Joanne K.Rowling - [Harry Potter 4] - Harry Pot..

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Joanne K. Rownling




Harry Potter und der Feuerkelch










Roman

Das Haus der Riddles


In Little Hangleton nannten sie es immer noch das »RiddleHaus«,
obwohl die Familie Riddle schon seit vielen Jahren nicht mehr dort
wohnte. Das Haus stand auf einem Hügel mit Blick über das Dorf, einige
Fenster waren mit Bretter n vernagelt, das Dach war löchrig, und der
Efeu rankte sich ungezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne
Anwesen der Riddles, das mit Abstand großzügigste und
beeindruckendste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht,
heruntergekommen und menschenleer.
In Little Hangleton waren sich alle einig: das Haus war ihnen »nicht
geheuer«. Ein halbes Jahrhundert zuvor war hier etwas Merkwürdiges,
etwas Entsetzliches geschehen, über das die Älteren im Dorf immer noch
zu munkeln pflegten, wenn es sonst wenig zu kla tschen und zu tratschen
gab. Sie hatten die Geschichte so oft aufgewärmt und an so vielen
Stellen weitergestrickt, dass keiner mehr so recht wusste, was nun in
Wahrheit geschehen war. Doch wer auch immer die Geschichte erzählte,
sie begann unweigerlich am selben Ort: Vor fünfzig Jahren – damals
führten die Riddles noch einen stattlichen Haushalt – war ein
Hausmädchen bei Anbrach eines schönen Sommermorgens in den Salon
getreten und hatte alle drei Riddles tot vorgefunden.
Schreiend war das Mädchen den Hügel hinab ins Dorf gestürzt und hatte
die halbe Einwohnerschaft aus dem Schlaf gerissen.
»Da oben liegen sie mit offenen Augen! Eiskalt! Und haben noch ihre
Abendgarderobe an!«
Die Polizei wurde gerufen und in ganz Little Hangleton breitete sich eine
Mischung aus ängstlicher Neugier und kaum verhohlener Erregung aus.
Niemand gab sich sonderliche Mühe so zu tun, als wäre er besonders
traurig über den Tod der Riddles, denn sie waren ausgesprochen
unbeliebt gewesen. Mr und Mrs Riddle, die älteren Herrschaften, galten
als reich, hochnäsig und grob, und ihr erwachsener Sohn Tom hatte sie
darin noch übertroffen. Die Menschen im Dorf wollten einzig und allein
wissen, wer der Mörder war – denn natürlich fielen drei offenbar
gesunde Menschen nicht eines Abends einfach tot um.
Im Gehängten Mann, dem Dorfpub, ging es an diesem Abend hoch her;

alles, was Beine hatte, war gekommen, um über die Morde zu
spekulieren. Und es hatte sich gelohnt, die heimischen Kaminfeuer zu
verlassen, denn plötzlich tauchte die Köchin der Riddles in ihrer Mitte
auf und verkündete dem schlagartig verstummten Publikum mit
dramatischer Geste, ein Mann namens Frank Bryce sei gerade verhaftet
worden.
»Frank!«, riefen einige Gäste. »Unmöglich!«
Frank Bryce war der Gärtner der Riddles. Er war mit einem stocksteifen
Bein und einer großen Abscheu vor Menschenansammlungen und Lärm
aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte seither immer für die Riddles
gearbeitet.
An der Theke gab es jetzt Gedrängel, denn man wollte die Köchin nicht
auf dem Trockenen sitzen lass en und Genaueres von ihr hören.
»Mir ist er immer schräg vorgekommen«, verkündete sie nach dem
vierten Glas Sherry den begierig lauschenden Dörflern. »Irgendwie
unfreundlich. Ich hab ihm mal 'ne Tasse Tee angeboten, aber das hat mir
gereicht. Der wollte nichts mit anderen zu tun haben, das hat man gleich
gemerkt.«
»Nun ja«, sagte eine Frau an der Bar, »der Krieg war 'ne harte Zeit für
Frank, er mag eben gern seine Ruhe. Das ist noch lange kein Grund – «
»Wer sonst hatte denn einen Schlüssel für die Hintertür ?«, fauchte die
Köchin zurück. »In der Gärtnerhütte hing immer ein Zweitschlüssel, das
hab ich selbst gesehen! Gestern Nacht hat jedenfalls keiner die Tür
aufgebrochen! Und die Fenster wurden auch nicht eingeschlagen! Frank
musste bloß ins Herrenhaus schle ichen, während wir alle schliefen ...!«
Die Dörfler wechselten viel sagende Blicke.
»Ich hab mir immer schon gedacht, der hat den bösen Blick, sag ich
euch«, brummte ein Mann an der Bar.
»Der Krieg hat 'nen komischen Kauz aus ihm gemacht«, sagte der Wirt.
»Hab doch immer gesagt, ich will Frank lieber nicht in die Quere
kommen, stimmt's, Dot?«, sagte eine aufgeregte Frau in der Ecke.
»Übles Temperament«, erwiderte Dot und nickte eifrig. »Ich hab ihn
schon als Kind gekannt ...«
Am nächsten Morgen zweifelte kaum noch jemand in Little Hangleton
daran, dass Frank Bryce die Riddles ermordet hatte. Doch drüben im
benachbarten Städtchen Great Hangleton, im dunklen und schäbigen

Polizeirevier, behauptete Frank hartnäckig, er sei unschuldig. Der
einzige Mensch, den er an jenem Tag, als die Riddles getötet wurden, in
der Nähe ihres Hauses gesehen hatte, war ein Junge im Teenageralter,
ein Fremder mit dunklen Haaren und blassem Gesicht. Im Dorf jedoch
hatte kein Mensch diesen Jungen gesehen, und die Polizisten waren sich
ziemlich sicher, dass Frank ihn erfunden hatte.
Schließlich, als es für Frank schon bitterernst aussah, traf der
Untersuchungsbericht über die Leichen der Riddles ein, und mit einem
Schlag änderte sich alles.
Die Polizisten hatten noch nie einen so merkwü rdigen Befund gelesen.
Ein Ärzteteam hatte die Leichen untersucht und war zu dem Schluss
gekommen, dass keiner der Riddles vergiftet, erstochen, erschossen,
erwürgt, erstickt oder (soweit sie dies sagen konnten) überhaupt verletzt
worden war. Tatsächlich, so hieß es in dem Bericht mit deutlicher
Verblüffung weiter, schienen die Riddles alle bei bester Gesundheit zu
sein – abgesehen von der Tatsache, dass sie alle tot waren. Allerdings
vermerkten die Ärzte, dass allen Toten das Entsetzen ins Gesicht
geschrieben stand – doch einer der ratlosen Polizisten bemerkte dazu
nur: Wer hat je von drei Menschen gehört, die zu Tode geängstigt
wurden?
Da ein Mord an den Riddles nicht zu beweisen war, musste die Polizei
Frank laufen lassen. Die Riddles wurden auf dem Fried hof von Little
Hangleton bestattet und noch eine ganze Zeit lang wurden die Gräber
immer wieder von Neugierigen besucht. Dass Frank Bryce in seine Hütte
auf dem Anwesen der Riddles zurückkehrte, überraschte dann alle, und
es gab viel Gemunkel.
»Wenn ihr mi ch fragt, dann hat er sie umgebracht, ist mir doch egal, was
die Polizei sagt«, verkündete Dot im Gehängten Mann. »Und wenn nur
ein Funken Anstand in ihm steckte, dann würde er hier abhauen, wo ihm
doch klar ist, dass er uns nichts vormachen kann.«
Doch Fr ank zog nicht weg. Er blieb, um den Garten für die nächste
Familie, die ins Riddle- Haus einzog, zu besorgen, und dann auch für die
übernächste – denn keine Familie blieb lange dort wohnen. Vielleicht
hatte es etwas mit Frank zu tun, dass jeder neue Besitze r behauptete,
dieses Haus verbreite eine düstere Stimmung. Und als keiner mehr dort
wohnte, begann das Haus zu verfallen. Der reiche Mann, dem das

Riddle-Haus inzwischen gehörte, lebte nicht hier und nutzte es auch
nicht; im Dorf hieß es, er würde es aus » steuerlichen Gründen«
unterhalten, doch keiner wusste so recht, was das heißen sollte. Der
reiche Besitzer entlohnte Frank jedoch regelmäßig für seine Arbeit im
Garten. Frank war jetzt fast siebenundsiebzig, er war auf einem Ohr taub
und sein schlimmes Bein war noch steifer geworden, doch bei schönem
Wetter konnte man ihn in den Blumenbeeten harken und schnippeln
sehen, auch wenn ihm das Unkraut allmählich die Beine hochkroch.
Doch Unkraut war nicht das Einzige, womit Frank sich herumärgern
musste. Jungs au s dem Dorf kamen öfter herauf und warfen Steine durch
die Fenster des Riddle- Hauses. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern über den
Rasen, den Frank so mühsam hegte und pflegte. Und wenn sie übermütig
wurden, brachen sie auch schon mal ins Haus ein. Sie wussten, dass der
alte Frank sich mit Leib und Seele dem ganzen Anwesen verschrieben
hatte, und sie lachten ihn aus, wenn er durch den Garten humpelte, mit
seinem Stock fuchtelte und sie krächzend beschimpfte. Frank wiederum
glaubte, die Jungen würden ihn belästig en, weil sie ihn, wie ihre Eltern
und Großeltern, für einen Mörder hielten. So dachte sich Frank nichts
weiter, als er in einer Augustnacht erwachte und oben am alten Haus
etwas recht Merkwürdiges sah. Die Jungs, so glaubte Frank, waren eben
noch einen Sch ritt weiter gegangen, um ihn zu zermürben.
Geweckt hatte ihn sein schlimmes Bein; so stark hatte es noch nie
geschmerzt, selbst jetzt im Alter nicht. Er stand auf und humpelte nach
unten in die Küche, um seine Wärmflasche aufzufüllen, mit der er
seinem steifen Knie ein wenig Linderung verschaffen konnte. Er stand
am Waschbecken und füllte den Kessel, als sein Blick zum Herrenhaus
hochwanderte. In den oberen Fenstern glommen Lichter. Frank war nicht
sonderlich überrascht. Die Jungs waren wieder mal ins Haus
eingebrochen, und nach dem flackernden Licht zu schließen hatten sie
ein Feuer entfacht.
Frank hatte kein Telefon, und der Polizei vertraute er ohnehin nicht
mehr, seit sie ihn nach dem Tod der Riddles zum Verhör mitgenommen
hatten. Er ließ den Kessel steh en, hastete, so rasch sein schlimmes Bein
es ihm erlaubte, nach oben und brauchte nicht lange, um sich anzuziehen
und in die Küche zurückzukehren. Er griff nach einem rostigen alten
Schlüssel am Türhaken, packte seinen Stock und machte sich auf in die

Nacht.
Die Tür des Riddle- Hauses war offenbar nicht aufgebrochen worden und
auch die Fensterscheiben waren noch ganz. Frank humpelte um das Haus
herum zu einem Eingang, der fast völlig von Efeu verborgen war, zog
den alten Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und öffnete
lautlos die Tür.
Sie führte ihn in eine große, gewölbeartige Küche. Frank hatte sie seit
Jahren nicht mehr betreten; zwar war es stockdunkel, doch er wusste
noch, wo die Tür zum Flur lag. Er tastete sich an der Wand lang,
modriger Geruch stieg ihm in die Nase, und er spitzte die Ohren, um ja
keine Schritte oder Stimmen von oben zu überhören. Er gelangte in den
Flur, wo es dank der großen Sprossenfenster zu beiden Seiten der
Haustür ein wenig heller war, und betrat die Treppe. Er kon nte von
Glück reden, denn die dicke Staubschicht auf den Steinstufen erstickte
die Geräusche seiner Schritte und seines Stocks.
Oben auf dem Treppenabsatz wandte sich Frank nach rechts und sah
sofort, wo die Eindringlinge steckten: ganz am Ende des Ganges stand
eine Tür offen, ein flackerndes Licht fiel durch den Spalt und warf einen
langen goldenen Streifen auf den schwarzen Fußboden. Frank
umklammerte mit aller Kraft seinen Stock und schlich näher heran. Kurz
vor der Tür konnte er ein schmales Stück von dem Zimmer dahinter
einsehen.
Jetzt erkannte er, dass das Feuer im Kamin entfacht worden war. Das
überraschte ihn. Er blieb stehen und lauschte angestrengt, denn drinnen
begann ein Mann zu sprechen; seine Stimme klang schüchtern und
ängstlich.
»Es ist noch ein Rest in der Flasche, Herr, wenn Ihr noch hungrig seid.«
»Später«, sagte eine zweite Stimme. Auch sie war die eines Mannes –
doch klang sie merkwürdig hoch und kalt wie ein jäher eisiger Windstoß.
Etwas an dieser Stimme ließ die spärlichen Haare auf Franks Nacken zu
Berge stehen. »Rück mich näher ans Feuer, Wurmschwanz.« Frank
wandte sein rechtes Ohr zur Tür hin, um mehr zu verstehen. Er hörte das
Klirren einer Flasche, die auf etwas Hartem abgestellt wurde, und dann
das dumpfe Kratzen eines schweren Stu hls, der über den Boden gezogen
wurde. Frank erhaschte einen kurzen Blick auf einen kleinen Mann, der
mit dem Rücken zu ihm den Stuhl zum Kamin schob. Er trug einen

langen schwarzen Umhang und hatte einen kahlen Fleck am Hinterkopf.
Dann war er nicht mehr zu sehen. »Wo ist Nagini?«, sagte die kalte
Stimme. »Ich – ich weiß nicht, Herr«, sagte die erste Stimme nervös.
»Ich glaube, sie erkundet das Haus ...« »Du wirst sie melken, bevor wir
uns zurückziehen, Wurmschwanz«, sagte die zweite Stimme. »Ich
brauche h eute Abend Nahrung. Die Reise hat mich sehr erschöpft.« Mit
gerunzelter Stirn neigte Frank sein gutes Ohr noch ein wenig näher
Richtung Tür und lauschte gebannt. Ein kurzes Schweigen trat ein und
dann sprach erneut der Mann namens Wurmschwanz.
»Herr, darf ich fragen, wie lange wir hier bleiben werden?«
»Eine Woche«, sagte die kalte Stimme. »Vielleicht länger. Hier lässt es
sich einigermaßen aushaken und mit dem Plan können wir noch nicht
fortfahren. Es wäre eine Dummheit, wenn wir loslegten, bevor die
Quidd itch-Weltmeisterschaft zu Ende ist.«
Frank steckte sich einen knochigen Finger ins Ohr und fing an zu
quirlen. Er hatte das Wort »Quidditch« gehört, zweifellos, weil sich so
viel Ohrenschmalz angesammelt hatte, denn »Quidditch« war überhaupt
kein Wort.
»Di e ... die Quidditch -Weltmeisterschaft, Herr?«, fragte Wurmschwanz.
(Frank bohrte den Finger noch energischer ins Ohr. ) »Verzeiht mir, aber
– ich verstehe nicht – warum sollten wir warten, bis die
Quidditch -Weltmeisterschaft vorbei ist?«
»Weil zu ebendieser Stunde Zauberer aus aller Herren Länder ins Land
strömen, du Dummkopf, und alle Kleinkrämer aus dem
Zaubereiministerium ausgeschwärmt sind, um nach ungewöhnlichen
Vorkommnissen Ausschau zu halten und jeden doppelt und dreifach zu
überprüfen. Die haben nur noch eins im Kopf, nämlich sicherzugehen,
dass die Muggel von allem nichts mitkriegen. Deshalb warten wir ab.«
Frank gab es auf, sein Ohr zu putzen. Er hatte klar und deutlich die
Wörter »Zaubereiministerium«, »Zauberer« und »Muggel« gehört.
Natürlich bedeuteten all diese Ausdrücke etwas Geheimes, und Frank
fielen nur zwei Sorten von Leuten ein, die eine Geheimsprache
gebrauchten -Spione und Verbrecher. Frank umklammerte seinen Stock
noch fester und spitzte die Ohren.
»Eure Lordschaft ist also immer noch entschlossen?«, sagte
Wurmschwanz leise.

