinten am Wald, in der H?tte, braute Hagrid ihm und Ron und Hermine einen kr?ftigen Tee.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 127 von 127 ?Es war Snape?, erkl?rte Ron, ?Hermine und ich haben ihn gesehen. Er hat leise vor sich hin gemurmelt und deinen Besen mit Fl?chen belegt, er hat nicht ein einziges Mal die Augen von dir abgewandt.? ?Unsinn?, brummte Hagrid, der kein Wort von dem geh?rt hatte, was neben ihm auf den R?ngen gesprochen worden war. ?Warum sollte Snape so etwas tun?? Harry, Ron und Hermine sahen sich an, unsicher, was sie ihm erz?hlen sollten. Harry entschied sich f?r die Wahrheit. ?Ich hab etwas ?ber ihn herausgefunden?, erkl?rte er Hagrid. ?Er hat an Halloween versucht, an diesem dreik?pfigen Hund vorbeizukommen. Der hat ihn gebissen. Wir glauben, er wollte das stehlen, was der Hund bewacht, was auch immer es ist.? Hagrid lie? den Teekessel auf den Herd fallen. ?Woher wisst ihr von Fluffy??, fragte er. ?Fluffy?? ?Ja ? ist n?mlich meiner ? hab ihn einem Kerl aus Griechenland abgekauft, den ich letztes Jahr im Pub getroffen hab ? ich hab ihn Dumbledore geliehen, als Wachhund f?r ?? ?Ja??, sagte Harry begierig. ?Das reicht, fragt mich nicht weiter aus?, sagte Hagrid grummelig. ?Das ist streng geheim, ist das n?mlich.? ?Aber Snape hat versucht, es zu stehlen.? ?Unsinn?, sagte Hagrid erneut. ?Snape ist ein Lehrer in Hogwarts, so was w?rde der nie tun.? ?Und warum hat er dann gerade versucht, Harry umzubringen??, rief Hermine. Was am Nachmittag geschehen war, hatte ihre Ansichten ?ber Snape offenbar ver?ndert. ?Ich erkenne sehr wohl, wenn jemand einen b?sen Fluch ausspricht, Hagrid, ich hab alles dar?ber gelesen. Du musst die Augen immer draufhalten, und Snape hat nicht einmal geblinzelt, ich hab?s gesehen!? ?Ich sag euch, ihr liegt grottenfalsch!?, sagte Hagrid erregt. ?Ich wei? nicht, warum Harrys Besen so komisch geflogen ist, aber Snape w?rde nie versuchen einen Sch?ler umzubringen! Nun h?rt mir mal alle genau zu, ihr mischt euch in Dinge ein, die euch nichts angehen. Vergesst den Hund und vergesst, was er bewacht, das ist allein die Sache von Professor Dumbledore und Nicolas Flamel ?? ?Aha!?, sagte Harry. ?Also hat jemand namens Nicolas Flamel damit zu tun, oder?? Hagrid sah aus, als ob er auf sich selbst sauer w?re.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 128 von 128 Der Spiegel Nerhegeb Weihnachten stand vor der T?r. Eines Morgens Mitte Dezember wachte Hogwarts auf und sah sich ellendick in Schnee geh?llt. Der See fror zu, und die Weasley-Zwillinge wurden bestraft, weil sie ein paar Schneeb?lle verhext hatten, die dann hinter Quirrell herflogen und ihm auf den Turban klatschten. Die wenigen Eulen, die sich durch die Schneest?rme schlagen konnten, um die Post zu bringen, mussten von Hagrid gesund gepflegt werden, bevor sie sich auf den R?ckflug machen konnten. Sie konnten es alle kaum noch erwarten, dass endlich die Ferien losgingen. W?hrend im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und in der Gro?en Halle die Kaminfeuer prasselten, war es in den zugigen Korridoren eisig kalt geworden und ein bei?ender Wind r?ttelte an den Fenstern der Klassenzimmer. Am schlimmsten war der Unterricht von Professor Snape unten in den Kerkern, wo ihr Atem sich ?ber ihren K?pfen zu einem Nebelschleier zusammenzog und sie sich so nah wie m?glich an ihre hei?en Kessel setzten. ?Es tut mir ja so leid?, sagte Draco Malfoy in einer Zaubertrankstunde, ?f?r all die Leute, die ?ber Weihnachten in Hogwarts bleiben m?ssen, weil sie daheim nicht erw?nscht sind.? Dabei sah er hin?ber zu Harry. Crabbe und Goyle kicherten. Harry, der gerade zerriebene L?wenfischgr?ten abwog, ?berh?rte ihn. Seit dem Quidditch-Spiel war Malfoy noch geh?ssiger als fr?her. Emp?rt ?ber die Niederlage der Slytherins, hatte er versucht, allgemeine Heiterkeit zu verbreiten mit dem Vorschlag, das n?chste Mal solle anstelle von Harry ein Breitmaulfrosch den Sucher spielen. Dann musste er feststellen, dass keiner das witzig fand. Alle waren davon beeindruckt, wie Harry es geschafft hatte, sich auf seinem bockenden Besen zu halten. Und so hatte sich der eifers?chtige und zornige Malfoy wieder darauf verlegt, Harry damit zu verh?hnen, dass er keine richtige Familie hatte. Es stimmte, dass Harry ?ber Weihnachten nicht in den Ligusterweg zur?ckkehren w?rde. Letzte Woche war Professor McGonagall vorbeigekommen und hatte die Sch?ler in eine Liste eingetragen, die in den Weihnachtsferien dableiben w?rden, und Harry hatte sich sofort gemeldet. Es tat ihm gar nicht leid um sich; das w?rde wahrscheinlich das sch?nste Weihnachten seines Lebens werden. Auch Ron und seine Br?der blieben da, weil Mr und Mrs Weasley nach Rum?nien fuhren, um Charlie zu besuchen. Als sie am Ende des Zaubertrankunterrichts die Kerker verlie?en, war der Korridor durch eine gro?e Tanne versperrt. Zwei gewaltige Schuhe, die am unteren Ende herausragten, und ein lautes Schnaufen sagten ihnen, dass Hagrid hinter ihr steckte. ?Hey, Hagrid, brauchst du Hilfe??, fragte Ron und steckte den Kopf durch die Zweige. ?N?, komm schon zurecht, Ron.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 129 von 129 ?W?rden Sie bitte aus dem Weg gehen??, t?nte Malfoy mit kalter, gedehnter Stimme hinter ihnen. ?Willst dir wohl ein wenig Taschengeld dazuverdienen, Weasley? Hoffst wohl, selber Wildh?ter zu werden, wenn du mit Hogwarts fertig bist ? diese H?tte von Hagrid muss dir wie ein Palast vorkommen im Vergleich zu dem, was du von deiner Familie gew?hnt bist.? Ron st?rzte sich auf Malfoy und in diesem Moment kam Snape die Treppe hoch. ?WEASLEY!? Ron lie? Malfoys Umhang los. ?Er ist herausgefordert worden, Professor Snape?, sagte Hagrid und steckte sein gro?es, haariges Gesicht hinter dem Baum hervor. ?Malfoy hat seine Familie beleidigt.? ?Das mag sein, aber eine Schl?gerei ist gegen die Hausregeln, Hagrid?, sagte Snape mit ?liger Stimme. ?F?nf Punkte Abzug f?r Gryffindor, Weasley, und sei dankbar, dass es nicht mehr ist. Marsch jetzt, aber alle.? Malfoy, Crabbe und Goyle schlugen sich mit den Armen rudernd an dem Baum vorbei, verstreuten Nadeln auf dem Boden und grinsten dabei bl?de. ?Den krieg ich noch?, sagte Ron z?hneknirschend hinter Malfoys R?cken, ?eines Tages krieg ich ihn.? ?Ich hasse sie beide?, sagte Harry, ?Malfoy und Snape.? ?Nu ist aber gut, Kopf hoch, es ist bald Weihnachten?, sagte Hagrid. ?Ich mach euch ?nen Vorschlag, kommt mit in die Gro?e Halle, sieht umwerfend aus.? Also folgten die drei Hagrid und seinem Baum in die Gro?e Halle, die Professor McGonagall und Professor Flitwick festlich ausschm?ckten. ?Ah, Hagrid, der letzte Baum ? stellen Sie ihn doch bitte in die Ecke dort hinten.? Die Halle sah phantastisch aus. An den W?nden entlang hingen Girlanden aus Stechpalmen- und Mistelzweigen und nicht weniger als zw?lf turmhohe Weihnachtsb?ume waren im Raum verteilt. Von den einen funkelten winzige Eiszapfen her?ber, auf den anderen flackerten hunderte von Kerzen. ?Wie viel Tage habt ihr noch bis zu den Ferien??, fragte Hagrid. ?Nur einen?, sagte Hermine. ?Und da f?llt mir ein ? Harry, Ron, wir haben noch eine halbe Stunde bis zum Mittagessen, wir sollten in die Bibliothek gehen.? ?Ja, klar, du hast Recht?, sagte Ron und wandte seine Augen von Professor Flitwick ab, der goldene Kugeln aus seinem Zauberstab blubbern lie? und sie ?ber die Zweige des neuen Baums verteilte. ?In die Bibliothek??, sagte Hagrid und folgte ihnen aus der Halle. ?Kurz vor den Ferien? Sehr strebsam heute, was?? ?Aach, wir arbeiten gar nicht?, erkl?rte ihm Harry strahlend. ?Seit du Nicolas Flamel erw?hnt hast, versuchen wir n?mlich herauszufinden, wer er ist.? ?Ihr wollt was??, Hagrid sah sie entsetzt an. ?H?rt mal gut zu, ich hab?s euch gesagt, lasst es bleiben. Was der Hund bewacht, geht euch nichts an.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 130 von 130 ?Wir wollen nur wissen, wer Nicolas Flamel ist, das ist alles?, sagte Hermine. ?Au?er du m?chtest es uns sagen und uns damit Arbeit ersparen??, f?gte Harry hinzu. ?Wir m?ssen schon hunderte von B?chern gew?lzt haben und wir k?nnen ihn nirgends finden ? gib uns einfach mal ?nen Tipp ? ich wei?, dass ich seinen Namen schon mal irgendwo gelesen hab.? ?Ich sag nichts?, sagte Hagrid matt. ?Dann m?ssen wir es selbst rausfinden?, sagte Ron. Sie lie?en den missmutig dreinblickenden Hagrid stehen und hasteten in die Bibliothek. Tats?chlich hatten sie den Namen, seit er Hagrid herausgerutscht war, in allen m?glichen B?chern gesucht, denn wie sonst sollten sie herausfinden, was Snape zu stehlen versuchte? Sie wussten eigentlich gar nicht, wo sie anfangen sollten, denn sie hatten keine Ahnung, womit sich Nicolas Flamel die Aufnahme in ein Buch verdient hatte. Er stand nicht in den Gro?en Zauberern des zwanzigsten Jahrhunderts oder imHandbuch zeitgen?ssischer Magier; in den Bedeutenden Entdeckungen der modernen Zauberei fehlte er ebenso wie in den J?ngeren Entwicklungen in der Zauberei. Hinzu kam nat?rlich noch die schiere Gr??e der Bibliothek; zehntausende von B?chern; tausende von Regalen; hunderte von schmalen Regalreihen. Hermine zog eine Liste von Fachgebieten und Buchtiteln hervor, in denen sie suchen wollte, w?hrend Ron die Regale entlangschlenderte und nach Lust und Laune mal hier, mal da ein Buch hervorzog. Harry ging hin?ber in die Abteilung f?r verbotene B?cher. Schon seit einiger Zeit fragte er sich, ob Flamel nicht vielleicht hier zu finden w?re. Leider brauchte man die schriftliche Erlaubnis eines Lehrers, um eines der B?cher in dieser Abteilung einsehen zu d?rfen, und die w?rde er nie kriegen. Die B?cher hier behandelten die m?chtige schwarze Magie, die in Hogwarts niemals gelehrt wurde, und sie durften nur von den ?lteren Sch?lern gelesen werden, die fortgeschrittene Verteidigung gegen die dunklen K?nste studierten. ?Suchst du etwas Bestimmtes, mein Junge?? ?Nein?, sagte Harry. Die Bibliothekarin, Madam Pince, fuchtelte mit einem Staubwedel nach ihm. ?Dann verziehst du dich besser wieder. Husch, fort mit dir!? Harry bereute, dass er sich nicht schnell eine Geschichte hatte einfallen lassen, und verlie? die Bibliothek. Er hatte mit Ron und Hermine n?mlich schon vereinbart, dass sie lieber nicht Madam Pince fragen wollten, wo sie Flamel finden k?nnten. Sie w?rde es ihnen gewiss sagen k?nnen, doch sie konnten es nicht riskieren, dass Snape Wind davon bekam, wonach sie suchten. Harry wartete drau?en vor der T?r, um zu h?ren, ob die andern beiden etwas herausgefunden hatten, doch viel Hoffnung machte er sich nicht. Immerhin suchten sie schon seit zwei Wochen, doch da sie zwischen den Unterrichtsstunden nur gelegentlich einmal Zeit hatten, war es kein Wunder, dass sie noch nichts gefunden hatten. Was sie wirklich brauchten, war viel Zeit zum Suchen, ohne dass ihnen Madam Pince st?ndig ?ber die Schultern sah.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 131 von 131 F?nf Minuten sp?ter kamen Ron und Hermine heraus und sch?ttelten die K?pfe. Sie gingen zum Mittagessen. ?Ihr sucht doch weiter, w?hrend ich weg bin, oder??, sagte Hermine. ?Und schickt mir eine Eule, wenn ihr irgendwas herausfindet.? ?Und du k?nntest deine Eltern fragen, ob sie wissen, wer Flamel ist?, sagte Ron. ?Da kann nichts passieren.? Ȇberhaupt nichts, denn sie sind beide Zahn?rzte?, sagte Hermine. Als die Ferien einmal begonnen hatten, ging es Ron und Harry einfach zu gut, um lange ?ber Flamel nachzudenken. Sie hatten den ganzen Schlafsaal f?r sich, auch im Aufenthaltsraum war viel mehr Platz als sonst, und sie konnten die guten Sessel am Kamin belegen. Da sa?en sie stundenlang und verspeisten alles, was sie auf eine R?stgabel spie?en konnten: Brot, Pfannkuchen, Marshmallows, und schmiedeten Pl?ne, wie sie es anstellen k?nnten, dass Malfoy von der Schule flog. Das auszuhecken machte Spa?, auch wenn es nicht klappen w?rde. Ron brachte Harry auch Zauberschach bei. Das ging genauso wie Muggelschach, au?er dass die Figuren lebten, und so war es fast das Gleiche wie Truppen in eine Schlacht zu f?hren. Rons Schachspiel war sehr alt und ramponiert. Wie alles andere, das Ron besa?, hatte es einst jemandem aus seiner Familie geh?rt ? in diesem Fall seinem Gro?vater. Allerdings waren die alten Schachmenschen ?berhaupt kein Nachteil. Ron kannte sie so gut, dass er sie immer m?helos dazu bringen konnte, genau das zu tun, was er wollte. Harry spielte mit Schachmenschen, die ihm Seamus Finnigan geliehen hatte, und die trauten ihm ?berhaupt nicht. Er war noch kein guter Spieler, und sie riefen ihm st?ndig Ratschl?ge zu, allerdings widerspr?chliche, was ihn heftig verwirrte: ?Schick mich ja nicht dorthin, siehst du denn nicht seinen Springer? Schick doch den da, auf den k?nnen wir verzichten.? Heiligabend ging Harry voller Vorfreude auf das Essen und den Spa? am Weihnachtstag zu Bett; Geschenke erwartete er ?berhaupt keine. Als er fr?h am n?chsten Morgen erwachte, sah er als Erstes einen Stapel P?ckchen am Fu?ende seines Bettes. ?Fr?hliche Weihnachten?, sagte Ron schl?frig, als Harry aus dem Bett stieg und seinen Morgenmantel anzog. ?Dir auch?, sagte Harry. ?Schau dir das mal an! Ich hab Geschenke bekommen!? ?Was hast du erwartet, Runkelr?ben??, sagte Ron und machte sich an seinen eigenen Stapel, der um einiges gr??er war als der Harrys. Harry nahm das oberste P?ckchen in die Hand. Es war mit dickem braunem Papier umwickelt und quer dar?ber war F?r Harry von Hagrid gekrakelt. Drinnen war eine grob geschnitzte h?lzerne Fl?te. Offenbar hatte Hagrid sie selber zugeschnitten. Harry blies hinein ? sie klang ein wenig wie eine Eule. Ein zweites, winziges P?ckchen enthielt einen Zettel. Wir haben deine Nachricht erhalten und f?gen dein Weihnachtsgeschenk bei. Von Onkel Vernon und Tante Petunia. Mit Klebeband war ein F?nfzig-Pence-St?ck auf den Zettel geklebt.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 132 von 132 ?Das ist nett?, sagte Harry. Ron war von den f?nfzig Pence fasziniert. ?Komisch!?, sagte er. ?Diese Form! Ist das Geld?? ?Du kannst es behalten?, sagte Harry und lachte, als er sah, wie Ron sich freute. ?Hagrid und Tante und Onkel ? und von wem ist das hier?? ?Ich glaub, ich wei?, von wem das ist?, sagte Ron, deutete auf ein recht klumpiges Paket und lief ein wenig rosa an. ?Von meiner Mum. Ich hab ihr gesagt, dass du keine Geschenke erwartest und ? o nein?, st?hnte er, ?sie hat dir einen Weasley-Pulli gestrickt!? Harry hatte das Paket aufgerissen und einen dicken, handgestrickten Pullover in Smaragdgr?n gefunden und eine gro?e Schachtel selbst gebackener Pl?tzchen. ?Sie strickt uns jedes Jahr einen Pulli?, sagte Ron, w?hrend er seinen eigenen auspackte, ?und meiner ist immer kastanienbraun.? ?Das ist wirklich nett von ihr?, sagte Harry und probierte von den Pl?tzchen, die k?stlich schmeckten. Auch sein n?chstes P?ckchen enthielt S??igkeiten ? es war eine gro?e Schachtel Schokofr?sche von Hermine. Ein P?ckchen war jetzt noch ?brig. Harry hob es auf und betastete es. Es war sehr leicht. Er wickelte es aus. Etwas Flie?endes und Silbergraues glitt auf den Boden, wo es in schimmernden Falten dalag. Ron machte gro?e Augen. ?Ich hab davon geh?rt?, sagte er mit ged?mpfter Stimme und lie? die Schachtel mit Bohnen jeder Geschmacksrichtung fallen, die er von Hermine bekommen hatte. ?Wenn es das ist, was ich glaube ? sie sind wirklich selten und wirklich wertvoll.? ?Was ist es?? Harry hob das silbern leuchtende St?ck Stoff vom Boden hoch. Es f?hlte sich seltsam an, wie Wasser, das zu Stoff gewebt worden war. ?Es ist ein Umhang, der unsichtbar macht?, sagte Ron mit ehrf?rchtigem Gesicht. ?Ganz bestimmt ? probier ihn mal an.? Harry warf sich den Umhang ?ber die Schultern und Ron stie? einen Schrei aus. ?Es stimmt! Schau!? Harry sah hinunter auf seine F??e, doch die waren verschwunden. Er st?rzte hin?ber zum Spiegel. Gewiss, sein Spiegelbild sah ihn an, freilich nur sein Kopf, der K?rper war v?llig unsichtbar. Er zog den Umhang ?ber den Kopf und sein Spiegelbild verschwand vollends. ?Da liegt ein Zettel!?, sagte Ron pl?tzlich. ?Ein Zettel ist rausgefallen!? Harry streifte den Umhang ab und hob den Zettel auf. In enger, verschlungener Handschrift, die er noch nie gesehen hatte, standen da die folgenden Worte:

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 133 von 133 Dein Vater hat mir dies vor seinem Tode zur Aufbewahrung ?berreicht. Nun ist die Zeit gekommen, ihn dir zu geben. Gebrauche ihn klug. Fr?hliche Weihnachten w?nsche ich dir. Unterschrieben hatte niemand. Harry starrte auf den Zettel. Ron bewunderte den Umhang. ?Ich w?rde alles geben f?r einen davon?, sagte er. ?Alles. Was ist los mit dir?? ?Nichts?, sagte Harry. Ihm war seltsam zumute. Wer hatte ihm den Umhang geschickt? Hatte er wirklich einst seinem Vater geh?rt? Bevor er noch etwas denken oder sagen konnte, flog die T?r zum Schlafsaal auf und Fred und George Weasley st?rmten herein. Harry steckte den Umhang schnell weg. Er hatte keine Lust, ihn ?berall herumzureichen. ?Frohe Weihnachten!? ?Hey, sieh mal ? Harry hat auch ?nen Weasley-Pulli!? Fred und George trugen blaue Pullover, der eine mit einem gro?en gelben F darauf gestickt, der andere mit einem G. ?Der von Harry ist aber besser als unserer?, sagte Fred und hielt Harrys Pullover hoch. ?Sieht so aus, als ob sie sich mehr anstrengt, wenn du nicht zur Familie geh?rst.? ?Warum tr?gst du deinen Pulli nicht, Ron??, fragte George. ?Komm, zieh ihn an, sie sind herrlich warm.? ?Ich mag Kastanienbraun nicht?, meinte Ron halbherzig und zog sich den Pulli ?ber. ?Du hast keinen Buchstaben auf deinem?, stellte George fest. ?Sie denkt wohl, du vergisst deinen Namen nicht. Aber wir sind nicht dumm ? wir wissen, dass wir Gred und Forge hei?en.? ?Was macht ihr da eigentlich f?r einen L?rm?? Percy Weasley steckte mit missbilligendem Blick den Kopf durch die T?r. Offensichtlich war er schon halb mit dem Geschenkeauspacken fertig, denn auch er trug einen zusammengekn?uelten Pullover auf dem Arm, den ihm Fred entriss. ?V f?r Vertrauenssch?ler! Zieh ihn an, Percy, los komm schon, sogar Harry hat einen gekriegt.? ?Ich ? will ? nicht ??, sagte Percy halb erstickt, w?hrend die Zwillinge ihm den Pullover ?ber den Kopf zw?ngten und dabei seine Brille verbogen. ?Und du hockst dich heute nicht zu den Vertrauenssch?lern?, sagte George. ?Weihnachten verbringt man mit der Familie.? Sie hatten Percys Arme nicht durch die ?rmel des Pullovers gesteckt, und so gefesselt nahmen sie ihn nun auf die Schultern und marschierten mit ihm hinaus. Harry hatte noch nie in seinem Leben ein solches Weihnachtsmahl verspeist. Hundert fette gebratene Truth?hne, Berge von Brat- und Pellkartoffeln, Platten voll

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 134 von 134 niedlicher Cocktailw?rstchen, Sch?sseln voll Buttererbsen, Silberterrinen voll dicken, sahnigen Bratensafts und Preiselbeersauce ? und, ?ber den Tisch verteilt, stapelweise Zauber-Knallbonbons. Diese phantastischen Knallbonbons waren ?berhaupt nicht zu vergleichen mit den schw?chlichen der Muggel, wie sie die Dursleys kauften, mit dem kleinen Plastikspielkram und den knittrigen Papierh?tchen. Harry zog mit Fred an einem Zauber-Knallbonbon, und es knallte nicht nur, sondern ging los wie eine Kanone und h?llte sie in eine Wolke blauen Rauchs, w?hrend aus dem Innern der Hut eines Admirals und mehrere lebende wei?e M?use herausschossen. Dr?ben am Hohen Tisch hatte Dumbledore seinen spitzen Zaubererhut gegen eine mit Blumen verzierte Haube getauscht und kicherte fr?hlich ?ber einen Witz, den ihm Professor Flitwick soeben vorgelesen hatte. Dem Truthahn folgte ein flambierter Plumpudding. Percy brach sich fast die Z?hne an einem Silbersickel aus, der in seiner Portion versteckt war. Harry beobachtete, wie Hagrid nach mehr Wein verlangte und sein Gesicht immer r?ter wurde, bis er schlie?lich Professor McGonagall auf die Wange k?sste, die, wie Harry verdutzt feststellte, unter ihrem leicht verrutschten Spitzhut err?tete und anfing zu kichern. Als Harry schlie?lich vom Tisch aufstand, war er beladen mit einer Unmenge Sachen aus den Knallbonbons, darunter ein Dutzend Leuchtballons, die nie platzten, ein ?Z?chte deine eigenen Warzen?-Biokasten und ein neues Zauberschachspiel. Die wei?en M?use waren verschwunden, und Harry hatte das unangenehme Gef?hl, dass sie als Mrs Norris? Weihnachtsschmaus enden w?rden. Harry und die Weasleys verbrachten einen gl?cklichen Nachmittag mit einer wilden Schneeballschlacht drau?en auf dem Schulgel?nde. Verfroren, nass und nach Atem ringend, kehrten sie ans Kaminfeuer in ihrem Gemeinschaftsraum zur?ck, wo Harry sein neues Schachspiel mit einer haarstr?ubenden Niederlage gegen Ron einweihte. Er h?tte vielleicht nicht so kl?glich verloren, vermutete er, wenn Percy nicht so angestrengt versucht h?tte, ihm zu helfen. Nach dem Tee ? es gab Brote mit kaltem Braten, Pfannkuchen, Biskuits und Weihnachtskuchen ? f?hlten sich alle zu vollgestopft und m?de, um noch viel vor dem Schlafengehen anzufangen. Sie sahen nur noch Percy zu, wie er Fred und George durch den ganzen Gryffindor-Turm nachjagte, weil sie sein Vertrauenssch?ler-Abzeichen geklaut hatten. Es war Harrys sch?nstes Weihnachten gewesen. Doch den ganzen Tag ?ber war ihm etwas im Hinterkopf herumgeschwirrt. Erst als er im Bett lag, hatte er die Ruhe, dar?ber nachzudenken: Es war der Umhang, der unsichtbar machte, und die Frage, wer ihn wohl geschickt hatte. Ron, vollgestopft mit Braten und Kuchen und mit nichts weiter Geheimnisvollem besch?ftigt, schlief ein, sobald er die Vorh?nge seines Himmelbetts zugezogen hatte. Harry drehte sich auf die Seite und zog den Umhang unter dem Bett hervor. Das war von seinem Vater ? der Umhang seines Vaters. Er lie? den Stoff durch die H?nde gleiten, flie?ender als Seide, leichter als Luft. Gebrauche ihn klug, hatte es auf dem Zettel gehei?en. Er musste es versuchen ? jetzt. Er schl?pfte aus dem Bett und h?llte sich in den Umhang. Wo eben noch seine F??e waren, sah er jetzt nur noch das Mondlicht und Schatten. Ihm war merkw?rdig zumute.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 135 von 135 Gebrauche ihn klug. Pl?tzlich war Harry hellwach. In diesem Umhang stand ihm ganz Hogwarts offen. Begeisterung durchstr?mte ihn. Er konnte ?berallhin, ?berall, und Filch w?rde es nie herausfinden. Ron grunzte im Schlaf. Sollte Harry ihn wecken? Etwas hielt ihn zur?ck ? der Umhang seines Vaters ?, er sp?rte, dass er diesmal, dieses erste Mal, allein mit ihm sein wollte. Er stahl sich aus dem Schlafsaal, die Treppe hinunter, durch den Aufenthaltsraum und kletterte durch das Loch hinter dem Portr?t. ?Wer da??, quakte die fette Dame. Harry sagte nichts. Rasch ging er den Korridor entlang. Wo sollte er hin? Mit rasend pochendem Herzen hielt er inne und dachte nach. Und dann fiel es ihm ein. Die verbotene Abteilung in der Bibliothek. Dort konnte er lesen, solange er wollte, solange er musste, um herauszufinden, wer Flamel war. Den Tarnumhang eng um sich schlingend, ging er weiter. In der Bibliothek herrschte rabenschwarze Nacht. Harry war gruslig zumute. Er z?ndete eine Laterne an, um sich den Weg durch die Buchregale zu leuchten. Die Laterne schien in der Luft zu schweben, und obwohl Harry sp?rte, dass er sie in der Hand trug, lie? ihm der Anblick Schauer ?ber den R?cken laufen. Die verbotene Abteilung lag ganz hinten in der Bibliothek. Er stieg umsichtig ?ber die Kordel, die diesen Bereich von den andern trennte, und hielt seine Laterne hoch, um die Titel auf den Buchr?cken zu lesen. Sie sagten ihm nicht viel. Die abbl?tternden und verblassenden Goldlettern bildeten W?rter in Sprachen, die Harry nicht verstand. Manche B?cher hatten gar keinen Titel. Auf einem Buch war ein dunkler Fleck, der Blut schrecklich ?hnlich sah. Harry str?ubten sich die Nackenhaare. Vielleicht bildete er es sich nur ein, vielleicht auch nicht, aber er glaubte, von den B?chern her ein leises Fl?stern zu vernehmen, als ob sie w?ssten, dass jemand hier war, der nicht hier sein durfte. Irgendwo musste er anfangen. Er stellte die Laterne vorsichtig auf den Boden und suchte entlang der untersten Regalreihe nach einem viel versprechend aussehenden Buch. Ein gro?er schwarz-silberner Band fiel ihm ins Auge. Er zog das Buch m?hsam heraus, denn es war sehr schwer, setzte es mit dem R?cken auf seine Knie und klappte es auf. Ein durchdringender Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren lie?, durchbrach die Stille ? das Buch schrie! Harry schlug es zu, doch es schrie immer weiter, ununterbrochen, in einem hohen und trommelfellzerrei?enden Ton. Er stolperte r?ckw?rts und stie? seine Laterne um, die sofort ausging. In panischer Angst h?rte er Schritte den Gang drau?en entlangkommen ? er stopfte das schreiende Buch wieder ins Regal und rannte davon. Just an der T?r traf er auf Filch. Filchs blasse, wirre Augen sahen durch ihn hindurch und Harry wich vor Filchs ausgestrecktem Arm zur Seite und rannte weiter, den Korridor hinunter, die Schreie des Buches immer noch in den Ohren klingend. Vor einer gro?en R?stung erstarrte er. Er war so ?berst?rzt aus der Bibliothek geflohen, dass er nicht darauf geachtet hatte, wo er hinlief. Um ihn her war es

