Joanne K.Rowling - [Harry Potter 5] - Harry Pot..

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Joanne K. Rowling
HARRY POTTER
und der Orden des Phönix
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
CARLSEN

Das Papier dieser Ausgabe wurde nach strengen Umweltrichtlinien
hergestellt und ist recyclebar; der Rohstoff stammt aus kontrolliertem
schwedischem Waldanbau.
12 3 4 05 04 03
Alle deutschen Rechte bei Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2003
Originaltextcopyright ©Joanne K. Rowling 2003
Originalverlag: Bloomsbury Publishing Plc, London 2003
Originaltitel: Harry Potter and the Order of the Phoenix
Harry Potter, names, characters and related indicia arc Copyright and
trademark Warner Bros.
Harry Potter Publishing rights are Copyright JK Rowling. Umschlagge-
staltung: Doris K. Künster Umschlagillustration: Sabine Wilharm
Satz: Dörlemann Satz, Lemfördc
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
ISBN 3-551-55555-9
Printed in Germany

Für Neil, Jessica und David, die
meine Welt verzaubern

Dudley umnachtet
Der bislang heißeste Tag des Sommers neigte sich dem Ende zu und
eine schläfrige Stille lag über den großen wuchtigen Häusern des Li-
gusterwegs. Autos, die normalerweise glänzten, standen staubig in den
Einfahrten, und Rasenflächen, die einst smaragdgrün waren, lagen ver-
dorrt und gelbstichig da – wegen der Dürre war es verboten worden,
sie mit Gartenschläuchen zu wässern. Die Bewohner des Ligusterwegs,
die sich nun nicht mehr wie üblich mit Autowaschen und Rasenmähen
die Zeit vertreiben konnten, hatten sich in die Schatten ihrer kühlen
Häuser zurückgezogen und die Fenster weit aufgestoßen in der Hoff-
nung, eine vermeintliche Brise hereinzulocken. Der einzige Mensch,
der noch draußen war, ein Teenager, lag in einem Blumenbeet vor
Nummer vier flach auf dem Rücken.
Es war ein schlaksiger, schwarzhaariger Junge mit Brille, der ausge-
zehrt und leicht ungesund wirkte wie jemand, der in kurzer Zeit recht
schnell gewachsen war. Seine Jeans war dreckig und zerrissen, sein T-
Shirt ausgeleiert und verblichen, und die Sohlen seiner Turnschuhe schäl-
ten sich vom Oberleder. Harry Potters Äußeres machte ihn nicht lie
b-
kind bei den Nachbarn, jener Sorte von Menschen, die meinten, Schmud-
deligkeit gehöre gesetzlich bestraft, doch da er sich an diesem Abend hin-
ter einem großen Hortensienbusch versteckt hatte, war er für Passanten
gänzlich unsichtbar. Tatsächlich konnten ihn nur Onkel Vernon und
Tante Petunia sehen, falls sie di e Köpfe aus dem Wohnzimmerfenster
streckten und senkrecht nach un ten ins Blumenbeet schauten.
Alles in allem, dachte Harry, konnte man ihm zu seiner Idee, sich hier
zu verstecken, nur gratulieren. Vielleicht war es nicht sonderlich bequem,
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wie er da auf der heißen, harten Erde lag, doch immerhin stierte ihn nie-
mand finster an und knirschte so laut mit den Zähnen, daß er die Nach-
richten nicht hören konnte, oder warf ihm gehässige Fragen an den Kopf,
wie es noch jedes Mal geschehen war, wenn er versucht hatte, sich ins
Wohnzimmer zu setzen und mit Tante und Onkel fernzusehen.
Als wäre Harrys Gedanke durchs offene Fenster geflattert, fing Ver-
non Dursley, sein Onkel, plötzlich an zu reden.
»Bin froh, daß der Bursche nicht mehr versucht, sich hier breit zu ma-
chen. Übrigens, wo steckt er eigentlich?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Tante Petunia beiläufig. »Nicht im Haus je-
denfalls.« Onkel Vernon grunzte.
»Die Nachrichten gucken …«, höhnte er. »Möchte wissen, was er wirk-
lich im Schilde führt. Ein normaler Junge pfeift doch drauf, was in den
Nachrichten kommt – Dudley hat keine Ahnung, was in der Welt pas-
siert. Bin mir nicht mal
sicher, ob er weiß, wer der Premierminister
ist! Jedenfalls siehtʹs nicht so aus, als käme irgendwas über seine
Sippschaft in unseren Nachrichten –«
»Vernon, schhh!«, sagte Tante Petunia. »Das Fenster steht offen!«
»Oh – ja – Verzeihung, Liebling.«
Die Dursleys verstummten. Harry lauschte einem Werbesong für
Obst-und-Kleie-Frühstücksflocken, während er Mrs. Figg, eine schrul-
lige alte Dame aus dem nahen Glyzinenweg, langsam vorbeitappen
sah. Sie blickte finster drein und murmelte vor sich hin. Harry war sehr
froh, daß er hinter dem Busch versteckt lag, weil Mrs. Figg ihn seit kur-
zem jedes Mal wenn sie ihn auf der Straße traf, zu sich nach Hause
zum Tee einlud. Sie war um die Ecke gebogen und verschwunden, als
Onkel Vernons Stimme erneut aus dem Fenster schwebte.
»Duddy ist zum Tee eingeladen?«
»Bei den Polkissens«, sagte Tante Petunia liebevoll. »Er hat so viele
kleine Freunde, beliebt, wie er ist …«
Mit Mühe verkniff sich Harry ein Schnauben. Die Dursleys waren
wirklich erstaunlich dumm, wenn es um ihren Sohn Dudley ging. All
seine fadenscheinigen Lügen, er wäre jeden Abend der Sommerferien
bei einem anderen Typen aus seiner Gang zum Tee, hatten sie ge-
schluckt. Harry wußte genau, daß Dudley nirgends zum Tee war; er
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und seine Gang verbrachten jeden Abend damit, den Spielplatz im
Park zu demolieren, an Straßenecken zu rauchen und Steine auf vorbei-
kommende Autos und Kinder zu werfen. Harry hatte sie während sei-
ner abendlichen Streifzüge durch Little Whinging dabei beobachtet; er
hatte den größten Teil der Ferien damit verbracht, durch die Straßen zu
ziehen und unterwegs Zeitungen aus den Mülleimern zu klauben.
Als die ersten Töne der Melodie für die Sieben-Uhr-Nachrichten an
Harrys Ohr drangen, drehte sich ihm der Magen um. Vielleicht heute
Abend – nachdem er einen Monat gewartet hatte –, vielleicht war es
heute so weit.
»Während der Streik der spanischen Gepäckabfertiger in die zweite Woche
geht, sitzen so viele Urlauber wie noch nie auf den Flughäfen fest –«
»Denen würde ich eine lebenslange Siesta verpassen, wenn du mich
fragst«, knurrte Onkel Vernon, kaum daß der Sprecher den Satz vollen-
det hatte, und doch: Draußen im Blumenbeet schien sich Harrys Magen
wieder zu entspannen. Wenn irgend etwas passiert wäre, dann hätten
sie es sicher als Erstes in den Nachrichten gebracht; Tod und Zerstö-
rung waren wichtiger als gestrandete Urlauber.
Er atmete lange und ruhig aus und blickte in den strahlend blauen
Himmel. Diesen Sommer war es Tag für Tag das Gleiche gewesen: die
Spannung, die Erwartung, die zeitweilige Erleichterung und dann er-
neut die wachsende Spannung … und stets drängender die Frage,
warum noch nichts passiert war.
Er lauschte weiter, nur für den Fall, daß es einen kleinen Hinweis
gab, dessen ganze Bedeutung den Muggeln entging – ein rätselhaftes
Verschwinden vielleicht, oder ein merkwürdiger Unfall … aber dem
Streik der Gepäckabfertiger folgte eine Meldung über die Dürre im
Südosten Englands (»Hoffentlich hört der nebenan zu!«, bellte Onkel
Vernon. »Der mit seinen Sprinklern, die er um drei Uhr morgens an-
stellt!«), dann über einen Hubschrauber, der beinahe über einem Feld
in Surrey abgestürzt war, schließlich über die Scheidung einer promi-
nenten Schauspielerin von ihrem prominenten Mann (»Als ob wir an
deren schmutzigen Affären interessiert wären«, naserümpfte Tante
Petunia, die diesen Fall in jeder Illustrierten, die ihr unter die knochi-
gen Finger kam, gebannt verfolgte).
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Harry schloß die Augen vor dem jetzt flammenden Abendhimmel,
während der Sprecher sagte: »— und schließlich hat Wally der Wellensit-
tich sich etwas Neues einfallen lassen, wie er sich diesen Sommer abkühlen
kann. Wally, der auf den Five Feathers in Barnsley lebt, hat Wasserski gelernt!
Mary Dorkins hat sich dort für Sie umgeschaut.«
Harry öffnete die Augen. Wenn sie schon bei Wasserski fahrenden
Wellensittichen waren, würde nichts Hörenswertes mehr kommen. Er
drehte sich vorsichtig auf den Bauch und stemmte sich auf Knie und
Ellbogen, um unter dem Fenster wegzukriechen.
Er hatte sich gerade mal fünf Zentimeter bewegt, als mehrere Dinge
in sehr rascher Folge passierten.
Ein lauter, widerhallender Knall zerriß die schläfrige Stille wie ein Pi-
stolenschuß; eine Katze sauste unter einem geparkten Wagen hervor und
stob davon; ein spitzer Schrei, ein gellender Fluch und das Geräusch von
zerbrechendem Porzellan drangen aus dem Wohnzimmer der Dursleys.
Als sei dies das Signal, auf das Harry gewartet hatte, schnellte er hoch
und zog einen dünnen hölzernen Zauberstab aus seinem Jeansbund wie
ein Schwert aus der Scheide – doch bevor er sich ganz aufrichten konnte,
krachte er mit der Schädeldecke gegen das offene Fenster der Dursleys.
Es
rumste und Tante Petunia kreischte noch lauter.
Harry hatte das Gefühl, als wäre sein Kopf entzweigespalten.
Schwankend, mit tränenden Augen, versuchte er den Blick auf die
Straße zu richten, um die Quelle des Lärms auszumachen, doch kaum
hatte er sich stolpernd erhoben, langten zwei große, purpurrote Hände
durchs offene Fenster und schlossen sich fest um seine Kehle.
»Tu – das – Ding – weg!«, schnarrte Onkel Vernon in Harrys Ohr. »So-
fort! Bevor – es – jemand – sieht!«
»Laß – mich – los!«, keuchte Harry. Einige Sekunden lang rangen sie
miteinander. Harry, der mit der rechten Hand den erhobenen Zauber-
stab fest umklammerte, zog mit der linken an den Wurstfingern seines
Onkels; dann, in dem Moment, als der Schmerz an Harrys Schädel-
decke besonders fies pochte, japste Onkel Vernon plötzlich und ließ
Harry los, als ob er einen elektrischen Schlag bekommen hätte. Eine
unsichtbare Kraft schien durch seinen Neffen pulsiert zu sein, so daß er
ihn unmöglich weiter festhalten konnte.
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Keuchend fiel Harry bäuchlings über den Hortensienbusch, richtete
sich auf und spähte umher. Was den lauten Knall verursacht haben
könnte, war nicht im Entferntesten zu erkennen, aber inzwischen lug-
ten Gesichter aus einigen Fenstern in der Nachbarschaft. Harry steckte
hastig seinen Zauberstab in die Jeans und versuchte, eine Unschulds-
miene aufzusetzen.
»Wunderbarer Abend!«, rief Onkel Vernon und winkte Mrs. Nummer
sieben von gegenüber zu, die durch ihre Netzvorhänge böse herüber-
funkelte. »Haben Sie eben diesen Auspuffknall gehört? Hat Petunia
und mir einen schönen Schreck eingejagt!«
Er grinste unentwegt auf schreckliche, besessene Art umher, bis all
die neugierigen Nachbarn von ihren Fenstern verschwunden waren,
dann winkte er Harry zu sich heran, und aus dem Grinsen wurde eine
wutentbrannte Grimasse.
Harry trat ein paar Schritte näher und achtete darauf, kurz vor dem
Punkt Halt zu machen, an dem Onkel Vernons ausgestreckte Hände
ihn wieder würgen konnten.
»Was zum Teufel soll das, Bursche?«, fragte Onkel Vernon mit heise-
rer, vor Wut zitternder Stimme.
»Was soll was?«, sagte Harry kühl. Er blickte unablässig links und
rechts die Straße entlang, immer noch in der Hoffnung herauszufinden,
von wem der Knall stammte.
»Einen Lärm machen, als ginge eine Pistole los, und das direkt vor
unserem –«
»Den Lärm hab ich nicht gemacht«, sagte Harry entschieden.
Neben Onkel Vernons breitem, puterrotem Gesicht tauchte jetzt Tante
Petunias schmales Pferdegesicht auf. Sie war aschgrau.
»Warum hast du unter unserem Fenster herumgelungert?«
»Ja – ja, gute Frage, Petunia! Was hast du unter unserem Fenster getrie-
ben, Bursche ?«
»Die Nachrichten gehört«, sagte Harry mit resignierter Stimme. Tante
und Onkel tauschten empörte Blicke.
»Die Nachrichten gehört! Schon wieder?«
»Naja, es gibt doch jeden Tag neue, oder?«, sagte Harry.
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»Spiel mir hier nicht den Neunmalklugen, Bursche! Ich will wissen,
was du wirklich im Schilde führst – und hör mir bloß auf mit diesem
Quatsch von wegen die Nachrichten hören! Du weißt genau, daß deine
Sippschaft –«
»Vorsicht, Vernon!«, hauchte Tante Petunia, und Onkel Vernon senkte
die Stimme, bis Harry ihn kaum noch hören konnte – »daß deine Sipp-
schaft nicht in unsere Nachrichten kommt!«
»Das meinst du wohl«, sagte Harry.
Die Dursleys glotzten ihn ein paar Sekunden an, dann schimpfte
Tante Petunia: »Du bist ein gemeiner kleiner Lügner. Was treiben denn
all diese –«, auch sie senkte die Stimme, so daß Harry das nächste Wort
von ihren Lippen ablesen mußte, »– Eulen hier, wenn sie dir keine
Nachrichten bringen?«
»Aha!«, flüsterte Onkel Vernon triumphierend. »Jetzt laß dir dazu
mal eine Ausrede einfallen, Bursche! Als ob wir nicht wüßten, daß du
deine ganzen Nachrichten von diesen ekelhaften Vögeln bekommst!«
Harry zögerte einen Moment. Es kostete ihn einige Überwindung,
diesmal die Wahrheit zu sagen, obwohl Onkel und Tante unmöglich
wissen konnten, wie schlimm es für ihn war, sie einzugestehen.
»Die Eulen … bringen mir keine Nachrichten«, antwortete er tonlos.
»Das glaub ich nicht«, sagte Tante Petunia sofort.
»Und ich auch nicht«, bestätigte Onkel Vernon.
»Wir wissen, daß du irgendein krummes Ding vorhast«, sagte Tante
Petunia.
»Wir sind schließlich nicht blöde, verstehst du«, sagte Onkel Vernon.
»Na, das ist ja mal ʹne Neuigkeit«, erwiderte Harry mit anschwellen-
dem Zorn, und bevor die Dursleys ihn zurückrufen konnten, wirbelte
er herum, lief über den Rasen, sprang über die niedrige Gartenmauer
und ging mit großen Schritten die Straße entlang davon.
Das gab Ärger, so viel war sicher. Er würde Onkel und Tante später
Rede und Antwort stehen und für seine Frechheit bezahlen müssen,
doch fürs Erste war ihm das ziemlich schnuppe; er hatte viel dringen-
dere Angelegenheiten im Kopf.
Harry war sich sicher, daß der Knall von jemandem herrührte, der
appariert oder disappariert war. Es war genau das Geräusch, das
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Dobby der Hauself machte, wenn er ins Blaue hinein verschwand.
Konnte Dobby denn hier im Ligusterweg sein? Folgte ihm Dobby viel-
leicht genau in diesem Moment? Bei diesem Gedanken schnellte er
herum und spähte zurück, doch der Ligusterweg schien vollkommen
ausgestorben, und Harry war sicher, daß Dobby nicht wußte, wie man
sich unsichtbar machte.
Er ging weiter und achtete dabei kaum auf den Weg, den er ein-
schlug, denn er hatte diese Straßen in letzter Zeit so oft durchstreift,
daß ihn seine Füße wie von allein zu seinen Lieblingsplätzen trugen.
Alle paar Schritte warf er einen Blick über die Schulter. Ein magisches
Wesen hatte sich in seiner Nähe aufgehalten, als er zwischen Tante
Petunias sterbenden Begonien gelegen hatte, das war sicher. Warum
hatte es ihn nicht angesprochen, warum hatte es keine Verbindung auf-
genommen, warum versteckte es sich jetzt?
Und dann, als seine Enttäuschung ihren Höhepunkt erreicht hatte,
schwand plötzlich diese Gewißheit.
Vielleicht war es doch kein magisches Geräusch gewesen. Vielleicht
wartete er nur so verzweifelt auf das kleinste Zeichen aus einer Welt, in
die er gehörte, daß er bei ganz gewöhnlichen Geräuschen einfach über-
reagierte. Konnte er sicher sein, daß der Lärm nicht daher rührte, daß
in einem Nachbarhaus etwas zu Bruch gegangen war?
Harry hatte ein dumpfes, flaues Gefühl im Magen, und unversehens
überfiel ihn wieder die Hoffnungslosigkeit, die ihn den ganzen Som-
mer über geplagt hatte.
Morgen früh um fünf würde der Wecker ihn aus dem Schlaf reißen,
damit er die Eule bezahlen konnte, die ihm den Tagespropheten brachte
– aber hatte es noch einen Zweck, ihn weiter zu beziehen? Harry
schaute dieser Tage nur kurz auf die Titelseite und warf ihn dann bei-
seite; wenn diese Trottel von der Zeitung endlich erkannt hatten, daß
Voldemort zurück war, würde das Schlagzeilen machen, und nur sol-
che Nachrichten scherten Harry.
Zwar kamen, wenn er Glück hatte, auch Eulen mit Briefen von seinen
besten Freunden Ron und Hermine, aber all seine Erwartungen, daß
ihre Briefe Neuigkeiten für ihn enthalten würden, waren schon lange
zunichte.
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Wir können nicht viel über Du-weißt-schon-was sagen, verstehst du
… Man hat uns gesagt, daß wir nichts Wichtiges schreiben dürfen, falls
unsere Briefe in die falschen Hände gelangen … Wir sind ziemlich be-
schäftigt, aber ich kann dir hier nichts Genaues schreiben … Es geht ei-
niges ab, wir erzählen dir alles, wenn wir dich treffen …
Aber wann würden sie ihn treffen? Niemand schien sich groß um ei-
nen festen Termin zu kümmern. Ich denke, wir besuchen dich ziemlich
bald, hatte Hermine auf seine Geburtstagskarte geschrieben, aber wie
bald war bald? Soviel Harry aus den vagen Hinweisen in ihren Briefen
schließen konnte, waren Hermine und Ron am selben Ort, vermutlich
im Haus von Rons Eltern. Er konnte es kaum ertragen, daran zu den-
ken, wie die beiden im Fuchsbau ihren Spaß hatten, während er im Li-
gusterweg festsaß. Tatsächlich war er so sauer auf sie, daß er die beiden
Schachteln mit Schokolade aus dem Honigtopf, die sie ihm zum Ge-
burtstag geschickt hatten, ungeöffnet weggeworfen hatte. Später hatte
er es bereut, nach dem welken Salat, den Tante Petunia am selben
Abend noch zum Essen aufgetischt hatte.
Womit waren Ron und Hermine eigentlich so beschäftigt? Und
warum war er, Harry, nicht beschäftigt? Hatte er nicht bewiesen, daß er
mit viel mehr fertig werden konnte als sie? Hatten sie alle vergessen,
was er getan hatte? War es nicht er gewesen, der diesen Friedhof betre-
ten und gesehen hatte, wie Cedric ermordet wurde, und der an diesen
Grabstein gefesselt wurde und fast umgebracht worden wäre?
Denk nicht drüber nach, ermahnte sich Harry streng und zum hun-
dertsten Mal in diesem Sommer. Schlimm genug, daß er den Friedhof
in seinen Alpträumen immer wieder besuchte, da brauchte er in seinen
wachen Momenten nicht auch noch darüber nachzubrüten.
Er bog um eine Ecke und war nun auf dem Magnolienring; auf halbem
Weg die Straße entlang kam er an der schmalen Gasse vorbei, die an einer
Garage entlangführte und in der er zum ersten Mal seinen Paten gesehen
hatte. Sirius zumindest schien zu verstehen, wie Harry sich fühlte. Zuge-
geben, seine Briefe enthielten ebenso wenig handfeste Neuigkeiten wie
die von Ron und Hermine, aber wenigstens schrieb er ihm zur Vorsicht
mahnende und tröstende Worte statt quälender Andeutungen:
Ich weiß,
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das muß frustrierend für dich sein … Halt die Ohren steif dann wird schon al-
les gut gehen … Sei vorsichtig und tu nichts Unbesonnenes…
Immerhin, dachte Harry, während er den Magnolienring überquerte,
in die Magnolienstraße einbog und auf den nun schon im Dunkeln lie-
genden Park mit dem Spielplatz zuging, immerhin hatte er (im Wesent-
lichen) befolgt, was Sirius ihm geraten hatte. Zumindest hatte er der
Versuchung widerstanden, den Koffer an seinen Besen zu binden und
sich auf eigene Faust auf die Reise zum Fuchsbau zu machen. Im
Grunde hatte er sich sehr gut verhalten, wenn er überlegte, wie ent-
täuscht und zornig er darüber war, so lange im Ligusterweg festzusit-
zen, wo er nichts weiter unternehmen konnte, als sich in Blumenbeeten
zu verstecken, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu erlauschen,
was Lord Voldemort gerade machte. Dennoch wurmte es ihn, daß ihn
ausgerechnet ein Mann vor Unbesonnenheiten warnte, der zwölf Jahre
im Zauberergefängnis von Askaban gesessen hatte, der entkommen
war, daraufhin den Mord begehen wollte, für den man ihn ursprüng-
lich verurteilt hatte, und schließlich mit einem gestohlenen Hippogreif
geflohen war.
Harry schwang sich über das geschlossene Parktor und überquerte den
verdorrten Rasen. Der Park war so menschenleer wie die Straßen in der
Nachbarschaft. Er erreichte die Schaukeln und ließ sich auf einer davon
nieder, der letzten, die Dudley und seine Freunde noch nicht demoliert
hatten, schlang einen Arm um die Kette und starrte trübsinnig auf die
Erde. Im Blumenbeet der Dursleys würde er sich nicht mehr verstecken
können. Morgen mußte er sich etwas Neues einfallen lassen, wie er die
Nachrichten hören konnte. Bis dahin hatte er nichts, auf das er sich
freuen konnte, nur eine weitere unruhige, sorgenvoll durchwälzte Nacht,
denn selbst wenn er von Alpträumen um Cedric verschont blieb, plagten
ihn schreckliche Träume von langen schwarzen Korridoren, die alle an
Mauern und verschlossenen Türen endeten, was, wie er vermutete, etwas
zu tun hatte mit dem Gefühl, in der Falle zu sitzen, das ihn am Tage
quälte. Seine alte Stirnnarbe ziepte oft unangenehm, aber Ron oder Her-
mine oder Sirius, da machte er sich nichts vor, würden dies nicht mehr
sonderlich spannend finden. Früher hatten ihn die Narbenschmerzen ge-
warnt, wenn Voldemort wieder stärker wurde, doch nun, da Voldemort
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zurückgekehrt war, würden seine Freunde ihm wohl nur zu verstehen
geben, daß es sie nicht überraschte, wenn die Narbe ständig gereizt war
… kein Grund zur Sorge … Schnee von gestern …
Das Gefühl, wie ungerecht das alles war, staute sich in ihm auf, und
er hätte am liebsten vor Wut geschrien. Wenn er nicht gewesen wäre,
hätte überhaupt niemand erfahren, daß Voldemort zurück war! Und
zur Belohnung saß er vier geschlagene Wochen lang in Little Whinging,
völlig abgeschnitten von der magischen Welt, dazu verurteilt, zwischen
welken Begonien zu kauern, nur um Neuigkeiten über Wasserski fah-
rende Wellensittiche zu hören. Wie konnte Dumbledore ihn nur einfach
so vergessen? Wieso hatten Ron und Hermine sich getroffen, ohne ihn
einzuladen? Wie lange noch mußte er sich von Sirius sagen lassen, er
solle die Ohren steif halten und ein braver Junge sein; oder der Versu-
chung widerstehen, an den blöden Tagespropheten zu schreiben und de-
nen klar zu machen, daß Voldemort zurückgekehrt war? Solch wilde
Gedanken wirbelten durch Harrys Kopf, und seine Eingeweide verkno-
teten sich vor Zorn, während eine schwüle, samtene Nacht sich über
ihn senkte, in der die Luft schwer war vom Geruch warmen, trockenen
Grases und einzig das leise Rauschen des Verkehrs auf der Straße hin-
ter den Parkgittern zu hören war.
Er wußte nicht, wie lange er auf der Schaukel gesessen hatte, als das
Geräusch von Stimmen seine Grübeleien unterbrach und er aufblickte.
Die Laternen der angrenzenden Straßen spendeten dunstiges Licht,
stark genug, um die Umrisse einer Gruppe von Leuten hervortreten zu
lassen, die auf dem Weg durch den Park waren. Einer von ihnen sang
ein lautes und wüstes Lied. Die anderen lachten. Ein leises Ticken kam
von mehreren teuren Rennrädern, die sie mit sich schoben.
Harry wußte, wer diese Leute waren. Die Gestalt vorne war unver-
kennbar sein Cousin Dudley Dursley auf dem Weg nach Hause, beglei-
tet von seiner treuen Gang.
Dudley hatte so gewaltige Maße wie eh und je, doch ein Jahr strenger
Diät und die Entdeckung eines neuen Talents hatten seine Statur deut-
lich verändert. Wie Onkel Vernon allen, die es hören wollten, entzückt
erzählte, war Dudley vor kurzem bei den Schulmeisterschaften im Süd-
westen der Boxchampion im Juniorenschwergewicht geworden. »Der
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edle Sport«, wie Onkel Vernon ihn nannte, hatte aus Dudley eine noch
furchterregendere Gestalt gemacht, als er es zu Harrys Grundschulzeit
gewesen war, wo er als Dudleys erster Punchingball hatte herhalten
müssen. Harry hatte nicht die geringste Angst mehr vor seinem Cou-
sin, doch wollte er trotzdem nicht glauben, daß ein Dudley, der lernte,
noch härter und gezielter zuzuschlagen, ein Grund zum Feiern sein
sollte. In der ganzen Nachbarschaft hatten die Kinder fürchterliche
Angst vor ihm – sogar mehr noch als vor »diesem Potter-Jungen«, der,
wie man sie gewarnt hatte, ein abgebrühter Hooligan war und ins St.-
Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen ging.
Harry beobachtete, wie die dunklen Gestalten den Rasen überquer-
ten, und fragte sich, wen sie heute Abend verprügelt hatten. Schaut
euch um, fuhr es Harry unwillkürlich durch den Kopf, während er ih-
nen mit den Augen folgte. Kommt schon … schaut euch um … ich sitze
hier ganz allein … kommt und zeigt’s mir …
Wenn Dudleys Freunde ihn hier sitzen sähen, würden sie sicher gera-
dewegs auf ihn losgehen, und was würde Dudley dann tun? Vor seiner
Gang wollte er gewiß nicht das Gesicht verlieren, aber er würde
schreckliche Angst haben, Harry zu provozieren … wie herrlich es
wäre, Dudley so hin- und hergerissen zu sehen, ihn zu reizen, zu beob-
achten, wie er die Kraft nicht aufbrachte, ihm etwas entgegenzusetzen
… und falls einer der anderen versuchte, Harry zu schlagen, war er
vorbereitet – er hatte seinen Zauberstab. Sollten sie doch kommen …
liebend gern würde er ein wenig von seinem Frust an den Jungen aus-
lassen, die sein Leben einst zur Hölle gemacht hatten.
Aber sie drehten sich nicht um, sie sahen ihn nicht, hatten fast schon
das Gitter erreicht. Harry bezwang den Impuls, ihnen nachzurufen …
eine Schlägerei anzuzetteln, war nicht klug … er durfte seine magi-
schen Kräfte nicht einsetzen … er würde wieder einmal den Rauswurf
riskieren.
Die Stimmen von Dudleys Gang erstarben; die Jungen waren außer
Sicht, auf dem Weg die Magnolienstraße entlang.
Da siehst du’s mal, Sirius, dachte Harry dumpf. Nichts Unbesonne-
nes. Hab die Ohren steif gehalten. Genau das Gegenteil von dem, was
du getan hättest.
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Er hüpfte von der Schaukel und streckte sich. Tante Petunia und On-
kel Vernon schienen der Meinung, wann auch immer Dudley auf-
tauchte, sei die richtige Zeit, um nach Hause zu kommen, und alles da-
nach sei viel zu spät. Onkel Vernon hatte gedroht, Harry im Schuppen
einzusperren, wenn er je wieder nach Dudley heimkam, und so unter-
drückte Harry ein Gähnen und machte sich mit immer noch finsterer
Miene auf den Weg zum Parktor.
Die Magnolienstraße war wie der Ligusterweg gesäumt von großen,
wuchtigen Häusern mit tadellos manikürten Rasenstücken, alle von
dicken, vierschrötigen Eigenheimbesitzern gemäht, die sehr saubere
Autos ähnlich dem von Onkel Vernon fuhren. Harry war Little Whin-
ging am Abend lieber, wenn die gardinenbewehrten Fenster juwelen-
helle Farbflecke in die Dunkelheit tupften und er nicht Gefahr lief, miß-
billigendes Murmeln über seine »Sträflingserscheinung« zu hören,
wenn er an den Hausbesitzern vorbeikam. Er ging rasch, so daß auf
halber Strecke durch die Magnolienstraße Dudleys Gang wieder in
Sicht kam; sie verabschiedeten sich an der Einmündung zum Magnoli-
enring. Harry trat in den Schatten eines großen Fliederbusches und
wartete.
»… hat gequiekt wie ’ne Sau, was?«, sagte Malcolm unter dem schal-
lenden Gelächter der anderen.
»Hübscher rechter Haken, Big D«, sagte Piers.
»Morgen selbe Zeit?«, sagte Dudley.
»Dann bei mir, meine Eltern gehen aus«, sagte Gordon.
»Also bis dann«, sagte Dudley.
»Tschüß, Dud!«
»Wir sehn uns, Big D!«
Harry blieb noch stehen, bis der Rest der Gang weitergelaufen war.
Als ihre Stimmen wieder leiser geworden waren, bog er um die Ecke in
den Magnolienring, und da er sehr rasch ging, kam er bald in Rufweite
zu Dudley, der selbstzufrieden einherschlenderte und melodielos vor
sich hin summte.
»Hey, Big D!«
Dudley drehte sich um.
»Oh«, grunzte er. »Du bist’s.«
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»Seit wann bist du eigentlich ›Big D‹?«, sagte Harry.
»Klappe«, raunzte Dudley und wandte sich ab.
»Cooler Name«, sagte Harry grinsend und holte seinen Cousin ein.
»Aber für mich wirst du immer der ›putzige Duddywutz‹ sein.«
»KLAPPE, hab ich gesagt!«, blaffte Dudley, die schinkengleichen
Hände zu Fäusten geballt.
»Wissen die Jungs nicht, daß deine Mami dich so nennt?«
»Halt die Fresse.«
»Du sagst ihr doch auch nicht, daß sie die Fresse halten soll. Was ist
mit ›Mausebär‹ und ›süßer Duddymatz‹, darf ich dich auch so
nennen?«
Dudley sagte nichts. Die Anstrengung, sich zu zwingen, Harry nicht
zu schlagen, schien all seine Selbstbeherrschung zu erfordern.
»Und wen hast du heute Abend verprügelt?«, fragte Harry und sein
Grinsen schwand. »Wieder einen Zehnjährigen? Vorgestern hast du’s
Mark Evans besorgt, das weiß ich –«
»Er hat’s nicht anders gewollt«, schnarrte Dudley.
»Ach ja?«
»Ist frech geworden.«
»Jaah? Hat er gesagt, du siehst aus wie ein Schwein, dem man beige-
bracht hat, auf den Hinterbeinen zu laufen? Das ist aber nicht frech,
das ist die Wahrheit.«
An Dudleys Kinnlade zuckte ein Muskel. Er war wütend und Harry
sah es mit enormer Genugtuung; ihm war, als würde er allen Ärger an
seinem Cousin auslassen, dem Einzigen, der dafür herhalten konnte.
Sie bogen nach rechts in die Abkürzung zwischen Magnolienring
und Glyzinenweg ein, in die schmale Gasse, wo Harry Sirius zum er-
sten Mal gesehen hatte. Sie war menschenleer und dunkler als die Stra-
ßen, die sie verband, denn es gab keine Laternen. Garagenwände auf
der einen, ein hoher Zaun auf der anderen Seite dämpften das Ge-
räusch ihrer Schritte.
»Kommst dir wohl mächtig stark vor mit dem Ding, das du rum-
trägst, stimmt’s?«, sagte Dudley nach einigen Sekunden.
»Welchem Ding?«
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»Diesem – diesem Ding, das du versteckt hältst.«
Harry grinste erneut.
»Nicht so doof, wie du aussiehst, was, Dud? Aber wenn du’s wärst,
glaub ich, könntest du nicht gleichzeitig gehen und reden.«
Harry zog seinen Zauberstab. Er sah, wie Dudley ihn scheel beäugte.
»Das darfst du nicht«, sagte Dudley prompt. »Ich weiß es. Die werfen
dich aus dieser Beklopptenschule, auf die du gehst.«
»Woher willst du wissen, daß sie die Vorschriften nicht geändert ha-
ben, Big D?«
»Haben sie nicht«, sagte Dudley, obwohl er dabei nicht vollkommen
überzeugt klang.
Harry lachte leise.
»Du hast doch Schiß, es ohne dieses Ding mit mir aufzunehmen,
oder?«, fauchte Dudley.
»Und du brauchst vier Kumpel hinter dir, bevor du einen Zehnjähri-
gen verprügeln kannst. Dieser Boxtitel übrigens, mit dem du dauernd
angibst – wie alt war dein Gegner? Sieben? Acht?«
»Er war sechzehn, wenn du’s genau wissen willst«, fauchte Dudley,
»und als ich mit dem fertig war, lag er noch zwanzig Minuten halb tot
rum, und der war doppelt so schwer wie du. Wart nur, bis ich Dad er-
zähle, daß du dieses Ding rausgezogen hast –«
»Jetzt rennst du zu Daddy, was? Hat sein Putzi-Putzi-Boxchampion
Angst vor Harrys bösem Zauberstab?«
»Nachts bist du nicht so mutig, stimmt’s?«, höhnte Dudley.
»Es ist Nacht, Duddymatz. So nennt man es nämlich, wenn es überall
dunkel wird wie jetzt.«
»Ich mein, wenn du im Bett bist!«, fauchte Dudley.
Er war stehen geblieben. Auch Harry blieb stehen und starrte seinen
Cousin an.
Soweit er Dudleys breites Gesicht erkennen konnte, hatte er eine
merkwürdig triumphierende Miene aufgesetzt.
»Was soll das heißen, ich bin nicht mutig, wenn ich im Bett bin?«,
sagte Harry völlig verdutzt. »Wovor soll ich Angst haben, vor Kissen
vielleicht?«
18

»Ich hab dich gestern Nacht gehört«, sagte Dudley atemlos. »Hast im
Schlaf geredet. Gejammert.«
»Was soll das heißen?«, sagte Harry erneut, doch mit einem kalten,
flauen Gefühl im Magen. Gestern Nacht hatte er in seinen Träumen
wieder den Friedhof besucht.
Dudley lachte harsch und bellend auf und nahm eine spitze, wim-
mernde Stimme an.
»›Laß Cedric leben! Laß Cedric leben!‹ Wer ist Cedric – dein Freund?«
»Ich – du lügst«, sagte Harry unwillkürlich. Doch sein Mund war
trocken geworden. Dudley log nicht, das wußte er – wie sonst konnte
er von Cedric erfahren haben?
»›Dad! Hilf mir, Dad! Er wird mich umbringen, Dad! Uuh huu!‹«
»Hör auf«, sagte Harry leise. »Hör auf, Dudley, ich warne dich!«
»›Komm und hilf mir, Dad! Mum, komm und hilf mir! Er hat Cedric
getötet! Dad, hilf mir! Er wird mich –‹ Nimm das Ding runter!«
Dudley wich an die Mauer der Gasse zurück. Harry richtete den Zau-
berstab direkt auf Dudleys Herz. Er konnte vierzehn Jahre Haß auf
Dudley in seinen Adern hämmern spüren – was würde er nicht dafür
geben, jetzt zuzuschlagen, Dudley so gründlich durchzuhexen, daß er
wie ein Insekt nach Hause krabbeln mußte, stumm und blind geschla-
gen, mit ausgestreckten Fühlerchen …
»Fang nie wieder davon an«, fauchte Harry. »Hast du mich verstan-
den?«
»Halt das Ding woandershin!«
»Ich hab gesagt, hast du mich verstanden?«
»Halt es woandershin!«
»HAST DU MICH VERSTANDEN?«
»TU DAS DING WEG –«
Dudley keuchte, eigenartig schaudernd, als wäre er in Eiswasser ge-
taucht worden.
Etwas war mit der Nacht geschehen. Der sternübersäte indigoblaue
Nachthimmel war plötzlich pechschwarz und lichtlos – die Sterne, der
Mond, die dunstigen Straßenlichter zu beiden Enden der Gasse waren
verschwunden. Das ferne Rauschen der Autos und das Flüstern der
Bäume waren verstummt. Der milde Abend war plötzlich stechend
19

und beißend kalt. Sie waren von völliger, undurchdringlicher, stiller
Dunkelheit umgeben, als hätte ein Riese einen dicken, eiskalten Mantel
über die ganze Gasse geworfen, der ihnen jegliche Sicht nahm.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, er hätte versehentlich
gezaubert, obwohl er das Verlangen mit aller Kraft unterdrückt hatte –
dann zog sein Verstand mit seinen Sinnen gleich – er hatte nicht die
Macht, die Sterne zum Erlöschen zu bringen. Er drehte den Kopf hin
und her und versuchte, etwas zu erkennen, doch die Dunkelheit
drückte auf seine Augen wie ein schwereloser Schleier.
Dudleys angsterfüllte Stimme drang in Harrys Ohr. »W-was machst
du d-da? Hö-hör auf d-damit!«
»Ich mach gar nichts! Sei still und beweg dich nicht!«
»Ich k-kann nichts sehen! Ich b-bin blind! Ich –«
»Still, hab ich gesagt!«
Harry stand stocksteif da und wandte seine blinden Augen nach links
und nach rechts. Die Kälte war so heftig, daß er am ganzen Leib zit-
terte; eine Gänsehaut kroch ihm über die Arme, und seine Nacken-
haare sträubten sich – er riß die Augen auf, so weit er konnte, und
starrte leer und blind umher.
Es war unmöglich … sie konnten nicht hier sein … nicht in Little Whin-
ging … er lauschte angestrengt… er würde sie hören, bevor er sie sah …
»Ich s-sag’s Dad!«, wimmerte Dudley. »W-wo bist du? Was machst d-
du da –?«
»Hältst du endlich die Klappe?«, zischte Harry. »Ich versuch was zu
hö…« Doch er verstummte. Er hatte genau das gehört, wovor es ihn ge-
graust hatte.
Außer ihnen war da noch etwas in dieser Gasse, etwas, das lange, hei-
sere, rasselnde Atemzüge tat. Harry, der zitternd in der eisigen Luft
stand, spürte, wie ihn eine grauenhafte Angst durchfuhr.
»L-laß das sein! H-hör auf damit! Ich h-hau dich, ich schwör ’s!«
»Dudley, halt die –«
WUMM.
Eine Faust traf Harry seitlich am Kopf und riß ihn von den Füßen.
Kleine weiße Lichter tauchten vor seinen Augen auf. Zum zweiten Mal
in einer Stunde hatte Harry das Gefühl, sein Kopf wäre mittendurch
20

gespalten; im nächsten Moment schlug er hart auf dem Boden auf und
der Zauberstab flog ihm aus der Hand.
»Du Schwachkopf, Dudley!«, schrie Harry. Tränen schossen ihm in
die Augen vor Schmerz, während er sich auf Hände und Knie hochrap-
pelte und hektisch in der schwarzen Dunkelheit umhertastete. Er hörte
Dudley davonstolpern, gegen den Zaun stoßen, taumeln.
»DUDLEY, KOMM ZURÜCK! DU LÄUFST GENAU DRAUF ZU!«
Ein fürchterlicher, quietschender Schrei war zu hören und Dudleys
Schritte hielten inne. Im selben Moment spürte Harry eine kriechende
Kälte hinter sich, die nur eines bedeuten konnte. Da war mehr als einer.
»DUDLEY, MACH NICHT DEN MUND AUF! WAS IMMER DU
TUST, MACH NICHT DEN MUND AUF! Zauberstab!«, murmelte
Harry hektisch, seine Hände huschten über den Boden wie Spinnen.
»Wo ist – Zauberstab – komm schon – lumos!«
Er sprach das Zauberwort unwillkürlich aus, so verzweifelt brauchte
er Licht, das ihm bei der Suche half – und zu seiner ungläubigen Er-
leichterung flammte nicht weit von seiner rechten Hand entfernt Licht
auf – die Spitze des Zauberstabs leuchtete. Harry klaubte ihn auf, rap-
pelte sich hoch und blickte hinter sich. Ihm drehte sich der Magen um.
Eine mächtige Gestalt, in einen Kapuzenumhang gehüllt, unter dem
weder Füße noch Gesicht zu erkennen waren, glitt sanft über den Bo-
den schwebend auf ihn zu und sog die Nacht in sich ein.
Harry stolperte zurück und hob den Zauberstab.
»Expecto patronum!«
Ein silbriger Dunstfaden schoß aus der Spitze des Zauberstabs und
der Dementor wurde langsamer, doch der Zauber hatte nicht richtig
gewirkt. Der Dementor neigte sich zu Harry hinunter, und Harry wich,
über seine eigenen Füße strauchelnd, weiter zurück, während Panik
ihm das Gehirn vernebelte – konzentrier dich –
Ein graues, schleimiges, schorfiges Paar Hände glitt aus dem Um-
hang des Dementors hervor und langte nach ihm. Ein Rauschen erfüllte
Harrys Ohren.
»Expecto patronum!«
Seine Stimme klang matt und fern. Wieder schwebte ein Faden silbri-
21

gen Rauchs, schwächer als der letzte, aus dem Zauberstab – er konnte
es nicht mehr, der Zauber gelang ihm nicht.
In seinem Kopf erklang ein Lachen, ein schrilles, überdrehtes Lachen …
er konnte den widerlichen, todeskalten Atem des Dementors riechen, der
seine Lungen füllte, ihn ertränkte –
denken … an etwas Glückliches …
Doch es war kein Glück in ihm … die eisigen Finger des Dementors
schlossen sich um seine Kehle – das schrille Lachen wurde immer lauter,
eine Stimme sprach in seinem Kopf:
»Verneige dich vor dem Tod, Harry …
er mag sogar schmerzlos sein … ich kann es nicht wissen … ich bin nie ge-
storben …«
Er würde Ron und Hermine nie mehr sehen –
Und während er nach Atem rang, traten ihre Gesichter jäh und klar
in sein Bewußtsein.
»EXPECTO PATRONUM!«
Ein gewaltiger silberner Hirsch brach aus der Spitze von Harrys Zau-
berstab hervor; seine Geweihenden trafen den Dementor dort, wo das
Herz hätte sein sollen; er wurde zurückgestoßen, schwerelos wie die
Dunkelheit, und als der Hirsch zum Angriff ansetzte, huschte der De-
mentor, fledermausgleich, geschlagen davon.
»DORTHIN!«, rief Harry dem Hirsch zu. Er wirbelte herum und rannte,
den leuchtenden Stab erhoben, die Gasse entlang. »DUDLEY? DUDLEY!«
Er hatte kaum ein Dutzend Schritte getan, da war er schon bei ihm:
Dudley lag zusammengerollt auf dem Boden, die Arme aufs Gesicht
gedrückt. Ein zweiter Dementor kauerte dicht über ihm, umklammerte
mit schleimigen Händen Dudleys Handgelenke, zog sie langsam, fast
liebevoll auseinander und senkte seine Kapuze auf Dudleys Gesicht,
als wollte er ihn küssen.
»PACK IHN!«, brüllte Harry, und mit rauschendem, donnerndem
Lärm kam der silberne Hirsch, den er heraufbeschworen hatte, an ihm
vorbeigaloppiert. Das augenlose Gesicht des Dementors war nur noch
Zentimeter von Dudleys Gesicht entfernt, als das silberne Geweih ihn
erfaßte; das Wesen wurde in die Luft geschleudert, und wie sein Ge-
fährte huschte es davon und verschmolz mit der Dunkelheit; der
Hirsch lief in kurzem Galopp zum Ende der Gasse und löste sich in
silbrigen Dunst auf.
22

Mond, Sterne und Straßenlaternen erwachten wieder zum Leben.
Eine warme Brise strich durch die Gasse. Bäume raschelten in den be-
nachbarten Gärten und das alltägliche Geräusch von Autos auf dem
Magnolienring erfüllte wieder die Luft.
Harry stand vollkommen reglos da, mit vibrierenden Sinnen, und ge-
wöhnte sich an die jäh zurückgekehrte Normalität. Nicht lange, dann
wurde ihm bewußt, daß sein T-Shirt an ihm klebte; er war schweißnaß.
Er konnte nicht glauben, was eben geschehen war. Dementoren hier,
in Little Whinging. Dudley lag eingerollt auf dem Boden, wimmernd und zitternd. Harry
beugte sich zu ihm hinunter, um zu sehen, ob er die Kraft hatte aufzu-
stehen, doch dann hörte er laute, rennende Schritte hinter sich. Instink-
tiv hob er erneut den Zauberstab und wirbelte auf den Fersen herum,
bereit, wem auch immer entgegenzutreten.
Mrs. Figg, ihre schrullige alte Nachbarin, kam, schwer atmend, in Sicht.
Ihr graumeliertes Haar löste sich aus dem Haarnetz, ein klackerndes E
in-
kaufsnetz schwang an ihrem Handgelenk und ihre Füße steckten mehr
schlecht als recht in ihren schottengemusterten Puschen. Harry wollte
seinen Zauberstab rasch verschwinden lassen, aber –
»Nicht wegstecken, du dummer Junge!«, kreischte sie. »Was, wenn
noch mehr von denen in der Gegend sind? Oh, dieser Mundungus
Fletcher, den bring ich um!«
23

Eulen über Eulen
»Was?«, sagte Harry verblüfft.
»Er ist fort!«, sagte Mrs. Figg händeringend. »Er ist fort, weil er sich
mit jemand treffen wollte wegen ein paar Kesseln, die von einem Besen
hinten runtergefallen sind! Wenn du jetzt gehst, hab ich zu ihm gesagt,
zieh ich dir bei lebendigem Leib die Haut ab, und jetzt haben wir ’s! De-
mentoren! Ein Glück nur, daß ich Mr. Tibbles auf den Fall angesetzt
habe! Aber was stehen wir hier noch rum! Beeilung, du mußt zurück
ins Haus! Oh, das wird Ärger geben! Ich bring ihn um!«
»Aber –« Die Tatsache, daß diese schrullige, katzenvernarrte alte
Nachbarin wußte, was Dementoren waren, versetzte Harry einen kaum
minder großen Schock als die zwei leibhaftigen Exemplare, denen er
eben in der Gasse begegnet war. »Sie sind – Sie sind eine Hexe?«
»Ich bin eine Squib, wie Mundungus sehr genau weiß, und wie um
alles in der Welt sollte ich dir also helfen, die Dementoren zu vertrei-
ben? Er hat dich vollkommen ohne Bewachung gelassen, obwohl ich
ihn gewarnt hab –«
»Dieser Mundungus ist mir gefolgt? Ach so – der war das! Er ist vor
meinem Haus disappariert!«
»Ja, ja, ja, aber glücklicherweise hab ich Mr. Tibbles unter einem Auto
postiert, nur für alle Fälle, und Mr. Tibbles kam und hat mich gewarnt,
aber bis ich dann bei euch war, warst du verschwunden – und jetzt –
oh, was wird bloß Dumbledore dazu sagen? Du!«, kreischte sie Dudley
an, der immer noch rücklings in der Gasse lag. »Heb deinen fetten Hin-
tern, aber schnell!«
»Sie kennen Dumbledore?«, sagte Harry und starrte sie an.
24

»Natürlich kenn ich Dumbledore, wer kennt Dumbledore nicht? Aber
nun komm schon – ich bin dir keine Hilfe, wenn sie zurückkommen,
ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht mal einen Teebeutel ver-
wandelt.«
Sie bückte sich, packte einen von Dudleys massigen Armen mit ihren
schrumpligen Händen und zerrte daran.
»Steh auf, du nutzloser Kloß, steh auf!«
Aber Dudley konnte oder wollte sich nicht rühren. Er blieb am Boden
liegen, zitternd und aschfahl, den Mund fest zugepreßt.
»Ich mach das schon.« Harry nahm Dudleys Arm und zog an ihm.
Unter gewaltiger Mühe schaffte er es, ihn auf die Beine zu hieven. Dud-
ley schien drauf und dran, ohnmächtig zu werden. Seine kleinen Au-
gen rollten in ihren Höhlen und Schweiß perlte ihm übers Gesicht; so-
bald Harry ihn losließ, fing er bedrohlich an zu wanken.
»Beeilt euch!«, drängelte Mrs. Figg aufgeregt.
Harry legte sich einen von Dudleys massigen Armen über die Schul-
ter und schleifte ihn, unter dem Gewicht leicht einknickend, zur Straße.
Mrs. Figg wackelte vor ihnen her und spähte ängstlich um die Ecke.
»Behalt den Zauberstab in der Hand«, ermahnte sie Harry, als sie den
Glyzinenweg betraten. »Das Geheimhaltungsstatut kannst du verges-
sen, man wird uns sowieso die Hölle heiß machen, jetzt müssen wir in
den bitteren Kürbis beißen. Von wegen Vernunftgemäße Beschränkung
der Zauberei Minderjähriger … das war genau das, was Dumbledore
befürchtet hat – was ist das am Ende der Straße? Oh, es ist nur Mr.
Prentice … nicht den Zauberstab wegstecken, Junge, hab ich dir nicht
gesagt, daß ich zu nichts nütze bin?«
Es war nicht leicht, den Zauberstab gerade zu halten und zugleich
Dudley mitzuschleppen. Harry versetzte seinem Cousin einen unge-
duldigen Stoß in die Rippen, aber Dudley schien alle Lust verloren zu
haben, sich eigenständig zu bewegen. Er hing wie ein Sack über Harrys
Schulter und seine großen Füße schleiften über den Boden.
»Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie eine Squib sind, Mrs.
Figg?«, fragte Harry und keuchte vor Anstrengung, Schritt um Schritt
weiterzugehen. »Ich hab Sie doch so oft zu Hause besucht – warum ha-
ben Sie nie was gesagt?«
25

»Anweisung von Dumbledore. Ich sollte ein Auge auf dich haben, aber
nichts sagen, du warst noch zu jung. Tut mir leid, daß ich dir das Leben
so schwer gemacht hab, Harry, aber die Dursleys hätten dich nie zu mir
gehen lassen, wenn sie geglaubt hätten, es würde dir Freude machen. Es
war nicht leicht, mußt du wissen … aber du meine Güte«, sagte sie mit
tragischer Miene und rang erneut die Hände, »wenn Dumbledore davon
erfährt – wie konnte Mundungus denn nur weggehen, er sollte doch bis
Mitternacht im Dienst sein –
wo steckt er? Wie soll ich Dumbledore mittei-
len, was passiert ist? Ich kann nicht apparieren.«
»Ich hab eine Eule, die können Sie sich ausleihen.« Harry stöhnte und
fragte sich, ob sein Rückgrat unter Dudleys Last brechen würde.
»Harry, du verstehst nicht! Dumbledore wird so schnell wie möglich
handeln müssen, das Ministerium hat seine eigenen Methoden, um
Minderjährigenzauberei festzustellen, die werden’s jetzt schon wissen,
das kannst du mir glauben.«
»Aber ich hab mir die Dementoren vom Hals geschafft, ohne Zauberei
ging das nicht – die machen sich doch sicher mehr darüber Sorgen, was
diese Dementoren überhaupt im Glyzinenweg rumzuschweben hatten?«
»Oh, mein Lieber, ich wünschte, das wäre so, aber ich fürchte –
MUNDUNGUS FLETCHER, ICH BRING DICH UM!«
Es gab einen lauten Knall und ein starker Schnapsgestank, vermischt
mit schalem Tabakgeruch, lag plötzlich in der Luft, als ein untersetzter,
unrasierter Mann in zerschlissenem Mantel vor ihnen Gestalt annahm.
Er hatte kurze Säbelbeine, langes, widerspenstiges rotbraunes Haar
und blutunterlaufene Augen mit schlaffen Tränensäcken, die ihm den
traurigen Ausdruck eines Dackels verliehen. Er hielt ein silbriges Bün-
del in der Hand, das Harry sofort als Tarnumhang erkannte.
»Wa’n los, Figgy?«, sagte er und starrte abwechselnd Mrs. Figg,
Harry und Dudley an. »Nix mehr mit undercover und so?«
»Ich steck dich gleich undercover!«, schrie Mrs. Figg. »Dementoren, du
nichtsnutziger, drückebergerischer Tagedieb!«
»Dementoren?«, wiederholte Mundungus verdattert. »Dementoren,
hier?«
»Ja, hier, du wertloser Haufen Fledermausmist!«, kreischte Mrs. Figg.
»Dementoren, die den Jungen angreifen, den du bewachen sollst!«
26

»Meine Fresse«, sagte Mundungus matt und blickte von Mrs. Figg zu
Harry und wieder zurück. »Meine Fresse, ich –«
»Und du bist unterwegs, geklaute Kessel kaufen! Hab ich dir nicht
gesagt, du sollst hier bleiben? Oder was?«
»Ich – na ja, ich –« Mundungus schien es äußerst unwohl in seiner
Haut zu sein. »Es – es war die Gelegenheit für ’n richtiges Schnäppchen,
weißt du –«
Mrs. Figg hob den Arm mit dem daran baumelnden Einkaufsnetz und
pfefferte es Mundungus um Gesicht und Nacken; nach dem Klackern zu
schließen, war es voller Katzenfutter.
»Autsch – laß mich – laß mich, du verrückte alte Fledermaus! Jemand
muß es Dumbledore sagen!«
»Ja – allerdings!«, schrie Mrs. Figg und schleuderte das Netz mit dem
Katzenfutter gegen alles, was sie von Mundungus erwischen konnte.
»Und – das – machst – am – besten – du – und – du – kannst – ihm –
auch – gleich – sagen – warum – du – nicht – da – warst – und – ihm –
geholfen – hast!«
»Paß auf dein Haarnetz auf!«, rief Mundungus, duckte sich und hielt
die Arme über den Kopf. »Ich geh ja schon, ich geh ja schon!«
Und mit einem zweiten lauten Knall verschwand er.
»Ich hoffe nur, Dumbledore bringt ihn um!«, sagte Mrs. Figg wütend.
»Nun komm schon, Harry, worauf wartest du?«
Harry beschloß, seine verbleibende Puste nicht damit zu verschwen-
den, ihr zu erklären, daß er unter Dudleys Last kaum gehen konnte. Er
hievte den halb ohnmächtigen Dudley ein Stück höher und wankte
weiter.
»Ich bring dich bis zur Tür«, sagte Mrs. Figg, als sie in den Liguster-
weg einbogen. »Nur für den Fall, daß noch mehr von denen in der Ge-
gend sind … o meine Güte, was für eine Katastrophe … und du hast sie
ganz allein abwehren müssen … und Dumbledore hat gesagt, wir sol-
len dich um jeden Preis am Zaubern hindern … nun ja, zu spät zum
Jammern, das Kind ist schon in den Kessel gefallen … aber der Wichtel
ist jetzt auf dem Dach.«
»Also«, keuchte Harry, »hat Dumbledore … mich … beschatten las-
sen?«
27

»Natürlich«, sagte Mrs. Figg ungeduldig. »Hast du geglaubt, er läßt
dich alleine rumstromern, nach dem, was im Juni passiert ist? Mein
Gott, Junge, die haben mir gesagt, du hättest Grips … da sind wir …
geh rein und bleib drin«, sagte sie, als sie Nummer vier erreichten. »Ich
denke, jemand wird sich recht bald bei dir melden.«
»Was machen Sie jetzt?«, fragte Harry rasch.
»Ich geh gleich heim«, sagte Mrs. Figg, spähte die dunkle Straße ent-
lang und schauderte. »Ich muß auf weitere Anweisungen warten. Bleib
ja im Haus. Gute Nacht.«
»Warten Sie, noch einen Moment! Ich will wissen –«
Aber Mrs. Figg war schon mit schlappenden Puschen und klackern-
dem Netz davongetrottet.
»Warten Sie!«, rief ihr Harry nach. Er hatte tausend Fragen an jeden,
der in Verbindung mit Dumbledore stand, doch Sekunden später hatte
die Dunkelheit Mrs. Figg verschluckt. Missmutig rückte Harry Dudley
auf seiner Schulter zurecht und machte sich auf den langwierigen,
schmerzhaften Weg durch den Vorgarten von Nummer vier.
Im Flur brannte Licht. Harry steckte den Zauberstab in den Hosenbund
seiner Jeans, läutete und sah, wie Tante Petunias Umriß größer und grö-
ßer wurde, merkwürdig verzerrt durch das geriffelte Glas der Haustür.
»Diddy! Wird auch langsam Zeit, ich hab mir schon große – große –
Diddy, was ist mit dir?«
Harry beobachtete Dudley aus den Augenwinkeln und tauchte ge-
rade noch rechtzeitig unter seinem Arm weg. Dudley schwankte einen
Moment lang, das Gesicht blaßgrün … dann öffnete er den Mund und
erbrach sich mitten über die Türmatte.
»DIDDY! Diddy, was ist los mit dir? Vernon? VERNON!«
Harrys Onkel kam aus dem Wohnzimmer gestampft, und wie immer,
wenn er aufgeregt war, flatterte sein Walroß-Schnurrbart in alle Rich-
tungen. Er stürmte vor und half Tante Petunia, den knieweichen Dud-
ley über die Schwelle zu bugsieren, ohne in die Pfütze aus Erbroche-
nem zu treten.
»Er ist krank, Vernon!«
»Was ist los mit dir, mein Sohn? Was ist passiert? Hat Mrs. Polkiss dir
was Ausländisches zum Tee serviert?«
28

»Warum bist du völlig verdreckt, Liebling? Hast du auf dem Boden
gelegen?«
»Hör mal – du bist doch nicht überfallen worden, oder, mein Sohn?«
Tante Petunia kreischte.
»Ruf die Polizei, Vernon! Ruf die Polizei! Diddy, Schatz, sag’s Mami!
Wa s h a b e n s i e d i r a n g e t a n ? «
In dem ganzen Tumult hatte offenbar niemand Notiz von Harry ge-
nommen und ihm war das gerade recht. Er schaffte es, ins Haus zu
schlüpfen, kurz bevor Onkel Vernon die Tür zuschlug, und während
die Dursleys ihre lärmende Prozession durch den Flur zur Küche un-
ternahmen, stahl sich Harry vorsichtig und leise zur Treppe.
»Wer war das, mein Sohn? Nenn uns die Namen. Keine Sorge, wir
kriegen sie.«
»Schhh! Er will uns was sagen, Vernon! Was ist es, Diddy? Sag’s Mami!«
Harry hatte den Fuß auf die unterste Stufe gesetzt, als Dudley seine
Stimme wiederfand.
»Der da.«
Harry erstarrte – den Fuß auf der Treppe, das Gesicht verzerrt – und
machte sich auf eine Explosion gefaßt.
»BURSCHE! KOMM HER!«
Zornig und zugleich voller Angst nahm Harry langsam den Fuß von
der Treppe, drehte sich um und folgte den Dursleys.
Die peinlich saubere Küche hatte nach der Dunkelheit draußen einen
seltsam unwirklichen Glanz. Tante Petunia setzte Dudley auf einen
Stuhl; noch immer wirkte er sehr grün und klamm. Onkel Vernon
stand am Abtropfbrett und funkelte Harry mit kleinen, zu Schlitzen
verengten Augen an.
»Was hast du meinem Sohn getan?«, knurrte er drohend.
»Nichts«, sagte Harry und wußte genau, daß Onkel Vernon ihm nicht
glauben würde.
»Was hat er dir getan, Diddy?«, sagte Tante Petunia mit zitternder
Stimme, während sie Dudley Erbrochenes vorn von seiner Lederjacke
wischte. »War es – war es Du-weißt-schon-was, Liebling? Hat er – sein
Ding benutzt?«
Dudley nickte langsam und schlotterte.
29

»Hab ich nicht!«, sagte Harry scharf, während Tante Petunia eine
Wehklage anstimmte und Onkel Vernon die Fäuste reckte. »Ich hab
ihm nichts getan, ich war ’s nicht, es war –«
Doch just in diesem Moment segelte eine Kreischeule durch das Kü-
chenfenster herein. Sie verfehlte Onkel Vernons Haarspitzen knapp,
schwebte durch die Küche, ließ einen großen Pergamentumschlag, den
sie im Schnabel trug, zu Harrys Füßen fallen, legte eine elegante Kurve
hin, wobei sie mit den Flügelspitzen sacht den Kühlschrank streifte,
sauste wieder hinaus und entschwand über dem Garten.
»EULEN!«, bellte Onkel Vernon, und die schwer mitgenommene
Ader an seiner Schläfe pulsierte zornig, während er das Küchenfenster
zuschlug. »SCHON WIEDER EULEN! ICH DULDE KEINE EULEN
MEHR IN MEINEM HAUS!«
Doch Harry, dem das Herz irgendwo in der Gegend des Adamsapfels
pochte, riß bereits den Umschlag auf und zog den Brief heraus.
Sehr geehrter Mr. Potter,
wir haben Information erhalten, wonach Sie den Patronus-Zauber
heute Abend um dreiundzwanzig Minuten nach neun in einem Mug-
gelwohngebiet und in Gegenwart eines Muggels ausgeführt haben.
Die Schwere dieser Verletzung des Erlasses zur Vernunftgemäßen Be-
schränkung der Zauberei Minderjähriger hat zu Ihrem Verweis von der
Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei geführt. Beauftragte des
Ministeriums werden Sie unverzüglich an Ihrem Wohnort aufsuchen,
um Ihren Zauberstab zu zerstören.
Da Sie bereits eine offizielle Verwarnung aufgrund eines früheren Verge-
hens gemäß Abschnitt 13 des Geheimhaltungsabkommens der Internatio-
nalen Zauberervereinigung erhalten haben, bedauern wir Ihnen mitteilen
zu müssen, daß Ihre Anwesenheit bei einer disziplinarischen Anhörung
im Zaubereiministerium am zwölften August um neun Uhr verlangt ist.
In der Hoffnung, daß Sie wohlauf sind,
mit freundlichen Grüßen
Mafalda Hopfkirch
Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium
30

Harry las den Brief zweimal durch. Nur verschwommen nahm er wahr,
daß Onkel Vernon und Tante Petunia redeten. In seinem Kopf war alles
eisig und taub. Eine Tatsache hatte sich in sein Bewußtsein gebohrt wie
ein lähmender Pfeil. Sie hatten ihn von Hogwarts verwiesen. Alles war
zu Ende. Er würde nie zurückkehren.
Er blickte zu den Dursleys hoch. Onkel Vernon, purpurrot im Ge-
sicht, die Fäuste immer noch gereckt, schrie andauernd; Tante Petunia
hatte die Arme um Dudley gelegt, der von neuem würgte.
Harrys zeitweilig betäubtes Gehirn schien wieder zu erwachen. Be-
auftragte des Ministeriums werden Sie unverzüglich an Ihrem Wohnort auf-
suchen, um Ihren Zauberstab zu zerstören. Da gab es nur eines. Er mußte
fliehen – und zwar sofort. Wohin, wußte Harry nicht, doch so viel war
sicher: Ob er in Hogwarts war oder nicht, seinen Zauberstab brauchte
er. Fast traumwandlerisch zog er ihn heraus und wandte sich zum Ge-
hen.
»Wo willst du hin?«, rief Onkel Vernon. Als Harry nicht antwortete,
stampfte er durch die Küche und versperrte die Tür zum Flur. »Ich bin
noch nicht fertig mit dir, Bursche!«
»Geh mir aus dem Weg«, sagte Harry leise.
»Du bleibst hier und erklärst, wie mein Sohn –«
»Wenn du nicht aus dem Weg gehst, verhex ich dich«, sagte Harry
und hob den Zauberstab.
»Darauf fall ich nicht rein!«, schnarrte Onkel Vernon. »Ich weiß, daß
du ihn nicht außerhalb dieser Beklopptenanstalt benutzen darfst, die
ihr Schule nennt!«
»Die Beklopptenanstalt hat mich rausgeschmissen«, sagte Harry.
»Also kann ich tun, was ich will. Du hast drei Sekunden. Eins – zwei –«
Ein schallender KNALL erfüllte die Küche. Tante Petunia kreischte,
Onkel Vernon schrie und duckte sich, und zum dritten Mal an diesem
Abend suchte Harry nach dem Ursprung eines Lärms, den er nicht ver-
ursacht hatte. Er sah ihn sofort: Eine Schleiereule saß draußen auf dem
Küchenfenstersims, benommen und zerzaust, da sie eben gegen das ge-
schlossene Fenster gekracht war.
Harry stürmte durch die Küche, ohne auf Onkel Vernons ängstlichen
»EULEN!«-Schrei zu achten, und riß das Fenster auf. Die Eule streckte
31

ihr Bein vor, an das eine kleine Pergamentrolle gebunden war, schüt-
telte die Federn und flog davon, kaum daß Harry den Brief geborgen
hatte. Mit zitternden Händen entrollte er die zweite Botschaft, die sehr
hastig und verkleckst in schwarzer Tinte geschrieben war.
Harry –
Dumbledore ist eben im Ministerium eingetroffen und versucht, alles
wieder ins Lot zu bringen. VERLASS DAS HAUS VON TANTE UND
ONKEL NICHT. GEBRAUCH KEINEN ZAUBER MEHR. GIB DEINEN
ZAUBERSTAB NICHT AB.Arthur Weasley
Dumbledore versuchte alles wieder ins Lot zu bringen … was sollte
das heißen? Hatte Dumbledore Macht genug, das Zaubereiministerium
zum Rückzug zu zwingen? Gab es also eine Chance, daß er doch nach
Hogwarts zurück durfte? Ein kleiner Hoffnungsfunke flammte in Har-
rys Brust auf, gleich wieder erstickt von Panik – wie sollte er sich wei-
gern, seinen Zauberstab abzugeben, ohne einen Zauber zu gebrauchen?
Er würde sich mit den Ministeriumsleuten duellieren müssen, und
wenn er das tat, konnte er von Glück reden, wenn sie ihn nicht nach
Askaban steckten, vom Rauswurf ganz zu schweigen. Seine Gedanken rasten … er konnte fliehen und dabei Gefahr laufen,
vom Ministerium geschnappt zu werden, oder aber bleiben und war-
ten, bis sie ihn hier kriegten. Dann lieber fliehen, aber er wußte, daß
Mr. Weasley nur sein Bestes am Herzen lag … und schließlich hatte
Dumbledore schon viel Schlimmeres wieder eingerenkt. »Na gut«, sagte Harry. »Ich hab’s mir anders überlegt. Ich bleibe.«
Schwungvoll setzte er sich auf einen Stuhl am Küchentisch und sah
Dudley und Tante Petunia geradeheraus an. Den Dursleys schien es an-
gesichts dieses plötzlichen Sinneswandels die Sprache verschlagen zu
haben. Tante Petunia linste verzweifelt zu Onkel Vernon hinüber. Die
Ader an seiner roten Schläfe pochte heftiger denn je. »Wo kommen all die verdammten Eulen her?«, knurrte er.
»Die erste war aus dem Zaubereiministerium, die kam mit dem
Rauswurf«, sagte Harry gelassen. Er spitzte die Ohren, um etwaige Ge-
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räusche draußen zu hören. Vielleicht waren ja die Ministeriumsleute
im Anmarsch, und es war einfacher und weniger lärmträchtig, Onkel
Vernons Fragen zu beantworten, als ihn erneut in brüllende Rage zu
versetzen. »Die zweite war vom Vater meines Freundes Ron, der im
Ministerium arbeitet.«
»Zaubereiministerium?«, brüllte Onkel Vernon. »Leute wie ihr in der
Regierung? Oh, das erklärt alles, alles, kein Wunder, daß das Land vor
die Hunde geht.«
Da Harry nicht antwortete, starrte ihn Onkel Vernon funkelnd vor
Zorn an, bevor er wieder losspuckte: »Und wieso haben sie dich raus-
geworfen?«
»Weil ich gezaubert hab.«
»AHA!«, röhrte Onkel Vernon und schlug mit der Faust auf den
Kühlschrank. Die Tür sprang auf und einige von Dudleys fettreduzier-
ten Snacks kullerten heraus und barsten auf dem Boden.
»Also gibst du es zu! Was hast du Dudley angetan?«
»Nichts«, sagte Harry, nicht mehr ganz so gelassen. »Das war ich
nicht –«
»Doch«, murmelte Dudley unerwartet. Onkel Vernon und Tante Petu-
nia wedelten sofort aufgeregt mit den Händen, um Harry zum Schwei-
gen zu bringen, und beugten sich tief über Dudley.
»Weiter, mein Sohn«, sagte Onkel Vernon, »was hat er getan?«
»Sag’s uns, Liebling«, flüsterte Tante Petunia.
»Seinen Zauberstab auf mich gerichtet«, murmelte Dudley.
»Jaah, stimmt, aber ich hab ihn nicht benutzt –«, begann Harry zor-
nig, doch –
»MAUL HALTEN!«, donnerten Onkel Vernon und Tante Petunia im
Chor.
»Weiter, Sohn«, wiederholte Onkel Vernon mit wild flatterndem
Schnurrbart.
»Alles ist dunkel geworden«, sagte Dudley heiser und erschauderte.
»Alles dunkel. Und dann h-hab ich … Dinge gehört. In m-meinem
Kopf.«
Onkel Vernon und Tante Petunia tauschten von äußerstem Entsetzen
erfüllte Blicke. Wenn es etwas gab, das sie am meisten verabscheuten,
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dann war es die Magie – direkt gefolgt von den Nachbarn, die beim ver-
botenen Rasensprengen trickreicher waren als sie. Aber auch Leute, die
Stimmen hörten, waren eindeutig unter den Top Ten der Mißliebigkeiten.
Offensichtlich glaubten sie, Dudley würde den Verstand verlieren.
»Was für Dinge hast du gehört, Schätzchen?«, hauchte Tante Petunia,
ganz weiß im Gesicht und mit Tränen in den Augen.
Doch Dudley schien es nicht sagen zu können. Wieder schauderte er
und schüttelte seinen großen Blondkopf. Trotz des Gefühls von dump-
fem Grauen, das sich seit Ankunft der ersten Eule über Harry gelegt
hatte, spürte er eine gewisse Neugier. Dementoren zwangen einen
Menschen, die schlimmsten Momente seines Lebens noch einmal zu
durchleben. Was hatte wohl ein verzogener und verhätschelter Quäl-
geist wie Dudley hören müssen?
»Weshalb bist du hingefallen, Sohn?«, fragte Onkel Vernon mit unna-
türlich leiser Stimme, als ob er am Bett eines sehr kranken Menschen
sprechen würde.
»Ge-gestolpert«, sagte Dudley zittrig. »Und dann —«
Er fuhr sich mit der Hand an die massige Brust. Harry begriff. Dud-
ley erinnerte sich an die klamme Kälte, die einem die Lunge durch-
drang, während die Dementoren Hoffnung und Glück aus einem her-
aussogen.
»Schrecklich«, krächzte Dudley. »Kalt. Total kalt.«
»Okay«, sagte Onkel Vernon mit gezwungen ruhiger Stimme, wäh-
rend Tante Petunia ängstlich die Hand auf Dudleys Stirn legte, um zu
fühlen, ob er Fieber hatte. »Was ist dann passiert, Duddy?«
»Mir war … mir war … als ob … als ob … als ob …«
»Als ob du nie mehr glücklich sein würdest«, half Harry tonlos nach.
»Ja«, flüsterte Dudley unentwegt zitternd.
»So!«, sagte Onkel Vernon, die Stimme zu voller und beträchtlicher
Lautstärke erhoben, und richtete sich auf. »Du hast meinen Sohn mit ir-
gendeinem verrückten Fluch belegt, damit er Stimmen hörte und
glaubte, er sei – zum Elend verdammt oder so was, stimmt’s?«
»Wie oft muß ich es dir noch erklären?«, sagte Harry und mit der
Wut schwoll auch seine Stimme an. »Ich war es nicht! Es war ein Paar
Dementoren!«
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»Ein Paar – was für ’n Quatsch?«
»De – men – to – ren«, sagte Harry langsam und deutlich. »Zwei da-
von.«
»Und was zum Teufel noch mal sind Dementoren?«
»Die bewachen Askaban, das Zauberergefängnis«, sagte Tante Petu-
nia.
Zwei Sekunden dröhnender Stille traten auf diese Worte hin ein,
dann schlug Tante Petunia die Hand vor den Mund, als ob ihr ein ab-
scheuliches Schimpfwort entfahren wäre. Onkel Vernon glotzte sie an.
Harry drehte sich alles im Kopf. Mrs. Figg, na gut – aber Ta n t e P e t u n i a ?
»Woher weißt du das?«, fragte er verblüfft.
Tante Petunia schien über sich selbst haltlos entsetzt. Sie äugte in
ängstlicher Abbitte zu Onkel Vernon hinüber, dann ließ sie die Hand
ein wenig sinken und entblößte ihre Pferdezähne.
»Ich hab – diesen schlimmen Jungen – vor Jahren gehört – wie er ihr –
davon erzählt hat«, sagte sie stoßweise.
»Wenn du meine Mum und meinen Dad meinst, warum nennst du
sie nicht beim Namen?«, sagte Harry laut, doch Tante Petunia achtete
nicht auf ihn. Sie schien fürchterlich durcheinander zu sein.
Harry war entgeistert. Vor Jahren hatte Tante Petunia einmal einen
Gefühlsausbruch gehabt und geschrien, daß Harrys Mutter eine Miß-
geburt gewesen sei, doch seither hatte er sie nie wieder ihre Schwester
erwähnen hören. Daß sie diesen Wissensfetzen über die magische Welt
so lange in Erinnerung behalten hatte, verblüffte ihn, wo sie doch sonst
immer nach Kräften so tat, als existierte diese Welt überhaupt nicht.
Onkel Vernon öffnete den Mund, schloß ihn wieder, öffnete ihn er-
neut, schloß ihn, und dann, indem er sich offenbar mühselig daran er-
innerte, wie man spricht, öffnete er ihn ein drittes Mal und krächzte:
»Also – die – ähm – gibt’s – ähm – wirklich, ja, diese – ähm – Demen-
wiewardas?«
Ta n t e Pe t u n i a n i c k t e .
Onkel Vernon sah abwechselnd Tante Petunia und Dudley und Harry
an, als hoffte er, jemand würde »April, April!« rufen. Da es niemand
tat, öffnete er wieder den Mund, doch das Ringen um weitere Worte
wurde ihm erspart durch die Ankunft der dritten Eule an diesem
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Abend. Sie schoß wie eine gefiederte Kanonenkugel durch das immer
noch offene Fenster, landete klackernd auf dem Küchentisch und ließ
alle Dursleys vor Schreck zusammenfahren. Harry zog einen zweiten
amtlich wirkenden Umschlag aus dem Schnabel der Eule und riß ihn
auf, während die Eule in die Nacht entschwebte.
»Mir reicht’s mit diesen – ekligen – Eulen«, murmelte Onkel Vernon
verstört, stampfte hinüber zum Fenster und schlug es wieder zu.
Sehr geehrter Mr. Potter,
in Bezug auf unseren Brief vor annähernd zweiundzwanzig Minuten
hat das Zaubereiministerium seine Entscheidung, Ihren Zauberstab un-
verzüglich zu zerstören, aufgehoben. Es ist Ihnen gestattet, den Zau-
berstab bis zu Ihrer disziplinarischen Anhörung am zwölften August
zu behalten, bei der eine offizielle Entscheidung getroffen werden
wird. Infolge der Konsultationen mit dem Leiter der Hogwarts-Schule
für Hexerei und Zauberei hat das Ministerium sich einverstanden er-
klärt, über die Frage Ihres Schulverweises ebenfalls zu besagtem Ter-
min zu entscheiden. Bis zum Abschluß des schwebenden Untersu-
chungsverfahrens sollten Sie sich daher als von der Schule suspendiert
betrachten. Mit den besten Wünschen und freundlichen Grüßen
Mafalda Hopfkirch
Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium
Harry las diesen Brief dreimal in rascher Folge durch. Daß er noch
nicht endgültig von der Schule verwiesen war, erleichterte ihn, und der
quälende Knoten in seiner Brust löste sich ein wenig, doch seine Be-
fürchtungen waren keineswegs gebannt. Alles schien von dieser Anhö-
rung am zwölften August abzuhängen.
»Nun?«, sagte Onkel Vernon und holte Harry wieder in seine Umge-
bung zurück. »Was jetzt? Haben sie dich zu irgendwas verurteilt?
Gibt’s bei eurer Sippschaft eigentlich die Todesstrafe?«, fügte er hoff-
nungsvoll hinzu.
»Ich muß zu einer Anhörung«, sagte Harry.
»Und da verurteilen sie dich?«
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»Ich nehm an.«
»Dann würd ich nicht die Hoffnung aufgeben«, sagte Onkel Vernon
gehässig.
»Tja, wenn das alles ist«, sagte Harry und stand auf. Er wünschte sich
verzweifelt, endlich alleine zu sein, nachzudenken, vielleicht einen
Brief an Ron, Hermine und Sirius zu schicken.
»NEIN, DAS IST VERDAMMT NOCH MAL NICHT ALLES!«, blökte
Onkel Vernon. »SETZ DICH WIEDER HIN!«
»Was noch?«, fragte Harry unwirsch.
»DUDLEY!«, dröhnte Onkel Vernon. »Ich will genau wissen, was mit
meinem Sohn passiert ist!«
»SCHÖN!«, schrie Harry, und in seiner Wut schossen rote und gol-
dene Funken aus der Spitze des Zauberstabs, den er immer noch um-
klammert hielt. Alle drei Dursleys zuckten mit ängstlichem Blick zu-
rück.
»Dudley und ich waren in der Gasse zwischen Magnolienring und
Glyzinenweg«, sagte Harry schnell, er konnte nur mühsam seine Ge-
reiztheit zügeln. »Dudley hat geglaubt, er kann frech werden, ich hab
den Zauberstab gezogen, ihn aber nicht benutzt. Dann sind die zwei
Dementoren aufgetaucht –«
»Aber was SIND denn Dementöre?«, fragte Onkel Vernon fuchsig.
»Was MACHEN die?«
»Ich hab’s dir doch gesagt – die saugen alles Glück aus dir raus«,
sagte Harry, »und wenn sie es schaffen, dann küssen sie dich –«
»Küssen mich?«, sagte Onkel Vernon mit leicht vorquellenden Au-
gen. »Küssen mich?«
»Das nennt man so, wenn sie dir die Seele aus dem Mund saugen.«
Tante Petunia stieß einen leisen Schrei aus.
»Seine Seele ? Die haben doch nicht seine – er hat doch noch –«
Sie packte Dudley an den Schultern und schüttelte ihn, wie um zu
prüfen, ob sie seine Seele innen drin scheppern hören konnte.
»Natürlich haben sie seine Seele nicht gekriegt, das würdest du mer-
ken«, sagte Harry genervt.
»Du hast sie fortgejagt, ja, mein Sohn?«, sagte Onkel Vernon laut, mit
der Miene eines Mannes, der versucht das Gespräch auf eine Ebene zu-
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rückzuholen, auf der er mitreden kann. »Hast denen hübsch einge-
schenkt, links, rechts, wie immer?«
»Einem Dementor kann man nicht links, rechts einschenken«, sagte
Harry mit zusammengebissenen Zähnen.
»Und warum ist er dann in Ordnung?«, brauste Onkel Vernon auf.
»Warum ist er dann nicht völlig leer?«
»Weil ich den Patronus –«
WUUSCH. Klackernd, mit Flügelgeflatter und einem kleinen Staub-
schauer kam eine vierte Eule aus dem Küchenkamin geschossen.
»UM GOTTES WILLEN!«, röhrte Onkel Vernon und zog große Haar-
büschel aus seinem Schnurrbart, wozu er sich seit langem nicht mehr
hatte hinreißen lassen. »ICH WILL HIER KEINE EULEN HABEN, ICH
WERDE DAS NICHT ZULASSEN, SAG ICH DIR!«
Aber Harry zog schon eine Pergamentrolle vom Bein der Eule. Er war
so überzeugt, daß dieser Brief von Dumbledore sein mußte und alles
erklärte – die Dementoren, Mrs. Figg, was das Ministerium vorhatte,
wie er, Dumbledore, alles wieder ins Lot bringen wollte –, daß er zum
ersten Mal im Leben enttäuscht war, Sirius’ Handschrift zu sehen. Er
hörte nicht auf Onkel Vernons andauerndes Geschimpfe über Eulen,
kniff statt dessen, weil die bislang letzte Eule gerade wieder den
Schornstein hoch entfleuchte, die Augen vor einer weiteren Staubwolke
zu schmalen Schlitzen zusammen und las Sirius’ Nachricht:
Arthur hat mir eben erzählt, was passiert ist. Was immer du tust, verlaß auf
keinen Fall mehr das Haus.
Harry hielt das für eine so unpassende Antwort auf alles, was heute
Abend geschehen war, daß er das Pergamentblatt umdrehte und nach
dem Rest des Briefes suchte, doch da stand nichts weiter.
Und jetzt stieg erneut die Wut in ihm hoch. Konnte nicht irgend je-
mand »gut gemacht« sagen, wo er doch zwei Dementoren eigenhändig
in die Flucht geschlagen hatte? Mr. Weasley und Sirius taten gerade so,
als ob er sich danebenbenommen hätte und sie nur noch abwarteten,
bis sie klären konnten, wie viel Schaden er angerichtet hatte, ehe sie ihn
zurechtstutzten.
»… Dieser Käfig – ich meine – dieses Haus ist kein Eulenkäfig. Damit
muß Schluß sein, Bursche, endgültig –«
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»Ich kann die Eulen nicht aufhalten«, fauchte Harry und zerknüllte
Sirius’ Brief in der Faust.
»Ich will die Wahrheit wissen über das, was heute Abend passiert
ist!«, bellte Onkel Vernon. »Wenn das Dementöre waren, die Dudley
weh getan haben, warum bist du dann rausgeschmissen worden? Du
hast Du-weißt-schon-was gemacht, du hast es selbst zugegeben!«
Harry tat einen tiefen, beruhigenden Atemzug. Sein Kopf begann
wieder zu schmerzen. Er wollte nichts sehnlicher als aus der Küche
verschwinden, weg von den Dursleys.
»Ich hab den Patronus-Zauber eingesetzt, um die Dementoren loszu-
werden«, sagte er und zwang sich ruhig zu bleiben. »Das ist das Ein-
zige, was gegen die wirkt.«
»Aber was hatten diese Demontöre überhaupt in Little Whinging zu
suchen?«, sagte Onkel Vernon empört.
»Kann ich dir nicht sagen«, sagte Harry matt. »Keine Ahnung.«
Die gleißenden Lichtleisten ließen seinen Kopf dröhnen. Allmählich
ebbte seine Wut ab. Er fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Die Durs-
leys starrten ihn an.
»Wegen dir«, sagte Onkel Vernon auftrumpfend. »Das hat was mit dir
zu tun, Bursche, ich weiß es. Weshalb sollten die sonst hier auftauchen?
Weshalb sollten die sonst in diese Gasse kommen? Du mußt der einzige –
der einzige –« Offensichtlich brachte er es nicht über sich, »Zauberer« zu
sagen. »Der einzige Du-weißt-schon-was meilenweit sein.«
»Ich weiß nicht, warum die hier waren.«
Doch bei Onkel Vernons Worten begann Harrys erschöpftes Gehirn
wieder zu arbeiten. Weshalb waren die Dementoren nach Little Whin-
ging gekommen? Konnte es wirklich Zufall sein, daß sie in der Gasse
aufgetaucht waren, in der Harry unterwegs war? Hatte jemand sie ge-
schickt? Hatte das Zaubereiministerium die Kontrolle über die Demen-
toren verloren? Hatten sie Askaban verlassen und sich Voldemort ange-
schlossen, wie es Dumbledore vorausgesagt hatte?
»Diese Demontöre bewachen irgend so ein Spinnergefängnis?«,
fragte Onkel Vernon nachdenklich, als dümpele er in Harrys Gedan-
kenstrom.
»Ja«, sagte Harry.
39

Wenn ihm nur der Kopf nicht mehr weh tun würde, wenn er doch
nur aus der Küche und auf sein dunkles Zimmer gehen und nachden-
ken könnte …
»Oho! Die sind gekommen, um dich zu verhaften!«, sagte Onkel Ver-
non mit der siegessicheren Miene eines Mannes, der zu einem unan-
fechtbaren Schluß gelangt ist. »Das ist es, stimmt’s, Bursche? Du bist
auf der Flucht vor dem Gesetz!«
»Natürlich nicht«, erwiderte Harry und schüttelte den Kopf, wie um
eine Fliege zu verscheuchen, während sich seine Gedanken überschlu-
gen.
»Warum dann –?«
»Er muß sie geschickt haben«, sagte Harry leise, mehr zu sich selbst
als zu Onkel Vernon.
»Was soll das heißen? Wer muß sie geschickt haben?«
»Lord Voldemort«, sagte Harry.
Dumpf bemerkte er, wie seltsam es war, daß die Dursleys, die zuck-
ten, zitterten und zeterten, wenn sie nur Worte wie »Zauberer«, »Ma-
gie« oder »Zauberstab« hörten, den Namen des bösesten Zauberers al-
ler Zeiten ohne das leiseste Schaudern ertragen konnten.
»Lord – wart mal«, sagte Onkel Vernon mit angespannter Miene und
in seinen Schweinsäuglein begann es zu dämmern. »Den Namen hab
ich schon mal gehört … das war doch derjenige, der –«
»Meine Eltern umgebracht hat, ja«, sagte Harry.
»Aber der ist weg«, entgegnete Onkel Vernon ungeduldig und ohne
das geringste Zeichen, daß der Mord an Harrys Eltern vielleicht ein
schmerzliches Thema sein könnte. »Dieser riesenhafte Kerl hat es ge-
sagt. Er ist weg.«
»Er ist zurück«, sagte Harry mit schwerer Stimme.
Es kam ihm unwirklich vor, wie er da in Tante Petunias klinisch sau-
berer Küche stand, neben dem Premium-Kühlschrank und dem Breit-
bildfernseher, und sich mit Onkel Vernon gelassen über Lord Volde-
mort unterhielt. Mit der Ankunft der Dementoren in Little Whinging
schien die große, unsichtbare Mauer durchbrochen worden zu sein,
welche die gnadenlos nichtmagische Welt des Ligusterwegs und die
Welt jenseits von ihr getrennt hatte. Harrys zwei Leben hatten sich
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gleichsam verschmolzen und alles war auf den Kopf gestellt; die Durs-
leys fragten nach Einzelheiten über die magische Welt und Mrs. Figg
kannte Albus Dumbledore; Dementoren schwirrten in Little Whinging
umher und er selbst würde vielleicht nie mehr nach Hogwarts zurück-
kehren. In Harrys Kopf pochte es noch schmerzhafter.
»Zurück?«, flüsterte Tante Petunia.
Sie sah Harry an, wie sie ihn noch nie angesehen hatte. Und schlagar-
tig, zum ersten Mal in seinem Leben, wurde Harry voll und ganz be-
wußt, daß Tante Petunia die Schwester seiner Mutter war. Er hätte
nicht sagen können, warum ihn das in diesem Augenblick traf wie ein
heftiger Schlag. Er wußte nur, daß er nicht der einzige Mensch in der
Küche war, der eine leise Ahnung davon hatte, was es bedeuten
könnte, daß Lord Voldemort zurück war. Tante Petunia hatte ihn noch
nie im Leben auf diese Weise angesehen. Ihre großen, blassen Augen
(denen der Schwester so unähnlich) waren nicht in Abneigung oder
Zorn verengt, sie waren geweitet und angsterfüllt. Die Fassade, die
Tante Petunia während all der Zeit mit Harry wild entschlossen auf-
rechterhalten hatte – wonach es keine Magie und keine andere Welt als
die gab, die sie mit Onkel Vernon bewohnte –, diese Fassade war offen-
bar zusammengebrochen.
»Ja«, sagte Harry jetzt direkt an Tante Petunia gewandt. »Er ist vor ei-
nem Monat zurückgekehrt. Ich hab ihn gesehen.«
Ihre Hände suchten Dudleys massige, lederbewehrte Schultern und
klammerten sich daran fest.
»Wart mal«, sagte Onkel Vernon und blickte abwechselnd seine Frau
und Harry an, durch das unerhörte Verständnis, das zwischen den bei-
den erwacht war, offenbar völlig verdattert und konfus. »Wart mal.
Dieser Lord Waldimord ist zurück, sagst du.«
»Ja.«
»Der deine Eltern umgebracht hat.«
»Ja.«
»Und jetzt jagt er dir Demontoren auf den Hals?«
»Sieht so aus«, sagte Harry.
»Verstehe«, sagte Onkel Vernon, blickte von seiner bleichen Frau zu
Harry und zog sich die Hosen zurecht. Er schien anzuschwellen, sein
41

großes, purpurrotes Gesicht schien vor Harrys Augen immer breiter zu
werden. »Nun, damit ist der Fall klar«, sagte er, und sein Hemd
spannte sich, während er sich aufplusterte. »Du kannst aus diesem Haus
verschwinden, Bursche!«
»Was?«, sagte Harry.
»Du hast mich gehört – RAUS!«, bellte Onkel Vernon und selbst
Tante Petunia und Dudley schraken zusammen. »RAUS! RAUS! Das
hätt ich schon vor Jahren tun sollen! Eulen betrachten mein Haus als
Erholungsheim, Nachspeisen explodieren, das halbe Wohnzimmer
wird demoliert, Dudleys Schwanz, Magda hüpft an der Decke rum und
dieser fliegende Ford Anglia – RAUS! RAUS! Das reicht jetzt! Du
kannst verschwinden! Du wirst nicht hier bleiben, wenn irgendein Irrer
hinter dir her ist, du wirst meine Frau und meinen Sohn nicht gefähr-
den und du wirst uns keine Scherereien machen. Wenn du den glei-
chen Weg gehst wie deine nutzlosen Eltern, dann soll’s mir recht sein!
RAUS!«
Harry stand da wie angewurzelt. Die Briefe vom Ministerium, von
Mr. Weasley und Sirius steckten zerknüllt in seiner linken Hand. Was
immer du tust, verlaß auf keinen Fall mehr das Haus. VERLASS DAS HAUS
VON TANTE UND ONKEL NICHT.
»Du hast mich verstanden!«, sagte Onkel Vernon und beugte sich vor,
bis sein feistes purpurrotes Gesicht dem von Harry so nahe kam, daß er
tatsächlich Spucketröpfchen auf der Haut spürte. »Auf geht’s! Vor ’ner
halben Stunde warst du noch ganz wild drauf, abzuhauen! Nur zu!
Raus hier, und setz nie wieder einen Fuß auf unsere Türschwelle! Keine
Ahnung, warum wir dich überhaupt aufgenommen haben, Magda
hatte Recht, du hättest ins Waisenhaus gehört. Wir waren verflucht
noch mal zu nachgiebig, haben nicht an uns gedacht, meinten, wir
könnten’s aus dir rausquetschen, meinten, wir könnten einen normalen
Jungen aus dir machen, aber du warst von Anfang an verdorben, und
ich hab die Schnauze voll – Eulen!«
Die fünfte Eule stieß den Kamin herab, so schnell, daß sie erst einmal
auf den Boden krachte, bevor sie mit einem lauten Schrei wieder in die
Luft flatterte. Harry hob die Hand, um den Brief zu schnappen, der in
einem scharlachroten Umschlag steckte, doch er schwebte direkt über
42

seinen Kopf hinweg und auf Tante Petunia zu, die aufschrie, die Arme
übers Gesicht hielt und sich wegduckte. Die Eule ließ den roten Um-
schlag auf ihren Kopf fallen, machte kehrt und flog geradewegs den
Kamin wieder hoch.
Harry stürzte vor, um den Brief aufzuheben, doch Tante Petunia war
schneller.
»Du kannst ihn aufmachen, wenn du willst«, sagte Harry, »aber ich
hör trotzdem, was drinsteht. Das ist ein Heuler.«
»Laß ihn los, Petunia«, donnerte Onkel Vernon. »Rühr ihn nicht an, er
könnte gefährlich sein!«
»Er ist an mich adressiert«, sagte Tante Petunia mit zitternder
Stimme. »Er ist an mich adressiert, Vernon, sieh nur! Mrs. Petunia Durs-
ley, Die Küche, Ligusterweg Nummer vier –«
Sie hielt den Atem an, starr vor Entsetzen. Der rote Umschlag hatte
zu kokeln begonnen.
»Mach ihn auf!«, drängte Harry. »Bring’s hinter dich. Es passiert so-
wieso.«
»Nein.«
Tante Petunias Hand zitterte. Sie blickte wild in der Küche umher, als
ob sie nach einem Fluchtweg suchte, doch zu spät – der Umschlag ging
in Flammen auf. Tante Petunia kreischte und ließ ihn fallen.
Eine schreckliche Stimme, die aus dem brennenden Brief auf dem
Tisch drang, erfüllte die Küche und hallte in dem engen Raum wider.
»Denk an meinen letzten, Petunia.«
Tante Petunia schien am Rande der Ohnmacht. Sie sank, das Gesicht
in den Händen, auf den Stuhl neben Dudley. In der Stille verschmorten
die Überreste des Umschlags zu Asche.
»Was ist das?«, sagte Onkel Vernon heiser. »Was – was soll das –
Petunia?«
Tante Petunia schwieg. Dudley starrte stumpfsinnig und mit offenem
Mund seine Mutter an. Die Stille schraubte sich ins Unerträgliche. Völ-
lig entgeistert und mit zum Bersten hämmerndem Kopf beobachtete
Harry seine Tante.
»Petunia, Liebling?«, sagte Onkel Vernon ängstlich. »P-Petunia?«
Sie hob den Kopf. Sie zitterte noch immer. Sie schluckte.
43

»Der Junge – der Junge muß hier bleiben, Vernon«, sagte sie matt.
»W-was?«
»Er bleibt«, sagte sie. Sie sah Harry nicht an. Sie stand auf.
»Er … aber Petunia …«
»Wenn wir ihn rauswerfen, reden die Nachbarn«, sagte sie. Rasch ge-
wann sie ihre übliche forsche, bissige Art zurück, auch wenn sie immer
noch sehr blaß war. »Die werden peinliche Fragen stellen und wissen
wollen, wo er hin ist. Wir müssen ihn behalten.«
Onkel Vernon entwich die Luft wie einem alten Reifen.
»Aber Petunia – Liebling –«
Tante Petunia achtete nicht auf ihn. Sie wandte sich an Harry.
»Du bleibst in deinem Zimmer«, sagte sie. »Du verläßt das Haus
nicht. Jetzt geh zu Bett.«
Harry rührte sich nicht.
»Von wem war dieser Heuler?«
»Stell keine Fragen«, schnappte Tante Petunia.
»Hast du Verbindung zu Zauberern?«
»Ich hab dir doch gesagt, du sollst zu Bett gehen!«
»Was sollte das heißen? Denk an meinen letzten – was?«
»Geh zu Bett!«
»Wieso –?«
»DU HAST GEHÖRT, WAS DEINE TANTE GESAGT HAT, JETZT
GEH ZU BETT!«
44

Die Vorhut
Ich bin gerade von Dementoren angegriffen worden und werde vielleicht von
Hogwarts verwiesen. Ich will wissen, was vor sich geht und wann ich hier
rauskomme.
Harry schrieb diese Worte auf drei verschiedene Pergamentblätter,
sobald er den Schreibtisch in seinem dunklen Zimmer erreicht hatte. Er
adressierte das erste Blatt an Sirius, das zweite an Ron und das dritte
an Hermine. Hedwig, seine Eule, war draußen auf Jagd; ihr Käfig stand
leer auf dem Tisch. Harry ging im Zimmer auf und ab und wartete auf
ihre Rückkehr, mit hämmerndem Kopf, das Gehirn zu wach zum
Schlafen, obwohl ihm die Augen tränten und brannten vor Müdigkeit.
Sein Rücken tat weh von der Anstrengung, Dudley nach Haus zu
schleppen, und die zwei Beulen am Kopf, wo das Fenster und Dudleys
Faust ihn getroffen hatten, pochten schmerzhaft.
Immer wieder ging er im Zimmer auf und ab, zornig und enttäuscht,
knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste und warf jedes Mal, wenn
er am Fenster vorbeikam, wütende Blicke hinaus auf den leeren, stern-
übersäten Himmel. Dementoren waren hinter ihm her, Mrs. Figg und
Mundungus Fletcher beschatteten ihn heimlich, dann ein vorläufiges
Schulverbot für Hogwarts und eine Anhörung im Zaubereiministerium
– und immer noch sagte ihm keiner, was eigentlich los war.
Und worum, worum war es bei diesem Heuler gegangen? Wessen
Stimme war so grausig, so bedrohlich durch die Küche gehallt?
Warum saß er immer noch ohne Neuigkeiten hier fest?
Warum behandelten ihn alle wie ein ungezogenes Kind? Gebrauch kei-
nen Zauber mehr, bleib im Haus …
45

Im Vorbeigehen trat er gegen seinen Schulkoffer, was jedoch keines-
wegs seinen Zorn linderte, es ging ihm nur noch schlechter, weil ihm
neben all den anderen Schmerzen in seinem Körper jetzt auch noch ein
heftiges Stechen im Zeh zu schaffen machte.
Gerade war er am Fenster vorbeigehumpelt, da schwebte Hedwig,
leise mit den Flügeln raschelnd, wie ein kleines Gespenst herein.
»Wird auch Zeit«, fauchte Harry, als sie sanft auf ihrem Käfig landete.
»Leg den weg, ich hab Arbeit für dich!«
Hedwigs große, runde Bernsteinaugen starrten ihn vorwurfsvoll über
den toten Frosch in ihrem Schnabel hinweg an.
»Komm her«, sagte Harry, nahm die drei kleinen Pergamentrollen
und einen Lederriemen und schnürte die Rollen an ihrem schuppigen
Bein fest. »Bring die sofort zu Sirius, Ron und Hermine, und komm
nicht ohne gute, ausführliche Antworten zurück. Hack auf ihnen rum,
wenn nötig, bis sie ordentlich lange Antworten geschrieben haben. Ver-
standen?«
Hedwig, immer noch den Frosch im Schnabel, stieß einen erstickten
Schrei aus.
»Na dann los«, sagte Harry.
Sie flog auf der Stelle davon. Kaum war sie verschwunden, ließ sich
Harry ohne sich auszuziehen aufs Bett fallen und starrte hoch an die
dunkle Decke. Elend, wie ihm ohnehin schon zumute war, fühlte er
sich jetzt auch noch schuldig, daß er gemein zu Hedwig gewesen war;
sie war die einzige Freundin, die er im Ligusterweg Nummer vier
hatte. Er wollte es wieder gutmachen, wenn sie mit den Antworten von
Sirius, Ron und Hermine zurückkam.
Sie mußten unbedingt schnellstens antworten; einen Dementorenan-
griff konnten sie unmöglich ignorieren. Wahrscheinlich würde er mor-
gen aufwachen und drei dicke Briefe voller Mitgefühl und Pläne für ei-
nen sofortigen Umzug in den Fuchsbau vorfinden. Und bei dieser
tröstlichen Vorstellung wogte der Schlaf über ihn hin und ertränkte alle
weiteren Gedanken.
Doch Hedwig kehrte am nächsten Morgen nicht zurück. Harry ver-
brachte den Tag in seinem Zimmer und verließ es nur, um ins Bad zu
gehen. Dreimal schob Tante Petunia an diesem Tag Essen durch die
46

Katzenklappe, die Onkel Vernon drei Sommer zuvor angebracht hatte.
Jedes Mal wenn Harry sie kommen hörte, machte er den Versuch, von
ihr etwas über den Heuler zu erfahren, aber er hätte genauso gut den
Türknauf befragen können, so viel Auskunft bekam er. Ansonsten hiel-
ten sich die Dursleys völlig seinem Zimmer fern. Harry wiederum hielt
es für sinnlos, ihnen seine Gesellschaft aufzuzwingen. Noch ein Streit
würde nichts bewirken und ihn womöglich so in Rage versetzen, daß
er schon wieder rechtswidrige Zauber gebrauchte.
So ging es ganze drei Tage lang. Mal war Harry von einer rastlosen
Energie durchdrungen, die es ihm unmöglich machte, sich mit etwas
zu beschäftigen, die ihn durchs Zimmer trieb, voll Wut auf die ganze
Bagage, die sich nicht um ihn scherte und ihn jetzt in seinem Elend
schmoren ließ; dann wieder erfaßte ihn eine so ausweglose Trägheit,
daß er eine geschlagene Stunde auf dem Bett liegen konnte, benebelt
ins Leere starrend und gepeinigt von Angst vor der Anhörung im Mini-
sterium.
Was, wenn sie ihn verurteilten? Was, wenn sie ihn tatsächlich raus-
warfen und seinen Zauberstab entzweibrachen? Was sollte er dann ma-
chen, wohin sollte er gehen? Jetzt, da er die andere Welt kannte, die
Welt, in die er wirklich gehörte, konnte er nicht einfach so bei den
Dursleys weiterleben. Konnte er vielleicht in Sirius’ Haus ziehen, wie
Sirius es ihm vor einem Jahr vorgeschlagen hatte, bevor ihn das Mini-
sterium zur Flucht gezwungen hatte? Würde man Harry gestatten, dort
allein zu leben, obwohl er doch immer noch minderjährig war? Oder
würde man bald für ihn entscheiden, wohin er zu gehen hätte? War
seine Verletzung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens so
schwer gewesen, daß er in einer Zelle in Askaban landen würde? Im-
mer wenn er daran dachte, glitt Harry unwillkürlich vom Bett und
ging erneut im Zimmer auf und ab.
Es war die vierte Nacht, seit Hedwig fort war, Harry lag wieder ein-
mal stumpf und teilnahmslos auf dem Bett und starrte erschöpft und
mit vollkommen leerem Kopf an die Decke, als sein Onkel ins Zimmer
trat. Harry drehte sich langsam zu ihm um. Onkel Vernon trug seinen
besten Anzug und eine mächtig blasierte Miene.
»Wir gehen aus«, sagte er.
47

»Wie bitte?«
»Wir – das heißt deine Tante, Dudley und ich – wir gehen aus.«
»Schön«, sagte Harry dumpf und sah wieder zur Decke.
»Du bleibst in deinem Zimmer, während wir weg sind.«
»Okay.«
»Du rührst den Fernseher, die Stereoanlage und auch keine anderen
Sachen von uns an.«
»Gut.«
»Du stiehlst kein Essen aus dem Kühlschrank.«
»Okay.«
»Ich schließe deine Tür ab.«
»Tu das.«
Onkel Vernon, offenbar argwöhnisch, weil Harry sich nicht wehrte,
warf ihm einen bösen Blick zu, dann stampfte er aus dem Zimmer und
schloß die Tür hinter sich. Harry hörte, wie sich der Schlüssel im
Schloß drehte und Onkel Vernon schweren Schrittes die Treppe hinun-
terging. Ein paar Minuten später hörte er Autotüren knallen, einen Mo-
tor aufbrummen und das unverwechselbare Geräusch eines Autos, das
aus der Einfahrt brauste.
Daß die Dursleys wegfuhren, kümmerte Harry nicht sonderlich. Ihm
war es gleichgültig, ob sie zu Hause waren oder nicht. Er brachte nicht
einmal die Kraft auf, vom Bett aufzustehen und das Licht anzumachen.
Im Zimmer wurde es allmählich dunkel, und er lag da und lauschte
den nächtlichen Geräuschen, die durchs Fenster wehten, das er immer
offen ließ in der sehnlichen Hoffnung, Hedwig würde endlich zurück-
kehren.
Das leere Haus knarzte um ihn her. Die Rohre gurgelten. Harry lag
wie betäubt da, in Trübsal versunken, und dachte an nichts.
Dann, ganz deutlich, hörte er unten in der Küche ein Klirren.
Schlagartig saß er kerzengerade im Bett und lauschte angestrengt.
Die Dursleys konnten noch nicht zurück sein, es war viel zu früh und
außerdem hatte er ihren Wagen nicht gehört.
Für einige Sekunden trat Stille ein, dann vernahm er Stimmen.
Einbrecher, dachte er und glitt vom Bett – doch eine Sekunde später
schoß ihm durch den Kopf, daß Einbrecher leise reden würden, und
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wer immer sich in der Küche herumtrieb, machte sich offenbar darüber
keine Gedanken.
Er griff nach seinem Zauberstab auf dem Nachttisch, fixierte reglos
die Zimmertür und lauschte, so gut er konnte. Im nächsten Moment
zuckte er zusammen, als das Schloß laut klickte und seine Tür auf-
schwang.
Harry blieb starr stehen, spähte durch die offene Tür auf den dunklen
oberen Treppenabsatz und horchte angespannt nach weiteren Geräu-
schen, doch er hörte nichts. Nach kurzem Zögern huschte er geräusch-
los aus dem Zimmer zur Treppe hinaus.
Das Herz sprang ihm bis an die Kehle. Unten, im düsteren Flur, stan-
den Leute. Die Straßenbeleuchtung, die durch die Glastür schimmerte,
ließ nur ihre Umrisse erkennen; acht oder neun waren es, und soweit er
sehen konnte, blickten alle zu ihm hoch.
»Den Zauberstab runter, Junge, bevor du jemandem das Auge aus-
stichst«, sagte eine dunkle, knurrende Stimme.
Harrys Herz fing wild an zu klopfen. Er kannte diese Stimme, aber
den Zauberstab ließ er nicht sinken.
»Professor Moody?«, sagte er unsicher.
»Den ›Professor‹ laß mal stecken«, knurrte die Stimme, »bin nie groß
zum Unterrichten gekommen, oder? Nun aber runter hier, wir wollen
dich richtig sehen.«
Harry ließ den Zauberstab ein wenig sinken, hielt ihn aber weiter
fest umklammert und rührte sich auch nicht. Er hatte allen Grund,
mißtrauisch zu sein. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er neun
Monate in der vermeintlichen Gesellschaft von Mad-Eye Moody
verbracht, um schließlich festzustellen, daß es
überhaupt nicht
Moody gewesen war, sondern ein Doppelgänger; ein Doppelgänger
überdies, der Harry hatte töten wollen, bevor er enttarnt wurde.
Doch ehe Harry wußte, was er als Nächstes tun sollte, schwebte
eine zweite, ein wenig heisere Stimme treppauf.
»Schon in Ordnung, Harry. Wir sind hier, um dich abzuholen.«
Harrys Herz machte einen Satz. Auch diese Stimme kannte er, ob-
wohl er sie seit über einem Jahr nicht mehr gehört hatte.
»P-Professor Lupin?«, sagte er ungläubig. »Sind Sie das?«
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»Warum stehen wir alle im Dunkeln rum?«, sagte eine dritte Stimme,
diesmal eine gänzlich unvertraute, die einer Frau. »Lumos.«
Die Spitze eines Zauberstabs flammte auf und tauchte den Flur in
magisches Licht. Harry blinzelte. Die Leute unten standen dicht beiein-
ander am Fuß der Treppe und spähten gebannt zu ihm hoch, manche
reckten den Kopf, um ihn besser zu sehen. Remus Lupin stand ihm am nächsten. Er sah immer noch recht jung
aus, wirkte aber müde und angeschlagen; seit Harry sich das letzte Mal
von ihm verabschiedet hatte, hatte er noch mehr graue Haare bekom-
men, sein Umhang hatte einige zusätzliche Flicken und war schäbiger
denn je. Dennoch lächelte er Harry breit an, und Harry versuchte, so
erschrocken er auch war, das Lächeln zu erwidern. »Oooh, er sieht genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hab«, sagte
die Hexe, die den leuchtenden Zauberstab emporhielt. Sie schien die
Jüngste dort unten zu sein und hatte ein blasses, herzförmiges Gesicht,
dunkle, funkelnde Augen und kurzes Stachelhaar in wildem Violett.
»Schön, dich zu sehen, Harry!« »Ja, jetzt versteh ich, was du meinst, Remus«, sagte ein kahlköpfiger
schwarzer Zauberer, der ganz hinten stand – er hatte eine tiefe, bedäch-
tige Stimme und trug einen goldenen Ring im Ohr – »er sieht genau
wie James aus.« »Nur die Augen nicht«, sagte ein silberhaariger Zauberer mit pfeifen-
der Stimme. »Lilys Augen.«
Mad-Eye Moody hatte langes graumeliertes Haar und an seiner Nase
fehlte ein großes Stück; mit seinen ungleichen Augen schielte er Harry
argwöhnisch an. Das eine Auge war klein, dunkel und perlschim-
mernd, das andere groß, rund und strahlend blau – es war das magi-
sche Auge, das durch Wände, Türen und in Moodys eigenen Kopf hin-
einsehen konnte. »Bist du ganz sicher, daß er ’s ist, Lupin?«, knurrte er. »Wär doch ’ne
schöne Bescherung, wenn wir ’nen Todesser mitbringen würden, der
seine Gestalt angenommen hat. Wir sollten ihn was fragen, das nur der
echte Potter wissen kann. Oder hat jemand zufällig Veritaserum
dabei?« »Harry, welche Gestalt nimmt dein Patronus an?«, fragte Lupin.
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»Die von einem Hirsch«, sagte Harry nervös.
»Er ist es, Mad-Eye«, sagte Lupin.
Während er deutlich spürte, daß er immer noch von allen angestarrt
wurde, stieg Harry die Treppe hinunter und schob unterwegs den Zau-
berstab in die hintere Tasche seiner Jeans.
»Steck den Zauberstab nicht da rein, Junge«, donnerte Moody. »Was,
wenn er losgeht? Gab schon bessere Zauberer als dich, die ’ne Pobacke
verloren haben, sag ich dir!«
»Wen kennst du, der ’ne Pobacke verloren hat?«, fragte die Frau mit
den violetten Haaren neugierig.
»Tut jetzt nichts zur Sache, der Zauberstab gehört jedenfalls nicht in
die Hosentasche!«, knurrte Mad-Eye. »Die einfachsten Sicherheitsre-
geln, und keinen kümmert’s heutzutage mehr.« Er stampfte zur Küche
hinüber. »Und das hab ich auch gesehen«, setzte er säuerlich hinzu, als
die Frau die Augen verdrehte.
Lupin trat vor und schüttelte Harry die Hand.
»Wie geht’s dir?«, fragte er und musterte ihn aufmerksam.
»G-gut …«
Harry konnte kaum glauben, daß dies wirklich geschah. Vier Wochen
lang nichts, nicht die kleinste Andeutung eines Plans, ihn aus dem Li-
gusterweg zu holen, und plötzlich stand da eine ganze Horde Zauberer
völlig gelassen bei ihm im Haus, als wäre das alles schon lange so ver-
abredet gewesen. Er musterte die Leute um Lupin flüchtig; sie starrten
ihn immer noch begierig an. Ihm wurde peinlich bewußt, daß er seit
vier Tagen seine Haare nicht mehr gekämmt hatte.
»Ich – ihr habt wirklich Glück, daß die Dursleys nicht da sind …«,
murmelte er.
»Glück, ha!«, sagte die Frau mit den violetten Haaren. »Weggelockt
hab ich sie. Hab ihnen per Muggelpost einen Brief geschickt, in dem ih-
nen mitgeteilt wurde, daß sie in der Endauswahl im Wettbewerb um
den bestgepflegten Kleinstadtrasen Englands sind. Sie sind gerade auf
dem Weg zur Preisverleihung … oder glauben das wenigstens.«
Harry sah undeutlich Onkel Vernons Gesicht vor sich, in dem Mo-
ment, da diesem klar wurde, daß es keinen Wettbewerb um den bestge-
pflegten Kleinstadtrasen Englands gab.
51

»Wir gehen weg von hier, ja?«, fragte er. »Bald?«
»Jeden Moment«, sagte Lupin, »wir warten nur noch auf das Okay.«
»Wo gehen wir hin? Zum Fuchsbau?«, fragte Harry hoffnungsvoll.
»Nein, nicht zum Fuchsbau«, sagte Lupin und wies Harry in Rich-
tung Küche; die kleine Schar Zauberer, die Harry noch immer neugie-
rig beäugte, folgte ihnen. »Zu riskant. Wir haben das Hauptquartier an
einem unaufspürbaren Ort aufgeschlagen. Das hat uns einige Zeit ge-
kostet …«
Mad-Eye Moody hockte inzwischen am Küchentisch und trank mit
kräftigen Schlucken aus einem Flachmann, rollte sein Auge in alle
Richtungen und begutachtete die vielen arbeitssparenden Gerätschaf-
ten der Dursleys.
»Das ist Alastor Moody, Harry«, sagte Lupin und wies auf Moody.
»Ja, weiß ich«, sagte Harry unangenehm berührt. Es mutete ihn selt-
sam an, jemandem vorgestellt zu werden, den er ein Jahr lang zu ken-
nen geglaubt hatte.
»Und das ist Nymphadora –«
»Nenn mich nicht Nymphadora, Remus«, sagte die junge Hexe
schaudernd, »nur Tonks.«
»Nymphadora Tonks, die lieber nur bei ihrem Nachnamen genannt
sein will«, schloß Lupin.
»Das war dir auch lieber, wenn deine Närrin von Mutter dich Nym-
phadora getauft hätte«, murmelte Tonks.
»Und das ist Kingsley Shacklebolt.« Er deutete auf den großen
schwarzen Zauberer, der sich verbeugte. »Elphias Doge.« Der Zauberer
mit der pfeifenden Stimme nickte. »Dädalus Diggel –«
»Wir kennen uns schon«, quiekte der quirlige Diggel und der violette
Zylinder fiel ihm vom Kopf.
»Emmeline Vance.« Eine stämmig wirkende Hexe mit smaragdgrü-
nem Schal verneigte sich. »Sturgis Podmore.« Ein Zauberer mit kanti-
gem Unterkiefer und dichtem strohblondem Haar zwinkerte. »Und
Hestia Jones.« Eine schwarzhaarige Hexe mit rosa Wangen, die neben
dem Toaster stand, winkte herüber.
Harry nickte allen, wie sie der Reihe nach vorgestellt wurden, verle-
gen zu. Er wünschte, sie würden jemand anderen ansehen – ihm war
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zumute, als wäre er plötzlich auf eine Bühne geschoben worden. Au-
ßerdem fragte er sich, warum so viele von ihnen hier waren.»Es haben sich überraschend viele freiwillig gemeldet, um dich abzu-
holen«, sagte Lupin, als hätte er Harrys Gedanken gelesen; seine
Mundwinkel zuckten leicht.
»Tja, je mehr, desto besser«, sagte Moody finster. »Wir sind deine
Leibgarde, Potter.« »Wir warten nur noch auf das Signal, daß es sicher ist, aufzu-
brechen«, sagte Lupin und warf einen Blick aus dem Küchenfenster.
»Wir haben noch etwa fünfzehn Minuten.« »Sehr reinlich, nicht wahr, diese Muggel?«, sagte die Hexe namens
Tonks, die sich mit großem Interesse in der Küche umsah. »Mein Dad
ist ein Muggelstämmiger und er ist ’ne richtige alte Pottsau. Ist wohl
ganz unterschiedlich, genau wie bei Zauberern?« »Ähm – ja«, sagte Harry. »Hören Sie –«, er wandte sich wieder an Lu-
pin, »was ist eigentlich los, mir hat keiner was gesagt, was macht Vo
l–?« Ein paar Hexen und Zauberer st ießen merkwürdige Zischgeräusche
aus; Dädalus Diggel fiel wieder der Zylinder herunter und Moody
knurrte: »Sei still!« »Was?«, sagte Harry.
»Hier wird nichts beredet, das ist zu riskant«, sagte Moody und
drehte sein normales Auge Harry zu. Sein magisches Auge war auf die
Decke gerichtet. »Verfluchtes Ding«, fügte er zornig hinzu und fuhr mit
der Hand an das Auge, »bleibt dauernd stecken – seit dieser Schweine-
hund es getragen hat.« Und mit einem widerlichen Glucksgeräusch, ganz ähnlich dem eines
Stöpsels, der aus dem Waschbecken gezogen wird, quetschte er sein
Auge heraus. »Mad-Eye, du weißt, daß das eklig ist, ja?«, sagte Tonks nachsichtig.
»Hol mir doch mal ein Glas Wasser, Harry«, verlangte Moody.
Harry ging hinüber zum Geschirrspüler, nahm ein sauberes Glas her-
aus und füllte es am Küchenbecken mit Wasser, immer noch neugierig
beobachtet von der Zaubererschar. Ihr dauerndes Starren ging ihm all-
mählich auf die Nerven.
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»Danke«, sagte Moody, als Harry ihm das Glas reichte. Er ließ den
magischen Augapfel ins Wasser fallen und stupste ihn auf und ab; das
Auge wirbelte umher und starrte sie alle der Reihe nach an. »Auf der
Rückreise will ich dreihundertsechzig Grad Sicht haben.«
»Wie kommen wir hin – wohin auch immer?«, fragte Harry.
»Besen«, sagte Lupin. »Geht nicht anders. Du bist zu jung zum Appa-
rieren, die werden das Flohnetzwerk überwachen, und wir wären le-
bensmüde, wenn wir einen nicht genehmigten Portschlüssel aufbauen
würden.«
»Remus meint, du kannst gut fliegen«, sagte Kingsley Shacklebolt mit
seiner tiefen Stimme.
»Blendend«, warf Lupin ein und sah auf die Uhr. »Jedenfalls gehst du
jetzt besser und packst deine Sachen, Harry, wir wollen startbereit sein,
wenn das Signal kommt.«
»Ich komm mit und helf dir«, sagte Tonks und strahlte.
Sie folgte Harry hinaus auf den Flur und die Treppe hoch und sah
sich neugierig und interessiert um.
»Komisches Haus«, sagte sie. »Ein bißchen zu sauber, wenn du mich
fragst. Bißchen unnatürlich. Oh, das ist besser«, fügte sie hinzu, als sie
Harrys Zimmer betraten und er das Licht anmachte.
Sein Zimmer war tatsächlich viel unordentlicher als das übrige Haus.
Vier Tage war er schlecht gelaunt eingesperrt gewesen und hatte sich
nicht die Mühe gemacht aufzuräumen. Die meisten Bücher, die er be-
saß, lagen auf dem Boden verstreut, überall dort, wo er versucht hatte,
sich mit einem nach dem anderen abzulenken, und sie dann beiseite
geworfen hatte; Hedwigs Käfig fing an zu muffeln und mußte geputzt
werden; sein Koffer lag offen da und um ihn herum ein Sammelsurium
von Muggelklamotten und Zaubererumhängen, die er auf den Boden
geschmissen hatte.
Harry fing an, seine Bücher aufzulesen und sie hastig in den Koffer
zu werfen. Tonks hielt am offenen Schrank inne und betrachtete sich
kritisch im Spiegel an der Innenseite der Tür.
»Ehrlich gesagt, ich glaub nicht, daß Violett wirklich zu mir paßt«,
sagte sie nachdenklich und zupfte an einem Büschel Stachelhaar. »Fin-
dest du nicht, ich seh damit ’n bißchen ungesund aus?«
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»Ähm –«, sagte Harry und blickte über den Rand von Quidditch-
Mannschaften Britanniens und Irlands zu ihr hoch.
»Ja, eindeutig«, sagte Tonks bestimmt. Sie kniff die Augen mit ange-
strengter Miene zusammen, als versuchte sie sich mühsam an etwas zu
erinnern. Eine Sekunde später war ihr Haar bonbonrosa.
»Wie haben Sie das gemacht?«, fragte Harry und starrte sie mit offe-
nem Mund an, während sie die Augen wieder öffnete.
»Ich bin ein Metamorphmagus«, sagte sie, warf einen Blick zurück
auf ihr Spiegelbild und drehte den Kopf so, daß sie ihr Haar von allen
Seiten sehen konnte. »Das heißt, ich kann meine Erscheinung allein mit
meinem Willen verändern«, fügte sie hinzu, als sie Harrys verdutzte
Miene im Spiegel hinter sich bemerkte. »Bin schon so geboren. Bei der
Aurorenschulung habe ich Spitzennoten in Tarnung und Maskierung
gekriegt, ohne daß ich überhaupt dafür gelernt hab, das war toll.«
»Sie sind ein Auror?«, fragte Harry beeindruckt. Ein Jäger schwarzer
Magier zu werden war bisher das Einzige, was er sich für die Zeit nach
Hogwarts vorgestellt hatte.
»Jaah«, sagte Tonks stolz. »Kingsley auch, er ist allerdings ein wenig
ranghöher als ich. Ich hab erst vor einem Jahr den Abschluss gemacht.
Bin in Verheimlichen und Aufspüren fast durchgerasselt. Ich bin so
was von schusselig. Hast du gehört, wie ich den Teller runtergeschmis-
sen hab, als wir unten ankamen?«
»Metamorphmagus – kann man das lernen?«, fragte Harry und rich-
tete sich auf, das Kofferpacken hatte er schon völlig vergessen.
Tonks gluckste. »Wette, du würdest diese Narbe gelegentlich gern
mal verstecken, was?«
Ihr Blick fiel auf die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn.
»Nein, das würde ich nicht«, murmelte Harry und wandte sich ab. Er
mochte es nicht, wenn die Leute seine Narbe anstarrten.
»Naja, du wirst es auf die harte Tour lernen müssen, fürchte ich«,
sagte Tonks. »Metamorphmagi sind ziemlich selten, sie werden als sol-
che geboren und nicht dazu ausgebildet. Die meisten von uns brauchen
ihren Zauberstab oder Zaubertränke, um ihre Erscheinung zu ändern.
Aber wir müssen uns beeilen, Harry, wir sollten eigentlich packen«,
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fügte sie mit schuldbewußter Miene hinzu und ließ den Blick über das
Sammelsurium am Boden schweifen.
»Oh – ja«, sagte Harry und griff hastig nach ein paar Büchern.
»Blödsinn, es geht viel schneller, wenn ich – packe!«, rief Tonks und
schwenkte ihren Zauberstab mit einer ausladenden, schwebenden Be-
wegung über den Boden.
Bücher, Kleider, Teleskop und Waage schossen in die Luft und flogen
in den Koffer, durcheinander wie Kraut und Rüben.
»Das ist nicht besonders ordentlich«, sagte Tonks, ging hinüber und
blickte hinab auf das Durcheinander im Koffer. »Meine Mutter hat den
Dreh raus, wie sich die Klamotten tipptopp von alleine ordnen – die
bringt sogar die Socken dazu, sich selbst zu falten – aber ich hab nie
rausgekriegt, wie sie’s schafft – muß irgendwie locker aus dem Hand-
gelenk kommen –« Hoffnungsvoll schnippte sie mit ihrem Zauberstab.
Einer von Harrys Socken schwänzelte schwächlich und flappte dann
wieder auf den kunterbunten Haufen im Koffer zurück.
»Na gut«, sagte Tonks und schlug den Kofferdeckel zu, »wenigstens ist
alles drin. Der da könnte auch ein wenig Reinemachen vertragen.« Sie
richtete den Zauberstab auf Hedwigs Käfig.
»Ratzeputz.« Ein paar Federn
und ein wenig Mist verschwanden. »Na, immerhin ein bißchen besser –
ich hab mich mit diesen Haushaltszaubern nie richtig anfreunden kön-
nen. Schön – hast du alles? Kessel? Besen? Aber hallo – ein
Feuerblitz?«
Ihre Augen weiteten sich, als ihr Blick auf den Besen in Harrys rech-
ter Hand fiel. Er war sein ganzer Stolz, ein Geschenk von Sirius, ein Be-
sen von internationalem Standard.
»Und ich flieg immer noch einen Komet Zwei-Sechzig«, sagte Tonks
neidisch. »Naja … Zauberstab noch in der Jeans? Beide Pobacken noch
dran? Okay, gehen wir. Locomotor Koffer.«
Harrys Koffer hob sich einige Zentimeter in die Luft. Tonks trug Hed-
wigs Käfig in der Linken, in der Rechten hielt sie den Zauberstab wie
einen Taktstock und ließ den Koffer voraus durch das Zimmer und zur
Tür hinaus schweben. Harry trug seinen Besen und folgte ihr die
Treppe hinunter.
In der Küche hatte Moody inzwischen sein Auge wieder eingesetzt,
und nach der Reinigung rotierte es so schnell, daß Harry vom Zusehen
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schlecht wurde. Kingsley Shacklebolt und Sturgis Podmore untersuch-
ten die Mikrowelle, und Hestia Jones lachte über einen Kartoffelschä-
ler, auf den sie beim Stöbern in den Schubladen gestoßen war. Lupin
versiegelte einen an die Dursleys adressierten Brief.
»Bestens«, sagte Lupin und blickte auf, als Tonks und Harry eintra-
ten. »Wir haben noch ungefähr eine Minute, denke ich. Vielleicht soll-
ten wir raus in den Garten, damit wir bereit sind. Harry, ich laß einen
Brief an Tante und Onkel hier, damit sie sich keine Sorgen –«
»Tun die sowieso nicht«, sagte Harry.
»– daß du in Sicherheit bist –«
»Das deprimiert sie nur.«
»– und daß du sie nächsten Sommer wieder besuchst.«
»Muß das sein?«
Lupin lächelte, antwortete aber nicht.
»Komm her, Junge«, sagte Moody ruppig und winkte Harry mit dem
Zauberstab zu sich. »Ich muß dich desillusionieren.«
»Sie müssen was?«, sagte Harry nervös.
»Desillusionierungszauber«, sagte Moody und hob den Zauberstab.
»Lupin meint, du hast einen Tarnumhang, aber der flattert weg, wäh-
rend wir fliegen; das hier verbirgt dich besser. Los geht’s –«
Er klopfte ihm hart auf den Kopf, und Harry hatte das komische Ge-
fühl, als hätte Moody gerade ein Ei darauf aufgeschlagen; von dort, wo
der Zauberstab ihn getroffen hatte, schienen kalte Tropfen seinen Kör-
per hinunterzurinnen.
»Der kam gut, Mad-Eye«, sagte Tonks anerkennend und starrte auf
Harrys Brustkorb.
Harry blickte an seinem Körper hinab, oder vielmehr an seinem ehe-
maligen Körper, denn er sah nicht mehr aus wie der seine. Er war nicht
unsichtbar; er hatte schlicht und einfach die gleiche Farbe und Mase-
rung wie der Küchenschrank hinter ihm angenommen. Er schien ein
menschliches Chamäleon geworden zu sein.
»Komm«, sagte Moody und entriegelte die Hintertür mit seinem
Zauberstab.
Sie traten alle nach draußen auf Onkel Vernons wunderschön ge-
pflegten Rasen.
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»Klare Nacht«, brummte Moody und suchte den Himmel mit seinem
magischen Auge ab. »Ein paar mehr Wolken als Deckung wär ’n nicht
schlecht gewesen. Jetzt hör mal«, blaffte er Harry an, »wir fliegen in en-
ger Formation. Tonks fliegt direkt vor dir, bleib dicht an ihrem Schweif.
Lupin deckt dich von unten. Ich bin hinter dir. Die andern umkreisen
uns. Wir bleiben um jeden Preis zusammen, verstanden? Wenn einer
von uns getötet wird –«
»Kann das passieren?«, fragte Harry besorgt, doch Moody überhörte
ihn.
»– fliegen die andern weiter, stoppen nicht, bleiben in Formation.
Wenn sie uns alle ausknipsen und du überlebst, Harry, steht die Nach-
hut bereit und übernimmt; flieg weiter Richtung Osten, dort werden sie
dich in Empfang nehmen.«
»Nur nicht so gut gelaunt, Mad-Eye, er wird noch denken, wir neh-
men das nicht ernst«, sagte Tonks, während sie Harrys Koffer und
Hedwigs Käfig in einem Geschirr festzurrte, das an ihrem Besen hing.
»Ich erklär dem Jungen nur den Plan«, grollte Moody. »Unser Job ist
es, ihn sicher im Hauptquartier abzuliefern, und wenn wir bei dem Un-
ternehmen sterben –«
»Niemand wird sterben«, sagte Kingsley Shacklebolt mit seiner tie-
fen, beruhigenden Stimme.
»Rauf auf die Besen, das ist das erste Signal!«, sagte Lupin scharf und
deutete auf den Himmel.
Hoch, hoch über ihnen war ein roter Funkenschauer zwischen den
Sternen aufgeflackert. Harry erkannte sofort, daß es Zauberstabfunken
waren. Er schwang das rechte Bein über den Feuerblitz, packte ihn ent-
schlossen am Stiel und spürte ihn ganz leicht vibrieren, als wäre er
ebenso wild darauf wie Harry, wieder in der Luft zu sein.
»Zweites Signal, los geht’s!«, sagte Lupin laut, als erneut hoch über
ihnen Funken explodierten, diesmal waren es grüne.
Harry stieß sich kräftig vom Boden ab. Die kühle Nachtluft rauschte
ihm durchs Haar, die ordentlichen quadratischen Gärten des Liguster-
wegs sanken in die Tiefe und schrumpften rasch zu einem Flickenteppich
aus dunklen Grün- und Schwarztönen, und jeder Gedanke an die Anhö-
rung im Ministerium war weggewischt, als ob der Fahrtwind ihn aus sei-
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nem Kopf geblasen hätte. Ihm war, als würde sein Herz vor Freude ex-
plodieren; er flog wieder, flog weg vom Ligusterweg, wie er es sich den
ganzen Sommer über erträumt hatte, er war auf dem Weg nach Hause …
für ein paar glückselige Momente schienen all seine Probleme nichtig ge-
worden, bedeutungslos in diesem weiten, sternübersäten Himmel.
»Scharf links, scharf links, da schaut ein Muggel hoch!«, rief Moody
hinter ihm. Tonks riß den Besen herum, und Harry folgte ihr, seinen
Koffer im Blick, der unter ihrem Besen heftig hin und her schaukelte.
»Wir müssen höher … noch ’ne Viertelmeile!«
Harrys Augen wurden feucht vor Kälte, als sie nach oben schnellten;
in der Tiefe konnte er nun nichts mehr erkennen außer den winzigen
Stecknadellichtern der Autoscheinwerfer und Straßenlaternen. Zwei
dieser winzigen Lichter gehörten vielleicht zu Onkel Vernons Wagen
… die Dursleys waren jetzt wohl auf der Rückfahrt zu ihrem leeren
Haus, wütend wegen des angeblichen Rasenwettbewerbs … und Harry
lachte laut bei diesem Gedanken, auch wenn seine Stimme erstickt
wurde vom Flattern der Umhänge, vom Knarren der Gurte, die seinen
Koffer und den Käfig hielten, und vom Pfeifen des Windes in seinen
Ohren, während sie durch die Luft schossen. Seit einem Monat hatte er
sich nicht mehr so lebendig gefühlt und auch nicht so glücklich.
»Südlich halten!«, rief Mad-Eye. »Stadt voraus!«
Sie schwenkten nach rechts, um nicht direkt über das glitzernde Spin-
nennetz aus Lichtern in der Tiefe zu fliegen.
»Nach Südosten und höher steigen, da ist eine niedrige Wolke vor-
aus, in der wir verschwinden können!«, rief Moody.
»Wir fliegen nicht durch Wolken!«, rief Tonks erbost. »Da werden wir
pitschnaß, Mad-Eye!«
Harry war erleichtert, das zu hören; seine Hände am Stiel des Feuer-
blitzes wurden allmählich taub. Hätte er nur daran gedacht, einen
Mantel anzuziehen; er fing an zu zittern.
Immer wieder änderten sie nach Mad-Eyes Anweisungen ihren Kurs.
Harry kniff im eisigen Windzug, der ihm allmählich auch in den Ohren
schmerzte, die Augen zu. Nur einmal, erinnerte er sich, war ihm auf
dem Besen so kalt gewesen, während des Quidditch-Spiels gegen
Hufflepuff in seinem dritten Jahr, als es gestürmt hatte. Seine Bewacher
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um ihn her kreisten unablässig wie riesige Raubvögel. Harry verlor all-
mählich jegliches Zeitgefühl. Er fragte sich, wie lange sie geflogen wa-
ren, es mußte mindestens eine Stunde gewesen sein.
»Nach Südwest drehen!«, rief Moody. »Wir wollen die Autobahn um-
gehen!«
Harry war jetzt so durchgefroren, daß er sehnsüchtig an die behagli-
chen, trockenen Innenräume der Autos dachte, die unten dahinström-
ten, und dann, noch sehnsüchtiger, an das Reisen mit Flohpulver; es
war vielleicht unbequem, in Kaminen umherzuwirbeln, aber in den
Flammen war es wenigstens warm … Kingsley Shacklebolt schwirrte
um ihn herum, sein kahler Schädel und der Ohrring schimmerten
schwach im Mondlicht … jetzt war Emmeline Vance zu seiner Rechten,
sie hielt den Zauberstab erhoben und wandte den Kopf nach rechts
und links … dann flog auch sie über ihn hinweg und Sturgis Podmore
nahm ihre Position ein.
»Wir sollten ein Stück zurückfliegen, nur um sicherzugehen, daß wir
nicht verfolgt werden!«, rief Moody.
»BIST DU VERRÜCKT, MAD-EYE?«, schrie Tonks von der Spitze her.
»Wir sind allesamt an den Besen festgefroren! Wenn wir andauernd
vom Kurs abweichen, brauchen wir noch ’ne Woche! Außerdem sind
wir jetzt fast da!«
»Zeit zum Landeanflug!«, ertönte Lupins Stimme. »Halt dich an
Tonks, Harry!«
Harry folgte Tonks in die Tiefe. Sie flogen auf die größte Ansamm-
lung von Lichtern zu, die er je gesehen hatte, eine riesige, unter ihm
ausgebreitete, kreuz und quer verlaufende Masse aus glitzernden Git-
tern und Linien, gesprenkelt mit Flecken aus tiefstem Schwarz. Tiefer
und tiefer sanken sie, bis Harry einzelne Scheinwerfer und Straßenla-
ternen, Kamine und Fernsehantennen sehen konnte. Es verlangte ihn
heftig, wieder auf dem Boden zu sein, doch war er sich sicher, daß je-
mand ihn vom Besen loseisen mußte.
»Na endlich!«, rief Tonks und ein paar Sekunden später war sie ge-
landet.
Harry setzte gleich hinter ihr auf einem ungepflegten Flecken Gras in
der Mitte eines kleinen Platzes auf. Tonks schnallte bereits seinen Kof-
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fer los. Zitternd blickte Harry sich um. Die schmutzigen Fassaden der
Häuser rundum wirkten nicht gerade einladend; manche hatten zer-
brochene Fensterscheiben, die im Licht der Straßenlaternen stumpf
schimmerten, von vielen Türen blätterte die Farbe und neben etlichen
Vortreppen lagen Abfallhaufen.
»Wo sind wir?«, fragte Harry, doch Lupin sagte leise: »Moment
noch.«
Moody stöberte in seinem Mantel, seine knorrigen Hände waren
klamm vor Kälte.
»Hab es«, murmelte er, hob etwas empor, das aussah wie ein silber-
nes Feuerzeug, und ließ es klicken.
Mit einem Plopp ging die nächstgelegene Straßenlaterne aus. Wieder
klickte er mit dem Entleuchter; eine weitere Laterne erlosch; er klickte
weiter, bis alle Lampen am Platz gelöscht waren und das einzig ver-
bliebene Licht aus Fenstern mit zugezogenen Vorhängen und von der
Mondsichel am Himmel stammte.
»Hab ich mir von Dumbledore geborgt«, knurrte Moody und steckte
den Ausschalter ein. »Damit wir keine Probleme mit Muggeln haben,
die vielleicht aus dem Fenster gucken, kapiert? Jetzt kommt, rasch.«
Er nahm Harry am Arm und führte ihn von dem Grasfleck weg, über
die Straße und auf den Gehweg; Lupin und Tonks, die zwischen sich
Harrys Koffer trugen, folgten ihnen, und der Rest der Leibgarde flan-
kierte sie, die Zauberstäbe im Anschlag.
Das dumpfe Wummern einer Musikanlage drang aus dem oberen
Fenster des nächsten Hauses. Beißender Gestank nach faulendem Ab-
fall stieg aus den überquellenden Mülleimern gleich hinter dem kaput-
ten Tor.
»Hier«, murmelte Moody, hielt Harrys desillusionierter Hand ein
Pergamentblatt entgegen und beleuchtete die Schrift mit der entflamm-
ten Spitze seines Zauberstabs. »Rasch lesen und einprägen.«
Harry blickte auf das Blatt. Die enge Handschrift kam ihm vage be-
kannt vor. Die Worte lauteten:
Das Hauptquartier des Phönixordens befindet sich am Grimmauldplatz
Nummer zwölf, London.
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Grimmauldplatz Nummer zwölf
»Was ist der Phönixor…?«, fing Harry an.
»Nicht hier, Junge!«, knurrte Moody. »Warte, bis wir drin sind!«
Er riß Harry das Pergament aus der Hand und setzte es mit der
Spitze seines Zauberstabs in Brand. Während es in Flammen aufging,
kringelte es sich ein und schwebte zu Boden. Harry drehte sich wieder
zur Häuserfront um. Sie standen vor Nummer elf; er blickte nach links
und sah Nummer zehn; zur Rechten allerdings war Nummer dreizehn.
»Aber wo ist –?«
»Denk an das, was du dir gerade eingeprägt hast«, sagte Lupin leise.
Harry ließ sich Wort für Wort durch den Kopf gehen, und kaum war
er zu Grimmauldplatz Nummer zwölf gelangt, erschien aus dem
Nichts zwischen Nummer elf und Nummer dreizehn eine ramponierte
Tür, rasch gefolgt von dreckigen Mauern und schmierigen Fenstern. Es
war, als hätte sich ein zusätzliches Haus aufgeblasen und die beiden
Häuser an seinen Seiten weggeschoben. Harry starrte es mit offenem
Mund an. Die Musik in Nummer elf wummerte weiter. Offenbar hatten
die Muggel dort drin überhaupt nichts mitbekommen.
»Los, beeil dich«, knurrte Moody und stupste Harry in den Rücken.
Harry stieg die abgenutzten Steinstufen hinauf und starrte auf die Tür,
die eben Gestalt angenommen hatte. Ihr schwarzer Anstrich war verbli-
chen und zerkratzt. Der silberne Türklopfer hatte die Form einer gewun-
denen Schlange. Ein Schlüsselloch oder einen Briefkasten gab es nicht.
Lupin zückte seinen Zauberstab und pochte einmal gegen die Tür.
Harry hörte viele laute, metallische Klickgeräusche und etwas, das wie
das Rasseln einer Kette klang. Knarrend öffnete sich die Tür.
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»Schnell da rein, Harry«, flüsterte Lupin, »aber geh drinnen nicht
weit und rühr nichts an.«
Harry trat über die Schwelle in die fast vollkommene Dunkelheit der
Eingangshalle. Er konnte Feuchtigkeit, Staub und einen süßlichen Mo-
dergeruch wahrnehmen; ihm war, als befände er sich in einem zerfalle-
nen Gebäude. Harry blickte über die Schulter und sah seine Begleiter
nacheinander hereinkommen, Lupin und Tonks trugen seinen Koffer
und Hedwigs Käfig. Moody stand oben auf der Vortreppe und ließ die
Lichtbälle frei, die der Ausschalter den Straßenlaternen gestohlen hatte;
sie flogen zu ihren Glühbirnen zurück und schon lag wieder das
orange Schimmern über dem Platz. Moody humpelte herein, schloß die
Tür und die Dunkelheit in der Halle war nun vollkommen.
»Hier –«
Er klopfte Harry mit dem Zauberstab fest auf den Kopf; diesmal
hatte Harry das Gefühl, als würde etwas Heißes seinen Rücken hinab-
tröpfeln, und er wußte, daß der Desillusionierungszauber nun aufge-
hoben war.
»Niemand rührt sich, bis ich uns ein wenig Licht hier drin verschafft
hab«, flüsterte Moody.
Die verhaltenen Stimmen der anderen gaben Harry ein seltsames Ge-
fühl dunkler Vorahnung; es war, als hätten sie eben das Haus eines
Sterbenden betreten. Er hörte ein leises Zischen, dann entflammten alt-
modische Gaslaternen unter spotzenden Geräuschen entlang den Wän-
den. Sie warfen ein flackerndes, spärliches Licht über die sich abschä-
lenden Tapeten und den verschlissenen Teppich einer langen, düsteren
Eingangshalle, an deren Decke ein von Spinnweben überzogener Kron-
leuchter glomm und an deren Wänden schiefe, altersgeschwärzte Por-
träts hingen. Harry hörte hinter der Fußleiste etwas davonrascheln. Der
Kronleuchter und auch der Kandelaber auf einem wackligen Tisch in
der Nähe hatten die Gestalt von Schlangen.
Hastige Schritte waren zu hören, und Rons Mutter, Mrs. Weasley, er-
schien in einer Tür am anderen Ende der Halle. Sie eilte auf sie zu und
hieß sie strahlend willkommen, und doch fiel Harry auf, daß sie merk-
lich dünner und blasser geworden war, seitdem er sie das letzte Mal
gesehen hatte.
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»Oh, Harry, wie schön dich zu sehen!«, flüsterte sie und zog ihn in
eine Umarmung, die ihm fast die Rippen brach, bevor sie ihn auf Ar-
meslänge von sich hielt und ihn kritisch musterte. »Du siehst schmal
aus; wir müssen dich ein wenig aufpäppeln, aber ich fürchte, du mußt
ein bißchen warten, bis es Abendessen gibt.«
An die Zaubererschar hinter ihm gewandt, flüsterte sie eindringlich:
»Er ist gerade angekommen, die Versammlung hat begonnen.«
Die Zauberer in Harrys Rücken tuschelten neugierig und aufgeregt
und eilten einer nach dem anderen an ihm vorbei auf die Tür zu, durch
die Mrs. Weasley eben gekommen war. Harry wollte gerade Lupin fol-
gen, als Mrs. Weasley ihn zurückhielt.
»Nein, Harry, die Versammlung ist nur für Mitglieder des Ordens.
Ron und Hermine sind oben, du kannst mit ihnen gemeinsam warten,
bis die Versammlung zu Ende ist, dann gibt es Abendessen. Und sei
leise, wenn du in der Halle bist«, fügte sie eindringlich hinzu.
»Warum?«
»Ich will nicht, daß jemand aufwacht.«
»Was haben Sie –?«
»Erklär ich dir später, ich muß mich beeilen, weil ich auch zur Ver-
sammlung muß – ich zeig dir nur rasch, wo du schläfst.«
Sie legte einen Finger an die Lippen und führte Harry auf Zehenspit-
zen an einem Paar langer, mottenzerfressener Vorhänge vorbei, hinter
denen Harry eine weitere Tür vermutete, und nachdem sie einen gro-
ßen Schirmständer umrundet hatten, der aussah, als wäre er aus einem
abgetrennten Trollbein gefertigt, stiegen sie die dunkle Treppe empor,
vorbei an einer Reihe von Schrumpfköpfen, die auf Tafeln an der Wand
befestigt waren. Bei näherem Hinsehen stellte Harry fest, daß es die
Köpfe von Hauselfen waren. Alle hatten die gleiche, ziemlich schnau-
zenähnliche Nase.
Mit jeder neuen Stufe wuchs Harrys Verwirrung. Was um alles in der
Welt taten sie in einem Haus, das aussah, als würde es dem schwärze-
sten aller Magier gehören?
»Mrs. Weasley, warum –?«
»Ron und Hermine werden dir alles erklären, mein Lieber, ich muß
mich wirklich sputen«, flüsterte Mrs. Weasley zerstreut. »Hier –«, sie
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hatten den zweiten Treppenabsatz erreicht, »– die rechte Tür ist deine.
Ich ruf dich, wenn wir fertig sind.«
Und sie eilte die Treppe wieder hinunter.
Harry überquerte den schäbigen Treppenabsatz, drehte den Knauf an
der Schlafzimmertür, der wie ein Schlangenkopf geformt war, und öff-
nete die Tür.
Er erhaschte einen kurzen Blick auf ein hohes, düsteres Zimmer mit
zwei Betten; dann hörte er ein lautes Zwitschern, gefolgt von einem
noch lauteren Schrei, und schließlich raubte ihm eine Riesenmenge
sehr buschiger Haare vollkommen die Sicht. Hermine hatte sich auf ihn
gestürzt und ihn so heftig umarmt, daß es ihn fast zu Boden geworfen
hätte, während Rons kleine Eule, Pigwidgeon, fortwährend aufgeregt
um ihre Köpfe flatterte.
»HARRY! Ron, er ist da, Harry ist da! Wir haben dich nicht kommen
hören! Oh, wie geht es dir? Alles in Ordnung mit dir? Warst du sauer
auf uns? Bestimmt, unsere Briefe waren nutzlos – aber wir konnten dir
nichts erzählen. Dumbledore hat uns schwören lassen, daß wir schwei-
gen, oh, wir haben dir so viel zu erzählen, und du mußt uns auch eini-
ges erzählen – die Dementoren! Als wir das erfahren haben – und von
dieser Anhörung im Ministerium – das ist einfach empörend, ich hab
alles nachgeschlagen, die können dich nicht rauswerfen, das können sie
einfach nicht, es gibt im Erlaß zur Vernunftgemäßen Beschränkung der
Zauberei Minderjähriger nämlich eine Ausnahmeregelung für den Fall
lebensbedrohlicher Situationen –«
»Laß ihn doch mal zu Puste kommen, Hermine«, sagte Ron grinsend
und schloß die Tür hinter Harry. Er schien in dem Monat, in dem sie
getrennt gewesen waren, um einige Zentimeter gewachsen zu sein und
wirkte noch größer und schlaksiger, aber die lange Nase, das leuchtend
rote Haar und die Sommersprossen waren unverändert.
Hermine strahlte unentwegt und ließ von Harry ab, doch bevor sie
noch ein weiteres Wort sagen konnte, war ein leises Rauschen zu hören,
und etwas Weißes schoß von einem dunklen Schrank herab und lan-
dete sanft auf Harrys Schulter.
»Hedwig!«
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Die Schneeule klackerte mit dem Schnabel und knabberte zärtlich an
seinem Ohr, während Harry ihr das Gefieder streichelte.
»Die war vielleicht seltsam drauf«, sagte Ron. »Hat uns bald totge-
pickt, als sie deine letzten Briefe gebracht hat, sieh dir das mal an –«
Er hielt Harry den Zeigefinger seiner rechten Hand hin, der einen
halb verheilten, aber offenbar tiefen Schnitt aufwies.
»Oh«, sagte Harry. »Das tut mir leid, aber ich wollte Antworten ha-
ben, versteht ihr –«
»Die wollten wir dir auch geben, Mann«, sagte Ron. »Hermine war
fast ausgetickt, dauernd hat sie gesagt, du würdest ’ne Dummheit ma-
chen, wenn du dort ganz allein festsitzt ohne Neuigkeiten, aber Dum-
bledore hat uns –«
»– schwören lassen, daß ihr mir nichts erzählt«, ergänzte Harry. »Ja,
das hat Hermine schon gesagt.«
Die warme Glut, die in ihm aufgeflammt war beim Anblick seiner
beiden besten Freunde, verlosch in etwas Eisigem, das ihm durch den
Magen strömte. Mit einem Mal – nachdem er sich einen geschlagenen
Monat lang danach gesehnt hatte, sie zu treffen – hatte er das Gefühl,
es wäre ihm lieber, Ron und Hermine würden ihn allein lassen.
Eine gespannte Stille trat ein, während deren Harry Hedwig geistes-
abwesend streichelte und die beiden anderen nicht ansah.
»Er glaubte wohl, das war das Beste«, sagte Hermine ziemlich atem-
los. »Dumbledore, meine ich.«
»Ach so«, sagte Harry. Ihm fiel auf, daß auch ihre Hände Spuren von
Hedwigs Schnabel trugen, und er merkte, daß es ihm überhaupt nicht
leid tat.
»Ich glaub, er dachte, du wärst bei den Muggeln am sichersten aufge-
hoben –«, fing Ron an.
»Jaah?«, sagte Harry und hob die Augenbrauen. »Ist einer von euch
diesen Sommer vielleicht von Dementoren angegriffen worden?«
»Na ja, nein – aber darum hat er dich ja ständig durch Leute vom Or-
den des Phönix beschatten lassen –«
Harry spürte, wie seine Eingeweide einen mächtigen Satz machten,
als ob er gerade eine Stufe treppab verpaßt hätte. Also hatten alle ge-
wußt, daß er beschattet wurde, nur er nicht.
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»Hat aber nicht besonders gut geklappt, oder?«, erwiderte Harry und
hatte äußerste Mühe, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben.
»Hab mir dann doch selbst helfen müssen, was?«
»Er war so wütend«, sagte Hermine mit beinah ehrfürchtiger Stimme.
»Dumbledore. Wir haben ihn gesehen. Als er rausfand, daß Mundun-
gus vor dem Ende seiner Schicht verschwunden war. Er hat einem
Angst eingejagt.«
»Was soll’s, ich bin froh, daß er abgehauen ist«, sagte Harry kühl.
»Wenn nicht, hätte ich nicht gezaubert und Dumbledore hätte mich
vermutlich den ganzen Sommer über im Ligusterweg gelassen.«
»Machst du … machst du dir keine Sorgen wegen der Anhörung im
Zaubereiministerium?«, sagte Hermine leise.
»Nein«, log Harry trotzig. Er entfernte sich ein paar Schritte von ihnen
und sah sich um, während sich Hedwig zufrieden an seine Schulter
schmiegte, aber dieses Zimmer konnte ihn schwerlich aufheitern. Es war
feucht und dunkel. Ein leeres Stück Leinwand, in einen verschnörkelten
Rahmen gespannt, war alles, was die Tristesse der Wände, von denen die
Tapeten herabhingen, ein wenig auflockerte, und als Harry daran vorbei-
ging, glaubte er jemanden zu hören, der sich kichernd davonstahl.
»Also, warum will Dumbledore mich eigentlich unbedingt im Unkla-
ren lassen?«, fragte Harry, immer noch bemüht, betont lässig zu spre-
chen. »Habt ihr – ähm – ihn zufällig mal gefragt?«
Er sah gerade noch rechtzeitig auf, um die beiden einen Blick tau-
schen zu sehen, der ihm sagte, daß er sich genau so aufführte, wie sie
befürchtet hatten. Das besserte seine Laune keineswegs.
»Wir haben Dumbledore gesagt, wir wollten dir erzählen, was ab-
geht«, sagte Ron. »Ehrlich, Mann. Aber er ist im Moment total beschäf-
tigt, wir haben ihn nur zweimal gesehen, seit wir hier sind, und er hat
nicht viel Zeit gehabt, er hat uns nur schwören lassen, dir nichts Wich-
tiges mitzuteilen, wenn wir dir schreiben, er meinte, die Eulen würden
vielleicht abgefangen.«
»Er hätte mich trotzdem auf dem Laufenden halten können, wenn er
gewollt hätte«, sagte Harry knapp. »Ihr wollt mir doch nicht weisma-
chen, daß er keine Ahnung hat, wie man Botschaften ohne Eulen ver-
schickt.«
67