»Natürlich bin ich entschlossen, Wurmschwanz.« In der kalten Stimme
war jetzt eine leise Drohung zu spüren.
Eine kurze Stille trat ein – und dann sprach Wurmschwanz. Die Worte
stolperten ihm hastig aus dem Mund, als ob er sich zwingen müsste, sie
auszusprechen, bevor ihn der Mut verließ.
»Es könnte auch ohne Harry Potter gehen, Herr.« Wieder trat Schweigen
ein, es hielt ein wenig länger an, und dann –
»Ohne Harry Potter?«, hauchte die zweite Stimme kaum vernehmlich.
»Ich verstehe ...«
»Herr, ich sage dies nicht aus Sorge um den Jungen!«, sagte
Wurmschwanz mit hoher, quiekender Stimme. »Der Junge bedeutet mir
nichts, überhaupt nichts! Nur, wenn wir einen anderen Zauberer oder
eine Hexe nehmen – irgendjemanden -, könnte n wir die Sache sehr viel
schneller erledigen! Wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch für kurze Zeit
zu verlassen – Ihr wisst, dass ich mich ganz wirksam tarnen kann - , dann
könnte ich in zwei Tagen mit einer geeigneten Person zurück sein – «
»Ich könnte einen anderen Zauberer nehmen«, sagte die zweite Stimme
leise, »das ist wahr ...«
»Es wäre das Beste, Herr«, sagte Wurmschwanz und klang dabei
ausgesprochen erleichtert. »Harry Potter in die Hände zu bekommen
wäre so schwierig, er ist sehr gut geschützt – «
»Und deshalb meldest du dich freiwillig und willst mir einen Ersatz
besorgen? Merkwürdig ... vielleicht ist dir die Aufgabe, mich zu pflegen,
lästig geworden, Wurmschwanz? Kann dieser Vorschlag, den Plan
aufzugeben, denn etwas anderes sein als der Versuch, mich im Stich zu
lassen?«
»Herr! Ich ... ich habe nicht den Wunsch, Euch zu verlassen, keineswegs
– «
»Belüg mich nicht!«, zischte die zweite Stimme. »Mir entgeht nichts,
Wurmschwanz! Du bereust, dass du überhaupt zu mir zurückgekommen
bist. Bei mir wird dir üb el. Ich sehe dich zusammenzucken, wenn du
mich ansiehst, ich spüre, wie es dich schaudert, wenn du mich berührst
...« »Nein! Meine Hingabe für Eure Lordschaft – « »Deine Hingabe ist
nichts weiter als Feigheit. Du wärst nicht hier, wenn du eine andere
Zufluc ht hättest. Wie soll ich ohne dich überleben, wenn du mich alle
paar Stunden füttern musst? Wer soll Nagini melken?« »Aber Ihr scheint

mir deutlich kräftiger geworden, Herr –« »Lügner«, keuchte die zweite
Stimme. »Ich bin nicht kräftiger geworden, und ein paar Tage auf mich
allein gestellt würden reichen, um mich des wenigen an Kraft zu
berauben, die ich unter deiner tölpelhaften Pflege gewonnen habe.
Schweig!«
Wurmschwanz, der zusammenhanglose Worte hervorgesprudelt hatte,
verstummte sofort. Ein paar Sekun den lang konnte Frank nichts weiter
als das Knistern des Feuers hören. Dann sprach der zweite Mann erneut,
mit einem Flüstern, das fast ein Zischen war.
»Ich habe meine Gründe, den Jungen zu verwenden, wie ich dir schon
erklärt habe, und ich werde keinen a nderen nehmen. Dreizehn Jahre habe
ich gewartet. Ein paar Monate mehr schaden da auch nicht. Was den
Schutz angeht, mit dem der Junge umgeben ist, so glaube ich, dass mein
Plan funktionieren wird. Alles, was ich brauche, ist ein wenig Mut
deinerseits, Wurm schwanz – und diesen Mut wirst du aufbringen, wenn
du nicht das ganze Ausmaß von Lord Voldemorts Zorn spüren willst – «
»Herr, hört mich an!«, sagte Wurmschwanz, und Panik lag jetzt in seiner
Stimme. »Während unserer Reise bin ich den Plan immer wieder
durc hgegangen – Bertha Jorkins' Verschwinden wird nicht lange
unbemerkt bleiben, Herr, und wenn wir fortfahren, falls ich also
tatsächlich den Fluch – «
»Falls?«, flüsterte die zweite Stimme. »Falls du den Plan befolgst,
Wurmschwanz, braucht das Ministerium nie zu erfahren, dass noch
jemand verschwunden ist. Du wirst es in aller Stille und ohne Aufsehen
erledigen; ich wünschte nur, ich könnte es selbst tun, doch in meinem
jetzigen Zustand ... komm schon, Wurmschwanz, ein Hindernis musst du
noch beseitigen, und unser Weg zu Harry Potter ist frei. Ich verlange ja
nicht, dass du es alleine machst. Bis dahin wird mein treuer Diener
wieder zu uns gestoßen sein – «
»Ich bin Euer treuer Diener«, sagte Wurmschwanz, mit kaum
vernehmlichem Trotz in der Stimme.
»Wurmschwanz, ich brauche jemanden mit Verstand, jemanden, der
immer unerschütterlich zu mir gestanden hat, und du erfüllst diese
Forderung leider nicht.«
»Ich habe Euch gefunden«, sagte Wurmschwanz, und nun war die
Widerspenstigkeit in seiner Stimme deutlich zu hören. »Ich war es, der

Euch gefunden hat. Ich habe Euch zu Bertha Jorkins gebracht.«
»Das stimmt.« Der zweite Mann klang belustigt. »Ein brillanter Zug, den
ich von dir nie erwartet hätte, Wurmschwanz – allerdings, um der
Wahrheit die Ehre zu geben, du wusstest doch nicht, wie nützlich sie sein
würde, als du sie gefangen hast, nicht wahr?« »Ich ... ich dachte, sie
könnte nützlich sein, Herr – «
»Lügner«, sagte die zweite Stimme nun mit unverhohlen grausamer
Häme. »Allerdings bestreite ich nicht, dass ihr Wissen u nschätzbar war.
Ohne es hätte ich nie unseren Plan auf die Beine stellen können und
dafür wirst du belohnt werden, Wurmschwanz. Ich werde dir erlauben,
eine wichtige Aufgabe für mich zu erledigen, um die sich viele meiner
Anhänger geradezu reißen würden .. .«
»W -wirklich, Herr? Was – ?« Wieder schwang Angst in Wurmschwanz'
Stimme mit.
»Aah, Wurmschwanz, du willst doch nicht, dass ich dir die
Überraschung verderbe? Dein Auftritt kommt ganz am Schluss ... aber
ich verspreche dir, du wirst die Ehre haben, genaus o nützlich zu sein wie
Bertha Jorkins.«
»Ihr ... Ihr ...« Wurmschwanz klang plötzlich heiser, als wäre sein Mund
völlig ausgetrocknet. »Ihr ... werdet ... auch mich töten?«
»Wurmschwanz, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stimme
schmeichlerisch, »warum sollte ich dich töten? Ich habe Bertha getötet,
weil ich musste. Nachdem ich sie ausgehorcht hatte, taugte sie zu nichts
mehr, sie war überflüssig. Jedenfalls wären peinliche Fragen gestellt
worden, wenn sie zurück ins Ministerium gegangen wäre und verkündet
hätte, sie hätte im Urlaub dich getroffen. Zauberer, die angeblich tot
sind, tun gut daran, unterwegs nicht in irgendwelchen Spelunken Hexen
aus dem Zaubereiministerium zu treffen ...«
Wurmschwanz murmelte etwas, so leise, dass Frank es nicht verstand,
doch der zweite Mann fing an zu lachen - ein gänzlich freudloses Lachen,
kalt wie seine Stimme.
»Wir hätten ihr Gedächtnis ummodeln können? Ein mächtiger Zauberer
kann einen Gedächtniszauber brechen, wie ich ja selbst bei ihrem Verhör
bewiesen habe. Wenn wir das Wissen nicht nutzten, das ich ihr
abgepresst habe, würden wir doch ihr Gedächtnis beleidigen,
Wurmschwanz.«

Draußen im Korridor fiel Frank plötzlich auf, dass seine Hand, mit der er
den Stock umklammerte, schweißnass und glitschig war. Der Mann mit
der kalten Stimme hatte eine Frau getötet. Er sprach darüber ohne jede
Reue – es belustigte ihn. Er war gefährlich – ein Wahnsinniger. Und er
plante noch mehr Morde – dieser Junge, Harry Potter, wer immer er war
– er war in Gefahr Frank wusste, was er zu tun hatte. Jetzt oder nie, es
war höchste Zeit die Polizei zu rufen. Er würde aus dem Haus schleichen
und sich schnurstracks auf den Weg zur Telefonzelle im Dorf machen ...
doch die kalte Stimme sprach erneut, und Frank blieb, wo er war, starr
wie ein Eiszapfen, und lauschte mit aller Kraft.
»Ein Fluch noch ... mein treuer Diener in Hogwarts ... Harry Potter ist so
gut wie mein, Wurmschwanz. Es ist beschlossen. Kein Streit mehr. Doch
still ... ich glaube, ich höre Nagini ...«
Und die Stimme des zweiten Mannes veränderte sich. Er gab nun Laute
von sich, wie Frank sie noch nie gehört hatte; er zischte und fauchte ohne
Luft zu holen. Er muss eine Art Krampf oder Anfall haben, dachte
Frank.
Und dann hörte er, wie sich hinter ihm im dunklen Korridor etwas
bewegte. Er drehte sich um und erstarrte vor Schreck.
Über den dunklen Boden des Korridors glitt etwas auf ihn zu, und als es
sich dem Lichtstreifen des Feuers näherte, erkannte er mit einem
Schauder des Entsetzens, dass es eine gigantische, gut vier Meter lange
Schlange war. Versteinert vor Angst starrte Frank auf das Tier, das sich
in weit ausladenden Wellenlinien durch den dicken Staub auf dem Boden
bewegte und immer näher kam – was sollte er tun? Flüchten konnte er
nur in das Zimmer, wo die beiden Männer saßen und einen Mord
ausheckten, doch wenn er stehen blieb, würde ihn die Schlange gewiss
töten Doch bevor er sich entschieden hatte, war die Schlange gleichauf,
und dann, unglaubliches Wunder, glitt sie an ihm vorbei; sie folgte den
fauchenden und zischenden Lauten jene r kalten Stimme hinter der Tür,
und in Sekundenschnelle war die Spitze ihres diamantbesetzten
Schwanzes durch den Türspalt verschwunden.
Auf Franks Stirn standen Schweißperlen und seine Hand am Stock
zitterte. Drinnen im Zimmer zischte die kalte Stimme weiter, und Frank
kam ein merkwürdiger Gedanke in den Sinn, ein unmöglicher Gedanke
... Dieser Mann kann mit Schlangen sprechen. Frank begriff nicht, was

geschah. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit seiner heißen
Wärmflasche behaglich im Bett zu liegen. Das Problem war nur, dass
seine Beine keine Anstalten machten, sich zu bewegen. Am ganzen
Körper zitternd stand er da und versuchte seine Glieder zu beherrschen,
als die kalte Stimme plötzlich wieder Englisch sprach. »Nagini hat
interessante Neuigkeiten, Wurmschwanz«, sagte sie. »T -tatsächlich,
Herr?«, sagte Wurmschwanz.
»In der Tat, ja«, sagte die Stimme. »Nagini zufolge steht draußen gleich
vor der Tür ein alter Muggel und hört jedes Wort mit, das wir sprechen.«
Frank hatte keine Chance, sich zu verstecken. Er hörte Schritte, dann
wurde die Tür zum Zimmer weit aufgestoßen.
Ein kleiner Mann mit schütterem grauem Haar, spitzer Nase und
wässrigen Augen stellte sich vor Frank auf, mit einer Mischung aus
Angst und Miss trauen in den Augen.
»Bitte ihn doch herein, Wurmschwanz. Wo bleiben deine Manieren?«
Die kalte Stimme kam von dem alten Lehnstuhl am Feuer her, doch
Frank konnte nicht sehen, wer da sprach. Die Schlange hingegen hatte
sich, wie die grausige Karikatur eines Schoßhündchens, auf dem
verrotteten Kaminvorleger eingekringelt.
Wurmschwanz winkte Frank mit einer kleinen Verbeugung ins Zimmer.
Frank steckte die Angst zwar immer noch in den Knochen, doch er
umklammerte erneut seinen Stock und humpelte über die Schwelle.
Das Feuer war die einzige Lichtquelle im Zimmer; es warf lange,
spinnengleiche Schatten an die Wände. Frank starrte auf den Rücken des
Lehnstuhls; der Mann darauf schien noch kleiner zu sein als sein Diener,
denn Frank konnte nicht einmal seinen Hinterkopf sehen.
»Du hast also alles mitgehört, Muggel?«, sagte die kalte Stimme.
»Warum nennen Sie mich so?«, sagte Frank widerspenstig, denn nun, da
er in diesem Zimmer war, nun, da es an der Zeit war zu handeln, fühlte
er sich mutiger; schon im Krieg war es so gewesen.
»Ich nenne dich einen Muggel«, sagte die Stimme kühl. »Das bedeutet,
dass du kein Zauberer bist.«
»Ich weiß nicht, was Sie mit Zauberer meinen«, sagte Frank mit
allmählich festerer Stimme. »Alles, was ich weiß, ist, dass ich heute
Nacht was gehört hab, das sicher die Polizei interessieren wird. Sie
haben einen Mord begangen und planen noch mehr Morde! Und ich sag

Ihnen noch was«, fügte er in einer plötzlichen Eingebung hinzu, »meine
Frau weiß, dass ich hier oben bin, und wenn ich nicht zurückkomme –«
»Du hast keine Frau«, sagte die kalte Stimme völlig ungerührt. »Keiner
weiß, dass du hier bist. Du hast niemandem etwas gesagt. Belüge Lord
Voldemort nicht, Muggel, denn er weiß ... er weiß immer ...«
»Stimmt das?«, sagte Frank barsch. »Lord, tatsächlich? Nun, ich halte
nicht viel von Ihren Manieren, Sie Lord, Sie. Warum drehen Sie sich
nicht um und schauen mir ins Gesicht wie ein Mann?«
»Ich bin kein Mann, Muggel«, sagte die kalte Stimme, die sich kaum
über das Knistern des Feuers erhob. »Ich bin vi el, viel mehr als ein
Mann. Allerdings ... warum nicht? Ich werde dir ins Gesicht sehen ...
Wurmschwanz, komm her und drehe meinen Stuhl um.« Vom Diener her
kam ein Wimmern. »Du hast mich gehört, Wurmschwanz.«
Langsam, mit einer schrecklichen Grimasse, als wäre ihm nichts mehr
zuwider als sich seinem Herrn und der vor dem Kamin
zusammengerollten Schlange zu nähern, ging der kleine Mann auf den
Stuhl zu und begann ihn zu drehen. Die Stuhlbeine streiften leicht den
Kaminvorleger und die Schlange hob ihren häs slichen dreieckigen Kopf
und zischte leise.
Und dann war der Stuhl auf Frank gerichtet, und er sah, was dort saß.
Sein Stock fiel klappernd zu Boden. Er öffnete den Mund und stieß einen
Schrei aus. Er schrie so laut, dass er die Worte, die das Etwas auf de m
Stuhl sprach, als es seinen Zauberstab erhob, nicht hören konnte. Ein
grüner Lichtblitz, ein Brausen, und Frank Bryce brach zusammen. Noch
bevor er aufschlug, war er tot.
Dreihundert Kilometer entfernt fuhr der Junge namens Harry Potter
erschrocken aus d em Schlaf.

Die Narbe


Harry lag flach auf dem Rücken und atmete schwer, als ob er gerannt
wäre. Mit aufs Gesicht gepressten Händen war er aus einem fiebrigen
Traum erwacht. Die alte Narbe auf seiner Stirn, die aussah wie ein Blitz,
brannte unter seinen Fingern, als ob ihm jemand einen weiß glühenden
Draht auf die Stirn drücken würde.
Er richtete sich auf, die eine Hand immer noch auf der Narbe, mit der
anderen im Dunkeln nach seiner Brille auf dem Nachttisch tastend. Jetzt
sah er sein Zimmer klarer. Es la g in dem schwachen,
dunstig- orangeroten Licht, das die Straßenlaterne von draußen durch die
Vorhänge warf.
Harry fuhr noch einmal mit den Fingern über die Narbe. Sie tat immer
noch weh. Er knipste die Lampe auf dem Nachttisch an, stieg aus dem
Bett, durchq uerte das Zimmer, öffnete seinen Schrank und blinzelte in
den Spiegel an der Innenseite der Tür. Ein hagerer Junge von vierzehn
Jahren schaute zurück, dessen hellgrüne Augen unter dem zerzausten
schwarzen Haar leicht verwirrt dreinblickten. Er besah sich d ie
Blitznarbe im Spiegelbild etwas näher. Sie sah aus wie immer.
Harry versuchte sich zu erinnern, was er geträumt hatte. Es war ihm so
wirklich vorgekommen ... zwei Personen waren in dem Traum
erschienen, die er kannte, und dann noch eine dritte, die er n och nie
gesehen hatte ... er sammelte mit aller Kraft seine Gedanken, runzelte die
Stirn und dachte nach ...
Das verschwommene Bild eines abgedunkelten Zimmers kam ihm in den
Sinn ... eine Schlange hatte auf einem Kaminvorleger gelegen ... ein
kleiner Mann namens Peter, Spitzname Wurmschwanz ... und eine kalte,
hohe Stimme ... die Stimme Lord Voldemorts. Beim bloßen Gedanken
an ihn fühlte sich Harry, als würde ihm ein Packen Eiswürfel in den
Magen gleiten ...
Er drückte die Augen zu und versuchte sich zu er innern, wie Voldemort
ausgesehen hatte, doch er schaffte es nicht ... Harry wusste nur eines. In
dem Augenblick, da Voldemorts Stuhl herumgedreht wurde und er,
Harry, gesehen hatte, was auf ihm saß, hatte ihn das Entsetzen gepackt
und aus dem Schlaf geriss en ... oder war es der Schmerz seiner Narbe

gewesen?
Und wer war der alte Mann? Denn ganz sicher war ein alter Mann dabei
gewesen; Harry hatte beobachtet, wie er zusammengebrochen war. –
Alles drehte sich; Harry legte das Gesicht in die Hände, um sein Zimmer
nicht mehr zu sehen, und versuchte das Bild des matt erleuchteten
Raumes festzuhalten, doch es war, als ob er Wasser in hohlen Händen
halten wollte; die Einzelheiten versickerten umso schneller, je
angestrengter er versuchte, sie festzu halten ... Voldemort und
Wurmschwanz hatten über jemanden gesprochen, den sie getötet hatten,
doch Harry konnte sich nicht mehr an den Namen erinnern ... und sie
hatten sich verschworen, noch jemanden zu töten ... ihn ...
Harry hob den Kopf, öffnete die Au gen und blickte in seinem Zimmer
umher, als ob er erwartete, etwas Ungewöhnliches zu sehen. Tatsächlich
waren außergewöhnlich viele ungewöhnliche Dinge in diesem Zimmer.
Ein großer hölzerner Koffer stand mit geöffnetem Deckel am Fuß seines
Bettes, und darin lagen ein Kessel, ein Besen, schwarze Umhänge und
verschiedene Bücher mit Zaubersprüchen. Pergamentrollen waren über
dem Schreibtisch verstreut, soweit der Platz nicht von dem großen leeren
Käfig beansprucht wurde, in dem seine Schneeeule Hedwig für
gewö hnlich hockte. Auf dem Boden neben seinem Bett lag ein
aufgeschlagenes Buch; letzte Nacht hatte er vor dem Einschlafen darin
gelesen. Alle Bilder in diesem Buch bewegten sich. Männer in leuchtend
orangeroten Umhängen kamen auf Besen fliegend näher und
vers chwanden dann wieder, wobei sie sich einen roten Ball zuwarfen.
Harry ging hinüber zu dem Buch, hob es auf und sah zu, wie einer der
Zauberer ein sagenhaftes Tor machte, indem er den Ball durch einen in
zwanzig Meter Höhe angebrachten Ring beförderte. Dann schlug er das
Buch zu. Selbst Quidditch – nach Harrys Ansicht der beste Sport der
Welt konnte ihn jetzt nicht ablenken. Er legte Fliegen mit den Cannons
auf seinen Nachttisch, ging hinüber zum Fenster, zog die Vorhänge
zurück und beobachtete die Straße vo r dem Haus.
Der Ligusterweg sah genauso aus, wie eine achtbare Vorstadtstraße in
den frühen Morgenstunden eines Samstags aussehen musste. Alle
Vorhänge waren zugezogen. Soweit Harry sehen konnte, war kein
Lebewesen in der Nähe, nicht einmal eine Katze. Und doch ... und doch
... Rastlos ging Harry zurück zum Bett, setzte sich und fuhr erneut mit