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 136 von 136 vollkommen dunkel, und vielleicht wusste er deshalb nicht, wo er sich befand. Eine R?stung stand in der N?he der K?chen, das wusste er, doch er musste f?nf Stockwerke dar?ber sein. ?Sie haben mich gebeten, sofort zu Ihnen zu kommen, Herr Professor, wenn jemand nachts umherstreift, und jemand war in der Bibliothek ? in der verbotenen Abteilung.? Harry sp?rte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht str?mte. Wo immer er auch war, Filch musste eine Abk?rzung kennen, denn seine weiche, ?lige Stimme kam n?her, und zu seinem Entsetzen war es Snape, der antwortete: ?Die verbotene Abteilung? Nun, dann k?nnen sie nicht weit sein, die kriegen wir schon.? Als Filch und Snape vor ihm um die Ecke bogen, gefror Harry zu einem Eiszapfen. Nat?rlich konnten sie ihn nicht sehen, doch der Korridor war eng, und wenn sie n?her k?men, w?rden sie auf ihn prallen ? trotz des Umhangs war er ja immer noch aus Fleisch und Blut. So leise er nur konnte, wich er zur?ck. Zu seiner Linken stand eine T?r einen Spaltbreit offen. Das war seine einzige Hoffnung. Den Atem anhaltend, um sie ja nicht zu bewegen, zw?ngte er sich hindurch, und als er es geschafft hatte, in das Zimmer zu gelangen, ohne dass Snape und Filch etwas bemerkten, wurde ihm leichter zumute. Sie gingen einfach vorbei und Harry lehnte sich tief atmend gegen die Wand und lauschte ihren leiser werdenden Schritten nach. Das war knapp gewesen, sehr knapp. Es dauerte einige Augenblicke, bis er das Zimmer, in dem er sich versteckt hatte, besser wahrnahm. Es sah aus wie ein nicht mehr benutztes Klassenzimmer. An der Wand entlang waren Tische und St?hle aufgestapelt und im Dunkeln konnte er auch einen umgedrehten Papierkorb erkennen. Doch an der Wand gegen?ber lehnte etwas, das nicht den Eindruck machte, als ob es hierher geh?rte, etwas, das aussah, als ob jemand es einfach hier abgestellt h?tte, um es aus dem Weg zu schaffen. Es war, auf zwei Klauenf??en stehend, ein gewaltiger Spiegel, der bis zur Decke reichte und mit einem reich verzierten Goldrahmen versehen war. Oben auf dem Rahmen war eine Inschrift eingepr?gt:NERHEGEB Z REH NIE DREBAZ TILT NANIEDTH CIN. Nun, da von Filch und Snape nichts mehr zu h?ren war, schwand Harrys Panik, und er n?herte sich dem Spiegel, um sich darin zu sehen und doch nichts zu sehen. Er musste die Hand vor den Mund schlagen, um nicht zu schreien. Er wirbelte herum. Sein Herz h?mmerte noch rasender als vorhin bei dem schreienden Buch, denn er hatte nicht nur sich selbst im Spiegel gesehen, sondern eine ganze Ansammlung von Menschen, die direkt hinter ihm standen. Doch das Zimmer war leer. Rasch atmend drehte er sich langsam wieder um und sah in den Spiegel. Da war es, sein Spiegelbild, wei? und mit furchtverzerrtem Gesicht, und dort, hinter ihm, spiegelten sich noch gut zehn andere. Harry blickte ?ber die Schulter, doch immer noch war da niemand. Oder waren die vielleicht auch unsichtbar? War er

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 137 von 137 tats?chlich in einem Zimmer voll unsichtbarer Menschen, und war es die Eigenart dieses Spiegels, dass er sie spiegelte, unsichtbar oder nicht? Erneut blickte er in den Spiegel. Eine Frau, die unmittelbar hinter ihm stand, l?chelte ihn an und winkte. Er streckte die Hand aus, doch er fasste ins Leere. Wenn sie wirklich da w?re, dann w?rde er sie ber?hren, im Spiegel standen sie so nahe beieinander. Doch er sp?rte nur Luft ? sie und die anderen existierten nur im Spiegel. Es war eine sehr sch?ne Frau. Sie hatte dunkelrotes Haar und ihre Augen ? ihre Augen sind genau wie die meinen, dachte Harry und r?ckte ein wenig n?her an das Glas heran. Hellgr?n ? genau dieselbe Form, doch dann sah er, dass sie weinte; zwar l?chelte, aber zugleich weinte. Der gro?e, schlanke, schwarzhaarige Mann hinter ihr legte den Arm um sie. Er trug eine Brille und sein Haar war ziemlich durcheinander. Hinterm Kopf stand es ab, genau wie bei Harry. Harry war nun so nahe am Spiegel, dass seine Nase jetzt fast ihr Spiegelbild ber?hrte. ?Mum??, fl?sterte er. ?Dad?? Sie sahen ihn nur an und l?chelten. Und langsam sah Harry in die Gesichter der anderen Menschen im Spiegel und sah noch mehr gr?ne Augenpaare als das seine, andere Nasen als die seine, selbst einen kleinen alten Mann, der aussah, als ob er Harrys knubblige Knie h?tte ? Harry sah zum ersten Mal im Leben seine Familie. Die Potters l?chelten und winkten Harry zu, und er starrte zur?ck, die H?nde flach gegen das Glas gepresst, als hoffte er, einfach zu ihnen hindurchfallen zu k?nnen. Er sp?rte ein m?chtiges Stechen in seinem K?rper, halb Freude, halb furchtbare Traurigkeit. Wie lange er schon so dastand, wusste er nicht. Die Spiegelbilder verblassten nicht, und er wandte den Blick nicht eine Sekunde ab, bis ein fernes Ger?usch ihn wieder zur Besinnung brachte. Er konnte nicht hierbleiben, er musste sich zur?ck ins Bett stehlen. ?Ich komme wieder?, fl?sterte er, wandte den Blick vom Gesicht seiner Mutter ab und lief aus dem Zimmer. ?Du h?ttest mich wecken k?nnen?, sagte Ron mit saurer Miene. ?Komm doch heute Nacht mit, ich will dir den Spiegel zeigen.? ?Ich w?rde gern deine Mum und deinen Dad sehen?, sagte Ron begeistert. ?Und ich will deine Familie sehen, alle Weasleys, du kannst mir deine anderen Br?der zeigen und ?berhaupt alle.? ?Die kannst du jederzeit sehen?, sagte Ron. ?Komm mich einfach diesen Sommer besuchen. Au?erdem zeigt er vielleicht nur die Toten. Schade jedenfalls, dass du nichts ?ber Flamel herausgefunden hast. Nimm doch von dem Schinken, warum isst du eigentlich nichts?? Harry konnte nichts essen. Er hatte seine Eltern gesehen und w?rde sie heute Nacht wieder sehen. Flamel hatte er fast vergessen. Das schien ihm nicht mehr besonders wichtig. Wen k?mmerte es, was der dreik?pfige Hund bewachte? War es im Grunde nicht gleichg?ltig, wenn Snape es stahl?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 138 von 138 ?Geht?s dir gut??, fragte Ron. ?Du guckst so komisch.? Wovor Harry wirklich am meisten Angst hatte, war, den Raum mit dem Spiegel nicht mehr zu finden. Weil Ron in dieser Nacht auch noch unter dem Umhang steckte, mussten sie langsamer gehen. Sie versuchten Harrys Weg von der Bibliothek aus wiederzufinden und zogen fast eine Stunde lang durch die dunklen Korridore. ?Mir ist kalt?, sagte Ron. ?Vergessen wir?s und gehen wieder ins Bett.? ?Nein!?, zischte Harry. ?Ich wei?, dass er irgendwo hier ist.? Sie kamen am Geist einer gro?en Hexe vorbei, die in die andere Richtung unterwegs war, doch sonst sahen sie niemanden. Gerade als Ron anfing zu klagen, ihm sei eiskalt an den F??en, entdeckte Harry die R?stung. ?Es ist hier, genau hier, ja!? Sie stie?en die T?r auf. Harry lie? den Umhang von den Schultern gleiten und rannte zum Spiegel. Da waren sie. Mutter und Vater strahlten ihn an. ?Siehst du??, fl?sterte Harry. ?Ich seh gar nichts.? ?Sieh doch mal! Schau sie dir an ? da sind so viele ?? ?Ich seh nur dich.? ?Du musst richtig hinsehen, komm her, stell dich neben mich.? Harry trat einen Schritt zur Seite, doch zusammen mit Ron vor dem Spiegel konnte er seine Familie nicht mehr sehen, nur noch Ron in seinem Schlafanzug. Ron jedoch blickte wie gebannt auf sein Spiegelbild. ?Schau doch mal!?, sagte er. ?Kannst du deine ganze Familie um dich herum sehen?? ?Nein, ich bin allein, aber ich sehe anders aus, ?lter, und ich bin Schulsprecher!? ?Was?? ?Ich bin ? ich trage ein Abzeichen wie fr?her Bill, und ich halte den Hauspokal und den Quidditch-Pokal in den H?nden, und ich bin auch noch Mannschaftskapit?n!? Ron konnte kaum den Blick von dieser phantastischen Aussicht lassen. ?Glaubst du, dass dieser Spiegel die Zukunft zeigt?? ?Wie sollte er? Meine ganze Familie ist tot, lass mich noch mal sehen ?? ?Du hast ihn gestern Nacht f?r dich alleine gehabt, lass mir ein wenig mehr Zeit.? ?Du h?ltst doch blo? den Quidditch-Pokal, was soll daran interessant sein? Ich will meine Eltern sehen.? ?H?r auf, mich zu schubsen!?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 139 von 139 Ein pl?tzliches Ger?usch drau?en im Gang setzte ihrer Streiterei ein Ende. Sie hatten nicht bemerkt, wie laut sie sprachen. ?Schnell!? Ron warf den Umhang ?ber sie beide und in diesem Augenblick huschten die leuchtenden Augen von Mrs Norris durch die T?r. Ron und Harry standen mucksm?uschenstill und beide stellten sich dieselbe Frage ? wirkte der Umhang auch bei Katzen? Es schien eine Ewigkeit zu dauern, doch dann wandte sie sich um und verschwand. ?Wir sind hier nicht mehr sicher, vielleicht ist sie zu Filch gelaufen, ich wette, sie hat uns geh?rt. Los, komm.? Und Ron zog Harry hinaus. Am n?chsten Morgen war der Schnee noch nicht geschmolzen. ?Hast du Lust auf Schach, Harry??, fragte Ron. ?Nein.? ?Wie w?r?s, wenn wir runtergehen und Hagrid besuchen?? ?Nein ? du kannst ja gehen ?? ?Ich wei?, was dir im Kopf rumgeht, Harry, dieser Spiegel. Bleib heute Nacht lieber hier.? ?Warum?? ?Ich wei? nicht, ich hab nur ein schlechtes Gef?hl dabei ? und au?erdem bist du jetzt schon zu oft nur um Haaresbreite entkommen. Filch, Snape und Mrs Norris streifen im Schloss umher. Sie k?nnen dich zwar nicht sehen, aber was ist, wenn sie einfach in dich reinlaufen? Was, wenn du etwas umst??t?? ?Du h?rst dich an wie Hermine.? ?Mir ist es ernst, Harry, geh nicht.? Doch Harry hatte nur einen Gedanken im Kopf, n?mlich zum Spiegel zur?ckzukehren. Und Ron w?rde ihn nicht aufhalten. In dieser dritten Nacht fand er den Weg schneller als zuvor. Er rannte und wusste, dass er unvorsichtig laut war, doch er begegnete niemandem. Und da waren seine Mutter und sein Vater wieder. Sie l?chelten ihn an und einer seiner Gro?v?ter nickte gl?cklich mit dem Kopf. Harry sank vor dem Spiegel auf den Boden. Nichts w?rde ihn davon abhalten, die ganze Nacht ?ber bei seiner Familie zu bleiben ? nichts in der Welt. Au?er ? ?Nun, wieder da, Harry?? Harry kam sich vor, als ob sein Inneres zu Eis erstarrt w?re. Er wandte sich um. Auf einem der Tische an der Wand sa? niemand anderer als Albus Dumbledore.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 140 von 140 Harry musste einfach an ihm vorbeigelaufen sein, so begierig, zum Spiegel zu gelangen, dass er ihn nicht bemerkt hatte. ?Ich ? ich hab Sie nicht gesehen, Sir.? ?Merkw?rdig, wie kurzsichtig man werden kann, wenn man unsichtbar ist?, sagte Dumbledore, und Harry war erleichtert, als er ihn l?cheln sah. ?Nun?, sagte Dumbledore und glitt vom Tisch herunter, um sich neben Harry auf den Boden zu setzen, ?wie hunderte Menschen vor dir hast du die Freuden des Spiegels Nerhegeb entdeckt.? ?Ich wusste nicht, dass er so hei?t, Sir.? ?Aber ich denke, du hast inzwischen erkannt, was er tut?? ?Er ? na ja ? er zeigt mir meine Familie ?? ?Und er hat deinen Freund Ron als Schulsprecher gezeigt.? ?Woher wissen Sie ??? ?Ich brauche keinen Umhang, um unsichtbar zu werden?, sagte Dumbledore sanft. ?Nun, kannst du dir denken, was der Spiegel Nerhegeb uns allen zeigt?? Harry sch?ttelte den Kopf. ?Dann lass es mich erkl?ren. Der gl?cklichste Mensch auf der Erde k?nnte den Spiegel Nerhegeb wie einen ganz normalen Spiegel verwenden, das hei?t, er w?rde in den Spiegel schauen und sich genau so sehen, wie er ist. Hilft dir das weiter?? Harry dachte nach. Dann sagte er langsam: ?Er zeigt uns, was wir wollen ? was immer wir wollen ?? ?Ja und nein?, sagte Dumbledore leise. ?Er zeigt uns nicht mehr und nicht weniger als unseren tiefsten, verzweifeltsten Herzenswunsch. Du, der du deine Familie nie kennen gelernt hast, siehst sie hier alle um dich versammelt. Ronald Weasley, der immer im Schatten seiner Br?der gestanden hat, sieht sich ganz alleine, als Bester von allen. Allerdings gibt uns dieser Spiegel weder Wissen noch Wahrheit. Es gab Menschen, die vor dem Spiegel dahingeschmolzen sind, verz?ckt von dem, was sie sahen, und andere sind wahnsinnig geworden, weil sie nicht wussten, ob ihnen der Spiegel etwas Wirkliches oder auch nur etwas M?gliches zeigte. Der Spiegel kommt morgen an einen neuen Platz, Harry, und ich bitte dich, nicht mehr nach ihm zu suchen. Du kennst dich jetzt aus, falls du jemals auf ihn sto?en solltest. Es ist nicht gut, wenn wir nur unseren Tr?umen nachh?ngen und vergessen zu leben, glaub mir. Und nun, wie w?r?s, wenn du diesen beeindruckenden Umhang wieder anziehst und ins Bett verschwindest?? Harry stand auf. ?Sir, Professor Dumbledore? Darf ich Sie etwas fragen?? ?Nun hast du ja eine Frage schon gestellt?, sagte Dumbledore l?chelnd. ?Du darfst mich aber noch etwas fragen.? ?Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?? ?Ich? Ich sehe mich dastehen, ein Paar dicke Wollsocken in der Hand haltend.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 141 von 141 Harry starrte ihn an. ?Man kann nie genug Socken haben?, sagte Dumbledore. ?Wieder einmal ist ein Weihnachtsfest vergangen, ohne dass ich ein einziges Paar Socken bekommen habe. Die Leute meinen dauernd, sie m?ssten mir B?cher schenken.? Erst als Harry wieder im Bett lag, kam ihm der Gedanke, dass Dumbledore vielleicht nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Doch zugegeben, dachte er und schubste Kr?tze von seinem Kopfkissen, es war doch eine recht pers?nliche Frage. Nicolas Flamel Dumbledore hatte Harry davon ?berzeugt, besser nicht mehr nach dem Spiegel Nerhegeb zu suchen, und die restlichen Tage der Weihnachtsferien blieb der Tarnumhang zusammengefaltet auf dem Boden seines gro?en Koffers. Harry w?nschte sich, er k?nnte genauso leicht das, was er im Spiegel gesehen hatte, aus seinem Innern r?umen, doch das gelang ihm nicht. Allm?hlich bekam er Alptr?ume. Immer und immer wieder tr?umte er davon, wie seine Eltern in einem Blitz gr?nen Lichts verschwanden, w?hrend eine hohe Stimme gackernd lachte. ?Siehst du, Dumbledore hatte Recht, dieser Spiegel k?nnte dich in den Wahnsinn treiben?, sagte Ron, als Harry ihm von diesen Tr?umen erz?hlte. Hermine, die am letzten Ferientag zur?ckkam, sah die Dinge ganz anders. Sie schwankte zwischen Entsetzen und Entt?uschung. Entsetzen bei dem Gedanken, dass Harry drei N?chte nacheinander aus dem Bett geschl?pft war und das Schloss durchstreift hatte (?Wenn Filch dich erwischt h?tte!?), und Entt?uschung dar?ber, dass er nicht wenigstens herausgefunden hatte, wer Nicolas Flamel war. Sie hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, Flamel jemals in einem Bibliotheksband zu finden, auch wenn Harry sich immer noch sicher war, dass er den Namen irgendwo gelesen hatte. Nach dem Ende der Ferien fingen sie wieder an zu suchen und in den Zehn-Minuten-Pausen die B?cher durchzubl?ttern. Harry hatte sogar noch weniger Zeit als die andern, denn auch das Quidditch-Training hatte wieder begonnen. Wood forderte die Mannschaft h?rter denn je. Selbst der Dauerregen, der nach dem Schnee eingesetzt hatte, konnte seine Begeisterung nicht d?mpfen. Die Weasleys beschwerten sich, Wood sei vom Quidditch geradezu besessen, doch Harry war auf Woods Seite. Sollten sie ihr n?chstes Spiel gegen Hufflepuff gewinnen, w?rden sie zum ersten Mal in sieben Jahren Slytherin in der Hausmeisterschaft ?berholen. Abgesehen davon, dass er gewinnen wollte, stellte Harry fest, dass er weniger Alptr?ume hatte, wenn er nach dem Training ersch?pft war. Eines Tages, w?hrend einer besonders nassen und schlammigen Trainingsstunde, hatte Wood der Mannschaft eine schlechte Nachricht mitzuteilen. Gerade war er sehr zornig geworden wegen der Weasleys, die immerzu im Sturzflug aufeinander zurasten und so taten, als st?rzten sie von ihren Besen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 142 von 142 ?H?rt jetzt endlich auf mit dem Unfug!?, rief er. ?Genau wegen so was verlieren wir noch das Spiel! Diesmal macht Snape den Schiedsrichter, und dem wird jede Ausrede recht sein, um Gryffindor Punkte abzuziehen.? George Weasley fiel bei diesen Worten wirklich vom Besen. ?Snape ist Schiedsrichter??, prustete er durch einen Mund voll Schlamm. ?Wann hat der denn jemals ein Quidditch-Spiel gepfiffen? Er wird nicht mehr fair sein, falls wir die Slytherins ?berholen k?nnen.? Die anderen Spieler landeten neben George und beschwerten sich ebenfalls. ?Ich kann doch nichts daf?r?, sagte Wood. ?Wir m?ssen einfach aufpassen, dass wir ein sauberes Spiel machen und Snape keinen Grund liefern, uns eins auszuwischen.? Sch?n und gut, dachte Harry, doch er hatte noch einen Grund, warum er Snape beim Quidditch lieber nicht in seiner N?he haben wollte ? Wie immer nach dem Training blieben die anderen Spieler noch eine Weile beisammen und unterhielten sich, doch Harry machte sich gleich wieder auf den Weg in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo er Ron und Hermine beim Schachspiel fand. Schach war das Einzige, bei dem Hermine immer verlor, und Harry und Ron waren der Meinung, das k?nne ihr nur guttun. ?Sei mal einen Augenblick ruhig?, sagte Ron, als Harry sich neben ihn setzte. ?Ich muss mich konzen?? Dann sah er Harrys Gesicht. ?Was ist denn mit dir los? Du siehst ja furchtbar aus.? Mit leiser Stimme, damit ihn niemand im Umkreis h?ren konnte, berichtete Harry den beiden von Snapes pl?tzlichem und finsterem Wunsch, ein Quidditch-Schiedsrichter zu sein. ?Spiel nicht mit?, sagte Hermine sofort. ?Sag, dass du krank bist?, meinte Ron. ?Tu so, als ob du dir das Bein gebrochen h?ttest?, schlug Hermine vor. ?Brich dir das Bein wirklich?, sagte Ron. ?Das geht nicht?, sagte Harry. ?Wir haben keinen Reserve-Sucher. Wenn ich passe, kann Gryffindor ?berhaupt nicht spielen.? In diesem Moment st?rzte Neville kopf?ber in den Gemeinschaftsraum. Wie er es geschafft hatte, durch das Portr?tloch zu klettern, war ihnen schleierhaft, denn seine Beine waren zusammengeklemmt, und sie erkannten sofort, dass es der Beinklammer-Fluch sein musste. Offenbar war er den ganzen Weg hoch in den Gryffindor-Turm gehoppelt wie ein Hase. Allen war nach Lachen zumute, au?er Hermine, die aufsprang und den Gegenfluch sprach. Nevilles Beine sprangen auseinander und zitternd rappelte er sich hoch.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 143 von 143 ?Was ist passiert??, fragte ihn Hermine und schleppte ihn hin?ber zu Harry und Ron, wo er sich setzte. ?Malfoy?, sagte Neville mit zitternder Stimme. ?Ich hab ihn vor der Bibliothek getroffen. Er sagte, er w?rde nach jemandem suchen, bei dem er diesen Fluch ?ben k?nnte.? ?Geh zu Professor McGonagall!?, dr?ngte ihn Hermine. ?Sag es ihr!? Neville sch?ttelte den Kopf. ?Ich will nicht noch mehr Schwierigkeiten?, murmelte er. ?Du musst dich gegen ihn wehren, Neville!?, sagte Ron. ?Er ist daran gew?hnt, auf den Leuten herumzutrampeln, aber das ist noch kein Grund, sich vor ihn hinzulegen und es ihm noch leichter zu machen.? ?Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich nicht mutig genug bin f?r Gryffindor, das hat Malfoy schon getan?, schluchzte er. Harry durchw?hlte die Taschen seines Umhangs und zog einen Schokofrosch hervor, den allerletzten aus der Schachtel, die Hermine ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Er gab ihn Neville, der kurz davor schien, in Tr?nen auszubrechen. ?Du bist ein Dutzend Malfoys wert?, sagte Harry. ?Der Sprechende Hut hat dich f?r Gryffindor ausgew?hlt, oder? Und wo ist Malfoy? Im stinkigen Slytherin.? Nevilles Lippen zuckten f?r ein schwaches L?cheln, als er den Frosch auspackte. ?Danke, Harry ? Ich glaub, ich geh ins Bett ? Willst du die Karte? Du sammelst die doch, oder?? Neville ging hinaus und Harry sah sich die Sammelkarte der ber?hmten Zauberer an. ?Schon wieder Dumbledore?, sagte er. ?Er war der Erste, den ich ?? Ihm stockte der Atem. Er starrte auf die R?ckseite der Karte. Dann sah er Ron und Hermine an. ?Ich hab ihn gefunden!?, fl?sterte er. ?Ich hab Flamel gefunden! Hab euch doch gesagt, dass ich den Namen schon mal irgendwo gelesen hab. Es war im Zug hierher. H?rt mal: ?Professor Dumbledores Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg ?ber den schwarzen Magier Grindelwald im Jahre 1945, auf der Entdeckung der zw?lf Anwendungen f?r Drachenblut und auf seinem Werk ?ber Alchemie, verfasst zusammen mit seinem Partner Nicolas Flamel.?!? Hermine sprang auf. Seit sie die Noten f?r die ersten Hausaufgaben bekommen hatte, war sie nicht mehr so begeistert gewesen. ?Wartet hier!?, sagte sie und rannte die Stufen zu den M?dchenschlafs?len hoch. Harry und Ron hatten kaum Zeit, sich ratlose Blicke zuzuwerfen, als sie schon wieder die Treppe heruntergeflogen kam, ein riesiges altes Buch in den Armen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 144 von 144 ?Ich hab einfach nicht daran gedacht, hier drin nachzuschauen!?, fl?sterte sie erregt. ?Das hab ich schon vor Wochen aus der Bibliothek ausgeliehen, leichte Lekt?re.? ?Leicht??, sagte Ron, doch Hermine hie? ihn, still zu sein, bis sie etwas nachgeschaut hatte, und begann, vor sich hin murmelnd, hastig die Seiten durchzubl?ttern. Endlich fand sie, was sie gesucht hatte. ?Ich hab?s gewusst! Ich hab?s gewusst!? ?Ist es uns jetzt erlaubt, zu sprechen??, sagte Ron brummig. Hermine ?berh?rte ihn. ?Nicolas Flamel?, fl?sterte sie aufgeregt, ?ist der einzige bekannte Hersteller des Steins der Weisen!? Das hatte nicht ganz die von ihr erwartete Wirkung. ?Des was??, fragten Harry und Ron. ?Ach, nun h?rt mal, lest ihr beiden eigentlich nie? Seht her, lest das hier.? Sie schob ihnen das Buch zu und Harry und Ron lasen: Die alte Wissenschaft der Alchemie befasst sich mit der Herstellung des Steins der Weisen, eines sagenhaften Stoffes mit erstaunlichen Kr?ften. Er verwandelt jedes Metall in reines Gold. Auch zeugt er das Elixier des Lebens, welches den, der es trinkt, unsterblich macht. Im Laufe der Jahrhunderte gab es viele Berichte ?ber den Stein der Weisen, doch der einzige Stein, der heute existiert, geh?rt Mr Nicolas Flamel, dem angesehenen Alchemisten und Opernliebhaber. Mr Flamel, der im letzten Jahr seinen sechshundertundf?nfundsechzigsten Geburtstag feierte, erfreut sich eines ruhigen Lebens in Devon, zusammen mit seiner Frau Perenelle (sechshundertundachtundf?nfzig). ?Seht ihr??, sagte Hermine, als Harry und Ron zu Ende gelesen hatten. ?Der Hund muss Flamels Stein der Weisen bewachen! Ich wette, Flamel hat Dumbledore gebeten, ihn sicher aufzubewahren, denn sie sind Freunde, und er wusste, dass jemand hinter dem Stein her ist. Deshalb wollte er ihn aus Gringotts herausschaffen!? ?Ein Stein, der Gold erzeugt und dich nie sterben l?sst!?, sagte Harry. ?Kein Wunder, dass Snape hinter ihm her ist! Jeder w?rde ihn haben wollen.? ?Und kein Wunder, dass wir Flamel nicht in den J?ngeren Entwicklungen in der Zauberei gefunden haben?, sagte Ron. ?Er ist nicht gerade der J?ngste, wenn er sechshundertf?nfundsechzig ist, oder?? Am n?chsten Morgen, w?hrend sie in Verteidigung gegen die dunklen K?nste die verschiedenen M?glichkeiten, Werwolfbisse zu behandeln, von der Tafel