Hermine warf Ron einen Blick zu und sagte: »Das hab ich mir auch
gedacht. Aber er wollte nicht, daß du irgendwas erfährst.«
»Vielleicht denkt er, ich sei nicht vertrauenswürdig«, meinte Harry
und ließ sie nicht aus den Augen.
»Red keinen Stuß«, sagte Ron. Er wirkte tief beunruhigt. »Oder daß
ich nicht auf mich selbst aufpassen kann.«
»Natürlich denkt er so was nicht!«, entgegnete Hermine besorgt.
»Wie kommt’s dann, daß ich bei den Dursleys bleiben muß, während
ihr zwei bei allem mitmachen dürft, was hier passiert?«, sagte Harry,
und mit jedem Wort, das hastig aus seinem Mund stolperte, wurde
seine Stimme lauter. »Wie kommt’s, daß ihr beide alles erfahren dürft,
was los ist?«
»Dürfen wir nicht!«, unterbrach ihn Ron. »Mum will uns nicht mal in
die Nähe der Versammlungen lassen, sie sagt, wir wären zu jung –«
Weiter kam er nicht, denn Harry fing an zu schreien.
»ALSO WART IHR NICHT BEI DEN VERSAMMLUNGEN, NA
UND! ABER IHR WART HIER, STIMMT’S? IHR WART ZUSAMMEN!
UND ICH, ICH STECKE EINEN MONAT LANG BEI DEN DURSLEYS
FEST! UND ICH HAB MEHR GESCHAFFT, ALS IHR BEIDE JE GE-
SCHAFFT HABT, UND DUMBLEDORE WEISS DAS – WER HAT DEN
STEIN DER WEISEN GERETTET? WER HAT RIDDLE ERLEDIGT?
WER HAT EUCH BEIDE VOR DEN DEMENTOREN GERETTET?«
Alle bitteren und trüben Gedanken, die Harry im letzten Monat
durch den Kopf gegangen waren, sprudelten jetzt hervor: seine Enttäu-
schung darüber, daß man ihm keine Nachrichten geschickt hatte, die
Verletzung, daß sie alle zusammen gewesen waren ohne ihn, seine Wut
darüber, ohne sein Wissen beschattet worden zu sein – all die Gefühle,
für die er sich halb schämte, brachen endlich aus ihm heraus. Der Lärm
erschreckte Hedwig und sie flatterte wieder nach oben auf den
Schrank; Pigwidgeon zwitscherte aufgebracht und kreiste noch schnel-
ler um ihre Köpfe.
»WER MUSSTE LETZTES JAHR AN DRACHEN UND SPHINXEN
UND ALL DEM ANDERN EKELGETIER VORBEI? WER HAT IHN
ZURÜCKKOMMEN SEHEN? WER MUSSTE VOR IHM FLIEHEN?
ICH!«
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Ron stand mit halb offenem Mund da, sichtlich bestürzt und voll-
kommen sprachlos, während Hermine den Tränen nahe schien.
»ABER WARUM SOLLTE ICH ERFAHREN, WAS VOR SICH GEHT?
WARUM SOLLTE SICH IRGEND JEMAND DIE MÜHE MACHEN,
MIR ZU SAGEN, WAS LOS IST?«
»Harry, wir wollten es dir sagen, wirklich –«, fing Hermine an.
»SO EILIG HATTET IHR ES WOHL NICHT, ODER IHR HÄTTET
MIR EINE EULE GESCHICKT, ABER DUMBLEDORE HAT EUCH JA
SCHWÖREN LASSEN –«
»Allerdings, hat er –«
»VIER WOCHEN LANG SITZE ICH IM LIGUSTERWEG FEST UND
KLAUBE ZEITUNGEN AUS DEN MÜLLEIMERN, DAMIT ICH
RAUSKRIEG, WAS LOS IST –«
»Wir wollten –«
»HABT EUCH WOHL GLÄNZEND AMÜSIERT, WAS, ALLE HIER
ZUSAMMEN –«
»Nein, ehrlich –«
»Harry, es tut uns wirklich leid«, sagte Hermine verzweifelt und in
ihren Augen glitzerten jetzt Tränen. »Du hast vollkommen Recht,
Harry – ich wär auch wütend, wenn mir das passiert wär!«
Harry funkelte sie an, immer noch heftig atmend, dann wandte er sich
wieder von ihnen ab und schritt im Zimmer umher. Hedwig schrie be-
klommen vom Schrank herunter. Eine lange Pause trat ein, in der einzig
das traurige Knarren der Dielen unter Harrys Füßen zu vernehmen war.
»Was ist das eigentlich für ein Haus?«, blaffte er Ron und Hermine an.
»Das Hauptquartier des Phönixordens«, sagte Ron sofort.
»Würde mir vielleicht mal jemand erklären, was der Phönixorden –«
»Das ist eine Geheimgesellschaft«, sagte Hermine eilig. »Dumbledore
leitet sie, er hat sie gegründet. Es sind dieselben Leute, die das letzte
Mal gegen Du-weißt-schon-wen gekämpft haben.«
»Wer gehört dazu?«, fragte Harry und blieb, die Hände in den Ta-
schen, stehen.
»’ne ganze Menge Leute –«
»Wir haben vielleicht zwanzig von ihnen kennen gelernt«, sagte Ron,
»aber wir glauben, daß es noch mehr sind.«
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Harry sah sie wütend an.
»Und?«, fragte er und wandte sich beiden abwechselnd zu.
»Ähm«, sagte Ron. »Und was?«
»Voldemort!«, sagte Harry zornig und Ron und Hermine zuckten zu-
sammen. »Was ist los? Was hat er vor? Wo ist er? Was tun wir, um ihn
aufzuhalten?«
»Wir haben’s dir doch gesagt, der Orden läßt uns nicht zu seinen Ver-
sammlungen«, sagte Hermine nervös. »Also wissen wir nichts Genaues
– aber wir haben eine ungefähre Vorstellung«, ergänzte sie hastig, als
sie Harrys Miene sah.
»Fred und George haben Langziehohren erfunden, weißt du«, sagte
Ron. »Sind echt nützlich.«
»Langzieh…«
»…ohren, ja. Wir haben sie nur in letzter Zeit nicht mehr benutzen
können, weil Mum es rausgefunden hat und einen Tobsuchtsanfall
kriegte. Fred und George mußten sie verstecken, bevor Mum sie alle in
den Müll werfen konnte. Aber sie waren ganz schön nützlich für uns,
bis Mum merkte, was los war. Wir wissen, daß manche Leute vom Or-
den bekannte Todesser verfolgen und sie beobachten –«
»Andere werben noch mehr Leute für den Orden –«, sagte Hermine.
»Und manche bewachen nur irgend etwas«, sagte Ron. »Sie reden
ständig über Wachdienste.«
»Nicht zufällig bei mir, oder?«, meinte Harry sarkastisch.
»Ja, doch«, sagte Ron und sah aus, als ginge ihm langsam ein Licht
auf.
Harry schnaubte. Er ging wieder im Zimmer auf und ab und vermied
es, Ron und Hermine anzusehen. »Und was habt ihr so getrieben, wo
ihr doch nicht zu den Versammlungen durftet?«, fragte er. »Ihr habt ge-
sagt, ihr wart beschäftigt.«
»Stimmt auch«, sagte Hermine rasch. »Wir haben dieses Haus entgif-
tet, es stand ewig leer und irgendwelches Getier hat hier gebrütet. Wir
haben die Küche und die meisten Schlafzimmer sauber gekriegt, und
ich glaub, morgen nehmen wir uns den Sal- AARGH!«
Mit zwei lauten Knalls hatten Fred und George, Rons ältere Zwil-
lingsbrüder, aus dem Nichts heraus mitten im Zimmer Gestalt ange-
70

nommen. Pigwidgeon zwitscherte noch aufgeregter und flatterte hoch
zu Hedwig auf den Schrank.
»Hört auf damit!«, sagte Hermine mit matter Stimme zu den Zwillin-
gen, die ebenso leuchtend rotes Haar hatten wie Ron, allerdings stäm-
miger und ein wenig kleiner waren.
»Hallo, Harry«, sagte George und strahlte ihn an. »Das können nur
deine wohlklingenden Laute sein, dachten wir uns.«
»Du brauchst deine Wut nicht zurückzuhalten, Harry, nur raus da-
mit«, sagte Fred, ebenfalls strahlend. »Vielleicht gibt’s in fünfzig Meilen
Umkreis noch ein paar Leute, die dich nicht gehört haben.«
»Ihr beide habt also die Prüfung im Apparieren bestanden?«, fragte
Harry mürrisch.
»Mit Auszeichnung«, sagte Fred, der etwas in der Hand hielt, das wie
eine sehr lange, fleischfarbene Schnur aussah.
»Ihr hättet gerade mal ’ne halbe Minute länger gebraucht, wenn ihr
die Treppe runtergegangen wärt«, sagte Ron.
»Zeit ist Galleonen wert, Brüderchen«, sagte Fred. »Jedenfalls störst
du den Empfang, Harry. Langziehohren«, fügte er mit Blick auf Harrys
gehobene Augenbrauen hinzu und hielt die Schnur hoch, die, wie
Harry jetzt sah, bis hinaus vor die Tür reichte. »Wir versuchen zu hö-
ren, was unten los ist.«
»Seid bloß vorsichtig«, sagte Ron und starrte das Ohr an, »wenn
Mum noch eins von denen sieht …«
»Das ist das Risiko wert, die haben gerade ein wichtiges Treffen«,
sagte Fred. Die Tür öffnete sich und eine lange rote Haarmähne er-
schien.
»Oh, hallo, Harry!«, sagte Rons jüngere Schwester Ginny fröhlich.
»Mir war, als hätte ich deine Stimme gehört.«
An Fred und George gewandt, sagte sie: »Die Langziehohren könnt
ihr vergessen, sie hat doch die Küchentür tatsächlich mit einem Imper-
turbatio-Zauber belegt.«
»Woher weißt du das?«, fragte George und sah geknickt aus.
»Tonks hat mir gesagt, wie ich’s rausfinde«, erwiderte Ginny. »Du
wirfst einfach was gegen die Tür, und wenn es sie nicht berührt, ist die
Tür imperturbiert. Ich hab oben vom Treppenabsatz aus Stinkbomben
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dagegen geworfen, und die fliegen einfach von der Tür weg, also kön-
nen die Langziehohren unmöglich durch den Türschlitz.«
Fred seufzte schwer.
»Schande. Ich war wirklich mal gespannt, was der alte Snape so vor-
hat.«
»Snape!«, sagte Harry rasch. »Ist er da?«
»Jaah«. sagte George, schloß vorsichtig die Tür und setzte sich auf ei-
nes der Betten; Fred und Ginny taten es ihm nach. »Trägt einen Bericht
vor. Top secret.«
»Mistkerl«, sagte Fred lahm.
»Er ist jetzt auf unserer Seite«, sagte Hermine vorwurfsvoll.
Ron schnaubte. »Deshalb ist er trotzdem ’n Mistkerl. Wie der uns an-
sieht, wenn wir ihm über den Weg laufen.«
»Bill mag ihn auch nicht«, sagte Ginny, als ob damit das letzte Wort
gesprochen wäre.
Harry war sich nicht sicher, ob seine Wut schon abgeflaut war; doch
sein Durst nach Neuigkeiten war stärker als sein Verlangen, wieder los-
zuschreien. Er ließ sich aufs Bett gegenüber sinken.
»Ist Bill hier?«, fragte er. »Ich dachte, er arbeitet in Ägypten?«
»Er hat sich auf einen Schreibtischjob beworben, damit er nach Hause
kommen und für den Orden arbeiten konnte«, sagte Fred. »Er sagt, er
vermißt die Gräber, aber –«, er grinste, »– man kann sich ja mit was an-
derem trösten.«
»Was soll das heißen?«
»Erinnerst du dich noch an die gute Fleur Delacour?«, sagte George.
»Sie hat jetzt einen Job bei Gringotts, uum i’r englisch su verbessern –«
»Und Bill gibt ihr ’ne Menge Privatstunden«, kicherte Fred.
»Charlie ist auch im Orden«, sagte George, »aber er ist immer noch in
Rumänien. Dumbledore will, daß möglichst viele ausländische Zaube-
rer dazugeholt werden, also versucht Charlie an seinen freien Tagen
Kontakte zu knüpfen.«
»Könnte nicht Percy das tun?«, fragte Harry. Das Letzte, was er ge-
hört hatte, war, daß der drittälteste Weasley-Bruder in der Abteilung
für Internationale Magische Zusammenarbeit im Zaubereiministerium
arbeitete.
72

Bei Harrys Worten tauschten alle Weasleys und Hermine düster be-
deutungsvolle Blicke.
»Merk dir eins: Erwähne nie Percy, wenn Mum und Dad dabei sind«,
erklärte ihm Ron und seine Stimme klang angespannt.
»Warum nicht?«
»Weil, immer wenn Percys Name fällt, Dad zerbricht, was er gerade
in der Hand hält, und Mum anfängt zu weinen«, sagte Fred.
»Es ist schrecklich«, sagte Ginny traurig.
»Ich glaub, wir haben alle die Nase voll von ihm«, sagte George mit
einem ungewöhnlich häßlichen Gesichtsausdruck.
»Was ist passiert?«, fragte Harry.
»Percy und Dad hatten einen Streit«, antwortete Fred. »Ich hab Dad
noch nie derart mit jemandem streiten sehen. Normalerweise ist es
Mum, die schreit.«
»Es war in der ersten Woche nach Ende des Schuljahrs«, erklärte Ron.
»Wir waren kurz davor, hierher zu kommen und uns dem Orden anzu-
schließen. Da kommt Percy heim und erklärt uns, er sei befördert wor-
den.«
»Soll das ein Witz sein?«, sagte Harry.
Obwohl er sehr wohl wußte, daß Percy höchst ehrgeizig war, hatte
Harry den Eindruck, daß er auf seinem ersten Posten im Zaubereiministe-
rium nicht sonderlich erfolgreich gewesen war. Percy war es doch tat-
sächlich gelungen, nicht zu bemerken, daß sein Chef von Lord Voldemort
beherrscht wurde (was das Ministerium allerdings auch nicht geglaubt
hatte – sie hatten alle gedacht, Mr. Crouch sei verrückt geworden).
»Ja, wir waren alle überrascht«, sagte George, »weil Percy wegen
Crouch eine Menge Scherereien hatte, es gab eine Untersuchung und so
weiter. Es hieß, Percy hätte erkennen müssen, daß Crouch durchge-
knallt war, und einen Vorgesetzten informieren müssen. Aber du
kennst Percy, Crouch hatte ihm die Verantwortung übertragen, da
wollte Percy sich nicht beschweren.«
»Aber warum haben sie ihn dann befördert?«
»Genau das haben wir uns auch gefragt«, sagte Ron, offenbar ganz er-
picht darauf, diese normale Unterhaltung am Laufen zu halten, jetzt, da
Harry mit dem Schreien aufgehört hatte. »Er kam nach Hause, furchtbar
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stolz auf sich – noch stolzer als sonst, wenn du dir das überhaupt vorstel-
len kannst –, und hat Dad erzählt, man hätte ihm eine Position in Fudges
persönlichem Büro angeboten. Kein schlechter Aufstieg für jemanden,
der gerade mal ein Jahr aus Hogwarts raus ist: Juniorassistent des Mini-
sters. Er dachte wohl, Dad wäre total beeindruckt.«
»War er aber nicht«, sagte Fred grimmig.
»Warum nicht?«, fragte Harry.
»Offenbar stürmt Fudge andauernd durchs Ministerium und sorgt
dafür, daß niemand den Kontakt zu Dumbledore aufrechterhält«, er-
klärte George.
»Der Name Dumbledore ist inzwischen ein Schimpfwort im Ministe-
rium, mußt du wissen«, sagte Fred. »Die glauben alle, er will nur Ärger
machen, indem er behauptet, Du-weißt-schon-wer sei zurück.«
»Dad meinte, Fudge habe klargestellt, daß jeder, der auf Dumbledo-
res Seite ist, seinen Schreibtisch räumen kann«, sagte George.
»Das Problem ist, Fudge verdächtigt Dad; er weiß, daß er mit Dum-
bledore befreundet ist, und er hat Dad immer für eine Art Spinner ge-
halten, weil er so muggelvernarrt ist.«
»Aber was hat das mit Percy zu tun?«, fragte Harry verwirrt.
»Warte, gleich. Dad vermutet, daß Fudge Percy nur deshalb bei sich
im Büro haben will, damit er ihn dazu benutzen kann, unsere Familie
auszuspionieren – und Dumbledore.«
Harry stieß einen leisen Pfiff aus. »Ich wette, Percy war begeistert.«
Ron lachte merkwürdig hohl.
»Er ist vollkommen ausgerastet. Er sagte – na ja, er hat eine Menge
fürchterliches Zeug dahergeredet. Er müsse gegen Dads miserablen
Ruf ankämpfen, seit er im Ministerium sei, und daß Dad keinen Ehr-
geiz hätte, und das sei der Grund, warum wir immer – du weißt schon
– nie viel Geld hatten und so –«
»Wie bitte?«, sagte Harry ungläubig. Ginny machte ein Geräusch wie
eine wütende Katze.
»Ich weiß«, sagte Ron mit leiser Stimme. »Und es kam noch schlimmer.
Er sagte, es sei idiotisch von Dad, sich mit Dumbledore abzugeben, daß
Dumbledore Riesenärger kriegen würde und Dad mit ihm untergehen
würde und daß er – Percy – wisse, wem er die Treue zu halten habe, und
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zwar dem Ministerium. Und wenn Mum und Dad Verräter des Ministeri-
ums werden wollten, würde er dafür sorgen, daß jeder erfährt, daß er
nicht mehr zur Familie gehört. Dann hat er noch in derselben Nacht seine
Sachen gepackt und ist verschwunden. Er lebt jetzt hier in London.«
Harry fluchte halblaut. Er hatte Percy immer am wenigsten von allen
Brüdern Rons gemocht, aber er hätte sich nie träumen lassen, daß Percy
solche Dinge zu Mr. Weasley sagen würde.
»Mum war völlig durch den Wind«, sagte Ron. »Kannst dir ja vorstel-
len – sie hat geheult und so. Sie ist nach London gekommen und hat
versucht mit Percy zu reden, aber der hat ihr die Tür vor der Nase zu-
geschlagen. Keine Ahnung, was er tut, wenn er Dad bei der Arbeit trifft
– behandelt ihn vermutlich wie Luft.«
»Aber Percy muß doch wissen, daß Voldemort zurück ist«, sagte
Harry langsam. »Er ist doch nicht dumm, er muß wissen, daß eure El-
tern ohne Beweise nicht alles aufs Spiel setzen würden.«
»Jaah, nun, dann ist dein Name in dem Streit gefallen«, sagte Ron
und warf Harry einen flüchtigen Blick zu. »Percy meinte, der einzige
Beweis sei dein Wort und … jedenfalls … er glaube nicht, daß das aus-
reichend sei.«
»Percy nimmt den Tagespropheten ernst«, sagte Hermine säuerlich und
alle anderen nickten.
»Was heißt das jetzt wieder?«, fragte Harry und sah sie der Reihe
nach an. Alle blickten argwöhnisch zurück.
»Hast du – hast du den Tagespropheten nicht gekriegt?«, fragte Her-
mine nervös.
»Doch, hab ich!«, sagte Harry.
»Hast du – ähm – hast du ihn gründlich gelesen?«, fragte Hermine
noch beklommener.
»Nicht jedes Wort«, sagte Harry trotzig. »Wenn sie irgendwas über
Voldemort berichtet hätten, dann hätte das doch Schlagzeilen gemacht,
oder?«
Beim Klang des Namens zuckten die anderen zusammen. Hermine
fuhr hastig fort: »Naja, du mußt schon alles lesen, um es mitzukriegen,
sie – ähm – sie erwähnen dich jede Woche ein paar Mal.«
»Aber das hätte ich doch gesehen –«
75

»Nicht, wenn du nur die Schlagzeilen gelesen hast, nein«, sagte Her-
mine und schüttelte den Kopf. »Ich rede ja gar nicht von großen Arti-
keln. Die lassen deinen Namen nur so nebenbei einfließen, als Dauer-
gag sozusagen.«
»Was soll –?«
»Es ist im Grunde ziemlich fies«, sagte Hermine mit gezwungen ruhi-
ger Stimme. »Die schlachten nur Ritas Sachen weiter aus.« »Aber die arbeitet doch nicht mehr für die, oder?«
»O nein, sie hat ihr Versprechen gehalten – blieb ihr auch gar nichts
anderes übrig«, fügte Hermine zufrieden hinzu. »Aber sie hat die
Grundlage für das geschaffen, was sie jetzt versuchen.« »Und was ist das?«, fragte Harry ungeduldig.
»Okay, du weißt, daß sie geschrieben hat, du seist völlig zusammen-
gebrochen und hättest gesagt, deine Narbe schmerze, und so weiter?«
»Ja«, sagte Harry, der Rita Kimmkorns Storys über ihn nicht so
schnell vergessen würde. »Naja, jetzt schreiben sie über dich, als ob du so ein Spinner wärst,
der ständig Aufmerksamkeit sucht und glaubt, er sei ein großer tragi-
scher Held oder so was«, sagte Hermine sehr schnell, als wäre es weni-
ger unangenehm für Harry, diese Tatsachen rasch zu hören. »Dauernd
lassen sie hämische Kommentare über dich einfließen. Wenn sie ir-
gendeine aus der Luft gegriffene Story bringen, schreiben sie beispiels-
weise, das sei ›Harry Potter, wie wir ihn kennen und lieben‹, und wenn
jemandem irgendwas Komisches zustößt, heißt es: ›Hoffen wir, daß er
keine Narbe auf der Stirn kriegt, sonst verlangt man demnächst noch
von uns, daß wir ihn anbeten‹«
»Ich will nicht, daß irgend jemand mich anbetet –«, fuhr Harry hitzig
auf. »Das weiß ich doch«, erwiderte Hermine rasch und sichtlich besorgt.
»Ich weiß, Harry. Aber verstehst du, was die treiben? Die wollen dich
als jemanden hinstellen, dem keiner glauben kann. Fudge steckt dahin-
ter, jede Wette. Die wollen, daß die Zauberer von der Straße denken, du
wärst nichts weiter als ein dummer Junge, eine Art Witzfigur, der lä-
cherliche, übertriebene Geschichten erzählt, weil es ihm so gefällt, be-
rühmt zu sein, und er die Sache am Laufen halten will.«
76

»Ich hab nicht verlangt – ich hab nicht gewollt – Vo l d e m o r t h a t m e i n e
Eltern umgebracht!«, stammelte Harry. »Ich bin berühmt geworden, weil
er meine Familie ermordet hat, aber mich nicht töten konnte! Wer will
dafür berühmt sein? Können die sich nicht denken, daß es mir lieber
wäre, wenn das nie –«
»Das wissen wir, Harry«, sagte Ginny ernst.
»Und natürlich haben sie kein Wort darüber gebracht, daß dich die
Dementoren angegriffen haben«, sagte Hermine. »Jemand hat ihnen
befohlen, darüber Stillschweigen zu bewahren. Ansonsten wär das eine
richtig große Story geworden – Dementoren außer Kontrolle. Die ha-
ben nicht mal berichtet, daß du das Internationale Geheimhaltungsab-
kommen verletzt hast. Wir dachten, das würden sie in jedem Fall brin-
gen, es würde ja so gut zu deinem Image als dummer Angeber passen.
Wir vermuten, daß sie erst mal abwarten, bis sie dich von der Schule
geworfen haben, dann kommen sie ganz groß damit raus – ich meine,
falls du rausgeworfen wirst, natürlich«, ergänzte sie hastig. »Das dürfen
die eigentlich nicht, nicht wenn sie sich an ihre eigenen Gesetze halten,
die haben nichts gegen dich in der Hand.«
Damit waren sie wieder bei der Anhörung und Harry wollte nicht
darüber nachdenken. Er wollte das Thema wechseln und überlegte,
wie, doch das Nachdenken wurde ihm erspart durch das Geräusch von
Schritten, die treppauf kamen.
»Oh – oh.«
Fred zog kräftig am Langziehohr; wieder knallte es laut und er und Ge-
orge verschwanden. Sekunden später erschien Mrs. Weasley an der Tür.
»Die Versammlung ist zu Ende, ihr könnt jetzt runterkommen und zu
Abend essen. Harry, die können’s alle nicht erwarten, dich zu sehen.
Und wer hat all die Stinkbomben vor der Küchentür liegen lassen?«
»Krummbein«, sagte Ginny ohne rot zu werden. »Der spielt gern mit
denen.«
»Oh«, sagte Mrs. Weasley. »Ich dachte, es war vielleicht Kreacher, der
stellt ja dauernd dummes Zeug an. Und vergeßt nicht, in der Halle
leise zu sein. Ginny, du hast schmutzige Hände, was hast du getrieben?
Geh und wasch sie vor dem Abendessen, bitte.«
77

Ginny schnitt den anderen zugewandt eine Grimasse und folgte ihrer
Mutter aus dem Zimmer, so daß Harry jetzt mit Ron und Hermine al-
lein war. Beide beobachteten ihn besorgt, als fürchteten sie, nun, da die
anderen alle fort waren, würde er wieder anfangen zu schreien. Wie er
sie so nervös dastehen sah, schämte er sich fast ein bißchen.
»Seht mal …«, murmelte er, aber Ron schüttelte den Kopf, und Her-
mine sagte leise: »Wir wußten, daß du wütend sein würdest, Harry, wir
machen dir wirklich keinen Vorwurf, aber du mußt verstehen – wir ha-
ben versucht Dumbledore zu überzeugen –«
»Ja, weiß ich«, sagte Harry knapp.
Er suchte nach einem Thema, das nichts mit seinem Schulleiter zu
tun hatte, denn allein schon bei dem Gedanken an Dumbledore spürte
Harry erneut eine brennende Wut im Magen.
»Wer ist Kreacher?«, fragte er.
»Der Hauself, der hier lebt«, sagte Ron. »Knallkopf. So was wie den
hab ich noch nie erlebt.«
Hermine blickte Ron finster an. »Er ist kein Knallkopf, Ron.«
»Sein größter Wunsch ist, daß man ihm den Kopf abhackt und ihn
auf eine Tafel setzt, genau wie den seiner Mutter«, sagte Ron gereizt.
»Ist das normal, Hermine?«
»Nun ja – wenn er ein bißchen merkwürdig ist, dann ist das nicht
seine Schuld.«
Ron wandte sich Harry zu und verdrehte die Augen.
»Hermine hat diese Belfer-Sache immer noch nicht aufgegeben.«
»Das heißt nicht Belfer!«, brauste Hermine auf. »Sondern Bund für El-
fenrechte. Und nicht nur ich, auch Dumbledore sagt, wir sollten nett zu
Kreacher sein.«
»Ja, ja«, sagte Ron. »Kommt, ich verhungere noch.«
Er ging voran zur Tür hinaus und bis zum Treppenabsatz, doch be-
vor sie hinuntersteigen konnten –
»Wartet!«, hauchte Ron und streckte einen Arm aus, damit Harry und
Hermine stehen blieben. »Sie sind immer noch in der Halle, vielleicht
können wir was hören.«
Alle drei lugten vorsichtig über das Geländer. Die düstere Halle un-
ten war voller Hexen und Zauberer, darunter Harrys gesamte Leib-
78

garde. Sie tuschelten aufgeregt miteinander. Genau in der Mitte der
Schar erkannte Harry den dunklen, fetthaarigen Kopf und die mar-
kante Nase seines verhaßtesten Lehrers in Hogwarts, Professor Snape.
Harry beugte sich noch weiter über das Geländer. Was Snape für den
Orden des Phönix unternahm, interessierte ihn sehr …
Eine dünne, fleischfarbene Schnur senkte sich vor Harrys Augen
herab. Er blickte auf und sah Fred und George eine Treppe höher, die
vorsichtig das Langziehohr auf den dunklen Menschenknäuel unten
sinken ließen. Doch schon im nächsten Moment gingen alle in Richtung
Tür und waren außer Sicht.
»Verdammt«, hörte Harry Fred flüstern, während er das Langziehohr
wieder einholte.
Sie hörten, wie sich die Haustür öffnete und wieder schloß.
»Snape bleibt nie zum Essen hier«, klärte Ron Harry mit leiser
Stimme auf. »Gott sei Dank. Komm.«
»Und denk dran, in der Halle leise zu sein, Harry«, flüsterte Hermine.
Als sie an der Reihe von Hauselfenköpfen an der Wand vorbeikamen,
sahen sie, wie Lupin, Mrs. Weasley und Tonks die vielen Schlösser und
Riegel der Haustür hinter den gerade Hinausgegangenen magisch ver-
siegelten.
»Wir essen unten in der Küche«, flüsterte Mrs. Weasley und nahm sie
am Fuß der Treppe in Empfang. »Harry, mein Lieber, würdest du bitte
auf Zehenspitzen durch die Halle gehen, es ist diese Tür dort –«
KNALL.
»Tonks!«, rief Mrs. Weasley entsetzt und wandte sich um.
Tonks lag der Länge nach auf dem Boden. »Tut mir leid!«, jammerte sie.
»Dieser bescheuerte Schirmständer, jetzt stolpere ich schon das zweite
Mal über den –«
Doch ihre Worte gingen in einem fürchterlichen, ohrenbetäubenden
Schrei unter, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Die mottenzerfressenen Samtvorhänge, an denen Harry kurz zuvor
vorbeigegangen war, waren auseinander geflogen, aber hinter ihnen
befand sich keine Tür. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Harry,
er würde durch ein Fenster blicken, ein Fenster, hinter dem eine alte
Frau mit schwarzer Haube schrie und schrie, als ob sie gefoltert würde
79

– dann erkannte er, daß es nichts weiter war als ein lebensgroßes Por-
trät, allerdings das wirklichkeitsgetreuste und abstoßendste, das er je
gesehen hatte.
Die Alte sabberte und verdrehte die Augen, beim Schreien spannte
sich ihre gelbliche Haut straff übers Gesicht; und nun erwachten hinter
ihnen, überall in der Halle, die anderen Porträts und fingen ebenfalls
zu schreien an, so daß Harry wegen des Lärms tatsächlich die Augen
zukniff und sich die Hände auf die Ohren drückte.
Lupin und Mrs. Weasley stürzten herbei und versuchten, die Vor-
hänge wieder über die Alte zu ziehen, doch sie wollten sich nicht
schließen lassen, und die Frau kreischte nur noch lauter und fuchtelte
mit ihren Klauenhänden, als wollte sie ihre Gesichter erwischen.
»Dreck! Abschaum! Ausgeburten von Schmutz und Niedertracht! Halbblü-
ter, Mutanten, Mißgeburten, hinfort von hier! Wie könnt ihr es wagen, das
Haus meiner Väter zu besudeln –«
Tonks entschuldigte sich immer wieder, während sie das klobige,
schwere Trollbein über den Fußboden schleifte; Mrs. Weasley gab den
Versuch auf, die Vorhänge zu schließen, eilte durch die Halle und ver-
sah alle anderen Porträts per Zauberstab mit einem Schockzauber; aus
einer gegenüberliegenden Tür stürzte ein Mann mit langen schwarzen
Haaren herein.
»Sei still, du elende alte Sabberhexe, sei STILL!«, donnerte er und
packte den Vorhang, den Mrs. Weasley losgelassen hatte.
Das Gesicht der Alten erbleichte.
»Duuuuu!«, heulte sie und beim Anblick des Mannes quollen ihre Au-
gen hervor. »Verräter deines Blutes, Scheusal, Schande meines Fleisches!«
»Ich hab – gesagt – sei STILL!«, donnerte der Mann, und unter größ-
ter Anstrengung gelang es ihm gemeinsam mit Lupin, die Vorhänge
wieder zuzuziehen. Die Schreie der Alten erstarben und eine dröh-
nende Stille legte sich über die Halle.
Leicht keuchend drehte sich Harrys Pate Sirius um, wischte sich die
langen schwarzen Haare aus den Augen und blickte ihn an.
»Hallo, Harry«, sagte er grimmig. »Wie ich sehe, hast du meine Mut-
ter kennen gelernt.«
80

Der Orden des Phönix
»Deine –«»Tja, meine liebe alte Mum«, sagt e Sirius. »Seit einem Monat versu-
chen wir sie nun schon abzuhängen, aber ich fürchte, sie hat den
Bildrücken mit einem Dauerklebefluch an die Wand gehext. Laß uns
schnell nach unten gehen, bevor sie alle wieder aufwachen.« »Aber was hat das Porträt deiner Mutter hier zu suchen?«, fragte
Harry verdutzt, während sie durch die Tür der Eingangshalle gingen
und dicht gefolgt von den anderen eine schmale Steintreppe hinabstie-
gen.
»Hat dir das keiner erzählt? Das war das Haus meiner Eltern«, sagte
Sirius. »Aber ich bin der letzte noch lebende Black, deshalb gehört es
jetzt mir. Ich hab es Dumbledore als Hauptquartier angeboten – so
ziemlich das einzig Nützliche, was ich beitragen konnte.« Harry, der sich seinen Empfang anders vorgestellt hatte, fiel auf, wie
hart und bitter Sirius’ Stimme klang. Er folgte seinem Paten die Treppe
hinab ins Untergeschoß und durch eine Tür, die in die Küche führte. Sie war ein Gewölbe mit rauhen Steinwänden, kaum weniger düster
als die Eingangshalle. Das meiste Licht stammte von einem großen
Feuer am anderen Ende des Raumes. Pfeifenrauch hing in der Luft wie
Pulverdampf nach einer Schlacht, und durch den Rauchschleier ragten
die bedrohlichen Umrisse schwerer eiserner Töpfe und Pfannen, die
von der dunklen Decke hingen. Für die Versammlung hatte man den
Raum mit Stühlen vollgestellt, und mittendrin stand ein langer Holz-
tisch, der übersät war mit Pergamentrollen, Kelchen, leeren Weinfla-
schen und, wie es den Anschein hatte, einem Haufen Lumpen. Am
81

Ende des Tisches hatten Mr. Weasley und sein ältester Sohn Bill die
Köpfe zusammengesteckt und redeten leise miteinander.
Mrs. Weasley räusperte sich. Ihr Gatte, ein dünner, zur Glatze neigen-
der rothaariger Mann mit Hornbrille, wandte den Kopf und sprang auf.
»Harry!«, rief Mr. Weasley, eilte herbei, um ihn zu begrüßen, und
schüttelte ihm lebhaft die Hand. »Schön, dich wiederzusehen!«
Über seine Schulter hinweg sah Harry, wie Bill, der sein langes Haar
immer noch als Pferdeschwanz trug, hastig die Pergamentbahnen zu-
sammenrollte, die offen auf dem Tisch lagen.
»Gute Reise gehabt, Harry?«, rief Bill und versuchte zwölf Rollen auf
einmal aufzusammeln. »Mad-Eye ha t dich also nicht über Grönland
umgeleitet?« »Er hat’s versucht«, sagte Tonks und ging auf Bill zu, um ihm zu hel-
fen, wobei sie sogleich eine Kerze auf das letzte Pergamentblatt kippte.
»O nein – Verzeihung –« »Macht doch nichts«, sagte Mrs. Weasley mit leicht ärgerlichem Un-
terton und brachte das Pergament mit einem Schwung ihres Zauber-
stabs wieder in Ordnung. Im Lichtblitz, den ihr Zauber verursachte, er-
haschte Harry einen flüchtigen Blick auf etwas, das aussah wie der
Plan eines Gebäudes. Mrs. Weasley hatte seinen Blick gesehen. Sie schnappte den Plan vom
Tisch und stopfte ihn in Bills ohnehin überladene Arme. »Solche Dinge sollten nach der Versammlung schleunigst wegge-
räumt werden«, fauchte sie, dann rauschte sie hinüber zu einer alten
Anrichte und fing an, Teller für das Abendessen herauszuholen.
Bill zückte seinen Zauberstab, murmelte »Evanesco!«, und die Rollen
verschwanden. »Setz dich, Harry«, sagte Sirius. »Mundungus kennst du schon,
oder?«
Was Harry für einen Lumpenhaufen gehalten hatte, ließ einen langen
grunzenden Schnarcher hören und schreckte dann aus dem Schlaf. »Jeman’ mein’ Namen genannt?«, murmelte Mundungus benommen.
»Bin mit Sirius völlig einer Meinung …« Er schielte mit blutunterlaufe-
nen, triefenden Augen ins Leere und hob eine sehr schmutzige Hand,
als wollte er abstimmen.
82

Ginny kicherte.
»Die Versammlung ist zu Ende, Dung«, sagte Sirius, während sich
alle um den Tisch setzten. »Harry ist hier.«
»Hä?«, sagte Mundungus und spähte durch sein verfilztes rotbraunes
Haar niedergeschlagen zu Harry hinüber. »Meine Güte, is’ er. Jaah …
alles in Or ’nung mit dir, ’Arry?«
»Ja«, sagte Harry.
Mundungus, der Harry unentwegt anstarrte, stöberte fahrig in seinen
Taschen und zog eine schmierige schwarze Pfeife hervor. Er steckte sie
in den Mund, entzündete sie mit seinem Zauberstab und nahm einen
tiefen Zug. Augenblicke später verhüllten ihn große wabernde Wolken
grünlichen Rauchs.
»Schuld dir ’ne Enschulligung«, grunzte eine Stimme inmitten der
stinkenden Wolke.
»Zum letzten Mal, Mundungus«, rief Mrs. Weasley, »rauch bitte die-
ses Kraut nicht in der Küche, schon gar nicht kurz vor dem Essen!«
»Ah«, machte Mundungus. »Gut. Sorry, Molly.«
Die Rauchwolke verschwand, als Mundungus seine Pfeife wieder in
die Tasche steckte, doch zurück blieb ein beißender Geruch nach bren-
nenden Socken.
»Und wenn ihr noch vor Mitternacht essen wollt, könnte ich ein we-
nig Hilfe gebrauchen«, sagte Mrs. Weasley in die Runde. »Nein, du
bleibst sitzen, Harry, du hast eine lange Reise hinter dir.«
»Du mußt mir nur sagen, was ich tun soll, Molly«, sagte Tonks begei-
stert und stürmte herbei.
Mrs. Weasley zögerte. Sie sah besorgt aus.
Ȁhm Рnein, schon gut, Tonks, du ruhst dich auch aus, du hast heute
genug getan.«
»Aber nein, ich möchte helfen!«, sagte Tonks eifrig und warf einen
Stuhl um, als sie zur Anrichte stürzte, aus der Ginny gerade Besteck
nahm.
Bald schnitten eine Reihe schwerer Messer ganz von alleine Fleisch
und Gemüse, überwacht von Mr. Weasley, während Mrs. Weasley in ei-
nem Kessel rührte, der über dem Feuer hing, und die Helfer Teller, Kel-
che und Speisen aus der Vorratskammer holten. Harry war am Tisch
83

sitzen geblieben wie Sirius und Mundungus, der ihn immer noch trau-
rig anblinzelte.»Haste seither die alte Figgy wieder gesehn?«, fragte er.
»Nein«, sagte Harry, »ich habe niemanden getroffen.«
»Hör mal, ich wär ja nich weggegangen«, sagte Mundungus, beugte
sich vor und schlug einen flehenden Ton an, »aber da war dieses ein-
malige Geschäft –« Harry spürte etwas an seinen Knien entlangstreichen und zuckte zu-
sammen, doch es war nur Krummbein, Hermines säbelbeiniger orange-
roter Kater, der sich schnurrend einmal um Harrys Beine schlängelte,
dann auf Sirius’ Schoß hüpfte und sich dort zusammenrollte. Sirius
kraulte ihn abwesend hinter den Ohren und wandte sich mit immer
noch grimmiger Miene an Harry. »Schönen Sommer gehabt bisher?«
»Nein, er war miserabel«, sagte Harry.
Zum ersten Mal huschte der Anflug ei nes Grinsens über Sirius’ Gesicht.
»Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, worüber du dich beschwerst.«
»Was?«, sagte Harry verdutzt.
»Mir persönlich wär ein Dementorenangriff ganz lieb gewesen. Ein
tödlicher Kampf um meine Seele wär eine hübsche Unterbrechung der
Langeweile gewesen. Du glaubst, dir wär ’s schlecht ergangen, aber we-
nigstens bist du aus dem Haus gekommen und hast dir ein wenig die
Beine vertreten, dir ein paar Kämpfe eingehandelt … Ich sitze seit ei-
nem Monat hier fest.« »Wieso das?«, fragte Harry stirnrunzelnd.
»Weil das Zaubereiministerium immer noch hinter mir her ist, und
Voldemort weiß inzwischen bestimmt genau Bescheid, daß ich ein Ani-
magus bin, Wurmschwanz wird es ihm gesagt haben, also ist meine
Maskierung nutzlos. Ich kann nicht viel für den Orden des Phönix tun
… jedenfalls meint das Dumbledore.« Etwas an dem leicht bedrückten Tonfall, mit dem Sirius Dumbledores
Namen aussprach, sagte Harry, daß auch Sirius nicht besonders gut auf
den Schulleiter zu sprechen war. Harry spürte ein jähes Gefühl der Zu-
neigung für seinen Paten.
»Wenigstens weißt du, was passiert ist«, sagte er aufmunternd.
84

»Oh, ja«, entgegnete Sirius sarkastisch. »Ich hör mir Snapes Berichte
an, laß all die hämischen Andeutungen über mich ergehen, daß er dort
draußen sein Leben riskiert, während ich hier auf dem Hintern sitze
und es mir hübsch gemütlich mache … fragt er mich doch, wie es mit
dem Putzen vorangeht –«
»Putzen?«, fragte Harry.
»Wir versuchen, dieses Haus für menschliche Bewohner herzurich-
ten«, sagte Sirius und wies mit ausladender Geste auf die schäbige Kü-
che. »Seit zehn Jahren hat keiner mehr hier gelebt, seit meine liebe Mut-
ter gestorben ist, außer du zählst ihren alten Hauselfen dazu, und der
ist durchgedreht – er hat hier schon eine Ewigkeit nicht mehr geputzt.«
»Sirius«, sagte Mundungus, der offenbar überhaupt nicht auf das Ge-
spräch geachtet, sondern einen leeren Kelch sehr genau in Augenschein
genommen hatte. »Is’ das echt Silber, Mann?«
»Ja«, sagte Sirius und betrachtete angewidert den Kelch. »Feinstes ko-
boldgearbeitetes Silber, fünfzehntes Jahrhundert, geprägt mit dem Fa-
milienwappen der Blacks.«
»Das kommt dann aber weg«, murmelte Mundungus und polierte es
mit dem Ärmelaufschlag.
»Fred – George – NEIN, IHR SOLLT ES TRAGEN!«, kreischte Mrs.
We a s l e y.
Harry, Sirius und Mundungus drehten sich um und tauchten blitz-
schnell vom Tisch weg. Ein großer Kessel voller Eintopf, ein Eisenkrug
mit Butterbier und ein schweres hölzernes Brotschneidebrett mitsamt
Messer, flogen von Fred und George verzaubert, durch die Luft auf sie
zu. Der Eintopf schlitterte über den Tisch, kam kurz vor der Kante zum
Stehen und hinterließ eine lange schwarze Brandspur auf dem Holz;
der Butterbierkrug krachte auf die Platte und verspritzte seinen Inhalt;
das Brotmesser rutschte vom Brett und landete, die Spitze unheilvoll
im Holz zitternd, genau an der Stelle, wo Sekunden zuvor noch Sirius’
Hand gelegen hatte.
»UM HIMMELS WILLEN!«, schrie Mrs. Weasley. »DAS WAR NICHT
NÖTIG – JETZT REICHT’S MIR – NUR WEIL IHR JETZT MAGIE GE-
BRAUCHEN DÜRFT, MÜSST IHR EURE ZAUBERSTÄBE NICHT WE-
GEN JEDER KLEINIGKEIT RAUSHOLEN!«
85

»Wir wollten doch nur ein wenig Zeit sparen!«, sagte Fred und trat
eilends hinzu, um das Brotmesser aus dem Tisch zu ziehen. »Sorry, Si-
rius, altes Haus – war keine Absicht –«
Harry und Sirius lachten; Mundungus, der rücklings vom Stuhl ge-
fallen war, rappelte sich fluchend auf; Krummbein hatte zornig ge-
faucht und war unter die Anrichte geflohen, wo seine großen gelben
Augen nun in der Dunkelheit glommen.
»Jungs«, sagte Mr. Weasley und hievte den Eintopf in die Mitte des
Tisches, »eure Mutter hat Recht, ihr solltet jetzt, da ihr volljährig seid,
ein gewisses Verantwortungsgefühl an den Tag legen –«
»Keiner eurer Brüder hat solchen Ärger gemacht!«, schimpfte Mrs.
Weasley mit den Zwillingen und knallte einen frischen Krug Butterbier
auf den Tisch, wobei nicht viel weniger verschüttet wurde als kurz zu-
vor. »Bill hatte nicht das Gefühl, er müsse wegen ein paar Metern
gleich apparieren! Charlie hat nicht alles verhext, was ihm vor die Nase
kam! Percy –«
Sie verstummte schlagartig, hielt den Atem an und blickte ängstlich
zu ihrem Mann hinüber, dessen Miene plötzlich hölzern geworden war.
»Laßt uns essen«, sagte Bill rasch.
»Sieht lecker aus. Molly«, sagte Lupin, schöpfte ihr Eintopf auf einen
Teller und reichte ihn über den Tisch.
Einige Minuten lang, während alle sich über das Essen hermachten,
herrschte Stille, nur unterbrochen vom Klirren der Teller und Bestecke
und vom Scharren der Stühle. Dann wandte sich Mrs. Weasley an Sirius.
»Was ich dir noch sagen wollte, Sirius, da steckt was in diesem
Schreibpult im Salon, andauernd klappert und ruckelt das. Könnte na-
türlich nur ein Irrwicht sein, aber ich dachte, wir sollten Alastor fragen,
damit er einen Blick drauf wirft, bevor wir ihn rauslassen.«
»Wie du meinst«, antwortete Sirius gleichmütig.
»Und außerdem sind die Vorhänge dort drin voller Doxys«, fuhr Mrs.
We a s l e y f o r t . » I c h d a c h t e , w i r k ö n n t en die vielleicht morgen in Angriff
nehmen.«
»Ich freu mich schon drauf«, sagte Sirius. Harry hörte den sarkasti-
schen Unterton in seiner Stimme, war sich aber nicht sicher, ob dies
sonst noch jemandem auffiel.
86

Harry gegenüber saß Tonks, die Hermine und Ginny unterhielt, indem
sie zwischen zwei Bissen ihre Nase veränderte. Wie schon in Harrys Zim-
mer kniff sie mit angestrengter Miene die Augen zu und ihre Nase
schwoll zu einem schnabelartigen Höcker an, ähnlich dem von Snape
und schrumpfte dann wieder auf die Größe eines Champignons, wobei
büschelweise Haare aus den Nasenlöchern sprossen. Offenbar handelte
es sich um eine ganz normale Unterhaltungseinlage zum Abendessen,
denn bald verlangten Hermine und Ginny ihre Lieblingsnasen.
»Machen Sie die Schweineschnauze, Tonks.«
Tonks tat wie geheißen, und Harry hatte, als er aufschaute, den flüch-
tigen Eindruck, ein weiblicher Dudley würde ihm von der anderen
Tischseite her zugrinsen.
Mr. Weasley, Bill und Lupin waren in ein Gespräch über Kobolde ver-
tieft.
»Die verraten jetzt noch nichts«, sagte Bill. »Ich weiß nach wie vor
nicht, ob sie glauben, daß er zurück ist, oder nicht. Natürlich ist es ih-
nen möglicherweise lieber, nicht Partei zu ergreifen. Sich aus der Sache
rauszuhalten.«
»Ich bin sicher, die würden nie zu Du-weißt-schon-wem überlaufen«,
sagte Mr. Weasley kopfschüttelnd. »Auch sie hatten Verluste; erinnert
ihr euch noch an diese Koboldfamilie, die er das letzte Mal ermordet
hat, in der Nähe von Nottingham?«
»Ich glaube, es hängt davon ab, was man ihnen anbietet«, sagte Lu-
pin. »Und ich rede nicht von Gold. Wenn man ihnen die Freiheiten bie-
tet, die wir ihnen seit Jahrhunderten verwehren, kommen sie in Versu-
chung. Hast du noch immer kein Glück mit Ragnok gehabt, Bill?«
»Im Moment hat er von Zauberern die Nase voll«, sagte Bill, »er ist
immer noch wütend wegen dieser Bagman-Geschichte und glaubt, das
Ministerium hätte die Sache vertuscht, diese Kobolde haben nämlich
nie ihr Gold von ihm gekriegt –«
Eine Lachsalve von der Mitte der Tafel übertönte den Rest von Bills
Worten. Fred, George, Ron und Mundungus kugelten sich auf ihren
Stühlen.
»… und dann«, japste Mundungus und Tränen liefen ihm übers Ge-
sicht, »und dann, ihr glaubt’s mir nich, sacht er doch zu mir, sacht er:
87

›Hö’ mal, Dung, wo hast’en all die Kröten her? Weil irgend so ’n Klat-
scherbalg hat mir doch tatsächlich alle geklaut!‹ Und ich sach: ›Dir
hamse alle Kröten geklaut, Will, was nu? Da brauchst du wieder ’n
paar?‹ Und ihr glaubt’s mir nich, Leute, dieser grunzdumme Gnom –
kauft seine ganzen Kröten von mir zurück, für viel mehr, als er damals
gezahlt hat –«
»Ich glaube nicht, daß wir noch mehr über deine Geschäftstätigkeiten
erfahren möchten, vielen Dank, Mundungus«, sagte Mrs. Weasley
scharf, während sich Ron, brüllend vor Lachen, bäuchlings über den
Tisch warf.
»Versseihung, Molly«, sagte Mundungus rasch, wischte sich die Au-
gen und zwinkerte Harry zu. »Aber weiß’ du, Will hatte sie ja schon
von Warzen-Harris geklaut, also hab ich eigentlich gar nix Falsches ge-
macht.«
»Ich weiß nicht, wo du Richtig und Falsch zu unterscheiden gelernt
hast, Mundungus, aber offensichtlich hast du ein paar entscheidende
Lektionen verpaßt«, sagte Mrs. Weasley kühl.
Fred und George senkten die Gesichter in ihre Butterbierkelche; Ge-
orge hickste. Aus irgendeinem Grund warf Mrs. Weasley Sirius einen
sehr bösen Blick zu, dann stand sie auf, um zum Nachtisch einen gro-
ßen Rhabarberauflauf zu holen. Harry drehte sich zu seinem Paten um.
»Molly hält nichts von Mundungus«, sagte Sirius gedämpft.
»Und wie kommt’s, daß er im Orden ist?«, sagte Harry sehr leise.
»Er ist nützlich«, murmelte Sirius. »Kennt alle Gauner – klar, er ist ja
selber einer. Aber er steht auch sehr treu zu Dumbledore, weil der ihm
mal aus der Patsche geholfen hat. Es lohnt sich, jemanden wie Dung
dabeizuhaben, er hört Dinge, von denen wir nichts erfahren. Aber
Molly glaubt, es geht zu weit, wenn man ihn einlädt, zum Essen zu
bleiben. Daß er seine Pflicht hat sausen lassen, als er dich beschatten
sollte, hat sie ihm nicht verziehen.«
Drei Schläge Rhabarberauflauf mit Vanillesoße später fühlte sich der
Bund von Harrys Jeans unbequem eng an (was etwas heißen wollte,
denn die Jeans hatte einst Dudley gehört). Als er seinen Löffel weg-
legte, war das Gespräch rundum ruhiger geworden: Mr. Weasley
lehnte sich im Stuhl zurück, er wirkte satt und entspannt; Tonks, wie-
88

der mit ihrer normalen Nase, gähnte herzhaft; und Ginny, die Krumm-
bein unter der Anrichte hervorgelockt hatte, saß im Schneidersitz am
Boden und warf ihm Butterbierkorken zum Fangen hin.
»Bald Zeit fürs Bett«, sagte Mrs. Weasley gähnend.
»Noch nicht ganz, Molly«, erwiderte Sirius, schob seinen leeren Teller
weg und wandte sich Harry zu. »Ehrlich gesagt, du überraschst mich.
Ich hätte gedacht, sobald du hier ankommst, stellst du Fragen über Vol-
demort.«
Die Atmosphäre im Raum schlug derart schnell um, daß sich Harry
an das Auftauchen von Dementoren erinnert fühlte. Noch vor Sekun-
den schläfrig und gelassen, war die Stimmung jetzt wachsam, ja ge-
spannt. Bei der Erwähnung Voldemorts war ein kalter Schauder um
den Tisch gegangen. Lupin, der gerade an seinem Wein nippen wollte,
ließ den Kelch langsam und mit argwöhnischer Miene sinken.
»Hab ich doch!«, sagte Harry entrüstet. »Ich hab Ron und Hermine
gefragt, aber die sagten, wir seien im Orden nicht zugelassen, also –«
»Und sie haben vollkommen Recht«, sagte Mrs. Weasley. »Ihr seid zu
jung.«
Sie saß stocksteif auf ihrem Stuhl, die Fäuste auf den Armlehnen ge-
ballt, und jede Spur von Schläfrigkeit war aus ihrem Gesicht ver-
schwunden.
»Seit wann muß jemand im Orden des Phönix sein, um Fragen zu
stellen?«, sagte Sirius. »Harry saß einen Monat lang in diesem Muggel-
haus fest. Er hat das Recht zu erfahren, was pass…«
»Wart mal!«, warf George laut ein.
»Wieso kriegt eigentlich Harry Antworten auf seine Fragen?«, sagte
Fred wütend.
»Wir versuchen seit einem Monat, dir was aus der Nase zu ziehen,
und du hast uns kein einziges stinkendes Wort gesagt!«, rief George.
»Ihr seid zu jung, ihr seid nicht im Orden«, sagte Fred mit schriller
Stimme, die unverkennbar nach der seiner Mutter klang. »Harry ist
noch nicht mal volljährig!«
»Es ist nicht meine Schuld, daß man euch nicht gesagt hat, was der
Orden unternimmt«, erklärte Sirius ruhig, »das war die Entscheidung
eurer Eltern. Harry jedoch –«
89

»Es ist nicht deine Sache, zu entscheiden, was für Harry gut ist«,
sagte Mrs. Weasley scharf. Der Ausdruck ihres sonst so freundlichen
Gesichts wirkte gefährlich. »Du hast nicht vergessen, was Dumbledore
gesagt hat, nehm ich an?«
»Was meinst du jetzt speziell?«, fragte Sirius höflich, doch mit der
Miene eines Mannes, der sich bereit zum Kampf macht.
»Daß Harry nicht mehr erfahren darf, als er wissen muß«, sagte Mrs.
Weasley und betonte die letzten beiden Wörter nachdrücklich.
Die Köpfe von Ron, Hermine, Fred und George wandten sich ab-
wechselnd Sirius und Mrs. Weasley zu, als würden sie einem Ballwech-
sel beim Tennis folgen. Ginny kniete inmitten eines Haufens herumlie-
gender Butterbierkorken und verfolgte die Unterhaltung mit leicht ge-
öffnetem Mund. Lupins Blick war auf Sirius geheftet.
»Ich habe nicht die Absicht, ihm mehr zu sagen, als er wissen muß,
Molly«, erwiderte Sirius. »Aber als derjenige, der Voldemort zurück-
kommen sah« (erneut ging ein Schauder reihum), »hat er eher ein
Recht als die meisten –«
»Er ist kein Mitglied des Phönixordens!«, sagte Mrs. Weasley. »Er ist
erst fünfzehn und –«
»Und er ist mit ebenso viel fertig geworden wie die meisten im Or-
den«, sagte Sirius, »und mit mehr, als manche von sich behaupten kön-
nen.«
»Keiner bestreitet, was er getan hat!«, sagte Mrs. Weasley mit erhobe-
ner Stimme und ihre Fäuste auf den Armlehnen bebten. »Aber er ist
immer noch –«
»Er ist kein Kind mehr!«, sagte Sirius unwirsch.
»Ein Erwachsener ist er auch nicht!«, erwiderte Mrs. Weasley und
ihre Wangen färbten sich. »Er ist nicht James, Sirius!«
»Mir ist vollkommen klar, wer er ist, danke, Molly«, sagte Sirius kühl.
»Da bin ich mir nicht so sicher!«, sagte Mrs. Weasley. »Manchmal re-
dest du über ihn, als würdest du glauben, du hättest deinen besten
Freund wieder!«
»Was soll daran falsch sein?«, fragte Harry.
»Falsch daran ist, Harry, daß du nicht dein Vater bist, wie ähnlich du
ihm auch sein magst!«, sagte Mrs. Weasley und sah Sirius mit bohren-
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dem Blick an. »Du gehst noch immer zur Schule, und Erwachsene, die
für dich verantwortlich sind, sollten das nicht vergessen!«
»Soll das heißen, ich bin ein verantwortungsloser Pate?«, fragte Sirius
und fuhr auf.
»Das soll heißen, daß du bekannt dafür bist, unüberlegt zu handeln,
Sirius, weshalb Dumbledore dich dauernd ermahnt, zu Hause zu blei-
ben und –«
»Dumbledores Anweisungen für mich tun hier nichts zur Sache,
wenn ich bitten darf!«, sagte Sirius laut.
»Arthur!«, sagte Mrs. Weasley und wandte sich ihrem Mann zu. »Ar-
thur, sag doch was!«
Mr. Weasley schwieg zunächst. Er nahm die Brille ab und putzte sie
langsam an seinem Umhang, ohne seine Frau anzusehen. Erst als er sie
behutsam wieder auf die Nase gesetzt hatte, antwortete er.
»Dumbledore weiß, daß die Lage sich geändert hat, Molly. Er ist da-
für, daß Harry jetzt, da er sich im Hauptquartier aufhält, bis zu einem
gewissen Punkt unterrichtet wird.«
»Ja, aber das heißt noch lange nicht, daß man ihn auffordert zu fra-
gen, was immer er wissen will!«
»Ich persönlich«, sagte Lupin leise und wandte endlich den Blick von
Sirius ab, während Mrs. Weasley sich rasch zu ihm umdrehte, in der
Hoffnung, nun endlich einen Verbündeten zu bekommen, »ich persön-
lich halte es für besser, wenn Harry die Tatsachen erfährt – nicht alle
Tatsachen, Molly, aber er sollte einen groben Überblick bekommen –
von uns, und nicht eine entstellte Variante … von anderen.«
Sein Gesichtsausdruck war freundlich, aber Harry war sich sicher,
daß Lupin wußte, daß einige Langziehohren Mrs. Weasleys Säube-
rungsaktion überlebt hatten.
»Nun«, sagte Mrs. Weasley schwer atmend und sah vergeblich Hilfe
suchend in die Runde, »nun … ich seh schon, ich werde überstimmt.
Ich will nur eines sagen: Wenn Dumbledore nicht wollte, daß Harry zu
viel erfährt, dann muß er seine Gründe dafür gehabt haben, und als je-
mand, dem Harrys ureigenes Wohl am Herzen liegt –«
»Er ist nicht dein Sohn«, sagte Sirius leise.
91

»Aber so gut wie«, sagte Mrs. Weasley heftig. »Wen hat er denn sonst
noch?«
»Er hat mich!«
»Ja«, sagte Mrs. Weasley und ihre Lippen kräuselten sich, »die Sache
ist nur die, daß es für dich recht schwierig war, sich um ihn zu küm-
mern, während du in Askaban eingesperrt warst, oder?«
Sirius machte Anstalten, sich zu erheben.
»Molly, du bist nicht der einzige Mensch hier am Tisch, der sich um
Harry sorgt«, sagte Lupin scharf. »Sirius, setz dich hin.«
Mrs. Weasleys Unterlippe bebte. Sirius sank langsam auf seinen Stuhl
zurück. Er war weiß im Gesicht.
»Ich denke, Harry sollte dabei ein Wort mitreden dürfen«, fuhr Lupin
fort, »er ist alt genug, um selbst zu entscheiden.«
»Ich will wissen, was inzwischen alles passiert ist«, sagte Harry sofort.
Er sah Mrs. Weasley nicht an. Daß er wie ein Sohn für sie war, wie sie
gesagt hatte, rührte ihn, aber von ihr bemuttert zu werden machte ihn
auch ungeduldig. Sirius hatte Recht, er war kein Kind mehr.
»Also gut«, sagte Mrs. Weasley mit brüchiger Stimme. »Ginny – Ron
– Hermine – Fred – George – ich will, daß ihr aus der Küche verschwin-
det, und zwar sofort.«
Augenblicklich kam es zum Tumult. »Wir sind volljährig!«, brüllten
Fred und George im Chor. »Wenn Harry darf, warum dann nicht ich?«,
rief Ron. »Mum, ich will das hören!«, klagte Ginny.
»NEIN!«, rief Mrs. Weasley und erhob sich. Ihre Augen glänzten. »Ich
verbiete euch abso–«
»Molly, Fred und George kannst du es nicht verbieten«, sagte Mr.
Weasley matt. »Sie sind volljährig.«
»Sie gehen immer noch zur Schule.«
»Aber dem Gesetz nach sind sie jetzt Erwachsene«, sagte Mr. Weasley
mit unverändert müder Stimme.
Mrs. Weasley war nun scharlachrot im Gesicht.
»Ich – oh, von mir aus, Fred und George können bleiben, aber Ron –«
»Harry erzählt mir und Hermine sowieso alles, was ihr sagt!«, rief
Ron aufgebracht. »Oder – oder nicht?«, fügte er unsicher hinzu und
suchte Harrys Blick.
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Einen kurzen Moment lang schoß Harry durch den Kopf, er könnte
Ron sagen, daß er kein einziges Wort von ihm zu hören kriegen würde,
damit er mal spürte, wie es war, nichts zu erfahren, und sehen konnte,
wie ihm das schmeckte. Aber der gemeine Impuls verschwand, als sie
sich anblickten.
»Klar werd ich das«, sagte Harry.
Ron und Hermine strahlten.
»Schön!«, rief Mrs. Weasley. »Schön! Ginny – INS BETT!«
Ginny ging nicht leise. Sie konnten sie die ganze Treppe hinauf gegen
ihre Mutter wüten und toben hören, und als sie die Halle erreicht hatte,
verstärkten Mrs. Blacks markerschütternde Schreie noch das Getöse.
Lupin eilte zum Porträt hoch, um für Ruhe zu sorgen. Erst als er zu-
rück war, die Küchentür hinter sich geschlossen und seinen Platz am
Tisch wieder eingenommen hatte, begann Sirius zu sprechen.
»Gut, Harry … was willst du wissen?«
Harry holte tief Luft und stellte die Frage, die ihn seit einem Monat
nicht mehr losließ.
»Wo ist Voldemort?«, sagte er, ohne darauf zu achten, daß bei dem
Namen wieder alle schauderten und zusammenzuckten. »Was hat er
unternommen? Ich hab versucht die Muggelnachrichten zu sehen, und
es gab noch nichts, was nach ihm aussah, keine merkwürdigen Todes-
fälle und dergleichen.«
»Weil es bislang noch keine merkwürdigen Todesfälle gegeben hat«,
sagte Sirius, »jedenfalls soweit wir wissen … und wir wissen eine
ganze Menge.«
»Auf jeden Fall mehr, als er glaubt«, sagte Lupin.
»Wie kommt es, daß er aufgehört hat, Menschen zu töten?«, fragte
Harry. Er wußte, daß Voldemort allein im vergangenen Jahr mehr als
einmal gemordet hatte.
»Weil er keine Aufmerksamkeit auf sich lenken will«, sagte Sirius. »Das
wäre gefährlich für ihn. Seine Rückkehr ist ihm nicht ganz so gelungen,
wie er sich das vorgestellt hat, verstehst du. Er hat sie vermasselt.«
»Besser gesagt, du hast sie ihm vermasselt«, sagte Lupin und lächelte
zufrieden.
»Wie?«, fragte Harry perplex.
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»Du solltest eigentlich nicht überleben!«, sagte Sirius. »Niemand au-
ßer seinen Todessern sollte wissen, daß er zurück ist. Aber du hast
überlebt und kannst es bezeugen.«
»Und der Letzte, der wegen seiner Rückkehr alarmiert werden sollte,
war Dumbledore«, sagte Lupin. »Und du hast dafür gesorgt, daß es
Dumbledore sofort erfahren hat.«
»Und was hat das gebracht?«, fragte Harry.
»Machst du Witze?«, entgegnete Bill ungläubig. »Dumbledore war
der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer jemals Angst hatte!«
»Dank dir konnte Dumbledore schon eine knappe Stunde nach Volde-
morts Rückkehr den Orden des Phönix wieder einberufen«, sagte Sirius.
»Und – was hat der Orden unternommen?«, sagte Harry und blickte
in die Runde.
»Wir tun alles, was wir können, um dafür zu sorgen, daß Voldemort
seine Pläne nicht verwirklichen kann«, erwiderte Sirius.
»Woher wißt ihr, was er plant?«, fragte Harry rasch.
»Dumbledore hat eine ungefähre Vorstellung«, sagte Lupin, »und
Dumbledores ungefähre Vorstellungen erweisen sich normalerweise
als zutreffend.«
»Und was vermutet Dumbledore, daß er plant?«
»Nun, zunächst will er seine Armee wieder aufbauen«, sagte Sirius.
»In alten Zeiten standen gewaltige Scharen unter seinem Befehl: Hexen
und Zauberer, die er erpreßt oder verhext hatte, ihm zu folgen, seine
getreuen Todesser, viele verschiedene dunkle Kreaturen. Du hast ge-
hört, daß er vorhat, die Riesen für sich zu gewinnen; nun, das wird nur
eine der Gruppen sein, die er für sich einnehmen will. Mit Sicherheit
wird er nicht versuchen, es nur mit einem Dutzend Todessern gegen
das Zaubereiministerium aufzunehmen.«
»Also versucht ihr, ihn aufzuhalten, bevor er noch mehr Anhänger
bekommt?«
»Wir tun unser Bestes«, erwiderte Lupin.
»Wie?«
»Nun, das Wichtigste ist, daß wir versuchen, möglichst viele davon
zu überzeugen, daß Du-weißt-schon-wer zurückgekehrt ist, damit sie
sich wappnen«, sagte Bill. »Das ist allerdings gar nicht so einfach.«
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»Warum?«
»Wegen der Haltung des Ministeriums«, sagte Tonks. »Du hast Cor-
nelius Fudge gesehen, nachdem Du-weißt-schon-wer zurückgekom-
men war, Harry. Nun, er hat seine Position überhaupt nicht verändert.
Er weigert sich steif und fest zu glauben, daß es so ist.«
»Aber weshalb?«, fragte Harry aufgebracht. »Weshalb ist er so
dumm? Wenn Dumbledore –«
»Tja, da hast du den Finger auf die Wunde gelegt«, sagte Mr. Weasley
mit einem gequälten Lächeln. »Dumbledore.«
»Fudge hat Angst vor ihm, verstehst du«, sagte Tonks traurig.
»Angst vor Dumbledore?«, fragte Harry ungläubig.
»Angst vor dem, was er vorhat«, erwiderte Mr. Weasley. »Fudge
glaubt, Dumbledore heckt eine Verschwörung aus, um ihn zu stürzen.
Er glaubt, Dumbledore will Zaubereiminister werden.«
»Aber Dumbledore will doch nicht –«
»Natürlich will er nicht«, sagte Mr. Weasley. »Er wollte nie das Amt
des Ministers, obwohl eine Menge Leute ihn dazu gedrängt haben, als
Millicent Bagnold in den Ruhestand ging. Statt dessen kam Fudge an
die Macht, aber er hat nie vergessen, welch breite Unterstützung Dum-
bledore genoß, obwohl er sich nie um den Posten beworben hatte.«
»Tief in seinem Innern weiß Fudge, daß Dumbledore weit klüger ist
als er, ein viel mächtigerer Zauberer, und in seiner frühen Amtszeit als
Minister hat er Dumbledore ständig um Hilfe und Rat gebeten«, sagte
Lupin. »Aber wie es scheint, hat er sich mit der Macht angefreundet
und ist viel selbstsicherer geworden. Er genießt es, Zaubereiminister zu
sein, und hat es geschafft, sich einzureden, daß er der Klügste ist und
daß Dumbledore nur Scherereien um ihrer selbst willen heraufbe-
schwört.«
»Wie kann er so etwas glauben?«, sagte Harry zornig. »Wie kann er
glauben, daß Dumbledore alles nur erfindet – daß ich alles erfinde?«
»Wenn das Ministerium sich eingestehen würde, daß Voldemort zu-
rück ist, hieße das, sie hätten es mit den größten Schwierigkeiten seit
fast vierzehn Jahren zu tun«, sagte Sirius bitter. »Fudge bringt es ein-
fach nicht fertig, sich dem zu stellen. Es ist ja so viel bequemer, wenn er
sich einredet, Dumbledore lüge, um seine Stellung zu untergraben.«
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»Da liegt das Problem«, sagte Lupin. »Wenn das Ministerium darauf
beharrt, daß es von Voldemort nichts zu befürchten gibt, ist es schwie-
rig, die Leute davon zu überzeugen, daß er zurück ist, besonders da sie
es zunächst im Grunde gar nicht glauben wollen. Zudem übt das Mini-
sterium starken Druck auf den Tagespropheten aus, nichts von dem zu
berichten, was sie Dumbledores Gerüchteküche nennen, also hat der
größte Teil der Zauberergemeinschaft überhaupt keine Ahnung, daß ir-
gend etwas geschehen ist, und das macht sie zu leichter Beute für die
Todesser, wenn die den Imperius-Fluch einsetzen.«
»Aber ihr erzählt es doch den Leuten, oder nicht?«, sagte Harry und
blickte reihum zu Mr. Weasley, Sirius, Bill, Mundungus, Lupin und
Tonks. »Ihr laßt die Leute doch wissen, daß er zurück ist?« Sie lächelten gezwungen.
»Nun ja, alle glauben, ich sei ein verrückter Massenmörder, und das
Ministerium hat einen Preis von zehntausend Galleonen auf meinen
Kopf ausgesetzt. Ich kann wohl kaum durch die Straßen ziehen und
Flugblätter verteilen, oder?«, sagte Sirius unruhig. »Und ich bin bei den meisten in der Gemeinschaft kein sonderlich be-
liebter Dinnergast«, sagte Lupin. »Das gehört zum Berufsrisiko eines
We r w o l f s . « »Tonks und Arthur würden ihre Stellen im Ministerium verlieren,
wenn sie anfingen, den Mund aufzumachen«, sagte Sirius, »und es ist
sehr wichtig für uns, Spione im Ministerium zu haben, weil du davon
ausgehen kannst, daß Voldemort auch welche hat.« »Immerhin haben wir es geschafft, ein paar Leute zu überzeugen«,
sagte Mr. Weasley. »Tonks hier, zum Beispiel – das letzte Mal war sie
noch zu jung für den Orden des Phönix, und Auroren auf unserer Seite
zu haben ist ein gewaltiger Vorteil – auch Kingsley Shacklebolt ist ein
echter Trumpf; er ist verantwortlich für die Jagd nach Sirius, also hat er
das Ministerium mit der Information gefüttert, daß Sirius in Tibet sei.«
»Aber wenn keiner von euch die Na chricht verbreitet, daß Voldemort
zurück ist –«, fing Harry an.
»Wer sagt, daß keiner von uns die Nachricht verbreitet?«, sagte Si-
rius. »Warum, glaubst du, hat Dumbledore so viel Ärger?« »Was soll das heißen?«, fragte Harry.
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»Sie versuchen ihn unglaubwürdig zu machen«, sagte Lupin. »Hast
du letzte Woche nicht den Tagespropheten gelesen? Sie haben berich-
tet, daß er aus dem Vorstand der Internationalen Zauberervereinigung
rausgewählt wurde, weil er alt werde und nicht mehr alle Tassen im
Schrank habe, aber das stimmt nicht; er wurde von Ministeriumszaube-
rern rausgewählt, nachdem er in einer Rede Voldemorts Rückkehr ver-
kündet hatte. Sie haben ihm das Amt des Großmeisters beim Zauberga-
mot entzogen – das ist das Oberste Gericht der Zauberer – und sie re-
den davon, ihm auch den Merlinorden erster Klasse abzuerkennen.«
»Aber Dumbledore sagt, ihm ist egal, was sie tun, solange sie ihn
nicht aus den Schokofroschkarten rausnehmen«, sagte Bill grinsend.
»Das ist nicht zum Lachen«, sagte Mr. Weasley scharf. »Wenn er dem
Ministerium weiterhin auf diese Weise die Stirn bietet, könnte er in As-
kaban landen, und das Letzte, was wir wollen, ist ein eingesperrter
Dumbledore. Solange Du-weißt-schon-wer weiß, daß Dumbledore ir-
gendwo da draußen ist und seine Absichten kennt, wird er mit Bedacht
vorgehen. Wenn Dumbledore aus dem Weg ist – dann hat Du-weißt-
schon-wer freie Bahn.«
»Aber wenn Voldemort versucht noch mehr Todesser zu gewinnen,
muß doch rauskommen, daß er zurück ist, oder?«, fragte Harry ver-
zweifelt.
»Voldemort marschiert nicht zu den Leuten hin und klopft an ihre
Türen, Harry«, sagte Sirius. »Er überlistet, er verhext und erpreßt sie.
Er handelt im Geheimen, darin hat er viel Übung. Er ist sowieso nicht
nur daran interessiert, Gefolgsleute zu sammeln. Er hat noch andere
Pläne, Pläne, die er tatsächlich ganz ohne Aufsehen verwirklichen
kann, und im Moment konzentriert er sich auf die.«
»Was sucht er denn, abgesehen von Gefolgsleuten?«, fragte Harry
rasch. Er hatte den Eindruck, Sirius und Lupin einen sehr flüchtigen
Blick austauschen zu sehen, bevor Sirius antwortete.
»Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann.«
Da Harry weiterhin ratlos dreinsah, sagte Sirius: »Zum Beispiel eine
Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.«
»Als er schon einmal Macht hatte?«
»Ja.«
97

»Was für eine Waffe?«, sagte Harry. »Etwas Schlimmeres als den
Avada Kedavra –?«
»Das reicht jetzt!«
Mrs. Weasley stand im Schatten neben der Tür. Harry hatte nicht be-
merkt, daß sie zurückgekehrt war, nachdem sie Ginny hochgebracht
hatte. Sie hatte die Arme verschränkt und sah wütend aus.
»Ich möchte, daß ihr zu Bett geht, sofort. Und zwar alle«, fügte sie
hinzu und ließ den Blick über Fred, George, Ron und Hermine wan-
dern.
»Du kannst uns hier nicht rumkommandieren –«, begann Fred.
»Paß auf«, fauchte Mrs. Weasley. Sie zitterte leicht, als sie Sirius an-
sah. »Ihr habt Harry eine Menge Informationen gegeben. Noch ein we-
nig mehr, und ihr könnt ihn auch gleich in den Orden aufnehmen.«
»Warum nicht?«, warf Harry rasch ein. »Ich werde beitreten, ich will
beitreten, ich will kämpfen.«
»Nein.«
Jetzt hatte nicht Mrs. Weasley, sondern Lupin gesprochen.
»Der Orden besteht nur aus volljährigen Zauberern«, sagte er. »Zau-
berern, die mit der Schule fertig sind«, fügte er hinzu, da Fred und Ge-
orge die Münder aufsperrten. »Es sind Gefahren damit verbunden, von
denen ihr nichts ahnen könnt, keiner von euch … Ich glaube, Molly hat
Recht, Sirius. Wir haben genug gesagt.«
Sirius hob leicht die Achseln, entgegnete aber nichts. Mrs. Weasley
winkte ihren Söhnen und Hermine gebieterisch zu. Einer nach dem an-
deren erhob sich, und Harry, der einsah, daß er verloren hatte, folgte
ihnen.
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Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
Mrs. Weasley ging mit grimmiger Miene hinter ihnen die Treppe hin-
auf. »Ihr geht sofort zu Bett, und es wird nicht mehr geredet«, befahl
sie, als sie den ersten Stock erreicht hatten. »Wir haben morgen viel zu
tun. Ich denke, Ginny schläft schon«, fügte sie an Hermine gewandt
hinzu, »also versuch sie bitte nicht aufzuwecken.«
»Schläft schon, ja, sicher«, sagte Fred halblaut, als Hermine ihnen
gute Nacht gewünscht hatte und sie einen Stock höher stiegen. »Wenn
Ginny nicht noch wach ist und auf Hermine wartet, damit sie ihr alles
erzählt, was sie unten gesagt haben, dann bin ich ein Flubberwurm …«
»Also, Ron, Harry«, sagte Mrs. Weasley auf dem zweiten Treppenab-
satz und deutete auf ihr Schlafzimmer. »Ab ins Bett mit euch.«
»Nacht«, sagten Harry und Ron zu den Zwillingen. »Schlaft gut«,
sagte Fred augenzwinkernd.
Mrs. Weasley ließ die Tür hinter Harry laut ins Schloß fallen. Das
Schlafzimmer wirkte noch feuchter und düsterer als beim ersten Anblick.
Das leere Bild an der Wand atmete jetzt ganz langsam und tief, als würde
sein unsichtbarer Bewohner schlafen. Harry zog seinen Schlafanzug an,
nahm die Brille ab und stieg in sein klammes Bett, während Ron Eulen-
kekse auf den Schrank warf, um Hedwig und Pigwidgeon ruhig zu stim-
men, die herumklackerten und nervös mit den Flügeln raschelten.
»Wir können sie nicht jede Nacht zum Jagen rauslassen«, erklärte
Ron, während er seinen kastanienbraunen Pyjama anzog. »Dumble-
dore will nicht, daß zu viele Eulen über den Platz schwirren, das
würde verdächtig aussehen, meint er. Ach ja … hab ich vergessen …«
Er ging hinüber zur Tür und verriegelte sie. »Warum machst du das?«
99

»Kreacher«, sagte Ron und löschte das Licht. »In meiner ersten Nacht
hier kam er um drei Uhr morgens reinspaziert. Nicht gerade ange-
nehm, wenn du aufwachst und siehst, daß er in deinem Zimmer her-
umschleicht, glaub mir. Jedenfalls …«, er stieg ins Bett, legte sich unter
die Decke und blickte Harry in der Dunkelheit an; Harry sah seinen
Umriß im Mondlicht, das durch die schmutzige Fensterscheibe sik-
kerte, »was hältst du davon?«
Harry brauchte Ron nicht zu fragen, was er meinte.
»Nun, das bißchen, was sie uns erzählt haben, hätten wir uns auch
selber zusammenreimen können, oder?«, antwortete er und ließ sich
noch einmal durch den Kopf gehen, was in der Küche gesagt worden
war. »Ich meine, im Grunde haben sie nur gesagt, daß der Orden ver-
sucht, die Leute davon abzuhalten, sich Vol…«
Ron atmete zischend ein.
»…demort anzuschließen«, sagte Harry bestimmt. »Wann fängst du
endlich an, seinen Namen zu benutzen? Sirius und Lupin tun’s auch.«
Ron überhörte seine letzte Bemerkung.
»Ja, du hast Recht«, sagte er, »wir haben schon fast alles gewußt, was
sie uns gesagt haben, weil wir die Langziehohren benutzt haben. Das
einzig Neue war –«
Knall.
»AUTSCH!«
»Sei leise, Ron, oder Mum steht gleich wieder auf der Matte.«
»Ihr zwei seid auf meinen Knien appariert!«
»Tja, im Dunkeln ist es eben schwieriger.«
Harry sah die schemenhaften Umrisse von Fred und George von
Rons Bett hüpfen. Sprungfedern ächzten, und Harrys Matratze senkte
sich eine Handbreit, als George sich neben seine Füße setzte.
»Ihr seid also schon beim Thema?«, fragte George neugierig.
»Bei der Waffe, von der Sirius gesprochen hat?«, sagte Harry.
»Die ihm wohl eher rausgerutscht ist«, sagte Fred, der jetzt neben
Ron saß, genüßlich. »Von der haben wir mit den ollen Langziehern
nichts gehört, oder?«
»Was wird das sein?«, meinte Harry.
»Kann alles Mögliche sein«, erwiderte Fred.
100

»Aber es kann doch nichts Schlimmeres geben als den Avada-Ke-
davra-Fluch, oder?«, sagte Ron. »Was ist schlimmer als der Tod?«
»Vielleicht ist es etwas, das viele Menschen auf einmal töten kann«,
überlegte George.
»Vielleicht ist es eine besonders schmerzhafte Art, Leute umzubrin-
gen«, sagte Ron beklommen.
»Wenn er Schmerzen verursachen will, hat er den Cruciatus-Fluch«,
entgegnete Harry, »er braucht nichts Wirksameres als den.«
Eine Pause trat ein, und Harry wußte, daß die anderen sich genau
wie er fragten, welches Grauen diese Waffe verbreiten mochte.
»Und wer, glaubt ihr, besitzt sie im Augenblick?«, fragte George.
»Ich hoffe, unsere Seite«, sagte Ron und klang leicht nervös.
»Wenn ja, dann bewahrt vermutlich Dumbledore sie auf«, sagte Fred.
»Wo?«, fragte Ron rasch. »In Hogwarts?«
»Mit Sicherheit!«, sagte George. »Da hat er auch den Stein der Weisen
versteckt.«
»Eine Waffe ist aber wahrscheinlich viel größer als der Stein!«, erwi-
derte Ron.
»Nicht unbedingt«, sagte Fred.
»Ja, Größe ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit Kraft«, sagte Ge-
orge. »Schau dir nur Ginny an.«
»Was meinst du?«, sagte Harry.
»Du bist nie in den Genuß einer ihrer Flederwichtflüche gekommen,
was?«
»Schhh!«, machte Fred und erhob sich halb vom Bett. »Hört mal!«
Sie verstummten. Schritte kamen die Treppe herauf.
»Mum«, sagte George, und mir nichts, dir nichts ertönte ein lauter
Knall, und Harry spürte, wie das Gewicht vom Fußende seines Bettes
verschwand. Ein paar Sekunden später hörten sie draußen vor der Tür
den Boden knarren; offenbar lauschte Mrs. Weasley, ob sie noch mitein-
ander redeten.
Hedwig und Pigwidgeon schrien klagend. Der Fußboden knarrte er-
neut, und sie hörten, wie Mrs. Weasley einen Stock höher ging, um bei
Fred und George zu horchen.
»Sie traut uns kein bißchen, weißt du«, sagte Ron bedauernd.
101

Harry war sich sicher, daß er keinen Schlaf finden würde; an diesem
Abend war zu viel geschehen, woran er denken mußte, und er erwar-
tete geradezu, daß er noch stundenlang daliegen und immer wieder
über alles nachgrübeln würde. Er wollte sich weiter mit Ron unterhal-
ten, aber Mrs. Weasley knarrte nun wieder treppab, und als sie fort
war, hörte er deutlich andere Schritte treppauf kommen … tatsächlich
taperten vielbeinige Kreaturen draußen vor der Zimmertür leise auf
und ab, und Hagrid, der Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe,
sagte: »Schönheiten, nicht wahr, Harry? Dieses Schuljahr studieren wir
Waffen …«, und Harry sah, daß die Geschöpfe Kanonen als Köpfe hat-
ten und auf ihn zugerollt kamen … er duckte sich …
Das Nächste, was er wahrnahm, war, daß er zu einer warmen Kugel
zusammengerollt unter seiner Bettdecke lag und Georges Stimme laut
durch den Raum drang.
»Mum sagt, daß ihr aufstehen sollt, euer Frühstück ist in der Küche,
und dann braucht sie euch im Salon, da sind viel mehr Doxys, als sie
dachte, und sie hat ein Nest mit toten Knuddelmuffs unter dem Sofa
gefunden.«
Eine halbe Stunde später traten Harry und Ron, die sich rasch ange-
zogen und gefrühstückt hatten, in den Salon, einen langen Raum im er-
sten Stock mit hoher Decke und olivgrünen Wänden, an denen schmut-
zige Tapeten hingen. Der Teppich atmete jedes Mal, wenn man mit
dem Fuß auftrat, kleine Staubwolken aus, und die langen moosgrünen
Samtvorhänge summten, als wären sie voll unsichtbarer Bienen-
schwärme. Um diese Vorhänge herum standen Mrs. Weasley, Hermine,
Ginny, Fred und George. Mit dem Tuch, das sie alle über Nase und
Mund gebunden hatten, sahen sie recht eigentümlich aus. Außerdem
hielt jeder eine große Flasche mit schwarzer Flüssigkeit in der Hand,
die oben eine Düse hatte.
»Bedeckt die Gesichter und nehmt euch ein Spray«, sagte Mrs. Weas-
ley zu Harry und Ron, kaum daß sie die beiden gesehen hatte. Sie deu-
tete auf zwei weitere Flaschen mit schwarzer Flüssigkeit, die auf einem
storchbeinigen Tisch standen. »Das ist Doxyzid. Eine so schlimme Ver-
seuchung hab ich noch nie erlebt – was hat dieser Hauself in den letz-
ten zehn Jahren nur gemacht –«
102

Hermines Gesicht war halb von einem Geschirrtuch verhüllt, doch
Harry sah deutlich, wie sie Mrs. Weasley einen vorwurfsvollen Blick
zuwarf.
»Kreacher ist steinalt, er hat es wahrscheinlich nicht geschafft –«
»Du wärst überrascht, was Kreacher alles so schafft, wenn er wirklich
will, Hermine«, sagte Sirius, der gerade hereinkam. Er trug einen blut-
verschmierten Sack, der offenbar tote Ratten enthielt. »Ich hab eben
Seidenschnabel gefüttert«, erklärte er auf Harrys fragenden Blick hin.
»Ich halte ihn oben im Schlafzimmer meiner Mutter. Also … dieses
Schreibpult …«
Er ließ den Sack mit Ratten auf einen Sessel fallen, dann beugte er
sich vor, um das verschlossene Schreibpult zu inspizieren, das, wie
Harry jetzt erst auffiel, leicht ruckelte.
»Nun, Molly, ich bin mir ziemlich sicher, daß es ein Irrwicht ist«,
sagte Sirius und spähte durchs Schlüsselloch, »aber vielleicht sollte
Mad-Eye mal einen kurzen Blick drauf werfen, bevor wir ihn rauslas-
sen – wie ich meine Mutter kenne, könnte das noch was viel Schlimme-
res sein.«
»Ganz recht, Sirius«, sagte Mrs. Weasley.
Sie sprachen beide in einem bedacht unbekümmerten, höflichen Ton
miteinander, an dem Harry deutlich erkannte, daß sie ihren Streit vom
Vorabend noch nicht vergessen hatten.
Im Erdgeschoß ertönte eine laute, klirrende Glocke, und sofort hob
ein vielstimmiges Schreien und Wehklagen an, wie schon am Vor-
abend, als Tonks den Schirmständer umgestoßen hatte.
»Andauernd sag ich ihnen, sie sollen nicht an der Haustür läuten!«, rief
Sirius verärgert und hastete hinaus. Sie hörten ihn die Treppe hinunter-
poltern, während Mrs. Blacks Gekeife erneut durch das Haus hallte:
»Schandflecke, schmutzige Halbblüter, Blutsverräter, Gossenkinder …«
»Schließ bitte die Tür, Harry«, sagte Mrs. Weasley.
Harry nahm sich gewagt lange Zeit, um die Salontür zu schließen; er
wollte hören, was unten vor sich ging. Sirius hatte es offenbar geschafft,
die Vorhänge vor dem Porträt seiner Mutter zu schließen, denn das Ge-
schrei war verstummt. Er hörte Sirius durch die Halle laufen, dann das
Rasseln der Kette an der Haustür, und schließlich sagte eine tiefe
103

Stimme, die er als die von Kingsley Shacklebolt erkannte: »Hestia hat
mich gerade abgelöst, sie hat also jetzt Moodys Mantel, ich dachte, ich
könnte einen Bericht für Dumbledore abgeben …«
Harry spürte Mrs. Weasleys Blick im Nacken, machte bedauernd die
Salontür zu und schloß sich wieder der Doxytruppe an.
Mrs. Weasley stand über Gilderoy Lockharts Ratgeber für Schädlinge
in Haus und Hof gebeugt, der aufgeschlagen auf dem Sofa lag, und
studierte die Seite über Doxys.
»Also, hört alle mal zu, ihr müßt aufpassen, weil Doxys beißen und
ihre Zähne giftig sind. Ich habe hier eine Flasche mit Gegengift, aber
mir wär ’s lieber, wenn es niemand brauchte.«
Sie richtete sich auf, stellte sich breitbeinig vor die Vorhänge und
winkte sie alle nach vorne.
»Auf mein Kommando fangt ihr gleich an zu sprühen«, sagte sie.
»Die werden auf uns zufliegen, denke ich, aber auf den Sprays steht,
ein tüchtiger Spritzer wird sie lähmen. Wenn sie sich nicht mehr rüh-
ren, werft sie einfach in diesen Eimer.«
Umsichtig trat sie den anderen aus der Schußlinie und hob ihr Spray.
»Alles klar – sprüht!»
Harry hatte gerade mal ein paar Sekunden lang gesprüht, als eine
ausgewachsene Doxy aus einer Falte im Stoff hervorgeschossen kam,
mit surrenden, glänzenden, käferartigen Flügeln, die kleinen nadel-
scharfen Zähne gebleckt, den feenartigen Körper mit dichtem schwar-
zem Haar bedeckt und die vier winzigen Fäustchen erzürnt geballt.
Harry erwischte sie mit einer Ladung Doxyzid voll im Gesicht. Sie er-
starrte in der Luft und fiel mit einem überraschend lauten Donk auf
den abgetretenen Teppich. Harry hob sie auf und warf sie in den Eimer.
»Fred, was machst du da?«, sagte Mrs. Weasley scharf. »Sprüh die so-
fort ein und wirf sie weg!«
Harry wandte sich um. Fred hielt eine zappelnde Doxy zwischen Zei-
gefinger und Daumen.
»Hab ich dich«, sagte er grinsend und sprühte der Doxy rasch ins Ge-
sicht, so daß sie in Ohnmacht fiel, doch kaum hatte ihm Mrs. Weasley
den Rücken zugekehrt, steckte er sie augenzwinkernd in die Tasche.
104

»Wir wollen das Doxygift für unsere Nasch-und-Schwänz-Leckereien
testen«, tuschelte George Harry zu.
Harry sprayte geschickt zwei Doxys auf einmal an, die geradewegs
auf seine Nase zuflirrten, trat dann näher zu George und murmelte,
ohne die Lippen zu bewegen: »Was sind Nasch-und-Schwänz-Lecke-
reien?«
»Eine Auswahl von Süßigkeiten, die dich krank machen«, flüsterte
George und behielt wachsam Mrs. Weasleys Rücken im Blick. »Nicht
ernstlich krank natürlich, nur krank genug, damit man dich aus dem
Unterricht schickt, wenn dir danach ist. Fred und ich haben sie diesen
Sommer entwickelt. Das sind zweigeteilte, farblich gekennzeichnete
Süßigkeiten zum Kauen. Wenn du von den Kotzpastillen die orange
Hälfte ißt, wird dir schlecht. Sobald sie dich aus dem Unterricht in den
Krankenflügel gescheucht haben, schluckst du die lila Hälfte –«
»›– die dich wieder vollkommen fit macht und es dir ermöglicht, der
Freizeitbeschäftigung deiner Wahl nachzugehen, und das in einer Stunde,
die andernfalls nutzloser Langeweile gewidmet wäre.‹ Das schreiben wir
jedenfalls in den Anzeigen«, flüsterte Fred, der sich aus Mrs. Weasleys
Sichtfeld gestohlen hatte und jetzt ein paar verstreute Doxys vom Boden
kehrte und sie zu den anderen in seine Tasche steckte. »Aber sie sind
noch nicht ganz ausgereift. Im Moment haben unsere Testpersonen wei-
terhin gewisse Schwierigkeiten damit, lang genug mit dem Kotzen aufzu-
hören, um das lila Ende schlucken zu können.«
»Testpersonen?«
»Wir«, sagte Fred. »Wir nehmen sie abwechselnd. George hat die Kol-
lapskekse gegessen – das Nasblutnugat haben wir alle beide auspro-
biert –«
»Mum dachte, wir hätten uns duelliert«, sagte George.
»Ihr habt also immer noch vor, diesen Scherzartikelladen aufzuma-
chen?«, murmelte Harry, wobei er so tat, als würde er die Düse an sei-
nem Spray neu einrichten.
»Nun, wir haben bisher noch nicht die Gelegenheit gehabt, uns um
Räumlichkeiten zu kümmern«, sagte Fred und wurde noch leiser, als
Mrs. Weasley sich die Stirn mit ihrem Halstuch abwischte, bevor sie
wieder zum Angriff schritt, »also betreiben wir ihn im Moment noch
105

als Versandhandel. Letzte Woche haben wir Anzeigen in den Tagespro-
pheten gesetzt.«»Alles dank dir, Alter«, sagte George. »Aber mach dir keine Sorgen
… Mum hat keine Ahnung. Sie will den Tagespropheten nicht mehr le-
sen, weil er Lügen über dich und Dumbledore verbreitet.«
Harry grinste. Er hatte den Weasley-Zwillingen das Preisgeld von
tausend Galleonen aufgenötigt, das er im Trimagischen Turnier gewon-
nen hatte, damit sie ihren Traum verwirklichen konnten, einen Laden
für Zauberscherze zu eröffnen, und doch war er froh zu hören, daß
Mrs. Weasley nichts von seinem Be itrag zur Förderung ihres Vorhabens
wußte. Einen Scherzartikelladen zu betreiben war in ihren Augen keine
geeignete Berufslaufbahn für zwei ihrer Söhne. Das Dedoxieren der Vorhänge beanspruchte fast den ganzen Vormit-
tag. Es war nach zwölf, als Mrs. Weasley endlich ihr Schutztuch ab-
nahm, sich in einen durchhängenden Sessel sinken ließ und mit einem
angewiderten Schrei wieder aufsprang, weil sie sich auf den Sack mit
den toten Ratten gesetzt hatte. Die Vorhänge summten nicht mehr;
schlaff und feucht vom heftigen Besprühen hingen sie da. Vor ihnen
auf dem Boden stand der mit betäubten Doxys gefüllte Eimer neben ei-
ner Schüssel mit ihren schwarzen Eiern, an denen Krummbein jetzt
schnüffelte und auf die Fred und George begehrliche Blicke warfen. »Ich denke, die nehmen wir uns nach dem Mittagessen vor.« Mrs.
Weasley deutete auf die verstaubten Vitrinen zu beiden Seiten des Ka-
minsimses. Sie waren vollgestopft mit einem merkwürdigen Sammel-
surium von Dingen: einer Auswahl rostiger Dolche, Klauen, einer ein-
gerollten Schlangenhaut, einer Reihe angelaufener Silberkästen mit In-
schriften in Sprachen, die Harry nicht verstand, und, am unangenehm-
sten von allem, einem reich verzierten Kristallflakon mit einem großen,
in den Stöpsel eingelassenen Opal, der, da war sich Harry ziemlich si-
cher, mit Blut gefüllt war. Die klirrende Türglocke ging erneut. Alle sahen Mrs. Weasley an.
»Bleibt hier«, sagte sie entschieden und schnappte sich den Sack mit
den Ratten, während Mrs. Blacks Schreie erneut von unten heraufdran-
gen. »Ich bring euch ein paar Sandwiches hoch.«
106

Sie ging hinaus und schloß sorgfältig die Tür hinter sich. Sofort stürz-
ten alle zum Fenster und lugten hinunter zur Vortreppe. Sie konnten
einen zerzausten rotbraunen Haarschopf sehen und einen bedrohlich
windschiefen Stapel Kessel.
»Mundungus!«, sagte Hermine. »Wozu bringt er all die Kessel mit?«
»Sucht wahrscheinlich nach einem sicheren Platz zum
Aufbewahren«, sagte Harry. »Hat er das nicht an dem Abend gemacht,
als er mich beschatten sollte? Kessel auf dem Schwarzmarkt besorgt?«
»Ja, stimmt!«, sagte Fred. Die Haustür ging auf; Mundungus balan-
cierte seine Kessel durch die Tür und verschwand im Haus. »Verflucht,
Mum wird das gar nicht gern sehen …«
Er und George gingen zur Tür und lauschten mit gespitzten Ohren.
Mrs. Blacks Geschrei hatte aufgehört.
»Mundungus unterhält sich mit Sirius und Kingsley«, murmelte Fred
und runzelte angestrengt die Stirn. »Kann’s nicht richtig hören …
meinst du, wir können es mit den Langziehohren riskieren?«
»Dürfte die Sache wert sein«, sagte George. »Ich kann nach oben
schleichen und ein Paar holen –«
Doch genau in diesem Moment brach unten ein Radau los, der Lang-
ziehohren völlig überflüssig machte. Sie alle konnten klar vernehmen,
was Mrs. Weasley aus vollem Halse schrie.
»WIR SIND HIER KEIN VERSTECK FÜR DIEBESGUT!«
»Ich genieße es, wenn Mum jemand anderen anschreit«, sagte Fred
mit zufriedenem Lächeln und öffnete die Tür einen Spaltbreit, damit
Mrs. Weasleys Stimme besser in den Raum dringen konnte. »Ist doch
mal ’ne nette Abwechslung.«
»– VÖLLIG UNVERANTWORTLICH, ALS HÄTTEN WIR NICHT
GENUG SORGEN, DA BRAUCHST DU NICHT AUCH NOCH GE-
STOHLENE KESSEL INS HAUS ZU SCHLEPPEN –«
»Diese Idioten lassen sie so richtig in Fahrt kommen«, sagte George
kopfschüttelnd. »Du mußt sie möglichst früh abwürgen, sonst läuft sie
heiß wie eine Dampfwalze und dann geht das stundenlang so weiter.
Und seit Mundungus abgehauen ist statt dir zu folgen, Harry, ist sie
ganz scharf drauf, ihn mal zur Schnecke zu machen – und Sirius’ Mama
legt jetzt auch wieder los.«
107

Mrs. Weasleys Stimme ging im erneuten Keifen und Schreien der Por-
träts in der Halle unter.
George wollte gerade die Tür schließen, um den Lärm zu dämpfen,
als sich im letzten Moment ein Hauself hereindrängte.
Abgesehen von dem schmutzigen Lumpen, den er wie einen Lenden-
schurz um seinen Leib gebunden hatte, war er völlig nackt. Er sah sehr
alt aus. Seine Haut schien ein paar Nummern zu groß für ihn, und ob-
wohl er kahl war wie alle Hauselfen, sprossen Büschel weißen Haares
aus seinen großen, fledermausartigen Ohren. Seine Augen waren blut-
unterlaufen und wäßrig grau und seine große, fleischige Nase hatte
deutliche Ähnlichkeit mit einer Schnauze.
Der Elf nahm überhaupt keine Notiz von Harry und den anderen. Er
tat so, als könne er sie nicht sehen, und schlurfte mit buckligem Rücken
langsam und verbissen quer durch den Salon, wobei er mit einer tiefen,
heiseren Stimme wie der eines Ochsenfroschs unablässig vor sich hin
murmelte.
»… riecht wie eine Kloake und ist ein Verbrecher noch dazu, aber sie
ist auch nicht besser, gemeine alte Blutsverräterin, deren Bälger das
Haus meiner Herrin beschmutzen, o meine arme Herrin, wenn sie
wüßte, wenn sie wüßte, welchen Abschaum sie in ihr Haus gelassen
haben, was würde sie zum alten Kreacher sagen, o welche Schande,
Schlammblüter und Werwölfe und Verräter und Diebe, der arme alte
Kreacher, was kann er nur tun …«
»Hallo, Kreacher«, sagte Fred mit sehr lauter Stimme und ließ die Tür
zuschnappen.
Der Hauself blieb wie angewurzelt stehen, hörte auf zu murmeln und
gab einen nachdrücklichen und kaum überzeugenden Überraschungs-
laut von sich.
»Kreacher hat den jungen Herrn nicht gesehen«, sagte er, drehte sich
um und verbeugte sich vor Fred. Das Gesicht noch zum Teppich ge-
wandt, fügte er deutlich vernehmbar hinzu: »Niederträchtiger kleiner
Balg von einem Blutsverräter, der er ist.«
»Wie bitte?«, sagte George. »Den letzten Teil hab ich nicht mitge-
kriegt.«
108

»Kreacher hat nichts gesagt«, erwiderte der Elf mit einer zweiten Ver-
beugung vor George und fügte halblaut, aber deutlich hinzu: »… und
da ist sein Zwillingsbruder, widernatürliche kleine Biester allesamt.«
Harry wußte nicht, ob er lachen sollte. Der Elf richtete sich auf, be-
äugte sie alle feindselig und murmelte weiter, offenbar überzeugt, daß
sie ihn nicht hören konnten.
»… und da ist die Schlammblüterin, rotzfrech steht sie da, oh, wenn
meine Herrin wüßte, oh, wie sie weinen würde, und da ist ein neuer
Bursche, Kreacher kennt seinen Namen nicht. Was tut er hier? Kreacher
weiß es nicht…«
»Das ist Harry. Kreacher«, sagte Hermine behutsam. »Harry Potter.«
Kreachers blasse Augen weiteten sich und sein Murmeln wurde noch
schneller und aufgeregter.
»Das Schlammblut spricht zu Kreacher, als ob sie mit mir befreundet
wäre; wenn Kreachers Herrin ihn in solcher Gesellschaft sähe, oh, was
würde sie sagen –«
»Nenn sie nicht Schlammblut!«, sagten Ron und Ginny gleichzeitig
und sehr zornig.
»Ist ja schon gut«, flüsterte Hermine, »er ist nicht bei Verstand, er
weiß nicht, was er –«
»Lüg dir nicht in die Tasche, Hermine, er weiß genau, was er redet«,
entgegnete Fred und musterte Kreacher mit großer Abneigung.
Die Augen auf Harry geheftet, murmelte Kreacher weiter.
»Ist das wahr? Ist es Harry Potter? Kreacher kann die Narbe sehen, es
muß wahr sein, das ist der Junge, der den Dunklen Lord aufhielt, Kre-
acher fragt sich, wie er das geschafft hat –«
»Das fragen wir uns alle, Kreacher«, bemerkte Fred.
»Was willst du eigentlich?«, fragte George.
Kreachers riesige Augen zuckten zu George hinüber. »Kreacher putzt
gerade«, sagte er ausweichend.
»Wer ’s glaubt«, ertönte eine Stimme hinter Harry.
Sirius war zurück; von der Tür her funkelte er den Elfen an. Der
Lärm in der Halle war abgeflaut; vielleicht hatten Mrs. Weasley und
Mundungus ihren Streit hinunter in die Küche verlegt. Beim Anblick
109

von Sirius machte Kreacher eine lächerlich tiefe Verbeugung und
drückte seine Schnauzennase auf dem Boden platt.
»Steh aufrecht«, fuhr ihn Sirius unwirsch an. »Nun, was führst du im
Schilde?«
»Kreacher putzt gerade«, wiederholte der Elf. »Kreacher lebt einzig,
um dem fürnehmen Haus der Blacks zu dienen –«
»Und das wird jeden Tag schwärzer, es ist dreckig«, sagte Sirius.
»Der Herr beliebte immer schon gern zu scherzen«, sagte Kreacher,
verbeugte sich erneut und fuhr halblaut fort: »Der Herr war ein gemei-
nes, undankbares Schwein, das Herz seiner Mutter hat er gebrochen –«
»Meine Mutter hatte kein Herz, Kreacher«, fauchte Sirius. »Sie hat
sich aus purer Bosheit am Leben erhalten.«
Kreacher verbeugte sich erneut, während er sprach.
»Was immer der Herr sagt«, murmelte er aufgeregt. »Der Herr ist
nicht würdig, den Schlamm von den Stiefeln seiner Mutter zu wischen,
o meine arme Herrin, was würde sie sagen, wenn sie sähe, daß Kre-
acher ihm dient, wie sie ihn haßte, welche Enttäuschung er war –«
»Ich hab dich gefragt, was du im Schilde führst«, sagte Sirius kühl.
»Jedes Mal wenn du auftauchst und so tust, als würdest du putzen,
schmuggelst du irgendwas in dein Zimmer, damit wir es nicht weg-
werfen können.«
»Kreacher würde niemals etwas von seinem angestammten Platz im
Hause seines Herrn entfernen«, sagte der Elf und fügte hastig mur-
melnd hinzu: »Die Herrin würde Kreacher nie vergeben, wenn der
Wandteppich rausgeworfen würde, seit sieben Jahrhunderten ist er im
Besitz der Familie, Kreacher muß ihn retten, Kreacher wird nicht zulas-
sen, daß der Herr und die Blutsverräter und die Bälger ihn zerstören –«
»Hab ich’s mir doch gedacht«, sagte Sirius und warf einen verächtli-
chen Blick auf die Wand gegenüber. »Dem wird sie auch einen Dauer-
klebefluch auf den Rücken gehext haben, da hab ich keinen Zweifel,
aber wenn ich den loswerden kann, wird mich nichts davon abhalten.
Und nun geh, Kreacher.«
Kreacher wagte es anscheinend nicht, einen direkten Befehl zu ver-
weigern; doch der Blick, mit dem er Sirius bedachte, als er an ihm vor-
110

bei hinausschlurfte, war voll tiefster Verachtung, und den ganzen Weg
hinaus murmelte er vor sich hin.
»– kommt aus Askaban zurück und kommandiert Kreacher herum, o
meine arme Herrin, was würde sie sagen, wenn sie das Haus jetzt sähe,
Abschaum lebt nun hier, ihre Schätze sind hinausgeworfen, sie hat ge-
schworen, daß er kein Sohn von ihr war, und er ist zurück, es heißt, er
sei auch ein Mörder –«
»Nur weiter so, dann werd ich tatsächlich noch zum Mörder!«, sagte
Sirius gereizt und schlug die Tür hinter dem Elfen zu.
»Sirius, er ist nicht bei Verstand«, flehte Hermine, »ich glaube nicht,
daß ihm klar ist, daß wir ihn hören können.«
»Er war zu lange allein«, sagte Sirius, »hat verrückte Befehle vom
Porträt meiner Mutter bekommen und mit sich selbst geredet, aber er
war immer schon ein mieser kleiner –«
»Du könntest ihm doch einfach die Freiheit geben«, sagte Hermine
hoffnungsvoll, »vielleicht –«
»Wir können ihn nicht in die Freiheit entlassen, er weiß zu viel über
den Orden«, sagte Sirius kurz angebunden. »Und außerdem würde ihn
der Schock umbringen. Schlag ihm doch mal vor, dieses Haus zu ver-
lassen, und sieh dir an, wie er das aufnimmt.«
Sirius ging auf die andere Seite des Salons, wo der kostbare Teppich,
den Kreacher hatte retten wollen, die ganze Wand bedeckte. Harry und
die anderen folgten ihm.
Der Wandteppich machte einen uralten Eindruck; er war verblichen
und es schien, als hätten ihn an manchen Stellen Doxys angenagt. Den-
noch schimmerte das goldene Garn, mit dem er bestickt war, immer
noch hell genug, daß man einen stark verzweigten Familienstamm-
baum erkennen konnte, der (soweit Harry sagen konnte) bis ins Mittel-
alter zurückreichte. Große Buchstaben ganz oben auf dem Teppich er-
gaben die Worte:
Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
»Toujours pur«
111

»Du bist hier gar nicht drauf!«, sagte Harry, nachdem er sich die letzten
Verzweigungen des Baums genau angesehen hatte.
»Ich war mal drauf«, sagte Sirius und deutete auf ein kleines rundes,
verkohltes Loch im Wandbehang, das aussah wie das Brandloch einer
Zigarette. »Meine liebe alte Mutter hat mich weggesprengt, nachdem
ich von zu Hause fortgelaufen war – Kreacher brabbelt die Geschichte
immer gern vor sich hin.«
»Du bist von zu Hause weggelaufen?«
»Da war ich ungefähr sechzehn«, sagte Sirius. »Ich hatte genug.«
»Wo bist du hin?«, fragte Harry und starrte ihn an.
»Zu deinem Dad«, sagte Sirius. »Deine Großeltern haben sich wirk-
lich gut verhalten; sie haben mich gleichsam als zweiten Sohn adop-
tiert. Ja, ich kam in den Schulferien bei deinem Dad unter, und als ich
siebzehn war, besorgte ich mir was Eigenes. Mein Onkel Alphard hatte
mir ein tüchtiges Sümmchen Gold hinterlassen – der wurde hier auch
ausradiert, vermutlich aus diesem Grund –, von da an jedenfalls
konnte ich für mich selber sorgen. Doch bei Mr. und Mrs. Potter war
ich zum Sonntagsessen immer willkommen.«
»Aber … warum bist du …«
»Gegangen?«
Sirius lächelte bitter und fuhr sich mit den Fingern durch die langen,
zerzausten Haare.
»Weil ich diese ganze Bagage gehaßt hab: meine Eltern mit ihrem
Wahn vom reinen Blut, sie waren überzeugt, ein Black zu sein hieße
praktisch, königlich zu sein … meinen idiotischen Bruder, unbedarft
genug, ihnen zu glauben … das ist er.«
Sirius stupste mit dem Finger ganz unten auf den Stammbaum, auf
den Namen »Regulus Black«. Ein Todesdatum (etwa fünfzehn Jahre zu-
rückliegend) folgte dem Geburtsdatum.
»Er war jünger als ich«, sagte Sirius, »und ein viel besserer Sohn,
woran ich ständig erinnert wurde.«
»Aber er ist tot«, sagte Harry.
»Ja«, sagte Sirius. »Blöder Idiot… er hat sich den Todessern ange-
schlossen.«
»Das meinst du nicht im Ernst!«
112

»Ach, Harry, hast du noch nicht genug von diesem Haus gesehen, um
zu wissen, zu welcher Art von Zauberern meine Familie gehörte?«,
sagte Sirius gereizt.
»Waren – waren deine Eltern auch Todesser?«
»Nein, nein, aber glaub mir, sie dachten, Voldemort hätte die richti-
gen Vorstellungen, sie waren alle für die Säuberung der Zaubererrasse,
die Muggelstämmigen sollte man loswerden und die Reinblütigen soll-
ten das Sagen haben. Damit standen sie nicht allein; bevor Voldemort
sein wahres Gesicht zeigte, gab es eine ganze Menge Leute, die glaub-
ten, er hätte die richtigen Vorstellungen, wo es langgehen sollte … sie
kriegten allerdings kalte Füße, als sie sahen, was er zu tun bereit war,
um Macht zu gewinnen. Aber ich wette, meine Eltern dachten anfangs,
als Regulus sich denen anschloß, er sei ein richtiger kleiner Held.«
»Hat ein Auror ihn getötet?«, fragte Harry vorsichtig.
»O nein«, sagte Sirius. »Nein, er wurde von Voldemort ermordet.
Oder eher auf Voldemorts Befehl hin: ich bezweifle, daß Regulus je-
mals wichtig genug war, um von Voldemort persönlich umgebracht zu
werden. Soviel ich nach seinem Tod herausgefunden habe, hat er bis zu
einem gewissen Punkt mitgemacht, dann bekam er Panik angesichts
dessen, was von ihm verlangt wurde, und versuchte wieder rauszu-
kommen. Aber man reicht bei Voldemort nicht einfach seinen Rücktritt
ein. Dienen, ein Leben lang, oder Tod.«
»Mittagessen«, ertönte Mrs. Weasleys Stimme.
Sie hielt den Zauberstab vor sich in die Höhe und balancierte auf der
Spitze eine riesige, mit Sandwiches und Kuchen beladene Platte. Sie
war ganz rot im Gesicht und sah immer noch wütend ans. Hungrig,
wie sie waren, gingen die anderen zu ihr hinüber, doch Harry blieb bei
Sirius, der sich näher zu dem Wandteppich beugte.
»Ich hab mir das seit Jahren nicht mehr angesehen. Das ist Phineas
Nigellus … mein Ururgroßvater, siehst du? … Der unbeliebteste Schul-
leiter, den Hogwarts je hatte … und Araminta Meliflua … Cousine mei-
ner Mutter … hat einen Ministeriumserlaß durchzusetzen versucht, der
die Muggeljagd legalisieren sollte … und die liebe Tante Elladora … sie
hat die Familientradition begründet, Hauselfen zu köpfen, wenn sie zu
alt wurden, um Teetabletts zu tragen … natürlich, jedes Mal wenn die
113

Familie jemand halbwegs Anständigen hervorbrachte, wurde er oder
sie verstoßen. Wie ich sehe, ist Tonks nicht hier drauf. Vielleicht nimmt
Kreacher deshalb keine Befehle von ihr entgegen – er sollte eigentlich
alles tun, was ein Mitglied der Familie von ihm verlangt –«
»Du und Tonks, ihr seid verwandt?«, fragte Harry überrascht.
»Oh, ja, ihre Mutter Andromeda war meine Lieblingscousine«, sagte
Sirius und musterte den Wandbehang mit prüfendem Blick. »Nein, An-
dromeda ist auch nicht drauf, sieh –«
Er deutete auf ein weiteres kleines rundes Brandloch zwischen zwei
Namen, Bellatrix und Narzissa.
»Andromedas Schwestern sind noch da, weil sie wunderbare, respek-
table Reinblutehen eingegangen sind, aber Andromeda hat einen Mug-
gelstämmigen geheiratet, Ted Tonks, also –«
Sirius machte eine Geste, als würde er den Teppich mit dem Zauber-
stab in die Luft jagen, und lachte säuerlich. Harry allerdings lachte
nicht; er starrte gebannt auf die Namen rechts von Andromedas Brand-
loch. Eine gestickte goldene Doppellinie verband Narzissa Black mit
Lucius Malfoy und eine einfache senkrechte Linie führte von ihren Na-
men zu dem Namen Draco.
»Du bist mit den Malfoys verwandt!«
»Die reinblütigen Familien sind alle miteinander verwandt!«, sagte
Sirius. »Wenn du deine Söhne und Töchter nur Reinblüter heiraten
läßt, ist die Auswahl sehr beschränkt; es gibt kaum noch welche von
uns. Molly ist eine angeheiratete Cousine von mir und Arthur ist so
was wie mein Onkel zweiten Grades. Aber es hat keinen Sinn, hier nach
ihnen zu suchen – wenn es je eine Bande von Blutsverrätern gab, dann
waren es die Weasleys.«
Doch Harry blickte jetzt auf den Namen links von Andromedas
Brandloch: Bellatrix Black, durch eine Doppellinie verbunden mit Ro-
dolphus Lestrange.
»Lestrange …«, sagte Harry laut. Der Name rührte an etwas in sei-
nem Gedächtnis; er kannte ihn von irgendwoher, doch momentan
konnte er nicht sagen, woher, obwohl ihn bei dem Namen ein eigenar-
tiges, kribbelndes Gefühl in seiner Magengrube beschlich.
»Sie sitzen in Askaban«, sagte Sirius schroff.
114