dem Finger über die Narbe. Es war nicht der Schmerz, der ihn
beschäftigte; Harry hatte seine Erfahrungen mit Schmerzen und
Verletzungen. Einmal hatte er alle Knochen seines rechten Armes
verloren und man hatte sie über Nacht unter Qualen wieder wachsen
lassen. Derselbe Arm war nicht viel später von einem ellenlangen
Giftzahn durchstochen worden. Erst letztes Jahr war Harry von einem
fliegenden Besen aus etwa fünfzehn Meter Höhe in die Tiefe gestürzt. Er
war an haarsträubende Unfälle und Verletzungen gewöhnt; sie waren
nicht zu vermeiden, wenn man nach Hogwarts ging, auf die Schule für
Zauberei und Hexerei, und wenn man Ärger wie magisch anzog.
Nein, Harry beunruhigte etwas anderes. Als seine Narbe das letzte Mal
geschmerzt hatte, war Voldemort in der Nähe gewesen ... doch
Voldemort konnte nicht hier sein, nicht jetzt ... die Vorstellung,
Voldemort würde im Ligusterweg auf ihn lauern, war unsinnig, völlig
abwegig ...
Har ry lauschte angestrengt in die Stille hinein. Erwartete er nicht doch
das Knarren einer Treppe, das Rascheln eines Umhangs? Und dann
zuckte er leise zusammen, als er seinen Cousin Dudley im Zimmer
nebenan markerschütternd aufschnarchen hörte.
Harry schüttelte sich in Gedanken; das war doch albern; niemand war im
Haus außer ihm, Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley, sie schliefen
natürlich alle noch, sie träumten ungestört und litten keine Schmerzen.
So mochte Harry die Dursleys am liebsten: wenn sie schliefen; denn
tagsüber waren sie Harry nicht besonders zugetan, um es höflich
auszudrücken. Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley waren Harrys
einzige lebende Angehörige. Sie waren Muggel (nichtmagische
Menschen), die Magie in jedweder Form hassten und verachteten, was
bedeutete, dass Harry in ihrem Haus ungefähr so willkommen war wie
der Hausschwamm. In den letzten drei Jahren war Harry viele Monate in
Hogwarts gewesen, doch anderen Leuten hatten sie vorgemacht, er
stecke im St. -Brutus -Sicherheitszentrum fü r unheilbar kriminelle
Jungen. Sie wussten ganz genau, dass Harry, als minderjähriger
Zauberer, außerhalb von Hogwarts nicht zaubern durfte, waren aber
schnell dabei, ihm für alles, was bei ihnen schief lief, die Schuld zu
geben. Harry hatte ihnen nie sein Herz ausschütten oder ihnen sein
Leben in der Zaubererwelt schildern können. Die bloße Vorstellung, zu

ihnen zu gehen, wenn sie aufwachten, und von seiner schmerzenden
Narbe und von seinen Befürchtungen wegen Voldemort zu erzählen, war
geradezu lachhaft.
Und doch war Voldemort der eigentliche Grund, warum Harry überhaupt
zu den Dursleys gekommen war. Ohne Voldemort hätte Harry nicht die
Blitznarbe auf seiner Stirn. Ohne Voldemort hätte Harry noch seine
Eltern ...
Harry war ein Jahr alt gewesen in jener Nacht, als Voldemort – der
mächtigste schwarze Magier seit einem Jahrhundert, ein Zauberer, der
elf Jahre lang stets seine Macht gemehrt hatte – in ihr Haus gekommen
war und seinen Vater und seine Mutter getötet hatte. Daraufhin hatte
Voldemort seinen Zaubers tab gegen Harry gerichtet; er hatte den Fluch
ausgesprochen, mit dem er viele gestandene Hexen und Zauberer auf
seinem unaufhaltsamen Weg nach oben beseitigt hatte – doch
unfasslicherweise hatte der Fluch bei ihm nicht gewirkt. Statt den
kleinen Jungen zu töten, war der Fluch auf Voldemort zurückgefallen.
Harry hatte überlebt und nur eine blitzförmige Narbe auf der Stirn
zurückbehalten, und Voldemort war auf etwas zusammengeschrumpft,
das kaum noch Leben in sich hatte. Seiner Zauberkräfte beraubt, das
Leben in ihm fast erloschen, war Voldemort geflohen; die
Schreckensherrschaft, unter der die geheime Gemeinschaft der Hexen
und Zauberer so lange gelebt hatte, war zusammengebrochen.
Voldemorts Anhänger hatten sich zerstreut und Harry Potter war
berühmt geworde n.
Mit einem gewaltigen Schreck hatte Harry an seinem elften Geburtstag
herausgefunden, dass er ein Zauberer war; und die Entdeckung, dass sein
Name in der verborgenen Zaubererwelt allbekannt war, beunruhigte ihn
noch mehr. Bei seiner Ankunft in Hogwarts m usste er feststellen, dass
sich überall, wo er auftauchte, die Köpfe wandten und Ge- tuschel ihm
auf Schritt und Tritt folgte. Doch inzwischen hatte er sich daran
gewöhnt: Ende des Sommers würde er sein viertes Schuljahr in
Hogwarts beginnen und er zählte b ereits die Tage bis dahin.
Doch noch waren es zwei Wochen bis zu seiner Rückkehr nach
Hogwarts. Er sah sich noch einmal ratlos in seinem Zimmer um, und sein
Blick blieb an den Geburtstagskarten hängen, die seine beiden besten
Freunde ihm Ende Juli geschick t hatten. Was würden sie sagen, wenn er

ihnen schriebe und von seiner schmerzenden Narbe berichtete?
Schon hallte Hermine Grangers Stimme in seinem Kopf wider, schrill
und voller Panik:
»Deine Narbe tut weh? Harry, damit ist nicht zu spaßen ... Schreib an
Professor Dumbledore! Und ich werd auf der Stelle in » Magische
Hauskrankheiten und Gebrechen« nachsehen ... Vielleicht steht da was
über Fluchnarben drin ...« Ja, das würde Hermine raten: Geh sofort zum
Schulleiter von Hogwarts und schlag vorher am besten noch in einem
Buch nach. Harry blickte durch das Fenster auf den mit königsblauen
Schleiern überzogenen Morgenhimmel. Er hatte große Zweifel, ob ein
Buch ihm jetzt helfen würde. Soweit er wusste, war er der einzige
Mensch, der einen Fluch wie den Voldemor ts überlebt hatte; deshalb war
es höchst unwahrscheinlich, dass er seine Leiden in Magische
Hauskrankheiten und Gebrechen wiederfinden würde. Und was den
Schulleiter anging, so hatte Harry keine Ahnung, wo Dumbledore in den
Sommerferien hinfuhr. Einen Moment lang belustigte ihn die
Vorstellung, dass Dumbledore mit seinem langen Silberbart, dem langen
Zaubererumhang und dem Spitzhut irgendwo an einem Strand lag und
sich Sonnenöl auf die lange Adlernase rieb. Allerdings, wo immer
Dumbledore auch war, Hedwig würde ihn sicher finden; Harrys Eule
hatte es bisher noch immer geschafft, ihre Briefe zu überbringen, sogar
ohne Adresse. Doch was sollte er schreiben?
Lieber Professor Dumbledore, Verzeihung, dass ich Sie belästige, doch
heute Morgen hat meine Narbe wehgetan. Mit freundlichen Grüßen,
Harry Potter Selbst in seinem Kopf klangen diese Worte albern.
So versuchte er sich vorzustellen, was Ron, sein anderer bester Freund,
sagen würde, und schon tauchte vor Harrys Augen Rons lange Nase und
sein sommersprossiges G esicht mit nachdenklicher Miene auf.
»Deine Narbe tut weh? Aber ... aber Du -weißt- schon- wer kann doch gar
nicht in deiner Nähe sein, oder? Im Ernst ... das würdest du doch
merken? Er würde wieder versuchen dich zu erledigen, meinst du nicht?
Ich weiß nicht, Harry, vielleicht zwicken Fluchnarben immer ein wenig
... ich frag mal Dad ...«
Mr Weasley war ein voll ausgebildeter Zauberer, der in der Abteilung
gegen den Missbrauch von Muggelartefakten im Zaubereiministerium
arbeitete, doch soviel Harry wusste, war er in Sachen Flüche nicht

einschlägig bewandert. Jedenfalls behagte Harry die Vorstellung nicht,
die ganze Familie Weasley würde erfahren, dass er, Harry, schon wegen
ein paar Wehwehchen nervös wurde. Mrs Weasley würde einen noch
größeren Aufstand machen als Hermine, und Fred und George, Rons
sechzehnjährige Zwillingsbrüder, dachten womöglich noch, Harry würde
die Nerven verlieren. Die Weasleys waren für Harry die tollste Familie
der Welt; er hatte die Hoffnung, dass sie ihn schon bald zu sich einluden
(Ron hatte etwas von der Quidditch -Weltmeisterschaft erwähnt), und
irgendwie wollte er nicht, dass sein Aufenthalt mit besorgten Nachfragen
zu seiner Narbe gestört wurde. Harry massierte seine Stirn mit den
Handknöcheln. Was er wirklich wollte (und er schämte sich beinahe, es
sich selbst einzugestehen), war so etwas wie eine Mutter oder einen
Vater: ein erwachsener Zauberer, dessen Rat er erfragen konnte, ohne
sich blöd vorzukommen, jemand, der ihn gern hatte und der Erfahrung
hatte mit schwarzer Magie ... Und dann fiel es ihm wie Schuppen von
den Augen. Es war so einfach und so offensichtlich, dass er kaum fassen
konnte, wie lange er gebraucht hatte – Sirius.
Harry sprang vom Bett, stürzte durchs Zimmer und setzte sich an seinen
Schreibtisch; er zog ein Blatt Pergament zu sich her, füllte seine
Adlerfeder mit Tinte und schrieb: Lieber Sirius, hielt inne und überlegte,
wie er sein Problem am besten ausdrücken konnte. Warum, so wunderte
er sich immer noch, hatte er nicht sofort an Sirius gedacht? Doch wenn
er gen auer überlegte, war es vielleicht gar nicht so merkwürdig –
schließlich hatte er erst vor zwei Monaten herausgefunden, dass Sirius
sein Pate war.
Es gab einen einfachen Grund, warum Sirius bis dahin in Harrys Leben
überhaupt nicht aufgetaucht war – Sirius hatte in Askaban gesteckt, dem
schrecklichen Zauberergefängnis, das von Dementoren genannten Wesen
bewacht wurde, blinden, Seelen saugenden Finsterlingen, die dann nach
Hogwarts gekommen waren, um den entflohenen Sirius zu suchen. Doch
Sirius war unschuldig – die Morde, für die er verurteilt worden war, hatte
Wurmschwanz begangen, Voldemorts Helfer, den jetzt fast alle für tot
hielten. Harry, Ron und Hermine wussten es jedoch besser; letztes Jahr
waren sie Wurmschwanz von Angesicht zu Angesicht begegnet, do ch
nur Professor Dumbledore hatte ihnen diese Geschichte abgenommen.
Eine wunderbare Stunde lang hatte Harry geglaubt, endlich die Dursleys

verlassen zu können, denn Sirius hatte ihm ein Zuhause angeboten,
sobald sein Name rein gewaschen war. Doch diese Chance war ihm
wieder geraubt worden Wurmschwanz war entkommen, bevor sie ihn
zum Zaubereiministerium hatten bringen können, und Sirius musste
fliehen, um sein Leben zu retten. Harry hatte ihm geholfen, auf dem
Rücken eines Hippogreifs namens Seidenschnabel zu entkommen, und
seither war Sirius auf der Flucht. Der Gedanke an ein Zuhause, das Harry
vielleicht gewonnen hätte, wenn Wurmschwanz nicht entkommen wäre,
hatte ihn den ganzen Sommer über nicht losgelassen. Mit der
Vorstellung im Kopf, den Dursleys um ein Haar für immer entkommen
zu sein, war es Harry besonders schwer gefallen, zu ihnen
zurückzukehren.
Und doch hatte Sirius Harry in manchem geholfen, auch wenn er nicht
bei ihm sein konnte. Dank Sirius hatte Harry jetzt all seine Schulsachen
bei sich im Zi mmer. Die Dursleys hatten ihm das noch nie zuvor erlaubt;
sie hatten immer gewollt, dass es Harry so elend wie möglich ginge, und
zugleich Angst vor seinen Fähigkeiten gehabt, deshalb hatten sie seinen
Schulkoffer bisher im Schrank unter der Treppe eingeschlossen. Doch
ihre Haltung hatte sich geändert, als sie herausgefunden hatten, dass
Harrys Pate ein gefährlicher Mörder war – Harry hatte bequemerweise
vergessen ihnen zu sagen, dass Sirius unschuldig war.
Harry hatte zwei Briefe von Sirius erhalten, seit er wieder im
Ligusterweg wohnte. Nicht Eulen hatten sie überbracht (wie es unter
Zauberern üblich war), sondern große, hellbunte tropische Vögel.
Hedwig hatte diese glamourösen Eindringlinge gar nicht gemocht; nur
äußerst widerwillig erlaubte sie ihnen, au s ihrem Wassernapf zu trinken,
bevor sie wieder davonflogen. Harry jedoch mochte die Vögel; sie
erinnerten ihn an Palmen und weißen Sand, und er hoffte, Sirius, wo
immer er war (was er in seinen Briefen nie verriet, falls sie abgefangen
wurden), würde es s ich gut gehen lassen. Harry konnte es sich kaum
vorstellen, dass die Dementoren unter der strahlenden Sonne lange
überleben würden; vielleicht war Sirius deshalb nach Süden gegangen.
Seine beiden Briefe, unter dem äußerst nützlichen losen Dielenbrett unter
Harrys Bett versteckt, klangen recht fröhlich, und er hatte Harry jedes
Mal aufgefordert, ihm zu schreiben, falls er ihn brauchen sollte. Nun,
jetzt brauchte er ihn wirklich ...

Das kalte graue Licht, das den Sonnenaufgang ankündigte, drang
allmählich ins Zimmer und Harrys Lampe schien zu verblassen.
Schließlich, als die Sonne aufgegangen war und die Wände seines
Zimmers in Gold getaucht hatte, als Geräusche aus Onkel Vernons und
Tante Petunias Zimmer zu hören waren, räumte Harry die zerknitterten
Pergamen te von seinem Schreibtisch und las den fertigen Brief noch
einmal durch. Lieber Sirius, danke für deinen letzten Brief, dieser Vogel
war so riesig, dass er es kaum durch mein Fenster geschafft hat. Hier
geht es zu wie immer. Mit Dudleys Diät läuft es nicht besonders gut.
Meine Tante hat ihn gestern erwischt, wie er Doughnuts in sein Zimmer
schmuggelte. Sie haben gedroht, ihm das Taschengeld zu kürzen, wenn
er das noch mal macht, und daraufhin ist er furchtbar wütend geworden
und hat seine PlayStation aus de m Fenster geworfen. Das ist eine Art
Computer, auf dem man spielen kann. Ziemlich dumm von ihm, wenn du
mich fragst, denn jetzt hat er nicht mal GigaGemetzel Teil III, um sich
abzulenken. Mir geht's ganz gut, vor allem weil die Dursleys
schreckliche Angst haben, du könntest hier auftauchen und, wenn ich
dich darum bitte, sie alle in Fledermäuse verwandeln. Aber heute
Morgen ist etwas Merkwürdiges passiert. Meine Narbe hat wieder
wehgetan. Das letzte Mal hat sie geschmerzt, weil Voldemort in
Hogwarts war. Ab er ich glaube nicht, dass er irgendwo in meiner Nähe
sein kann, oder? Weißt du, ob Fluchnarben manchmal noch nach Jahren
wehtun? Ich schick dir diesen Brief mit Hedwig, sobald sie
zurückkommt, im Augenblick ist sie jagen. Grüß Seidenschnabel von
mir. Harry Ja, dachte Harry, das kann ich so lassen. Von seinem Traum
wollte er lieber nichts erwähnen, sonst dachte Sirius womöglich noch, er
sei mit den Nerven völlig am Ende. Er faltete das Pergament zusammen
und legte den Brief an den Tischrand, bereit für Hedwig, wenn sie
zurückkam. Dann stand er auf, streckte sich und öffnete noch einmal den
Schrank. Ohne einen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen, zog er sich an
und ging hinunter zum Frühstück.