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 145 von 145 abschrieben, sprachen Harry und Ron immer noch dar?ber, was sie mit einem Stein der Weisen anfangen w?rden, wenn sie einen h?tten. Erst als Ron sagte, er w?rde sich seine eigene Quidditch-Mannschaft kaufen, fiel Harry die Sache mit Snape und dem kommenden Spiel wieder ein. ?Ich werde spielen?, sagte er Ron und Hermine. ?Wenn nicht, denken alle Slytherins, ich h?tte Angst, es mit Snape aufzunehmen. Ich werd?s ihnen zeigen ? das wird ihnen das Grinsen vom Gesicht wischen, wenn wir gewinnen.? ?Solange wir dich nicht vom Spielfeld wischen m?ssen?, sagte Hermine. Je n?her jedoch das Spiel r?ckte, desto nerv?ser wurde Harry, und mochte er noch so aufschneiderisch vor Ron und Hermine getan haben. Die anderen Spieler waren auch nicht gerade gelassen. Die Vorstellung, sie k?nnten Slytherin in der Hausmeisterschaft ?berholen, war traumhaft, denn seit fast sieben Jahren hatte das keine Mannschaft mehr geschafft, doch w?rde ein so parteiischer Schiedsrichter das zulassen? Harry wusste nicht, ob er es sich nur einbildete, doch st?ndig und ?berall lief er Snape ?ber den Weg. Manchmal fragte er sich sogar, ob Snape ihm vielleicht folgte und versuchte, ihn irgendwo allein zu erwischen. Die Zaubertrankstunden wurden allm?hlich zu einer Art w?chentlicher Folter, so gemein war Snape zu Harry. Konnte Snape denn eigentlich wissen, dass sie die Geschichte mit dem Stein der Weisen herausgefunden hatten? Harry konnte sich das nicht vorstellen ? doch manchmal hatte er das f?rchterliche Gef?hl, Snape k?nne Gedanken lesen. Am folgenden Nachmittag w?nschten ihm Ron und Hermine viel Gl?ck f?r das Spiel, und Harry wusste, dass sie sich fragten, ob sie ihn jemals lebend wiedersehen w?rden. Das war nicht gerade tr?stlich. W?hrend Harry seinen Quidditch-Umhang anzog und seinen Nimbus Zweitausend aufnahm, h?rte er kaum etwas von den ermutigenden Worten Woods. Ron und Hermine hatten inzwischen einen Platz auf den R?ngen gefunden, neben Neville, der nicht verstand, warum sie so grimmig und besorgt aussahen und warum sie ihre Zauberst?be zum Spiel mitgebracht hatten. Harry hatte keine Ahnung, dass Ron und Hermine insgeheim den Beinklammer-Fluch ge?bt hatten. Auf die Idee gebracht hatte sie Malfoy, der ihn an Neville ausprobiert hatte, und nun waren sie bereit, ihn Snape auf den Hals zu jagen, wenn er auch nur die geringsten Anstalten machte, Harry zu schaden. ?Also, nicht vergessen, es hei?t Locomotor Mortis?, murmelte Hermine, w?hrend Ron seinen Zauberstab den ?rmel hochschob. ?Ich wei??, fauchte Ron. ?Nerv mich nicht.? Unten in der Umkleidekabine hatte Wood Harry zur Seite genommen. ?Ich will dich ja nicht unter Druck setzen, Potter, aber wenn wir je einen schnellen Schnatz-Fang gebraucht haben, dann jetzt. Bring das Spiel unter Dach und Fach, ehe Snape anfangen kann, die Hufflepuffs zu bevorzugen.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 146 von 146 ?Dort drau?en ist die ganze Schule!?, sagte Fred Weasley, der durch die T?r hinaussp?hte. ?Sogar ? mein Gott ? Dumbledore ist gekommen!? Harrys Herz ?berschlug sich. ?Dumbledore??, sagte er und st?rzte zur T?r, um ihn mit eigenen Augen zu sehen. Fred hatte Recht. Dieser silberne Bart konnte nur Dumbledore geh?ren. Harry h?tte vor Erleichterung laut auflachen k?nnen. Nun war er sicher. Snape w?rde jetzt, da Dumbledore zusah, nicht einmal den Versuch wagen, ihm etwas anzutun. Vielleicht sah Snape deshalb so w?tend aus, als die Mannschaften auf das Spielfeld liefen. Auch Ron hatte das bemerkt. ?Ich hab Snape noch nie so b?se gucken sehen?, erkl?rte er Hermine. ?Schau ? weg sind sie. Autsch!? Jemand hatte Ron gegen den Hinterkopf gesto?en. Es war Malfoy. ?Oh, tut mir leid, Weasley, hab dich gar nicht gesehen.? Mit breitem Grinsen sah Malfoy Crabbe und Goyle an. ?Frag mich, wie lange Potter sich diesmal auf seinem Besen h?lt? Will jemand wetten? Wie w?r?s mit dir, Weasley?? Ron antwortete nicht; Snape hatte Hufflepuff gerade einen Strafwurf zugesprochen, weil George Weasley ihn mit einem Klatscher getroffen hatte. Hermine, die alle Finger im Scho? gekreuzt hatte, schaute mit zusammengezogenen Augenbrauen unabl?ssig Harry nach, der wie ein Falke ?ber dem Spiel kreiste und Ausschau nach dem Schnatz hielt. ?Wei?t du eigentlich, wie sie die Leute f?r die Gryffindor-Mannschaft aussuchen??, sagte Malfoy ein paar Minuten sp?ter mit lauter Stimme, als Snape den Hufflepuffs schon wieder einen Strafwurf zusprach, diesmal ganz ohne Grund. ?Sie nehmen Leute, die ihnen leidtun. Seht mal, da ist Potter, der keine Eltern hat, dann die Weasleys, die kein Geld haben ? du solltest auch in der Mannschaft sein, Longbottom, du hast kein Hirn.? Neville wurde hellrot, drehte sich jedoch auf seinem Platz herum und sah Malfoy ins Gesicht. ?Ich bin ein Dutzend von deinesgleichen wert, Malfoy?, stammelte er. Malfoy, Crabbe und Goyle heulten laut auf vor Lachen, doch Ron, der immer noch nicht die Augen vom Spiel abzuwenden wagte, sagte: ?Gib?s ihm, Neville.? ?Longbottom, wenn Hirn Gold w?re, dann w?rst du ?rmer als Weasley, und das will was hei?en.? Rons Nerven waren wegen der Angst um Harry ohnehin schon zum Zerrei?en gespannt. ?Ich warne dich, Malfoy, noch ein Wort ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 147 von 147 ?Ron!?, sagte Hermine pl?tzlich, ?Harry ?!? ?Was? Wo?? Harry war ?berraschend in einen atemberaubenden Sturzflug gegangen, und ein St?hnen und Jubeln drang aus der Menge. Hermine stand auf, die gekreuzten Finger im Mund, und Harry schoss wie eine Kugel in Richtung Boden. ?Du hast Gl?ck, Weasley, Potter hat offenbar Geld auf dem Boden herumliegen sehen!?, sagte Malfoy. Das war zu viel f?r Ron. Bevor Malfoy wusste, wie ihm geschah, war Ron schon auf ihm und dr?ckte ihn zu Boden. Neville z?gerte erst, dann kletterte er ?ber seine Sitzlehne, um Ron zu helfen. ?Los, Harry!?, schrie Hermine und sprang auf ihren Sitz, um zu sehen, wie Harry direkt auf Snape zuraste ? sie bemerkte nicht einmal, dass Malfoy und Ron sich unter ihrem Sitz w?lzten, und auch nicht das St?hnen und Schreien, das aus dem Kn?uel drang, das aus Neville, Crabbe und Goyle bestand. Oben in der Luft riss Snape seinen Besen gerade rechtzeitig herum, um etwas Scharlachrotes an ihm vorbeischie?en zu sehen, das ihn um Zentimeter verfehlte ? im n?chsten Moment hatte Harry seinen Besen wieder in die Waagrechte gebracht; den Arm triumphierend in die H?he gestreckt, hielt er den Schnatz fest in der Hand. Die Zuschauer tobten; das musste ein Rekord sein, niemand konnte sich erinnern, dass der Schnatz jemals so schnell gefangen worden war. ?Ron! Ron! Wo bist du? Das Spiel ist aus! Harry hat gewonnen! Wir haben gewonnen! Gryffindor liegt in F?hrung!?, schrie Hermine, tanzte auf ihrem Sitz herum und umarmte Parvati Patil in der Reihe vor ihr. Harry sprang einen Meter ?ber dem Boden von seinem Besen. Er konnte es nicht glauben. Er hatte es geschafft ? das Spiel war zu Ende; es hatte kaum f?nf Minuten gedauert. Gryffindors kamen aufs Spielfeld gerannt, und ganz in der N?he sah er Snape landen, mit wei?em Gesicht und zusammengekniffenen Lippen ? dann sp?rte Harry eine Hand auf der Schulter und er sah hoch in das l?chelnde Gesicht von Dumbledore. ?Gut gemacht?, sagte Dumbledore leise, so dass nur Harry es h?ren konnte. ?Sch?n, dass du nicht diesem Spiegel nachh?ngst ? hattest was Besseres zu tun ? vortrefflich ?? Snape spuckte mit verbittertem Gesicht auf den Boden. Einige Zeit sp?ter verlie? Harry allein den Umkleideraum, um seinen Nimbus Zweitausend zur?ck in die Besenkammer zu stellen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals gl?cklicher gewesen zu sein. Nun hatte er wirklich etwas getan, auf das er stolz sein durfte ? keiner konnte jetzt mehr sagen, er h?tte nur einen ber?hmten Namen. Die Abendluft hatte noch nie so s?? gerochen. Er ging ?ber das feuchte Gras und sah noch einmal, wie durch einen Schleier von Gl?ck, die letzte Stunde: die Gryffindors, die herbeigerannt kamen, um ihn auf die Schultern zu nehmen; in

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 148 von 148 der Ferne Hermine, die in die Luft sprang, und Ron, der ihm mit blutverschmierter Nase zujubelte. Harry hatte den Schuppen erreicht. Er lehnte sich gegen die Holzt?r und sah hoch zum Schloss, dessen Fenster in der untergehenden Sonne rot aufleuchteten. Gryffindor in F?hrung. Er hatte es geschafft, er hatte es Snape gezeigt ? Wo er gerade an Snape dachte ? Eine vermummte Gestalt eilte die Schlosstreppen herunter. Offenbar wollte sie nicht gesehen werden, denn raschen Schrittes ging sie in Richtung des verbotenen Waldes. Harry sah ihr nach und sein eben errungener Sieg schwand ihm aus dem Kopf. Er erkannte den raubtierhaften Gang dieser Gestalt: Snape, der sich in den verbotenen Wald stahl, w?hrend die andern beim Abendessen waren ? was ging da vor? Harry sprang auf seinen Nimbus Zweitausend und stieg empor. Still glitt er ?ber das Schloss hinweg und sah Snape rennend im Wald verschwinden. Er folgte ihm. Die B?ume standen so dicht, dass er nicht sehen konnte, wohin Snape gegangen war. Schleifen drehend lie? er sich weiter sinken. Erst als er die Baumwipfel ber?hrte, h?rte er Stimmen. Er schwebte in die Richtung, aus der sie kamen, und landete ger?uschlos auf einer turmhohen Buche. Vorsichtig kletterte er an einem ihrer ?ste entlang, den Besen fest umklammernd, und versuchte durch die Bl?tter hindurch etwas zu erkennen. Unten, auf einer schattendunklen Lichtung, stand Snape. Doch er war nicht allein. Neben ihm stand Quirrell. Harry konnte seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch er stotterte schlimmer denn je. Harry spitzte die Ohren, um etwas von dem zu erhaschen, was sie sagten. ?? w-wei? nicht, warum Sie mich a-a-ausgerechnet hier treffen wollen, Severus ?? ?Oh, ich dachte, das bleibt unter uns?, sagte Snape mit eisiger Stimme. ?Die Sch?ler sollen schlie?lich nichts vom Stein der Weisen erfahren.? Harry lehnte sich weiter vor. Quirrell murmelte etwas. Snape unterbrach ihn. ?Haben Sie schon herausgefunden, wie Sie an diesem Untier von Hagrid vorbeikommen?? ?A-a-ber, Severus, ich ?? ?Sie wollen mich doch nicht zum Feind haben, Quirrell?, sagte Snape und trat einen Schritt auf ihn zu. ?I-ich wei? nicht, w-was Sie ?? ?Sie wissen genau, was ich meine.? Beim lauten Schrei einer Eule fiel Harry fast aus dem Baum. Er brachte sich noch rechtzeitig ins Gleichgewicht, um zu h?ren, wie Snape sagte: ?? Ihr kleines bisschen Hokuspokus. Ich warte.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 149 von 149 ?A-aber i-ich ?? ?Sehr sch?n?, unterbrach ihn Snape. ?Wir sprechen uns bald wieder, wenn Sie Zeit hatten, sich die Dinge zu ?berlegen, und sich im Klaren sind, wem Sie verpflichtet sind.? Er warf sich die Kapuze ?ber den Kopf und entfernte sich von der Lichtung. Es war jetzt fast dunkel, doch Harry konnte Quirrell sehen, der so unbeweglich dastand, als sei er versteinert. ?Harry, wo hast du gesteckt??, keifte Hermine. ?Wir haben gewonnen! Du hast gewonnen! Wir haben gewonnen!?, rief Ron und klatschte Harry auf den R?cken. ?Und ich hab Malfoy ein blaues Auge verpasst, und Neville hat versucht, es allein mit Crabbe und Goyle aufzunehmen! Er ist immer noch bewusstlos, aber Madam Pomfrey sagt, es wird schon wieder ? redet die ganze Zeit davon, es Slytherin zu zeigen! Im Gemeinschaftsraum warten alle auf dich ? wir machen ein Fest, Fred und George haben ein bisschen Kuchen und was zu trinken aus der K?che organisiert.? ?Das ist jetzt nicht so wichtig?, sagte Harry au?er Atem. ?Suchen wir uns erst mal ein Zimmer, wo wir allein sind, und dann wartet ab, was ich euch erz?hle ?? Er sah erst nach, ob Peeves drin war, bevor er die T?r hinter ihnen schloss, und dann erz?hlte er ihnen, was er gesehen und geh?rt hatte. ?Also hatten wir Recht, es ist der Stein der Weisen, und Snape versucht Quirrell zu zwingen, ihm zu helfen. Er hat ihn gefragt, ob er w?sste, wie er an Fluffy vorbeikommen kann ? und er hat etwas ?ber Quirrells ?Hokuspokus? gesagt ? ich wette, es gibt noch mehr au?er Fluffy, was den Stein bewacht, eine Menge Zauberspr?che wahrscheinlich, und Quirrell wird einige Gegenfl?che zum Schutz gegen die schwarze Magie ausgesprochen haben, die Snape durchbrechen muss.? ?Du meinst also, der Stein ist nur sicher, solange Snape Quirrell nicht das R?ckgrat bricht??, fragte Hermine best?rzt. ?N?chsten Dienstag ist er weg?, meinte Ron. Norbert, der Norwegische Stachelbuckel Quirrell musste freilich mutiger sein, als sie dachten. In den folgenden Wochen schien er zwar blasser und d?nner zu werden, doch es sah nicht danach aus, als ob ihm Snape schon das R?ckgrat gebrochen h?tte. Jedes Mal, wenn sie an dem Korridor im dritten Stock vorbeigingen, dr?ckten Harry, Ron und Hermine die Ohren an die T?r, um zu h?ren, ob Fluffy dahinter noch knurrte. Snape huschte in seiner ?blichen schlechten Laune umher, was sicher bedeutete, dass der Stein noch dort lag, wo er hingeh?rte. Immer wenn Harry in diesen Tagen an Quirrell vorbeikam, schenkte er ihm ein L?cheln, das ihn

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 150 von 150 aufmuntern sollte, und Ron hatte angefangen die andern daf?r zu tadeln, wenn sie bei Quirrells Stottern lachten. Hermine jedoch hatte mehr im Kopf als den Stein der Weisen. Sie hatte begonnen einen Zeitplan f?r die Wiederholung des Unterrichtsstoffes aufzustellen und ihre gesamten Notizen mit verschiedenen Farben angestrichen. Harry und Ron h?tten sich nicht darum gek?mmert, doch sie lag ihnen st?ndig damit in den Ohren. ?Hermine, es ist noch eine Ewigkeit bis zu den Pr?fungen.? ?Zehn Wochen?, meinte sie barsch. ?Das ist keine Ewigkeit, das ist f?r Nicolas Flamel nur eine Sekunde.? ?Aber wir sind nicht sechshundert Jahre alt?, erinnerte sie Ron. ?Und au?erdem, wozu wiederholst du den Stoff eigentlich, du wei?t doch ohnehin alles.? ?Wozu ich wiederhole? Seid ihr verr?ckt? Euch ist doch klar, dass wir diese Pr?fungen schaffen m?ssen, um ins zweite Schuljahr zu kommen? Sie sind sehr wichtig, ich h?tte schon vor einem Monat anfangen sollen zu b?ffeln, ich wei? nicht, was in mich gefahren ist ?? Ungl?cklicherweise schienen die Lehrer ganz genauso zu denken wie Hermine. Sie halsten ihnen eine Unmenge von Hausaufgaben auf, so dass sie in den Osterferien nicht ann?hernd so viel Spa? hatten wie noch in den Weihnachtsferien. Wenn Hermine neben ihnen die zw?lf Anwendungen von Drachenblut aufz?hlte oder Bewegungen mit dem Zauberstab ?bte, konnten sie sich kaum entspannen. Harry und Ron verbrachten den gr??ten Teil ihrer freien Zeit st?hnend und g?hnend mit Hermine in der Bibliothek und versuchten mit ihren vielen zus?tzlichen Hausaufgaben fertig zu werden. ?Das kann ich mir nie merken?, platzte Ron eines Nachmittags los, warf seine Feder auf den Tisch und lie? den Blick sehns?chtig aus dem Fenster der Bibliothek schweifen. Seit Monaten war dies der erste wirklich sch?ne Tag. Der Himmel war klar und vergissmeinnichtblau und in der Luft lag ein Hauch des kommenden Sommers. Harry, der in Tausend Zauberkr?utern und -pilzen nach ?Diptam? suchte, sah erst auf, als er Ron sagen h?rte: ?Hagrid, was machst du denn in der Bibliothek?? Hagrid, der in seinem Biberfellmantel hier recht fehl am Platze wirkte, schlurfte zu ihnen her?ber. Hinter dem R?cken hielt er etwas versteckt. ?Nur mal schauen?, sagte er mit unsicherer Stimme, die sogleich ihre Neugier erregte. ?Und wonach schaut ihr denn?? Pl?tzlich sah er sie misstrauisch an. ?Nicht etwa immer noch nach Nicolas Flamel?? ?Ach was, das haben wir schon ewig lange rausgefunden?, sagte Ron wichtigtuerisch, ?und wir wissen auch, was dieser Hund bewacht, es ist der Stein der W?? ?Schhhh!?, Hagrid sah rasch nach links und rechts, ob jemand lauschte. ?Schreit das doch nicht so herum, was ist denn los mit euch?? ?Wir wollten dich tats?chlich ein paar Dinge fragen?, sagte Harry, ?n?mlich was au?er Fluffy noch dazu da ist, diesen Stein zu bewachen ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 151 von 151 ?SCHHHH!?, zischte Hagrid wieder. ?H?rt mal, kommt sp?ter r?ber zu mir, ich versprech euch zwar nicht, dass ich irgendwas erz?hle, aber quasselt blo? nicht hier drin rum, die Sch?ler sollen?s n?mlich nicht wissen. Nachher hei?t?s noch, ich h?tt?s euch gesagt ?? ?Bis sp?ter dann?, sagte Harry. Hagrid schlurfte davon. ?Was hat er hinter dem R?cken versteckt??, sagte Hermine nachdenklich. ?Glaubt ihr, es hat was mit dem Stein zu tun?? ?Ich seh mal nach, in welcher Abteilung er war?, sagte Ron, der vom Arbeiten genug hatte. Eine Minute sp?ter kam er mit einem Stapel B?cher in den Armen zur?ck und lie? sie auf den Tisch knallen. ?Drachen!?, fl?sterte er. ?Hagrid hat nach B?chern ?ber Drachen gesucht! Seht mal: Drachenarten Gro?britanniens und Irlands; Vom Ei zum Inferno: Ein Handbuch f?r Drachenhalter.? ?Hagrid wollte immer einen Drachen haben, das hat er mir schon gesagt, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind?, sagte Harry. ?Aber das ist gegen unsere Gesetze?, sagte Ron. ?Der Zaubererkonvent von 1709 hat die Drachenzucht verboten, das wei? doch jedes Kind. Die Muggel merken es doch gleich, wenn wir Drachen im Garten hinter dem Haus halten ? au?erdem kann man Drachen nicht z?hmen, es ist zu gef?hrlich. Du solltest mal sehen, wie sich Charlie bei den wilden Drachen in Rum?nien verbrannt hat.? ?Aber es gibt doch keine wilden Drachen in Gro?britannien??, fragte Harry. ?Nat?rlich gibt es welche?, sagte Ron. ?Den Gemeinen Walisischen Gr?nling und den Schwarzen Hebriden. Das Zaubereiministerium hat alle H?nde voll zu tun, das zu vertuschen, kann ich euch sagen. Unsere Leute m?ssen die Muggel, die welche gesehen haben, st?ndig mit Zauberspr?chen verhexen, damit sie es wieder vergessen.? ?Und was in aller Welt hat dann Hagrid vor??, sagte Hermine. Als sie eine Stunde sp?ter vor der H?tte des Wildh?ters standen und an die T?r klopften, bemerkten sie ?berrascht, dass alle Vorh?nge zugezogen waren. Hagrid rief: ?Wer da??, bevor er sie einlie? und rasch die T?r hinter ihnen schloss. Drinnen war es unertr?glich hei?. Obwohl es drau?en warm war, loderte ein Feuer im Kamin. Hagrid machte ihnen Tee und bot ihnen Wiesel-Sandwiches an, die sie ablehnten. ?Nun, ihr wolltet mich was fragen?? ?Ja?, sagte Harry. Es machte keinen Sinn, um den hei?en Brei herumzureden. ?Wir haben uns gefragt, ob du uns sagen kannst, was den Stein der Weisen au?er Fluffy sonst noch sch?tzt.? Hagrid sah ihn missmutig an.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 152 von 152 ?Kann ich nat?rlich nicht?, sagte er. ?Erstens wei? ich es selbst nicht. Zweitens wisst ihr schon zu viel, und deshalb w?rd ich nichts sagen, selbst wenn ich k?nnte. Der Stein ist aus einem guten Grund hier. Aus Gringotts ist er fast gestohlen worden ? ich nehm an, das habt ihr auch schon rausgefunden? Das haut mich allerdings um, dass ihr sogar von Fluffy wisst.? ?Ach, h?r mal, Hagrid, du willst es uns vielleicht nicht sagen, aber du wei?t es, du wei?t alles, was hier vor sich geht?, sagte Hermine mit warmer, schmeichelnder Stimme. Hagrids Bart zuckte, und sie konnten erkennen, dass er l?chelte. ?Wir fragen uns nur, wer f?r die Bewachung verantwortlich war.? Hermine dr?ngte weiter. ?Wir fragen uns, wem Dumbledore genug Vertrauen entgegenbringt, um ihn um Hilfe zu bitten, abgesehen nat?rlich von dir.? Bei ihren letzten Worten schwoll Hagrids Brust an. Harry und Ron strahlten zu Hermine hin?ber. ?Nun gut, ich denk nicht, dass es schadet, wenn ich euch das erz?hl ? lasst mal sehen ? er hat sich Fluffy von mir geliehen ? dann haben ein paar von den Lehrern Zauberbanne dr?bergelegt ? Professor Sprout, Professor Flitwick, Professor McGonagall?, er z?hlte sie an den Fingern ab, ?Professor Quirrell, und Dumbledore selbst hat nat?rlich auch was unternommen. Wartet mal, ich hab jemanden vergessen. Ach ja, Professor Snape.? ?Snape?? ?Ja, ihr seid doch nicht etwa immer noch hinter dem her? Seht mal, Snape hat geholfen, den Stein zusch?tzen, da wird er ihn doch nicht stehlen wollen.? Harry wusste, dass Ron und Hermine dasselbe dachten wie er. Wenn Snape dabei gewesen war, als sie den Stein mit den Zauberbannen umgaben, musste es ein Leichtes f?r ihn gewesen sein, herauszufinden, wie die andern ihn gesch?tzt hatten. Wahrscheinlich wusste er alles, au?er, wie es schien, wie er Quirrells Zauberbann brechen und an Fluffy vorbeikommen sollte. ?Du bist der Einzige, der wei?, wie man an Fluffy vorbeikommt, nicht wahr, Hagrid??, fragte Harry begierig. ?Und du w?rdest es niemandem erz?hlen, oder, nicht mal einem der Lehrer?? ?Kein Mensch wei? es au?er mir und Dumbledore?, sagte Hagrid stolz. ?Nun, das ist schon mal was?, murmelte Harry den andern zu. ?Hagrid, k?nnten wir ein Fenster aufmachen? Ich komme um vor Hitze.? ?Geht nicht, Harry, tut mir leid?, sagte Hagrid. Harry sah, wie er einen Blick zum Feuer warf. Auch Harry sah hin?ber. ?Hagrid ? was ist das denn?? Doch er wusste schon, was es war. Unter dem Kessel, im Herzen des Feuers, lag ein riesiges schwarzes Ei. Ȁhem?, brummte Hagrid und fummelte nerv?s an seinem Bart. ?Das ? ?hm?? ?Wo hast du es her, Hagrid??, sagte Ron und beugte sich ?ber das Feuer, um sich das Ei n?her anzusehen. ?Es muss dich ein Verm?gen gekostet haben.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 153 von 153 ?Hab?s gewonnen?, sagte Hagrid. ?Letzte Nacht. War unten im Dorf, hab mir ein oder zwei Gl?schen genehmigt und mit ?nem Fremden ein wenig Karten gezockt. Glaube, er war ganz froh, dass er es losgeworden ist, um ehrlich zu sein.? ?Aber was f?ngst du damit an, wenn es ausgebr?tet ist??, fragte Hermine. ?Na ja, ich hab ?n bisschen was gelesen?, sagte Hagrid und zog ein gro?es Buch unter seinem Kissen hervor. ?Aus der Bibliothek ? Drachenzucht f?r Haus und Hof ? ist ein wenig veraltet, klar, aber da steht alles drin. Das Ei muss im Feuer bleiben, weil die M?tter es beatmen, seht ihr, und wenn es ausgeschl?pft ist, f?ttern sie es alle halbe Stunde mit einem Eimer voll Schnaps und H?hnerblut. Und da, schaut, wie man die Drachen an den Eiern erkennt ? was ich hier habe, ist ein Norwegischer Stachelbuckel. Sind selten, die Stachelbuckel.? Hagrid sah sehr zufrieden aus; Hermine allerdings nicht. ?Hagrid, du lebst in einer Holzh?tte?, sagte sie. Doch er h?rte sie nicht. Vergn?gt summend stocherte er im Feuer herum. Nun gab es also noch etwas, um das sie sich Sorgen machen mussten: Was sollte mit Hagrid geschehen, wenn jemand herausfand, dass er einen gesetzlich verbotenen Drachen in seiner H?tte versteckte? ?Frag mich, wie es ist, wenn man ein geruhsames Leben f?hrt?, seufzte Ron, als sie sich Abend f?r Abend durch all die zus?tzlichen Hausaufgaben qu?lten. Hermine hatte inzwischen begonnen, auch f?r Harry und Ron Stundenpl?ne f?r die Wiederholungen auszuarbeiten. Das machte die beiden fuchsteufelswild. Eines Tages dann, sie waren gerade beim Fr?hst?ck, brachte Hedwig wieder einen Zettel von Hagrid. Er hatte nur zwei Worte geschrieben: Er schl?pft. Ron wollte Kr?uterkunde schw?nzen und schnurstracks hinunter zur H?tte gehen, doch Hermine mochte nichts davon h?ren. ?Hermine, wie oft im Leben sehen wir noch einen Drachen schl?pfen?? ?Wir haben Unterricht, das gibt nur ?rger, und das ist nichts im Vergleich zu dem, was Hagrid erwartet, wenn jemand herausfindet, was er da treibt ?? ?Sei still!?, fl?sterte Harry. Nur ein paar Meter entfernt war Malfoy wie angewurzelt stehen geblieben, um zu lauschen. Wie viel hatte er geh?rt? Malfoys Gesichtsausdruck gefiel Harry ?berhaupt nicht. Ron und Hermine stritten sich auf dem ganzen Weg zur Kr?uterkunde, und schlie?lich lie? sich Hermine breitschlagen, w?hrend der gro?en Pause zu Hagrid zu laufen. Als am Ende der Stunde die Schlossglocke l?utete, warfen die drei sofort ihre Kellen hin und rannten ?ber das Schlossgel?nde zum Waldrand. Hagrid begr??te sie mit vor Aufregung rotem Gesicht. ?Es ist schon fast raus.? Er schob sie hinein. Das Ei lag auf dem Tisch. Es hatte tiefe Risse. Etwas in seinem Innern bewegte sich; ein merkw?rdiges Knacken war zu h?ren.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 154 von 154 Sie stellten ihre St?hle um den Tisch herum und sahen mit angehaltenem Atem zu. Mit einem pl?tzlichen lauten Kratzen riss das Ei auf. Das Drachenbaby plumpste auf den Tisch. Es war nicht gerade h?bsch; Harry kam es vor wie ein verschrumpelter schwarzer Schirm. Seine knochigen Fl?gel waren riesig im Vergleich zu seinem d?nnh?utigen rabenschwarzen K?rper, es hatte eine lange Schnauze mit weit ge?ffneten N?stern, kleine Hornstummel und hervorquellende orangerote Augen. Es nieste. Aus seiner Schnauze flogen ein paar Funken. ?Ist es nicht sch?n??, murmelte Hagrid. Er streckte die Hand aus, um den Kopf des Drachenbabys zu streicheln. Es schnappte nach seinen Fingern und zeigte dabei seine spitzen Fangz?hne. ?Du meine G?te, es kennt seine Mammi!? ?Hagrid?, sagte Hermine, ?wie schnell wachsen eigentlich Norwegische Stachelbuckel?? Hagrid wollte gerade antworten, als mit einem Mal die Farbe aus seinem Gesicht wich ? er sprang auf und rannte ans Fenster. ?Was ist los?? ?Jemand hat durch den Spalt in den Vorh?ngen reingeschaut, ein Junge, er rennt zur?ck zur Schule.? Harry sprang zur T?r und sah hinaus. Selbst auf diese Entfernung gab es keinen Zweifel, wer es war. Malfoy hatte den Drachen gesehen. Etwas an dem L?cheln, das die ganze n?chste Woche ?ber auf Malfoys Gesicht h?ngen blieb, machte Harry, Ron und Hermine sehr nerv?s. Ihre freie Zeit verbrachten sie gr??tenteils in Hagrids abgedunkelter H?tte, wo sie versuchten ihm Vernunft beizubringen. ?Lass ihn einfach laufen?, dr?ngte Harry. ?Lass ihn frei.? ?Ich kann nicht?, sagte Hagrid. ?Er ist zu klein. Er w?rde sterben.? Sie sahen den Drachen an. In nur einer Woche war er um das Dreifache gewachsen. Aus seinen N?stern schwebten kleine Rauchkringel hervor. Hagrid vernachl?ssigte schon seine Pflichten als Wildh?ter, denn der Drache nahm ihn st?ndig in Anspruch. Auf dem Boden verstreut lagen H?hnerfedern und leere Schnapsflaschen. ?Ich will ihn Norbert nennen?, sagte Hagrid und blickte den Drachen mit feuchten Augen an. ?Er kennt mich jetzt ganz gut, seht mal her. Norbert! Norbert! Wo ist die Mammi?? ?Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank?, murmelte Ron in Harrys Ohr. ?Hagrid?, sagte Harry laut, ?gib Norbert noch zwei Wochen und er ist so lang wie dein Haus. Malfoy k?nnte jeden Augenblick zu Dumbledore gehen.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 155 von 155 Hagrid biss sich auf die Unterlippe. ?Ich ? ich wei?, ich kann ihn nicht ewig behalten, aber ich kann ihn auch nicht einfach aussetzen, das kann ich einfach nicht.? Harry wandte sich j?h zu Ron um. ?Charlie?, sagte er. ?Du hast sie auch nicht mehr alle?, sagte Ron. ?Ich bin Ron, wei?t du noch?? ?Nein, Charlie, dein Bruder Charlie. In Rum?nien. Der Drachenforscher. Wir k?nnten ihm Norbert schicken. Charlie kann sich um ihn k?mmern und ihn dann in die Wildnis aussetzen!? ?Einfach genial!?, sagte Ron. ?Wie w?r?s damit, Hagrid?? Und am Ende war Hagrid einverstanden, Charlie eine Eule zu schicken und ihn zu fragen. Die n?chste Woche schleppte sich z?h dahin. Mittwochabend, nachdem die andern zu Bett gegangen waren, sa?en Hermine und Harry noch lange im Gemeinschaftszimmer. Die Wanduhr hatte gerade Mitternacht geschlagen, als das Portr?t zur Seite sprang. Ron lie? Harrys Tarnumhang fallen und erschien aus dem Nichts. Er war unten in Hagrids H?tte gewesen und hatte ihm geholfen, Norbert zu f?ttern, der inzwischen k?rbeweise tote Ratten verschlang. ?Er hat mich gebissen!?, sagte er und zeigte ihnen seine Hand, die mit einem blutigen Taschentuch umwickelt war. ?Ich werd eine ganze Woche lang keine Feder mehr halten k?nnen. Ich sag euch, dieser Drache ist das f?rchterlichste Tier, das ich je gesehen hab, aber so wie Hagrid es bet?ttelt, k?nnte man meinen, es sei ein niedliches, kleines Schmuseh?schen. Nachdem er mich gebissen hat, hat Hagrid mir auch noch vorgeworfen, ich h?tte dem Kleinen Angst gemacht. Und als ich zur T?r raus bin, hat er ihm gerade ein Schlaflied gesungen.? Am dunklen Fenster kratzte etwas. ?Es ist Hedwig!?, sagte Harry und lief rasch hin?ber, um sie einzulassen. ?Sie hat bestimmt Charlies Antwort!? Mit zusammengesteckten K?pfen lasen sie den Brief. Lieber Ron, wie geht es dir? Danke f?r den Brief ? den Norwegischen Stachelbuckel w?rde ich gerne nehmen, aber es wird nicht leicht sein, ihn hierher zu bringen. Ich glaube, das Beste ist, ihn ein paar Freunden von mir mitzugeben, die mich n?chste Woche besuchen kommen. Das Problem ist, dass sie nicht dabei gesehen werden d?rfen, wenn sie einen gesetzlich verbotenen Drachen mitnehmen. K?nntest du den Stachelbuckel am Samstag um Mitternacht auf den h?chsten Turm setzen? Sie k?nnen dich dort treffen und ihn mitnehmen, w?hrend es noch dunkel ist. Schick mir deine Antwort so bald wie m?glich. Herzlichst