Harry blickte ihn neugierig an.
»Bellatrix und ihr Mann Rodolphus kamen zusammen mit Barty
Crouch junior rein«, sagte Sirius mit unvermindert schroffer Stimme.
»Rodolphus’ Bruder Rabastan war auch dabei.«
Jetzt erinnerte sich Harry. Er hatte Bellatrix Lestrange in Dumbledo-
res Denkarium gesehen, der seltsamen Apparatur, in der Gedanken
und Erinnerungen gespeichert werden konnten: eine große schwarz-
haarige Frau mit schweren Augenlidern, die vor Gericht gestanden und
ihre unverbrüchliche Treue zu Lord Voldemort verkündet hatte, ihren
Stolz, daß sie ihn nach seinem Sturz zu finden versucht hatte, und ihre
Überzeugung, daß sie eines Tages für ihre Treue belohnt werden
würde.
»Du hast nie gesagt, daß sie deine –«
»Spielt es eine Rolle, daß sie meine Cousine ist?«, fragte Sirius knapp.
»Für mich ist das nicht meine Familie. Sie jedenfalls gehört bestimmt
nicht dazu. Ich hab sie nicht mehr gesehen, seit ich so alt war wie du,
nur einmal, als sie nach Askaban kam, habe ich einen kurzen Blick auf
sie geworfen. Glaubst du, ich bin stolz auf eine solche Verwandte?«
»Tut mir leid«, sagte Harry rasch, »ich hab’s nicht so gemeint – ich
war nur überrascht, das ist alles –«
»Schon gut, du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, murmelte Si-
rius. Die Hände tief in den Taschen, wandte er sich von dem Wandtep-
pich ab. »Mir behagt es nicht, wieder hier zu sein«, sagte er und starrte
in den Salon. »Ich hätte nie gedacht, daß ich noch einmal in diesem
Haus festsitzen würde.«
Harry verstand ihn nur zu gut. Er wußte, wie er sich fühlen würde,
wenn er erwachsen wäre und glaubte, dem Ligusterweg Nummer vier
für immer entronnen zu sein, und dann zurückkehren und dort wieder
leben müßte.
»Als Hauptquartier ist es natürlich ideal«, sagte Sirius. »Mein Vater
hat, als er hier lebte, jede Sicherheitsvorkehrung ins Haus eingebaut,
die die Zaubererwelt kennt. Es ist unaufspürbar, also können die Mug-
gel nie mal eben vorbeischauen – als ob sie das je wollten – und jetzt,
da Dumbledore noch seinen Schutz hinzugefügt hat, könntest du
schwerlich irgendwo ein Haus finden, das sicherer ist. Dumbledore ist
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der Geheimniswahrer des Ordens, weißt du – keiner kann das Haupt-
quartier finden, außer er erfährt von Dumbledore persönlich, wo es ist
– diese Notiz, die Moody dir gestern Abend gezeigt hat, die war von
Dumbledore …« Sirius lachte kurz und bellend auf. »Wenn meine El-
tern sehen könnten, welchem Zweck das Haus jetzt dient … nun, das
Porträt meiner Mutter wird dir eine ungefähre Vorstellung geben …«
Er blickte einen Moment lang finster vor sich hin, dann seufzte er.
»Ich hätte nichts dagegen, einfach mal rauszukommen und was
Nützliches zu tun. Ich hab Dumbledore gefragt, ob ich dich zu deiner
Anhörung begleiten kann – als Schnuffel natürlich –, dann könnte ich
dich ein wenig moralisch unterstützen, was hältst du davon?«
Harry hatte das Gefühl, als wäre sein Magen durch den staubigen
Teppich gesackt. Seit dem gestrigen Abendessen hatte er nicht mehr an
die Anhörung gedacht; vor Aufregung, wieder mit den Menschen zu-
sammen zu sein, die er am liebsten mochte, und alles, was vorging, zu
erfahren, hatte er diese Geschichte vollkommen vergessen. Bei Sirius’
Worten jedoch überfiel ihn wieder das drückende Gefühl der Angst.
Er starrte Hermine und die Weasleys an, die mit Gusto ihre Sandwi-
ches verschlangen, und überlegte, wie ihm zumute wäre, wenn sie
ohne ihn nach Hogwarts zurückkehrten.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Sirius. Harry sah auf und merkte, daß
Sirius ihn beobachtet hatte. »Ich bin mir sicher, sie sprechen dich frei,
da steht tatsächlich was im Internationalen Geheimhaltungsabkom-
men, wonach Zaubern erlaubt ist, wenn es darum geht, das eigene Le-
ben zu retten.«
»Aber wenn sie mich trotzdem rauswerfen«, sagte Harry leise, »kann
ich dann hierher zurückkommen und bei dir leben?«
Sirius lächelte traurig. »Wir werden sehen.«
»Diese Anhörung würde mir viel leichter fallen, wenn ich wüßte, daß
ich nicht zu den Dursleys zurückmüßte«, drängte Harry.
»Die müssen ja richtig übel sein, wenn du lieber in diesem Haus woh-
nen würdest«, sagte Sirius düster.
»Beeilt euch, ihr beiden, sonst ist das Essen alle«, rief Mrs. Weasley.
Sirius seufzte noch einmal schwer und warf einen finsteren Blick auf
den Wandteppich, dann ging er mit Harry hinüber zu den anderen.
116

Am Nachmittag, als sie die Vitrinen leerräumten, bemühte sich
Harry nach Kräften, nicht an die Anhörung zu denken. Glücklicher-
weise verlangte diese Arbeit viel Konzentration, da etliche der in den
Schränken aufbewahrten Gegenstände ihre verstaubten Fächer offen-
bar überhaupt nicht gern verließen. Sirius zog sich einen üblen Biß von
einer silbernen Schnupftabaksdose zu; Sekunden später bildete sich auf
der Haut seiner gebissenen Hand eine unansehnliche Kruste, ähnlich
einem ledrigen braunen Handschuh. »Schon okay«, sagte er und musterte interessiert seine Hand, bevor er
sachte mit seinem Zauberstab darauf klopfte und die Haut wieder nor-
mal werden ließ, »da muß Warzhautpulver drin sein.« Er warf die Dose in den Sack für den Müll aus den Schränken; Harry
sah, wie George Sekunden später seine Hand sorgfältig mit einem Tuch
umwickelte, sich die Dose schnappte und sie in seiner schon mit Doxys
gefüllten Tasche verschwinden ließ. Sie fanden ein fies aussehendes silbernes Instrument, etwas wie eine
vielgliedrige Pinzette, die, als Harry sie in die Hand nahm, wie eine
Spinne an seinem Arm emporkrabbelte und versuchte, seine Haut zu
durchstechen. Sirius packte sie und zerquetschte sie mit einem schwe-
ren Buch namens Noblesse der Natur: Eine Genealogie der Zauberei . Außer-
dem gab es eine Spieldose, die, wenn man sie aufgezogen hatte, eine
leicht unheimliche, klingelnde Melodie hören ließ, bei der sie alle spür-
ten, daß sie merkwürdig schwach und schläfrig wurden, bis Ginny sich
ein Herz faßte und den Deckel zuschlug, ein schweres Medaillon, das
keiner von ihnen öffnen konnte, eine Reihe alter Siegelstempel, schließ-
lich, in einem verstaubten Karton, einen Merlinorden erster Klasse, ver-
liehen an Sirius’ Großvater für »Verdienste um das Ministerium«. »Soll heißen, er hat ihnen eine Menge Gold zukommen lassen«, sagte
Sirius verächtlich und warf die Medaille in den Müllsack.
Mehrmals schlich sich Kreacher herein und wollte unter seinem Len-
denschurz Gegenstände davonschmuggeln, und jedes Mal wenn sie ihn
ertappten, murmelte er schreckliche Flüche. Als Sirius einen großen
Goldring mit dem Wappen der Blacks seinem Griff entwand, brach
Kreacher regelrecht in Zornestränen aus, und während er unterdrückt
117

schluchzend hinausging, bedachte er Sirius mit Schimpfwörtern, die
Harry noch nie zu Ohren gekommen waren.
»Der gehörte meinem Vater«, sagte Sirius und warf den Ring in den
Sack. »Kreacher war ihm nicht ganz so treu ergeben wie meiner Mutter,
und trotzdem hab ich ihn letzte Woche erwischt, wie er ein Paar alte
Hosen meines Vaters knutschte.«
Während der nächsten Tage hielt Mrs. Weasley sie eisern auf Trab. Es
dauerte drei Tage, bis der Salon entgiftet war. Schließlich waren die ein-
zigen noch unerwünschten Dinge im Raum der Wandteppich mit dem
Stammbaum der Blacks, der allen Versuchen widerstand, ihn von der
Wand zu entfernen, und das ruckelnde Schreibpult. Moody hatte noch
nicht im Hauptquartier vorbeigesehen, deshalb waren sie nicht sicher,
was drinsteckte.
Vom Salon aus zogen sie weiter in einen Speisesaal im Erdgeschoß,
wo sie in der Anrichte untertassengroße Spinnen auf der Lauer fanden.
(Ron verließ eilends die Stätte, um sich eine Tasse Tee zu machen, und
kehrte erst nach anderthalb Stunden zurück.) Sirius warf sämtliches
Porzellan, das mit dem Wappen der Blacks und ihrem Wahlspruch ver-
sehen war, unfeierlich in einen Sack, und dasselbe Schicksal traf eine
Reihe alter Fotografien in angelaufenen Silberrahmen, deren Bewohner
schrill kreischten, als ihr Deckglas zu Bruch ging.
Snape mochte ihre Arbeit als »Putzen« bezeichnen, doch Harry fand,
sie führten eigentlich Krieg gegen das Haus, das ihnen, unterstützt und
aufgehetzt von Kreacher, einen sehr hartnäckigen Kampf lieferte. Der
Hauself tauchte stets auf, wo immer sie sich versammelt hatten, und
sein Murmeln wurde von Mal zu Mal angriffslustiger, während er al-
les, dessen er habhaft werden konnte, wieder aus den Müllsäcken her-
auszuklauben versuchte. Sirius ging so weit, ihm mit Kleidung zu dro-
hen, aber Kreacher starrte ihn mit wäßrigen Augen an und sagte: »Der
Herr muß tun, was ihm beliebt«, dann wandte er sich um und mur-
melte sehr laut: »Aber der Herr wird Kreacher nicht fortschicken, nein,
weil Kreacher weiß, was sie vorhaben, o ja, er verschwört sich gegen
den Dunklen Lord, ja, mit diesen Schlammblütern und Verrätern und
dem Abschaum …«
118

Bei diesen Worten packte Sirius, ohne auf Hermines Proteste zu ach-
ten, Kreacher hinten am Lendenschurz und warf ihn eigenhändig aus
dem Zimmer.
Die Türglocke läutete mehrmals täglich, für Sirius’ Mutter der Einsatz
für neuerliches Gekreische, für Harry und die anderen die Möglichkeit,
die Besucher zu belauschen. Allerdings konnten sie den kurzen Blicken
und Gesprächsfetzen, die sie erhaschten, nur sehr wenig entnehmen, ehe
Mrs. Weasley sie auch schon wieder an ihre Aufgaben zurückbeorderte.
Snape huschte noch mehrmals ein und aus, doch zu Harrys Erleichterung
liefen sie sich nie über den Weg; einmal erblickte Harry auch seine Lehre-
rin für Verwandlung, Professor McGonagall, die in einem Muggelkleid
und -mantel sehr komisch aussah, und auch sie schien zu beschäftigt, um
sich lange aufzuhalten. Manchmal jedoch blieben die Besucher zum Hel-
fen. Tonks sprang ihnen einen denkwürdigen Nachmittag lang bei, an
dem sie einen mörderischen alten Ghul fanden, der in einer Toilette im
oberen Stockwerk lauerte, und Lupin, der wie Sirius im Haus wohnte, es
jedoch immer wieder für längere Zeit verließ, um geheime Aufträge für
den Orden zu erledigen, half ihnen, eine Standuhr zu reparieren, welche
die unangenehme Gewohnheit angenommen hatte, schwere Schrauben
auf Vorbeigehende zu schießen. Mundungus stieg wieder ein wenig in
Mrs. Weasleys Achtung, indem er Ron aus einer Kollektion alter purpur-
ner Umhänge befreite, die versucht hatten ihn zu erwürgen, als er sie aus
ihrem Schrank holte.
Obwohl er immer noch schlecht schlief, immer noch von Korridoren
und verschlossenen Türen träumte und seine Narbe ziepte, hatte Harry
zum ersten Mal im ganzen Sommer Spaß. Solange er beschäftigt war, war
er glücklich; wenn die Betriebsamkeit jedoch nachließ, wenn er nicht
mehr auf der Hut war oder erschöpft im Bett lag und verschwommene
Schatten über die Decke kriechen sah, kehrte der Gedanke an die dro-
hende Anhörung im Ministerium zurück. Angst stach ihm wie Nadeln in
die Eingeweide, wenn er sich fragte, was aus ihm werden sollte, falls sie
ihn der Schule verwiesen. Die Vorstellung war so schrecklich, daß er sie
nicht laut auszusprechen wagte, nicht einmal Ron und Hermine gegen-
über, die er zwar häufig tuscheln und besorgte Blicke in seine Richtung
werfen sah, die seinem Beispiel aber folgten und die Sache nicht erwähn-
119

ten. Manchmal konnte er es nicht verhindern, daß in seiner Phantasie ein
gesichtsloser Ministeriumsbeamter auftauchte, der seinen Zauberstab
entzweibrach und ihn zu den Dursleys zurückbefahl … aber dorthin
würde er nicht gehen. Das hatte er beschlossen. Er würde hierher zurück-
kehren, zum Grimmauldplatz, und bei Sirius leben.
Er hatte das Gefühl, ein Backstein würde ihm in den Magen fallen, als
sich Mrs. Weasley am Mittwoch während des Abendessens zu ihm
wandte und leise sagte: »Für morgen früh hab ich dir deine besten Sa-
chen gebügelt, Harry, und ich möchte, daß du dir heute Abend auch
die Haare wäschst. Ein guter erster Eindruck kann Wunder bewirken.«
Ron, Hermine, Fred, George und Ginny verstummten allesamt und
blickten zu ihm hinüber. Harry nickte und versuchte sein Kotelett wei-
terzuessen, aber sein Mund war so trocken geworden, daß er nicht
kauen konnte.
»Wie komme ich dorthin?«, fragte er Mrs. Weasley, bemüht, sorglos
zu klingen.
»Arthur nimmt dich mit zur Arbeit«, antwortete Mrs. Weasley sanft.
Mr. Weasley lächelte Harry aufmunternd über den Tisch hinweg zu.
»Du kannst in meinem Büro warten, bis es Zeit für die Anhörung ist«,
sagte er.
Harry blickte zu Sirius hinüber, doch bevor er die Frage stellen
konnte, hatte Mrs. Weasley sie schon beantwortet.
»Professor Dumbledore hält es für keine gute Idee, daß Sirius dich
begleitet, und ich muß sagen, ich –«
»– denke, daß er völlig Recht hat«, preßte Sirius zwischen den Zäh-
nen hervor.
Mrs. Weasley schürzte die Lippen.
»Wann hat Dumbledore euch das gesagt?«, fragte Harry und starrte
Sirius an.
»Er kam letzte Nacht, als ihr im Bett wart«, sagte Mrs. Weasley.
Sirius stocherte mit der Gabel mißgelaunt in einer Kartoffel. Harry
senkte den Blick auf seinen Teller. Der Gedanke, daß Dumbledore un-
mittelbar vor seiner Anhörung im Haus gewesen war und ihn nicht zu
sehen verlangt hatte, ließ seine Laune, sofern das möglich war, noch
weiter sinken.
120

Das Zaubereiministerium
Harry erwachte am nächsten Morgen um halb sechs so jäh und endgül-
tig, als hätte ihm jemand ins Ohr geschrien. Eine Weile lag er reglos da,
während der Gedanke an die disziplinarische Anhörung in jede win-
zige Verästelung seines Gehirns vordrang, bis es ihm unerträglich
wurde und er aus dem Bett sprang und die Brille aufsetzte. Mrs. Weas-
ley hatte seine frischgewaschene Jeans und ein T-Shirt am Fußende des
Bettes ausgebreitet und Harry schlüpfte hastig hinein. Das leere Bild an
der Wand kicherte.
Ron lag mit weit geöffnetem Mund und alle viere von sich gestreckt auf
dem Rücken und schlief selig. Er rührte sich nicht, als Harry das Zimmer
durchquerte, auf den Treppenabsatz hi naustrat und die Tür sachte hinter
sich schloß. Harry versuchte nicht daran zu denken, daß sie womöglich
nicht mehr Klassenkameraden in Hogwarts waren, wenn er Ron das
nächste Mal sah, und stieg leise an den Köpfen von Kreachers Vorfahren
vorbei die Treppe hinab und dann weiter hinunter zur Küche.
Er hatte nicht erwartet, jemanden vorzufinden, doch als er die Tür er-
reichte, hörte er leises Stimmengemurmel aus der Küche dringen. Er
schob die Tür auf und sah Mr. und Mrs. Weasley, Sirius, Lupin und
Tonks dasitzen, fast als würden sie auf ihn warten. Alle waren schon
angezogen, nur Mrs. Weasley trug einen lila Steppmorgenrock. Kaum
daß Harry eingetreten war, sprang sie auf. »Frühstück«, sagte sie, zückte ihren Zauberstab und eilte hinüber
zum Feuer. »M-M-Morgen, Harry«, gähnte Tonks. Heute morgen hatte sie blonde
Locken. »Gut geschlafen?«
121

»Ja«, sagte Harry.
»Ich b-b-bin die ganze Nacht aufgewesen«, sagte sie, gähnte erneut
und erschauderte. »Komm und setz dich …«
Sie zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und warf dabei einen be-
nachbarten um.
»Was möchtest du, Harry?«, rief Mrs. Weasley. »Haferbrei? Muffins?
Räucherheringe? Speck und Eier? Toast?«
»Nur – nur Toast, danke«, sagte Harry.
Lupin warf Harry einen Blick zu, dann wandte er sich an Tonks:
»Was wolltest du eben über Scrimgeour sagen?«
»Oh … jaah … nun, wir müssen ein wenig vorsichtiger sein, er stellt
mir und Kingsley dauernd so komische Fragen …«
Harry war irgendwie dankbar, daß er sich nicht am Gespräch beteili-
gen mußte. Seine Eingeweide krümmten sich. Mrs. Weasley stellte ihm
ein paar Scheiben Toast und Marmelade hin und er versuchte etwas zu
essen, doch ihm war, als würde er an einem Stück Teppich kauen. Mrs.
Weasley setzte sich neben ihn und zupfte an seinem T-Shirt herum,
steckte das Etikett rein und glättete die Falten auf den Schultern. Er
hätte lieber seine Ruhe gehabt.
»… und ich muß Dumbledore mitteilen, daß ich morgen keine Nacht-
schicht machen kann, ich bin einfach z-z-zu müde«, schloß Tonks und
gähnte abermals herzhaft
»Ich spring für dich ein«, sagte Mr. Weasley. »Kein Problem für mich,
ich muß ohnehin noch einen Bericht abschließen …«
Mr. Weasley trug keinen Zaubererumhang, sondern Nadelstreifenho-
sen und eine alte Bomberjacke. Er wandte sich von Tonks zu Harry.
»Wie geht’s dir?«
Harry zuckte die Achseln.
»Bald ist das alles vorbei«, sagte Mr. Weasley aufmunternd. »In ein
paar Stunden bist du freigesprochen.« Harry schwieg.
»Die Anhörung ist auf meinem Stockwerk, im Büro von Amelia Bo-
nes. Sie ist Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung und sie
wird dich auch vernehmen.«
»Amelia Bones ist in Ordnung, Harry«, sagte Tonks ernst. »Sie ist fair,
sie wird dich anhören.«
122

Harry wußte immer noch nicht, was er sagen sollte, und nickte.
»Fahr nur nicht aus der Haut«, warf Sirius unvermittelt ein. »Bleib
höflich und halte dich an die Tatsachen.«
Harry nickte erneut.
»Das Gesetz ist auf deiner Seite«, sagte Lupin leise. »Sogar minder-
jährige Zauberer dürfen in lebensbedrohlichen Situationen Magie ein-
setzen.«
Etwas sehr Kaltes tröpfelte Harry den Rücken hinunter; einen Mo-
ment lang glaubte er, jemand würde ihn mit einem Desillusionierungs-
zauber belegen, dann merkte er, daß Mrs. Weasley sich mit einem nas-
sen Kamm über seine Haare hergemacht hatte. Sie drückte ihm fest auf
den Kopf.
»Bleiben die denn nie liegen?«, sagte sie verzweifelt.
Harry schüttelte den Kopf.
Mr. Weasley warf einen Blick auf die Uhr und sah Harry an.
»Ich meine, wir sollten jetzt gehen«, sagte er. »Wir sind ein bißchen
früh dran, aber du wartest wohl besser im Ministerium als hier rumzu-
hängen.«
»Okay«, entgegnete Harry mechanisch, legte seinen Toast weg und
stand auf. »Wird schon gut gehen, Harry«, sagte Tonks und tätschelte
ihm den Arm. »Viel Glück«, sagte Lupin. »Es wird alles bestens laufen,
da bin ich sicher.«
»Und wenn nicht«, sagte Sirius, »werd ich mich mal in deinem Na-
men um diese Amelia Bones kümmern …«
Harry lächelte matt. Mrs. Weasley umarmte ihn. »Wir drücken dir
alle die Daumen«, sagte sie.
»Gut«, erwiderte Harry. »Tja … bis später dann.«
Er folgte Mr. Weasley nach oben und durch die Halle. Er konnte Si-
rius’ Mutter hinter den Vorhängen im Schlaf murren hören. Mr. Weas-
ley entriegelte die Tür und sie traten hinaus in die kalte, graue Morgen-
dämmerung.
»Sie gehen sonst nicht zu Fuß zur Arbeit, oder?«, fragte Harry, wäh-
rend sie sich zügig auf den Weg um den Platz machten.
»Nein, normalerweise appariere ich«, sagte Mr. Weasley, »aber du
kannst das natürlich nicht, und ich halte es für das Beste, wenn wir auf
123

vollkommen unmagische Weise ankommen … macht einen besseren
Eindruck, wenn man bedenkt, wofür man dich zur Rechenschaft ziehen
will …«
Mr. Weasley behielt unterwegs die Hand in der Jacke. Harry wußte,
daß sie den Zauberstab umklammert hatte. Die heruntergekommenen
Straßen waren fast ausgestorben, doch als sie die triste kleine U-Bahn-
Station erreichten, war sie bereits voll frühmorgendlicher Pendler. Wie
immer, wenn er unter Muggeln war, die ihren täglichen Geschäften
nachgingen, fiel es Mr. Weasley schwer, seine Begeisterung zu bändi-
gen.
»Einfach fabelhaft«, flüsterte er und deutete auf die Fahrkartenauto-
maten. »Wunderbar einfallsreich.«
»Die sind außer Betrieb«, erwiderte Harry und wies auf ein Schild.
»Ja, aber trotzdem …«, sagte Mr. Weasley und strahlte entzückt die
Automaten an.
Sie kauften ihre Fahrkarten bei einem schläfrig wirkenden Wach-
mann (Harry kümmerte sich um die Bezahlung, weil Mr. Weasley nicht
sonderlich gut mit Muggelgeld zurechtkam) und fünf Minuten später
stiegen sie in eine U-Bahn, die sie ratternd ins Zentrum von London
brachte. Mr. Weasley prüfte immer wieder wachsam die Karte des U-
Bahn-Netzes über den Fenstern.
»Noch vier Stationen, Harry … Jetzt noch drei … Noch zwei Statio-
nen, Harry …«
Sie stiegen an einer Station im Herzen Londons aus und wurden von
einer Welle anzugtragender Männer und aktentaschenbewehrter
Frauen aus dem Zug geschwemmt. Sie fuhren die Rolltreppe hoch und
passierten die Drehkreuze (Mr. Weasley hatte seine Freude daran, wie
der Leseautomat seine Fahrkarte schluckte), und schließlich traten sie
hinaus auf eine breite Straße, die von imposanten Gebäuden gesäumt
und schon sehr belebt war.
»Wo sind wir?«, sagte Mr. Weasley ratlos und Harrys Herz setzte ei-
nen Augenblick aus. Er dachte, sie wären trotz Mr. Weasleys ständigen
Blicken auf die Karte an der falschen Station ausgestiegen. Doch schon
fuhr er fort: »Ah, ja … hier lang, Harry«, und führte ihn in eine Seiten-
straße.
124

»Tut mir leid«, sagte er, »aber ich komme sonst nie mit der Bahn und
aus der Muggelperspektive sieht alles ganz anders aus. Ehrlich gesagt
habe ich den Besuchereingang noch nie benutzt.«
Mit der Zeit wurden die Häuser kleiner und weniger imposant, und
schließlich erreichten sie eine Straße mit einigen schäbig wirkenden Bü-
robauten, einem Pub und einem überquellenden Müllcontainer. Harry
hätte sich das Zaubereiministerium in einer beeindruckenderen Nach-
barschaft vorgestellt.
»Da sind wir«, sagte Mr. Weasley strahlend und wies auf eine alte
rote Telefonzelle, die vor einer mit Graffiti bedeckten Mauer stand und
der einige Scheiben fehlten. »Nach dir, Harry.«
Er öffnete die Tür der Telefonzelle.
Harry trat ein und fragte sich, was um alles in der Welt dies eigentlich
sollte. Mr. Weasley zwängte sich hinter Harry hinein und schloß die Tür.
Sie konnten sich kaum rühren. Harry stand gegen das Telefon gedrückt,
das schief an der Wand hing, als hätte ein Vandale versucht es herunter-
zureißen. Mr. Weasley langte an Harry vorbei nach dem Hörer.
»Mr. Weasley, ich glaube, das ist auch außer Betrieb«, sagte Harry.
»Nein, nein, das geht bestimmt«, sagte Mr. Weasley, hielt sich den
Hörer über den Kopf und spähte auf die Wählscheibe. »Schaun wir mal
… sechs …«, er wählte die Nummer, »zwei… vier … und noch mal vier
… und eine Drei«.
Die Wählscheibe surrte sanft zurück, und in der Telefonzelle ertönte
eine kühle Frauenstimme, nicht aus dem Hörer in Mr. Weasleys Hand,
aber so laut und klar, als würde eine unsichtbare Frau direkt neben ih-
nen stehen.
»Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennen Sie Ihren Na-
men und Ihr Anliegen.«
»Ähm …«, sagte Mr. Weasley, offenbar unsicher, ob er in den Hörer
sprechen sollte oder nicht. Er entschloß sich dazu, die Sprechmuschel ans
Ohr zu halten: »Arthur Weasley, Büro gegen den Mißbrauch von Mug-
gelartefakten, ist hier als Begleitung von Harry Potter, der aufgefordert
wurde, sich zu einer disziplinarischen Anhörung einzufinden…«
»Vielen Dank«, sagte die kühle Frauenstimme. »Besucher, bitte neh-
men Sie die Plakette und befestigen Sie sie vorne an Ihrem Umhang.«
125

Es klickte und ratterte, dann sah Harry etwas aus dem Metallschacht
gleiten, aus dem normalerweise die restlichen Münzen fielen. Er nahm
es in die Hand: Es war eine quadratische Silberplakette mit dem Auf-
druck Harry Potter, disziplinarische Anhörung . Er steckte sie an die Brust
seines T-Shirts und die Frauenstimme sprach von neuem.
»Besucher des Ministeriums, Sie werd en aufgefordert, sich einer Durch-
suchung zu unterziehen und Ihren Zauberstab zur Registrierung am Si-
cherheitsschalter vorzulegen, der sich am Ende des Atriums befindet.«
Der Boden der Telefonzelle bebte. Langsam versanken sie in der
Erde. Harry sah gebannt zu, wie sich der Gehweg über die Fenster der
Telefonzelle zu erheben schien, bis am Ende völlige Dunkelheit über ih-
ren Köpfen hereinbrach. Jetzt war nichts mehr zu sehen, nur ein dump-
fes Knirschen war zu hören, während die Telefonzelle immer tiefer in
die Erde drang. Nach etwa einer Minute, auch wenn es Harry viel län-
ger vorkam, fiel ein Spalt goldenen Lichts auf seine Füße, wurde breiter
und stieg an ihm hoch, bis er sein Gesicht traf und Harry blinzeln
mußte, damit seine Augen nicht tränten. »Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen Tag«,
sagte die Frauenstimme. Die Tür der Telefonzelle sprang auf und Mr. Weasley trat hinaus.
Harry folgte ihm mit offenem Mund. Sie standen am Ende einer langen und prachtvollen Halle mit einem
spiegelblank polierten dunklen Holzfußboden. In die pfauenblaue
Decke waren schimmernde goldene Symbole eingelassen, die sich stän-
dig bewegten und veränderten wie auf einer riesigen himmlischen An-
zeigetafel. In die mit glänzendem dunklem Holz getäfelten Seiten-
wände waren viele vergoldete Kamine eingebaut. Aus einem der Ka-
mine an der linken Seite tauchte mit einem leisen Wuuusch alle paar
Sekunden eine Hexe oder ein Zauberer auf. Vor den Kaminen auf der
rechten Seite warteten die Abreisenden in kurzen Schlangen. In der Mitte der Halle stand ein Brunnen. Eine Gruppe goldener Sta-
tuen, überlebensgroß, erhob sich inmitten eines runden Wasserbeckens,
Die größte stellte einen vornehm wirkenden Zauberer dar, der den
Zauberstab senkrecht in die Höhe reckte. Um ihn herum gruppierten
sich eine schöne Hexe, ein Zentaur, ein Kobold und ein Hauself. Die
126

drei Letzteren sahen mit ehrfürchtiger Miene zu der Hexe und dem
Zauberer empor. Glitzernde Wasserstrahlen schossen aus den Spitzen
ihrer Zauberstäbe und aus dem Zentaurenpfeil, aus der Spitze des Ko-
boldhutes und aus beiden Ohren des Hauselfen, und das helle Zischeln
der fallenden Wasserstrahlen vermengte sich mit dem Floppen und
Knallen der Apparierenden und den klackernden Schritten Hunderter
von Hexen und Zauberern, von denen die meisten mit verdrießlichen,
unausgeschlafenen Mienen auf eine Reihe goldener Portale am anderen
Ende der Halle zueilten.
»Hier lang«, sagte Mr. Weasley.
Sie schlossen sich der Menge an, bahnten sich ihren Weg zwischen
den Ministeriumsangestellten hindurch, von denen manche wacklige
Pergamentstapel trugen, andere zerbeulte Aktentaschen und wieder
andere im Gehen den Tagespropheten lasen. Als sie am Brunnen vor-
beikamen, sah Harry silberne Sickel und bronzene Knuts vom Becken-
grund zu ihm emporglitzern. Auf einem kleinen verschmierten Schild
hieß es:
ALLE EINNAHMEN AUS DEM BRUNNEN DER MAGISCHEN GE-
SCHWISTER GEHEN ALS SPENDE AN DAS ST.-MUNGO-HOSPITAL
FÜR MAGISCHE KRANKHEITEN UND VERLETZUNGEN.
Wenn sie mich nicht aus Hogwarts rausschmeißen, werf ich zehn Galle-
onen rein, schoß es Harry plötzlich verzweifelt durch den Kopf.
»Hier rüber, Harry«, sagte Mr. Weasley, und sie traten heraus aus dem
Strom der Ministeriumsangestellten, die auf die goldenen Tore zustreb-
ten. An einem Pult zur Linken, unter einer Tafel mit der Aufschrift Sicher-
heit, saß ein schlecht rasierter Zauberer in pfauenblauem Umhang, der
aufsah, als sie sich näherten, und seinen Tagespropheten beiseite legte.
»Ich begleite einen Besucher«, sagte Mr. Weasley und wies mit der
Hand auf Harry.
»Kommen Sie her«, sagte der Zauberer gelangweilt.
Harry trat näher und der Zauberer hielt eine lange goldene Rute in
die Höhe, dünn und biegsam wie eine Autoantenne, und führte sie an
Harrys Brust und Rücken auf und ab.
127

»Zauberstab«, brummte der Sicherheitszauberer zu Harry, legte das
goldene Instrument beiseite und streckte die Hand aus.
Harry zog seinen Zauberstab hervor. Der Zauberer ließ ihn auf ein
merkwürdiges Messinginstrument fallen, das an eine Waage mit nur
einer Schale erinnerte. Es fing an zu vibrieren. Ein schmaler Pergament-
streifen schnellte aus einem Schlitz im Sockel hervor. Der Zauberer riß
ihn ab und verlas die Aufschrift. »Elf Zoll, Kern Phönixfeder, vier Jahre in Gebrauch. Ist das korrekt?«
»Ja«, sagte Harry nervös.
»Das hier behalte ich«, sagte der Zauberer und spießte den Perga-
mentstreifen auf einen kleinen Messingdorn. »Den bekommen Sie zu-
rück«, fügte er hinzu und drückte Harry den Zauberstab in die Hand. »Danke.«
»Einen Moment noch …«, sagte der Zauberer langsam.
Sein Blick war von der silbernen Besucherplakette auf Harrys Brust
zu seiner Stirn gehuscht.
»Danke, Eric«, sagte Mr. Weasley bestimmt, packte Harry an der Schul-
ter und bugsierte ihn von dem Pult weg, wieder hinein in den Strom von
Zauberern und Hexen, die durch die goldenen Portale gingen.
Von der Menge leicht geschoben folgte Harry Mr. Weasley durch ei-
nes der Portale in eine kleinere Halle, wo sich hinter goldenen schmie-
deeisernen Gittern mindestens zwanzig Fahrstühle befanden. Harry
und Mr. Weasley gesellten sich zu der Gruppe, die an einem der Fahr-
stühle wartete. In ihrer Nähe stand ein großer bärtiger Zauberer mit ei-
nem großen Pappkarton, aus dem krächzende Geräusche drangen. »Alles klar, Arthur?«, sagte der Zauberer und nickte Mr. Weasley zu.
»Was hast du da, Bob?«, fragte Mr. Weasley und blickte auf den Karton.
»Wir sind uns nicht sicher«, sagte der Zauberer mit ernster Miene.
»Wir dachten erst, es wäre ein ganz gewöhnliches Huhn, bis es ange-
fangen hat, Feuer zu spucken. Sieht mir sehr nach einer schwerwiegen-
den Verletzung des Verbots experimenteller Züchtung aus.« Unter lautem Gerassel und Geklapper sank vor ihnen ein Fahrstuhl
herab; das goldene Gitter glitt beiseite und Harry und Mr. Weasley stie-
gen mit der Schar der Wartenden ein. Harry wurde nach hinten an die
Wand gedrängt. Einige Hexen und Zauberer sahen ihn neugierig an. Er
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starrte auf seine Füße, um ihre Blicke zu meiden, und drückte sich da-
bei die Haare platt. Die Gitter schlossen sich krachend und der Lift be-
gann mit ratternden Ketten langsam seinen Aufstieg, während die glei-
che kühle Frauenstimme, die Harry in der Telefonzelle gehört hatte, er-
neut zu sprechen anfing.
»Siebter Stock, Abteilung für Magische Spiele und Sportarten, mit der
Zentrale der Britischen und Irischen Quidditch-Liga, dem Offiziellen
Koboldstein-Klub und dem Büro für Lächerliche Patente.«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Harry erhaschte einen Blick auf ei-
nen schmuddelig wirkenden Korridor mit verschiedenen schief an die
Wände gepinnten Postern von Quidditch-Mannschaften. Einer der
Zauberer im Fahrstuhl, den Arm voller Besen, löste sich mühsam aus
dem Gedrängel und verschwand auf dem Korridor. Die Türen schlos-
sen sich, der Lift stieg ruckelnd weiter nach oben und die Frauen-
stimme verkündete:
»Sechster Stock, Abteilung für Magisches Transportwesen, mit der
Flohnetzwerkaufsicht, dem Besenregulationskontrollamt, dem Port-
schlüsselbüro und dem Appariertestzentrum.«
Wieder öffneten sich die Fahrstuhltüren und vier oder fünf Hexen
und Zauberer stiegen aus; gleichzeitig schwebten mehrere Papierflieger
herein. Harry starrte sie an. während sie lässig über seinem Kopf um-
herflatterten; sie waren blaßviolett und er konnte erkennen, daß sie am
Flügelrand den Stempel Zaubereiministerium trugen.
»Das sind nur Memos, die zwischen den Abteilungen ausgetauscht
werden«, murmelte Mr. Weasley ihm zu. »Früher haben wir Eulen ein-
gesetzt, aber du kannst dir den Dreck nicht vorstellen … die ganzen
Schreibtische voller Mist …«
Erneut ging es klappernd aufwärts, und die Memos umflatterten die
Leuchte, die von der Decke des Fahrstuhls pendelte.
»Fünfter Stock, Abteilung für Internationale Magische Zusammenar-
beit, mit dem Internationalen Magischen Handelsstandardausschuß,
dem Internationalen Büro für Magisches Recht und der Internationalen
Zauberervereinigung, britische Sektion.«
Als die Türen aufgingen, schossen zwei Memos hinaus, gefolgt von
einigen Hexen und Zauberern, aber noch mehr Memos flatterten herein
129

und umschwirrten die Lampe, so daß es über ihren Köpfen flackerte
und blitzte.»Vierter Stock, Abteilung zur Fü hrung und Aufsicht Magischer Ge-
schöpfe, mit der Tierwesen-, der Zauberwesen- und der Geisterbe-
hörde, dem Koboldverbindungsbüro und dem Seuchenbe-
ratungsbüro.« »’tschuldigung«, sagte der Zauberer mit dem feuerspeienden Huhn
und verließ, gefolgt von einem kleinen Schwarm Memos, den Fahr-
stuhl. Die Türen schepperten wieder zu.
»Dritter Stock, Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen, mit
dem Kommando für die Umkehr verunglückter Magie, der Vergißmich-
Zentrale und dem Komitee für Muggelgerechte Entschuldigungen.«
Auf diesem Stockwerk leerte sich der Fahrstuhl, zurück blieben nur
Mr. Weasley, Harry und eine Hexe, die ein äußerst langes, auf den Bo-
den hängendes Pergament las. Die verbliebenen Memos umschwirrten
weiter die Lampe, während der Lift wieder nach oben ruckelte; dann
öffneten sich die Türen und die Stimme machte ihre Ansage.
»Zweiter Stock, Abteilung für Magische Strafverfolgung, mit dem
Büro gegen den Mißbrauch der Magie, der Aurorenzentrale und dem
Zaubergamot-Verwaltungsdienst.« »Wir sind da, Harry«, sagte Mr. Weasley und sie folgten der Hexe aus
dem Lift in einen von Türen gesäumten Korridor. »Mein Büro ist am
anderen Ende des Ganges.« »Mr. Weasley«, sagte Harry, als sie an einem Fenster vorbeikamen,
durch das Sonnenlicht flutete, »wir sind doch immer noch unter der
Erde?« »Ja, allerdings«, sagte Mr. Weasley. »Das hier sind verzauberte Fen-
ster, die Zauberei-Zentralverwaltung entscheidet, was für Wetter wir
Tag für Tag bekommen. Das letzte Mal, als sie eine Gehaltserhöhung
durchsetzen wollten, hatten wir zwei Monate lang Wirbelstürme …
Hier rüber, Harry.« Sie bogen um eine Ecke, traten durch eine schwere eichene Flügeltür
und gelangten in einen weitläufigen, unübersichtlichen Raum, der in
Bürozellen unterteilt war und vor Stimmengewirr und Gelächter
summte. Memos schossen wie Miniraketen in die Zellen und wieder
130

heraus. Auf einem schiefhängenden Schild an der nächstgelegenen
Zelle stand: Aurorenzentrale.Harry lugte verstohlen durch die Türöffnungen, an denen sie vorbei-
kamen. Die Auroren hatten die Wände ihrer Bürozellen mit allem Mög-
lichen beklebt, mit Fahndungsbildern von Zauberern und Familienfo-
tos der Auroren ebenso wie mit Postern ihrer Lieblingsmannschaften
im Quidditch und Artikeln aus dem Tagespropheten. Ein Mann mit
scharlachrotem Umhang und einem noch längeren Pferdeschwanz als
Bill saß da, hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und diktierte sei-
ner Feder einen Bericht. Ein Stück weiter unterhielt sich eine Hexe mit
Augenklappe über die Trennwand ihrer Zelle hinweg mit Kingsley
Shacklebolt. »Morgen, Weasley«, sagte Kingsley beiläufig, als sie näher traten.
»Ich wollte Sie mal kurz sprechen, haben Sie eine Sekunde Zeit?« »Ja, wenn es wirklich nur eine Sekunde ist«, sagte Mr. Weasley. »Ich
hab’s ziemlich eilig.« Sie sprachen miteinander, als ob sie sich kaum kennen würden, und
als Harry den Mund öffnete, um Kingsley hallo zu sagen, trat ihm Mr.
Weasley auf den Fuß. Sie folgten Kingsley den Gang entlang in die al-
lerletzte Zelle. Harry versetzte es einen leichten Schock; aus allen Richtungen zwin-
kerte ihm Sirius’ Gesicht entgegen. Zeitungsausschnitte und alte Fotos
– selbst das von Sirius als Trauzeuge bei der Hochzeit der Potters – be-
deckten die Wände. Der einzige siriusfreie Platz war eine Weltkarte,
auf der kleine rote Stecknadeln wie Juwelen glänzten. »Hier«, sagte Kingsley abrupt und drückte Mr. Weasley ein Perga-
mentbündel in die Hand. »Ich brauche möglichst viele Informationen
über fliegende Muggelfahrzeuge, die in den letzten zwölf Monaten ge-
sichtet wurden. Wir wurden informiert, daß Black womöglich immer
noch sein altes Motorrad benutzt.«
Kingsley zwinkerte unübersehbar zu Harry hinüber und fügte flü-
sternd hinzu: »Gib ihm das Magazin, das könnte ihn interessieren.«
Dann sagte er wieder mit normaler Stimme: »Und lassen Sie sich nicht
zu lange Zeit, Weasley, dieser verspätete Beinfeuerwaffen-Bericht hat
unsere Untersuchung um einen Monat verzögert.«
131

»Wenn Sie meinen Bericht gelesen hätten, wüßten Sie, daß der Begriff
Handfeuerwaffen lautet«, sagte Mr. Weasley kühl. »Und ich fürchte, Sie
müssen sich mit Informationen über Motorräder noch gedulden; wir
sind im Moment vollauf beschäftigt.« Er senkte die Stimme und sagte:
»Falls du dich vor sieben loseisen kannst, Molly macht Fleischbäll-
chen.« Er winkte Harry und führte ihn aus Kingsleys Zelle, durch eine
zweite eichene Flügeltür und in einen weiteren Durchgang, wandte
sich nach links, ging wiederum einen Korridor entlang und bog nach
rechts in einen schwach beleuchteten und besonders schmuddeligen
Flur ein, der an einer Mauer endete. Links stand eine Tür offen und gab
den Blick auf einen Besenschrank frei, und an der Tür zur Rechten hing
ein stumpfes Messingschild mit der Aufschrift: Mißbrauch von Mug-
gelartefakten. Mr. Weasleys schäbiges Büro wirkte noch ein wenig kleiner als der
Besenschrank. Mit Müh und Not hatten zwei Schreibtische darin Platz
gefunden, und weil die Wände mit überquellenden Aktenschränken
vollgestellt waren, auf denen wacklige Ordnerstapel lagen, konnte
man sich kaum bewegen. Was an Wandfläche noch frei war, bezeugte
Mr. Weasleys Leidenschaften: mehrere Autoplakate, auch eines von ei-
nem zerlegten Motor; zwei Zeichnungen von Briefkästen, die er offen-
bar aus Kinderbüchern für Muggel ausgeschnitten hatte; und ein
Schaubild, das zeigte, wie man einen Stecker verkabelt. In Mr. Weasleys überquellendem Eingangskorb lagen ein alter Toa-
ster, der einen jämmerlichen Schluckauf hatte, und ein Paar leerer Le-
derhandschuhe, die Däumchen drehten. Neben dem Eingangskorb stand ein Foto der Familie Weasley. Harry
fiel auf, daß Percy offenbar aus dem Bild gelaufen war. »Wir haben kein Fenster«, sagte Mr. Weasley entschuldigend, zog
seine Bomberjacke aus und hängte sie über seine Stuhllehne. »Wir ha-
ben eins beantragt, aber man glau bt offenbar, wir brauchten keines.
Setz dich, Harry, sieht aus, als wäre Perkins noch nicht da.« Harry zwängte sich auf den Stuhl hi nter Perkins’ Schreibtisch, wäh-
rend Mr. Weasley das Pergamentbündel durchstöberte, das Kingsley
Shacklebolt ihm gegeben hatte.
132

»Ah«, sagte er grinsend, als er aus der Mitte des Bündels ein Magazin
namens Der Klitterer hervorzog, »ja …« Er blätterte es durch. »Ja, er hat
Recht, Sirius wird das sicher ganz amüsant finden … o meine Güte,
was ist das jetzt wieder?«
Ein Memo war soeben durch die offene Tür geflogen und hatte sich
flatternd auf dem hicksenden Toaster niedergelassen. Mr. Weasley ent-
faltete es und las laut vor: »›Dritte wiederausspuckende öffentliche Toi-
lette in Bethnal Green gemeldet, bitte unverzüglich Nachforschungen
anstellen.‹ Das wird allmählich lächerlich …«
»Eine wiederausspuckende Toilette?«
»Anti-Muggel-Scherzbolde«, sagte Mr. Weasley stirnrunzelnd.
»Letzte Woche hatten wir zwei, eine in Wimbledon und eine in Ele-
phant and Castle. Die Muggel drücken die Spülung, und statt daß alles
verschwindet – nun, du kannst es dir vorstellen. Die Armen rufen stän-
dig diese Pempler, so heißen die, glaub ich – du weißt schon, die Ab-
flüsse und so reparieren.«
»Klempner?«
»Ja, genau, aber natürlich sind die fassungslos. Wer immer das auch
tut, ich kann nur hoffen, daß wir sie kriegen.«
»Werden die Auroren sie fangen?«
»O nein, das wär nur Kleinkram für die Auroren, das macht die ge-
wöhnliche Magische Strafverfolgungspatrouille – ah, Harry, das ist Per-
kins.«
Ein untersetzter, schüchtern wirkender alter Zauberer mit weißem
Flaumhaar war gerade keuchend hereingekommen.
»Oh, Arthur!«, sagte er verzweifelt, ohne Harry anzusehen. »Dem
Himmel sei Dank, ich wußte nicht, was ich tun sollte, hier auf dich
warten oder nicht. Eben habe ich eine Eule zu dir nach Hause ge-
schickt, aber sie hat dich offenbar verfehlt – vor zehn Minuten kam eine
dringende Nachricht rein –«
»Die wiederausspuckende Toilette, ich weiß Bescheid«, sagte Mr.
We a s l e y.
»Nein, nein, nicht die Toilette, es geht um die Anhörung dieses Pot-
ter-Jungen – sie haben Zeit und Ort geändert – es fängt jetzt um acht
Uhr an, unten im alten Gerichtsraum zehn –«
133

»Unten im alten – aber sie haben mir – beim Barte des Merlin!«
Mr. Weasley sah auf die Uhr, schrie auf und sprang vom Stuhl.
»Schnell, Harry, wir hätten schon vor fünf Minuten dort sein sollen!«
Perkins drückte sich gegen die Aktenschränke, als Mr. Weasley, dicht
gefolgt von Harry, aus dem Büro stürmte.
»Warum haben sie den Termin geändert?«, fragte Harry atemlos,
während sie an den Aurorenzellen vorbeihasteten; einige streckten ihre
Köpfe heraus und starrten ihnen nach. Harry war, als hätte er sein In-
neres an Perkins’ Schreibtisch zurückgelassen.
»Ich hab keine Ahnung, aber dem Himmel sei Dank sind wir so früh
hergekommen, eine Katastrophe, wenn du’s versäumt hättest!«
Mr. Weasley kam schlitternd neben den Fahrstühlen zum Stehen und
drückte ungeduldig auf den »Abwärts«-Knopf.
»MACH schon!«
Der Fahrstuhl klapperte herbei und sie stürzten hinein. Jedes Mal
wenn er anhielt, fluchte Mr. Weasley wütend und traktierte den Knopf
für Stockwerk neun.
»Diese Gerichtsräume sind seit Jahren nicht mehr benutzt worden«,
sagte Mr. Weasley aufgebracht. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum
sie es dort unten machen – außer – aber nein –«
In diesem Moment betrat eine pummelige Hexe mit einem rauchen-
den Kelch den Fahrstuhl und Mr. Weasley unterbrach sich.
»Das Atrium«, sagte die kühle Frauenstimme, die goldenen Gitter glit-
ten beiseite und Harry erhaschte einen Blick auf den fernen Brunnen mit
seinen goldenen Statuen. Die pummelige Hexe stieg aus und ein fahlhäu-
tiger Zauberer mit ausgesprochen trauervoller Miene kam herein.
»Morgen, Arthur«, sagte er mit Grabesstimme, als der Lift weiter
nach unten fuhr. »Man sieht dich nicht oft hier unten.«
»Dringende Angelegenheit, Bode«, sagte Mr. Weasley, wippte auf den
Fußballen hin und her und warf Harry besorgte Blicke zu.
»Ah, ja«, sagte Bode und musterte Harry mit starrem Gesicht. »Na-
türlich.«
Harry war kaum in der Lage, sich mit Bode zu beschäftigen, aber un-
ter dessen unentwegtem Starren wurde ihm nicht gerade behaglicher
zumute.
134

»Mysteriumsabteilung«, sagte die kühle Frauenstimme und beließ es
dabei.
»Rasch, Harry«, sagte Mr. Weasley, als die Fahrstuhltüren sich rat-
ternd öffneten, und sie eilten einen Korridor entlang, der sich deutlich
von denen in den oberen Stockwerken unterschied. Die Wände waren
kahl; es gab keine Fenster und keine Türen, abgesehen von einer
schlichten schwarzen ganz am Ende des Korridors. Harry glaubte, sie
würden dort hineingehen, statt dessen packte ihn Mr. Weasley am Arm
und zog ihn nach links, wo ein Durchgang zu einer Treppe führte.
»Hier runter, hier runter«, keuchte Mr. Weasley und nahm immer
zwei Stufen auf einmal. »Der Fahrstuhl kommt gar nicht so weit…
warum machen sie es dort unten, ich …«
Sie gelangten zum Fuß der Treppe und rannten einen weiteren Korri-
dor entlang, der mit seinen groben Steinwänden, an denen Fackeln
steckten, jenem sehr ähnelte, der zu Snapes Kerker in Hogwarts führte.
Die Türen, an denen sie vorbeikamen, waren aus schwerem Holz mit
eisernen Riegeln und Schlüssellöchern.
»Gerichtsraum … zehn … ich glaube … wir sind fast … ja.« Mr.
Weasley hielt stolpernd vor einer schmutzigen dunklen Tür mit einem
mächtigen Eisenschloß, sackte gegen die Mauer und griff sich an die
stechende Brust.
»Geh weiter«, keuchte er und wies mit dem Daumen auf die Tür.
»Geh da rein.«
»Kommen Sie – kommen Sie nicht mit –?«
»Nein, nein, ich bin nicht zugelassen. Viel Glück!«
Harrys Herz schlug in einem heftigen Trommelwirbel gegen seinen
Adamsapfel. Er schluckte schwer, drückte den massiven eisernen Tür-
griff und trat in den Gerichtsraum.
135

Die Anhörung
Harry riß den Mund auf – er konnte nicht anders. Der große Kerker,
den er betreten hatte, kam ihm schrecklich bekannt vor. Er hatte ihn
nicht nur schon einmal gesehen, er war auch schon einmal hier gewe-
sen. Dies war der Ort, den er in Dumbledores Denkarium besucht
hatte, der Ort, an dem er beobachtet hatte, wie die Lestranges zu le-
benslänglicher Haft in Askaban verurteilt wurden.
Die Mauern waren aus dunklem Stein, von Fackeln spärlich beleuch-
tet. Links und rechts von ihm erstreckten sich leere Bankreihen bis
hoch hinauf, doch ihm gegenüber, auf den höchsten Bänken, waren
viele schattenhafte Gestalten zu erkennen. Sie hatten leise geredet,
doch als die schwere Tür hinter Harry zuschlug, trat eine unheilvolle
Stille ein.
Eine kalte männliche Stimme gellte durch den Gerichtsraum. »Du
kommst zu spät.«
»Verzeihung«, sagte Harry nervös. »Ich – ich wußte nicht, daß der
Termin geändert wurde.«
»Das ist nicht die Schuld des Zaubergamots«, sagte die Stimme. »Eine
Eule wurde heute Morgen zu dir geschickt. Nimm deinen Platz ein.«
Harry senkte den Blick auf den Stuhl in der Mitte des Raumes, über
dessen Armlehnen Ketten lagen. Er hatte gesehen, wie diese Ketten jäh
zum Leben erwachten und den fesselten, der gerade zwischen ihnen
saß. Mit laut widerhallenden Schritten ging er über den steinernen Bo-
den. Als er sich behutsam auf den Stuhlrand setzte, klirrten die Ketten
drohend, doch sie umschlangen ihn nicht. Ihm war ziemlich schlecht,
und er blickte hinauf zu den Leuten, die auf der Bank oben saßen.
136

Es waren ungefähr fünfzig, und soweit er sehen konnte, trugen alle
pflaumenblaue Umhänge mit einem kunstvoll gearbeiteten silbernen
»Z« links auf der Brust, und alle starrten ihn von oben herab an, man-
che mit sehr strengen Mienen, andere mit einem Ausdruck unverhohle-
ner Neugier.
Genau in der Mitte der vorderen Reihe saß Cornelius Fudge, der Zau-
bereiminister. Fudge war ein stattlicher Mann, der häufig einen limo-
nengrünen Bowler trug, allerdings hatte er heute auf ihn verzichtet;
verzichtet hatte er auch auf das nachsichtige Lächeln, das er einst zur
Schau getragen hatte, wenn er mit Harry sprach. Eine breite Hexe mit
eckigem Unterkiefer und ganz kurzem grauem Haar saß zu Fudges
Linker; sie trug ein Monokel und wirkte abweisend. Zu Fudges Rechter
saß ebenfalls eine Hexe, aber sie hatte sich so weit in der Bank zurück-
gelehnt, daß ihr Gesicht im Schatten lag.
»Sehr schön«, sagte Fudge. »Da der Angeklagte anwesend ist – end-
lich –, sollten wir beginnen. Sind Sie bereit?«, rief er zum Ende der
Bank hin.
»Ja, Sir«, antwortete eine beflissene Stimme, die Harry kannte. Am äu-
ßersten Ende der vorderen Bank saß Rons Bruder Percy. Harry blickte ihn
an, in der Erwartung, Percy würde irgendein Zeichen des Wiedererken-
nens geben, doch umsonst. Percys Augen hinter der Hornbrille waren auf
sein Pergament geheftet, in seiner Hand hielt er eine Feder.
»Disziplinarische Anhörung vom zwölften August«, sagte Fudge mit
schriller Stimme und sofort fing Percy an zu protokollieren, »in Sachen
Verstöße gegen den Erlaß zur Vernunftgemäßen Beschränkung der
Zauberei Minderjähriger und gegen das Internationale Geheimhal-
tungsabkommen durch Harry Potter, wohnhaft Ligusterweg Nummer
vier, Little Whinging, Surrey.
Es führen das Verhör: Cornelius Oswald Fudge, Zaubereiminister;
Amelia Susan Bones, Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfol-
gung; Dolores Jane Umbridge, Erste Untersekretärin des Ministers. Ge-
richtsschreiber, Percy Ignatius Weasley –«
»Zeuge der Verteidigung, Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore«,
sagte eine ruhige Stimme hinter Harry, der den Kopf so schnell herum-
riß, daß er sich den Hals verrenkte.
137

Dumbledore, mit langem mitternachtsblauem Umhang und vollkom-
men gelassenem Ausdruck, schritt feierlich durch den Raum. Sein lan-
ger silberner Bart und seine Haare schimmerten im Fackellicht, als er
sich an Harrys Seite stellte und durch die Halbmondgläser seiner
Brille, die auf halber Höhe auf seiner scharfen Hakennase ruhte, zu
Fudge hochblickte.
Die Mitglieder des Zaubergamots tuschelten. Aller Augen waren jetzt
auf Dumbledore gerichtet. Manche sahen verärgert aus, andere eine
Spur verängstigt; zwei ältere Hexen auf der rückwärtigen Bank jedoch
hoben die Hände und winkten ihm grüßend zu.
Bei Dumbledores Anblick war ein starkes Gefühl in Harrys Brust auf-
gestiegen, ein Kraft und Hoffnung spendendes Gefühl ähnlich dem,
das ihm der Gesang des Phönix gab. Er suchte Dumbledores Blick, aber
Dumbledore sah nicht in seine Richtung; er sah unentwegt auf den of-
fensichtlich verwirrten Fudge.
»Ah«, sagte Fudge und wirkte jetzt tief beunruhigt. »Dumbledore. Ja.
Sie – ähm – haben unsere – ähm – Botschaft erhalten, daß Zeit und –
ähm – Ort der Anhörung geändert wurden, nehme ich also an?«
»Die muß ich verpaßt haben«, sagte Dumbledore vergnügt. »Aller-
dings bin ich durch einen glücklichen Zufall drei Stunden zu früh im
Ministerium angekommen und so ist noch mal alles gut gegangen.«
»Ja – schön – ich denke, wir brauchen noch einen Stuhl – ich – Weas-
ley, würden Sie –«
»Nur keine Umstände, nur keine Umstände«, sagte Dumbledore
freundlich; er zückte seinen Zauberstab, ließ ihn leicht aus dem Hand-
gelenk schnippen und ein zerknautschter Chintz-Lehnstuhl erschien
aus dem Nichts neben Harry. Dumbledore setzte sich, legte die Kuppen
seiner langen Finger aneinander und betrachtete Fudge über sie hin-
weg mit einem Ausdruck höflichen Interesses. Die Mitglieder des Zau-
bergamots tuschelten und gestikulierten immer noch aufgeregt; erst als
Fudge wieder zu sprechen begann, beruhigten sie sich.
»Ja«, sagte Fudge erneut und stöberte in seinen Unterlagen. »Nun.
dann. So. Die Anklage. Ja.«
Er zog ein Stück Pergament aus dem Stapel vor ihm, holte tief Luft
und las laut: »Die Anklagepunkte gegen den Beschuldigten lauten wie
138

folgt: Daß er wissentlich, absichtlich und in vollem Bewusstsein der
Rechtswidrigkeit seiner Handlungen – obwohl er zuvor bereits eine
schriftliche Verwarnung des Zaubereiministeriums wegen eines ähnli-
chen Vorwurfs erhalten hatte – einen Patronus-Zauber in einem Mug-
gelwohngebiet ausgeführt hat, in Gegenwart eines Muggels, am zwei-
ten August um dreiundzwanzig Minuten nach neun, welches einen
Verstoß gegen den Erlaß zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zau-
berei Minderjähriger von 1875, Abschnitt C, darstellt und ebenso gegen
Abschnitt 13 des Geheimhaltungsabkommens der Internationalen Zau-
berervereinigung.
Du bist Harry James Potter, wohnhaft Ligusterweg Nummer vier,
Little Whinging, Surrey?«, fragte Fudge und funkelte Harry über sein
Pergament hinweg an.
»Ja«, sagte Harry.
»Du hast vor drei Jahren eine offizielle Verwarnung des Ministeriums
wegen unrechtmäßig ausgeübter Magie erhalten, ist das richtig?«
»Ja, aber –«
»Und dennoch hast du am Abend des zweiten August einen Patronus
heraufbeschworen?«, sagte Fudge.
»Ja«, sagte Harry, »aber –«
»Im Wissen, daß es dir bis zum Alter von siebzehn Jahren nicht er-
laubt ist, außerhalb der Schule Zauberei zu gebrauchen?«
»Ja, aber –«
»Im Wissen, daß du dich in einer Gegend voller Muggel befandest?«
»Ja, aber –«
»Dir vollauf bewußt, daß du dich zu jenem Zeitpunkt in großer Nähe
eines Muggels befandest?«
»Ja«, sagte Harry zornig, »aber ich hab ihn nur gebraucht, weil wir –«
Die Hexe mit dem Monokel schnitt ihm mit dröhnender Stimme das
Wort ab. »Du hast einen ausgewachsenen Patronus zustande gebracht?«
»Ja«, sagte Harry, »weil –«
»Einen gestaltlichen Patronus?«
»Einen – was?«, sagte Harry.
»Dein Patronus hatte eine klar umrissene Form? Ich meine, er war
mehr als Dampf oder Rauch?«
139

»Ja«, sagte Harry, ungeduldig und leicht verzweifelt zugleich, »er ist
ein Hirsch, er ist immer ein Hirsch.«
»Immer?«, dröhnte Madam Bones. »Du hast also bereits vorher einen
Patronus geschaffen?«
»Ja«, sagte Harry, »das mache ich schon seit über einem Jahr.«
»Und du bist fünfzehn Jahre alt?«
»Ja, und –«
»Du hast das in der Schule gelernt?«
»Ja, Professor Lupin hat es mir im dritten Jahr beigebracht, wegen
der –«
»Beeindruckend«, sagte Madam Bones und starrte auf ihn herab, »ein
echter Patronus in diesem Alter … wirklich sehr beeindruckend.«
Einige der Zauberer und Hexen in ihrem Umkreis fingen erneut an
zu tuscheln; ein paar nickten, doch andere schüttelten stirnrunzelnd
den Kopf.
»Es geht nicht darum, wie beeindruckend der Zauber war«, sagte
Fudge gereizt. »Im Gegenteil, je beeindruckender, desto schlimmer,
würde ich meinen, wenn man bedenkt, daß der Junge es direkt vor den
Augen eines Muggels getan hat!«
Die eben noch die Stirn gerunzelt hatten, murmelten nun zustim-
mend, doch es war der Anblick von Percys salbungsvollem leichtem
Nicken, der Harry die Zunge löste.
»Ich hab es wegen der Dementoren getan!«, sagte er laut, bevor ihm
wieder jemand ins Wort fallen konnte.
Er hatte weiteres Getuschel erwartet, doch das Schweigen, das ein-
trat, schien irgendwie noch drückender als zuvor.
»Dementoren?«, sagte Madam Bones nach einem Augenblick, und
ihre dichten Augenbrauen hoben sich, bis ihr Monokel herauszufallen
drohte. »Was soll das heißen, Junge?«
»Das heißt, es waren zwei Dementoren in dieser Gasse und sie haben
mich und meinen Cousin angegriffen!«
»Ah!«, machte Fudge erneut und blickte gehässig feixend in die
Runde des Zaubergamots, als würde er alle auffordern, sich ebenfalls
über den Witz zu amüsieren. »Ja. Ja, ich dachte mir schon, wir würden
etwas Derartiges zu hören bekommen.«
140

»Dementoren in Little Whinging?«, sagte Madam Bones höchst über-
rascht. »Ich verstehe nicht –«
»Wirklich nicht, Amelia?«, sagte Fudge, unentwegt feixend. »Lassen
Sie es mich erklären. Er hat es sich überlegt und ist darauf gekommen,
daß Dementoren eine nette kleine Ausrede abgeben würden, wirklich
sehr nett. Muggel können Dementoren nicht sehen, stimmt’s, Junge?
Äußerst praktisch, äußerst praktisch … also haben wir nur dein Wort
und keine Zeugen …«
»Ich lüge nicht!«, rief Harry laut über ein erneut anhebendes Tu-
scheln des Gerichts hinweg. »Es waren zwei, sie kamen von beiden En-
den der Gasse, alles wurde dunkel und kalt und mein Cousin hat sie
gespürt und ist losgelaufen …«
»Genug, genug!«, sagte Fudge mit sehr überheblichem Gesichtsaus-
druck. »Ich muß diese gewiß sehr gut einstudierte Geschichte leider
unterbrechen –«
Dumbledore räusperte sich. Im Zaubergamot wurde es wieder still.
»Wir haben in der Tat einen Zeugen für die Gegenwart der Demento-
ren in jener Gasse«, sagte er, »einen außer Dudley Dursley, meine ich.«
Fudges feistes Gesicht schien zu erschlaffen, als hätte jemand die Luft
herausgelassen. Er starrte einen kurzen Moment lang zu Dumbledore
hinunter, dann sagte er mit der Miene eines Mannes, der sich zusammen-
reißt: »Wir haben keine Zeit, uns noch mehr Flunkergeschichten anzuhö-
ren, fürchte ich, Dumbledore. Ich möchte diese Sache rasch erledigen –«
»Ich mag mich irren«, sagte Dumbledore liebenswürdig, »aber dür-
fen nicht die Angeklagten gemäß dem Rechtekatalog des Zauberga-
mots Zeugen in ihrer Sache benennen? Gehört dies nicht zu den
Grundsätzen der Abteilung für Magische Strafverfolgung, Madam Bo-
nes?«, fuhr er an die Hexe mit dem Monokel gewandt fort.
»Richtig«, sagte Madam Bones. »Vollkommen richtig.«
»Oh, na schön, na schön«, fauchte Fudge. »Wo ist diese Person?«
»Ich habe sie mitgebracht«, sagte Dumbledore. »Sie ist draußen vor
der Tür. Soll ich –«
»Nein – Weasley, Sie gehen«, bellte Fudge Percy an, der sofort auf-
stand, die Steinstufen vor dem Richterpodium hinab- und an Dumble-
dore und Harry vorbeieilte, ohne sie auch nur einmal anzusehen.
141

Einen Augenblick später kam Percy wieder, gefolgt von Mrs. Figg. Sie
sah verängstigt aus und schrulliger denn je. Harry wäre es lieber gewe-
sen, sie hätte ihre Puschen zu Hause gelassen.
Dumbledore stand auf, bot Mrs. Figg seinen Stuhl an und beschwor
einen weiteren für sich herauf.
»Vollständiger Name?«, sagte Fudge laut, als sich Mrs. Figg nervös
am äußeren Stuhlrand niedergelassen hatte.
»Arabella Doreen Figg«, sagte Mrs. Figg mit ihrer zittrigen Stimme.
»Und wer genau sind Sie?«, fragte Fudge in gelangweilt hochmütigem
To n .
»Ich bin Bürgerin von Little Whinging und wohne ganz in der Nähe
von Harry Potter«, sagte Mrs. Figg.
»Wir haben hier keinen Eintrag, wonach außer Harry Potter noch
eine Hexe oder ein Zauberer in Little Whinging lebt«, sagte Madam Bo-
nes sofort. »Dieses Gebiet wird stets genau überwacht, angesichts …
angesichts der Vorkommnisse in der Vergangenheit.«
»Ich bin eine Squib«, sagte Mrs. Figg. »Also haben Sie wohl keinen
Eintrag über mich, oder?«
»Eine Squib, ja?«, sagte Fudge und fixierte sie argwöhnisch. »Wir
werden das überprüfen. Hinterlassen Sie die Einzelheiten über Ihre Ab-
stammung bei meinem Assistenten Weasley. Ach übrigens, können
Squibs Dementoren sehen?«, fügte er hinzu und blickte links und
rechts die Bank entlang.
»Ja, können wir!«, sagte Mrs. Figg entrüstet.
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Fudge wieder zu ihr hinun-
ter. »Nun denn«, sagte er herablassend. »Wie lautet Ihre Geschichte?«
»Ich war ausgegangen, um im Eckladen am Ende des Glyzinenwegs
Katzenfutter zu kaufen, das war gegen neun am Abend des zweiten
August«, plapperte Mrs. Figg sogleich los, als ob sie das, was sie sagte,
auswendig gelernt hätte, »und da hörte ich Lärm in der Gasse zwi-
schen Magnolienring und Glyzinenweg. Als ich mich der Einmündung
dieser Gasse näherte, sah ich Dementoren rennen –«
»Rennen?«, unterbrach Madam Bones scharf. »Dementoren rennen
nicht, sie schweben.«
142

»Genau das hab ich gemeint«, erwiderte Mrs. Figg hastig und auf ih-
ren verhutzelten Wangen erschienen rosa Flecken. »Die schwebten die
Gasse entlang auf zwei Jungen zu, wie mir schien.«
»Wie sahen sie aus?«, sagte Madam Bones und kniff die Augen zu-
sammen, so daß der Rand ihres Monokels im Fleisch verschwand.
»Nun, der eine war sehr dick und der andere eher mager –«
»Nein, nein«, sagte Madam Bones ungeduldig. »Die Dementoren …
beschreiben Sie die.«
»Oh«, sagte Mrs. Figg und ein leichtes Rosa kroch ihren Hals hoch.
»Sie waren groß. Groß und trugen Umhänge.«
Harry wurde schrecklich flau in der Magengrabe. Was immer Mrs.
Figg auch sagen mochte, für ihn klang es, als ob sie gerade mal ein Bild
von einem Dementor gesehen hätte, und ein Bild konnte niemals ver-
mitteln, wie diese Geschöpfe wirklich waren: ihre unheimliche Art, sich
zu bewegen, nur Zentimeter über dem Boden schwebend; ihr Verwe-
sungsgestank; ihr schreckliches Rasseln, wenn sie die Luft umher ein-
saugten …
In der zweiten Reihe neigte sich ein untersetzter Zauberer mit gro-
ßem schwarzem Schnauzbart dicht zu seiner Nachbarin hinüber, einer
Hexe mit gekräuselten Haaren, um ihr ins Ohr zu flüstern. Sie grinste
und nickte.
»Groß und trugen Umhänge«, wiederholte Madam Bones kühl, wäh-
rend Fudge verächtlich schnaubte. »Verstehe. Noch etwas?«
»Ja«, sagte Mrs. Figg. »Ich hab sie gespürt. Alles wurde kalt, und es
war eine sehr warme Sommernacht, kann ich Ihnen sagen. Und ich
hatte das Gefühl … als ob alles Glück aus der Welt verschwunden wäre
… und mir fielen … schreckliche Dinge ein …«
Ihre Stimme zitterte und erstarb.
Madam Bones’ Augen weiteten sich eine Spur. Harry konnte rote
Male unter ihrer Augenbraue erkennen, dort, wo das Monokel sich ein-
gegraben hatte.
»Was haben die Dementoren getan?«, fragte sie und Harry spürte
jähe Hoffnung aufflammen.
»Sie haben die Jungen angegriffen«, sagte Mrs. Figg. Ihre Stimme
klang jetzt fester und selbstsicherer und das Rosa schwand allmählich
143

aus ihrem Gesicht. »Einer von ihnen war hingefallen. Der andere wich
zurück und hat versucht den Dementor abzuwehren. Das war Harry.
Er hat es zweimal versucht und es kam nur silberner Dunst. Beim drit-
ten Versuch hat er einen Patronus hervorgebracht, der den ersten De-
mentor niederwarf und dann, angefeuert von Harry, den zweiten von
seinem Cousin wegjagte. Und so … war es«, schloß Mrs. Figg etwas
lahm.
Madam Bones blickte stumm zu Mrs. Figg hinab. Fudge sah sie gar
nicht an, sondern wühlte in seinen Unterlagen. Schließlich hob er den
Blick und sagte recht angriffslustig: »Das haben Sie also gesehen, ja?«
»So war es«, wiederholte Mrs. Figg.
»Nun denn«, sagte Fudge. »Sie können gehen.«
Mrs. Figg wandte sich von Fudge ab und warf Dumbledore einen
ängstlichen Blick zu, dann stand sie auf und schlurfte zur Tür. Harry
hörte, wie sie hinter ihr zuschlug.
»Keine sehr überzeugende Zeugin«, sagte Fudge hochmütig.
»Oh, ich weiß nicht«, sagte Madam Bones mit ihrer dröhnenden
Stimme. »Die Wirkung eines Dementorenangriffs hat sie doch immer-
hin recht genau beschrieben. Und ich kann mir nicht vorstellen, warum
sie behaupten sollte, daß sie da waren, wenn dem nicht so war.«
»Aber Dementoren sollen in einer Muggelkleinstadt umherspazieren
und ganz zufällig einem Zauberer über den Weg laufen?«, schnaubte
Fudge. »Die Wahrscheinlichkeit muß ja wohl sehr gering sein. Selbst
Bagman hätte darauf nicht gewettet –«
»Oh, ich denke nicht, daß irgend jemand von uns glaubt, die Demen-
toren seien rein zufällig dort gewesen«, sagte Dumbledore gelassen.
Die Hexe, die rechts von Fudge saß und das Gesicht im Schatten
hatte, rührte sich ein wenig, doch alle anderen blieben vollkommen
reglos und stumm.
»Und was soll das heißen?«, fragte Fudge eisig.
»Das heißt, daß ich denke, sie wurden dort hinbefohlen«, erwiderte
Dumbledore.
»Ich würde doch meinen, wenn jemand einem Paar Dementoren be-
fohlen hätte, durch Little Whinging zu spazieren, dann hätten wir dar-
über einen Bericht!«, bellte Fudge.
144

»Nicht, wenn die Dementoren dieser Tage Befehle von jemandem au-
ßerhalb des Zaubereiministeriums annehmen«, sagte Dumbledore ru-
hig. »Ich habe Ihnen bereits meine Auffassung in dieser Sache darge-
legt, Cornelius.«
»Allerdings, haben Sie«, sagte Fudge nachdrücklich, »und ich habe
keinen Grund zu glauben, daß Ihre Ansichten etwas anderes sind als
Unsinn, Dumbledore. Die Dementoren bleiben vor Ort in Askaban und
tun alles, was wir ihnen gebieten.«
»Dann«, sagte Dumbledore leise, aber deutlich, »dann müssen wir
uns fragen, warum jemand im Ministerium am zweiten August ein
Paar Dementoren in diese Gasse befohlen hat.«
In der vollkommenen Stille, die auf diese Worte hin eintrat, beugte
sich die Hexe rechts von Fudge vor, so daß Harry sie erstmals erkennen
konnte.
Sieht aus wie eine große, blasse Kröte, dachte er. Sie war recht unter-
setzt und hatte ein großes, wabbliges Gesicht, so wenig Hals wie Onkel
Vernon und einen sehr breiten, schlaffen Mund. Ihre Augen waren
groß, rund und quollen leicht hervor. Die kleine schwarze Samtschleife,
die auf ihrem kurzen Lockenhaarschopf saß, erinnerte ihn an eine
große Fliege, die sie gleich mit einer langen klebrigen Zunge fangen
würde.
»Das Gericht erteilt das Wort Dolores Jane Umbridge, Erste Unterse-
kretärin des Ministers«, erklärte Fudge.
Die Hexe sprach mit einer zittrigen, mädchenhaft hohen Stimme, die
Harry verblüffte; er hatte ein Quaken erwartet.
»Ich habe Sie gewiß mißverstanden, Professor Dumbledore«, sagte
sie mit einem gezierten Lächeln, das die Kälte ihrer großen, runden
Augen nicht im Geringsten minderte. »Wie dumm von mir. Aber es
hörte sich einen winzigen Moment lang so an, als würden Sie unterstel-
len, daß das Zaubereiministerium einen Angriff auf diesen Jungen be-
fohlen hätte!«
Sie lachte auf, so silberhell, daß sich Harrys Nackenhaare sträubten.
Ein paar weitere Mitglieder des Zaubergamots stimmten in ihr Lachen
ein. Es hätte nicht deutlicher sein können, daß keiner von ihnen wirk-
lich amüsiert war.
145

»Wenn es stimmt, daß die Dementoren nur Befehle vom Zaubereimi-
nisterium entgegennehmen, und wenn es auch stimmt, daß zwei De-
mentoren vor einer Woche Harry und seinen Cousin angegriffen ha-
ben, dann folgt daraus logisch, daß jemand im Ministerium die An-
griffe befohlen haben könnte«, sagte Dumbledore höflich. »Natürlich
könnten gerade diese Dementoren außerhalb der Kontrolle des Mini-
steriums gewesen sein –«
»Es gibt keine Dementoren außerhalb der Kontrolle des Ministeri-
ums!«, fauchte Fudge, der ziegelrot geworden war.
Dumbledore neigte den Kopf zu einer leichten Verbeugung. »Dann
wird das Ministerium zweifellos eine umfassende Untersuchung zu
der Frage veranlassen, warum zwei Dementoren so weit von Askaban
entfernt waren und warum sie ohne Genehmigung angriffen.«
»Es liegt nicht an Ihnen, zu entscheiden, was das Zaubereiministe-
rium tut oder nicht tut, Dumbledore!«, fauchte Fudge und sein Gesicht
hatte nun einen Magentaton, auf den Onkel Vernon stolz gewesen
wäre.
»Natürlich nicht«, sagte Dumbledore milde. »Ich habe lediglich
meine Zuversicht zum Ausdruck gebracht, daß diese Sache nicht im
Dunkeln bleiben wird.«
Er sah hinüber zu Madam Bones, die ihr Monokel zurechtgerückt
hatte und seinen Blick mit leicht gerunzelter Stirn erwiderte.
»Ich möchte alle Anwesenden daran erinnern, daß das Verhalten die-
ser Dementoren, sollten sie in der Tat keine Gespinste der Phantasie
dieses Jungen sein, nicht Gegenstand dieser Anhörung ist!«, sagte
Fudge. »Wir sind hier, um Harry Potters Verstöße gegen den Erlaß zur
Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger zu un-
tersuchen!«
»Völlig richtig«, sagte Dumbledore, »aber die Anwesenheit von De-
mentoren in dieser Gasse ist höchst bedeutsam. Klausel sieben dieses
Erlasses stellt fest, daß unter außergewöhnlichen Umständen Magie in
Anwesenheit von Muggeln eingesetzt werden darf, und zu diesen au-
ßergewöhnlichen Umständen gehören Situationen, in denen das Leben
des Zauberers oder der Hexe selber oder anderer Hexen, Zauberer oder
Muggel bedroht ist, die anwesend sind zu dem Zeitpunkt, da –«
146

»Klausel sieben ist uns bekannt, ich danke Ihnen vielmals!«, knurrte
Fudge.
»Selbstverständlich«, sagte Dumble dore höflich. »Dann stimmen wir
darin überein, daß die Verwendung des Patronus-Zaubers durch Harry
unter besagten Umständen exakt unter die Kategorie außergewöhnli-
cher Umstände fällt, welche die Klausel beschreibt?« »Wenn Dementoren anwesend waren, was ich bezweifle.«
»Sie haben es von einer Augenzeugin gehört«, warf Dumbledore ein.
»Wenn Sie ihre Glaubwürdigkeit imme r noch anzweifeln, rufen Sie die
Zeugin zurück, befragen Sie sie erneut. Ich bin sicher, sie hätte keine
Einwände.« »Ich – das – nicht –«, tobte Fudge und fummelte fahrig in seinen Pa-
pieren. »Das geht – ich will das heute noch erledigen, Dumbledore!« »Aber selbstverständlich würden Sie es sich nicht nehmen lassen,
eine Zeugin auch mehrmals anzuhören, wenn andernfalls ein schwer-
wiegender Justizirrtum drohen würde«, sagte Dumbledore. »Schwerwiegender Justizirrtum, daß ich nicht lache!«, rief Fudg
e mit
sich überschlagender Stimme. »Haben Sie sich jemals die Mühe ge-
macht, all die Ammenmärchen zu zählen, die uns dieser Junge aufge-
tischt hat, Dumbledore, um seinen eklatanten Mißbrauch der Magie
außerhalb der Schule zu vertuschen? Ich nehme an, Sie haben den
Schwebezauber vergessen, den er vor drei Jahren benutzt hat –« »Das war nicht ich, das war ein Hauself!«, sagte Harry.
»SEHEN SIE?«, donnerte Fudge und gestikulierte wichtigtuerisch in
Harrys Richtung. »Ein Hauself! In einem Muggelhaus! Ich bitte Sie.« »Der fragliche Hauself steht gegenwärtig in Diensten der Hogwarts-
Schule«, sagte Dumbledore. »Ich kann ihn augenblicklich herbeordern,
damit er aussagt, wenn Sie dies wünschen.« »Ich – nein – ich habe keine Zeit, mir Hauselfen anzuhören! Jedenfalls
ist das nicht das Einzige – er hat seine Tante aufgeblasen, um Himmels
willen!«, rief Fudge, schlug mit der Faust auf die Richterbank und warf
dabei ein Tintenfaß um. »Und Sie waren nach diesem Zwischenfall so freundlich, keine An-
klage zu erheben, weil Sie, wie ich annehme, verstanden, daß selbst die
besten Zauberer ihre Gefühle nicht immer unter Kontrolle halten kön-
147

nen«, sagte Dumbledore ruhig, während Fudge versuchte die Tinte von
seinen Papieren zu wischen.
»Und ich habe noch nicht mal erwähnt, was er alles in der Schule
treibt.«
»Aber da nun einmal das Ministerium nicht die Befugnis hat, Hog-
warts-Schüler für ihr Fehlverhalten in der Schule zu bestrafen, spielt
Harrys Verhalten dort für diese Anhörung keine Rolle«, sagte Dumble-
dore unvermindert höflich, doch nun mit einem kühlen Unterton in
seinen Worten.
»Oho!«, machte Fudge. »Nicht unsere Angelegenheit, was er in der
Schule treibt, ja? Glauben Sie?«
»Das Ministerium hat nicht die Macht, Schüler von Hogwarts zu ver-
weisen, Cornelius, woran ich Sie am Abend des zweiten August erin-
nert habe«, sagte Dumbledore. »Es hat auch nicht das Recht, Zauber-
stäbe zu beschlagnahmen, ehe die Vorwürfe eindeutig bewiesen wur-
den; auch daran habe ich Sie am Abend des zweiten August erinnert. In
Ihrer bewundernswerten Eile, dafür Sorge zu tragen, daß dem Gesetz
entsprochen wird, scheinen Sie, gewiß unabsichtlich, selber einige Ge-
setze übersehen zu haben.«
»Gesetze lassen sich ändern«, sagte Fudge bissig.
»Natürlich«, sagte Dumbledore und neigte den Kopf. »Und Sie schei-
nen beachtlich viele Änderungen vorzunehmen, Cornelius. Warum ist
es in den wenigen kurzen Wochen, seit ich aufgefordert wurde, den
Zaubergamot zu verlassen, bereits gängige Praxis geworden, ein um-
fassendes Straftribunal abzuhalten wegen eines schlichten Falles von
Minderjährigenzauberei!«
Manche der Zauberer über ihnen rutschten unangenehm berührt auf
ihren Plätzen umher. Fudges Gesicht nahm eine noch dunklere Rot-
schattierung an. Die krötenartige Hexe zu seiner Rechten jedoch sah
nur mit völlig ausdrucksloser Miene zu Dumbledore hinab.
»Nach meiner Kenntnis«, fuhr Dumbledore fort, »gibt es bis heute noch
kein Gesetz, das besagt, es sei die Aufgabe dieses Gerichts, Harry für je-
des bißchen Magie zu bestrafen, das er je ausgeübt hat. Er wurde eines
bestimmten Vergehens angeklagt und hat seine Verteidigung vorgetra-
gen. Alles, was er und ich jetzt tun können, ist Ihr Urteil abzuwarten.«
148

Dumbledore legte erneut die Fingerkuppen aneinander und schwieg.
Fudge funkelte ihn an, offensichtlich zornentbrannt. Harry warf Dum-
bledore von der Seite einen Blick zu, in der Hoffnung, ein wenig be-
stärkt zu werden. Er war sich keineswegs sicher, daß es ein guter
Schritt von Dumbledore war, dem Zaubergamot praktisch nichts ande-
res zu sagen, als daß es nun an der Zeit war, eine Entscheidung zu tref-
fen. Dumbledore schien jedoch Harrys Versuch, Blickkontakt mit ihm
aufzunehmen, erneut nicht zu bemerken. Er sah unentwegt zu den
Bänken hoch, wo alle Zaubergamots sich inzwischen eindringlich flü-
sternd berieten.
Harry blickte auf seine Füße. Sein Herz, das auf unnatürliche Größe
angeschwollen schien, pochte laut unter seinen Rippen. Er hatte erwar-
tet, daß die Anhörung länger dauern würde. Es schien ihm sehr zwei-
felhaft, daß er einen guten Eindruck gemacht hatte. Eigentlich hatte er
gar nicht viel gesagt. Er hätte die Sache mit den Dementoren ausführli-
cher erklären sollen, wie er gestürzt war, wie sie ihn und Dudley fast
geküßt hätten …
Zweimal blickte er hoch zu Fudge und öffnete den Mund, um zu
sprechen, aber sein geschwollenes Herz drückte ihm nun die Luftröhre
zu und beide Male atmete er nur tief ein und senkte den Blick wieder
auf die Schuhe.
Dann verstummte das Flüstern. Harry wollte hochblicken zu den
Richtern, stellte aber fest, daß es im Grunde sehr viel leichter war, wei-
terhin seine Schnürsenkel zu begutachten.
»Wer ist dafür, den Beschuldigten in allen Anklagepunkten freizu-
sprechen?«, dröhnte Madam Bones’ Stimme.
Harrys Kopf zuckte hoch. Da waren Hände in der Höhe, viele Hände
… mehr als die Hälfte! Rasch atmend versuchte er zu zählen, doch be-
vor er es geschafft hatte, fragte Madam Bones: »Und wer ist für eine
Ve r u r t e i l u n g ? «
Fudge hob die Hand; ein halbes Dutzend andere folgten ihm, darun-
ter die Hexe zu seiner Rechten, der Zauberer mit dem mächtigen
Schnurrbart und die Hexe mit den Kräuselhaaren in der zweiten Reihe.
Fudge warf Blicke in die Runde mit einer Miene, als steckte ihm et-
was Dickes im Hals, dann ließ er die Hand sinken. Er atmete zweimal
149

durch und sagte mit einer Stimme, die von unterdrückter Wut verzerrt
war: »Nun denn, nun denn … in allen Punkten freigesprochen.«
»Vortrefflich«, sagte Dumbledore munter, sprang auf, zog seinen
Zauberstab und ließ die beiden Chintz-Lehnstühle verschwinden.
»Nun, ich muß mich sputen. Einen guten Tag Ihnen allen.«
Und ohne Harry auch nur einmal anzusehen, rauschte er aus dem
Kerker.
150

Mrs. Weasleys Wehklage
Dumbledores abruptes Verschwinden kam für Harry völlig überra-
schend. Er blieb in dem Kettenstuhl sitzen und kämpfte mit Gefühlen von
Schock und Erleichterung. Die Zaubergamots erhoben sich nun, unter-
hielten sich, sammelten ihre Papiere ein und packten sie weg. Harry
stand auf. Niemand schien im Mindesten auf ihn zu achten, außer der
krötenartigen Hexe zu Fudges Rechten, die nun zu ihm statt zu Dumble-
dore hinabspähte. Er beachtete sie nicht weiter und versuchte Fudges
oder Madam Bones’ Blick zu treffen, weil er sie fragen wollte, ob er nun
frei war und gehen durfte. Doch Fudge war offenbar fest entschlossen,
keine Notiz von Harry zu nehmen, und Madam Bones war mit ihrer Ak-
tenmappe beschäftigt, also machte er ein paar zögernde Schritte in Rich-
tung Tür, und als niemand ihn zurückrief, ging er zügig drauflos.
Die letzten paar Meter nahm er im Laufschritt. Er riß die Tür auf und
wäre fast mit Mr. Weasley zusammengestoßen, der direkt davor stand
und blaß und besorgt wirkte.
»Dumbledore hat nicht gesagt –«
»Freigesprochen«, sagte Harry und zog die Tür hinter sich zu, »in al-
len Anklagepunkten!«
Mr. Weasley packte Harry freudestrahlend an den Schultern.
»Harry, das ist ja wunderbar! Natürlich hätten sie dich nie schuldig
sprechen können, nicht bei dieser Beweislage, und trotzdem kann ich
nicht behaupten, daß ich mir keine –«
Aber Mr. Weasley unterbrach sich, denn die Tür zum Gerichtsraum
war soeben wieder aufgegangen. Die Zaubergamots kamen einer nach
dem anderen heraus.
151

»Beim Barte des Merlin!«, rief Mr. Weasley verblüfft und zog Harry
beiseite, um sie alle vorbeizulassen. »Das gesamte Gericht hat in deiner
Sache verhandelt?«
»Ich glaub schon«, sagte Harry leise.
Ein, zwei Zauberer nickten Harry im Vorbeigehen zu, und einige,
darunter Madam Bones, sagten »Morgen, Arthur« zu Mr. Weasley,
doch die meisten wandten ihren Blick ab. Cornelius Fudge und die krö-
tenartige Hexe gehörten zu den Letzten, die den Kerker verließen.
Fudge tat, als wären Mr. Weasley und Harry Luft, doch die Hexe warf
Harry im Vorübergehen abermals einen fast taxierenden Blick zu. Der
letzte, der vorbeiging, war Percy. Wie Fudge ignorierte er Harry und
seinen Vater vollkommen; er schritt, eine große Rolle Pergament und
eine Hand voll übriggebliebene Federn an sich gedrückt, mit steife
m
Rücken und gereckter Nase an ihnen vorbei. Die Falten um Mr. Weas-
leys Mund wurden eine Spur schärfer, doch ansonsten ließ er sich nicht
anmerken, daß er gerade seinen dritten Sohn gesehen hatte. »Ich bring dich gleich wieder zurück, damit du den anderen die gute
Nachricht übermitteln kannst«, sagte er und winkte Harry weiter, wäh-
rend Percys Absätze die Treppe zum neunten Stock hoch verschwan-
den. »Ich setz dich auf dem Weg zu dieser Toilette in Bethnal Green ab.
Komm mit …« »Ach, und was müssen Sie jetzt wegen dieser Toilette
unternehmen?«, fragte Harry grinsend. Alles kam ihm plötzlich fünf-
mal lustiger vor als sonst. Allmählich drang es zu ihm durch: Er war
freigesprochen, er würde nach Hogwarts zurückkehren.
»Oh, das wird ein ziemlich simpler Gegenfluch«, sagte Mr. Weasley,
während sie die Treppen hochstiegen, »aber die Frage ist weniger, wie
man den Schaden reparieren kann, sondern eher, welche Haltung hinter
diesem Vandalismus steckt, Harry. Muggel zu schikanieren mag manchen
Zauberern witzig vorkommen, aber es ist Ausdruck von etwas viel Ab-
gründigerem und Bösartigerem, und ich bin der Meinung –« Mr. Weasley brach mitten im Satz ab. Sie hatten eben den Korridor des
neunten Stockwerks erreicht, und Cornelius Fudge stand nur ein paar
Schritte von ihnen entfernt und unterhielt sich leise mit einem großen
Mann mit glattem, blondem Haar un d einem spitzen, blassen Gesicht.
152

Der zweite Mann drehte sich beim Geräusch ihrer Schritte um. Auch
er brach mitten im Gespräch ab, und seine kalten grauen Augen ver-
engten sich und fixierten Harrys Gesicht.
»Schön, schön, schön … Patronus Potter«, sagte Lucius Malfoy kühl.
Harry rang nach Luft, als wäre er gegen eine Mauer gelaufen. Diese
kalten grauen Augen hatte er zuletzt durch Schlitze in der Kapuze ei-
nes Todessers gesehen, und die Stimme dieses Mannes hatte er zuletzt
auf einem dunklen Friedhof höhnisch lachen gehört, während Lord
Voldemort ihn folterte. Harry konnte nicht glauben, daß Lucius Malfoy
es wagte, ihm ins Gesicht zu blicken; er konnte nicht glauben, daß er
hier war, im Zaubereiministerium, und daß Cornelius Fudge mit ihm
sprach, obwohl Harry Fudge doch erst vor einigen Wochen berichtet
hatte, daß Malfoy ein Todesser war.
»Der Minister hat mir soeben von deinem glücklichen Entkommen
berichtet, Potter«, sagte Mr. Malfoy gedehnt. »Ganz erstaunlich, wie du
dich immer wieder aus den schlimmsten Engpässen herauswindest…
wie eine Schlange, in der Tat.«
Mr. Weasley packte Harry warnend an der Schulter.
»Jaah«, sagte Harry, »ja, ich bin gut im Entkommen.«
Lucius Malfoy hob die Augen und sah Mr. Weasley an.
»Und dann auch noch Arthur Weasley! Was tun Sie hier, Arthur?«
»Ich arbeite hier«, sagte Mr. Weasley knapp.
»Nicht hier, oder?«, sagte Mr. Malfoy, zog die Augenbrauen hoch und
warf einen Blick über Mr. Weasleys Schulter zur Tür. »Ich dachte, Sie wä-
ren oben im zweiten Stock … Sie beschäftigen sich doch irgendwie damit,
Muggelartefakte nach Hause zu schmuggeln und sie zu verzaubern?«
»Nein«, fauchte Mr. Weasley und seine Finger gruben sich nun in
Harrys Schulter.
»Was tun Sie eigentlich hier?«, fragte Harry Lucius Malfoy.
»Ich denke nicht, daß Privatangelegenheiten zwischen mir und dem
Minister dich irgend etwas angehen, Potter«, sagte Malfoy und strich sei-
nen Umhang glatt. Harry hörte deutlich ein leises Klimpern, das nach ei-
ner Tasche voller Gold klang. »Im Ernst, nur weil du Dumbledores Lieb-
ling bist, kannst du von uns anderen nicht die gleiche Nachgiebigkeit er-
warten … wollen wir nun nach oben in Ihr Büro gehen, Minister?«
153

»Gewiß«, sagte Fudge und kehrte Harry und Mr. Weasley den Rük-
ken. »Hier lang, Lucius.«
Sie schritten Seite an Seite davon und sprachen gedämpft weiter. Mr.
Weasley ließ Harrys Schulter erst los, als sie im Lift verschwunden waren.
»Warum hat er nicht vor Fudges Büro gewartet, wenn sie doch ge-
schäftliche Dinge zu regeln haben?«, platzte Harry wütend los. »Was
hat der hier unten zu suchen?« »Wenn du mich fragst, wollte er runter in den Gerichtssaal schlei-
chen«, antwortete Mr. Weasley äu ßerst aufgebracht und warf einen
Blick über die Schulter, als wollte er sich vergewissern, daß niemand
mithörte. »Wollte rausfinden, ob sie dich von der Schule verweisen. Ich
hinterlasse eine Nachricht für Dumbledore, wenn ich dich absetze, er
sollte wissen, daß Malfoy schon wieder mit Fudge geredet hat.« »Und was für private Geschäfte machen die eigentlich miteinander?«
»Gold, vermute ich«, sagte Mr. Weasley zornig. »Malfoy spendet seit
Jahren für alles Mögliche … verschafft ihm Zugang zu den richtigen
Leuten … dann kann er sie um Gefälligkeiten bitten … Gesetzesvo
rha-
ben verschieben, die ihm nicht passen … oh, er hat glänzende Bezie-
hungen, dieser Lucius Malfoy.« Der Fahrstuhl war angekommen; er war leer bis auf einen Schwarm
Memos, die um Mr. Weasleys Kopf flatterten, als er den Knopf für das
Atrium drückte und die Türen zuschepperten. Er verscheuchte sie ner-
vös fuchtelnd. »Mr. Weasley«, sagte Harry langsam, »wenn Fudge Todesser wie
Malfoy empfängt, wenn er sie unter vier Augen trifft, woher wissen
wir, daß sie ihn nicht mit dem Imperius-Fluch belegt haben?«
»Natürlich haben wir daran auch schon gedacht, Harry«, sagte Mr.
Weasley leise. »Aber Dumbledore meint, daß Fudge gegenwärtig aus
freien Stücken handelt – was im Übrigen, wie Dumbledore sagt, auch
kein großer Trost ist. Am besten reden wir vorerst nicht weiter darüber,
Harry.« Die Türen glitten auf und sie traten hinaus in das inzwischen nahezu
verlassene Atrium. Eric, der Sicherhe itszauberer, hatte sich wieder hin-
ter seinem Tagespropheten versteckt. Sie waren eben geradewegs am
goldenen Brunnen vorbeigegangen, als Harry etwas einfiel.
154

»Warten Sie …«, sagte er zu Mr. Weasley, zog seinen Geldbeutel aus
der Tasche und lief zum Brunnen zurück.
Er blickte hoch in das Gesicht des stattlichen Zauberers, aber aus der
Nähe kam er Harry eher schwach und dümmlich vor. Die Hexe hatte
ein hohles Lächeln aufgesetzt wie eine Kandidatin bei einem Schön-
heitswettbewerb, und nach dem, was Harry über Kobolde und Zentau-
ren wußte, würden sie kaum je irgendeinen Menschen derart schlei-
mend anstarren. Nur die kriecherisch dienstbare Haltung des Hausel-
fen wirkte überzeugend. Harry grinste bei dem Gedanken, was Her-
mine wohl sagen würde, wenn sie die Statue des Elfen sehen könnte;
dann stülpte er seinen Geldbeutel um und warf nicht nur zehn Galleo-
nen, sondern alles, was drin war, ins Becken.
»Ich hab’s gewußt!«, jubelte Ron und stieß die Fäuste in die Luft. »Du
kommst immer mit allem durch!«
»Sie mußten dich freisprechen«, sagte Hermine, die am Rande eines
Nervenzusammenbruchs zu stehen schien, als Harry die Küche betrat,
und sich nun die zittrige Hand über die Augen legte, »die hatten nichts
gegen dich vorzuweisen, überhaupt nichts.«
»Ihr scheint aber trotzdem ziemlich erleichtert, obwohl euch doch
klar war, daß ich da rauskommen würde«, sagte Harry lächelnd.
Mrs. Weasley wischte sich mit ihrer Schürze übers Gesicht, und Fred,
George und Ginny begannen eine Art Kriegstanz und sangen: »Er ist
frei, er ist frei, er ist frei …«
»Das reicht jetzt! Beruhigt euch!«, rief Mr. Weasley, doch auch er lä-
chelte.
»Hör mal, Sirius, Lucius Malfoy war im Ministerium –«
»Was?«, sagte Sirius scharf.
»Er ist frei, er ist frei, er ist frei …«
»Seid doch mal leise, ihr drei! Ja, wir haben ihn im neunten Stock mit
Fudge reden sehen, dann gingen sie zusammen hoch in Fudges Büro.
Dumbledore sollte das auch erfahren.«
»Natürlich«, meinte Sirius. »Wir sagen es ihm, mach dir keine Sor-
gen.«
155

»Ich muß mich beeilen, in Bethnal Green wartet eine spuckende Toi-
lette auf mich. Molly, ich komm erst spät zurück, ich springe ja für
Tonks ein, aber Kingsley schaut vielleicht zum Abendessen vorbei –«
»Er ist frei, er ist frei, er ist frei …«
»Nun ist es aber gut – Fred – George – Ginny!«, rief Mrs. Weasley, als
Mr. Weasley aus der Küche ging. »Harry, mein Lieber, komm und setz
dich, iß was zu Mittag, du hast doch kaum gefrühstückt.« Ron und Hermine setzten sich ihm gegenüber. Seit Harry am Grim-
mauldplatz angekommen war, hatte er sie nicht so glücklich gesehen,
und von neuem stieg das schwindelerregende Gefühl der Erleichte-
rung in ihm hoch, das durch seine Begegnung mit Lucius Malfoy einen
kleinen Dämpfer erhalten hatte. Das düstere Haus kam ihm nun
schlagartig wärmer und gastfreundlicher vor; selbst Kreacher, der eben
seine Schnauzennase in die Küche streckte, um zu sehen, woher all der
Lärm kam, erschien ihm weniger häßlich. »Natürlich, sobald Dumbledore an deiner Seite aufgetaucht war, kam
es überhaupt nicht mehr in Frage, dich zu verurteilen«, sagte Ron
glücklich, während er große Berge Kartoffelbrei auf ihre Teller häufte.
»Ja, er hat die Sache für mich rumgerissen«, bestätigte Harry. Er
wußte, es würde äußerst undankbar, wenn nicht gar kindisch klingen,
wenn er sagte: »Hätte er doch nur mal mit mir gesprochen. Oder mich
wenigstens angesehen.« Und bei diesem Gedanken brannte die Narbe auf seiner Stirn so
schmerzhaft, daß er sich mit der Hand dagegen schlug. »Was ist los?«, fragte Hermine erschrocken.
»Narbe«, murmelte Harry. »Aber es ist nichts … passiert jetzt dau-
ernd …« Von den anderen hatte keiner etwas bemerkt; alle taten sich jetzt Es-
sen auf und freuten sich diebisch über Harrys knappes Entkommen;
Fred, George und Ginny sangen immer noch. Hermine wirkte ziemlich
besorgt, doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Ron freudig bemerkt:
»Ich wette, Dumbledore taucht heute Abend auf und feiert mit uns.«
»Ich glaube nicht, daß er Zeit dazu hat, Ron«, warf Mrs. Weasley ein
und stellte eine gewaltige Platte mit gebratenen Hähnchen vor Harry
auf den Tisch. »Er ist im Moment wirklich sehr beschäftigt.«
156

»ER IST FREI, ER IST FREI, ER IST FREI…«
»RUHE!«, donnerte Mrs. Weasley.
Während der nächsten Tage entging es Harry nicht, daß es jemanden im
Haus Grimmauldplatz Nummer zwölf gab, der nicht ganz so begeistert
davon war, daß Harry nach Hogwarts zurückkehrte. Sirius hatte, als er
die Neuigkeit erfuhr, ziemlich überzeugend den Glücklichen gespielt,
Harry die Hand gedrückt und gestrahlt wie die anderen auch. Nicht
lange jedoch und er war launischer und mürrischer denn je, redete noch
weniger mit allen, selbst mit Harry, und verbrachte immer mehr Zeit im
Zimmer seiner Mutter, wo er sich mit Seidenschnabel einschloß.
»Fühl dich bloß nicht schuldig!«, sagte Hermine streng, nachdem
Harry ihr und Ron vorsichtig seine Gefühle anvertraut hatte, während
sie ein paar Tage später einen schimmeligen Schrank im dritten Stock
ausschrubbten. »Du gehörst nach Hogwarts und Sirius weiß das. Er ist
egoistisch, wenn du mich fragst.«
»Das ist ein bißchen hart, Hermine«, sagte Ron und versuchte mit fin-
sterer Miene ein Stück Schimmel abzukratzen, das fest an seinem Fin-
ger klebte. »Du würdest auch nicht gern ohne Gesellschaft in diesem
Haus hier festsitzen.«
»Aber er hat doch Gesellschaft!«, rief Hermine. »Hier ist das Haupt-
quartier des Phönixordens, oder nicht? Er hat sich nur große Hoffnun-
gen gemacht, daß Harry bald mit ihm hier leben würde.«
»Ich glaub nicht, daß das stimmt«, erwiderte Harry und wrang sein
Tuch aus. »Er hat mir nicht mal eine klare Antwort gegeben, als ich ihn
danach gefragt hab.«
»Er wollte doch nur seine eigenen Hoffnungen nicht noch weiter
hochschrauben«, sagte Hermine altklug. »Und er hat sich wahrschein-
lich selber ein wenig schuldig gefühlt, denn ich glaube, im Grunde hat
er ein bißchen gehofft, sie würden dich rauswerfen. Dann wärt ihr
beide gemeinsam Verstoßene gewesen.«
»Jetzt hör auf zu spinnen!«, sagten Harry und Ron wie aus einem
Mund, doch Hermine zuckte nur die Achseln.
»Wie ihr meint. Aber manchmal denke ich, Rons Mutter hat Recht
157

und Sirius kriegt nicht ganz auf die Reihe, ob du nun du bist oder dein
Vater, Harry.«»Willst du etwa sagen, er hat sie nicht mehr alle?«, erwiderte Harry
aufgebracht. »Nein, ich glaube nur, daß er lange Zeit sehr einsam war«, sagte Her-
mine schlicht. In diesem Moment betrat Mrs. Weasley das Schlafzimmer.
»Immer noch nicht fertig?«, sagte sie und steckte den Kopf in den
Schrank. »Ich dachte, du kommst, um uns zu sagen, daß wir mal Pause ma-
chen sollen«, sagte Ron bitter. »Weißt du, wieviel Schimmel wir
weg-
gemacht haben, seit wir hier sind?« »Du wolltest den Orden unbedingt unterstützen«, sagte Mrs. Weas-
ley, »das kannst du, indem du dein Teil dazu beiträgst, daß das Haupt-
quartier bewohnbar wird.«
»Ich komm mir vor wie ein Hauself«, grummelte Ron.
»Aha! Wenn du jetzt begreifst, was für ein schreckliches Leben sie
führen, engagierst du dich vielleicht ein bißchen mehr für B.ELFE.R!«,
sagte Hermine hoffnungsvoll, als Mrs. Weasley sie wieder allein ließ.
»Weißt du, vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, den Leuten
mal richtig zu zeigen, wie furchtbar es ist, die ganze Zeit zu putzen –
wir könnten mal einen gesponserten Großputz im Gemeinschaftsraum
von Gryffindor organisieren, alle Erlöse an B.ELFE.R, das würde das
Bewußtsein und die Kasse stärken.«
»Ich sponser dich, wenn du mit diesem Gebelfer aufhörst«, murmelte
Ron ärgerlich, aber so leise, daß nur Harry ihn hören konnte.
Je näher das Ende der Ferien rückte, desto mehr schwelgte Harry in Tag-
träumen von Hogwarts; er konnte es nicht mehr erwarten, Hagrid wieder
-
zusehen, Quidditch zu spielen und sogar durch die Gemüsebeete zu den
Kräuterkunde-Gewächshäusern zu schlendern; wie herrlich würde es
sein, endlich aus diesem staubigen, modrigen Haus herauszukommen,
wo die Hälfte der Schränke immer noch verriegelt war und Kreacher ei-
nem aus dunklen Winkeln Beleidigungen hinterherkeuchte. Allerdings
erwähnte Harry in Hörweite von Sirius mit Bedacht kein Wort davon.
158

Das Leben im Hauptquartier der Widerstandsbewegung gegen Vol-
demort war nicht annähernd so interessant oder aufregend, wie Harry
erwartet hatte, bevor er es kennengelernt hatte. Mitglieder des Phöni
x-
ordens gingen zwar regelmäßig ein und aus, mal blieben sie zum Es-
sen, mal nur für ein paar Minuten, in denen sie sich flüsternd bespra-
chen, doch Mrs. Weasley sorgte dafür, daß Harry und den anderen
nichts zu Ohren kam (ob langgezogen oder nicht), und niemand, nicht
einmal Sirius, schien der Meinung zu sein, Harry müßte noch ein we-
nig mehr erfahren, als er am Abend seiner Ankunft gehört hatte.
Am allerletzten Tag der Ferien wischte Harry gerade Hedwigs Mist
vom Schrank, als Ron mit ein paar Umschlägen in ihr Schlafzimmer kam.
»Die Bücherlisten sind angekommen«, sagte er und warf Harry, der
auf einem Stuhl stand, einen Umschlag zu. »Wird auch Zeit, ich dachte,
sie hätten’s vergessen, normalerweise kommen sie viel früher …« Harry wischte den letzten Mist in einen Müllbeutel und schleuderte
ihn über Rons Kopf hinweg in den Papierkorb in der Ecke, der ihn
schluckte und laut rülpste. Dann öffnete er seinen Brief. Er enthielt
zwei Pergamentblätter: das eine mit der üblichen Erinnerung, daß das
Schuljahr am ersten September begann; auf dem anderen wurde ihm
mitgeteilt, welche Bücher er für das kommende Jahr benötigte.
»Nur zwei neue«, sagte er und las die Liste. » Lehrbuch der Zaubersprü-
che, Band 5, von Miranda Habicht , und Theorie magischer Verteidigung von
Wilbert Slinkhard .«
Knall .
Fred und George apparierten direkt neben Harry. Er hatte sich inzwi-
schen so daran gewöhnt, daß er nicht mal vom Stuhl fiel.
»Wir haben uns gerade gefragt, wer das Slinkhard-Buch auf die Liste
gesetzt hat«, sagte Fred beiläufig. »Das heißt nämlich, daß Dumbledore einen neuen Lehrer für Vertei-
digung gegen die dunklen Künste gefunden hat«, sagte George. »Wurde auch Zeit«, sagte Fred.
»Was soll das heißen?«, fragte Harry und sprang neben ihnen zu Bo-
den. »Naja, vor ein paar Wochen haben wir mit den Langziehohren Mum
und Dad abgehört«, erklärte ihm Fr ed, »und was wir so mitgekriegt
159

haben, war, daß Dumbledore echte Probleme hatte, jemanden zu fin-
den, der dieses Jahr den Job machen wollte.«
»Nicht gerade überraschend, wenn man bedenkt, was mit den letzten
vieren passiert ist«, bemerkte George.
»Einer rausgeworfen, einer tot, einem wurde das Gedächtnis gelöscht
und einer neun Monate lang in einen Koffer gesperrt«, sagte Harry und
zählte sie an den Fingern ab. »Ja, ich versteh, was ihr meint.«
»Was hast du, Ron?«, fragte Fred.
Ron gab keine Antwort. Harry drehte sich zu ihm um. Ron stand reglos
da, den Mund leicht geöffnet, und starrte auf seinen Brief aus Hogwarts.
»Was ist los?«, fragte Fred ungeduldig, trat hinter Ron und spähte
ihm über die Schulter auf das Pergament.
Auch Fred klappte der Mund auf.
»Vertrauensschüler?«, sagte er und starrte ungläubig auf den Brief.
»Vertrauensschüler?«
George stürzte vor, riß Ron den Umschlag aus der anderen Hand und
schüttelte ihn aus. Harry sah etwas Scharlachrotes und Goldenes in Ge-
orges Hand fallen.
»Nicht möglich«, hauchte George.
»Das ist ein Irrtum«, sagte Fred, schnappte Ron den Brief weg und
hielt ihn gegen das Licht, als wollte er das Wasserzeichen prüfen. »Kei-
ner, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde Ron zum Vertrauens-
schüler machen.«
Die Zwillinge wandten gleichzeitig die Köpfe und starrten Harry an.
»Wir dachten, du hättest das schon in der Tasche!«, sagte Fred in ei-
nem Ton, der klang, als hätte Harry sie irgendwie reingelegt.
»Wir dachten, Dumbledore könnte nur dich wählen!«, sagte George
entrüstet.
»Wo du das Trimagische gewonnen hast und überhaupt!«, sagte Fred.
»Vermutlich haben diese ganzen verrückten Geschichten gegen ihn
gesprochen«, sagte George zu Fred.
»Jaah«, sagte Fred langsam. »Ja, du hast zu viel Ärger gemacht, Mann.
Naja, wenigstens einer von euch weiß seine Prioritäten zu setzen.«
Er trat hinüber zu Harry und klopfte ihm auf die Schulter, gleichzei-
tig warf er Ron einen vernichtenden Blick zu.
160

»Vertrauensschüler … Putzi-Putzi-Ronnie, der Vertrauensschüler.«
»Ooh, Mum wird völlig durchdrehen«, stöhnte George und streckte
Ron das Vertrauensschülerabzeichen entgegen, als könnte es ihn vergif-
ten. Ron, der immer noch kein Wort gesagt hatte, nahm das Abzeichen,
musterte es kurz, dann hielt er es Harry hin, als würde er wortlos um
Bestätigung bitten, daß es echt war. Harry nahm es in die Hand. Auf
den Gryffindor-Löwen war ein großes »V« geprägt. Er hatte an seinem
ersten Tag in Hogwarts genau ein solches Abzeichen auf Percys Brust
gesehen. Die Tür krachte auf. Hermine kam hereingestürmt, mit geröteten
Wangen und wehendem Haar. In der Hand hielt sie einen Umschlag.
»Habt ihr – habt ihr –?« Sie bemerkte das Abzeichen in Harrys Hand und stieß einen spitzen
Schrei aus. »Ich wußte es!«, rief sie erregt und wedelte mit ihrem Brief. »Ich
auch, Harry, ich auch!«
»Nein«, entgegnete Harry rasch un d drückte Ron das Abzeichen wie-
der in die Hand. »Nicht ich, Ron ist es.« »Es – was?«
»Ron ist Vertrauensschüler, nicht ich«, sagte Harry.
»Ron?«, sagte Hermine und die Kinnlade fiel ihr herunter. »Aber …
bist du sicher? Ich meine –«
Sie errötete, als Ron ihr mit trotziger Miene das Gesicht zuwandte.
»In dem Brief steht mein Name«, sagte er. »Ich …«, erwiderte Hermine abgrundtief verwirrt. »Ich … nun …
irre! Toll, Ron! Das ist wirklich –« »Unerwartet.« George nickte.
»Nein«, sagte Hermine und wurde no ch röter, »nein, ist es nicht…
Ron hat ’ne Menge ge… er ist wirklich …« Die Tür hinter ihr ging ein wenig weiter auf und Mrs. Weasley kam
mit einem Stapel frischgewaschener Umhänge rücklings ins Zimmer.
»Ginny meint, die Bücherliste ist endlich gekommen«, sagte sie,
blickte auf all die Umschläge ringsum, trat hinüber zum Bett und fing
an, die Umhänge auf zwei Stapel zu verteilen. »Wenn ihr sie mir gebt,
161

nehme ich sie heute Nachmittag mit rüber in die Winkelgasse und be-
sorg euch die Bücher, während ihr packt. Ron, ich muß dir noch Schlaf-
anzüge kaufen, die hier sind mindestens zehn Zentimeter zu kurz,
nicht zu fassen, wie schnell du wächst … welche Farbe hättest du denn
gern?«
»Kauf ihm doch was Rot-Goldenes, passend zu seinem Abzeichen«,
sagte George und feixte.
»Passend zu was?«, fragte Mrs. Weasley zerstreut, rollte ein Paar ka-
stanienbraune Socken zusammen und legte sie auf Rons Stapel.
»Seinem Abzeichen«, sagte Fred mit einer Miene, als wolle er das
Schlimmste rasch hinter sich bringen. »Seinem hübschen glänzenden
neuen Vertrauensschülerabzeichen.« Es dauerte einen Moment, bis Freds
Worte zu der mit den Schlafanzügen beschäftigten Mrs. Weasley
durchgedrungen waren.
»Seinem … aber … Ron, du bist doch nicht …?«
Ron hielt sein Abzeichen hoch.
Wie Hermine stieß auch Mrs. Weasley einen spitzen Schrei aus.
»Ich kann’s nicht fassen! Ich glaub es nicht! Oh, Ron, wie wunderbar!
Vertrauensschüler! Wie alle in der Familie!«
»Und was sind Fred und ich, Nachbarn von nebenan?«, sagte George
beleidigt, aber seine Mutter schob ihn beiseite und schloß ihren jüng-
sten Sohn in die Arme.
»Wenn dein Vater das erfährt! Ron, ich bin so stolz auf dich, das sind
ja wunderbare Neuigkeiten, am Ende wirst du noch Schulsprecher wie
Bill und Percy, das ist der erste Schritt! Oh, daß so etwas passiert, mit-
ten in all den schweren Zeiten! Ich find’s einfach toll, oh, Ronnie –«
Fred und George machten hinter ihrem Rücken laute Würgegeräu-
sche, doch Mrs. Weasley beachtete sie nicht; die Arme fest um Rons
Hals geschlungen, küßte sie ihm das Gesicht ab, das inzwischen ein
leuchtenderes Scharlachrot angenommen hatte als sein Abzeichen.
»Mum … nicht… Mum, ist ja schon gut …«, murmelte er und ver-
suchte sich von ihr zu lösen.
Sie ließ von ihm ab. »Nun, was soll es sein?«, sagte sie atemlos.
»Percy haben wir eine Eule geschenkt, aber du hast natürlich schon
eine.«
162

»W-was meinst du?«, fragte Ron und sah drein, als würde er seinen
Ohren nicht trauen.
»Dafür mußt du doch eine Belohnung kriegen!«, sagte Mrs. Weasley
liebevoll. »Wie wär ’s mit einer hübschen neuen Garnitur Festum-
hänge?«
»Wir haben ihm schon was in der Richtung gekauft«, sagte Fred säuer-
lich und sah aus, als würde er diese Großzügigkeit aufrichtig bedauern.
»Oder einen neuen Kessel, Charlies alter rostet ja durch, oder eine
neue Ratte, du hast doch Krätze immer so gemocht –«
»Mum«, sagte Ron hoffnungsvoll, »kann ich einen neuen Besen ha-
ben?« Mrs. Weasleys Gesicht fiel ein wenig ein; Besen waren teuer.
»Keinen wirklich guten!«, fügte Ron hastig hinzu. »Nur – nur einen
neuen – zur Abwechslung mal …«
Mrs. Weasley zögerte, dann lächelte sie.
»Natürlich … nun, ich beeil mich besser, wenn ich dir noch einen Be-
sen kaufen soll. Wir sehen uns dann alle später … der kleine Ronnie,
ein Vertrauensschüler! Und vergeßt nicht, eure Koffer zu packen …
Vertrauensschüler … oh, ich bin ganz hibbelig!«
Sie gab Ron noch einen Kuß auf die Wange, schniefte laut und wu-
selte hinaus. Fred und George tauschten Blicke.
»Es macht dir doch nichts aus, wenn wir dich nicht küssen, Ron?«, er-
kundigte sich Fred in gespielt besorgtem Tonfall.
»Wir könnten einen Knicks machen, wenn du magst«, sagte George.
»Ach, haltet die Klappe«, erwiderte Ron und blickte sie finster an.
»Und wenn nicht?«, sagte Fred und ein böses Grinsen machte sich auf
seinem Gesicht breit. »Willst du uns Strafarbeiten verpassen?«
»Würd ja gern mal sehen, wie er’s versucht«, kiekste George.
»Das könnte er, seht euch vor!«, erregte sich Hermine.
Fred und George prusteten los und Ron murmelte: »Laß gut sein,
Hermine.«
»In Zukunft müssen wir aber aufpassen, George«, sagte Fred und tat,
als würde er zittern, »wenn die beiden hinter uns her sind …«
»Ja, sieht so aus, als wäre unsere kriminelle Karriere endlich vorbei«,
sagte George kopfschüttelnd.
Und mit einem lauten Knall disapparierten die Zwillinge.
163

»Diese beiden!«, sagte Hermine zornig und starrte an die Decke,
durch die sie Fred und George jetzt im Zimmer oben dröhnend lachen
hören konnten. »Mach dir nichts draus, Ron, die sind nur eifersüchtig!«
»Das glaub ich nicht«, entgegnete Ron mit zweifelnder Miene und
blickte ebenfalls zur Decke. »Die haben immer gesagt, nur Schwätzer
werden Vertrauensschüler … aber immerhin«, fügte er ein wenig bes-
ser gelaunt hinzu, »haben sie auch nie einen neuen Besen gekriegt!
Wenn ich nur mit Mum gehen und selbst aussuchen könnte … einen
Nimbus wird sie sich nie leisten können, aber es gibt einen neuen Sau-
berwisch, der wär klasse … ja, ich glaub, ich geh und sag ihr, ich hätte
gern den Sauberwisch, nur damit sie Bescheid weiß …«
Er flitzte aus dem Zimmer und ließ Harry und Hermine allein.
Aus irgendeinem Grund war Harry nicht danach zumute, Hermine
anzusehen. Er drehte sich zum Bett um, nahm den Stapel sauberer Um-
hänge, den Mrs. Weasley dort abgelegt hatte, und ging durchs Zimmer
zu seinem Koffer.
»Harry«, sagte Hermine vorsichtig.
»Toll, Hermine«, sagte Harry, so buttrig, daß es gar nicht nach ihm
klang, und immer noch ohne sie anzusehen fügte er hinzu: »Hervorra-
gend. Vertrauensschülerin. Großartig.«
»Danke«, sagte Hermine. »Ähm – Harry – könnte ich mir Hedwig
ausleihen, damit ich es Mum und Dad schreiben kann? Die werden
sich echt freuen – immerhin, Vertrauensschülerin ist etwas, das sie ver-
stehen können.«
»Ja klar, kein Problem«, sagte Harry, immer noch mit der buttrigen
Stimme, die nicht nach seiner klang. »Nimm sie nur!«
Er beugte sich über seinen Koffer, legte die Umhänge hinein und tat
so, als würde er nach etwas stöbern, während Hermine hinüber zum
Schrank ging und Hedwig herunterrief. Einige Augenblicke vergingen;
Harry hörte die Tür gehen, blieb aber vornübergebeugt stehen und
lauschte. Alles, was er nun hören konnte, waren das leere Bild an der
Wand, das erneut kicherte, und der Papierkorb in der Ecke, der den Eu-
lenmist aushustete.
Er richtete sich auf und blickte sich um. Hermine war gegangen und
Hedwig war verschwunden. Harry kehrte langsam zu seinem Bett zu-
164

rück, ließ sich darauf sinken und starrte mit leerem Blick den Fuß des
Schrankes an.
Er hatte völlig vergessen, daß im fünften Jahr die Vertrauensschüler
ausgewählt wurden. Er hatte sich zu viele Sorgen darüber gemacht,
daß er womöglich von der Schule verwiesen wurde, um einen Gedan-
ken darauf zu verschwenden, daß bereits Abzeichen auf geflügeltem
Weg zu bestimmten Leuten sein mußten. Aber wenn es ihm doch ein-
gefallen wäre … wenn er nun doch daran gedacht hätte … was hätte er
dann erwartet?
Nicht das, sagte eine leise und ehrliche Stimme in seinem Kopf.
Harry verzog das Gesicht und vergrub es in den Händen. Er konnte
sich nicht selbst belügen; wenn er gewußt hätte, daß das Vertrauens-
schülerabzeichen unterwegs war, dann hätte er erwartet, es würde zu
ihm kommen, nicht zu Ron. War er nun genauso hochmütig wie Draco
Malfoy? Hielt er sich für allen anderen überlegen? Glaubte er wirklich,
daß er besser war als Ron?
Nein, sagte die leise Stimme trotzig.
War das die Wahrheit?, fragte sich Harry und horchte beunruhigt in
sich hinein.
Ich bin besser im Quidditch, sagte die Stimme. Aber sonst bin ich in nichts
besser.
Das stimmte eindeutig, dachte Harry; im Unterricht war er nicht bes-
ser als Ron. Aber wie war es sonst? Was war mit all den Abenteuern,
die er, Ron und Hermine zusammen erlebt hatten, seit sie in Hogwarts
waren, und bei denen sie oft Schlimmeres als den Rauswurf riskiert
hatten?
Jedenfalls waren Ron und Hermine die meiste Zeit mit mir zusammen, sagte
die Stimme in Harrys Kopf.
Allerdings nicht die ganze Zeit, sagte Harry zu sich selbst. Sie haben
nicht mit mir gegen Quirrell gekämpft. Sie haben es nicht mit Riddle und dem
Basilisken aufgenommen. Sie haben nicht all die Dementoren verjagt in der
Nacht, als Sirius geflohen ist. Sie waren nicht mit mir zusammen auf diesem
Friedhof, in der Nacht, als Voldemort zurückkam …
Und wieder stieg das Gefühl in ihm hoch, schlecht behandelt zu wer-
den, das ihn schon am Abend seiner Ankunft beschlichen hatte. Ich hab
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eindeutig mehr geleistet, dachte Harry entrüstet. Ich hab mehr geleistet
als die beiden!
Aber vielleicht, sagte die leise Stimme klar vernehmlich, vielleicht be-
stimmt Dumbledore jemanden nicht deshalb zum Vertrauensschüler, weil er in
eine Menge gefährliche Situationen geraten ist … vielleicht trifft er seine Wahl
aus anderen Gründen … Ron muß etwas haben, das du nicht …
Harry öffnete die Augen und lugte durch seine Finger auf die Klau-
enfüße des Schrankes. Ihm ging durch den Kopf, was Fred gesagt hatte:
»Keiner, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde Ron zum Vertrau-
ensschüler machen …«
Harry lachte kurz auf. Einen Moment später fand er sich selbst ekelhaft.
Ron hatte Dumbledore nicht um das Abzeichen gebeten. Ron konnte
nichts dafür. Wollte er, Harry, Rons allerbester Freund, den Beleidigten
spielen, nur weil er kein Abzeichen hatte, wollte er sich wie die Zwil-
linge über Ron lustig machen, ihm alles verderben, nun, da Ron ihm
zum ersten Mal etwas voraushatte?
In diesem Moment hörte er wieder Rons Schritte auf der Treppe. Er
stand auf, rückte seine Brille zurecht und setzte ein Grinsen auf, als
Ron durch die Tür stürmte.
»Hab sie grade noch erwischt«, sagte er freudestrahlend. »Sie will
den Sauberwisch besorgen, wenn’s geht.«
»Cool«, sagte Harry und hörte erleichtert, daß seine Stimme nicht
mehr so buttrig klang. »Hör mal – Ron – toll, Mann.«
Das Lächeln schwand aus Rons Gesicht.
»Ich hätte nie gedacht, daß er mich nimmt!«, sagte er kopfschüttelnd.
»Ich dachte, du wirst es!«
»Nö, ich hab zu viel Ärger gemacht«, wiederholte Harry, was schon
Fred gesagt hatte.
»Jaah«, sagte Ron, »ja, wahrscheinlich … also, vielleicht sollten wir
jetzt unsere Koffer packen, was?«
Es war merkwürdig, wie sich ihre Habseligkeiten seit ihrer Ankunft
in alle Himmelsrichtungen verstreut hatten. Sie brauchten fast den ge-
samten Nachmittag, um ihre Bücher und Sachen im ganzen Haus zu-
sammenzusuchen und sie wieder in ihren Schulkoffern zu verstauen.
Harry fiel auf, daß Ron sein Vertrauensschülerabzeichen ständig mit
166

sich herumtrug. Erst hatte er es aufs Nachttischchen gelegt, dann
steckte er es in die Tasche seiner Jeans, schließlich holte er es wieder
heraus und legte es auf seine gefalteten Umhänge, als wolle er prüfen,
wie das Rot auf dem Schwarz wirkte. Erst als Fred und George vorbei-
schauten und ihm anboten, das Abzeichen mit einem Dauerklebefluch
an seine Stirn zu heften, wickelte er es liebevoll in einen seiner kastani-
enbraunen Socken und schloß es in den Koffer.
Gegen sechs kam Mrs. Weasley aus der Winkelgasse zurück, beladen
mit Büchern und einem länglichen, in dickes Packpapier gewickelten
Paket, das Ron ihr mit einem sehnsuchtsvollen Stöhnen abnahm.
»Du brauchst es jetzt gar nicht erst auszupacken, die anderen kommen
gleich zum Abendessen, ich will euch sofort unten sehen«, sagte sie, doch
kaum war sie außer Sicht, riß Ron in wilder Hektik das Paket auf und
musterte mit verzückter Miene jeden Zentimeter seines neuen Besens.
Unten im Keller hatte Mrs. Weasley ein scharlachrotes Spruchband
über den schwer beladenen Tisch gespannt, auf dem stand:
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
DEN NEUEN VERTRAUENSSCHÜLERN
RON UND HERMINE
Harry hatte Mrs. Weasley während der ganzen Ferien nicht in so guter
Stimmung gesehen.
»Heute gibt’s kein Abendessen am Tisch, hab ich mir gedacht, son-
dern eine kleine Party«, verkündete sie Harry, Ron, Hermine, Fred, Ge-
orge und Ginny, als sie in die Küche kamen. »Dein Vater und Bill sind
unterwegs, Ron. Ich hab ihnen Eulen geschickt und sie sind einfach hin
und weg«, fügte sie strahlend hinzu.
Fred verdrehte die Augen.
Sirius, Lupin, Tonks und Kingsley Shacklebolt waren schon da, und
gerade als Harry sich ein Butterbier eingeschenkt hatte, stapfte Mad-
Eye Moody herein.
»Oh, Alastor, ich bin froh, daß du hier bist«, empfing ihn Mrs. Weas-
ley fröhlich, während Mad-Eye seinen Reisemantel ablegte. »Wir woll-
ten dich schon ewig um einen Gefallen bitten – könntest du einen Blick
167

in das Schreibpult im Salon werfen und uns sagen, was dort drinsteckt?
Wir wollten es nicht öffnen, falls es etwas wirklich Bösartiges ist.«
»Kein Problem, Molly …«
Moodys strahlend blaues Auge schwenkte nach oben und starrte un-
verwandt durch die Küchendecke.
»Salon …«, knurrte er und die Pupille verengte sich. »Schreibpult in
der Ecke? Ja, ich seh’s … jaah, ist ein Irrwicht … soll ich hochgehen und
ihn erledigen, Molly?«
»Nein, nein, das mach ich später dann selbst«, strahlte Mrs. Weasley,
»du trinkst jetzt erst mal was. Wir haben übrigens eine kleine Feier …«
Sie deutete auf das scharlachrote Spruchband. »Der vierte Vertrauens-
schüler in der Familie!«, sagte sie liebevoll und zerzauste Ron die Haare.
»Vertrauensschüler, he?«, knurrte Moody, richtete das normale Auge
auf Ron und schwenkte das magische Auge, so daß es seitlich in seinen
Kopf hineinstarrte. Harry hatte das äußerst unangenehme Gefühl, es
würde ihn ansehen, und verzog sich zu Sirius und Lupin.
»Nun, Glückwunsch«, sagte Moody und sah Ron weiterhin mit dem
normalen Auge an. »Autoritätspersonen ziehen ständig Ärger an, aber
ich vermute, Dumbledore glaubt, daß du den meisten schweren Flü-
chen widerstehen kannst, sonst hätte er dich nicht ernannt …«
Ron schien recht verdutzt über diese Sicht der Dinge, konnte sich je-
doch eine Antwort ersparen, da in diesem Moment sein Vater und sein
ältester Bruder hereinkamen. Mrs. Weasley war so gut gelaunt, daß sie
sich nicht einmal darüber beschwerte, daß sie Mundungus mitgebracht
hatten. Er trug einen langen Mantel, der an den merkwürdigsten Stel-
len fürchterlich ausgebeult wirkte, und lehnte das Angebot ab, ihn aus-
zuziehen und zu Moodys Reisemantel zu hängen.
»Nun, ich denke, ein Toast wäre angebracht«, sagte Mr. Weasley, als
sie mit Getränken versorgt waren. Er hob seinen Kelch. »Auf Ron und
Hermine, die neuen Vertrauensschüler von Gryffindor!«
Ron und Hermine strahlten, während alle auf ihr Wohl tranken und
dann applaudierten.
»Ich war nie Vertrauensschülerin«, hörte Harry Tonks gut gelaunt
hinter sich sagen, als alle zum Tisch gingen, um sich Essen aufzutun.
Ihr Haar war heute tomatenrot und hüftlang; sie hätte Ginnys ältere
168

Schwester sein können. »Meine Hauslehrerin meinte, mir würden ge-
wisse notwendige Eigenschaften fehlen.«
»Wie zum Beispiel?«, fragte Ginny und nahm sich eine Backkartoffel.
»Wie die Fähigkeit, mich zu benehmen«, sagte Tonks.
Ginny lachte; Hermine sah aus, als wüßte sie nicht, ob sie lächeln
sollte oder nicht, und beschied sich damit, einen besonders großen
Schluck Butterbier zu nehmen, an dem sie sich verschluckte.
»Und was ist mit dir, Sirius?«, fragte Ginny, während sie Hermine auf
den Rücken klopfte.
Sirius, der neben Harry stand, ließ sein bellendes Lachen hören.
»Keiner hätte mich zum Vertrauensschüler gemacht, ich hab zu viele
Strafstunden mit James abgesessen. Lupin war damals der brave Junge,
er hat das Abzeichen gekriegt.«
»Dumbledore hat anscheinend gehofft, ich könnte meine besten
Freunde ein wenig bändigen«, sagte Lupin. »Ich muß wohl kaum sa-
gen, daß ich jämmerlich gescheitert bin.«
Harrys Laune besserte sich schlagartig. Sein Vater war auch kein Ver-
trauensschüler gewesen. Auf einmal erschien ihm das Fest viel ver-
gnüglicher; er lud sich seinen Teller voll und freute sich doppelt über
alle Leute, die da waren.
Ron schwärmte jedem, der es hören wollte, von seinem neuen Besen
vor. »… von null auf siebzig in zehn Sekunden, nicht schlecht, was? Wenn
man bedenkt, daß es der Komet Zwei-Neunzig laut
Besentest nur von null
auf sechzig bringt, und zwar mit ordentlichem Rückenwind …«
Hermine legte Lupin sehr ernsthaft ihre Ansichten über Elfenrechte
dar. »Das ist doch der gleiche Unsinn wie die Ausgrenzung der Wer-
wölfe, oder? Das kommt alles von dieser schrecklichen Neigung der
Zauberer zu denken, daß sie anderen Geschöpfen überlegen sind …«
Mrs. Weasley und Bill hatten ihre übliche Auseinandersetzung über
Bills Haare. »… da mußt du jetzt unbedingt was machen, wo du doch
eigentlich so gut aussiehst, kürzer würde dir viel besser stehen, nicht
wahr, Harry?«
»Oh – weiß nicht –«, sagte Harry, gelinde erschrocken, daß seine Mei-
nung gefragt war; er stahl sich davon, hinüber zu Fred und George, die
in einer Ecke die Köpfe mit Mundungus zusammengesteckt hatten.
169