Die Einladung


Die drei Dursleys saß en bereits am Tisch, aber keiner von ihnen blickte
auf, als Harry in die Küche kam und sich dazusetzte. Onkel Vernons
breites rotes Gesicht war hinter der morgendlichen Tagespost versteckt
und Tante Petunia, die Lippen über ihren Pferdezähnen gespitzt, viertelte
eine Grapefruit.
Dudley saß mit zornigem Schmollmund da und schien noch mehr Platz
einzunehmen als sonst. Und das sollte schon etwas heißen, denn er
beanspruchte immer eine ganze Seite des quadratischen Tisches für sich.
Als Tante Petunia mit einem zittrigen »Bitte sehr, Diddyschatz« ein
ungezuckertes Viertel der Grapefruit auf Dudleys Teller legte, warf er ihr
einen finsteren Blick zu. Sein Leben hatte eine höchst unerfreuliche
Wendung genommen, seit er mit dem Jahreszeugnis in die Sommerferien
geko mmen war.
Wie üblich hatten Onkel Vernon und Tante Petunia viele Ausreden für
seine schlechten Noten gefunden; Tante Petunia pflegte felsenfest zu
behaupten, Dudley sei ein hoch begabter Junge, nur leider würden die
Lehrer ihn einfach nicht verstehen. Onkel Vernon hingegen versicherte,
er wolle ohnehin keinen kleinen streberhaften Weichling haben. Auch
den im Zeugnis erhobenen Vorwurf, Dudley würde andere Schüler
schikanieren, taten sie ab – »Er ist nun mal ein kleiner Rabauke, doch er
würde keiner Fliege was zuleide tun!«, sagte Tante Petunia mit Tränen in
den Augen.
Allerdings fanden sich am Ende des Schreibens einige sorgsam gewählte
Bemerkungen der Schulkrankenschwester, die nicht einmal Onkel
Vernon und Tante Petunia wegerklären konnten. Wie sehr Tante Petunia
auch jammerte, Dudley habe eben große Knochen und bestehe ansonsten
doch aus Babyspeck, er sei ein Junge, der noch wachse und viel zu essen
brauche – es blieb dabei, dass die Schulausstatter keine Knickerbocker
mehr führten, die ihm noch passten. D er Schulkrankenschwester war
nicht entgangen, was Tante Petunia - die so scharfe Augen hatte, wenn es
darum ging, Fingerabdrücke auf ihren schimmernden Möbeln zu
entdecken und das Kommen und Gehen der Nachbarn zu beobachten –
einfach nicht sehen wollte: dass Dudley keineswegs Extraportionen zu

essen brauchte, sondern ungefähr Größe und Gewicht eines jungen
Killerwals erreicht hatte.
Und so kam es, dass nach vielen Streitereien und Wutanfällen, die
Harrys Zimmerboden erschütterten, und nach vielen Tränen Tan te
Petunias der neue Speiseplan eingeführt wurde. Sie heftete den
Diätzettel, den die Schulkrankenschwester aus Smeltings geschickt hatte,
an den Kühlschrank, räumte sämtliche Lieblingsleckereien Dudleys aus
– klebrige Softdrinks und Kuchen, Schokoriegel und Hamburger – und
füllte ihn stattdessen mit Obst und Gemüse und all jenen Dingen, die
Onkel Vernon als »Kaninchenfutter« bezeichnete. Um Dudley die Sache
ein wenig schmackhafter zu machen, bestand Tante Petunia darauf, dass
auch der Rest der Familie Diät hielt. So reichte sie Harry jetzt ebenfalls
ein Viertel Grapefruit. Harry entging nicht, dass es viel kleiner war als
Dudleys Stück. Tante Petunia schien zu glauben, um Dudley bei Laune
zu halten, müsse sie zumindest dafür sorgen, dass er wenigstens mehr zu
essen bekam als Harry.
Doch Tante Petunia wusste nicht, was unter dem losen Dielenbrett oben
in Harrys Zimmer versteckt war. Sie hatte keine Ahnung, dass Harry sich
keineswegs an die Diät hielt. Kaum hatte er Wind davon bekommen,
dass er den Sommer über von Karotten würde leben müssen, hatte Harry
Hedwig mit einem Hilferuf zu seinen Freunden geschickt, und sie hatten
diese Herausforderung glänzend bewältigt. Von Hermine hatte Hedwig
eine große Schachtel zuckerfreier Knabbereien zurückgebracht
(Hermines E ltern waren Zahnärzte). Hagrid, der Wildhüter von
Hogwarts, war mit einem Beutel voll selbst gebackener Felsenkekse in
die Bresche gesprungen (Harry hatte sie noch nicht angerührt; Hagrids
Backkünste kannte er zur Genüge). Mrs Weasley jedoch hatte die
Fami lieneule Errol mit einem riesigen Früchtekuchen und verschiedenen
Pasteten zu Harry geschickt. Der arme, schon etwas altersschwache Errol
hatte ganze fünf Tage gebraucht, um sich von dem Flug zu erholen. Und
schließlich hatte Harry an seinem Geburtstag (den die Dursleys glatt
übergangen hatten) vier köstliche Geburtstagskuchen erhalten, je einen
von Ron, Hermine, Hagrid und Sirius. Harry hatte immer noch zwei
davon übrig, und so begann er in der Vorfreude auf ein herzhaftes
Frühstück oben im Zimmer klaglos seine Grapefruit zu essen.
Onkel Vernon legte die Zeitung zur Seite, schnaubte tief durch und besah

sich sein eigenes Stück Grapefruit. »Das ist alles?«, sagte er ungnädig zu
Tante Petunia.
Tante Petunia warf ihm einen strengen Blick zu und nickte mit
gesp itztem Mund hinüber zu Dudley, der sein GrapefruitViertel bereits
aufgegessen hatte und nun Harrys Stück mit einem sehr sauren Ausdruck
in den kleinen Schweinsäuglein ins Visier nahm.
Onkel Vernon ließ einen tiefen Seufzer vernehmen, der seinen
ausladenden , buschigen Schnurrbart erzittern ließ, und nahm den Löffel
zur Hand.
Jemand läutete an der Tür. Onkel Vernon wuchtete sich hoch und ging
hinaus in den Flur. Während sich Tante Petunia am Teekessel zu
schaffen machte, stibitzte Dudley blitzschnell Onkel Ve rnons restliche
Grapefruit. Harry hörte Stimmen an der Haustür, ein Lachen und eine
barsche Entgegnung Onkel Vernons. Dann fiel die Tür ins Schloss und
vom Flur kam das Geräusch zerreißenden Papiers.
Tante Petunia stellte die Teekanne auf den Tisch und sah sich verdutzt
nach Onkel Vernon um; sie musste nicht lange warten, denn kurz darauf
erschien er mit zornrotem Gesicht.
»Du«, blaffte er Harry an. »Ins Wohnzimmer. Sofort.«
Verdutzt und ohne die geringste Ahnung, was zum Teufel er diesmal
wieder verbrochen haben sollte, erhob sich Harry und folgte Onkel
Vernon ins Zimmer nebenan. Onkel Vernon schlug die Tür hinter ihnen
zu.
»So«, sagte er, marschierte hinüber zum Kamin, wandte sich um und
fixierte Harry, als wolle er ihn auf der Stelle verhaften. »So.«
Harr y hätte am liebsten »Na was denn« gesagt, doch er wollte Onkel
Vernons Gemütsverfassung so früh am Morgen lieber nicht auf die Probe
stellen, da sie durch Mangel an Nahrung ohnehin stark belastet war. So
versuchte er ein wenig verwirrt auszusehen.
»Das hie r ist gerade angekommen«, sagte Onkel Vernon. Er fuchtelte mit
einem Blatt purpurroten Schreibpapiers in Harrys Richtung. »Ein Brief.
Betrifft dich.«
Harry war nun tatsächlich verdutzt. Wer sollte seinetwegen an Onkel
Vernon schreiben? Wen kannte er, der B riefe mit der normalen Post
schickte?
Onkel Vernon starrte Harry zornig an, dann hob er den Brief und begann

laut vorzulesen. Liebe Mr und Mrs Dursley, wir wurden einander nie
vorgestellt, doch ich bin sicher, Sie haben von Harry eine Menge über
meinen Sohn Ron gehört. Wie Harry Ihnen vielleicht gesagt hat, findet
nächsten Montagabend das Finale der Quidditch -Weltmeisterschaft statt,
und mein Mann Arthur hat es soeben geschafft, über seine Beziehungen
zur Abteilung für Magische Spiele und Sportarten noch ein paar Karten
zu besorgen. Ich hoffe doch, dass Sie uns gestatten, Harry mit zum Spiel
zu nehmen, denn ein solches Ereignis darf man sich keinesfalls entgehen
lassen; England ist zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder
Gastgeberland und Karten sind kaum noch zu bekommen. Natürlich
würden wir uns freuen, wenn Harry für die restlichen Sommerferien bei
uns bleiben könnte. Wir werden ihn dann zum Zug begleiten, der ihn
zurück in die Schule bringt. Am besten schickt Harry uns Ihre Antwort
auf dem üblichen Wege , denn der Muggelbriefträger hat bei uns noch nie
etwas eingeworfen, und ich bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wo
unser Haus ist. In der Hoffnung, Harry bald zu sehen, und mit
freundlichen Grüßen Molly Weasley PS: Ich hoffe doch, wir haben
genug Marken draufgeklebt. Onkel Vernon verstummte, schob die Hand
in die Brusttasche und zog noch etwas hervor. »Sieh dir das an«, knurrte
er.
Er hob den Umschlag hoch, in dem Mrs Weasleys Brief gekommen war.
Harry musste sich einen Lachanfall verkneifen. Der Umschlag war über
und über mit Briefmarken beklebt, mit Ausnahme eines kleinen Quadrats
auf der Vorderseite, in das Mrs Weasley in Winzschrift die Adresse der
Dursleys hineingekritzelt hatte.
»Na also, hat doch gereicht mit den Briefmarken«, sagte Harry, ganz so,
als ob Mrs Weasleys Fehler jedem unterlaufen könnte. Onkel Vernons
Augen blitzten.
»Der Briefträger war sehr interessiert«, sagte er mit
zusammengebissenen Zähnen. »Wollte unbedingt wissen, wo dieser
Vrief herkommt. Deshalb hat er auch geläutet. Hielt es offenbar für
komisch.«
Harry sagt nichts. Andere Menschen mochten nicht verstehen, warum
Onkel Vernon einen solchen Aufstand wegen ein paar überzählier
Briefmarken machte, doch Harry lebte nun lange genug bei den
Dursleys, um zu wissen, wie gereizt sie auf alles reagierten, was auch

nur ein wenig neben der Spur lag. Ihre schlimmste Befürchtung war,
jemand könnte herausfinden, dass sie (wie entfernt auch immer) mit
Leuten wie Mrs Weasley in Verbindung standen.
Onkel Vernen starrte Harry immer noch zornfunkel nd an, während Harry
versuchte eine arglose Miene aufzusetzen. Wenn er jetzt nichts Dummes
tat oder sagte, dann stand ihm vielleicht die tollste Zeit seines Lebens
bevor. Er wartete darauf, dass Onkel Vernon den Mund aufmachte, doch
Onkel Vernon starrte ih n nur unverwandt an. Harry beschloss, die Stille
zu durchbrechen.
»Und – darf ich gehen?«, sagte er.
Ein flüchtiges Zucken huschte über Onkel Vernons breites, purpurnes
Gesicht. Der Schnurrbart stäubte sich. Harry glaubte zu wissen, was
hinter dem Schnurrbart vor sich ging: ein erbitterter Kampf zwischen
zwei der stärksten Antriebe Onkel Vernons. Wenn er Harry erlaubte zu
gehen, würde er ihn glücklich machen, und dagegen hatte Onkel Vernon
sich seit dreizehn Jahren gewehrt. Wenn Harry jedoch für den Rest der
Ferien zu den Weasleys verschwand, war er ihn zwei Wochen früher los,
als er gehofft hatte, und Onkel Vernon konnte es nicht ausstehen, wenn
Harry im Haus war. Offenbar um sich ein wenig Zeit zum Nachdenken
zu verschaffen, betrachtete er noch einmal Mrs Weasleys Brief.
»Wer ist diese Frau?«, fragte er und starrte voller Abscheu auf die
Unterschrift.
»Du hast sie schon mal gesehen«, sagte Harry. »Sie ist die Mutter meines
Freundes Ron, sie hat ihn zu Ferienbeginn vom Hog -, vom Schulzug
abgeholt.«
Fast hätte er »Hogwarts -Express« gesagt und damit Onkel Vernon sicher
zur Weißglut gereizt. Im Haus der Dursleys wurde der Name von Harrys
Schule niemals laut ausgesprochen.
Onkel Vernon verzog sein riesiges Gesicht zu einer Grimasse, als ob er
versuchte sich an etwas sehr Unangenehmes zu erinnern.
»So ein plumper Typ von Frau?«, knurrte er schließlich. »Und 'ne Menge
Kinder mit roten Haaren?«
Harry runzelte die Stirn. Es war schon ein starkes Stück von Onkel
Vernon, jemanden »plump« zu nennen, wo doch sein eigener Sohn
Dudley es endlich geschafft hatte, womit er seit dem Alter von drei
Jahren gedroht hatte, nämlich breiter als lang zu werden. Onkel Vernon

überflog abermals den Brief. »Quidditch«, murmelte er in seinen
Schnurrbart. »Quidditch – was ist das für ein Blödsinn?« Harry spürte
zum zweiten Mal einen Anflug von Ärger. »Das ist eine Sportart«, sagte
er knapp. »Wird auf Besen– « »Schon gut, schon gut!«, rief Onkel
Vernon. Harry sah mit einiger Befriedigun g einen Anflug von Panik auf
Onkel Vernons Gesicht. Offenbar würden seine Nerven dem Klang des
Wortes »Besenstiele« in seinem Wohnzimmer nicht standhalten. Er
flüchtete sich wieder in den Brief. Harry sah, wie seine Lippen die Worte
»Ihre Antwort auf dem ü blichen Wege schicken« formten. Sein Blick
verfinsterte sich. »Was heißt, » auf dem üblichen Wege«?«, fauchte er.
»Üblich für uns«, sagte Harry, und bevor sein Onkel ihn aufhalten
konnte, fügte er hinzu: »Du weißt ja, Eulenpost. Das ist so üblich unter
Zau berern.«
Onkel Vernon sah so empört aus, als hätte Harry gerade ein
abscheuliches Schimpfwort ausgesprochen. Zitternd vor Zorn warf er
einen nervösen Blick durchs Fenster, als fürchtete er, einer der Nachbarn
hätte das Ohr an die Scheibe gedrückt.
»Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du diese Abartigkeit unter
meinem Dach nicht erwähnen sollst?«, zischte er, das Gesicht von der
Farbe einer reifen Pflaume. »Da stehst du, in den Kleidern, die Tante
Petunia und ich in deine undankbaren Hände gelegt haben – «
»Erst nachdem Dudley sie abgetragen hatte«, sagte Harry kühl, und
tatsächlich trug er ein Sweatshirt, bei dem er die Ärmel fünfmal
zurückschlagen musste, um überhaupt seine Hände gebrauchen zu
können, und das ihm bis über die Knie seiner sackbauchigen Jeans
schlotterte.
»So sprichst du nicht mit mir!«, sagte Onkel Vernon bebend vor Wut.
Doch diesmal gab Harry nicht klein bei. Vorbei war die Zeit, da er
gezwungen wurde, jede einzelne der bescheuerten Vorschriften der
Dursleys zu befolgen. Er hielt sich nicht an Dudleys Diät, und er würde
es nicht hinnehmen, dass Onkel Vernon ihm verbot, zur
Quidditch -Weltmeisterschaft zu gehen, jedenfalls nicht, solange er sich
wehren konnte.
Harry holte tief Luft, um sich zu beruhigen, dann sagte er: »Gut, ich darf
nicht zur Weltmeisterschaft. Kann ich jetzt gehen? Ich muss noch
meinen Brief an Sirius fertig schreiben. Du weißt ja – mein Pate.«

Er hatte es getan. Er hatte die magischen Worte ausgesprochen. Nun
beobachtete er, wie das Purpurrot fleckweise aus Onkel Vernons Gesicht
wich, so dass es aussah wie ein schlecht gemischtes Johannisbeereis.
»Du – du schreibst ihm, ja?«, sagte Onkel Vernon mit angestrengt
ruhiger Stimme – doch Harry hatte bemerkt, wie sich die Pupillen seiner
kleinen Augen in jäher Angst zusammenzogen.
» Jaah – sicher«, sagte Harry beiläufig. »Er hat schon lange nichts mehr
von mir gehört, und, nun ja, wenn er ungeduldig wird, könnte er auf
falsche Gedanken kommen.«
Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu genießen. Fast konnte er
die Rädchen hinter Onkel Vernons dichtem, schwarzem, fein säuberlich
gescheiteltem Haar arbeiten sehen. Wenn er Harry davon abhielt, Sirius
zu schreiben, würde Sirius denken, Harry würde schlecht behandelt.
Wenn er Harry verbot, zur Weltmeisterschaft zu gehen, würde Harry
Sir ius davon berichten, und dann wäre Sirius überzeugt, dass Harry
schlecht behandelt wurde. Onkel Vernon konnte nur eines tun. Als wäre
das große Schnurrbartgesicht durchsichtig, sah Harry, wie die
Schlussfolgerung in Onkel Vernons Schädel einrastete. Harry
unterdrückte ein Grinsen und mühte sich, eine Unschuldsmiene
aufzusetzen. Und dann »Na schön, von mir aus. Du kannst zu diesem
blödsinnigen – zu diesem idiotischen – dieser komischen
Weltmeisterschaft gehen. Aber du schreibst diesen – diesen Weasleys,
sie sollen dich abholen. Ich hab keine Zeit, dich in der Gegend
rumzufahren und irgendwo abzuladen. Und du kannst die restlichen
Sommerferien bei denen bleiben. Und du kannst deinem – deinem
Patenonkel ... sag ihm ... sag ihm, dass du gehen darfst.«
»Einverstanden«, sagte Harry strahlend.
Er wandte sich um und ging zur Wohnzimmertür, während er gegen die
Lust ankämpfte, jauchzend in die Luft zu springen. Er durfte fort ... zu
den Weasleys, zur Quidditch -Weltmeisterschaft! Draußen im Flur prallte
er fast mit Dud ley zusammen, der hinter der Tür gelauert hatte, natürlich
in der Hoffnung, belauschen zu können, wie Harry zur Schnecke
gemacht wurde. Erschrocken sah er das breite Grinsen auf Harrys
Gesicht.