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 156 von 156 Charlie Sie sahen einander an. ?Wir haben den Tarnumhang?, sagte Harry. ?Das wird nicht so schwierig sein ? ich glaube, er ist gro? genug, um zwei von uns und Norbert zu verstecken.? Dass die anderen beiden ihm zustimmten, war ein Zeichen daf?r, wie mitgenommen sie von der vergangenen Woche waren. Sie w?rden alles tun, um Norbert loszuwerden ? und Malfoy dazu. Einen Haken gab es freilich. Am n?chsten Morgen war Rons verletzte Hand auf die doppelte Gr??e angeschwollen. Er wusste nicht, ob es ratsam war, zu Madam Pomfrey zu gehen ? w?rde sie einen Drachenbiss erkennen? Es wurde Nachmittag und nun hatte er keine andere Wahl mehr. Der Biss hatte eine h?ssliche gr?ne F?rbung angenommen. Es sah so aus, als ob Norberts Rei?z?hne giftig waren. Am Abend rannten Harry und Hermine in den Krankenfl?gel, wo sie Ron in f?rchterlichem Zustand im Bett vorfanden. ?Es ist nicht nur meine Hand?, fl?sterte er, ?auch wenn die sich anf?hlt, als ob sie gleich abfallen w?rde. Malfoy hat Madam Pomfrey gesagt, er wolle sich eines meiner B?cher borgen, und so konnte er reinkommen und mich in aller Ruhe auslachen. Er hat gedroht, ihr zu sagen, was mich wirklich gebissen hat ? ich hab ihr gesagt, es sei ein Hund gewesen, aber ich glaube nicht, dass sie mir glaubt ? ich h?tte ihn beim Quidditch-Spiel nicht verpr?geln sollen, deshalb macht er das.? Harry und Hermine versuchten Ron zu beruhigen. ?Bis Samstag um Mitternacht ist alles vobei?, sagte Hermine, doch das bes?nftigte Ron ?berhaupt nicht. Im Gegenteil, mit einem Mal sa? er kerzengerade im Bett und brach in Schwei? aus. ?Samstag um Mitternacht!?, sagte er mit heiserer Stimme. ?O nein, o nein, mir f?llt gerade ein, Charlies Brief war in dem Buch, das Malfoy mitgenommen hat, er wei?, dass wir uns Norbert vom Hals schaffen wollen.? Harry und Hermine konnten darauf nichts mehr entgegnen. Gerade in diesem Moment kam Madam Pomfrey ins Zimmer und bat sie zu gehen, denn Ron brauche etwas Schlaf. ?Es ist zu sp?t, um den Plan jetzt noch zu ?ndern?, sagte Harry zu Hermine. ?Das wird wohl die einzige Chance sein, Norbert loszuwerden, und wir haben jetzt nicht die Zeit, um Charlie noch eine Eule zu schicken. Wir m?ssen es riskieren. Und wir haben schlie?lich den Tarnumhang, von dem wei? Malfoy nichts.? Sie gingen zu Hagrid, um ihm ihren Plan zu erz?hlen, und fanden Fang, den Saur?den, mit verbundenem Schwanz vor der H?tte sitzen. Hagrid ?ffnete ein Fenster, um mit ihnen zu sprechen. ?Ich kann euch jetzt nicht reinlassen?, schnaufte er, ?Norbert ist in einer schwierigen Phase, aber damit werd ich schon fertig.? Sie erz?hlten ihm von Charlies Brief, und seine Augen f?llten sich mit Tr?nen, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil Norbert ihn gerade ins Bein gebissen hatte.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 157 von 157 ?Aaah! Schon gut, er hat nur meinen Stiefel ? spielt nur ? schlie?lich ist er noch ein Baby.? Das Baby knallte mit dem Schwanz gegen die Wand und lie? die Fenster klirren. Harry und Hermine gingen zum Schloss zur?ck mit dem Gef?hl, der Samstag k?nne gar nicht schnell genug kommen. F?r Hagrid wurde es allm?hlich Zeit, sich von Norbert zu verabschieden, und er h?tte ihnen leidgetan, wenn sie nicht so aufgeregt ?berlegt h?tten, wie sie am besten vorgehen sollten. Es war eine sehr dunkle, wolkige Nacht, und als sie bei Hagrid ankamen, war es schon ein bisschen sp?t. Sie hatten in der Eingangshalle warten m?ssen, bis Peeves, der Tennis gegen die Wand spielte, den Weg frei machte. Hagrid hatte Norbert schon in einen gro?en Korb gepackt. ?Er hat ?ne Menge Ratten und ein wenig Schnaps f?r die Reise?, sagte er mit dumpfer Stimme. ?Und ich hab seinen Teddyb?ren eingepackt, falls er sich einsam f?hlt.? Aus dem Korb drang ein schauriges Ger?usch, und Harry kam es vor, als ob dem Teddyb?ren gerade der Kopf abgerissen w?rde. ?Mach?s gut, Norbert?, schluchzte Hagrid, als Harry und Hermine den Korb mit dem Tarnumhang bedeckten und dann selbst darunterschl?pften. ?Mammi wird dich nie vergessen!? Wie sie es schafften, den Korb zum Schloss hochzubringen, wussten sie selbst nicht. Mitternacht r?ckte tickend n?her, w?hrend sie Norbert die Marmorstufen zur Eingangshalle emporhievten und die dunklen Korridore entlangschleppten. Noch eine Treppe hoch und noch eine ? selbst eine von Harrys Abk?rzungen machte die Arbeit nicht viel leichter. ?Gleich da?, keuchte Harry, als sie den Gang zum h?chsten Turm erreicht hatten. Vor ihnen bewegte sich etwas und vor Schreck lie?en sie beinahe den Korb fallen. Dass sie unsichtbar waren, hatten sie ganz vergessen, und so verdr?ckten sie sich in die Schatten und starrten auf die dunklen Umrisse zweier Gestalten, die drei Meter entfernt miteinander rangen. Eine Lampe flammte auf. Professor McGonagall, ein Haarnetz ?ber dem Kopf und in einen Morgenmantel mit Schottenmuster geh?llt, hielt Malfoy am Ohr gepackt. ?Strafarbeit!?, rief sie. ?Und zwanzig Punkte Abzug f?r Slytherin! Mitten in der Nacht umherschleichen, wie k?nnen Sie es wagen ?? ?Sie verstehen nicht, Professor, Harry Potter ist auf dem Weg ? er hat einen Drachen!? ?Was f?r ein ausgemachter Unsinn! Woher nehmen Sie die Stirn, mir solche L?gen zu erz?hlen! Kommen Sie, ich werde mit Professor Snape ?ber Sie sprechen, Malfoy!? Die steile Wendeltreppe zur Spitze des Turms schien danach die leichteste ?bung der Welt. Erst als sie in die kalte Nachtluft hinausgetreten waren, warfen sie den Mantel ab, froh, endlich wieder frei atmen zu k?nnen. Hermine legte einen kleinen Stepptanz hin.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 158 von 158 ?Malfoy bekommt eine Strafarbeit! Ich k?nnte singen vor Freude!? ?Tu?s lieber nicht?, riet ihr Harry. Beim Warten machten sie sich ?ber Malfoy lustig, w?hrend Norbert in seinem Korb tobte. Zehn Minuten vergingen und dann kamen vier Besen aus der Dunkelheit herabgeschwebt. Charlies Freunde waren ein lustiges V?lkchen. Sie zeigten Harry und Hermine das Geschirr, das sie f?r Norbert zusammengebastelt hatten, so dass sie ihn zwischen sich aufh?ngen konnten. Alle zusammen halfen, Norbert sicher darin unterzubringen, dann sch?ttelten Harry und Hermine den andern die H?nde und dankten ihnen herzlich. Endlich war Norbert auf dem Weg ? fort ? fort ? verschwunden. Sie schlichen die Wendeltreppe wieder hinab, nun, da Norbert fort war, mit Herzen so leicht wie ihre H?nde. Kein Drache mehr, Malfoy bekam eine Strafarbeit, was konnte ihr Gl?ck jetzt noch st?ren? Die Antwort darauf wartete am Fu? der Treppe. Als sie in den Korridor traten, erschien aus der Dunkelheit pl?tzlich das Gesicht von Filch. ?Sch?n, sch?n, sch?n?, fl?sterte er. ?Jetzt haben wir wirklich ein Problem.? Oben auf dem Turm lag der Tarnumhang. Der verbotene Wald Es h?tte nicht schlimmer kommen k?nnen. Filch brachte sie hinunter ins Erdgeschoss ins Studierzimmer von Professor McGonagall, und da sa?en sie und warteten, ohne ein Wort miteinander zu reden. Hermine zitterte. Ausreden, Alibis und haneb?chene Vertuschungsgeschichten schossen Harry durch den Kopf, die eine kl?glicher als die andere. Diesmal konnte er sich nicht vorstellen, wie sie sich aus diesem Schlamassel herauswinden sollten. Sie sa?en in der Falle. Wie konnten sie nur so dumm sein und den Umhang vergessen? Professor McGonagall w?rde aus keinem Grund der Welt guthei?en, dass sie nicht im Bett lagen und in tiefster Nacht in der Schule umherschlichen, geschweige denn, dass sie auf dem h?chsten Turm waren, der, au?er im Astronomie-Unterricht, f?r sie verboten war. Wenn sie dann noch von Norbert und dem Tarnumhang erfahren hatte, konnten sie genauso gut schon ihre Koffer packen. Hatte Harry geglaubt, noch schlimmer k?nne es nicht kommen? Welch ein Irrtum. Als Professor McGonagall auftauchte, hatte sie Neville im Schlepptau. ?Harry!?, platzte Neville los, kaum dass er die beiden erblickt hatte, ?ich hab versucht dich zu finden, weil ich dich warnen wollte, Malfoy hat n?mlich gesagt, du h?ttest einen Dra??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 159 von 159 Harry sch?ttelte heftig den Kopf, um Neville zum Schweigen zu bringen, doch Professor McGonagall hatte ihn gesehen. Sie baute sich vor den dreien auf und sah aus, als k?nne sie besser Feuer spucken als Norbert. ?Das h?tte ich von keinem von Ihnen je geglaubt. Mr Filch sagt, Sie seien auf dem Astronomieturm gewesen. Es ist ein Uhr morgens. Erkl?ren Sie mir das bitte.? Zum ersten Mal fand Hermine keine Antwort auf die Frage eines Lehrers. Sie starrte auf ihre Pantoffeln, stumm wie eine Statue. ?Ich glaube, ich wei? ganz gut, was geschehen ist?, sagte Professor McGonagall. ?Es braucht kein Genie, um das herauszufinden. Sie haben Draco Malfoy irgendeine haarstr?ubende Geschichte ?ber einen Drachen aufgebunden, um ihn aus dem Bett zu locken und in Schwierigkeiten zu bringen. Ich habe ihn bereits erwischt. Ich nehme an, Sie finden es auch noch lustig, dass Longbottom hier etwas aufgeschnappt hat und daran glaubt?? Harry versuchte dem verdutzt und beleidigt dreinblickenden Neville in die Augen zu schauen und ihm stumm zu bedeuten, dass dies nicht stimmte. Der arme, tollpatschige Neville ? Harry wusste, was es ihn gekostet haben musste, sie im Dunkeln zu suchen, um sie zu warnen. ?Ich bin sehr entt?uscht?, sagte Professor McGonagall. ?Vier Sch?ler aus dem Bett in einer Nacht! Das ist mir noch nie untergekommen. Miss Granger, wenigstens Sie h?tte ich f?r vern?nftiger gehalten. Was Sie angeht, Mr Potter, so h?tte ich gedacht, Gryffindor bedeutete Ihnen mehr als alles andere. Sie alle werden Strafarbeiten bekommen ? ja, auch Sie, Mr Longbottom, nichts gibt Ihnen das Recht, nachts in der Schule umherzustromern, besonders dieser Tage ist es gef?hrlich ? und f?nfzig Punkte Abzug f?r Gryffindor.? ?F?nfzig?? Harry verschlug es den Atem. Sie w?rden die F?hrung verlieren, die er noch im letzten Quidditch-Spiel erobert hatte. ?F?nfzig Punkte f?r jeden?, schnaubte Professor McGonagall durch ihre lange, spitze Nase. ?Professor ? bitte ?? ?Sie k?nnen doch nicht ?? ?Sagen Sie mir nicht, was ich kann und was nicht, Potter. Gehen Sie jetzt wieder zu Bett, Sie alle. Ich habe mich noch nie derma?en f?r Sch?ler von Gryffindor gesch?mt.? Einhundertf?nfzig Punkte verloren. Damit lag Gryffindor auf dem letzten Platz. In einer Nacht hatten sie alle Chancen auf den Hauspokal zunichtegemacht. Harry hatte das Gef?hl, als h?tte sich ein riesiges Loch in seinem Magen aufgetan. Wie konnten sie das jemals wiedergutmachen? Harry tat die ganze Nacht kein Auge zu. Stundenlang, so kam es ihm vor, h?rte er Neville in sein Kissen schluchzen. Ihm fiel nichts ein, womit er ihn h?tte tr?sten k?nnen. Er wusste, dass Neville, wie ihm selbst, angst und bange war vor dem

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 160 von 160 Morgen. Was w?rde geschehen, wenn die anderen aus ihrem Haus erfuhren, was sie getan hatten? Als die Gryffindors am n?chsten Morgen an den riesigen Stundengl?sern vorbeigingen, welche die Hauspunkte anzeigten, dachten sie zun?chst, es m?sse ein Irrtum passiert sein. Wie konnten sie pl?tzlich hundertf?nfzig Punkte weniger haben als gestern? Und dann verbreitete sich allm?hlich die Geschichte: Harry Potter, der ber?hmte Harry Potter, ihr Held aus zwei Quidditch-Spielen, hatte ihnen das eingebrockt, er und ein paar andere dumme Erstkl?ssler. Harry, bisher einer der beliebtesten und angesehensten Sch?ler, war nun der meistgehasste. Selbst Ravenclaws und Hufflepuffs wandten sich gegen ihn, denn alle hatten sich darauf gefreut, dass Slytherin den Hauspokal diesmal nicht erringen w?rde. ?berall, wo Harry auftauchte, deuteten die Sch?ler auf ihn und machten sich nicht einmal die M?he, ihre Stimmen zu senken, wenn sie ihn beleidigten. Die Slytherins dagegen klatschten in die H?nde, wenn er vorbeiging, sie pfiffen und johlten: ?Danke, Potter, wir schulden dir noch was!? Nur Ron hielt zu ihm. ?In ein paar Wochen haben sie es alle vergessen. Fred und George haben w?hrend ihrer ganzen Zeit hier ?ne Unmenge Punkte verloren, aber die Leute m?gen sie trotzdem noch.? ?Sie haben nie hundertf?nfzig Punkte auf einmal verloren, oder??, sagte Harry niedergeschlagen. ?Nun ? nein?, gab Ron zu. Es war ein wenig zu sp?t, um den Schaden wiedergutzumachen, doch Harry schwor sich, von nun an w?rde er sich nie mehr in Dinge einmischen, die ihn nichts angingen. Vom Herumstromern und Spionieren hatte er die Nase voll. Er sch?mte sich so sehr, dass er zu Wood ging und ihm seinen R?cktritt aus der Mannschaft anbot. ?R?cktritt??, donnerte Wood. ?Wozu soll das gut sein? Wie sollen wir denn jemals wieder Punkte gutmachen, wenn wir nicht mehr beim Quidditch gewinnen k?nnen?? Doch selbst Quidditch machte keinen Spa? mehr. Die anderen Spieler wollten beim Training nicht mit Harry sprechen, und wenn sie ?ber ihn reden mussten, nannten sie ihn ?den Sucher?. Auch Hermine und Neville ging es nicht gut. Nicht so schlecht wie Harry zwar, weil sie nicht so bekannt waren, doch auch mit ihnen wollte keiner mehr sprechen. Im Unterricht mochte Hermine nicht mehr auf sich aufmerksam machen, sie lie? den Kopf h?ngen und arbeitete still vor sich hin. Harry war beinahe froh, dass die Pr?fungen vor der T?r standen. Die ganzen Wiederholungen, die n?tig waren, lenkten ihn von seinem Elend ab. Er, Ron und Hermine blieben unter sich und m?hten sich bis sp?t in den Abend, sich die Zutaten komplizierter Gebr?ue in Erinnerung zu rufen, sich Zauberspr?che und

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 161 von 161 Zauberbanne einzupr?gen und die Jahreszahlen gro?er Entdeckungen in der Zauberei und von Koboldaufst?nden auswendig zu lernen ? Dann, etwa eine Woche bevor die Pr?fungen beginnen sollten, wurde Harrys j?ngster Entschluss, seine Nase nicht in Dinge zu stecken, die ihn nichts angingen, unerwartet auf die Probe gestellt. Eines Nachmittags, auf dem R?ckweg von der Bibliothek, h?rte er in einem der Klassenzimmer vor ihm jemanden wimmern. Er ging weiter und h?rte Quirrells Stimme. ?Nein ? nein ? nicht schon wieder, bitte ?? Es klang, als w?rde ihm jemand drohen. Harry trat sachte n?her. ?Gut ? schon gut ??, h?rte er Quirrell schluchzen. Im n?chsten Moment kam Quirrell, seinen Turban richtend, aus dem Klassenzimmer gest?rzt. Er war blass und sah aus, als w?rde er gleich in Tr?nen ausbrechen. Raschen Schrittes verschwand er; Harry hatte nicht das Gef?hl, dass er ihn bemerkt hatte. Er wartete, bis Quirrells Schritte verklungen waren, und sp?hte dann in das Klassenzimmer. Es war leer, doch am andern Ende war eine T?r weit ge?ffnet. Harry war schon auf halbem Wege dorthin, als ihm einfiel, dass er sich vorgenommen hatte, sich nicht mehr in fremde Angelegenheiten zu mischen. Dennoch: Zw?lf Steine der Weisen h?tte er gewettet, dass es Snape war, der soeben das Zimmer verlassen hatte, und nach dem zu schlie?en, was Harry mitgeh?rt hatte, gewiss mit federnden Schritten. Quirrell schien nun doch nachgegeben zu haben. Harry ging zur?ck in die Bibliothek, wo Hermine Ron in Astronomie abfragte. Harry berichtete ihnen, was er geh?rt hatte. ?Snape hat es also geschafft!?, sagte Ron. ?Wenn Quirrell ihm gesagt hat, wie er seinen Schutzzauber gegen die schwarze Magie brechen kann ?? ?Da ist allerdings immer noch Fluffy?, sagte Hermine. ?Vielleicht hat Snape herausgefunden, wie er an ihm vorbeikommt, ohne Hagrid zu fragen?, sagte Ron und lie? den Blick ?ber die Unmenge von B?chern gleiten, die sie umgaben. ?Ich wette, irgendwo hier drin gibt es ein Buch, das erkl?rt, wie man an einem riesigen dreik?pfigen Hund vorbeikommt. Also, was sollen wir tun, Harry?? In Rons Augen erschien wieder das Funkeln kommender Abenteuer, doch Hermine antwortete, noch bevor Harry den Mund aufmachen konnte. ?Zu Dumbledore gehen. Das h?tten wir schon vor Ewigkeiten tun m?ssen. Wenn wir selbst irgendwas unternehmen, werden wir am Ende sicher noch rausgeworfen.? ?Aber wir haben keinen Beweis!?, sagte Harry. ?Quirrell hat zu viel Angst, um sich auf unsere Seite zu schlagen. Snape muss nur behaupten, er wisse nicht, wie der Troll an Halloween hereingekommen ist, und sei ?berhaupt nicht im dritten Stock gewesen ? wem glauben sie wohl, uns oder ihm? Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir ihn nicht ausstehen k?nnen, Dumbledore wird denken, wir h?tten die