Mundungus verstummte, als er Harry sah, aber Fred zwinkerte
Harry zu und winkte ihn heran.
»Schon in Ordnung«, erklärte er Mundungus, »Harry können wir
vertrauen, er ist unser Finanzier.«
»Schau mal, was Dung uns mitgebracht hat«, sagte George und
streckte Harry die Hand entgegen. Sie war, wie es aussah, voll
schrumpliger schwarzer Schoten. Ein leises Rasseln ging von ihnen aus,
obwohl sie sich überhaupt nicht bewegten.
»Giftige Tentakelsamen«, sagte George. »Die brauchen wir für unsere
Nasch-und-Schwänz-Leckereien, aber sie sind Nichtverkäufliche Sub-
stanzen der Klasse C, also hatten wir ’ne Menge Schwierigkeiten, sie zu
kriegen.«
»Wie sieht’s aus, Dung, zehn Galleonen für alle?«, sagte Fred.
»Beim ganzen Ärger, den ich gehabt hab, bis ich die beisammen-
hatte?«, erwiderte Mundungus und seine triefenden, blutunterlaufenen
Augen wurden noch größer. »Tut mir leid, Jungs, zwanzig, und keinen
Knut weniger.«
»Dung macht gern Witze«, sagte Fred zu Harry gewandt.
»Ja, sein bester bisher waren sechs Sickel für einen Sack Knarlkiele«,
sagte George.
»Vorsicht«, warnte sie Harry leise.
»Was denn?«, meinte Fred. »Mum ist doch nur noch am Gurren we-
gen Ron, unserem Vertrauensschüler, mach dir keine Sorgen.«
»Aber Moody könnte sein Auge auf euch werfen«, erklärte Harry.
Mundungus blickte nervös über die Schulter.
»Da hat er völlig Recht«, grunzte er. »Na schön, Jungs, ’nen Zehner,
aber macht mal hinne.«
»Danke, Harry!«, sagte Fred entzückt, als Mundungus seine Taschen
in die ausgestreckten Hände der Zwillinge geleert hatte und dann ei-
lends in Richtung Büffet verschwunden war. »Die bringen wir am be-
sten gleich nach oben …«
Harry sah ihnen mit leisem Unbehagen nach. Ihm war mit einem Mal
eingefallen, daß Mr. und Mrs. Weasley sich fragen würden, wie Fred
und George ihren Scherzartikelladen finanzierten, wenn sie, was un-
vermeidlich war, eines Tages davon erfuhren. Er hatte den Zwillingen
170

damals seinen Gewinn aus dem Trimagischen Turnier ohne groß nach-
zudenken geschenkt, aber was, wenn das zu einem neuen Familien-
krach führte und zu einer Entfremdung wie schon bei Percy? Würde
Mrs. Weasley Harry immer noch als eine Art Sohn betrachten, wenn sie
herausfand, daß er es Fred und George ermöglicht hatte, eine Laufbahn
einzuschlagen, die sie für völlig unpassend hielt?
Er stand da, wo die Zwillinge ihn verlassen hatten, nur mit einem
drückenden Schuldgefühl in der Magengrube, als er seinen Namen
hörte. Kingsley Shacklebolts tiefe Stimme war auch durch das allge-
meine Geschnatter hindurch zu verstehen. »… warum hat Dumbledore
nicht Potter zum Vertrauensschüler gemacht?«, fragte Kingsley.
»Er wird seine Gründe gehabt haben«, antwortete Lupin.
»Aber damit hätte er ihm sein Vertrauen bewiesen. Ich an seiner
Stelle jedenfalls hätte es getan«, beharrte Kingsley, »gerade weil sich
der Tagesprophet alle paar Tage über ihn hermacht …«
Harry wandte sich nicht um, er wollte nicht, daß Lupin oder Kingsley
merkten, daß er zugehört hatte. Obwohl er kein bißchen hungrig war,
folgte er Mundungus zurück an den Tisch. Seine Freude an dem Fest
war so rasch verflogen, wie sie gekommen war; am liebsten wäre er
oben in seinem Bett gewesen.
Mad-Eye Moody beschnüffelte mit den Resten seiner Nase ein Hüh-
nerbein; offensichtlich konnte er keine Spuren von Gift entdecken,
denn schon riß er mit den Zähnen eine Strähne Fleisch ab.
»… der Stiel ist aus spanischer Eiche mit Anti-Fluch-Lackierung und
eingebauter Vibrationskontrolle –«, erklärte Ron gerade Tonks.
Mrs. Weasley gähnte herzhaft.
»Ach, ich glaub, diesen Irrwicht erledige ich noch, bevor ich ins Bett
gehe … Arthur, ich will nicht, daß diese Rasselbande zu lange auf-
bleibt, ja? Gute Nacht, Harry, mein Lieber.«
Sie verließ die Küche. Harry stellte seinen Teller ab und überlegte, ob
er ihr folgen konnte, ohne Aufsehen zu erregen.
»Alles in Ordnung mit dir, Potter?«, brummte Moody.
»Jaah, alles klar«, log Harry.
Moody nahm einen Schluck aus seinem Flachmann, während sein
strahlend blaues Auge Harry von der Seite her anstarrte.
171

»Schau mal, ich hab was, das dich vielleicht interessieren wird«, sagte
er.
Aus einer Innentasche seines Umhangs zog Moody ein sehr zerknit-
tertes altes Zaubererfoto. »Original der Orden des Phönix«, knurrte Moody. »Hab’s gestern
Nacht gefunden, als ich nach meinem zweiten Tarnumhang gesucht
hab, dieser Podmore hat ja nicht mal den Anstand, mir meinen besten
zurückzubringen … dachte, die Leute würden es gern sehen.« Harry nahm das Foto in die Hand. Eine kleine Gruppe von Menschen
schaute zu ihm hoch, manche winkten, andere hoben ihre Gläser. »Das bin ich«, sagte Moody und deutete überflüssigerweise auf sich
selbst. Der Moody im Bild war nicht zu verwechseln, auch wenn sein
Haar nicht ganz so grau und seine Nase heil war. »Und das neben mir
ist Dumbledore, auf der anderen Seite Dädalus Diggel … das ist Mar-
lene McKinnon, sie wurde zwei Wochen nach dieser Aufnahme umge-
bracht, die haben ihre ganze Familie ausgelöscht. Das sind Frank und
Alice Longbottom –« Harrys Magen, ohnehin schon flau, verkrampfte sich, als er Alice
Longbottom ansah; er kannte ihr rundes, freundliches Gesicht sehr gut,
obwohl er sie nie getroffen hatte, denn ihr Sohn Neville war ihr wie aus
dem Gesicht geschnitten. »– arme Teufel«, knurrte Moody. »Besser der Tod als das, was mit ih-
nen geschehen ist … und das ist Emmeline Vance, du hast sie schon
kennen gelernt, und das hier ist natürlich Lupin … Benjy Fenwick,
auch ihn hat’s erwischt, wir haben nur Stücke von ihm gefunden …
rückt mal auf hier«, fügte er hinzu und stupste gegen das Bild, und die
kleinen Leute im Foto rückten zur Seite, so daß, wer bisher halb ver-
deckt gewesen war, nach vorn kommen konnte. »Das ist Edgar Bones … Bruder von Amelia Bones, ihn und seine Fa-
milie haben sie auch erwischt, war ein großartiger Zauberer … Sturgis
Podmore, verdammt, sieht der jung aus … Caradoc Dearborn, sechs
Monate später verschwunden, wir haben seine Leiche nie gefunden …
Hagrid, sieht natürlich genauso aus wie immer … Elphias Doge, den
hast du kennengelernt, hatte ganz vergessen, daß er immer diesen blö
-
den Hut trug … Gideon Prewett, fünf Todesser waren nötig, ihn und
172

seinen Bruder Fabian zu töten, sie haben gekämpft wie Helden … wei-
terrücken, weiterrücken …«Die kleinen Leute in dem Foto drängelten und schubsten ein wenig
und die bi slang ganz hinten verborgenen erschienen vorn im Bild.
»Das ist Dumbledores Bruder Aberforth, das einzige Mal, daß ich ihn
getroffen hab, merkwürdiger Kerl … das ist Dorcas Meadowes, Volde-
mort hat sie eigenhändig umgebracht … Sirius, als er noch kurze Haare
hatte … und … da sind sie, ich dachte, das würd dich interessieren!«
Harry blieb das Herz stehen. Seine Mutter und sein Vater strahlten zu
ihm hoch. Sie saßen zu beiden Seiten eines kleinen Mannes mit wäßri-
gen Augen, den Harry sofort als Wurmschwanz erkannte, der den Auf-
enthaltsort seiner Eltern an Voldemort verraten und so ihren Tod mit
herbeigeführt hatte. »Na?«, sagte Moody.
Harry blickte in Moodys tief vernarbtes und zerfurchtes Gesicht. Offen-
sichtlich glaubte Moody, er hätte Ha rry soeben eine Art Gefallen getan.
»Ja«, sagte Harry und versuchte wieder zu grinsen. »Ähm … hören
Sie, mir ist gerade eingefallen, ich hab meinen Koffer noch nicht …« Es blieb ihm erspart, sich etwas einfallen zu lassen, was er mit dem
Koffer noch nicht gemacht hatte. Sirius hatte gerade gesagt: »Was hast
du da, Mad-Eye?«, und Moody hatte sich ihm zugewandt. Harry
durchquerte die Küche, glitt durch die Tür und die Treppe hoch, bevor
ihn noch jemand zurückrufen konnte.
Er wußte nicht, warum es ein solcher Schock gewesen war. Schließ-
lich hatte er früher schon Bilder seiner Eltern gesehen und er hatte
Wurmschwanz getroffen … aber sie so plötzlich vorgesetzt zu kriegen,
wenn er es am wenigsten erwartet hätte … darüber würde sich nie-
mand freuen, dachte er zornig … Und sie dann auch noch von all di esen anderen glücklichen Gesich-
tern umgeben zu sehen … von Benjy Fenwick, den sie in Stücken ge-
funden hatten, und Gideon Prewett, der wie ein Held gestorben war,
und den Longbottoms, die durch Folter in den Wahnsinn getrieben
worden waren … alle winkten sie für immer und ewig aus dem Foto,
ohne zu wissen, daß sie dem Tod geweiht waren … Moody fand das
vielleicht interessant… er, Harry, fand es beunruhigend …
173

Harry ging auf Zehenspitzen die Treppe in der Halle hoch, vorbei an
den ausgestopften Elfenköpfen, froh wieder alleine zu sein, doch als er
sich dem ersten Treppenabsatz näherte, hörte er Geräusche. Im Salon
schluchzte jemand.
»Hallo?«, sagte Harry.
Niemand antwortete, aber das Schluchzen hielt an. Zwei Stufen auf
einmal nehmend, eilte er vollends hoch, lief über den Treppenabsatz
und öffnete die Salontür.
Jemand kauerte an der dunklen Wand, den Zauberstab in der Hand,
und schluchzte, daß es den ganzen Körper schüttelte. In einem Flecken
Mondlicht, auf dem staubigen alten Teppich ausgestreckt, lag Ron, of-
fensichtlich tot.
Die Luft schien aus Harrys Lungen zu entweichen; ihm war, als fiele
er durch den Fußboden; sein Gehirn wurde eiskalt – Ron tot, nein, das
war nicht möglich –
Aber Moment mal, das war nicht möglich – Ron war unten –»Mrs.
Weasley?«, krächzte Harry.
»R-r-riddikulus!«, schluchzte Mrs. Weasley und deutete mit ihrem
zitternden Zauberstab auf Rons Leiche.
Knall.
Rons Leiche verwandelte sich in die Bills, rücklings und alle viere
von sich gestreckt lag er da, die Augen aufgerissen und leer. Mrs.
Weasley schluchzte noch heftiger. »R-riddikulus!«, schluchzte sie er-
neut.
Knall
An Bills Stelle erschien Mr. Weasley, die Brille schief auf der Nase, ein
Rinnsal Blut im Gesicht.
»Nein!«, stöhnte Mrs. Weasley. »Nein … riddikulus! Riddikulus! RID-
DIKULUS!«
Knall. Die Zwillinge tot. Knall. Percy tot. Knall. Harry tot …
»Mrs. Weasley, Sie müssen hier raus!«, rief Harry und starrte auf sei-
nen leblosen Körper am Boden. »Lassen Sie jemand anderen –«
»Was ist hier los?«
Lupin war in den Salon gestürmt, dicht gefolgt von Sirius, und
Moody stapfte hinterdrein. Lupin blickte von Mrs. Weasley auf den to-
174

ten Harry am Boden und schien augenblicklich zu begreifen. Er zog
seinen Zauberstab und sagte, sehr laut und deutlich: »Riddikulus!«
Harrys Leiche verschwand. Über der Stelle, wo sie gelegen hatte,
schwebte eine silbrige Kugel. Lupin schwang noch einmal seinen Zau-
berstab und die Kugel löste sich in eine Rauchwolke auf.
»Oh – oh – oh!«, jammerte Mrs. Weasley, vergrub das Gesicht in den
Händen und brach heftig in Tränen aus.
»Molly«, sagte Lupin mit düsterer Stimme und trat zu ihr. »Molly,
nicht …«
Im nächsten Moment weinte sie sich an Lupins Schulter die Seele aus
dem Leib.
»Molly, das war doch nur ein Irrwicht«, tröstete er sie und tätschelte
sanft ihren Kopf. »Nur ein dummer Irrwicht …«
»Ich seh sie immer – t-t-tot!«, stöhnte Mrs. Weasley an seiner Schulter.
»I-i-immer noch! Ich w-w-werd davon träumen …«
Sirius starrte auf die Stelle des Teppichs, wo der Irrwicht, der sich in
Harrys Körper verwandelt hatte, gelegen hatte. Moody hatte den Blick
auf Harry geheftet, der es vermied, ihn anzusehen. Er hatte das komi-
sche Gefühl, daß Moodys magisches Auge ihm die ganze Zeit gefolgt
war, seit er die Küche verlassen hatte.
»S-s-sag bloß nichts zu Arthur«, würgte Mrs. Weasley jetzt hervor
und wischte sich hektisch mit den Ärmeln die Augen. »Ich w-w-will
nicht, daß er ’s erfährt … wie albern …«
Lupin reichte ihr ein Taschentuch und sie putzte sich die Nase.
»Harry, tut mir furchtbar leid. Was denkst du jetzt bloß von mir?«,
sagte sie zittrig. »Nicht mal mit einem Irrwicht wird sie fertig …«
»Ach was«, sagte Harry und versuchte zu lächeln.
»Ich mach mir nur s-s-solche Sorgen«, sagte sie und wieder quollen
ihr Tränen aus den Augen. »Die halbe F-F-Familie ist im Orden, das
wär ein W-W-Wunder, wenn wir alle heil da rauskommen würden …
und P-P-Percy redet nicht mit uns … und wenn etwas Sch-Sch-Schreck-
liches passiert und wir haben uns n-n-nie mit ihm ausgesöhnt? Und
was passiert, wenn Arthur und ich umkommen, wer w-w-wird sich um
Ron und Ginny kümmern?«
175

»Molly, jetzt ist es aber genug«, sagte Lupin entschieden. »Es ist nicht
wie beim letzten Mal. Der Orden ist besser vorbereitet, wir sind im
Vorteil, wir wissen, was Voldemort plant –«
Mrs. Weasley ließ bei dem Namen einen kleinen spitzen Angstschrei
hören.
»Oh, Molly, nun komm, es wird langsam Zeit, daß du dich daran ge-
wöhnst, diesen Namen zu hören – schau, ich kann nicht versprechen,
daß keinem etwas geschieht, niemand kann das, aber wir sind viel bes-
ser dran als letztes Mal. Du warst damals nicht im Orden, du verstehst
das nicht. Das letzte Mal waren uns die Todesser zwanzig zu eins über-
legen und sie haben sich einen nach dem anderen von uns geholt …«
Harry dachte wieder an das Foto, an die strahlenden Gesichter seiner
Eltern. Er wußte, daß Moody ihn immer noch beobachtete.
»Mach dir keine Sorgen wegen Percy«, warf Sirius unvermittelt ein.
»Er wird schon noch zu uns stoßen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis
Voldemort offen auftritt; sobald er das tut, wird uns das ganze Ministe-
rium um Verzeihung bitten. Und ich bin nicht sicher, ob ich ihre Ent-
schuldigung annehme«, fügte er bitter hinzu.
»Und was Ron und Ginny angeht, falls du und Arthur sterben
solltet«, sagte Lupin mit einem leisen Lächeln, »was glaubst du, was
wir tun würden – sie verhungern lassen?«
Mrs. Weasley lächelte zittrig.
»War albern von mir«, murmelte sie noch einmal und wischte sich
die Augen.
Aber Harry, als er etwa zehn Minuten später die Schlafzimmertür
hinter sich schloß, hielt Mrs. Weasley nicht für albern. Noch immer sah
er seine Eltern aus dem zerknitterten alten Foto zu ihm aufstrahlen. Sie
wußten nicht, daß ihr Leben, wie das so vieler anderer in ihrem Um-
kreis, dem Ende zuging. Das Bild des Irrwichts, der nacheinander die
Totengestalt aller Weasleys angenommen hatte, tauchte immer wieder
vor ihm auf.
Ohne Vorwarnung spürte er erneut einen scharfen Schmerz in seiner
Stirnnarbe und sein Magen verkrampfte sich fürchterlich.
»Schluß damit«, sagte er entschieden und rieb sich die Narbe, wäh-
rend der Schmerz nachließ.
176

»Das erste Zeichen des Wahnsinns, mit dem eigenen Kopf reden«,
sagte eine hinterlistige Stimme aus dem leeren Bild an der Wand.
Harry beachtete sie nicht. Er fühlte sich so alt wie noch nie im Leben
und es kam ihm äußerst merkwürdig vor, daß er sich kaum eine
Stunde zuvor noch Gedanken wegen eines Scherzartikelladens und we-
gen eines Vertrauensschülerabzeichens gemacht hatte.
177

Luna Lovegood
Harry hatte eine unruhige Nacht. Seine Eltern flochten sich durch seine
Träume, ohne ein Wort zu sprechen; Mrs. Weasley stand schluchzend
über Kreachers Leiche gebeugt, Ron und Hermine, die Kronen trugen,
beobachteten sie, und abermals sah sich Harry einen Korridor entlang-
gehen, der vor einer verschlossenen Tür endete. Er fuhr aus dem Schlaf
hoch, seine Narbe ziepte und er erblickte Ron vor sich, der bereits an-
gezogen war und mit ihm sprach.
»… beeil dich lieber, Mum tickt völlig aus, sie sagt, wir verpassen den
Zug …«
Im Haus herrschte Aufruhr. Aus dem, was Harry mitbekam, wäh-
rend er sich in Windeseile anzog, reimte er sich zusammen, daß Fred
und George, um sich die Mühe des Schleppens zu ersparen, ihre Koffer
behext hatten, treppab zu fliegen. Dabei waren sie gegen Ginny ge-
knallt, die zwei Treppen tief in die Halle gestürzt war; Mrs. Black und
Mrs. Weasley schrien beide aus Leibeskräften.
»– HÄTTE SICH SCHWER VERLETZEN KÖNNEN, IHR DUMM-
KÖPFE –«
»– SCHMUTZIGE HALBBLÜTER, BESUDELN DAS HAUS MEINER
VÄTER –«
Harry zog gerade seine Turnschuhe an, als Hermine in heller Aufre-
gung hereingestürmt kam. Auf ihrer Schulter schwankte Hedwig und
in den Armen trug sie einen sich sträubenden Krummbein.
»Hedwig ist gerade eben von Mum und Dad zurückgekommen.« Die
Eule flatterte folgsam hinüber zu ihrem Käfig und ließ sich darauf nie-
der. »Bist du schon fertig?«
178

»Fast. Wie geht’s Ginny?«, fragte Harry und setzte sich die Brille auf.
»Mrs. Weasley hat sie zusammengeflickt«, sagte Hermine. »Aber jetzt
besteht Mad-Eye darauf, daß wir nicht rauskönnen, solange Sturgis
Podmore nicht da ist, sonst hat die Leibgarde einen Mann zuwenig.«
»Leibgarde?«, sagte Harry. »Müs sen wir mit Begleitschutz nach
King’s Cross?«
»Du mußt mit Begleitschutz nach King’s Cross«, korrigierte ihn Her-
mine. »Wieso?«, fragte Harry ärgerlich. »I ch dachte, Voldemort hält sich be-
deckt, oder willst du mir erzählen, daß er demnächst hinter einer Müll-
tonne hervorspringt und mich allemachen will?« »Keine Ahnung, Mad-Eye sagt das«, erwiderte Hermine zerstreut
und sah auf ihre Uhr, »aber wenn wir nicht bald aufbrechen, verpassen
wir den Zug garantiert …« »KOMMT IHR ALLE JETZT BITTE SOFORT RUNTER!«, brüllte Mrs.
Weasley und Hermine schreckte hoch wie von der Tarantel gestochen
und hastete aus dem Zimmer. Harry packte Hedwig, stopfte sie ohne
viel Federlesen in den Käfig, schleifte den Koffer hinter sich her und
folgte Hermine nach unten. Mrs. Blacks Porträt kreischte zornig, aber niemand machte sich die
Mühe, die Vorhänge vor ihrer Nase zu schließen; all der Lärm in der
Halle würde sie ohnehin wieder in Rage bringen. »Harry, du gehst mit mir und Tonks«, rief Mrs. Weasley – über die
»SCHLAMMBLÜTER! ABSCHAUM! GOSSEN-KINDER!«-Rufe hin-
weg –, »laß Koffer und Eule da, Alastor kümmert sich um das Gepäck
… oh, um Himmels willen, Sirius, Dumbledore hat nein gesagt!« Ein bärenartiger schwarzer Hund war an Harrys Seite aufgetaucht
und stieg über die diversen in der Halle umherstehenden Koffer hin-
weg, um zu Mrs. Weasley zu gelangen. »Also ehrlich …«, sagte Mrs. Weasley entnervt. »Na gut, auf deine
Verantwortung …« Sie zog die Haustür auf und trat hinaus ins weiche Licht der Septem-
bersonne. Harry und der Hund folgten ihr. Die Tür schlug hinter ihnen
zu und im selben Moment waren Mrs. Blacks Schreie nicht mehr zu hö-
ren.
179

»Wo ist Tonks?«, fragte Harry und blickte sich um, während sie die
Steinstufen vor Nummer zwölf hinuntergingen, die verschwanden, so-
bald sie den Gehweg betreten hatten.
»Sie wartet gleich dort drüben auf uns«, sagte Mrs. Weasley steif und
wandte den Blick von dem schwarzen Hund ab, der neben Harry her-
tänzelte. An der Straßenecke wurden sie von einer alten Frau begrüßt. Sie
hatte dichtgelocktes graues Haar und trug einen lila Hut, der aussah
wie eine Fleischpastete. »So ’ne Überraschung, Harry«, sagte sie augenzwinkernd. »Wir soll-
ten uns beeilen, nicht wahr, Molly?«, fügte sie mit einem Blick auf ihre
Uhr hinzu.
»Ich weiß, ich weiß«, stöhnte Mrs. Weasley und schritt noch entschiede-
ner aus, »aber Mad-Eye wollte auf Sturgis warten … wenn Arthur uns
doch nur wieder Autos aus dem Ministerium besorgt hätte … aber Fudge
will ihn heutzutage nicht mal mehr ein leeres Tintenfaß ausleihen lassen
… wie ertragen die Muggel bloß das Reisen ohne Zauberei …«
Doch der große schwarze Hund bellte freudig auf, sprang um sie
herum, schnappte nach Tauben und jagte seinen eigenen Schwanz.
Harry mußte lachen. Sirius hatte sehr lange im Haus festgesessen. Mrs.
Weasley schürzte die Lippen fast so wie Tante Petunia. Sie brauchten zwanzig Minuten zu Fuß bis King’s Cross, und bis da-
hin geschah nichts Bedeutenderes, als daß Sirius, um Harry zu belusti-
gen, ein paar Katzen erschreckte. Sobald sie im Bahnhof waren, stellten
sie sich lässig an die Absperrung zwischen Gleis neun und zehn, bis die
Luft rein war, dann lehnten sie sich der Reihe nach dagegen und kipp-
ten ohne weiteres auf den Bahnsteig von Gleis neundreiviertel, wo der
Hogwarts-Expreß bereitstand und rußigen Dampf über das dichte Ge-
tümmel abreisender Schüler und dere n Familien blies. Harry atmete
den vertrauten Geruch ein und spürte, wie seine Lebensgeister erwach-
ten … er kehrte tatsächlich zurück … »Hoffentlich schaffen es die anderen noch rechtzeitig«, sagte Mrs.
Weasley besorgt und spähte hinter sich zu dem schmiedeeisernen Bo-
gen, der sich über den Bahnsteig wölbte und unter dem die Neuan-
kömmlinge erschienen.
180

»Hübscher Hund, Harry!«, rief ein großer Junge mit Rastalocken.
»Danke, Lee«, sagte Harry grinsend und Sirius wedelte wild mit dem
Schwanz. »Oh, gut«, sagte Mrs. Weasley erleichtert, »da ist Alastor mit dem Ge-
päck, schau …« Moody, mit einer tief über seine so verschiedenen Augen gezogenen
Gepäckträgermütze, kam unter dem Bogen hindurchgehumpelt und
schob eine Karre mit ihren Koffern vor sich her. »Alles in Ordnung«, murmelte er Mrs. Weasley und Tonks zu, »glaub
nicht, daß wir verfolgt wurden …« Sekunden später erschien Mr. Weasley mit Ron und Hermine auf
dem Bahnsteig. Sie hatten Moodys Gepäckkarre schon fast entladen,
als Fred, George und Ginny mit Lupin auftauchten. »Kein Ärger?«, knurrte Moody.
»Nichts«, sagte Lupin.
»Die Sache mit Sturgis melde ich trotzdem an Dumbledore«, sagte
Moody. »Das ist schon das zweite Mal, daß er eine Woche lang nicht
auftaucht. Wird allmählich so unzuverlässig wie Mundungus.« »Also, paßt auf euch auf«, sagte Lupin und schüttelte ihnen reihum
die Hände. Zuletzt gab er Harry einen Klaps auf die Schulter. »Du
auch, Harry. Sei vorsichtig.«
»Ja, den Kopf in Deckung und die Augen offen halten«, sagte Moody
und schüttelte Harry ebenfalls die Hand. »Und vergeßt nicht, das gilt
für alle – seid vorsichtig, was ihr schreibt. Wenn ihr euch einer Sache
nicht sicher seid, schreibt lieber nichts davon in einem Brief.« »War großartig, euch alle kennenzulernen«, sagte Tonks und um-
armte Hermine und Ginny. »Ich denke, wir sehen uns bald.« Ein Warnpfiff ertönte, und wer noch auf dem Bahnsteig war, stieg
nun eilends in den Zug. »Jetzt aber los!«, sagte Mrs. Weasley zerstreut und umarmte sie alle
aufs Geratewohl, wobei sie Harry gleich doppelt erwischte. »Schreibt
uns … seid brav … wenn ihr was vergessen habt, schicken wir es nach
… jetzt aber rein in den Zug, schnell …«
Einen kurzen Moment lang stellte sich der große schwarze Hund auf
die Hinterläufe und legte die Vorderpfoten auf Harrys Schultern, aber
181

Mrs. Weasley schob Harry weiter zur Waggontür und zischte: »Um Him-
mels willen, benimm dich mal ein bißchen mehr wie ein Hund, Sirius!«
»Bis dann!«, rief Harry aus dem offenen Fenster, als der Zug anfuhr,
und neben ihm winkten Ron, Hermine und Ginny. Die Umrisse von
Tonks, Lupin, Moody und Mr. und Mrs. Weasley wurden rasch kleiner,
aber der schwarze Hund sprang neben ihnen am Fenster her und we-
delte mit dem Schwanz; verschwommene Gestalten auf dem Bahnsteig
beobachteten lachend, wie er dem Zug nachjagte, dann ging es in eine
Kurve und Sirius war verschwunden.
»Er hätte nicht mitkommen sollen«, sagte Hermine besorgt.
»Ach, mach dir keine Gedanken«, erwiderte Ron, »der arme Kerl hat
doch seit Monaten kein Tageslicht mehr gesehen.«
»Nun«, sagte Fred und klatschte in die Hände, »wir können hier
nicht den ganzen Tag rumstehen und quatschen, wir haben mit Lee ge-
schäftliche Dinge zu besprechen. Bis später dann.« Und er und George
verschwanden nach rechts den Gang entlang.
Der Zug beschleunigte noch immer, die Häuser vor dem Fenster flitz-
ten vorbei und sie gerieten ins Schwanken.
»Wollen wir uns nicht ein Abteil suchen?«, fragte Harry. Ron und
Hermine tauschten Blicke.
»Ähm«, sagte Ron.
»Wir – ja – Ron und ich müssen ins Vertrauensschülerabteil«, sagte
Hermine verlegen.
Ron mied Harrys Blick; er schien sich brennend für die Fingernägel
seiner linken Hand zu interessieren.
»Oh«, sagte Harry. »Gut. Na schön.«
»Ich glaub nicht, daß wir die ganze Fahrt über dort bleiben müssen«,
fügte Hermine rasch hinzu. »In unseren Briefen steht, daß wir nur An-
weisungen von den beiden Schulsprechern entgegennehmen und dann
von Zeit zu Zeit einen Streifzug durch die Gänge machen müssen.«
»Na schön«, wiederholte Harry. »Nun, wir – wir sehen uns dann spä-
ter, vielleicht.«
»Ja, bestimmt«, sagte Ron und warf Harry flüchtig einen besorgten
Blick zu. »Stinkt mir, daß ich da hinmuß, ich würd lieber – aber wir müs-
sen – also, mir gefällt’s nicht, ich bin ja nicht Percy«, schloß er trotzig.
182

»Weiß ich doch«, sagte Harry und grinste. Doch als Hermine und
Ron ihre Koffer mitsamt Krummbein und Pigwidgeon im Käfig in
Richtung Lok davonschleiften, fühlte sich Harry merkwürdig verlas-
sen. Noch nie war er ohne Ron im Hogwarts-Expreß gereist.
»Komm schon«, mahnte ihn Ginny, »wenn wir uns beeilen, können
wir ihnen Plätze freihalten.«
»Stimmt«, sagte Harry und nahm Hedwigs Käfig in die eine und den
Koffergriff in die andere Hand. Sie kämpften sich durch die Gänge und
spähten im Vorbeigehen durch die Glastüren in die bereits voll besetz-
ten Abteile. Harry fiel auf, daß viele seine Blicke höchst interessiert er-
widerten und manche ihre Nachbarn anstießen und auf ihn deuteten.
Nachdem ihm das bei fünf Abteilen in Folge passiert war, erinnerte er
sich wieder, daß der Tagesprophet seinen Lesern den ganzen Sommer
über berichtet hatte, was für ein lügnerischer Angeber er war. Er fragte
sich betrübt, ob die Leute, die jetzt guckten und flüsterten, diese Ge-
schichten glaubten.
Im allerletzten Waggon trafen sie Neville Longbottom, er war wie
Harry jetzt im fünften Gryffindor-Jahr. Sein rundes Gesicht glänzte von
der Anstrengung, den Koffer hinter sich herzuschleifen und gleichzei-
tig mit einer Hand seine widerspenstige Kröte Trevor festzuhalten.
»Hi, Harry«, keuchte er. »Hi, Ginny … alles voll hier … ich find kei-
nen Platz …«
»Was soll der Unsinn?«, sagte Ginny, die sich an Neville vorbeige-
quetscht hatte und in das Abteil hinter ihm spähte. »Hier ist Platz, da
sitzt nur Loony Lovegood drin –«
Neville nuschelte etwas von wegen, er wolle niemanden stören.
»Stell dich nicht so an«, sagte Ginny und lachte, »sie ist in Ordnung.«
Sie schob die Tür auf und zog ihren Koffer hinein. Harry und Neville
folgten.
»Hi, Luna«, sagte Ginny, »ist es okay für dich, wenn wir uns hier rein-
setzen?«
Das Mädchen am Fenster blickte auf. Sie hatte zotteliges, hüftlanges,
schmutzig blondes Haar, sehr helle Augenbrauen und Glubschaugen,
die ihr einen Ausdruck permanenten Erstaunens verliehen. Harry
wußte sofort, warum Neville an diesem Abteil lieber vorbeigegangen
183

war. Eine Aura von außerordentlicher Spleenigkeit umgab dieses Mäd-
chen. Vielleicht war es die Tatsache, daß sie ihren Zauberstab zur siche-
ren Aufbewahrung hinter ihr linkes Ohr geklemmt hatte oder daß sie
ein Halsband aus Butterbierkorken trug oder daß sie ihr Magazin ver-
kehrtherum las. Ihr Blick wanderte über Neville und blieb an Harry
kleben. Sie nickte.»Danke«, sagte Ginny und lächelte sie an.
Harry und Neville verstauten die drei Koffer und Hedwigs Käfig im
Gepäckregal und setzten sich. Luna beobachtete sie über ihr umge-
drehtes Magazin hinweg, das Der Klitterer hieß. Sie schien nicht so oft
blinzeln zu müssen wie gewöhnliche Menschen. Unablässig starrte sie
Harry an, der sich auf den Platz ihr gegenüber gesetzt hatte und es jetzt
bereute. »Einen schönen Sommer verbracht, Luna?«, fragte Ginny.
»Ja«, sagte Luna verträumt, ohne die Augen von Harry abzuwenden.
»Ja, war eigentlich ganz schön. Du bist Harry Potter«, fügte sie hinzu. »Das weiß ich«, sagte Harry.
Neville gluckste. Nun wandte Luna ihre blassen Augen ihm zu. »Und
ich weiß nicht, wer du bist.« »Ich bin niemand«, sagte Neville hastig.
»Nein, bist du nicht«, sagte Ginny scharf. »Neville Longbottom –
Luna Lovegood. Luna ist in meinem Jahrgang, aber in Ravenclaw.«
»Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz« , sagte Luna mit
Singsangstimme. Sie hob ihr umgedrehtes Magazin so hoch, daß es ihr Gesicht ver-
barg, und verfiel in Schweigen. Harry und Neville sahen sich mit hoch-
gezogenen Brauen an. Ginny verkniff sich ein Kichern. Der Zug ratterte dahin und trug sie schnell hinaus ins offene Land. Es
war ein merkwürdig unbeständiger Tag; mal war das Abteil sonnen-
durchflutet und im nächsten Moment schon fuhren sie unter bedroh-
lich grauen Wolken dahin.
»Rat mal, was ich zum Geburtstag bekommen hab«, sagte Neville.
»Noch ein Erinnermich?«, sagte Harry und dachte an die murmelar-
tige Kugel, die Nevilles Großmutter ihm geschickt hatte in der Hoff-
nung, damit sein miserables Gedächtnis aufzubessern.
184

»Nein«, sagte Neville. »Könnt allerdings eins gebrauchen, mein altes
hab ich schon vor ’ner Ewigkeit verloren … nein, schau mal …«
Während er Trevor mit der einen Hand festhielt, steckte er die andere
in seine Schultasche, stöberte ein wenig darin und brachte etwas zum
Vorschein, das wie ein kleiner grauer Kaktus in einem Topf aussah, nur
daß er nicht mit Stacheln, sondern offenbar mit Furunkeln überzogen
war.
»Mimbulus mimbeltonia« , sagte er stolz.
Harry starrte das Ding an. Es pulsierte leicht, was ihm das ziemlich
grausige Aussehen eines kranken inneren Organs verlieh. »Der ist echt total selten«, sagte Neville und strahlte. »Ich weiß nicht
mal, ob sie in Hogwarts einen davon im Gewächshaus haben. Den muß
ich unbedingt Professor Sprout zeigen. Mein Großonkel Algie hat ihn
für mich aus Assyrien mitgebracht. Mal sehen, ob ich Ableger davon
züchten kann.« Harry wußte, daß Kräuterkunde Nevilles Lieblingsfach war, aber er
konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Neville mit dieser
kümmerlichen kleinen Pflanze anfangen wollte.
»Tut der – ähm – irgendwas?«, fragte er.
»’ne ganze Menge!«, rief Neville stolz. »Er hat einen irren Verteidi-
gungsmechanismus. Hier, halt mal Trevor …« Er ließ die Kröte in Harrys Schoß plumpsen und holte eine Schreibfe-
der aus seiner Schultasche. Luna Lovegoods hervorquellende Augen
erschienen wieder über dem Rand ihres auf dem Kopf stehenden Ma-
gazins, um zu sehen, was Neville anstellte. Neville, die Zunge zwi-
schen den Zähnen, hob den Mimbulus mimbeltonia auf Augenhöhe,
wählte einen Punkt und versetzte dem Gewächs mit der Federspitze ei-
nen kräftigen Stich. Aus allen Furunkeln der Pflanze spritzte eine Flüssigkeit – dicke, stin-
kende dunkelgrüne Strahlen. Sie trafen die Decke, die Fenster und
spritzten über Luna Lovegoods Magazi n; Ginny, die gerade noch recht-
zeitig die Arme vors Gesicht gerissen hatte, sah nur aus, als hätte sie ei-
nen grünen Schleimhut auf. Harry jedoch, dessen Hände vollauf damit
beschäftigt waren, Trevor an der Flucht zu hindern, bekam eine volle
Ladung ins Gesicht. Das Zeug roch nach ranziger Jauche.
185

Neville, dessen Gesicht und Oberkörper ebenfalls völlig naß waren,
schüttelte den Kopf, um das Gröbste aus den Augen zu kriegen.
»’tschulligung«, keuchte er. »Das hab ich noch nie ausprobiert …
wußte gar nicht, daß es doch so … aber macht euch keine Sorgen,
Stinksaft ist nicht giftig«, fügte er fahrig hinzu, als Harry einen Mund
voll zu Boden spuckte. Genau in diesem Moment wurde die Tür ihres Abteils aufgeschoben.
»Oh … hallo, Harry«, sagte eine nervöse Stimme. »Ähm … stör ich
gerade?« Harry wischte mit der trevorfreien Hand seine Brillengläser ab. Ein
sehr hübsches Mädchen mit langen, glänzend schwarzen Haaren stand
in der Tür und lächelte ihn an: Cho Chang, die Sucherin der Quidditch-
Mannschaft von Ravenclaw. »Oh … hi«, sagte Harry tonlos.
»Ähm …«, sagte Cho. »Naja … ich wollt nur mal kurz hallo sagen …
also dann tschüß.« Sie war ziemlich rosa im Gesicht, als sie die Tür schloß und davon-
ging. Harry sackte stöhnend auf seinen Platz zurück. Wenn Cho ihn
doch nur zusammen mit ein paar sehr coolen Leuten gesehen hätte, die
sich kugelten vor Lachen über einen Witz, den er gerade erzählt hatte.
Statt dessen saß er hier mit Neville und Loony Lovegood, hielt eine
Kröte umkrallt und triefte vor Stinksaft. »Macht nichts«, sagte Ginny munter. »Schaut mal, das kriegen wir
ganz einfach wieder weg.« Sie zog ihren Zauberstab. »Ratzeputz!«
Der Stinksaft verschwand.
»’tschulligung«, sagte Neville zum wiederholten Mal mit kleinlauter
Stimme. Ron und Hermine ließen sich fast eine Stunde lang nicht blicken und
inzwischen war der Imbi ßwagen schon da gewesen. Harry, Ginny und
Neville hatten ihre Kürbiskuchen aufgegessen und tauschten nun eifrig
Schokofroschkarten, als die Abteiltür aufglitt und die beiden hereinka-
men, begleitet von Krummbein und einem schrill in seinem Käfig
schreienden Pigwidgeon. »Ich verhungre noch!«, sagte Ron, verstaute Pigwidgeon neben Hed-
wig, schnappte sich einen Schokofrosch von Harry und ließ sich auf
186

den Sitz neben ihm fallen. Er riß die Verpackung auf, biß dem Frosch
den Kopf ab und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück, als hätte
er einen sehr anstrengenden Morgen hinter sich.
»Also, in jedem Haus gibt es zwei Vertrauensschüler aus der fünften
Klasse«, sagte Hermine, offenbar gründlich schlecht gelaunt, und setzte
sich auf ihren Platz. »Jeweils ein Junge und ein Mädchen.«
»Und ratet mal, wer der Vertrauensschüler in Slytherin ist«, sagte
Ron, ohne die Augen zu öffnen.
»Malfoy«, antwortete Harry sofort, er war sich gewiß, daß seine
schlimmste Befürchtung bestätigt würde.
»Klar«, sagte Ron bitter, stopfte sich den Rest seines Frosches in den
Mund und nahm sich noch einen.
»Und diese blöde Kuh Pansy Parkinson«, sagte Hermine böse. »Wie
die Vertrauensschülerin geworden ist, obwohl sie dümmer ist als ein
Troll mit Gehirntrauma …«
»Und wer ist es in Hufflepuff?«, fragte Harry.
»Ernie Macmillan und Hannah Abbott«, sagte Ron mit vollem Mund.
»Und in Ravenclaw Anthony Goldstein und Padma Patil«, sagte Her-
mine.
»Du bist doch mi t Padma Patil zum Weihnachtsball gegangen«, sagte
eine undeutliche Stimme.
Alle wandten sich Luna Lovegood zu, die über den Klitterer hinweg
mit starrem Blick Ron ansah. Er schluckte seinen Schokofrosch hinun-
ter.
»Ja, weiß ich wohl«, sagte er, offensichtlich ein wenig überrascht.
»Ihr hat’s nicht besonders gefallen«, unterrichtete ihn Luna. »Sie fin-
det, du hast sie nicht sonderlich gut behandelt, weil du doch nicht mit
ihr tanzen wolltest. Ich glaub, mir hätte das nichts ausgemacht«, fügte
sie nachdenklich hinzu, »ich steh nicht so auf Tanzen.«
Sie zog sich wieder hinter ihren Klitterer zurück. Ron starrte einige Se-
kunden lang mit offenem Mund das Titelblatt an, dann wandte er sich
Ginny zu, als könne sie ihm das irgendwie erklären, doch sie hatte sich
eine Faust in den Mund gesteckt und biß sich auf die Knöchel, um ihr
Kichern zu unterdrücken. Ron schüttelte nachdenklich den Kopf und
blickte auf seine Uhr.
187

»Wir sollen hin und wieder durch die Gänge laufen«, erklärte er
Harry und Neville, »und wir können Strafen erteilen, wenn sich Leute
schlecht benehmen. Ich bin schon scharf drauf, Crabbe und Goyle we-
gen irgendwas dranzukriegen …«
»Du sollst deine Position nicht mißbrauchen, Ron!«, sagte Hermine
scharf.
»Ja, klar, Malfoy macht das ja auch nicht«, erwiderte Ron sarkastisch.
»Also willst du dich auf seine Ebene herablassen?«
»Nein, ich will nur sicherstellen, daß ich seine Kumpels drankriege,
bevor er meine kriegt.«
»Um Himmels willen, Ron –«
»Ich laß Goyle Strafarbeiten schreiben, das macht ihn fertig, Schrei-
ben haßt er nämlich«, sagte Ron launig. Er verzog das Gesicht, als
würde er sich unter Qualen konzentrieren, grunzte mit tiefer Stimme
wie Goyle und schrieb mit der Hand in die Luft. »Ich … darf… nicht…
aussehen … wie … ein … Pavianpopo.«
Alle lachten, am heftigsten aber Luna Lovegood. Sie stieß einen Juchzer
aus, daß Hedwig aufwachte und entrüstet mit den Flügeln schlug und
Krummbein fauchend auf die Gepäckablage sprang. Luna lachte so hef-
tig, daß ihr das Heft aus der Hand und über die Beine zu Boden rutschte.
»Das war lustig!«
Ihre hervortretenden Augen schwammen in Tränen, sie schnappte
nach Luft und starrte Ron an. Völlig perplex wandte Ron sich den an-
deren zu, und die lachten nun über seinen Gesichtsausdruck und über
das lächerlich lange Gelächter von Luna Lovegood, die vor und zurück
wippte und sich die Seiten hielt.
»Willst du mich verulken?«, sagte Ron und sah sie ärgerlich an. »Pa-
vian…popo!«, keuchte sie und preßte die Hände gegen die Rippen.
Alle sahen Luna beim Lachen zu, aber Harry, der einen Blick auf das
Heft am Boden geworfen hatte, fiel plötzlich etwas auf und er bückte
sich flugs danach. Verkehrt herum gehalten war es schwierig gewesen,
auszumachen, wen das Bild auf der Titelseite darstellen sollte, doch
jetzt sah Harry, daß es sich um eine ziemlich schlechte Karikatur von
Cornelius Fudge handelte. Harry erkannte ihn nur dank des limonen-
grünen Bowlers. Fudge umklammerte mit der einen Hand einen Sack
188

Gold, mit der anderen würgte er einen Kobold. Der Text zu der Karika-
tur lautete: Wie weit wird Fudge gehen, um sich Gringotts zu sichern?
Darunter standen die Themen von weiteren Artikeln im Magazin auf-
gelistet.
Korruption in der Quidditch-Liga:
Wie die Tornados die Kontrolle übernehmen
Geheimnisse uralter Runen enthüllt
Sirius Black: Schurke oder Opfer?
»Kann ich da mal reinschauen?«, fragte Harry gespannt.
Luna, die immer noch Ron anstarrte und japste vor Lachen, nickte.
Harry schlug das Heft auf und überflog das Inhaltsverzeichnis. Bis zu
diesem Moment hatte er das Magazin, das Kingsley Mr. Weasley für Si-
rius mitgegeben hatte, völlig vergessen, doch es mußte diese Ausgabe
des Klitterers gewesen sein.
Er schlug die Seite mit dem Artikel auf und fing aufgeregt an zu lesen.
Auch dieser Text war mit einer ziemlich schlechten Karikatur bebil-
dert; tatsächlich wäre Harry nicht darauf gekommen, daß sie Sirius
darstellen sollte, wenn es nicht dabeigestanden hätte. Sirius stand mit
gezücktem Zauberstab auf einem Haufen menschlicher Knochen. Die
Überschrift des Artikels lautete:
SIRIUS BLACK –
SO SCHWARZ, WIE ER GEMALT WIRD?
Berüchtigter Massenmörder oder unschuldiges Sangeswunder?
Diesen ersten Satz mußte Harry mehrmals lesen, bis er sicher war, daß er
ihn nicht mißverstanden hatte. Seit wann war Sirius ein Sangeswunder?
Seit vierzehn Jahren gilt Sirius Black als verantwortlich für den Mas-
senmord an zwölf unschuldigen Muggeln und einem Zauberer. Blacks
waghalsige Flucht aus Askaban vor zwei Jahren löste die größte Fahn-
dung aus, die das Zaubereiministerium je in die Wege geleitet hat. Nie-
mand von uns hat jemals in Zweifel gestellt, daß er wieder gefangen
189

genommen und den Dementoren ausgehändigt werden muß. ABER
HAT ER DAS VERDIENT?In jüngster Zeit kamen sensationelle neue Hinweise ans Licht, wo-
nach Sirius Black die Verbrechen, für die er nach Askaban geschickt
wurde, vielleicht gar nicht begangen hat. Tatsächlich, so behauptet Do-
ris Purkiss aus Little Norton, Bärenklauweg achtzehn, war Black da-
mals womöglich überhaupt nicht am Tatort. »Die Leute wissen ja gar nicht, daß Sirius Black ein falscher Name
ist«, sagt Mrs. Purkiss. »Der Mann, den sie für Sirius Black halten, ist in
Wahrheit Stubby Boardman, Lead-Sänger der beliebten Gesangsgruppe
The Hobgoblins, der sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog, nach-
dem ihn vor fast fünfzehn Jahren bei einem Konzert im Gemeindehaus
von Little Norton eine Rübe am Ohr getroffen hatte. Ich hab ihn sofort
erkannt, als ich sein Bild in der Zeitung sah. Nun kann aber Stubby un-
möglich diese Verbrechen begangen haben, weil er an dem fraglichen
Tag zufällig ein romantisches Candlelight-Dinner mit mir genossen hat.
Ich habe an das Zaubereiministerium geschrieben und erwarte nun je-
den Tag, daß es sich bei Stubby alias Sirius umfassend entschuldigt.«
Harry hatte zu Ende gelesen und starrte ungläubig auf die Seite. Viel-
leicht ist es ein Witz, dachte er, vielleicht druckt das Magazin ja regel-
mäßig Enten. Er blätterte ein paar Seiten zurück und fand den Artikel
über Fudge.
Zaubereiminister Cornelius Fudge bestritt bei seiner Wahl vor fünf Jah-
ren, daß er irgendwelche Pläne zur Übernahme der Zaubererbank
Gringotts habe. Fudge hat immer betont, er wolle mit den Wächtern
unseres Goldes nichts weiter als »friedlich zusammenarbeiten«. ABER
STIMMT DAS? Dem Minister nahestehende Quellen enthüllten kürzlich, daß Fudg
e
vor Ehrgeiz brennt, die Goldvorräte der Kobolde unter seine Kontrolle
zu bringen, und daß er nicht zögern wird, wenn nötig auch Gewalt an-
zuwenden. »Das wäre übrigens nicht das erste Mal«, sagte ein Kenner des Mini-
steriums. »Cornelius ›Kobold-Killer‹ Fudge, so nennen ihn seine
190

Freunde. Wenn Sie ihn hören könnten in Momenten, da er sich sicher
glaubt, oh, andauernd redet er von den Kobolden, die er beseitigt hat;
er ließ sie ertränken, von Gebäuden stürzen, vergiften und zu Pasteten
verarbeiten …«
Harry hörte auf zu lesen. Fudge mochte viele Fehler haben, aber Harry
fiel es äußerst schwer, sich vorzustellen, er könnte befohlen haben, Ko-
bolde zu Pasteten zu verarbeiten. Er blätterte den Rest des Magazins
durch. Alle paar Seiten innehaltend, las er: eine Anschuldigung, daß
die Tutshill Tornados in der Quidditch-Liga durch eine Mischung aus
Erpressung, illegaler Besenmanipulation und Folter den Meistertitel
holen würden; ein Interview mit einem Zauberer, der behauptete, auf
einem Sauberwisch Sechs zum Mond geflogen zu sein, und zum Be-
weis dafür einen Sack voll Mondfrösche mitgebracht hatte; und einen
Artikel über uralte Runen, der zumindest erklärte, warum Luna den
Klitterer verkehrt herum gelesen hatte. Dem Magazin zufolge mußte
man die Runen nur auf den Kopf drehen, dann gaben sie angeblich ei-
nen Zauberspruch preis, der die Ohren eines jeden Feindes in Kum-
quats verwandelte. Tatsächlich war die Behauptung, Sirius könnte in
Wahrheit der Lead-Sänger der Hobgoblins sein, im Vergleich zu den
anderen Artikeln noch durchaus vernünftig zu nennen.
»Steht da was Brauchbares drin?«, fragte Ron, als Harry das Heft zu-
schlug.
»Natürlich nicht«, sagte Hermine verächtlich, noch bevor Harry ant-
worten konnte. »Der Klitterer ist totaler Mist, das weiß doch jeder.«
»Entschuldige mal«, sagte Luna; ihre Stimme hatte plötzlich den ver-
träumten Ton verloren. »Mein Vater ist der Chefredakteur.«
»Ich – oh«, stammelte Hermine peinlich berührt. »Nun, da sind ein
paar interessante … ich meine, er ist durchaus …«
»Ich möchte ihn gern zurückhaben, danke«, sagte Luna kalt, beugte
sich vor und riß Harry das Heft aus der Hand. Sie überschlug es bis
Seite siebenundfünfzig, drehte es entschlossen erneut auf den Kopf
und verschwand dahinter, genau in dem Moment, als sich die Abteiltür
zum dritten Mal öffnete.
191

Harry wandte den Blick zur Tür, er hatte damit gerechnet, aber das
machte den Anblick Draco Malfoys, wie er da zwischen seinen Kum-
peln Crabbe und Goyle stand und ihn anfeixte, nicht gerade erfreuli-
cher.
»Was gibt’s?«, sagte Harry angriffslustig, noch bevor Malfoy den
Mund aufmachen konnte.
»Benimm dich, Potter, oder ich muß dir eine Strafarbeit verpassen«,
sagte Malfoy genüßlich, der das glatte blonde Haar und das spitze
Kinn seines Vaters hatte. »Du siehst, daß ich im Gegensatz zu dir zum
Vertrauensschüler ernannt wurde, was heißt, daß ich im Gegensatz zu
dir die Befugnis habe, Strafen zu erteilen.«
»Ja«, sagte Harry, »aber du bist im Gegensatz zu mir ein Mistkerl,
also raus hier und laß uns in Ruhe.«
Ron, Hermine, Ginny und Neville lachten. Malfoys Lippen kräusel-
ten sich.
»Sag mal, wie fühlt man sich, wenn man Zweitbester nach Weasley
ist, Potter?«, fragte er.
»Halt die Klappe, Malfoy«, sagte Hermine scharf.
»Da scheine ich ja einen Nerv getroffen zu haben«, sagte Malfoy grin-
send. Ȇbrigens, sieh dich vor, Potter, weil ich dir auf den Fersen bleibe
wie ein Hund, falls du aus der Reihe tanzen solltest.«
»Raus hier!«, sagte Hermine und stand auf.
Malfoy kicherte und versetzte Harry noch einen bösartigen Blick,
dann ging er den Gang entlang davon und Crabbe und Goyle trampel-
ten hinter ihm drein. Hermine knallte die Abteiltür zu und drehte sich
zu Harry um. Sofort war ihm klar, daß auch sie gemerkt hatte, was
Malfoy gesagt hatte, und darüber nicht minder bestürzt war.
»Laß doch noch mal ’nen Frosch springen«, sagte Ron, der offensicht-
lich überhaupt nichts mitbekommen hatte.
Vor Neville und Luna konnte Harry nicht offen reden. Er tauschte
noch einen unruhigen Blick mit Hermine und starrte dann aus dem
Fenster.
Daß Sirius mit ihm zum Bahnhof gekommen war, hatte er für einen
kleinen Spaß gehalten, doch plötzlich kam es ihm leichtsinnig, wenn
nicht gar gefährlich vor … Hermine hatte Recht gehabt… Sirius hätte
192

ihn nicht begleiten sollen. Wenn nun Mr. Malfoy der schwarze Hund
aufgefallen war und er es Draco gesagt hatte? Wenn er nun den Schluß
gezogen hatte, daß die Weasleys, Lupin, Tonks und Moody wußten, wo
Sirius sich versteckt hielt? Oder hatte Malfoy nur rein zufällig die
Worte »wie ein Hund« gebraucht?
Es ging immer weiter nach Norden und das Wetter blieb unbestän-
dig. Mal benetzte halbherziger Regen die Fenster, dann wiederum
hatte die Sonne einen schwachen Auftritt, bis sie erneut von Wolken
verdeckt wurde. Als die Dunkelheit hereinbrach und die Lampen in
den Abteilen angingen, rollte Luna den Klitterer zusammen, verstaute
ihn bedächtig in ihrer Tasche und beschied sich fortan damit, ihre Mit-
reisenden anzustarren.
Harry hatte die Stirn ans Fenster gedrückt und versuchte einen ersten
Blick auf das ferne Hogwarts zu erhaschen, doch es war eine mondlose
Nacht und das Fenster, über das sich Regenschlieren zogen, war rußig.
»Wir sollten uns schon mal umziehen«, meinte Hermine schließlich.
Sie und Ron steckten sich gewissenhaft das Vertrauensschülerabzei-
chen an die Brust. Harry bemerkte, wie Ron im schwarzen Fenster sein
Spiegelbild prüfte.
Endlich verlangsamte der Zug seine Fahrt, und sie hörten gangauf
und gangab den üblichen Tumult losbrechen, als alle überstürzt ihr Ge-
päck und ihre Tiere zusammensuchten und sich zum Aussteigen be-
reitmachten.
Weil Ron und Hermine dies beaufsichtigen sollten, verschwanden sie
wieder aus dem Abteil und überließen es Harry und den anderen, sich
um Krummbein und Pigwidgeon zu kümmern.
»Ich trage diese Eule, wenn du willst«, sagte Luna zu Harry und
langte nach Pigwidgeon, während Neville Trevor vorsichtig in seine In-
nentasche steckte.
»Oh – ähm – danke«, sagte Harry, reichte ihr den Käfig und schloß
den von Hedwig fester in die Arme.
Sie drängten sich aus dem Abteil, und als sie sich in die Menge auf
dem Gang einreihten, spürten sie den ersten Hauch der Nachtluft auf
den Gesichtern. Langsam ging es voran zu den Türen. Harry konnte
die Kiefern riechen, die den Weg zum See hinunter säumten. Er trat auf
193

den Bahnsteig, sah sich um und lauschte nach dem vertrauten Ruf:
»Erstkläßler hier rüber … Erstkläßler …«Aber er kam nicht. Statt dessen rief eine ganz andere Stimme, eine
barsche Frauenstimme: »Erstkläßler hierher in eine Reihe, bitte! Alle
Erstkläßler zu mir!« Eine Laterne schwang auf Harry zu, und in ihrem Licht sah er das
markante Kinn und den strengen Haarschnitt von Professor Raue-Prit-
sche, der Hexe, die Hagrid letztes Jahr in Pflege magischer Geschöpfe
für eine Weile vertreten hatte. »Wo ist Hagrid?«, fragte er laut.
»Ich weiß nicht«, antwortete Ginny, »aber wir sollten uns mal hier
wegbewegen, wir versperren die Tür.« »Oh, ja …«
Harry und Ginny verloren einander , als sie über den Bahnsteig und
durch den Bahnhof gingen. Von der Menge hin und her geschubst, spähte
Harry durch die Dunkelheit nach ei nem Zeichen von Hagrid; er mußte
hier sein, Harry hatte fest mit ihm gerechnet – darauf, Hagrid wieder
zu-
sehen, hatte er sich am meisten gefreut. Doch keine Spur von ihm.
Er kann nicht fort sein, sagte sich Harry, während er im Strom der
Menge langsam durch eine enge Tür und hinaus auf die Straße
drängte. Er ist bloß erkältet oder so …
Er hielt Ausschau nach Ron und Hermine, weil er wissen wollte, was
sie davon hielten, daß Professor Raue-Pritsche wieder aufgetaucht war,
aber von den beiden war nichts zu sehen, und so ließ er sich die dunkle,
regennasse Straße vor dem Bahnhof von Hogsmeade entlangtreiben. Hier standen die rund hundert pferdelosen Kutschen, in denen die
Schüler ab der zweiten Klasse zum Schloß hochgebracht wurden. Harry
warf einen kurzen Blick auf sie, wandte sich ab, um weiter nach Ron und
Hermine Ausschau zu halten, stutzte und drehte sich wieder um.
Die Kutschen waren nicht mehr pferdelos. Zwischen den Deichseln
standen Kreaturen. Hätte er ihnen Namen geben müssen, dann hätte er
sie wohl Pferde genannt, obwohl sie auch Reptilien ähnelten. Sie waren
vollkommen fleischlos, ihre schwarzen Decken klebten an ihren Skelet-
ten, von denen jeder Knochen sichtbar war. Sie hatten drachenartige
Köpfe und ihre pupillenlosen Augen waren weiß und blickten starr.
194

Aus den Widerristen ragten Flügel – gewaltige schwarze ledrige Flügel,
die aussahen, als würden sie Riesenfledermäusen gehören. Grausig
und unheilbringend wirkten die Geschöpfe, wie sie da still und ruhig
in der Düsternis standen. Harry konnte nicht begreifen, warum die
Kutschen von diesen schaurigen Pferden gezogen wurden, wo sie sich
doch von allein bewegen konnten.»Wo ist Pig?«, sagte Rons Stimme direkt hinter Harry.
»Diese Luna trägt ihn«, antwortete Harry und wandte sich rasch um,
weil er unbedingt Ron nach Hagrid fragen wollte. »Wo, glaubst du, ist –«
»– Hagrid? Keine Ahnung«, sagte Ron mit besorgter Stimme. »Hof-
fentlich geht’s ihm gut…« Nicht weit von ihnen kam Draco Malfoy daher, gefolgt von einer klei-
nen Schar seiner Spießgesellen, darunter Crabbe, Goyle und Pansy Par-
kinson. Er stieß ein paar offensichtlich verängstigte Zweitkläßler aus
dem Weg, damit er und seine Freunde eine Kutsche für sich alle in be-
kamen. Sekunden später löste sich Hermine keuchend aus der Menge. »Malfoy war dahinten absolut geme in zu einem Erstkläßler. Ich
melde das, ich schwör ’s, jetzt hat er sein Abzeichen gerade mal drei Mi-
nuten und schon schikaniert er die Leute noch schlimmer als sonst …
Wo ist Krummbein?« »Ginny hat ihn«, sagte Harry. »Da ist sie …«
Ginny tauchte gerade aus der Menge auf, sie hielt den widerspensti-
gen Krummbein an sich geklammert. »Danke«, sagte Hermine und nahm Ginny den Kater ab. »Kommt,
wir nehmen uns zusammen eine Kutsche, bevor alle besetzt sind …« »Pig fehlt noch!«, sagte Ron, aber Hermine war schon auf dem Weg
zur nächsten freien Kutsche. Harry hielt sich hinter Ron. »Was, glaubst du, sind das für Wesen?«, fragte er Ron, während die
anderen Schüler an ihnen vorbeiwogten, und nickte zu den grausigen
Pferden hinüber. »Was für Wesen?«
»Diese Pferd…«
Luna erschien mit Pigwidgeons Käfi g in den Armen; wie immer zwit-
scherte die kleine Eule aufgeregt. »Da hast du ihn«, sagte sie. »Das ist ja ’ne süße kleine Eule, was?«
195

»Ähm … jaah … er ist schon in Ordnung«, sagte Ron schroff. »Also,
jetzt kommt, steigen wir ein … was wolltest du sagen, Harry?«
»Ich wollte wissen, was das für Pferdewesen sind«, sagte Harry, wäh-
rend er, Ron und Luna auf die Kutsche zugingen, in der bereits Her-
mine und Ginny saßen.
»Was für Pferdewesen?«
»Diese Pferdewesen, die die Kutschen ziehen!«, sagte Harry ungedul-
dig. Immerhin waren sie nur etwa einen Meter vom nächsten entfernt,
das sie mit leeren weißen Augen beobachtete. Ron allerdings sah Harry
verdutzt an.
»Wovon redest du eigentlich?«
»Wovon ich rede – mach doch mal die Augen auf!«
Harry packte Ron am Arm und wirbelte ihn herum, so daß er von
Angesicht zu Angesicht dem geflügelten Pferd gegenüberstand. Ron
starrte eine Sekunde lang unverwandt hin, dann drehte er sich zu
Harry um.
»Was soll ich bitte schön angucken?«
»Das – hier, zwischen den Deichseln! Vor die Kutsche gespannt! Di-
rekt da vor deiner –«
Doch während Ron weiterhin verwirrt dreinsah, ging Harry ein
merkwürdiger Gedanke durch den Kopf.
»Kannst du … kannst du sie nicht sehen?«
»Was denn sehen?«
»Kannst du nicht sehen, von wem die Kutschen gezogen werden?«
Ron sah jetzt ernstlich besorgt aus. »Alles in Ordnung mit dir,
Harry?«
»Ich … jaah …«
Harry war völlig bestürzt. Das Pferd stand zum Greifen nah vor ihm,
es schimmerte unverkennbar im schwachen Licht, das aus den Bahn-
hofsfenstern hinter ihnen drang, und stieß aus seinen Nüstern Dampf
in die kalte Nachtluft. Und doch, wenn Ron nicht flunkerte – und das
wäre ein ziemlich schlechter Scherz –, konnte er nichts davon sehen.
»Steigen wir jetzt ein, oder was?«, fragte Ron verunsichert und blickte
Harry an, als würde er sich Sorgen um ihn machen.
»Ja«, sagte Harry. »Ja, geh schon …«
196

»Alles in Ordnung«, sagte eine verträumte Stimme neben Harry, als
Ron ins dunkle Kutscheninnere verschwand. »Du wirst nicht verrückt
oder so. Ich kann sie auch sehen.«
»Wirklich?«, sagte Harry begierig und wandte sich zu Luna um. Er
sah, daß sich die Pferde mit ihren Fledermausflügeln in ihren weiten
silbrigen Augen spiegelten.
»O ja«, sagte Luna, »ich hab sie schon an meinem ersten Tag hier ge-
sehen. Die haben die Kutschen immer gezogen. Mach dir keine Sorgen.
Du bist genauso wenig verrückt wie ich.«
Mit einem matten Lächeln kletterte sie Ron hinterher in die muffige
Kutsche. Harry folgte ihr nicht sonderlich überzeugt.
197

Das neue Lied des Sprechenden Huts
Harry mochte den anderen nicht erzählen, daß Luna und er die gleiche
Halluzination hatten, wenn es denn eine war. So setzte er sich in die
Kutsche, schlug die Tür hinter sich zu und sagte kein Wort mehr über
die Pferde. Und dennoch sah er wie gebannt aus dem Fenster und be-
obachtete, wie sich ihre Silhouetten bewegten.
»Habt ihr die olle Raue-Pritsche gesehen?«, fragte Ginny. »Was hat
die hier unten eigentlich zu suchen? Hagrid kann doch nicht weg sein,
oder?«
»Da wär ich ganz froh drüber«, meinte Luna, »er ist kein guter Leh-
rer, findet ihr nicht auch?«
»Doch, ist er!«, erwiderten Harry, Ron und Ginny wütend.
Harry sah Hermine streng an. Sie räusperte sich und sagte rasch:
»Ähm … doch … er ist sehr gut.«
»Nun ja, wir in Ravenclaw halten ihn für ’ne Art Witzfigur«, sagte
Luna ungerührt.
»Dann ist euer Sinn für Humor eben zum Kotzen«, fauchte Ron, als
die Räder unter ihnen sich knarrend in Bewegung setzten.
Luna ließ sich durch Rons Grobheit offensichtlich nicht aus der Ruhe
bringen, im Gegenteil. Sie betrachtete ihn nur ein Weilchen wie eine
mäßig spannende Fernsehsendung.
Die Kutschenkolonne ratterte und schwankte den Weg hoch. Als sie
die hohen Steinsäulen mit den geflügelten Ebern zu beiden Seiten des
Tores passierten und auf das Schulgelände fuhren, beugte sich Harry
vor, um nachzusehen, ob in Hagrids Hütte am Verbotenen Wald Lich-
ter brannten, doch auf den Ländereien herrschte vollkommene Dunkel-
198

heit. Schloß Hogwarts jedoch rückte dräuend näher: ein hocha
ufragen-
des Massiv aus Türmen, pechschwarz gegen den dunklen Himmel,
und hie und da strahlte ein Fenster feuerhell in die Nacht hinaus.Die Kutschen hielten klirrend an der Steintreppe, die zu den Eichen-
portalen hinaufführte, und Harry stieg als Erster aus. Noch einmal
wandte er sich um und spähte nach einem beleuchteten Fenster am
Waldrand, doch aus Hagrids Hütte drang eindeutig kein Lebenszei-
chen. Widerwillig wandte er den Blick erneut den unheimlichen Ske-
lettgeschöpfen zu, die ruhig und mit leeren, schimmernd weißen Au-
gen in der kalten Nachtluft standen, denn halben Herzens hatte er ge-
hofft, sie wären verschwunden. Harry hatte schon einmal erlebt, daß er etwas sah, was Ron nicht se-
hen konnte, aber damals war es ein Spiegelbild gewesen, etwas viel
Ungreifbareres als hundert sehr handfest aussehende Tierwesen, die
stark genug waren, eine ganze Armada von Kutschen zu ziehen. Wenn
er Luna Glauben schenken konnte, dann waren diese Tiere, wenn auch
unsichtbar, immer schon da gewesen. Warum also konnte Harry sie
plötzlich sehen und Ron nicht? »Kommst du jetzt, oder wa s?«, sagte Ron neben ihm.
»Oh … ja«, gab Harry rasch zurück und sie schlossen sich den Scha-
ren an, die über die steinerne Treppe hoch ins Schloß eilten.
Die Eingangshalle stand in loderndem Fackellicht und hallte wider
vom Getrappel der Schüler, die den steingefliesten Boden nach rechts
überquerten, zur Flügeltür der Großen Halle hin, wo die Begrüßungs-
feier stattfand. Allmählich bevölkerten sich die vier langen Haustische unter dem
sternlosen schwarzen Himmel der Großen Halle, der genau dem Him-
mel glich, den sie durch die hohen Fenster noch erahnen konnten. Ker-
zen schwebten über den Tischen und warfen ihr Licht auf die hie und
da verteilten silbrigen Gespenster und auf die Gesichter der Schüler,
die eifrig Neuigkeiten über ihre Sommerferien austauschten, Freunden
aus anderen Häusern Grüße zuriefen und neue Haarschnitte und Um-
hänge mit flüchtigen Blicken bedachten. Wieder bemerkte Harry, daß
manche ihre Köpfe zusammensteckten und wisperten, wenn er vorbei-
199

ging; er biß die Zähne zusammen und tat so, als ob es ihm weder auf-
fiele noch etwas ausmachte.
Am Ravenclaw-Tisch trennte sich Luna von ihnen. Kaum hatten sie
den Tisch der Gryffindors erreicht, wurde Ginny lauthals von ein paar
anderen Viertkläßlern begrüßt und setzte sich zu ihnen. Harry, Ron,
Hermine und Neville fanden etwa in der Mitte des Tisches zusammen
Platz, zwischen dem Fast Kopflosen Nick, dem Hausgespenst der Gryf-
findors, und Parvati Patil und Lavender Brown, die Harry allzu lebhaft
und freundlich begrüßten, woraus er den sicheren Schluß zog, daß sie
noch einen kurzen Augenblick zuvor über ihn geredet hatten. Aller-
dings gab es Wichtigeres, worüber er sich Gedanken machte: Er spähte
über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg zum Lehrertisch,
der längs der Stirnseite der Halle aufgestellt war.
»Er ist nicht da.«
Auch Ron und Hermine suchten den Lehrertisch ab, obwohl es ei-
gentlich nicht nötig war; Hagrid war so groß, daß er in jeder Gruppe
sofort ins Auge fiel.
»Er kann doch nicht weg sein«, sagte Ron beklommen.
»Natürlich nicht«, sagte Harry entschieden.
»Ihr glaubt nicht, daß er … verletzt ist oder so?«, meinte Hermine be-
drückt.
»Nein«, erwiderte Harry sofort. »Aber wo ist er dann?«
Eine Pause trat ein, dann sagte Harry sehr leise, damit Neville, Par-
vati und Lavender es nicht hören konnten: »Vielleicht ist er noch nicht
zurück. Ihr wißt schon – sein Auftrag – was er den Sommer über für
Dumbledore erledigen sollte.«
»Jaah … ja, das wird’s sein«, sagte Ron und klang schon zuversichtli-
cher, aber Hermine biß sich auf die Lippe und ließ den Blick über den
Lehrertisch wandern, als hoffte sie eine schlüssige Erklärung für Ha-
grids Fehlen zu finden.
»Wer ist das denn?«, sagte sie spitz und deutete zur Mitte des Lehrer-
tisches.
Harry folgte ihren Augen. Sein Blick fiel zunächst auf Professor Dum-
bledore, der auf seinem goldenen hohen Lehnstuhl in der Mitte des
langen Lehrertisches saß, in einem dunkelvioletten Umhang, der mit
200

silbernen Sternen gesprenkelt war, und mit einem dazu passenden
Hut. Dumbledore hatte den Kopf seiner Nachbarin zugeneigt, die ihm
ins Ohr sprach. Sieht aus wie eine alte Jungfer, ging es Harry durch den
Kopf: untersetzt, mit kurzen, mausgrauen Locken, in die sie einen
fürchterlichen rosa Haarreif gesteckt hatte, passend zu der flaumigen
rosa Strickjacke, die sie über ihrem Umhang trug. Sie wandte leicht den
Kopf, um an ihrem Trinkkelch zu nippen, und erschrocken erkannte er
es wieder, das fahle, krötenartige Gesicht mit den hervorquellenden
Tr i e f a u g e n .
»Das ist diese Umbridge!«
»Wer?«, sagte Hermine.
»Die war bei meiner Anhörung dabei, sie arbeitet für Fudge!«
»Hübsche Strickjacke«, sagte Ron grinsend.
»Sie arbeitet für Fudge!«, wiederholte Hermine stirnrunzelnd. »Was
um Himmels willen hat sie dann hier zu suchen?«
»Weiß nicht …«
Hermine kniff die Augen zusammen und suchte den Lehrertisch ab.
»Nein«, murmelte sie, »nein, sicher nicht …«
Harry hatte keine Ahnung, wovon sie redete, fragte aber nicht da-
nach; sein Augenmerk war auf Professor Raue-Pritsche gerichtet, die
eben hinter dem Lehrertisch aufgetaucht war; sie drängte sich bis ganz
ans Ende durch und setzte sich auf den Platz, der eigentlich Hagrids
war. Also mußten die Erstkläßler den See überquert haben und im
Schloß angekommen sein, und tatsächlich, nach wenigen Augenblicken
öffnete sich die Tür zur Eingangshalle. In einer langen Reihe kamen die
verängstigt wirkenden Neulinge herein, angeführt von Professor
McGonagall, die einen Stuhl trug, auf dem ein alter Zauberhut lag, arg
geflickt und gestopft und mit einem breiten Riß über der ausgefransten
Krempe.
Das Stimmengewirr in der Großen Halle erstarb. Die Erstkläßler stell-
ten sich vor dem Lehrertisch auf, die Gesichter den anderen Schülern
zugewandt, während Professor McGonagall den Stuhl bedächtig vor
sie hinstellte und dann beiseite trat.
Die Gesichter der Neuen schimmerten bleich im Kerzenlicht. Ein klei-
ner Junge in der Mitte der Reihe schien zu zittern. Harry erinnerte sich
201

flüchtig, wie schrecklich es für ihn gewesen war, dort zu stehen und
auf die unbekannte Prüfung zu warten, die bestimmen sollte, zu wel-
chem Haus er gehörte.
Die ganze Schule wartete mit angehaltenem Atem. Dann öffnete sich
der Riß nahe der Hutkrempe weit wie ein Mund und der Sprechende
Hut begann zu singen:
In alter Zeit, als ich noch neu,
Hogwarts am Anfang stand,
Die Gründer unsrer noblen Schule
noch einte ein enges Band.
Sie hatten ein gemeinsam’ Ziel
Sie hatten ein Bestreben:
Die beste Zauberschule der Welt,
Und Wissen weitergeben.
»Zusammen wollen wir bau’n und lehr ’n!«
Das nahmen die Freunde sich vor.
Und niemals hätten die vier geahnt,
Daß ihre Freundschaft sich verlor.
Gab es so gute Freunde noch
Wie Slytherin und Gryffindor?
Es sei denn jenes zweite Paar
Aus Hufflepuff und Ravenclaw?
Weshalb ging dann dies alles schief,
Hielt diese Freundschaft nicht?
Nun, ich war dort und ich erzähl
Die traurige Geschicht’.
Sagt Slytherin: »Wir lehr ’n nur die
Mit reinstem Blut der Ahnen.«
Sagt Ravenclaw: »Wir aber lehr ’n,
Wo Klugheit ist in Bahnen.«
Sagt Gryffindor: »Wir lehr ’n all die,
Die Mut im Namen haben.«
Sagt Hufflepuff: »Ich nehm sie all’
Ohne Ansehen ihrer Gaben.«
202

Am Anfang gab es wenig Streit
Nur Unterschiede viele,
Denn jeder der vier Gründer hatte
Ein Haus für seine Ziele.
Sie holten sich, wer da gefiel;
So Slytherin nahm auf,
Wer Zauberer reinen Blutes war
Und listig obendrauf.
Und nur wer hellsten Kopfes war,
Der kam zu Ravenclaw.
Die Mutigsten und Kühnsten doch
Zum tapferen Gryffindor.
Den Rest nahm auf die Hufflepuff,
Tat allen kund ihr Wissen,
So standen die Häuser und die Gründer denn
In Freundschaft, nicht zerrissen.
In Hogwarts herrschte Friede nun
In manchen glücklichen Jahren,
Doch bald kam häßliche Zwietracht auf,
Aus Schwächen und Fehlern entfahren.
Die Häuser, die vier Säulen gleich
Einst unsre Schule getragen,
Sie sahen sich jetzt als Feinde an,
Wollten herrschen in diesen Tagen.
Nun sah es so aus, als sollte der Schule
Ein frühes Ende sein.
Durch allzu viele Duelle und Kämpfe
Und Stiche der Freunde allein.
Und schließlich brach ein Morgen an,
Da Slytherin ging hinfort.
Und obwohl der Kampf nun verloschen war,
Gab’s keinen Frieden dort.
Und nie, seit unsere Gründer vier
Gestutzt auf dreie waren,
Hat Eintracht unter den Häusern geherrscht,
203

Die sie doch sollten bewahren.
Nun hört gut zu dem Sprechenden Hut,
Ihr wißt, was euch beschieden:
Ich verteil euch auf die Häuser hier,
Wie’s mir bestimmt ist hienieden.
Ja, lauscht nur meinem Liede gut,
Dies Jahr werd ich weitergehen:
Zu trennen euch bin ich verdammt,
Doch könnt man’s als Fehler sehen.
Zwar muß ich meine Pflicht erfüllen
Und jeden Jahrgang teilen.
Doch wird nicht bald durch diese Tat
Das Ende uns ereilen?
Oh, seht das Verderben und deutet die Zeichen,
Die aus der Geschichte erstehen.
Denn unsere Schule ist in Gefahr,
Sie mag durch äußere Feinde vergehen.
Wir müssen uns stets in Hogwarts vereinen
Oder werden zerfallen von innen.
Ich hab’s euch gesagt, ich habe gewarnt …
Laßt die Auswahl nun beginnen.
Der Hut erstarrte wieder, Beifall brandete auf, aber zum ersten Mal, so-
weit sich Harry erinnern konnte, war dazwischen ein Murmeln und
Wispern zu hören. Überall in der Großen Halle tuschelten Schüler mit
ihren Nachbarn, und Harry, der wie alle anderen klatschte, wußte ge-
nau, worüber sie sprachen.
»Ist dieses Jahr ein bißchen abgeschweift, was?«, sagte Ron mit hoch-
gezogenen Augenbrauen.
»Und völlig zu Recht«, erwiderte Harry.
Der Sprechende Hut beschränkte sich normalerweise darauf, die unter-
schiedlichen Eigenschaften zu beschreiben, die von den vier Hogwarts-
Häusern verlangt wurden, und auf seine eigene Aufgabe, die Schüler
dementsprechend auf die Häuser zu verteilen. Harry konnte sich nicht
erinnern, daß der Hut je versucht hätte, der Schule einen Rat zu erteilen.
204

»Hat er eigentlich überhaupt schon mal eine Warnung ausgespro-
chen?«, fragte Hermine in leicht beunruhigtem Ton.
»Ja, in der Tat«, sagte der Fast Kopflose Nick wissend und lehnte sich
durch Neville zu ihr hinüber (Neville zuckte zusammen; es war nicht
gerade angenehm, wenn sich ein Geist durch einen hindurchlehnte).
»Der Hut hält es für seine Ehrenpflicht, die Schule geziemend zu war-
nen, wann immer er der Meinung ist –«
Aber Professor McGonagall, die Anstalten machte, die Liste mit den
Namen der Erstkläßler zu verlesen, versetzte den flüsternden Schülern
einen Blick von der vernichtenden Sorte. Der Fast Kopflose Nick legte
einen durchsichtigen Finger auf die Lippen und setzte sich wieder
stocksteif hin, als plötzlich das Gemurmel verstummte. Professor
McGonagall ließ den Blick noch einmal finster über die vier Haustische
schweifen, dann senkte sie die Augen auf ihr langes Stück Pergament
und rief laut den ersten Namen auf.
»Abercrombie, Euan.«
Der verängstigt wirkende Junge, der Harry schon aufgefallen war,
stolperte nach vorne und setzte sich den Hut auf; einzig seine weit ab-
stehenden Ohren verhinderten, daß er ihm sogleich auf die Schultern
rutschte. Der Hut überlegte einen Moment, dann öffnete sich der Riß
an der Krempe wieder und er verkündete: »Gryffindor!«
Harry klatschte laut mit den anderen Gryffindors, während Euan
Abercrombie an ihren Tisch getaumelt kam und sich setzte. Er machte
den Eindruck, als würde er am liebsten im Boden versinken und nie
wieder einen Blick auf sich ziehen wollen.
Allmählich dünnte die lange Reihe der Erstkläßler aus. In den Pausen
zwischen dem Aufrufen der Namen und den Entscheidungen des Spre-
chenden Huts konnte Harry Rons Magen laut rumoren hören. Schließ-
lich wurde »Zeller, Rose« dem Haus Hufflepuff zugeteilt, Professor
McGonagall nahm Hut und Stuhl und schritt mit ihnen davon, und
Professor Dumbledore erhob sich.
Bei aller Bitterkeit, die Harry in der letzten Zeit gegenüber seinem
Schulleiter gehegt hatte, fühlte er sich nun, da er Dumbledore vor ih-
nen allen stehen sah, einigermaßen besänftigt. Hagrid fehlte, dazu noch
diese Drachenpferde – das alles hatte ihm das Gefühl gegeben, seine
205

Rückkehr nach Hogwarts, die er so lange gespannt erwartet hatte, wäre
voll leidiger Überraschungen, gleich Mißtönen in einem vertrauten
Lied. Doch nun war es endlich so, wie es sein sollte: Ihr Schulleiter er-
hob sich, um sie alle beim Empfangsessen zu begrüßen.
»An unsere Neuen«, sagte Dumbledore mit schallender Stimme, die
Arme weit ausgebreitet und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen,
»willkommen! An unsere alten Hasen – willkommen zurück! Es gibt
eine Zeit, um Reden zu halten, aber dies ist sie nicht. Haut rein!«
Es gab anerkennendes Gelächter, und Beifall brandete auf, als sich
Dumbledore elegant setzte und sich den langen Bart über die Schulter
warf, damit er ihm beim Essen nicht in die Quere kam – denn aus dem
Nichts waren Speisen erschienen, und die fünf langen Tische ächzten
unter Braten und Pasteten und Schüsseln mit Gemüse, unter Brot und
Soßen und Krügen voll Kürbissaft.
»Klasse«, sagte Ron mit einem hungrigen Stöhnen, griff sich die
nächstbeste Platte mit Koteletts und fing an, seinen Teller zu beladen,
unter den wehmütigen Blicken des Fast Kopflosen Nick.
»Was haben Sie vorhin noch gesagt?«, fragte Hermine das Gespenst.
»Von wegen, daß der Sprechende Hut Warnungen ausspricht?«
»Oh, ja«, sagte Nick, offenbar froh über einen Grund, sich von Ron
abzuwenden, der inzwischen mit fast unanständiger Begeisterung Brat-
kartoffeln aß. »Ja, ich habe den Hut schon mehrmals Warnungen aus-
sprechen hören, immer zu Zeiten, da er große Gefahr für die Schule
spürte. Und natürlich lautete sein Rat immer gleich: Steht zusammen
und seid stark von innen heraus.«
»Ui gan ein ut wischn da di schuhe ingefah isch?«, sagte Ron.
Er hatte den Mund so voll, daß Harry sich wunderte, wie er es
schaffte, überhaupt einen Mucks von sich zu geben.
»Verzeihung, bitte?«, fragte der Fast Kopflose Nick höflich, während
Hermine angewidert dreinsah. Ron schluckte seinen gewaltigen Bissen
hinunter und sagte: »Wie kann ein Hut wissen, daß die Schule in Ge-
fahr ist?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte der Fast Kopflose Nick. »Immerhin
lebt er in Dumbledores Büro, also würde ich sagen, er schnappt dort
dies und jenes auf.«
206

»Und er will, daß alle Häuser untereinander befreundet sind?«, sagte
Harry und warf einen Blick hinüber zum Tisch der Slytherins, wo
Draco Malfoy Hof hielt. »Darauf kann er lange warten.«
»Nun, also, du solltest dir diese Haltung nicht zu eigen machen«,
sagte Nick vorwurfsvoll. »Friedliche Zusammenarbeit, das ist die De-
vise. Wir Gespenster pflegen freundschaftliche Bande, auch wenn wir
zu unterschiedlichen Häusern gehören. Trotz der Konkurrenz zwi-
schen Gryffindor und Slytherin würde ich nicht im Traum daran den-
ken, Streit mit dem Blutigen Baron zu suchen.«
»Nur weil Sie schreckliche Angst vor ihm haben«, entgegnete Ron.
Der Fast Kopflose Nick schien höchst entrüstet.
»Angst? Ich hoffe doch, daß ich, Sir Nicholas de Mimsy-Porpington,
mich während meines ganzen Lebens nie der Feigheit schuldig ge-
macht habe! Das edle Blut, das in meinen Adern fließt –«
»Welches Blut?«, fragte Ron. »Sie haben doch ganz bestimmt kein –?«
»Das ist eine Redensart!«, sagte der Fast Kopflose Nick, inzwischen so
verärgert, daß sein Kopf auf seinem nicht ganz durchtrennten Hals be-
drohlich zitterte. »Ich nehme an, es ist mir immer noch erlaubt, jedwede
Worte zu gebrauchen, die mir belieben, selbst wenn mir die Genüsse des
Essens und Trinkens versagt bleiben! Aber sei versichert, ich bin durch-
aus an Schüler gewöhnt, die sich über meinen Tod lustig machen!«
»Nick, er hat Sie wirklich nicht ausgelacht!«, sagte Hermine und warf
Ron einen zornigen Blick zu.
Unglücklicherweise war Rons Mund schon wieder gestopft voll und
alles, was er herausbrachte, war ein »Nö isch wollschi nisch feraaschn«,
was Nick offenbar nicht als angemessene Entschuldigung zu würdigen
bereit war. Er erhob sich in die Luft, rückte seinen Federhut zurecht
und entschwebte zum anderen Ende des Tisches, wo er sich zwischen
den Creevey-Brüdern Colin und Dennis niederließ.
»Na toll, Ron«, fauchte Hermine,
»Was?«, sagte Ron entrüstet, der es endlich geschafft hatte, seinen
Bissen hinunterzuschlucken. »Darf man hier nicht mal einfache Fragen
stellen?«
»Ach, vergiß es«, erwiderte Hermine ärgerlich und den Rest des Es-
sens verbrachten die beiden in gekränktem Schweigen.
207

Harry kannte ihr Gekabbel nur zu gut und mühte sich gar nicht erst,
sie zu versöhnen; er hatte das Gefühl, seine Zeit besser zu nutzen, in-
dem er ordentlich Steak-und-Nieren-Pastete futterte und anschließend
einen großen Teller mit seiner Lieblings-Siruptorte verschlang.
Als alle Schüler mit dem Essen fertig waren und der Lärm in der
Halle allmählich wieder anschwoll, erhob sich Dumbledore erneut. Die
Unterhaltungen verstummten schlagartig und alle wandten sich dem
Schulleiter zu. Harry fühlte sich inzwischen angenehm dösig. Sein
Himmelbett wartete irgendwo da oben auf ihn, wunderbar warm und
weich …
»Nun, jetzt, da wir alle ein weiteres herrliches Festessen verdauen,
bitte ich für einige Momente um eure Aufmerksamkeit für die üblichen
Bemerkungen zum Schuljahrsbeginn«, sagte Dumbledore. »Die Erst-
kläßler sollten wissen, daß der Wald auf dem Schloßgelände für Schü-
ler verboten ist – und einige unserer älteren Schüler sollten es inzwi-
schen auch wissen.« (Harry, Ron und Hermine tauschten ein künstli-
ches Lächeln.)
»Mr. Filch, der Hausmeister, hat mich, wie er sagt, zum vierhundert-
zweiundsechzigsten Mal gebeten, euch daran zu erinnern, daß Zaube-
rei zwischen den Unterrichtsstunden auf den Gängen nicht erlaubt ist,
ebenso wenig wie eine Reihe anderer Dinge, die alle auf der erschöp-
fenden Liste nachzulesen sind, die jetzt an Mr. Filchs Bürotür hängt.
Dieses Jahr haben wir zwei Veränderungen im Kollegium. Wir freuen
uns sehr, Professor Raue-Pritsche erneut willkommen zu heißen, die
Pflege magischer Geschöpfe unterrichten wird; wir freuen uns eben-
falls, Professor Umbridge vorstellen zu können, unsere neue Lehrerin
für Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
Es gab höflichen, wenn auch kaum begeisterten Beifall und Harry,
Ron und Hermine warfen sich leicht panische Blicke zu; Dumbledore
hatte nicht gesagt, wie lange Raue-Pritsche unterrichten würde.
Dumbledore fuhr fort: »Auswahlspiele für die Quidditch-Mannschaf-
ten der Häuser finden statt am –«
Er unterbrach sich und sah Professor Umbridge fragend an. Da sie im
Stehen nicht viel größer war als im Sitzen, begriff einen Moment lang
niemand, warum Dumbledore aufgehört hatte zu reden, doch dann
208

räusperte sich Professor Umbridge, »chrm, chrm«, und es war klar, daß
sie aufgestanden war und die Absicht hatte, eine Rede zu halten. Dumbledore wirkte nur einen Moment lang verdutzt, dann setzte er
sich munter und sah Professor Umbridge aufmerksam an, als ob er sich
nichts sehnlicher wünschte, als ihrem Vortrag zu lauschen. Andere Mit-
glieder des Kollegiums konnten ihre Überraschung nicht so geschickt
verbergen. Professor Sprouts Augenbrauen waren in ihrem zerzausten
Haar verschwunden und Professor McGonagalls Mund war so dünn-
lippig, wie ihn Harry noch nie gesehen hatte. Niemals zuvor hatte ein
neuer Lehrer Dumbledore unterbrochen. Viele Schüler grinsten; diese
Frau wußte offensichtlich nicht, wie es in Hogwarts zuging. »Danke, Direktor«, sagte Professor Umbridge geziert, »für diese
freundlichen Willkommensworte.«
Sie hatte eine hohe, hauchzarte Kleinmädchenstimme, und Harry
spürte erneut eine mächtige Woge der Abneigung, die er sich nicht erklä-
ren konnte; er wußte nur, daß er alles an ihr verabscheute, von ihrer al-
bernen Stimme bis zu ihrer flauschigen rosa Strickjacke. Erneut ließ sie
ein kleines hüstelndes Räuspern hören
( chrm, chrm ), dann fuhr sie fort.
»Nun, es ist wunderbar, wieder in Hogwarts zu sein, muß ich sagen!«
Sie lächelte und offenbarte dabei sehr spitze Zähne. »Und solch glückli-
che kleine Gesichter zu mir aufblicken zu sehen!« Harry ließ den Blick umherschweifen. Keines der Gesichter, die er se-
hen konnte, wirkte glücklich. Im Ge genteil, sie wirkten eher verblüfft,
wie Fünfjährige angesprochen zu werden. »Ich freue mich sehr darauf, Sie alle kennenzulernen, und ich bin si-
cher, wir werden sehr gute Freunde werden!«
Die Schüler sahen sich verwundert an, manche unterdrückten kaum
noch ein Grinsen. »Meinetwegen bin ich ihre Freundin, solange ich mir diese Strick-
jacke nicht ausleihen muß«, wisperte Parvati Lavender zu und beide
brachen in stummes Kichern aus.
Professor Umbridge räusperte sich erneut ( chrm, chrm), doch als sie
fortfuhr, war ihre Stimme nicht mehr ganz so zart. Sie klang weitaus
geschäftsmäßiger und ihre Worte hatten jetzt einen drögen Ton, als
würde sie etwas auswendig Gelerntes vortragen.
209

»Das Zaubereiministerium hat der Ausbildung junger Hexen und
Zauberer immer die größte Bedeutung beigemessen. Die seltenen Ga-
ben, die Sie von Geburt an besitzen, könnten verkümmern, wenn wir
sie nicht durch sorgfältige Anleitung fördern und hegen würden. Die
uralten Fähigkeiten, die der Gemeinschaft der Zauberer vorbehalten
sind, müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden,
wenn wir sie nicht für immer verlieren wollen. Der Schatz magischen
Wissens, den unsere Vorfahren zusammengetragen haben, muß be-
wahrt, erweitert und vertieft werden von jenen, die zum ehrenvollen
Dienst des Lehrers berufen sind.«
Hier legte Professor Umbridge eine Pause ein und machte eine kleine
Verbeugung hin zu ihren Kollegen, von denen keiner sie erwiderte.
Professor McGonagalls dunkle Augenbrauen hatten sich dermaßen zu-
sammengezogen, daß sie nun eindeutig wie ein Falke wirkte, und
Harry sah deutlich, wie sie mit Professor Sprout einen vielsagenden
Blick tauschte. Umbridge ließ wiederum ein leises Chrm, chrm hören
und fuhr mit ihrer Rede fort:
»Jeder Schulleiter, jede Schulleiterin von Hogwarts hat etwas Neues
zu der schweren Aufgabe beigetragen, diese geschichtsträchtige Schule
zu führen, und das ist auch gut so, denn ohne Fortschritt treten Still-
stand und Verfall ein. Und doch muß dem Fortschritt um des Fort-
schritts willen eine Absage erteilt werden, denn häufig bedürfen unsere
erprobten und bewährten Traditionen nicht des Herumstümperns. Ein
Gleichgewicht also zwischen Altem und Neuem, zwischen Dauer und
Wandel, zwischen Tradition und Innovation …«
Harry spürte, daß seine Aufmerksamkeit verebbte, daß sein Denken
sich abwechselnd trübte und wieder schärfte. Die Stille, die stets den
Raum beherrschte, wenn Dumbledore sprach, verflog, seine Mitschüler
steckten flüsternd und kichernd die Köpfe zusammen. Drüben am Ra-
venclaw-Tisch plauderte Cho Chang angeregt mit ihren Freundinnen.
Ein paar Plätze von Cho entfernt hatte Luna Lovegood erneut ihren
Klitterer herausgeholt. Am Hufflepuff-Tisch indes war Ernie Macmillan
einer der wenigen, die immer noch Professor Umbridge anstarrten,
wenn auch mit glasigen Augen, und Harry war sicher, daß er nur so
210

tat, als würde er zuhören, ganz bestrebt, dem neuen Vertrauensschü-
lerabzeichen, das auf seiner Brust schimmerte, gerecht zu werden.
Professor Umbridge schien die Unruhe im Publikum nicht wahrzu-
nehmen. Harry hatte den Eindruck, eine ausgewachsene Randale hätte
direkt vor ihrer Nase losbrechen können und sie hätte ihre Rede weiter
durchgezogen. Die Lehrer jedoch lauschten immer noch sehr aufmerk-
sam, und Hermine schien jedes von Professor Umbridges Worten ein-
zusaugen, auch wenn sie, ihrer Miene nach zu schließen, überhaupt
nicht nach ihrem Geschmack waren.
»… weil manche Änderungen zum Besseren ausschlagen, während
andere im Urteil der Geschichte sich als Fehlentscheidungen erweisen
werden. Desgleichen werden manche alten Gewohnheiten bewahrt
werden, und das ganz zu Recht, während andere, veraltet und über-
holt, aufgegeben werden müssen. Gehen wir also voran in eine neue
Ära der Offenheit, der Effizienz und der Verantwortlichkeit, bestrebt,
das zu bewahren, was bewahrenswert ist, zu vervollkommnen, was
vervollkommnet werden muß, und zu säubern, wo wir Verhaltenswei-
sen finden, die verboten gehören.«
Sie setzte sich. Dumbledore klatschte. Die Lehrer folgten seinem Bei-
spiel, allerdings fiel Harry auf, daß einige von ihnen ihre Hände nur
ein- oder zweimal zusammenschlugen und dann innehielten. Ein paar
wenige Schüler schlossen sich dem Beifall an, doch die meisten, die
nicht mehr als einige Worte lang zugehört hatten, waren vom Ende der
Rede überrascht worden, und bevor sie ordentlich applaudieren konn-
ten, hatte sich Dumbledore bereits wieder erhoben.
»Ich danke Ihnen vielmals, Professor Umbridge, das war eine höchst
aufschlußreiche Rede«, sagte er und verbeugte sich vor ihr. »Nun, wie
gesagt, die Quidditch-Auswahlspiele finden statt am …«
»Ja, das war wirklich aufschlußreich«, sagte Hermine mit gedämpfter
Stimme.
»Willst du sagen, du fandest sie gut?«, fragte Ron leise und wandte
sich mit trüben Augen Hermine zu. »Das war so ziemlich die langwei-
ligste Rede, die ich je gehört habe, und ich bin immerhin mit Percy auf-
gewachsen.«
211

»Ich hab gesagt aufschlußreich, nicht gut«, sagte Hermine. »Sie hat vie-
les erklärt.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry überrascht. »Mir kam’s vor wie ein Hau-
fen Geschwafel.«
»In dem Geschwafel waren einige wichtige Hinweise versteckt«,
sagte Hermine grimmig.
»Wirklich?«, sagte Ron mit ratloser Miene.
»Was ist mit: ›Dem Fortschritt um des Fortschritts willen muß eine
Absage erteilt werden‹? Oder mit: ›Säubern, wo wir Verhaltensweisen
finden, die verboten gehören‹?«
»Naja, was soll das heißen?«, sagte Ron ungeduldig.
»Ich will dir erklären, was das heißt«, sagte Hermine unheilvoll. »Das
heißt, das Ministerium mischt sich in Hogwarts ein.«
Ringsum begann ein großes Stühlerücken und Fußgetrappel; offen-
bar hatte Dumbledore die Feier aufgelöst, denn alle standen auf und
machten sich bereit, die Halle zu verlassen. Hermine sprang hoch, in
heller Aufregung.
»Ron, wir müssen den Erstkläßlern den Weg zeigen!«
»Ach ja«, sagte Ron, der es offensichtlich vergessen hatte. »Hey – hey,
ihr da! Ihr Knirpse!«
»Ron!«
»Naja, das sind sie doch, Winzlinge …«
»Das weiß ich, aber du kannst sie nicht Knirpse nennen! –
Erstkläßler!«, rief Hermine gebieterisch über den Tisch hinweg. »Hier
lang, bitte!«
Eine Gruppe von Neulingen ging schüchtern zwischen dem Gryf-
findor- und dem Hufflepuff-Tisch hindurch, alle äußerst bemüht, auf
keinen Fall als Anführer dazustehen. Tatsächlich schienen sie sehr
klein; Harry war sich sicher, daß er nicht so jung gewirkt hatte, als er
hier angekommen war. Er grinste ihnen zu. Ein blonder Junge neben
Euan Abercrombie schien vor Schreck zu erstarren; er stupste Euan an
und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Euan Abercrombie war offenbar nicht
minder erschrocken und warf Harry einen angsterfüllten Blick zu.
Harry spürte das Grinsen von seinem Gesicht tröpfeln wie Stinksaft.
212

»Bis später dann«, sagte er zu Ron und Hermine und verließ allein
die Große Halle, er war entschlossen, unterwegs nicht mehr auf Geflü-
ster, Gestarre und auf ihn deutende Finger zu achten. Er blickte stur ge-
radeaus und schlängelte sich durch die Menge in der Eingangshalle,
dann eilte er die Marmortreppe hoch, nahm ein paar verborgene Ab-
kürzungen und hatte bald das größte Gedränge hinter sich gelassen.
Es war dumm von ihm gewesen, nicht mit so etwas zu rechnen, über-
legte er zornig, während er durch die viel ruhigeren Korridore in den
oberen Stockwerken ging. Natürlich starrten ihn alle an; er war zwei
Monate zuvor aus dem Trimagischen Irrgarten aufgetaucht, die Leiche
eines Mitschülers an sich gepreßt, und hatte behauptet, er habe Lord
Voldemort an die Macht zurückkehren sehen. Im vergangenen Schul-
jahr war keine Zeit gewesen, alles zu erklären, bevor sie nach Hause ge-
fahren waren – selbst wenn er sich imstande gefühlt hätte, der ganzen
Schule einen genauen Bericht über die schrecklichen Ereignisse auf je-
nem Friedhof zu liefern.
Harry hatte das Ende des Korridors zum Gemeinschaftsraum der
Gryffindors erreicht und blieb vor dem Porträt der fetten Dame stehen,
da fiel ihm ein, daß er das neue Paßwort nicht kannte.
»Ähm …«, sagte er verdrießlich und starrte zur fetten Dame hoch, die
die Falten ihres rosa Seidenkleides glatt strich und seinen Blick streng
erwiderte.
»Kein Paßwort, kein Zutritt«, sagte sie hochmütig.
»Harry, ich weiß es!« Jemand keuchte von hinten auf ihn zu, und als
er sich umwandte, sah er Neville herantraben. »Rat mal, wie es heißt!
Ich kann’s mir nämlich endlich mal merken –« Er fuchtelte mit dem
mickrigen Kaktus, den er ihnen im Zug gezeigt hatte. »Mimbulus mim-
beltonia!«
»Richtig«, sagte die fette Dame, und ihr Porträt schwang ihnen entge-
gen wie eine Tür und gab den Blick auf ein rundes Loch in der Wand
dahinter frei, durch das Harry und Neville jetzt kletterten.
Der Gemeinschaftsraum der Gryffindors, der unverändert gastlich
wirkte, war ein behagliches rundes Turmzimmer voll zerschlissener
knuddliger Sessel und wackliger alter Tische. Im Kamin prasselte ein
munteres Feuer und ein paar Schüler wärmten sich daran die Hände,
213

bevor sie zu ihren Schlafsälen hinaufstiegen; auf der anderen Seite des
Zimmers pinnten Fred und George Weasley etwas an das schwarze
Brett. Harry wünschte ihnen mit einer Handbewegung gute Nacht und
ging flugs auf die Tür zum Jungenschlafsaal zu; momentan war ihm
nicht sonderlich nach Gesprächen zumute. Neville folgte ihm.Dean Thomas und Seamus Finnigan waren schon im Schlafsaal und
gerade dabei, Poster und Fotos an die Wände neben ihren Betten zu
hängen. Sie hatten sich unterhalten, als Harry die Tür öffnete, ver-
stummten aber jäh, kaum daß sie ihn sahen. Harry fragte sich, ob sie
über ihn geredet hatten, und gleich darauf, ob er unter Verfolgungs-
wahn litt. »Hi«, sagte er, ging hinüber zu seinem Koffer und öffnete ihn.
»Hey, Harry«, sagte Dean, der sich gerade seinen Pyjama in den Far-
ben von West Ham anzog. »Schöne Ferien gehabt?«
»Ging so«, murmelte Harry, da ein wahrheitsgetreuer Bericht über
seine Ferien den größten Teil der Nacht in Anspruch genommen hätte
und er dazu keine Lust hatte. »Und du?« »Ja, war okay«, kicherte Dean. »B esser als bei Seamus jedenfalls, er
hat’s mir gerade erzählt.« »Warum, was ist passiert, Seamus?«, fragte Neville und stellte den
Mimbulus mimbeltonia liebevoll auf sein Nachtschränkchen.
Seamus antwortete nicht gleich; zunächst sorgte er penibel dafür, daß
sein Quidditch-Poster der Kenmare Kestrels auch ja gerade hing. Dann
sagte er, Harry immer noch den Rücken zugekehrt: »Meine Mum
wollte nicht, daß ic h wieder zurückkomme.«
»Was?«, sagte Harry und hielt beim Ausziehen seines Umhangs inne.
»Sie wollte nicht, daß ich nach Hogwarts zurückkomme.« Seamus wandte sich von seinem Poster ab und zog seinen Schlafan-
zug aus dem Koffer, noch immer ohne Harry anzusehen.
»Aber – wieso?«, sagte Harry erstaunt. Er wußte, daß Seamus’ Mutter
eine Hexe war, deshalb konnte er nicht verstehen, warum sie sich so
wie die Dursleys aufgeführt hatte.
Seamus antwortete erst, als er seinen Schlafanzug ganz zugeknöpft
hatte. »Nun ja«, sagte er in gemessenem Ton, »ich vermute … wegen dir.«
»Was soll das heißen?«, fragte Harry rasch.
214

Sein Herz schlug ziemlich schnell. Er hatte das vage Gefühl, als ob et-
was bedrohlich auf ihn zunicken würde.
»Nun ja«, sagte Seamus wieder und mied weiterhin Harrys Blick, »sie
… ähm … nun ja, es ist nicht nur wegen dir, auch wegen Dumbledore …«
»Sie glaubt dem Tagespropheten?«, sagte Harry. »Sie denkt, ich sei ein
Lügner und Dumbledore ein alter Narr?«
Seamus blickte zu ihm auf. »Ja, so ungefähr.«
Harry schwieg. Er warf seinen Zauberstab auf den Nachttisch, zog
seinen Umhang aus, stopfte ihn zornig in den Koffer und schlüpfte in
seinen Pyjama. Es widerte ihn an; er hatte es satt, der zu sein, der ange-
starrt wurde und über den man die ganze Zeit redete. Wenn nur einer
von ihnen wüßte, wenn nur einer die leiseste Ahnung hätte, wie es war,
wenn einem all diese Dinge passierten … Mrs. Finnigan, schoß es ihm
wutentbrannt durch den Kopf, diese dumme Frau, sie hatte doch keine
Ahnung.
Er stieg ins Bett und wollte gerade die Vorhänge zuziehen, als Sea-
mus sagte: »Hör mal… was ist denn jetzt in dieser Nacht passiert, als
… du weißt schon, als … das mit Cedric Diggory und so?«
Seamus klang nervös und wißbegierig zugleich. Dean, der sich über
seinen Koffer gebeugt hatte und einen Pantoffel herauszuklauben ver-
suchte, wurde merkwürdig still, und Harry wußte, daß er mit gespitz-
ten Ohren lauschte.
»Was willst du von mir?«, erwiderte Harry. »Warum liest du nicht
einfach den Tagespropheten wie deine Mutter? Da steht alles drin, was
du wissen mußt.«
»Hör auf, meine Mutter zu beleidigen«, fauchte Seamus.
»Ich beleidige jeden, der mich einen Lügner nennt«, entgegnete
Harry.
»So redest du nicht mit mir!«
»Ich red mit dir, wie es mir paßt«, sagte Harry und seine Wut kochte
so schnell hoch, daß er seinen Zauberstab vom Nachttisch schnappte.
»Wenn du ein Problem damit hast, daß du mit mir in einem Schlafsaal
bist, dann geh und frag McGonagall, ob du umziehen kannst … dann
braucht sich deine Mami keine Sorgen mehr zu machen –«
»Laß meine Mutter aus dem Spiel, Potter!«
215

»Was ist hier los?«
Ron stand in der Tür. Er hatte die Augen aufgerissen und sah von
Harry, der auf dem Bett kniete und mit dem Zauberstab auf Seamus
zielte, zu Seamus, der mit erhobenen Fäusten dastand.
»Er beleidigt meine Mutter!«, rief Seamus.
»Was?«, sagte Ron. »Das würde Harry nie tun – wir haben deine
Mutter kennen gelernt, wir fanden sie ganz nett …«
»Da hat sie noch nicht jedes Wort geglaubt, das dieser stinkende Ta-
gesprophet über mich schreibt!«, sagte Harry laut.
»Oh«, sagte Ron und allmählich begann es auf seinem sommerspros-
sigen Gesicht zu dämmern. »Oh … verstehe.«
»Weißt du was?«, erhitzte sich Seamus und versetzte Harry einen gif-
tigen Blick. »Er hat Recht, ich will nicht mehr in einem Schlafsaal mit
ihm sein, er ist verrückt.«
»Das ist voll daneben, Seamus«, sagte Ron, dessen Ohren inzwischen
rot glühten – immer ein Zeichen von Gefahr.
»Voll daneben, ja?«, rief Seamus, der im Gegensatz zu Ron bleich
wurde. »Du glaubst den ganzen Käse, den er über Du-weißt-schon-wen
erzählt hat, du meinst, er sagt die Wahrheit?«
»Ja, allerdings!«, sagte Ron zornig.
»Dann bist du auch verrückt«, sagte Seamus verächtlich.
»Jaah? Tja, Pech für dich, Mann, daß ich zufällig auch Vertrauens-
schüler bin!«, sagte Ron und stupste sich mit dem Finger auf die Brust.
»Also paß auf, was du sagst, außer du willst Strafarbeiten verpaßt krie-
gen!«
Seamus schaute ein paar Sekunden lang drein, als wären Strafarbei-
ten ein annehmbarer Preis dafür, sagen zu können, was ihm durch den
Kopf ging; aber dann drehte er sich mit einem verächtlichen Schnauben
auf dem Absatz um, hechtete ins Bett und zog die Vorhänge mit sol-
cher Wut zu, daß sie abrissen und zu einem staubenden Haufen auf
den Boden niedersanken. Ron blickte Seamus böse an, dann wandte er
sich Dean und Neville zu.
»Hat noch jemand Eltern, die ein Problem mit Harry haben?«, sagte
er angriffslustig.
216

»Meine Eltern sind Muggel, Alter«, sagte Dean achselzuckend. »Die
wissen gar nichts von irgendwelchen Toten in Hogwarts, weil ich nicht
so blöd bin und es ihnen auch noch erzähle.«
»Du kennst meine Mutter nicht, die quetscht alles aus jedem raus!«,
fauchte ihn Seamus an. »Außerdem kriegen deine Eltern nicht den Ta-
gespropheten. Die wissen gar nicht, daß unser Schulleiter aus dem
Zaubergamot und aus der Internationalen Zauberervereinigung raus-
geschmissen wurde, weil er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat –«
»Meine Omi sagt, das ist Kokolores«, meldete sich Neville zu Wort.
»Sie sagt, es ist der Tagesprophet, der den Bach runtergeht, und nicht
Dumbledore. Sie hat ihr Abo gekündigt. Wir glauben Harry«, sagte er
schlicht. Er stieg ins Bett, zog die Decke hoch bis ans Kinn und äugte
wie eine Eule zu Seamus hinüber. »Meine Omi hat immer gesagt, Du-
weißt-schon-wer wird eines Tages zurückkommen. Sie glaubt, wenn
Dumbledore sagt, er ist zurück, dann ist er auch zurück.«
Harry spürte einen jähen Anflug von Dankbarkeit gegenüber Neville.
Niemand sonst sagte ein Wort. Seamus holte seinen Zauberstab hervor,
reparierte die Bettvorhänge und verschwand hinter ihnen. Dean legte
sich ins Bett, drehte sich um und schwieg. Neville, der offenbar auch
nichts weiter zu sagen hatte, betrachtete zärtlich seinen mondbeschie-
nenen Kaktus.
Harry lehnte sich in seine Kissen zurück, während Ron am Nachbar-
bett damit beschäftigt war, seine Sachen zu verstauen. Der Streit mit
Seamus, den er immer sehr gemocht hatte, hatte Harry erschüttert. Wie
viele Leute würden ihm noch unterstellen, er würde lügen oder sei
durchgeknallt?
Hatte auch Dumbledore den ganzen Sommer über so gelitten, als ihn
erst der Zaubergamot, dann die Internationale Zauberervereinigung aus
ihren Reihen verstoßen hatten? War es vielleicht Zorn auf Harry, der
Dumbledore seit Monaten davon abhielt, mit ihm Kontakt aufzunehmen?
Schließlich waren sie beide in diese Sache verstrickt; Dumbledore hatte
Harry geglaubt, der ganzen Schule seine Version der Ereignisse mitgeteilt
und dann der gesamten Zaubererschaft. Jeder, der Harry für einen Lüg-
ner hielt, mußte auch Dumbledore für einen Lügner halten oder aber
glauben, daß man Dumbledore hinters Licht geführt hatte …
217

Eines Tages werden sie wissen, daß wir Recht hatten, dachte Harry
niedergeschlagen, als Ron ins Bett stieg und die letzte Kerze im Schlaf-
saal löschte. Doch er fragte sich, wie viele Angriffe ähnlich dem von Se-
amus er noch aushalten mußte, bevor dieser Tag kam.
218

Professor Umbridge
Am nächsten Morgen schlüpfte Seamus in Windeseile in seine Sachen
und verließ den Schlafsaal, noch bevor Harry seine Socken angezogen
hatte.
»Glaubt der vielleicht, er dreht durch, wenn er zu lange mit mir in ei-
nem Zimmer steckt?«, fragte Harry laut, kaum daß Seamus’ Umhang-
saum zur Tür hinausgeflattert war.
»Mach dir deswegen keine Gedanken, Harry«, murmelte Dean und
schwang sich die Schultasche über die Schulter, »er ist nur …«
Doch offenbar war er nicht imstande, genau zu sagen, was mit Seamus
los war, und nach einer etwas peinlichen Pause folgte er ihm hinaus.
Neville und Ron versetzten Harry einen Ist-sein-Problem-und-nicht-
deins-Blick, was Harry jedoch kaum tröstete. Wie oft würde er so etwas
noch ertragen müssen?
»Was ist los?«, fragte Hermine fünf Minuten später, als sie alle auf
dem Weg zum Frühstück waren und sie mitten im Gemeinschaftsraum
auf Harry und Ron traf. »Du siehst total – oh, um Himmels willen.«
Sie starrte auf das schwarze Brett im Gemeinschaftsraum, wo eine
große neue Mitteilung hing.
TONNENWEISE GALLEONEN!
Will das Taschengeld nicht mit deinen Ausgaben Schritt halten?
Willst du ein wenig Gold nebenher verdienen?
Melde dich bei Fred und George Weasley,
Gryffindor-Gemeinschaftsraum,
zwecks einfacher und praktisch schmerzfreier Teilzeitarbeit.
219

(Leider müssen wir darauf hinweisen, daß die Bewerber
sämtliche Tätigkeiten auf eigene Gefahr ausüben.)
»Die haben sie doch nicht mehr alle«, entrüstete sich Hermine und
holte den Aushang herunter, den Fred und George über ein Plakat ge-
pinnt hatten, auf dem das Datum für das erste Wochenende in Hogs-
meade mitgeteilt wurde, das im Oktober sein würde. »Wir müssen mit
den beiden reden, Ron.«
Ron war sichtlich erschrocken.
»Wieso?«
»Weil wir Vertrauensschüler sind!«, sagte Hermine, als sie durch das
Porträtloch hinausstiegen. »Es ist unsere Aufgabe, solchen Dingen Ein-
halt zu gebieten!«
Ron schwieg; an seiner griesgrämigen Miene erkannte Harry, daß er
die Aufgabe, Fred und George daran zu hindern, genau das zu tun,
wozu sie Lust hatten, für nicht gerade verlockend hielt.
»Also, was ist los mit dir, Harry?«, fuhr Hermine fort, während sie
eine Treppe hinunterstiegen, die mit Porträts alter Hexen und Zauberer
gesäumt war, die allesamt in Gespräche vertieft waren und nicht weiter
auf sie achteten. »Du siehst aus, als wärst du wegen irgendwas richtig
wütend.«
»Seamus meint, Harry lügt in dieser Sache mit Du-weißt-schon-
wem«, erklärte Ron kurz und bündig, als Harry nicht antwortete.
Hermine, von der Harry erwartet hatte, daß sie sich vehement auf
seine Seite schlagen würde, seufzte.
»Ja, Lavender glaubt das auch«, sagte sie düster.
»Dann hattest du sicher eine nette kleine Unterhaltung mit ihr, ob ich
nun ein lügnerischer, Aufmerksamkeit suchender Schwätzer bin oder
nicht?«, rief Harry.
»Nein«, entgegnete Hermine gelassen. »Ich hab ihr nur gesagt, sie
solle ihr großes Schwabbelmaul halten, was dich angeht. Aber es wäre
ganz nett, wenn du aufhören würdest, ständig auf uns rumzuhacken,
Harry, denn falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, Ron und ich
stehen zu dir.«
Eine kurze Pause trat ein.
220

»Tut mir leid«, sagte Harry mit bedrückter Stimme.
»Ist schon in Ordnung«, sagte Hermine würdevoll. Dann schüttelte
sie den Kopf. »Erinnert ihr euch nicht, was Dumbledore bei der letzten
Jahresabschlußfeier gesagt hat?«
Harry und Ron sahen sie ratlos an und Hermine seufzte erneut.
»Über Du-weißt-schon-wen. Er sagte, er besitze ›ein großes Talent,
Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur ent-
gegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft
und des Vertrauens knüpfen –‹.«
»Wie kannst du dich bloß an so was erinnern?«, fragte Ron und sah
sie bewundernd an.
»Ich höre zu, Ron«, sagte Hermine mit einem Anflug von Schärfe.
»Tu ich doch auch, aber ich könnte dir trotzdem nicht genau sagen,
was –«
»Das Entscheidende ist«, fuhr Hermine lautstark fort, »daß es Dum-
bledore genau um solche Fragen gegangen ist. Du-weißt-schon-wer ist
gerade mal zwei Monate zurück und schon fangen wir an, uns zu strei-
ten. Und die Mahnung des Sprechenden Huts war die gleiche: Haltet
zusammen, seid einig –«
»Und trotzdem, Harry hatte Recht gestern Abend«, entgegnete Ron.
»Wenn das heißen soll, daß die Slytherins jetzt unsere Kumpels sein
sollen – darauf kannst du lange warten.«
»Nun, ich glaube, es ist schade, daß wir nicht versuchen, zumindest
ein wenig Einigkeit unter den Häusern zu schaffen«, erwiderte Her-
mine schroff.
Sie hatten den Fuß der Marmortreppe erreicht. Einige Viertkläßler
aus Ravenclaw durchquerten hintereinander die Eingangshalle; als sie
Harry erblickten, drängten sie sich hastig zu einem Knäuel zusammen,
als fürchteten sie, er könnte verstreute Nachzügler angreifen.
»Ja, wir sollten wirklich versuchen, uns mit solchen Leuten anzu-
freunden«, bemerkte Harry trocken.
Sie folgten den Ravenclaws in die Große Halle, wo sie unwillkürlich
sofort zum Lehrertisch blickten. Professor Raue-Pritsche plauderte mit
Professor Sinistra, der Astronomielehrerin, und Hagrid fiel wiederum
nur durch seine Abwesenheit auf. Die verzauberte Decke über ihnen
221

spiegelte Harrys Stimmung wider; sie war von tristem Regenwolken-
grau.
»Dumbledore hat nicht mal erwähnt, wie lange diese Raue-Pritsche
bleibt«, sagte er, als sie zum Gryffindor-Tisch hinübergingen.
»Vielleicht …«, sagte Hermine nachdenklich.
»Was?«, kam es von Harry und Ron gleichzeitig.
»Nun … vielleicht wollte er die Aufmerksamkeit nicht darauf lenken,
daß Hagrid fehlt.«
»Was soll das heißen, Aufmerksamkeit darauf lenken?«, sagte Ron
und hätte fast gelacht. »Wie sollte uns das entgehen?«
Bevor Hermine antworten konnte, war ein großes schwarzes Mäd-
chen mit langen geflochtenen Haaren zu Harry getreten.
»Hi, Angelina.«
»Hi«, sagte sie forsch, »wie war dein Sommer?« Und ohne eine Ant-
wort abzuwarten: »Hör mal, ich bin zum neuen Quidditch-Kapitän der
Gryffindors ernannt worden.«
»Find ich gut«, sagte Harry und grinste sie an. Er vermutete, daß An-
gelinas Anfeuerungsreden nicht so langatmig sein würden wie die von
Oliver Wood – was ganz gewiß ein Fortschritt war.
»Oliver ist ja nicht mehr da und wir brauchen einen neuen Hüter. Am
Freitag um fünf sind die Auswahlspiele, und ich möchte, daß die ganze
Mannschaft auf der Matte steht, klar? Dann können wir sehen, wie der
Neue sich einpaßt.«
»Okay«, sagte Harry.
Angelina lächelte ihn an und ging.
»Ich hab ganz vergessen, daß Wood nicht mehr da ist«, sagte Her-
mine zerstreut, als sie sich neben Ron setzte und einen Teller mit Toast
zu sich heranzog. »Der wird wohl eine ziemliche Lücke in der Mann-
schaft hinterlassen?«
»Denk ich auch«, bestätigte Harry und setzte sich auf die Bank ge-
genüber. »Er war ein guter Hüter …«
»Trotzdem, ein bißchen frisches Blut kann nicht schaden, oder?«,
meinte Ron.
Unter Flügelrauschen und Geklacker kamen Hunderte von Eulen durch
die oberen Fenster gesegelt. Sie verstreuten sich über die ganze Halle,
222

brachten ihren Besitzern Briefe und Päckchen und versprühten einen fei-
nen Niesel auf die Frühstückenden – offenbar regnete es draußen in Strö-
men. Von Hedwig war keine Spur zu entdecken, was Harry jedoch kaum
überraschte; der Einzige, der ihm schrieb, war Sirius, und er bezweifelte,
daß Sirius ihm nach nur vierundzwanzig Stunden der Trennung schon et-
was Neues zu sagen hatte. Hermine jedoch mußte ihren Orangensaft
rasch beiseite schieben, um einer großen feuchten Schleiereule Platz zu
machen, die einen durchweichten Tagespropheten im Schnabel trug.
»Wozu liest du den eigentlich noch?«, sagte Harry verärgert und
mußte an Seamus denken, während Hermine einen Knut in den Leder-
beutel am Bein der Eule steckte, die gleich wieder losflog. »Mir ist das
schnuppe … ein Haufen Unsinn.«
»Es ist gut, zu wissen, was der Feind denkt«, sagte Hermine finster,
schlug die Zeitung auf, verschwand hinter ihr und tauchte erst wieder
auf, als Harry und Ron mit dem Essen fertig waren.
»Nichts«, sagte sie nur, rollte die Zeitung zusammen und legte sie ne-
ben ihren Teller. »Nichts über dich oder Dumbledore oder sonst wen.«
Professor McGonagall ging nun am Tisch entlang und verteilte Stun-
denpläne.
»Schau dir mal an, was wir heute haben!«, ächzte Ron. »Zaubereige-
schichte, Doppelstunde Zaubertränke, Wahrsagen und Doppelstunde
Verteidigung gegen die dunklen Künste … Binns, Snape, Trelawney
und diese Umbridge, alles an einem Tag! Hoffentlich kriegen Fred und
George diese Nasch-und-Schwänz-Leckereien bald auf die Reihe …«
»Trügen mich denn meine Ohren?«, tönte Fred, der mit George auf-
getaucht war und sich neben Harry auf die Bank quetschte. »Vertrau-
ensschüler von Hogwarts wollen doch nicht etwa den Unterricht
schwänzen?«
»Sieh dir mal an, was wir heute alles haben«, entgegnete Ron mür-
risch und schob Fred den Stundenplan unter die Nase. »Das ist der
übelste Montag, den ich je gesehen habe.«
»Wohl wahr, Bruderherz«, sagte Fred und überflog die Spalte. »Wenn
du willst, kannst du ein bißchen Nasblutnugat kriegen, ist gerade im
Angebot.«
»Warum ist es im Angebot?«, fragte Ron argwöhnisch.
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»Weil du blutest und blutest, bis du zerschrumpelt bist; wir haben
bisher noch kein Gegenmittel«, sagte George und tat sich einen
Räucherhering auf.
»Na danke«, sagte Ron mißmutig und steckte seinen Stundenplan
ein, »dann geh ich doch lieber in den Unterricht.«
»Und weil wir gerade von diesen Nasch-und-Schwänz-Leckereien spre-
chen«, sagte Hermine und äugte Fred und George fuchsig an, »auf dem
schwarzen Brett von Gryffindor dürft ihr keine Testpersonen anwerben.«
»Behauptet wer?«, fragte George mit erstaunter Miene.
»Behaupte ich«, erwiderte Hermine. »Und Ron.«
»Laß mich aus der Sache raus«, warf Ron hastig ein. Hermine fun-
kelte ihn böse an. Fred und George kicherten.
»Bald wirst du ganz anders reden, Hermine«, sagte Fred und
schmierte sich dick Butter auf ein Fladenbrötchen. »Du fängst jetzt mit
der fünften Klasse an, du wirst noch früh genug antanzen und um
Nasch-und-Schwänz-Leckereien betteln.«
»Und warum sollte ich in der fünften Klasse um Nasch-und-
Schwänz-Leckereien betteln?«, fragte Hermine.
»Das fünfte Jahr ist ZAG-Jahr«, sagte George.
»Na und?«
»Na, dann habt ihr bald Prüfungen, oder? Die werden euch so lange
durch die Tretmühle jagen, bis ihr am Ende nur noch kriechen könnt«,
sagte Fred genüßlich.
»Bei uns hatte der halbe Jahrgang vor den ZAGs seine kleineren Zu-
sammenbrüche«, frohlockte George. »Tränen und Wutanfälle … Patri-
cia Stimpson fiel andauernd in Ohnmacht …«
»Kenneth Tower hat überall Furunkel gekriegt, weißt du noch?«,
sagte Fred erinnerungsselig.
»Weil du ihm Pustelpuder in den Schlafanzug getan hast«, sagte Ge-
orge.
»Ach jaah«, sagte Fred und grinste. »Hab ich ganz vergessen … manch-
mal verliert man einfach den Überblick, geht’s dir nicht auch so?«
»Jedenfalls ist das fünfte Jahr ein einziger Alptraum«, sagte George.
»Zumindest wenn dir Prüfungsergebnisse nicht schnuppe sind. Fred
und ich haben’s irgendwie geschafft, nicht schlappzumachen.«
224

»Ja … kann man wohl sagen, was habt ihr gekriegt, drei ZAGs pro
Nase?«, sagte Ron.
»Jep«, sagte Fred unbekümmert. »Aber wir sind der Meinung, daß
unsere Zukunft nicht in der Welt akademischer Leistungen liegt.«
»Wir haben uns ernsthaft überlegt, ob wir uns noch die Mühe ma-
chen sollten, für die siebte Klasse wieder herzukommen«, sagte George
mit breitem Lächeln, »jetzt, da wir –«
Er verstummte nach einem warnenden Blick von Harry, der wußte,
daß George fast den Trimagischen Gewinn erwähnt hätte, den er ihnen
geschenkt hatte.
»– jetzt, da wir unsere ZAGs haben«, ergänzte George hastig. »Ich
meine, brauchen wir dann wirklich noch den UTZ? Aber wir dachten,
Mum würde es nicht verkraften, wenn wir die Schule abbrechen, nicht
nachdem sich Percy als der größte Arsch der Welt erwiesen hat.«
»Aber wir werden unser letztes Jahr hier nicht vertrödeln«, sagte
Fred und ließ den Blick voll Vorfreude durch die Große Halle schwei-
fen. »Wir nutzen es für ein wenig Marktforschung, um genau heraus-
zufinden, was der durchschnittliche Hogwarts-Schüler von einem
Scherzartikelladen verlangt, dann werden wir unsere Forschungsergeb-
nisse sorgfältig auswerten und Produkte entwickeln, die der Nachfrage
entsprechen.«
»Aber wo wollt ihr das nötige Gold für euren Scherzartikelladen her-
kriegen?«, fragte Hermine skeptisch. »Ihr braucht doch all die Zutaten
und Gerätschaften – und auch Räume, denk ich mal …«
Harry sah die Zwillinge nicht an. Sein Gesicht war heiß geworden,
absichtlich ließ er seine Gabel fallen und tauchte unter den Tisch, um
sie aufzuheben. Oben hörte er Fred sagen: »Stell uns keine Fragen und
wir erzählen dir keine Lügen, Hermine. Komm, George, wenn wir früh
da sind, können wir vor Kräuterkunde vielleicht noch ein paar Lang-
ziehohren verkaufen.«
Als Harry wieder über dem Tisch auftauchte, sah er gerade noch, wie
Fred und George, jeder mit einem Stapel Toasts bepackt, von dannen
zogen.
»Was sollte das heißen?«, sagte Hermine und blickte abwechselnd
Harry und Ron an. »›Stell uns keine Fragen …‹ Soll das heißen, daß sie
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bereits das Gold zusammenhaben, um einen Scherzartikelladen aufzu-
machen?«
»Weißt du was, das hab ich mich auch schon gefragt«, sagte Ron mit
zusammengezogenen Brauen. »Die haben mir diesen Sommer eine
neue Garnitur Festumhänge gekauft und ich hatte keine Ahnung, wo
sie die Galleonen dafür herhatten …«
Harry hielt es für an der Zeit, das Gespräch aus diesen Untiefen her-
auszusteuern.
»Denkt ihr, es stimmt, daß es dieses Jahr richtig hart wird? Wegen der
Prüfungen?«
»Oh, ja«, sagte Ron. »Muß wohl, oder? ZAGs sind wirklich wichtig,
davon hängt ab, für welche Berufe du dich bewerben kannst und so.
Wir haben dann auch noch Berufsberatung irgendwann später im Jahr,
hat mir Bill erzählt. Dann kannst du wählen, welche UTZ-Kurse du im
nächsten Jahr belegen willst.«
»Wißt ihr schon, was ihr nach Hogwarts machen wollt?«, fragte
Harry die beiden anderen, als sie kurz danach die Große Halle verlie-
ßen und sich auf den Weg in den Zaubereigeschichtsunterricht mach-
ten.
»Eigentlich nicht«, sagte Ron langsam. »Außer … na ja …«
Er sah ein wenig belämmert drein.
»Was?«, drängte Harry.
»Naja, es war cool, ein Auror zu sein«, sagte Ron beiläufig.
»Ja, das wär ’s«, bestätigte Harry nachdrücklich.
»Aber die sind sozusagen die Elite«, sagte Ron. »Dazu mußt du wirk-
lich gut sein. Was ist mit dir, Hermine?«
»Ich weiß nicht«, antwortete sie. »Ich glaub, ich möchte etwas wirk-
lich Sinnvolles machen.«
»Ein Auror tut was Sinnvolles!«, sagte Harry.
»Ja schon, aber es gibt doch auch noch andere sinnvolle Dinge«, sagte
Hermine nachdenklich. »Ich meine, wenn ich B.ELFE.R weiterentwik-
keln könnte …«
Harry und Ron vermieden es mit Bedacht, sich anzusehen.
Geschichte der Zauberei war nach allgemeiner Übereinstimmung das
langweiligste Fach, das die Zaubererschaft sich je ausgedacht hatte.
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Professor Binns, das Gespenst, das sie unterrichtete, hatte eine pfei-
fende, leiernde Stimme, die so gut wie sicher in zehn Minuten, bei
schönem Wetter in fünf Minuten zu starker Schläfrigkeit führte. Er än-
derte seinen Unterricht nie, sondern redete ununterbrochen, während
sie sich Notizen machten oder vielmehr dösig ins Leere starrten. Harry
und Ron war es bisher gelungen, die Prüfungen in diesem Fach mit
Ach und Krach zu bestehen, weil sie vorher Hermines Notizen abge-
schrieben hatten; sie allein war offenbar imstande, der einschläfernden
Macht von Binns’ Stimme zu widerstehen.
Heute durchlitten sie eine Dreiviertelstunde Geleier zum Thema Rie-
sen-Kriege. Harry bekam in den ersten zehn Minuten gerade mal ge-
nug mit, um vage darüber nachzudenken, daß dieses Thema bei einem
anderen Lehrer halbwegs interessant sein könnte, doch dann schaltete
sein Gehirn ab und er verbrachte die restliche halbe Stunde damit, auf
einer Ecke seines Pergaments mit Ron Galgenmännchen zu spielen,
während Hermine ihnen aus den Augenwinkeln empörte Blicke zu-
warf.
»Wie wär’s«, fragte sie kühl, als die drei zur Pause das Klassenzim-
mer verließen (Binns entschwebte durch die Tafel), »wenn ich euch die-
ses Jahr einfach mal nicht abschreiben ließe?«
»Dann würden wir durch die ZAGs rasseln«, sagte Ron. »Wenn du
dir das aufs Gewissen laden willst, Hermine …«
»Nun, ihr habt’s nicht anders verdient«, fauchte sie. »Ihr macht ja
nicht mal den Versuch, ihm zuzuhören, oder?«
»Doch, wir versuchen’s«, sagte Ron. »Nur haben wir nicht deinen
Grips und dein Gedächtnis oder deine Konzentration – du bist einfach
schlauer als wir – mußt du es uns auch noch reindrücken?«
»Aach, hör mir mit dem Unsinn auf«, sagte Hermine, und doch
schien sie eine Spur besänftigt, als sie ihnen voran auf den nassen Hof
trat.
Es fiel ein feiner, nebliger Niesel, so daß die Grüppchen, die sich im
Hof zusammendrängten, ein wenig verschwommen wirkten. Harry,
Ron und Hermine wählten eine abgeschiedene Ecke unter einem stark
tropfenden Balkon, klappten die Kragen ihrer Umhänge gegen den fro-
stigen Septemberwind hoch und unterhielten sich darüber, was Snape
227

ihnen wohl in der ersten Stunde des Schuljahrs vorsetzen würde. Sie
waren sich gerade einig geworden, daß es wahrscheinlich etwas un-
glaublich Schwieriges sein würde, weil er sie bestimmt nach zwei Feri-
enmonaten auf dem falschen Fuß erwischen wollte, da bog jemand um
die Ecke und kam auf sie zu.
»Hallo, Harry!«
Es war Cho Chang und, wichtiger noch, sie war wieder allein. Das
war äußerst ungewöhnlich: Cho war fast immer von einer Schar ki-
chernder Mädchen umgeben; Harry erinnerte sich daran, was für ein
Alptraum der Versuch gewesen war, sie einmal allein zu erwischen
und zum Weihnachtsball zu bitten.
»Hi«, sagte Harry und spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. Wenig-
stens bist du diesmal nicht voller Stinksaft, sagte er sich. Cho schien ein
ganz ähnlicher Gedanke durch den Kopf zu gehen.
»Du hast das Zeug also weggekriegt?«
»Ja«, sagte Harry und versuchte zu grinsen, als wäre die Erinnerung
an ihre letzte Begegnung eigentlich lustig und nicht furchtbar peinlich.
»Und du, hast du … ähm … einen schönen Sommer gehabt?«
Kaum war es raus, schon bereute er es – Cedric war Chos Freund ge-
wesen und die Erinnerung an seinen Tod würde ihre Ferien kaum we-
niger getrübt haben als die seinen. In ihrem Gesicht schien sich etwas
zu straffen, aber sie sagte: »Oh, war schon in Ordnung, ja …«
»Ist das ein Tornados-Abzeichen?«, wollte Ron plötzlich wissen und
deutete auf einen himmelblauen Sticker mit einem goldenen Doppel-T,
den sich Cho an den Umhang gesteckt hatte. »Du bist doch kein Torna-
dos-Fan, oder?«
»Doch, bin ich«, sagte Cho.
»Waren die immer schon deine Lieblingsmannschaft oder erst, seit sie
demnächst Meister werden?«, sagte Ron in einem Ton, der Harry unnö-
tig vorwurfsvoll schien.
»Ich war schon mit sechs Jahren Tornados-Fan«, sagte Cho kühl. »Ist
auch egal … bis dann, Harry.«
Sie ging davon. Hermine wartete, bis Cho halb über den Hof war,
dann nahm sie sich Ron zur Brust.
»Du bist derartig taktlos!«
228