»Das war ein tolles Frühstück, findest du nicht?«, sagte Harry. »Ich fühl
mich so richtig satt, du auch?«
Harry lachte über die verdutzte Miene Dudleys, nahm drei Stufen auf
einmal nach oben und stürzte in sein Zimmer.
Als Erstes fiel ihm auf, dass Hedwig zurück war. Sie saß in ihrem Käfig,
starrte Harry mit ihren riesigen Bernsteinaugen an und klapperte mit dem
Schnabel, wie sie es tat, wenn sie sich über etwas ärgerte. Worüber,
wurde ihm im nächsten Moment klar.
»Autsch!«
Etwas wie ein kleiner, grauer, gefiederter Tennisball knallte gegen
Harrys Schläfe. Harry rieb sich wütend den Kopf und sah sich nach dem
Missetäter um. Eine winzige Eule, klein genug, um in eine hohle Hand
zu passen, flatterte aufgeregt im Zimmer umher wie ein angezündeter
Knallfrosch. Erst jetzt bemerkte Harry, dass sie ihm einen Brief vor die
Füße geworfen hatte. Er bückte sich, erkannte Rons Handschrift und riss
den Umschlag auf. Drin war ein hastig bekritzelter Zettel. Harry – DAD
HAT DIE KARTEN – Irland gegen Bulgarien, Montagabend. Mum
schreibt an die Muggel und fragt, ob du zu uns kommen da rfst. Vielleicht
haben sie den Brief schon, ich weiß nicht, wie schnell die Muggelpost
ist. Dachte, ich schick das hier lieber mit Pig. Harry stutzte bei dem Wort
»Pig« und sah zu der kleinen Eule hoch, die um den Lampenschirm
herumschwirrte. Er hatte noch nie etwas gesehen, das weniger
Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte. Vielleicht hatte er Rons Gekritzel
nicht richtig gelesen. Er las weiter. Wir holen dich ab, ob die Muggel
wollen oder nicht, damit du die Weltmeisterschaft nicht versäumst, nur
denken Mum und Dad, es sei besser, wenn wir so tun, als ob wir sie erst
um Erlaubnis fragten. Wenn sie ja sagen, schick Pig sofort mit deiner
Antwort zurück und wir holen dich am Sonntagnachmittag um fünf Uhr
ab. Wenn sie nein sagen, schick Pig sofort zurück und wir holen dich
trotzdem am Sonntagnachmittag um fünf ab. Hermine kommt heute zu
uns. Percy hat angefangen zu arbeiten – in der Abteilung für
Internationale Magische Zusammenarbeit. Sag kein Wort über andere
Länder, solange du hier bist, wenn du dich nicht zu Tode langweilen
willst. Bis bald – Ron »Beruhige dich!«, sagte Harry zu der kleinen Eule,
die jetzt seinen Kopf umkreiste und wie verrückt zwitscherte. Vor Stolz,
vermutete Harry, weil sie den Brief dem Richtigen überbracht hatte.

»Komm her, du musst jetzt meine Antwort zurückbringen!«
Die Eule ließ sich flatternd auf Hedwigs Käfig nieder. Hedwig sah mit
kühlem Blick zu ihr auf, als wollte sie sagen: Komm mir ja nicht näher.
Harry nahm seine Adlerfeder und ein frisches Blatt Pergament zur Hand
und schrieb: Ron, alles in Ordnung, die Muggel sagen, ich darf gehen.
Bis morgen um fünf. Kann es kaum erwarten. Harry Er faltete das Blatt
klitzeklein zusammen und band es mühsam an dem winzigen Bein der
Eule fest, die voll Aufregung hin und her flatterte. Kaum war die
Nachricht sicher befestigt, machte sich die Eule davon. Sie schwirrte aus
dem Fenster und verschwand. Harry wandte sich Hedwig zu. »Fühlst du
dich fit für eine lange Reise?«, fragte er. Hedwig ließ ein vornehmes
Tröten hören.
»Könntest du das hier zu Sir ius bringen?«, sagte er und hob seinen Brief
hoch. »Wart mal ... ich muss ihn nur kurz zu Ende schreiben.«
Er entfaltete das Pergament noch einmal und setzte hastig einen
Nachsatz hinzu. Falls du Verbindung mit mir aufnehmen willst, ich bin
für den Rest de r Ferien bei meinem Freund Ron Weasley. Sein Dad hat
uns Karten für die Quidditch -Weltmeisterschaft besorgt! Den fertigen
Brief band er an Hedwigs Bein; sie hielt ungewöhnlich still, als wäre sie
entschlossen ihm zu zeigen, wie eine echte Posteule sich ben ehmen
sollte. »Ich bin bei Ron, wenn du zurückkommst, ja?«, erklärte ihr Harry.
Sie kniff zutraulich in seinen Finger, spannte dann mit einem leisen
Rascheln ihre mächtigen Flügel und schwebte durchs offene Fenster
davon.
Harry sah ihr nach, bis sie versch wunden war, kroch dann unter sein
Bett, riss das lose Dielenbrett hoch und holte ein großes Stück
Geburtstagskuchen hervor. Auf dem Boden sitzend und essend genoss er
in vollen Zügen das Glücksgefühl, das ihn durchströmte. Er hatte
Kuchen und Dudley hatte nichts als Grapefruit; es war ein strahlender
Sommertag, morgen würde er aus dem Ligusterweg verschwinden, seine
Narbe fühlte sich wieder völlig normal an und er würde die
Quidditch -Weltmeisterschaft sehen. In diesem Moment war es schwer,
sich wegen irgend etwas Sorgen zu machen – und sei es Lord Voldemort.

Zurück zum Fuchsbau


Am nächsten Tag um zwölf hatte Harry seinen Koffer gepackt, mit den
Schulsachen und allem anderen, was er wie seinen Augapfel hütete –
dem Tarnurnhang, den er von seinem Vater geerbt, dem Besen, den ihm
Sirius geschenkt hatte, und der magischen Karte von Hogwarts, die ihm
Fred und George Weasley letztes Jahr überlassen hatten. Er hatte alles,
was noch zu essen übrig war, aus dem Versteck unter dem losen
Dielenbrett geholt, noch einmal alle Ecken und Winkel seines Zimmers
nach vergessenen Zauberbüchern oder Schreibfedern abgesucht und den
Kalender von der Wand genommen, auf dem er immer gerne die Tage
bis zur Rückkehr nach Hogwarts am ersten September durchgestrichen
hatte.
Im Ligusterweg Nummer vier herrschte Hochspannung. Die
bevorstehende Ankunft gleich mehrerer Zauberer machte die Dursleys
reizbar und nervös. Onkel Vernon hätte fast der Schlag getroffen, als er
von Harry erfuhr, dass di e Weasleys am nächsten Nachmittag um fünf
kommen würden.
»Du hast diesen Leuten hoffentlich geschrieben, sie sollen sich anständig
anziehen«, knurrte er. »Ich hab ja gesehen, was für Klamotten dieses
Pack trägt, mit dem du dich abgibst. Die sollten wenigstens so höflich
sein und sich richtig einkleiden, basta.«
Harry schwante Unheil. Er hatte Mr oder Mrs Weasley kaum einmal in
Sachen gesehen, welche die Dursleys als »anständig« bezeichnen
würden. Ihre Kinder mochten während der Ferien Muggelsachen tragen,
d och Mr und Mrs Weasley trugen meist lange Umhänge in mehr oder
weniger zerschlissenem Zustand. Harry scherte sich nicht darum, was die
Nachbarn denken würden, doch er fürchtete, die Dursleys könnten grob
zu den Weasleys sein, wenn sie bei ihnen aufkreuzten wie ihr
Wirklichkeit gewordener Alptraum von einer Zaubererfamilie.
Onkel Vernon trug seinen besten Anzug. Manche hätten dies als eine
schöne Geste verstanden, doch Harry wusste, dass Onkel Vernon nur
Eindruck schinden und die Weasleys einschüchtern wollte. Dudley
hingegen wirkte ein wenig gestutzt. Nicht etwa, weil die Diät endlich
Wirkung gezeigt hätte, sondern weil ihn die Angst umtrieb. Dudley hatte

bei seiner letzten Begegnung mit einem ausgewachsenen Zauberer einen
geringelten Schweineschwanz verpasst bekommen, der aus dem
Hosenboden hervorlugte, und Tante Petunia und Onkel Vernon hatten
ihn für teures Geld in einer Londoner Privatklinik entfernen lassen
müssen. Daher war es nicht sonderlich überraschend, dass Dudley sich
ständig mit der Hand über den Hintern fuhr und an den Wänden entlang
von einem Zimmer ins andere rutschte, um dem Feind ja keine
Zielscheibe zu bieten.
Das Mittagessen war eine recht stumme Angelegenheit. Dudley
protestierte nicht einmal gegen das, was auf den Tisch kam (Hüttenkäse
mi t geraspeltem Sellerie). Tante Petunia aß überhaupt nichts. Sie hatte
die Arme verschränkt und die Lippen geschürzt und schien auf ihrer
Zunge herumzukauen, als ob sie die wilde Schimpfkanonade, die sie
Harry gern entgegenschleudern wollte, mühsam hinunter würgte.
»Sie kommen natürlich mit dem Auto?«, blaffte Onkel Vernon über den
Tisch hinweg. »Hmh«, sagte Harry.
Daran hatte er nicht gedacht. Wie eigentlich wollten die Weasleys ihn
abholen? Ein Auto hatten sie nicht mehr; ihr alter Ford Anglia war
gerade au f Jagd im Verbotenen Wald von Hogwarts. Doch Mr Weasley
hatte sich letztes Jahr einen Wagen des Zaubereiministeriums geliehen;
vielleicht tat er dies auch heute? »Ich glaub schon«, sagte Harry.
Onkel Vernon schnaubte in seinen Schnurrbart. Normalerweise hätte er
gefragt, was für ein Auto Mr Weasley fuhr; andere Männer pflegte er
danach zu beurteilen, wie groß und teuer ihre Autos waren. Doch Harry
bezweifelte, dass Onkel Vernon sich mit Mr Weasley anfreunden könnte,
selbst wenn dieser mit einem Ferrari vorf ahren würde. Harry verbrachte
fast den ganzen Nachmittag in seinem Zimmer; er konnte es nicht mit
ansehen, wie Tante Petunia alle paar Sekunden durch die Stores spähte,
als ob das Radio vor einem entlaufenen Rhinozeros gewarnt hätte. Um
Viertel vor fünf sc hließlich ging Harry nach unten ins Wohnzimmer.
Tante Petunia zupfte zwanghaft die Kissen zurecht. Onkel Vernon gab
vor, die Zeitung zu lesen, doch seine Winzaugen bewegten sich nicht,
und Harry wusste, dass er mit gespitzten Ohren auf das Geräusch eines
ankommenden Autos wartete. Dudley hatte sich in einem Sessel
vergraben, die schweinsfleischigen Hände fest um den Hintern
geschlungen. Harry konnte die Spannung nicht ertragen; er ging hinaus

und setzte sich auf den Treppenabsatz im Flur, den Blick auf die Uhr
gerichtet und das Herz erwartungsvoll und hibbelig pochend.
Doch fünf Uhr kam und ging. Onkel Vernon, der in seinem Anzug leicht
schwitzte, öffnete die Haustür, spähte die Straße hinauf und hinunter und
zog rasch den Kopf wieder herein. »Sie kommen zu spät!«, raunzte er
Harry an.
»Das weiß ich«, sagte Harry. »Vielleicht – ähm – stecken sie im Stau
oder so.«
Zehn nach fünf ... dann Viertel nach fünf ... Harry wurde allmählich
selbst unruhig. Um halb sechs hörte er Onkel Vernon und Tante Petunia
im Wohnzi mmer angespannt tuscheln. »Keinerlei Rücksichtnahme.«
»Wir hätten ja verabredet sein können.«
»Vielleicht glauben sie, wir laden sie zum Abendessen ein, wenn sie zu
spät kommen.«
Harry hörte ihn aufstehen und im Wohnzimmer auf und ab schreiten.
»Sie nehmen den Jungen und verschwinden, keine Zeit für Nettigkeiten.
Wenn sie überhaupt kommen. Haben vermutlich den Tag verwechselt.
Diese Sorte Leute hält natürlich nichts von Pünktlichkeit. Entweder das
oder sie fahren irgendeine Schrottlaube und haben eine P– «
AAAAAARRRRHH!
Harry sprang auf. Durch die Tür drang der Lärm dreier in Panik durchs
Zimmer rasender Dursleys. Und schon kam Dudley mit angsterfülltem
Blick in den Flur gestürzt. »Was ist passiert?«, sagte Harry. »Was ist
denn los?«
Doch Dudley schien es die Sprache verschlagen zu haben. Die Hände
immer noch auf den Hintern gepresst watschelte er, so schnell er konnte,
in die Küche. Harry rannte ins Wohnzimmer.
Lautes Klopfen und Kratzen drang aus dem mit Brettern vernagelten
Kamin der Dursleys, an dessen Fro ntseite sie ein Feuerimitat angebracht
hatten.
»Was ist das denn?«, keuchte Tante Petunia, die mit dem Rücken zur
Wand stand und entsetzt auf den Kamin starrte.
»Autsch! Fred, nein – zurück, zurück, irgendwas stimmt hier nicht – sag
George, er soll nicht – AUTSCH! George, nein, hier ist es zu eng, geh
schnell zurück und sag Ron – «
»Vielleicht kann Harry uns hören, Dad – vielleicht kann er uns hier

rauslassen –«
Jemand hämmerte laut auf die Bretterverschalung hinter dem
elektrischen Feuer.
»Harry? Harry, kan nst du uns hören?«
Die Dursleys schlichen auf Harry zu wie ein Paar hungriger Wölfe.
»Was soll das denn?«, knurrte Onkel Vernon. »Was geht hier vor?«
»Sie haben versucht mit Flohpulver herzukommen«, sagte Harry und
würgte ein Lachen hinunter. »Sie kö nnen per Feuer reisen – aber ihr habt
den Kamin blockiert – einen Moment –«
Er trat auf den Kamin zu und rief durch die Bretter:
»Mr Weasley? Können Sie mich hören?«
Das Klopfen hörte auf. Drinnen im Kamin sagte jemand: »Schhh!«
»Mr Weasley, ich bin's, Har ry ... der Kamin ist zugenagelt. Da können
Sie nicht rauskommen.«
»Verflucht!«, ertönte Mr Weasleys Stimme. »Weshalb, um Himmels
willen, haben die den Kamin vernagelt?«
»Sie haben sich ein elektrisches Kaminfeuer angeschafft«, erklärte
Harry.
»Wirklich?«, sagte Mr Weasley begeistert. »Ecklektisch, sagst du? Mit
einem Stecker? Meine Güte, das muss ich sehen ... lass mich mal
nachdenken ... autsch, Ron!«
Rons Stimme mischte sich nun unter die anderen.
»Was treiben wir hier? Ist was schief gegangen?«
»Wie komm st du denn darauf, Ron«, sagte Fred mit sarkastischem
Unterton. »Nein, genau hier wollten wir hin.«
»Jaah, wir amüsieren uns prächtig«, sagte George, dessen Stimme so
dumpf klang, als wäre sein Gesicht gegen die Mauer gepresst.
»Jungs, Jungs ...«, nuschelt e Mr Weasley. »Ich versuch rauszufmden,
was wir tun könnten ... ja ... da bleibt mir nichts anderes übrig ... Harry,
geh bitte ein paar Schritte zurück.« Harry wich zum Sofa zurück. Onkel
Vernon jedoch trat ein paar Schritte vor.
»Warten Sie einen Augenblick!«, brüllte er in Richtung Kamin. »Was
genau wollen Sie tun – ?« PENG.
Der Bretterverschlag explodierte, das elektrische Feuer flog durchs
Zimmer, und Mr Weasley, Fred, George und Ron wurden in einer Wolke
aus Schutt und Holzspänen aus dem Kamin geschleud ert. Tante Petunia

stieß einen spitzen Schrei aus und fiel rücklings über das
Kaffeetischchen; Onkel Vernon fing sie auf, bevor sie auf dem Boden
aufschlug, und starrte dann mit offenem Mund die Weasleys an, die
allesamt rote Haare hatten, auch Fred und George, die bis auf die letzte
Sommersprosse genau gleich aussahen.
»Schon besser«, keuchte Mr Weasley, klopfte sich den Staub von seinem
langen grünen Umhang und rückte seine Brille zurecht. »Aaah – Sie
müssen Harrys Tante und Onkel sein!«
Groß, schlank und mit schütterem Haar ging er auf Onkel Vernon zu, die
Hand ausgestreckt, doch Onkel Vernon wich ein paar Schritte zurück
und zog Tante Petunia mit sich. Er brachte kein Wort heraus. Sein bester
Anzug war mit weißem Staub bedeckt, und er sah aus, als ob er soeben
um dreißig Jahre gealtert wäre. »Ähm – ja – verzeihen Sie das hier«,
sagte Mr Weasley, ließ die Hand sinken und sah über die Schulter zum
zerfetzten Kamin. »Alles meine Schuld, ich konnte mir einfach nicht
vorstellen, dass wir am anderen Ende nicht rauskommen würden. Ich hab
Ihren Kamin ans Flohnetzwerk angeschlossen, müssen Sie wissen – nur
für einen Nachmittag allerdings, damit wir Harry abholen können.
Muggelkamine sollten eigentlich nicht angeschlossen werden – aber ich
hab einen nützlichen Bekan nten im Flohregulierungsrat, der hat das für
mich gedeichselt. Ich kann die Sache im Nu wieder in Ordnung bringen,
keine Sorge. Ich mache ein Feuer und schick die Jungs zurück,
anschließend repariere ich Ihren Kamin und disappariere selbst.«
Harry hätte wetten können, dass die Dursleys kein einziges Wort davon
verstanden hatten. Wie vom Donner gerührt starrten sie immer noch Mr
Weasley an. Tante Petunia rappelte sich wieder hoch und versteckte sich
hinter Onkel Vernon.
»Hallo, Harry!«, sagte Mr Weasley strahlend. »Deinen Koffer hast du
bereit?«
»Er ist oben«, grinste Harry zurück.
»Wir holen ihn«, warf Fred ein. Harry zuzwinkernd gingen er und
George nach draußen. Sie wussten, wo Harrys Zimmer war, da sie ihn
einst mitten in der Nacht daraus gerettet hatten. Harry hatte den
Verdacht, Fred und George hätten gerne einen Blick auf Dudley
erhascht; Harry hatte eine Menge über ihn erzählt.
»Nun«, sagte Mr Weasley, leicht mit den Armen schwingend und nach

Worten suchend, um die peinliche Stille zu durchbrechen. »Sehr – ähem
– hübsche Wohnung haben Sie hier.« Weil das ansonsten makellose
Wohnzimmer mit Staub und Schutt übersät war, nahmen die Dursleys
dieses Kompliment nicht besonders gut auf. Onkel Vernons Gesicht lief
erneut purpurrot an und Tante Petunia begann wi eder auf ihrer Zunge zu
kauen. Allerdings schienen sie zu verängstigt, um tatsächlich etwas zu
sagen.
Mr Weasley sah sich um. Er hatte einen Narren an allem gefressen, was
die Muggel so besaßen. Harry sah, wie es ihn juckte, den Fernseher und
den Videoreko rder in Augenschein zu nehmen.
»Die laufen mit Eckelzitrität, nicht wahr?«, sagte er mit Kennermiene.
»Ah ja, ich sehe die Stecker. Ich sammle Stecker«, fügte er zu Onkel
Vernon gewandt hinzu. »Und Batterien. Hab eine sehr große Sammlung
Batterien. Meine F rau hält mich für verrückt, aber was soll man
machen.«
Onkel Vernon hielt Mr Weasley offensichtlich ebenfalls für verrückt. Er
glitt kaum wahrnehmbar nach rechts, wobei er Tante Petunia verdeckte,
als glaubte er, Mr Weasley könnte sich plötzlich wie wild auf sie stürzen.
Dudley tauchte plötzlich wieder im Zimmer auf. Das Rumpeln von
Harrys Koffer auf der Treppe hatte ihn offenbar aus der Küche
vertrieben. Er rutschte an der Wand lang, starrte mit angsterfülltem Blick
auf Mr Weasley und versuchte sich hinter seinen Eltern zu verstecken.
Leider war Onkel Vernons Rücken zwar breit genug, um die
knochendürre Tante Petunia zu verdecken, doch für Dudley reichte es
bei weitem nicht.
»Ah, das ist dein Cousin, Harry?«, sagte Mr Weasley in einem erneuten
tapferen Anlauf, Konversation zu machen. »Jep«, sagte Harry, »das ist
Dudley.«
Er und Ron wechselten Blicke und sahen dann rasch woandershin; der
Versuchung, laut loszuprusten, konnten sie nur mit allergrößter Mühe
widerstehen. Dudley umklammerte immer noch seinen Hintern, als hätte
er Angst, er könne ihm abfallen. Mr Weasley jedoch schien wegen
Dudleys eigenartigem Benehmen aufrichtig besorgt. Tatsächlich hörte
Harry aus Mr Weasleys Tonfall heraus, dass er glaubte, Dudley sei
verrückt, genau wie die Dursleys dachten, M r Weasley sei es, allerdings
verspürte Mr Weasley keine Angst, sondern aufrichtiges Mitleid.