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 162 von 162 Geschichte erfunden, damit er Snape rauswirft. Filch w?rde uns auch nicht helfen, und wenn es um sein Leben ginge, er ist zu gut mit Snape befreundet, und je mehr Sch?ler rausgeworfen werden, desto besser, wird er denken. Und vergiss nicht, wir sollten eigentlich gar nichts ?ber den Stein oder Fluffy wissen. Da m?ssen wir eine Menge erkl?ren.? Hermine sah ?berzeugt aus, Ron jedoch nicht. ?Und wenn wir nur ein wenig rumst?bern ?? ?Nein?, sagte Harry matt, ?wir haben genug rumgest?bert.? Er entfaltete eine Karte des Jupiters und begann die Namen seiner Monde auswendig zu lernen. Am Morgen darauf beim Fr?hst?ck wurden Harry, Hermine und Neville Briefe zugestellt. Sie lauteten alle gleich: Ihre Strafarbeit beginnt um elf Uhr heute Abend. Sie treffen Mr Filch in der Eingangshalle. Prof. M. McGonagall In der ganzen Aufregung ?ber die verlorenen Punkte hatte Harry ganz vergessen, dass sie noch Strafarbeiten vor sich hatten. Gleich w?rde Hermine klagen, wieder sei eine ganze Nacht f?r die Wiederholungen verloren, doch sie sagte kein Wort. Wie Harry hatte sie das Gef?hl, nichts Besseres verdient zu haben. Um elf Uhr an diesem Abend verabschiedeten sie sich im Gemeinschaftsraum von Ron und gingen mit Neville hinunter in die Eingangshalle. Filch wartete schon ? und Malfoy. Harry hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass es auch Malfoy erwischt hatte. ?Folgt mir?, sagte Filch, z?ndete eine Laterne an und f?hrte sie nach drau?en. ?Ich wette, ihr ?berlegt es euch das n?chste Mal, ob ihr noch mal eine Schulvorschrift brecht, he??, sagte er und schielte sie von der Seite her an. ?O ja ? harte Arbeit und Schmerzen sind die besten Lehrmeister, wenn ihr mich fragt ? Jammerschade, dass sie die alten Strafen nicht mehr anwenden ? K?nnt euch ein paar Tage lang in Handschellen legen und von der Decke h?ngen lassen, die Ketten hab ich noch in meinem B?ro, halt sie immer gut eingefettet, falls sie doch noch mal gebraucht werden ? Sch?n, los geht?s, und denkt jetzt blo? nicht ans Weglaufen, dann wird?s nur noch schlimmer f?r euch.? Sie machten sich auf den Weg ?ber das dunkle Schlossgel?nde. Neville schniefte unabl?ssig. Harry fragte sich, worin die Strafe wohl bestehen w?rde. Es musste etwas wirklich Schreckliches sein, sonst w?rde sich Filch nicht so vergn?gt anh?ren. Der Mond war sehr hell, doch die Wolken, die ?ber ihn dahintrieben, tauchten sie immer wieder in Dunkelheit. Vor ihnen konnte Harry die Fenster von Hagrids H?tte erkennen. Dann h?rten sie einen Ruf aus der Ferne.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 163 von 163 ?Bist du das, Filch? Beeil dich, ich will aufbrechen.? Harry wurde leichter ums Herz; wenn sie mit Hagrid arbeiten w?rden, dann konnte es ihnen nicht so schlecht ergehen. Die Erleichterung stand ihm wohl ins Gesicht geschrieben, denn Filch sagte: ?Du glaubst, ihr werdet euch mit diesem Hornochsen einen netten Abend machen? ?berleg?s dir lieber noch mal, Junge ? es geht in den Wald, und es w?rde mich wundern, wenn ihr in einem St?ck wieder rauskommt.? Bei diesen Worten st?hnte Neville leise auf und Malfoy blieb wie angewurzelt stehen. ?In den Wald??, wiederholte er, wobei er nicht mehr so k?hl klang wie sonst. ?Wir k?nnen da nachts nicht reingehen ? da treibt sich allerlei herum ? auch Werw?lfe, hab ich geh?rt.? Neville packte den ?rmel von Harrys Umhang und gab ein ersticktes Ger?usch von sich. ?Das sind sch?ne Aussichten, nicht wahr??, sagte Filch, wobei sich seine Stimme vor Schadenfreude ?berschlug. ?H?ttet an die Werw?lfe denken sollen, bevor ihr euch in Schwierigkeiten gebracht habt.? Hagrid kam ihnen mit langen Schritten aus der Dunkelheit entgegen, mit Fang bei Fu?. Er trug seine gro?e Armbrust und hatte einen K?cher mit Pfeilen ?ber die Schulter geh?ngt. ?Wird allm?hlich Zeit?, sagte er. ?Warte schon ?ne halbe Stunde. Alles in Ordnung, Harry, Hermine?? ?Ich w?r lieber nicht so freundlich zu ihnen, Hagrid?, sagte Filch kalt, ?schlie?lich sind sie hier, um sich ihre Strafe abzuholen.? ?Deshalb bist du zu sp?t dran?, antwortete Hagrid mit einem Stirnrunzeln. ?Hast ihnen ?ne Lektion erteilt, was? Nicht deine Aufgabe, das zu tun. Du hast deine Sache erledigt und ich ?bernehme ab hier.? ?Bei Morgengrauen bin ich zur?ck?, sagte Filch, ?und hol die Reste von ihnen ab?, f?gte er geh?ssig hinzu, drehte sich um und machte sich mit in der Dunkelheit h?pfender Laterne auf den Weg zur?ck zum Schloss. Nun wandte sich Malfoy an Hagrid. ?Ich gehe nicht in diesen Wald?, sagte er und Harry bemerkte mit Genugtuung den Anflug von Panik in seiner Stimme. ?Du musst, wenn du in Hogwarts bleiben willst?, sagte Hagrid grimmig. ?Du hast was ausgefressen und jetzt musst du daf?r bezahlen.? ?Aber das ist Sache der Bediensteten, nicht der Sch?ler. Ich dachte, wir w?rden die Hausordnung abschreiben oder so was. Wenn mein Vater w?sste, was ich hier tue, w?rde er ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 164 von 164 ?? dir sagen, dass es in Hogwarts eben so zugeht?, knurrte Hagrid. ?Die Hausordnung abschreiben! Wem n?tzt das denn? Du tust was N?tzliches oder du fliegst raus. Wenn du glaubst, dein Vater h?tte es lieber, wenn du von der Schule verwiesen wirst, dann geh zur?ck ins Schloss und pack deine Sachen. Los jetzt!? Malfoy r?hrte sich nicht vom Fleck. Voll Zorn sah er Hagrid an, doch dann senkte er den Blick. ?Na also?, sagte Hagrid. ?Nun h?rt mal gut zu, weil es gef?hrlich ist, was wir heute Nacht tun, und ich will nicht, dass einer von euch sich unn?tig in Gefahr bringt. Folgt mir kurz hier r?ber.? Er f?hrte sie dicht an den Rand des Waldes. Mit hochgehaltener Laterne wies er auf einen engen, gewundenen Pfad, der zwischen den dicht stehenden schwarzen B?umen verschwand. Als sie in den Wald hineinsahen, zerzauste ihnen eine leichte Brise die Haare. ?Seht mal her?, sagte Hagrid, ?seht ihr das Zeug, das da auf dem Boden gl?nzt? Silbriges Zeug? Das ist Einhornblut. Irgendwo ist da ein Einhorn, das von irgendetwas schwer verletzt worden ist. Das ist jetzt das zweite Mal in einer Woche. Letzten Mittwoch hab ich ein totes gefunden. Wir versuchen jetzt das arme Tier zu finden. Vielleicht m?ssen wir es auch von seinem Leiden erl?sen.? ?Und was passiert, wenn das andere ? was das Einhorn verletzt hat ? uns zuerst findet??, fragte Malfoy, ohne dass er die Furcht aus der Stimme verbannen konnte. ?In diesem Wald ist nichts, was euch etwas zuleide tut, solange ich und Fang dabei sind?, sagte Hagrid. ?Und bleibt auf?m Weg. Also dann, wir teilen uns in zwei Gruppen und folgen der Spur in verschiedene Richtungen. Hier ist ?berall Blut, das Tier muss sich mindestens seit gestern Nacht herumschleppen.? Malfoy warf einen raschen Blick auf Fangs lange Z?hne. ?Ich will Fang.? ?Na gut, aber ich warn dich, er ist ein Feigling?, sagte Hagrid. ?Also gehen Harry, Hermine und ich in die eine Richtung und Draco, Neville und Fang in die andere. Und wenn einer von uns das Einhorn findet, schicken wir gr?ne Funken aus, klar? Holt eure Zauberst?be hervor und probiert das mal ? sehr gut ? und wenn einer in Gefahr ist, schickt rote Funken aus und wir kommen zu Hilfe ? also, seid vorsichtig ? und nun los.? Der Wald war schwarz und still. Sie legten ein St?ck des Wegs gemeinsam zur?ck und stie?en dann auf eine Gabelung. Harry, Hermine und Hagrid gingen nach links, Malfoy, Neville und Fang nach rechts. Sie gingen schweigend, die Augen auf die Erde gerichtet. Hie und da beleuchtete ein Mondstrahl einen Fleck silbrig blauen Blutes auf den herabgefallenen Bl?ttern. Harry bemerkte, dass Hagrid sehr besorgt aussah. ?K?nnte ein Werwolf die Einh?rner t?ten??, fragte Harry.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 165 von 165 ?Nicht schnell genug?, sagte Hagrid. ?Es ist nicht leicht, ein Einhorn zu fangen, sie sind m?chtige Zaubergesch?pfe. Ich hab noch nie geh?rt, dass eines verletzt wurde.? Sie kamen an einem moosbewachsenen Baumstumpf vorbei. Harry konnte Wasser pl?tschern h?ren, irgendwo in der N?he musste ein Bach sein. An manchen Stellen entlang des gewundenen Pfades war noch Einhornblut. ?Alles in Ordnung mit dir, Hermine??, fl?sterte Hagrid. ?Keine Sorge, es kann nicht weit weg sein, wenn es so schwer verletzt ist, und dann k?nnen wir ? HINTER DEN BAUM!? Hagrid packte Harry und Hermine und schubste sie vom Pfad in die Deckung einer riesigen Eiche. Er zog einen Pfeil aus dem K?cher, spannte ihn auf die Armbrust und hielt sie schussbereit in die H?he. Die drei spitzten die Ohren. Ganz in der N?he raschelte etwas ?ber die toten Bl?tter. Es h?rte sich an wie ein Mantel, der ?ber den Boden schleifte. Hagrid sp?hte den dunklen Pfad hoch, doch nach einer Weile entfernte sich das Ger?usch. ?Ich wusste es?, murmelte er. ?Da ist etwas im Wald, was nicht hierher geh?rt.? ?Ein Werwolf??, fragte Harry. ?Das war kein Werwolf und auch kein Einhorn?, sagte Hagrid grimmig. ?Gut, folgt mir, aber vorsichtig jetzt.? Sie gingen jetzt langsamer, gespannt auf das leiseste Ger?usch achtend. Pl?tzlich, auf einer Lichtung vor ihnen, bewegte sich etwas. ?Wer da??, rief Hagrid. ?Zeig dich ? ich bin bewaffnet!? Und es erschien ? war es ein Mann oder ein Pferd? Bis zur H?fte ein Mann mit rotem Haar und Bart, doch darunter hatte er den gl?nzenden, kastanienbraunen K?rper eines Pferdes mit langem, r?tlichem Schwanz. Harry und Hermine hielten den Atem an. ?Ach, du bist es, Ronan?, sagte Hagrid erleichtert. ?Wie geht?s?? Er trat vor und sch?ttelte die Hand des Zentauren. ?Einen guten Abend dir, Hagrid?, sagte Ronan. Er hatte eine tiefe, melancholische Stimme. ?Wolltest du gerade auf mich schie?en?? ?Man kann nie vorsichtig genug sein, Ronan?, sagte Hagrid und t?tschelte seine Armbrust. ?Was B?ses streift in diesem Wald herum. Das sind ?brigens Harry Potter und Hermine Granger, Sch?ler vom Schloss oben. Und das, ihr beiden, ist Ronan. Er ist ein Zentaur.? ?Das haben wir schon bemerkt?, sagte Hermine matt. ?Guten Abend?, sagte Ronan. ?Sch?ler seid ihr? Und lernt ihr viel da oben in der Schule?? Ȁhm ?? ?Ein wenig?, sagte Hermine sch?chtern.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 166 von 166 ?Ein wenig. Nun, das ist doch schon etwas?, seufzte Ronan. Er warf den Kopf zur?ck und blickte gen Himmel. ?Der Mars ist hell heute Nacht.? ?Ja?, sagte Hagrid und schaute ebenfalls empor. ?H?r mal, ich bin froh, dass wir dich getroffen haben, Ronan, hier ist n?mlich ein Einhorn verletzt worden ? hast du was gesehen?? Ronan antwortete nicht sofort. Unverwandt blickte er gen Himmel, dann seufzte er wieder. ?Die Unschuldigen sind immer die ersten Opfer?, sagte er. ?So ist es seit ewigen Zeiten, so ist es auch heute.? ?Ja?, sagte Hagrid, ?aber hast du irgendwas gesehen, Ronan? Irgendwas Ungew?hnliches?? ?Der Mars ist hell heute Nacht?, wiederholte Ronan unter dem ungeduldigen Blick Hagrids. ?Ungew?hnlich hell.? ?Ja, aber ich meinte etwas Ungew?hnliches mehr in der N?he?, sagte Hagrid. ?Du hast also nichts Seltsames bemerkt?? Doch wieder dauerte es eine Weile, bis Ronan antwortete. Endlich sagte er: ?Der Wald birgt viele Geheimnisse.? Eine Bewegung in den B?umen hinter Ronan lie? Hagrid erneut seine Armbrust heben, doch es war nur ein zweiter Zentaur, mit schwarzem Haar und schwarzem K?rper und wilder aussehend als Ronan. ?Hallo, Bane?, sagte Hagrid. ?Wie geht?s?? ?Guten Abend, Hagrid. Ich hoffe, dir geht?s gut?? ?Gut genug. H?r mal, ich hab gerade Ronan gefragt, hast du in letzter Zeit irgendetwas Merkw?rdiges hier gesehen? Es ist n?mlich ein Einhorn verletzt worden ? wei?t du was dar?ber?? Bane kam n?her und stellte sich neben Ronan. Er blickte gen Himmel. ?Der Mars ist hell heute Nacht?, sagte er nur. ?Das haben wir schon geh?rt?, sagte Hagrid verdrie?lich. ?Nun, wenn einer von euch etwas sieht, lasst es mich wissen, bitte. Wir verschwinden wieder.? Harry und Hermine folgten ihm, ?ber ihre Schultern auf Ronan und Bane starrend, bis die B?ume ihnen die Sicht verdeckten. ?Versuch niemals, niemals, einem Zentauren eine klare Antwort zu entlocken?, sagte Hagrid ver?rgert. ?Vermaledeite Sternengucker. Interessieren sich f?r nichts, was n?her ist als der Mond.? ?Gibt es viele von denen hier im Wald??, fragte Hermine. ?Oh, schon einige ? Bleiben allerdings meist unter sich, aber wenn ich mich ein wenig unterhalten will, tauchen sie schon mal auf. Sind n?mlich tiefe Naturen, diese Zentauren ? sie kennen sich aus ? machen nur nicht viel Aufhebens davon.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 167 von 167 ?Glaubst du, was wir vorhin geh?rt haben, war ein Zentaur??, sagte Harry. ?Hat sich das f?r dich angeh?rt wie Hufe? Nee, wenn du mich fragst, das hat die Einh?rner gejagt ? hab so was noch nie im Leben geh?rt.? Sie gingen weiter durch dichten, dunklen Wald. Harry warf st?ndig nerv?se Blicke ?ber die Schulter. Er hatte das unangenehme Gef?hl, dass sie beobachtet wurden, und war sehr froh, dass sie Hagrid und seine Armbrust dabeihatten. Soeben waren sie um eine Windung gebogen, als Hermine Hagrids Arm packte. ?Hagrid! Sieh mal! Rote Funken, die andern sind in Schwierigkeiten!? ?Ihr beide wartet hier!?, rief Hagrid. ?Bleibt auf dem Weg, ich hol euch dann!? Sie h?rten ihn durch das Unterholz brechen. Voller Angst blieben sie zur?ck und sahen sich an. Schlie?lich h?rten sie nichts mehr au?er dem Rascheln der Bl?tter um sie her. ?Du denkst nicht etwa, dass ihnen etwas zugesto?en ist, oder??, fl?sterte Hermine. ?Das w?r mir bei Malfoy egal, aber wenn Neville ? Es ist n?mlich unsere Schuld, dass er ?berhaupt hier ist.? Die Minuten schleppten sich dahin. Ihre Ohren schienen sch?rfer als normal zu sein. Harry kam es vor, als k?nnte er jeden Seufzer des Windes, jeden knackenden Zweig h?ren. Was war eigentlich los? Wo waren die andern? Endlich k?ndete ein lautes Knacken Hagrids R?ckkehr an. Malfoy, Neville und Fang waren hinter ihm. Hagrid rauchte vor Zorn. Malfoy, so schien es, hatte sich zum Scherz von hinten an Neville herangeschlichen und ihn gepackt. In panischem Schreck hatte Neville die Funken verspr?ht. ?Wir k?nnen von Gl?ck reden, wenn wir jetzt noch irgendwas fangen, bei dem Aufruhr, den ihr veranstaltet habt. Und jetzt bilden wir neue Gruppen ? Neville, du bleibst bei mir und Hermine, Harry, du gehst mit Fang und diesem Idioten. Tut mir leid?, f?gte er zu Harry gewandt fl?sternd hinzu, ?aber dich wird er nicht so schnell erschrecken und wir m?ssen es jetzt schaffen.? Und so machte sich Harry mit Malfoy und Fang ins Herz des Waldes auf. Sie gingen fast eine halbe Stunde lang tiefer und tiefer hinein, bis der Pfad sich fast verlor, so dicht standen die B?ume. Harry hatte den Eindruck, dass das Einhornblut allm?hlich dicker wurde. Auf den Wurzeln eines Baumes waren Spritzer, als ob das arme Tier sich hier in der N?he voll Schmerz herumgew?lzt h?tte. Weiter vorn, durch die verschlungenen ?ste einer alten Eiche hindurch, konnte Harry eine Lichtung erkennen. ?Sieh mal?, murmelte er und streckte den Arm aus, damit Malfoy stehen blieb. Etwas Hellwei?es schimmerte auf dem Boden. Vorsichtig traten sie n?her. Es war das Einhorn und es war tot. Harry hatte nie etwas so Sch?nes und so Trauriges gesehen. Seine langen, schlanken Beine ragten verquer in die Luft und seine perlwei?e M?hne lag ausgebreitet auf den dunklen Bl?ttern.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 168 von 168 Harry trat noch einen Schritt n?her, als ein schleifendes Ger?usch ihn wie angefroren innehalten lie?. Ein Busch am Rande der Lichtung erzitterte ? Dann kam eine vermummte Gestalt aus dem Schatten und kroch ?ber den Boden auf sie zu wie ein staksendes Untier. Harry, Malfoy und Fang standen da wie erstarrt. Die vermummte Gestalt erreichte das Einhorn, senkte den Kopf ?ber die Wunde an der Seite des Tiers und begann sein Blut zu trinken. ?AAAAAAAAAAAARRRH!? Malfoy stie? einen f?rchterlichen Schrei aus und machte sich auf und davon ? mit Fang an seinen Fersen. Die vermummte Gestalt hob den Kopf und sah zu Harry her?ber ? an ihr herunter tropfte Einhornblut. Das Wesen stand auf und kam rasch auf Harry zu ? er war vor Angst wie gel?hmt. Dann durchstie? ein Schmerz seinen Kopf, wie er ihn noch nie versp?rt hatte, es war, als ob seine Narbe Feuer gefangen h?tte ? halb blind stolperte er r?ckw?rts. Hinter sich h?rte er Hufe, Pferdegalopp, und etwas sprang einfach ?ber ihn hinweg und st?rzte sich auf die Gestalt. Der Schmerz in Harrys Kopf war so stark, dass er auf die Knie fiel. Nach ein oder zwei Minuten war er vor?ber. Als er aufsah, war die Gestalt verschwunden. Ein Zentaur stand ?ber ihm, nicht Ronan oder Bane; dieser sah j?nger aus; er hatte wei?blondes Haar und den K?rper eines Palominos. ?Geht es Ihnen gut??, fragte der Zentaur und half Harry auf die Beine. ?Ja ? danke ? was war das?? Der Zentaur antwortete nicht. Er hatte eindrucksvoll blaue Augen, wie blasse Saphire. Er musterte Harry sorgf?ltig, und seine Augen verweilten auf der Narbe, die sich nun bl?ulich von Harrys Stirn abhob. ?Sie sind der junge Potter?, sagte er. ?Besser, Sie gehen zur?ck zu Hagrid. Der Wald ist nicht sicher ? besonders f?r Sie. K?nnen Sie reiten? Dann geht es schneller. Mein Name ist Firenze?, f?gte er hinzu und lie? sich auf die Vorderbeine sinken, damit Harry ihm auf den R?cken klettern konnte. Pl?tzlich h?rte Harry von der anderen Seite der Lichtung noch mehr galoppierende Hufe. Mit wogenden, schwei?nassen Flanken brachen Ronan und Bane durch die B?ume. ?Firenze!?, donnerte Bane, ?was tust du da? Du hast einen Menschen auf dem R?cken! Kennst du keine Scham? Bist du ein gew?hnliches Maultier?? ?Ist dir klar, wer das ist??, entgegnete Firenze. ?Das ist der junge Potter. Je schneller er den Wald verl?sst, desto besser.? ?Was hast du ihm erz?hlt?, brummte Bane. ?Ich muss dich nicht daran erinnern, Firenze, wir haben einen Eid abgelegt, uns nicht gegen den Himmel zu stellen. Haben wir nicht in den Bewegungen der Planeten gelesen, was kommen wird?? Ronan scharrte nerv?s mit den Hufen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 169 von 169 ?Ich bin sicher, Firenze hat nur das Beste im Sinn gehabt?, sagte er in seiner d?steren Stimme. Bane schlug w?tend mit den Hinterbeinen aus. ?Das Beste! Was hat das mit uns zu tun? Zentauren k?mmern sich um das, was in den Sternen steht! Es ist nicht unsere Aufgabe, wie Esel herumstreunenden Menschen nachzulaufen!? Firenze stellte sich pl?tzlich zornig auf die Hinterbeine, so dass Harry sich an seinen Schultern festklammern musste, um nicht abzurutschen. ?Siehst du nicht dieses Einhorn??, br?llte Firenze Bane an. ?Verstehst du nicht, warum es get?tet wurde? Oder haben die Planeten dir dieses Geheimnis nicht verraten? Ich stelle mich gegen das, was in diesem Wald lauert, ja, Bane, mit Menschen an meiner Seite, wenn es sein muss.? Und Firenze wirbelte herum; Harry klammerte sich an ihn, so gut er konnte, und sie st?rzten sich zwischen die B?ume, Ronan und Bane hinter sich lassend. Harry hatte keine Ahnung, was da vor sich ging. ?Warum ist Bane so w?tend??, fragte er. ?Was war eigentlich dieses Wesen, vor dem du mich gerettet hast?? Firenze ging nun im Schritt und ermahnte Harry, wegen der tiefen ?ste den Kopf gesenkt zu halten, doch er antwortete nicht auf seine Fragen. Ohne ein Wort zu sagen, schlugen sie sich durch die B?ume, so lange schweigend, dass Harry dachte, Firenze wolle nicht mehr mit ihm sprechen. Sie drangen nun jedoch durch ein besonders dichtes St?ck Wald und Firenze hielt pl?tzlich inne. ?Harry Potter, wissen Sie, wozu Einhornblut gebraucht wird?? ?Nein?, sagte Harry, verdutzt ?ber die seltsame Frage. ?Wir haben f?r Zaubertr?nke nur das Horn und die Schweifhaare benutzt.? ?Das ist so, weil es etwas Grauenhaftes ist, ein Einhorn abzuschlachten?, sagte Firenze. ?Nur jemand, der nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat, k?nnte ein solches Verbrechen begehen. Das Blut eines Einhorns wird ihn am Leben halten, selbst wenn er nur eine Handbreit vom Tod entfernt ist ? doch zu einem schrecklichen Preis. Er hat etwas Reines und Schutzloses gemeuchelt, um sich selbst zu retten, aber nun hat er nur noch ein halbes Leben, ein verfluchtes, von dem Augenblick an, da das Blut seine Lippen ber?hrt.? Harry blickte starr auf Firenzes Hinterkopf, der im Mondlicht silbern gesprenkelt war. ?Aber wer k?nnte so verzweifelt sein??, fragte er sich laut. ?Wenn man f?r immer verflucht ist, dann ist der Tod doch besser, oder?? ?Das ist wahr?, stimmte Firenze zu, ?au?er wenn man nur lange genug leben muss, um noch etwas anderes zu trinken ? etwas, das einem alle St?rke und Macht zur?ckbringt ? etwas, das bewirkt, dass man nie sterben wird. Mr Potter, wissen Sie, was in diesem Augenblick in der Schule versteckt ist??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 170 von 170 ?Der Stein der Weisen! Nat?rlich ? das Lebenselixier! Aber ich verstehe nicht, wer ?? ?K?nnen Sie sich niemanden denken, der seit Jahren darauf wartet, an die Macht zur?ckzukehren, der sich ans Leben klammert und auf seine Chance lauert?? Es war, als h?tte sich pl?tzlich eine eiserne Faust um Harrys Herz geschlossen. ?ber dem Rascheln der B?ume schien er noch einmal zu h?ren, was Hagrid gesagt hatte in jener Nacht, da sie sich kennen gelernt hatten: ?Manche sagen, er sei gestorben. Stuss, wenn du mich fragst. Wei? nicht, ob er noch genug Menschliches in sich hatte, um sterben zu k?nnen.? ?Meinen Sie?, sagte Harry mit kr?chzender Stimme, ?das war Vol?? ?Harry! Harry, geht?s dir gut?? Hermine rannte den Pfad entlang auf sie zu, Hagrid keuchte hinter ihr her. ?Mir geht?s gut?, sagte Harry, ohne recht zu wissen, was er sagte. ?Das Einhorn ist tot, Hagrid, es liegt dort hinten auf der Lichtung.? ?Ich werde Sie nun verlassen?, murmelte Firenze, als Hagrid davoneilte, um das Einhorn zu untersuchen. ?Sie sind jetzt sicher.? Harry glitt von seinem R?cken herunter. ?Viel Gl?ck, Harry Potter?, sagte Firenze. ?Die Planeten wurden schon einige Male falsch gedeutet, selbst von Zentauren. Ich hoffe, diesmal ist es genauso.? Er wandte sich um und verschwand in leichtem Galopp in den Tiefen des Waldes, einen zitternden Harry hinter sich zur?cklassend. Ron, der auf ihre R?ckkehr hatte warten wollen, war im Gemeinschaftsraum eingenickt. W?hrend Harry ihn unsanft wachr?ttelte, rief er etwas ?ber Quidditch-Fouls. Nach wenigen Augenblicken freilich war er hellwach, als Harry ihm und Hermine zu erz?hlen begann, was im Wald geschehen war. Harry konnte nicht ruhig sitzen. Er schritt vor dem Feuer auf und ab. Noch immer zitterte er. ?Snape will den Stein f?r Voldemort ? und Voldemort wartet drau?en im Wald ? und die ganze Zeit ?ber haben wir geglaubt, Snape wolle nur reich werden ?? ?H?r auf, den Namen zu nennen!?, sagte Ron in einem angstdurchtr?nkten Fl?stern, als glaubte er, Voldemort k?nnte sie belauschen. Harry h?rte ihn nicht. ?Firenze hat mich gerettet, aber er h?tte es eigentlich nicht tun d?rfen ? Bane war w?tend deswegen ? er hat etwas gesagt von Einmischung in die Offenbarung der Planeten ? Sie m?ssen wohl zeigen, dass Voldemort zur?ckkommt ? Bane denkt, Firenze h?tte Voldemort nicht daran hindern d?rfen, mich zu t?ten ? Ich glaube, das steht auch in den Sternen.? ?H?rst du endlich auf, diesen Namen zu nennen!?, zischte Ron.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 171 von 171 ?Wir m?ssen also nur darauf warten, dass Snape den Stein stiehlt?, fuhr Harry in fieberhafter Aufregung fort, ?dann kann Voldemort kommen und mich erledigen ? Nun, ich denke, Bane w?rde gl?cklich dar?ber sein.? Hermine sah ver?ngstigt aus, doch sie hatte ein Wort des Trosts. ?Harry, alle sagen, Dumbledore sei der Einzige, vor dem Du-wei?t-schon-wer je Angst hatte. Mit Dumbledore in der N?he wird dich Du-wei?t-schon-wer nicht anr?hren. Und au?erdem, wer sagt eigentlich, dass die Zentauren Recht haben? Das klingt f?r mich wie Wahrsagerei, und Professor McGonagall sagt, das sei ein sehr ungenauer Ableger der Zauberei.? Der Himmel war schon hell, als ihr Gespr?ch verstummte. Ersch?pft gingen sie zu Bett, der Hals tat ihnen weh. Doch die ?berraschungen der Nacht waren noch nicht vorbei. Als Harry seine Bettdecke zur?ckzog, fand er darunter, fein s?uberlich zusammengefaltet, seinen Tarnumhang. Ein Zettel war daran gepinnt: Nur f?r den Fall ? Durch die Fallt?r Auch in den folgenden Jahren blieb es f?r Harry immer ein R?tsel, wie er es geschafft hatte, die Jahresabschlusspr?fungen zu ?berstehen, wo er doch jeden Moment damit rechnete, Voldemort k?nne hereinplatzen. Doch die Tage flossen z?h dahin und hinter der verschlossenen T?r war Fluffy zweifellos noch immer putzmunter. Es war schw?lhei?, besonders in den gro?en Klassenzimmern, wo sie ihre Arbeiten schrieben. F?r die Pr?fungen hatten sie neue, ganz besondere Federn bekommen, die mit einem Zauberspruch gegen Schummeln behext waren. Sie hatten auch praktische Pr?fungen. Professor Flitwick rief sie nacheinander in sein Klassenzimmer und lie? sich zeigen, ob sie eine Ananas ?ber einen Schreibtisch Stepp tanzen lassen konnten. Bei Professor McGonagall mussten sie eine Maus in eine Schnupftabaksdose verwandeln ? Punkte gab es, wenn es eine sch?ne Dose wurde, Punktabzug, wenn sie einen Schnurrbart hatte. Snape machte sie alle nerv?s; sie sp?rten seinen Atem im Nacken, w?hrend sie verzweifelt versuchten, sich an die Zutaten f?r den Vergesslichkeitstrank zu erinnern. Harry strengte sich an, so gut er konnte, und versuchte den stechenden Schmerz in seiner Stirn zu vergessen, der ihn seit seinem Ausflug in den Wald nicht mehr loslie?. Neville meinte, Harry litte unter besonders schlimmer Pr?fungsangst, weil er nicht schlafen konnte, doch in Wahrheit hielt ihn jener altbekannte Alptraum wach, nur war er jetzt noch schrecklicher, weil darin eine vermummte, blutverschmierte Gestalt auftauchte. Ron und Hermine dagegen schienen sich nicht so viele Gedanken um den Stein zu machen, vielleicht, weil sie nicht gesehen hatten, was Harry gesehen hatte, oder

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 172 von 172 weil ihnen keine Narbe auf der Stirn brannte. Der Gedanke an Voldemort machte ihnen gewiss Angst, doch er besuchte sie ja nicht unabl?ssig in ihren Tr?umen, und sie waren mit ihrem Wiederholungsstoff so besch?ftigt, dass sie keine Zeit hatten, sich den Kopf dar?ber zu zerbrechen, was Snape oder jemand anderes vorhaben k?nnte. Die allerletzte Pr?fung hatten sie in Geschichte der Zauberei. Eine Stunde lang mussten sie Fragen ?ber schrullige alte Zauberer beantworten, die selbstumr?hrende Kessel erfunden hatten, und dann hatten sie frei, eine ganze herrliche Woche lang, bis es die Zeugnisse gab. Als der Geist von Professor Binns sie anwies, ihre Federkiele aus den H?nden zu legen und ihre Pergamentbl?tter zusammenzurollen, lie? sich auch Harry von den Jubelschreien der anderen mitrei?en. ?Das war viel leichter, als ich dachte?, sagte Hermine, als sie sich den Gr?ppchen anschlossen, die auf das sonnendurchflutete Schlossgel?nde hinauspilgerten. ?Die Benimmregeln f?r Werw?lfe von 1637 und den Aufstand von Elfrich dem Eifrigen h?tte ich gar nicht pauken m?ssen.? Hermine sprach hinterher immer gern die Arbeiten durch, aber Ron meinte, ihm werde ganz schlecht bei dem Gedanken. Also wanderten sie hinunter zum See und legten sich unter einen Baum. Die Weasley-Zwillinge und Lee Jordan kitzelten die Tentakel eines riesigen Tintenfischs, der sich im ufernahen warmen Wasser suhlte. ?Endlich keine Lernerei mehr?, seufzte Ron und streckte sich gl?cklich auf dem Gras aus. ?Du k?nntest auch etwas fr?hlicher aussehen, Harry, wir haben noch eine Woche, bis wir erfahren, wie schlecht wir abgeschnitten haben, also kein Grund, sich jetzt schon Sorgen zu machen.? Harry rieb sich die Stirn. ?Ich m?chte wissen, was dasbedeutet!?, stie? er zornig hervor. ?Meine Narbe tut die ganze Zeit weh ? das ist schon mal vorgekommen, aber so schlimm war es noch nie!? ?Geh zu Madam Pomfrey?, schlug Hermine vor. ?Ich bin nicht krank?, sagte Harry. ?Ich glaube, es ist ein Warnzeichen ? es bedeutet Gefahr ?? Ron mochte sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen lassen, daf?r war es ihm zu hei?. ?Entspann dich, Harry. Hermine hat Recht, der Stein ist in Sicherheit, solange Dumbledore hier ist. Au?erdem haben wir immer noch keinen Beweis daf?r, dass Snape herausgefunden hat, wie er an Fluffy vorbeikommen kann. Einmal hat er ihm fast das Bein abgerissen und so schnell wird Snape es nicht wieder versuchen. Und ehe Hagrid Dumbledore im Stich l?sst, spielt Neville Quidditch in der englischen Nationalmannschaft.? Harry nickte, doch er konnte ein untergr?ndiges Gef?hl nicht absch?tteln, dass er etwas zu tun vergessen hatte ? etwas Wichtiges. Er versuchte es den andern zu erkl?ren, doch Hermine meinte: ?Das sind nur die Pr?fungen. Gestern Nacht bin ich aufgewacht und war schon halb durch meine Aufzeichnungen ?ber Verwandlungskunst, bis mir einfiel, dass wir das schon hinter uns haben.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 173 von 173 Harry war sich jedoch ganz sicher, dass dieses beunruhigende Gef?hl nichts mit dem Schulstoff zu tun hatte. Seine Augen folgten einer Eule, die mit einem Brief im Schnabel am hellblauen Himmel hin?ber zur Schule flatterte. Hagrid war der Einzige, der ihm je Briefe schickte. Hagrid w?rde Dumbledore nie verraten. Hagrid w?rde nie jemandem erz?hlen, wie man an Fluffy vorbeikam ? nie ? aber ? Pl?tzlich sprang Harry auf die Beine ?Wo willst du hin??, sagte Ron schl?frig. ?Mir ist eben was eingefallen?, sagte Harry. Er war bleich geworden. ?Wir m?ssen zu Hagrid, und zwar gleich.? ?Warum??, keuchte Hermine, m?hsam Schritt haltend. ?Findest du es nicht ein wenig merkw?rdig?, sagte Harry, den grasbewachsenen Abhang emporhastend, ?dass Hagrid sich nichts sehnlicher w?nscht als einen Drachen und dann ?berraschend ein Fremder auftaucht, der zuf?llig gerade ein Ei in der Tasche hat? Wie viele Leute laufen mit Dracheneiern herum, wo es doch gegen das Zauberergesetz ist? Ein Gl?ck, dass er Hagrid gefunden hat. Warum hab ich das nicht schon vorher gesehen?? ?Worauf willst du hinaus??, fragte Ron, doch Harry, der jetzt ?ber das Schlossgel?nde zum Wald hin?berrannte, antwortete nicht. Hagrid sa? in einem Lehnstuhl vor seiner H?tte, die ?rmel und Hosenbeine hochgerollt; ?ber eine gro?e Sch?ssel gebeugt enth?lste er Erbsen. ?Hallooh?, sagte er l?chelnd. ?Fertig mit den Pr?fungen? Wollt ihr was trinken?? ?Ja, bitte?, sagte Ron, doch Harry schnitt ihm das Wort ab. ?Nein, keine Zeit, Hagrid, ich muss dich was fragen. Erinnerst du dich noch an die Nacht, in der du Norbert gewonnen hast? Wie sah der Fremde aus, mit dem du Karten gespielt hast?? ?Wei? nicht?, sagte Hagrid l?ssig, ?er wollte seinen Kapuzenmantel nicht ablegen.? Er sah, wie verdutzt die drei waren, und hob die Augenbrauen. ?Das ist nicht so ungew?hnlich, da gibt?s ?ne Menge seltsames Volk im Eberkopf ? das ist einer von den Pubs unten im Dorf. H?tt ?n Drachenh?ndler sein k?nnen, oder? Sein Gesicht hab ich nicht gesehen, er hat seine Kapuze aufbehalten.? Harry lie? sich langsam neben der Erbsensch?ssel zu Boden sinken. ?Wor?ber habt ihr gesprochen, Hagrid? Hast du zuf?llig Hogwarts erw?hnt?? ?K?nnte mal vorgekommen sein?, sagte Hagrid und runzelte die Stirn, w?hrend er sich zu erinnern versuchte. ?Ja ? er hat mich gefragt, was ich mache, und ich hab ihm gesagt, ich sei Wildh?ter hier ? Er wollte h?ren, um was f?r Tiere ich mich k?mmere ? also hab ich?s ihm gesagt ? und auch, dass ich immer gerne einen Drachen haben wollte ? und dann ? ich wei? nicht mehr genau, weil er mir st?ndig was zu trinken spendiert hat ? Wartet mal ? ja, dann hat er gesagt, er h?tte ein Drachenei und wir k?nnten darum spielen, Karten, wenn ich wollte ? aber er m?sse sicher sein, dass ich damit umgehen k?nne, er wolle es nur in gute H?nde abgeben