»Was? Ich hab sie doch nur gefragt –«
»Hast du nicht gemerkt, daß sie eigentlich mit Harry reden wollte?«
»Na und? Hätt sie doch tun können. Ich hab sie nicht dran gehindert –«
»Warum in aller Welt hast du sie wegen ihrer Quidditch-Mannschaft
angemacht?«
»Angemacht? Ich hab sie nicht angemacht, ich hab nur –«
»Wen schert es denn, ob sie Tornados-Fan ist?«
»Ach, hör mal, die Hälfte der Leute, die jetzt diese Abzeichen tragen,
haben sie erst in der letzten Saison gekauft –«
»Na und?«
»Das heißt, das sind keine echten Fans, die springen nur auf den fah-
renden Zug –«
»Es läutet«, sagte Harry teilnahmslos, denn Ron und Hermine be-
harkten sich so laut, daß sie die Glocke nicht hörten. Den ganzen Weg
hinunter zu Snapes Kerker stritten sie sich, so daß Harry ausgiebig dar-
über nachgrübeln konnte, daß er zwischen Neville und Ron von Glück
reden durfte, wenn er sich wenigstens mal für zwei Minuten mit Cho
unterhalten konnte, ohne hinterher das Gefühl zu haben, er müsse das
Land verlassen.
Und doch, überlegte er, während sie sich an der Schlange anstellten,
die sich vor der Tür von Snapes Klassenzimmer bildete, und doch hatte
sie beschlossen zu ihm zu kommen und mit ihm zu reden, oder? Sie
war Cedrics Freundin gewesen; sie hätte Harry aus gutem Grund has-
sen können, da er lebend aus dem Trimagischen Irrgarten aufgetaucht
war, während Cedric gestorben war, und doch sprach sie ganz freund-
lich mit ihm, nicht so, als würde sie ihn für verrückt halten oder für ei-
nen Lügner oder auf irgendeine schreckliche Weise verantwortlich für
Cedrics Tod … ja, sie hatte sich offensichtlich entschieden zu ihm zu
kommen und mit ihm zu reden, und das nun schon zum zweiten Mal
in zwei Tagen … und dieser Gedanke hob Harrys Laune. Selbst das un-
heilvolle Knarzen, mit dem sich Snapes Kerkertür öffnete, brachte die
kleine, mit Hoffnung erfüllte Blase nicht zum Platzen, die in seiner
Brust anzuschwellen schien. Er folgte Ron und Hermine ins Klassen-
zimmer und an ihren gewohnten Tisch ganz hinten und achtete nicht
weiter auf das ärgerliche Schnauben, das beide nun von sich gaben.
229

»Ruhe jetzt«, sagte Snape kalt und schloß die Tür hinter ihnen.
Ein Ordnungsruf war eigentlich nicht nötig; die Klasse hatte kaum
die Tür zugehen hören, da war sie auch schon verstummt und alles Ge-
zappel hatte ein Ende. Die bloße Anwesenheit Snapes reichte meist aus,
um in einer Klasse für Ruhe zu sorgen.
»Bevor wir mit der heutigen Lektion beginnen«, sagte Snape, glitt hin-
über zu seinem Pult und starrte in die Runde, »halte ich es für ange-
bracht, Sie daran zu erinnern, daß Sie sich im nächsten Juni einer wichti-
gen Prüfung unterziehen werden, bei der Sie beweisen können, wie viel
Sie über die Mischung und den Gebrauch von Zaubertränken gelernt ha-
ben. Dumm, wie ein Teil dieser Klasse zweifellos ist, erwarte ich dennoch,
daß Sie wenigstens noch ein ›Annehmbar‹ bei Ihren ZAGs schaffen, an-
dernfalls werden Sie … mein Mißbehagen zu spüren bekommen.«
Sein Blick blieb diesmal an Neville hängen, der heftig schluckte.
»Nach diesem Schuljahr werden natürlich viele von Ihnen nicht mehr
bei mir studieren«, fuhr Snape fort. »In meine UTZ-Zaubertrankklasse
nehme ich nur die Allerbesten auf, was heißt, daß einige von Ihnen sich
mit Sicherheit verabschieden werden.«
Seine Augen ruhten nun auf Harry und seine Lippen kräuselten sich.
Harry blickte finster zurück und spürte ein grimmiges Vergnügen bei
dem Gedanken, daß er den Zaubertrankunterricht nach dem fünften
Jahr sausen lassen konnte.
»Aber bis zu diesem glücklichen Moment des Abschieds haben wir
noch ein Jahr vor uns«, sagte Snape sanft, »und so rate ich Ihnen allen,
ob Sie es mit UTZ versuchen wollen oder nicht, Ihre Anstrengungen
darauf zu konzentrieren, das hohe Abschlußniveau zu halten, das ich
inzwischen von meinen ZAG-Schülern erwarte.
Heute mischen wir ein Gebräu, das bei den Zauberergrad-Prüfungen
häufig verlangt wird: den Trunk des Friedens, einen Zaubertrank, der
Ängste lindert und Aufgeregtheit dämpft. Aber Vorsicht: Wenn Sie mit
den Zutaten allzu sorglos umgehen, werden Sie mit Ihrem Trank einen
tiefen Schlaf auslösen, aus dem manche nicht mehr erwachen werden,
also achten Sie darauf, was Sie tun.«
Zu Harrys Linken setzte sich Hermine mit höchst konzentrierter Miene
ein wenig gerader hin. »Die Zutaten und die Zubereitung –«, Snape
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schnippte mit dem Zauberstab, »– stehen hier an der Tafel –« (wo sie er-
schienen) »– und Sie finden alles, was Sie brauchen –«, wieder schnippte
er mit dem Zauberstab, »– im Zutatenschrank –« (die Tür besagten
Schrankes sprang auf) »– Sie haben anderthalb Stunden … fangen Sie
an.«
Genau wie Harry, Ron und Hermine vorausgesagt hatten, hätte
Snape ihnen kaum einen schwierigeren, kniffligeren Zaubertrank zur
Aufgabe machen können. Die Zutaten mußten genau in der richtigen
Reihenfolge und Menge in den Kessel gegeben werden; die Mixtur
mußte exakt soundsoviele Male umgerührt werden, erst im Uhrzeiger-
sinn, dann gegen ihn; die Hitze der Flammen, auf denen sie zu sieden
hatte, mußte für eine bestimmte Minutenzahl auf die genau richtige
Temperatur gesenkt werden, bevor die letzte Zutat beigegeben wurde. »Ein leichter silberner Dampf sollte inzwischen von Ihrem Trank auf-
steigen«, rief Snape, als sie noch zehn Minuten Zeit hatten.
Harry, dem der Schweiß ausgebrochen war, blickte sich verzweifelt
im Kerker um. Seinem Kessel entwich reichlich dunkelgrauer Dampf;
der von Ron spuckte grüne Funken. Seamus stocherte fieberhaft mit
der Spitze seines Zauberstabs im Fe uer unter seinem Kessel herum, das
offenbar auszugehen drohte. Über Hermines Trank jedoch hatte sich
ein schimmernder Nebel aus silbernem Dampf gebildet, und als Snape
vorüberglitt, blickte er kommentarlos an seiner Hakennase vorbei dar-
auf, was hieß, daß er nichts auszusetzen fand. Bei Harrys Kessel aller-
dings hielt Snape inne und begutachtete ihn mit einem furchterregen-
den Grinsen. »Was soll das sein, Potter?«
Die Slytherins in den vorderen Reihen blickten begierig auf; sie hör-
ten liebend gern, wie Snape Harry piesackte. »Der Trunk des Friedens«, sagte Harry angespannt.
»Sagen Sie mal, Potter«, fragte Snape sanft, »können Sie lesen?«
Draco Malfoy lachte.
»Ja, kann ich«, sagte Harry und schloß die Finger fest um seinen Zau-
berstab.
»Dann lesen Sie mir die dritte Zeile der Rezeptur vor, Potter.«
231

Harry spähte zur Tafel; es war nicht einfach, die Rezeptur durch die
bunten Dampfschwaden zu erkennen, die inzwischen den Kerker er-
füllten.
»›Man füge Mondsteinpulver hinzu, rühre dreimal gegen den Uhr-
zeigersinn um, lasse es sieben Minuten sieden und gebe dann zwei
Tr o p f e n N i e s w u r z s i r u p b e i . ‹ «
Das Herz sank ihm in die Hose. Er hatte keinen Nieswurzsirup beige-
geben. Nachdem er seinen Trank sieben Minuten lang hatte sieden las-
sen, war er gleich zur vierten Zeile der Rezeptur weitergesprungen.
»Haben Sie die dritte Zeile zur Gänze befolgt, Potter?«
»Nein«, sagte Harry sehr leise.
»Wie bitte?«
»Nein«, sagte Harry lauter. »Ich habe die Nieswurz vergessen.«
»Das weiß ich, Potter, und das heißt, dieser Mischmasch ist vollkom-
men wertlos. Evanesco.«
Was Harry zusammengebraut hatte, verschwand; wie ein Trottel
stand er neben einem leeren Kessel.
»Jene von Ihnen, die tatsächlich imstande waren, die Rezeptur zu le-
sen, füllen nun ein Fläschchen davon ab, beschriften es deutlich lesbar
mit ihrem Namen und bringen es zur Erprobung nach vorne zu mei-
nem Pult«, sagte Snape. »Hausaufgabe: Zwölf Zoll Pergament über die
Eigenschaften von Mondstein und seine Anwendungen in der Zauber-
trankbereitung, Abgabe am Donnerstag.«
Während alle ringsum ihre Fläschchen abfüllten, räumte Harry ko-
chend vor Wut seine Sachen weg. Sein Trank war nicht übler gewesen
als das Gemisch von Ron, das inzwischen einen Gestank nach faulen
Eiern von sich gab; oder als das von Neville, das die Festigkeit von ge-
rade angemischtem Zement erreicht hatte und das Neville jetzt aus sei-
nem Kessel herausmeißeln mußte; doch er, Harry, würde null Punkte
für die heutige Arbeit bekommen. Er stopfte seinen Zauberstab in die
Schultasche, ließ sich auf seinen Stuhl sacken und sah zu, wie sie alle
mit ihren gefüllten und verkorkten Fläschchen zu Snapes Pult mar-
schierten. Als es endlich läutete, war Harry als Erster aus dem Kerker
verschwunden. Er hatte schon mit dem Essen begonnen, als Ron und
Hermine in der Großen Halle zu ihm kamen. Die Decke hatte im Laufe
232

des Morgens ein noch trüberes Grau angenommen. Regen peitschte ge-
gen die hohen Fenster.
»Das war wirklich unfair«, sagte Hermine mitfühlend, setzte sich ne-
ben Harry und nahm sich von dem Hackfleisch-und-Kartoffel-Auflauf.
»Dein Gebräu war bei weitem nicht so übel wie das von Goyle; als der
sein Fläschchen damit abgefüllt hat, ist es geplatzt und das Zeug hat
seinen Umhang in Brand gesetzt.«
»Was soll’s«, sagte Harry und stierte auf seinen Teller, »wann war
Snape denn jemals fair zu mir?«
Keiner der beiden antwortete; alle drei wußten, daß Snape und Harry
eine absolute Feindschaft gegeneinander hegten, seit Harry zum ersten
Mal den Fuß über die Schwelle von Hogwarts gesetzt hatte.
»Ich hatte eigentlich gedacht, er würde dieses Jahr vielleicht ein biß-
chen netter sein«, sagte Hermine und klang enttäuscht. »Ich meine …
ihr wißt schon …« – sie blickte sich vorsichtig um; zu beiden Seiten war
ein halbes Dutzend Plätze leer und niemand ging am Tisch vorbei –
»… jetzt, wo er im Orden des Phönix ist und so.«
»Unkraut vergeht nicht«, sagte Ron weise. »Jedenfalls hab ich Dum-
bledore immer für beknackt gehalten, weil er Snape traute. Wo ist der
Beweis, daß er je wirklich aufgehört hat, für Du-weißt-schon-wen zu
arbeiten?«
»Dumbledore hat wahrscheinlich eine Menge Beweise, denke ich,
auch wenn er sie dir nicht mitteilt, Ron«, fauchte Hermine.
»Ach, seid still, ihr beiden«, sagte Harry nachdrücklich, als Ron den
Mund öffnete, um zurückzugiften. Hermine und Ron erstarrten, sie sa-
hen wütend und beleidigt aus. »Könnt ihr es nicht mal gut sein
lassen?«, sagte Harry. »Ständig liegt ihr euch in den Haaren, das macht
mich noch wahnsinnig.« Er ließ seinen Auflauf stehen, schwang sich
die Schultasche über die Schulter und ließ die beiden sitzen.
Auf der Marmortreppe nahm er immer zwei Stufen zugleich nach
oben, vorbei an vielen Schülern, die zum Mittagessen hasteten. Der
Zorn, der eben so plötzlich in ihm aufgeflammt war, loderte noch, und
das Bild von Ron und Hermine, die mit geschockten Mienen dageses-
sen hatten, befriedigte ihn zutiefst. Geschieht ihnen recht, dachte er,
233

warum können die nicht mal Ruhe geben … hacken ständig aufeinan-
der rum … das treibt doch jeden die Wände hoch …
Auf einem Treppenabsatz kam er an dem großen Gemälde von Sir
Cadogan dem Ritter vorbei; Sir Cadogan zog sein Schwert und fuch-
telte wild in Harrys Richtung, doch der beachtete ihn nicht.
»Komm zurück, du gemeiner Hund! Steh deinen Mann und kämpfe!«,
rief Sir Cadogan mit vom Visier gedämpfter Stimme, aber Harry ging ein-
fach weiter, und als Sir Cadogan ihm folgen wollte, indem er in ein be-
nachbartes Bild rannte, wurde er von dessen Bewohner, einem großen
und wütend aussehenden Wolfshund, zurückgescheucht.
Während der restlichen Mittagspause hockte Harry allein unter der
Falltür in der Spitze des Nordturms. So stieg er nach dem Läuten als
Erster die silberne Leiter hoch, die zu Sibyll Trelawneys Klassenzim-
mer führte.
Wahrsagen war nach Zaubertränke das Fach, das Harry am wenigsten
mochte, und das lag vor allem an Professor Trelawneys Angewohnheit,
alle paar Unterrichtsstunden seinen vorzeitigen Tod vorauszusagen. Ha-
ger, wie sie war, und reichlich mit Tüchern und schimmernden Perlenket-
ten ausstaffiert, erinnerte sie Harry immer an eine Art Insekt, dessen Au-
gen von ihren Brillengläsern auf riesige Maße vergrößert wurden. Als
Harry eintrat, war sie damit beschäftigt, arg lädierte, in Leder gebundene
Bücher auf die storchbeinigen Tischchen zu verteilen, die in ihrem Zim-
mer verstreut standen. Aber die mit Tüchern bedeckten Lampen und das
schwach brennende, süßlich parfümierte Feuer gaben ein so dämmriges
Licht, daß sie offenbar nicht bemerkte, wie Harry sich in der Düsternis
auf einen Stuhl setzte. Der Rest der Klasse tröpfelte im Lauf der nächsten
fünf Minuten herein. Ron erschien in der Falltür, blickte sich bedächtig
um, entdeckte Harry und ging direkt auf ihn zu, so direkt wie möglich je-
denfalls, da er sich zwischen den Tischen, Stühlen und gepolsterten Sitz-
kissen hindurchschlängeln mußte.
»Hermine und ich haben aufgehört zu streiten«, sagte er und setzte
sich neben Harry.
»Gut«, brummte Harry.
»Aber Hermine sagt, sie fände es nett, wenn du aufhören würdest,
deine Wut an uns auszulassen«, fügte Ron hinzu.
234

»Ich laß nicht –«
»Ich wollt’s dir nur ausrichten«, fuhr ihm Ron dazwischen. »Aber ich
glaub, sie hat Recht. Es ist nicht unsere Schuld, wenn dich Seamus und
Snape so behandeln.«
»Ich hab nie gesagt, daß –«
»Guten Tag«, sagte Professor Trelawney mit ihrer gewohnt rauchi-
gen, verträumten Stimme. Harry verstummte, und wieder hatte er das
Gefühl, sich selbst auf die Nerven zu gehen und sich zugleich ein we-
nig zu schämen. »Und willkommen zurück in Wahrsagen. Ich habe
Ihre Schicksale während der Ferien natürlich höchst sorgfältig verfolgt,
und ich freue mich zu sehen, daß Sie alle sicher nach Hogwarts zurück-
gekehrt sind – was ich natürlich genau gewußt habe.
Auf den Tischen vor Ihnen finden Sie je ein Exemplar des Buches Das
Traumorakel von Inigo Imago. Die Traumdeutung ist eines der wichtig-
sten Mittel zur Weissagung der Zukunft und wird wohl auch bei Ihren
ZAGs geprüft werden. Wobei ich natürlich nicht glaube, daß bestan-
dene oder nicht bestandene Prüfungen auch nur die geringste Bedeu-
tung hätten, wenn es um die heilige Kunst des Wahrsagens geht. Wenn
Sie das Sehende Auge haben, spielen Zeugnisse und Noten keine große
Rolle. Allerdings wünscht der Schulleiter, daß Sie sich einer Prüfung
unterziehen, und deshalb …«
Ihre Stimme wehte zart dahin und ließ keinen Zweifel aufkommen,
daß Professor Trelawney ihr Fach über solch niedere Dinge wie Prü-
fungen völlig erhaben wähnte.
»Schlagen Sie bitte die Einleitung auf und lesen Sie, was Imago zur
Frage der Traumdeutung zu sagen hat. Dann setzen Sie sich paarweise
zusammen. Deuten Sie anhand des Traumorakels gegenseitig Ihre
jüngsten Träume. Nun fangen Sie an.«
Das einzig Gute, was sich über diese Stunde sagen ließ, war, daß es
keine doppelte war. Als schließlich alle die Einleitung des Buches gele-
sen hatten, blieben kaum noch zehn Minuten für die Traumdeutung
übrig. Am Tisch neben Harry und Ron hatte sich Dean mit Neville zu-
sammengetan, der sofort umständlich einen Alptraum erklärte, in dem
eine Riesenschere vorgekommen war, die den besten Hut seiner Groß-
mutter trug; Harry und Ron sahen sich nur mißmutig an.
235

»Ich erinnere mich nie an meine Träume«, sagte Ron. »Erzähl du ei-
nen.«
»Du mußt dich doch wenigstens an einen erinnern«, drängelte Harry
ungeduldig.
Seine Träume würde er keinem erzählen. Er wußte ganz genau, was
sein regelmäßig wiederkehrender Alptraum mit dem Friedhof bedeu-
tete, das mußten ihm weder Ron noch Professor Trelawney noch das
blöde Traumorakel erklären.
»Naja, letztens hab ich nachts geträumt, ich würde Quidditch spie-
len«, sagte Ron und verzog angestrengt das Gesicht, um sich weiter zu
erinnern. »Was, glaubst du, soll das bedeuten?«
»Wahrscheinlich, daß du von einem Riesen-Marshmallow gefressen
wirst oder so was«, sagte Harry und blätterte achtlos die Seiten des
Traumorakels um. Träume im Orakel nachzuschlagen war eine ziem-
lich dröge Arbeit, und Harrys Laune besserte sich auch nicht, als Pro-
fessor Trelawney ihnen die Hausaufgabe nannte, nämlich einen Monat
lang ein Traumtagebuch zu führen. Als es läutete, waren er und Ron
die Ersten auf der Leiter hinunter. Ron grollte vernehmlich.
»Ist dir klar, wie viele Hausaufgaben wir schon haben? Binns hat uns
einen anderthalb Fuß langen Aufsatz über die Riesen-Kriege aufge-
halst, Snape will einen Fuß lang über die Anwendungen von Mond-
stein, und jetzt auch noch einen Monat Traumtagebuch für Trelawney!
Fred und George lagen gar nicht falsch mit dem ZAG-Jahr, oder? Diese
Umbridge soll uns bloß nicht noch mehr …«
Als sie das Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Kün-
ste betraten, fanden sie Professor Umbridge bereits am Lehrerpult sit-
zen, mit der flauschigen rosa Strickjacke vom Abend zuvor und mit der
schwarzen Samtschleife auf dem Kopf. Harry fühlte sich abermals stark
an eine große Fliege erinnert, die dumm genug war, auf dem Kopf ei-
ner noch größeren Kröte zu hocken.
Der Rest der Klasse kam leise herein; Professor Umbridge war eine
noch unbekannte Größe und niemand wußte, wie streng sie auf Diszi-
plin achten würde.
»Nun, einen guten Tag!«, sagte sie, als sich endlich alle gesetzt hatten.
»Guten Tag«, grüßten einige murmelnd zurück.
236

»Tss, tss«, machte Professor Umbridge. »Das reicht aber nicht, oder?
Ich möchte doch bitten, daß Sie ›Guten Tag, Professor Umbridge‹ ant-
worten. Noch einmal, bitte. Guten Tag, Klasse!«
»Guten Tag, Professor Umbridge«, antworteten sie im Chor.
»Schon besser«, sagte Professor Umbridge zuckersüß. »Das war nicht
allzu schwer, nicht wahr? Zauberstäbe weg und Federn raus, bitte.«
Viele in der Klasse tauschten finstere Blicke; der Anweisung »Zauber-
stäbe weg« war bislang noch nie eine Unterrichtsstunde gefolgt, die sie
interessant gefunden hätten. Harry steckte seinen Zauberstab in die
Schultasche und holte Feder, Tinte und Pergament heraus. Professor
Umbridge öffnete ihre Handtasche, zog ihren Zauberstab hervor, der
ungewöhnlich kurz war, und klopfte damit resolut gegen die Tafel; so-
fort erschienen Wörter darauf:
Verteidigung gegen die dunklen Künste
Eine Rückkehr zu den Grundprinzipien
»Nun denn, Ihr Unterricht in diesem Fach war doch einigermaßen un-
stet und bruchstückhaft, nicht wahr?«, stellte Professor Umbridge fest
und wandte sich mit ordentlich gefalteten Händen der Klasse zu. »Der
ständige Wechsel der Lehrer, von denen einige offenbar keinem vom
Ministerium anerkannten Lehrplan gefolgt sind, hat leider dazu ge-
führt, daß Sie weit unter dem Niveau sind, das wir in Ihrem ZAG-Jahr
erwarten würden.
Sie werden sich jedoch freuen zu erfahren, daß diese Probleme nun
behoben werden sollen. Wir werden in diesem Jahr einen sorgfältig
strukturierten, theoriezentrierten, vom Ministerium anerkannten Kurs
durchführen. Schreiben Sie bitte Folgendes ab.«
Wieder klopfte sie gegen die Tafel; die erste Botschaft verschwand
und an ihre Stelle traten die »Ziele des Kurses«.
1. Verständnis der Grundprinzipien defensiver Magie.
2. Erkennen von Situationen, in denen defensive Magie auf rechtlicher
Grundlage eingesetzt werden kann.
237

3. Den Gebrauch defensiver Magie in einen Zusammenhang mit prak-
tischem Nutzen stellen.
Einige Minuten lang war im Raum nur das Kratzen der Federn auf Per-
gament zu hören. Als alle Professor Umbridges drei Kursziele abge-
schrieben hatten, fragte sie: »Haben alle ein Exemplar der Theorie magi-
scher Verteidigung von Wilbert Slinkhard?«
Ein dumpfes zustimmendes Murmeln ging durch die Klasse.
»Ich glaube, das versuchen wir noch mal«, sagte Professor Umbridge.
»Wenn ich Ihnen eine Frage stelle, möchte ich, daß Sie mit ›Ja, Professor
Umbridge‹ oder ›Nein, Professor Umbridge‹ antworten. Also: Haben
alle ein Exemplar der Theorie magischer Verteidigung von Wilbert Slink-
hard?«
»Ja, Professor Umbridge«, schallte es durchs Klassenzimmer.
»Gut«, sagte Professor Umbridge. »Nun schlagen Sie bitte Seite fünf
auf und lesen Sie ›Kapitel eins, Allgemeinheiten für Anfänger‹ Ich
möchte keine Unterhaltungen hören.«
Professor Umbridge trat von der Tafel zurück, ließ sich auf dem Stuhl
hinter dem Lehrerpult nieder und beobachtete sie alle mit ihren wäßri-
gen Krötenaugen. Harry schlug Seite fünf seines Exemplars der Theorie
magischer Verteidigung auf und fing an zu lesen.
Es war furchtbar langweilig, genauso schlimm wie Professor Binns
zuzuhören. Er spürte, wie seine Konzentration nachließ; bald hatte er
ein und dieselbe Zeile ein halbes Dutzend Mal gelesen, ohne mehr als
die ersten paar Wörter verstanden zu haben. Mehrere von Schweigen
erfüllte Minuten vergingen. Neben ihm drehte Ron geistesabwesend
immer wieder seine Feder in den Fingern und starrte auf die gleiche
Textstelle. Harry blickte nach rechts, und was er sah, überraschte ihn
so, daß es ihn jäh aus seinem Tran riß. Hermine hatte ihre Theorie magi-
scher Verteidigung nicht einmal aufgeschlagen. Mit emporgestreckter
Hand starrte sie unverwandt Professor Umbridge an.
Harry konnte sich nicht erinnern, daß Hermine jemals etwas nicht ge-
lesen hätte, was man ihr befohlen hatte, oder auch nur der Versuchung
widerstanden hätte, jedes Buch zu öffnen, das ihr unter die Nase kam.
Er sah sie forschend an, doch sie schüttelte nur leicht den Kopf, um
238

ihm zu bedeuten, daß sie nicht bereit war, Fragen zu beantworten.
Währenddessen starrte sie unentwegt Professor Umbridge an, die nicht
minder entschlossen in die andere Richtung blickte.
Nach einigen weiteren Minuten jedoch war Harry nicht mehr der
Einzige, der Hermine beobachtete. Das Kapitel, das sie hatten lesen sol-
len, war so langweilig, daß immer mehr Schüler sich lieber dafür ent-
schieden, Hermine bei ihrem stummen Versuch zuzuschauen, Profes-
sor Umbridges Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als sich weiter mit
den »Allgemeinheiten für Anfänger« herumzuschlagen.
Als über die Hälfte der Klasse nicht mehr in die Bücher, sondern zu
Hermine blickte, schien Professor Umbridge zu dem Schluß zu kom-
men, daß sie die Lage nicht länger ignorieren konnte.
»Wollten Sie eine Frage zu dem Kapitel stellen, meine Liebe?«, fragte
sie Hermine, als hätte sie diese eben erst bemerkt.
»Nein, nicht zu dem Kapitel«, sagte Hermine.
»Nun, wir lesen es gerade«, sagte Professor Umbridge und zeigte ihre
kleinen spitzen Zähne. »Wenn Sie andere Auskünfte wünschen, können
wir das am Ende des Unterrichts erledigen.«
»Ich möchte eine Auskunft über Ihre Kursziele«, sagte Hermine.
Professor Umbridge hob die Augenbrauen.
»Und Ihr Name ist?«
»Hermine Granger«, sagte Hermine.
»Nun, Miss Granger, ich denke, die Kursziele sind vollkommen klar,
wenn Sie sie sorgfältig durchlesen«, sagte Professor Umbridge mit aus-
gesucht liebenswürdiger Stimme.
»Nun, mir nicht«, sagte Hermine freiweg. »Da steht nichts davon, wie
man defensive Zauber einsetzt.«
Eine kurze Stille trat ein, während deren viele in der Klasse die Köpfe
wandten und sich stirnrunzelnd die drei Kursziele anschauten, die im-
mer noch an der Tafel standen.
»Defensive Zauber einsetzt?«, wiederholte Professor Umbridge mit ei-
nem kurzen Lachen. »Nun aber, ich kann mir nicht vorstellen, daß in
meinem Klassenzimmer eine Situation eintreten könnte, die es erfor-
derte, daß Sie einen defensiven Zauber einsetzen, Miss Granger. Sie er-
warten doch nicht ernsthaft, im Unterricht angegriffen zu werden?«
239

»Wir gebrauchen keine Magie?«, rief Ron laut.
»Die Schüler und Schülerinnen heben die Hand, wenn sie in meinem
Unterricht zu sprechen wünschen, Mr. –?«
»Weasley«, sagte Ron und streckte die Hand in die Luft.
Professor Umbridge, die nun noch breiter lächelte, wandte sich von
ihm ab. Auch Harry und Hermine hoben sofort die Hände. Professor
Umbridges Triefaugen verweilten für einen Moment auf Harry, bevor
sie sich an Hermine wandte.
»Ja, Miss Granger? Sie wollten etwas anderes fragen?«
»Ja«, sagte Hermine. »Der springende Punkt bei Verteidigung gegen
die dunklen Künste ist doch sicher, daß wir Zauber zu unserer Vertei-
digung üben?«
»Sind Sie eine vom Ministerium geschulte Ausbildungsexpertin, Miss
Granger?«, fragte Professor Umbridge mit ihrer aufgesetzt liebenswür-
digen Stimme.
»Nein, aber –«
»Nun, dann fürchte ich, Sie sind nicht qualifiziert zu entscheiden,
was der ›springende Punkt‹ eines Unterrichts ist. Zauberer, die viel äl-
ter und klüger sind als Sie, haben unser neues Studienprogramm aus-
gearbeitet. Sie werden auf sichere, risikofreie Weise etwas über defen-
sive Zauber lernen –«
»Was nützt denn das?«, sagte Harry laut. »Wenn wir angegriffen wer-
den, wird das nicht –«
»Melden, Mr. Potter!«, flötete Professor Umbridge.
Harry stieß die Faust in die Luft. Erneut wandte sich Professor Um-
bridge prompt von ihm ab, aber inzwischen hatten schon einige andere
die Hände gehoben.
»Und Ihr Name ist?«, fragte Professor Umbridge Dean.
»Dean Thomas.«
»Nun, Mr. Thomas?«
»Also, es ist doch, wie Harry gesagt hat, nicht?«, sagte Dean. »Wenn
wir angegriffen werden, wird das nicht risikofrei sein.«
»Ich wiederhole«, erwiderte Professor Umbridge und lächelte Dean
auf ziemlich nervige Weise an, »erwarten Sie, daß Sie während des Un-
terrichts angegriffen werden?«
240

»Nein, aber –«
Professor Umbridge ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen. »Ich
möchte die Art und Weise, wie diese Schule bislang geführt wurde,
nicht kritisieren«, sagte sie und ein falsches Lächeln dehnte ihren brei-
ten Mund, »aber Sie wurden in diesem Fach einigen sehr unverant-
wortlichen Zauberern ausgesetzt, wirklich sehr unverantwortlich –
ganz zu schweigen«, sie lachte kurz und gehässig auf, »von äußerst ge-
fährlichen Halbblütern.«
»Wenn Sie Professor Lupin meinen«, legte Dean zornig los, »er war
der Beste, den wir je –«
»Melden, Mr. Thomas! Wie ich schon sagte – es wurden Ihnen Zauber
vorgeführt, die kompliziert, für Ihre Altersgruppe ungeeignet und po-
tentiell tödlich sind. Man hat Sie in Angst versetzt und glauben ge-
macht, daß Sie praktisch jeden Tag schwarzmagischen Angriffen ausge-
setzt sein könnten –«
»Nein, das ist nicht wahr«, sagte Hermine, »wir haben nur –«
»Ihre Hand ist nicht oben, Miß Granger!«
Hermine hob die Hand. Professor Umbridge wandte sich von ihr ab.
»Meines Wissens hat mein Vorgänger rechtswidrige Flüche nicht nur
vor Ihnen, sondern auch noch an Ihnen ausgeführt.«
»Naja, es hat sich ja rausgestellt, daß er wahnsinnig war, oder?«, sagte
Dean hitzig. »Und trotzdem haben wir ’ne Menge gelernt.«
»Ihre Hand ist nicht oben, Mr. Thomas!«, trillerte Professor Umbridge.
»Nun, es ist die Auffassung des Ministeriums, daß ein theoretisches
Wissen mehr als ausreichend ist, um Sie durch die Prüfungen zu brin-
gen, und das ist es schließlich, worum es in der Schule geht. Und Ihr
Name ist?«, fügte sie mit starrem Blick auf Parvati hinzu, deren Hand
eben hochgeschossen war.
»Parvati Patil, und gibt es nicht einen praktischen Teil in unseren ZAG-
Prüfungen in Verteidigung gegen die dunklen Künste? Sollen wir nicht
zeigen, daß wir tatsächlich die Gegenflüche beherrschen und alles?«
»Wenn Sie die Theorie fleißig genug studiert haben, gibt es keinen
Grund, warum Sie nicht in der Lage sein sollten, Zauber unter sorgfäl-
tig überwachten Prüfungsbedingungen auszuführen«, sagte Professor
Umbridge abweisend.
241

»Ohne daß wir je zuvor geübt haben?«, entgegnete Parvati ungläubig.
»Wollen Sie damit sagen, daß wir erst bei den Prüfungen richtig zau-
bern dürfen?«
»Ich wiederhole, wenn Sie die Theorie fleißig genug studiert haben –«
»Und was wird uns die Theorie in der wirklichen Welt nützen?«,
sagte Harry laut, die Faust erneut in der Luft.
Professor Umbridge sah auf.
»Wir sind hier in der Schule, Mr. Potter, nicht in der wirklichen
Welt«, sagte sie sanft.
»Demnach sollen wir gar nicht darauf vorbereitet sein, was uns dort
draußen erwartet?«
»Dort draußen erwartet Sie nichts, Mr. Potter.«
»Ah ja?«, sagte Harry. Seine Wut, offenbar den ganzen Tag lang kurz
vor dem Kochen, erreichte nun den Siedepunkt.
»Wer, glauben Sie denn, will Kinder wie Sie angreifen?«, fragte Pro-
fessor Umbridge mit honigsüßer Stimme.
»Hm, überlegen wir mal …«, sagte Harry in gespielt nachdenklichem
To n . » V i e l l e i c h t … Lord Voldemort?«
Ron keuchte; Lavender Brown stieß einen spitzen Schreiaus; Neville
rutschte seitwärts vom Stuhl. Professor Umbridge jedoch zuckte nicht
mit der Wimper. Sie starrte Harry mit einem Ausdruck grimmiger Ge-
nugtuung an.
»Zehn Punkte Abzug für Gryffindor, Mr. Potter.«
Die Klasse war reglos und stumm. Alle starrten entweder Umbridge
oder Harry an.
»Nun, lassen Sie mich einige Dinge klar und deutlich sagen.«
Professor Umbridge stand auf und beugte sich, die kleinen Wurstfin-
ger auf dem Pult gespreizt, zur Klasse vor.
»Man hat Ihnen gesagt, daß ein gewisser schwarzer Magier von den
Toten zurückgekehrt sei –«
»Er war nicht tot«, sagte Harry zornig, »aber ja, er ist zurückgekehrt!«
»Mr.-Potter-Sie-haben-Ihrem-Haus-schon-zehn-Punkte-Abzug-einge-
bracht-nun-machen-Sie-die-Sache-für-sich-nicht-noch-schlimmer«, sag-
te Professor Umbridge ohne Luft zu holen und ohne ihn anzusehen.
242

»Wie ich eben sagte, man hat Ihnen mitgeteilt, daß ein gewisser
schwarzer Magier erneut sein Unwesen treibe. Das ist eine Lüge.«
»Das ist KEINE Lüge!«, entgegnete Harry. »Ich hab ihn gesehen, ich
hab mit ihm gekämpft!«
»Nachsitzen, Mr. Potter!«, sagte Professor Umbridge triumphierend.
»Morgen Nachmittag. Fünf Uhr. In meinem Büro. Ich wiederhole, das
ist eine Lüge. Das Zaubereiministerium versichert Ihnen, daß Sie nicht
durch irgendeinen schwarzen Magier gefährdet sind. Wenn Sie sich
dennoch Sorgen machen, dann kommen Sie unbedingt außerhalb der
Unterrichtszeit zu mir. Wenn jemand Sie mit Flunkereien über wieder-
geborene schwarze Magier in Unruhe versetzt, möchte ich davon hö-
ren. Ich bin hier, um zu helfen. Ich will nur Ihr Bestes. Und würden Sie
nun bitte mit Ihrer Lektüre fortfahren. Seite fünf, ›Allgemeinheiten für
Anfänger‹.«
Professor Umbridge setzte sich hinter ihr Pult. Harry jedoch stand auf.
Alle starrten ihn an; Seamus wirkte halb verängstigt, halb fasziniert.
»Harry, nein!«, wisperte Hermine warnend und zerrte an seinem Är-
mel, aber Harry riß seinen Arm los.
»Nun, Ihnen zufolge ist Cedric Diggory also ganz von allein tot um-
gefallen, ja?«, fragte er mit bebender Stimme.
Die ganze Klasse schien gleichzeitig nach Luft zu schnappen, denn
keiner von ihnen, außer Ron und Hermine, hatte Harry je über das
sprechen hören, was sich in der Nacht, in der Cedric gestorben war, er-
eignet hatte. Sie blickten begierig von Harry zu Professor Umbridge,
die aufgesehen hatte und ihn ohne die Spur eines falschen Lächelns an-
starrte.
»Cedric Diggorys Tod war ein tragischer Unfall«, sagte sie kalt.
»Es war Mord«, sagte Harry. Er spürte, daß er zitterte. Er hatte mit
kaum jemandem darüber gesprochen, und schon gar nicht mit dreißig
gebannt lauschenden Klassenkameraden. »Voldemort hat ihn getötet
und Sie wissen das.«
Professor Umbridge sah ihn völlig ausdruckslos an. Einen Moment
lang glaubte Harry, sie würde ihn gleich anschreien. Dann sagte sie mit
der sanftesten, süßlichsten Mädchenstimme: »Kommen Sie her, Mr.
Potter, mein Lieber.«
243

Er stieß seinen Stuhl beiseite und marschierte um Ron und Hermine
herum vor zum Lehrerpult. Er spürte, wie der Rest der Klasse den
Atem anhielt. Er war so zornig, daß es ihm gleichgültig war, was als
Nächstes passierte.
Professor Umbridge zog eine kleine rosa Pergamentrolle aus ihrer
Handtasche, strich sie auf dem Pult glatt, tauchte ihre Feder in ein Tin-
tenfaß und fing an zu kritzeln, tief vornübergebeugt, so daß Harry
nicht sehen konnte, was sie schrieb. Niemand sprach. Nach etwa einer
Minute rollte sie das Pergament zusammen und berührte es mit ihrem
Zauberstab; es versiegelte sich nahtlos, damit er es nicht öffnen konnte.
»Bringen Sie dies zu Professor McGonagall, mein Lieber«, sagte Pro-
fessor Umbridge und hielt ihm die Notiz hin.
Er nahm sie ihr wortlos aus der Hand, verließ das Klassenzimmer,
ohne auch nur einen Blick auf Ron und Hermine zu werfen, und schlug
die Tür hinter sich zu. Er ging sehr rasch den Korridor entlang, die No-
tiz für McGonagall fest umklammert, bog um die Ecke und stieß gera-
dewegs mit Peeves dem Poltergeist zusammen, einem breitmäuligen
kleinen Mann, der rücklings in der Luft schwebte und mit mehreren
Tintenfässern jonglierte.
»Oh, wen haben wir denn da, den kleinen Pottymatz!«, gackerte Pee-
ves und ließ zwei Tintenfässer zu Boden fallen, die zerbrachen und die
Wände bespritzten; Harry machte einen Satz rückwärts und knurrte
wütend.
»Laß das, Peeves.«
»Oooh, der Knallkopf ist knarzig«, sagte Peeves, schoß mit scheelem
Grinsen über Harrys Kopf hinweg und verfolgte ihn den Korridor ent-
lang. »Was ist es diesmal, mein feines Potter-Freundchen? Hört er Stim-
men? Hat er Visionen? Spricht er –«, Peeves schnaubte höchst verächt-
lich – »in fremden Zungen?«
»Laß mich IN RUHE, hab ich gesagt!«, schrie Harry und rannte die
nächstbeste Treppe hinab, aber Peeves rutschte einfach rücklings das
Geländer neben ihm herunter.
»Oh, die meisten glauben, er bellt nur, so mickrig kommt er daher,
Doch manche sind noch netter und sagen, das Herz war ihm nur schwer,
Aber Peevesy weiß es besser, unser Potter, der hat sie nicht mehr –«
244

»HALT’S MAUL!«
Zu seiner Linken flog eine Tür auf und Professor McGonagall trat mit
grimmiger Miene, ein wenig gehetzt wirkend, aus ihrem Büro.
»Was um alles in der Welt gibt es hier zu schreien, Potter?«, fauchte
sie, während Peeves schadenfroh gackerte und entschwebte. »Warum
sind Sie nicht im Unterricht?«
»Man hat mich zu Ihnen geschickt«, sagte Harry steif.
»Geschickt? Was soll das heißen, geschickt?«
Er hielt ihr die Notiz von Professor Umbridge entgegen. Professor
McGonagall nahm sie ihm stirnrunzelnd ab, schlitzte sie mit einer
leichten Berührung ihres Zauberstabs auf, entrollte sie und begann zu
lesen. Ihre Augen hinter den viereckigen Brillengläsern huschten über
Umbridges Mitteilung hin und her und mit jeder Zeile verengten sie
sich mehr.
»Kommen Sie hier rein, Potter.«
Er folgte ihr ins Büro. Hinter ihm schloß sich automatisch die Tür.
»Nun?«, sagte Professor McGonagall und beugte sich zu ihm vor. »Ist
das wahr?«
»Ist was wahr?«, fragte Harry, um einiges angriffslustiger, als er vor-
gehabt hatte. »Professor?«, fügte er in dem Versuch hinzu, höflicher zu
klingen.
»Ist es wahr, daß Sie Professor Umbridge angeschrien haben?«
»Ja«, sagte Harry.
»Sie haben sie eine Lügnerin genannt?«
»Ja.«
»Sie haben ihr gesagt, Er, dessen Name nicht genannt werden darf,
sei zurück?«
»Ja.«
Professor McGonagall setzte sich hinter ihren Schreibtisch und run-
zelte über Harry die Stirn. Dann sagte sie: »Nehmen Sie sich einen
Keks, Potter.«
»Einen – was?«
»Nehmen Sie sich einen Keks«, wiederholte sie ungeduldig und wies
mit der Hand zu einer Dose mit Schottenmuster auf einem der Papier-
stapel, die auf ihrem Schreibtisch lagen. »Und setzen Sie sich.«
245

Harry hatte bei einer früheren Gelegenheit schon einmal erwartet,
von Professor McGonagall bestraft zu werden, und statt dessen hatte
sie ihn in die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor geholt. Er ließ sich
auf einen Stuhl ihr gegenüber sinken, nahm sich einen Ingwerkeks und
fühlte sich genauso verwirrt und überrascht wie damals.
Professor McGonagall legte Professor Umbridges Notiz beiseite und
sah Harry sehr ernst an.
»Potter, Sie müssen vorsichtig sein.«
Harry schluckte seinen Bissen Ingwerkeks hinunter und starrte sie
an. Ihr Tonfall war keineswegs so, wie er es von ihr gewohnt war; er
war nicht forsch, knapp und streng; ihre Stimme war leise und besorgt
und in gewisser Weise viel menschlicher als sonst.
»Schlechtes Benehmen in Dolores Umbridges Unterricht kann Sie viel
mehr kosten als Hauspunkte und Nachsitzen.«
»Was meinen Sie –«
»Potter, gebrauchen Sie Ihren gesunden Menschenverstand«, fauchte
Professor McGonagall und war sofort wieder ganz die Alte. »Sie wis-
sen, wo sie herkommt, Sie müssen wissen, wem sie unterstellt ist.«
Die Glocke läutete zum Ende der Stunde. Über ihnen und rund um
sie her brach das Elefantengetrampel von Hunderten umherziehenden
Schülern los.
»Hier steht, sie hat Ihnen ab morgen für jeden Abend dieser Woche
Nachsitzen erteilt«, sagte Professor McGonagall mit einem erneuten
Blick auf Professor Umbridges Notiz.
»Jeden Abend dieser Woche!«, wiederholte Harry entsetzt. »Aber
Professor, könnten Sie nicht –«
»Nein, kann ich nicht«, sagte Professor McGonagall entschieden.
»Aber –«
»Sie ist Ihre Lehrerin und hat die volle Befugnis, Ihnen Strafarbeiten
zu erteilen. Sie werden morgen um fünf für die erste zu ihr ins Büro ge-
hen. Denken Sie daran: Seien Sie vorsichtig in der Nähe von Dolores
Umbridge.«
»Aber ich hab die Wahrheit gesagt!«, erwiderte Harry empört. »Vol-
demort ist zurück, Sie wissen es; Professor Dumbledore weiß, daß er –«
246

»Um Himmels willen, Potter!«, sagte Professor McGonagall und
rückte wütend ihre Brille zurecht (sie war fürchterlich zusammenge-
zuckt, als er Voldemorts Namen genannt hatte). »Glauben Sie wirklich,
daß es hier um Wahrheit oder Lüge geht? Es geht darum, daß Sie Ihren
Kopf in Deckung und Ihr Temperament im Zaum halten!«
Sie stand auf, mit bebenden Nasenflügeln und sehr schmalem Mund,
und auch Harry erhob sich.
»Nehmen Sie sich noch einen Keks«, sagte sie unwirsch und streckte
ihm die Dose entgegen.
»Nein, danke«, sagte Harry kühl.
»Seien Sie nicht albern«, fauchte sie. Er nahm sich einen.
»Danke«, murrte er.
»Haben Sie die Rede von Dolores Umbridge bei der Begrüßungsfeier
nicht gehört, Potter?«
»Doch«, sagte Harry. »Doch … sie hat gesagt … Fortschritt werde ver-
boten oder … na ja, es bedeutete, daß … das Zaubereiministerium ver-
sucht, sich in Hogwarts einzumischen.«
Professor McGonagall sah ihm einen Moment in die Augen, dann
rümpfte sie die Nase, ging um ihren Schreibtisch herum und hielt ihm
die Tür auf.
»Nun, ich bin froh, daß Sie wenigstens auf Hermine Granger hören«,
sagte sie und wies ihn aus ihrem Büro.
247

Strafarbeit bei Dolores
An diesem Abend war das Essen in der Großen Halle kein Vergnügen
für Harry. Die Nachricht von seiner lautstarken Auseinandersetzung
mit Umbridge hatte sich selbst für Hogwarts-Verhältnisse ungewöhn-
lich rasch verbreitet. Während er zwischen Ron und Hermine am Tisch
saß, hörte er ringsum Geflüster. Komisch nur, daß es offenbar nieman-
den kümmerte, daß er mithörte, was sie über ihn zu flüstern hatten.
Vielmehr hatte es ganz den Anschein, als hofften sie geradezu, er
würde aus der Haut fahren und wieder anfangen zu schreien, damit sie
seine Geschichte aus erster Hand hören konnten.
»Er behauptet, er hätte gesehen, wie Cedric Diggory ermordet
wurde …«
»Er denkt, er hätte sich mit Du-weißt-schon-wem duelliert …«
»Ach, hör doch auf …«
»Wer soll ihm dieses Märchen denn glauben?«
»Ich bitte dich …«
»Eins versteh ich nicht«, sagte Harry mit bebender Stimme und legte
Messer und Gabel weg (seine Hände zitterten so heftig, daß er sie nicht
mehr ruhig halten konnte), »nämlich daß alle die Geschichte vor zwei
Monaten, als Dumbledore sie ihnen erzählt hat, geglaubt haben …«
»Weißt du, Harry, da bin ich mir gar nicht so sicher«, sagte Hermine
grimmig. »Ach, laß uns von hier verschwinden.«
Sie knallte Messer und Gabel auf den Tisch. Ron blickte sehnsüchtig
auf seinen halb aufgegessenen Apfelkuchen, folgte aber ihrem Beispiel.
Einige Schüler starrten ihnen nach, bis sie die Große Halle verlassen
hatten.
248

»Was soll das heißen, du bist dir nicht sicher, ob sie Dumbledore ge-
glaubt haben?«, fragte Harry Hermine, als sie den ersten Stock erreicht
hatten.
»Hör mal, du begreifst nicht, was nach dieser Geschichte los war«,
sagte Hermine leise. »Du bist mitten auf dem Rasen wieder aufge-
taucht und hattest den toten Cedric an dich gepreßt … niemand von
uns hat gesehen, was im Irrgarten passiert ist … wir hatten nur Dum-
bledores Wort, wonach Du-weißt-schon-wer zurückgekommen war,
Cedric getötet und mit dir gekämpft hatte.«
»Und das ist die Wahrheit!«, erwiderte Harry laut.
»Das weiß ich, Harry, also hörst du jetzt bitte mal auf, mich ständig an-
zufahren?«, sagte Hermine genervt. »Ich meine nur, daß die Wahrheit gar
nicht richtig durchdringen konnte, bevor alle in die Sommerferien ver-
schwunden sind, wo sie dann zwei Monate lang gelesen haben, was für
ein Knallkopf du bist und daß Dumbledore allmählich senil wird!«
Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, während sie durch die
leeren Korridore zum Gryffindor-Turm zurückkehrten. Harry kam es
vor, als hätte sein erster Tag eine ganze Woche gedauert, aber vor dem
Schlafengehen hatte er immer noch einen Berg Schularbeiten zu erledi-
gen. Ein dumpfer, hämmernder Schmerz machte sich über seinem
rechten Auge bemerkbar. Als sie in den Korridor der fetten Dame ein-
bogen, schaute er durch ein regennasses Fenster auf die dunklen
Schloßgründe. In Hagrids Hütte brannte immer noch kein Licht.
»Mimbulus mimbeltonia«, sagte Hermine, noch bevor die fette Dame
ihre Frage stellen konnte. Das Porträt schwang auf, gab das Loch da-
hinter frei, und die drei kletterten hindurch.
Der Gemeinschaftsraum war fast leer, die meisten waren noch unten
beim Abendessen. Krummbein glitt von einem Sessel herunter und tap-
ste ihnen laut schnurrend entgegen, und als Harry, Ron und Hermine
ihre drei Lieblingssessel am Feuer in Beschlag nahmen, sprang er
leichtfüßig auf Hermines Schoß und kringelte sich dort zu einem pelzi-
gen orangeroten Kissen ein. Harry starrte in die Flammen. Er fühlte
sich ausgelaugt und erschöpft.
»Wie konnte Dumbledore das nur zulassen?«, rief Hermine plötzlich.
Harry und Ron zuckten zusammen und Krummbein sprang mit entrü-
249

stetem Blick von ihrem Schoß. Hermine schlug so wütend auf die Ses-
sellehnen, daß Fetzen der Polsterfüllung aus den Löchern stoben. »Wie
kann er es zulassen, daß diese schreckliche Frau uns unterrichtet? Und
das auch noch in unserem ZAG-Jahr!«
»Naja, wir hatten nie besonders tolle Lehrer in Verteidigung gegen
die dunklen Künste, oder?«, sagte Harry. »Du weißt doch, was los ist,
Hagrid hat es erzählt – keiner will die Stelle, es heißt, sie sei verhext.«
»Ja, schon, aber jemanden einzustellen, der sich tatsächlich weigert,
uns zaubern zu lassen! Was bezweckt Dumbledore nur damit?«
»Und dann will sie auch noch, daß man für sie spioniert«, sagte Ron
düster. »Wißt ihr noch, daß sie gesagt hat, wir sollten zu ihr kommen
und es melden, wenn wir jemanden sagen hören, daß Du-weißt-schon-
wer zurück sei?«
»Natürlich ist sie hier, um uns alle zu bespitzeln, das ist doch klar,
warum sonst hätte Fudge gewollt, daß sie kommt?«, fauchte Hermine.
»Fangt nicht wieder an zu streiten«, sagte Harry matt, als Ron den
Mund öffnete, um zurückzuschlagen. »Können wir nicht einfach …
laßt uns doch einfach die Hausaufgaben machen, dann haben wir ’s hin-
ter uns …«
Sie holten ihre Schultaschen aus einer Ecke und kehrten zu den Ses-
seln am Feuer zurück. Inzwischen kamen die anderen vom Abendessen
hoch. Harry sah nicht zum Porträtloch hin, konnte aber dennoch die
Blicke spüren, die er auf sich zog.
»Sollen wir Snapes Kram zuerst erledigen?«, sagte Ron und tauchte
seine Feder in die Tinte. »›Die Eigenschaften … von Mondstein … und
seine Anwendungen … in der Zaubertrankbereitung‹«, murmelte er
und schrieb die Worte oben auf sein Pergament. »So.« Er unterstrich
die Überschrift, dann blickte er erwartungsvoll zu Hermine auf.
»Also, was sind die Eigenschaften von Mondstein und seine Anwen-
dungen in der Zaubertrankbereitung?«
Aber Hermine hörte ihm nicht zu; sie spähte hinüber in die hintere
Ecke des Raums, wo Fred, George und Lee Jordan nun inmitten eines
Knäuels arglos dreinsehender Erstkläßler saßen, die alle etwas kauten,
das offenbar aus der großen Papiertüte in Freds Hand stammte.
250

»Nein, tut mir leid, jetzt sind sie zu weit gegangen«, sagte sie und
stand hell erzürnt auf. »Komm mit, Ron.«
»Ich – was?«, sagte Ron, sichtlich bemüht, Zeit zu gewinnen. »Nein –
hör mal, Hermine – wir können die doch nicht verpetzen, weil sie Sü-
ßigkeiten verteilen.«
»Du weißt sehr genau, daß es Stückchen von diesem Nasblutnugat
sind oder – oder Kotzpastillen oder –«
»Kollapskekse?«, half Harry leise nach.
Ein Erstkläßler nach dem anderen sackte ohnmächtig auf seinem
Platz zusammen wie von einem unsichtbaren Schlagholz am Kopf ge-
troffen. Manche rutschten gleich zu Boden, andere sanken nur mit her-
aushängenden Zungen über die Armlehnen ihrer Sessel. Die meisten,
die zusahen, lachten; Hermine jedoch straffte die Schultern und schritt
geradewegs zu Fred und George hinüber, die inzwischen mit Klemm-
brettern dastanden und die ohnmächtigen Erstkläßler genau beobach-
teten. Ron stemmte sich halb hoch und blieb einen Augenblick lang un-
schlüssig in der Schwebe.
Dann murmelte er Harry zu: »Sie hat alles im Griff«, und versank
wieder so tief in seinem Sessel, wie seine schlaksige Statur es erlaubte.
»Jetzt reicht’s!«, sagte Hermine entschlossen zu Fred und George, die
milde überrascht zu ihr aufblickten.
»Ja, du hast Recht«, nickte George, »offenbar stark genug, diese Do-
sis, nicht wahr?«
»Heute Morgen noch hab ich euch gesagt, daß ihr euer Zeug nicht an
Schülern ausprobieren dürft!«
»Wir bezahlen sie!«, sagte Fred entrüstet.
»Das ist mir egal, es könnte gefährlich sein!«
»Unsinn«, sagte Fred.
»Beruhige dich, Hermine, denen geht’s gut!«, versicherte ihr Lee,
während er von Erstkläßler zu Erstkläßler ging und ihnen lila Süßig-
keiten in den offenen Mund schob.
»Ja, schau mal, jetzt kommen sie wieder zu sich«, sagte George.
Tatsächlich regten sich ein paar der Erstkläßler. Manche waren offen-
sichtlich so schockiert darüber, auf dem Boden zu liegen oder über den
251

Sesseln zu hängen, daß sich Harry sicher war, daß Fred und George sie
nicht vor der Wirkung der Süßigkeiten gewarnt hatten.
»Alles in Ordnung mit dir?«, sagte George freundlich zu einem klei-
nen dunkelhaarigen Mädchen, das zu seinen Füßen lag.
»Ich – ich glaub schon«, erwiderte sie zittrig.
»Hervorragend«, sagte Fred vergnügt, da riß ihm Hermine auch schon
das Klemmbrett und die Tüte mit den Kollapskeksen aus den Händen.
»Es ist NICHT hervorragend!«
»Aber natürlich, schließlich leben sie doch alle«, sagte Fred erbost.
»Das könnt ihr nicht machen! Was wäre denn, wenn ihr einen von ih-
nen richtig krank machen würdet?«
»Wir machen sie nicht krank, wir haben alles schon an uns selbst aus-
probiert. Wir prüfen nur, ob alle gleich reagieren –«
»Wenn ihr nicht damit aufhört, dann werd ich –«
»Uns Strafarbeiten aufhalsen?«, sagte Fred mit einer Das-möchte-ich-
mal-sehen-Stimme.
»Uns Sätze schreiben lassen?«, rief George feixend.
Hie und da lachten Schüler, die ihnen zuschauten. Hermine richtete
sich zu voller Größe auf; ihre Augen waren zu Schlitzen geworden und
ihr buschiges Haar schien vor elektrischer Spannung zu knistern.
»Nein«, sagte sie mit zornbebender Stimme, »aber ich werd an eure
Mutter schreiben.«
»Das würdest du nicht tun«, sagte George entsetzt und wich einen
Schritt vor ihr zurück.
»O doch, das würde ich«, sagte Hermine grimmig. »Ich kann euch
nicht davon abhalten, dieses blöde Zeugs selber zu schlucken, aber ihr
dürft es nicht an die Erstkläßler verteilen.«
Fred und George schienen wie vom Donner gerührt. Es war klar, daß
Hermines Drohung aus ihrer Sicht weit unter die Gürtellinie zielte. Mit
einem letzten drohenden Blick pfefferte sie Klemmbrett und Kekstüte
in Freds Arme und stolzierte zurück zu ihrem Sessel am Feuer.
Ron hatte sich inzwischen so tief in seinen Sessel vergraben, daß seine
Nase kaum noch über die Knie ragte.
»Danke für deine Hilfe, Ron«, bemerkte Hermine bissig. »Bist ja ganz
gut allein klargekommen«, nuschelte Ron.
252

Hermine starrte einige Sekunden lang auf ihr leeres Pergament.
»Ach, es hat keinen Zweck«, sagte sie dann gereizt, »ich kann mich jetzt
nicht konzentrieren. Ich geh zu Bett.«
Sie riß ihre Tasche auf; Harry dachte, sie würde ihre Bücher ver-
stauen, doch statt dessen holte sie zwei unförmige wollene Gegen-
stände heraus, legte sie sorgfältig auf einen Tisch am Feuer, bedeckte
sie mit ein paar zusammengeknüllten Pergamentfetzen und einer ka-
putten Schreibfeder und trat zurück, um die Wirkung zu begutachten.
»Was in Merlins Namen tust du da?«, sagte Ron und musterte sie, als
würde er sich Sorgen um ihren Geisteszustand machen.
»Das sind Hüte für Hauselfen«, erwiderte sie munter und stopfte nun
ihre Bücher in die Tasche. »Ich hab sie in den Sommerferien gemacht.
Wenn ich nicht zaubern kann, bin ich wirklich langsam im Stricken,
aber jetzt in der Schule kann ich noch viel mehr davon machen.«
»Du läßt Hüte für Hauselfen herumliegen?«, sagte Ron langsam.
»Und versteckst sie zuerst unter Müll?«
»Ja«, sagte Hermine trotzig und schwang sich die Tasche auf den
Rücken.
»Das ist völlig daneben«, sagte Ron wütend. »Du willst sie austrick-
sen, damit sie die Hüte aufheben. Du befreist sie, obwohl sie vielleicht
gar nicht frei sein wollen.«
»Natürlich wollen sie frei sein!«, erwiderte Hermine sofort, aber ihr
Gesicht wurde rosa. »Wag es bloß nicht, diese Hüte anzurühren, Ron!«
Sie ging von dannen.
Ron wartete, bis sie durch die Tür zu den Mädchenschlafsälen ver-
schwunden war, dann räumte er den Müll von den Wollhüten.
»Die sollten wenigstens sehen können, was sie da einsammeln«, sagte
er bestimmt. »Jedenfalls …«, er rollte das Pergament zusammen, auf
das er die Überschrift zu Snapes Aufsatz geschrieben hatte, »jedenfalls
bringt das nichts, wenn ich jetzt hier weitermache. Ohne Hermine kann
ich das nicht, ich hab keine Ahnung, was man mit Mondsteinen anstel-
len soll, du vielleicht?«
Harry schüttelte den Kopf und dabei spürte er, daß der Schmerz an
seiner rechten Schläfe schlimmer wurde. Er dachte an den langen Auf-
satz über die Riesen-Kriege und der Schmerz versetzte ihm einen
253

scharfen Stich. Morgen früh, das wußte er genau, würde er es bereuen,
daß er heute Abend seine Schularbeiten nicht gemacht hatte, und den-
noch räumte er die Bücher in die Tasche zurück.
»Ich geh auch schlafen.«
Auf dem Weg zur Tür, die zu den Schlafräumen führte, kam er an Se-
amus vorbei, sah ihn jedoch nicht an. Harry hatte den flüchtigen Ein-
druck, daß Seamus den Mund geöffnet hatte und etwas sagen wollte,
aber er beschleunigte seine Schritte und erreichte die besänftigende
Ruhe der steinernen Wendeltreppe, ohne eine weitere Provokation hin-
nehmen zu müssen.
Der nächste Tag brach genauso bleiern und regnerisch an wie der vo-
rige. Beim Frühstück fehlte Hagrid immer noch am Lehrertisch.
»Kein Snape heute, immerhin«, sagte Ron aufmunternd.
Hermine gähnte herzhaft und schenkte sich Kaffee ein. Sie machte den
Eindruck, als ob sie sich leise über etwas freuen würde, und als Ron sie
fragte, weshalb sie denn so gut gelaunt sei, sagte sie nur: »Die Hüte sind
weg. Sieht so aus, als wollten die Hauselfen doch die Freiheit.«
»Da wär ich mir nicht so sicher«, erwiderte Ron bissig. »Vielleicht
zählen die gar nicht als Kleidung. Mir kamen sie gar nicht wie Hüte
vor, eher wie wollene Blasen.«
Hermine sprach den ganzen Morgen kein Wort mit ihm.
Der Doppelstunde Zauberkunst folgte eine Doppelstunde Verwand-
lung. Professor Flitwick und Professor McGonagall verbrachten jeweils
die erste Viertelstunde ihres Unterrichts damit, die Klasse über die Be-
deutung von ZAGs zu belehren.
»Sie müssen bedenken«, quiekte der kleine Professor Flitwick, der
wie immer auf einem Stapel Bücher saß, damit er über sein Pult sehen
konnte, »daß diese Prüfungen Ihr künftiges Leben für viele Jahre beein-
flussen können! Wenn Sie bisher noch nicht ernsthaft über Ihre Berufs-
laufbahn nachgedacht haben, dann ist es jetzt an der Zeit. Unterdessen,
fürchte ich, werden wir fleißiger denn je arbeiten, damit Sie Ihren Fä-
higkeiten auch gerecht werden!«
Dann wiederholten sie über eine Stunde lang Aufrufezauber, die Pro-
fessor Flitwick zufolge ganz sicher in ihren ZAG-Prüfungen drankom-
254

men würden, und er krönte die Stunde, indem er ihnen so viele Haus-
aufgaben wie noch nie aufbrummte.
In Verwandlung war es das Gleiche, wenn nicht noch schlimmer.
»Sie kommen durch keine ZAG-Prüfung«, sagte Professor McGona-
gall grimmig, »ohne ernsthafte Praxis, Übung und Studium. Ich sehe
keinen Grund, warum jemand in dieser Klasse keinen ZAG in Ver-
wandlung erlangen sollte, wenn er oder sie gründlich darauf hinarbei-
tet.« Neville gab ein schwaches trauriges und ungläubiges Geräusch
von sich. »Ja, auch Sie, Longbottom«, sagte Professor McGonagall.
»Ihre Arbeit ist nicht schlecht, nur fehlt es Ihnen an Selbstvertrauen.
Nun … heute beginnen wir mit Verschwindezaubern. Diese sind leich-
ter als Beschwörungszauber, die Sie für gewöhnlich erst auf UTZ-Ni-
veau versuchen werden, und dennoch gehören sie zur schwierigsten
Magie, die beim ZAG geprüft wird.«
Sie hatte vollkommen Recht; Harry fand die Verschwindezauber
furchtbar schwierig. Am Ende der Doppelstunde hatten weder er noch
Ron es geschafft, die Schnecken, an denen sie übten, verschwinden zu
lassen, auch wenn Ron hoffnungsvoll meinte, seine würde schon ein
wenig blasser aussehen. Hermine hingegen brachte ihre Schnecke be-
reits beim dritten Versuch erfolgreich zum Verschwinden, was ihr von
Professor McGonagall einen Zehn-Punkte-Bonus für Gryffindor ein-
brachte. Sie war die Einzige, die keine Hausaufgaben bekam; alle ande-
ren sollten den Zauber bis zum nächsten Tag üben und am kommen-
den Nachmittag dann bereit sein, ihn noch einmal an ihren Schnecken
auszuprobieren.
Harry und Ron gerieten nun leicht in Panik wegen des Bergs an
Hausaufgaben, den sie zu bewältigen hatten. Sie verbrachten die Mit-
tagsstunde in der Bibliothek und schlugen die Anwendungen von
Mondstein in der Zaubertrankbereitung nach. Hermine, immer noch
sauer wegen Rons gehässiger Bemerkung über ihre Wollhüte, ließ die
beiden sitzen. Als sie schließlich nachmittags in Pflege magischer Ge-
schöpfe auftauchten, tat Harry der Kopf schon wieder weh.
Der Tag war kühl und windig geworden, und während sie den Ra-
senhang zu Hagrids Hütte am Rand des Verbotenen Waldes hinabgin-
gen, spürten sie dann und wann einen Regentropfen auf den Gesich-
255

tern. Professor Raue-Pritsche erwartete die Klasse kaum zehn Meter
von Hagrids Tür entfernt, vor sich einen langen Zeichentisch, der mit
Zweigen bedeckt war. Als Harry und Ron bei ihr ankamen, lachte hin-
ter ihnen jemand laut auf. Sie drehten sich um und sahen, daß Draco
Malfoy auf sie zuging, umgeben von seiner üblichen Slytherin-Bande.
Offensichtlich hatte er gerade etwas höchst Amüsantes zum Besten ge-
geben, denn Crabbe, Goyle, Pansy Parkinson und die anderen kicher-
ten immer noch ausgelassen, während sie sich um den Zeichentisch
versammelten, und der Art nach zu urteilen, wie sie andauernd zu
Harry herübersahen, konnte er den Gegenstand des Witzes ohne allzu
große Schwierigkeit erraten.
»Sind alle da?«, bellte Professor Raue-Pritsche, sobald alle Slytherins
und Gryffindors zur Stelle waren. »Dann legen wir sofort los. Wer kann
mir sagen, wie man diese Dinger hier nennt?« Sie deutete auf den Hau-
fen Zweige vor ihr. Hermines Hand schnellte hoch. Hinter ihrem Rük-
ken äffte Malfoy sie nach; er schob die Vorderzähne vor und hüpfte auf
und ab vor Eifer, die Frage beantworten zu dürfen. Pansy Parkinson
ließ ein kreischendes Lachen hören, das jedoch gleich in einen Schrei
überging, als die Zweige auf dem Tisch in die Luft sprangen und sich
als kleine wichtelhafte Geschöpfe aus Holz erwiesen, mit knubbligen
braunen Armen und Beinen, zwei zweigartigen Fingern am Ende jeder
Hand und einem lustigen flachen, rindenähnlichen Gesicht, in dem ein
Paar käferbraune Augen glitzerte.
»Oooooh!«, machten Parvati und Lavender, was Harry gründlich är-
gerte. Man hätte meinen können, Hagrid hätte ihnen nie interessante
Geschöpfe gezeigt; zugegeben, die Flubberwürmer waren ziemlich öde
gewesen, aber die Salamander und Hippogreife waren durchaus span-
nend und die Knallrümpfigen Kröter vielleicht sogar ein wenig zu
spannend gewesen.
»Seid bitte leise, Mädchen!«, sagte Professor Raue-Pritsche scharf und
verstreute, wie es aussah, eine Hand voll braunen Reises zwischen den
Zweiggeschöpfen, die sich augenblicklich auf die Nahrung stürzten.
»Nun – kennt jemand den Namen dieser Kreaturen? Miß Granger?«
»Bowtruckles«, sagte Hermine. »Sie sind Baumwächter und leben
normalerweise in Zauberstabbäumen.«
256

»Fünf Punkte für Gryffindor«, sagte Professor Raue-Pritsche. »Ja, dies
sind Bowtruckles, und wie Miß Granger richtig sagt, leben sie meist in
Bäumen, aus deren Holz Zauberstäbe gefertigt werden können. Weiß
jemand, was sie fressen?«
»Holzläuse«, antwortete Hermine prompt, und das erklärte, warum die
vermeintlichen braunen Reiskörner sich bewegten. »Aber auch Feeneier,
wenn sie welche kriegen können.«
»Sehr gut, noch mal fünf Punkte für Sie. Also, wann immer Sie Blätter
oder Holz von einem Baum brauchen, in dem ein Bowtruckle wohnt,
ist es klug, Holzläuse als Geschenk mitzubringen, um ihn abzulenken
oder zu besänftigen. Sie sehen vielleicht nicht gefährlich aus, aber
wenn man sie ärgert, versuchen sie die Augen der Menschen mit ihren
Fingern auszustechen. Diese sind, wie Sie sehen, messerscharf und soll-
ten lieber nicht in die Nähe eines Augapfels gelangen. Wenn Sie nun
bitte zu mir kommen und sich ein paar Holzläuse und einen Bow-
truckle nehmen – ich habe genug hier, je drei von Ihnen können sich ei-
nen teilen und ihn genauer untersuchen. Bis zum Ende des Unterrichts
erwarte ich von allen eine Skizze, in der sämtliche Körperteile verzeich-
net sind.«
Die Klasse drängte vor und scharte sich um den Zeichentisch. Harry
ging absichtlich um den Tisch herum, so daß er genau neben Professor
Raue-Pritsche zu stehen kam.
»Wo ist Hagrid?«, fragte er sie, während alle anderen sich Bowtruck-
les aussuchten.
»Das geht Sie nichts an«, erwiderte Professor Raue-Pritsche schroff,
wie schon beim letzten Mal, als Hagrid nicht zum Unterricht erschie-
nen war. Draco Malfoy feixte über sein ganzes spitzes Gesicht, lehnte
sich über Harry hinweg und packte den größten Bowtruckle.
»Vielleicht«, sagte Malfoy halblaut, so daß nur Harry ihn hören
konnte, »vielleicht hat sich der dumme Riesentölpel ja was Ernstes ge-
tan.«
»Vielleicht tust du dir gleich was Ernstes, wenn du nicht die Klappe
hältst«, zischte Harry aus dem Mundwinkel.
»Vielleicht hat er sich in Angelegenheiten eingemischt, denen er nicht
gewachsen war, wenn du verstehst, was ich meine.«
257

Malfoy zog davon und grinste über die Schulter zu Harry hinüber,
dem plötzlich schlecht wurde. Wußte Malfoy etwas? Schließlich war
sein Vater ein Todesser; vielleicht hatte er Informationen über Hagrids
Schicksal, die dem Orden noch nicht bekannt waren? Hastig lief er um
den Tisch herum zurück zu Ron und Hermine, die in einiger Entfer-
nung auf dem Gras hockten und einen Bowtruckle dazu bringen woll-
ten, lange genug stillzuhalten, bis sie ihn gezeichnet hatten. Harry zog
Pergament und Feder hervor, kauerte sich neben sie und erzählte flü-
sternd, was Malfoy eben gesagt hatte.
»Dumbledore würde es wissen, wenn Hagrid etwas zugestoßen
wäre«, sagte Hermine sofort. »Wenn wir besorgt aussehen, spielen wir
nur Malfoy in die Hände. Damit verraten wir ihm, daß wir nicht genau
wissen, was eigentlich vor sich geht. Wir dürfen ihn nicht beachten,
Harry. Hier, halt mal kurz den Bowtruckle, damit ich sein Gesicht
zeichnen kann …«
»Ja«, drang unverkennbar Malfoys gedehnte Stimme von der näch-
sten Gruppe zu ihnen herüber. »Mein Vater hat erst vor ein paar Tagen
mit dem Minister gesprochen, und es hört sich an, als wäre das Mini-
sterium wirklich entschlossen, Schluß zu machen mit dem niveaulosen
Unterricht in dieser Anstalt. Sollte dieser ins Kraut geschossene
Schwachkopf also tatsächlich wieder auftauchen, darf er wahrschein-
lich gleich seine Sachen packen.«
»AUTSCH!«
Harry hatte den Bowtruckle so fest gepackt, daß er fast zerbrach. Aus
Rache hatte dieser ihm mit scharfen Fingern einen heftigen Schlag ver-
paßt, der zwei lange, tiefe Schnitte auf Harrys Hand hinterließ. Harry
ließ ihn fallen. Crabbe und Goyle, die gerade schallend darüber gelacht
hatten, daß Hagrid womöglich an die Luft gesetzt werden würde, lach-
ten noch lauter, als der Bowtruckle blitzschnell auf den Wald zustakste
und das kleine Zweigmännchen rasch zwischen den Baumwurzeln ver-
schwand. Dann läutete es von fern über die Schloßgründe. Harry rollte
sein blutverschmiertes Bowtruckle-Bild zusammen und ging schnellen
Schrittes, die Hand in Hermines Taschentuch gewickelt und Malfoys
hämisches Gelächter noch in den Ohren, zu Kräuterkunde hinüber.
258

»Wenn er Hagrid noch ein einziges Mal einen Schwachkopf
nennt …«, knurrte Harry wütend.
»Harry, such bloß keinen Streit mit Malfoy, vergiß nicht, er ist jetzt
Vertrauensschüle r, er könnte dir das Leben schwermachen …«
»Ach wirklich? Wie es wohl ist, wenn einem das Leben schwerge-
macht wird?«, gab Harry trocken zurück. Ron lachte, aber Hermine
runzelte die Stirn. Zusammen schlenderten sie durchs Gemüsebeet.
Der Himmel schien immer noch nicht imstande zu entscheiden, ob es
regnen sollte oder nicht. »Ich möchte nichts weiter, als daß Hagrid sich beeilt und zurück-
kommt«, sagte Harry leise, als sie die Gewächshäuser erreichten. »Und
sag ja nicht, daß diese Raue-Pritsche eine bessere Lehrerin ist«, fügte er
drohend hinzu. »Wollte ich gar nicht«, sagte Hermine ruhig.
»Weil die nie so gut sein wird wie Hagrid«, sagte Harry nachdrück-
lich, wobei ihm vollkommen bewußt war, daß er soeben eine beispiel-
hafte Stunde in Pflege magischer Geschöpfe erlebt hatte, was ihn
gründlich ärgerte. Die Tür des nächsten Gewächshauses ging auf und ein paar Viert-
kläßler schwärmten heraus, unter ihnen Ginny.
»Hi«, sagte sie fröhlich im Vorbeigehen. Wenige Augenblicke später
tauchte Luna Lovegood auf und trödelte hinter dem Rest der Klasse her,
einen Fleck Erde auf der Nase und das Haar zu einem Knoten hochge-
bunden. Als sie Harry sah, schienen ihre Glubschaugen vor Aufregung
hervorzuquellen, und sie ging geradewegs auf ihn zu. Viele seiner Klas-
senkameraden drehten sich neugierig um. Luna holte tief Luft und sagte,
ohne ihre Zeit mit einem einleitenden Hallo zu verschwenden: »Ich
glaube, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück, und ich
glaube, du hast mit ihm gekämpft und bist ihm entwischt.«
»Ähm – schön«, sagte Harry verlegen. Luna trug etwas wie ein Paar
orangefarbener Radieschen als Ohrringe, was Parvati und Lavender of-
fenbar aufgefallen war, da sie beide kichernd auf Lunas Ohrläppchen
deuteten. »Lacht ihr nur«, sagte Luna und ihre Stimme wurde lauter, offenbar
weil sie glaubte, daß Parvati und Lavender über das lachten, was sie
259

gesagt hatte, und nicht über das, was sie trug, »aber früher haben die
Leute auch geglaubt, daß es so was wie den Schlibbrigen Summlinger
oder den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler nicht gibt!«
»Da hatten sie doch Recht, oder?«, sagte Hermine unwirsch. »Es gab
nie so was wie den Schlibbrigen Summlinger oder den Schrumpfhörni-
gen Schnarchkackler.«
Luna warf ihr einen vernichtenden Blick zu und stolzierte mit wild
baumelnden Radieschen davon. Parvati und Lavender waren jetzt nicht
mehr die Einzigen, die johlten vor Lachen.
»Würd’s dir was ausmachen, die einzigen Leute, die mir glauben,
nicht vor den Kopf zu stoßen?«, fragte Harry Hermine auf dem Weg in
den Unterricht.
»Ach, um Himmels willen, Harry, die brauchst du doch wirklich
nicht«, erwiderte Hermine. »Ginny hat mir alles über sie erzählt; offen-
bar glaubt sie nur an etwas, solange es dafür keine Beweise gibt. Naja,
von jemandem, dessen Vater den Klitterer herausgibt, ist wohl nichts
anderes zu erwarten.«
Harry fielen die unheimlichen geflügelten Pferde ein, die er am
Abend seiner Ankunft gesehen hatte und von denen Luna behauptet
hatte, auch sie könne sie sehen. Ihm sank ein wenig die Laune. Hatte
sie gelogen? Doch bevor er länger darüber nachdenken konnte, war Er-
nie Macmillan zu ihm herübergekommen.
»Ich möchte, daß du weißt, Potter«, sagte er mit lauter, tragender
Stimme, »daß es nicht nur Spinner sind, die dich unterstützen. Ich per-
sönlich glaube dir hundertprozentig. Meine Familie stand immer fest
hinter Dumbledore und das tue ich auch.«
»Ähm – vielen Dank, Ernie«, sagte Harry verdutzt, aber erfreut. Ernie
mochte bei Gelegenheiten wie dieser hier etwas geschwollen daherre-
den, aber so wie es um Harrys Laune stand, wußte er die Vertrauensbe-
kundung von jemandem, dem keine Radieschen von den Ohren bau-
melten, durchaus zu schätzen. Ernies Worte hatten jedenfalls das Lä-
cheln von Lavender Browns Gesicht gewischt, und als Harry sich Ron
und Hermine zuwandte, erhaschte er einen Blick auf Seamus’ Miene,
die verwirrt und trotzig zugleich wirkte.
260

Niemand war überrascht, als Professor Sprout ihre Stunde mit einem
Vortrag über die Bedeutung der ZAGs begann. Harry hätte sich ge-
wünscht, die Lehrer würden das allesamt bleiben lassen; allmählich
überkam ihn jedes Mal, wenn ihm wieder einfiel, wie viele Hausaufga-
ben er noch zu erledigen hatte, ein bohrendes Gefühl von Angst im Ma-
gen, das sich dramatisch verschlimmerte, als Professor Sprout ihnen
am Ende der Stunde noch einen weiteren Aufsatz aufgab. Müde und
stark nach Professor Sprouts Lieblingsdünger, Drachenmist, riechend,
marschierten die Gryffindors wieder hoch zum Schloß, und keiner von
ihnen verlor viele Worte; es war wieder ein langer Tag gewesen.
Da Harry fürchterlich hungrig war und er um fünf zum ersten Mal
bei Umbridge nachsitzen mußte, brachte er seine Tasche nicht erst hin-
auf in den Gryffindor-Turm, sondern ging gleich zum Abendessen, da-
mit er noch etwas hinunterschlingen konnte, bevor er sich dem stellte,
was sie für ihn in petto hatte. Kaum jedoch hatte er den Eingang zur
Großen Halle erreicht, da rief eine laute und zornige Stimme: »Hi, Pot-
ter!«
»Was ist denn jetzt wieder los?«, murmelte er matt, wandte sich um
und sah Angelina Johnson vor sich, die offenbar ziemlich wütend war.
»Ich erzähl dir gleich, was jetzt wieder los ist«, sagte sie, rückte ihm
dicht auf die Pelle und bohrte ihm den Finger in die Brust. »Wie hast
du es geschafft, dir für Freitag um fünf Uhr Nachsitzen einzuhandeln?«
»Was?«, sagte Harry. »Warum … ach ja, die Auswahlspiele für den
Hüter!«
»Jetzt fällt’s ihm wieder ein!«, fauchte Angelina. »Hab ich dir nicht
gesagt, ich will ein Auswahlspiel mit der ganzen Mannschaft und jeman-
den finden, der zu allen paßt? Hab ich dir nicht gesagt, daß ich eigens
das Quidditch-Feld gebucht hab? Und da hast du beschlossen, nicht
dabei zu sein!«
»Ich hab nicht beschlossen, nicht dabei zu sein!«, sagte Harry, den die
Ungerechtigkeit ihrer Worte kränkte. »Diese Umbridge hat mir Nach-
sitzen aufgebrummt, nur weil ich ihr die Wahrheit über Du-weißt-
schon-wen gesagt habe.«
»Na, dann tanz mal gleich bei ihr an und frag sie, ob sie dich Freitag
gehen läßt«, sagte Angelina wütend, »und mir ist schnuppe, wie du das
261

anstellst. Sag ihr von mir aus, Du-weißt-schon-wer ist ein Auswuchs
deiner Phantasie, aber sieh zu, daß du kommst!«
Sie stürmte davon.
»Wißt ihr was?«, sagte Harry zu Ron und Hermine, als sie die Große
Halle betraten. »Wir sollten mal bei Eintracht Pfützensee nachfragen,
ob Oliver Wood beim Training umgekommen ist, Angelina ist nämlich
eindeutig von seinem Geist ergriffen.«
»Was meinst du, wie stehen die Chancen, daß dich Umbridge am
Freitag laufen läßt?«, meinte Ron skeptisch, als sie sich an den Gryf-
findor-Tisch setzten.
»Unter null«, sagte Harry verdrossen, gabelte sich Lammkoteletts auf
den Teller und fing an zu essen. »Aber ich werd’s trotzdem probieren.
Ich biete ihr zweimal Nachsitzen zusätzlich an oder so, keine Ahnung
…« Er schluckte einen Mund voll Kartoffeln hinunter und fügte hinzu:
»Hoffentlich behält sie mich heute Abend nicht zu lange da. Immerhin
müssen wir drei Aufsätze schreiben, Verschwindezauber für McGona-
gall üben, einen Gegenzauber für Flitwick austüfteln, die Bowtruckle-
Zeichnung fertig machen und mit diesem bescheuerten Traumtagebuch
für Trelawney anfangen.«
Ron stöhnte und sah aus irgendeinem Grund zur Decke.
»Und es sieht ganz nach Regen aus.«
»Was hat das mit unseren Hausaufgaben zu tun?«, fragte Hermine
mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Nichts«, sagte Ron schnell und seine Ohren liefen rot an.
Um fünf vor fünf verabschiedete sich Harry von den anderen beiden
und machte sich auf zu Umbridges Büro im dritten Stock. Als er an
ihre Tür klopfte, rief sie mit zuckersüßer Stimme »Herein«. Vorsichtig
trat er ein und sah sich um.
Er kannte dieses Büro von dreien ihrer Vorgänger. Als Gilderoy Lock-
hart noch hier gewaltet hatte, war es mit strahlenden Porträts seiner
selbst tapeziert gewesen. Als Lupin hier Lehrer gewesen war, konnte
man zuweilen, wenn man bei ihm vorbeischaute, einem faszinierenden
dunklen Geschöpf in einem Käfig oder Aquarium begegnen. In den Ta-
gen des Doppelgängers von Moody hatten diverse Apparaturen und
262

Gerätschaften hier herumgestanden, mit denen Fehlverhalten und
Heimlichkeiten aufgespürt werden konnten.
Nun jedoch war das Büro nicht mehr wiederzuerkennen. Auf sämtli-
chen Möbeln waren Spitzendecken und Tücher drapiert. Mehrere Va-
sen mit Trockenblumen standen herum, jede auf ihrem Untersetzer,
und an einer Wand hing eine Sammlung von Ziertellern, alle mit gro-
ßen quietschbunten Kätzchen bemalt, die jeweils eine andere Schleife
um den Hals trugen. Sie waren so scheußlich, daß Harry sie verdutzt
anstarrte, bis Professor Umbridge zu sprechen begann.
»Guten Abend, Mr. Potter.«
Harry schreckte hoch und wandte ihr den Blick zu. Er hatte sie noch
gar nicht bemerkt, weil sie einen grell geblümten Umhang trug, der
nur zu gut mit der Decke auf dem Schreibtisch hinter ihr harmonierte.
»’n Abend, Professor Umbridge«, sagte Harry steif.
»Nun, nehmen Sie Platz«, sagte sie und deutete auf einen kleinen
Tisch mit Spitzendeckchen, vor den sie einen Stuhl mit steiler Lehne
gestellt hatte. Ein leeres Pergamentblatt lag auf dem Tisch, offenbar
wartete es auf ihn.
»Ähm«, sagte Harry ohne sich zu rühren. »Professor Umbridge. Ähm
– bevor wir anfangen, wollte ich – ich Sie um einen – einen Gefallen bit-
ten.«
Ihre Glubschaugen wurden schmal. »Ach ja?«
»Nun, ich … ich bin in der Quidditch-Mannschaft von Gryffindor
und ich sollte eigentlich bei den Auswahlspielen für den neuen Hüter
am Freitag um fünf dabei sein und ich wüßte – wüßte gern, ob ich das
Nachsitzen an diesem Abend nicht ausfallen lassen könnte und es –
und es an einem anderen Abend … nachholen …«
Lange bevor er zum Ende seines Satzes kam, wüßte er, daß es keinen
Zweck hatte.
»O nein!«, sagte Umbridge und lächelte so breit, daß sie aussah, als
hätte sie gerade eine besonders saftige Fliege geschluckt. »O nein, nein,
nein. Dies ist Ihre Strafe dafür, daß Sie böse, widerwärtige, Aufmerksam-
keit heischende Geschichten verbreitet haben, Mr. Potter, und Strafen
können sich selbstverständlich nicht nach den Launen des Schuldigen
richten. Nein, Sie werden morgen Nachmittag um fünf Uhr kommen und
263

am Tag darauf und auch am Freitag, und Sie werden Ihre Strafarbeiten
wie geplant erledigen. Ich denke, es hat eher sein Gutes, daß Ihnen ein-
mal etwas entgeht, was Sie wirklich gerne tun wollen. Das sollte der Lek-
tion, die ich Ihnen zu erteilen gedenke, Nachdruck verleihen.«
Harry spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß, und hatte ein
dumpfes Pochen in den Ohren. Er verbreitete also »böse, widerwärtige
und Aufmerksamkeit heischende Geschichten«?
Sie beobachtete ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf, noch immer
breit lächelnd, als wüßte sie genau, was er dachte, und wartete nur dar-
auf, ob er wieder laut werden würde. Mit Mühe wandte Harry den
Blick von ihr ab, ließ seine Schultasche neben den Stuhl mit der steilen
Lehne fallen und setzte sich.
»Na also«, sagte Umbridge süßlich, »wir lernen offenbar bereits, un-
ser Temperament zu zügeln, nicht wahr? Nun, Sie werden jetzt ein paar
Zeilen für mich schreiben, Mr. Potter. Nein, nicht mit Ihrer Feder«,
fügte sie hinzu, als Harry sich bückte und seine Tasche öffnen wollte.
»Sie werden eine ganz spezielle von mir verwenden. Hier, bitte sehr.«
Sie reichte ihm eine lange, dünne schwarze Feder mit ungewöhnlich
scharfer Spitze.
»Ich möchte, daß Sie schreiben: Ich soll keine Lügen erzählen«, befahl
sie leise.
»Wie oft?«, fragte Harry, glaubwürdig Höflichkeit heuchelnd.
»Oh, so lange es dauert, bis die Botschaft sich einprägt«, sagte Um-
bridge mit ihrer süßlichen Stimme. »Fangen Sie an.« Sie ging hinüber
zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und beugte sich über einen Stapel
Pergamente, offenbar Aufsätze, die es zu benoten galt. Harry hob die
scharfe schwarze Feder, dann fiel ihm auf, was fehlte.
»Sie haben mir keine Tinte gegeben«, sagte er.
»Oh, Sie werden keine Tinte brauchen«, sagte Professor Umbridge
mit dem leisen Anflug eines Lachens in der Stimme.
Harry setzte die Federspitze auf das Papier und schrieb: Ich soll keine
Lügen erzählen.
Er keuchte auf vor Schmerz. Die Wörter waren auf dem Pergament
erschienen, offenbar mit leuchtend roter Tinte geschrieben. Zugleich
waren die Wörter auf dem Rücken von Harrys rechter Hand aufge-
264

taucht, in seine Haut geschnitten, als hätte ein Skalpell sie dort einge-
ritzt. Noch während er auf die schimmernde Schnittwunde starrte, ver-
heilte die Haut, und die Stelle mit der Schrift war nun leicht gerötet,
aber wieder vollkommen glatt.
Harry wandte sich zu Umbridge um. Sie beobachtete ihn, ihr breites
Krötenmaul zu einem Lächeln verzerrt.
»Ja?«
»Nichts«, sagte Harry leise.
Er blickte wieder auf das Pergament, setzte die Feder von neuem auf,
schrieb Ich soll keine Lügen erzählen, und zum zweiten Mal spürte er den
brennenden Schmerz auf seinem Handrücken; abermals waren die
Wörter in seine Haut geritzt und abermals verheilte sie innerhalb von
Sekunden.
Und so ging es weiter. Wieder und wieder schrieb Harry die Wörter
auf das Pergament, nicht mit Tinte, wie ihm bald klar wurde, sondern
mit seinem eigenen Blut. Und wieder und wieder ritzten sich die Wör-
ter auf seinem Handrücken ein, verheilten und erschienen erneut, so-
bald er die Feder aufs Pergament setzte.
Draußen vor Umbridges Fenster brach die Dunkelheit herein. Harry
fragte nicht, wann er aufhören durfte. Er sah nicht einmal auf seine
Uhr. Er wußte, daß sie ihn beobachtete und auf ein Zeichen von Schwä-
che wartete, und er würde sich nichts dergleichen anmerken lassen,
selbst dann nicht, wenn er hier die ganze Nacht sitzen und mit dieser
Feder seine eigene Hand aufschneiden mußte …
»Kommen Sie her«, sagte sie, und es kam ihm vor, als wären Stunden
vergangen.
Er stand auf. Seine Hand brannte vor Schmerz. Als er sie ansah,
stellte er fest, daß der Schnitt verheilt, die Haut aber wundrot war.
»Hand«, sagte sie.
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie nahm sie in die ihre. Harry un-
terdrückte ein Schaudern, als sie ihn mit ihren dicken Stummelfingern
berührte, an denen sie etliche häßliche, alte Ringe trug.
»Aber, aber, ich scheine ja noch nicht viel Eindruck gemacht zu ha-
ben«, sagte sie lächelnd. »Nun, da müssen wir es morgen Abend ein-
fach noch mal versuchen, nicht wahr? Sie können gehen.«
265

Harry verließ ihr Büro ohne ein Wort zu sagen. Die Schule war völlig
ausgestorben; gewiß war es schon nach Mitternacht. Er ging langsam
den Korridor entlang, und dann, als er um die Ecke gebogen und si-
cher war, daß sie ihn nicht hören konnte, fing er an zu rennen.
Er hatte keine Zeit gehabt, Verschwindezauber zu üben, hatte keinen
einzigen Traum in sein Traumtagebuch geschrieben, den Bowtruckle
nicht fertig gezeichnet und auch die Aufsätze nicht geschrieben. Am
nächsten Morgen ließ er das Frühstück ausfallen, schmierte ein paar er-
fundene Träume für Wahrsagen in der ersten Stunde hin und stellte
überrascht fest, daß Ron, der ziemlich zerzaust aussah, ihm Gesell-
schaft leistete. »Wieso hast du das nicht gestern Abend gemacht?«,
fragte Harry, während Ron auf der Suche nach einer Anregung hek-
tisch im Gemeinschaftsraum umherstarrte. Ron hatte fest geschlafen,
als Harry in den Schlafsaal gekommen war, und murmelte nun etwas
von wegen, er hätte »andere Dinge zu tun« gehabt, beugte sich dann
tief über sein Pergament und kritzelte ein paar Worte.
»Das muß reichen«, sagte er und schlug das Tagebuch zu. »Ich hab
geschrieben, ich hätte geträumt, wie ich ein neues Paar Schuhe kaufte,
da kann sie ja nichts Komisches draus lesen, oder?«
Eilends machten sie sich zusammen auf zum Nordturm.
»Wie war eigentlich das Nachsitzen bei Umbridge? Was mußtest du
machen?«
Harry zögerte einen winzigen Augenblick, dann sagte er: »Sätze
schreiben.«
»Das ging ja noch, was?«, sagte Ron.
»Hm«, machte Harry.
»Hey – hab ich ganz vergessen – wird sie dich am Freitag laufen las-
sen?«
»Nein«, sagte Harry.
Ron stöhnte mitleidvoll.
Es war abermals ein übler Tag für Harry; er war einer der Schlechte-
sten in Verwandlung, weil er überhaupt keine Verschwindezauber ge-
übt hatte. Er mußte seine Mittagspause opfern, um den Bowtruckle fer-
tig zu zeichnen, und überdies gaben ihnen die Professorinnen McGona-
266

gall, Raue-Pritsche und Sinistra noch mehr Hausaufgaben, die er an
diesem Abend wegen seines zweiten Nachsitzens bei Umbridge un-
möglich erledigen konnte. Zu allem Überfluß stellte ihn Angelina John-
son beim Abendessen erneut zur Rede, und als sie hörte, daß er nicht
bei den Auswahlspielen für den Hüter am Freitag dabei sein konnte,
erklärte sie ihm, ihm fehle die richtige Einstellung und sie erwarte von
Spielern, die in der Mannschaft bleiben wollten, daß sie das Training
allen anderen Verpflichtungen voranstellten.
»Ich muß nachsitzen!«, rief ihr Harry hinterher, als sie davonstol-
zierte. »Glaubst du vielleicht, ich stecke lieber in einem Zimmer mit
dieser alten Kröte als Quidditch zu spielen?«
»Wenigstens mußt du nur Sätze schreiben«, sagte Hermine tröstend,
als Harry auf die Bank zurücksank und auf seine Steak-und-Nieren-Pa-
stete hinabblickte, die er nicht mehr besonders verlockend fand. »So
schrecklich ist die Strafe nun auch wieder nicht, echt mal …«
Harry öffnete den Mund, schloß ihn wieder und nickte. Er wußte nicht
genau, warum er Ron und Hermine verschwieg, was in Umbridges Zim-
mer wirklich geschah. Er wußte nur, daß er ihre entsetzten Gesichter
nicht sehen wollte, denn dann würde ihm alles nur noch schlimmer vor-
kommen und damit noch schwieriger zu ertragen. Auch spürte er dunkel,
daß dies eine Sache zwischen ihm und Umbridge war, ein persönlicher
Kampf Wille gegen Wille, und er würde ihr nicht die Genugtuung ver-
schaffen zu hören, daß er sich darüber beschwert hatte.
»Ich kann einfach nicht fassen, wie viel Hausaufgaben wir aufhaben«,
sagte Ron niedergeschlagen.
»Tja, warum hast du nicht gestern Abend welche erledigt?«, fragte
ihn Hermine. »Wo warst du eigentlich?«
»Ich war … ich hatte Lust auf ’nen Spaziergang«, sagte Ron leichthin.
Harry hatte den deutlichen Verdacht, daß er im Moment nicht der
Einzige war, der etwas verheimlichte.
Das zweite Nachsitzen war ebenso schlimm wie das erste. Die Haut auf
Harrys Handrücken war nun schneller gereizt und bald rot und ent-
zündet. Harry glaubte nicht, daß sie weiterhin so zügig verheilen
würde. Bald würden die Schnitte in seiner Hand eingraviert bleiben
267

und vielleicht war Umbridge dann zufrieden. Dennoch blieb er darauf
bedacht, trotz aller Schmerzen keinen Laut von sich zu geben, und von
dem Augenblick an, da er das Zimmer betrat, bis zu dem Augenblick,
da sie ihn, wiederum nach Mitternacht, entließ, sagte er nichts als »Gu-
ten Abend« und »Gute Nacht«.
Mit seinen Hausaufgaben allerdings war es nun zum Verzweifeln. Ob-
wohl er völlig erschöpft in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum zurück-
kam, ging er nicht zu Bett, sondern schlug seine Bücher auf und begann
mit dem Mondsteinaufsatz für Snape. Als er damit fertig war, war es halb
drei. Er wußte, daß der Aufsatz wenig taugte, aber es half nichts; wenn er
nichts abzugeben hatte, würde er als Nächstes bei Snape Strafstunden ab-
sitzen. Dann kritzelte er Antworten auf die Fragen hin, die Professor
McGonagall ihnen gestellt hatte, stoppelte etwas über den artgerechten
Umgang mit Bowtruckles für Professor Raue-Pritsche zusammen und
taumelte schließlich hoch in den Schlafsaal, wo er sich in seinen Kleidern
auf die Bettdecke fallen ließ und sofort einschlief.
Der Donnerstag ging in einem Nebel von Müdigkeit dahin. Auch Ron
war offenbar sehr müde, obwohl Harry nicht wußte, wieso. Sein drittes
Nachsitzen verlief wie die beiden zuvor, nur verschwanden nach zwei
Stunden die Wörter Ich soll keine Lügen erzählen nicht mehr von seinem
Handrücken, sondern blieben dort eingeritzt und sonderten Blutstrop-
fen ab. Weil das Kratzen der spitzen Feder einen Moment aussetzte,
blickte Professor Umbridge auf.
»Ah«, sagte sie mit weicher Stimme und kam hinter ihrem Schreib-
tisch hervor, um die Hand persönlich zu untersuchen. »Gut. Das sollte
Ihnen eine Lehre sein, nicht wahr? Sie können für heute Abend gehen.«
»Muß ich trotzdem morgen wieder kommen?«, sagte Harry und griff
seine Schultasche mit der linken und nicht mit der brennenden rechten
Hand.
»O ja«, sagte Professor Umbridge, wie stets mit einem breiten Lä-
cheln. »Ja, ich denke, wir können die Botschaft mit der Arbeit eines
weiteren Abends noch ein wenig tiefer einprägen.«
Harry hatte noch nie überlegt, ob es vielleicht einen Lehrer auf der
Welt geben könnte, den er mehr haßte als Snape, aber während er zum
268

Gryffindor-Turm zurückging, mußte er zugeben, daß Snape eine ernst-
hafte Konkurrentin bekommen hatte. Sie ist böse, dachte er, als er die
Treppe zum siebten Stock hochstieg, sie ist eine böse, gemeine, wahn-
sinnige alte –
»Ron?«
Er hatte den Treppenabsatz erreicht, war nach rechts gegangen und
fast mit Ron zusammengeprallt, der hinter einer Statue von Lachlan
dem Lulatsch lauerte und seinen Besen umklammerte. Als er Harry
sah, machte er überrascht einen Satz und versuchte den neuen Sauber-
wisch Elf hinter seinem Rücken zu verstecken.
»Was treibst du hier?«
»Ähm – nichts. Was treibst du hier?«
Harry sah ihn stirnrunzelnd an.
»Komm schon, mir kannst du es erzählen. Warum versteckst du dich
hier?«
»Ich – ich versteck mich vor Fred und George, wenn du’s unbedingt
wissen willst«, sagte Ron. »Die sind eben mit ein paar Erstkläßlern vor-
beigekommen. Ich wette, die testen wieder Sachen an denen aus. Jetzt
können sie es ja nicht mehr im Gemeinschaftsraum machen, oder? Je-
denfalls nicht, wenn Hermine da ist.«
Er redete fieberhaft überstürzt.
»Aber wozu hast du deinen Besen dabei, du bist doch nicht etwa ge-
flogen?«, fragte Harry.
»Ich – nun – na ja, okay, ich sag’s dir, aber nicht lachen, ja?«, stam-
melte Ron abwehrend und lief mit jeder Sekunde röter an. »Ich – ich
dachte, ich könnte es mal als Gryffindor-Hüter probieren, jetzt, wo ich
einen anständigen Besen habe. So. Da hast du’s. Jetzt lach schon.«
»Ich lache nicht«, sagte Harry. Ron sah ihn erstaunt an. »Glänzende
Idee! Wär wirklich toll, wenn du in die Mannschaft kämst! Ich hab dich
nie Hüter spielen sehen, bist du gut?«
»Ich bin nicht schlecht«, sagte Ron, der ungeheuer erleichtert über
Harrys Reaktion wirkte. »Charlie, Fred und George haben mich immer
den Hüter machen lassen, wenn sie in den Ferien trainiert haben.«
»Also hast du heute Abend geübt?«
269

»Jeden Abend seit Dienstag … aber nur für mich allein. Ich hab ver-
sucht Quaffel zu verhexen, damit sie auf mich zufliegen, aber es war nicht
so einfach, und ich weiß nicht, ob es mir was bringt.« Ron wirkte nervös
und beklommen. »Fred und George werden sich dumm und dämlich la-
chen, wenn ich bei den Auswahlspielen auftauche. Seit ich zum Vertrau-
ensschüler ernannt wurde, nehmen die mich dauernd auf den Arm.«
»Wenn ich nur dabei sein könnte«, sagte Harry bitter, als sie sich zu-
sammen auf den Weg zum Gemeinschaftsraum machten.
»Ja, finde ich auch – Harry, was hast du da auf der Hand?«
Harry, der sich gerade mit der freien rechten Hand an der Nase ge-
kratzt hatte, versuchte sie ebenso erfolglos zu verstecken wie Ron zu-
vor seinen Sauberwisch.
»Hab mich nur geschnitten – nichts weiter – es ist –«
Aber Ron hatte Harrys Unterarm gepackt und zog Harrys Handrük-
ken vor sein Gesicht. Eine Pause trat ein, während er auf die Wörter
starrte, die in die Haut geritzt waren, dann ließ er Harry los, als würde
ihm plötzlich schlecht.
»Ich dachte, du hättest gesagt, sie würde dich nur Sätze schreiben las-
sen?«
Harry zögerte, aber schließlich war Ron ehrlich zu ihm gewesen, und
so erzählte er ihm die Wahrheit über die Stunden, die er in Umbridges
Büro verbrachte.
»Die alte Hexe!«, wisperte Ron empört, als sie vor der fetten Dame
ankamen, die, den Kopf an ihren Rahmen gelehnt, friedlich döste. »Die
ist krank! Geh zu McGonagall und sag was!«
»Nein«, erwiderte Harry rasch. »Ich geb ihr nicht die Genugtuung zu
erfahren, wie sie mir zusetzt.«
»Zusetzt? Damit darfst du sie nicht durchkommen lassen!«
»Ich weiß nicht, wie viel Macht McGonagall über sie hat«, sagte Harry.
»Dann Dumbledore, erzähl es Dumbledore!«
»Nein«, sagte Harry entschieden.
»Warum nicht?«
»Er hat genug um die Ohren«, sagte Harry, aber das war nicht der
wahre Grund. Dumbledore, der doch seit Juni nicht mehr mit ihm ge-
sprochen hatte, wollte er nicht um Hilfe bitten.
270

»Also, ich finde, du solltest –«, begann Ron, wurde jedoch von der
fetten Dame unterbrochen, die sie schlaftrunken beobachtet hatte und
jetzt herausplatzte: »Sagt ihr mir jetzt das Paßwort oder muß ich die
ganze Nacht wach bleiben, bis ihr euer Gespräch beendet habt?«
Der Freitag brach so düster und naß an wie die anderen Tage der Wo-
che. Als Harry die Große Halle betrat, warf er automatisch einen Blick
hinüber zum Lehrertisch, allerdings ohne ernsthaft zu hoffen, daß er
Hagrid sehen würde. Schnell wandte er sich wieder drängenderen Pro-
blemen zu, etwa dem riesigen Berg an Hausaufgaben, die er noch erle-
digen mußte, und der Aussicht auf eine weitere Strafarbeit bei Um-
bridge.
Zweierlei hielt Harry an diesem Tag bei Laune. Zum einen der Ge-
danke, daß bald Wochenende war, zum anderen, daß er von Um-
bridges Fenster aus, so schrecklich das letzte Nachsitzen auch sein
würde, von weitem das Quidditch-Feld sehen konnte und mit ein we-
nig Glück vielleicht etwas von Rons Auswahlspiel mitbekommen
würde. Das waren recht kärgliche Lichtblicke, gewiß, aber Harry war
dankbar für alles, was seine gegenwärtig triste Stimmung aufhellen
konnte. Noch nie hatte er eine so schlimme erste Woche in Hogwarts
erlebt.
Um fünf Uhr nachmittags klopfte er an die Tür zu Professor Um-
bridges Büro, zum letzten Mal, wie er flehentlich hoffte, und wurde
hereingerufen. Das leere Pergament lag auf dem Tisch mit dem Spit-
zendeckchen für ihn bereit, die scharfe schwarze Feder daneben.
»Sie wissen, was Sie zu tun haben, Mr. Potter«, sagte Umbridge mit
ihrem süßlichen Lächeln.
Harry nahm die Feder und spähte durch das Fenster. Wenn er seinen
Stuhl nur ein wenig nach rechts rückte … Er tat, als wolle er den Stuhl
näher zum Tisch schieben, und schaffte es: Jetzt konnte er in der Ferne
die Quidditch-Spieler von Gryffindor sehen, die über dem Feld auf und
ab schossen, während ein halbes Dutzend schwarzer Gestalten am Fuß
der drei hohen Torstangen offenbar darauf wartete, als Hüter an die
Reihe zu kommen. Es war auf diese Entfernung unmöglich, zu sagen,
wer davon Ron war.
271

Ich soll keine Lügen erzählen, schrieb Harry. Die Schnitte auf seinem
rechten Handrücken öffneten sich und begannen wieder zu bluten.
Ich soll keine Lügen erzählen. Die Schnitte vertieften sich, es stach und
brannte.
Ich soll keine Lügen erzählen. Blut tröpfelte über sein Handgelenk.
Er wagte noch einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Wer immer es
war, der gerade die Tore verteidigte, machte seine Sache ziemlich
schlecht. Katie Bell traf zweimal in den paar Sekunden, die Harry sich
zuzusehen traute. Er hoffte inständig, daß der Hüter nicht Ron war,
und senkte die Augen wieder auf das mit Blut besprenkelte Pergament.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Er blickte auf, wann immer er meinte, es riskieren zu können: wenn
er Umbridges Feder kratzen oder eine Schreibtischschublade aufgehen
hörte. Der Dritte, der es probierte, war ziemlich gut, der Vierte war lau-
sig, der Fünfte wich einem Klatscher ungewöhnlich gut aus, verschus-
selte dann aber einen leichten Quaffel. Der Himmel verdunkelte sich,
und Harry bezweifelte, daß er den Sechsten und Siebten überhaupt
würde sehen können.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Das Pergament leuchtete nun blutrot und sein Handrücken brannte.
Als er wieder aufblickte, war es tiefe Nacht und er konnte das Quid-
ditch-Feld nicht mehr sehen.
»Schauen wir mal, ob Sie die Botschaft schon verstanden haben«,
tönte Umbridges weiche Stimme eine halbe Stunde später.
Sie trat auf ihn zu und langte mit ihren kurzen beringten Fingern
nach seinem Arm. Und in dem Moment, als sie ihn ergriff, um die Wör-
ter zu begutachten, die in seine Haut geschnitten waren, durchzuckte
ihn ein sengender Schmerz, nicht an seinem Handrücken, sondern an
seiner Narbe auf der Stirn. Im selben Augenblick hatte er eine äußerst
merkwürdige Empfindung irgendwo in der Zwerchfellgegend.
Er entwand den Arm ihrem Griff, sprang auf und starrte sie an. Sie
erwiderte seinen Blick und ein Lächeln verzerrte ihren breiten, schlaf-
fen Mund.
272

»Ja, es tut weh, nicht wahr?«, sagte sie weich.
Er gab keine Antwort. Sein Herz schlug sehr heftig und schnell. Re-
dete sie von seiner Hand oder wußte sie, was er gerade an der Stirn ge-
spürt hatte?
»Nun, ich denke, ich habe mein Anliegen deutlich gemacht, Mr. Pot-
ter. Sie können gehen.«
Er griff nach seiner Schultasche und verließ den Raum, so schnell er
konnte.
Bleib ruhig, sagte er sich, als er die Treppen hochsprintete. Bleib ru-
hig, das bedeutet nicht unbedingt das, was du denkst …
»Mimbulus mimbeltonia!«, keuchte er die fette Dame an und sie
schwang wieder nach vorne.
Er wurde von donnerndem Lärm empfangen. Ron kam auf ihn zuge-
rannt, er strahlte übers ganze Gesicht und bekleckerte sich die Brust
mit Butterbier aus dem Kelch, den er in der Hand hielt.
»Harry, ich hab’s geschafft, ich bin dabei, ich bin Hüter!«
»Was? Oh – klasse!«, sagte Harry und versuchte ungezwungen zu lä-
cheln, während sein Herz weiter raste und seine Hand pochte und blu-
tete.
»Nimm dir ein Butterbier.« Ron drängte ihm eine Flasche auf. »Ich
kann’s nicht fassen – wo ist eigentlich Hermine?«
»Sie ist dort drüben«, sagte Fred, der ebenfalls Butterbier trank, und
wies auf einen Sessel am Feuer. Dort saß Hermine und döste, in der
Hand ein Getränk, das bedenklich schwappte.
»Naja, als ich es ihr gesagt habe, meinte sie, es würde sie freuen«,
sagte Ron und sah ein wenig verstimmt aus.
»Laß sie schlafen«, sagte George hastig. Wenige Augenblicke später
fiel Harry auf, daß einige der um sie versammelten Erstkläßler eindeu-
tig so aussahen, als hätten sie vor kurzem Nasenbluten gehabt.
»Komm mal her, Ron, laß uns schauen, ob dir Olivers alter Umhang
paßt«, rief Katie Bell, »wir können seinen Namen abtrennen und dei-
nen draufnähen …«
Als Ron hinüberging, kam Angelina auf Harry zugeschritten.
»Tut mir leid, daß ich dich letztens ein bißchen schroff behandelt hab,
Potter«, sagte sie ohne Umschweife. »Dieser Trainerkram ist stressig,
273

weißt du, langsam überleg ich mir schon, ob ich nicht manchmal ein
wenig ungerecht zu Wood war.« Sie musterte Ron mit einem leichten
Stirnrunzeln über den Rand ihres Kelchs hinweg.
»Hör mal, ich weiß, er ist dein bester Kumpel, aber er ist nicht gerade
umwerfend«, sagte sie offen heraus. »Trotzdem glaube ich, mit ein we-
nig Training wird noch was aus ihm. Schließlich kommt er aus einer
Familie guter Quidditch-Spieler. Ich setze drauf, daß ein bißchen mehr
Talent in ihm steckt, als er heute gezeigt hat, ehrlich gesagt. Vicky Fro-
bisher und Geoffrey Hooper sind zwar heute Abend besser geflogen,
aber Hooper ist ein echter Jammerlappen, dauernd stöhnt er über dies
und das, und Vicky steckt in allen möglichen Vereinen. Wenn das Trai-
ning sich mit dem Zauber-Klub überschneiden würde, dann würde sie
lieber in den Klub gehen, hat sie selbst zugegeben. Aber egal, wir ha-
ben morgen um zwei eine Trainingsstunde, also sieh zu, daß du dies-
mal kommst. Und tu mir einen Gefallen und hilf Ron, so gut du kannst,
okay?«
Er nickte und Angelina gesellte sich wieder zu Alicia Spinnet. Harry
ging hinüber zu Hermine und setzte sich neben sie. Als er seine Tasche
abstellte, schreckte sie hoch.
»Oh, Harry, du bist’s … schön für Ron, was?«, nuschelte sie. »Ich bin
nur so – so – so – müde.« Sie gähnte. »Ich war bis eins auf und hab
noch mehr Hüte gemacht. Total verrückt, wie die alle verschwinden!«
Und tatsächlich, jetzt, da er sich umsah, fiel Harry auf, daß überall im
Raum, wo arglose Elfen sie zufällig mitnehmen könnten, Hüte ver-
steckt waren.
»Großartig«, sagte Harry zerstreut; wenn er es nicht bald jemandem
erzählte, dann platzte er noch. »Hör zu, Hermine, ich war gerade in
Umbridges Büro und sie hat mich am Arm berührt …«
Hermine hörte aufmerksam zu. Als Harry geendet hatte, sagte sie
langsam: »Und du machst dir Sorgen, daß Du-weißt-schon-wer sie be-
herrscht, wie er Quirrell beherrscht hat?«
»Na ja«, sagte Harry und senkte die Stimme, »das wäre doch mög-
lich, oder?«
»Kann sein«, sagte Hermine, doch sie klang nicht überzeugt. »Aber
ich glaube nicht, daß sie von ihm besessen ist, wie Quirrell es war, ich
274

meine, er lebt doch jetzt wieder richtig, nicht wahr, er hat seinen eige-
nen Körper, er braucht keinen anderen in Besitz zu nehmen. Er könnte
sie mit einem Imperius-Fluch belegt haben, denke ich …«
Harry sah einen Moment lang Fred, George und Lee Jordan dabei zu,
wie sie mit leeren Butterbierflaschen jonglierten. Dann sagte Hermine:
»Aber letztes Jahr hat deine Narbe geschmerzt, obwohl dich niemand
berührt hat, und sagte Dumbledore da nicht, es hätte damit zu tun, was
Du-weißt-schon-wer in diesen Momenten fühlte? Ich meine, vielleicht
hat das überhaupt nichts mit Umbridge zu tun, vielleicht ist es nur Zu-
fall, daß es passiert ist, während du bei ihr warst?«
»Sie ist böse«, sagte Harry entschieden. »Einfach fies.«
»Sie ist schrecklich, ja, aber … Harry, ich glaube, du solltest Dumble-
dore sagen, daß deine Narbe weh getan hat.«
Es war das zweite Mal in zwei Tagen, daß er den Rat erhielt, zu Dum-
bledore zu gehen, und er antwortete Hermine das Gleiche wie Ron.
»Ich will ihn damit nicht belästigen. Du hast es ja eben selbst gesagt,
es ist nichts Besonderes. Sie hat den ganzen Sommer über mal mehr,
mal weniger weh getan – heute Abend war es nur ein wenig schlimmer,
nichts weiter –«
»Harry, ich bin mir sicher, daß Dumbledore damit belästigt werden
will –«
»Tja«, rutschte es Harry raus, »das ist das Einzige an mir, das Dum-
bledore interessiert, nicht wahr, meine Narbe?«
»Das darfst du nicht sagen, es ist nicht wahr!«
»Ich glaub, ich schreib an Sirius und erzähl ihm davon, mal sehen,
was er dazu sagt –«
»Harry, so was kannst du nicht in einen Brief schreiben!«, sagte Her-
mine erschrocken. »Weißt du nicht mehr, Moody hat uns gesagt, wir
sollen vorsichtig sein bei dem, was wir schreiben! Wir müssen davon
ausgehen, daß Eulen abgefangen werden!«
»Schon gut, schon gut, dann sag ich’s ihm eben nicht«, erwiderte
Harry verärgert. Er stand auf. »Ich geh schlafen. Kannst du’s Ron aus-
richten?«
»O nein«, sagte Hermine und sah erleichtert aus, »wenn du gehst,
dann kann ich auch gehen, ohne unhöflich zu sein. Ich bin vollkommen
275

erschöpft und will morgen noch ein paar Hüte stricken. Hör mal, wenn
du Lust hast, kannst du mir helfen, das macht ziemlich Spaß, ich werd
langsam besser, ich kann jetzt schon Muster und Bommeln und alles
Mögliche.«
Harry blickte in ihr Gesicht, das vor Begeisterung glänzte, und ver-
suchte eine Miene zu machen, als ob ihn ihr Angebot irgendwie verlok-
ken würde.
»Ähm … nein, ich glaub eher nicht, danke«, sagte er. »Ähm – nicht
morgen, ich muß noch ’ne Menge Hausaufgaben machen …«
Er schlurfte hoch zum Jungenschlafsaal und ließ Hermine ein wenig
enttäuscht zurück.
276

Percy und Tatze
Am nächsten Morgen erwachte Harry als Erster im Schlafsaal. Er blieb
noch einen Moment liegen, sah zu, wie Staub in dem Sonnenstrahl wir-
belte, der durch den Vorhangspalt seines Himmelbetts fiel, und genoß
die Vorstellung, daß es Samstag war. Die erste Woche des Schuljahrs
war ihm unendlich lang vorgekommen, wie eine gigantische Stunde
Geschichte der Zauberei.
Offenbar war es kurz nach Tagesanbruch, denn es herrschte noch
schläfrige Stille und der Sonnenstrahl wirkte taufrisch. Er zog die Vor-
hänge des Bettes zurück, stand auf und zog sich an. Außer dem fernen
Vogelgezwitscher war nur das ruhige, tiefe Atmen seiner Schulkamera-
den in Gryffindor zu hören. Behutsam öffnete er seine Schultasche, zog
Pergament und Schreibfeder heraus, verließ den Schlafsaal und stieg
hinunter zum Gemeinschaftsraum.
Harry ging geradewegs auf seinen knuddligen alten Lieblingssessel
neben dem erloschenen Feuer zu, machte es sich darin bequem, ent-
rollte das Pergament und sah sich um. Zerknüllte Pergamentfetzen, alte
Koboldsteine, leere Zutatengefäße und Süßigkeitenpapier – der ganze
Abfall, der normalerweise am Ende des Tages im Gemeinschaftsraum
verstreut lag, war verschwunden, außerdem sämtliche Elfenhüte von
Hermine. Er fragte sich beiläufig, wie viele Elfen, ob sie es wollten oder
nicht, inzwischen wohl befreit waren, entkorkte sein Tintenfaß, tauchte
seine Feder ein, hielt sie ein paar Zentimeter über das glatte, gelbliche
Pergament und dachte angestrengt nach … aber eine gute Minute ver-
ging, und er starrte immer noch auf den leeren Kaminrost, ohne im
Mindesten zu wissen, was er schreiben sollte.
277

Jetzt konnte er nachvollziehen, wie schwierig es für Ron und Her-
mine während des Sommers gewesen war, ihm Briefe zu schreiben.
Wie sollte er Sirius all das berichten, was in der letzten Woche gesche-
hen war, und all die Fragen stellen, die ihm auf den Nägeln brannten,
ohne daß er möglichen Briefdieben eine Menge Informationen lieferte,
die sie besser nicht bekamen?
Eine Weile saß er vollkommen reglos da und blickte in den Kamin,
dann endlich faßte er einen Entschluß, tauchte die Feder erneut in das
Tintenfaß und setzte sie beherzt aufs Pergament.
Lieber Schnuffel,
ich hoffe, dir geht es gut, die erste Woche hier war schrecklich, ich bin
wirklich froh, daß jetzt Wochenende ist.
Wir haben eine neue Lehrerin in Verteidigung gegen die dunklen Kün-
ste, Professor Umbridge. Sie ist fast so nett wie deine Mum. Ich
schreibe dir, weil das, wovon ich dir letzten Sommer berichtet habe, ge-
stern Abend wieder passiert ist, als ich bei Umbridge nachsitzen
mußte.
Wir alle vermissen unseren größten Freund, wir hoffen, er kommt bald
zurück.
Gib mir bitte schnell Antwort.
Herzlichst
Harry
Harry las den Brief ein paar Mal durch und versuchte ihn vom Stand-
punkt eines Außenstehenden zu betrachten. Ein Fremder, der diesen
Brief las, so befand er, konnte nicht herausfinden, worüber er da
schrieb – oder wem er schrieb. Er hoffte nur, daß Sirius die Anspielung
auf Hagrid aufgriff und ihm mitteilte, wann er zurückkehren würde.
Harry wollte nicht direkt danach fragen, um nicht zu viel Aufmerk-
samkeit darauf zu lenken, was Hagrid möglicherweise während seiner
Abwesenheit von Hogwarts unternahm.
Obwohl es ein sehr kurzer Brief war, hatte er doch lange dafür ge-
braucht; das Sonnenlicht war bis in die Mitte des Raums gekrochen,
während er über dem Brief gebrütet hatte, und jetzt konnte er von oben
278

aus den Schlafsälen fernes Getrappel hören. Er versiegelte das Perga-
ment sorgfältig, kletterte durch das Porträtloch und machte sich auf
den Weg in die Eulerei.
»Wenn ich du wäre, würde ich nicht da langgehen«, sagte der Fast
Kopflose Nick und schwebte Harry, der durch den Korridor kam, aus
einer Wand heraus direkt vor die Nase, so daß er kurz zusammen-
zuckte. »Peeves plant einen amüsanten Scherz auf Kosten der Person,
die als Nächste an der Büste des Paracelsus in der Mitte dieses Korri-
dors vorbeigeht.«
»Geht es darum, daß Paracelsus dieser Person auf den Kopf fallen
soll?«, fragte Harry.
»In der Tat, witzigerweise«, sagte der Fast Kopflose Nick in gelang-
weiltem Ton. »Raffinesse war nie Peeves’ Stärke. Ich muß los, den Bluti-
gen Baron suchen … vielleicht ist er in der Lage, diesem Treiben Ein-
halt zu gebieten … bis dann, Harry …«
»Ja, tschüß«, sagte Harry und statt nach rechts wandte er sich nach
links und nahm einen längeren, aber weniger gefährlichen Weg hoch in
die Eulerei. Seine Laune besserte sich unterwegs, da er aus jedem Fen-
ster einen strahlend blauen Himmel sehen konnte; nachher hatte er
noch Training, endlich ging es zurück aufs Quidditch-Feld.
Etwas streifte ihn an den Knöcheln. Er blickte hinab und sah Mrs.
Norris, die skelettdürre graue Katze des Hausmeisters, an sich vorbei-
huschen. Einen Moment lang wandte sie ihm ihre gelben Lampenau-
gen zu, dann verschwand sie hinter einer Statue von Wilfried dem
We h m ü t i g e n .
»Ich mache nichts Verbotenes«, rief Harry ihr nach. Sie gebärdete sich
unverkennbar wie eine Katze, die drauf und dran war, ihrem Herrchen
Meldung zu erstatten, doch Harry zerbrach sich vergeblich den Kopf,
warum; er hatte unzweifelhaft das Recht, an einem Samstagmorgen in
die Eulerei hinaufzusteigen.
Die Sonne stand inzwischen hoch am Horizont, und als Harry die Eu-
lerei betrat, blendete ihn das Licht, das durch die glaslosen Fenster fiel;
dicke, silbrige Sonnenstrahlen durchschnitten kreuz und quer den run-
den Raum, in dem Hunderte von Eulen auf Dachsparren hockten, ein
wenig unruhig im frühen Morgenlicht, da einige offenbar gerade vom
279

Jagen zurückgekehrt waren. Der strohbedeckte Boden knarzte leise, als
Harry über kleine Tierknochen stieg und den Hals nach Hedwig reckte.
»Da bist du ja«, sagte er, als er sie ganz oben an der gewölbten Decke
erspähte. »Komm hier runter, ich hab einen Brief für dich.«
Mit einem leisen Schrei breitete sie ihre großen weißen Flügel aus
und schwebte herab auf seine Schulter.
»Ich weiß, außen drauf steht Schnuffel«, erklärte er und hielt ihr den
Brief hin, damit sie ihn mit dem Schnabel faßte, und ohne genau zu
wissen, warum, setzte er flüsternd hinzu: »Aber er ist für Sirius, ja?«
Sie blinzelte ihn mit ihren Bernsteinaugen einmal an, was wohl hieß,
daß sie verstanden hatte.
»Dann guten Flug«, sagte Harry und trug sie zu einem der Fenster; er
spürte einen kurzen Druck auf dem Arm, und Hedwig flog hoch in den
blendend hellen Himmel. Er sah ihr nach, bis sie zu einem winzigen
schwarzen Fleck geworden war und verschwand. Dann spähte er hin-
über zu Hagrids Hütte, die von diesem Fenster aus klar zu erkennen
war, und da die Vorhänge zugezogen waren und aus dem Schornstein
kein Rauch stieg, war ebenso klar, daß sie nicht bewohnt war.
Die Baumwipfel des Verbotenen Waldes wiegten sich in einer sanften
Brise. Harry ließ den Blick auf ihnen ruhen, genoß die frische Luft auf
seinem Gesicht und dachte an das Quidditch-Training … plötzlich sah
er es. Ein großes, reptilienartiges geflügeltes Pferd, genau wie jene an
den Hogwarts-Kutschen, mit ledrigen schwarzen Flügeln, die weit aus-
gespannt waren wie die eines Flugsauriers, stieg zwischen den Bäumen
empor wie ein gespenstischer Riesenvogel. Im Gleitflug zog es einen
weiten Kreis, dann stürzte es wieder hinab zwischen die Bäume. Das
alles war so schnell gegangen, daß Harry seinen Augen nicht recht
trauen wollte, und doch hämmerte sein Herz wie rasend.
Die Tür der Eulerei ging hinter ihm auf. Er zuckte zusammen, wir-
belte herum und sah Cho Chang, die einen Brief und ein Päckchen in
den Händen hielt.
»Hi«, sagte Harry mechanisch.
»Oh … hi«, sagte sie atemlos. »Ich hätte nicht gedacht, daß jemand so
früh hier oben sein würde … Mir ist erst vor fünf Minuten eingefallen,
daß meine Mum heute Geburtstag hat.« Sie hielt das Päckchen hoch.
280

»Klar«, sagte Harry. Sein Gehirn schien blockiert. Er wollte etwas Lu-
stiges und Interessantes sagen, aber das Bild dieses schrecklichen geflü-
gelten Pferdes ging ihm nicht aus dem Kopf.
»Schöner Tag heute«, sagte er und wies mit einer Handbewegung zu
den Fenstern. Seine Eingeweide schienen vor Verlegenheit zu schrum-
peln. Das Wetter. Er redete über das Wetter …
»Ja«, sagte Cho und sah sich nach einer passenden Eule um. »Gute
Bedingungen für Quidditch. Ich war die ganze Woche über nicht drau-
ßen, und du?«
»Auch nicht«, sagte Harry.
Cho hatte eine der Schleiereulen der Schule ausgewählt. Sie lockte sie
herunter auf ihren Arm, wo die Eule folgsam ein Bein ausstreckte, an
dem sie das Päckchen befestigen konnte.
»Sag mal, hat Gryffindor eigentlich schon einen neuen Hüter?«,
fragte sie.
»Ja«, sagte Harry. »Es ist mein Freund Ron Weasley, kennst du ihn?«
»Der Tornados-Hasser?«, sagte Cho ziemlich kühl. »Taugt er was?«
»Jaah«, sagte Harry. »Ich denk schon. Sein Auswahlspiel hab ich aller-
dings nicht gesehen, ich mußte nachsitzen.«
Cho hob den Kopf, und das Päckchen hing mehr schlecht als recht
am Bein der Eule.
»Diese Umbridge ist widerlich«, sagte sie mit leiser Stimme. »Hat dir
Strafarbeiten verpaßt, nur weil du die Wahrheit darüber gesagt hast,
wie – wie – wie er starb. Alle haben davon gehört, die ganze Schule hat
darüber geredet. Das war wirklich mutig von dir, wie du dich gegen sie
gewehrt hast.«
Harrys Eingeweide bliesen sich so rasch wieder auf, daß ihm schien,
als könnte er buchstäblich ein paar Zentimeter über dem mistbestreu-
ten Boden schweben. Wen kümmerte schon ein blödes fliegendes
Pferd; Cho hatte gesagt, er sei wirklich mutig gewesen. Einen Moment
lang überlegte er, ob er ihr nicht rein zufällig seine aufgeschnittene
Hand zeigen sollte, während er ihr half, das Päckchen ans Eulenbein zu
schnüren … aber genau in dem Moment, da ihm dieser fabelhafte Ge-
danke kam, ging die Tür zur Eulerei abermals auf.
281

Filch, der Hausmeister, kam hereingeschnauft. Er hatte dunkelrote
Flecken auf seinen eingefallenen, geäderten Wangen, sein Unterkiefer
zitterte und sein dünnes graues Haar war zerzaust; offensichtlich war
er hochgerannt. Mrs. Norris folgte ihm auf dem Fuß, äugte zu den Eu-
len hinauf und miaute hungrig. Oben gab es ein unruhiges Flügelra-
scheln und eine große braune Eule klackerte drohend mit dem Schna-
bel.
»Aha!«, sagte Filch und machte einen plattfüßigen Schritt auf Harry
zu, während seine schlaffen Wangen vor Zorn zitterten. »Mir wurde
gemeldet, daß du die Absicht hast, eine umfangreiche Stinkbombenbe-
stellung abzuschicken.«
Harry verschränkte die Arme und starrte den Hausmeister an. »Wer
hat Ihnen gesagt, ich würde Stinkbomben bestellen?«
Cho runzelte die Stirn und blickte von Harry zu Filch; die Schleie-
reule auf ihrem Arm, die es leid war, auf einem Bein zu stehen, ließ ei-
nen mahnenden Schrei hören, aber Cho achtete nicht auf sie.
»Ich habe meine Quellen«, zischelte Filch selbstgefällig. »Du händigst
mir sofort aus, was immer du verschicken willst.«
Harry dankte dem Himmel, daß er beim Abschicken des Briefs nicht
getrödelt hatte, und sagte: »Ich kann nicht, er ist weg.«
»Weg?«, sagte Filch und sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn.
»Weg«, sagte Harry ruhig.
Filch öffnete wutentbrannt den Mund, japste einen Moment und ließ
den Blick dann forschend über Harrys Umhang schweifen.
»Woher soll ich wissen, daß du ihn nicht in deiner Tasche hast?«
»Weil –«
»Ich hab gesehen, wie er ihn abgeschickt hat«, sagte Cho erzürnt.
Filch wandte sich nun drohend ihr zu.
»Du hast ihn gesehen –«
»Ja, allerdings, ich hab ihn gesehen«, erwiderte sie aufgebracht.
Einen Moment lang geschah nichts, Filch starrte Cho zornfunkelnd
an und Cho erwiderte seinen Blick nicht minder zornig, dann machte
der Hausmeister kehrt und schlurfte zur Tür zurück. Die Hand auf der
Klinke, hielt er inne und blickte sich zu Harry um.
»Wenn ich auch nur den Hauch einer Stinkbombe bemerke …«
282

Er stampfte die Treppe hinunter davon. Mrs. Norris warf den Eulen
einen letzten begehrlichen Blick zu und folgte ihm.
Harry und Cho sahen sich an.
»Danke«, sagte Harry.
»Kein Problem«, sagte Cho, ein bißchen rot im Gesicht, und befestigte
endlich das Päckchen am anderen Bein der Schleiereule. »Du hast doch
keine Stinkbomben bestellt, oder?«
»Nein«, sagte Harry.
»Dann frag ich mich, warum er das gedacht hat«, sagte sie und trug
die Eule zum Fenster.
Harry zuckte die Achseln. Es kam ihm nicht weniger rätselhaft vor
als ihr, doch merkwürdigerweise störte es ihn im Moment nicht son-
derlich.
Sie verließen zusammen die Eulerei. Am Anfang eines Korridors, der
zum Westflügel des Schlosses führte, sagte Cho: »Ich muß hier lang.
Nun, wir … wir sehen uns, Harry.«
»Jaah … bis dann.«
Sie lächelte ihn an und ging. Auch Harry ging weiter, ziemlich stolz
auf sich. Er hatte ein richtiges Gespräch mit ihr zustande gebracht und
sich dabei nicht ein einziges Mal wie ein Trottel angestellt … Das war
wirklich mutig von dir, wie du dich gegen sie gewehrt hast … Cho hatte ihn
mutig genannt … sie haßte ihn nicht, weil er noch lebte … Natürlich
hatte sie Cedric den Vorzug gegeben, das wußte er … aber wenn er sie
noch vor Cedric wegen des Weihnachtsballs gefragt hätte, vielleicht
wäre dann alles anders gekommen … Es hatte ihr offensichtlich auf-
richtig leid getan, daß sie Harry damals hatte absagen müssen …
»Morgen«, begrüßte Harry strahlend Ron und Hermine, als er sich zu
ihnen an den Gryffindor-Tisch in der Großen Halle setzte.
»Weswegen strahlst du eigentlich so?«, fragte Ron und musterte
Harry überrascht.
»Ähm … heute ist Quidditch«, sagte Harry vergnügt und zog eine
große Platte mit Speck und Eiern zu sich heran.
»Ach … jaah …«, sagte Ron. Er legte den Toast weg, den er gerade aß,
und nahm einen großen Schluck Kürbissaft. Dann sagte er: »Übrigens
… hast du vielleicht Lust, mit mir zusammen ein bißchen früher raus-
283

zugehen? Nur damit ich – ähm – vor dem Training ein wenig üben
kann? Dann kann ich schon mal ’n bißchen reinschnuppern, verstehst
du.«
»Ja, okay«, sagte Harry.
»Hört zu, ich glaube, ihr solltet das besser bleiben lassen«, sagte Her-
mine ernst. »Ihr seid beide weit hinterher mit euren Hausaufgaben …«
Doch sie unterbrach sich; die morgendliche Post traf gerade ein und
wie üblich schwebte der Tagesprophet im Schnabel einer Schreieule auf
sie zu, die gefährlich nahe der Zuckerdose landete und ein Bein aus-
streckte. Hermine steckte einen Knut in ihren Lederbeutel, nahm die
Zeitung und überflog die Titelseite mit prüfendem Blick, während die
Eule wieder abflog.
»Irgendwas Interessantes?«, fragte Ron. Harry grinste, denn er
wußte, wie erpicht Ron darauf war, Hermine vom Thema Hausaufga-
ben abzulenken.
»Nein«, seufzte sie, »nur ’ne Klatschmeldung, daß die Bassistin der
Schicksalsschwestern heiratet.«
Hermine schlug die Zeitung auf und verschwand hinter ihr. Harry
machte sich über eine weitere Portion Eier und Speck her. Ron starrte
hinauf zu den hohen Fenstern und schien in Gedanken versunken.
»Moment mal«, sagte Hermine plötzlich. »O nein … Sirius!«
»Was ist los?«, erwiderte Harry und schnappte ihr die Zeitung so un-
gestüm aus der Hand, daß sie entzweiriß und er mit der einen, Her-
mine mit der anderen Hälfte dasaß.
»›Das Zaubereiministerium hat von einer verläßlichen Quelle den Hinweis
erhalten, daß Sirius Black, berüchtigter Massenmörder … bla, bla, bla … sich
gegenwärtig in London versteckt hält‹!«, las Hermine beklommen flü-
sternd aus ihrer Hälfte vor.
»Lucius Malfoy, da mach ich jede Wette«, sagte Harry mit leiser, er-
zürnter Stimme. »Er hat Sirius auf dem Bahnsteig erkannt …«
»Was?«, sagte Ron erschrocken. »Du hast nicht gesagt …«
»Schh!«, machten die anderen beiden.
»… ›Ministerium warnt die Zaubererschaft, daß Black sehr gefährlich ist …
hat dreizehn Menschen getötet … ist aus Askaban ausgebrochen‹ … der übli-
che Plunder«, schloß Hermine, legte ihre Hälfte der Zeitung weg und
284

sah Ron und Harry besorgt an. »Nun, jetzt kann er das Haus eben nicht
mehr verlassen, das ist alles«, flüsterte sie. »Dumbledore hat ihn ja er-
mahnt, daß er es nicht tun soll.«Harry blickte betrübt auf die Hälfte des Propheten, die er abgerissen
hatte. Den größten Teil der Seite beanspruchte eine Anzeige für Madam
Malkins Gewänder für alle Gelegenheiten , wo offenbar ein Ausverkauf
stattfand. »Hey!«, sagte er und legte das Blatt auf den Tisch, damit auch Her-
mine und Ron es sehen konnten. »Schaut euch das mal an!« »Ich hab genug Umhänge«, sagte Ron.
»Nein«, entgegnete Harry. »Seht mal … diese kleine Meldung hier …«
Ron und Hermine beugten sich vor und lasen; die Meldung war
kaum drei Zentimeter lang und stand ganz am Ende einer Spalte. Sie
lautete:
EINDRINGLING IM MINISTERIUM
Sturgis Podmore, 38, aus Clapham, Goldregenweg zwei, ist vor dem
Zaubergamot erschienen unter der Anklage, am 31. August Hausfrie-
densbruch und einen Einbruchsversuch im Zaubereiministerium ver-
übt zu haben. Podmore wurde vom Ministeriums-Wachtzauberer Eric
Munch festgenommen, der ihn um ein Uhr morgens bei dem Versuch
ertappte, sich gewaltsam Zutritt durch eine Hochsicherheitstür zu ver-
schaffen. Podmore, der eine Aussage zu seiner Verteidigung verwei-
gerte, wurde in beiden Punkten für schuldig befunden und zu sechs
Monaten in Askaban verurteilt.
»Sturgis Podmore?«, sagte Ron langsam. »Das ist doch der Typ, der
aussieht, als hätte er ein Strohdach auf dem Kopf, oder? Er ist einer
vom Ord…« »Ron, schh!«, sagte Hermine und blickte sich verängstigt um.
»Sechs Monate in Askaban!«, flüsterte Harry entsetzt. »Nur w
eil er
versucht hat, durch eine Tür zu kommen!« »Sei nicht albern, das war nicht nur, weil er durch eine Tür wollte.
Was um alles in der Welt hatte er um ein Uhr morgens im Zaubereimi-
nisterium zu suchen?«, hauchte Hermine.
285