»Genießt du die Ferien, Dudley?«, sagte er freundlich.
Dudley wimmerte. Harry sah, wie sich seine Hände noch fester um das
massige Hinterteil klammerten.
Fred und George kamen mit Harrys Schulkoffer im Schlepptau herein.
Sie sahen sich um und erblickten Dudley. Auch an ihrem Grinsen, das
sich nun auf ihren Gesichtern zeigte, waren sie nicht zu unterscheiden.
»Ah, schön«, sagte Mr Weasley. »Wir machen uns jetzt am besten aus
dem Staub.«
Er schob die Ärmel seines Umhangs hoch und zückte den Zauberstab.
Harry sah die Dursleys im Gleichschritt zur Wand zurückweichen.
»Incendio!«, sagte Mr Weasley und richtete den Zauberstab auf das
Sprengloch in der Wand.
Sofort schössen Flammen aus der Feuerstelle und begannen so munter zu
knistern, als ob sie schon seit Stunden geflackert hätten. Mr Weasley
nahm einen kleinen Schnürbeutel aus der Tasche, knüpfte ihn auf, nahm
eine Prise Pulver heraus und warf es in die Flammen, die sich sofort
smaragdgrün färbten und prasselnd in die Höhe schössen. »Und los
geht's, Fred«, sagte Mr Weasley. »Komme«, sagte Fred. »O nein – wart
mal –«
Ein Beutel Süßigkeiten war aus Freds Tasche gefallen und der Inhalt
kullerte über den ganzen Fußboden – große, fette Toffeebohnen in
buntem Einwickelpapier.
Fred rutschte auf den Knien umher und stopfte sie zurück in die Tasche,
dann winkte er den Dursleys fröhlich zum Abschied, ging zum Kamin
und trat mit den Worten »zum Fuchsbau« mitten ins Feuer. Vo n Tante
Petunia kam ein leises, schauderndes Keuchen. Ein Rauschen war zu
hören und Fred verschwand.
»Du bist dran, George«, sagte Mr Weasley, »du und der Koffer.«
Harry half George den Koffer in die Flammen zu tragen und ihn aufrecht
zu stellen, damit er ihn besser halten konnte. Dann, unter abermaligem
Rauschen, rief George »zum Fuchsbau!« und verschwand ebenfalls.
»Ron, du bist dran«, sagte Mr Weasley.
»Bis dann«, sagte Ron strahlend zu den Dursleys. Mit einem breiten
Grinsen für Harry trat er ins Feuer, rief »zum Fuchsbau!« und
verschwand.
Jetzt waren nur noch Harry und Mr Weasley übrig.

»Na dann ... auf Wiedersehen«, sagte Harry zu den Dursleys.
Sie sagten kein Wort. Harry ging aufs Feuer zu, doch gerade als er den
Rand des Kamins erreicht hatte, streck te Mr Weasley die Hand aus und
hielt ihn zurück. Erstaunt sah er die Dursleys an.
»Harry hat Ihnen auf Wiedersehen gesagt«, sagte er. »Haben Sie ihn
nicht gehört?«
»Ist schon gut«, murmelte Harry Mr Weasley zu. »Ehrlich gesagt, mir ist
es egal.«
Doch Mr We asley zog die Hand nicht von Harrys Schulter. »Sie sehen
Ihren Neffen erst nächsten Sommer wieder«, sagte er mild entrüstet zu
Onkel Vernon. »Sicher wollen Sie ihm auf Wiedersehen sagen?«
In Onkel Vernons Gesicht arbeitete es unter Hochdruck. Die
Vorstellu ng, ein Mann, der gerade seine halbe Wohnzimmerwand
gesprengt hatte, bringe ihm Manieren bei, schien ihm heftige Qualen zu
bereiten.
Doch Mr Weasley hatte den Zauberstab immer noch in der Hand und
Onkel Vernons kleine Augen huschten zu ihm hinüber, bevor e r ein
gequältes »Wiedersehen« hervorbrachte.
»Bis dann«, sagte Harry und setzte einen Fuß in die grünen Flammen; sie
fühlten sich angenehm an wie ein warmer Hauch. In diesem Augenblick
jedoch ertönte ein fürchterliches Würgen hinter ihm und Tante Petunia
b egann zu schreien.
Harry wirbelte herum. Dudley stand nicht mehr hinter seinen Eltern. Er
kniete neben dem Kaffeetischchen und würgte und kaute an einem
ellenlangen rötlichen und schleimigen Ding, das ihm aus dem Mund
quoll. Eine verdutzte Sekunde später s ah Harry, dass das ellenlange Ding
Dudleys Zunge war – und dass ein grellbuntes Toffee -Papier vor ihm auf
dem Boden lag.
Tante Petunia warf sich neben Dudley zu Boden, packte die Spitze seiner
geschwollenen Zunge und versuchte sie aus Dudleys Mund zu ziehen;
natürlich schrie und würgte und spuckte Dudley jetzt noch heftiger und
versuchte sie abzuwehren. Onkel Vernon bellte ein paar Worte und
fuchtelte mit den Armen, so dass Mr Weasley laut rufen musste, um sich
Gehör zu verschaffen.
»Keine Sorge, ich kann ihm helfen!«, rief er und ging mit
ausgestrecktem Zauberstab auf Dudley zu, doch Tante Petunia begann

noch lauter zu kreischen und warf sich auf Dudley, um ihn vor Mr
Weasley zu schützen.
»Nein, so was!«, sagte Mr Weasley verzweifelt. »Das lässt sich ganz
einfach erklären – es war die Toffeebohne – mein Sohn Fred – ein
richtiger Scherzbold – aber es ist nur ein Schwellwürgzauber – hoffe ich
wenigstens – bitte, ich bring ihn wieder auf die Beine – «
Doch die Dursleys ließen sich davon keineswegs beruhigen. In
wachsender Panik packte Tante Petunia unter hysterischem Schluchzen
Dudleys Zunge, wie wild entschlossen, sie herauszureißen. Dudley
schien durch das, was seine Mutter und seine Zunge ihm antaten, dem
Ersticken nahe, und Onkel Vernon, der die Fassung völli g verloren hatte,
packte eine Porzellanfigur vom Beistelltisch und schleuderte sie mit aller
Kraft gegen Mr Weasley. Der duckte sich, und das Schmuckstück
zersplitterte in dem Sprengloch, das vom Kamin übrig war.
»Nun aber wirklich!«, sagte Mr Weasley zorn ig und fuchtelte mit seinem
Zauberstab. »Ich will ja nur helfen!«
Wie ein verletztes Nilpferd trompetend packte Onkel Vernon eine
weitere Nippesfigur.
»Harry, geh! Verschwinde!«, rief Mr Weasley, den Zauberstab auf Mr
Dursley gerichtet. »Ich erledige das s chon!«
Harry wollte sich den Spaß eigentlich nicht entgehen lassen, doch Onkel
Vernons zweites Schmuckstück surrte nur knapp an seinem linken Ohr
vorbei, und daraufhin schien es ihm das Beste, die Sache Mr Weasley zu
ü berlassen. Er trat ins Feuer, warf einen Blick über die Schulter und
sagte: »Zum Fuchsbau!«; nur noch verschwommen nahm er wahr, dass
Mr Weasley mit Hilfe des Zauberstabs eine dritte Porzellanfigur aus
Onkel Vernons Hand fliegen ließ, dass Tante Petunia im mer noch
schreiend auf Dudley lag und Dudleys Zunge aus dem Mund hing wie
ein großer schleimiger Python. Doch schon begann Harry sich rasend
schnell um sich selbst zu drehen und das Wohnzimmer der Dursleys
verschwand in den jäh aufzüngelnden Flammen.

Weasleys Zauberhafte Zauberscherze


Harry, die Arme fest an sich gepresst, rotierte so rasend schnell um sich
selbst, dass er nur ab und zu verschwommen einen Kamin vorbeifliegen
sah. Allmählich wurde ihm übel und er schloss die Augen. Endlich
spürte er den Wirbel nachlassen, er streckte die Hände aus und konnte
sich gerade noch festhalten, sonst wäre er vor dem Küchenkamin der
Weasleys auf die Nase geklatscht.
»Hat er angebissen?«, fragte Fred gespannt und reichte Harry die Hand,
um ihm auf die Beine zu helfen.
»Jaah«, sagte Harry und richtete sich auf. »Was war das denn?«
»Würgzungen- Toffee«, strahlte Fred. »Haben George und ich selber
erfunden, und den ganzen Sommer schon suchen wir jemanden, an dem
wir es ausprobieren könnten ...«
In der kleinen Küche brach schallendes Gelächter aus; Harry schaute
sich um und sah Ron und George an dem polierten Holztisch sitzen,
zusammen mit zwei anderen Rothaarigen, die Harry noch nie gesehen
hatte. Doch wusste er sofort, wer sie waren: Bill und Charlie, die beiden
ältesten Weasley -Brüder.
»Wie geht's, Harry?«, sagte der eine, der ihm am nächsten saß, und
streckte seine große Hand aus. Als Harry sie schüttelte, spürte er
Schwielen und Blasen an den Fingern. Das musste Charlie sein, der in
Rumänien lebte und mit Drachen arbeitete. Charlie war ähnlich gebaut
wie die Zwillinge, kleiner und stämmiger als Percy und Ron, die beide
groß und schlaksig waren. Sein gutmütiges Gesicht war breit und
wettergegerbt und die vielen Sommersprossen ließen es noch gebräunter
wirken. Auf einem s einer muskulösen Arme war ein großes,
schimmerndes Brandmal zu sehen.
Auch Bill erhob sich jetzt mit einem Lächeln und schüttelte Harry die
Hand. Harry, der wusste, dass er für die Zaubererbank Gringotts
arbeitete und Schulsprecher in Hogwarts gewesen war, hatte sich Bill
immer als einen älteren Doppelgänger von Percy vorgestellt: peinlich
genau darauf bedacht, die Vorschriften einzuhalten, und mit Genuss
dabei, die anderen herumzukommandieren. Tatsächlich jedoch war Bill –
und es gab kein besseres Wort daf ür – einfach cool. Er war hoch

gewachsen und hatte sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz
zusammengebunden. Er trug einen Ohrring, an dem etwas baumelte, das
aussah wie der Giftzahn einer Schlange. Seine Kleidung hätte gut in ein
Rockkonzert gepasst, nur dass seine Schuhe, wie Harry auffiel, nicht aus
Leder, sondern aus Drachenhaut waren.
Bevor jemand ein weiteres Wort sagen konnte, ertönte ein Plopp und Mr
Weasley erschien wie aus dem Nichts an Georges Seite. Harry hatte ihn
noch nie so zornig erlebt.
»Da s war überhaupt nicht komisch, Fred!«, brüllte er. »Was zum Teufel
hast du dem Muggeljungen gegeben?«
»Ich hab ihm gar nichts gegeben«, sagte Fred mit gemeinem Grinsen.
»Ich hab nur was fallen lassen ... ist doch sein Problem, wenn er es
aufhebt und isst, ich hab ihm jedenfalls nichts angeboten.«
»Du hast es absichtlich fallen lassen!«, polterte Mr Weasley. »Du
wusstest, dass er es aufessen würde, du wusstest, dass er auf Diät war – «
»Und? Wie lang ist seine Zunge denn geworden?«, fragte George
begierig.
»S ie war über einen Meter lang, als die Eltern mir endlich erlaubt haben,
sie schrumpfen zu lassen!« Harry und die Weasleys brachen erneut in
Gelächter aus.
»Das ist nicht lustig!«, rief Mr Weasley. »Solches Verhalten beschädigt
die Zauberer -Muggel -Beziehung en aufs Schwerste! Mein halbes Leben
hab ich gegen die Misshandlung von Muggeln gekämpft und da kommen
meine eigenen Söhne – «
»Wir haben es ihm nicht deshalb gegeben, weil er ein Muggel ist!«, sagte
Fred entrüstet.
»Nein, wir haben es ihm verpasst, weil er ein tyrannisches
Riesenschwein ist«, sagte George. »Stimmt doch, Harry?« »Ja, das
stimmt, Mr Weasley«, sagte Harry ernst.
»Darum geht es hier nicht!«, tobte Mr Weasley. »Wartet nur, bis ich es
eurer Mutter erzähle –«
»Bis du mir was erzählst?«, fragte ein e Stimme hinter ihnen.
Mrs Weasley stand in der Küche. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit
einem sehr freundlichen Gesicht, doch jetzt lag ihre Stirn in
misstrauischen Falten.
»Ach, hallo, Harry, mein Lieber«, sagte sie lächelnd, als sie ihn entdeckt

hatte, dann wandte sie sich sofort mit blitzenden Augen ihrem Mann zu.
»Arthur, erklär mir, was hier los ist.«
Mr Weasley zögerte. Harry spürte, dass er zwar ziemlich wütend auf
Fred und George war, doch Mrs Weasley hatte er eigentlich nichts von
der ganzen Geschichte erzählen wollen. In der eintretenden Stille
musterte Mr Weasley nervös seine Frau. Dann erschienen hinter Mrs
Weasley zwei Mädchen in der Küchentür. Die eine, mit sehr buschigem
braunem Haar und recht großen Vorderzähnen, war Harrys und Rons
be ste Freundin, Hermine Granger. Die andere, klein und rothaarig, war
Rons jüngere Schwester Ginny. Beide lächelten Harry zu, Harry grinste
zurück und Ginny lief scharlachrot an – sie hatte einen Narren an ihm
gefressen, seit er zum ersten Mal den Fuchsbau b esucht hatte.
»Sag mir, was los ist, Arthur«, wiederholte Mrs Weasley mit
bedrohlichem Unterton in der Stimme.
»Ach nichts, Molly«, murmelte Mr Weasley. »Fred und George haben
nur – aber ich hab schon mit ihnen geschimpft – «
» Was haben sie diesmal wieder ausgefressen?«, fragte Mrs Weasley.
»Wenn es irgendwas mit Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen zu tun
hat –«
»Warum zeigst du Harry nicht, wo er schlafen kann, Ron?«, sagte
Hermine von der Tür her.
»Er weiß, wo er schläft«, sagte Ron. »In meinem Zimmer, da hat er auch
letztes Mal – «
»Wir können zusammen hochgehen«, sagte Hermine überdeutlich.
»Oh«, sagte Ron, bei dem der Groschen endlich gefallen war, »gute
Idee.« »Ja, wir kommen auch mit«, sagte George »Ihr bleibt, wo ihr
seid !«, fauchte Mrs Weasley.
Harry und Ron verdrückten sich aus der Küche und machten sich
gemeinsam mit Hermine und Ginny auf den Weg durch den engen Flur
und die klapprige Treppe empor, die im Zickzack durch das ganze Haus
bis hoch zu den Dachkammern führte.
»Was bedeutet Weasleys Zauberhafte Zauberscherze?«, fragte Harry,
während sie die Stufen erklommen. Ron und Ginny lachten, Hermine
jedoch blieb stumm. »Mum hat beim Putzen in Freds und Georges
Zimmer einen Stapel Bestellformulare gefunden«, sagte Ron gedä mpft.
»Ellenlange Preislisten für das Zeug, das sie erfunden haben.