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 174 von 174 ? Also hab ich ihm gesagt, im Vergleich zu Fluffy w?r ein Drache doch ein Kinderspiel ?? ?Und schien er ? schien er sich f?r Fluffy zu interessieren??, fragte Harry mit angestrengt ruhiger Stimme. ?Nun ? ja ? wie viele dreik?pfige Hunde trifft man schon, selbst um Hogwarts herum? Also hab ich ihm gesagt, Fluffy ist ein Scho?h?ndchen, wenn man wei?, wie man ihn beruhigt, spiel ihm einfach ?n wenig Musik vor, und er wird auf der Stelle einschlafen ?? Pl?tzlich trat Entsetzen auf Hagrids Gesicht. ?Das h?tt ich euch nicht sagen sollen!?, sprudelte er hervor. ?Vergesst es! Hei ? wo lauft ihr hin?? Harry, Ron und Hermine sprachen kein Wort miteinander, bis sie in der Eingangshalle ankamen, die nach dem sonnendurchfluteten Schlosshof sehr kalt und d?ster wirkte. ?Wir m?ssen zu Dumbledore?, sagte Harry. ?Hagrid hat diesem Fremden gesagt, wie man an Fluffy vorbeikommt, und unter diesem Mantel war entweder Snape oder Voldemort ? es muss ganz leicht gewesen sein, sobald er Hagrid betrunken gemacht hat. Ich kann nur hoffen, dass Dumbledore uns glaubt. Firenze hilft uns vielleicht, wenn Bane ihn nicht daran hindert. Wo ist eigentlich Dumbledores Arbeitszimmer?? Sie sahen sich um, als hofften sie, ein Schild zu sehen, das ihnen den Weg wies. Nie hatten sie erfahren, wo Dumbledore lebte, und sie kannten auch keinen, der jemals zu Dumbledore geschickt worden war. ?Dann m?ssen wir eben ??, begann Harry, doch pl?tzlich drang eine gebieterische Stimme durch die Halle. ?Was machen Sie drei denn hier drin?? Es war Professor McGonagall, mit einem hohen Stapel B?cher in den Armen. ?Wir m?chten Professor Dumbledore sprechen?, sagte Hermine recht k?hn, wie Harry und Ron fanden. ?Professor Dumbledore sprechen??, wiederholte Professor McGonagall, als ob daran etwas faul w?re. ?Warum?? Harry schluckte ? was nun? ?Es ist sozusagen geheim?, sagte er, bereute es jedoch gleich, denn Professor McGonagalls Nasenfl?gel fingen an zu beben. ?Professor Dumbledore ist vor zehn Minuten abgereist?, sagte sie k?hl. ?Er hat eine eilige Eule vom Zaubereiministerium erhalten und ist sofort nach London geflogen.? ?Er ist fort??, sagte Harry verzweifelt. ?Gerade eben?? ?Professor Dumbledore ist ein sehr bedeutender Zauberer, Potter, er wird recht h?ufig in Anspruch genommen ?? ?Aber es ist wichtig.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 175 von 175 ?Etwas, das Sie zu sagen haben, ist wichtiger als das Zaubereiministerium, Potter?? ?Sehen Sie?, sagte Harry und lie? alle Vorsicht fahren, ?Professor ? es geht um den Stein der Weisen ?? Was immer Professor McGonagall erwartet hatte, das war es nicht. Die B?cher in ihren Armen plumpsten zu Boden. ?Woher wissen Sie das??, prustete sie los. ?Professor, ich glaube ? ich wei?? dass Sn? dass jemand versuchen wird den Stein zu stehlen. Ich muss Professor Dumbledore sprechen.? Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Misstrauen. ?Professor Dumbledore wird morgen zur?ck sein?, sagte sie schlie?lich. ?Ich wei? nicht, wie Sie von dem Stein erfahren haben, aber seien Sie versichert, dass niemand in der Lage ist, ihn zu stehlen, er ist bestens bewacht.? ?Aber, Professor ?? ?Potter, ich wei?, wovon ich spreche?, sagte sie barsch. Sie b?ckte sich und hob die B?cher auf. ?Ich schlage vor, Sie gehen alle wieder nach drau?en und genie?en die Sonne.? Doch das taten sie nicht. ?Heute Nacht passiert es?, sagte Harry, sobald er sicher war, dass Professor McGonagall sie nicht mehr h?ren konnte. ?Heute Nacht steigt Snape durch die Fallt?r. Er hat alles herausgefunden, was er braucht, und jetzt hat er Dumbledore aus dem Weg geschafft. Diesen Brief hat er geschickt. Ich wette, im Zaubereiministerium kriegen sie einen gewaltigen Schrecken, wenn Dumbledore dort auftaucht.? ?Aber was k?nnen wir ?? Hermine blieb der Mund offen. Harry und Ron wirbelten herum. Snape stand hinter ihnen. ?Einen sch?nen Nachmittag?, sagte er sanft. Sie starrten ihn an. ?An so einem Tag solltet ihr nicht hier drin sein?, sagte er mit einem merkw?rdigen, gequ?lten L?cheln. ?Wir waren ??, begann Harry, v?llig ahnungslos, was er eigentlich sagen wollte. ?Seid besser etwas vorsichtiger?, sagte Snape. ?So, wie ihr hier herumh?ngt, k?nnte man auf den Gedanken kommen, dass ihr etwas ausheckt. Und Gryffindor kann sich nun wirklich nicht leisten, noch mehr Punkte zu verlieren, oder?? Harry wurde rot. Sie waren schon auf dem Weg nach drau?en, als Snape sie zur?ckrief. ?Ich warne dich, Potter, noch so eine Nachtwanderung, und ich werde pers?nlich daf?r sorgen, dass du von der Schule verwiesen wirst. Einen sch?nen Tag noch.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 176 von 176 Er schritt in Richtung Lehrerzimmer davon. Drau?en auf den steinernen Stufen drehte sich Harry zu den andern um. ?Ich wei? jetzt, was wir tun m?ssen?, fl?sterte er. ?Einer von uns muss ein Auge auf Snape haben ? vor dem Lehrerzimmer warten und ihm folgen, wenn er es verl?sst. Am besten du, Hermine.? ?Warum ich?? ?Ist doch klar?, sagte Ron. ?Du kannst so tun, als ob du auf Professor Flitwick wartest.? Er ahmte Hermines Stimme nach: ?Oh, Professor Flitwick, ich mache mir solche Sorgen, ich glaube, ich habe Frage vierzehn b falsch beantwortet ?? ?Ach, h?r auf damit?, sagte Hermine, doch sie war einverstanden, Snape zu ?berwachen. ?Und wir warten am besten drau?en vor dem Korridor im dritten Stock?, sagte Harry zu Ron. ?Komm mit.? Doch dieser Teil des Plans schlug fehl. Kaum hatten sie die T?r erreicht, die Fluffy von der Schule trennte, als Professor McGonagall abermals auftauchte. Und diesmal verlor sie die Beherrschung. ?Sie glauben wohl, man k?nne schwerer an Ihnen vorbeikommen als an einem B?ndel Zauberbanne, was!?, w?tete sie. ?Genug jetzt von diesem Unfug! Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie noch einmal hier in der N?he rumstromern, ziehe ich Gryffindor weitere f?nfzig Punkte ab! Ja, Weasley, von meinem eigenen Haus!? Harry und Ron gingen in den Gemeinschaftsraum. ?Wenigstens ist Hermine Snape auf den Fersen?, meinte Harry gerade, als das Portr?t der fetten Dame zur Seite klappte und Hermine hereinkam. ?Tut mir leid, Harry!?, klagte sie. ?Snape ist rausgekommen und hat mich gefragt, was ich da zu suchen h?tte, und ich habe gesagt, ich w?rde auf Flitwick warten. Snape ist reingegangen und hat ihn geholt, und ich konnte mich eben erst loseisen. Ich wei? nicht, wo Snape hin ist.? ?Tja, das war?s dann wohl?, sagte Harry. Die andern beiden starrten ihn an. Er war blass und seine Augen glitzerten. ?Ich gehe heute Nacht raus und versuche als Erster zum Stein zu kommen.? ?Du bist verr?ckt!?, sagte Ron. ?Das kannst du nicht machen!?, sagte Hermine. ?Nach dem, was McGonagall und Snape gesagt haben? Sie werden dich rauswerfen!? ?NA UND??, rief Harry. ?Versteht ihr nicht? Wenn Snape den Stein in die H?nde kriegt, dann kommt Voldemort zur?ck! Hast du nicht geh?rt, wie es war, als er versucht hat, die Macht zu ?bernehmen? Dann gibt es kein Hogwarts mehr, aus dem wir rausgeschmissen werden k?nnen! Er w?rde Hogwarts dem Erdboden gleichmachen oder es in eine Schule f?r schwarze Magie verwandeln! Punkte zu verlieren spielt jetzt keine Rolle mehr, begreift ihr das denn nicht? Glaubt ihr etwa, er l?sst euch und eure Familien in Ruhe, wenn Gryffindor den Hauspokal gewinnt? Wenn ich erwischt werde, bevor ich zum Stein komme, sei?s drum, dann muss ich

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 177 von 177 zur?ck zu den Dursleys und darauf warten, dass mich Voldemort dort findet. Das hei?t nur, dass ich ein wenig sp?ter sterbe, als ich ohnehin m?sste, denn ich gehe niemals auf die dunkle Seite! Ich steige heute Nacht durch diese Fallt?r, und nichts, was ihr beide sagt, wird mich aufhalten. Voldemort hat meine Eltern umgebracht, erinnert ihr euch?? Zornfunkelnd sah er sie an. ?Du hast Recht, Harry?, sagte Hermine leise. ?Ich nehme den Tarnumhang?, sagte Harry. ?Ein Gl?ck, dass ich ihn zur?ckbekommen habe.? ?Aber passen wir alle drei darunter??, sagte Ron. ?Alle ? alle drei?? ?Aach, h?r doch auf, glaubst du etwa, wir lassen dich alleine gehen?? ?Nat?rlich nicht?, sagte Hermine energisch. ?Wie glaubst du eigentlich, dass du ohne uns zu dem Stein kommst? Ich an deiner Stelle w?rde mir die B?cher vornehmen, da k?nnte vielleicht was N?tzliches drinstehen ?? ?Aber wenn wir erwischt werden, werdet ihr auch rausgeworfen.? ?Das m?cht ich erst mal sehen?, entgegnete Hermine mit entschlossener Miene. ?Flitwick hat mir schon verraten, dass ich bei ihm in der Pr?fung eine Eins plus habe. Mit der Note werfen die mich nicht raus.? Nach dem Abendessen sa?en die drei abseits in einer Ecke des Gemeinschaftsraums. Sie waren nerv?s, aber niemand k?mmerte sich um sie; mit Harry sprach ohnehin keiner von den Gryffindors mehr. An diesem Abend nahm Harry das zum ersten Mal mit Gleichmut hin. Hermine bl?tterte durch alle ihre Aufzeichnungen, um vielleicht auf einen der Zauberbanne zu sto?en, die sie gleich versuchen w?rden zu brechen. Harry und Ron redeten nicht viel miteinander. Beide dachten ?ber das nach, was sie gleich unternehmen w?rden. Allm?hlich leerte sich der Raum, es wurde Zeit zum Schlafengehen. ?Hol jetzt besser den Umhang?, murmelte Ron, als Lee Jordan endlich g?hnend und sich streckend hinausging. Harry rannte nach oben in ihr dunkles Schlafzimmer. Er zog den Umhang hervor, und dann fiel sein Blick auf die Fl?te, die ihm Hagrid zu Weihnachten geschenkt hatte. Er steckte sie ein f?r Fluffy ? nach Singen war ihm nicht besonders zumute. Dann rannte er wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum. ?Wir sollten den Umhang am besten hier anziehen und zusehen, dass wir alle drei darunterpassen ? wenn Filch einen unserer F??e allein umherwandern sieht ?? ?Was habt ihr vor??, sagte eine Stimme aus der Ecke. Neville tauchte hinter einem Sessel auf, mit Trevor in der Hand, die aussah, als h?tte sie wieder einmal einen Fluchtversuch unternommen. ?Nichts, Neville, nichts?, sagte Harry und versteckte hastig den Umhang hinter dem R?cken.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 178 von 178 Neville starrte auf ihre schuldbewussten Gesichter. ?Ihr geht wieder raus?, sagte er. ?Nein, nein, nein?, sagte Hermine. ?Nein, das tun wir nicht. Warum gehst du nicht zu Bett, Neville?? Harry warf einen Blick auf die Standuhr bei der T?r. Sie durften jetzt nicht noch mehr Zeit verlieren, vielleicht spielte Snape gerade in diesem Moment Fluffy ein Schlaflied. ?Ihr k?nnt nicht rausgehen?, sagte Neville, ?sie erwischen euch wieder und Gryffindor kriegt noch mehr ?rger.? ?Das verstehst du nicht?, sagte Harry, ?es ist wichtig.? Doch Neville sprach sich offensichtlich gerade eisernen Mut zu, etwas Verzweifeltes zu tun. ?Ich lass euch nicht gehen?, sagte er und sprang hin?ber zum Portr?tloch. ?Ich ? ich k?mpfe gegen euch!? ?Neville?, schrie Ron auf, ?geh weg von dem Loch und sei kein Idiot ?? ?Nenn mich nicht Idiot!?, sagte Neville. ?Ich will nicht, dass ihr noch mehr Regeln brecht! Ihr habt mir auch gesagt, ich solle mich gegen die anderen wehren!? ?Ja, aber nicht gegen uns?, sagte Ron ersch?pft. ?Neville, du wei?t nicht, was du tust.? Er trat einen Schritt vor, und Neville lie? Trevor fallen, die mit ein paar H?pfern verschwand. ?Na komm schon, versuch mich zu schlagen!?, sagte Neville und hob die F?uste. ?Ich bin bereit!? Harry wandte sich Hermine zu. ?Unternimm was?, sagte er verzweifelt. Hermine trat vor. ?Neville?, sagte sie. ?Das tut mir jetzt arg, arg leid.? Sie hob den Zauberstab. ?Petrificus Totalus!?, schrie sie, mit ausgestrecktem Arm auf Neville deutend. Nevilles Arme schnappten ihm an die Seiten. Seine Beine klappten zusammen. Mit vollkommen versteinertem K?rper schwankte er ein wenig auf der Stelle und fiel dann, steif wie ein Brett, mit dem Gesicht voraus auf den Boden. Hermine st?rzte zu ihm und drehte ihn um. Nevilles Kiefer waren zusammengepresst, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Nur seine Augen bewegten sich noch und sahen sie mit dem Ausdruck ?u?ersten Entsetzens an. ?Was hast du mit ihm gemacht??, fl?sterte Harry. ?Das ist die Ganzk?rperklammer?, sagte Hermine niedergeschlagen. ?Oh, Neville, es tut mir ja so leid.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 179 von 179 ?Wir mussten es tun, Neville, keine Zeit jetzt, um es zu erkl?ren?, sagte Harry. ?Sp?ter wirst du es schon verstehen, Neville?, sagte Ron, als sie ?ber ihn stiegen und sich den Tarnumhang ?berwarfen. Den versteinerten Neville zur?ckzulassen kam ihnen nicht als besonders gutes Omen vor. Nerv?s, wie sie waren, sah jede Statue wie Filch aus, klang jeder ferne Windhauch wie Peeves, der auf sie herabsauste. Am Fu? der ersten Treppe bemerkten sie, dass oben, fast am Ende der Treppe, Mrs Norris lauerte. ?Ach, geben wir ihr einen Fu?tritt, nur dieses eine Mal?, fl?sterte Ron Harry ins Ohr, doch Harry sch?ttelte den Kopf. Sie kletterten vorsichtig um sie herum, und Mrs Norris richtete ihre leuchtenden Augen auf sie, r?hrte sich jedoch nicht vom Fleck. Sie trafen niemanden sonst, bis sie die Treppe erreichten, die hoch zum dritten Stock f?hrte. Peeves h?pfte auf halber H?he umher und zog den Teppich auf den Stufen locker, um die Dar?bergehenden ins Stolpern zu bringen. ?Wer da??, fragte er pl?tzlich, als sie zu ihm hochstiegen. Seine gemeinen schwarzen Augen verengten sich. ?Ich wei?, ihr seid da, auch wenn ich euch nicht sehen kann. Wer seid ihr, Gespenster oder kleine Schulbiester?? Er stieg empor und blieb lauernd in der Luft schweben. ?Sollte Filch rufen, sollte ich, wenn etwas Unsichtbares umherschleicht.? Harry schoss eine Idee durch den Kopf. ?Peeves?, sagte er heiser fl?sternd, ?der Blutige Baron hat seine Gr?nde, unsichtbar zu bleiben.? Peeves fiel vor Schreck fast aus der Luft. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig abfangen und blieb einen halben Meter ?ber der Treppe h?ngen. ?Verzeihung vielmals, Eure Blutigkeit, Herr Baron, Sir?, sagte er schleimig. ?Meine Schuld, ganz meine Schuld ? ich hab Sie nicht gesehen ? nat?rlich nicht, Sie sind unsichtbar ? verzeihen Sie dem alten Peeves diesen kleinen Scherz, Sir.? ?Ich bin gesch?ftlich hier, Peeves?, kr?chzte Harry. ?Bleiben Sie heute Nacht von hier fern.? ?Das werde ich, Sir, das werde ich ganz gewiss tun?, sagte Peeves und stieg wieder in die L?fte. ?Hoffe, die Gesch?fte gehen gut, Herr Baron, ich werde Sie nicht bel?stigen.? Und er schoss davon. ?Genial, Harry!?, fl?sterte Ron. Ein paar Sekunden sp?ter standen sie drau?en vor dem Korridor im dritten Stock ? und die T?r war nur angelehnt. ?Sch?ne Bescherung?, sagte Harry leise. ?Snape ist schon an Fluffy vorbei.? Die offene T?r schien allen dreien eindringlich zu sagen, was sie erwartete. Unter dem Umhang wandte sich Harry an die beiden andern.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 180 von 180 ?Wenn ihr jetzt zur?ckwollt, mach ich euch keinen Vorwurf?, sagte er. ?Ihr k?nnt den Umhang nehmen, ich brauche ihn jetzt nicht mehr.? ?Red keinen Stuss?, sagte Ron. ?Wir kommen mit?, sagte Hermine. Harry stie? die T?r auf. Die T?r knarrte und ein tiefes, grollendes Knurren drang an ihre Ohren. Wie im Wahn schn?ffelte der Hund mit allen drei Schnauzen nach ihnen, auch wenn er sie nicht sehen konnte. ?Was liegt da zwischen seinen Beinen??, fl?sterte Hermine. ?Sieht aus wie eine Harfe?, sagte Ron. ?Snape muss sie dagelassen haben.? ?Er wacht sicher auf, sobald man aufh?rt zu spielen?, sagte Harry. ?Nun, dann mal los ?? Er setzte Hagrids Fl?te an die Lippen und blies hinein. Es war keine richtige Melodie, doch kaum hatte er einen Ton hervorgebracht, kroch schon die M?digkeit in die Augen des Untiers. Harry wagte kaum Luft zu holen. Allm?hlich wurde das Knurren des Hundes schw?cher ? er torkelte und tapste ein wenig mit den Pfoten, fiel auf die Knie, plumpste dann vollends zu Boden und versank in tiefen Schlaf. ?Spiel weiter?, ermahnte Ron Harry, als sie aus dem Mantel schl?pften und zur Fallt?r krochen. Sie n?herten sich den riesigen K?pfen und sp?rten den hei?en, stinkenden Atem des Hundes. ?Ich glaube, wir k?nnen die T?r hochklappen?, sagte Ron und sp?hte ?ber den R?cken des Tiers. ?Willst du zuerst gehen, Hermine?? ?Nein, will ich nicht!? ?Schon gut.? Ron biss die Z?hne zusammen und stapfte vorsichtig ?ber die Beine des Hundes. Er b?ckte sich und zog am Ring der Fallt?r; sie schwang auf. ?Was siehst du??, fragte Hermine neugierig. ?Nichts ? alles dunkel ? hinunterklettern k?nnen wir nicht, es bleibt uns nichts ?brig, als zu springen.? Harry, der noch immer Fl?te spielte, winkte Ron und deutete auf sich. ?Du willst zuerst? Bist du sicher??, fragte Ron. ?Ich wei? nicht, wie tief das Loch ist. Gib Hermine die Fl?te, damit er nicht wach wird.? Harry gab ihr die Fl?te. W?hrend der wenigen Sekunden der Stille knurrte und zuckte der Hund, doch in dem Augenblick, da Hermine zu spielen begann, fiel er wieder in tiefen Schlaf. Harry stieg ?ber ihn hinweg und blickte durch die ?ffnung der Fallt?r. Er sah in bodenlose Schw?rze. Er stieg durch die Luke, bis er nur noch an den Fingerspitzen baumelte. Dann sah er hoch zu Ron und sagte: ?Wenn mir etwas passiert, kommt nicht hinterher. Geht gleich in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, ja??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 181 von 181 ?Gut?, sagte Ron. ?Wir sehen uns gleich, hoffentlich ?? Und Harry lie? sich fallen. Kalte, feuchte Luft rauschte an ihm vorbei, und er fiel immer weiter, weiter und ? FLUMMPPH. Mit einem merkw?rdig dumpfen Aufschlag landete er auf etwas Weichem. Er setzte sich auf; seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gew?hnt, und so ertastete er mit den H?nden seine Umgebung. Es f?hlte sich an, als w?rde er auf einer Art Pflanze sitzen. ?Alles in Ordnung!?, rief er nach oben zu dem Lichtfleck der offenen Luke, die jetzt so gro? wirkte wie eine Briefmarke. ?Ich bin weich gelandet, ihr k?nnt springen!? Ron folgte ihm ohne Z?gern. Er landete auf allen vieren neben Harry. ?Was ist das f?r ein Zeug??, waren seine ersten Worte. ?Wei? nicht, eine Art Pflanze. Ich glaube, sie soll den Sturz abfedern. Komm runter, Hermine!? Die ferne Musik verstummte. Der Hund gab einen lauten Kl?ffer von sich, doch Hermine war schon gesprungen. Sie landete auf Harrys anderer Seite. ?Wir m?ssen Meilen unter der Schule sein?, sagte sie. ?Ein Gl?ck, dass diese komische Pflanze hier ist?, sagte Ron. ?Gl?ck??, kreischte Hermine. ?Schaut euch nur an!? Sie sprang auf und stakste m?hsam zu einer feuchten Wand hin?ber. Sie musste alle Kraft aufwenden, denn kaum dass sie gelandet war, hatte die Pflanze begonnen, Ranken wie Schlangen um ihre Fu?kn?chel zu winden. Und ohne dass sie es gemerkt hatten, waren Harrys und Rons Beine schon fest mit langen Trieben verschn?rt. Hermine hatte es geschafft, sich zu befreien, bevor die Pflanze sich an ihr festgesetzt hatte. Nun sah sie entsetzt zu, wie die beiden Jungen verzweifelt versuchten die Schlingen von sich abzurei?en, doch je mehr sie sich str?ubten, desto fester und schneller wand sich die Pflanze um sie. ?Haltet still!?, befahl ihnen Hermine. ?Ich wei?, was das ist ? es ist eine Teufelsschlinge!? ?Oh, gut, dass ich wei?, wie das, was mich umbringt, hei?t, das ist eine gro?e Hilfe?, fauchte Ron und beugte sich nach hinten, damit die Pflanze sich nicht um seinen Hals schlingen konnte. ?Sei still, ich versuch mich zu erinnern, wie man sie umbringen kann!?, sagte Hermine. ?Na dann beeil dich, ich ersticke!?, w?rgte Harry hervor, der mit den Schlingen um seine Brust k?mpfte. ?Teufelsschlinge, Teufelsschlinge ? Was hat Professor Sprout gesagt? ? Sie mag das Dunkle und Feuchte ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 182 von 182 ?Dann mach Feuer!?, ?chzte Harry. ?Ja ? nat?rlich ? aber hier gibt es kein Holz!?, schrie Hermine h?nderingend. ?BIST DU VERR?CKT GEWORDEN??, br?llte Ron. ?BIST DU NUN EINE HEXE ODER NICHT?? ?Ach ja!?, sagte Hermine und riss ihren Zauberstab hervor, schwang ihn, murmelte etwas und schickte einen Strom der gleichen bl?ulichen Fl?mmchen gegen die Pflanze, mit denen sie schon Snape angekokelt hatte. Nach wenigen Augenblicken sp?rten die Jungen, dass die Schlingen sich lockerten und die Pflanze vor dem Licht und der Hitze auswich. Zitternd und mit den Schlingen schlagend, l?ste sie sich von Harry und Ron und sie konnten die Pflanze schlie?lich vollends absch?tteln. ?Ein Gl?ck, dass du in Kr?uterkunde aufgepasst hast, Hermine?, sagte Harry, als er zu ihr an die Wand sprang und sich den Schwei? vom Gesicht wischte. ?Ja?, sagte Ron, ?und ein Gl?ck, dass Harry den Kopf nicht verliert, wenn?s brenzlig wird ? ?es gibt kein Holz? ? also wirklich!? ?Da lang?, sagte Harry und deutete auf den einzigen Weg, der sich bot, einen steinernen Gang. Alles, was sie au?er ihren Schritten h?ren konnten, war ein sanftes Rieseln von Wasser, das die W?nde herablief. Der Gang neigte sich in die Tiefe und Harry musste an Gringotts denken. Mit pl?tzlichem, schmerzhaftem Herzpochen fiel ihm ein, dass angeblich Drachen die Verliese in der Zaubererbank bewachten. Wenn sie nun auf einen Drachen stie?en, auf einen ausgewachsenen Drachen ? Norbert war schon schlimm genug gewesen ? ?Kannst du etwas h?ren??, fl?sterte Ron. Harry lauschte. Von oben schien ein leises Rascheln und Klimpern zu kommen. ?Glaubst du, das ist ein Geist?? ?Ich wei? nicht ? h?rt sich an wie Fl?gel.? ?Da vorn ist Licht und etwas bewegt sich.? Sie erreichten das Ende des Ganges und sahen vor sich eine strahlend hell erleuchtete Gruft, deren Decke sich hoch ?ber ihnen w?lbte. Sie war voller kleiner, diamantheller V?gel, die im ganzen Raum umherflatterten und herumh?pften. Auf der anderen Seite der Gruft war eine schwere Holzt?r. ?Glaubst du, sie greifen uns an, wenn wir durchgehen??, sagte Ron. ?Wahrscheinlich?, sagte Harry. ?Sie sehen zwar nicht gerade b?sartig aus, aber ich glaube, wenn sie alle auf einmal auf uns losgehen ? Nun, es bleibt uns nichts anderes ?brig ? Ich renne hin?ber.? Er holte tief Luft, bedeckte das Gesicht mit den Armen und st?rmte durch die Gruft. Er rechnete jede Sekunde damit, dass sich die V?gel mit scharfen Schn?beln und Klauen auf ihn st?rzten, doch nichts geschah. Harry erreichte die T?r, ohne dass sie sich um ihn k?mmerten. Er dr?ckte die Klinke, doch die T?r war verschlossen.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 183 von 183 Die beiden anderen folgten ihm. Sie zogen und r?ttelten an der T?r, doch sie gab nicht um Haaresbreite nach, nicht einmal, als es Hermine mit ihrem Alohomora-Spruch probierte. ?Was nun??, sagte Ron. ?Diese V?gel ? sie k?nnen nicht einfach zum Anschauen hier sein?, sagte Hermine. Sie betrachteten die V?gel, die funkelnd ?ber ihren K?pfen umherschwirrten ? funkelnd? ?Das sind keine V?gel!?, sagte Harry pl?tzlich, ?das sind Schl?ssel! Gefl?gelte Schl?ssel, seht genau hin. Das muss also hei?en ?? Er sah sich in der Gruft um, w?hrend die anderen beiden zu dem Schl?sselschwarm emporschauten. ?? ja, seht mal! Besen! Wir m?ssen den Schl?ssel zur T?r einfangen!? ?Aber es gibt hunderte davon!? Ron untersuchte das T?rschloss. ?Wir suchen nach einem gro?en, altmodischen Schl?ssel ? vermutlich silbern, wie die Klinke.? Sie packten jeder einen Besen, stie?en sich hoch in die Luft und fegten inmitten der Wolke aus Schl?sseln herum. Sie grabschten und pickten nach ihnen, doch die verhexten Schl?ssel schossen pfeilschnell davon oder tauchten weg, so dass es unm?glich schien, einen zu fangen. Nicht umsonst jedoch war Harry der j?ngste Sucher seit einem Jahrhundert. Er hatte ein Talent daf?r, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Eine Weile wedelte er durch den Wirbel der Regenbogenfedern, dann fiel ihm ein gro?er silberner Schl?ssel mit einem geknickten Fl?gel auf. Er sah aus, als h?tte ihn schon jemand gepackt und grob ins Schl?sselloch gesteckt. ?Der dort!?, rief er den andern zu. ?Dieser gro?e ? dort ? nein, dort ? mit himmelblauen Fl?geln ? auf der einen Seite ist er ganz zerzaust.? Ron sauste in die Richtung, in die Harry deutete, krachte gegen die Decke und fiel fast von seinem Besen. ?Wir m?ssen ihn einkreisen!?, rief Harry, ohne den Schl?ssel mit dem besch?digten Fl?gel aus den Augen zu lassen. ?Ron, du kommst von oben ? Hermine, du bleibst unten, falls er abtaucht ? und ich versuche ihn zu fangen. Los,JETZT!? Ron kam im Sturzflug heruntergeschossen, Hermine raste steil nach oben wie eine Rakete; der Schl?ssel wich beiden aus. Harry raste ihm hinterher, der Wand entgegen, er beugte sich weit vor und presste den Schl?ssel mit der Hand gegen die Wand. Es gab ein h?ssliches Knirschen. Die Gruft hallte von Rons und Hermines Jubelrufen. Sie lie?en sich schnell auf den Boden herunter und Harry lief mit dem widerspenstigen Schl?ssel in der Hand zur T?r. Er rammte ihn in das Schloss, drehte ihn um ? und es klickte. Kaum hatte sich das Schloss ge?ffnet, flatterte der