»Glaubst du, er wollte was für den Orden erledigen?«, murmelte Ron.
»Moment mal«, sagte Harry langsam. »Sturgis sollte doch kommen
und uns begleiten, erinnert ihr euch?«
Die beiden sahen ihn an.
»Ja, er sollte eigentlich zu der Leibgarde gehören, die uns nach King’s
Cross begleitet hat, wißt ihr noch? Und Moody war fürchterlich sauer,
weil er nicht auftauchte; also hat er wohl keinen Auftrag für sie erle-
digt, oder?«
»Naja, vielleicht haben sie nicht damit gerechnet, daß er erwischt
wird«, sagte Hermine.
»Das könnte ein abgekartetes Spiel sein!«, rief Ron aufgeregt. »Nein –
hört zu«, fuhr er fort und senkte die Stimme dramatisch beim Anblick
von Hermines drohender Miene. »Das Ministerium vermutet, daß er ei-
ner von Dumbledores Leuten ist, also – ich weiß nicht – haben sie ihn
ins Ministerium gelockt, und er hat überhaupt nicht versucht, durch
eine Tür zu kommen! Sie haben einfach was gedeichselt, um ihn zu
kriegen!«
Eine Pause trat ein, in der Harry und Hermine darüber nachdachten.
Harry hielt Rons Erklärung für weit hergeholt. Hermine jedoch schien
recht beeindruckt.
»Weißt du was, es würde mich gar nicht wundern, wenn das
stimmte.«
Sie faltete ihre Hälfte der Zeitung nachdenklich zusammen. Als
Harry Messer und Gabel beiseite legte, schien es, als würde sie aus ei-
nem Traum erwachen.
»Nun gut, ich glaube, wir sollten zuerst diesen Aufsatz für Sprout
über selbstdüngende Sträucher erledigen, und wenn wir Glück haben,
können wir mit McGonagalls Inanimatus-Aufrufezauber noch vor dem
Mittagessen anfangen …«
Harry spürte einen leichten Gewissensbiß, wenn er an den Stapel
Hausaufgaben dachte, der ihn oben erwartete, doch der Himmel war
so klar und einladend blau und er war die ganze Woche nicht mehr auf
seinem Feuerblitz gewesen …
»Ich würd sagen, das können wir heute Abend erledigen«, sagte Ron,
als er und Harry mit geschulterten Besen den Rasenhang zum Quid-
286

ditch-Feld hinuntergingen, obwohl ihnen Hermines unheilvolle Pro-
phezeiungen, daß sie bei all ihren ZAGs durchfallen würden, noch in
den Ohren klangen. »Und morgen ist auch noch ein Tag. Sie macht sich
zu viel Arbeit mit der Arbeit, das ist ihr Problem …« Nach einer Pause
fügte er in leicht besorgterem Ton hinzu: »Glaubst du, sie hat es ernst
gemeint, als sie sagte, wir dürften nicht von ihr abschreiben?«
»Ja, glaub ich schon«, sagte Harry. »Trotzdem, das hier ist auch wich-
tig, wir müssen trainieren, wenn wir in der Quidditch-Mannschaft blei-
ben wollen.«
»Ja, das stimmt«, sagte Ron jetzt schon beherzter. »Und wir haben ge-
nug Zeit, um das alles zu erledigen …«
Als sie sich dem Quidditch-Feld näherten, warf Harry einen Blick nach
rechts, wo die Bäume des Verbotenen Waldes düster schwankten. Nichts
stieg aus ihnen auf; der Himmel war leer bis auf ein paar ferne Eulen, die
den Eulenturm umflatterten. Er hatte Sorgen genug; das fliegende Pferd
konnte ihm nichts anhaben; er schlug es sich aus dem Kopf.
Sie holten sich Bälle aus dem Schrank im Umkleideraum und mach-
ten sich an die Arbeit. Ron bewachte die drei hohen Torstangen, Harry
spielte den Jäger und versuchte den Quaffel an Ron vorbeizukriegen.
Ron machte ihm einen ziemlich guten Eindruck; er wehrte drei Viertel
von Harrys Würfen aufs Tor ab, und je länger sie trainierten, desto bes-
ser spielte er. Nach ein paar Stunden kehrten sie ins Schloß zurück zum
Mittagessen – bei dem Hermine ihnen eindringlich klar machte, wie
verantwortungslos sie in ihren Augen waren –, dann gingen sie zum ei-
gentlichen Training aufs Quidditch-Feld.
Außer Angelina waren alle ihre Mannschaftskameraden bereits im
Umkleideraum, als sie eintraten.
»Alles klar, Ron?«, fragte George und zwinkerte ihm zu.
»Ja«, sagte Ron, der auf dem Weg hinunter zum Feld immer stiller ge-
worden war.
»Ist er bereit, es uns zu zeigen, der putzige Vertrauensschüler?«, sagte
Fred, der mit zerzaustem Haar im Ausschnitt seines Quidditch-Um-
hangs auftauchte, ein leicht hämisches Grinsen auf dem Gesicht.
»Halt die Klappe«, sagte Ron mit steinerner Miene und schlüpfte
zum ersten Mal in seinen Mannschaftsumhang. Er paßte ihm gut, wenn
287

man bedachte, daß er Oliver Wood gehört hatte, der um einiges brei-
tere Schultern hatte.
»Okay, ihr alle«, sagte Angelina, die schon umgezogen aus dem Kapi-
tänsbüro kam. »Laßt uns anfangen; Alicia und Fred, würdet ihr uns bitte
den Ballkorb rausbringen. Oh, und da draußen sind ein paar Leute, die
zuschauen, aber ich möchte, daß ihr sie wie Luft behandelt, klar?«
Etwas in ihrer betont lässigen Stimme brachte Harry auf den Gedan-
ken, daß er wohl wußte, wer die ungeladenen Zuschauer waren, und
tatsächlich, als sie aus dem Umkleideraum ins strahlende Sonnenlicht
über dem Feld traten, brach ein Sturm von Buhrufen und Schmähun-
gen los; er kam von der Quidditch-Mannschaft der Slytherins und di-
versen Zaungästen, die sich auf halber Höhe der leeren Tribünen ver-
sammelt hatten und deren Stimmen laut im Stadion widerhallten.
»Was fliegt eigentlich dieser Weasley?«, rief Malfoy verächtlich.
»Warum sollte jemand einen so schimmligen alten Holzklotz mit einem
Flugzauber belegen?«
Crabbe, Goyle und Pansy Parkinson japsten und kreischten vor La-
chen. Ron stieg auf seinen Besen und stieß sich vom Boden ab. Harry,
der ihm nachflog, konnte sehen, wie sich Rons Ohren röteten.
»Ignorier die einfach«, rief er und schloß zu Ron auf, »wir werden ja
sehen, wer lacht, wenn wir erst gegen die gespielt haben …«
»Genau die Einstellung brauchen wir, Harry«, pflichtete Angelina
bei, die mit dem Quaffel unter dem Arm um sie herumflog, abbremste
und dann vor der Mannschaft in der Luft schweben blieb. »Okay, hört
alle zu, wir fangen mit ein paar Pässen an, nur zum Aufwärmen, die
ganze Mannschaft bitte –«
»Hey, Johnson, was ist das denn für ’ne Frisur?«, kreischte Pansy Par-
kinson von unten herauf. »Warum willst du eigentlich so aussehen, als
würden dir Würmer aus dem Kopf rauskommen?«
Angelina strich sich das lange geflochtene Haar aus dem Gesicht und
fuhr ruhig fort: »Also verteilt euch, dann sehen wir mal, wie’s läuft …«
Harry flog hinüber zur anderen Seite des Feldes. Ron setzte zu dem
Tor gegenüber zurück. Angelina hob den Quaffel mit einer Hand, warf
ihn hart zu Fred, der an George weitergab, George wiederum an Harry
und Harry an Ron – und Ron ließ ihn fallen.
288

Die Slytherins, angeführt von Malfoy, brüllten und schrien vor La-
chen. Ron schoß in die Tiefe und konnte den Quaffel noch abfangen,
bevor er auf dem Boden landete, dann riß er sich unsauber aus dem
Sturzflug, rutschte auf seinem Besen zur Seite und kehrte errötend auf
Spielhöhe zurück. Harry sah, wie Fred und George Blicke tauschten,
doch ausnahmsweise sagte keiner der beiden ein Wort, und Harry war
dankbar dafür.
»Abgeben, Ron«, rief Angelina, als wäre nichts passiert.
Ron warf den Quaffel Alicia zu, die an Harry abgab, Harry wiederum
an George …
»Hey, Potter, wie geht’s deiner Narbe?«, rief Malfoy. »Willst du dich
nicht mal wieder hinlegen? Muß doch schon ’ne ganze Woche her sein,
seit du im Krankenflügel warst, das ist doch Rekord für dich, oder?«
George gab an Angelina weiter; sie warf einen Rückpaß in Richtung
Harry, den er nicht erwartet hatte, doch er bekam den Quaffel gerade
noch mit den Fingerspitzen zu fassen und warf ihn schnell zu Ron wei-
ter, der danach hechtete und ihn um Zentimeter verfehlte.
»Nun komm schon, Ron«, rief ihm Angelina in barschem Ton hinter-
her, als er sich wieder in die Tiefe stürzte und dem Quaffel nachjagte.
»Paß doch mal auf.«
Es war schwer, zu sagen, ob Rons Gesicht oder der Quaffel von einem
dunkleren Scharlachrot war, als er wieder auf Spielhöhe zurückkehrte.
Malfoy und seine Slytherins heulten vor Lachen.
Bei seinem dritten Versuch fing Ron den Quaffel; vielleicht warf er
ihn aus Erleichterung so energisch weiter, daß er glatt durch Katies
ausgestreckte Hände witschte und sie hart im Gesicht traf.
»Sorry!«, stöhnte Ron und schoß vor, um zu sehen, ob er ihr arg weh
getan hatte.
»Zurück auf deine Position, sie hat sich nichts getan!«, bellte Ange-
lina. »Aber wenn du an deine eigenen Leute abgibst, paß bitte auf, daß
du sie nicht vom Besen schmetterst, ja? Dafür haben wir die Klatscher!«
Katie blutete aus der Nase. Unten stampften die Slytherins mit den
Füßen und stimmten ihr Schlachtgeschrei an. Fred und George flogen
auf Katie zu.
289

»Hier, nimm das«, forderte Fred sie auf und reichte ihr etwas Kleines,
Lilafarbenes aus seiner Tasche, »dann hört’s im nu auf.«
»Alles klar«, rief Angelina. »Fred und George, holt jetzt eure Schläger
und einen Klatscher. Ron, hoch zu den Toren. Harry, auf mein Kom-
mando läßt du den Schnatz los. Natürlich spielen wir jetzt auf Rons
To r e . «
Harry flog den Zwillingen hinterher, um den Schnatz zu holen.
»Ron stellt sich richtig bescheuert an, was?«, murmelte George, als
die drei beim Ballkorb landeten, ihn öffneten und einen Klatscher und
den Schnatz herausholten.
»Er ist einfach nervös«, sagte Harry. »Als ich heute Morgen mit ihm
trainiert hab, war er noch ganz gut.«
»Mag sein, ich hoffe nur, er hat sein Pulver nicht zu früh
verschossen«, erwiderte Fred finster.
Sie stiegen wieder auf. Als Angelina pfiff, gab Harry den Schnatz frei
und Fred und George ließen den Klatscher fliegen. Von nun an bekam
Harry kaum noch mit, was die anderen trieben. Es war seine Aufgabe,
den kleinen goldenen, gefiederten Ball wieder einzufangen, was der
Mannschaft des Suchers hundertfünfzig Punkte einbrachte und enorme
Schnelligkeit und Geschicklichkeit verlangte. Er beschleunigte, wand
und schlängelte sich durch die anfliegenden Jäger, die warme Herbst-
luft peitschte ihm ins Gesicht und die fernen Rufe der Slytherins waren
nur noch ein sinnloses Rauschen in seinen Ohren … doch allzu rasch
ließ ihn ein Pfiff wieder innehalten.
»Stopp – stopp – STOPP!«, schrie Angelina. »Ron – du deckst dein
mittleres Tor überhaupt nicht!«
Harry blickte sich zu Ron um, der vor dem linken Torring schwebte
und die anderen beiden völlig ungeschützt ließ.
»Oh… sorry …«
»Du driftest dauernd ab, wenn du den Jägern zusiehst!«, sagte Ange-
lina. »Entweder bleibst du auf der mittleren Position, bis du dich bewe-
gen mußt, um einen Torring zu verteidigen, oder du umkreist die Tore,
aber paß auf, daß du nicht langsam seitlich wegtreibst, so hast du näm-
lich die letzten drei Tore kassiert!«
290

»Sorry …«, wiederholte Ron, das Gesicht rot wie ein Leuchtfeuer vor
dem strahlend blauen Himmel.
»Und du, Katie, kannst du nicht was gegen dein Nasenbluten unter-
nehmen?«
»Es wird einfach immer schlimmer!«, sagte Katie mit schleppender
Stimme und versuchte den Blutstrom mit dem Ärmel zu stoppen.
Harry warf einen Seitenblick auf Fred, der beunruhigt in seinen Ta-
schen stöberte. Er sah, wie Fred etwas Lilafarbenes herauszog, es einen
Augenblick musterte und sich dann, offenbar starr vor Entsetzen, nach
Katie umsah.
»Also, versuchen wir ’s noch mal«, rief Angelina. Sie achtete nicht auf
die Slytherins, die inzwischen einen Schlachtgesang angestimmt hatten
– G r y f f i n d o r, F l a s c h e n v o r, G r y f f i n d o r, F l a s c h e n v o r –, doch es wirkte ein
wenig steif, wie sie auf dem Besen saß.
Diesmal waren sie kaum drei Minuten geflogen, als Angelinas Pfiff
ertönte. Harry, der gerade in diesem Moment den Schnatz gesichtet
hatte, wie er die Torstangen gegenüber umrundete, bremste bitter ent-
täuscht ab.
»Was ist los?«, sagte er ungeduldig zu Alicia, die ihm am nächsten war.
»Katie«, bemerkte sie knapp.
Harry drehte sich um und sah Angelina, Fred und George in größter
Hast auf Katie zufliegen. Auch Harry und Alicia flogen schleunigst zu
ihr hin. Offensichtlich hatte Angelina das Training gerade noch recht-
zeitig abgebrochen; Katie war inzwischen kreideweiß und voller Blut.
»Sie muß in den Krankenflügel«, sagte Angelina.
»Wir bringen sie hin«, sagte Fred. »Sie – ähm – könnte irrtümlich eine
Blutblasenschote geschluckt haben –«
»Nun denn, ohne Treiber und mit einem Jäger weniger hat es keinen
Zweck, weiterzumachen«, sagte Angelina mißmutig, als Fred und Ge-
orge, die Katie in die Mitte genommen hatten, zum Schloß davonflo-
gen. »Kommt, wir gehen uns umziehen.«
Die Slytherins verfolgten sie mit ihren Schlachtgesängen, während sie
sich in die Umkleideräume zurückzogen.
»Wie war das Training?«, fragte Hermine eine halbe Stunde später in
291

recht kühlem Ton, als Harry und Ron durch das Porträtloch in den Ge-
meinschaftsraum der Gryffindors geklettert kamen.
»Es war –«, setzte Harry an.
»Total mies«, sagte Ron mit hohler Stimme und ließ sich in einen Ses-
sel neben Hermine sinken. Als sie zu ihm aufblickte, schien ihre Fro-
stigkeit zu schmelzen.
»Nun, es war halt das erste Mal«, tröstete sie ihn, »man braucht ein-
fach Zeit, um –«
»Wer hat gesagt, daß es an mir lag?«, blaffte Ron sie an.
»Niemand«, sagte Hermine verdutzt, »ich dachte –«
»Du dachtest, ich würde ohnehin nichts bringen?«
»Nein, natürlich nicht! Sieh mal, du hast gesagt, es war mies, da hab
ich einfach –«
»Ich fang mal mit den Hausaufgaben an«, sagte Ron zornig, stampfte
in Richtung Treppe zu den Schlafsälen davon und verschwand. Her-
mine wandte sich an Harry.
»War er tatsächlich mies?«
»Nein«, sagte Harry pflichtschuldig. Hermine hob die Augenbrauen.
»Naja, ich denk schon, er hätte besser spielen können«, murmelte
Harry, »aber es war nun mal das erste Training, wie du gesagt hast …«
Weder Harry noch Ron schienen an diesem Abend mit ihren Haus-
aufgaben groß voranzukommen. Ron war zu deprimiert, weil er beim
Quidditch-Training einen so schlechten Auftritt gehabt hatte, das
wußte Harry, und er selbst hatte Schwierigkeiten, sich den »Gryffindor,
Flaschen vor«-Schlachtgesang aus dem Kopf zu schlagen.
Sie verbrachten den ganzen Sonntag im Gemeinschaftsraum, der sich
bevölkerte und wieder leerte, während sie in ihren Büchern vergraben
blieben. Wieder war es ein schöner klarer Tag, und die meisten anderen
Gryffindors verbrachten ihn draußen auf dem Gelände und genossen
den vielleicht letzten Sonnenschein des Jahres. Gegen Abend fühlte
sich Harry, als hätte ihm jemand das Gehirn gegen die Schädelwand
geschlagen.
»Weißt du, wir sollten vielleicht doch unter der Woche mehr Hausauf-
gaben erledigen«, murmelte er Ron zu, als sie endlich den langen Aufsatz
über den Inanimatus-Aufrufezauber für Professor McGonagall beiseite
292

legten und sich lustlos an Professor Sinistras nicht minder langen und
schwierigen Aufsatz über die vielen Monde des Jupiter machten.
»Jaah«, sagte Ron, rieb sich die leicht geröteten Augen und warf sei-
nen fünften verkorksten Versuch ins Feuer neben ihnen. »Hör mal …
wollen wir nicht einfach Hermine fragen, ob wir uns mal kurz an-
schauen dürfen, was sie geschrieben hat?« Harry blickte zu ihr hinüber; sie saß da mit Krummbein auf dem
Schoß und plauderte vergnügt mit Ginny, während zwei Stricknadeln
blitzend vor ihr in der Luft tanzten und ein Paar unförmiger Elfen-
socken strickten.
»Nein«, sagte er bestimmt, »du weißt, sie läßt uns nicht.«
Und so arbeiteten sie weiter, während der Himmel vor den Fenstern
immer dunkler wurde. Allmählich leerte sich der Gemeinschaftsraum
wieder. Um halb zwölf kam Hermine gähnend zu ihnen herüberge-
schlendert. »Bald fertig?«
»Nein«, gab Ron knapp zurück.
»Der größte Jupitermond ist Ganymed, nicht Callisto«, sagte sie und
deutete über Rons Schulter auf eine Zeile in seinem Astronomieaufsatz,
»und die Vulkane sind auf Io.« »Danke«, fauchte Ron und strich die monierten Sätze durch. »
Tut mir
leid, ich wollte nur –« »Ja, schon gut, wenn du nur hergekommen bist, um rumzukritteln –«
»Ron –«
»Ich hab keine Zeit, mir eine Predigt anzuhören, verstehst du, Her-
mine, ich steck bis zum Hals hier drin –«
»Nein – sieh mal!«
Hermine deutete auf das nächste Fenster. Harry und Ron blickten
hinüber. Eine hübsche Schleiereule hockte auf dem Fenstersims und
spähte zu Ron herein. »Ist das nicht Hermes?«, sagte Hermine verwundert.
»Ja, ich faß es nicht!«, sagte Ron leise, schmiß seine Feder hin und
sprang auf. »Warum schreibt mir denn Percy?« Er ging hinüber zum Fenster und öffnete es; Hermes flog herein, ließ
sich auf Rons Aufsatz nieder und streckte ein Bein aus, an dem ein
293

Brief befestigt war. Ron löste den Brief, und die Eule flog sofort wieder
davon und hinterließ tintene Fußabdrücke auf Rons Zeichnung des
Mondes Io.
»Das ist eindeutig Percys Handschrift«, sagte Ron, sank zurück in sei-
nen Sessel und blickte unverwandt auf die Worte, mit denen die Rolle
beschriftet war: Ronald Weasley, Haus Gryffindor, Hogwarts. Er sah die
beiden anderen an. »Was haltet ihr davon?«
»Mach ihn auf!«, sagte Hermine begierig und Harry nickte.
Ron entrollte das Pergament und fing an zu lesen. Mit jeder Zeile, die
seine Augen auf dem Brief hinabwanderten, wurde sein Blick finsterer.
Als er zu Ende gelesen hatte, wirkte er angewidert. Er hielt den Brief
Harry und Hermine hin, die ihn aneinander gelehnt gemeinsam lasen:
Lieber Ron,
ich habe eben erst gehört (von keinem Geringeren als dem Zaubereimi-
nister persönlich, der es von deiner neuen Lehrerin Professor Um-
bridge weiß), daß du Vertrauensschüler in Hogwarts geworden bist.
Ich war äußerst freudig überrascht, als ich diese Neuigkeit erfuhr,
und muß dir zunächst meinen Glückwunsch aussprechen. Ich muß zu-
geben, daß ich immer befürchtete, du würdest sozusagen den »Fred-
und-George«-Weg einschlagen, statt in meine Fußstapfen zu treten,
mithin kannst du dir meine Gefühle vorstellen, als ich hörte, daß du
Autorität nicht mehr in den Wind schlägst und beschlossen hast, echte
Verantwortung zu schultern.
Aber ich will mehr als dir nur gratulieren, Ron, ich will dir einen Rat
erteilen, weshalb ich diesen Brief nachts schicke und nicht mit der übli-
chen Morgenpost. Hoffentlich kannst du ihn fern von neugierigen Au-
gen lesen und peinliche Fragen vermeiden.
Einer Bemerkung, die der Minister fallen ließ, als er mir berichtete, daß
du nun Vertrauensschüler bist, entnehme ich, daß du immer noch häufig
mit Harry Potter zusammen bist. Ich muß dir sagen, Ron, daß dich nichts
so sehr in Gefahr bringt, dein Abzeichen zu verlieren, wie eine weitere
Verbrüderung mit diesem Jungen. Ja, sicher überrascht es dich, dies zu
hören – zweifellos wirst du sagen, daß Potter immer Dumbledores Lieb-
ling war –, doch fühle ich mich verpflichtet, dir mitzuteilen, daß Dumble-
294

dore womöglich nicht mehr lange die Leitung von Hogwarts innehaben
wird und daß die Leute, auf die es ankommt, eine ganz andere – und ver-
mutlich zutreffendere – Auffassung von Potters Verhalten haben. Ich
möchte dies hier nicht weiter ausführen, aber wenn du dir morgen den
Tagespropheten ansiehst, wirst du ein gutes Bild davon bekommen, woher
der Wind weht – und mal sehen, ob du meine Wenigkeit wiederfindest!
Doch im Ernst, Ron, du willst sicher nicht mit der gleichen Elle ge-
messen werden wie Potter, das könnte von großem Schaden für deine
künftigen Chancen sein, und ich rede hier auch von der Zeit nach der
Schule. Da unser Vater ihn zum Gericht begleitet hat, muß dir bekannt
sein, daß Potter diesen Sommer eine disziplinarische Anhörung vor
dem gesamten Zaubergamot hatte und nicht allzugut dabei wegkam.
Wenn du mich fragst, wurde er aufgrund einer rein verfahrenstechni-
schen Einzelheit freigesprochen, und viele, mit denen ich mich unter-
halten habe, sind weiterhin von seiner Schuld überzeugt. Es mag sein, daß du Angst hast, di e Bande zu Potter zu kappen – ich
weiß, daß er unausgeglichen und, wie man hört, auch gewalttätig sein
kann –, aber wenn du dir darüber Sorgen machst oder dir etwas ande-
res an Potters Verhalten aufgefallen ist, das dich beunruhigt, bitte ich
dich dringend, mit Dolores Umbridge zu sprechen, einer wirklich wun-
derbaren Frau, die, wie ich weiß, nichts lieber täte, als dir zu helfen.
Dies führt mich zu meinem weiteren Ratschlag. Wie ich oben ange-
deutet habe, könnte Dumbledores Re giment in Hogwarts bald zu Ende
sein. Deine Treue, Ron sollte nicht ihm gelten, sondern der Schule und
dem Ministerium. Ich bedaure es sehr, zu hören, daß Professor Um-
bridge bisher sehr wenig Unterstützung durch die Lehrerschaft erfährt
bei ihren Anstrengungen, jene no twendigen Veränderungen in Hog-
warts einzuführen, die vom Ministerium so dringend gewünscht wer-
den (allerdings sollte ihr dies ab nächster Woche leichter fallen – noch
einmal, sieh dir den morgigen Tagespropheten an!). Ich möchte nur Fol-
gendes sagen – ein Schüler, der sich heute willens zeigt, Professor Um-
bridge zu helfen, könnte in ein paar Jahren gute Chancen auf das
Schulsprecheramt haben! Ich bedaure, daß ich während des Sommers nicht in der Lage war,
dich öfter zu sehen. Es schmerzt mich, unsere Eltern zu kritisieren, aber
295

ich fürchte, ich kann nicht mehr unter ihrem Dach leben, solange sie
mit dem gefährlichen Klüngel um Dumbledore zu tun haben. (Wenn
du einmal an Mutter schreiben solltest, könntest du ihr mitteilen, daß
ein gewisser Sturgis Podmore, der ein großer Freund von Dumbledore
ist, vor kurzem nach Askaban geschickt wurde wegen Hausfriedens-
bruch im Ministerium. Vielleicht gehen ihnen dann die Augen auf über
jene Art von Kleinkriminellen, mit denen sie sich heutzutage gemein
machen.) Ich darf mich sehr glücklich schätzen, daß ich dem Stigma ei-
ner Verbindung mit diesen Leuten entronnen bin – der Minister könnte
mir gegenüber wirklich nicht großherziger sein –, und ich hoffe instän-
dig, Ron, daß auch dich die familiären Bande nicht blind machen dafür,
wie fehlgeleitet die Ansichten und Handlungen unserer Eltern sind. Ich
hoffe aufrichtig, daß sie mit der Zeit erkennen, wie Unrecht sie hatten,
und werde selbstverständlich bereit sein, eine umfassende Entschuldi-
gung anzunehmen, sollte dieser Tag kommen.
Bitte denke sehr sorgfältig darüber nach, was ich gesagt habe, beson-
ders über die Sache mit Harry Potter, und nochmals Glückwunsch, daß
du Vertrauensschüler geworden bist.
Dein Bruder
Percy
Harry sah zu Ron auf.
»Nun«, sagte er und versuchte dabei zu klingen, als würde er das
Ganze für einen Witz halten, »wenn du – ähm – wie heißt das?« – er
sah in Percys Brief nach – »Ach ja – ›die Bande‹ zu mir ›kappen‹ willst,
werd ich nicht gewalttätig, Ehrenwort.«
»Gib ihn her«, sagte Ron und streckte die Hand aus. »Er ist –«, sagte
Ron ruckartig und riß Percys Brief in zwei Hälften, »der größte –«, er
riß ihn in Viertel, »Mistkerl –«, er riß ihn in Achtel, »der Welt.« Er warf
die Fetzen ins Feuer.
»Komm, wir müssen das erledigen, bevor es Tag wird«, sagte er
forsch zu Harry und zog Professor Sinistras Aufsatz wieder zu sich
heran.
Hermine blickte Ron mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an.
»Ach, gebt sie her«, sagte sie unvermittelt.
296

»Was?«, sagte Ron.
»Gebt sie mir, ich seh sie durch und korrigier sie.«
»Meinst du das im Ernst?«, entgegnete Ron. »Mensch, Hermine, du
bist eine Lebensretterin, was kann ich –«
»Was ihr sagen könnt, ist: ›Wir versprechen, daß wir unsere Hausauf-
gaben nie mehr so lange aufschieben‹«, erwiderte sie, aber sie sah belu-
stigt drein und streckte beide Hände nach ihren Aufsätzen aus.
»Tausend Dank, Hermine«, sagte Harry müde, reichte ihr seinen Auf-
satz, sank zurück in den Sessel und rieb sich die Augen.
Es war jetzt nach Mitternacht und der Gemeinschaftsraum war ausge-
storben bis auf die drei und Krummbein. Zu hören war einzig Hermines
Feder, die hie und da Sätze in den Aufsätzen durchstrich, und das Ra-
scheln der Blätter, wenn sie verschiedene Angaben in den Handbüchern
nachprüfte, die auf dem Tisch verstreut lagen. Harry war erschöpft. Zu-
dem hatte er ein merkwürdiges Gefühl der Übelkeit und Leere im Magen,
das nichts mit seiner Müdigkeit zu tun hatte, sehr wohl aber mit dem
Brief, der sich jetzt geschwärzt inmitten des Feuers einrollte.
Er wußte, daß die Hälfte der Leute in Hogwarts ihn für seltsam, ja
verrückt hielt; er wußte, daß der Tagesprophet seit Monaten höhnische
Anspielungen auf ihn brachte, aber es war etwas anderes, es in Percys
Worten gelesen zu haben; zu wissen, daß Percy Ron den Rat erteilte,
ihn fallen zu lassen und ihn sogar bei Umbridge anzuschwärzen,
machte ihm seine Lage so deutlich wie nichts zuvor. Er kannte Percy
seit vier Jahren, hatte während der Sommerferien in seinem Haus ge-
wohnt, bei den Quidditch-Weltmeisterschaften ein Zelt mit ihm geteilt,
hatte letztes Jahr bei der zweiten Aufgabe des Trimagischen Turniers
von ihm sogar die Bestnote bekommen, doch jetzt hielt ihn Percy für
unausgeglichen und womöglich gewalttätig.
Und mit jäher Sympathie für seinen Paten mußte Harry daran den-
ken, daß Sirius wahrscheinlich der einzige Mensch war, den er kannte,
der wirklich verstehen konnte, wie er sich gegenwärtig fühlte, denn Si-
rius war in der gleichen Lage. Fast alle in der magischen Welt hielten
ihn für einen gefährlichen Mörder und einen großen Anhänger von
Voldemort, und mit diesem Wissen hatte er vierzehn Jahre lang leben
müssen …
297

Harry blinzelte. Gerade hatte er etwas im Feuer gesehen, das nicht
dort sein konnte. Es war schlagartig aufgetaucht und sofort verschwun-
den. Nein … das konnte es nicht gewesen sein … er hatte es sich einge-
bildet, weil er über Sirius nachgedacht hatte…
»Okay, schreib das ins Reine«, sagte Hermine zu Ron und drückte
ihm seinen Aufsatz und ein Blatt, das sie voll geschrieben hatte, in die
Hand. »Und dann füg diese Schlußfolgerung hinzu, die ich für dich
verfaßt habe.«
»Hermine, ehrlich, du bist der wunderbarste Mensch, den ich je getrof-
fen hab«, sagte Ron matt, »und wenn ich je wieder grob zu dir bin –«
»– dann weiß ich, daß du wieder normal bist«, sagte Hermine.
»Harry, dein Text ist in Ordnung, außer diesem Abschnitt am Ende, ich
glaub, du hast Professor Sinistra mißverstanden, Europa ist nicht von
einer Eischicht, sondern von einer Eisschicht bedeckt – Harry?«
Harry war von seinem Stuhl hinunter auf die Knie geglitten, kauerte
auf dem versengten und abgewetzten Kaminvorleger und spähte in die
Flammen.
»Ähm – Harry?«, sagte Ron unsicher. »Was treibst du da unten?«
»Ich hab gerade den Kopf von Sirius im Feuer gesehen«, antwortete
Harry.
Er sprach ganz ruhig; schließlich hatte er erst voriges Jahr Sirius’
Kopf im Feuer gesehen und mit ihm gesprochen. Und dennoch, er war
sich nicht sicher, daß er ihn diesmal wirklich gesehen hatte … er war so
rasch verschwunden …
»Sirius’ Kopf?«, wiederholte Hermine. »Du meinst, wie damals, als er
während des Trimagischen Turniers mit dir reden wollte? Aber das
würde er doch jetzt nicht tun, das wäre zu – Sirius!«
Sie keuchte und spähte ins Feuer; Ron ließ seine Feder fallen. Dort,
inmitten der tanzenden Flammen, steckte Sirius’ Kopf, und sein langes
schwarzes Haar fiel ihm um das grinsende Gesicht.
»Ich dachte schon, ihr würdet zu Bett gehen, bevor alle anderen ver-
schwunden sind«, sagte er. »Jede Stunde hab ich nachgeschaut.«
»Du bist jede Stunde ins Feuer gehüpft?«, sagte Harry halb lachend.
»Nur für ein paar Sekunden, um nachzusehen, ob die Luft rein ist.«
298

»Aber was, wenn man dich gesehen hätte?«, sagte Hermine beklom-
men.
»Nun ja, ich glaub, ein Mädchen – eine Erstkläßlerin, so wie sie aus-
sah – könnte mich vorhin kurz gesehen haben, aber macht euch keine
Sorgen«, sagte Sirius hastig, als Hermine die Hand vor den Mund
schlug, »als sie noch mal hinguckte, war ich schon verschwunden, und
ich wette, sie hat nur gedacht, ich sei ein komisch geformter Holzscheit
oder so was.«
»Aber Sirius, du gehst da ein enormes Risiko ein –«, fing Hermine an.
»Du klingst wie Molly«, erwiderte Sirius. »Das war die einzige Mög-
lichkeit, die mir einfiel, um Harrys Brief zu beantworten, ohne eine
Verschlüsselung zu verwenden – und Verschlüsselungen können ge-
knackt werden.«
Als er Harrys Brief erwähnte, drehten sich Hermine und Ron um und
starrten Harry an.
»Du hast nicht gesagt, daß du Sirius geschrieben hast!«, sagte Her-
mine vorwurfsvoll.
»Hab ich vergessen«, erwiderte Harry, was vollkommen stimmte; die
Begegnung mit Cho in der Eulerei hatte alles, was zuvor geschehen
war, aus seinem Kopf verjagt. »Sieh mich nicht so an, Hermine, dem
Brief hätte unmöglich jemand geheime Informationen entnehmen kön-
nen, stimmt’s, Sirius?«
»Nein, er war sehr gut«, sagte Sirius lächelnd. »Wie auch immer, wir
sollten uns besser beeilen, nur für den Fall, daß wir gestört werden –
deine Narbe.«
»Was ist mit –?«, setzte Ron an, doch Hermine unterbrach ihn. »Er-
zählen wir dir später, Ron. Weiter, Sirius.«
»Nun, ich weiß, es ist nicht gerade lustig, wenn sie schmerzt, aber wir
glauben nicht, daß man sich deswegen wirklich Sorgen machen muß.
Sie hat das ganze letzte Jahr über weh getan, oder?«
»Ja, und Dumbledore meinte, es sei immer dann passiert, wenn Vol-
demort ein starkes Gefühl empfand«, sagte Harry und ignorierte wie
üblich Rons und Hermines Zusammenzucken. »Vielleicht war er ein-
fach, ich weiß nicht, furchtbar zornig an dem Abend, als ich nachsitzen
mußte.«
299

»Ja, jetzt, wo er zurück ist, wird sie wohl häufiger schmerzen«, sagte
Sirius.
»Also glaubst du nicht, daß es irgendwas damit zu tun hatte, daß
Umbridge mich berührt hat, als ich bei ihr nachsitzen mußte?«, fragte
Harry.
»Das bezweifle ich«, sagte Sirius. »Ich kenne ihren Ruf und ich bin si-
cher, sie ist keine Todesserin –«
»Sie ist widerlich genug, um eine zu sein«, sagte Harry düster und
Ron und Hermine nickten lebhaft.
»Ja, aber die Welt ist nicht geteilt in gute Menschen und Todesser«,
sagte Sirius mit einem gequälten Lächeln. »Ich weiß, daß sie ein gemei-
nes Biest ist – du solltest mal hören, wie Remus über sie spricht.«
»Kennt Lupin sie?«, fragte Harry rasch und erinnerte sich, daß Um-
bridge in ihrer ersten Stunde etwas über gefährliche Halbblüter gesagt
hatte.
»Nein«, sagte Sirius, »allerdings hat sie vor zwei Jahren ein Anti-Wer-
wolf-Gesetz ausgearbeitet, das es ihm fast unmöglich macht, eine Stelle
zu bekommen.«
Harry fiel ein, daß Lupin jetzt viel schäbiger aussah, und seine Abnei-
gung gegen Umbridge steigerte sich noch.
»Was hat sie gegen Werwölfe?«, sagte Hermine aufgebracht.
»Hat Angst vor ihnen, vermute ich«, entgegnete Sirius und lächelte
angesichts ihrer entrüsteten Miene. »Offenbar haßt sie Halbmenschen;
sie hat sich letztes Jahr auch dafür engagiert, Wassermenschen zusam-
menzutreiben und einzufangen. Stellt euch nur mal vor, wie viel Zeit
und Energie bei der Verfolgung von Wassermenschen verschwendet
würde, wo doch gleichzeitig kleine Lumpen wie Kreacher auf freiem
Fuß sind.«
Ron lachte, aber Hermine schien verstimmt.
»Sirius!«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ehrlich mal, wenn du dir mit Kre-
acher ein wenig Mühe geben würdest, dann würde er sicher auf dich
zukommen. Schließlich bist du das einzige Familienmitglied, das er
noch hat, und Professor Dumbledore hat gesagt –«
»Also, wie sieht der Unterricht bei Umbridge aus?«, warf Sirius da-
zwischen. »Bringt sie euch allen bei, Halbblüter umzubringen?«
300

»Nein«, sagte Harry, ohne auf Hermines beleidigte Miene zu achten,
die sich in ihrer Verteidigung Kreachers überfahren fühlte. »Sie läßt
uns überhaupt nicht richtig zaubern!«
»Wir lesen immer nur das blöde Schulbuch«, sagte Ron.
»Ach ja, das paßt«, sagte Sirius. »Nach unseren Informationen aus
dem Ministerium will Fudge nicht, daß ihr für den Kampf ausgebildet
werdet.«
»Für den Kampf ausgebildet!«, wiederholte Harry ungläubig. »Was
glaubt der eigentlich, was wir hier treiben, eine Art Zaubererarmee auf-
bauen?«
»Genau das glaubt er«, sagte Sirius, »besser gesagt, genau das be-
fürchtet er von Dumbledore – daß er seine eigene Privatarmee aufstellt,
mit der er dann das Zaubereiministerium übernehmen kann.«
Schweigen trat ein, bis Ron sagte: »Das ist das Dümmste, was ich je
gehört hab, einschließlich all des Plunders, den Luna Lovegood von
sich gibt.«
»Also hält man uns davon ab, Verteidigung gegen die dunklen Kün-
ste zu lernen, weil Fudge Angst hat, wir würden gegen das Ministe-
rium zaubern?«, sagte Hermine hellauf empört.
»Ja«, sagte Sirius. »Fudge glaubt, Dumbledore wird vor nichts zu-
rückschrecken, um an die Macht zu kommen. Tag für Tag fühlt er sich
stärker von Dumbledore verfolgt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er
Dumbledore unter irgendeiner zusammengeschusterten Anklage ver-
haften läßt.«
Das erinnerte Harry an Percys Brief.
»Weißt du, ob der Tagesprophet morgen irgendwas über Dumbledore
bringt? Rons Bruder Percy glaubt das –«
»Ich weiß nicht«, sagte Sirius, »ich hab das ganze Wochenende über
keinen vom Orden gesehen, die sind alle beschäftigt. Nur Kreacher und
ich waren hier …«
In Sirius’ Stimme lag unverkennbar ein Hauch von Bitterkeit. »Also
hast du auch nichts Neues über Hagrid erfahren?«
»Ah …«, sagte Sirius, »nun, eigentlich sollte er inzwischen zurück
sein, keiner weiß genau, was mit ihm passiert ist.« Als er ihre entsetz-
ten Gesichter sah, fügte er rasch hinzu: »Aber Dumbledore macht sich
301

keine Sorgen, also steigert euch nicht in was rein; ich bin sicher, Hagrid
geht’s gut.«
»Aber wenn er eigentlich schon zurück sein sollte …«, sagte Hermine
mit schwacher, angsterfüllter Stimme.
»Madame Maxime war bei ihm, wir stehen in Verbindung mit ihr,
und sie sagt, sie seien auf der Rückreise voneinander getrennt worden
– aber nichts deutet darauf hin, daß er verletzt ist oder – nun, nichts
läßt vermuten, daß er nicht völlig wohlauf ist.«
Nicht überzeugt, tauschten Harry, Ron und Hermine besorgte Blicke.
»Hört mal, stellt nicht zu viele Fragen über Hagrid«, sagte Sirius ei-
lig, »das wird nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, daß er
nicht zurück ist, und ich weiß, Dumbledore will das nicht. Hagrid ist
zäh, es wird ihm schon gut gehen.« Und als auch das sie nicht aufzu-
muntern schien, fügte Sirius hinzu: »Wann ist eigentlich euer nächstes
Wochenende in Hogsmeade? Mit dieser Hundetarnung am Bahnhof
sind wir ja ganz gut durchgekommen, hab ich mir überlegt. Ich dachte,
ich könnte –«
»NEIN!«, riefen Harry und Hermine laut.
»Sirius, hast du nicht den Tagespropheten gelesen?«, fragte Hermine
besorgt.
»Ach, das«, sagte Sirius und grinste, »die spekulieren immer, wo ich
bin, im Grunde haben sie keine Ahnung –«
»Schon, aber wir glauben, diesmal ist es anders«, sagte Harry. »Mal-
foy hat im Zug etwas gesagt, was uns vermuten läßt, daß er wußte, daß
du es warst, und sein Vater – Lucius Malfoy, du weißt ja – war auf dem
Bahnsteig, also komm auf keinen Fall hier hoch, Sirius. Wenn Malfoy
dich wiedererkennt –«
»Schon gut, schon gut, ich hab’s begriffen«, sagte Sirius. Er wirkte äu-
ßerst ungehalten. »War nur ’ne Idee, dachte, du würdest mich gerne
mal wieder treffen.«
»Möchte ich schon, ich will nur nicht, daß sie dich wieder nach Aska-
ban stecken!«, sagte Harry.
Eine Pause trat ein. Sirius sah Harry aus dem Feuer heraus an, eine
Falte zwischen seinen tiefliegenden Augen.
302

»Du ähnelst deinem Vater weniger, als ich gedacht hatte«, sagte er
schließlich, mit spürbarer Kühle in der Stimme. »Gerade wegen des Ri-
sikos hätte es James Spaß gemacht.«
»Sieh mal –«
»Nun, ich verschwinde besser, ich kann Kreacher die Treppe runter-
kommen hören«, sagte Sirius, aber Harry war sicher, daß er log. »Ich
schreib dir und nenn dir einen Zeitpunkt, an dem ich es noch mal ins
Feuer schaffe, ja? Wenn du das Risiko ertragen kannst?«
Ein leises Popp war zu hören, und wo Sirius’ Kopf gewesen war, lo-
derte wieder eine Flamme.
303

Die Großinquisitorin von Hogwarts
Sie hatten geglaubt, Hermines Tagespropheten am nächsten Morgen
gründlich durchforsten zu müssen, um den in Percys Brief erwähnten
Artikel zu finden. Doch kaum hatte sich die Posteule wieder vom
Milchkrug erhoben, da keuchte Hermine laut auf und strich die Zei-
tung glatt. Zu sehen war nun ein großes Foto von Dolores Umbridge,
die breit lächelte und ihnen unter der Schlagzeile bedächtig zuzwin-
kerte.
MINISTERIUM STREBT AUSBILDUNGSREFORM AN
DOLORES UMBRIDGE IN DAS NEU GESCHAFFENE
AMT DER GROSSINQUISITORIN BERUFEN
»Umbridge – ›Großinquisitorin‹«, sagte Harry finster und sein angebis-
senes Stück Toast glitt ihm aus den Fingern. »Was soll das denn
heißen?« Hermine las laut vor:
»In einem überraschenden Schritt hat das Zaubereiministerium gestern
Abend ein neues Gesetz verabschiedet, das ihm ein beispielloses Maß
an Verfügungsgewalt über die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zau-
berei gewährt.
›Der Minister ist seit geraumer Zeit zusehends beunruhigt über die
Vorgänge in Hogwarts‹, erklärte Percy Weasley, der Juniorassistent des
Ministers. ›Er reagiert nun auf die kritischen Stimmen besorgter Eltern,
die den Eindruck haben, daß sich die Schule in eine Richtung entwik-
kelt, die sie nicht gutheißen.‹ Es ist nicht das erste Mal in den letzten
304

Wochen, daß Cornelius Fudge, der Minister, mit Hilfe neuer Gesetze
Verbesserungen an der Zaubererschule herbeiführt. Erst am 30. August
wurde der Ausbildungserlaß Nummer zweiundzwanzig verabschiedet,
der für den Fall, daß der gegenwärtige Schulleiter nicht in der Lage ist,
einen Kandidaten für eine Lehrerstelle vorzuweisen, gewährleistet, daß
das Ministerium eine geeignete Person auswählen kann.
›Dies ist der Grund, weshalb Dolores Umbridge zum Mitglied des
Lehrpersonals in Hogwarts ernannt wurde‹, sagte Weasley gestern
Abend. ›Dumbledore konnte niemanden finden, deshalb hat der Mini-
ster Umbridge berufen, und natürlich war sie sofort erfolgreich –‹«
»Sie war WAS?«, sagte Harry laut.
»Wart nur ab, es geht noch weiter«, sagte Hermine verbissen.
»›- sofort erfolgreich, indem sie den Unterricht in Verteidigung gegen
die dunklen Künste völlig umgekrempelt hat und dem Minister jetzt
aus der unmittelbaren Praxis heraus berichten kann, was wirklich in
Hogwarts vor sich geht.‹
Diesem letzten Aufgabengebiet hat das Ministerium nun mit dem
Ausbildungserlaß Nummer dreiundzwanzig auch formal Rechnung
getragen und das neue Amt eines Großinquisitors für Hogwarts ge-
schaffen.
›Dies ist ein spannender neuer Abschnitt im Plan des Ministers, sich
dem entgegenzustemmen, was manche als sinkendes Niveau in Hog-
warts bezeichnen‹, so Weasley. ›Die Inquisitorin wird die Befugnis ha-
ben, den Unterricht ihrer Kollegen zu inspizieren und sicherzustellen,
daß er den Erwartungen entspricht. Professor Umbridge wurde diese
Position zusätzlich zu ihrem Lehramt angeboten und wir freuen uns
mitteilen zu können, daß sie sich dazu bereit erklärt hat.‹ Die Reform-
schritte des Ministeriums stießen bei Eltern von Hogwarts-Schülern auf
begeisterte Zustimmung.
›Mir ist viel leichter ums Herz, jetzt, da ich weiß, daß Dumbledore ei-
ner fairen und vorurteilslosen Beurteilung unterzogen wird‹, sagte Mr.
Lucius Malfoy, 41, gestern Abend auf seinem Landsitz in Wiltshire.
›Viele von uns, denen das wohlverstandene Interesse unserer Kinder
305

ein echtes Anliegen ist, waren in Sorge über einige von Dumbledores
launenhaften Entscheidungen während der letzten Jahre und sind nun
froh zu wissen, daß das Ministerium die Lage im Auge behält.‹
Zu diesen launenhaften Entscheidungen gehören zweifellos umstrittene
Stellenbesetzungen, von denen wir in dieser Zeitung bereits berichte-
ten, darunter die Einstellung des Werwolfs Remus Lupin, des Halbrie-
sen Rubeus Hagrid und des unter Wahnvorstellungen leidenden Ex-
Auroren ›Mad-Eye‹ Moody.
Natürlich sind Gerüchte im Umlauf, wonach Albus Dumbledore,
einst Ganz hohes Tier der Internationalen Zauberervereinigung und
Großmeister des Zaubergamots, der Aufgabe, die angesehene Hog-
warts-Schule zu leiten, nicht mehr gewachsen ist. ›Ich denke, die Er-
nennung eines Inquisitors ist nur der erste Schritt, um dafür Sorge zu
tragen, daß Hogwarts einen Schulleiter bekommt, dem wir alle wieder
unser Vertrauen schenken können‹, ließ ein Mitarbeiter des Ministeri-
ums gestern Abend verlauten.
Die langjährigen Mitglieder des Zaubergamots, Griselda Marchbanks
und Tiberius Ogden, traten aus Protest gegen die Einführung eines In-
quisitorenamts für Hogwarts zurück.
›Hogwarts ist eine Schule, keine Außenstelle von Cornelius Fudges
Ministerium‹ erklärte Madam Marchbanks. ›Dies ist ein weiterer empö-
render Versuch, Albus Dumbledores Ruf zu schädigen.‹
(Einen ausführlichen Bericht über Madam Marchbanks’ angebliche
Beziehungen zu aufrührerischen Koboldgruppen finden Sie auf Seite
siebzehn.)«
Hermine hatte zu Ende gelesen und blickte die anderen beiden über
den Tisch hinweg an.
»Jetzt wissen wir also, wie wir diese Umbridge auf den Hals bekom-
men haben! Fudge hat seinen ›Ausbildungserlaß‹ durchgepaukt und
sie uns aufgezwungen! Und jetzt hat er ihr die Macht gegeben, die an-
deren Lehrer zu inspizieren!« Hermine atmete rasch, ihre Augen waren
sehr hell. »Das kann ich nicht glauben. Das ist ungeheuerlich!«
»Ich weiß«, sagte Harry. Er blickte hinab auf seine rechte Hand, die
auf dem Tisch zur Faust geballt war, und sah die schwache weiße Kon-
306

tur der Worte, die Umbridge ihn in seine Haut zu schneiden gezwun-
gen hatte.
Doch auf Rons Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
»Was ist?«, fragten Harry und Hermine gleichzeitig und starrten ihn
an.
»Hey, ich bin schon mal gespannt, wie sie bei McGonagall inspizieren
will«, sagte Ron fröhlich. »Umbridge wird nicht wissen, wie ihr ge-
schieht.«
»Ja, kommt«, sagte Hermine und sprang auf, »wir müssen uns beei-
len; wenn sie Binns’ Unterricht inspiziert, sollten wir nicht zu spät
kommen …«
Aber Professor Umbridge inspizierte nicht ihre Zaubereigeschichts-
stunde, die nicht minder dröge war als am Montag zuvor, und sie war
auch nicht in Snapes Kerker, als sie zur Doppelstunde Zaubertränke
kamen, wo Harry seinen Mondsteinaufsatz mit einem großen spitzen
»S« in einer oberen Ecke zurückbekam.
»Ich habe Sie so benotet, als ob Sie die Arbeiten bei der ZAG-Prüfung
eingereicht hätten«, sagte Snape mit einem höhnischen Grinsen, wäh-
rend er durch die Reihen rauschte und ihnen die Hausaufgaben zu-
rückgab. »Das sollte Ihnen eine nüchterne Vorstellung davon geben,
was Sie in der Prüfung erwartet.«
Snape war nach vorne zurückgekehrt, drehte sich um und blickte sie
an.
»Das allgemeine Niveau dieser Hausarbeit war jämmerlich. Die mei-
sten wären durchgefallen, wenn dies ihre Prüfung gewesen wäre. Beim
Aufsatzthema dieser Woche geht es um die verschiedenen Sorten von
Gegengiften, und ich erwarte einiges mehr an Mühe, oder ich werde
anfangen, den Dummköpfen, die ein ›S‹ bekommen haben, Strafarbei-
ten zu erteilen.«
Er grinste, während Malfoy kicherte und gut vernehmlich flüsterte:
»Jemand hat ein ›S‹ gekriegt? Ha!«
Harry bemerkte, daß Hermine aus dem Augenwinkel herüberspähte,
um zu sehen, welche Note er bekommen hatte; er wollte das jedoch lie-
ber für sich behalten und ließ seinen Mondsteinaufsatz schleunigst in
die Tasche gleiten.
307

Harry war entschlossen, Snape keinen Grund dafür zu liefern, ihn
auch in dieser Stunde schlecht zu benoten, und las jede Zeile der Re-
zeptur an der Tafel mindestens dreimal, bevor er sie befolgte. Sein Stär-
kungstrank war nicht unbedingt so klar türkisfarben wie der von Her-
mine, doch zumindest war er eher blau und nicht blaßrot wie der von
Neville, und am Ende der Stunde lieferte er, trotzig und erleichtert zu-
gleich, eine Probeflasche davon an Snapes Pult ab.
»Nun, das war nicht so schlimm wie letzte Woche, was?«, sagte Her-
mine, als sie die Kerkerstufen hochstiegen und durch die Eingangshalle
zum Mittagessen gingen. »Und mit den Hausaufgaben ist es auch nicht
allzu schlecht gelaufen, oder?«
Als weder Ron noch Harry antworteten, hakte sie nach: »Ich meine,
na gut, ich hab nicht die Spitzennote erwartet, nicht, wenn er nach
ZAG-Standard benotet, aber ein ›Bestanden‹ ist vorerst ganz ermuti-
gend, meint ihr nicht?«
Harrys Kehle entschlüpfte ein undefinierbares Geräusch.
»Natürlich kann bis zur Prüfung noch eine Menge passieren, wir ha-
ben genug Zeit, um besser zu werden, aber die Noten, die wir jetzt be-
kommen, sind doch schon mal eine Grundlage, oder? Darauf können
wir aufbauen …«
Sie setzten sich zusammen an den Gryffindor-Tisch.
»Natürlich hätt ich es toll gefunden, wenn ich ein ›O‹ bekommen
hätte –«
»Hermine«, sagte Ron scharf, »wenn du wissen willst, welche Noten
wir gekriegt haben, dann frag.«
»Ich will – ich wollte nicht – nun, wenn ihr es mir sagen wollt –«
»Ich hab ein ›M‹«, sagte Ron und schöpfte sich Suppe auf seinen Tel-
ler. »Zufrieden?«
»Also, dafür muß man sich nicht schämen«, meinte Fred, der gerade
mit George und Lee Jordan an den Tisch gekommen war und rechts
von Harry Platz nahm. »Nichts auszusetzen an einem guten, gesunden
›M‹.«
»Aber«, sagte Hermine, »steht ›M‹ nicht für …«
»›Mies‹, ja schon«, sagte Lee Jordan. »Aber immer noch besser als ›S‹,
oder? ›Schrecklich‹?«
308

Harry spürte, wie sein Gesicht warm wurde, und tat, als hätte er sich
an einem Brötchen verschluckt. Als er aufhörte zu husten, stellte er zu
seinem Leidwesen fest, daß Hermine sich immer noch beflissen über
ZAG-Noten verbreitete.
»Also, die Spitzennote ist ›O‹ für ›Ohnegleichen‹«, sagte sie, »und da-
nach kommt ›A‹ –«
»Nein, ›E‹«, korrigierte George sie, »›E‹ für ›Erwartungen übertrof-
fen‹. Ich hab immer gedacht, Fred und ich sollten ein ›E‹ in allem krie-
gen, weil wir die Erwartungen schon übertroffen haben, als wir zu den
Prüfungen aufgetaucht sind.«
Alle lachten, außer Hermine, die nicht lockerließ. »Also, nach ›E‹
kommt ›A‹ für ›Annehmbar‹, und das braucht man mindestens, um die
Prüfung zu bestehen, richtig?«
»Ja«, sagte Fred, tunkte ein ganzes Brötchen in seine Suppe, beför-
derte es in den Mund und schluckte es mit einem Mal hinunter.
»Dann kommt ›M‹ für ›Mies‹« – Ron hob in Siegerpose beide Arme –
»und ›S‹ für ›Schrecklich‹.«
»Und dann ›T‹«, erinnerte ihn George.
»›T‹?«, fragte Hermine bestürzt. »Noch schlechter als ›S‹? Was um
Himmels willen soll ›T‹ bedeuten?«
»Troll«, sagte George prompt.
Harry lachte erneut, obwohl er nicht sicher war, ob George Witze
machte. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er vor Hermine verheim-
lichen müßte, daß er in allen ZAGs ein »T« bekommen hatte, und be-
schloß auf der Stelle, von nun an fleißiger zu arbeiten.
»Habt ihr schon eine Unterrichtsinspektion gehabt?«, fragte Fred.
»Nein«, sagte Hermine sofort. »Und ihr?«
»Gerade eben, vor dem Essen«, sagte George. »In Zauberkunst.«
»Wie war ’s?«, fragten Harry und Hermine im Chor.
Fred zuckte die Achseln.
»Ging so. Umbridge hing nur in der Ecke rum und hat sich Notizen
auf einem Klemmbrett gemacht. Ihr kennt ja Flitwick, er hat sie wie ei-
nen Gast behandelt und sich offenbar gar nicht stören lassen. Sie hat
nicht viel gesagt. Hat Alicia ein paar Fragen gestellt, wie der Unterricht
309

sonst immer sei, und Alicia hat ihr erklärt, er sei wirklich gut, und das
war ’s dann.«
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß der alte Flitwick schlechte
Noten verpaßt kriegt«, sagte George, »normalerweise bringt er doch
alle ganz ordentlich durch die Prüfungen.«
»Wen habt ihr heut Nachmittag?«, fragte Fred Harry.
»Trelawney –«
»Ein ›T‹, wie es im Buch steht.«
»– und Umbridge persönlich.«
»Na, dann sei ein braver Junge und halt dich heut bei ihr zurück«,
sagte George. »Angelina schnappt noch über, wenn du schon wieder
das Quidditch-Training verpaßt.«
Aber Harry mußte nicht auf Verteidigung gegen die dunklen Künste
warten, bis er Professor Umbridge zu Gesicht bekam. Auf seinem Platz
ganz hinten im düsteren Wahrsageraum zog er gerade sein Traumtage-
buch hervor, als ihm Ron den Ellbogen in die Rippen stieß. Er wandte
sich um und sah Professor Umbridge aus der Falltür im Boden auftau-
chen. Die Klasse, die munter getratscht hatte, verstummte augenblick-
lich. Das plötzliche Absinken des Lärmpegels bewog Professor Trelaw-
ney, die umhergeschwebt war und das Traumorakel ausgeteilt hatte, sich
umzublicken.
»Guten Tag, Professor Trelawney«, sagte Professor Umbridge mit ih-
rem breiten Lächeln. »Sie haben meine Benachrichtigung erhalten,
hoffe ich? Mit Datum und Uhrzeit Ihrer Unterrichtsinspektion?«
Professor Trelawney nickte knapp, kehrte Professor Umbridge äu-
ßerst verstimmt den Rücken zu und fuhr fort, ihre Bücher auszuteilen.
Unentwegt lächelnd, packte Professor Umbridge den nächstbesten Ses-
sel an der Lehne und schleifte ihn vor die Klasse, eine Handbreit hinter
Professor Trelawneys Platz. Dann setzte sie sich, nahm ihr Klemmbrett
aus der geblümten Tasche und blickte auf in der Erwartung, daß der
Unterricht beginne.
Professor Trelawney zog mit leicht bebenden Händen ihre Schals fe-
ster und musterte die Klasse durch ihre riesenhaft vergrößernden Bril-
lengläser.
310

»Wir werden heute unser Studium prophetischer Träume fortsetzen«,
sagte sie in einem tapferen Versuch, ihre übliche mystische Tonlage zu
treffen, auch wenn ihre Stimme leicht zitterte. »Gehen Sie zu zweit zu-
sammen, bitte, und deuten Sie mit Hilfe des Orakels die letzten nächtli-
chen Visionen Ihres Partners.«
Sie machte Anstalten, zu ihrem Platz zurückzuschweben, sah Profes-
sor Umbridge gleich dahinter sitzen und schwenkte prompt nach links
auf Parvati und Lavender zu, die sich schon eingehend über Parvatis
jüngsten Traum unterhielten.
Harry behielt Umbridge verstohlen im Auge und schlug sein Tr a u m o -
rakel auf. Sie machte sich bereits Notizen auf ihrem Klemmbrett. Nach
ein paar Minuten erhob sie sich und heftete sich an Trelawneys Fersen,
ging mit ihr durchs Klassenzimmer, lauschte ihren Gesprächen mit den
Schülern und stellte selbst gelegentlich einige Fragen. Harry vergrub
eilends den Kopf in seinem Buch.
»Laß dir ’nen Traum einfallen, schnell«, forderte er Ron auf, »falls die
alte Kröte bei uns vorbeikommt.«
»Hab ich schon letztes Mal gemacht«, protestierte Ron, »jetzt bist du
dran, erzähl mir einen.«
»Ach, keine Ahnung …«, sagte Harry verzweifelt, der sich nicht erin-
nern konnte, während der letzten Nächte überhaupt etwas geträumt zu
haben. »Sagen wir einfach, mir träumte, ich würde … Snape in meinem
Kessel ertränken. Ja, das wird reichen…«
Ron gluckste und schlug sein Traumorakel auf.
»Okay, wir müssen dein Alter zu dem Datum hinzuzählen, an dem
du den Traum hattest, die Zahl der Buchstaben des Traumthemas … ist
das jetzt ›ertränken‹ oder ›Kessel‹ oder ›Snape‹?«
»Ist egal, nimm einfach irgendwas«, sagte Harry und wagte einen
Blick hinter sich. Professor Umbridge stand nun direkt neben Professor
Trelawney und machte sich Notizen, während die Wahrsagelehrerin
Neville zu seinem Traumtagebuch befragte.
»In welcher Nacht hast du das noch mal geträumt?«, fragte Ron, in
Berechnungen vertiert.
»Keine Ahnung, letzte Nacht, wann du willst«, entgegnete Harry und
versuchte zu erlauschen, was Umbridge zu Professor Trelawney sagte.
311

Sie waren jetzt nur noch einen Tisch von ihm und Ron entfernt. Profes-
sor Umbridge notierte abermals etwas auf ihrem Klemmbrett und Pro-
fessor Trelawney sah hochgradig verärgert aus.
»Nun«, sagte Umbridge und blickte zu Trelawney auf, »wie lange ge-
nau haben Sie diese Stelle schon inne?«
Professor Trelawney sah sie finster an, die Arme verschränkt und die
Schultern hochgezogen, als wollte sie sich so gut wie möglich vor der
Schmach der Inspektion schützen. Nach einer kleinen Pause, in der sie
offenbar zu dem Schluß kam, daß die Frage nicht so entwürdigend
war, daß sie sie zu Recht ignorieren konnte, sagte sie mit zutiefst belei-
digter Stimme: »Fast sechzehn Jahre.«
»Eine beträchtliche Zeit«, sagte Professor Umbridge und machte sich
eine Notiz auf ihrem Klemmbrett. »Dann war es Professor Dumble-
dore, der Sie eingestellt hat?«
»Das ist korrekt«, sagte Professor Trelawney knapp.
Professor Umbridge machte sich wiederum eine Notiz.
»Und Sie sind eine Ururenkelin der berühmten Seherin Cassandra
Tr e l a w n e y ? «
»Ja«, sagte Professor Trelawney und reckte leicht den Kopf. Wieder
folgte eine Notiz auf dem Klemmbrett.
»Aber ich vermute – korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre –, daß
Sie die Erste in Ihrer Familie seit Cassandra sind, die mit dem zweiten
Gesicht begabt ist?«
»Diese Dinge überspringen oft – ähm – drei Generationen«, erwiderte
Professor Trelawney.
Professor Umbridges krötenartiges Lächeln wurde breiter.
»Natürlich«, sagte sie süßlich und machte sich erneut eine Notiz.
»Nun, vielleicht können Sie einfach mal etwas für mich voraussagen?«
Sie blickte mit fragender Miene und unentwegt lächelnd auf.
Professor Trelawney erstarrte schlagartig, als könnte sie ihren Ohren
nicht trauen. »Ich habe Sie nicht verstanden«, sagte sie und griff
krampfartig nach dem Schal um ihren dürren Hals.
»Ich möchte, daß Sie mir etwas voraussagen«, erklärte Professor Um-
bridge sehr deutlich.
312

Harry und Ron waren nicht die Einzigen, die jetzt hinter ihren Bü-
chern hervor verstohlen zusahen und lauschten. Der größte Teil der
Klasse blickte gebannt auf Professor Trelawney, die sich mit klimpern-
den Perlen und Armringen zu voller Höhe aufrichtete.
»Das innere Auge sieht nicht auf Befehl«, sagte sie entrüstet.
»Verstehe«, entgegnete Professor Umbridge sanft und machte sich
eine weitere Notiz auf ihrem Klemmbrett.
»Ich – aber – aber … warten Sie!«, sagte Professor Trelawney plötzlich,
bemüht ihre übliche ätherische Stimmlage zu treffen, wiewohl die my-
stische Wirkung ein wenig verpuffte, da sie vor Zorn bebte. »Ich … ich
glaube, ich sehe etwas … etwas, das Sie betrifft… ach, ich spüre etwas
… etwas Dunkles … eine abgrundtiefe Gefahr …«
Professor Trelawney deutete mit zitterndem Finger auf Professor
Umbridge, die sie, mit hochgezogenen Augenbrauen, weiter verbind-
lich anlächelte.
»Ich fürchte … ich fürchte, Sie sind in abgrundtiefer Gefahr!«, schloß
Professor Trelawney dramatisch.
Stille trat ein. Professor Umbridges Augenbrauen waren noch immer
erhoben.
»Schön«, sagte sie sanft und fing von neuem an auf ihrem Klemm-
brett zu kritzeln. »Nun, wenn das alles ist, was Sie können …«
Sie wandte sich um. Professor Trelawney stand da wie angewurzelt,
ihre Brust hob und senkte sich. Harry fing einen Blick von Ron auf und
wußte, daß er genau das Gleiche dachte wie er: Professor Trelawney
war zwar eine ausgemachte alte Schwindlerin, doch haßten sie beide
Umbridge so sehr, daß ihr Mitgefühl nun entschieden Trelawney galt –
allerdings nur, bis sie sich einige Sekunden später dann über sie her-
machte.
»Nun?«, sagte sie und schnippte ungewöhnlich forsch mit ihren lan-
gen Fingern unter Harrys Nase herum. »Zeigen Sie mir bitte den An-
fang Ihres Traumtagebuchs.«
Als sie Harrys Träume mit ihrer lautesten Stimme gedeutet hatte (wo-
bei alle, selbst jene, bei denen es um das Essen von Haferschleim ging,
offenbar einen grausigen und frühen Tod ankündigten), war sein Mit-
leid mit ihr schon abgeflaut. Professor Umbridge stand unterdessen ein
313

paar Schritte entfernt und machte sich Notizen auf dem ominösen
Klemmbrett. Als es läutete, stieg sie als Erste die silberne Leiter hinab,
und als die Klasse zehn Minuten später zu ihr in Verteidigung gegen
die dunklen Künste kam, wartete Professor Umbridge bereits auf sie.
Als sie eintraten, summte und lächelte sie vor sich hin. Während sie
alle die Theorie magischer Verteidigung hervorholten, berichteten Harry
und Ron Hermine, die in Arithmantik gewesen war, was in Wahrsagen
genau geschehen war, doch bevor Hermine irgendwelche Fragen stel-
len konnte, hatte Professor Umbridge sie schon zur Ordnung ermahnt
und Ruhe trat ein.
»Zauberstäbe weg«, befahl sie mit einem Lächeln, und wer so optimi-
stisch gewesen war, ihn herauszuholen, steckte ihn jetzt traurig wieder
in die Tasche. »Da wir das erste Kapitel in der letzten Stunde abge-
schlossen haben, schlagen Sie nun bitte alle Seite neunzehn auf und be-
ginnen Sie mit Kapitel zwei, ›Gängige Verteidigungstheorien und ihre
Ursprünge‹. Ich möchte keine Unterhaltungen hören.«
Andauernd breit und selbstzufrieden lächelnd, setzte sie sich an ihr
Pult. Die Klasse seufzte vernehmlich, als sie alle zugleich Seite neunzehn
aufschlugen. Harry fragte sich dumpf, ob die Zahl der Kapitel in diesem
Buch ausreichte, um ihnen für alle Stunden des Schuljahrs Lesestoff zu
bieten, und wollte gerade im Inhaltsverzeichnis nachschlagen, da fiel ihm
auf, daß Hermine die Hand schon wieder in der Luft hatte.
Auch Professor Umbridge hatte es bemerkt, und mehr noch, sie
schien eine Strategie für einen solchen Fall entwickelt zu haben. Anstatt
vorzuschützen, sie hätte Hermine nicht bemerkt, stand sie auf und ging
um die erste Pultreihe herum, bis sie direkt vor Hermine stand, dann
beugte sie sich hinunter und flüsterte, daß der Rest der Klasse es nicht
hören konnte: »Was gibt es diesmal, Miß Granger?«
»Ich hab Kapitel zwei schon gelesen«, sagte Hermine.
»Nun, dann machen Sie weiter mit Kapitel drei.«
»Das hab ich auch gelesen. Ich hab das ganze Buch gelesen.«
Professor Umbridge zuckte kurz mit der Wimper, gewann jedoch fast
augenblicklich ihre Fassung wieder.
»Nun, dann sollten Sie in der Lage sein, mir zu sagen, was Slinkhard
im fünfzehnten Kapitel über Gegenflüche sagt.«
314

»Er sagt, Gegenflüche dürften eigentlich gar nicht so heißen«, erwi-
derte Hermine prompt. »›Gegenfluch‹ sei nur ein Name, den die Leute
ihren Flüchen geben, damit es sich besser anhört, was sie tun.«
Professor Umbridge hob die Augenbrauen und Harry wußte, daß sie
gegen ihren Willen beeindruckt war.
»Aber ich bin anderer Ansicht«, fuhr Hermine fort.
Professor Umbridges Augenbrauen hoben sich noch ein wenig mehr
und ihr Blick wurde deutlich kälter.
»Sie sind anderer Ansicht?«
»Ja, allerdings«, sagte Hermine, die im Gegensatz zu Umbridge nicht
flüsterte, sondern mit klarer, vernehmlicher Stimme sprach und sich in-
zwischen die Aufmerksamkeit der restlichen Klasse gesichert hatte. »Mr.
Slinkhard mag keine Flüche, nicht wahr? Aber ich glaube, daß sie sehr
nützlich sein können, wenn sie zur Verteidigung eingesetzt werden.«
»Oh, das glauben Sie also?«, sagte Professor Umbridge, die zu flü-
stern vergessen hatte und sich aufrichtete. »Nun, ich fürchte, es ist die
Meinung von Mr. Slinkhard und nicht die Ihre, die in diesem Klassen-
zimmer zählt, Miß Granger.«
»Aber –«, setzte Hermine an.
»Das genügt«, sagte Professor Umbridge. Sie ging nach vorne zurück
und wandte sich der Klasse zu, und all ihr munteres Gehabe vom Be-
ginn der Stunde war von ihr abgefallen. »Miß Granger, ich ziehe fünf
Punkte für Haus Gryffindor ab.«
Auf diese Worte hin brach lautes Gemurmel los. »Weswegen?«, sagte
Harry zornig.
»Halt dich da raus!«, zischelte ihm Hermine eindringlich zu.
»Weil sie meinen Unterricht mit sinnlosen Unterbrechungen gestört
hat«, sagte Professor Umbridge sanft. »Ich bin hier, um Sie nach einer
vom Ministerium genehmigten Methode zu unterrichten, und dazu ge-
hört nicht, daß man Schüler auffordert, ihre Meinungen zu Fragen ab-
zugeben, von denen sie sehr wenig verstehen. Ihre früheren Lehrer in
diesem Fach mögen Ihnen mehr Narrenfreiheit eingeräumt haben, aber
da keiner von ihnen – vielleicht mit Ausnahme Professor Quirrells, der
sich zumindest auf altersgemäße Themen beschränkt zu haben scheint
– eine Inspektion des Ministeriums bestanden hätte –«
315

»Ja, Quirrell war ein toller Lehrer«, sagte Harry laut, »es gab nur den
kleinen Nachteil, daß ihm Lord Voldemort hinten aus dem Kopf raus-
hing.«
Dem folgte eine Stille, so laut, wie Harry es kaum je gehört hatte.
Dann –
»Ich denke, eine weitere Woche Nachsitzen würde Ihnen ganz gut
tun, Mr. Potter«, sagte Umbridge honigsüß.
Der Schnitt auf Harrys Handrücken war kaum verheilt und am folgen-
den Morgen blutete er wieder. Harry beklagte sich nicht während des
Nachsitzens am Abend; er war entschlossen, Umbridge nicht diese Ge-
nugtuung zu verschaffen. Wieder und wieder schrieb er Ich soll keine
Lügen erzählen, und nicht ein einziger Laut entfuhr seinen Lippen, ob-
wohl der Schnitt sich mit jedem Buchstaben vertiefte.
Das Allerschlimmste an dieser zweiten Woche täglicher Strafarbeiten
war, genau wie George vorausgesagt hatte, die Reaktion von Angelina.
Kaum war er am Dienstag zum Frühstück am Gryffindor-Tisch erschie-
nen, da baute sie sich vor ihm auf und schrie so laut, daß Professor
McGonagall vom Lehrertisch herab auf sie zugerauscht kam.
»Miß Johnson, wie können Sie es wagen, einen solchen Aufruhr in der
Großen Halle zu veranstalten! Fünf Punkte Abzug für Gryffindor!«
»Aber Professor – er hat es doch tatsächlich geschafft, sich schon wie-
der Nachsitzen aufzuhalsen –«
»Was höre ich da, Potter?«, sagte Professor McGonagall scharf und
wandte sich drohend Harry zu. »Nachsitzen? Bei wem?«
»Bei Professor Umbridge«, murmelte Harry und mied Professor
McGonagalls glänzende Knopfaugen hinter den eckigen Brillengläsern.
»Wollen Sie mir sagen«, begann sie und senkte die Stimme, damit die
Schar neugieriger Ravenclaws hinter ihnen sie nicht hören konnte, »daß
Sie nach der Ermahnung, die ich Ihnen letzten Montag erteilt habe, er-
neut einen Wutanfall in Professor Umbridges Unterricht hatten?«
»Ja«, murmelte Harry dem Fußboden zu.
»Potter, Sie müssen sich zusammenreißen! Sie handeln sich schweren
Ärger ein! Noch einmal fünf Punkte Abzug für Gryffindor!«
316

»Aber – was –? Professor, nein!«, sagte Harry, zornentbrannt ob die-
ser Ungerechtigkeit. »Ich werde schon von ihr bestraft, warum müssen
Sie mir auch noch Punkte abziehen?«
»Weil Nachsitzen offenbar keinerlei Wirkung auf Sie zeigt!«, sagte
Professor McGonagall bissig. »Nein, ich will kein einziges Wort der
Klage hören, Potter! Und was Sie angeht, Miß Johnson, Sie werden Ihr
Kampfgeschrei künftig auf das Quidditch-Feld beschränken oder Sie
riskieren Ihre Stellung als Mannschaftskapitänin!«
Professor McGonagall schritt zurück zum Lehrertisch. Angelina ver-
setzte Harry einen zutiefst angewiderten Blick und stolzierte davon,
worauf er sich zornbebend auf die Bank neben Ron schwang.
»Sie hat Gryffindor Punkte abgezogen, weil ich jeden Abend meine
Hand aufgeschlitzt kriege! Was soll daran bloß gerecht sein, sag’s mir!«
»Ich weiß, Mann«, sagte Ron mitfühlend und gabelte Speck auf Har-
rys Teller, »die ist vollkommen durch den Wind.«
Hermine jedoch raschelte nur mit den Blättern ihres Tagespropheten
und sagte nichts.
»Du denkst, McGonagall hat Recht, gib’s zu!«, sagte Harry wütend zu
dem Bild von Cornelius Fudge, das Hermines Gesicht verdeckte.
»Mir wär ’s lieber, wenn sie dir keine Punkte abgezogen hätte, aber ich
glaube, sie hat Recht, wenn sie dich ermahnt, bei Umbridge nicht aus der
Haut zu fahren«, sagte Hermines Stimme, während Fudge, der offenbar
irgendeine Rede hielt, auf der Titelseite energisch gestikulierte.
Harry sprach den gesamten Zauberkunstunterricht über nicht mit Her-
mine, doch als sie in Verwandlung kamen, vergaß er, daß er sauer auf sie
war. Professor Umbridge und ihr Klemmbrett saßen in einer Ecke und ihr
Anblick ließ Harrys Erinnerung an das Frühstück verblassen.
»Bestens«, wisperte Ron, als sie sich auf ihre gewohnten Plätze setz-
ten. »Schauen wir mal, wie Umbridge kriegt, was sie verdient.«
Professor McGonagall marschierte herein, ohne sich im Geringsten
anmerken zu lassen, daß sie von Professor Umbridges Anwesenheit
wußte.
»Fangen wir an«, sagte sie und prompt trat Stille ein. »Mr. Finnigan,
seien Sie bitte so freundlich, kommen Sie nach vorne und geben Sie den
andern die Hausaufgaben zurück – Miß Brown, bitte nehmen Sie diese
317

Schachtel Mäuse – stellen Sie sich nicht so an, Mädchen, die tun Ihnen
nichts – und geben Sie jedem eine –«
»Chrm, chrm«, machte Professor Umbridge, das gleiche alberne Räus-
pern, mit dem sie Dumbledore am ersten Abend des Schuljahrs unter-
brochen hatte. Professor McGonagall beachtete sie nicht. Seamus gab
Harry seinen Aufsatz zurück; Harry nahm ihn, ohne Seamus anzublik-
ken, und sah erleichtert, daß er ein »A« geschafft hatte.
»Nun gut, hören Sie bitte genau zu – Dean Thomas, wenn Sie das
noch einmal mit Ihrer Maus machen, setzt es Strafarbeiten –, die mei-
sten von Ihnen haben inzwischen erfolgreich ihre Schnecken zum Ver-
schwinden gebracht, und selbst jene, die noch einen gewissen Rest vom
Gehäuse übrig hatten, haben den Kern des Zaubers erfaßt. Heute wer-
den wir –«
»Chrm, chrm«, machte Professor Umbridge.
»Ja?«, sagte Professor McGonagall und wandte sich um, die Brauen so
eng zusammengezogen, daß sie wie eine lange, strenge Linie wirkten.
»Ich fragte mich nur, Professor, ob Sie meine Benachrichtigung über
Datum und Zeit der Unterrichtsinspektion bei Ihnen –«
»Selbstverständlich habe ich sie erhalten, sonst hätte ich Sie gefragt,
was Sie in meinem Klassenzimmer zu suchen haben«, sagte Professor
McGonagall und kehrte Professor Umbridge entschieden den Rücken
zu. Viele Schüler tauschten hämische Blicke. »Wie ich eben sagte:
Heute werden wir den Verschwindezauber an Mäusen üben, was um
einiges schwieriger ist. Nun, der Verschwindezauber –«
»Chrm, chrm.«
»Ich frage mich«, sagte Professor McGonagall mit kalter Wut und
drehte sich zu Professor Umbridge um, »wie Sie einen Eindruck von
meinen üblichen Lehrmethoden gewinnen wollen, wenn Sie mich stän-
dig unterbrechen. Sie werden verstehen, daß ich es anderen normaler-
weise nicht gestatte, zu reden, solange ich rede.«
Professor Umbridge sah aus, als hätte man ihr gerade eine Ohrfeige
verpaßt. Sie sagte nichts, sondern glättete das Pergament auf ihrem
Klemmbrett und kritzelte wütend drauflos.
Mit höchst gleichmütiger Miene wandte sich Professor McGonagall
erneut an die Klasse.
318

»Wie gesagt: Der Verschwindezauber wird schwieriger, je komplexer
das Tier ist, das man zum Verschwinden bringen will. Die Schnecke als
wirbelloses Tier stellt keine große Herausforderung dar; die Maus als
Säugetier hingegen sehr viel eher. Von daher ist dies kein Zauber, den
Sie ausführen können, wenn Sie schon in Gedanken beim Abendessen
sind. Nun – Sie kennen die Zauberformel, zeigen Sie mir, was Sie be-
werkstelligen können …«
»Und die will mir beibringen, bei Umbridge ruhig Blut zu
bewahren!«, murmelte Harry verstohlen Ron zu, doch er grinste dabei
– sein Zorn auf Professor McGonagall war endgültig verraucht.
Professor Umbridge folgte Professor McGonagall nicht durch das
Klassenzimmer, wie sie es bei Professor Trelawney getan hatte; viel-
leicht war ihr klar geworden, daß Professor McGonagall es nicht gestat-
ten würde. Sie machte sich jedoch noch viele weitere Notizen, während
sie in ihrer Ecke saß, und als Professor McGonagall die Klasse endlich
zusammenpacken ließ, erhob sie sich mit verbiesterter Miene.
»Naja, es ist ein Anfang«, sagte Ron, hielt einen langen sich ringeln-
den Mäuseschwanz empor und warf ihn zurück in die Schachtel, die
Lavender herumreichte.
Als sie das Klassenzimmer verlassen wollten, sah Harry Professor
Umbridge auf das Lehrerpult zugehen; er stieß Ron an, der wiederum
Hermine anstieß, und die drei trödelten absichtlich herum, um zu lau-
schen.
»Wie lange lehren Sie schon in Hogwarts?«, fragte Professor Um-
bridge.
»Diesen Dezember sind es neununddreißig Jahre«, sagte Professor
McGonagall schroff und ließ ihre Tasche zuschnappen.
Professor Umbridge machte sich eine Notiz.
»Sehr schön«, sagte sie, »Sie werden die Ergebnisse der Inspektion in
zehn Tagen erhalten.«
»Ich kann es kaum erwarten«, meinte Professor McGonagall in eisig
gleichgültigem Ton und ging zur Tür. »Beeilt euch, ihr drei«, sagte sie
und schob Harry, Ron und Hermine vor sich her.
Harry konnte einfach nicht umhin, ihr verstohlen zuzulächeln, und er
hätte schwören können, daß sie sein Lächeln erwiderte.
319

Er hatte geglaubt, Umbridge frühestens wieder am Nachmittag beim
Nachsitzen zu sehen, doch darin hatte er sich geirrt. Als sie den Rasen-
hang in Richtung Wald zu Pflege magischer Geschöpfe hinabgingen,
stellten sie fest, daß Umbridge mit ihrem Klemmbrett schon neben Pro-
fessor Raue-Pritsche stand und auf sie wartete.
»Sie unterrichten diese Klasse normalerweise gar nicht, ist das rich-
tig?«, hörte Harry sie fragen, als sie an dem Zeichentisch anlangten, wo
die Horde gefangener Bowtruckles wie ein Haufen lebendiger Zweige
nach Holzläusen herumsuchte.
»Völlig richtig«, sagte Professor Raue-Pritsche, die Hände auf dem
Rücken und auf den Fußballen wippend. »Ich mache die Stellvertre-
tung für Professor Hagrid.«
Harry tauschte beunruhigte Blicke mit Ron und Hermine. Malfoy flü-
sterte mit Crabbe und Goyle; sicher würde er diese Gelegenheit liebend
gern beim Schopf packen und einem Mitglied des Ministeriums Ge-
schichten über Hagrid erzählen.
»Hmm«, sagte Professor Umbridge und senkte die Stimme, doch
konnte Harry sie immer noch recht deutlich hören. »Ich frage mich –
der Schulleiter scheint in dieser Sache merkwürdigerweise überhaupt
nicht auskunftsbereit –, können Sie mir denn sagen, was der Grund für
Professor Hagrids sehr langfristige Beurlaubung ist?«
Harry sah, wie Malfoy neugierig aufblickte.
»Geht nicht, Pardon«, sagte Professor Raue-Pritsche heiter. »Weiß
auch nicht mehr als Sie. Bekam eine Eule von Dumbledore, ob ich für
ein paar Wochen unterrichten wollte. Ich nahm an. Das ist alles, was ich
weiß. Nun … soll ich jetzt anfangen?«
»Ja, bitte tun Sie das«, sagte Professor Umbridge und kritzelte auf ihr
Klemmbrett.
Umbridge versuchte es in dieser Unterrichtsstunde einmal anders. Sie
schlenderte zwischen den Schülern umher und stellte ihnen Fragen zu
magischen Geschöpfen. Die meisten hatten gute Antworten parat und
Harrys Laune besserte sich leicht; wenigstens stand die Klasse zu Hagrid.
»Ganz allgemein gesehen«, sagte Professor Umbridge und kehrte
nach einer langen Befragung von Dean Thomas an Professor Raue-Prit-
sches Seite zurück, »wie finden Sie als zeitweiliges Mitglied des Kolle-
320

giums – als neutrale Außenstehende, wie man vielleicht sagen könnte
–, wie finden Sie Hogwarts? Haben Sie den Eindruck, daß Sie von der
Schulleitung hinreichend unterstützt werden?«
»O ja, Dumbledore ist hervorragend«, sagte Professor Raue-Pritsche
nachdrücklich. »Ich bin sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie die
Schule geführt wird, wirklich sehr zufrieden.«
Mit einem höflich ungläubigen Blick machte sich Umbridge eine win-
zige Notiz auf ihrem Klemmbrett und fuhr fort: »Und was planen Sie
dieses Jahr mit der Klasse durchzunehmen – angenommen natürlich,
daß Professor Hagrid nicht zurückkehrt?«
»Oh, ich gehe mit ihnen die Geschöpfe durch, die am häufigsten in
den ZAGs drankommen«, sagte Professor Raue-Pritsche. »Da bleibt
nicht mehr viel zu tun – sie haben Einhörner studiert und Niffler, ich
dachte mir, wir könnten Porlocks und Kniesel durchnehmen, dafür sor-
gen, daß sie Crups und Knarle erkennen, wissen Sie …«
»Nun, Sie jedenfalls scheinen zu wissen, was Sie tun«, erwiderte Pro-
fessor Umbridge und machte unverkennbar ein Häkchen auf ihrem
Klemmbrett. Harry mochte ihre Betonung auf dem »Sie« nicht und
noch weniger, daß sie ihre nächste Frage an Goyle richtete. »Wie ich
höre, kam es im Unterricht zu Verletzungen?«
Goyle setzte ein tumbes Gesicht auf. Malfoy sprang eilends für ihn ein.
»Das war ich«, sagte er. »Ein Hippogreif hat nach mir ausge-
schlagen.«
»Ein Hippogreif?«, sagte Professor Umbridge und kritzelte hektisch.
»Nur weil er zu dumm war zu befolgen, was Hagrid ihm gesagt
hatte«, warf Harry zornig ein.
Ron und Hermine stöhnten. Professor Umbridge wandte Harry lang-
sam den Kopf zu.
»Noch ein Abend Nachsitzen, würde ich meinen«, sagte sie sanft.
»Nun, danke vielmals, Professor Raue-Pritsche ich denke, das ist alles,
was ich hier brauche. Sie werden die Ergebnisse Ihrer Inspektion in
zehn Tagen erhalten.«
»Wunderbar«, sagte Professor Raue-Pritsche und Professor Umbridge
machte sich auf den Weg über den Rasen zum Schloß zurück.
321

Es war fast Mitternacht, als Harry an diesem Abend Umbridges Büro
verließ. Seine Hand blutete nun so heftig, daß Blut durch das Tuch sik-
kerte, das er sich umgewickelt hatte. Er hatte geglaubt, bei seiner Rück-
kehr niemanden mehr im Gemeinschaftsraum anzutreffen, doch Ron
und Hermine waren aufgeblieben und hatten auf ihn gewartet. Er
freute sich, sie zu sehen, besonders da Hermine eher mitfühlend als
kritisch gestimmt war.
»Hier«, sagte sie besorgt und schob ihm eine kleine Schale gelber
Flüssigkeit hin, »tauch deine Hand da rein, das ist eine Lösung aus ein-
gelegten und filtrierten Murtlap-Tentakeln, das müßte helfen.«
Harry legte seine blutende, schmerzende Hand in die Schale und ver-
spürte eine wundersame Linderung des Schmerzes. Krummbein
schlängelte sich laut schnurrend um seine Beine, dann sprang er ihm in
den Schoß und machte es sich bequem.
»Danke«, sagte er aufrichtig und kraulte Krummbein mit der linken
Hand hinter den Ohren.
»Ich denk immer noch, daß du dich darüber beschweren solltest«,
sagte Ron mit verhaltener Stimme.
»Nein«, sagte Harry entschieden.
»McGonagall würde die Wände hochgehen, wenn sie wüßte –«
»Ja, würde sie wohl«, sagte Harry. »Und wie lange, meinst du, würde
es dauern, bis Umbridge einen neuen Erlaß durchkriegt, wonach jeder,
der sich über die Großinquisitorin beschwert, sofort rausgeworfen
wird?«
Ron öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, blieb jedoch
stumm, und im nächsten Moment gab er sich geschlagen und schloß
den Mund wieder.
»Sie ist eine furchtbare Frau«, sagte Hermine mit leiser Stimme.
»Furchtbar. Weißt du, als du reinkamst, hab ich gerade zu Ron gesagt …
wir müßten etwas gegen sie unternehmen.«
»Ich hab Gift vorgeschlagen«, sagte Ron grimmig.
»Nein … es geht darum, was für eine miserable Lehrerin sie ist und
daß wir bei ihr überhaupt keine Verteidigung lernen«, sagte Hermine.
»Und, was können wir dagegen tun?«, gähnte Ron. »’s ist zu spät, oder?
Sie hat die Stelle, sie wird hier bleiben. Fudge wird schon dafür sorgen.«
322

»Nun«, sagte Hermine bedächtig. »Wißt ihr, ich hab mir heute über-
legt …«, sie warf Harry einen leicht nervösen Blick zu und fuhr dann
fort, »ich habe mir überlegt – vielleicht ist die Zeit reif, daß wir es ein-
fach – einfach selber in die Hand nehmen.«
»Was selber in die Hand nehmen?«, fragte Harry argwöhnisch, wäh-
rend seine Hand immer noch in der Essenz aus Murtlap-Tentakeln ba-
dete.
»Nun – Verteidigung gegen die dunklen Künste selber lernen«, sagte
Hermine.
»Nun hör aber auf«, stöhnte Ron. »Willst du, daß wir uns noch zusätzli-
che Arbeit aufhalsen? Ist dir klar, daß Harry und ich schon wieder mit
den Hausaufgaben hinterher sind und wir erst die zweite Woche haben?«
»Aber das ist viel wichtiger als Hausaufgaben!«, sagte Hermine.
Harry und Ron glotzten sie an.
»Ich dachte, es gibt nichts Wichtigeres im Universum als Hausaufga-
ben!«, erwiderte Ron.
»Sei nicht albern, natürlich gibt es das«, sagte Hermine, und Harry
sah mit einem unheilvollen Gefühl, daß ihr Gesicht plötzlich in dem
gleichen Eifer erglühte, den sonst B.ELFE.R in ihr entfachte. »Es geht
darum, wie Harry in Umbridges erster Stunde gesagt hat, daß wir uns
auf das vorbereiten, was uns draußen erwartet. Es geht darum, dafür
zu sorgen, daß wir uns auch wirklich verteidigen können. Wenn wir
ein ganzes Jahr lang nichts lernen –«
»Alleine können wir nicht viel tun«, sagte Ron mit niedergeschlage-
ner Stimme. »Ich meine, von mir aus, wir können Flüche in der Biblio-
thek nachschlagen und dann versuchen sie zu üben –«
»Nein, ich geb zu, wir sind über den Punkt hinaus, wo wir Dinge nur
aus Büchern lernen können«, sagte Hermine. »Wir brauchen einen Leh-
rer, einen richtigen Lehrer, der uns zeigen kann, wie wir die Zauber an-
wenden, und der uns korrigiert, wenn wir etwas falsch machen.«
»Wenn du von Lupin redest …«, setzte Harry an.
»Nein, ich rede nicht von Lupin«, sagte Hermine. »Er hat zu viel für
den Orden zu tun und wir könnten ihn ohnehin nur an den Wochenen-
den in Hogsmeade treffen, und das reicht bei weitem nicht.«
»Wen meinst du dann?«, sagte Harry und sah sie stirnrunzelnd an.
323

Hermine seufzte wie unter einer großen Last.
»Ist das nicht klar?«, sagte sie. »Ich rede von dir, Harry.«
Für einen Moment trat Stille ein. Eine leichte nächtliche Brise ließ die
Fenster hinter Ron klappern und das Feuer flackerte auf.
»Was soll das heißen, von mir?«, sagte Harry.
»Das soll heißen, daß du uns Verteidigung gegen die dunklen Künste
beibringst.«
Harry starrte sie an. Dann wandte er sich Ron zu, um genervte Blicke
mit ihm zu tauschen, wie sie es manchmal taten, wenn Hermine sich
über weit hergeholte Dinge wie B.ELFE.R ausließ. Zu Harrys Verblüf-
fung jedoch sah Ron nicht genervt drein.
Er hatte leicht die Stirn gerunzelt und dachte offenbar nach. Dann
sagte er: »Das ist eine Idee.«
»Was ist eine Idee?«, sagte Harry.
»Du«, erwiderte Ron. »Daß du uns beibringst, wie man es macht.«
»Aber …«
Harry grinste jetzt, er war sicher, die beiden wollten ihn auf den Arm
nehmen.
»Aber ich bin kein Lehrer, ich kann nicht –«
»Harry, du bist in unserem Jahrgang der Beste in Verteidigung gegen
die dunklen Künste«, sagte Hermine.
»Ich?«, sagte Harry und grinste nur noch breiter. »Nein, bin ich nicht,
du hast mich bei jeder Prüfung geschlagen –«
»Von wegen, hab ich nicht«, entgegnete Hermine kühl. »Du hast mich
in der dritten Klasse geschlagen – im einzigen Jahr, wo wir beide die
Prüfung gemacht haben und einen Lehrer hatten, der das Fach tatsäch-
lich beherrschte. Aber ich rede nicht von Prüfungsergebnissen, Harry.
Überleg doch mal, was du getan hast!«
»Was meinst du?«
»Weißt du, ich bin mir gar nicht sicher, ob ich jemanden als Lehrer
will, der sich so blöd anstellt«, sagte Ron mit einem leicht süffisanten
Lächeln zu Hermine. Er wandte sich Harry zu.
»Überlegen wir mal«, sagte er und machte ein Gesicht wie Goyle,
wenn er sich konzentrierte. »Ähm … erstes Jahr – du hast den Stein der
Weisen vor Du-weißt-schon-wem gerettet.«
324

»Aber das war doch Glück«, sagte Harry, »das hatte nichts mit Kön-
nen zu tun
»Zweites Jahr«, unterbrach ihn Ron, »du hast den Basilisken getötet
und Riddle vernichtet.«
»Ja, schon, aber wenn Fawkes nicht aufgetaucht wäre, dann –«
»Drittes Jahr«, sagte Ron, nun noch lauter, »du hast ungefähr hundert
Dementoren auf einmal vertrieben –«
»Du weißt, das war Dusel, wenn der Zeitumkehrer nicht –«
»Letztes Jahr«, sagte Ron und schrie jetzt fast, »du hast Du-weißt-
schon-wen wieder abgewehrt –«
»Hör mir mal zu!«, sagte Harry fast zornig, weil Ron und Hermine
jetzt beide grinsten. »Hör mir einfach mal zu, ja? Klingt großartig,
wenn du es so runterbetest, aber all das war Glück – meistens hatte ich
keine Ahnung, was ich tat, ich hab nichts davon geplant, ich hab nur
getan, was mir gerade einfiel, und ich hatte fast immer Hilfe –«
Ron und Hermine grinsten immer noch und Harry spürte, wie es in
ihm kochte; aber er wußte nicht einmal genau, warum er so zornig war.
»Jetzt sitzt nicht da und grinst, als ob ihr es besser wüßtet als ich, ich
war immerhin dabei, oder?«, sagte er hitzig. »Ich weiß, was los war,
oder? Und ich hab das alles nicht überstanden, weil ich besonders gut
in Verteidigung gegen die dunklen Künste war, ich hab das überstan-
den, weil – weil rechtzeitig Hilfe kam oder weil ich richtig geraten
hatte – aber ich bin immer nur durchgestolpert, ich hatte keine Ah-
nung, was ich tat – HÖRT AUF ZU LACHEN!«
Die Schale mit Murtlap-Essenz fiel zu Boden und zerbrach. Harry
wurde bewußt, daß er auf den Beinen war, obwohl er sich nicht erin-
nern konnte, aufgestanden zu sein.
Krummbein flitzte davon und verschwand unter einem Sofa. Das Lä-
cheln auf Rons und Hermines Gesicht war verschwunden.
»Ihr habt keine Ahnung, wie es ist! Ihr – alle beide – ihr mußtet ihm nie
gegenübertreten, oder? Ihr glaubt, es geht nur darum, ein paar Flüche
auswendig zu lernen und sie ihm an den Hals zu schleudern, wie im
Unterricht vielleicht? Die ganze Zeit weißt du genau, daß es nichts zwi-
schen dir und dem Sterben gibt außer deinem eigenen – deinem eige-
nen Gehirn oder Mumm oder was immer; als ob du klar denken könn-
325

test, wenn du weißt, daß du in ungefähr einer Nanosekunde ermordet
oder gefoltert wirst oder zusiehst, wie die eigenen Freunde sterben –
im ganzen Unterricht hat man uns nie beigebracht, wie es ist, mit sol-
chen Dingen fertig zu werden –, und ihr beide sitzt da und tut so, als
ob ich ein schlauer kleiner Bursche war, der hier steht und überlebt hat,
als ob Diggory dumm gewesen war, als ob er zu blöd gewesen war –
ihr kapiert’s einfach nicht, mir hätte es genauso gehen können, und es
war auch so gekommen, wenn Voldemort mich nicht gebraucht
hätte –«
»Wir haben nichts von alldem gesagt, Mann«, sagte Ron und sah ihn
entgeistert an. »Wir haben Diggory nichts angehängt, wir haben – du
kriegst da irgendwas in den falschen –«
Hilflos blickte er Hermine an, die wie vor den Kopf geschlagen war.
»Harry«, sagte sie zaghaft, »verstehst du nicht? Das … ist es ja genau,
warum wir dich brauchen … wir müssen wissen, wie es w-wirklich ist
… sich gegen ihn zu stellen … gegen V-Voldemort.«
Es war das erste Mal überhaupt, daß sie Voldemorts Namen genannt
hatte, und es war diese Tatsache, die Harry mehr als alles andere be-
sänftigte. Immer noch schwer atmend, sank er in seinen Sessel zurück
und dabei wurde ihm bewußt, daß seine Hand wieder schmerzhaft
pochte.
Hätte er nur die Schale mit Murtlap-Essenz nicht zerschlagen.
»Nun … denk drüber nach«, sagte Hermine leise. »Bitte!«
Harry fiel nichts ein, was er hätte sagen können. Er schämte sich
schon jetzt wegen seines Ausbruchs. Er nickte, ohne genau zu wissen,
in was er einwilligte. Hermine stand auf.
»Also, ich geh schlafen«, sagte sie mit einer Stimme, die offensichtlich
so natürlich klingen sollte wie nur möglich. »Ähm – Nacht.«
Auch Ron war aufgestanden.
»Kommst du?«, fragte er Harry verlegen.
»Ja«, sagte Harry. »Ich … brauch noch kurz. Ich wisch das bloß auf.«
Er wies auf die zerbrochene Schale am Boden. Ron nickte und ging.
»Reparo«, murmelte Harry und hielt seinen Zauberstab auf die Por-
zellanscherben. Sie flogen wieder zusammen und die Schale sah wie
neu aus, aber die Murtlap-Essenz konnte er nicht mehr retten.
326

Plötzlich war er so müde, daß er versucht war, in den Sessel zurück-
zusinken und dort zu schlafen, doch er zwang sich aufzustehen und
folgte Ron nach oben. Wieder unterbrachen Träume von langen Korri-
doren und verschlossenen Türen seinen unruhigen Schlaf und wie-
derum erwachte er am nächsten Tag mit puckernder Narbe.
327

Im Eberkopf
Nach Hermines ursprünglichem Vorschlag, Harry solle Verteidigung ge-
gen die dunklen Künste unterrichten, erwähnte sie das Thema zwei Wo-
chen lang nicht mehr. Harry hatte die Strafarbeiten bei Umbridge endgül-
tig hinter sich (und bezweifelte, daß die Wörter, die nun auf seinem
Handrücken eingeritzt waren, je wieder ganz verschwinden würden);
Ron war noch viermal beim Quidditch gewesen und bei den letzten bei-
den Trainings nicht mehr lautstark zur Schnecke gemacht worden; und in
Verwandlung hatten es die drei geschafft, ihre Mäuse zum Verschwinden
zu bringen (tatsächlich war Hermine schon dazu übergegangen, Kätz-
chen verschwinden zu lassen). Das Thema wurde erst wieder angeschnit-
ten an einem rauhen, stürmischen Abend Ende September, als die drei in
der Bibliothek saßen und Zaubertrankzutaten für Snape nachschlugen.
»Ich frage mich«, sagte Hermine plötzlich, »ob du noch mal über Ver-
teidigung gegen die dunklen Künste nachgedacht hast, Harry.«
»’türlich hab ich«, sagte Harry brummig, »wie sollte ich auch nicht,
wo wir diese Sabberhexe als Lehrerin haben –«
»Ich meinte die Idee, die Ron und ich hatten –« Ron warf ihr einen
aufgeschreckt drohenden Blick zu – sie blickte finster zurück. »Oh,
schon gut, also meine Idee – daß du unser Lehrer sein könntest.«
Harry antwortete nicht sofort. Weil er nicht damit rausrücken wollte,
was ihm durch den Kopf ging, tat er, als würde er eine Seite in Asiati-
sche Antidote sorgfältig durchlesen.
Er hatte während der letzten vierzehn Tage ausgiebig über die Sache
nachgedacht. Manchmal kam es ihm vor wie eine verrückte Idee, wie
schon an dem Abend, als Hermine den Vorschlag gemacht hatte, doch
328

dann wiederum hatte er unwillkürlich an die Flüche gedacht, die ihm
bei seinen verschiedenen Begegnungen mit dunklen Kreaturen und To-
dessern am besten geholfen hatten – tatsächlich ertappte er sich bereits
dabei, wie er in Gedanken Lektionen vorbereitete …
»Wißt ihr«, sagte er langsam, als er nicht mehr vortäuschen konnte,
daß er Asiatische Antidote spannend fand, »ja schon, ich – ich hab ein
bißchen drüber nachgedacht.«
»Und?«, drängte Hermine begierig.
»Keine Ahnung«, erwiderte Harry, um Zeit zu gewinnen. Er blickte
zu Ron auf.
»Ich fand die Idee gleich von Anfang an gut«, sagte Ron, der nun, da
er sicher war, daß Harry nicht sofort wieder anfangen würde zu
schreien, offensichtlich eher Lust hatte, sich am Gespräch zu beteiligen.
Harry rutschte verlegen auf seinem Stuhl herum.
»Ich hab euch ja gesagt, daß eine Menge Glück dabei war.«
»Ja, Harry«, sagte Hermine sanft, »und dennoch ist es lächerlich, so
zu tun, als ob du in Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht gut
wärst, denn das bist du. Du warst letztes Jahr der Einzige, der den Im-
perius – Fluch vollständig abschütteln konnte, du kannst einen Patro-
nus erzeugen, du kannst einiges, was ausgewachsene Zauberer nicht
beherrschen; Viktor hat immer gesagt –«
Ron wandte sich so schnell zu ihr um, daß er sich offenbar den Hals
verknackste. Er rieb sich den Nacken und sagte: »Jaah? Was hat Vicky
gesagt?«
»Ha-ha«, sagte Hermine mit gelangweilter Stimme. »Er hat gesagt,
Harry könne Dinge, die nicht mal er beherrschen würde, und er war in
seinem Abschlußjahr auf Durmstrang …«
Ron sah Hermine mißtrauisch an.
»Hast du etwa immer noch Verbindung zu ihm?«
»Und wenn?«, sagte Hermine kühl, während ihr Gesicht leicht rosa
anlief. »Ich kann doch einen Brieffreund haben, wenn ich –«
»Er wollte nicht nur dein Brieffreund sein«, sagte Ron anklagend.
Hermine schüttelte genervt den Kopf, achtete nicht mehr auf Ron,
der sie unentwegt ansah, und sagte zu Harry gewandt: »Nun, was
meinst du? Willst du uns unterrichten?«
329

»Nur dich und Ron, ja?«
»Also«, sagte Hermine und sah wieder ein wenig besorgt aus. »Also
… jetzt flieg nicht wieder vom Besen, Harry, bitte … aber ich denke
wirklich, daß du alle unterrichten solltest, die lernen wollen. Immerhin
geht es darum, daß wir uns gegen V-Voldemort verteidigen wollen.
Ach, Ron, reiß dich zusammen. Mir kommt’s ungerecht vor, wenn wir
den anderen Leuten nicht auch die Chance geben.«
Harry überlegte kurz, dann sagte er: »Schon, aber ich bezweifle, daß
irgend jemand außer euch beiden etwas von mir lernen will. Ich bin
doch durchgeknallt, oder?«
»Tja, ich glaube, du wärst überrascht, wie viele Leute gerne hören
würden, was du zu sagen hast«, erklärte Hermine mit ernster Stimme.
»Sieh mal«, sie beugte sich zu ihm vor – auch Ron, der sie immer noch
mit finsterem Blick ansah, beugte sich vor, um zuzuhören –, »du weißt
doch, am ersten Wochenende im Oktober gehen wir nach Hogsmeade.
Wie wär ’s, wenn wir allen, die interessiert sind, erzählen, daß wir uns
im Dorf treffen und dort alles besprechen?«
»Warum müssen wir das außerhalb der Schule machen?«, fragte Ron.
»Weil«, sagte Hermine und wandte sich wieder dem Querschnitt des
Chinesischen Kaukohls zu, den sie abzeichnete, »weil ich nicht glaube,
daß Umbridge sehr glücklich wäre, wenn sie herausfinden würde, was
wir vorhaben.«
Harry hatte sich auf den Wochenendausflug nach Hogsmeade ge-
freut, doch eins machte ihm Sorgen. Sirius hatte, seit er Anfang Sep-
tember im Feuer erschienen war, eisern geschwiegen; Harry wußte,
daß sie ihn zornig gemacht hatten, weil sie gesagt hatten, er solle nicht
kommen – und dennoch befürchtete er ab und zu, daß Sirius alle Vor-
sicht in den Wind schlagen und trotzdem auftauchen könnte. Was soll-
ten sie tun, wenn der große schwarze Hund in Hogsmeade die Straße
entlang auf sie zugesprungen kam, vielleicht direkt vor Draco Malfoys
Nase?
»Naja, du kannst ihm keinen Vorwurf machen, daß er mal ein wenig
rauskommen will«, sagte Ron, als Harry seine Befürchtungen mit ihm
und Hermine besprach. »Immerhin ist er jetzt seit über zwei Jahren auf
der Flucht, und das wird sicher nicht lustig gewesen sein, ich weiß,
330

aber zumindest war er frei, nicht wahr? Und jetzt ist er die ganze Zeit
nur noch mit diesem gräßlichen Elfen zusammen eingeschlossen.«
Hermine warf Ron einen bösen Blick zu, ignorierte jedoch ansonsten
den Seitenhieb auf Kreacher.
»Das Problem ist«, sagte sie zu Harry, »solange V-Voldemort – ach, um
Himmels willen, Ron – nicht offen auftritt, muß Sirius versteckt bleiben,
oder? Ich meine, das doofe Ministerium wird erst begreifen, daß Sirius
unschuldig ist, wenn sie sich eingestehen, daß Dumbledore die ganze
Zeit die Wahrheit über ihn gesagt hat. Und wenn die Dummköpfe dann
mal anfangen, wieder echte Todesser zu fangen, wird klar werden, daß
Sirius keiner ist… Ich meine, er hat ja gar nicht das Dunkle Mal.«
»Ich glaube nicht, daß er so dumm ist und auftaucht«, sagte Ron zu-
versichtlich. »Dumbledore würde an die Decke gehen, und Sirius hört
auf ihn, selbst wenn es ihm nicht gefällt, was er zu hören bekommt.«
Da Harry weiterhin besorgt dreinsah, sagte Hermine: »Hör mal, Ron
und ich haben uns bei Leuten umgehört, von denen wir dachten, sie
wollen vielleicht gerne ernsthaft Verteidigung gegen die dunklen Kün-
ste lernen, und ein paar von ihnen schienen interessiert. Wir haben ih-
nen gesagt, sie sollen sich in Hogsmeade mit uns treffen.«
»In Ordnung«, sagte Harry zerstreut, in Gedanken immer noch bei
Sirius.
»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, Harry«, sagte Hermine leise.
»Du hast auch ohne Sirius genug am Hals.«
Natürlich hatte sie vollkommen Recht, er kam kaum mit den Haus-
aufgaben hinterher, obwohl sie ihm nun viel besser von der Hand gin-
gen, da er nicht mehr jeden Abend bei Umbridge nachsitzen mußte.
Ron war noch weiter zurück als Harry, weil er außer dem gemeinsa-
men Quidditch-Training zweimal die Woche auch seine Pflichten als
Vertrauensschüler hatte. Dagegen hatte Hermine, die mehr Fächer als
die beiden belegte, nicht nur all ihre Hausaufgaben erledigt, sie fand
überdies noch die Zeit, weitere Sachen für die Elfen zu stricken. Harry
mußte zugeben, daß sie besser wurde; inzwischen konnte man fast im-
mer unterscheiden, was ein Hut und was ein Socken war.
Der Morgen des Hogsmeade-Besuchs brach hell, aber windig an.
Nach dem Frühstück reihten sie sich in die Schlange vor Filch ein, der
331

ihre Namen mit der langen Liste der Schüler abglich, die Erlaubnis von
ihren Eltern oder ihrem Vormund hatten, das Dorf zu besuchen. Mit ei-
nem leichten Stich fiel Harry ein, daß er, wenn Sirius nicht gewesen
wäre, gar nicht mitgehen dürfte.
Als Harry vor Filch trat, schnüffelte der Hausmeister umständlich an
ihm herum, als wolle er einen bestimmten Geruch an ihm aufspüren.
Dann nickte er knapp, was seine Backen wieder erzittern ließ, und
Harry ging hinaus auf die Steintreppe, in den kalten, sonnigen Tag.
»Ähm – was hatte Filch an dir rumzuschnüffeln?«, fragte Ron, als die
drei mit zügigen Schritten den breiten Weg zum Schloßtor entlanggingen.
»Ich glaube, er wollte prüfen, ob ich nach Stinkbomben rieche«, sagte
Harry und lachte kurz auf. »Hab ich vergessen euch zu sagen …«
Und er erzählte, wie er den Brief an Sirius abgeschickt hatte und Filch
Sekunden später hereingeplatzt war und seinen Brief zu sehen verlangte.
Harry war ein wenig überrascht, daß Hermine diesen Vorfall überaus in-
teressant fand, bei weitem interessanter jedenfalls als er selbst.
»Er meinte, er hätte einen Hinweis bekommen, daß du Stinkbomben
bestellen wolltest? Aber wer hat ihm den Tipp gegeben?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry achselzuckend. »Vielleicht Malfoy, der
hätte sich einen abgelacht.«
Sie passierten die hohen Steinsäulen mit den geflügelten Ebern auf
den Sockeln und gingen nach links die Straße ins Dorf hinunter, wäh-
rend der Wind ihnen die Haare ins Gesicht wehte.
»Malfoy?«, sagte Hermine skeptisch. »Nun … ja … vielleicht …«
Und bis zu den ersten Häusern von Hogsmeade blieb sie tief in Ge-
danken versunken.
»Wo gehen wir eigentlich hin?«, fragte Harry. »In die Drei Besen ?«
»Oh – nein«, sagte Hermine und tauchte aus ihren Träumereien auf,
»nein, da ist es immer rappelvoll und furchtbar laut. Ich hab den an-
dern gesagt, sie sollen uns im Eberkopf treffen, in diesem anderen Pub,
du weißt doch, er ist nicht an der Hauptstraße. Ich glaub, die Kneipe ist
ein bißchen … nun ja … zwielichtig … aber normalerweise gehen keine
Schüler da rein, also glaub ich nicht, daß jemand lauscht.«
Sie gingen die Hauptstraße entlang, an Zonkos Scherzartikelladen
vorbei, keineswegs überrascht, dort Fred, George und Lee Jordan zu se-
332

hen, vorbei auch am Postamt, von wo in regelmäßigen Abständen Eu-
len ausflogen, und bogen in eine Seitenstraße ein, an deren Ende ein
kleines Wirtshaus stand. Von einer rostigen Halterung über der Tür
hing ein verwittertes Holzschild, auf dem der abgetrennte Kopf eines
wilden Ebers zu sehen war, aus dem Blut auf das weiße Tuch um ihn
her tropfte. Das Schild knarzte im Wind, während sie näher kamen.
Vor der Tür zögerten sie alle drei.
»Na, dann kommt schon«, sagte Hermine eine Spur nervös. Harry
ging voran und trat ein.
Es war überhaupt nicht wie in den Drei Besen, deren großer
Schankraum einem das Gefühl behaglicher Wärme und Sauberkeit ver-
mittelte. Der Schankraum im Eberkopf war klein, schäbig und sehr
schmutzig und er roch stark nach etwas wie Ziegen. Die Erkerfenster
waren so schmutzverkrustet, daß nur spärliches Tageslicht in den
Raum dringen konnte, der statt dessen durch Kerzenstummel auf den
rohen Holztischen beleuchtet war. Der Fußboden schien auf den ersten
Blick aus festgetretener Erde zu bestehen, doch als Harry auftrat,
wurde ihm klar, daß es Stein war, der offenbar unter dem gesammelten
Dreck von Jahrhunderten lag.
Harry erinnerte sich, daß Hagrid diesen Pub während seines ersten
Schuljahrs erwähnt hatte: »Da gibt’s ’ne Menge seltsames Volk im Eber-
kopf«, hatte er gesagt, um zu erklären, wie er dort von einem kapuzen-
vermummten Fremden ein Drachenei gewonnen hatte. Damals hatte
sich Harry gewundert, warum Hagrid es nicht merkwürdig gefunden
hatte, daß der Fremde sein Gesicht während der ganzen Begegnung
verborgen gehalten hatte. Jetzt sah er, daß es wohl eine Art Mode war,
im Eberkopf sein Gesicht nicht zu zeigen. Am Tresen stand ein Mann,
dessen ganzer Kopf mit einem schmutzig grauen Verband umwickelt
war, allerdings war er noch imstande, unaufhörlich Glas um Glas einer
rauchenden, feurigen Flüssigkeit durch einen Mundschlitz hinunterzu-
kippen; zwei in Kapuzenumhänge gehüllte Gestalten saßen an einem
Tisch bei einem der Erkerfenster; Harry hätte sie für Dementoren ge-
halten, wenn sie nicht mit starkem Yorkshire-Akzent geredet hätten,
und in einer düsteren Ecke neben dem Kamin saß eine Hexe mit einem
dichten schwarzen Schleier, der ihr bis zu den Füßen reichte. Sie konn-
333

ten gerade mal ihre Nasenspitze sehen, weil sie den Schleier leicht nach
vorne wölbte.
»Ich weiß nicht so recht, Hermine«, murmelte Harry, als sie zum Tre-
sen gingen. Er richtete den Blick vor allem auf die dicht verschleierte
Hexe. »Schon mal überlegt, daß Umbridge da drunterstecken könnte?«
Hermine warf der verschleierten Gestalt einen prüfenden Blick zu.
»Umbridge ist kleiner als die«, sagte sie leise. »Und egal, selbst wenn
Umbridge hier reinkommt, kann sie nichts tun, um uns aufzuhalten,
Harry, ich hab die Schulordnung doppelt und dreifach überprüft. Das
Betreten ist hier nicht verboten; ich hab eigens Professor Flitwick ge-
fragt, ob Schüler in den Eberkopf dürfen, und er hat ja gesagt, aber mir
dringend geraten, unsere eigenen Gläser mitzubringen. Und ich hab al-
les Erdenkliche nachgeschlagen über Studiengruppen und Hausaufga-
bengruppen und die sind eindeutig erlaubt. Ich glaube nur nicht, daß
es eine gute Idee wäre, wenn wir das, was wir machen, auch noch an
die große Glocke hängen.«
»Nein«, sagte Harry trocken, »vor allem, da es nicht gerade eine
Hausaufgabengruppe ist, die du planst, oder?«
Der Wirt kam aus einem Hinterzimmer heraus auf sie zu. Es war ein
griesgrämig wirkender Alter mit langem grauem Haarschopf und ei-
nem Bart. Er war groß und hager und kam Harry vage bekannt vor.
»Was?«, brummte er.
»Drei Butterbier, bitte«, sagte Hermine.
Der Mann langte unter die Theke, zog drei sehr staubige und schmut-
zige Flaschen hervor und knallte sie auf den Tresen.
»Sechs Sickel«, sagte er.
»Ich mach schon«, sagte Harry rasch und überreichte das Silber. Die
Augen des Wirtes wanderten über Harry und blieben für den Bruchteil
einer Sekunde an seiner Narbe hängen. Dann wandte er sich ab und
steckte das Geld in eine alte hölzerne Kasse, deren Schublade automa-
tisch aufglitt, um die Münzen aufzunehmen. Harry, Ron und Hermine
zogen sich an einen Tisch zurück, der am weitesten vom Tresen ent-
fernt war, setzten sich und sahen sich um. Der Mann mit dem schmut-
zig grauen Verband schlug mit den Knöcheln auf die Theke und erhielt
vom Wirt einen weiteren rauchenden Drink.
334

»Wißt ihr was?«, murmelte Ron und schaute begeistert hinüber zum
Tr e s e n .
»Hier drin könnten wir alles bestellen, was wir wollen. Ich wette, die-
ser Typ würde uns alles verkaufen, es war ihm schnuppe. Ich wollte
immer schon mal Feuerwhisky ausprobieren –«
»Du – bist – Vertrauensschüler«, fauchte Hermine.
»Oh«, sagte Ron und sein Lächeln erstarb. »Ja …«
»Also, wer, habt ihr gesagt, will sich hier mit uns treffen?«, fragte
Harry, riß den rostigen Deckel seines Butterbiers auf und nahm einen
Schluck.
»Nur ein paar Leute«, wiederholte Hermine, warf einen Blick auf die
Uhr und sah besorgt zur Tür. »Ich hab gesagt, sie sollten um diese Zeit
hier sein, und ich bin sicher, die wissen alle, wo es ist – oh, seht mal,
das könnten sie jetzt sein.«
Die Tür des Pubs war aufgegangen. Ein breiter Streif Sonnenlicht, in
dem der Staub wirbelte, teilte den Raum, und schon im nächsten Mo-
ment wurde er durch eine hereinrauschende Schülerschar wieder ver-
dunkelt.
Als Erster kam Neville mit Dean und Lavender, dicht gefolgt von
Parvati und Padma Patil zusammen mit (Harrys Magen machte einen
Salto rückwärts) Cho und einer ihrer wie üblich kichernden Freundin-
nen, danach Luna Lovegood (allein und so verträumt, daß sie auch zu-
fällig hätte hereinkommen können); es folgten Katie Bell, Alicia Spinnet
und Angelina Johnson, Colin und Dennis Creevey, Ernie Macmillan, Ju-
stin Finch-Fletchley, Hannah Abbott, ein Hufflepuff-Mädchen mit ei-
nem rückenlangen Zopf, deren Name Harry nicht kannte; drei Raven-
claw-Jungs, von denen er ziemlich sicher war, daß sie Anthony Gold-
stein, Michael Corner und Terry Boot hießen, Ginny und hinter ihr ein
großer hagerer blonder Junge mit Stupsnase, den Harry als Mitglied
der Quidditch-Mannschaft von Hufflepuff in vager Erinnerung hatte,
und als Nachhut Fred und George Weasley mit ihrem Freund Lee Jor-
dan, alle drei mit großen Papiertüten bepackt, die proppenvoll waren
mit Sachen aus Zonkos Laden.
»Ein paar Leute?«, sagte Harry mit belegter Stimme zu Hermine.
»Ein paar Leute?«
335

»Ja, nun, die Idee schien ziemlichen Anklang zu finden«, sagte Her-
mine zufrieden. »Ron, würdest du noch ein paar Stühle holen?«
Der Wirt, der gerade ein Glas mit einem schmutzigen Lumpen ausge-
wischt hatte, der aussah, als wäre er nie gewaschen worden, war er-
starrt. Womöglich hatte er seinen Pub noch nie so voll erlebt.
»Hi«, sagte Fred, der als Erster den Tresen erreichte und rasch seine
Kameraden zählte, »könnten wir … fünfundzwanzig Butterbier haben,
bitte?«
Der Wirt sah ihn einen Moment finster an, dann warf er seinen Lum-
pen verärgert beiseite, als wäre er bei etwas sehr Wichtigem unterbro-
chen worden, und fing an, staubige Butterbierflaschen unter der Theke
hervorzuholen.
»Prost«, sagte Fred und verteilte die Flaschen. »Und rückt alle das
Geld raus, dafür hab ich nicht genug …«
Harry sah benommen zu, wie die große, schnatternde Schar Fred die
Biere abnahm und in den Taschen nach Münzen kramte. Er konnte sich
nicht vorstellen, aus welchem Grund all diese Leute hier aufgetaucht
waren, bis ihm der fürchterliche Gedanke kam, daß sie womöglich eine
Art Rede erwarteten. Er wandte sich wütend an Hermine.
»Was hast du den Leuten erzählt?«, fragte er mit gedämpfter Stimme.
»Was erwarten die?«
»Ich hab dir doch gesagt, sie wollen einfach nur hören, was du zu sa-
gen hast«, sagte Hermine beschwichtigend. Doch Harry sah sie weiter-
hin so wütend an, daß sie rasch hinzufügte: »Du brauchst jetzt noch gar
nichts zu tun, ich rede zuerst mit ihnen.«
»Hi, Harry«, sagte Neville strahlend und setzte sich ihm gegenüber.
Harry versuchte sein Lächeln zu erwidern, er sagte jedoch nichts; sein
Mund war außergewöhnlich trocken. Cho hatte ihn gerade angelächelt
und nahm rechts von Ron Platz. Ihre Freundin, die rotblonde Locken
hatte, lächelte nicht, versetzte Harry aber einen zutiefst mißtrauischen
Blick, der ihm glasklar bedeutete, daß sie gar nicht hier sein würde,
wenn es nach ihr gegangen wäre.
Die Neuankömmlinge setzten sich zu zweit oder dritt rings um
Harry, Ron und Hermine, wobei manche ziemlich aufgeregt wirkten,
andere neugierig und Luna Lovegood träumerisch ins Leere schaute.
336

Als sich jeder einen Stuhl besorgt hatte, erstarb das Stimmengewirr.
Alle Augen waren auf Harry gerichtet.
»Ähm«, sagte Hermine und ihre Stimme klang vor Nervosität ein
bißchen höher als sonst. »Nun – ähm – hi.«
Die Gruppe wandte sich nun ihr zu, auch wenn manche Augenpaare
immer wieder zu Harry zurückhuschten.
»Nun … ähm … ja, ihr wißt, warum ihr hier seid. Ähm … also, Harry
hier hatte die Idee – besser gesagt« (Harry hatte ihr einen strengen Blick
zugeworfen) »ich hatte die Idee – daß es gut wäre, wenn Leute, die Ver-
teidigung gegen die dunklen Künste lernen möchten – und ich meine
wirklich lernen, versteht ihr, nicht den Stuß, den Umbridge mit uns
macht –« (Hermines Stimme klang plötzlich viel kräftiger und selbstbe-
wußter) »– weil das niemand Verteidigung gegen die dunklen Künste
nennen kann –« (»Das kannst du laut sagen«, warf Anthony Goldstein
ein, was Hermine offensichtlich weiter bestärkte) – »Also, ich dachte, es
wäre gut, wenn wir, nun, die Dinge selbst in die Hand nehmen würden.«
Sie hielt inne, warf einen Seitenblick auf Harry und fuhr fort. »Und
damit meine ich lernen, wie wir uns richtig verteidigen, nicht nur in
der Theorie, sondern indem wir tatsächlich zaubern –«
»Du willst doch auch deine ZAG-Prüfung in Verteidigung gegen die
dunklen Künste bestehen, wette ich?«, sagte Michael Corner.
»Natürlich will ich das«, erwiderte Hermine prompt. »Aber ich will
noch mehr, nämlich richtig ausgebildet sein in Verteidigung, weil…
weil…«, sie holte tief Luft und schloß: »… weil Lord Voldemort zurück
ist.«
Die Reaktion war absehbar und kam auch prompt. Chos Freundin
schrie auf und bekleckerte sich mit Butterbier; Terry Boot zuckte unwill-
kürlich zusammen; Padma Patil schauderte, und Neville ließ ein merk-
würdiges Japsen hören, das er gerade noch zu einem Husten umbiegen
konnte. Sie alle jedoch blickten unverwandt, ja begierig auf Harry.
»Nun … das ist jedenfalls der Plan«, sagte Hermine. »Wenn ihr mit-
machen wollt, müssen wir entscheiden, wie wir –«
»Wo ist der Beweis, daß Du-weißt-schon-wer zurück ist?«, sagte der
blonde Hufflepuff-Spieler in recht angriffslustigem Ton.
»Nun, Dumbledore glaubt es –«, setzte Hermine an.
337

»Du meinst, Dumbledore glaubt ihm«, erwiderte der blonde Junge
und nickte in Harrys Richtung.
»Wer bist du eigentlich?«, sagte Ron ziemlich grob.
»Zacharias Smith«, sagte der Junge, »und ich glaube, wir haben das
Recht, genau zu erfahren, weshalb er behauptet, Du-weißt-schon-wer
sei zurück.«
»Sieh mal«, griff Hermine flugs ein, »darum sollte es bei diesem Tref-
fen eigentlich überhaupt nicht gehen –«
»Ist schon gut, Hermine«, sagte Harry.
Es hatte ihm gerade gedämmert, warum so viele Leute hier waren.
Hermine hätte das voraussehen müssen, dachte er. Manche von ihnen –
vielleicht sogar die meisten – waren aufgetaucht in der Hoffnung, seine
Geschichte aus erster Hand zu hören.
»Weshalb ich behaupte, Du-weißt-schon-wer sei zurück?«, fragte er
und blickte Zacharias offen ins Gesicht. »Ich habe ihn gesehen. Aber
Dumbledore hat letztes Jahr der ganzen Schule erklärt, was passiert ist,
und wenn du ihm nicht geglaubt hast, dann wirst du mir auch nicht
glauben, und ich verschwende keinen Nachmittag mit dem Versuch, ir-
gend jemanden zu überzeugen.«
Die ganze Gruppe schien den Atem angehalten zu haben, während
Harry sprach. Harry hatte den Eindruck, daß selbst der Wirt zuhörte,
der unentwegt dasselbe Glas mit dem schmutzigen Lumpen wischte
und es immer schmutziger machte.
»Dumbledore hat uns letztes Jahr nur gesagt«, erwiderte Zacharias ab-
weisend, »daß Cedric Diggory von Du-weißt-schon-wem getötet wurde
und daß du Diggorys Leiche nach Hogwarts zurückgebracht hast. Er hat
uns keine Einzelheiten genannt, er hat uns nicht genau gesagt, wie Dig-
gory ermordet wurde, und ich denke, wir alle würden gern wissen –«
»Wenn ihr hierher gekommen seid, um genau zu erfahren, wie es ist,
wenn Voldemort jemanden ermordet, kann ich euch nicht helfen«,
sagte Harry. Seine Wut, in diesen Tagen immer kurz vor dem Siede-
punkt, kochte wieder hoch. Entschlossen, Cho nicht anzusehen, wandte
er den Blick nicht von Zacharias Smiths angriffslustigem Gesicht. »Ich
möchte nicht über Cedric Diggory reden, klar? Also, wenn ihr deshalb
hier seid, dann verschwindet ihr am besten wieder.«
338

Er warf einen zornigen Blick in Hermines Richtung. Dies war, so fand
er, alles ihre Schuld; sie hatte beschlossen, ihn vorzuführen wie eine Art
Mißgeburt, und natürlich waren sie alle aufgetaucht, um zu hören, was
er denn nun für eine haarsträubende Geschichte zu erzählen hatte.
Doch keiner erhob sich, nicht einmal Zacharias Smith, der allerdings
Harry weiterhin gespannt anstarrte.
»Also«, sagte Hermine, wieder mit sehr hoher Stimme. »Also … wie
ich schon sagte … wenn ihr lernen wollt, wie ihr euch verteidigen
könnt, dann müssen wir besprechen, wie wir vorgehen, wie oft wir uns
treffen wollen und wo wir –«
»Stimmt es«, unterbrach sie das Mädchen mit dem rückenlangen
Zopf und blickte Harry an, »stimmt es, daß du einen Patronus zu-
stande bringst?«
Ein interessiertes Murmeln ging rundum.
»Ja«, sagte Harry abweisend.
»Einen gestaltlichen Patronus?«
Der Ausdruck rührte an etwas in Harrys Gedächtnis.
»Ähm – du kennst nicht zufällig Madam Bones, oder?«, fragte er.
Das Mädchen lächelte.
»Sie ist meine Tante«, sagte sie. »Ich bin Susan Bones. Sie hat mir von
deiner Anhörung erzählt. Also – ist es wirklich wahr? Du erzeugst ei-
nen Hirsch als Patronus?«
»Ja«, sagte Harry.
»Ist ja irre, Harry!«, sagte Lee, offenbar tief beeindruckt. »Das hab ich
gar nicht gewußt!«
»Mum hat Ron gesagt, er soll es nicht rumerzählen«, erklärte Fred
und grinste Harry an. »Sie meinte, du hättest ohnehin schon genug
Aufmerksamkeit deswegen.«
»Da hat sie nicht Unrecht«, murmelte Harry und ein paar Leute lachten.
Die verschleierte Hexe, die allein saß, rutschte ein wenig auf ihrem
Hocker herum.
»Und hast du einen Basilisken mit diesem Schwert aus Dumbledores
Büro getötet?«, wollte Terry Boot wissen. »Das hat mir eines von diesen
Porträts erzählt, als ich letztes Jahr bei ihm war …«
»Ähm – ja, hab ich, ja«, sagte Harry.
339