Scherzartikel, du kennst das ja. Falsche Zauberstäbe und Süßigkeiten mit
eingebauter Überraschung, 'ne ganze Menge davon. Einfach genial, ich
hätte nie gedacht, dass sie so erfinderisch sind ...«
»Schon seit langem hören wir es aus ihrem Zimmer ständig knallen«,
sagte Ginny, »aber wir wären nie darauf gekommen, dass sie dieses Zeug
wie am Fließband herstellen. Wir dachten, sie stehen einfach auf Krach.«
»Nur, das meiste davon – na ja, eigen tlich alles – war ein wenig
gefährlich«, sagte Ron, »und dann, musst du wissen, wollten sie es auch
noch in Hogwarts verkaufen. Da ist Mum an die Decke gegangen. Sie
hat ihnen verboten, an den Sachen weiter zu basteln, und hat alle
Bestellformulare verbran nt ... Sie ist ohnehin sauer auf die beiden. Sie
haben nicht so viele ZAGs gekriegt, wie sie erwartet hat.«
ZAGs waren Zauberergrade, die die fünfzehnjährigen Schüler bei den
Prüfungen erwarben.
»Und dann hat es diesen Riesenkrach gegeben«, sagte Ginny, »weil
Mum will, dass die beiden sich im Zaubereiministerium bewerben, wo
Dad arbeitet, aber sie meinten, sie wollten eigentlich nur einen
Scherzartikelladen aufmachen.«
In diesem Moment öffnete sich eine Tür auf dem zweiten Treppenabsatz
und ein sehr genervt aussehendes Gesicht mit Hornbrille lugte hervor.
»Hallo, Percy«, sagte Harry.
»Ach, hallo, Harry«, sagte Percy. »Ich wollte nur wissen, wer so viel
Lärm macht. Ich versuche hier drin zu arbeiten, musst du wissen – ich
muss fürs Büro noch einen Bericht schreiben – und es ist ziemlich
schwer sich zu konzentrieren, wenn ständig Leute die Treppe rauf - und
runterpoltern.«
»Wir poltern nicht«, sagte Ron verärgert. »Wir gehen. Verzeihung, wenn
wir die streng geheime Arbeit des Zaubereiministeriums gestört haben.«
»Woran arbeitest du denn?«, sagte Harry.
»An einem Bericht für die Abteilung Internationale Magische
Zusammenarbeit«, sagte Percy und reckte das Kinn. »Wir versuchen die
Kesseldicken endlich zu vereinheitlichen. Manche von diesen
ausländischen Importkesseln sind doch eine Spur zu dünn – die Tropfrate
steigt jährlich um drei Prozent – «
»Dieser Bericht wird die Welt verändern«, sagte Ron. »Kommt sicher
auf die Titelseite des Tagespropheten, dieses Kesseltropfen.« Percys

Gesicht nahm einen Hauch Rosa an.
»Mac h du nur deine Witze, Ron«, sagte er entrüstet, »aber wenn wir
nicht eine internationale Regelung durchsetzen, wird der Markt eines
Tages womöglich von dünnbödigen Billigprodukten überschwemmt, die
eine ernste Gefahr für – «
»Ja, ja, ist schon gut«, sagte R on und betrat die nächste Treppe. Percy
knallte seine Zimmertür hinter sich zu. Während Harry, Hermine und
Ginny drei weitere Treppen hinter Ron herstiegen, hallten Rufe aus der
Küche zu ihnen hoch. Sie klangen, als hätte Mr Weasley seiner Frau von
den Tof feebohnen erzählt.
Das Zimmer unter dem Dach des Hauses, wo Ron schlief, sah nicht viel
anders aus als bei Harrys letztem Besuch, dieselben Spieler auf den
Postern von Rons Lieblingsteam, den Chudley Cannons, wirbelten und
winkten von den Wänden der schrägen Decke, und das Aquarium auf der
Fensterbank, in dem damals noch Froschlaich gewesen war, beherbergte
nun einen riesigen Frosch. Rons alte Ratte, Krätze, war nicht mehr da,
stattdessen die winzige graue Eule, die Rons Brief zu Harry in den
Ligusterweg geflogen hatte. Sie hüpfte in einem kleinen Käfig auf und
ab und zwitscherte wie verrückt.
»Schnauze, Pig«, sagte Ron und drängte sich zwischen zwei der vier
Betten hindurch, die in das Zimmer gequetscht worden waren. »Fred und
George schlafen auch hier, weil Bill und Charlie ihr Zimmer bekommen
haben«, erklärte er Harry. »Percy behält sein Zimmer für sich alleine,
weil er ja arbeiten muss.« »Ähm – warum nennst du diese Eule Pig?«,
fragte Harry.
»Weil Ron doof ist«, warf Ginny ein. »Sein richtiger Name ist nä mlich
Pigwidgeon.«
»Ja, und das ist überhaupt kein doofer Name«, sagte Ron trocken.
»Ginny hat ihm den Namen gegeben«, erklärte er Harry. »Sie findet ihn
süß. Und ich wollte ihn noch ändern, aber es war zu spät, er hörte auf
überhaupt nichts anderes mehr. Also heißt er jetzt eben Pig. Ich muss ihn
hier oben behalten, weil er Errol und Hermes ständig ärgert. Mich
übrigens auch, kann ich dir sagen.«
Pigwidgeon flatterte glücklich in seinem Käfig umher und schrie schrill.
Harry kannte Ron gut genug, um ihn nic ht ernst zu nehmen. Über seine
alte Ratte Krätze hatte er sich ständig beklagt, doch als Hermines Kater,

Krummbein, ihn vermeintlich gefressen hatte, war er untröstlich
gewesen. »Wo ist Krummbein?«, fragte Harry nun Hermine.
»Draußen im Garten, glaub ich«, sagte sie. »Er hat noch nie einen
Gnomen gesehen und jagt sie wie die Mäuse.«
»Percy gefällt die Arbeit, nicht wahr?«, sagte Harry, setzte sich auf eins
der Betten und sah den Chudley Cannons zu, wie sie auf den Postern an
der Decke erschienen und wieder davonsausten.
»Gefallen?«, sagte Ron mit verdüsterter Miene. »Ich glaube, er würde
gar nicht mehr nach Hause kommen, wenn Dad es nicht verlangen
würde. Er ist wie besessen. Frag ihn ja nicht nach seinem Chef. » Mr
Crouch sagt dieses, Mr Crouch sagt jenes . .. wie ich immer zu Mr
Crouch sage ... Mr Crouch ist der Meinung ... Mr Crouch hat mich
beauftragt ...« Bald geben sie noch ihre Verlobung bekannt.«
»Hast du einen schönen Sommer verbracht, Harry?«, fragte Hermine.
»Und sind die Fresspakete auch angekommen ?«
»Ja, vielen Dank«, sagte Harry. »Diese Kuchen haben mir das Leben
gerettet.«
»Und hast du was von – ?«, setzte Ron an, doch Hermines Blick ließ ihn
verstummen. Harry wusste, dass er nach Sirius fragen wollte. Ron und
Hermine hatten bei Sirius' Flucht tatkräftig mitgeholfen und waren jetzt
beinahe ebenso um seinen Paten besorgt wie er. Allerdings war es nicht
gut, wenn Ginny alles hörte. Keiner außer ihnen und Professor
Dumbledore wusste, wie Sirius entkommen war, und keiner glaubte an
seine Unschuld.
»Sie haben aufgehört zu streiten«, sagte Hermine, um den peinlichen
Moment zu überbrücken, denn Ginnys Blick wanderte neugierig von
Ron zu Harry. »Sollen wir runtergehen und deiner Mum mit dem
Abendessen he lfen?«
»Ja, von mir aus«, sagte Ron. Alle vier verließen Rons Zimmer und
stiegen nach unten in die Küche, wo sie Mrs Weasley allein und äußerst
schlecht gelaunt vorfanden.
»Wir essen draußen im Garten«, sagte sie, als die vier eintraten. »Hier
drin haben w ir einfach keinen Platz für elf Leute. Könntet ihr die Teller
raustragen, Mädchen? Bill und Charlie decken die Tische. Ihr beide
nehmt bitte Messer und Gabeln«, sagte sie zu Ron und Harry und
richtete ihren Zauberstab unversehens ein wenig zu energisch auf einen

Haufen Kartoffeln im Waschbecken, die daraufhin so schnell aus ihren
Pellen flutschten, dass sie gegen Wände und Decke klatschten. »Ach, um
Himmels willen«, seufzte sie und richtete ihren Zauberstab jetzt auf eine
Kehrschaufel, die von der Wand hüpfte, über den Boden tänzelte und die
Kartoffeln aufschaufelte. »Diese beiden!«, stieß sie zornig hervor,
während sie Töpfe und Pfannen aus dem Schrank holte, und Harry war
klar, dass sie Fred und George meinte. »Ich weiß nicht, was aus denen
mal werden soll, ehrlich gesagt. Keinen Ehrgeiz, wollen anderen nur
möglichst viel Ärger bereiten ...«
Sie ließ einen großen Kupfertopf auf den Küchentisch knallen und
begann mit dem Zauberstab darin herumzurühren, bis sich eine cremige
Sauce aus der Spitze in den Topf ergoss.
»Es ist ja nicht so, dass sie keinen Grips hätten«, fuhr sie gereizt fort,
trug den Topf hinüber zum Herd und entzündete diesen mit einem
Stupser ihres Zauberstabs. »Sie verschwenden ihn einfach, und wenn sie
sich nicht bald zusammenreißen, kriegen sie wirklich Probleme.
Hogwarts hat mir mehr Eulen ihretwegen geschickt als wegen aller
anderen zusammen. Wenn sie so weitermachen, landen sie noch vor dem
Ausschuss gegen den Missbrauch der Magie.«
Mrs Weasley tippte mit dem Zauberstab gegen die Besteckschublade, die
prompt aufsprang. Ein paar Messer flogen heraus, so dass Harry und Ron
sich rasch ducken mussten, surrten quer durch die Küche und begannen
die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, die die Kehrschaufel soeben
wieder ins Waschbecken befördert h atte.
»Ich weiß nicht, was wir bei den beiden falsch gemacht haben«, sagte
Mrs Weasley, legte ihren Zauberstab beiseite und begann noch mehr
Töpfe hervorzukramen. »Das geht nun schon seit Jahren so, immer
wieder was Neues, und sie wollen einfach nicht zuhö ren – o nein, nicht
schon wieder!«
Sie hatte ihren Zauberstab vom Tisch genommen und er hatte sich unter
lautem Quieken in eine riesige Gummimaus verwandelt.
»Schon wieder einer von ihren falschen Zauberstäben!«, rief sie. »Wie
oft hab ich den beiden schon gesagt, sie sollen sie nicht herumliegen
lassen!«
Sie griff nach ihrem richtigen Zauberstab, drehte sich um und musste
feststellen, dass die Sauce auf dem Herd zu kokeln begonnen hatte.

»Komm mit«, sagte Ron hastig zu Harry und kramte eine Hand voll
Besteck aus der Schublade, »wir gehen nach draußen und helfen Bill und
Charlie.«
Sie ließen Mrs Weasley allein und gingen durch die Hintertür hinaus auf
den Hof.
Sie waren nur ein paar Schritte gegangen, als Hermines säbelbeiniger
rötlicher Kater Krummbein aus dem Garten gesaust kam, den Schwanz
wie eine Flaschenbürste schnurgerade in die Luft gestreckt, auf der Jagd
nach etwas, das aussah wie eine erdige Kartoffel auf Beinen. Das kaum
armlange Wesen ließ seine verhornten kleinen Füße eifrig tapsen,
hoppelte que r über den Hof und stürzte sich kopfüber in einen der
Gummistiefel, die an der Tür lagen. Harry konnte den Gnomen wie irre
giggeln hören, während Krummbein eine Pfote in den Stiefel steckte und
nach ihm aushieb. Unterdessen begann es von der anderen Seite des
Hauses her laut zu lärmen. Was den Krach verursachte, erkannten sie
erst, als sie in den Garten kamen und sahen, dass Bill und Charlie mit
gezückten Zauberstäben zwei arg ramponierte alte Tische hoch über dem
Rasen fliegen und gegeneinander knallen ließen, um den des Gegners
zum Absturz zu bringen. Fred und George feuerten sie an; Ginny lachte
und Hermine stand an der Ecke und trat von einem Bein aufs andere,
offenbar hin- und hergerissen zwischen Vergnügen und schlechtem
Gewissen.
Bills Tisch knallte laut gegen den Charlies und schlug ihm ein Bein weg.
Oben am Haus klapperte etwas und sie sahen, wie Percy aus einem
Fenster im zweiten Stock lugte. »Hört auf damit!«, bellte er.
»Verzeihung, Perce«, sagte Bill grinsend. »Wie steht's mit den
Kesselböden?«
» Ganz übel«, sagte Percy verdrießlich und schlug das Fenster zu. Bill
und Charlie ließen die Tische im sicheren Gleitflug auf dem Gras landen,
dann fügte Bill mit einem Schnippen des Zauberstabs das fehlende Bein
wieder an und deckte die Tische von Zauberhand.
Um sieben Uhr ächzten die Tische unter der Last von Töpfen und
Tellern, die gefüllt waren mit Mrs Weasleys herrlichen Gerichten, und
die neun Weasleys, Harry und Hermine setzten sich und begannen unter
dem klaren, tiefblauen Himmel zu essen. Für jemand en, der sich den
ganzen Sommer von zunehmend muffiger werdendem Kuchen ernährt

hatte, war dies das Paradies, und Harry hörte anfangs lieber zu als zu
reden, da er sich an Hühnchen-und-Schin -kenPastete, Salzkartoffeln und
Salat gütlich tat.
Am anderen Ende des Tisches erzählte Percy seinem Vater alles über
seinen Kesselboden -Bericht.
»Ich hab Mr Crouch gesagt, am Dienstag bin ich fertig«, erklärte Percy
mit Nachdruck. »Das ist ein wenig früher, als er erwartet hat, aber ich
bin eben immer eine Nasenlänge vor aus. Ich glaube, er wird mir dankbar
sein, dass ich es in so kurzer Zeit geschafft habe. Immerhin ist bei uns in
der Abteilung gerade die Hölle los, bei den ganzen Vorbereitungen für
die Weltmeisterschaft. Wir bekommen einfach nicht die notwendige
Unterstü tzung von der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten.
Ludo Bagman – «
»Ich mag Ludo«, sagte Mr Weasley sachte. »Er hat uns nämlich die
guten Plätze für das Endspiel besorgt. Hab ihm einen kleinen Gefallen
getan: sein Bruder, Otto, hatte sich ein klein es Problem eingehandelt –
einen Rasenmäher mit übernatürlichen Kräften – und ich hab die Sache
gerade gebogen.«
»Oh, Bagman, ganz nett, natürlich«, sagte Percy geringschätzig, »aber
wie er jemals Abteilungsleiter werden konnte ... wenn ich ihn mit Mr
Crouc h vergleiche! Ich kann mir bei Mr Crouch einfach nicht vorstellen,
dass er einen Mitarbeiter seiner Abteilung verliert und nicht versucht
herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ist dir klar, dass Bertha Jorkins
jetzt schon seit über einem Monat vermisst wird? Die Frau, die nach
Albanien in den Urlaub fuhr und nicht zurückkam?«
»Ja, ich hab Ludo nach ihr gefragt«, sagte Mr. Weasley stirnrunzelnd.
»Er meint, Bertha sei schon öfter vermisst worden – obwohl ich zugeben
muss, wenn es jemand aus meiner Abteilu ng wäre, würde ich mir Sorgen
machen ...«
»Bertha ist ein hoffnungsloser Fall, gewiss«, sagte Percy. »Wie ich höre,
wurde sie seit Jahren von Abteilung zu Abteilung geschoben und richtete
mehr Schaden als Nutzen an ... und trotzdem, Bagman sollte versuchen
sie zu finden. Mr Crouch interessiert sich persönlich dafür – sie hat
früher bei uns gearbeitet, weißt du, und ich glaube, Mr Crouch war ganz
angetan von ihr – aber Bagman lacht immer nur und sagt, sie hätte
wahrscheinlich die Landkarte falsch gelesen und sei in Australien statt in

Albanien gelandet. Allerdings«, Percy ließ einen gewichtigen Seufzer
hören und nahm einen ausgiebigen Schluck vom Holunderblütenwein,
»wir haben in der Abteilung für Internationale Magische
Zusammenarbeit genug am Hals und können nicht auch noch Leute aus
anderen Abteilungen suchen. Du weißt ja, nach der Weltmeisterschaft
müssen wir ein weiteres Großereignis organisieren.«
Er räusperte sich viel sagend und blickte hinüber zum anderen Ende des
Tisches, wo Harry, Ron und Hermine saßen. »Du weißt schon, wovon
ich rede, Vater.« Er hob leicht die Stimme. »Diese
Topsecret- Geschichte.«
Ron rollte mit den Augen und murmelte zu Harry und Hermine gewandt:
»Seit er angefangen hat zu arbeiten, will er uns dazu bringen zu fragen,
was das für ein Ereignis ist. Wahrscheinlich eine Ausstellung für
dickwandige Kessel.«
In der Mitte der Tafel stritt Mrs Weasley mit Bill über seinen Ohrring,
den er offenbar erst seit kurzem trug.
»... mit einem fü rchterlichen Riesenzahn dran, wirklich, Bill, was sagen
sie in der Bank?«
»Mum, keiner in der Bank schert sich einen Pfifferling darum, wie ich
mich anziehe, solange ich genug Schätze reinbringe«, sagte Bill
geduldig.
»Und dein Haar sieht allmählich aus, m ein Lieber«, sagte Mrs Weasley
und befingerte liebevoll ihren Zauberstab. »Ich wünschte, du würdest
mich mal kurz da ranlassen ...«
»Mir gefällt es so«, sagte Ginny, die neben Bill saß. »Du bist so
altmodisch, Mum. Außerdem ist es nicht halb so lang wie das von
Professor Dumbledore ...«
Neben Mrs Weasley unterhielten sich Fred, George und Charlie angeregt
über die Weltmeisterschaft.
»Ich tippe auf Irland«, mampfte Charlie mit einem Mund voll Kartoffeln.
»Die haben Peru im Halbfinale platt gemacht.« »Aber Bu lgarien hat
Viktor Krum«, sagte Fred.
»Krum ist gerade mal ein brauchbarer Spieler, Irland hat sieben«, sagte
Charlie schroff. »Wär schön gewesen, wenn England es geschafft hätte.
Aber das war peinlich, wirklich sehr peinlich.« »Was war denn?«, fragte
Harr y wissbegierig und ärgerte sich mehr denn je, dass er nichts von der

Zaubererwelt erfuhr, solange er im Ligusterweg steckte. Harry war ein
leidenschaftlicher Quidditch-Spieler. Seit seinem ersten Jahr in Hogwarts
machte er den Sucher für das Team seines Hauses, Gryffindor, und er
besaß einen der besten Rennbesen der Welt, einen Feuerblitz.
»Sind gegen Transsilvanien untergegangen, dreihundertneunzig zu
zehn«, sagte Charlie trübselig. »War grausam mit anzusehen. Und Wales
hat gegen Uganda verloren, und Luxem burg hat Schottland
abgeschlachtet.«
Mr Weasley beschwor Kerzen herauf, denn im Garten wurde es
allmählich dunkel. Es gab Nachtisch (selbst gemachtes Erdbeereis), und
als sie aufgegessen hatten, flatterten Motten tief über den Tisch und der
Duft von Gräser n und Geißblatt erfüllte die warme Luft. Harry sah ein
paar Gnomen nach, die mit irrem Lachen durch die Rosenbüsche rasten,
dicht gefolgt von Krummbein, und fühlte sich so richtig satt und
zufrieden mit der Welt.
Ron ließ den Blick über den Tisch schweifen , um sicherzugehen, dass
die anderen sich alle eifrig unterhielten, dann sagte er sehr leise zu
Harry: »Wie steht's – hast du in letzter Zeit was von Sirius gehört?«
Hermine wandte den Kopf und hörte gespannt zu.
»Jaah«, sagte Harry gedämpft, »zweimal. Er hört sich gut an. Ich hab
ihm vorgestern geschrieben. Vielleicht antwortet er noch, während ich
hier bin.«
Plötzlich fiel ihm wieder ein, aus welchem Grund er an Sirius
geschrieben hatte, und einen Moment lang wollte er Ron und Hermine
erzählen, dass seine Narbe wieder schmerzte, und von dem Traum
berichten, der ihn aufgeweckt hatte ... doch im Grunde wollte er sie jetzt
nicht beunruhigen, nicht wenn er selbst sich so glücklich und zufrieden
fühlte.
»Schon so spät!«, sagte Mrs Weasley plötzlich mit einem Blick auf ihre
Armbanduhr. »Ihr solltet schon längst im Bett sein, die ganze Bande, ihr
müsst morgen in aller Frühe aufstehen, damit ihr zum Endspiel kommt.
Harry, wenn du mir die Liste mit deinen Schulsachen rauslegst, besorge
ich sie dir morgen in der Wink elgasse, ich muss sowieso hin. Nach der
Weltmeisterschaft ist vielleicht keine Zeit mehr, das letzte Mal hat das
Endspiel fünf Tage gedauert.«
»Uff – diesmal hoffentlich auch!«, sagte Harry ganz begeistert.