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 184 von 184 Schl?ssel wieder los, nun, da er zweimal gefangen worden war, sehr mitgenommen aussehend. ?Seid ihr bereit??, fragte Harry die anderen beiden, die Hand auf der T?rklinke. Sie nickten. Er ?ffnete die T?r. Die n?chste Gruft war so dunkel, dass sie ?berhaupt nichts sehen konnten. Doch als sie einen Schritt hineintaten, flutete Licht durch den Raum, und ihnen bot sich ein verbl?ffender Anblick. Sie standen am Rande eines riesigen Schachbretts, im R?cken der schwarzen Schachfiguren, allesamt gr??er als sie und offenbar aus einer Art schwarzem Stein gemei?elt. Ihnen gegen?ber, auf der anderen Seite der Gruft, standen die wei?en Figuren. Harry, Ron und Hermine erschauderten ? die riesigen wei?en Figuren hatten keine Gesichter. ?Und was sollen wir jetzt tun??, fl?sterte Harry. ?Ist doch klar?, sagte Ron. ?Wir m?ssen uns durch den Raum spielen.? Hinter den wei?en Figuren konnten sie eine weitere T?r sehen. ?Wie??, sagte Hermine nerv?s. ?Ich glaube?, sagte Ron, ?wir m?ssen Schachmenschen werden.? Er ging vor zu einem schwarzen Springer, streckte die Hand aus und ber?hrte ihn. Sofort erwachte der Stein zum Leben. Das Pferd scharrte und der Ritter wandte seinen behelmten Kopf zu Ron hinunter. ?M?ssen wir ? ?hm ? mit euch k?mpfen, um hin?berzukommen?? Der schwarze Ritter nickte. Ron drehte sich zu den andern um. ?Lasst mich mal nachdenken ??, sagte er. ?Ich denke, wir m?ssen die Pl?tze von drei der Schwarzen einnehmen ?? Harry und Hermine sahen schweigend zu, wie Ron nachdachte. Schlie?lich sagte er: ?H?rt mal, seid nicht beleidigt, aber keiner von euch beiden ist besonders gut im Schach.? ?Wir sind nicht beleidigt?, sagte Harry rasch. ?Sag uns einfach, was wir tun sollen.? ?Gut. Harry, du nimmst den Platz dieses L?ufers ein, und Hermine, du gehst r?ber auf den Platz des Turms.? ?Was ist mit dir?? ?Ich bin ein Springer?, sagte Ron. Die Schachfiguren hatten offenbar zugeh?rt, denn in diesem Augenblick kehrten ein Springer, ein L?ufer und ein Turm den wei?en Figuren den R?cken und schritten vom Platz. Sie lie?en drei leere Quadrate zur?ck, auf denen Harry, Ron und Hermine ihre Pl?tze einnahmen. ?Wei? zieht im Schach immer zuerst?, sagte Ron und sp?hte ?ber das Brett. ?Ja ? schaut ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 185 von 185 Ein wei?er Bauer war zwei Felder vorger?ckt. Ron begann die schwarzen Figuren zu f?hren. Wo immer er sie hinschickte, sie r?ckten schweigend auf ihre Pl?tze. Harry zitterten die Knie. Was, wenn sie verloren? ?Harry, r?ck vier Felder schr?g nach rechts.? Richtig mit der Angst zu tun bekamen sie es erst, als der andere Springer geschlagen wurde. Die wei?e Dame schlug ihn zu Boden und schleifte ihn vom Brett, wo er mit dem Gesicht nach unten bewegungslos liegen blieb. ?Ich musste das zulassen?, sagte Ron ersch?ttert. ?Deshalb kannst du jetzt diesen L?ufer schlagen, Hermine, geh los.? Wenn die Wei?en eine ihrer Figuren schlagen konnten, zeigten sie niemals Gnade. Nach kurzer Zeit lagen haufenweise ?bereinander gekr?mmte schwarze Spieler entlang der Wand. Zweimal bemerkte Ron gerade noch rechtzeitig, dass Harry und Hermine in Gefahr waren. Er selbst jagte auf dem Brett umher und schlug fast so viele wei?e Figuren, wie sie schwarze verloren hatten. ?Wir haben es gleich geschafft?, murmelte er pl?tzlich. ?Lasst mich nachdenken ? lasst mich nachdenken ?? Die wei?e K?nigin wandte ihm ihr leeres Gesicht zu. ?Ja ??, sagte Ron leise, ?das ist die einzige Chance ? Ich muss geschlagen werden.? ?NEIN!?, riefen Harry und Hermine. ?So ist es eben im Schach!?, herrschte sie Ron an. ?Manchmal muss man Figuren opfern! Ich mache meinen Zug und sie schl?gt mich, dann k?nnt ihr den K?nig schachmatt setzen. Harry!? ?Aber ?? ?Willst du Snape aufhalten oder nicht?? ?Ron ?? ?H?r zu, wenn du dich nicht beeilst, dann ist er mit dem Stein auf und davon!? Darauf gab es nichts mehr zu sagen. ?Fertig??, rief Ron mit blassem Gesicht, aber entschlossen. ?Ich springe, und tr?delt nicht, wenn ihr gewonnen habt.? Er sprang vor und die wei?e Dame st?rzte sich auf ihn. Mit ihrem steinernen Arm schlug sie Ron heftig gegen den Kopf und er brach auf dem Boden zusammen. Hermine schrie, blieb aber auf ihrem Feld. Die wei?e Dame schleifte Ron zur Seite. Offenbar hatte sie ihn bewusstlos geschlagen. Harry ging mit zitternden Knien drei Felder nach links. Der wei?e K?nig nahm seine Krone ab und warf sie Harry zu F??en. Sie hatten gewonnen. Die Schachfiguren verbeugten sich zum Abschied und gaben die T?r auf ihrer Seite frei. Mit einem letzten verzweifelten Blick zur?ck auf Ron st?rmten Harry und Hermine durch die T?r und rannten den n?chsten Gang entlang.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 186 von 186 ?Was, wenn er ??? ?Er wird schon wieder auf die Beine kommen?, sagte Harry, gegen seine Zweifel ank?mpfend. ?Was, meinst du, kommt als N?chstes?? ?Wir haben den Zauber von Sprout hinter uns, das war die Teufelsschlinge, Flitwick muss die Schl?ssel verhext haben, Professor McGonagall hat die Schachfiguren lebendig gemacht, bleibt noch der Zauber von Quirrell und der von Snape ?? Sie waren an eine weitere T?r gelangt. ?Einverstanden??, fl?sterte Harry. ?Mach schon.? Harry stie? die T?r auf. Ein widerlicher Gestank schlug ihnen entgegen und beide hielten sich den Umhang vor die Nase. Mit tr?nenden Augen sahen sie einen Troll, alle viere von sich gestreckt und mit einer blutigen Wunde am Kopf, auf dem Boden liegen, noch gr??er sogar als der, mit dem sie es schon aufgenommen hatten. ?Ich bin heilfroh, dass wir uns den sparen k?nnen?, fl?sterte Harry, als sie vorsichtig ?ber eines seiner massigen Beine stapften. ?Komm weiter, mir verschl?gt es den Atem.? Er ?ffnete die n?chste T?r, und beide wagten kaum hinzusehen, was wohl als N?chstes kommen w?rde. Doch hier drin war nichts besonders Furcht erregend, nur ein Tisch mit sieben aneinandergereihten Flaschen, die alle unterschiedliche Gestalt hatten. ?Snapes Zauber?, sagte Harry. ?Was m?ssen wir tun?? Kaum waren sie ?ber die Schwelle getreten, loderte hinter ihnen im T?rrahmen ein Feuer hoch. Es war kein gew?hnliches Feuer: Es war purpurrot. Im gleichen Augenblick schossen schwarze Flammen im T?rbogen gegen?ber auf. Sie sa?en in der Falle. ?Schau mal!? Hermine griff nach einem zusammengerollten Blatt Papier, das neben den Flaschen lag. Harry sah ihr ?ber die Schulter und las: Die Gefahr liegt vor euch, die Rettung zur?ck, Zwei von uns helfen, bei denen habt ihr Gl?ck, Eine von uns sieben, die bringt euch von dannen, Eine andere f?hrt den Trinker zur?ck durch die Flammen, Zwei von uns enthalten nur guten Nesselwein, Drei von uns sind M?rder, warten auf eure Pein. W?hlt eine, wenn ihr weiterwollt und nicht zerst?uben hier. Euch helfen sollen Hinweis? ? und davon ganze vier: Erstens: so schlau das Gift versteckt mag sein, ?s ist immer welches zur Linken vom guten Nesselwein;

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 187 von 187 Zweitens: die beiden an den Enden sind ganz verschied?ne Leut, doch wenn ihr wollt weitergehen, so ist keine davon euer Freund; Drittens: wie ihr deutlich seht, sind alle verschieden gro?. Doch weder der Zwerg noch der Riese enthalten euren Tod. Viertens: die zweite von links und die zweite von rechts werden gleichen Geschmack haben, so verschiedene Gestalt sie auf den ersten Blick auch haben. Hermine seufzte laut auf, und Harry sah verbl?fft, dass sie l?chelte, das Letzte, wonach ihm zumute war. ?Ausgezeichnet?, sagte Hermine. ?Das ist nicht Zauberei, das ist Logik, ein R?tsel. Viele von den gr??ten Zauberern haben keine Unze Logik im Kopf, die s??en hier f?r immer in der Falle.? ?Aber wir doch auch, oder?? ?Nat?rlich nicht?, sagte Hermine. ?Alles, was wir brauchen, steht hier auf diesem Papier. Sieben Flaschen: drei enthalten Gift; zwei Wein; eine bringt uns sicher durch das schwarze Feuer und eine bringt uns zur?ck durch das purpurne.? ?Aber woher sollen wir wissen, welche wir trinken m?ssen?? ?Gib mir eine Minute Zeit.? Hermine las das Papier mehrmals durch. Dann ging sie vor den Flaschen auf und ab, vor sich hin murmelnd und auf sie deutend. Schlie?lich klatschte sie in die H?nde. ?Ich hab?s?, sagte sie. ?Die kleinste Flasche bringt uns durch das schwarze Feuer, zum Stein.? Harry musterte die kleine Flasche. ?Sie reicht nur f?r einen?, sagte er. ?Das ist kaum ein Schluck.? Sie sahen sich an. ?Welche f?hrt zur?ck durch die Purpurflammen?? Hermine deutete auf eine bauchige Flasche am rechten Ende der Reihe. ?Die trinkst du?, sagte Harry. ?Nein, h?r zu, geh zur?ck und nimm Ron mit, schnappt euch zwei Besen aus dem Raum mit den fliegenden Schl?sseln, die bringen euch durch die Fallt?r und an Fluffy vorbei; fliegt sofort in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, wir brauchen ihn. Vielleicht kann ich Snape eine Weile hinhalten, aber im Grunde kann ich es nicht mit ihm aufnehmen.? ?Aber, Harry, was ist, wenn Du-wei?t-schon-wer bei ihm ist?? ?Tja, das letzte Mal hab ich Gl?ck gehabt?, sagte Harry und deutete auf seine Narbe. ?Vielleicht hab ich ja noch mal Gl?ck.? Hermines Lippen zitterten und pl?tzlich rannte sie auf Harry zu und warf die Arme um ihn.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 188 von 188 ?Hermine!? ?Harry, du bist ein gro?er Zauberer, das wei?t du.? ?Ich bin nicht so gut wie du?, sagte Harry ganz verlegen. Sie lie? ihn los. ?Wie ich??, sagte Hermine. ?B?cher! Schlauheit! Es gibt wichtigere Dinge ? Freundschaft und Mut und ? o Harry, seivorsichtig!? ?Trink du zuerst?, sagte Harry. ?Du bist dir sicher, was wo drin ist?? ?Vollkommen?, sagte Hermine. Sie nahm einen gro?en Schluck aus der runden Flasche und erschauderte. ?Es ist kein Gift??, sagte Harry be?ngstigt. ?Nein, aber es ist wie Eis.? ?Schnell, geh, bevor es nachl?sst.? ?Viel Gl?ck, pass auf dich auf ?? ?GEH!? Hermine wandte sich um und ging geradewegs durch das purpurne Feuer. Harry holte tief Luft und nahm die kleinste Flasche in die Hand. Er wandte sich den schwarzen Flammen zu. ?Ich komme?, sagte er und leerte die kleine Flasche mit einem Zug. Es war wirklich wie Eis, das seinen K?rper durchstr?mte. Er stellte die Flasche zur?ck, nahm all seinen Mut zusammen und machte sich auf; er sah die schwarzen Flammen an seinem K?rper hochz?ngeln, doch er sp?rte sie nicht. Einen Moment lang konnte er nichts sehen au?er dunklem Feuer, dann war er auf der anderen Seite, in der letzten Gruft. Jemand war schon da ? doch es war nicht Snape. Es war auch nicht Voldemort. Der Mann mit den zwei Gesichtern Es war Quirrell. ?Sie!?, stie? Harry hervor. Quirrell l?chelte. Kein Zucken war mehr in seinem Gesicht. ?Ja, ich?, sagte er gelassen. ?Ich habe mich gefragt, ob ich Sie hier treffen w?rde, Potter.? ?Aber ich dachte ? Snape ?? ?Severus?? Quirrell lachte und es war nicht sein ?bliches zittrig schrilles Lachen, es war kalt und scharf. ?Ja, Severus scheint der richtige Mann daf?r zu sein, nicht wahr? Recht n?tzlich, dass er umherschwirrt wie eine zu gro? geratene Fledermaus. Wer w?rde neben ihm den a-a-armen st-stotternden P-Professor Quirrell verd?chtigen?? Harry konnte es nicht fassen. Das durfte einfach nicht wahr sein. ?Aber Snape hat versucht mich umzubringen!?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 189 von 189 ?Nein, nein, nein. Ich habe es getan. Ihre Freundin Miss Granger hat mich versehentlich umgerempelt, als sie beim Quidditch-Spiel zu Snape hin?berrannte, um ihn anzuz?nden. Sie hat meinen Blickkontakt zu Ihnen unterbrochen. Ein paar Sekunden mehr und ich h?tte Sie von diesem Besen heruntergehabt. Ich h?tte es schon vorher geschafft, wenn Snape nicht einen Gegenzauber gemurmelt h?tte, um Sie zu retten.? ?Snape hat versucht mich zuretten?? ?Nat?rlich?, sagte Quirrell k?hl. ?Warum, glauben Sie, wollte er beim n?chsten Spiel der Schiedsrichter sein? Er wollte daf?r sorgen, dass ich es nicht noch einmal versuche. Wirklich eigenartig ? wenn Dumbledore dabei ist, kann ich ohnehin nichts ausrichten. Alle anderen Lehrer dachten, Snape wolle verhindern, dass Gryffindor gewinnt, und damit hat er sich richtig unbeliebt gemacht ? was f?r eine Zeitverschwendung, wenn ich Sie heute Nacht schlie?lich doch umbringe.? Quirrell schnippte mit den Fingern. Aus der Luft peitschten Seile hervor, die sich fest um Harrys K?rper wickelten. ?Ihre Neugier bringt Sie um Kopf und Kragen, Potter. Sie sind an Halloween in der Schule umhergeschlichen und sind auf mich gesto?en. Ich wollte mir ansehen, wie der Stein bewacht ist.? ?Sie haben den Troll hereingelassen?? ?Gewiss. Ich habe ein gl?ckliches H?ndchen, wenn es um Trolle geht. Sie haben ja gesehen, was ich mit dem in der Kammer dort hinten angestellt habe. Nun, w?hrend alle andern umherliefen und ihn suchten, ging Snape, der mich schon im Verdacht hatte, leider geradewegs in den dritten Stock, um mir den Weg abzuschneiden ? und mein Troll hat es nicht nur vers?umt, Sie totzuschlagen, dieser dreik?pfige Hund hat es nicht einmal fertiggebracht, Snapes Bein ganz abzubei?en. Und jetzt, Potter, warten Sie hier ganz ruhig. Ich muss mir diesen interessanten Spiegel n?her ansehen.? Erst jetzt erkannte Harry, was hinter Quirrell stand. Es war der Spiegel Nerhegeb. ?Dieser Spiegel ist der Schl?ssel zum Stein?, murmelte Quirrell und klopfte suchend am Rahmen entlang. ?Typisch Dumbledore, sich so etwas einfallen zu lassen ? aber er ist in London ? bis er zur?ckkommt, bin ich l?ngst ?ber alle Berge ?? Harrys Gedanken drehten sich einzig darum, wie er Quirrell am Sprechen halten und ihn vom Spiegel ablenken konnte. ?Ich habe Sie und Snape im Wald gesehen ??, plapperte er hastig drauflos. ?Ja?, sagte Quirrell gleichm?tig, w?hrend er um den Spiegel herumging, um sich die R?ckseite anzusehen. ?Da war er mir schon auf die Pelle ger?ckt und wollte wissen, wie weit ich gekommen war. Er hat mich die ganze Zeit ?ber verd?chtigt. Hat versucht mich einzusch?chtern ? als ob er das k?nnte, wenn ich Lord Voldemort auf meiner Seite habe ?? Quirrell kam hinter dem Spiegel hervor und sah begierig hinein.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 190 von 190 ?Ich sehe den Stein ? Ich ?berreiche ihn meinem Meister ? aber wo ist er?? Harry dr?ckte mit aller Kraft gegen seine Fesseln, doch die Seile gaben nicht nach. Er mussteQuirrell davon abhalten, seine ganze Aufmerksamkeit dem Spiegel zu widmen. ?Aber Snape kam mir immer so vor, als w?rde er mich richtig hassen.? ?Oh, das tut er auch?, sagte Quirrell nebenher, ?Himmel, ja. Er und Ihr Vater waren zusammen in Hogwarts, haben Sie das nicht gewusst? Sie haben sich gegenseitig verabscheut. Aber er wollte nie, dass Sie sterben.? ?Aber vor ein paar Tagen hab ich Sie schluchzen geh?rt. Ich dachte, Snape w?rde Sie bedrohen ?? Zum ersten Mal huschte ein ?ngstliches Zucken ?ber Quirrells Gesicht. ?Manchmal?, sagte er, ?f?llt es mir schwer, den Anweisungen meines Meisters zu folgen ? er ist ein gro?er Zauberer und ich bin schwach ?? ?Sie meinen, er war in diesem Klassenzimmer bei Ihnen?? Harry blieb der Mund offen. ?Er ist bei mir, wo immer ich bin?, sagte Quirrell leise. ?Ich traf ihn bei meiner Reise um die Welt. Damals war ich noch ein einf?ltiger junger Mann, mit dem Kopf voll l?cherlicher Vorstellungen ?ber Gut und B?se. Lord Voldemort hat mir gezeigt, wie falsch ich dachte. Es gibt kein Gut und B?se, es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben ? Seit damals bin ich sein treuer Diener, auch wenn ich ihn viele Male entt?uscht habe. Er musste sehr streng mit mir sein.? Quirrell zitterte pl?tzlich. ?Fehler vergibt er nicht so einfach. Als es mir nicht gelungen ist, den Stein aus Gringotts zu stehlen, war er h?chst ungehalten. Er hat mich bestraft ? und beschlossen, mich n?her im Auge zu behalten ?? Quirrells Stimme verlor sich. Harry fiel der Besuch in der Winkelgasse ein ? wie konnte er nur so dusslig gewesen sein? An jenem Tag hatte er Quirrell dortgesehen und ihm im Tropfenden Kessel die Hand gesch?ttelt. Quirrell fluchte leise vor sich hin. ?Ich verstehe nicht ? ist der Stein im Innern des Spiegels? Sollte ich ihn zerschlagen?? Harry raste der Kopf. Was ich im Augenblick mehr als alles auf der Welt m?chte, dachte er, ist, den Stein vor Quirrell zu finden. Wenn ich in den Spiegel schauen w?rde, m?sste ich mich eigentlich dabei sehen, wie ich den Stein finde. Und das hei?t, ich w?sste, wo er versteckt ist! Doch wie kann ich hineinsehen, ohne dass Quirrell bemerkt, was ich vorhabe? Er versuchte sich ein wenig nach links zu bewegen, um vor das Glas zu kommen, ohne Quirrells Aufmerksamkeit zu erregen, doch die Seile waren zu fest um seine Kn?chel gespannt: Er stolperte und fiel zu Boden. Quirrell achtete nicht auf ihn. Er sprach immer noch mit sich selbst. ?Was tut dieser Spiegel? Wie wirkt er? Hilf mir, Meister!?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 191 von 191 Und zu Harrys Entsetzen antwortete eine Stimme und diese Stimme schien von Quirrell selbst zu kommen. ?Nutze den Jungen ? Nutze den Jungen ?? Quirrell drehte sich zu Harry um. ?Ja, Potter, komm her.? Er klatschte einmal in die H?nde und Harrys Fesseln fielen von ihm ab. Langsam kam Harry auf die Beine. ?Komm her?, wiederholte Quirrell. ?Schau in den Spiegel, und sag mir, was du siehst.? Harry trat zu ihm. ?Ich muss l?gen?, dachte er verzweifelt. ?Ich muss hineinsehen und ihn dar?ber bel?gen, was ich sehe, das ist alles.? Quirrell stellte sich dicht hinter ihn. Harry atmete den merkw?rdigen Geruch ein, der von Quirrells Turban auszugehen schien. Er schloss die Augen, trat vor den Spiegel und ?ffnete sie wieder. Er sah zuerst sein Spiegelbild, bleich und ver?ngstigt. Doch einen Augenblick sp?ter l?chelte ihn das Spiegelbild an. Es schob die Hand in die Tasche und zog einen blutroten Stein hervor. Es zwinkerte ihm zu und lie? den Stein in die Tasche zur?ckgleiten ? und in diesem Moment sp?rte Harry etwas Schweres in seine wirkliche Tasche fallen. Irgendwie ? unfasslicherweise ? besa? er den Stein. ?Nun??, sagte Quirrell ungeduldig. ?Was siehst du?? Harry nahm all seinen Mut zusammen. ?Ich sehe mich, wie ich Dumbledore die Hand sch?ttle?, reimte er sich zusammen. ?Ich ? ich hab den Hauspokal f?r Gryffindor gewonnen.? Quirrell fluchte erneut. ?Aus dem Weg?, sagte er. Harry trat zur Seite und sp?rte den Stein der Weisen an seinem Bein. Konnte er es wagen, zu fliehen? Doch er war keine f?nf Schritte gegangen, als eine hohe Stimme ert?nte, obwohl sich Quirrells Lippen nicht bewegten. ?Er l?gt ? Er l?gt ?? ?Potter, komm hierher zur?ck!?, rief Quirrell. ?Sag mir die Wahrheit! Was hast du gesehen?? ?Lass mich zu ihm sprechen ? von Angesicht zu Angesicht ?? ?Meister, Ihr seid nicht stark genug!? ?Ich habe gen?gend Kraft ? daf?r ?? Harry hatte das Gef?hl, als w?rde ihn eine Teufelsschlinge auf dem Boden anwurzeln. Er konnte keinen Muskel bewegen. Versteinert sah er zu, wie Quirrell die H?nde hob und seinen Turban abwickelte. Was ging da vor? Der Turban fiel zu