Justin Finch-Fletchley pfiff; die Creevey-Brüder tauschten ehrfurchts-
volle Blicke und Lavender Brown sagte leise »Wow!«. Harry wurde es
inzwischen ziemlich heiß am Kragen; entschlossen blickte er hierhin
und dorthin, nur nicht zu Cho.
»Und im ersten Schuljahr«, sagte Neville in die Runde, »hat er den
Stein der Meisen gerettet –«
»– der Weisen«, zischte Hermine.
»Ja, genau – vor Ihr-wißt-schon-wem«, schloß Neville.
Hannah Abbott machte Augen, rund wie Galleonen.
»Und nicht zu vergessen«, sagte Cho (Harrys Augen blitzten zu ihr
hinüber; ihr Blick ruhte auf ihm und sie lächelte; sein Magen schlug
schon wieder einen Salto), »nicht zu vergessen die ganzen Aufgaben,
die er letztes Jahr beim Trimagischen Turnier lösen mußte – an Drachen
und Wassermenschen und einer Acromantula vorbeikommen und so
weiter …«
Ein beeindrucktes zustimmendes Murmeln ging um den Tisch. Har-
rys Eingeweide verknoteten sich. Er versuchte eine Miene aufzusetzen,
die nicht allzu selbstzufrieden wirkte. Daß Cho ihn gerade gelobt hatte,
machte es ihm viel, viel schwerer, das auszusprechen, was er sich ge-
schworen hatte ihnen zu sagen.
»Hört mal«, begann er und schlagartig verstummten alle, »ich … ich
möchte nicht so klingen, als versuchte ich bescheiden zu sein oder so,
aber … ich hatte bei alldem eine Menge Hilfe …«
»Bei dem Drachen, da hattest du keine«, sagte Michael Corner
prompt. »Da bist du wirklich ganz cool geflogen …«
»Ja, schon –«, sagte Harry, dem es kleinkariert vorgekommen wäre,
ihm zu widersprechen.
»Und diesen Sommer hat dir keiner geholfen, die Dementoren zu
verjagen«, sagte Susan Bones.
»Nein«, sagte Harry, »nein, okay, ich weiß, manches hab ich ohne
Hilfe geschafft, aber was ich eigentlich sagen will, ist –«
»Weichst du aus wie ein Wiesel, weil du uns nichts von diesen Sachen
beibringen willst?«, sagte Zacharias Smith.
»Wie wär ’s«, warf Ron laut ein, bevor Harry antworten konnte,
»wenn du endlich mal die Klappe hältst?«
340

Vielleicht hatte das Wort »Wiesel« Ron besonders heftig getroffen. Je-
denfalls blickte er jetzt Zacharias an, als hätte er ihm am liebsten eine
reingehauen. Zacharias wurde rot.
»Naja, wir sind alle hier, damit wir was von ihm lernen, und jetzt er-
zählt er uns, daß er im Grunde nichts davon kann«, sagte er.
»Das hat er nicht gesagt«, fauchte Fred.
»Willst du vielleicht, daß wir dir mal die Ohren ausputzen?«, fragte
George und zog ein langes und lebensgefährlich aussehendes Metall-
instrument aus einer der Zonko-Tüten.
»Oder sonst was von dir, wir sind echt nicht zimperlich, wo wir das
hinstecken«, sagte Fred.
»Ja, schön«, sagte Hermine hastig, »wir müssen weitermachen … die
Frage ist, sind wir uns einig, daß wir bei Harry Unterricht nehmen?«
Es gab allgemein zustimmendes Murmeln. Zacharias verschränkte
die Arme und sagte nichts, was vielleicht daran lag, daß er wie gebannt
das Instrument in Freds Hand betrachtete.
»Gut«, sagte Hermine, sichtlich erleichtert, daß wenigstens ein Punkt
erledigt war. »Nun, dann ist die nächste Frage, wie oft wir uns treffen.
Ehrlich gesagt, weniger als einmal die Woche hat wohl keinen Sinn –«
»Wart mal«, sagte Angelina, »wir müssen aufpassen, daß wir unse-
rem Quidditch-Training nicht in die Quere kommen.«
»Ja«, sagte Cho, »unserem auch nicht.«
»Auch nicht unserem«, ergänzte Zacharias Smith.
»Ich bin sicher, wir finden einen Abend, an dem alle können«, sagte
Hermine ein wenig ungeduldig, »aber versteht ihr, das ist ziemlich
wichtig, immerhin geht es darum, daß wir uns gegen V-Voldemorts To-
desser zu verteidigen lernen –«
»Gut gesagt«, rief Ernie Macmillan, von dem Harry eigentlich schon
längst eine Wortmeldung erwartet hatte. »Ich persönlich halte das für
äußerst wichtig, vielleicht noch wichtiger als alles andere, was wir die-
ses Jahr tun, einschließlich der ZAG-Prüfungen!«
Er blickte herausfordernd in die Runde, als erwartete er, daß manche
Leute »Sicher nicht!« schreien würden. Als niemand das Wort ergriff,
fuhr er fort: »Ich persönlich begreife einfach nicht, warum uns das Mi-
nisterium in dieser schwierigen Zeit eine so unbrauchbare Lehrerin
341

vorsetzt. Offensichtlich wollen sie nicht wahrhaben, daß Ihr-wißt-
schon-wer zurück ist, aber uns eine Lehrerin zu schicken, die uns im
Ernst daran hindern will, defensive Zauber einzusetzen –«
»Wir glauben, der Grund, warum Umbridge nicht will, daß wir in
Verteidigung gegen die dunklen Künste ausgebildet werden«, erklärte
Hermine, »ist der, daß sie irgendeine … irgendeine Wahnidee hat, daß
Dumbledore seine Schüler zu einer Art Privatarmee aufstellen könnte.
Sie denkt, er würde uns gegen das Ministerium ins Feld führen.«
Diese Erklärung schien fast alle zu verblüffen; alle außer Luna Love-
good, die nun die Stimme erhob: »Ja, das paßt zusammen. Schließlich
hat auch Cornelius Fudge seine Privatarmee.«
»Was?«, sagte Harry, völlig verdutzt ob dieser unerwarteten Neuigkeit.
»Ja, er hat eine Armee aus Heliopathen«, sagte Luna verträumt.
»Nein, hat er nicht«, fauchte Hermine.
»Doch, hat er«, sagte Luna.
»Was sind Heliopathen?«, fragte Neville und sah ahnungslos drein.
»Das sind Feuergeister«, sagte Luna, und ihre Glubschaugen weiteten
sich, so daß sie noch abgedrehter wirkte als sonst, »riesig große Flam-
menwesen, die übers Land galoppieren und alles niederbrennen, was
ihnen –«
»Es gibt sie nicht, Neville«, sagte Hermine schneidend.
»O doch, es gibt sie!«, sagte Luna erzürnt.
»Tut mir leid, aber wo ist der Beweis dafür?«, fauchte Hermine.
»Es gibt genug Augenzeugenberichte. Nur weil du so engstirnig bist,
daß man dir alles unter die Nase halten muß, bevor du –«
»Chrm, chrm«, machte Ginny und ahmte damit so gut Professor Um-
bridge nach, daß sich einige erschrocken umdrehten und dann lachten.
»Wollten wir nicht gerade beschließen, wie oft wir uns zum Verteidi-
gungsunterricht treffen?«
»Ja«, bestätigte Hermine rasch, »ja, das wollten wir allerdings, Ginny.«
»Nun, einmal die Woche klingt gut«, sagte Lee Jordan.
»Solange –«, begann Angelina.
»Ja, solange das mit Quidditch klargeht«, sagte Hermine in ange-
spanntem Ton. »Nun, was wir noch entscheiden müssen, ist, wo wir
uns treffen …«
342

Das war schon schwieriger; die ganze Gruppe verstummte.
»In der Bibliothek?«, schlug Katie Bell schließlich vor.
»Madam Pince wird sicher nicht so begeistert sein, wenn wir Flüche
in ihrer Bibliothek ausprobieren«, sagte Harry.
»Vielleicht in einem unbenutzten Klassenzimmer?«, sagte Dean.
»Ja«, sagte Ron, »vielleicht überläßt uns McGonagall ihres, das hat sie
auch getan, als Harry für das Trimagische geübt hat.«
Aber Harry war sich ziemlich sicher, daß McGonagall diesmal nicht so
entgegenkommend sein würde. Hermine hatte zwar gesagt, daß Studien-
und Hausaufgabengruppen erlaubt waren, doch er hatte das bestimmte
Gefühl, daß diese Gruppe hier als viel aufrührerischer gelten würde.
»Nun gut, wir werden versuchen was zu finden«, sagte Hermine.
»Sobald wir ein Datum und einen Ort für das erste Treffen haben, las-
sen wir eine Nachricht an alle rumgehen.«
Sie stöberte in ihrer Tasche und holte Pergament und Feder heraus,
dann zögerte sie, ganz so, als müßte sie sich für das wappnen, was sie
gleich sagen würde.
»Ich – ich denke, ihr solltet alle eure Namen aufschreiben, nur damit
wir wissen, wer da war. Und ich denke auch« – sie holte tief Luft – »wir
sollten uns einig sein, daß wir nicht groß rumposaunen, was wir tun.
Wenn ihr also unterschreibt, erklärt ihr euch einverstanden, weder Um-
bridge noch sonst jemandem zu sagen, was wir vorhaben.«
Fred streckte die Hand nach dem Pergament aus und unterschrieb
gut gelaunt, aber Harry fiel sogleich auf, daß einige Leute nun, da sie
ihre Namen in die Liste eintragen sollten, gar nicht glücklich aussahen.
»Ähm …«, sagte Zacharias langsam und rührte das Pergament nicht
an, das George ihm hinhielt, »nun … sicher erzählt mir Ernie, wann das
Tr e f f e n i s t . «
Doch auch Ernie widerstrebte es offensichtlich, zu unterschreiben.
Hermine sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.
»Ich – nun, wir sind Vertrauensschüler«, platzte Ernie heraus. »Und
wenn jemand diese Liste findet … also, ich wollte sagen … du hast es
selbst gesagt, wenn Umbridge das rauskriegt –«
»Eben hast du noch verkündet, diese Gruppe sei für dich das Wich-
tigste in diesem Jahr«, erinnerte ihn Harry.
343

»Ich – ja«, sagte Ernie, »ja, das denk ich auch, es ist nur –«
»Ernie, glaubst du wirklich, daß ich diese Liste einfach rumliegen
lasse?«, sagte Hermine gereizt.
»Nein. Nein, natürlich nicht«, sagte Ernie und blickte eine Spur weni-
ger besorgt. »Ich – ja, natürlich, ich unterschreibe.«
Nach Ernie erhob niemand mehr Einwände, obwohl Harry bemerkte,
daß Chos Freundin ihr einen recht vorwurfsvollen Blick zuwarf, bevor
sie ihren Namen hinzufügte.
Als der Letzte – Zacharias – unterschrieben hatte, nahm Hermine das
Pergament wieder an sich und steckte es behutsam in ihre Tasche. Die
Gruppe war nun von einem merkwürdigen Gefühl ergriffen. Es war,
als hätten sie gerade eine Art Vertrag unterschrieben.
»Nun, es wird langsam Zeit«, sagte Fred munter und stand auf. »Ge-
orge, Lee und ich müssen noch Waren heikler Natur erwerben, wir se-
hen uns dann später.«
Auch die anderen erhoben sich und gingen zu zweit oder dritt hin-
aus. Cho nestelte zunächst noch ziemlich umständlich am Verschluß
ihrer Tasche herum, wobei ihr das lange schwarze Haar wie ein Vor-
hang übers Gesicht fiel und es verbarg, doch ihre Freundin stand mit
verschränkten Armen neben ihr und schnalzte mit der Zunge, so daß
Cho kaum etwas anderes übrig blieb, als mit ihr hinauszugehen. Wäh-
rend ihre Freundin sie durch die Tür bugsierte, warf Cho einen Blick
zurück und winkte Harry zu.
»Nun, ich glaube, das ist ziemlich gut gelaufen«, sagte Hermine zu-
frieden, als sie, Harry und Ron kurze Zeit später aus dem Eberkopf ins
helle Sonnenlicht hinaustraten. Harry und Ron hielten ihre Butterbier-
flaschen in den Händen.
»Dieser Zacharias ist ein Peinsack«, sagte Ron und spähte finster der
Gestalt von Smith nach, die in der Ferne zu sehen war.
»Ich mag ihn auch nicht besonders«, gab Hermine zu, »aber er hat ge-
hört, wie ich am Hufflepuff-Tisch mit Ernie und Hannah geredet habe,
und er schien wirklich interessiert dran, mitzukommen, was konnte ich
also sagen? Aber je mehr Leute, desto besser im Grunde – Michael Cor-
ner und seine Freunde wären wohl nicht gekommen, wenn er nicht mit
Ginny gehen würde –«
344

Ron, der gerade die letzten Tropfen aus seiner Flasche geschlürft
hatte, verschluckte sich und bekleckerte seine Brust mit Butterbier.
»Er tut WAS?«, prustete er empört und seine Ohren ähnelten plötz-
lich rohen Rindfleischrouladen. »Sie geht mit – meine Schwester geht
mit – was soll das heißen, Michael Corner?«
»Na ja, deshalb sind er und seine Freunde gekommen, glaub ich –
also, natürlich wollen sie gern Verteidigung lernen, aber wenn Ginny
Michael nicht erzählt hätte, was abgeht –«
»Wann ist das – wann hat sie –?«
»Sie haben sich beim Weihnachtsball kennen gelernt und gehen seit
Ende letzten Jahres miteinander«, sagte Hermine gelassen. Sie waren in
die Hauptstraße eingebogen und sie blieb vor Schreiberlings Federladen
stehen, der ein paar hübsche Fasanenfedern im Schaufenster ausgestellt
hatte. »Hmm … ich könnt ’ne neue Feder gebrauchen.«
Sie betrat den Laden. Harry und Ron folgten ihr.
»Welcher von denen war Michael Corner?«, wollte Ron aufgebracht
wissen.
»Der Dunkle«, sagte Hermine.
»Den mochte ich nicht«, sagte Ron prompt.
»Was für ’ne Riesenüberraschung«, entgegnete Hermine halblaut.
»Aber«, fuhr Ron fort und folgte Hermine eine Reihe von Federn in
Kupfergefäßen entlang, »aber ich dachte, sie würde auf Harry stehen?«
Hermine blickte ihn recht mitleidig an und schüttelte den Kopf.
»Ginny stand früher mal auf Harry, aber sie hat ihn schon vor Mona-
ten aufgegeben. Nicht daß sie dich nicht mögen würde, natürlich«,
fügte sie freundlich an Harry gewandt hinzu, während sie eine lange
schwarz-goldene Feder musterte.
Harry, dem der Kopf noch von Chos Abschiedswinken schwirrte,
fand dieses Thema nicht ganz so spannend wie Ron, der vor Entrü-
stung sichtlich bebte, doch nun konnte er sich einen Reim auf etwas
machen, was er bislang nur unterschwellig wahrgenommen hatte.
»Also deshalb redet sie jetzt?«, fragte er Hermine. »Wenn ich dabei
war, hat sie nämlich sonst nie geredet.«
»Genau«, sagte Hermine. »Ja, ich glaub, die nehm ich …«
345

Sie ging zur Ladentheke und bezahlte die fünfzehn Sickel und zwei
Knuts, wobei ihr Ron unentwegt an den Fersen klebte.
»Ron«, sagte sie streng, als sie sich umdrehte und ihm auf die Füße
trat, »das ist genau der Grund, warum Ginny dir nie gesagt hat, daß sie
sich mit Michael trifft, sie wußte, daß es dir nicht passen würde. Also
reite jetzt nicht dauernd drauf rum, um Himmels willen.«
»Was soll das heißen? Wem soll was nicht passen? Ich reite auf gar
nichts rum …«, rhabarberte Ron die ganze Straße entlang vor sich hin.
Während Ron unentwegt Verwünschungen gegen Michael Corner
murmelte, verdrehte Hermine, zu Harry gewandt, die Augen und sagte
dann verhalten: »Und wo wir schon bei Michael und Ginny sind …
Was ist eigentlich mit Cho und dir?«
»Was meinst du?«, sagte Harry rasch.
Es war, als ob kochendes Wasser schnell in ihm aufsteigen würde;
ihm war so heiß, daß sein Gesicht in der Kälte brannte – hatte er es sich
so deutlich anmerken lassen?
»Nun«, sagte Hermine und lächelte milde, »sie konnte doch partout
die Augen nicht von dir abwenden, oder?«
Harry war nie zuvor so richtig aufgefallen, wie schön das Dorf Hogs-
meade eigentlich war.
346

Ausbildungserlaß Nummer vierundzwanzig
So glücklich wie an diesem restlichen Wochenende war Harry seit Beginn
des Schuljahres noch nicht gewesen. Er und Ron verbrachten den größten
Teil des Sonntags damit, all ihre vielen Hausaufgaben nachzuholen. Das
war zwar nicht gerade ein Spaß, doch wenigstens bäumte sich die Herbst-
sonne noch einmal lange auf, und statt im Gemeinschaftsraum über einen
Tisch gebeugt zu hocken, konnten sie ihre Arbeit mit nach draußen neh-
men und sich im Schatten einer großen Buche am Seeufer räkeln. Her-
mine, die mit ihren Hausaufgaben natürlich auf dem neuesten Stand war,
kam mit einer Ladung Wolle nach draußen und behexte ihre Strickna-
deln, worauf sie neben ihr in der Luft schwebten und blitzend und klak-
kernd noch mehr Hüte und Schals strickten.
Daß sie nun tatsächlich etwas gegen Umbridge und das Ministerium
unternahmen und daß er sogar eine Schlüsselrolle bei der Rebellion in-
nehatte, befriedigte Harry zutiefst. Immer wieder ließ er sich das sonn-
abendliche Treffen durch den Kopf gehen: all die Leute, die zu ihm ge-
kommen waren, um Verteidigung gegen die dunklen Künste zu erler-
nen … und was für Gesichter sie gemacht hatten, als sie von manchen
seiner Taten hörten … und Cho hatte seinen Einsatz beim Trimagischen
Turnier gelobt … Zu wissen, daß all diese Leute ihn nicht für einen lüg-
nerischen Spinner hielten, sondern für jemanden, der Bewunderung
verdiente, beflügelte ihn so sehr, daß er noch am Montagmorgen seine
gute Laune nicht verloren hatte, obwohl es gleich in seine meistgehaß-
ten Fächer ging.
Auf dem Weg vom Schlafsaal herunter diskutierte er mit Ron Angeli-
nas Vorschlag, diesen Abend im Quidditch-Training ein neues Flugma-
347

növer namens Faultierrolle zu üben, und erst als sie den sonnendurch-
fluteten Gemeinschaftsraum schon halb durchquert hatten, fiel ihnen
eine Neuerung auf, die bereits die Aufmerksamkeit einer kleinen Schar
Schüler erregt hatte. Ein großer Aushang war am schwarzen Brett der
Gryffindors befestigt worden, so groß, daß er alles andere darauf ver-
deckte: die Listen, auf denen gebrauchte Zauberbücher zum Verkauf
angeboten wurden, Argus Filchs regelmäßige Ermahnungen, sich an
die Hausordnung zu halten, den Trainingsplan der Quidditch-Mann-
schaft, die Angebote, gewisse Schokofroschkarten gegen andere einzu-
tauschen, die jüngste Anzeige der Weasleys für Testpersonen, die Da-
ten der Hogsmeade-Wochenenden und die Zettel für Fundsachen. Der
neue Aushang war in großen schwarzen Lettern gedruckt und un-
tendrauf fand sich ein höchst offiziell wirkender Stempel neben einer
ordentlichen und verschnörkelten Unterschrift.
PER ANORDNUNG DER GROSSINQUISITORIN
VON HOGWARTS
Alle Schülerorganisationen, Gesellschaften,
Mannschaften, Gruppen und Klubs
sind mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
Eine Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder
ein Klub wird hiermit definiert als regelmäßige
Zusammenkunft von drei oder mehr Schülern und Schülerinnen.
Die Genehmigung für eine Neugründung
kann bei der Großinquisitorin eingeholt werden
(Professor Umbridge).
Allen Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften,
Gruppen oder Klubs ist es verboten, ohne Wissen und
Genehmigung der Großinquisitorin tätig zu sein.
Sämtliche Schüler und Schülerinnen, von denen festgestellt
wird, daß sie eine von der Großinquisitorin nicht
genehmigte Organisation, Gesellschaft, Mannschaft,
Gruppe oder einen Klub gegründet haben
348

oder einer solchen Vereinigung angehören,
werden der Schule verwiesen.
Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlaß
Nummer vierundzwanzig.
Unterzeichnet:
Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin
Harry und Ron lasen den Aushang über die Köpfe einiger verängstigt
wirkender Zweitkläßler hinweg.
»Bedeutet das, sie wollen den Koboldstein-Klub schließen?«, fragte
der eine seinen Freund.
»Ich schätze, Koboldstein wird schon durchgehen«, sagte Ron düster
und der Zweitklässler machte einen Luftsprung. »Aber wir werden
wohl nicht so viel Glück haben, was meinst du?«, fragte er Harry, wäh-
rend die Zweitklässler eilends davonliefen.
Harry las den Aushang noch einmal durch. Das Glücksgefühl, das
ihn seit Samstag durchdrungen hatte, war verschwunden. In seinen
Eingeweiden pulsierte der Zorn.
»Das ist kein Zufall«, sagte er und ballte die Hände zu Fäusten. »Sie
weiß es.«
»Das kann nicht sein«, entgegnete Ron sofort.
»In diesem Pub waren Leute, die uns zugehört haben. Und ehrlich
gesagt wissen wir nicht, wem wir von denen, die gekommen sind, ver-
trauen können … Vielleicht ist einer von ihnen gleich zu Umbridge ge-
rannt und hat es ihr erzählt …«
Und er hatte gedacht, sie würden ihm glauben, ja, ihn sogar bewun-
dern …
»Zacharias Smith!«, sagte Ron sofort und schlug sich mit der Faust in
die Hand. »Oder – ich finde, dieser Michael Corner sah auch ziemlich
verschlagen aus –«
»Ob Hermine das schon gesehen hat?«, sagte Harry und schaute rü-
ber zur Tür, die zu den Mädchenschlafsälen führte.
»Komm, wir gehen hoch und erzählen’s ihr«, sagte Ron. Er stürmte
los, zog die Tür auf und stieg die Wendeltreppe hoch.
349

Er war auf der sechsten Stufe, da ertönte ein lauter Heulton wie von
einer Hupe und die Stufen verschmolzen zu einer langen, glatten spi-
ralförmigen Steinrutsche. Einen kurzen Moment noch versuchte Ron
mit verzweifelt rudernden Windmühlenarmen weiterzurennen, dann
plumpste er nach hinten, schoß die eben entstandene Rutsche hinunter
und blieb zu Harrys Füßen auf dem Rücken liegen.
»Ähm – ich glaub nicht, daß wir in die Mädchenschlafsäle dürfen«,
sagte Harry und zog Ron auf die Beine, bemüht nicht zu lachen.
Zwei Viertkläßlerinnen kamen schadenfroh grinsend die Steinrutsche
heruntergeglitten.
»Oooh, wer wollte denn da hoch zu den Mädchen?«, kicherten sie
fröhlich, sprangen auf die Füße und warfen Harry und Ron einen fre-
chen Blick zu.
»Ich«, sagte Ron, noch immer ziemlich aufgelöst. »Mir war nicht klar,
was passieren würde. Das ist unfair!«, fügte er an Harry gewandt
hinzu, während die Mädchen immer noch ausgelassen kichernd zum
Porträtloch davonzogen. »Hermine darf in unseren Schlafsaal, weshalb
dürfen wir nicht –?«
»Naja, das ist eben so eine altmodische Vorschrift«, sagte Hermine,
die soeben elegant auf den Teppich vor ihnen gerutscht war und jetzt
aufstand, »aber in Eine Geschichte von Hogwarts heißt es, die Gründer
hielten die Jungen für weniger vertrauenswürdig als die Mädchen.
Warum wolltet ihr überhaupt da rein?«
»Um dich zu holen – schau dir mal das an!«, erklärte Ron und zog sie
hinüber zum schwarzen Brett.
Hermines Augen glitten rasch über den Aushang. Ihre Miene verstei-
nerte. »Jemand muß bei ihr gepetzt haben!«, sagte Ron zornig.
»Das kann nicht sein«, widersprach Hermine leise.
»Du bist ja so was von naiv«, sagte Ron, »nur weil du selbst so recht-
schaffen und vertrauenswürdig bist, glaubst du –«
»Nein, es kann nicht sein, weil ich dieses Stück Pergament, auf dem
wir alle unterschrieben haben, verhext habe«, sagte Hermine grimmig.
»Glaubt mir, wenn jemand zu Umbridge gerannt wäre und gepetzt
hätte, wüßten wir genau, wer es ist, und derjenige würde es garantiert
bedauern.«
350

»Was würde denn mit ihm passieren?«, wollte Ron voller Neugier
wissen.
»Naja, sagen wir ’s mal so«, erklärte Hermine, »dagegen würden die
Pickel von Eloise Midgeon aussehen wie ein paar hübsche Sommer-
sprossen. Kommt, wir gehen runter zum Frühstück und schauen, was
die andern davon halten … Ob das wohl in allen Häusern aufgehängt
wurde?« Sowie sie die Große Halle betraten, wurde ihnen klar, daß Umbridges
Aushang nicht nur im Gryffindor-Turm aufgetaucht war. Das Stim-
mengewirr war außergewöhnlich laut, und in der Halle herrschte mehr
Trubel als sonst, weil die Schüler an den Tischen entlanghuschten und
über das berieten, was sie gerade gelesen hatten. Harry, Ron und Her-
mine hatten sich kaum richtig hingesetzt, als Neville, Dean, Fred, Ge-
orge und Ginny auf sie einstürmten. »Habt ihr es gesehen?«
»Denkt ihr, sie weiß Bescheid?«
»Was sollen wir jetzt tun?«
Sie alle blickten Harry an. Er sah sich um, ob auch keine Lehrer in der
Nähe waren. »Wir machen es natürlich trotzdem«, sagte er leise.
»Wußte doch, daß du das sagen würdest«, strahlte George und
knuffte Harry gegen den Arm. »Die Vertrauensschüler auch?«, sagte Fred und blickte Ron und Her-
mine fragend an. »Natürlich«, sagte Hermine kühl.
»Da kommen Ernie und Hannah Abbott«, sagte Ron mit einem Blick
über die Schulter. »Und diese Ravenclaw-Typen und Smith … und kei-
ner sieht besonders picklig aus.« Hermine schreckte auf.
»Vergiß die Pickel! Diese Idioten können doch jetzt nicht zu uns rü-
berkommen, das sieht doch total verdächtig aus. Setzt euch!«, bedeu-
tete sie Ernie und Hannah stumm und gestikulierte wild, damit sie an
den Hufflepuff-Tisch zurückkehrten. »Später! Wir – reden – später!«
»Ich sag’s Michael«, sagte Ginny ungeduldig und sprang von der
Bank hoch, »so ein Blödmann, also ehrlich …«
351

Sie eilte zum Ravenclaw-Tisch davon; Harry schaute ihr nach. Cho
saß nicht weit entfernt und unterhielt sich mit der gelockten Freundin,
die sie in den Eberkopf mitgebracht hatte. Würde Umbridges Mitteilung
sie davon abschrecken, zum nächsten Treffen zu kommen?
Doch erst als sie die Große Halle verließen, um in Geschichte der Zau-
berei zu gehen, bekamen sie die Folgen des Aushangs wirklich zu spüren.
»Harry! Ron!«
Es war Angelina, die mit völlig verzweifelter Miene auf sie zueilte.
»Schon gut«, sagte Harry leise, als sie nahe genug war, um ihn zu hö-
ren. »Wir machen es trotzdem –«
»Ist euch klar, daß sie damit auch Quidditch meint?«, übertönte sie
seine Worte. »Wir müssen zu ihr gehen und um die Erlaubnis bitten,
die Gryffindor-Mannschaft neu zu gründen!«
»Was?«, sagte Harry.
»Unmöglich«, sagte Ron entsetzt.
»Ihr habt doch den Aushang gelesen, da steht auch was von Mann-
schaften! Also hör zu, Harry … ich sag das jetzt zum letzten Mal …
bitte, bitte, verlier bei Umbridge nicht wieder die Geduld, sonst läßt sie
uns vielleicht nie mehr spielen!«
»Okay, okay«, sagte Harry, denn Angelina schien den Tränen nahe.
»Mach dir keine Sorgen, ich werd mich zusammenreißen …«
»Wetten, daß Umbridge in Zaubereigeschichte sitzt«, sagte Ron bitter
auf dem Weg zu Binns’ Stunde. »Den Unterricht von Binns hat sie noch
nicht inspiziert … jede Wette, daß sie da ist …«
Doch er hatte sich geirrt: Der einzige Lehrer, der anwesend war, als
sie hereinkamen, war Professor Binns, der wie immer ein paar Zenti-
meter über seinem Stuhl schwebte und sich darauf vorbereitete, sein
eintöniges Geleiere über die Riesen-Kriege fortzusetzen. Harry unter-
nahm gar nicht erst den Versuch, dem heutigen Sermon zu folgen; er
kritzelte faul auf seinem Pergament herum und achtete nicht auf Her-
mine, die ihm des Öfteren böse Blicke zuwarf und ihn anstupste, bis
ihn ein besonders schmerzhafter Rippenstoß zornig aufblicken ließ.
»Was ist?«
Sie deutete zum Fenster. Harry wandte den Kopf. Hedwig hockte mit
einem ans Bein gebundenen Brief auf dem schmalen Fenstersims und
352

spähte ihn durch die dicke Scheibe an. Harry war das ein Rätsel; ge-
rade hatten sie gefrühstückt, warum nur hatte sie ihm den Brief nicht
vorhin gebracht, wie üblich? Auch einige seiner Klassenkameraden
machten sich gegenseitig auf Hedwig aufmerksam.
»Oh, ich liebe diese Eule«, hörte Harry Lavender an Parvati gewandt
seufzen. »Sie ist so wunderschön.«
Er blickte sich zu Professor Binns um, der unentwegt seine Aufzeich-
nungen vorlas und sich in seiner heiteren Abwesenheit gar nicht be-
wußt war, daß die Klasse ihm noch weniger als sonst zuhörte. Harry
glitt leise vom Stuhl, ging in die Hocke, schlich hinter der Bankreihe
zum Fenster, schob den Riegel beiseite und öffnete es ganz langsam.
Er hatte erwartet, daß Hedwig ihm das Bein hinhalten würde, damit
er den Brief abnehmen konnte, ehe sie dann zurück in die Eulerei flog,
doch kaum war das Fenster weit genug offen, hüpfte sie herein und
schrie jammervoll. Mit einem besorgten Blick zu Professor Binns schloß
Harry das Fenster, duckte sich wieder tief und hastete mit Hedwig auf
der Schulter zurück zu seinem Platz. Er setzte sich, hob Hedwig auf
seinen Schoß und wollte den Brief lösen, der an ihr Bein gebunden war.
Erstjetzt fiel ihm auf, daß Hedwigs Gefieder merkwürdig zerzaust
war; manche Federn waren in die falsche Richtung gebogen und einer
der Flügel stand in merkwürdigem Winkel von ihr ab.
»Sie ist verletzt!«, flüsterte Harry und beugte den Kopf tiefer über sie.
Hermine und Ron neigten sich näher zu ihm; Hermine legte sogar ihre
Feder beiseite. »Sieh mal, da stimmt was nicht mit ihrem Flügel –«
Hedwig zitterte. Als Harry den Flügel berühren wollte, zuckte sie
leicht zusammen, spreizte alle Federn, als ob sie sich aufplustern
würde, und starrte ihn vorwurfsvoll an.
»Professor Binns«, sagte Harry laut, worauf sich die ganze Klasse zu
ihm umdrehte. »Mir ist schlecht.«
Professor Binns hob die Augen von seinen Notizen und schien wie
stets verwundert, daß der Raum vor ihm voller Leute war. »Ihnen ist
schlecht?«, wiederholte er zerstreut.
»Ganz arg schlecht«, sagte Harry nachdrücklich, verbarg Hedwig
hinter seinem Rücken und stand auf. »Ich glaub, ich muß mal in den
Krankenflügel.«
353

»Ja«, sagte Professor Binns, dem offenbar ziemlich der Überblick
fehlte. »Ja … ja, Krankenflügel … nun, dann gehen Sie geschwind, Per-
kins …«
Sobald er draußen war, setzte Harry Hedwig wieder auf die Schulter.
Dann spurtete er den Korridor entlang und hielt erst inne, als er von
Binns’ Tür aus nicht mehr zu sehen war. Wenn es darum ging, Hedwig
zu verarzten, wäre natürlich Hagrid seine erste Wahl gewesen, doch da
er keine Ahnung hatte, wo er steckte, blieb ihm nichts übrig, als Profes-
sor Raue-Pritsche aufzusuchen, in der Hoffnung, daß sie Hedwig hel-
fen konnte.
Er spähte aus einem Fenster auf die sturmzerzausten, wolkenverhan-
genen Schloßgründe. Nichts deutete darauf hin, daß sie sich irgendwo
in der Nähe von Hagrids Hütte aufhielt. Wenn sie nicht unterrichtete,
war sie vermutlich im Lehrerzimmer. Er machte sich auf den Weg nach
unten, die schwankende und leise klagende Hedwig auf der Schulter.
Zwei steinerne Wasserspeier flankierten die Tür zum Lehrerzimmer.
Als Harry sich näherte, krächzte der eine: »Du solltest im Unterricht
sein, Bürschchen.«
»Das ist ein Notfall«, erwiderte Harry knapp.
»Ooooh, ein Notfall, tatsächlich?«, sagte der andere Wasserspeier mit
schriller Stimme. »Jetzt hast du’s uns aber gezeigt, was?«
Harry klopfte. Er hörte Schritte, dann ging die Tür auf und Professor
McGonagall stand vor ihm.
»Sie haben doch nicht etwa schon wieder eine Strafarbeit
bekommen!«, sagte sie prompt. Ihre eckige Brille blitzte bedrohlich.
»Nein, Professor!«, sagte Harry hastig.
»Nun dann, warum sind Sie nicht im Unterricht?«
»Es handelt sich offenbar um einen Notfall«, höhnte der zweite Was-
serspeier.
»Ich suche Professor Raue-Pritsche«, erklärte Harry. »Es geht um
meine Eule, sie ist verletzt.«
»Verletzte Eule, haben Sie gesagt?«
Professor Raue-Pritsche erschien an Professor McGonagalls Seite. Sie
rauchte eine Pfeife und hielt einen Tagespropheten in der Hand.
354

»Ja«, sagte Harry und hob Hedwig vorsichtig von seiner Schulter.
»Sie ist später als die anderen Posteulen erschienen und streckt ihren
Flügel so merkwürdig aus, sehen Sie –«
Professor Raue-Pritsche steckte sich die Pfeife fest zwischen die
Zähne und nahm Harry die Eule ab. Professor McGonagall sah zu.
»Hmm«, machte Professor Raue-Pritsche und ihre Pfeife wippte
leicht, während sie sprach. »Sieht aus, als wäre sie angegriffen worden.
Ich kann allerdings nicht sagen, was es war. Natürlich greifen Thestrale
manchmal Vögel an, aber Hagrid hat die Thestrale von Hogwarts so
gut dressiert, daß sie keine Eulen anrühren.«
Harry wußte nicht, was Thestrale waren, und es war ihm auch egal;
er wollte nur wissen, ob Hedwig wieder gesund werden würde. Profes-
sor McGonagall jedoch blickte Harry scharf an und sagte: »Wissen Sie,
wie weit diese Eule geflogen ist, Potter?«
»Ähm«, sagte Harry. »Ich glaube, sie kam aus London.«
Ihre Blicke trafen sich kurz, und aus der Art, wie sich McGonagalls
Augenbrauen über der Nase trafen, schloß Harry, daß sie »London« als
»Grimmauldplatz Nummer zwölf« verstand.
Professor Raue-Pritsche zog ein Monokel aus ihrem Umhang, schob
es sich vors Auge und unterzog Hedwigs Flügel einer eingehenden
Prüfung. »Ich denke, ich kann das wieder in Ordnung bringen, wenn
Sie mir die Eule hier lassen, Potter«, sagte sie. »Sie sollte auf jeden Fall
ein paar Tage lang keine weiten Strecken mehr fliegen.«
»Ähm – gut – danke«, sagte Harry und im selben Moment läutete es
zur Pause.
»Kein Problem«, erwiderte Professor Raue-Pritsche barsch und wollte
ins Lehrerzimmer zurückkehren.
»Einen Moment noch, Wilhelmina!«, rief Professor McGonagall. »Pot-
ters Brief!«
»Ach ja!«, sagte Harry, der die Pergamentrolle, die an Hedwigs Bein ge-
bunden war, zeitweilig vergessen hatte. Professor Raue-Pritsche reichte
sie ihm und verschwand dann mit Hedwig im Lehrerzimmer. Hedwig
starrte ihm nach, als könnte sie nicht glauben, daß er sie so mir nichts, dir
nichts aus den Händen gab. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen
wandte er sich zum Gehen, doch Professor McGonagall rief ihn zurück.
355

»Potter!«
»Ja, Professor?«
Sie spähte den Korridor auf und ab; aus beiden Richtungen kamen
Schüler.
»Denken Sie dran«, sagte sie rasch und leise, den Blick auf der Rolle
in seiner Hand, »die Nachrichtenwege von und nach Hogwarts werden
vermutlich überwacht, verstanden?«
»Ich –«, sagte Harry, doch die Flut der Schüler, die durch den Korri-
dor wogte, hatte ihn fast erreicht. Professor McGonagall nickte ihm
kurz zu und zog sich ins Lehrerzimmer zurück, während er von der
Menge in den Hof hinausgetrieben wurde. Ron und Hermine standen
bereits in einer geschützten Ecke, die Mantelkragen gegen den Wind
hochgeschlagen. Harry schlitzte die Rolle auf, während er eilig auf sie
zuging, und erblickte fünf Wörter in Sirius’ Handschrift:
Heute, selbe Zeit, selber Ort.
»Geht’s Hedwig besser?«, fragte Hermine besorgt, kaum daß er in
Hörweite war.
»Wo hast du sie hingebracht?«, fragte Ron.
»Zu Raue-Pritsche«, sagte Harry. »Und ich hab McGonagall getroffen
… hört zu …«
Und er erzählte ihnen, was Professor McGonagall gesagt hatte. Zu
seiner Überraschung wirkten die beiden überhaupt nicht erschrocken.
Im Gegenteil, sie tauschten vielsagende Blicke.
»Was ist?«, fragte Harry und blickte abwechselnd von Ron zu Hermine.
»Naja, ich hab gerade zu Ron gesagt … was, wenn jemand versucht
hätte Hedwig abzufangen? Immerhin ist sie noch nie auf einem Flug
verletzt worden, oder?«
»Von wem ist eigentlich der Brief?«, fragte Ron und nahm Harry das
Blatt aus der Hand.
»Schnuffel«, sagte Harry leise.
»Selbe Zeit, selber Ort? Meint er das Feuer im Gemeinschaftsraum?«
»Natürlich«, sagte Hermine, die ebenfalls die Nachricht las. Sie
schien beunruhigt. »Ich hoffe nur, niemand sonst hat das gelesen …«
»Aber es war noch versiegelt und alles«, sagte Harry, der sie und
nicht zuletzt sich selbst überzeugen wollte. »Und keiner würde verste-
356

hen, was das bedeutet, wenn er nicht wüßte, wo wir schon mit ihm ge-
sprochen haben, oder?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine besorgt und schwang sich die Tasche
über die Schulter, da es nun läutete. »Es wär nicht besonders schwierig,
die Rolle mit einem Zauber wieder zu versiegeln … und wenn jemand
das Flohnetzwerk überwacht … aber ich weiß wirklich nicht, wie wir
ihn davor warnen können, zu kommen, ohne daß unsere Warnung
auch wieder abgefangen wird!«
Sie stapften die Steinstufen zum Kerker hinunter, wo sie Zauber-
tränke hatten, alle drei in Gedanken versunken, doch als sie den Fuß
der Treppe erreichten, riß Draco Malfoys Stimme sie in die Wirklichkeit
zurück. Er stand direkt vor Snapes Klassenzimmertür, wedelte mit ei-
nem offiziell wirkenden Stück Pergament und redete viel lauter als nö-
tig, so daß sie jedes Wort hören konnten.
»Ja, Umbridge hat der Quidditch-Mannschaft von Slytherin auf der
Stelle die Erlaubnis gegeben weiterzuspielen, ich hab sie gleich heute
Morgen gefragt. Naja, war ja eigentlich reine Formsache, immerhin
kennt sie meinen Vater gut, der geht im Ministerium ein und aus … bin
mal gespannt, ob Gryffindor auch weiterspielen darf.«
»Nicht die Nerven verlieren«, wisperte Hermine Harry und Ron ein-
dringlich zu, die beide mit geballten Fäusten und verbissenem Ge-
sichtsausdruck Malfoy beobachteten. »Genau das will er doch.«
»Ich kann euch sagen«, fuhr Malfoy fort und hob die Stimme noch
ein wenig, während seine grauen Augen Harry und Ron feindselig an-
funkelten, »wenn es um Einfluß im Ministerium geht, glaub ich nicht,
daß sie große Chancen haben … von meinem Vater weiß ich, daß sie
schon seit Jahren einen Grund suchen, um Arthur Weasley zu feuern …
und was Potter angeht… mein Vater sagt, es ist eine Frage der Zeit, bis
das Ministerium ihn ins St. Mungo karren läßt … offenbar haben die
dort eine Spezialstation für Leute, deren Gehirne durch Magie verwirrt
sind.«
Malfoy zog eine Fratze, er sperrte den Mund auf und rollte die Au-
gen. Crabbe und Goyle ließen ihr übliches grunzendes Lachen hören
und Pansy Parkinson kreischte entzückt.
357

Etwas prallte hart gegen Harrys Schulter und stieß ihn zur Seite. Im
Bruchteil einer Sekunde wurde ihm klar, daß Neville eben an ihm vor-
beigestürmt war, geradewegs auf Malfoy zu.
»Neville, nein!«
Harry stürzte vor und packte Neville hinten am Umhang; hektisch
und mit fliegenden Fäusten wehrte sich Neville und versuchte verzwei-
felt, Malfoy zu erreichen, der einen Moment lang ausgesprochen er-
schrocken aussah.
»Hilf mir!«, rief Harry Ron zu. Es gelang ihm, einen Arm um Nevilles
Hals zu schlingen und ihn von den Slytherins wegzuziehen. Crabbe
und Goyle ließen die Muskeln spielen und bauten sich kampfbereit vor
Malfoy auf. Ron packte Nevilles Arme und gemeinsam mit Harry
schleifte er Neville zurück zu den Gryffindors. Nevilles Gesicht war
scharlachrot; Harrys Druck auf seine Kehle würgte ihm ziemlich die
Stimme ab, nur ab und zu spie er ein Wort aus. »Nicht … lustig …
nicht … Mungo … zeig’s … ihm …«
Die Kerkertür öffnete sich. Snape erschien. Seine schwarzen Augen
huschten die Warteschlange der Gryffindors entlang bis zu der Stelle,
wo Harry und Ron mit Neville rangen.
»Potter, Weasley, Longbottom, Sie schlagen sich?«, sagte Snape mit
seiner kalten, höhnischen Stimme. »Zehn Punkte Abzug für Gryffindor.
Lassen Sie Longbottom los, Potter, oder es gibt Nachsitzen. Rein, alle
miteinander …«
Harry ließ Neville los, der schnaufte und ihn böse anfunkelte.
»Ich mußte dich aufhalten«, keuchte Harry und hob seine Tasche auf.
»Crabbe und Goyle hätten dich in Stücke gerissen.«
Neville sagte nichts, er schnappte sich nur seine Tasche und ging steif
davon in den Kerker.
»Was um Merlins willen«, sagte Ron langsam, als sie Neville folgten,
»hatte das nun wieder zu bedeuten?«
Harry antwortete nicht. Er wußte genau, warum Neville so wütend
wurde, wenn es um Leute ging, die wegen magischer Gehirnschäden
im St. Mungo waren, doch er hatte Dumbledore geschworen, Nevilles
Geheimnis niemandem zu erzählen. Selbst Neville hatte keine Ahnung,
daß Harry es kannte.
358

Harry, Ron und Hermine nahmen ihre gewohnten Plätze in der letz-
ten Reihe ein und holten Pergament, Feder und das Buch Tausend magi-
sche Kräuter und Pilze heraus. Ringsum tuschelte die ganze Klasse über
Nevilles Verhalten, doch als Snape die Kerkertür mit einem widerhal-
lenden Knall zuschlug, verstummten sie alle.
»Sie werden feststellen«, sagte Snape leise und höhnisch, »daß wir
heute einen Gast haben.«
Er deutete auf die düstere Ecke des Kerkers und Harry sah Professor
Umbridge dort sitzen, das Klemmbrett auf den Knien. Er hob die
Brauen und warf Ron und Hermine aus den Augenwinkeln einen Blick
zu. Snape und Umbridge, die beiden Lehrer, die er am meisten haßte.
Schwer zu sagen, wen er über den anderen triumphieren sehen wollte.
»Wir machen heute mit unserem Stärkungstrank weiter. Sie finden
Ihre Mixturen so vor, wie Sie diese in der letzten Stunde verlassen ha-
ben; wenn sie richtig zubereitet sind, sollten sie übers Wochenende gut
gereift sein. Anweisungen –«, er wedelte wieder mit seinem Zauber-
stab, »– an der Tafel. Fahren Sie fort.«
Während der ersten halben Stunde machte sich Professor Umbridge in
ihrer Ecke Notizen. Harry brannte darauf, ihre Fragen an Snape zu hören
– so sehr, daß er wieder einmal seinen Zaubertrank vernachlässigte.
»Salamanderblut, Harry!«, stöhnte Hermine und packte ihn am
Handgelenk, um zu verhindern, daß er zum dritten Mal die falsche Zu-
tat beigab. »Nicht Granatapfelsaft!«
»Schon gut«, sagte Harry abwesend, stellte die Flasche hin und beob-
achtete weiter die Kerkerecke. Umbridge war gerade aufgestanden.
»Ha«, sagte er leise, als sie zwischen zwei Pultreihen auf Snape zu-
schritt, der sich über Dean Thomas’ Kessel beugte.
»Nun, die Klasse scheint für die Jahrgangsstufe ziemlich fortgeschrit-
ten zu sein«, sagte sie forsch zu Snapes Rücken. »Gleichwohl halte ich
es doch für fraglich, ob es sinnvoll ist, den Schülern etwas wie den Stär-
kungstrank beizubringen. Ich denke, das Ministerium würde es vorzie-
hen, wenn dieser aus dem Lehrplan gestrichen würde.«
Snape richtete sich langsam auf und drehte sich zu ihr um.
»Nun … wie lange unterrichten Sie schon in Hogwarts?«, fragte sie
und hielt die Feder über dem Klemmbrett bereit.
359

»Vierzehn Jahre«, antwortete Snape. Seine Miene war unergründlich.
Den Blick zu Snape gewandt, fügte Harry seinem Trank ein paar Trop-
fen hinzu; er zischte bedrohlich und das Türkis verwandelte sich in
Orange.
»Sie hatten sich, glaube ich, zuerst um die Stelle für Verteidigung ge-
gen die dunklen Künste beworben?«, fragte Professor Umbridge.
»Ja«, sagte Snape leise.
»Aber damit hatten Sie keinen Erfolg?«
Snapes Lippen kräuselten sich.
»Offensichtlich.«
Professor Umbridge kritzelte etwas auf ihr Klemmbrett.
»Und seit Sie in der Schule arbeiten, haben Sie sich regelmäßig für
Verteidigung gegen die dunklen Künste beworben, nehme ich an?«
»Ja«, sagte Snape leise und bewegte dabei kaum die Lippen. Er
wirkte äußerst zornig.
»Haben Sie eine Ahnung, warum sich Dumbledore bislang stets ge-
weigert hat, Sie zu ernennen?«, fragte Umbridge.
»Ich schlage vor, Sie fragen ihn selbst«, stieß Snape hervor.
»Oh, das werde ich auch«, sagte Professor Umbridge mit einem süßli-
chen Lächeln.
»Ich nehme an, das tut irgend etwas zur Sache?«, entgegnete Snape
und seine schwarzen Augen verengten sich.
»Oh, durchaus«, sagte Professor Umbridge, »ja, das Ministerium ver-
langt einen gründlichen Einblick in den – ähm – Werdegang der Leh-
rer.«
Damit wandte sie sich ab, ging zu Pansy Parkinson hinüber und be-
gann diese über den Unterricht auszufragen. Snape sah zu Harry und
ihre Blicke trafen sich für eine Sekunde. Harry senkte die Augen rasch
auf seinen Zaubertrank, der jetzt zu einer fauligen Masse verdickte und
stark nach verbranntem Gummi stank.
»Wieder keine Punkte, Potter«, sagte Snape gehässig und leerte Har-
rys Kessel mit einem Schlenker seines Zauberstabs. »Sie schreiben mir
bis zum nächsten Mal einen Aufsatz über die richtige Herstellung die-
ses Zaubertranks, mit einer Erklärung, wie und warum er Ihnen miß-
lungen ist, verstanden?«
360

»Ja«, sagte Harry wütend. Snape hatte ihnen bereits Hausaufgaben
gegeben und heute Abend hatte er Quidditch-Training. Das hieß, daß
ihm ein paar weitere schlaflose Nächte bevorstanden. Es kam ihm un-
wirklich vor, daß er heute Morgen beim Aufwachen sehr glücklich ge-
wesen war. Jetzt spürte er nur noch den sehnlichen Wunsch, der Tag
möge zu Ende gehen.
»Vielleicht schwänz ich Wahrsagen«, sagte er betrübt, als sie nach
dem Mittagessen draußen auf dem Hof standen, wo der Wind an den
Säumen ihrer Mäntel und an den Hutkrempen zerrte. »Ich mach krank
und schreib in der Zeit den Aufsatz für Snape, dann muß ich nicht die
halbe Nacht aufbleiben.«
»Du kannst Wahrsagen nicht schwänzen«, sagte Hermine streng.
»Das mußt du gerade sagen! Du hast Wahrsagen sausen lassen, weil
du Trelawney haßt!«, erwiderte Ron entrüstet.
»Ich hasse sie nicht«, sagte Hermine hochmütig. »Ich halte sie nur für
eine absolut entsetzliche Lehrerin und eine ausgemachte alte Schwind-
lerin. Aber Harry hat schon Zaubereigeschichte verpaßt, und ich
glaube nicht, daß er heute noch mehr versäumen sollte!«
In Hermines Mahnung steckte zu viel Wahrheit, um sie zu ignorieren,
deshalb nahm Harry eine halbe Stunde später im heißen, viel zu stark
parfümierten Wahrsage-Klassenzimmer Platz, wütend auf alles und je-
den. Professor Trelawney verteilte schon wieder das Traumorakel. Harry
ging durch den Kopf, daß er seine Zeit viel besser mit Snapes Strafauf-
satz verbracht hätte, als hier zu sitzen und in lauter erfundenen Träu-
men irgendwelche Bedeutungen zu suchen.
Offenbar war er jedoch nicht der Einzige in Wahrsagen, der in Rage
war. Professor Trelawney knallte ein Exemplar des
Orakels auf den Tisch
zwischen Harry und Ron und entschwebte mit geschürzten Lippen. Das
nächste
Orakel pfefferte sie Dean und Seamus hin, wobei sie nur knapp
Seamus’ Kopf verfehlte, und das letzte Exemplar schleuderte sie derart
heftig gegen Nevilles Brust, daß er von seinem Sitzkissen rutschte.
»Nun, fahren Sie fort!«, sagte Professor Trelawney mit lauter, hoher
und leicht hysterischer Stimme, »Sie wissen, was zu tun ist! Oder bin
ich eine so miserable Lehrerin, daß Sie nicht mal gelernt haben, wie
man ein Buch aufschlägt?«
361

Perplex starrte die Klasse sie an, dann warfen sich alle gegenseitig
ratlose Blicke zu. Harry jedoch glaubte zu wissen, was los war. Als Pro-
fessor Trelawney erregt zu ihrem Lehrerstuhl mit der hohen Lehne zu-
rückstürmte, die vergrößerten Augen voller Zornestränen, neigte er
den Kopf zu Ron und murmelte: »Ich glaub, sie hat das Ergebnis ihrer
Unterrichtsinspektion gekriegt.«
»Professor?«, sagte Parvati Patil mit gedämpfter Stimme (sie und La-
vender hatten Professor Trelawney immer bewundert), »Professor, ist –
ähm – etwas nicht in Ordnung?«
»Nicht in Ordnung!«, rief Professor Trelawney und ihre Stimme bebte
vor Erregung. »Sicher ist alles in Ordnung! Ich wurde beleidigt, gewiß
… man hat Verdächtigungen gegen mich lanciert … haltlose Anschul-
digungen erhoben … aber nein, es ist selbstverständlich alles in Ord-
nung!«
Sie atmete tief und zitternd ein und wandte den Blick von Parvati ab.
Zornestränen kullerten unter ihrer Brille hervor.
»Gar nicht zu reden«, schluchzte sie, »von sechzehn Jahren treuem
Schuldienst … sie sind vergangen, offenbar von niemandem bemerkt
… aber ich lasse mich nicht beleidigen, nein, das nicht!«
»Aber Professor, wer beleidigt Sie denn?«, fragte Parvati zaghaft.
»Das Establishment!«, erwiderte Professor Trelawney mit tiefer, dra-
matisch wabernder Stimme. »Ja, jene, deren Augen zu getrübt sind
vom Alltäglichen, um zu sehen, wie ich sehe, zu wissen, wie ich weiß
… natürlich, wir Seher wurden immer schon gefürchtet, immer schon
verfolgt … es ist – nun leider – unser Schicksal.«
Sie schluckte schwer, betupfte ihre nassen Wangen mit der Spitze ih-
res Schals, zog dann ein kleines besticktes Taschentuch aus dem Ärmel
und putzte sich die Nase mit einem verächtlichen Schnauben, das Pee-
ves alle Ehre gemacht hätte.
Ron kicherte. Lavender warf ihm einen angewiderten Blick zu.
»Professor«, sagte Parvati, »meinen Sie damit … hat es etwas mit Pro-
fessor Umbridge –?«
»Erwähnen Sie den Namen dieser Person nicht!«, rief Professor Tre-
lawney und sprang mit rasselndem Perlengehänge und blitzender
Brille auf. »Bitte fahren Sie mit Ihrer Arbeit fort!«
362

Bis zum Ende der Stunde schritt sie zwischen ihnen einher, und wäh-
rend noch immer Tränen hinter ihrer Brille hervorsickerten, murmelte
sie etwas in sich hinein, das sich ganz nach halblauten Drohungen an-
hörte.
»… könnte durchaus das Haus verlassen … welche Schmach … auf
Bewährung … wir werden ja sehen … wie kann sie es wagen …«
»Du und Umbridge, ihr habt was gemeinsam«, wandte sich Harry
leise an Hermine, als sie sich in Verteidigung gegen die dunklen Kün-
ste wieder trafen. »Offensichtlich hält sie Trelawney auch für eine alte
Schwindlerin … sieht aus, als hätte sie ihr eine Bewährungsfrist ge-
setzt.«
Noch während er sprach, kam Umbridge herein, mit einer schwarzen
Samtschleife auf dem Kopf und einem höchst selbstgefälligen Gesichts-
ausdruck.
»Guten Tag, Klasse.«
»Guten Tag, Professor Umbridge«, erwiderten sie gelangweilt im Chor.
»Zauberstäbe weg, bitte.«
Doch diesmal folgten keine hastigen Bewegungen; keiner hatte sich
erst die Mühe gemacht, den Zauberstab herauszuholen.
»Bitte schlagen Sie Seite vierunddreißig der Theorie magischer Verteidi-
gung auf und lesen Sie das dritte Kapitel mit dem Titel ›Plädoyer für
eine nichtoffensive Antwort auf magische Angriffe‹. Ich möchte
keine –«
»– Unterhaltungen hören«, sagten Harry, Ron und Hermine leise wie
aus einem Mund.
»Kein Quidditch-Training«, sagte Angelina mit hohler Stimme, als
Harry, Ron und Hermine nach dem Abendessen den Gemeinschafts-
raum betraten.
»Aber ich hab mich doch beherrscht!«, sagte Harry entsetzt. »Ich hab
nichts zu ihr gesagt, Angelina, ich schwör ’s, ich –«
»Ich weiß, ich weiß«, sagte Angelina betrübt. »Sie meinte, sie
brauchte nur ein wenig Zeit zum Überlegen.«
»Was gibt es da zu überlegen?«, sagte Ron zornig. »Sie hat den Sly-
therins die Erlaubnis gegeben, warum nicht uns?«
363

Doch Harry konnte sich ausmalen, wie sehr Umbridge es genoß, ih-
nen damit zu drohen, Gryffindors Quidditch-Mannschaft zu verbieten,
und konnte ohne weiteres verstehen, warum sie nicht so schnell auf
diese Waffe verzichten wollte.
»Naja«, meinte Hermine, »das hat auch seine gute Seite – wenigstens
hast du jetzt die Zeit für Snapes Aufsatz!«
»Darüber soll ich mich freuen, ja?«, fauchte Harry, während Ron Her-
mine ungläubig anstarrte. »Kein Quidditch-Training, dafür aber eine
zusätzliche Hausaufgabe für Zaubertränke?«
Harry ließ sich in einen Sessel sinken, zog widerwillig seinen Zauber-
trankaufsatz aus der Tasche und machte sich an die Arbeit. Es fiel ihm
sehr schwer, sich zu konzentrieren. Obwohl er wußte, daß Sirius erst
viel später im Feuer erscheinen wollte, warf er unwillkürlich alle paar
Minuten einen Blick in die Flammen, nur für alle Fälle. Zudem
herrschte ein unglaublicher Lärm: Fred und George hatten es offenbar
endlich geschafft, eine Sorte ihrer Nasch-und-Schwänz-Leckereien zur
Serienreife zu bringen, die sie nun abwechselnd einnahmen und einer
johlenden und juchzenden Menge vorführten.
Zuerst biß Fred vom orangen Ende einer Lakritzstange ab, woraufhin
er sich unter großem Hallo in einen Eimer erbrach, den sie vor sich auf-
gestellt hatten. Dann würgte er das lila Ende der Lakritzstange hinun-
ter und die Spuckerei hörte sofort auf. Lee Jordan, der bei der Vorfüh-
rung assistierte, ließ das Erbrochene immer wieder lässig mit dem glei-
chen Zauber verschwinden, den Snape für Harrys Zaubertränke be-
nutzte.
Bei dem dauernden Gewürge und Gejohle und dem Geschrei um die
Vorbestellungen, die Fred und George von den Zuschauern entgegen-
nahmen, fiel es Harry äußerst schwer, sich auf die korrekte Herstel-
lungsweise des Stärkungstranks zu besinnen. Hermine war dabei auch
keine Hilfe. Über das Gejohle und die Spritzgeräusche des Erbrochenen
am Boden des Eimers hinweg war zuweilen ihr lautes entrüstetes
Schnauben zu hören, was Harry noch mehr störte.
»Dann geh doch einfach hin und mach der Sache ein Ende!«, sagte er
ärgerlich, nachdem er zum vierten Mal eine falsche Gewichtsangabe
für Greifenklauenpulver durchgestrichen hatte.
364

»Kann ich nicht. Formal gesehen übertreten sie ja keine Regeln«, sagte
Hermine mit zusammengebissenen Zähnen. »Sie haben durchaus das
Recht, das widerliche Zeugs selber zu essen, und ich kann keine Vor-
schrift finden, die besagt, daß die andern Idioten nicht das Recht ha-
ben, die Dinger zu kaufen, außer es ist erwiesen, daß sie irgendwie ge-
fährlich sind, und danach sieht es nicht aus.« Sie, Harry und Ron beobachteten, wie George in hohem Bogen in den
Eimer reiherte, den Rest der Lakritzstange hinunterwürgte, sich auf-
richtete und strahlend die Arme ausbreitete, um den anhaltenden Bei-
fall in Empfang zu nehmen. »Weißt du, ich begreif einfach nicht, warum Fred und George nur je
drei ZAGs gekriegt haben«, sagte Harry und sah zu, wie Fred, George
und Lee Goldstücke von der begierigen Menge einsammelten. »Die be-
herrschen doch ihre Kunst.« »Oh, die beherrschen nur Knalleffekte, die eigentlich niemandem
nützen«, sagte Hermine verächtlich. »Niemandem nützen?«, entgegnete Ron mit angespannter Stimme.
»Hermine, die haben jetzt schon um die sechsundzwanzig Galleonen
verdient.«
Es dauerte einige Zeit, bis sich die Menge um die Weasley-Zwillinge
wieder zerstreut hatte, dann setzten sich Fred, Lee und George hin und
zählten noch des Längeren ihre Einnahmen. So war es weit nach Mitter-
nacht, als Harry, Ron und Hermine den Gemeinschaftsraum endlich für
sich hatten. Zu guter letzt hatte Fred die Tür zu den Jungenschlafsälen
hinter sich geschlossen, nicht ohne demonstrativ mit seiner Schachtel voll
Galleonen zu klimpern, was Hermine einen finsteren Blick entlockte.
Harry, der mit seinem Zaubertrankaufsatz nur sehr langsam vorankam,
beschloß, es für diesen Abend gut sein zu lassen. Als er seine Bücher weg-
räumte, ließ Ron, der sanft in einem Lehnstuhl döste, ein gedämpftes
Grunzen hören. Dann wachte er auf und stierte trübe ins Feuer.
»Sirius!«, sagte er.
Harry wirbelte herum. Sirius’ zerzauster dunkler Kopf saß erneut im
Feuer. »Hi«, grinste er. »Hi«, erwiderten Harry, Ron und Hermine im Chor und alle drei
knieten sich hinunter auf den Kaminvorleger. Krummbein schnurrte
365

laut, lief zum Feuer und versuchte trotz der Hitze, sein Gesicht dem
von Sirius zu nähern.
»Wie steht’s?«, sagte Sirius.
»Nicht so gut«, erwiderte Harry, während Hermine Krummbein weg-
zog, damit er sich nicht noch mehr Schnurrhaare versengte. »Das Mini-
sterium hat schon wieder einen Erlaß durchgesetzt, mit dem sie unsere
Quidditch-Mannschaften verbieten –«
»Oder Geheimgruppen für Verteidigung gegen die dunklen
Künste?«, sagte Sirius.
Eine kurze Stille trat ein.
»Woher weißt du das?«, fragte Harry.
»Ihr solltet eure Treffpunkte sorgfältiger auswählen«, sagte Sirius
und grinste noch breiter. »Der Eberkopf, ich bitte euch.«
»Also, jedenfalls war das besser als die Drei Besen!«, sagte Hermine
trotzig. »Da ist es immer rappelvoll –«
»Was hieße, daß man euch nicht so leicht belauschen könnte«, sagte
Sirius. »Du mußt noch eine Menge lernen, Hermine.«
»Wer hat uns belauscht?«, fragte Harry.
»Mundungus natürlich«, sagte Sirius, und als sie verdutzt dreinsa-
hen, lachte er. »Er war die Hexe unter dem Schleier.«
»Das war Mundungus?«, sagte Harry verblüfft. »Was hat er im Eber-
kopf getrieben?«
»Was glaubst du wohl?«, erwiderte Sirius ungeduldig. »Ein Auge auf
dich gehalten natürlich.«
»Ich werde immer noch beschattet?«, fragte Harry zornig.
»Allerdings«, sagte Sirius, »und völlig zu Recht, findest du nicht,
wenn du an deinem freien Wochenende gleich als Erstes eine illegale
Verteidigungsgruppe gründest.«
Doch er schien weder aufgebracht noch besorgt, im Gegenteil, er
blickte Harry mit sichtlichem Stolz an.
»Warum hat sich Dung vor uns versteckt?«, fragte Ron enttäuscht.
»Wir hätten ihn gern gesehen.«
»Er hat seit zwanzig Jahren Hausverbot im Eberkopf«, sagte Sirius,
»und dieser Wirt hat ein gutes Gedächtnis. Wir haben Moodys zweiten
Tarnumhang verloren, als sie Sturgis verhafteten, also hat sich Dung in
366

letzter Zeit öfter als Hexe verkleidet … sei’s drum … aber erst mal zu
dir, Ron – ich habe versprochen, dir von deiner Mutter etwas auszu-
richten.«
»Ach ja?«, sagte Ron argwöhnisch.
»Sie sagt, du darfst auf gar keinen Fall an einer illegalen Geheim-
gruppe für Verteidigung gegen die dunklen Künste teilnehmen. Du
würdest garantiert rausgeworfen werden und deine Zukunft wäre rui-
niert. Später sei noch genug Zeit zu lernen, wie du dich verteidigen
kannst, und du seist zu jung, um dir momentan darüber Sorgen zu ma-
chen. Außerdem«, Sirius’ Augen wandten sich den anderen beiden zu,
»rät sie Harry und Hermine dringend davon ab, mit der Gruppe wei-
terzumachen, auch wenn sie sich im Klaren ist, daß sie euch beiden
keine Anweisungen erteilen kann. Sie bittet euch einfach zu bedenken,
daß sie nur das Beste für euch im Sinn hat. Sie hätte euch das alles ge-
schrieben, aber wenn die Eule abgefangen worden wäre, dann wärt ihr
alle in große Schwierigkeiten geraten, und persönlich kann sie es euch
nicht sagen, weil sie heute Nachtschicht hat.«
»Was für eine Nachtschicht?«, fragte Ron rasch.
»Das braucht dich nicht zu kümmern, es geht um den Orden«, sagte
Sirius. »Also ist es mir zugefallen, die Botschaft zu übermitteln, und
denkt daran, ihr zu sagen, daß ich alles weitergeleitet habe, denn ich
glaube nicht, daß sie mir traut.«
Eine neue Pause trat ein, in der Krummbein maunzend versuchte, Si-
rius’ Kopf mit der Pfote zu berühren, und Ron an einem Loch im Ka-
minvorleger herumfingerte.
»Also willst du, daß ich sage, ich mach bei der Verteidigungsgruppe
nicht mit?«, murmelte er schließlich.
»Ich? Sicher nicht!«, sagte Sirius und sah überrascht aus. »Ich halte
das für eine glänzende Idee!«
»Ach ja?«, sagte Harry und ihm wurde leichter ums Herz.
»Natürlich!«, erwiderte Sirius. »Glaubst du vielleicht, dein Vater und
ich hätten gekuscht und Befehle von einer alten Vettel wie Umbridge
befolgt?«
»Aber – letztes Jahr hast du mir andauernd gesagt, ich soll vorsichtig
sein und keine Risiken eingehen –«
367

»Letztes Jahr sprach alles dafür, daß jemand innerhalb von Hogwarts
versucht hat dich umzubringen, Harry!«, sagte Sirius ungeduldig.
»Dieses Jahr wissen wir, daß jemand da draußen ist, der uns am lieb-
sten alle umbringen will. Deswegen halte ich es für eine sehr gute Idee,
wenn ihr lernt euch gut zu verteidigen!«
»Und wenn wir rausgeworfen werden?«, fragte Hermine mit zwei-
felnder Miene.
»Hermine, das Ganze war deine Idee!«, sagte Harry und starrte sie an.
»Das weiß ich sehr wohl. Ich wollte nur wissen, was Sirius davon
hält«, sagte sie achselzuckend.
»Nun ja, besser rausgeworfen und in der Lage, euch zu verteidigen,
als sicher in der Schule zu sitzen und keine Ahnung zu haben«, sagte
Sirius.
»Du sagst es«, bestätigten Ron und Harry begeistert.
»Also«, fuhr Sirius fort, »wie wollt ihr diese Gruppe organisieren?
Wo trefft ihr euch?«
»Na ja, das ist ein ziemliches Problem«, sagte Harry. »Keine Ahnung,
wo wir uns treffen können.«
»Wie wär ’s mit der Heulenden Hütte?«, schlug Sirius vor.
»Hey, das ist ’ne Idee!«, sagte Ron entzückt, aber Hermine schnaubte
skeptisch, und alle drei wandten sich ihr zu, wobei Sirius’ Kopf sich in
den Flammen drehte.
»Hör mal, Sirius, immerhin wart ihr nur zu viert, als ihr euch damals
während eurer Schulzeit in der Heulenden Hütte getroffen habt«, sagte
Hermine. »Außerdem konntet ihr euch alle in Tiere verwandeln, und
ich denke mal, wenn ihr gewollt hättet, dann hättet ihr euch alle unter
einen einzigen Tarnumhang zwängen können. Aber wir sind immerhin
achtundzwanzig und keiner von uns ist ein Animagus, also brauchten
wir weniger einen Tarnumhang als vielmehr eine Tarnmarkise –«
»Du hast Recht«, sagte Sirius ein wenig geknickt. »Aber ich bin mir
sicher, daß euch was einfallen wird. Früher war hinter diesem großen
Spiegel im vierten Stock ein ziemlich geräumiger Geheimgang, viel-
leicht habt ihr dort drin genug Platz, um Zaubern zu üben.«
»Fred und George haben mir gesagt, er ist versperrt«, erwiderte
Harry kopfschüttelnd. »Eingestürzt oder so was.«
368

»Oh …«, sagte Sirius stirnrunzelnd. »Nun, ich denk mal drüber nach
und komm drauf zur…«
Er brach ab. Sein Gesicht wirkte plötzlich angespannt und erschrok-
ken. Er wandte sich zur Seite und schien auf die massive Backstein-
mauer des Kamins zu schauen.
»Sirius?«, fragte Harry besorgt.
Doch er war verschwunden. Harry stierte einen Moment lang in die
Flammen, dann wandte er sich Ron und Hermine zu.
»Warum ist er –?«
Hermine keuchte entsetzt und sprang auf, ohne den Blick vom Feuer
zu wenden.
Eine Hand war in den Flammen erschienen und machte tastende Be-
wegungen, als wollte sie etwas zu fassen bekommen. Es war eine
plumpe Hand, mit Stummelfingern voller häßlicher altmodischer
Ringe.
Die drei jagten davon. An der Tür zum Jungenschlafsaal warf Harry
einen Blick zurück. Umbridges Hand tastete immer noch in den Flam-
men umher, als wüßte sie genau, wo eben noch Sirius’ Haare gewesen
waren, und wäre fest entschlossen, sie zu packen.
369

Dumbledores Armee
»Umbridge hat deine Post gelesen, Harry. Das ist die einzige Erklä-
rung.«
»Glaubst du, Umbridge hat Hedwig angegriffen?«, fragte er empört.
»Da bin ich mir fast sicher«, sagte Hermine grimmig. »Paß auf, dein
Frosch haut ab.«
Harry richtete den Zauberstab auf den Ochsenfrosch, der hoffnungs-
voll zur anderen Tischseite gehüpft war – »Accio!« –, und er flutschte
mit trübseligem Blick zurück in Harrys Hand.
Zauberkunst war immer eine der besten Gelegenheiten, sich ganz un-
gestört zu unterhalten. Normalerweise ging es hier so lebhaft und be-
triebsam zu, daß die Gefahr, belauscht zu werden, sehr gering war.
Heute, wo das Klassenzimmer voller quakender Ochsenfrösche und
krähender Raben war und schwere Regentropfen gegen die Fenster
prasselten und trommelten, blieb Harrys, Rons und Hermines geflü-
sterte Unterhaltung darüber, daß Umbridge um ein Haar Sirius gefaßt
hätte, völlig unbemerkt.
»Ich habe das schon vermutet, seit Filch dich beschuldigt hat, du
würdest Stinkbomben bestellen, weil das so eine dumme Lüge war«,
flüsterte Hermine. »Sobald er nämlich deinen Brief gelesen hätte, wäre
vollkommen klar gewesen, daß du sie nicht bestellt hast, also hättest du
gar keine Schwierigkeiten bekommen – ein ziemlich schlechter Witz,
oder? Aber dann habe ich mir überlegt, was wäre, wenn jemand nur
eine Ausrede gesucht hätte, um deine Post zu lesen? Ja, dann wäre es
ganz geschickt von Umbridge gewesen – sie gibt Filch einen Tipp und
er macht für sie die Drecksarbeit und beschlagnahmt den Brief. Dann
370

stiehlt sie ihn irgendwie von ihm oder verlangt ihn zu sehen – ich
glaube nicht, daß Filch sich wehren würde, wann ist er je für die Rechte
eines Schülers eingetreten? Harry, du zermatschst deinen Frosch.«
Harry blickte hinab; tatsächlich hatte er seinen Ochsenfrosch so fest
gepackt, daß ihm die Augen hervorquollen; hastig setzte er ihn zurück
aufs Pult.
»Das war gestern Nacht furchtbar knapp«, sagte Hermine. »Ich frage
mich nur, ob Umbridge weiß, wie knapp. Silencio.«
Dem Ochsenfrosch, an dem sie ihren Schweigezauber übte, verschlug
es mitten im Quaken die Stimme und er stierte sie vorwurfsvoll an.
»Wenn sie Schnuffel zu fassen gekriegt hätte –«
Harry beendete den Satz für sie.
»– würde er ziemlich sicher heute Morgen schon wieder in Askaban
sitzen.« Er wedelte mit seinem Zauberstab, ohne sich richtig zu kon-
zentrieren; sein Ochsenfrosch schwoll an wie ein grüner Ballon und
ließ ein schrilles Pfeifen hören.
»Silencio!«, sagte Hermine rasch und richtete ihren Zauberstab auf
Harrys Frosch, aus dem vor ihren Augen geräuschlos die Luft entwich.
»Nun ja, wir dürfen es einfach nicht mehr tun, das ist alles. Ich weiß
nur nicht, wie wir ihm das mitteilen können. Wir können ihm doch
keine Eule schicken.«
»Ich glaub nicht, daß er das noch mal riskieren wird«, sagte Ron. »Er
ist nicht auf den Kopf gefallen, er weiß, daß sie ihn beinahe gekriegt
hätte. Silencio.«
Der große, häßliche Rabe vor ihm krächzte höhnisch.
»Silencio. SILENCIO!«
Der Rabe krächzte lauter.
»Es liegt daran, wie du deinen Zauberstab bewegst«, sagte Hermine,
die Ron mit kritischem Blick zusah, »du sollst nicht mit ihm rumfuch-
teln, es ist eher eine Art blitzschneller Stoß.«
»Raben sind schwieriger als Frösche«, sagte Ron gereizt.
»Schön, dann laß uns tauschen«, sagte Hermine, packte Rons Raben
und setzte ihm dafür ihren fetten Ochsenfrosch hin. »Silencio!« Der
Rabe öffnete und schloß weiter seinen scharfen Schnabel, doch entwich
ihm kein Laut mehr.
371

»Sehr gut, Miß Granger!«, ertönte Professor Flitwicks quiekende
dünne Stimme und Harry, Ron und Hermine schraken zusammen.
»Nun, lassen Sie mich mal sehen, Mr. Weasley.«
»Waa…? Oh – oh, na gut«, sagte Ron ziemlich nervös. »Ähm – Silen-
cio!«
Er stieß so heftig gegen den Ochsenfrosch, daß er ihn ins Auge stach;
der Frosch ließ ein ohrenbetäubendes Quaken hören und hüpfte vom
Pult.
Keinen von ihnen überraschte es, daß Harry und Ron zusätzlich zu
den Hausaufgaben den Schweigezauber üben sollten.
Während der Pause durften sie drinbleiben, weil es draußen schüt-
tete. Sie suchten sich Plätze in einem lärmigen und überfüllten Klassen-
zimmer im ersten Stock, wo Peeves verträumt in der Nähe des Kron-
leuchters umherschwebte und gelegentlich jemandem ein Tintenkügel-
chen auf den Kopf blies. Sie hatten sich kaum gesetzt, als Angelina sich
durch die Knäuel schwatzender Schüler zu ihnen durchdrängelte.
»Ich hab die Genehmigung!«, sagte sie. »Die Quidditch-Mannschaft
darf wieder zusammenkommen!«
»Toll!«, sagten Harry und Ron gleichzeitig.
»Ja«, strahlte Angelina. »Ich bin zu McGonagall gegangen, und ich
könnte mir vorstellen, daß sie sich an Dumbledore gewandt hat. Wie
auch immer, Umbridge mußte nachgeben. Ha! Also will ich euch heute
Abend um sieben unten auf dem Feld sehen, verstanden, weil wir Zeit
gutmachen müssen. Ist euch klar, daß es nur noch drei Wochen bis zu
unserem ersten Spiel sind?«
Sie quetschte sich zurück durch die Menge, wich knapp einem Tin-
tenkügelchen von Peeves aus, das statt dessen einen Erstkläßler in der
Nähe traf, und verschwand.
Rons Lächeln geriet ein wenig schief, als er zum Fenster blickte, das
der trommelnde Regen jetzt verdunkelt hatte.
»Hoffentlich klart es noch auf. Was ist los mit dir, Hermine?«
Auch sie starrte zum Fenster, doch ohne es wirklich zu sehen. Ihr
Blick war verschwommen und sie hatte die Stirn gerunzelt.
»Ich denk nur nach …«, sagte sie und stierte weiter mit finsterer
Miene zum regennassen Fenster.
372

»Über Siri… – Schnuffel?«, sagte Harry.
»Nein … nicht unbedingt …«, sagte Hermine langsam. »Eher … ich
frag mich … ich nehme an, wir tun doch das Richtige … denk ich …
oder nicht?« Harry und Ron blickten sich an.
»Ach so, alles klar«, sagte Ron. »Hätte mich echt geärgert, wenn du
nicht genau erklärt hättest, um was es geht.«
Hermine sah ihn an, als wäre ihr eben erst aufgefallen, daß er anwe-
send war.
»Ich hab mich nur gefragt«, sagte sie jetzt etwas lauter, »ob wir das
Richtige tun, wenn wir diese Gruppe für Verteidigung gegen die dunk-
len Künste gründen.«
»Was?«, riefen Harry und Ron zugleich.
»Hermine, das war immerhin deine Idee!«, sagte Ron entrüstet.
»Ich weiß«, sagte Hermine und verschlang die Finger ineinander.
»Aber nachdem wir mit Schnuffel gesprochen haben …«
»Aber der ist doch voll und ganz dafür«, erwiderte Harry.
»Ja«, sagte Hermine und starrte wieder zum Fenster. »Ja, deshalb bin
ich ja drauf gekommen, daß es vielleicht doch keine so gute Idee war …«
Peeves schwebte bäuchlings über sie hinweg, das Blasrohr im An-
schlag; instinktiv hoben alle drei ihre Taschen, um ihre Köpfe zu schüt-
zen, bis er vorbei war.
»Versteh ich dich richtig?«, sagte Harry aufgebracht, als sie die Ta-
schen wieder zu Boden stellten. »Sirius ist unserer Meinung, und des-
halb denkst du jetzt, daß wir es nicht mehr tun sollten?«
Hermine wirkte angespannt und ziemlich unglücklich. »Mal ehrlich«,
sagte sie und sah nun auf ihre Hände, »traut ihr seinem Urteil?«
»Ja, ich schon!«, sagte Harry sofort. »Wir haben immer glänzende
Ratschläge von ihm bekommen!«
Eine Tintenkugel sirrte an ihnen vorbei und traf Katie Bell mitten ins
Ohr. Hermine sah zu, wie Katie aufsprang und anfing, Peeves mit Sa-
chen zu bewerfen; einige Sekunden vergingen, ehe Hermine wieder
sprach, und es klang, als wählte sie ihre Worte sehr sorgfältig.
»Denkt ihr nicht, er ist … irgendwie … leichtsinnig geworden … seit
er am Grimmauldplatz festsitzt? Denkt ihr nicht, daß er … sozusagen
… durch uns lebt?«
373

»Was soll das heißen, ›durch uns lebt‹?«, erwiderte Harry.
»Ich meine … nun, ich glaube, er würde liebend gerne geheime Ver-
teidigungsklubs direkt vor der Nase von jemandem aus dem Ministe-
rium gründen … Ich glaube, es ist fürchterlich frustrierend für ihn, daß
er dort, wo er ist, so wenig unternehmen kann … deswegen vermute
ich, er ist erpicht darauf, uns sozusagen … anzustacheln.«
Ron schaute völlig verdattert.
»Sirius hat Recht«, sagte er, »du klingst tatsächlich wie meine Mutter.«
Hermine biß sich auf die Lippe und antwortete nicht. Es läutete just
in dem Moment, da Peeves auf Katie herabstieß und ein ganzes Tinten-
faß über ihrem Kopf ausleerte.
Das Wetter besserte sich auch später am Tag nicht, und als Harry und
Ron abends um sieben zum Quidditch-Feld hinuntergingen, waren sie
nach ein paar Minuten völlig durchweicht und rutschten und schlitter-
ten über das nasse Gras. Der Himmel war von einem dunklen Gewit-
tergrau, und sie waren erleichtert, als sie die warmen und hellen Um-
kleideräume erreichten, obwohl sie wußten, daß es nur ein kurzer Auf-
schub war. Fred und George überlegten gerade, ob sie etwas von ihren
eigenen Nasch-und-Schwänz-Leckereien nehmen sollten, um nicht flie-
gen zu müssen.
»… aber ich wette, sie würde uns draufkommen«, sagte Fred aus dem
Mundwinkel. »Hätte ich ihr gestern bloß keine Kotzpastillen angebo-
ten.«
»Wir könnten den Fieberfondant probieren«, murmelte George, »den
kennt noch keiner –«
»Funktioniert der?«, fragte Ron hoffnungsvoll, während der Regen
heftiger aufs Dach trommelte und der Wind um das Gebäude heulte.
»Ja, schon«, sagte Fred, »deine Temperatur steigt ziemlich.«
»Aber du kriegst auch diese riesigen Furunkel voller Eiter«, sagte Ge-
orge, »und wir haben noch nicht rausbekommen, wie man die wieder
loswird.«
»Ich seh aber keine Furunkel«, sagte Ron und starrte die Zwillinge an.
»Nein, natürlich nicht«, sagte Fred finster, »die sind an Stellen, die
wir normalerweise nicht der Öffentlichkeit zeigen.«
374

»Aber wenn du auf dem Besen sitzt, dann tut dir verdammt der –«
»Alles klar jetzt, hört alle zu«, sagte Angelina laut und trat aus dem
Kapitänsbüro. »Ich weiß, das Wetter ist nicht gerade ideal, aber wo-
möglich spielen wir unter solchen Bedingungen gegen die Slytherins,
also ist es ganz gut, zu testen, wie wir mit so was fertig werden. Harry,
hast du nicht damals, als wir im Sturm gegen Hufflepuff gespielt ha-
ben, etwas mit deiner Brille gemacht, damit sie im Regen nicht be-
schlägt?«
»Das war Hermine«, sagte Harry. Er zog seinen Zauberstab, klopfte
gegen seine Brille und sagte: »Impervius!«
»Ich denke, wir alle sollten das versuchen«, sagte Angelina. »Wenn
wir uns den Regen aus dem Gesicht halten könnten, hätten wir viel
bessere Sicht – alle zusammen, los jetzt – Impervius! Okay. Gehen wir.«
Sie steckten die Zauberstäbe wieder in die Innentaschen ihrer Um-
hänge, schulterten die Besen und folgten Angelina aus dem Umkleide-
raum.
Sie stapften durch den immer tieferen Matsch zur Mitte des Felds.
Selbst mit dem Impervius-Zauber war die Sicht nur sehr mäßig; das Ta-
geslicht schwand rasch und Regenschleier trieben übers Land.
»Also gut, auf meinen Pfiff«, rief Angelina.
Harry stieß sich vom Boden ab und Schlamm spritzte in alle Richtun-
gen; er schoß nach oben, wobei ihn der Wind leicht vom Kurs ab-
brachte. Er hatte keine Ahnung, wie er bei diesem Wetter den Schnatz
sehen sollte; es war schon schwierig genug, den einen Klatscher auszu-
machen, mit dem sie trainierten und der ihn nach einer Minute fast
vom Besen geschlagen hätte, wenn er ihm nicht mit der Faultierrolle
ausgewichen wäre. Leider sah Angelina das gar nicht. Tatsächlich
schien sie überhaupt nichts zu sehen; keiner hatte eine Ahnung, was
die anderen machten. Der Wind wurde stärker; Harry konnte sogar aus
der beträchtlichen Entfernung hören, wie der Regen auf den See pras-
selte und peitschte.
Angelina ließ sie fast eine Stunde lang fliegen, bis sie endlich aufgab.
Sie führte ihr durchnäßtes und griesgrämiges Team zurück in die Um-
kleideräume und verkündete, das Training sei keine Zeitverschwen-
dung gewesen, ohne allerdings sonderlich überzeugt zu klingen. Fred
375

und George sahen besonders miesepetrig drein; beide liefen breitbeinig
und zuckten bei jeder Bewegung zusammen. Während Harry sich die
Haare trockenrubbelte, hörte er, wie sie sich leise beklagten.
»Ich glaub, bei mir sind ’n paar aufgeplatzt«, sagte Fred mit hohler
Stimme.
»Bei mir nicht«, erwiderte George und zuckte zusammen, »die tun
weh wie verrückt… sind sogar noch größer geworden, wenn du mich
fragst.«
»AUTSCH!«, sagte Harry.
Er drückte sich das Handtuch aufs Gesicht und kniff die Augen vor
Schmerz zusammen. Seine Stirnnarbe hatte wieder gebrannt, so heftig
wie seit Wochen nicht mehr.
»Was ist los?«, sagten mehrere Stimmen.
Harry ließ das Handtuch sinken. Er sah den Umkleideraum ver-
schwommen, weil er seine Brille nicht trug, dennoch wußte er, daß alle
Gesichter ihm zugewandt waren.
»Nichts«, murmelte er, »ich – hab mir nur ins Auge gepikst, nichts
weiter.«
Doch er warf Ron einen vielsagenden Blick zu, und die beiden trödel-
ten ein wenig, während die anderen in ihre Mäntel gehüllt, die Hüte
tief über die Ohren gezogen, nacheinander hinausgingen.
»Was ist passiert?«, fragte Ron, kaum daß Alicia durch die Tür ver-
schwunden war. »War es deine Narbe?«
Harry nickte.
»Aber …«, mit ängstlichem Blick ging Ron hinüber zum Fenster und
starrte in den Regen hinaus, »er – er kann doch jetzt nicht in der Nähe
sein, oder?«
»Nein«, murmelte Harry, ließ sich auf eine Bank sinken und rieb sich
die Stirn. »Wahrscheinlich ist er meilenweit weg. Es hat weh getan …
weil er … zornig ist.«
Harry hatte das gar nicht sagen wollen, und er hörte die Worte, als ob
ein Fremder sie gesprochen hätte – doch wußte er sofort, daß sie
stimmten. Er hatte zwar keinen Schimmer, warum, aber er wußte es;
wo auch immer Voldemort steckte, was auch immer er trieb – er raste
vor Wut.
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»Hast du ihn etwa gesehen?«, fragte Ron entsetzt. »Hattest du … eine
Vision oder so was?«
Nun, da der Schmerz nachgelassen hatte, saß Harry ganz ruhig da,
starrte auf seine Füße und ließ Kopf und Gedächtnis zur Ruhe kommen.
Ein Durcheinander schemenhafter Gestalten, ein Ansturm heulender
Stimmen …
»Er will, daß etwas erledigt wird, und das geschieht nicht schnell ge-
nug«, sagte er.
Wieder war er überrascht, diese Worte aus seinem eigenen Mund zu
hören, und doch war er sich völlig sicher, die Wahrheit zu sagen.
»Aber … woher weißt du das?«, sagte Ron.
Harry schüttelte den Kopf, legte die Hände aufs Gesicht und preßte
die Handballen auf die Augen. Sternchen funkelten auf. Er merkte, daß
Ron sich neben ihn auf die Bank setzte, und spürte, daß er ihn an-
starrte.
»Geht es ums Gleiche wie beim letzten Mal?«, sagte Ron mit ge-
dämpfter Stimme. »Als dir in Umbridges Büro die Narbe wehtat? Du-
weißt-schon-wer war zornig?«
Harry schüttelte den Kopf. »Was ist es dann?«
Harry rief sich in Erinnerung, wie es gewesen war. Er hatte Umbridge
ins Gesicht gesehen … seine Narbe hatte geschmerzt … und er hatte
dieses merkwürdige Gefühl im Magen gehabt… ein merkwürdiges,
aufloderndes Gefühl … ein Gefühl von Glück … aber natürlich hatte er
nicht erkannt, was es war, weil er sich selbst so elend gefühlt hatte …
»Das letzte Mal war es, weil er sich gefreut hat«, sagte er. »Wirklich
gefreut. Er dachte … etwas Gutes würde passieren. Und in der Nacht,
ehe wir nach Hogwarts zurückfuhren …« Er dachte an den Moment in
ihrem Schlafzimmer am Grimmauldplatz zurück, als seine Narbe so
heftig geschmerzt hatte … »da war er wütend…«
Er sah zu Ron, der ihn mit offenem Mund anstarrte.
»Du könntest Trelawneys Job übernehmen, Mann«, sagte er in ehr-
fürchtigem Ton.
»Ich mache keine Prophezeiungen«, sagte Harry.
»Nein, aber weißt du, was du tust?«, sagte Ron verängstigt und beein-
druckt zugleich. »Harry,
du liest die Gedanken von Du-weißt-schon-wem!«
377

»Nein«, entgegnete Harry und schüttelte den Kopf. »Es ist eher …
seine Stimmung, würde ich sagen. Ich spüre nur blitzartig, in welcher
Stimmung er ist. Dumbledore meinte, so etwas wäre letztes Jahr pas-
siert. Er meinte, wenn Voldemort in meiner Nähe ist oder wenn er Haß
fühlt, kann ich es spüren. Tja, jetzt spüre ich auch, wenn er sich
freut …«
Eine Pause trat ein. Wind und Regen peitschten gegen das Gebäude.
»Das mußt du jemandem erzählen«, sagte Ron.
»Letztes Mal hab ich’s Sirius erzählt.«
»Gut, dann sag’s ihm auch diesmal!«
»Geht schlecht, oder?«, sagte Harry grimmig. »Du weißt doch, Um-
bridge überwacht die Eulen und die Kamine.«
»Gut, dann Dumbledore.«
»Ich hab dir doch eben gesagt, daß er es schon weiß«, sagte Harry
knapp, stand auf, nahm seinen Mantel vom Haken und schwang ihn
sich um die Schultern. »Es hat keinen Sinn, es ihm noch mal zu sagen.«
Während Ron seinen Mantel zumachte, musterte er Harry nachdenk-
lich.
»Dumbledore wird es erfahren wollen«, sagte er.
Harry zuckte die Achseln.
»Komm schon … wir müssen noch Schweigezauber üben.«
Sie eilten über die dunklen Schloßgründe zurück, rutschten und stol-
perten über den glitschigen Rasen und sprachen unterwegs kein Wort.
Harry dachte angestrengt nach. Was war es, das Voldemort erledigt se-
hen wollte und das nicht rasch genug geschah?
»… er hat noch andere Pläne … Pläne, die er tatsächlich ganz ohne Aufse-
hen verwirklichen kann … Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann
… zum Beispiel eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.«
Harry hatte seit Wochen nicht mehr über diese Worte nachgedacht.
Was in Hogwarts geschah, hatte ihn zu sehr in Anspruch genommen, er
war zu beschäftigt mit dem ständigen Kampf gegen Umbridge, mit der
Ungerechtigkeit der Einmischungen des Ministeriums … doch nun fie-
len ihm diese Worte wieder ein und machten ihn nachdenklich … Vol-
demorts Zorn würde Sinn ergeben, wenn er der Waffe nicht näher ge-
kommen wäre, was auch immer es war. Hatte der Orden sein Vorhaben
378

vereitelt, verhindert, daß er die Waffe in die Hand bekam? Wo wurde
sie aufbewahrt? Wer hatte sie jetzt?
»Mimbulus mimbeltonia«, sagte Rons Stimme, und Harry erwachte ge-
rade noch rechtzeitig aus seinen Grübeleien, um durch das Porträtloch
in den Gemeinschaftsraum zu klettern.
Offenbar war Hermine früh zu Bett gegangen. Sie hatte den zusam-
mengerollten Krummbein in einem nahen Sessel und ein paar knubb-
lige Elfenstrickhüte auf einem Tisch am Kamin zurückgelassen. Harry
war eher froh, daß sie nicht da war, denn er war nicht sonderlich er-
picht darauf, über seine schmerzende Narbe zu diskutieren und sich
auch noch von ihr sagen zu lassen, er solle unbedingt zu Dumbledore
gehen. Ron warf ihm weiter besorgte Blicke zu, aber Harry holte sein
Zauberkunstbuch heraus und machte Anstalten, seinen Aufsatz zu
Ende zu schreiben. Allerdings gab er nur vor, sich zu konzentrieren,
und als Ron sagte, er würde jetzt auch nach oben und schlafen gehen,
hatte er noch kaum etwas zu Papier gebracht.
Mitternacht kam und ging, während Harry ein ums andere Mal einen
Abschnitt über die Anwendungen von Löffelkraut, Liebstöckel und
Nieskraut durchlas und kein einziges Wort davon begriff.
Diese Pflantzen verursachen höchst wirksam eine Entzündung des Gehirnes
und finden von daher oft Eingang in verwirrende und berauschende Art-
zeneien, mit denen der Zauberer wünschet heißen Kopfes und leichten Sinnes
zu werden …
… Hermine hatte gesagt, Sirius würde leichtsinnig werden, zur Untä-
tigkeit verdammt am Grimmauldplatz …
… verursachen höchst wirksam eine Entzündung des Gehirnes und finden
von daher oft Eingang …
… der Tagesprophet würde glauben, sein Gehirn sei entzündet, wenn
sie rausfänden, daß er wußte, was Voldemort fühlte …
… finden von daher oft Eingang in verwirrende und berauschende Art-
zeneien
… verwirrend war das treffende Wort; warum wußte er, was Volde-
mort fühlte? Worin bestand jene unheimliche Verbindung zwischen
ihm und Voldemort, die Dumbledore ihm nie richtig hatte erklären
können?
379

… mit denen der Zauberer wünschet …
… wie gerne würde Harry schlafen …
… heißen Kopfes … zu werden …
… hier in seinem Sessel vor dem Feuer war es warm und behaglich,
während der Regen immer noch schwer gegen die Fensterscheiben
trommelte, Krummbein schnurrte und die Flammen knisterten …
Das Buch rutschte aus Harrys Hand und landete mit einem dumpfen
Schlag auf dem Kaminvorleger. Sein Kopf glitt zur Seite …
Wieder einmal ging er durch einen fensterlosen Korridor, seine
Schritte hallten in der Stille wider. Die Tür am Ende des Korridors
wurde drohend größer und sein Herz schlug schnell vor Aufregung …
wenn er sie nur öffnen könnte … den Raum dahinter betreten…
Er streckte die Hand aus … seine Fingerspitzen waren Zentimeter
von ihr entfernt …
»Harry Potter, Sir!«
Er schreckte hoch. Die Kerzen im Gemeinschaftsraum waren nieder-
gebrannt. Ganz in der Nähe bewegte sich etwas.
»Wer da?«, fragte Harry und richtete sich jäh auf. Das Feuer war fast
erloschen, es war sehr dunkel im Raum.
»Dobby hat Ihre Eule, Sir!«, sagte eine Quiekstimme.
»Dobby?«, nuschelte Harry und erspähte im Dämmerlicht, woher die
Wo r t e k a m e n .
Dobby der Hauself stand neben dem Tisch, auf dem Hermine ein hal-
bes Dutzend ihrer Strickhüte hinterlassen hatte. Seine großen spitzen
Ohren ragten, wie es aussah, unter sämtlichen Hüten hervor, die Her-
mine je gestrickt hatte. Er trug sie alle übereinander, so daß sein Kopf
um fast einen Meter höher erschien, und auf dem obersten Bommel saß
Hedwig, die munter schrie und offensichtlich wieder gesund war.
»Dobby hat sich freiwillig gemeldet, um Harry Potters Eule zurück-
zubringen«, quiekte der Elf mit einem Ausdruck unverhohlener Be-
wunderung im Gesicht. »Professor Raue-Pritsche sagt, sie sei nun wie-
der ganz gesund, Sir.« Er verneigte sich so tief, daß seine Bleistiftnase
über den zerschlissenen Kaminvorleger streifte und Hedwig mit einem
entrüsteten Schrei auf Harrys Sessellehne flatterte.
380

»Danke, Dobby!«, sagte Harry, streichelte Hedwigs Kopf und blin-
zelte angestrengt, um das Bild der Tür aus seinem Traum loszuwerden
… sie war ihm so wirklich erschienen. Als er wieder zu Dobby blickte,
fiel ihm auf, daß der Elf zu allem Überfluß auch noch mehrere Schals
und unzählige Socken trug und seine Füße deshalb viel zu groß für sei-
nen Körper wirkten.
»Ähm … hast du alle Sachen genommen, die Hermine ausgelegt
hat?«
»O nein, Sir«, sagte Dobby glücklich. »Dobby hat auch ein paar Sa-
chen für Winky mitgenommen, Sir.«
»Ach so. Und wie geht’s Winky?«, fragte Harry. Dobby ließ ein wenig
die Ohren hängen.
»Winky trinkt immer noch eine Menge, Sir«, sagte er traurig, die ge-
waltigen grünen Augen, groß und rund wie Tennisbälle, zu Boden ge-
senkt. »Sie will immer noch nichts von Kleidung wissen, Harry Potter.
Und die anderen Hauselfen auch nicht. Keiner will mehr den Gryf-
findor-Turm putzen, wo doch jetzt überall die Hüte und Socken ver-
steckt sind, sie halten das für eine Beleidigung, Sir. Dobby macht alles
alleine, Sir, aber Dobby ist es egal, Sir, weil er immer hofft Harry Potter
zu treffen, und heute Nacht, Sir, ist sein Wunsch in Erfüllung gegan-
gen!« Dobby sank wieder in eine tiefe Verbeugung. »Aber Harry Potter
kommt mir nicht glücklich vor«, fuhr er fort, richtete sich auf und
schaute Harry schüchtern an. »Dobby hat ihn im Schlaf murmeln hö-
ren. Hat Harry Potter schlimme Träume gehabt?«
»Nicht allzu schlimme.« Harry gähnte und rieb sich die Augen. »Ich
hatte schon schlimmere.«
Der Elf beobachtete Harry aus seinen großen Kugelaugen. Dann ließ
er die Ohren hängen und sagte sehr ernst: »Dobby wünschte, er könnte
Harry Potter helfen, denn Harry Potter hat Dobby befreit und Dobby
ist jetzt viel, viel glücklicher.«
Harry lächelte.
»Du kannst mir nicht helfen, Dobby, aber danke für das Angebot.«
Er bückte sich und hob sein Zaubertrankbuch auf. Morgen mußte er
noch einmal versuchen den Aufsatz fertig zu schreiben. Er schloß das
Buch und in diesem Moment fiel das Licht des Feuers auf die feinen
381

weißen Narben auf seinem Handrücken – die Folge seiner Strafarbeiten
bei Umbridge …
»Einen Moment – da ist tatsächlich etwas, das du für mich tun
kannst, Dobby«, sagte Harry langsam.
Der Elf wandte sich mit strahlendem Lächeln um. »Sagen Sie es,
Harry Potter, Sir!«
»Ich muß einen Ort finden, wo achtundzwanzig Leute Verteidigung
gegen die dunklen Künste üben können, ohne daß sie von irgendeinem
Lehrer entdeckt werden. Vor allem nicht« – Harry umklammerte das
Buch so fest, daß die Narben perlweiß schimmerten – »von Professor
Umbridge.«
Er hätte erwartet, daß dem Elfen das Lächeln vergehen und er die
Ohren hängen lassen würde; er hätte erwartet, daß er sagen würde, es
sei unmöglich, oder auch, daß er etwas suchen würde, aber nur wenig
Hoffnung habe. Nicht erwartet hätte er jedoch, daß Dobby einen klei-
nen Hopser machte, die Ohren fröhlich wackeln ließ und in die Hände
klatschte.
»Dobby weiß, wo es am besten geht, Sir!«, sagte er glücklich. »Dobby
hat gehört, wie die anderen Hauselfen davon erzählt haben, als er nach
Hogwarts kam, Sir. Bei uns heißt er der Da-und-fort-Raum, Sir, oder
auch der Raum der Wünsche!«
»Warum?«, fragte Harry neugierig.
»Weil es ein Raum ist«, sagte Dobby ernsthaft, »den jemand nur be-
treten kann, wenn er ihn unbedingt braucht. Manchmal ist er da,
manchmal nicht, aber wenn er erscheint, ist er immer ganz nach den
Bedürfnissen des Suchenden eingerichtet.« Er senkte die Stimme und
fuhr mit schuldbewußter Miene fort: »Dobby hat ihn benutzt, Sir, als
Winky sehr betrunken war; er hat sie im Raum der Wünsche versteckt
und dort Mittel gegen Butterbier gefunden und ein hübsches elfengro-
ßes Bett, wo sie ihren Rausch ausschlafen konnte … und Dobby weiß,
daß Mr. Filch dort schon einmal Putzmittel gefunden hat, als sie ihm
ausgegangen sind, Sir, und –«
»Und wenn du wirklich mal aufs Klo müßtest«, sagte Harry, dem
plötzlich etwas eingefallen war, das Dumbledore beim letzten Weih-
nachtsball gesagt hatte, »würde er dann voller Nachttöpfe sein?«
382

»Dobby glaubt schon, Sir«, sagte Dobby und nickte ernst. »Es ist ein
höchst erstaunlicher Raum, Sir.«
»Wie viele Leute wissen davon?«, fragte Harry und setzte sich auf-
rechter hin.
»Sehr wenige, Sir. Meist stolpern die Leute über ihn, wenn sie ihn
brauchen, Sir, aber oft finden sie ihn nie wieder, denn sie wissen nicht,
daß er immer da ist und wartet, bis er gebraucht wird, Sir.«
»Klingt ja fabelhaft«, sagte Harry und sein Herz schlug wie rasend.
»Klingt perfekt, Dobby. Wann kannst du mir zeigen, wo er ist?«
»Jederzeit, Harry Potter, Sir«, sagte Dobby und schien sich über Har-
rys Begeisterung zu freuen. »Wir können jetzt gleich gehen, wenn Sie
wünschen!«
Einen Moment lang war Harry versucht mit Dobby zu gehen. Er
hatte sich schon halb erhoben und wollte in den Schlafsaal eilen, um
seinen Tarnumhang zu holen, als nicht zum ersten Mal eine Stimme,
die sehr nach Hermine klang, in sein Ohr flüsterte: Leichtsinnig. Es war
immerhin schon ziemlich spät und er war erschöpft.
»Nicht heute Nacht, Dobby«, sagte Harry widerstrebend und ließ
sich wieder in den Sessel sinken. »Das ist wirklich wichtig … ich will’s
nicht vermasseln, das müssen wir richtig planen. Hör zu, sag mir doch
einfach, wo genau dieser Raum der Wünsche ist und wie man hinein-
kommt.«
Ihre Umhänge bauschten sich und flatterten um sie her, während sie
durch den überschwemmten Gemüsegarten zur Doppelstunde Kräu-
terkunde patschten. Regentropfen hämmerten schwer wie Hagelkörner
auf das Gewächshausdach, so daß sie kaum hören konnten, was Profes-
sor Sprout sagte. Der Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe mußte
an diesem Nachmittag vom sturmgepeitschten Schloßgrund in ein
freies Klassenzimmer im Erdgeschoß verlegt werden, und zu ihrer im-
mensen Erleichterung hatte Angelina beim Mittagessen ihr Team auf-
gesucht und ihnen mitgeteilt, daß das Quidditch-Training ausfiel.
»Gut«, erwiderte Harry leise, als sie es ihm gesagt hatte. »Wir haben
nämlich einen Ort für das erste Treffen unserer Verteidigungsgruppe
gefunden. Heute Abend, acht Uhr, siebter Stock, gegenüber diesem
383

Wandbehang mit Barnabas dem Bekloppten, der von den Trollen ver-
droschen wird. Kannst du das Katie und Alicia ausrichten?«
Sie wirkte leicht verdutzt, versprach es aber. Harry wandte sich wie-
der hungrig seinen Würstchen mit Kartoffelbrei zu. Als er aufblickte,
um einen Schluck Kürbissaft zu nehmen, bemerkte er, daß Hermine ihn
beobachtete.
»Was gibt’s?«, mampfte er.
»Also … ich wollte nur sagen, daß Dobbys Vorhaben manchmal nicht
ungefährlich sind. Weißt du nicht mehr, daß du wegen ihm mal sämtli-
che Armknochen verloren hast?«
»Dieser Raum ist nicht bloß eine verrückte Idee von Dobby; Dumble-
dore kennt ihn auch, beim Weihnachtsball hat er ihn mir gegenüber er-
wähnt.«
Hermines Gesicht hellte sich auf. »Dumbledore hat dir davon erzählt?«
»Nur so nebenbei«, sagte Harry achselzuckend.
»Oh, dann ist es ja okay«, sagte Hermine munter und erhob keine
Einwände mehr.
Gemeinsam mit Ron hatten sie fast den ganzen Tag lang alle Leute
aufgesucht, die im Eberkopf ihren Namen in die Liste eingetragen hat-
ten, und ihnen gesagt, wo sie sich an diesem Abend treffen würden.
Harry war ein wenig enttäuscht, daß es Ginny war, die als Erste auf
Cho und ihre Freundin traf. Gegen Ende des Abendessens jedoch war
er zuversichtlich, daß die Nachricht an alle fünfundzwanzig Leute wei-
tergeleitet worden war, die im Eberkopf gewesen waren.
Um halb acht verließen Harry, Ron und Hermine den Gemeinschafts-
raum der Gryffindors, Harry mit einem gewissen Stück altem Perga-
ment in der Hand. Fünftkläßler durften bis neun auf den Fluren sein,
doch alle drei schauten sich andauernd nervös um, während sie zum
siebten Stock hochstiegen.
»Paßt auf«, warnte Harry, entfaltete das Pergament am Ende der letz-
ten Treppe, stupste mit dem Zauberstab dagegen und murmelte: »Ich
schwöre feierlich, daß ich ein Tunichtgut bin.«
Eine Karte von Hogwarts erschien auf dem leeren Pergament. Darauf
bewegten sich winzige schwarze, mit Namen versehene Punkte, die
zeigten, wo verschiedene Leute steckten.
384

»Filch ist im zweiten Stock«, sagte Harry und hielt sich die Karte nah
vor die Augen, »und Mrs. Norris treibt sich im vierten herum.«
»Und Umbridge?«, fragte Hermine besorgt.
»In ihrem Büro«, sagte Harry und zeigte es ihr. »Okay, gehen wir.«
Sie eilten den Korridor entlang zu der Stelle, die Dobby Harry be-
schrieben hatte, einem Stück kahler Wand gegenüber einem gewaltigen
Wandteppich, auf dem Barnabas’ des Bekloppten törichter Versuch ver-
ewigt war, Trollen Ballett beizubringen.
»Okay«, sagte Harry leise, während ein mottenzerfressener Troll sich
eine kleine Pause beim unablässigen Verprügeln des gescheiterten Bal-
lettlehrers gönnte und ihnen zusah. »Dobby meinte, wir müßten drei-
mal an diesem Stück Wand vorbeigehen und uns mit aller Kraft darauf
konzentrieren, was wir brauchen.«
Das taten sie, wobei sie am Fenster gleich hinter dem kahlen Wand-
stück scharf kehrtmachten und dann wieder an der mannsgroßen Vase
auf der anderen Seite. Ron hatte die Augen vor Anstrengung zusam-
mengekniffen; Hermine flüsterte etwas vor sich hin; Harry hatte die
Fäuste geballt und starrte stur geradeaus.
Wir brauchen einen Raum, in dem wir lernen können zu kämpfen …,
dachte er. Gib uns einen Raum zum Üben … wo sie uns nicht finden kön-
nen …
»Harry!«, sagte Hermine scharf, als sie zum dritten Mal an der Wand
entlanggegangen waren und wieder kehrtmachten.
Eine glänzende polierte Tür war in der Wand erschienen. Ron starrte
sie mit leichtem Argwohn an. Harry streckte die Hand aus, packte die
Messingklinke, zog die Tür auf und ging voraus in einen weitläufigen
Raum, den lodernde Fackeln beleuchteten, wie sie auch in den Kerkern
acht Stockwerke unter ihnen brannten.
An den Wänden zogen sich hölzerne Bücherschränke entlang und
statt Sesseln lagen große Seidenkissen auf dem Boden. Auf einigen Re-
galen auf der anderen Seite des Raums standen verschiedene Instru-
mente wie Spickoskope, Geheimnis-Detektoren und ein großes, kaput-
tes Feindglas, von dem Harry überzeugt war, daß es im vorigen Jahr im
Büro des falschen Moody gehangen hatte.
385

»Die sind gut, wenn wir Schockzauber üben«, sagte Ron begeistert
und stupste mit dem Fuß gegen eines der Kissen.
»Und schaut euch nur diese Bücher an!«, sagte Hermine entzückt und
fuhr mit dem Finger über die Rücken der dicken Lederbände. »Ein
Handbuch gängiger Flüche und Gegenflüche … Die dunklen Künste überli-
stet … Zaubern zur Selbstverteidigung … sagenhaft …« Sie wandte sich
mit glühendem Gesicht zu Harry um, und er sah, daß die Hunderte
von Büchern, die es hier gab, Hermine endlich davon überzeugt hatten,
daß es richtig war, was sie taten. »Harry, das ist wunderbar, hier ist al-
les, was wir brauchen!«
Und ohne Umschweife zog sie Hexen für Verhexte aus dem Regal, ließ
sich auf das nächstbeste Kissen sinken und fing an zu lesen.
Es klopfte sacht an der Tür. Harry wandte sich um. Ginny, Neville,
Lavender, Parvati und Dean waren da.
»Wow«, sagte Dean und spähte beeindruckt umher. »Was ist das für
ein Zimmer?«
Harry fing an zu erklären, doch bevor er geendet hatte, kamen wei-
tere Leute herein und er mußte noch mal von vorn beginnen. Gegen
acht Uhr schließlich waren alle Kissen besetzt. Harry ging hinüber zur
Tür und drehte den Schlüssel um, der aus dem Schloß ragte. Es klickte
beruhigend laut. Alle verstummten und sahen ihn an, Hermine mar-
kierte sorgfältig ihre Seite in Hexen für Verhexte und legte das Buch weg.
»Also«, sagte Harry ein wenig nervös. »Das hier ist der Raum, den
wir für unsere Übungsstunden aufgetrieben haben, und ihr – ähm –
findet ihn offensichtlich ganz brauchbar.«
»Er ist phantastisch!«, sagte Cho und einige Leute murmelten zustim-
mend.
»Ziemlich irre«, sagte Fred und sah sich stirnrunzelnd um. »Wir ha-
ben uns mal vor Filch hier drin versteckt, weißt du noch, George? Aber
damals war es nur ein Besenschrank.«
»Hey, Harry, was sind das für Sachen?«, fragte Dean von hinten und
zeigte auf die Spickoskope und das Feindglas.
»Antiobskuranten«, sagte Harry und ging zwischen den Kissen hin-
durch auf die Instrumente zu. »Im Grunde zeigen sie alle, wenn
386

schwarze Magier oder Feinde in der Nähe sind, aber man kann sich
nicht so recht auf sie verlassen, sie können ausgetrickst werden …«Er spähte einen Moment in das kaputte Feindglas; schattenhafte Ge-
stalten bewegten sich darin, aber keiner war zu erkennen. Er wandte
sich um. »Nun, ich hab darüber nachgedacht, was wir als Erstes tun sollten,
und – ähm –« Er sah eine erhobene Hand. »Ja, Hermine?« »Ich finde, wir sollten einen Anführer wählen«, sagte Hermine.
»Harry ist der Anführer«, sagte Cho prompt und sah Hermine an, als
wäre sie verrückt. Harrys Magen schlug erneut einen Salto rückwärts.
»Ja, aber ich denke, wir sollten richtig darüber abstimmen«, sagte Her-
mine unbeeindruckt. »Das macht da s Ganze offiziell und verleiht ihm
Autorität. Also – wer ist dafür, daß Harry unser Anführer sein soll?«
Alle hoben die Hand, selbst Zacharias Smith, wenn auch recht halb-
herzig. »Ähm – gut, danke«, sagte Harry, dessen Gesicht glühte. »Und – was
noch, Hermine?« »Ich finde außerdem, daß wir uns einen Namen geben sollten«,
strahlte sie, die Hand immer noch erhoben. »Das würde den Teamgeist
und den Zusammenhalt unter uns fördern, meint ihr nicht?«
»Wie wär ’s mit Anti-Umbridge-Liga?«, sagte Angelina hoffnungsvoll.
»Oder die Ministerium-macht-Murks-Gruppe?«, schlug Fred vor.
»Ich würde meinen«, sagte Herm ine mit einem finsteren Blick zu
Fred, »daß wir uns einen Namen geben sollten, der nicht allen verrät,
was wir vorhaben, damit wir ihn auch außerhalb unserer Treffen ge-
fahrlos verwenden können.« »Die Defensiv-Allianz?«, sagte Cho. »Abgekürzt DA, damit niemand
weiß, wovon wir reden?« »Ja, DA ist schon mal gut«, sagte Ginny. »Aber es sollte besser für
Dumbledores Armee stehen, denn das ist doch die größte Angst des
Ministeriums, oder?« Ihr Vorschlag erntete viel zustimmendes Murmeln und Gelächter.
»Dann sind alle für DA?«, sagte Hermine gebieterisch und kniete sich
auf ihr Kissen, um zu zählen.
387

»Das ist die Mehrheit – Vorschlag angenommen!«
Sie pinnte das Pergament mit all ihren Unterschriften an die Wand
und schrieb in großen Buchstaben darüber:
DUMBLEDORES ARMEE
»Gut«, sagte Harry, als sie sich wieder gesetzt hatte, »wollen wir dann
mit den Übungen anfangen? Ich hab mir überlegt, daß wir als Erstes
den Expelliarmus üben sollten, ihr wißt ja, den Entwaffnungszauber.
Der gehört zwar zu den simplen Grundlagen des Zauberns, aber ich
fand ihn recht nützlich –«
»Also bitte«, sagte Zacharias Smith, verschränkte die Arme und rollte
mit den Augen. »Ich glaub nicht, daß ausgerechnet Expelliarmus uns
gegen Du-weißt-schon-wen nützen wird.«
»Ich hab ihn gegen ihn eingesetzt«, sagte Harry ruhig. »Er hat mir im
Juni das Leben gerettet.«
Smith machte benommen den Mund auf. Alle anderen waren toten-
still.
»Aber wenn du meinst, du mußt dich damit nicht abgeben, kannst du
ja gehen«, sagte Harry.
Smith rührte sich nicht. Und auch sonst keiner.
»Okay«, sagte Harry mit ungewohnt trockenem Mund, da alle Augen
auf ihn gerichtet waren. »Ich schlage vor, wir gehen immer zu zweit
zusammen und üben.«
Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, Anweisungen zu erteilen, aber
bei weitem merkwürdiger war es, sie befolgt zu sehen. Schon hatten
sich alle erhoben und teilten sich auf. Wie vorauszusehen blieb Neville
ohne Partner.
»Du kannst mit mir üben«, sagte Harry. »Also – ich zähl bis drei –
eins, zwei, drei –«
Der Raum war plötzlich erfüllt mit »Expelliarmus«-Rufen. Zauber-
stäbe flogen kreuz und quer; verpatzte Zauber trafen Bücher auf den
Regalen und ließen sie durch die Luft flattern. Harry war zu schnell für
Neville. Sein Zauberstab wirbelte ihm aus der Hand, traf mit einem
Funkenschauer die Decke und landete klappernd auf einem Bücherre-
388

gal, von wo ihn Harry mit einem Aufrufezauber zurückholte. Als
Harry sich umschaute, stellte er fest, daß es richtig gewesen war, sie zu-
erst einmal die elementaren Dinge üben zu lassen. Er sah einiges an
verunglückten Zaubern; vielen gelang es gar nicht, ihre Gegner zu ent-
waffnen. Statt dessen sprangen diese oft nur ein paar Meter rückwärts
oder zuckten leicht zusammen, während der schwächliche Zauber über
sie hinwegschwirrte.
»Expelliarmus!«, sagte Neville, und Harry, den es kalt erwischte,
spürte, wie ihm der Zauberstab aus der Hand flog.
»ICH HAB’S GESCHAFFT!«, frohlockte Neville. »Zum allerersten
Mal – ICH HAB’S GESCHAFFT!«
»Gut gemacht!«, ermunterte ihn Harry und verzichtete darauf, Ne-
ville zu erklären, daß sein Gegner in einem echten Zweikampf kaum in
die andere Richtung starren und seinen Zauberstab locker an der Seite
halten würde. »Hör zu, Neville, könntest du für ein paar Minuten ab-
wechselnd mit Ron und Hermine üben? Dann kann ich rumgehen und
schauen, wie die anderen zurechtkommen.«
Harry trat in die Mitte des Raums. Etwas sehr Komisches geschah mit
Zacharias Smith. Immer wenn er den Mund öffnete, um Anthony Gold-
stein zu entwaffnen, flog ihm der eigene Zauberstab aus der Hand, da-
bei gab Anthony allem Anschein nach keinen Mucks von sich. Harry
mußte sich nicht lange umsehen, um das Rätsel zu lösen: Fred und Ge-
orge standen einige Schritte von Smith entfernt und zielten abwech-
selnd mit ihren Zauberstäben auf seinen Rücken.
»Sorry, Harry«, sagte George eilends, als ihn Harrys Blick traf. »Ich
konnte einfach nicht widerstehen.«
Harry ging um die anderen Paare herum und versuchte bei denen,
die den Zauber falsch ausführten, korrigierend einzugreifen. Ginny
übte mit Michael Corner; sie war sehr gut, während Michael entweder
sehr schlecht war oder sie nicht verhexen wollte. Ernie Macmillan trieb
überflüssigen Firlefanz mit dem Zauberstab und gab dadurch seinem
Partner Gelegenheit, an seiner Deckung vorbeizukommen. Die Cree-
vey-Brüder waren begeistert bei der Sache, aber unberechenbar und
größtenteils verantwortlich für all die Bücher, die rundum aus den Re-
galen hüpften. Luna Lovegood war ähnlich flatterhaft. Manchmal wir-
389

belte sie Justin Finch-Fletchleys Zauberstab aus dessen Hand, dann
wieder ließ sie ihm nur die Haare zu Berge stehen.
»Okay, aufhören!«, rief Harry. »Stopp! STOPP!«
Ich brauch eine Pfeife, dachte er und im selben Moment sah er eine
auf der nächsten Reihe Bücher liegen. Er holte sie und blies kräftig hin-
ein. Alle ließen die Zauberstäbe sinken.
»Das war nicht schlecht«, sagte Harry, »aber es gibt einiges zu verbes-
sern.« Zacharias Smith starrte ihn wütend an. »Versuchen wir’s noch
mal.«
Wieder ging er durch den Raum, blieb gelegentlich stehen und er-
teilte Ratschläge. Allmählich besserte sich die Leistung seiner Schüler.
Er vermied es eine Weile, in die Nähe von Cho und ihrer Freundin zu
kommen, doch nachdem er jedes andere Paar im Raum zweimal um-
rundet hatte, spürte er, daß er nicht länger so tun konnte, als wären sie
nicht da.
»O nein«, sagte Cho ziemlich fahrig, als er sich näherte. »Expelliar-
mius! Ich meine Expellimellius! Ich – oh, tut mir leid, Marietta!«
Der Ärmel ihrer gelockten Freundin hatte Feuer gefangen; Marietta
löschte es mit ihrem Zauberstab und funkelte Harry böse an, als wäre
es seine Schuld.
»Du hast mich nervös gemacht, vorhin war ich noch ganz gut!«, er-
klärte ihm Cho bekümmert.
»Das war schon mal nicht schlecht«, schwindelte Harry, doch als sie
die Augenbrauen hochzog, sagte er: »Nein, sicher, es war mies, aber ich
weiß, daß du es richtig kannst. Ich hab euch von dort drüben beobach-
tet.«
Sie lachte. Ihre Freundin Marietta sah beide recht säuerlich an und
wandte sich ab.
»Laß sie nur«, murmelte Cho. »Sie will eigentlich gar nicht hier sein,
aber ich hab sie überredet. Ihre Eltern haben ihr verboten, irgend etwas
zu tun, was Umbridge ärgern könnte. Du mußt wissen – ihre Mum ar-
beitet im Ministerium.«
»Und was ist mit deinen Eltern?«, fragte Harry.
»Na ja, die haben mir auch verboten, Umbridge in die Quere zu kom-
men«, sagte Cho und reckte sich stolz. »Aber wenn die glauben, ich
390

würde nicht gegen Du-weißt-schon-wen kämpfen, nach dem, was mit
Cedric geschehen ist –«
Sie brach ab, offenbar ziemlich durcheinander, und beide verfielen in
ein verlegenes Schweigen. Terry Boots Zauberstab schwirrte an Harrys
Ohr vorbei und traf Alicia Spinnet hart an der Nase.
»Also, mein Dad unterstützt gerne alles, was sich gegen das Ministe-
rium richtet!«, sagte Luna Lovegood stolz dicht hinter Harry. Offenbar
hatte sie ihr Gespräch belauscht, während Justin Finch-Fletchley ver-
suchte, sich aus dem Umhang zu befreien, der hochgeweht war und
sich um seinen Kopf geschlungen hatte. »Er sagt immer, daß er Fudge
alles zutraut! Wenn man nur bedenkt, wie viele Kobolde Fudge hat
umbringen lassen! Und natürlich benutzt er die Mysteriumsabteilung,
um schreckliche Gifte zu entwickeln, die er insgeheim allen verab-
reicht, die nicht seiner Meinung sind. Und dann ist da noch sein Um-
bumbliger Schlitzfatzer –«
»Frag bloß nicht«, murmelte Harry Cho zu, als sie verdutzt den
Mund öffnete. Sie kicherte.
»Hey, Harry«, rief Hermine von der anderen Seite des Raums her-
über, »hast du mal auf die Uhr gesehen?«
Er blickte auf seine Uhr und stellte erschrocken fest, daß es schon
zehn nach neun war, was hieß, daß sie schleunigst in ihre Gemein-
schaftsräume zurückmußten oder Gefahr liefen, von Filch erwischt und
bestraft zu werden, weil sie die Hausordnung verletzten. Er blies in
seine Pfeife; die »Expelliarmus«-Rufe verstummten und die letzten paar
Zauberstäbe fielen klappernd zu Boden.
»Nun, das war schon mal ganz gut«, sagte Harry. »Aber wir haben
überzogen und sollten jetzt besser aufhören. Nächste Woche, selbe Zeit,
selber Ort?«
»Lieber schon früher!«, sagte Dean Thomas eifrig und viele nickten
zustimmend.
Angelina jedoch sagte rasch: »Die Quidditch-Saison fängt bald an,
unsere Mannschaft muß auch noch trainieren!«
»Sagen wir also nächsten Mittwochabend«, verkündete Harry. »Dann
können wir immer noch zusätzliche Treffen beschließen. Kommt, wir
sollten uns beeilen.«
391

Er holte die Karte des Rumtreibers wieder hervor und prüfte einge-
hend, ob sie Hinweise auf Lehrer im siebten Stock gab. Er ließ die an-
deren in Dreier- und Vierergruppen hinausgehen und verfolgte be-
sorgt, ob die kleinen Punkte sicher in ihre Schlafsäle zurückkehrten:
Die Hufflepuffs gingen durch den Kellerkorridor, der auch in die Kü-
chen führte, die Ravenclaws zu einem Turm auf der Westseite des
Schlosses und die Gryffindors durch den Korridor zum Porträt der fet-
ten Dame.
»Das war wirklich, wirklich gut, Harry«, sagte Hermine, als schließ-
lich nur noch sie, Harry und Ron übrig waren.
»Jaah, allerdings!«, sagte Ron begeistert, während sie aus der Tür
schlichen und zusahen, wie sie hinter ihnen wieder zu Stein ver-
schmolz. »Hast du gesehen, wie ich Hermine entwaffnet hab, Harry?«
»Nur einmal«, sagte Hermine beleidigt. »Ich hab dich viel öfter ge-
kriegt als du mich –«
»Ich hab dich nicht nur einmal gekriegt, sondern mindestens drei-
mal –«
»Naja, wenn du das eine Mal mitzählst, als du über deine Füße ge-
stolpert bist und mir den Zauberstab aus der Hand geschlagen hast –«
Sie kabbelten sich den ganzen Weg zum Gemeinschaftsraum, aber
Harry hörte nicht hin. Er überwachte die Karte des Rumtreibers, und
gleichzeitig dachte er daran, daß Cho gesagt hatte, er mache sie nervös.
392

Der Löwe und die Schlange
Während der nächsten zwei Wochen hatte Harry das Gefühl, eine Art
Talisman in der Brust zu tragen, ein glühendes Geheimnis, das ihm
half, Umbridges Unterricht zu überstehen, und ihn sogar sanft lächeln
ließ, wenn er in ihre gräßlichen Glubschaugen sah. Er und die DA lei-
steten ihr Widerstand, direkt vor ihrer Nase, und taten genau das, was
sie und das Ministerium am meisten fürchteten. Wann immer er im
Unterricht eigentlich Wilbert Slinkhards Buch lesen sollte, schwelgte er
genüßlich in Erinnerungen an ihre jüngsten Treffen; Neville beispiels-
weise war es gelungen, Hermine zu entwaffnen, Colin Creevey be-
herrschte inzwischen den Lähmzauber, nachdem er sich bei drei Tref-
fen mächtig ins Zeug gelegt hatte, und Parvati Patil hatte einen so gu-
ten Reduktor-Fluch hingelegt, daß sie den Tisch mit sämtlichen Spik-
koskopen darauf zu Staub hatte zerfallen lassen.
Da sie die Trainingszeiten von drei verschiedenen Quidditch-Mann-
schaften berücksichtigen mußten, die oft wegen schlechten Wetters ver-
schoben wurden, fand Harry es schier unmöglich, einen regelmäßigen
Abendtermin für die DA-Treffen festzusetzen. Doch das war ihm ge-
rade recht. Ihm schien es ohnehin besser, die Termine ganz spontan
festzulegen. Sollte jemand sie beobachten, dann wäre es schwer, eine
Regelmäßigkeit zu entdecken. Hermine tüftelte flugs ein sehr pfiffiges
Verfahren aus, wie sie allen Mitgliedern Tag und Uhrzeit des nächsten
Treffens übermitteln konnten, falls sie es kurzfristig verschieben muß-
ten, da es verdächtig aussehen würde, wenn man allzu häufig Leute
aus verschiedenen Häusern dabei sah, wie sie die Große Halle durch-
querten, um miteinander zu reden. Sie gab jedem DA-Mitglied eine ge-
fälschte Galleone. (Ron geriet ganz aus dem Häuschen, als er den Korb
393

mit den Münzen zum ersten Mal sah und felsenfest davon überzeugt
war, sie würde tatsächlich Gold verteilen.)
»Seht ihr die Ziffern rings um den Rand der Münzen?«, sagte Her-
mine am Ende ihres vierten Treffens und hielt eine in die Höhe, damit
es alle erkennen konnten. Die Münze schimmerte fett und gelb im Licht
der Fackeln. »Auf echten Galleonen ist das nichts weiter als eine Serien-
nummer, die sich auf den Kobold bezieht, der die Münze geprägt hat.
Auf diesen falschen Galleonen aber ändern sich die Ziffern und zeigen
Datum und Uhrzeit unseres nächsten Treffens an. Die Münzen werden
heiß, wenn sich das Datum ändert, also spürt ihr es, wenn ihr sie in der
Tasche habt. Jeder nimmt sich eine. Wenn Harry das Datum des näch-
sten Treffens festlegt, ändert er die Ziffern auf seiner Münze, und weil
ich sie mit einem Proteus-Zauber belegt habe, ahmen alle Münzen die
seine nach und verändern sich.«
Hermines Worten folgte ein verblüfftes Schweigen. Sie schaute ringsum
in all die Gesichter, die einigermaßen fassungslos zu ihr aufblickten.
»Nun – ich fand die Idee gut«, sagte sie verunsichert. »Ich meine,
selbst wenn Umbridge von uns verlangt, die Taschen auszuleeren, ist
nichts Verdächtiges daran, wenn wir eine Galleone dabeihaben, oder?
Aber … na gut, wenn ihr sie nicht benutzen wollt –«
»Du schaffst einen Proteus-Zauber?«, fragte Terry Boot.
»Ja«, sagte Hermine.
»Aber das … das ist UTZ-Niveau, ehrlich mal«, sagte er geplättet.
»Oh«, sagte Hermine und versuchte bescheiden zu wirken. »Oh …
nun … ja … ich denk schon.«
»Warum bist du eigentlich nicht in Ravenclaw?«, wollte Terry wissen
und starrte Hermine fast bewundernd an. »Wo du doch so viel Grips
hast?«
»Ja, der Sprechende Hut hat bei mir damals ernsthaft überlegt, ob er
mich nicht nach Ravenclaw stecken soll«, sagte Hermine mit strahlen-
dem Lächeln, »aber dann hat er sich doch für Gryffindor entschieden.
Also, heißt das jetzt, wir benutzen die Galleonen?«
Ein zustimmendes Murmeln hob an und alle kamen nach vorn, um
sich eine Münze aus dem Korb zu nehmen. Harry warf Hermine einen
scheelen Blick zu.
394

»Weißt du, woran mich das erinnert?«
»Nein, woran?«
»An die Narben der Todesser. Voldemort berührt eine von ihnen, und
die Narben aller fangen an zu brennen, und sie wissen, daß sie zu ihm
kommen müssen.«
»Nun … ja«, sagte Hermine leise, »da hab ich tatsächlich die Idee her
… aber sicher hast du bemerkt, daß ich mich dazu entschlossen habe,
das Datum auf Metall zu gravieren und nicht auf die Haut unserer Mit-
glieder.«
»Ja … das ist mir allerdings lieber.« Harry grinste und ließ seine Gal-
leone in die Tasche gleiten. »Das einzig Riskante an der Sache ist wohl
nur, daß wir das Geld versehentlich ausgeben könnten.«
»Von wegen«, sagte Ron, der seine falsche Galleone mit leichtem Be-
dauern musterte. »Ich hab gar keine echte Galleone, mit der ich die ver-
wechseln könnte.«
Die erste Quidditch-Begegnung der Saison, Gryffindor gegen Slythe-
rin, rückte näher, und so setzten sie ihre DA-Treffen vorerst aus, weil
Angelina auf fast täglichem Training bestand. Die Tatsache, daß die
Quidditch-Meisterschaft schon so lange nicht mehr stattgefunden
hatte, heizte das Interesse und die Aufregung um das kommende Spiel
beträchtlich an; die Ravenclaws und Hufflepuffs nahmen regen Anteil
am Ausgang des Spiels, denn natürlich würden sie im kommenden
Jahr gegen beide Mannschaften antreten; und die Hauslehrer der kon-
kurrierenden Teams machten zwar den Versuch, hehre Sportlichkeit
vorzuschützen, konnten jedoch nicht verbergen, daß sie entschlossen
waren, ihre jeweiligen Mannschaften siegen zu sehen. Harry wurde
klar, wie viel Professor McGonagall daran lag, daß sie die Slytherins
schlugen, als sie darauf verzichtete, ihnen in der Woche vor dem Spiel
Hausaufgaben aufzugeben.
»Ich denke, Sie haben im Moment genug am Hals«, sagte sie gnädig.
Keiner wollte so recht seinen Ohren trauen, bis sie Harry und Ron ge-
radewegs ansah und verbissen sagte: »Ich bin daran gewöhnt, den
Quidditch-Pokal in meinem Büro zu sehen, Jungs, und ich will ihn
wirklich nicht an Professor Snape überreichen müssen, also nutzt die
zusätzliche Zeit zum Trainieren, ja?«
395