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 192 von 192 Boden. Quirrells Kopf sah seltsam klein aus ohne ihn. Dann drehte er sich langsam auf dem Absatz um. Harry h?tte geschrien, aber er brachte keinen Ton hervor. Wo eigentlich Quirrells Hinterkopf h?tte sein sollen, war ein Gesicht, das schrecklichste Gesicht, das Harry jemals gesehen hatte. Es war kreidewei? mit stierenden roten Augen und, einer Schlange gleich, Schlitzen als Nasenl?chern. ?Harry Potter ??, fl?sterte es. Harry versuchte einen Schritt zur?ckzutreten, doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. ?Siehst du, was aus mir geworden ist??, sagte das Gesicht. ?Nur noch Schatten und Dunst ? Ich habe nur Gestalt, wenn ich jemandes K?rper teile ? aber es gibt immer jene, die willens sind, mich in ihre Herzen und K?pfe einzulassen ? Einhornblut hat mich gest?rkt in den letzten Wochen ? du hast den treuen Quirrell gesehen, wie er es im Wald f?r mich getrunken hat ? und sobald ich das Elixier des Lebens besitze, werde ich mir meinen eigenen K?rper erschaffen k?nnen ? Nun ? warum gibst du mir nicht diesen Stein in deiner Tasche?? Er wusste es also. Pl?tzlich str?mte das Gef?hl in Harrys Beine zur?ck. Er stolperte r?ckw?rts. ?Sei kein Dummkopf?, schnarrte das Gesicht. ?Rette besser dein eigenes Leben und schlie? dich mir an ? oder du wirst dasselbe Schicksal wie deine Eltern erleiden ? Sie haben mich um Gnade angefleht, bevor sie gestorben sind ?? ?L?GNER!?, rief Harry pl?tzlich. Quirrell ging r?ckw?rts auf ihn zu, so dass Voldemort ihn im Auge behalten konnte. Das b?se Gesicht l?chelte jetzt. ?Wie r?hrend ??, zischte es. ?Ich wei? Tapferkeit immer zu sch?tzen ? Ja, Junge, deine Eltern waren tapfer ? Ich habe deinen Vater zuerst get?tet und er hat mir einen mutigen Kampf geliefert ? aber deine Mutter h?tte nicht sterben m?ssen ? sie hat versucht dich zu sch?tzen ? Gib mir jetzt den Stein, wenn du nicht willst, dass sie umsonst gestorben ist.? ?NIEMALS!? Harry sprang hin?ber zur Flamment?r, doch Voldemort schrie: ?PACK IHN!?, und im n?chsten Augenblick sp?rte Harry, wie Quirrells Hand sich um sein Handgelenk schloss. Sogleich schoss ein messerscharfer Schmerz durch Harrys Narbe; sein Kopf f?hlte sich an, als wolle er entzweibersten; er schrie und k?mpfte mit aller Kraft und zu seiner ?berraschung lie? Quirrell ihn los. Der Schmerz in seinem Kopf lie? nach ? fiebrig blickte er sich nach Quirrell um und sah ihn vor Schmerz zusammengekauert auf dem Boden sitzen und auf seine Finger starren ? vor seinen Augen trieben sie blutige Blasen. ?PACK IHN! PACK IHN!?, kreischte Voldemort erneut. Mit einem Hechtsprung riss Quirrell Harry von den F??en; Harry fiel auf den R?cken, Quirrell war auf ihm, mit beiden H?nden fest um seinen Hals ? Harrys Narbe machte ihn fast blind vor Schmerz, doch er h?rte, wie Quirrell laut aufschrie. ?Meister, ich kann ihn nicht festhalten ? meine H?nde ? meine H?nde!?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 193 von 193 Und obwohl Quirrell Harry mit den Knien zu Boden presste, lie? er seinen Hals los und starrte entgeistert auf seine Handfl?chen ? die, wie Harry sehen konnte, verbrannt waren und fleischig rot gl?nzten. ?Dann t?te ihn, Dummkopf, und scher dich fort!?, schrie Voldemort. Quirrell hob die Hand, um einen t?dlichen Fluch auszusto?en, doch Harry streckte unwillk?rlich die Hand aus und presste sie auf Quirrells Gesicht. ?AAAARRH!? Quirrell rollte von ihm herunter, nun auch im Gesicht ?bers?t mit Brandblasen, und jetzt wusste Harry: Quirrell konnte seine nackte Haut nicht ber?hren, ohne schreckliche Schmerzen zu leiden ? seine einzige Chance war, Quirrell festzuhalten und ihm anhaltende Qualen zu bereiten, so dass er keinen Fluch aussprechen konnte. Harry sprang auf die F??e, griff Quirrell am Arm und packte so fest zu, wie er konnte. Quirrell schrie und versuchte Harry abzusch?tteln ? der Schmerz in Harrys Kopf wurde immer heftiger ? er konnte nichts mehr sehen ? er konnte nur Quirrells schreckliche Schreie und Voldemorts Rufe h?ren: ?T?TE IHN!T?TE IHN!? ? und auch andere Stimmen, vielleicht in seinem Kopf, die riefen: ?Harry! Harry!? Er sp?rte, wie Quirrells Arm seinem Griff entwunden wurde, wusste, dass nun alles verloren war, und fiel ins Dunkel, tief ? tief ?tief ? Vor seinen Augen glitzerte etwas Goldenes. Der Schnatz! Er versuchte nach ihm zu greifen, doch seine Arme waren zu schwer. Er blinzelte. Es war gar nicht der Schnatz. Es war eine Brille. Wie merkw?rdig. Er blinzelte wieder. Das l?chelnde Gesicht von Albus Dumbledore tauchte verschwommen ?ber ihm auf. ?Guten Tag, Harry?, sagte Dumbledore. Harry starrte ihn an. Dann kam die Erinnerung: ?Sir! Der Stein! Es war Quirrell! Er hat den Stein! Sir, schnell ?? ?Beruhige dich, mein Junge, du bist nicht ganz auf der H?he der Ereignisse?, sagte Dumbledore. ?Quirrell hat den Stein nicht.? ?Wer hat ihn dann? Sir, ich ?? ?Harry, bitte beruhige dich, oder Madam Pomfrey wirft mich am Ende noch hinaus.? Harry schluckte und sah sich um. Er musste im Krankenfl?gel sein. Er lag in einem Bett mit wei?en Leint?chern, und neben ihm stand ein Tisch, der aussah wie ein Marktstand voller S??igkeiten. ?Gaben von deinen Freunden und Bewunderern?, sagte Dumbledore strahlend. ?Was unten in den Kerkern zwischen dir und Professor Quirrell geschehen ist, ist vollkommen geheim, und so wei? nat?rlich die ganze Schule davon. Ich glaube, deine Freunde, die Herren Fred und George Weasley, zeichnen verantwortlich f?r den Versuch, dir einen Toilettensitz zu schicken. Zweifellos dachten sie, es w?rde dich am?sieren. Madam Pomfrey jedoch meinte, er sei vielleicht nicht besonders hygienisch, und hat ihn beschlagnahmt.? ?Wie lange bin ich schon hier??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 194 von 194 ?Drei Tage. Mr Ronald Weasley und Miss Granger werden sehr erleichtert sein, dass du wieder zu dir gekommen bist, sie waren h?chst besorgt.? ?Aber, Sir, der Stein ?? ?Wie ich sehe, l?sst du dich nicht ablenken. Nun gut, der Stein. Professor Quirrell ist es nicht gelungen, dir den Stein abzunehmen. Ich bin rechtzeitig dazugekommen, um dies zu verhindern, obwohl du dich auch allein sehr gut geschlagen hast, muss ich sagen.? ?Sie waren da? Hat Hedwig Sie erreicht?? ?Wir m?ssen uns in der Luft gekreuzt haben. Kaum hatte ich London erreicht, war mir klar, dass ich eigentlich dort sein sollte, wo ich gerade hergekommen war. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um Quirrell von dir herunterzurei?en.? ?Das waren Sie.? ?Ich f?rchtete schon, zu sp?t zu kommen.? ?Sie waren fast zu sp?t, lange h?tte ich ihn nicht mehr vom Stein fernhalten k?nnen.? ?Es ging nicht um den Stein, mein Junge, sondern um dich. Die Anstrengung hat dich fast umgebracht. Einen schrecklichen Moment lang hielt ich dich f?r tot. Und was den Stein angeht, er wurde zerst?rt.? ?Zerst?rt??, sagte Harry best?rzt. ?Aber Ihr Freund, Nicolas Flamel ?? ?Ach, du wei?t von Nicolas??, sagte Dumbledore und klang dabei recht vergn?gt. ?Du hast gr?ndliche Arbeit geleistet. Nun, Nicolas und ich hatten ein kleines Gespr?ch und sind zu dem Schluss gekommen, dass dies das Beste ist.? ?Aber das hei?t, er und seine Frau werden sterben.? ?Sie haben genug Elixier vorr?tig, um ihre Angelegenheiten regeln zu k?nnen, und dann, ja, dann werden sie sterben.? Dumbledore l?chelte beim Anblick von Harrys verbl?fftem Gesicht. ?F?r jemanden, der so jung ist wie du, klingt es gewiss unglaublich, doch f?r Nicolas und Perenelle ist es im Grunde nur, wie wenn sie nach einem sehr, sehrlangen Tag zu Bett gingen. Schlie?lich ist der Tod f?r den gut vorbereiteten Geist nur das n?chste gro?e Abenteuer. Wei?t du, eigentlich war der Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel du dir w?nschst! Die beiden Dinge, welche die meisten Menschen allem andern vorziehen w?rden ? das Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu w?hlen, was am schlechtesten f?r sie ist.? Harry lag da und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Dumbledore summte ein wenig und l?chelte die Decke an. ?Sir??, sagte Harry. ?Ich habe nachgedacht ? Selbst wenn der Stein weg ist, wird Vol-, ich meine, Du-wei?t-schon-wer ?? ?Nenn ihn Voldemort, Harry. Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 195 von 195 ?Ja, Sir. Nun, Voldemort wird versuchen auf anderem Wege zur?ckzukommen. Ich meine, er ist nicht f?r immer auf und davon, oder?? ?Nein, Harry, das ist er nicht. Er ist immer noch irgendwo da drau?en, vielleicht auf der Suche nach einem anderen K?rper, der ihn aufnimmt ? weil er nicht wirklich lebendig ist, kann er nicht get?tet werden. Quirrell hat er dem Tod ?berlassen; seinen Gefolgsleuten erweist er genauso wenig Gnade wie seinen Feinden. Wie auch immer, Harry, vielleicht hast du nur seine R?ckkehr an die Macht hinausgez?gert; er braucht nur jemand anderen, der bereit ist, eine neue Schlacht zu schlagen, bei der er wohl verlieren wird ? und wenn er immer wieder abgewehrt wird, wieder und wieder, vielleicht kehrt er dann nie an die Macht zur?ck.? Harry nickte, hielt aber sogleich inne, denn sein Kopf schmerzte davon. Dann sagte er: ?Sir, es gibt einige andere Dinge, die ich gern wissen m?chte, falls Sie es mir erkl?ren k?nnen ? Dinge, ?ber die ich die Wahrheit wissen will ?? ?Die Wahrheit.? Dumbledore seufzte. ?Das ist etwas Sch?nes und Schreckliches und sollte daher mit gro?er Umsicht behandelt werden. Allerdings werde ich deine Fragen beantworten, au?er wenn ich einen sehr guten Grund habe, der dagegen spricht, und in diesem Falle bitte ich dich um Nachsicht. Ich werde nat?rlich nicht l?gen.? ?Gut ? Voldemort sagte, er h?tte meine Mutter nur get?tet, weil sie ihn daran hindern wollte, mich zu t?ten. Aber warum wollte er mich ?berhaupt t?ten?? Dumbledore seufzte diesmal sehr tief. ?Herrje, gleich das Erste, was du mich fragst, kann ich dir nicht sagen. Nicht heute. Nicht jetzt. Eines Tages wirst du es erfahren ? schlag es dir erst einmal aus dem Kopf, Harry. Wenn du ?lter bist ? Ich wei?, das h?rst du gar nicht gern ? wenn du bereit bist, wirst du es erfahren.? Und Harry wusste, dass es keinen Zweck hatte, zu streiten. ?Aber warum konnte Quirrell mich nicht ber?hren?? ?Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Wenn es etwas gibt, was Voldemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so m?chtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel hinterl?sst. Keine Narbe, kein sichtbares Zeichen ? so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch, der uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig sch?tzen. Es ist deine blo?e Haut, die dich sch?tzt. Quirrell, voll Hass, Gier und Ehrgeiz, der seine Seele mit der Voldemorts teilt, konnte dich aus diesem Grunde nicht anr?hren. F?r ihn war es eine t?dliche Qual, jemanden zu ber?hren, dem etwas so Wunderbares widerfahren ist.? Dumbledore fand nun gro?en Gefallen an einem Vogel, der drau?en auf dem Fenstersims hockte, und Harry hatte Zeit, seine Augen an der Bettdecke zu trocknen. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er: ?Und der Tarnumhang ? wissen Sie, wer mir den geschickt hat?? ?Aah, es traf sich, dass ihn dein Vater mir anvertraut hat, und ich dachte, dir gefiele er vielleicht.? Dumbledore zwinkerte mit den Augen. ?N?tzliche Dinge ?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 196 von 196 dein Vater hat ihn damals meistens genommen, um in die K?che zu huschen und etwas zum Naschen zu stibitzen.? ?Und da ist noch etwas anderes ?? ?Dann schie? los.? ?Quirrell sagte, dass Snape ?? ?Professor Snape, Harry.? ?Ja, er ? Quirrell sagte, er hasst mich, weil er auch meinen Vater hasste. Ist das wahr?? ?Nun, sie haben sich gegenseitig heftig verabscheut. Ganz ?hnlich wie du und Mr Malfoy. Und dann hat dein Vater etwas getan, was ihm Snape nie verzeihen konnte.? ?Was?? ?Er hat sein Leben gerettet.? ?Was?? ?Ja ??, sagte Dumbledore, in Gedanken vertieft, ?merkw?rdig, wie es in den K?pfen der Menschen zugeht. Professor Snape konnte es nicht ertragen, in der Schuld deines Vaters zu stehen ? Ich bin mir sicher, dass er sich dieses Jahr deshalb so bem?ht hat, dich zu sch?tzen, weil er das Gef?hl hatte, dass er und dein Vater dann quitt w?ren. Dann konnte er endlich wieder an deinen Vater denken und ihn in aller Ruhe hassen ?? Harry versuchte das zu verstehen, doch sein Kopf fing davon an zu pochen und er gab es auf. ?Und, Sir, da ist noch etwas ?? ?Nur noch das eine?? ?Wie habe ich den Stein aus dem Spiegel bekommen?? ?Ah, nun, ich freue mich, dass du mich danach fragst. Es war eine meiner vortrefflicheren Ideen, und unter uns gesagt, das will schon was hei?en. Sieh mal, nur jemand, der den Stein finden wollte ? finden, nicht benutzen ?, sollte ihn bekommen k?nnen, die andern w?rden nur sehen, wie sie Gold herstellen oder das Lebenselixier trinken. Mein Hirn ?berrascht mich gelegentlich ? Nun, genug der Fragen. Ich schlage vor, du f?ngst mal an mit diesen S??igkeiten. Ah! Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung! In meiner Jugend hatte ich leider das Pech, auf eine zu sto?en, die nach Erbrochenem schmeckte, und ich f?rchte, seither habe ich meine Schw?che f?r sie verloren ? aber ich denke, mit einer kleinen Toffee-Bohne bin ich auf der sicheren Seite, meinst du nicht?? L?chelnd schob er sich die goldbraune Bohne in den Mund. Kurz darauf w?rgte er sie wieder hervor: ?Meine G?te! Ohrenschmalz!? Madam Pomfrey war eine nette Dame, aber sehr streng. ?Nur f?nf Minuten?, bettelte Harry. ?Kommt nicht in Frage.?

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 197 von 197 ?Sie haben Professor Dumbledore ja auch hereingelassen ?? ?Ja, nat?rlich, er ist der Schulleiter, das ist etwas ganz anderes. Du brauchst Ruhe.? ?Ich ruhe doch, sehen Sie, ich liege im Bett und alles. Ach, bitte, Madam Pomfrey ?? ?Na, meinetwegen?, sagte sie. ?Aber nur f?nf Minuten.? Und sie lie? Ron und Hermine herein. ?Harry!? Hermine schien drauf und dran, ihm schon wieder um den Hals zu fallen, und Harry war froh, dass sie es bleiben lie?, denn der Kopf tat ihm immer noch sehr weh. ?O Harry, wir dachten schon, du w?rdest ? Dumbledore war so besorgt ?? ?Die ganze Schule spricht dar?ber?, sagte Ron. ?Was ist dennwirklich passiert?? Es war eine jener seltenen Gelegenheiten, bei denen die wahre Geschichte noch unerh?rter und aufregender ist als die wildesten Ger?chte. Harry erz?hlte ihnen alles: von Quirrell, vom Spiegel, vom Stein und von Voldemort. Ron und Hermine waren sehr gute Zuh?rer; sie rissen an den richtigen Stellen Mund und Augen auf, und als Harry ihnen erz?hlte, was unter Quirrells Turban zum Vorschein gekommen war, schrie Hermine laut auf. ?Der Stein ist also vernichtet??, sagte Ron schlie?lich. ?Flamel wird einfach sterben?? ?Das habe ich gesagt, aber Dumbledore glaubt, dass ? wie war es noch mal? ? ?f?r den gut vorbereiteten Geist der Tod nur das n?chste gro?e Abenteuer ist?.? ?Ich hab ja immer gesagt, dass er v?llig von der Rolle ist?, sagte Ron und schien recht beeindruckt davon, wie verr?ckt sein gro?es Vorbild war. ?Und was ist mit euch geschehen??, sagte Harry. ?Nun, ich bin rausgekommen?, sagte Hermine. ?Ich habe Ron aufgep?ppelt ? das hat eine Weile gedauert ?, wir sind zur Eulerei hochgerast, um Dumbledore zu benachrichtigen, und da laufen wir ihm in der Eingangshalle ?ber den Weg ? er wusste schon Bescheid und sagte nur: Harry ist hinter ihm her, nicht wahr?, und ist losgesaust in den dritten Stock.? ?Glaubst du, er wollte, dass du es tust??, sagte Ron. ?Wo er dir doch den Umhang deines Vaters geschickt hat und alles?? ?Also?, platzte Hermine los, ?wenn das stimmt ? m?chte ich doch sagen ? das ist schrecklich, du h?ttest umgebracht werden k?nnen.? ?Nein, ist es nicht?, sagte Harry nachdenklich. ?Er ist ein merkw?rdiger Mensch, dieser Dumbledore. Ich glaube, er wollte mir eine Chance geben. Er wei? wohl mehr oder weniger alles, was hier vor sich geht. Ich wette, er hat recht gut geahnt, was wir vorhatten, und anstatt uns aufzuhalten, hat er uns gerade genug beigebracht, um uns zu helfen. Dass er mich herausfinden lie?, wie der Spiegel wirkt, war wohl

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 198 von 198 kein Zufall. Mir kommt es fast so vor, als meinte er, ich h?tte das Recht, mich Voldemort zu stellen, wenn ich konnte ?? ?Ja, Dumbledore ist auf Draht, allerdings?, sagte Ron stolz. ?H?r mal, du musst f?r die Jahresabschlussfeier morgen wieder auf den Beinen sein. Die Punkte sind alle gez?hlt und Slytherin hat nat?rlich gewonnen ? du warst beim letzten Quidditch-Spiel nicht dabei, Ravenclaw hat uns weggeputzt ohne dich ? aber das Essen ist sicher gut.? In diesem Moment kam Madam Pomfrey her?bergewirbelt. ?Ihr habt jetzt fast f?nfzehn Minuten gehabt, nun aber RAUS?, sagte sie bestimmt. Nachdem er die Nacht gut geschlafen hatte, f?hlte sich Harry fast wieder bei Kr?ften. ?Ich m?chte zum Fest?, erkl?rte er Madam Pomfrey, die gerade seine vielen Schachteln mit S??igkeiten aufstapelte. ?Ich kann doch, oder?? ?Professor Dumbledore sagt, es sei dir erlaubt, zu gehen?, sagte sie spitz, als ob ihrer Meinung nach Professor Dumbledore nicht erkannte, wie gesundheitsgef?hrdend Feste sein konnten. ?Und du hast noch einen Besucher.? ?Oh, gut?, sagte Harry. ?Wer ist es?? Kaum hatte er gefragt, schl?pfte Hagrid durch die T?r. Wie immer, wenn er sich in R?umen aufhielt, sah er verboten gro? aus. Er setzte sich neben Harry, warf ihm einen Blick zu und brach in Tr?nen aus. ?Es war ? alles ? mein ? verfluchter ? Fehler!?, schluchzte er, das Gesicht in den H?nden vergraben. ?Ich hab dem b?sen Wicht gesagt, wie er an Fluffy vorbeikommen kann! Ausgerechnet ich! Es war das Einzige, was er nicht wusste, und ich hab?s ihm gesagt. Du h?ttest sterben k?nnen! Und alles f?r ein Drachenei! Ich r?hr kein Glas mehr an! Man sollte mich rausschmei?en und mich zwingen, als Muggel zu leben!? ?Hagrid!?, sagte Harry, entsetzt dar?ber, dass es Hagrid vor Gram und Reue sch?ttelte und gro?e Tr?nen an seinem Bart herunterkullerten. ?Hagrid, er h?tte es schon irgendwie herausgefunden, wir sprechen immerhin von Voldemort, er h?tte es rausgefunden, auch wenn du es ihm nicht gesagt h?ttest.? ?Du h?ttest sterben k?nnen!?, wiederholte Hagrid. ?Und nenn ja nicht den Namen!? ?VOLDEMORT?, br?llte Harry, und Hagrid bekam einen solchen Schreck, dass ihm das Weinen verging. ?Ich hab ihn gesehen und ich nenne ihn bei seinem Namen. Bitte krieg dich wieder ein, wir hatten den Stein, er ist zerst?rt, er kann ihn nicht benutzen. Nimm einen Schokofrosch, ich hab ganze Wagenladungen davon ?? Hagrid wischte sich mit dem Handr?cken die Nase und sagte: ?Da f?llt mir ein ? ich hab ein Geschenk f?r dich.? ?Kein Wiesel-Sandwich, oder??, sagte Harry mit besorgter Miene und endlich lie? Hagrid ein leises Glucksen h?ren.

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 199 von 199 ?Nee. Dumbledore hat mir gestern daf?r freigegeben. H?tt mich nat?rlich stattdessen rausschmei?en sollen ? jedenfalls, das ist f?r dich ?? Es sah aus wie ein sch?nes, in Leder gebundenes Buch. Harry ?ffnete es neugierig. Es war voller Zaubererfotos. Von jeder Seite des Buches l?chelten und winkten ihm seine Mutter und sein Vater entgegen. ?Hab Eulen an alle alten Schulfreunde deiner Eltern geschickt und sie um Fotos gebeten ? Wusste, dass du keine hast ? Magst du es?? Harry brachte kein Wort hervor, doch Hagrid verstand ihn. An diesem Abend ging Harry allein den Weg hinunter zum Jahresabschlussfest. Madam Pomfrey, die noch einigen Wirbel veranstaltet hatte, weil sie ihn noch ein letztes Mal untersuchen wollte, hatte ihn aufgehalten, und so war die Gro?e Halle schon voller Sch?ler. Sie war in den Farben der Slytherins, Gr?n und Silber, ausgeschm?ckt, denn sie hatten den Hauspokal nun im siebten Jahr in Folge gewonnen. Ein riesiges Transparent mit der Slytherin-Schlange bedeckte die Wand hinter dem Hohen Tisch. Als Harry hereinkam, trat ein kurzes Schweigen ein und dann begannen alle auf einmal laut durcheinanderzureden. Er rutschte auf einen Platz am Gryffindor-Tisch zwischen Ron und Hermine und versuchte die Sch?ler nicht zu beachten, die aufstanden, um ihn zu sehen. Gl?cklicherweise kam nur wenige Augenblicke sp?ter Dumbledore herein. Das Geplapper erstarb. ?Wieder ein Jahr vorbei!?, rief Dumbledore ausgelassen. ?Und bevor wir die Z?hne in unser k?stliches Festessen versenken, muss ich euch mit dem schwefligen Geschwafel eines alten Mannes bel?stigen. Was f?r ein Jahr! Hoffentlich sind eure K?pfe ein wenig voller als zuvor ? ihr habt jetzt den ganzen Sommer vor euch, um sie wieder h?bsch leer zu r?umen, bevor das n?chste Schuljahr anf?ngt ? Nun, wie ich es verstehe, muss jetzt dieser Hauspokal ?berreicht werden, und auf der Tabelle sieht es wie folgt aus: an vierter Stelle Gryffindor mit dreihundertundzw?lf Punkten; an dritter Hufflepuff mit dreihundertundzweiundf?nfzig; Ravenclaw hat vierhundertundsechsundzwanzig und Slytherin vierhundertundzweiundsiebzig Punkte.? Vom Tisch der Slytherins brach ein Sturm aus Jubelrufen und Fu?getrappel los. Harry sah Draco Malfoy mit dem Becher auf den Tisch hauen. Von dem Anblick wurde ihm fast schlecht. ?Ja, ja, gut gemacht, Slytherin?, sagte Dumbledore. ?Allerdings m?ssen auch die j?ngsten Ereignisse ber?cksichtigt werden.? In der Halle wurde es sehr leise. Das L?cheln auf den Gesichtern der Slytherins verblasste. Ȁhem?, sagte Dumbledore. ?Ich habe hier noch ein paar letzte Punkte zu vergeben. Schauen wir mal. Ja ? Zuerst ? an Mr Ronald Weasley ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 200 von 200 Ron lief purpurrot an; er sah aus wie ein Radieschen mit einem schlimmen Sonnenbrand. ?? f?r die beste Schachpartie, die in Hogwarts seit vielen Jahren gespielt wurde, verleihe ich Gryffindor f?nfzig Punkte.? Fast hoben die Jubelschreie der Gryffindors die verzauberte Decke noch h?her in die L?fte; die Sterne ?ber ihren K?pfen schienen zu erzittern. Nicht zu ?berh?ren war Percy, der den anderen Vertrauenssch?lern mitteilte: ?Mein Bruder, m?sst ihr wissen! Mein j?ngster Bruder! Ist durch McGonagalls riesiges Schachspiel gekommen!? Endlich kehrte wieder Ruhe ein. ?Zweitens ? Miss Hermine Granger ? f?r den Einsatz k?hler Logik im Angesicht des Feuers verleihe ich Gryffindor f?nfzig Punkte.? Hermine begrub das Gesicht in den Armen; Harry hatte das sichere Gef?hl, dass sie in Tr?nen ausgebrochen war. Tischauf, tischab waren die Gryffindors vollkommen aus dem H?uschen ? sie hatten hundert Punkte mehr. ?Drittens ? Mr Harry Potter ??, sagte Dumbledore. In der Halle wurde es totenstill. ?? f?r seine Unerschrockenheit und seinen ?berragenden Mut verleihe ich Gryffindor sechzig Punkte.? Ein ohrenbet?ubendes Tosen brach los. Wer noch rechnen konnte, w?hrend er sich heiser schrie, wusste, dass Gryffindor jetzt vierhundertundzweiundsiebzig Punkte hatte ? genauso viel wie Slytherin. Sie hatten im Kampf um den Hauspokal Gleichstand erreicht ? h?tte Dumbledore Harry doch nur einen Punkt mehr gegeben. Dumbledore hob die Hand. In der Halle wurde es allm?hlich still. ?Es gibt viele Arten von Mut?, sagte Dumbledore l?chelnd. ?Es verlangt einiges an Mut, sich seinen Feinden entgegenzustellen, doch genauso viel, den eigenen Freunden in den Weg zu treten. Deshalb vergebe ich zehn Punkte an Mr Longbottom.? Jemand drau?en vor der Gro?en Halle w?re vielleicht auf den Gedanken gekommen, dass eine Explosion stattgefunden h?tte, so ohrenbet?ubend war der L?rm, der am Tisch der Gryffindors losbrach. Harry, Ron und Hermine standen jubelnd und schreiend auf, als Neville, wei? vor Schreck, unter einem Haufen Leute begraben wurde, die ihn alle umarmen wollten. Noch nie hatte er auch nur einen Punkt f?r Gryffindor geholt. Harry, immer noch jubelnd, stupste Ron in die Rippen und deutete auf Malfoy, der so aussah, als h?tte ihm gerade jemand die Ganzk?rperklammer auf den Hals gejagt. ?Das hei?t?, rief Dumbledore ?ber den st?rmischen Applaus hinweg, denn auch die Ravenclaws und die Hufflepuffs feierten den Fall von Slytherin, ?wir m?ssen ein wenig umdekorieren.? Er klatschte in die H?nde. Im Nu waren die gr?nen Girlanden scharlachrot und das Silber hatte sich in Gold verwandelt; die riesige Schlange der Slytherins verschwand und ein gewaltiger Gryffindor-L?we trat an ihre Stelle. Snape sch?ttelte Professor McGonagall mit einem schrecklich gezwungenen L?cheln die Hand. Er

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 201 von 201 warf einen Blick zu Harry hin?ber, und Harry wusste sofort, dass sich Snapes Gef?hle ihm gegen?ber nicht um ein Jota ge?ndert hatten. Besorgt war er deshalb nicht. So w?rde das Leben n?chstes Jahr ganz normal weitergehen, so normal jedenfalls, wie es in Hogwarts eben sein konnte. Es war der beste Abend in Harrys Leben, besser noch als der Sieg im Quidditch oder Weihnachten oder Bergtrolle erlegen ? niemals w?rde er diesen Abend vergessen. Fast w?re Harry entfallen, dass die Zeugnisse noch kommen mussten, und sie kamen auch. Zu ihrer gro?en ?berraschung hatten er und Ron mit guten Noten bestanden; Hermine war nat?rlich die Jahresbeste. Selbst Neville, dessen gute Noten in Kr?uterkunde die miserablen in Zaubertr?nke wettmachten, hatte es mit H?ngen und W?rgen geschafft. Gehofft hatten sie, dass Goyle, der fast so dumm war wie fies, vielleicht rausfliegen w?rde, doch auch er schaffte es. Jammerschade, doch wie Ron sagte, man kann im Leben nicht alles haben. Und pl?tzlich waren ihre Schr?nke leer, ihre Koffer gepackt, Nevilles Kr?te wurde in einer Ecke der Toiletten umherkriechend gefunden; alle Sch?ler bekamen Zettel in die Hand, auf denen sie ermahnt wurden, w?hrend der Ferien nicht zu zaubern (?Ich hoffe immer, dass sie diese Zettel mal vergessen?, sagte Fred Weasley entt?uscht); Hagrid stand bereit, um sie zur Bootsflotte hinunterzuf?hren, mit der er sie ?ber den See fuhr; sie bestiegen den Hogwarts-Express; w?hrend sie schwatzten und lachten, wurde das Land allm?hlich gr?ner; sie a?en Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung und sahen Muggelst?dte vorbeiziehen; sie legten ihre Zaubererumh?nge ab und zogen Jacken und M?ntel an; und dann fuhren sie auf Gleis neundreiviertel in den Bahnhof von King?s Cross ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie alle vom Bahnsteig herunter waren. Ein verhutzelter alter Wachmann stand oben an der Fahrkartenschranke und lie? sie jeweils zu zweit oder zu dritt durch das Tor, so dass sie nicht alle auf einmal aus einer festen Mauer herausgepurzelt kamen und die Muggel erschreckten. ?Ihr m?sst uns diesen Sommer ?ber besuchen kommen?, sagte Ron, ?ihr beide ? ich schick euch eine Eule.? ?Danke?, sagte Harry. ?Ich brauche was, auf das ich mich freuen kann.? Unter Geschubse und Gedr?ngel n?herten sie sich dem Tor zur Muggelwelt. Manche von den anderen Sch?lern riefen: ?Tschau, Harry!? ?Bis dann, Potter!? ?Immer noch ber?hmt?, sagte Ron und grinste ihn an. ?Nicht da, wo ich hingehe, das kann ich dir versprechen?, sagte Harry. Er, Ron und Hermine gingen zusammen durch das Tor. ?Da ist er, Mum, da ist er, schau!? Es war Ginny Weasley, Rons kleine Schwester, doch sie deutete nicht auf Ron. ?Harry Potter?, kreischte sie. ?Schau, Mum! Ich kann ihn sehen ??

HARRY POTTER und der Stein der Weisen Seite 202 von 202 ?Sei leise, Ginny, und man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute.? Mrs Weasley l?chelte ihnen entgegen. ?Ein anstrengendes Jahr hinter euch??, sagte sie. ?Sehr?, sagte Harry. ?Danke f?r die Pl?tzchen und den Pulli, Mrs Weasley.? ?Ach, gern geschehen, mein Junge.? ?Bist du bereit?? Es war Onkel Vernon, immer noch purpurrot im Gesicht, immer noch mit Schnurrbart, immer noch w?tend dar?ber, wie Harry nur so gelassen einen K?fig mit einer Eule in einem Bahnhof voller normaler Menschen herumtragen konnte. Hinter ihm standen Tante Petunia und Dudley, entsetzt beim blo?en Anblick von Harry. ?Sie m?ssen Harrys Familie sein?, sagte Mrs Weasley. ?Man mag es so ausdr?cken?, sagte Onkel Vernon. ?Beeil dich, Junge, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.? Er schritt davon. Harry blieb f?r ein Abschiedswort bei Ron und Hermine stehen. ?Wir sehen uns dann im Sommer.? ?Ich hoffe, du hast ? ?hm ? sch?ne Ferien?, sagte Hermine und sah ein wenig zweifelnd Onkel Vernon nach, entsetzt dar?ber, dass jemand so unfreundlich sein konnte. ?Oh, ganz bestimmt?, sagte Harry, und sie waren ?berrascht, dass sich ein verschmitztes L?cheln ?ber sein Gesicht breitete. ?Diewissen ja nicht, dass wir zu Hause nicht zaubern d?rfen. Ich werde diesen Sommer viel Spa? haben mit Dudley ??
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