Snape war nicht weniger offen parteiisch; er hatte das Quidditch-Feld
so häufig für das Training der Slytherins reserviert, daß die Gryffindors
Schwierigkeiten hatten, überhaupt zum Spielen zu kommen. Auch
stellte er sich taub gegenüber den vielen Berichten, wonach Slytherins
versucht hatten, Gryffindor-Spieler auf den Gängen zu verhexen. Als
Alicia Spinnet im Krankenflügel auftauchte mit Augenbrauen, die so
rasch wuchsen, daß sie ihr die Sicht raubten und über ihren Mund hin-
abwucherten, behauptete Snape stur, sie hätte an sich selbst einen Zau-
ber für volleres Haar ausprobiert. Er weigerte sich, den vierzehn Au-
genzeugen Gehör zu schenken, die beteuerten, daß sie den Slytherin-
Hüter, Miles Bletchley, dabei gesehen hatten, wie er sie von hinten mit
einem Fluch traf, während sie in der Bibliothek arbeitete.
Harry schätzte die Chancen von Gryffindor zuversichtlich ein;
schließlich hatten sie noch nie gegen Malfoys Mannschaft verloren. Zu-
gegeben, Ron brachte immer noch nicht das, was sie von Wood ge-
wohnt waren, doch er arbeitete mit größter Verbissenheit daran, sein
Spiel zu verbessern. Seine schlimmste Schwäche war die Neigung, das
Selbstvertrauen zu verlieren, sobald er einen Fehler gemacht hatte;
wenn er einen Ball ins Tor gelassen hatte, wurde er nervös und ver-
paßte eher noch mehr Bälle. Andererseits hatte Harry gesehen, wie
Ron, wenn er einmal in Form war, auf wirklich spektakuläre Art ein
paar Tore verhindert hatte; bei einem denkwürdigen Training hatte er
sich an einer Hand von seinem Besen hängen lassen und den Quaffel so
hart vom Torring weggekickt, daß er übers ganze Feld flog und durch
den Mittelring auf der gegenüberliegenden Seite schoß. Die anderen
aus der Mannschaft meinten, das sei noch besser als die Leistung, die
Barry Ryan, der irische Nationalkeeper, kurz zuvor gegen Polens Top-
Jäger Ladislaw Zamojski gebracht hatte. Selbst Fred hatte eingeräumt,
Ron könnte ihn und George eines Tages noch stolz machen und sie
würden ernsthaft überlegen, ob sie nicht zugeben sollten, daß er mit ih-
nen verwandt war, was sie, wie sie Ron versicherten, seit vier Jahren
abzustreiten versuchten.
Was Harry ernstlich Sorgen machte, war einzig, daß Ron der Taktik
der Slytherins, ihn nervös zu machen, noch bevor sie auf dem Feld zu-
sammentrafen, so wenig entgegenzusetzen wußte. Harry selbst ließ
396

ihre hämischen Kommentare natürlich schon seit mehr als vier Jahren
über sich ergehen, und wenn er jemanden flüstern hörte: »Hey, Potty,
ich hab gehört, Warrington schwört, daß er dich Samstag vom Besen
hauen will«, dann gefror ihm keineswegs das Blut, sondern er lachte
nur. »Warrington ist ein so erbärmlicher Schütze, daß ich mir mehr Sor-
gen machen würde, wenn er auf meinen Nebenmann zielte«, gab er zu-
rück, was Ron und Hermine zum Lachen brachte und das Grinsen von
Pansy Parkinsons Gesicht wischte.
Ron hingegen hatte noch nie einen Dauerbeschuß mit Beleidigungen,
Sticheleien und Drohungen über sich ergehen lassen müssen. Wenn Sly-
therins, manche von ihnen Siebtkläßler und um einiges größer als Ron,
ihm im Vorbeigehen zumurmelten: »Hast du schon ein Bett im Kranken-
flügel gebucht, Weasley?«, dann lachte er nicht, sondern wurde hauch-
zart grün im Gesicht. Wenn Draco Malfoy nachahmte, wie Ron den Quaf-
fel fallen ließ (und das tat Malfoy immer, wenn sie sich über den Weg lie-
fen), dann glühten Ron die Ohren und er fing so heftig an zu zittern, daß
er oft auch noch fallen ließ, was er gerade in der Hand hielt.
Der Oktober erlosch unter dem Ansturm heulender Winde und peit-
schender Regenfälle und der November kam kalt wie gefrorenes Eisen
und brachte allmorgendlich schwere Fröste und eisige Luft, die unge-
schützte Hände und Gesichter peinigten. Der Himmel und die Decke
der Großen Halle nahmen ein fahles Perlmuttgrau an, die Berge um
Hogwarts bekamen Schneekuppen, und im Schloß wurde es so kühl,
daß viele Schüler zwischen den Unterrichtsstunden auf den Gängen
ihre dicken, schützenden Drachenhauthandschuhe trugen.
Der Morgen des Spiels dämmerte klar und kalt. Als Harry erwachte
und sich zu Ron umwandte, sah er ihn kerzengerade im Bett sitzen, die
Arme um die Knie geschlungen und stur ins Leere starrend.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Harry.
Ron nickte, sagte aber nichts. Harry mußte unwillkürlich an damals
denken, als Ron sich aus Versehen selbst einen Schnecken-Spuck-Zauber
an den Hals gejagt hatte; er sah genauso blaß und verschwitzt aus wie da-
mals, und natürlich weigerte er sich auch, den Mund aufzumachen.
»Du solltest erst mal was frühstücken«, versuchte ihn Harry aufzu-
muntern. »Komm schon.«
397

Die Große Halle füllte sich rasch, als sie unten ankamen, das Stim-
mengewirr war lauter und die Stimmung ausgelassener als üblich. Als
sie am Slytherin-Tisch vorbeigingen, brach ein Höllenlärm los. Harry
drehte sich um und sah, daß die Slytherins außer den üblichen grünen
und silberfarbenen Schals und Hüten jeweils noch ein silbernes Abzei-
chen trugen, das offenbar die Form einer Krone hatte. Aus irgendeinem
Grund winkten viele Slytherins Ron unter tosendem Gelächter zu.
Harry versuchte im Vorbeigehen zu erkennen, was auf den Abzeichen
stand, aber er war so sehr darauf bedacht, Ron rasch an diesem Tisch
vorbeizubugsieren, daß er sich nicht lange genug aufhielt, um es zu le-
sen.
Am Gryffindor-Tisch, wo alle Rot und Gold trugen, wurden sie mit
ermunterndem Beifall empfangen, doch die Jubelrufe besserten Rons
Laune keineswegs, vielmehr raubten sie ihm offenbar das letzte biß-
chen Kampfmoral; er sackte auf der nächstbesten Bank zusammen und
sah drein, als hätte er seine Henkersmahlzeit vor sich.
»Ich muß wahnsinnig gewesen sein, daß ich mich darauf eingelassen
habe«, flüsterte er krächzend. »Wahnsinnig.«
»Red keinen Stuß«, sagte Harry entschieden und reichte ihm eine
Auswahl Frühstücksflocken, »du wirst das schon schaukeln. Daß man
nervös ist, ist ganz normal.«
»Mich könnt ihr vergessen«, krächzte Ron. »Ich bin mies. Ich kann
nicht mal spielen, wenn’s um mein Leben geht. Was hab ich mir bloß
dabei gedacht?«
»Nun mach mal halblang«, sagte Harry streng. »Denk an diesen Ball,
den du letztens mit dem Fuß abgewehrt hast, selbst Fred und George
meinten, das war genial.«
Ron wandte sein gequältes Gesicht Harry zu.
»Das war Zufall«, wisperte er niedergeschlagen. »Das hatte ich gar
nicht vor – ich bin vom Besen gerutscht, als ihr nicht hingesehen habt,
und als ich wieder aufsteigen wollte, hab ich aus Versehen den Quaffel
weggekickt.«
»Naja«, sagte Harry, der sich von dieser unangenehmen Überra-
schung schnell erholte, »noch so ein paar Zufälle und wir haben die an-
deren im Sack, oder?«
398

Hermine und Ginny setzten sich ihnen gegenüber, sie trugen rot-gol-
dene Schals, Handschuhe und Rosetten.
»Wie geht’s dir?«, fragte Ginny Ron, der inzwischen in die Milch-
pfütze am Boden seiner leeren Frühstücksschale starrte, als ob er ernst-
haft erwöge, sich in ihr zu ertränken.
»Er ist einfach nervös«, sagte Harry.
»Schön, das ist ein gutes Zeichen, ich persönlich hab immer den Ein-
druck, wenn ich nicht ein bißchen nervös bin, läuft es in den Prüfungen
nicht ganz so gut«, sagte Hermine munter.
»Hallo«, sagte eine undeutliche und verträumte Stimme hinter ihnen.
Harry blickte auf: Luna Lovegood war vom Ravenclaw-Tisch herüber-
geschwebt. Viele starrten sie an, einige lachten unverhohlen und deute-
ten mit dem Finger auf sie. Sie hatte es geschafft, einen Hut zu besor-
gen, der wie ein lebensgroßer Löwenkopf aussah und ihr wacklig auf
dem Kopf saß.
»Ich bin für Gryffindor«, sagte Luna und deutete überflüssigerweise
auf ihren Hut. »Schaut mal, was der kann …«
Sie hob den Zauberstab und tippte gegen den Hut. Er öffnete sein
Maul weit und stieß ein höchst realistisches Brüllen aus, das alle im
Umkreis zusammenschrecken ließ.
»Gut, was?«, sagte Luna fröhlich. »Ich wollte, daß er auch noch eine
Schlange zerkaut, die Slytherin darstellen sollte, versteht ihr, aber dazu
hatte ich keine Zeit mehr. Jedenfalls … viel Glück, Ronald!«
Damit entschwebte sie. Sie hatten sich noch nicht ganz von dem
Schock über Lunas Hut erholt, als Angelina auf sie zugehastet kam, be-
gleitet von Katie und Alicia, deren Augenbrauen von Madam Pomfrey
glücklicherweise wieder auf ihr normales Maß gestutzt worden waren.
»Wenn ihr fertig seid«, sagte sie, »gehen wir sofort runter zum Feld,
schauen uns die Platzverhältnisse an und ziehen uns um.«
»Wir kommen gleich nach«, versicherte ihr Harry. »Ron sollte nur
noch eine Kleinigkeit frühstücken.«
Nach zehn Minuten jedoch wurde klar, daß Ron nicht imstande war,
auch nur einen weiteren Bissen zu sich zu nehmen, und Harry hielt es
für das Beste, mit ihm runter zu den Umkleideräumen zu gehen. Als
399

sie vom Tisch aufstanden, erhob sich auch Hermine, nahm Harry am
Arm und zog ihn beiseite.
»Laß Ron bloß nicht sehen, was auf diesen Slytherin-Abzeichen
steht«, flüsterte sie eindringlich.
Harry sah sie fragend an, doch sie schüttelte warnend den Kopf; Ron
war gerade zu ihnen herübergeschlurft, er sah ratlos und verzweifelt
aus.
»Viel Glück, Ron«, sagte Hermine, stellte sich auf die Zehenspitzen
und gab ihm einen Kuß auf die Wange. »Und dir auch, Harry –«
Als sie erneut die Große Halle durchquerten, schien Ron wieder ein
wenig Fassung zu gewinnen. Er berührte die Stelle seines Gesichtes, wo
Hermine ihn geküßt hatte, und blickte verdutzt drein, als wäre ihm
nicht ganz klar, was eben geschehen war. Er schien so durcheinander,
daß er kaum etwas um sich her wahrnahm, doch Harry warf, als sie am
Slytherin-Tisch vorbeikamen, einen neugierigen Blick auf die kronen-
förmigen Abzeichen, und diesmal konnte er die Worte erkennen, die
darauf geprägt waren:
Weasley ist unser King
Mit dem dunklen Gefühl, daß dies nichts Gutes zu bedeuten hatte, lot-
ste er Ron hastig durch die Eingangshalle, die Steintreppe hinab und
hinaus in die eisige Luft.
Das reifbedeckte Gras knirschte unter ihren Füßen, während sie den
Rasenhang zum Stadion hinuntereilten. Es war vollkommen windstill
und der Himmel war gleichmäßig perlweiß, so daß sie gute Sicht haben
würden, ohne daß direktes Sonnenlicht sie blendete. Harry wies Ron
unterwegs auf diese ermutigenden Aussichten hin, doch er war sich
nicht sicher, ob Ron zuhörte. Als sie eintraten, hatte sich Angelina be-
reits umgekleidet und redete mit den anderen aus der Mannschaft.
Harry und Ron zogen ihre Umhänge an (Ron versuchte es mit seinem
einige Minuten lang verkehrt herum, bis Alicia sich erbarmte und ihm
half ), dann setzten sie sich und hörten der Einstimmung durch Ange-
lina zu, während das Stimmengewirr draußen immer lauter wurde, da
inzwischen ganze Scharen vom Schloß her zum Spielfeld zogen.
400

»Okay, ich hab gerade erst die endgültige Aufstellung der Slytherins
rausgekriegt«, sagte Angelina und blickte auf ein Stück Pergament.
»Die Treiber vom letzten Jahr, Derrick und Bole, sind raus, aber es sieht
so aus, als hätte Montague sie durch die üblichen Gorillas ersetzt und
nicht durch Leute, die besonders gut fliegen können. Es sind zwei Ty-
pen namens Crabbe und Goyle, ich weiß nicht viel über die –«
»Wir schon«, sagten Harry und Ron im Chor.
»Jedenfalls sehen die nicht aus, als wären sie schlau genug zu unter-
scheiden, wo beim Besen vorne und hinten ist«, meinte Angelina und
steckte ihr Pergament ein, »andererseits war ich auch immer über-
rascht, daß es Derrick und Bole geschafft haben, ohne Hinweisschilder
den Weg zum Spielfeld zu finden.«
»Crabbe und Goyle sind vom gleichen Schlag«, versicherte ihr Harry.
Sie hörten das Getrappel Hunderter Füße, die die aufsteigenden Ban-
kreihen der Tribünen hochstiegen. Einige Zuschauer sangen, aber
Harry konnte den Text nicht verstehen. Allmählich wurde er nervös,
doch er wußte, daß seine Schmetterlinge nichts waren im Vergleich zu
Rons, der die Hand auf den Magen gepreßt hatte und mit starrem Kie-
fer und blaßgrauem Gesicht wieder stur geradeaus stierte.
»Es ist so weit«, sagte Angelina mit gedämpfter Stimme und sah auf
die Uhr.
»Auf geht’s … viel Glück.«
Sie erhoben sich, schulterten die Besen und gingen im Gänsemarsch
aus dem Umkleideraum, hinaus unter den hellen Himmel. Tosender
Lärm begrüßte sie, aus dem Harry immer noch Gesang heraushörte,
wenn auch übertönt durch Gejohle und Pfiffe.
Die Mannschaft der Slytherins stand bereit und wartete auf sie. Auch
sie trugen jene silbernen kronenförmigen Abzeichen. Montague, der
neue Kapitän, hatte in etwa die gleiche Statur wie Dudley Dursley, mit
massigen Unterarmen, die an haarige Schinken erinnerten. Hinter ihm
und fast so dick wie er lauerten Crabbe und Goyle, blinzelten tumb
und schwangen ihre neuen Schläger. An der Seite stand Malfoy, dessen
weißblonder Haarschopf im hellen Licht schimmerte. Er fing Harrys
Blick auf, grinste süffisant und klopfte auf das kronenförmige Abzei-
chen an seiner Brust.
401

»Kapitäne, gebt euch die Hand«, befahl die Schiedsrichterin Madam
Hooch, als Angelina Montague erreichte. Harry war sicher, daß Monta-
gue versuchte Angelina die Finger zu zerquetschen, doch sie zuckte
nicht mit der Wimper. »Auf die Besen …«
Madam Hooch steckte die Pfeife in den Mund und blies hinein. Die
Bälle wurden freigegeben und die vierzehn Spieler schossen in die
Höhe. Aus den Augenwinkeln sah Harry, wie Ron in Richtung Torringe
davonflitzte. Harry schraubte sich höher, wich einem Klatscher aus,
flog eine weite Runde über das Feld und hielt nach einem goldenen
Schimmer Ausschau; auf der anderen Seite des Stadions tat Draco Mal-
foy genau das Gleiche.
»Und das ist Johnson – Johnson mit dem Quaffel, was für eine Spiele-
rin ist dieses Mädchen, ich sag das schon seit Jahren, aber sie will im-
mer noch nicht mit mir ausgehen –«
»JORDAN!«, schrie Professor McGonagall.
»– nur ’ne Spaßnachricht, Professor, ist doch ganz interessant – und
sie ist unter Warrington durch, hat Montague stehen lassen, sie –
autsch – hat einen Klatscher von Crabbe von hinten abgekriegt … Mon-
tague fängt den Quaffel, Montague fliegt zurück übers Feld und – hüb-
scher Klatscher war das jetzt von George Weasley, Klatscher an den
Kopf von Montague, der läßt den Quaffel fallen, Katie Bell fängt ihn,
Katie Bell aus Gryffindor gibt einen Rückpaß zu Alicia Spinnet und
Spinnet ist auf und davon –«
Lee Jordans Kommentare hallten durch das Stadion und Harry
lauschte, so gut er konnte, bei dem Wind, der ihm in den Ohren pfiff,
und dem Getöse der Zuschauer, die alle schrien und buhten und san-
gen.
»– saust an Warrington vorbei, weicht einem Klatscher aus – war
knapp, Alicia – und die Leute lieben das, hören wir ihnen einfach mal
zu, was singen sie denn?«
Und als Lee innehielt, um zu lauschen, stieg der Gesang laut und klar
aus dem grünsilbernen Meer im Slytherin-Abschnitt der Tribüne em-
por:
402

»Weasley fängt doch nie ein Ding,
Schützt ja keinen einz’gen Ring,
So singen wir von Slytherin:
Weasley ist unser King.
Weasley ist dumm wie ’n Plumpudding,
Läßt jeden Quaffel durch den Ring.
Weasley sorgt für unsern Gewinn,
Weasley ist unser King.«
»– und Alicia gibt zurück zu Angelina!«, rief Lee, und als Harry nach
dem, was er eben gehört hatte, mit Wut im Bauch in die Kurve ging,
wußte er, daß Lee versuchte den Gesang zu übertönen: »Komm schon,
Angelina – sieht aus, als wär sie frei vor dem Hüter! – SIE SCHIESST –
SIE – aaaah …«
Bletchley, der Hüter der Slytherins, hatte den Schuß abgewehrt; er
warf den Quaffel zu Warrington, der damit im Zickzack zwischen Ali-
cia und Katie davonraste; der Gesang von unten wurde immer lauter,
als Warrington sich Ron näherte.
»Weasley ist unser King,
Weasley ist unser King,
Läßt jeden Quaffel durch den Ring.
Weasley ist unser King.«
Harry konnte nicht anders, er gab die Suche nach dem Schnatz auf und
drehte seinen Feuerblitz Ron zu, der als einsame Gestalt am entfernten
Ende des Feldes vor den drei Torringen hin und her schwebte, wäh-
rend der massige Warrington auf ihn zugerast kam.
»– und da ist Warrington mit dem Quaffel, Warrington auf dem Weg
zum Tor, außer Reichweite der Klatscher, hat nur noch den Hüter vor
sich –«
Der Gesang schwoll lautstark von den Slytherin-Bänken herauf:
403

»Weasley fängt doch nie ein Ding,
Schützt ja keinen einz’gen Ring …«
»– das ist nun die erste Bewährungsprobe für den neuen Gryffindor-
Hüter Weasley, Bruder der Treiber Fred und George und viel verspre-
chendes neues Talent in der Mannschaft – komm schon, Ron!«
Aber der Freudenschrei kam von Seiten der Slytherins: Ron war hek-
tisch in die Tiefe gestürzt, die Arme weit ausgebreitet, und der Quaffel
war geradewegs hindurch in Rons Mittelring geschossen.
»Tor für Slytherin!«, drang Lees Stimme durch das Jubeln und Buhen
der Menge unten, »also steht’s zehn zu null für Slytherin – einfach
Pech, Ron.« Die Slytherins sangen noch lauter:
»WEASLEY IST DUMM WIE ’N PLUMPUDDING,
LÄSST JEDEN QUAFFEL DURCH DEN RING …«
»– und Gryffindor ist wieder im Ballbesitz und Katie Bell prescht übers
Feld –«, rief Lee tapfer, doch der Gesang war jetzt so ohrenbetäubend,
daß er sich kaum noch Gehör verschaffen konnte.
»WEASLEY SORGT FÜR UNSERN GEWINN,
WEASLEY IST UNSER KING …«
»Harry, WAS TUST DU DA?«, schrie Angelina und schoß an ihm vor-
bei, um Anschluß an Katie zu halten. »MACH HINNE!«
Harry wurde bewußt, daß er seit über einer Minute in der Luft stand
und das Match verfolgte, ohne einen Gedanken daran zu verschwen-
den, wo der Schnatz war; entsetzt stürzte er sich in die Tiefe, zog von
neuem umherspähend seine Kreise ums Feld und versuchte nicht auf
den Chor zu hören, der jetzt durchs Stadion donnerte:
»WEASLEY IST UNSER KING,
WEASLEY IST UNSER KING …«
404

Wo er auch hinsah, er fand keine Spur vom Schnatz; Malfoy zog weiter-
hin Kreise durchs Stadion, genau wie er. Auf halbem Weg ums Feld flo-
gen sie aneinander vorbei und Harry hörte Malfoy laut singen:
»WEASLEY IST DUMM WIE ’N PLUMPUDDING …«
»– und wieder hat ihn Warrington«, brüllte Lee, »der an Pucey abgibt,
Pucey ist an Spinnet vorbei, nun mach schon, Angelina, du packst ihn –
also doch nicht – aber hübscher Klatscher von Fred Weasley, ich meine,
George Weasley, ach, was soll’s, einer der beiden jedenfalls, und War-
rington läßt den Quaffel fallen und Katie Bell – ähm – läßt ihn auch fal-
len – und jetzt wieder Montague mit dem Quaffel, Slytherin-Kapitän
Montague fängt den Quaffel und er fliegt davon, das Feld hoch, nun
aber los, Gryffindor, laßt ihn auflaufen!«
Harry flog am Ende des Stadions hinter den Slytherin-Torringen
herum und zwang sich, nicht mit anzusehen, was auf Rons Seite pas-
sierte. Als er am Slytherin-Hüter vorbeiflitzte, hörte er, wie Bletchley
mit der Menge unten sang:
»WEASLEY FÄNGT DOCH NIE EIN DING …«
»– und Pucey ist wieder an Alicia vorbei und auf direktem Weg zum
Tor, halt ihn auf, Ron!«
Harry mußte nicht hinsehen, um zu wissen, was passiert war: Von
den Gryffindors kam ein fürchterliches Stöhnen, dazu neuerliches Ge-
schrei und Applaus der Slytherins. Harry blickte in die Tiefe und sah,
wie Pansy Parkinson mit ihrem Mopsgesicht ganz vorne auf der Tri-
büne stand, den Rücken zum Feld, und die Slytherin-Anhänger diri-
gierte, die brüllten:
»…SO SINGEN WIR VON SLYTHERIN:
WEASLEY IST UNSER KING …«
Aber zwanzig zu null war nichts, Gryffindor hatte immer noch Zeit,
aufzuholen oder den Schnatz zu fangen. Ein paar Tore, und sie wären
405

wieder wie üblich in Führung, redete sich Harry ein, während er sich
hüpfend und schlängelnd den Weg an den anderen vorbeibahnte und
einem schimmernden Etwas nachjagte – das sich als Montagues Arm-
banduhr herausstellte.
Aber Ron ließ zwei weitere Bälle durch. Harry spürte jetzt einen fast
schon panischen Wunsch, den Schnatz zu finden. Wenn er ihn nur bald
fangen und das Spiel rasch beenden konnte.
»– und Katie Bell von Gryffindor umfliegt Pucey, täuscht Montague
an, hübscher Schlenker, Katie, und sie wirft zu Johnson, Angelina John-
son übernimmt den Quaffel, sie ist an Warrington vorbei, auf dem Weg
zum Tor, nun mach schon, Angelina – TOR FÜR GRYFFINDOR! Es
steht vierzig zu zehn, vierzig zu zehn für Slytherin und Pucey hat den
Quaffel…«
Harry konnte Lunas lächerlichen Löwenhut durch den Jubel der
Gryffindors brüllen hören und fühlte sich bestärkt; nur noch dreißig
Punkte Rückstand, das war nichts, sie konnten leicht aufholen. Er
duckte sich unter einem Klatscher weg, den Crabbe in seine Richtung
geschleudert hatte, und fing erneut an, das Feld hektisch nach dem
Schnatz abzusuchen, wobei er Malfoy im Auge behielt, denn womög-
lich gab er zu erkennen, daß er ihn gesichtet hatte. Aber Malfoy zog ge-
nauso fruchtlos suchend seine Kreise durch das Stadion …
»– Pucey wirft zu Warrington, Warrington zu Montague, Montague
zurück zu Pucey – Johnson greift ein, Johnson übernimmt den Quaffel,
Johnson an Bell, das sieht gut aus – ich meine, schlecht – ein Klatscher
von Goyle aus Slytherin trifft Bell und wieder ist Pucey im Ballbe-
sitz …«
»WEASLEY IST DUMM WIE ’N PLUMPUDDING,
LÄSST JEDEN QUAFFEL DURCH DEN RING.
WEASLEY SORGT FÜR UNSERN GEWINN …«
Aber Harry hatte ihn endlich gesichtet: Der kleine flatternde Goldene
Schnatz schwebte keinen Meter über dem Boden auf der Slytherin-Seite
des Felds.
Er stürzte sich hinab …
406

Sekunden später kam Malfoy zu Harrys Linken vom Himmel ge-
rauscht, ein grünsilberner, verschwommener Fleck, flach auf seinem
Besen …
Der Schnatz umflog den Fuß einer Torstange und flitzte davon zur
anderen Seite der Tribüne; sein Richtungswechsel kam Malfoy gut zu-
paß, der ihm jetzt näher war; Harry riß seinen Feuerblitz herum, er war
nun gleichauf mit Malfoy …
Keinen Meter vom Boden nahm Harry die rechte Hand vom Besen
und streckte sie nach dem Schnatz aus … rechts von ihm streckte sich
auch Malfoys Arm, langte aus, griff ins Leere …
Nach zwei atemlosen, verzweifelten, windgepeitschten Sekunden
war es vorbei – Harrys Finger schlossen sich um den kleinen wider-
spenstigen Ball – Malfoys Fingernägel kratzten vergebens über Harrys
Handrücken – Harry zog seinen Besen nach oben, den sich sträuben-
den Ball in der Hand, und das Gryffindor-Publikum schrie vor Begei-
sterung …
Sie hatten es geschafft, es war egal, daß Ron sich diese Tore eingefan-
gen hatte, niemand würde mehr davon reden, denn Gryffindor hatte
gewonnen –
WA M M .
Ein Klatscher traf Harry mitten ins Kreuz und er flog vornüber vom
Besen. Zum Glück war er nur gut anderthalb Meter über dem Boden,
da er so weit heruntergekommen war, um den Schnatz zu fangen, den-
noch blieb ihm fast die Luft weg, als er mit dem Rücken auf dem gefro-
renen Feld aufschlug. Er hörte Madam Hoochs schrillen Pfiff, von den
Tribünen her einen Tumult von Buhrufen, Zorngeschrei und Hohnge-
lächter, dann einen dumpfen Aufprall und Angelinas aufgeregte
Stimme.
»Alles in Ordnung mit dir?«
»’türlich«, sagte Harry verbissen, nahm ihre Hand und ließ sich von
ihr hochziehen. Madam Hooch schoß auf einen der Slytherin-Spieler
über ihm zu, doch konnte er aus seinem Blickwinkel nicht erkennen,
wer es war.
»Es war Crabbe, dieser gemeine Hund«, sagte Angelina zornig, »der
hat den Klatscher genau in dem Moment auf dich geschleudert, als er
407

sah, daß du den Schnatz hattest – aber wir haben gewonnen, Harry, wir
haben gewonnen!«
Harry hörte hinter sich ein Schnauben und wandte sich um, den
Schnatz immer noch fest umklammert: Draco Malfoy war ganz in der
Nähe gelandet. Obwohl er zornbleich im Gesicht war, brachte er ein
höhnisches Grinsen zustande.
»Hast Weasley den Hals gerettet, was?«, sagte er zu Harry. »Ich hab
noch keinen miserableren Hüter gesehen … aber er ist ja dumm wie ’n
Plumpudding … hat dir mein Lied gefallen, Potter?«
Harry antwortete nicht. Er kehrte Malfoy den Rücken und wandte
sich seinen Mannschaftskameraden zu, die jetzt einer nach dem ande-
ren landeten, brüllten und siegestrunken die Fäuste in die Luft stießen;
alle außer Ron, er war drüben bei den Torstangen vom Besen gestiegen
und ging langsam und alleine offenbar in Richtung Umkleideraum.
»Wir wollten eigentlich noch ein paar Verse schreiben!«, rief Malfoy,
während Katie und Alicia Harry umarmten. »Aber wir haben keine
Reime auf fett und häßlich gefunden – wir wollten was über seine Mut-
ter singen, verstehst du –«
»Dem sind eben die Trauben viel zu sauer«, sagte Angelina und warf
Malfoy einen angewiderten Blick zu.
»– und nichtsnutziger Verlierer konnten wir auch nicht einbauen – für
seinen Vater, weißt du –«
Fred und George war inzwischen klar geworden, worüber Malfoy re-
dete. Mitten im Händeschütteln mit Harry erstarrten sie und drehten
sich zu Malfoy um.
»Laß ihn!«, sagte Angelina sofort und faßte Fred am Arm. »Laß ihn,
Fred, laß ihn schreien, der ist nur beleidigt, weil er verloren hat, der
aufgeblasene kleine –«
»– aber du magst die Weasleys, nicht wahr, Potter?«, höhnte Malfoy.
»Verbringst deine Ferien und so bei denen, stimmt’s? Ich versteh nicht,
wie du den Gestank aushalten kannst, aber ich vermute mal, wenn du
bei Muggeln aufgewachsen bist, riecht sogar die Bruchbude der Weas-
leys ganz erträglich –«
Harry packte George und hielt ihn fest. Unterdessen mühten sich An-
gelina, Alicia und Katie gemeinsam, Fred daran zu hindern, sich auf
408

den dreist lachenden Malfoy zu stürzen. Harry blickte sich nach Ma-
dam Hooch um, doch sie schimpfte immer noch mit Crabbe wegen sei-
nes regelwidrigen Klatscherangriffs.
»Oder vielleicht«, sagte Malfoy und wich mit einem Seitenblick zu-
rück, »vielleicht weißt du noch, wie das Haus von deiner Mutter ge-
stunken hat, Potter, und der Saustall bei den Weasleys erinnert dich
daran –«
Harry merkte gar nicht, daß er George losließ; er wußte nur, daß sie
eine Sekunde später beide auf Malfoy zustürmten. Daß alle Lehrer zu-
sahen, hatte er vollkommen vergessen: Alles, was er wollte, war, Mal-
foy so viel Schmerzen wie möglich zu bereiten; er hatte nicht die Zeit,
seinen Zauberstab zu zücken, er zog nur die Faust zurück, die den
Schnatz umklammert hielt, und stieß sie, so hart er konnte, in Malfoys
Magen –
»Harry! HARRY! GEORGE! NEIN!«
Er konnte Mädchenstimmen kreischen, Malfoy schreien, George flu-
chen, eine Pfeife gellen und die Menge ringsum brüllen hören, aber es
scherte ihn nicht. Erst als jemand in der Nähe »Impedimenta!« rief und
die Kraft des Fluchs ihn rücklings zu Boden warf, ließ er von seinem
Versuch ab, auf jeden Zentimeter von Malfoy, den er erreichen konnte,
einzuschlagen.
»Was tun Sie da?«, schrie Madam Hooch, als Harry auf die Beine
sprang. Offenbar war sie es gewesen, die ihm den Lähmzauber auf den
Hals gejagt hatte; sie hielt die Pfeife in der einen und den Zauberstab in
der anderen Hand; ihren Besen hatte sie ein paar Meter entfernt liegen
lassen. Malfoy krümmte sich auf dem Boden, er wimmerte und stöhnte
und blutete aus der Nase; George hatte eine geschwollene Lippe; Fred
wurde immer noch mit Gewalt von den drei Jägerinnen zurückgehal-
ten und Crabbe gackerte im Hintergrund. »Ein solches Verhalten ist
mir noch nie untergekommen – zurück ins Schloß, Sie beide, und
schnurstracks ins Büro Ihrer Hauslehrerin! Marsch! Sofort!«
Harry und George marschierten vom Feld, keuchend und ohne ein
Wort miteinander zu sprechen. Das Brüllen und Johlen der Menge wurde
immer schwächer, bis sie die Eingangshalle erreichten, wo sie nichts
mehr hören konnten außer dem Geräusch ihrer Schritte. Harry bemerkte,
409

daß noch immer etwas in seiner rechten Hand zappelte, deren Knöchel er
sich beim Schlag gegen Malfoys Kinn gequetscht hatte. Er blickte hinab
und sah, wie der Schnatz seine silbernen Flügel zwischen seinen Fingern
hindurchstreckte und sich abmühte freizukommen.
Kaum hatten sie die Tür von Professor McGonagalls Büro erreicht, da
kam sie auch schon den Korridor hinter ihnen entlanggeschritten. Sie
trug einen Gryffindor-Schal, riß ihn sich aber mit zitternden Händen
vom Hals, während sie, offenbar in Rage, auf sie zumarschiert kam.
»Rein da!«, sagte sie wütend und deutete auf die Tür. Harry und Ge-
orge gingen hinein. Sie trat hinter ihren Schreibtisch und sah sie be-
bend vor Zorn an, während sie ihren Gryffindor-Schal neben sich zu
Boden warf.
»Nun?«, sagte sie. »Ich habe noch nie einen so schändlichen Auftritt
erlebt. Zwei gegen einen! Erklären Sie das!«
»Malfoy hat uns provoziert«, sagte Harry steif.
»Sie provoziert?«, rief Professor McGonagall und schlug mit der
Faust auf den Tisch, so daß ihre schottenkarierte Keksdose seitlich her-
unterrutschte, aufsprang und die Ingwerkekse über den Boden kuller-
ten. »Er hatte nun mal verloren, oder? Natürlich wollte er Sie provozie-
ren! Aber was um alles in der Welt kann er gesagt haben, das gerecht-
fertigt hätte, was Sie beide –«
»Er hat meine Eltern beleidigt«, knurrte George. »Und Harrys Mutter.«
»Aber anstatt es Madam Hooch zu überlassen, die Sache zu regeln,
haben Sie beide beschlossen, so was wie ein Muggelduell auf-
zuführen?«, brüllte Professor McGonagall. »Haben Sie eine Ahnung,
was Sie –?«
»Chrm, chrm.«
Harry und George wirbelten herum. Dolores Umbridge stand in der
Tür, in einen grünen Tweedmantel gehüllt, der ihre Ähnlichkeit mit ei-
ner Riesenkröte enorm steigerte, und lächelte auf die grauenhaft süßli-
che, unheilvolle Weise, die für Harry inzwischen kurz bevorstehendes
Unglück bedeutete.
»Kann ich Ihnen helfen, Professor McGonagall?«, fragte Professor
Umbridge mit ihrer süßesten Giftstimme.
Das Blut schoß in Professor McGonagalls Gesicht.
410

»Helfen?«, wiederholte sie, sich mühsam beherrschend. »Was meinen
Sie mit helfen?«
Professor Umbridge lächelte immer noch süßlich und trat weiter in
den Raum. »Ach, ich dachte nur, Sie wären dankbar für ein wenig zu-
sätzliche Autorität.«
Harry hätte es nicht überrascht, Funken aus Professor McGonagalls
Nasenlöchern stieben zu sehen.
»Falsch gedacht«, entgegnete sie und kehrte Umbridge den Rücken.
»Also, Sie beide sollten jetzt sehr genau zuhören. Es ist mir gleich, womit
Malfoy Sie provoziert hat, es ist mir gleich, ob er sämtliche Mitglieder Ih-
rer Familien beleidigt hat, Ihr Verhalten war unsäglich und ich gebe Ih-
nen beiden je eine Woche Nachsitzen! Sehen Sie mich nicht so an, Potter,
es geschieht Ihnen recht! Und sollte einer von Ihnen jemals –«
»Chrm, chrm.«
Professor McGonagall schloß die Augen, als würde sie um Geduld
flehen, und wandte das Gesicht erneut Professor Umbridge zu.
»Ja?«
»Ich denke, Sie verdienen doch mehr als Nachsitzen«, sagte Um-
bridge und lächelte noch breiter.
Professor McGonagall riß die Augen auf.
»Aber leider«, sagte sie und versuchte das Lächeln zu erwidern, doch
es schien, als hätte sich ihr Kiefer verhakt, »leider zählt, was ich denke,
da die beiden in meinem Haus sind, Dolores.«
»Nun, ich fürchte, Minerva«, erwiderte Professor Umbridge gespreizt,
»Sie werden feststellen müssen, daß sehr wohl zählt, was ich denke. Wo
hab ich es jetzt noch mal? Cornelius hat es mir soeben geschickt… ich
meine«, sie ließ ein falsches leises Lachen hören, während sie in ihrer
Handtasche stöberte, »ich will sagen, der Minister hat es soeben ge-
schickt… ah ja …«
Sie hatte ein Stück Pergament herausgezogen, entfaltete es, räusperte
sich umständlich und begann vorzulesen:
»Chrm, chrm … ›Ausbildungserlaß Nummer fünfundzwanzig‹.«
»Nicht noch einer!«, rief Professor McGonagall hitzig.
»Nun, doch«, sagte Umbridge und lächelte unentwegt. »Tatsächlich
waren Sie es, Minerva, die mich darauf gebracht hat, daß wir noch eine
411

Ergänzung benötigen … erinnern Sie sich, wie Sie mich überfahren ha-
ben, als ich nicht bereit war, die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor
wieder spielen zu lassen? Wie Sie mit der Angelegenheit zu Dumble-
dore gegangen sind, der darauf bestand, daß die Mannschaft spielen
durfte? Nun, das konnte ich einfach nicht zulassen. Ich habe sofort den
Minister kontaktiert, und er stimmt vollkommen mit mir überein, daß
die Großinquisitorin die Befugnis haben muß, den Schülern ihre Son-
derrechte zu entziehen, anderenfalls hätte sie – das heißt ich – weniger
Autorität als die gewöhnlichen Lehrer! Und jetzt sehen Sie, nicht wahr,
Minerva, wie Recht ich hatte, als ich verhindern wollte, daß die Gryf-
findor-Mannschaft wieder spielt. Schreckliche Te m p e r a m e n t e … w i e
auch immer, ich las gerade unseren Zusatz vor … chrm, chrm … ›die
Großinquisitorin wird fürderhin die höchste Autorität innehaben bei
allen gegen Hogwarts-Schüler ausgesprochenen Strafen und Sanktio-
nen sowie bei der Streichung ihrer Sonderrechte, weiterhin die Befug-
nis, jedwede von anderen Mitgliedern des Lehrkörpers verhängte
Strafe, Sanktion und Sonderrechtsstreichung zu korrigieren. Unter-
zeichnet Cornelius Fudge, Zaubereiminister, Merlinorden erster Klasse,
usw., usw.‹.«
Sie rollte das Pergament ein und steckte es immer noch lächelnd zu-
rück in ihre Handtasche.
»Nun … ich bin fest überzeugt, daß wir es diesen beiden verbieten
müssen, jemals wieder Quidditch zu spielen«, sagte sie und blickte von
Harry zu George und wieder zurück.
Harry spürte, daß der Schnatz in seiner Hand wie verrückt flatterte.
»Verbieten?«, sagte er und seine Stimme kam ihm merkwürdig fern
vor. »Daß wir je wieder… spielen?«
»Ja, Mr. Potter, ich denke, ein lebenslanges Spielverbot wird das Pro-
blem lösen«, sagte Umbridge, und ihr Lächeln wurde noch breiter, als
sie zusah, wie er sich bemühte zu begreifen, was sie eben gesagt hatte.
»Für Sie und Mr. Weasley hier. Und ich denke, um sicherzugehen, muß
auch dem Zwillingsbruder dieses jungen Mannes Einhalt geboten wer-
den – wenn seine Mannschaftskameradinnen ihn nicht zurückgehalten
hätten, dann hätte er sicherlich ebenfalls den jungen Mr. Malfoy ange-
griffen. Natürlich werde ich Ihre Besen beschlagnahmen lassen; um da-
412

für Sorge zu tragen, daß mein Verbot nicht übertreten wird, werde ich
die Besen sicher in meinem Büro verwahren. Aber ich bin nicht unmä-
ßig, Professor McGonagall«, fuhr sie fort und wandte sich wieder an
Professor McGonagall, die jetzt so reglos dastand, als wäre sie aus Eis
gemeißelt, und Umbridge anstarrte. »Der Rest der Mannschaft darf
weiter spielen, bei ihnen habe ich keine Anzeichen von Gewalttätigkeit
gesehen. Nun … schönen Tag noch.«
Mit einem Ausdruck tiefster Befriedigung ging Umbridge aus dem
Büro und hinterließ ein entsetztes Schweigen.
»Spielverbot«, sagte Angelina mit hohler Stimme spät an diesem
Abend im Gemeinschaftsraum. »Spielverbot. Kein Sucher und keine
Treiber … was um Himmels willen sollen wir jetzt tun?«
Sie hatten nicht im Geringsten das Gefühl, das Spiel gewonnen zu ha-
ben. Wo immer Harry auch hinblickte, sah er trostlose und wütende
Gesichter; die Mannschaft fläzte sich um das Feuer, alle außer Ron, den
sie seit Spielende nicht mehr gesehen hatten.
»Das ist total ungerecht«, sagte Alicia wie betäubt. »Ich meine, was ist
denn mit Crabbe und diesem Klatscher, den er geworfen hat, nachdem
schon abgepfiffen war? Hat er Spielverbot bekommen?«
»Nein«, sagte Ginny betrübt; sie und Hermine saßen neben Harry.
»Der muß als Strafe nur Sätze schreiben, ich hab gehört, wie Montague
beim Abendessen drüber gelacht hat.«
»Und Fred hat auch noch Spielverbot gekriegt, obwohl er gar nichts
getan hat!«, sagte Alicia wütend und trommelte sich mit der Faust aufs
Knie.
»Das ist nicht meine Schuld«, sagte Fred mit einem sehr häßlichen
Gesichtsausdruck. »Ich hätte diesen kleinen Schleimbeutel zu Brei ge-
schlagen, wenn ihr drei mich nicht zurückgehalten hättet.«
Harry starrte bedrückt auf das dunkle Fenster. Es schneite. Der Schnatz,
den er vorhin gefangen hatte, flatterte nun unentwegt im Gemeinschafts-
raum umher; sie folgten ihm wie hypnotisiert mit den Augen und
Krummbein sprang von Sessel zu Sessel und versuchte ihn zu fangen.
»Ich geh zu Bett«, sagte Angelina und erhob sich langsam. »Vielleicht
stellt sich das alles ja nur als ein böser Traum heraus … vielleicht wa-
413

che ich morgen auf und bemerke, daß wir noch gar nicht gespielt ha-
ben …«
Nicht lange, und Alicia und Katie folgten ihr. Fred und George hau-
ten einige Zeit später ab ins Bett und warfen allen, an denen sie vorbei-
kamen, einen finsteren Blick zu; bald darauf ging auch Ginny. Nur
Harry und Hermine blieben am Kamin sitzen.
»Hast du Ron gesehen?«, fragte Hermine mit leiser Stimme.
Harry schüttelte den Kopf.
»Ich glaub, er geht uns aus dem Weg«, sagte Hermine. »Wo, denkst
du, ist –«
Doch genau in diesem Moment hörten sie hinter sich ein Knarren, da
die fette Dame nach vorne schwang und Ron durch das Porträtloch her-
eingeklettert kam. Er war ausgesprochen blaß und hatte Schnee in den
Haaren. Als er Harry und Hermine sah, blieb er wie angewurzelt stehen.
»Wo warst du?«, fragte Hermine besorgt und sprang auf.
»Spazieren«, murmelte Ron. Noch immer trug er seine Quidditch-Sa-
chen.
»Du siehst erfroren aus«, sagte Hermine. »Komm und setz dich!«
Ron ging zum Kamin und ließ sich in den am weitesten von Harry
entfernten Sessel sinken, ohne ihn anzusehen. Der gestohlene Schnatz
schoß über sie hinweg.
»Tut mir leid«, murmelte Ron und betrachtete seine Füße.
»Was denn?«, fragte Harry.
»Daß ich dachte, ich könnte Quidditch spielen«, sagte Ron. »Morgen
früh tret ich als Erstes aus der Mannschaft aus.«
»Wenn du austrittst«, sagte Harry gereizt, »dann sind nur noch drei
Spieler übrig.« Und als Ron verdutzt dreinsah, fügte er hinzu: »Ich hab
lebenslanges Spielverbot. Fred und George auch.«
»Was?«, japste Ron.
Hermine erzählte ihm die ganze Geschichte; Harry brachte es nicht
über sich, sie noch einmal zu wiederholen. Als Hermine fertig war,
wirkte Ron nur noch gequälter.
»Das ist alles meine Schuld –«
»Du hast mich nicht gezwungen, Malfoy zu verprügeln«, sagte Harry
zornig.
414

»– wenn ich nicht so mies im Quidditch wäre –«
»– das hat damit nichts zu tun.«
»– es war dieses Lied, das mich fertiggemacht hat –«
»– das hätte jeden fertiggemacht –«
Hermine stand auf und trat ans Fenster, weg von den Streitenden. Sie
sah zu, wie der Schnee gegen die Scheibe wirbelte.
»Hör mal, es reicht jetzt, verstanden!«, platzte Harry heraus. »Es ist
schon schlimm genug, da mußt du dir nicht auch noch die Schuld an
allem geben!«
Ron sagte nichts, saß nur da und starrte unglücklich auf den feuchten
Saum seines Umhangs. Nach einer Weile sagte er mit dumpfer Stimme:
»So schlecht hab ich mich noch nie im Leben gefühlt.«
»Willkommen im Klub«, sagte Harry bitter.
»Hört mal«, warf Hermine ein und ihre Stimme zitterte leicht. »Ich
weiß etwas, das euch beide wieder aufmuntern wird.«
»Ach ja?«, erwiderte Harry skeptisch.
»Ja«, sagte Hermine und wandte sich von dem pechschwarzen Fen-
ster voller Schneeflocken ab. Ein breites Lächeln zog sich über ihr Ge-
sicht. »Hagrid ist wieder da.«
415

Hagrids Geschichte
Harry spurtete hoch in den Jungenschlafsaal, um den Tarnumhang und
die Karte des Rumtreibers aus seinem Koffer zu holen. Er war so schnell,
daß er und Ron mindestens schon seit fünf Minuten aufbruchsbereit wa-
ren, als Hermine aus dem Mädchenschlafsaal zurückkehrte, ausstaffiert
mit Schal, Handschuhen und einem ihrer knubbligen Elfenhüte.
»Naja, draußen ist es eben kalt!«, sagte sie trotzig, als Ron ungedul-
dig mit der Zunge schnalzte.
Sie krochen durch das Porträtloch und hüllten sich hastig in den Tar-
numhang – Ron war so groß geworden, daß er sich inzwischen ducken
mußte, um seine Füße zu verbergen –, dann gingen sie langsam und
vorsichtig die vielen Treppen hinunter. Ab und zu hielten sie inne und
suchten auf der Karte nach einer Spur von Filch oder Mrs. Norris. Sie
hatten Glück; niemand war zu sehen außer dem Fast Kopflosen Nick,
der geistesabwesend dahinschwebte und etwas vor sich hin summte,
das schrecklich nach »Weasley ist unser King« klang. Sie schlichen
durch die Eingangshalle und hinaus auf die stillen, verschneiten
Schloßgründe. Harrys Herz machte einen gewaltigen Sprung, als er vor
sich kleine goldene Lichtquadrate und eine Rauchfahne erspähte, die
aus Hagrids Kamin emporstieg. Er schritt nun zügig aus, und die bei-
den anderen folgten ihm, während sie sich schubsten und anrempelten.
Aufgeregt knirschten sie durch den immer höheren Schnee, bis sie end-
lich die hölzerne Tür erreicht hatten. Als Harry die Faust hob und drei-
mal klopfte, fing ein Hund drinnen wild an zu bellen.
»Hagrid, wir sind’s!«, rief Harry durch das Schlüsselloch. »Hätt’s mir
denken können!«, sagte eine rauhe Stimme.
416

Die drei strahlten sich unter dem Tarnumhang an; sie konnten an Ha-
grids Stimme hören, daß er sich freute. »Bin grad mal drei Sekunden
zu Haus … aus’m Weg, Fang … aus’m Weg, du tranige Töle …«
Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Tür ging knarrend auf und
Hagrids Kopf erschien im Spalt.
Hermine schrie auf.
»Beim Merlinsbart, sei leise!«, sagte Hagrid rasch und spähte hektisch
über ihre Köpfe hinweg. »Unterm Umhang seid ihr? Gut, kommt rein,
kommt rein!«
»Tut mir leid«, keuchte Hermine, als die drei sich an Hagrid vorbei in
die Hütte drängten und den Tarnumhang von sich wegzogen, damit er
sie sehen konnte. »Ich hab mich nur – oh, Hagrid!«
»Is’ nichts, is’ nichts!«, versicherte ihr Hagrid eilends, schloß die Tür
hinter ihnen und zog schleunigst alle Vorhänge zu, aber Hermine
starrte ihn weiterhin entsetzt an.
Hagrids Haar war mit geronnenem Blut verklebt und sein linkes
Auge war nur noch ein geschwollener Schlitz inmitten einer Masse
schwarzvioletter Blutergüsse. Auf Gesicht und Händen hatte er viele
Schnittwunden, von denen manche noch bluteten, und er bewegte sich
so behutsam, daß Harry vermutete, er könne sich einige Rippen gebro-
chen haben. Es war offensichtlich, daß er gerade erst nach Hause ge-
kommen war. Ein dicker schwarzer Reisemantel lag über einer Stuhl-
lehne, und eine Provianttasche, die so groß war, daß ein paar kleine
Kinder hineingepaßt hätten, lehnte an der Wand neben der Tür. Hagrid
selbst, doppelt so groß wie ein normal gewachsener Mann, humpelte
nun hinüber zum Feuer und stellte einen Kupferkessel auf den Rost.
»Was ist mit dir passiert?«, wollte Harry wissen, während Fang um
sie alle herumtänzelte und versuchte ihnen die Gesichter abzulecken.
»Habt’s doch gehört, nichts«, sagte Hagrid nachdrücklich. »Wollt ihr
’ne Tasse Tee?«
»Nun mach uns mal nichts vor«, entgegnete Ron, »du siehst ja fürch-
terlich aus!«
»Ich sag euch doch, ’s is’ alles in Ordnung mit mir«, versicherte Ha-
grid, richtete sich auf, drehte sich um und wollte sie breit anlächeln,
417

zuckte dann aber zusammen. »Verdammich, is’ gut, euch alle drei mal
wieder zu sehn – schönen Sommer gehabt?«
»Hagrid, du bist angegriffen worden!«, sagte Ron.
»Zum letzten Mal, ’s is’ nichts!«, erwiderte Hagrid entschieden.
»Würdest du auch sagen, es ist nichts, wenn jemand von uns mit
’nem Pfund Hackfleisch als Gesicht auftauchen würde?«, fragte Ron.
»Du solltest gleich zu Madam Pomfrey gehen, Hagrid«, sagte Her-
mine besorgt, »ein paar von diesen Schnittwunden sehen übel aus.«
»Ich werd schon damit fertig, klar?«, erwiderte Hagrid barsch.
Er ging hinüber zu dem riesigen Holztisch, der mitten in der Hütte
stand, und zog ein Handtuch, das darauf lag, beiseite. Darunter kam
ein rohes, blutiges, grünstichiges Steak zum Vorschein, ein wenig grö-
ßer als ein gewöhnlicher Autoreifen.
»Das willst du doch nicht etwa essen, Hagrid?«, sagte Ron und beugte
sich vor, um es näher in Augenschein zu nehmen. »Das sieht giftig aus.«
»So soll’s auch sein, ’s is’ Drachenfleisch«, sagte Hagrid. »Un’ ich hab’s
mir nicht zum Essen besorgt.«
Er nahm das Steak in die Hand und klatschte es sich auf die linke Ge-
sichtshälfte. Grünliches Blut tröpfelte ihm in den Bart, während er leise
und zufrieden stöhnte.
»Is’ schon besser. Hilft gegen’s Brennen, versteht ihr.«
»Wie sieht’s aus, erzählst du uns jetzt, was mit dir passiert ist?«,
fragte Harry.
»Kann nich, Harry. Top secret. Werd mein’ Job nicht riskieren und’s
euch erzählen.«
»Haben die Riesen dich verprügelt, Hagrid?«, fragte Hermine leise.
Das Drachensteak entglitt Hagrids Fingern und rutschte ihm plat-
schend auf die Brust.
»Riesen?«, sagte Hagrid. Er fing das Steak auf, bevor es seinen Gürtel
erreicht hatte, und klatschte es sich wieder aufs Gesicht. »Wer hat was
von Riesen erzählt? Mit wem habt ihr gesproch’n? Wer hat euch gesagt,
was ich – wer hat gesagt, ich sei – hä?«
»Wir haben’s geraten«, sagte Hermine entschuldigend.
»Oh, jaah, habt ihr, soso?«, sagte Hagrid und fixierte sie streng mit
dem Auge, das nicht hinter dem Steak verborgen war.
418

»Es war irgendwie … klar«, sagte Ron. Harry nickte.
Hagrid schaute sie finster an, schnaubte dann, warf das Steak wieder
auf den Tisch und schritt hinüber zum Kessel, der inzwischen zu pfei-
fen begonnen hatte.
»Hab noch nie Kinner wie euch gekannt, die dermaßen viel mehr
wußten, als ihnen gut getan hat«, murmelte er und schüttete kochendes
Wasser in drei seiner eimergroßen Becher. »Un’ das is’ kein Kompli-
ment nich. Neugierig, würden manche sagen. Tunichtgute.«
Aber sein Bart zuckte.
»Also hast du nach den Riesen gesucht?«, sagte Harry und setzte sich
grinsend an den Tisch.
Hagrid stellte den dreien Tee hin, setzte sich, nahm erneut sein Steak
und klatschte es sich wieder aufs Gesicht.
»Ja, von mir aus«, knurrte er. »Hab ich.«
»Und du hast sie gefunden?«, sagte Hermine mit gedämpfter
Stimme.
»Na, die sind nich schwer zu finden, ehrlich mal«, erwiderte Hagrid.
»Ziemlich groß, verstehste.«
»Wo sind sie?«, fragte Ron.
»Berge«, beschied ihn Hagrid knapp.
»Und die Muggel kommen ihnen nicht in die –?«
»Doch«, sagte Hagrid finster. »Nur, wenn die ums Leben kommen,
heißt’s immer Bergunglück, oder?«
Er schob das Steak ein wenig zurecht, damit es die schlimmsten Blut-
ergüsse bedeckte.
»Komm schon, Hagrid, erzähl uns, was du unternommen hast!«,
sagte Ron. »Erzähl uns, wie die Riesen dich angegriffen haben, dann
kann Harry dir erzählen, wie ihn die Dementoren angegriffen haben –«
Hagrid verschluckte sich, spuckte in seine Tasse und ließ zugleich das
Steak fallen; eine Unmenge Spucke, Tee und Drachenblut sprühte über
den Tisch, während Hagrid hustete und prustete und das Steak mit ei-
nem leisen Platsch zu Boden rutschte.
»Was soll’n das heißen, von Dementoren angegriffen?«, knurrte Hagrid.
»Hast du’s nicht gewußt?«, fragte ihn Hermine mit weit aufgerisse-
nen Augen.
419

»Ich hab keine Ahnung, was hier passiert ist, seit ich fortgegangen
bin. War ’ne geheime Mission, versteht ihr, wollt nich, daß mir ständig
Eulen folgen – verfluchte Dementoren! Das meinst du doch nich im
Ernst?«
»Mein ich sehr wohl, sie sind in Little Whinging aufgetaucht und ha-
ben meinen Cousin und mich angegriffen, und dann hat mich das Zau-
bereiministerium rausgeworfen –«
»WAS?«
»– und ich mußte zu ’ner Anhörung und alles, aber erzähl uns erst
mal von den Riesen.«
»Die haben dich rausgeworfen?«
»Erzähl uns von deinem Sommer und ich erzähl dir von meinem.«
Mit seinem offenen Auge funkelte ihn Hagrid finster an. Harry, der
einen Ausdruck unschuldiger Entschlossenheit auf dem Gesicht hatte,
hielt seinem Blick stand.
»Na, von mir aus«, sagte Hagrid mit resignierter Stimme. Er bückte
sich und zog das Drachensteak aus Fangs Maul.
»Oh, Hagrid, tu das nicht, das ist unhygien…«, fing Hermine an, aber
Hagrid hatte sich das Fleisch schon wieder auf sein geschwollenes
Auge gedrückt.
Zur Stärkung nahm er noch einen Schluck Tee, dann begann er:
»Also, wir sin’ gleich aufgebrochen, als das Schuljahr zu Ende war –«
»Dann ist Madame Maxime also mit dir gegangen?«, warf Hermine ein.
»Ja, genau«, sagte Hagrid, und die paar Zentimeter Gesicht, die nicht
von Bart oder grünem Steak verdeckt waren, nahmen einen sanfteren
Ausdruck an. »Ja, war ’n nur wir zwei beide. Und ich kann euch sagen,
die Olympe, der macht’s nichts aus, wenn’s hart auf hart kommt. Ihr
wißt ja, sie is’ ’ne elegante, gut angezogene Frau, und mir war klar, wo’s
hinging, und ich hab mich schon gefragt, wie’s für sie war, über Geröll
zu klettern und in Höhlen zu schlafen und so, aber sie hat sich nich ein
einziges Mal beschwert.«
»Du wußtest, wo es hinging?«, fragte Harry. »Du wußtest, wo die
Riesen waren?«
»Naja, Dumbledore wußte das und er hat’s uns gesagt«, erwiderte
Hagrid.
420

»Haben die sich verborgen?«, fragte Ron. »Ist es ein Geheimnis, wo
sie stecken?«
»Eigentlich nich«, sagte Hagrid und schüttelte seinen struppigen
Kopf, »’s is’ nur so, daß es die meisten Zauberer nicht groß schert, wo
die sin’, solang es nur weit genug weg ist. Aber da, wo die sin’, da
kommt man sehr schwer hin, Menschen jedenfalls, also brauchten wir
Dumbledores Rat. Brauchten rund ’nen Monat, bis wir da waren –«
»Einen Monat?«, sagte Ron, als ob er noch nie von einer Reise gehört
hätte, die so lächerlich lange gedauert hatte. »Aber – warum habt ihr
euch nicht einfach einen Portschlüssel geschnappt oder so was?«
Ein merkwürdiger Ausdruck, fast so etwas wie Mitleid, trat in Ha-
grids nicht bedecktes Auge, mit dem er Ron nun scheel ansah.
»Wir wer ’n beobachtet, Ron«, sagte er knurrig.
»Was soll das heißen?«
»Du verstehst das nicht«, sagte Hagrid. »Das Ministerium hält ’n
Auge auf Dumbledore und alle, von denen sie glauben, daß sie mit ihm
verbündet sin’, und –«
»Das wissen wir«, sagte Harry rasch, der auf den Rest von Hagrids
Geschichte brannte. »Wir wissen, daß das Ministerium Dumbledore
überwacht –«
»Also konntet ihr gar nicht zaubern, um dorthin zu kommen?«,
fragte Ron wie vom Donner gerührt. »Ihr mußtet euch den ganzen Weg
wie Muggel verhalten?«
»Naja, eigentlich nicht den ganzen Weg«, sagte Hagrid ausweichend.
»Wir mußt’n nur vorsichtig sein, weil Olympe und ich, wir fallen ’n
bißchen auf–«
Ron machte ein gedämpftes Geräusch, halb Schnauben, halb Schnie-
fen, und nahm hastig einen großen Schluck Tee.
»– also is’ es nicht schwer, uns zu folgen. Wir haben so getan, wie
wenn wir zusammen Ferien machen wollten, sind also rüber nach
Frankreich und dann erst ma’ in Richtung von der Schule von Olympe,
weil wir wußten, daß jemand vom Ministerium uns beschattet. Wir
mußten langsam machen, weil ich eigentlich gar nich zaubern darf und
wir wußten, das Ministerium würd nach ’nem Grund suchen, uns ein-
421

zubuchten. Aber wir haben’s geschafft und haben den Trottel, der uns
verfolgt hat, in der Nähe von Die-John abgehängt –«
»Ooooh, Dijon?«, sagte Hermine entzückt. »Ich war da mal in den Fe-
rien, hast du die Stadt –?«
Sie verstummte angesichts von Rons Miene.
»Danach ham wir ’s mit ’nem bißchen Magie probiert und ab dann
war ’s gar keine schlechte Reise. Sind an der polnischen Grenze mit ’n
paar verrückten Trollen zusammengeraten und ich hatt’ ’ne kleine Mei-
nungsverschiedenheit mit ’nem Vampir in ’ner Spelunke in Minsk, aber
ansonsten hätt’s nich besser laufen können.
Und dann sin’ wir dort angekommen und sin’ die Berge hochgeklet-
tert und haben nach denen Ausschau gehalten …
Die Magie mußten wir bleiben lassen, sobald wir in der Nähe von de-
nen waren. Teils weil die keine Zauberer mögen, wir wollten die nicht
zu schnell vergrätzen, und teils weil Dumbledore uns gewarnt hatte,
daß Du-weißt-schon-wer auch den Riesen und so hinterher sein müßte.
Meinte, es war ziemlich sicher, daß er denen schon ’nen Boten ge-
schickt hat. Wir sollten ganz vorsichtig sein un’ uns unauffällig verhal-
ten, wenn wir denen näher kommen, falls schon welche von den Todes-
sern in der Gegend wär ’n.«
Hagrid legte eine Pause ein und nahm einen ausgiebigen Schluck Tee.
»Weiter!«, drängte Harry.
»Ham sie gefunden«, sagte Hagrid trocken. »Eines Nachts sind wir
übern Bergkamm und da war ’n sie, hatten sich unten auf der anderen
Seite breit gemacht. Da brannten kleine Feuer und’s gab riesige Schat-
ten … war, wie wenn du zusiehst, daß sich Teile von’n Bergen bewe-
gen.«
»Wie groß sind sie?«, fragte Ron leise.
»Um die sechs Meter«, sagte Hagrid beiläufig. »Manche von den grö-
ßeren vielleicht siebeneinhalb.«
»Und wie viele waren es?«, fragte Harry.
»Ich schätz ma’, um die siebzig bis achtzig«, sagte Hagrid.
»Das sind alle?«, sagte Hermine.
»Jep«, sagte Hagrid traurig, »achtzig sind noch übrig, und es waren
’ne Menge mehr, müss’n hundert verschiedene Stämme auf der ganzen
422

Welt gewesen sein. Aber die sind schon seit ’ner Ewigkeit am Aus-
sterb’n. ’türlich haben Zauberer ’n paar getötet, aber meistens haben sie
sich gegenseitig umgebracht, und jetzt sterben sie noch schneller aus.
Die sind nich dafür geschaffen, so zusammengepfercht zu leben. Dum-
bledore meint, das ist unsere Schuld, es war’n Zauberer, die sie ge-
zwungen haben zu fliehen und weit weg von uns zu leben, und sie hat-
ten keine Wahl und mußten sich zu ihrem Schutz zusammenrotten.«
»Also«, sagte Harry, »ihr habt sie gesehen, und was weiter?«
»Nun, wir haben bis zum Morgen gewartet, wollten uns nich im
Dunkeln an sie ranschleichen, zu unsrer eig’nen Sicherheit«, sagte Ha-
grid. »Gegen drei Uhr morgens sind sie eingeschlafen, grad da, wo sie
saßen. Wir haben uns nich getraut zu schlafen. Zum einen wollten wir
sichergehen, daß keiner von denen aufwacht und zu uns hochkommt,
und zum anderen war das ein Geschnarche, das glaubst du nich. Hat
gegen Morgen ’ne Lawine ausgelöst.
Jedenfalls, sobald’s hell war, sind wir zu ihnen runtergestiegen.«
»Einfach so?«, sagte Ron mit ehrfürchtiger Miene. »Ihr seid einfach
da in dieses Lager von den Riesen reinspaziert?«
»Na ja, Dumbledore hat uns gesagt, wie wir ’s anstellen sollen«, sagte
Hagrid. »Dem Gurg Geschenke überreichen, ihm ein bißchen Respekt
bezeugen, ihr wißt schon.«
»Wem Geschenke überreichen?«, fragte Harry. »Oh, dem Gurg, das is’
der Häuptling.« »Woher wußtet ihr, wer der Gurg war?«, fragte Ron.
Hagrid grunzte belustigt.
»Kein Problem«, sagte er. »Er war der Größte, der Häßlichste und der
Faulste. Hockte da und hat sich von den anderen Futter bringen lassen.
Tote Ziegen und so. Hieß Karkus. Ich hätt ihn so auf die sieben Meter
geschätzt, und gewogen hat er wohl so viel wie ’n paar Elefantenbul-
len. Hatte ’ne Haut wie ’n Nashorn und alles.«
»Und da seid ihr einfach so zu ihm hinspaziert?«, sagte Hermine
atemlos.
»Na ja … erst mal runter zu ihm ins Tal, wo er lag. Die war ’n in dieser
Senke zwischen vier ziemlich hohen Bergen, wißt ihr, an ’nem Bergsee,
und Karkus lag am See und hat die andern angebrüllt, sie sollen ihm und
seinem Weib Futter bringen. Olympe und ich sin’ den Berghang runter –«
423

»Aber haben die nicht versucht euch umzubringen, als sie euch sa-
hen?«, fragte Ron ungläubig.
»’n paar von denen hat’s sicher gejuckt«, sagte Hagrid achselzuckend,
»aber wir haben getan, was Dumbledore uns gesagt hat, nämlich unser
Geschenk vor uns hochhalten un’ immer nur den Gurg angucken und
nich auf die andern achten. Genau das haben wir gemacht. Un’ die an-
dern haben sich beruhigt un’ ließen uns vorbei un’ wir sin’ bis direkt
vor die Füße von Karkus gekommen un’ haben uns verneigt un’ das
Geschenk vor ihn hingelegt.«
»Was schenkt man einem Riesen denn so?«, fragte Ron neugierig.
»Was zu fressen?«
»Nee, das kann er sich ganz gut selbst besorgen«, sagte Hagrid. »Wir
haben ihm was zum Zaubern mitgebracht. Riesen finden Zaubern gut,
bloß nich, wenn wir ’s gegen sie gebrauchen. Jedenfalls ham wir ihm an
diesem ersten Tag ’nen Ableger vom Gubraith-Feuer geschenkt.«
Hermine sagte leise »Wow!«, aber Harry und Ron runzelten nur rat-
los die Stirn.
»Einen Ableger von was –?«
»Ewiges Feuer«, sagte Hermine gereizt, »das solltet ihr inzwischen
aber wissen. Professor Flitwick hat es mindestens zwei Mal im Unter-
richt erwähnt!«
»Na ja, wie auch immer«, griff Hagrid rasch ein, bevor Ron dagegen-
halten konnte, »Dumbledore hat diesen Ableger verzaubert, damit er
immer und ewig brennt, und das kann nicht jeder Zauberer. Ich leg ihn
also in den Schnee vor die Füße von Karkus und sag: ›Ein Geschenk für
den Gurg der Riesen von Albus Dumbledore, der seine respektvollen
Grüße sendet.‹«
»Und was hat Karkus gesagt?«, fragte Harry begierig.
»Nichts«, sagte Hagrid. »Konnt kein Englisch.«
»Du willst uns verulken!«
»War aber egal«, sagte Hagrid gelassen. »Dumbledore hat uns ge-
warnt, daß das passieren kann. Karkus hat so viel begriffen, daß er
nach ’n paar Riesen rief, die unsre Sprache kannten, und die haben für
uns übersetzt.«
»Und hat ihm das Geschenk gefallen?«, fragte Ron.
424

»Aber hallo, sobald die kapiert hatten, was es war, brach die Hölle
los«, sagte Hagrid, drehte sein Drachensteak um und drückte nun die
kühlere Seite auf sein geschwollenes Auge. »Richtig gefreut ham sich
die. Also hab ich gesagt: ›Albus Dumbledore bittet den Gurg, mit sei-
nem Boten zu sprechen, wenn er morgen mit einem neuen Geschenk
zurückkehrt.‹«
»Warum konntest du nicht an diesem Tag mit ihm reden?«, fragte
Hermine.
»Dumbledore wollte, daß wir ’s sehr langsam angehen«, sagte Hagrid.
»Ihn sehn lassen, daß wir unsere Versprechen halten. Wir kehren morgen
mit einem neuen Geschenk zurück, und dann kommen wir tatsächlich mit
’nem neuen Geschenk wieder – macht ’nen guten Eindruck, verstehst
du? Außerdem ham sie mehr Zeit, das erste Geschenk auszuprobieren,
und könn’ sehn, daß es was taugt, und dann werden sie scharf auf noch
eins. Jedenfalls, bei Riesen wie Karkus is’ es so – machst du zu viele
Worte, dann bringen sie dich um, nur damit die Sache wieder einfacher
wird. Wir sind also unter Verbeugungen wieder weg un’ haben ’ne
nette kleine Höhle für uns gefunden, wo wir die Nacht verbracht ha-
ben, un’ als wir am Morgen drauf wieder zurück sind, sitzt Karkus
schon da und wartet auf uns, und ganz gespannt war er auch schon.«
»Und ihr habt mit ihm gesprochen?«
»O ja. Erst ham wir ihm einen hübschen Schlachthelm geschenkt –
koboldgearbeitet und unzerstörbar, müßt ihr wissen – und dann haben
wir uns hingesetzt und mit ihm geredet.«
»Was hat er gesagt?«
»Nich viel«, sagte Hagrid. »Hat meist zugehört. Aber die Zeichen
war’n gut. Er hatte von Dumbledore gehört, nämlich daß er sich da-
mals gegen die Tötung der letzten Riesen in Britannien ausgesprochen
hat. Karkus hat sich, wie’s aussah, ziemlich für das interessiert, was wir
ihm von Dumbledore ausgerichtet haben. Und ’n paar von den andern,
besonders die, die ’n bißchen Englisch konnten, haben sich um uns ge-
schart und auch zugehört. Wir war ’n ganz guter Dinge, als wir an die-
sem Tag weg sind. Versprachen, am nächsten Morgen mit noch ’nem
Geschenk wiederzukommen.
Aber in dieser Nacht is’ dann alles schiefgegangen.«
425

»Was soll das heißen?«, sagte Ron rasch.
»Nun, ich hab’s gesagt, die leben von Natur aus eigentlich nich zu-
sammen, diese Riesen«, sagte Hagrid traurig. »Nich in so großen Grup-
pen. Die können einfach nich anders, die bringen sich alle paar Wochen
halb um. Die Männer kämpfen gegeneinander und die Frauen kämpfen
gegeneinander, die Überlebenden der alten Stämme bekämpfen einan-
der, und dann komm’ noch die Kabbeleien wegen Fressen oder den be-
sten Feuerstellen oder Schlafplätzen dazu. Wenn du siehst, daß die
ganze Rasse so ziemlich am Ende ist, könntest du meinen, die lassen
ma’ voneinander ab, aber …«
Hagrid seufzte schwer.
»In dieser Nacht brach ein Kampf aus, wir haben’s vom Eingang un-
serer Höhle gesehn, wo wir runter ins Tal geschaut haben. Ging stun-
denlang so, war ’n unglaublicher Lärm. Und als die Sonne aufging, war
der Schnee scharlachrot und sein Kopf lag aufm Grund vom See.«
»Wessen Kopf?«, japste Hermine.
»Der von Karkus«, sagte Hagrid bedrückt. »Es gab ’neu neuen Gurg,
Golgomath.« Er seufzte wieder. »Na ja, wir hatten nich mit ’nem neuen
Gurg gerechnet, zwei Tage nachdem wir gut Freund mit Karkus ge-
worden war ’n, und wir hatten das komische Gefühl, Golgomath würd
nicht so scharf drauf sein, uns zuzuhören, aber wir mußten’s versu-
chen.«
»Ihr seid hingegangen, um mit ihm zu reden?«, fragte Ron ungläu-
big. »Nachdem ihr zugesehen habt, wie er ’nem anderen Riesen den
Kopf abgerissen hat?«
»’türlich«, sagte Hagrid. »Wir haben doch nich den ganzen Weg ge-
macht, um dann nach zwei Tagen aufzugeben! Wir sin’ runter, mit dem
nächsten Geschenk, das wir eigentlich Karkus geben wollten. Aber ich
hatte noch nich mal den Mund aufgemacht, da wußt ich schon, es wird
nichts draus. Wie wir näher kamen, saß er da mit dem Helm von Kraus
auf und hat uns schief angeguckt. Er is’ fett, einer der Dicksten da.
Schwarzes Haar und passende Zähne und ’n Halsband aus Knochen, ’n
paar Menschenknochen drunter, wie’s aussah. Na ja, ich hab’s eben mal
versucht – hielt ihm ’ne große Rolle Drachenhaut hin und sagte: ›Ein
Geschenk für den Gurg der Riesen –‹ Und kaum daß ich mich’s versah,
426

hing ich schon an den Füßen kopfüber in der Luft, zwei von seinen
Kumpels hatten mich gepackt.«
Hermine schlug die Hände vor den Mund.
»Wie bist du da wieder rausgekommen?«, fragte Harry.
»War ich nich, wenn Olympe nicht dabei gewesen war«, sagte Ha-
grid. »Sie hat ihren Zauberstab rausgeholt und hat ’n paar Zauber los-
gelassen, so schnell, das hab ich noch kaum gesehn. War fabelhaft, ver-
dammt noch mal. Hat den beiden, die mich festhielten, Konjunktivitis-
Flüche direkt in die Augen geschossen und die haben mich gleich fal-
len lassen – aber jetzt hatten wir richtig Ärger, weil wir gegen die ge-
zaubert hatten, und das können die Riesen an den Zauberern nun ma’
überhaupt nicht leiden. Wir mußten abhauen und’s war klar, wir hatten
keine Chance mehr, zurück ins Lager zu kommen.«
»Nicht zu fassen, Hagrid«, sagte Ron leise.
»Und weshalb hast du so lange nach Hause gebraucht, wenn du nur
drei Tage dort warst?«, fragte Hermine.
»Wir sind doch nich nach drei Tagen schon wieder abgehauen!«, ent-
gegnete Hagrid empört. »Dumbledore hat sich auf uns verlassen!«
»Aber du hast doch eben gesagt, ihr hattet keine Chance mehr, ins
Lager zurückzukommen!«
»Nich bei Tageslicht, nein, das nich. Wir mußten nur ’n wenig um-
denken. Haben ’n paar Tage unauffällig in der Höhle verbracht und sie
beobachtet. Und was wir sah’n, war nich gut.«
»Hat er noch mehr Köpfe abgerissen?«, fragte Hermine angewidert.
»Nein«, sagte Hagrid. »Ich wünschte, er hätt’s.«
»Was soll das heißen?«
»Soll heißen, wir haben bald rausgefunden, daß er nich gegen alle
Zauberer was hatte – nur gegen uns.«
»Todesser?«, sagte Harry rasch.
»Jep«, erwiderte Hagrid düster. »Zwei von denen haben ihn jeden
Tag besucht, brachten Geschenke für den Gurg, und die jedenfalls hat
er nich kopfüber aufgehängt.«
»Woher wußtet ihr, daß es Todesser waren?«, sagte Ron.
»Weil ich einen von denen erkannt hab«, knurrte Hagrid. »Macnair,
wißt ihr noch? Der Kerl, den sie geschickt haben, um Seidenschnabel
427

zu töten? Ist ’n Wahnsinniger. Tötet genauso gern wie Golgomath; kein
Wunder, daß die so gut miteinander auskamen.«»Also hat Macnair die Riesen überredet, sich Du-weißt-schon-wem
anzuschließen?«, sagte Hermine verzweifelt. »Nich so schnell mit den Hippogreifen, ich bin noch nich fertig mit
der Geschichte!«, sagte Hagrid entrüs tet. Dafür, daß er ihnen zunächst
gar nichts hatte sagen wollen, genoß er es jetzt offensichtlich sehr, zu
erzählen. »Olympe und ich ham’s besprochen und wir war ’n uns einig;
nur weil der Gurg anschein’d Du-weißt-schon-wen besser fand, hieß
das noch nich, daß es alle von denen taten. Wir mußten versuchen, ’n
paar von den andern zu überzeugen, die nicht Golgomath als Gurg ge-
wollt hatten.« »Wie konntet ihr die von den anderen unterscheiden?«, fragte Ron.
»Na, das war ’n einfach die, die zu Brei gehauen wurden«, erklärte
Hagrid geduldig. »Und die mit ’nem bißchen Verstand sind Golgomath
aus’m Weg gegangen und haben sich in den Höhlen um die Senke ver-
steckt, genau wie wir. Also ham wir beschlossen, wir schleichen uns
nachts in die Höhlen und schau’n, ob wir ’n paar von denen überzeu-
gen können.« »Ihr habt euch in dunkle Höhlen geschlichen und nach Riesen ge-
sucht?«, sagte Ron mit ehrfürchtiger Bewunderung in der Stimme. »Tja, es waren nich die Riesen, die uns am meisten Sorgen gemacht
haben«, sagte Hagrid. »Wir hatten mehr Befürchtungen wegen den
Tod-
essern. Dumbledore hat uns gesagt, bevor wir los sind, wir sollten uns
mit denen möglichst nich anlegen, aber das Problem war, die wußten,
daß wir in der Gegend war ’n – vermute mal, Golgomath hat ihnen von
uns erzählt. Nachts, wenn die Riesen schliefen und wir in die Höhlen
kriechen wollten, trieben sich Macnair und der andere in den Bergen
rum und ham nach uns gesucht. War schwer, Olympe davon abzuhal-
ten, sich auf die zu stürzen«, sagte Hagrid und verzog die Mundwin-
kel, so daß sich sein struppiger Bart hob, »sie war ganz scharf drauf,
die anzugreifen … die hat was, wenn sie mal in Fahrt is’, Olympe …
feurig, wißt ihr … muß die Französin in ihr sein …« Hagrid stierte mit trüben Augen ins Feuer. Harry ließ ihn eine halbe
Minute in seinen Erinnerungen schwelgen, dann räusperte er sich laut.
428

»Also, was ist passiert? Seid ihr irgendwann mal in die Nähe von ei-
nem der anderen Riesen gekommen?«
»Was? Oh … oh, ja, sind wir. Ja, in der dritten Nacht, nachdem sie Kar-
kus umgebracht hatten, sind wir aus unserm Höhlenversteck gekrochen
und wieder runter in die Senke gestiegen, ständig auf der Hut vor Todes-
sern. Sin’ in ein paar Höhlen rein, war aber nichts – dann, in der sechsten
vielleicht, haben wir drei Riesen gefunden, die sich versteckt hatten.«
»Die Höhle muß aber proppenvoll gewesen sein«, sagte Ron.
»Konntest nich mal mehr ’n Kniesel schwingen«, bestätigte Hagrid.
»Haben die euch nicht angegriffen, als sie euch sahen?«, fragte Her-
mine.
»Hätten’s wohl getan, wenn sie einigermaßen in Form gewesen
wär’n«, sagte Hagrid, »aber die war’n schwer verletzt, alle drei; die
Sippe von Golgomath hatte die halb tot geschlagen, sie sin’ aufgewacht
und in den nächstbesten Unterschlupf gekrochen, den sie finden konn-
ten. Jedenfalls, einer von denen konnt ’n bißchen Englisch und er hat
für die andern übersetzt, und was wir zu sagen hatten, fanden sie wohl
gar nich so schlecht. Also sin’ wir immer wieder gekommen und ham
uns um die Verletzten gekümmert … Ich schätz, zu der Zeit hatten wir
sechs oder sieben von denen überzeugt…«
»Sechs oder sieben?«, sagte Ron aufgeregt. »Na ja, das ist nicht
schlecht – kommen die jetzt hierher und fangen an, mit uns gegen Du-
weißt-schon-wen zu kämpfen?«
Aber Hermine sagte: »Was meinst du mit ›zu der Zeit‹, Hagrid?« Ha-
grid sah sie traurig an.
»Golgomaths Sippe hat die Höhlen überfallen. Die Überlebenden
wollten danach nichts mehr mit uns zu tun haben.«
»Also … also kommen gar keine Riesen?«, sagte Ron enttäuscht.
»Nee«, sagte Hagrid, seufzte schwer, drehte das Steak um und legte
die kühlere Seite auf sein Gesicht, »aber wir haben erledigt, was wir
vorhatten, wir haben Dumbledores Botschaft überbracht, und ich denk,
manche von denen, die’s gehört haben, werden sich dran erinnern. Wer
weiß, vielleicht ziehen die, die nich bei Golgomath bleiben wollen, fort
aus den Bergen, und möglicherweise erinnern sie sich ja, daß Dumble-
dore freundlich zu ihnen war … könnt sein, daß sie kommen.«
429

Das Fenster schneite allmählich ein. Harry spürte, daß sein Umhang
an den Knien durchnäßt war: Fang hatte den Kopf in seinen Schoß ge-
legt und sabberte.
»Hagrid?«, sagte Hermine nach einer Weile leise.
»Mmm?«
»Hast du … war da irgendeine Spur von … hast du irgendwas von
deiner … deiner Mutter gehört, wählend du dort warst?«
Hagrids unverdecktes Auge blieb auf ihr ruhen und Hermine wirkte
ziemlich beklommen.
»Verzeihung … ich … schon gut –«
»Tot«, brummte Hagrid. »Vor Jahren schon gestorben. Ham sie mir
gesagt.«
»Oh … das … tut mir wirklich leid«, sagte Hermine mit sehr leiser
Stimme. Hagrid zuckte mit den massigen Schultern.
»Macht nichts«, sagte er knapp. »Kann mich sowieso kaum an sie er-
innern. War nich die beste aller Mütter.«
Wieder schwiegen sie. Hermine warf Harry und Ron nervöse Blicke
zu, offensichtlich wollte sie, daß sie etwas sagten.
»Aber du hast immer noch nicht erklärt, weshalb du so zugerichtet bist,
Hagrid«, sagte Ron und deutete auf Hagrids blutverschmiertes Gesicht.
»Oder warum du so spät zurückkommst«, sagte Harry. »Sirius meint,
Madame Maxime sei schon ewig lange wieder da –«
»Wer hat dich angegriffen?«, fragte Ron.
»Ich wurd nicht angegriffen!«, sagte Hagrid nachdrücklich. »Ich –«
Aber seine weiteren Worte gingen in einem plötzlichen Gepolter an
der Tür unter. Hermine keuchte; der Becher rutschte ihr aus den Fin-
gern und zerschellte auf dem Boden; Fang jaulte. Alle vier starrten auf
das Fenster neben der Tür. Der Schatten einer kleinen, gedrungenen
Gestalt kräuselte sich über den dünnen Vorhang.
»Das ist sie!«, flüsterte Ron.
»Darunter!«, sagte Harry rasch; er packte den Tarnumhang und ließ
ihn über sich und Hermine flattern, Ron kam um den Tisch geflitzt und
tauchte ebenfalls darunter. Aneinander gedrängt zogen sie sich in eine
Ecke zurück. Fang bellte wie verrückt die Tür an. Hagrid schien gründ-
lich verwirrt.
430

»Hagrid, versteck unsere Becher!«
Hagrid packte die Becher von Harry und Ron und legte sie unter das
Kissen in Fangs Korb. Fang sprang nun immer wieder an der Tür hoch.
Hagrid schob ihn mit dem Fuß beiseite und öffnete.
Professor Umbridge stand vor der Tür, in ihrem grünen Tweedman-
tel und mit einem passenden Hut mit Ohrenschützern. Mit geschürzten
Lippen lehnte sie sich zurück, damit sie Hagrids Gesicht sehen konnte;
sie reichte ihm kaum bis zum Nabel.
»So«, sagte sie langsam und laut, als ob sie mit einem Tauben reden
würde. »Sie sind Hagrid, nicht wahr?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, kam sie in die Hütte und ihre
Glubschaugen sahen sich überall um.
»Weg da«, fauchte sie und schlug mit der Handtasche nach Fang, der
an ihr hochgesprungen war und ihr das Gesicht ablecken wollte.
»Ähm – ich will ja nich unhöflich sein«, sagte Hagrid und starrte sie
an, »aber wer zum Teufel sind Sie eigentlich?«
»Mein Name ist Dolores Umbridge.«
Ihre Augen suchten die Hütte ab. Zweimal starrten sie geradewegs in
die Ecke, in der Harry platt gedrückt zwischen Ron und Hermine
stand.
»Dolores Umbridge?«, sagte Hagrid und klang völlig ratlos. »Ich
dacht, Sie wär ’n vom Ministerium – arbeiten Sie nicht für Fudge?«
»Ich war Erste Untersekretärin des Ministers, ja«, sagte Umbridge,
schritt nun in der Hütte auf und ab und registrierte die kleinste Klei-
nigkeit, von der Provianttasche an der Wand bis zum abgelegten Reise-
mantel. »Ich bin jetzt Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen
Künste –«
»Da sin’ Sie aber mutig«, sagte Hagrid. »Gibt gar nich mehr so viele,
die den Job machen woll’n.«
»– und Großinquisitorin von Hogwarts«, sagte Umbridge ohne ein
Zeichen, daß sie ihn gehört hatte.
»Was’n das?«, fragte Hagrid stirnrunzelnd.
»Genau das wollte ich Sie auch fragen«, sagte Umbridge und deutete
auf die Porzellanscherben am Boden, die einmal Hermines Becher ge-
wesen waren.
431

»Oh«, sagte Hagrid mit einem gar nicht hilfreichen Blick in die Ecke,
wo Harry, Ron und Hermine verborgen standen, »oh … das war … war
Fang. Hat ’nen Becher kaputtgemacht. Hab dafür den nehmen müs-
sen.«
Hagrid deutete auf den Becher, aus dem er getrunken hatte, während
er mit der anderen Hand weiterhin das Drachensteak auf sein Auge
preßte. Umbridge stand jetzt direkt vor ihm und prüfte statt der Hütte
jede Einzelheit von Hagrids Erscheinung.
»Ich habe Stimmen gehört«, sagte sie ruhig.
»Ich hab mit Fang geredet«, erwiderte Hagrid beherzt.
»Und hat er Ihnen geantwortet?«
»Nun … wie man’s nimmt«, erwiderte Hagrid mit sichtlichem Unbe-
hagen. »Manchmal sag ich, der Fang, der is’ fast wie ’n Mensch –«
»Im Schnee sind die Spuren von drei Paar Füßen und sie führen vom
Schloßportal zu Ihrer Hütte«, sagte Umbridge ölig.
Hermine keuchte; Harry schlug ihr die Hand auf den Mund. Zum
Glück schnüffelte Fang lautstark am Saum von Professor Umbridges
Umhang und sie hatte offenbar nichts gehört.
»Tja, ich bin grad erst zurückgekommen«, sagte Hagrid und
schwenkte seine gewaltige Hand in Richtung Provianttasche. »Viel-
leicht wollt vorher jemand zu Besuch kommen und ich hab sie ver-
paßt.«
»Es führen keine Fußspuren von Ihrer Hütte weg.«
»Also … ich hab keine Ahnung, wie das kommen kann …«, sagte Ha-
grid, zupfte nervös an seinem Bart und spähte erneut in die Ecke, wo
Harry, Ron und Hermine standen, als wollte er sie um Hilfe bitten.
»Ähm …«
Umbridge wirbelte herum, schritt die ganze Hütte ab und sah sich
dabei genau um. Sie bückte sich und spähte unters Bett. Sie öffnete Ha-
grids Schränke. Sie kam an Harry, Ron und Hermine vorbei, die sich an
die Wand gedrückt hatten, und das in fünf Zentimeter Entfernung;
Harry zog in diesem Moment tatsächlich den Bauch ein. Nachdem sie
sorgfältig den gewaltigen Kessel inspiziert hatte, den Hagrid zum Ko-
chen benutzte, wirbelte sie wieder herum und sagte: »Was ist mit Ihnen
passiert? Wie haben Sie sich diese Verletzungen zugezogen?«
432

Hagrid ließ hastig das Drachensteak von seinem Gesicht sinken, was
Harry für einen Fehler hielt, weil die schwarzvioletten Blutergüsse um
sein Auge jetzt deutlich sichtbar waren, ganz zu schweigen von der
großen Menge frischen und geronnenen Blutes auf seinem Gesicht.
»Oh … ich hatte ’nen kleinen Unfall«, sagte er lahm.
»Was für einen Unfall?«
»Ich – ich bin gestolpert.«
»Sie sind gestolpert«, wiederholte sie kühl.
»Ja, genau. Über … über den Besen von ’nem Freund. Ich selbst, ich
flieg ja nicht. Naja, Sie sehn, wie groß ich bin, ich schätz nich, daß es ei-
nen Besen gibt, der mich tragen würd. Freund von mir züchtet Abra-
xas-Pferde, keine Ahnung, ob Sie schon mal welche gesehn ham, riesige
Viecher, mit Flügeln, wissen Sie, ich hab eins von denen kurz mal gerit-
ten, und das war –«
»Wo sind Sie gewesen?«, unterbrach Umbridge kühl Hagrids Gebrab-
bel.
»Wo bin ich –?«
»Gewesen, ja«, sagte sie. »Das Schuljahr hat vor zwei Monaten begon-
nen. Eine Lehrerin mußte für Sie einspringen. Keiner Ihrer Kollegen
war in der Lage, mir irgendwelche Informationen über Ihren Aufent-
haltsort zu geben. Sie haben keine Adresse hinterlassen. Wo sind Sie
gewesen?«
Eine Pause trat ein, während deren Hagrid sie mit seinem inzwischen
nicht mehr bedeckten Auge anstarrte. Harry konnte schier hören, wie
Hagrids Gehirn fieberhaft arbeitete.
»Ich – ich war weg aus gesundheitlichen Gründen«, antwortete er.
»Aus gesundheitlichen Gründen«, sagte Professor Umbridge. Ihre
Augen wanderten über Hagrids entstelltes und geschwollenes Gesicht.
Sanft und still tröpfelte Drachenblut auf seine Weste. »Verstehe.«
»Jaah«, sagte Hagrid. »’n bißchen frische Luft schnappen, wiss’n
Sie –«
»Ja, als Wildhüter kommt man ja so selten an die frische Luft«, sagte
Umbridge honigsüß. Der kleine Fleck in Hagrids Gesicht, der nicht
schwarz oder violett war, wurde rot.
»Naja – mal was andres sehen, verstehn Sie –«
433

»Die Bergwelt?«, sagte Umbridge rasch. Sie weiß es, dachte Harry
verzweifelt.
»Bergwelt?«, wiederholte Hagrid und überlegte offenbar schnell.
»Von wegen. Ich steh auf Südfrankreich. Bißchen Sonne … und Meer.« »Wirklich?«, sagte Umbridge. »Sie sind aber nicht gerade braun ge-
worden.« »Jaah … nun … hab ’ne empfindliche Haut«, erwiderte Hagrid und
versuchte ein einnehmendes Lächeln. Harry fiel auf, daß zwei seiner
Zähne ausgeschlagen waren. Umbridge sah ihn kalt an; sein Lächeln
gefror. Dann schob sie ihre Handtasche etwas höher in die Armbeuge
und sagte: »Natürlich werde ich den Minister über Ihre verspätete
Rückkehr unterrichten.«
»Verstehe«, sagte Hagrid und nickte.
»Sie sollten auch wissen, daß es meine leidige, aber notwendige
Pflicht als Großinquisitorin ist, bei meinen Lehrerkollegen Inspektio-
nen durchzuführen. Daher würde ich meinen, wir sehen uns recht bald
wieder.« Sie wandte sich abrupt um und schritt zur Tür zurück.
»Sie inspizier ’n uns?«, erwiderte Hagrid verdutzt und sah ihr nach.
»O ja«, sagte Umbridge sanft und wandte sich, die Hand auf der Tür-
klinke, zu ihm um. »Das Ministerium ist entschlossen, nicht zufrieden
-
stellende Lehrer auszujäten, Hagrid. Gute Nacht.« Sie ging hinaus und ließ die Tür hinter sich zuschnappen. Harry
wollte gerade den Tarnumhang runterziehen, da packte ihn Hermine
am Handgelenk. »Noch nicht«, hauchte sie ihm ins Ohr. »Vielleicht steht sie noch
draußen.« Hagrid schien Ähnliches zu denken; er stapfte durch die Hütte und
zog den Vorhang ein paar Zentimeter beiseite. »Sie geht zurück zum Schloß«, sagte er mit leiser Stimme. »Grundgü-
tiger … inspiziert die Leute, is’ das wahr?« »Allerdings«, sagte Harry und zog den Umhang herunter. »Trelaw-
ney ist schon auf Bewährung …« »Ähm … was hast du denn so geplant für unsere Klasse, Hagrid?«,
fragte Hermine.
434

»Ach, mach dir darüber keine Sorgen, ich hab schon ’ne ganze Menge
Stunden vorbereitet«, sagte Hagrid begeistert, klaubte sein Drachen-
steak vom Tisch und klatschte es sich wieder übers Auge. »Ich hab mir
’n paar Geschöpfe für euer ZAG-Jahr aufgespart; wartet nur ab, die sin’
was ganz Besonderes.«
»Ähm – was meinst du damit?«, fragte Hermine behutsam.
»Verrat ich nich«, sagte Hagrid fröhlich. »Will euch ja die Überra-
schung nich verderben.«
»Hör mal, Hagrid«, drängte Hermine und verzichtete nun auf jede
Verstellung, »Professor Umbridge wird es überhaupt nicht gutheißen,
wenn du etwas zu Gefährliches mit in den Unterricht bringst.«
»Gefährlich?«, sagte Hagrid und machte eine belustigt-versonnene
Miene. »Sei nicht albern, ich würd euch doch nichts Gefährliches mit-
bringen! Also gut, zugegeben, die können schon für sich selbst sor-
gen –«
»Hagrid, du mußt die Inspektion von Umbridge bestehen, und da
wär ’s wirklich besser, wenn sie sehen würde, daß du uns beibringst,
wie man sich um Porlocks kümmert oder wie man Knarle und Igel un-
terscheiden kann, so Zeug eben!«, sagte Hermine ernst.
»Aber das is’ nich sonderlich interessant, Hermine«, erwiderte Ha-
grid. »Das, was ich hab, das macht viel mehr her. Ich kümmer mich
schon seit Jahren um sie, ich vermut mal, ich hab die einzige zahme
Herde in Britannien.«
»Hagrid … bitte …«, sagte Hermine und echte Verzweiflung lag in
ihrer Stimme. »Umbridge sucht nach irgendwelchen Ausreden, um
Lehrer loszuwerden, von denen sie glaubt, sie stünden Dumbledore zu
nah. Bitte, Hagrid, bring uns irgendwas Langweiliges bei, das sicher in
den ZAGs drankommt.«
Doch Hagrid gähnte nur herzhaft und warf mit dem einen Auge ei-
nen sehnsüchtigen Blick zu dem riesigen Bett in der Ecke.
»Hör ma’, war ’n langer Tag und ’s is’ schon spät«, sagte er und tät-
schelte Hermine freundschaftlich die Schulter; die Knie knickten ihr ein
und schlugen dumpf auf den Boden. »Oh – ’tschuldigung –« Er zog sie
hinten am Umhangkragen wieder auf die Beine. »Schau ma’, nu mach
dir mal keine Sorgen um mich, ich versprech dir, ich plan wirklich gute
435

Sachen für euern Unterricht, jetzt, wo ich wieder da bin … und ihr geht
nun am besten wieder hoch zum Schloß, und vergeßt nicht, die Fuß-
spuren hinter euch zu verwischen!«
»Keine Ahnung, ob er eigentlich begriffen hat, was du meintest«,
sagte Ron kurze Zeit später, nachdem sie geprüft hatten, ob die Luft
rein war, und durch den immer höheren Schnee zurück zum Schloß
gingen, wobei sie diesmal dank Hermines Tilgzauber keine Spuren hin-
terließen.
»Dann geh ich eben morgen noch mal zu ihm«, sagte Hermine ent-
schlossen. »Wenn’s sein muß, bereite ich selbst den Unterricht für ihn
vor. Ob sie nun Trelawney rauswirft, ist mir schnuppe, aber Hagrid
bleibt!«
436

Das Auge der Schlange
Am Sonntagmorgen pflügte Hermine durch eine sechzig Zentimeter tiefe
Schneedecke zurück zu Hagrids Hütte. Harry und Ron hatten eigentlich
mitgehen wollen, doch ihr Hausaufgabenberg hatte schon wieder eine
alarmierende Höhe erreicht, also blieben sie widerwillig im Gemein-
schaftsraum zurück und versuchten die freudigen Rufe zu ignorieren, die
vom Schloßgrund heraufdrangen, wo sich ihre Mitschüler damit ver-
gnügten, auf dem gefrorenen See Schlittschuh zu laufen, zu rodeln oder,
was das Schlimmste war, Schneebälle zu verhexen, die dann hoch zum
Gryffindor-Turm schossen und hart gegen die Fenster krachten.
»Hey!«, brüllte Ron, dem schließlich der Kragen platzte, und streckte
den Kopf aus dem Fenster. »Ich bin Vertrauensschüler, und wenn noch
ein einziger Schneeball dieses Fenster trifft – AUTSCH!«
Er riß den Kopf zurück, das Gesicht voller Schnee.
»Das sind Fred und George«, klagte er bitter und schlug das Fenster
hinter sich zu. »Mistkerle …«
Hermine kehrte kurz vor dem Mittagessen von Hagrid zurück, leicht
bibbernd und mit bis zu den Knien feuchtem Umhang.
»Wie steht’s?«, fragte Ron und hob den Kopf, als sie eintrat. »Hast du
den ganzen Unterricht für ihn vorbereitet?«
»Na ja, ich hab’s versucht«, sagte sie dumpf und ließ sich in einen Ses-
sel neben Harry sinken. Sie zog ihren Zauberstab und machte mit ihm
einen komplizierten kleinen Schlenker, so daß heiße Luft aus der Spitze
strömte. Sie hielt sie an ihren Umhang, der nun dampfend zu trocknen
begann. »Als ich kam, war er gar nicht da, ich hab mindestens eine
halbe Stunde lang geklopft. Und dann ist er aus dem Wald gestapft –«
437

Harry stöhnte. Im Verbotenen Wald wimmelte es nur so von jenen Ge-
schöpfen, mit denen Hagrid sich ziemlich sicher den Rauswurf einhan-
deln würde. »Was hält er sich dort drin? Hat er ’s verraten?«, fragte er.
»Nein«, sagte Hermine betrübt. »Es soll eine Überraschung werden,
meint er. Ich hab versucht ihm die Sache mit Umbridge zu erklären,
aber er kapiert es einfach nicht. Dauernd sagte er, keiner, der noch alle
Tassen im Schrank habe, würde lieber Knarle als Chimäras studieren –
oh, ich glaub nicht, daß er eine Chimära hat«, fuhr sie auf die bestürz-
ten Blicke Harrys und Rons hin fort, »aber das liegt nicht daran, daß
er’s nicht versucht hätte, immerhin hat er mal gesagt, es sei so schwer,
ihre Eier zu kriegen. Ich weiß nicht, wie oft ich ihm erklärt hab, er
würde besser fahren, wenn er sich an Raue-Pritsches Lehrplan hielte,
aber ehrlich gesagt, ich glaub nicht, daß er mir auch nur mit halbem
Ohr zugehört hat. Er ist übrigens in ziemlich merkwürdiger Stimmung.
Er will immer noch nicht sagen, wie er sich all seine Verletzungen zu-
gezogen hat.«
Daß Hagrid am nächsten Tag beim Frühstück wieder am Lehrertisch
auftauchte, stieß nicht bei allen Schülern auf Begeisterung. Manche,
wie Fred, George und Lee, brüllten vor Freude und spurteten zwischen
dem Gryffindor- und dem Hufflepuff-Tisch durch, um Hagrids gewal-
tige Pranke zu drücken. Andere, wie Parvati und Lavender, tauschten
düstere Blicke und schüttelten den Kopf. Harry war klar, daß viele von
ihnen lieber bei Professor Raue-Pritsche Unterricht hatten, und das
Schlimmste dabei war, daß ein sehr kleiner, unparteiischer Teil von ihm
wußte, daß sie gute Gründe dafür hatten: Raue-Pritsche stellte sich un-
ter einem interessanten Unterricht jedenfalls nichts vor, womit sie ris-
kiert hätte, daß jemandem der Kopf abgerissen würde.
Ein wenig beklommen machten sich Harry, Ron und Hermine, dick
eingemummelt gegen die Kälte, am Dienstag auf den Weg zu Hagrid.
Harry bereitete nicht nur Sorge, was Hagrid sich wohl für den Unter-
richt vorgenommen hatte, sondern auch, wie der Rest der Klasse, be-
sonders Malfoy und Konsorten, sich verhalten würden, wenn Um-
bridge ihnen zusah.
Allerdings war die Großinquisitorin nirgends zu entdecken, als sie
sich durch den Schnee auf Hagrid zukämpften, der am Rande des Ver-
438

botenen Waldes auf sie wartete. Sein Anblick stimmte nicht gerade zu-
versichtlich; die Blutergüsse, die am Samstagabend noch violett gewe-
sen waren, hatten jetzt einen Stich ins Grün-Gelbe, und manche
Schnittwunden bluteten offensichtlich immer noch. Das verstand
Harry nicht: War Hagrid vielleicht von einer Kreatur angegriffen wor-
den, deren Gift verhinderte, daß die von ihr geschlagenen Wunden ver-
heilten? Wie um den unheilvollen Eindruck noch abzurunden, trug Ha-
grid etwas über der Schulter, das aussah wie eine halbe tote Kuh.
»Wir arbeit’n heute dort drin!«, rief Hagrid den sich nähernden Schü-
lern gut gelaunt entgegen und warf den Kopf zurück in Richtung der
dunklen Bäume hinter ihm. »Bißchen geschützter! Jedenfalls sind sie
lieber im Dunkeln.«
»Was ist lieber im Dunkeln?«, hörte Harry Malfoy scharf und mit ei-
nem Anflug von Panik in der Stimme zu Crabbe und Goyle sagen.
»Was, hat er gesagt, will lieber im Dunkeln sein – habt ihr es gehört?«
Harry erinnerte sich an das bislang einzige Mal, daß Malfoy den
Wald betreten hatte; auch damals war er nicht sonderlich mutig gewe-
sen. Er lächelte in sich hinein; nach dem Quidditch-Spiel war ihm alles
recht, was Malfoy das Leben schwer machte.
»Fertig?«, fragte Hagrid vergnügt und blickte rundum in ihre Gesich-
ter. »Also dann, ich hab mir für euer fünftes Schuljahr ’nen kleinen
Waldspaziergang aufgespart. Dachte, wir könnten uns diese Geschöpfe
in ihrem natürlichen Lebensraum ansehen. Nun paßt mal auf, was wir
heute betrachten, is’ ziemlich selten, ich schätz mal, ich bin so ziemlich
der Einzige in Britannien, der ’s geschafft hat, die zu dressieren.«
»Und Sie sind sicher, daß sie dressiert sind, ja?«, fragte Malfoy mit
noch deutlicherer Panik in der Stimme. »Wär jedenfalls nicht das erste
Mal, daß Sie wilde Viecher in den Unterricht bringen, oder?«
Die Slytherins murmelten zustimmend, und auch einige Gryffindors
sahen ganz danach aus, als wären sie der Meinung, Malfoy hätte gar
nicht so Unrecht.
»’türlich sind die dressiert«, sagte Hagrid. Er blickte finster drein und
schob sich die tote Kuh noch ein wenig höher auf die Schulter.
»Und was haben Sie eigentlich mit Ihrem Gesicht gemacht?«, wollte
Malfoy wissen.
439

»Kümmer dich um dein’ eig’nen Kram!«, sagte Hagrid aufgebracht.
»Also, wenn ihr keine dummen Fragen mehr habt, dann folgt mir!«
Er wandte sich um und marschierte geradewegs in den Wald hinein.
Niemand schien große Lust zu haben, ihm zu folgen. Harry warf Ron
und Hermine einen Blick zu, die seufzten, dann aber nickten, und die
drei setzten sich an die Spitze der Klasse und folgten Hagrid.
Sie waren etwa zehn Minuten gegangen, als sie eine Stelle erreichten,
an der die Bäume so dicht standen, daß nur noch Dämmerlicht herrschte
und überhaupt kein Schnee auf dem Boden lag. Ächzend legte Hagrid
seine Kuhhälfte auf die Erde, trat zurück und drehte sich zu seinen Schü-
lern um, die meist von Baum zu Baum auf ihn zuschlichen und sich ner-
vös umsahen, als fürchteten sie, jeden Moment angefallen zu werden.
»Näher ran, näher ran«, ermutigte sie Hagrid. »Also, der Fleischge-
ruch wird sie anlocken, aber ich ruf sie trotzdem, weil die gern wissen
möchten, daß ich’s bin.«
Er drehte sich um, schüttelte seinen struppigen Kopf, um die Haare
aus dem Gesicht zu bekommen, und stieß einen merkwürdigen, schril-
len Schrei aus, der durch die dunklen Bäume hallte wie der Ruf eines
Vogelungeheuers. Keiner lachte: Die meisten schienen zu verängstigt,
um auch nur einen Laut von sich zu geben.
Erneut stieß Hagrid den schrillen Schrei aus. Eine Minute verging, in
der die Schüler unentwegt nervös über die Schultern und zwischen den
Bäumen umherspähten, um einen ersten Blick zu erhaschen auf was im-
mer da kommen mochte. Und dann, als Hagrid zum dritten Mal die
Haare zurückwarf und seine mächtige Brust dehnte, stieß Harry Ron an
und deutete auf die schwarze Lücke zwischen zwei knorrigen Eiben.
Ein leeres, weißes, schimmerndes Augenpaar erschien in der Düster-
nis und wurde immer größer, und einen Moment später tauchten der
drachenartige Kopf, der Hals und dann der Skelettkörper eines großen,
schwarzen, geflügelten Pferdes aus der Dunkelheit auf. Es wandte sich
ein paar Sekunden der Klasse zu und peitschte mit seinem langen
schwarzen Schwanz, dann neigte es den Kopf und fing an, mit seinen
spitzen Fangzähnen Fleisch von der toten Kuh zu reißen.
Eine Woge der Erleichterung überkam Harry. Hier endlich war der
Beweis, daß er sich diese Geschöpfe nicht nur eingebildet hatte, daß es
440

sie wirklich gab: Auch Hagrid wußte von ihnen. Er blickte gespannt
auf Ron, doch Ron stierte immer noch in die Bäume, und nach einigen
Sekunden flüsterte er: »Warum ruft Hagrid nicht noch mal?«
Die meisten anderen machten ebenso verwirrte und nervös-erwar-
tungsvolle Gesichter wie Ron und blickten noch immer auf alles Mögli-
che, nur nicht auf das Pferd, das gerade mal ein paar Meter entfernt vor
ihnen stand. Offenbar gab es nur zwei andere Schüler, die imstande
waren, das Wesen zu sehen: ein drahtiger Junge aus Slytherin, gleich
hinter Goyle, der dem Pferd mit offensichtlich großem Abscheu beim
Fressen zusah; und Neville, dessen Blick dem hin und her wedelnden
langen schwarzen Schwanz folgte.
»Holla, da kommt noch eins!«, verkündete Hagrid stolz, als ein zwei-
tes schwarzes Pferd zwischen den dunklen Bäumen auftauchte, seine
ledrigen Flügel enger an den Körper legte, den Kopf sinken ließ und
nun ebenfalls Fleisch verschlang. »Also dann … wer sie sehen kann,
meldet sich!«
Mächtig froh, daß er nun endlich das Geheimnis dieser Pferde erfah-
ren würde, hob Harry die Hand. Hagrid nickte ihm zu.
»Jaah … ja, das hab ich mir gedacht, Harry«, sagte er ernst. »Un’ du
auch, Neville, was? Un’ –«
»Verzeihung bitte«, sagte Malfoy höhnisch, »aber was genau sollen
wir da eigentlich sehen?«
Zur Antwort deutete Hagrid auf den Kuhkadaver am Boden. Die
ganze Klasse starrte ihn ein paar Sekunden lang an, dann keuchten ei-
nige und Parvati kreischte auf. Harry war klar, warum: Ganze Fleisch-
stücke, die sich von den Knochen abrissen und in Luft auflösten, muß-
ten in der Tat ein ziemlich unheimlicher Anblick sein.
»Wer macht das?«, fragte Parvati mit grauenerfüllter Stimme und
wich hinter den nächsten Baum zurück. »Wer frißt das Fleisch?«
»Thestrale«, sagte Hagrid stolz, und von Hermine, die neben Harry
stand, kam ein leises »Oh!«, da sie nun begriffen hatte. »Hogwarts hat
’ne ganze Herde davon hier drin. Also, wer weiß –?«
»Aber die bringen ganz, ganz viel Unglück«, unterbrach ihn die ent-
setzt dreinblickende Parvati. »Den Leuten, die sie sehen, sollen alle
441

möglichen schrecklichen Dinge zustoßen. Professor Trelawney hat mir
mal erzählt –«
»Nein, nein, nein«, sagte Hagrid glucksend, »das is’ alles nur Aber-
glaube, nich wahr, die bringen kein Unglück, die sind total klug und
nützlich! ’türlich, die hier haben nich viel zu tun, ziehen hauptsächlich
die Schulkutschen, außer wenn Dumbledore mal ’ne lange Reise macht
und nicht apparier ’n will – und da sind noch ’n paar, seht mal –«
Zwei weitere Pferde kamen leise zwischen den Bäumen hervor, eines
lief ganz nah an Parvati vorbei, die erschauderte und sich eng an den
Baum preßte. »Ich glaub, ich hab was gespürt«, sagte sie. »Ich glaub, es
ist mir ganz nah!«
»Mach dir keine Sorgen, das beißt nicht«, sagte Hagrid geduldig. »Na
denn, wer kann mir jetzt sagen, warum manche von euch sie sehn kön-
nen un’ manche nicht?«
Hermine hob die Hand.
»Dann schieß ma’ los«, sagte Hagrid und strahlte sie an.
»Die einzigen Menschen, die Thestrale sehen können«, sagte sie,
»sind Menschen, die den Tod gesehen haben.«
»Das stimmt genau«, sagte Hagrid ernst. »Zehn Punkte für Gryf-
findor. Also, Thestrale –«
»Chrm, chrm.«
Professor Umbridge war da. Sie stand ein paar Schritte von Harry
entfernt, trug wieder ihren grünen Hut und Mantel und hatte ihr
Klemmbrett im Anschlag. Hagrid, der Umbridges falsches Räuspern
noch nicht gehört hatte, musterte einigermaßen besorgt den nächsten
Thestral, offenbar in der Meinung, er hätte das Geräusch gemacht.
»Chrm, chrm.«
»Oh, hallo«, sagte Hagrid und lächelte, als er bemerkt hatte, von wem
das Geräusch kam.
»Sie haben die Mitteilung erhalten, die ich heute Morgen zu Ihrer
Hütte geschickt habe?«, sagte Umbridge mit der gleichen lauten, lang-
samen Stimme, mit der sie ihn zuvor schon angesprochen hatte, ganz
als würde sie mit jemandem reden, der fremd und nicht besonders
schnell von Begriff war. »In der ich Ihnen angekündigt habe, daß ich
Ihren Unterricht inspizieren werde?«
442

»Oh, ja«, sagte Hagrid strahlend. »Freut mich, daß Sie hergefunden
ham! Tja, wie Sie sehn können – oder, ich weiß nich – können Sie? Wir
nehmen heute Thestrale durch –«
»Wie bitte?«, sagte Professor Umbridge laut und legte stirnrunzelnd
eine Hand hinter die Ohrmuschel. »Was haben Sie gesagt?« Hagrid schien leicht verwirrt.
»Ähm – Thestrale!«, sagte er laut. »Große – ähm – geflügelte Pferde,
Sie wissen ja!« Er wedelte hoffnungsvoll mit seinen gewaltigen Armen. Professor
Umbridge musterte ihn, zog die Brauen hoch und machte sich mur-
melnd eine Notiz au f ihrem Klemmbrett: »Muß … auf … primitive …
Zeichen … sprache … zurückgreifen.« »Tja … wie auch immer …«, sagte Hagrid und wandte sich ein biß-
chen nervös wieder der Klasse zu, »ähm … wo war ich grade?«
»Hat… offenbar… schlechtes … Kurzzeit… gedächtnis«, murmelte Um-
bridge, so laut, daß alle es hören konnten. Draco Malfoy machte ein Ge-
sicht, als ob Weihnachten einen Monat früher gekommen wäre; Her-
mine hingegen war vor unterdrücktem Zorn scharlachrot angelaufen.
»Oh, ja«, sagte Hagrid und blickte voll Unbehagen hinüber zu Um-
bridges Klemmbrett, machte aber tapfer weiter. »Jaah, ich wollt euch er-
zählen, wie’s kommt, daß wir ’ne Herde haben. Also, wir ham angefan-
gen mit ’nein Männchen und fünf Weibchen. Der da«, er tätschelte das
zuerst erschienene Pferd, »der heißt Tenebrus und den hab ich besonders
gern, ist nämlich der erste, der hier im Wald gebor ’n worden ist –«
»Sind Sie sich bewußt«, unterbrach ihn Umbridge laut, »daß das Zau-
bereiministerium Thestrale als ›gefährlich‹ eingestuft hat?«
Harry wurde das Herz schwer wie ein Stein, aber Hagrid gluckste
nur. »Thestrale sin’ nich gefährlich! Na gut, die beißen vielleicht ’n Stück
von einem ab, wenn man sie wirklich ärgert –«
»Zeigt… unverkennbare … Anzeichen … von … Vergnügen … bei… Ge-
walt… Vorstellungen«, murmelte Umbridge und kritzelte erneut auf ihr
Klemmbrett. »Nein – jetz’ is’ aber genug!«, sagte Hagrid und wirkte nun ein wenig
beklommen. »Ich mein, ’n Hund beißt Sie doch auch, wenn Sie ihn rei-
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zen, oder nich – un’ Thestrale haben nu halt mal ’nen schlechten Ruf
wegen der Sache mit dem Tod – früher haben die Leute geglaubt, sie
wär ’n schlechte Omen, nich? Haben’s einfach nicht verstanden, was?«
Umbridge antwortete nicht; sie schrieb ihre letzte Notiz zu Ende, dann
blickte sie zu Hagrid auf und sagte, wiederum sehr laut und langsam:
»Bitte fahren Sie mit dem Unterricht fort wie üblich. Ich werde ein wenig
umhergehen« – sie ahmte Gehbewegungen nach (Malfoy und Pansy Par-
kinson schüttelten sich stumm vor Lachen) – »bei Ihren Schülern« (sie
wies auf verschiedene Leute aus der Klasse) »und ihnen Fragen stellen.«
Sie deutete auf ihren Mund, um Sprechen zu versinnbildlichen.
Hagrid starrte sie an, offenbar völlig ohne jede Ahnung, warum sie
sich aufführte, als ob er kein normales Englisch verstünde. Hermine
hatte inzwischen Zornestränen in den Augen.
»Du Sabberhexe, du böse Sabberhexe!«, flüsterte sie, während Um-
bridge auf Pansy Parkinson zuging. »Ich weiß, was du vorhast, du wi-
derliche, fiese, hinterhältige –«
»Ähm … also weiter«, sagte Hagrid, der offensichtlich Schwierigkei-
ten hatte, den Faden wieder aufzunehmen, »nun – Thestrale. Ja. Also,
haben ’ne Menge Gutes an sich …«
»Wie steht es bei Ihnen«, fragte Professor Umbridge mit schallender
Stimme Pansy Parkinson, »sind Sie in der Lage, Professor Hagrid zu
verstehen, wenn er spricht?«
Genau wie Hermine hatte Pansy Tränen in den Augen, doch es waren
Lachtränen. Da sie versuchte sich das Kichern zu verkneifen, war ihre
Antwort einigermaßen wirr.
»Nein … weil… nun … es hört sich … oft so an … wie Gegrunze …«
Umbridge kritzelte etwas auf ihr Klemmbrett. Die wenigen nicht
blutunterlaufenen Stellen in Hagrids Gesicht wurden rot, doch er be-
mühte sich, so zu tun, als hätte er Pansys Antwort nicht gehört.
»Ähm … ja … Gutes an den Thestralen. Nun, wenn sie mal gezähmt
sind, wie die alle hier, verirrt man sich nie wieder. Die haben ’nen er-
staunlichen Orientierungssinn, man braucht denen nur zu sagen, wo
man hinwill –«
»Vorausgesetzt natürlich, sie können einen verstehen«, sagte Malfoy
laut und Pansy Parkinson erlitt einen neuerlichen Kicheranfall. Profes-
444

sor Umbridge lächelte ihnen nachsichtig zu und wandte sich dann an
Neville.
»Sie können die Thestrale sehen, Longbottom, nicht wahr?«, sagte sie.
Neville nickte.
»Wen haben Sie sterben gesehen?«, fragte sie in gleichgültigem Ton.
»Meinen … meinen Großvater«, sagte Neville.
»Und was halten Sie von denen?«, sagte sie und winkte mit ihrer dik-
ken Hand zu den Pferden hinüber, die den Kadaver inzwischen fast bis
auf die Knochen abgefressen hatten.
»Ähm«, sagte Neville nervös mit einem Blick auf Hagrid. »Nun ja, sie
sind … ähm … okay …«
»Schüler … sind … zu … eingeschüchtert… um … offen … zuzugeben …
daß … sie … Angst… haben«, murmelte Umbridge und machte sich er-
neut eine Notiz auf dem Klemmbrett.
»Nein!«, sagte Neville aufgebracht. »Nein, ich hab keine Angst vor ih-
nen!«
»Ist ja schon gut«, sagte Umbridge und tätschelte Neville die Schulter
mit einem Lächeln, das offenbar Verständnis bezeugen sollte, auch
wenn es Harry eher wie ein boshaftes Grinsen vorkam. »Nun, Hagrid«,
sie wandte sich um, sah an ihm hoch und sprach erneut mit jener lau-
ten, langsamen Stimme, »ich denke, ich habe genug für meine Zwecke.
Sie erhalten dann« (sie tat, als ob sie etwas vor sich aus der Luft griffe)
»die Ergebnisse Ihrer Unterrichtsinspektion« (sie deutete auf das
Klemmbrett) »in zehn Tagen.« Sie hielt zehn Stummelfinger in die
Höhe und lächelte breiter und krötenhafter denn je unter ihrem grünen
Hut, dann wuselte sie von dannen. Malfoy und Pansy Parkinson kugel-
ten sich vor Lachen, Hermine schlotterte sichtlich vor Wut und Neville
sah verwirrt und aufgebracht drein.
»Dieses miese, lügnerische, intrigante alte Scheusal!«, wütete Her-
mine eine halbe Stunde später, als sie durch die Gräben, die sie vorher
im Schnee gezogen hatten, erneut hoch zum Schloß gingen. »Euch ist
klar, was sie vorhat? Das ist schon wieder ihr Ding mit den Halbblü-
tern – sie versucht aus Hagrid einen tumben Troll zu machen, nur weil
er eine Riesin zur Mutter hatte – und oh, ist das unfair, das war näm-
lich wirklich keine üble Stunde – ich meine, wenn’s denn schon wieder
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Knallrümpfige Kröter gewesen wären, okay, aber Thestrale sind doch
in Ordnung – für Hagrid sind sie sogar richtig gut!«
»Umbridge meinte, sie wären gefährlich«, sagte Ron.
»Nun, wie Hagrid gesagt hat, die können für sich selbst sorgen«, er-
widerte Hermine ungeduldig. »Und ich vermute mal, eine Lehrerin
wie Raue-Pritsche würd sie uns wahrscheinlich nicht vor der UTZ-
Stufe zeigen, aber die sind doch wirklich interessant, oder? Daß man-
che Leute sie sehen können und andere nicht! Wenn ich’s doch nur
könnte.«
»Im Ernst?«, fragte Harry sie leise.
Hermine stand plötzlich das Entsetzen im Gesicht.
»Oh, Harry – tut mir leid – nein, natürlich nicht – das war wirklich
dumm von mir.«
»Schon okay«, gab er rasch zurück. »Mach dir keine Gedanken.«
»Mich wundert’s, daß es dann doch so viele waren, die sie sehen
konnten«, sagte Ron. »Drei in einer Klasse –«
»Hey, Weasley, wir haben uns grad was gefragt«, sagte eine gehässige
Stimme. Der Schnee dämpfte die Geräusche, und so hatten sie nicht ge-
hört, daß Malfoy, Crabbe und Goyle dicht hinter ihnen dreingingen.
»Meinst du, wenn du jemanden verrecken siehst, kannst du den Quaf-
fel besser sehen?« Er, Crabbe und Goyle brüllten vor Lachen und zogen
an ihnen vorbei in Richtung Schloß, dann fingen sie im Chor an zu sin-
gen: »Weasley ist unser King.« Rons Ohren liefen scharlachrot an.
»Ignorieren, einfach ignorieren«, sagte Hermine, zog ihren Zauber-
stab und ließ ihn wieder heiße Luft blasen, damit sie ihnen einen be-
quemeren Weg durch den unberührten Schnee bis hin zum Gewächs-
haus schmelzen konnte.
Der Dezember brachte noch mehr Schnee und den Fünftkläßlern eine re-
gelrechte Lawine an Hausaufgaben. Da es nun auf Weihnachten zuging,
hatten sich Ron und Hermine inzwischen auch zusehends mit ihren
Pflichten als Vertrauensschüler abzuplagen. Sie mußten das Dekorieren
des Schlosses überwachen (»Versuch mal Lametta aufzuhängen, wenn
Peeves das andere Ende festhält und dich damit erwürgen will«, sagte
Ron), auf die Erst- und Zweitkläßler aufpassen, die ihre Pausen drinnen
446

verbrachten, weil es bitterkalt war (»Und was für freche kleine Rotzbälger
das sind, wir war ’n garantiert nicht so unverschämt, als wir in der Ersten
waren«, verkündete Ron), und im Schichtwechsel mit Argus Filch in den
Korridoren Streife gehen, der den Verdacht hatte, die allgemeine Ferien-
laune könnte eine Eruption von Zaubererduellen auslösen (»Der Kerl hat
nur Stroh im Hirn«, sagte Ron wütend). Sie waren dermaßen beschäftigt,
daß Hermine sogar das Stricken von Elfenhüten aufgeben mußte, und es
wurmte sie, daß sie nun bei den letzten dreien angelangt war.
»All die armen Elfen, die ich noch nicht befreit habe, die müssen jetzt
über Weihnachten hier bleiben, weil es nicht genug Hüte gibt!«
Harry, der es nicht übers Herz gebracht hatte, ihr zu sagen, daß
Dobby alles an sich nahm, was sie strickte, beugte sich noch tiefer über
seinen Aufsatz für Zaubereigeschichte. An Weihnachten wollte er ohne-
hin nicht erinnert werden. Zum ersten Mal, seit er in der Schule war,
hätte er die Ferien am liebsten außerhalb von Hogwarts verbracht. Er
hegte inzwischen einen ausgewachsenen Groll gegen die Schule, zum
einen wegen des Quidditch-Verbots, zum anderen wegen der Befürch-
tung, sie könnten Hagrid auf Bewährung setzen. Das Einzige, worauf
er sich wirklich freute, waren die DA-Treffen, und die mußten sie wäh-
rend der Ferien ausfallen lassen, weil fast alle Mitglieder die Zeit bei
ihren Familien verbrachten. Hermine ging mit ihren Eltern Ski laufen,
was Ron furchtbar komisch fand, weil er noch nie von Muggeln gehört
hatte, die sich schmale Holzbretter an die Füße schnallten, um Berge
runterzurutschen. Ron würde nach Hause in den Fuchsbau fahren.
Harry war einige Tage lang neidisch auf ihn, bis er dann fragte, auf
welchem Weg er denn zu Weihnachten nach Hause kommen wolle,
und Ron antwortete: »Aber du kommst doch auch mit! Hab ich das
nicht gesagt? Mum hat mir schon vor Wochen geschrieben, daß ich
dich einladen soll!«
Hermine verdrehte die Augen, aber Harrys Laune besserte sich schlag-
artig: Weihnachten im Fuchsbau war eine wirklich herrliche Aussicht,
wenn auch ein wenig getrübt durch sein schlechtes Gewissen, daß er die
Ferien dann nicht mit Sirius verbringen würde. Vielleicht konnte er Mrs.
Weasley überreden, seinen Paten zum Fest einzuladen. Allerdings hatte
er Zweifel, ob Dumbledore es Sirius erlauben würde, das Haus am Grim-
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mauldplatz zu verlassen, und zudem mußte er daran denken, daß Mrs.
Weasley Sirius wahrscheinlich ohnehin nicht dabeihaben wollte; sie lagen
sich einfach zu oft in den Haaren. Seit Sirius das letzte Mal im Feuer er-
schienen war, hatte er überhaupt keine Verbindung mehr mit Harry auf-
genommen, und obwohl Harry wußte, daß ein Kontaktversuch unklug
wäre, weil Umbridge ständig auf der Lauer lag, mochte er den Gedanken
nicht, daß Sirius allein in dem alten Haus seiner Mutter saß und vielleicht
ab und zu mit Kreacher einsam an einem Knallbonbon zog.
Harry kam frühzeitig zum letzten DA-Treffen vor den Ferien in den
Raum der Wünsche und war auch sehr froh darüber, denn als die Fak-
keln aufloderten, sah er, daß Dobby ihn auf eigene Faust weihnachtlich
geschmückt hatte. Es mußte der Elf gewesen sein, denn wer sonst hätte
hundert goldene Christbaumkugeln an die Decke gehängt, jede mit ei-
nem Bild von Harry, unter dem stand: »HARRY CHRISTMAS!«
Harry war gerade dabei, die letzten Kugeln abzuhängen, als knar-
rend die Tür aufging und Luna Lovegood eintrat, wie üblich mit ver-
träumter Miene.
»Hallo«, hauchte sie und besah sich die Überreste des Weihnachts-
schmucks ringsum. »Oh, die sind aber hübsch, hast du die
aufgehängt?«
»Nein«, sagte Harry, »das war Dobby der Hauself.«
»Misteln«, sagte Luna träumerisch und deutete auf ein großes Bü-
schel mit weißen Beeren fast genau über Harrys Kopf. Er sprang darun-
ter weg. »Würd ich auch machen«, sagte Luna sehr ernst. »Die sind oft
mit Nargeln verseucht.«
Harry konnte sich die fällige Frage sparen, was Nargel seien, weil
Angelina, Katie und Alicia hereinkamen. Alle drei waren außer Atem
und schienen arg verfroren.
»Tja«, sagte Angelina dumpf, zog ihren Mantel aus und warf ihn in
die Ecke, »wir haben dich endlich ersetzt.«
»Mich ersetzt?«, fragte Harry verdutzt.
»Dich und Fred und George«, sagte sie ungeduldig. »Wir haben ei-
nen anderen Sucher!«
»Wen?«, fragte Harry rasch. »Ginny Weasley«, sagte Katie. Harry
starrte sie mit offenem Mund an.
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»Ja, ich weiß schon«, sagte Angelina, zog ihren Zauberstab und
beugte den Arm, »aber ehrlich gesagt, sie ist ziemlich gut. Nichts gegen
dich natürlich«, ergänzte sie und warf ihm einen sehr bösen Blick zu,
»aber da wir dich ja nicht haben können …«
Harry verkniff sich die Antwort, die ihm auf der Zunge lag: Glaubte
sie vielleicht eine Sekunde lang, er würde seinen Rauswurf aus der
Mannschaft nicht hundertmal mehr bedauern als sie?
»Und was ist mit den Treibern?«, fragte er und versuchte seine
Stimme ruhig zu halten.
»Andrew Kirke«, sagte Alicia ohne Begeisterung, »und Jack Sloper.
Keiner von denen ist Spitze, aber verglichen mit den anderen Idioten,
die sich gemeldet haben …«
Da jetzt Ron, Hermine und Neville eintraten, fand diese deprimie-
rende Unterhaltung ein Ende, und fünf Minuten später war der Raum
so voll, daß Harry Angelinas stechend vorwurfsvolle Blicke nicht mehr
mitbekam.
»Okay«, sagte er und Ruhe trat ein. »Ich hab mir gedacht, heute
Abend sollten wir einfach noch mal wiederholen, was wir bisher ge-
macht haben, weil es das letzte Treffen vor den Ferien ist und es keinen
Sinn hat, kurz vor einer dreiwöchigen Pause noch was Neues anzufan-
gen –«
»Wir machen heute nichts Neues?«, flüsterte Zacharias Smith mür-
risch und laut genug, daß es im ganzen Raum zu hören war. »Wenn ich
das gewußt hätte, wär ich nicht gekommen.«
»Tut uns allen ja so leid, daß Harry es dir nicht gesagt hat«, meinte
Fred laut.
Einige kicherten. Harry sah Cho lachen und spürte das vertraute Fall-
gefühl im Magen, als ob er beim Treppabgehen eine Stufe verpaßt
hätte.
»– wir können paarweise trainieren«, sagte Harry. »Fangen wir mit
dem Lähmzauber an, zehn Minuten lang, dann können wir die Kissen
rausholen und es noch einmal mit dem Schockzauber probieren.«
Folgsam teilten sie sich auf. Harry hatte wie üblich Neville als Part-
ner. Bald waren ringsum immer wieder »Impedimenta!«-Rufe zu hören.
Der eine Partner blieb dann rund eine Minute wie angewurzelt stehen,
449

während der andere ziellos umherschaute und anderen Paaren bei der
Arbeit zusah, bis sein Partner wieder auftaute und nun mit dem Zau-
ber an der Reihe war.
Neville war nicht wiederzuerkennen, so gut war er geworden. Nach
einer Weile, Harry war inzwischen dreimal in Folge aus der Lähmung
erwacht, ließ er Neville wieder mit Ron und Hermine üben, damit er
die Runde machen und die anderen beobachten konnte. Als er an Cho
vorbeikam, strahlte sie ihn an. Er widerstand der Versuchung, noch des
Öfteren an ihr vorbeizugehen.
Nach zehn Minuten Lähmzauber verteilten sie Kissen auf dem Boden
und machten sich noch einmal an den Schockzauber. Alle zugleich
konnten ihn nicht trainieren, dafür war tatsächlich der Platz zu knapp,
deshalb sah die eine Hälfte der Gruppe eine Zeit lang den anderen zu,
dann wurde gewechselt.
Während Harry sie beobachtete, schwoll ihm geradezu die Brust vor
Stolz. Sicher, Neville versetzte Padma Patil den Schock und nicht Dean,
auf den er eigentlich gezielt hatte, aber er hatte ihn viel knapper ver-
fehlt als sonst, und alle anderen hatten gewaltige Fortschritte gemacht.
Nach einer Stunde beendete Harry das Training.
»Ihr werdet allmählich richtig gut«, sagte er und strahlte in die
Runde. »Wenn wir aus den Ferien zurückkommen, packen wir mal was
von den großen Sachen an – vielleicht sogar den Patronus.«
Seine Worte riefen erregtes Murmeln hervor. Sie verließen den Raum
in den üblichen Zweier- und Dreiergrüppchen; die meisten wünschten
Harry noch schöne Weihnachten. Gut gelaunt sammelte er mit Ron
und Hermine die Kissen ein und räumte sie ordentlich auf einen Sta-
pel. Ron und Hermine gingen vor ihm; er trödelte ein wenig, weil Cho
noch da war und er hoffte, ein »Fröhliche Weihnachten« von ihr abzu-
bekommen.
»Nein, geh du schon mal vor«, hörte er sie zu ihrer Freundin Marietta
sagen, und sein Herz machte einen Sprung, der es ungefähr in die Ge-
gend des Adamsapfels beförderte.
Er tat so, als würde er den Kissenstapel gerade rücken. Er war sich
ziemlich sicher, daß sie jetzt allein waren, und er wartete darauf, daß
sie etwas sagte. Statt dessen hörte er ein herzhaftes Schniefen.
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Er drehte sich um und sah Cho mitten im Raum stehen. Tränen ran-
nen ihr übers Gesicht.
»Wa…?«
Er wußte nicht, was er tun sollte. Sie stand einfach da und weinte
stumm.
»Was ist los?«, sagte er schwach.
Sie schüttelte den Kopf und trocknete sich mit dem Ärmel die Augen.
»Tut – tut mir leid«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Ich glaub … es ist
nur … weil wir all die Sachen lernen … das bringt mich nur … auf den
Gedanken … wenn er das gekonnt hätte … wär er noch am Leben.«
Harrys Herz sank wieder, nicht an seinen angestammten Platz, son-
dern irgendwo in die Gegend seines Bauchnabels. Er hätte es wissen
müssen. Sie wollte über Cedric reden.
»Er hat seine Sachen beherrscht«, sagte Harry mit schwerer Stimme.
»Er war wirklich gut, sonst war er nie in die Mitte dieses Irrgartens ge-
kommen. Aber wenn Voldemort dich wirklich töten will, dann hast du
keine Chance.«
Sie hickste beim Klang von Voldemorts Namen, starrte Harry jedoch
an, ohne mit der Wimper zu zucken.
»Du hast überlebt, als du noch ein Baby warst«, sagte sie leise.
»Ja, schon«, sagte Harry matt und ging zur Tür. »Ich hab keine Ah-
nung, warum, und sonst auch niemand, also ist es nichts, worauf ich
stolz sein kann.«
»Nein, geh nicht!«, sagte Cho, und es klang, als ob sie erneut weinte.
»Tut mir wirklich leid, daß ich mich so aufrege … ich wollte eigentlich
nicht …«
Sie hickste wieder. Trotz ihrer roten, verquollenen Augen war sie sehr
hübsch. Harry war furchtbar elend zumute. Einfach nur ein schlichtes
»Fröhliche Weihnachten« hätte ihn schon gefreut.
»Ich weiß, es muß schrecklich für dich sein«, sagte sie und wischte
sich wieder mit dem Ärmel die Augen, »daß ich von Cedric rede, wo
du ihn doch sterben gesehen hast … ich nehm an, du willst das alles
einfach vergessen?«
Harry sagte nichts dazu. Es war vollkommen richtig, aber es zu sagen
wäre ihm herzlos erschienen.
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»Du bist w-wirklich ein guter Lehrer, weißt du«, sagte Cho und lä-
chelte unter Tränen. »Diesen Schockzauber hab ich bis jetzt noch nie
auf die Reihe gekriegt.«
»Danke«, sagte Harry verlegen.
Sie sahen sich einen langen Moment an. Harry spürte das brennende
Verlangen hinauszurennen, und zugleich war es ihm völlig unmöglich,
seine Füße zu bewegen.
»Misteln«, sagte Cho leise und deutete an die Decke über seinem Kopf.
»Ja«, sagte Harry. Sein Mund war sehr trocken. »Sind aber wahr-
scheinlich voller Nargel.«
»Was sind Nargel?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry. Sie war näher gekommen. Offenbar
stand sein Gehirn unter einem Schockzauber. »Da mußt du Loony fra-
gen. Luna, meine ich.«
Cho machte ein merkwürdiges Geräusch, halb Schluchzen, halb La-
chen. Sie war ihm jetzt sogar noch näher. Er hätte die Sommersprossen
auf ihrer Nase zählen können.
»Ic