»Nun, ich persönlich kann darauf verzichten«, sagte Percy scheinheilig.
»Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie mein Eingangskorb
aussähe, wenn ich fünf Tage nicht ins Büro ginge.«
»Ja, vielleicht würde wieder jemand Drachenmist reinwerfen, Perce?«,
sagte Fred.
»Das war eine Düngerprobe aus Norwegen!« , sagte Percy und lief
puterrot an. »Nichts Persönliches!«
»War es doch«, flüsterte Fred Harry zu, als sie sich erhoben. »Wir haben
sie geschickt.«

Der Portschlüssel


Harry schien es, als hätte er sich kaum schlafen gelegt, da kam auch
schon Mrs Weasley in Rons Zimmer und rüttelte ihn wach.
»Zeit, aufzustehen, mein lieber Harry«, flüsterte sie und ging weiter, um
Ron zu wecken.
Harry tastete nach seiner Brille, setzte sie auf und sah sich um. Draußen
war es noch dunkel. Ron, den seine Mutter ge rade geweckt hatte,
murmelte unverständliche Worte. Am Fußende seines Bettes sah Harry
zwei große, zerzauste Gestalten aus einem Gewirr von Laken
auftauchen.
»Sch -schon Sseit?«, sagte Fred mit verschlafener Stimme.
Zu müde, um viele Worte zu wechseln, zogen sie sich rasch an und
stiegen unter Gähnen und Ächzen hinunter in die Küche.
Mrs Weasley stand am Herd und rührte in einem großen Topf, Mr
Weasley saß am Tisch und blätterte einen Stapel großer Pergamentkarten
durch. Er sah auf, als die Jungen eintraten, und breitete die Arme aus,
damit sie seine Kleidung begutachten konnten. Er trug so etwas wie
einen Pullunder und eine steinalte Jeans, die, ein wenig zu groß für ihn,
mit einem breiten Ledergürtel festgeschnürt war.
»Was haltet ihr davon?«, fragte er erwartungsvoll. »Wir sollen doch
inkognito reisen – sehe ich aus wie ein Muggel, Harry?«
»Hmmh«, grinste Harry, »sehr gut.«
»Wo sind denn Bill und Charlie und Per -Per -Percy?«, sagte George und
konnte ein abgrundtiefes Gähnen nicht unterdrücken.
»Ach ja, die wollen apparieren«, sagte Mrs Weasley, wuchtete den
großen Topf auf den Tisch und schöpfte Haferbrei in die Schalen. »So
können sie noch ein wenig ausschlafen.«
Harry wusste, dass Apparieren sehr schwierig war; es bedeutete, von
einem Ort zu verschwinden und fast sofort an anderer Stelle wieder
aufzutauchen.
»Die pennen also noch?«, grummelte Fred und zog eine Haferbreischale
zu sich her. »Warum können wir nicht auch apparieren?«
»Weil ihr noch nicht alt genug seid und die Prüfung noch nicht abgelegt
habt«, fauchte Mrs Weasley. »Und wo sind eigentlich die Mädchen?«

Sie ging hinaus und die anderen hörten, wie sie die Treppe hochstieg.
»Fürs Apparieren ist eine Prüfung nötig?«, fragte Harry.
»O ja«, sagte Mr Weasley und steckte die Karten sorgfältig in die hintere
Tasche seiner Jeans. »Die Abteilung für Magischen Personenverkehr
musste vor kurzem einem Pärchen Bußgeld aufbrummen, weil die beiden
ohne Erlaubnis appariert sind. Apparieren ist nicht einfach, und wenn
man es nicht richtig macht, kann es üble Folgen haben. Das besagte
Pärchen hat es doch tatsächlich geschafft, sich zu zersplintern.«
Alle am Tisch außer Harry zuckten zusammen.
»Ähm – zersplintern?«, sagte Harry.
»Sie haben je die Hälfte von sich zurückgelassen«, sagte Mr Weasley,
während er Unmengen Sirup über seinen Haferbrei kippte. »Da saßen sie
natürlich ganz schön in der Klemme. Konnten weder vor noch zurück.
Sie mussten auf das Magische Unfallumkehr -Kommando warten, das sie
dann rausgeholt hat. Hieß 'ne Menge Papierkram für mich, kann ich euch
sag en, wegen all der Muggel, die über ihre zurückgelassenen Körperteile
gestolpert sind ...«
Harry überkam die jähe Vorstellung von zwei Beinen und einem
Augapfel, die auf dem Bürgersteig des Ligusterwegs herumlagen.
»Haben sie es überstanden?«, fragte er bes türzt.
»O ja«, sagte Mr Weasley gelassen. »Aber 'ne saftige Geldbuße hat es
gesetzt, und ich glaube nicht, dass sie es so schnell wieder versuchen.
Mit dem Apparieren ist nicht zu spaßen. Es gibt genug erwachsene
Zauberer, die dankend darauf verzichten. Nehmen lieber einen Besen –
langsamer, aber sicherer.« »Aber Bill und Charlie und Percy beherrschen
es?«
»Charlie musste die Prüfung zweimal machen«, sagte Fred grinsend.
»Das erste Mal ist er durchgefallen. Appa- rierte acht Kilometer weiter
südlich, als er eigentlich wollte, direkt auf dem Kopf von so 'ner armen
Oma, die gerade beim Einkaufen war, wisst ihr noch?«
»Tja nun, beim zweiten Mal hat er es jedenfalls geschafft«, sagte Mrs
Weasley, die unter herzhaftem Gekicher zurück in die Küche kam.
»Percy hat s eine Prüfung erst vor zwei Monaten bestanden«, sagte
George. »Seither appariert er jeden Morgen nach hier unten, nur um zu
beweisen, dass er es beherrscht.«
Vom Flur her waren Schritte zu hören und Hermine und Ginny kamen in

die Küche. Sie sahen blass und verschlafen aus.
»Warum müssen wir so früh aufstehen?«, sagte Ginny, rieb sich die
Augen und setzte sich an den Tisch.
»Wir haben einen kleinen Fußmarsch vor uns«, sagte Mr Weasley.
»Fußmarsch?«, sagte Harry. »Wie bitte, gehen wir etwa zu Fuß zur
Weltmeisterschaft?«
»Nein, nein, das ist zu weit weg«, sagte Mr Weasley lächelnd. »Wir
müssen nur ein kurzes Stück zu Fuß gehen. Es ist nämlich sehr
schwierig, eine große Zahl von Zauberern an einem Ort zu versammeln,
ohne dass es den Muggeln auffällt. Wir müssen o hnehin immer
vorsichtig sein, und bei einem Riesenereignis wie der
Quidditch -Weltmeisterschaft –«
»George!«, sagte Mrs Weasley scharf, und alle schraken zusammen.
»Was ist?«, sagte George in einem Unschuldston, der keinen täuschte.
»Was hast du da in der T asche?« »Nichts!« »Lüg nicht!«
Mrs Weasley richtete den Zauberstab auf Georges Tasche und sagte
»Accio!«.
Mehrere kleine, bunte Gegenstände schössen daraus hervor; George
versuchte sie einzufangen, sie entwischten ihm jedoch und flogen
geradewegs in die au sgestreckte Hand seiner Mutter.
»Wir haben euch doch gesagt, ihr sollt sie unschädlich machen!«, rief
Mrs Weasley zornig und hielt offenbar einige weitere
Würgzungen- Toffees hoch. »Schafft das Zeug fort, haben wir gesagt!
Leert eure Taschen, aber dalli, und zwar beide!«
Es war peinlich mit anzusehen; die Zwillinge hatten offenbar
beabsichtigt, möglichst viele Toffeebohnen aus dem Haus zu
schmuggeln, und erst mit Hilfe ihres Sammelzaubers schaffte es Mrs
Weasley, aller habhaft zu werden.
»Accio! Accio! Accio!«, rief sie, und die Toffeebohnen flogen von
überall her auf sie zu, etwa aus dem Futter von Freds Sakko und aus den
Aufschlägen von Georges Jeans. »Wir haben ein halbes Jahr gebraucht,
um sie zu entwiekeln!«, schrie Fred seine Mutter an, als sie die Toffees
wegwarf.
»Ach, ist ja 'ne tolle Art, ein halbes Jahr zu verbringen!«, kreischte sie.
»Kein Wunder, dass ihr nicht mehr ZAGs geschafft habt!«
Alles in allem herrschte bei ihrem Aufbruch keine besonders fröhliche

Stimmung. Mrs Weasley schaute immer noch finster, als sie ihren Gatten
auf die Wange küsste, wenn auch längst nicht so finster wie die
Zwillinge, die ihre Rucksäcke schulterten und ohne ein Abschiedswort
für sie hinausgingen.
»Dann viel Vergnügen«, sagte Mrs Weasley, »und benehmt euch«, rief
sie den Zwillingen nach, die ihr jedoch stur den Rücken kehrten. »Ich
schicke Bill, Charlie und Percy gegen Mittag nach«, sagte Mrs Weasley
an ihren Mann gewandt, dann gingen er, Harry, Ron, Hermine und
Ginny hinaus und folgten Fred und George übe r den Hof.
Es war recht kühl und der Mond stand noch am Himmel. Nur ein
grünlicher Schleier am östlichen Horizont kündigte den kommenden Tag
an. Harry dachte an die Tausende von Zauberern, die alle zur
Quidditch -Weltmeisterschaft kommen wollten, und beschleunigte seine
Schritte, bis er Mr Weasley eingeholt hatte.
»Wie schaffen sie es eigentlich alle, dorthin zu kommen, ohne dass die
Muggel es merken?«, fragte er.
»Das war ein gewaltiger Organisationsaufwand«, seufzte Mr Weasley.
»Das Problem ist, dass etwa hunderttausend Zauberer zur
Quidditch -Weltmeisterschaft kommen und wir einfach kein magisches
Gelände haben, das groß genug wäre, um sie alle aufzunehmen. Es gibt
Orte, zu denen die Muggel nicht vordringen können, doch stell dir vor,
du versuchst hundertta usend Zauberer in der Winkelgasse oder auf dem
Bahnsteig neundreiviertel unterzubringen. Deshalb mussten wir ein
hübsches, einsames Moor ausfindig machen und möglichst viel
Muggelabwehr einrichten. Das ganze Ministerium war monatelang damit
beschäftigt. Zu nächst mal müssen wir natürlich die Ankunft staffeln.
Leute mit billigeren Karten müssen zwei Wochen vor der Zeit kommen.
Einige von ihnen kommen mit den Verkehrsmitteln der Muggel, doch
allzu viele dürfen natürlich auch nicht ihre Busse und Züge verstopfen –
vergiss nicht, dass Zauberer aus der ganzen Welt kommen. Manche
apparieren natürlich, aber wir müssen sichere Plätze einrichten, wo sie
fern von den Muggeln auftauchen können. Ich glaube, sie haben einen
geeigneten Wald gefunden, den sie als Appara- tionsplatz nutzen. Für
alle, die nicht apparieren wollen oder können, verwenden wir
Portschlüssel. Das sind Gegenstände, mit denen man Zauberer zu einem
vereinbarten Zeitpunkt von einem Punkt zum anderen bringen kann.

Wenn nötig, auch große Gruppen. Hundert Portschlüssel wurden an
günstig gelegenen Orten in ganz Großbritannien abgelegt, und der für
uns nächste liegt oben auf einem Hügel, dem Wieselkopf, und dort gehen
wir jetzt hin.«
Mr Weasley deutete in die Ferne, wo sich eine große schwarze Masse
über dem D orf Ottery St. Catchpole erhob. »Was ist das, ein
Portschlüssel?«, fragte Harry wissbegierig.
»Nun, das kann alles Mögliche sein«, sagte Mr Weasley. »Unscheinbare
Dinge natürlich, so dass die Muggel sie nicht einfach aufheben und mit
ihnen spielen ... Sach en, die sie für bloßen Abfall halten ...«
Sie stapften den dunklen, feuchten Weg zum Dorf entlang und nur ihre
Schritte störten die Stille. Während sie durch das Dorf gingen, erhellte
sich der schwarze Himmel allmählich und nahm ein dunkles Blau an.
Harrys Hände und Füße waren eiskalt. Mr Weasley blickte immer wieder
auf die Uhr.
Keuchend und ohne viele Worte stiegen sie den Wieselkopf hoch,
stolperten hin und wieder in ein verstecktes Kaninchenloch oder
rutschten auf dicken schwarzen Grashöckern aus. Jeder Atemzug brannte
Harry in der Brust, und seine Beine wollten gerade einknicken, als er
endlich ein ebenes Stück Erde betrat.
»Puuuhhh«, schnaufte Mr Weasley, nahm die Brille ab und wischte die
Gläser an seinem Pullunder trocken. »Immerhin, wir liegen gut in der
Zeit – wir haben noch zehn Minuten ...«
Hermine kam als Letzte über den Hügelkamm, die Hände mit
schmerzverzerrter Miene in die Seite gepresst.
»Jetzt fehlt uns nur noch der Portschlüssel«, sagte Mr Weasley, setzte die
Brille wieder auf und ließ den Blick suchend über die Erde schweifen.
»Er wird nicht groß sein ... ihr könnt mir helfen ...«
Sie verteilten sich über der Hügelkuppe, hatten jedoch erst ein paar
Minuten gesucht, als ein Ruf die Stille durchbrach. »Hier, Arthur!
Hierher, alter Junge, wir haben ihn!«
»Amos!«, sagte Mr Weasley, und ein Lächeln breitete sich auf seinem
Gesicht aus. Rasch schritt er hinüber zu dem Mann, der gerufen hatte.
Die anderen folgten ihm.
Mr Weasley schüttelte die Hand eines Zauberers mit wettergegerbtem
Gesicht und br aunem Stoppelhaar, der einen verschimmelten alten

Stiefel in der anderen Hand hielt.
»Darf ich vorstellen, Amos Diggory«, sagte Mr Weasley. »Arbeitet in
der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. Und ich
glaube, ihr kennt seinen Sohn Cedri c?«
Cedric Diggory war ein außergewöhnlich hübscher Junge um die
siebzehn Jahre. Er war Kapitän und Sucher des Quidditch -Teams der
Hufflepuffs in Hogwarts. »Hallo«, sagte Cedric und blickte in die Runde.
Alle antworteten »Hallo«, außer Fred und George, die nur nickten. Sie
hatten Cedric nie ganz verziehen, dass er ihr Gryffindor -Team im ersten
Quidditch -Spiel des letzten Jahres geschlagen hatte. »War 'n langer
Fußmarsch, Arthur?«, fragte Cedrics Vater.
»Nicht allzu schlimm«, sagte Mr Weasley. »Wir wohnen nicht weit von
hier, auf der anderen Seite des Dorfes dort unten. Und ihr?«
»Wir mussten um zwei aufstehen, nicht wahr, Ced? Ich kann dir sagen,
ich bin froh, wenn er seine Prüfung im Apparieren hinter sich hat. Na ja
... ich will mich nicht beklagen ... die Quidditch -Weltmeisterschaft, die
würd ich nicht für einen Sack voll Galleonen verpassen wollen – und die
Karten kosten ungefähr so viel. Dabei bin ich noch günstig
weggekommen ...« Amos Diggory wandte sich mit wohlwollendem
Blick den drei Weasley -Jungen, Harry, Hermine und Ginny zu. »Alle
von dir, Arthur?«
»O nein, nur die Rotschöpfe«, sagte Mr Weasley und deutete auf seine
Kinder. »Das ist Hermine, eine Freundin von Ron – und Harry, auch ein
Freund –«
»Beim Barte von Merlin«, sagte Amos Diggory, und seine Augen
weiteten sich. »Harry? Harry Potter?« »Aahm – ja«, sagte Harry.
Harry kannte es schon zur Genüge, dass Leute, die ihn zum ersten Mal
trafen, ihn neugierig anstarrten, dass ihr Blick sofort zu der Blitznarbe
auf seiner Stirn huschte, doch noch immer fühlte er sich unwohl dabei.
»Ced hat natürlich von dir gesprochen«, sagte Amos Diggory. »Hat mir
alles von dem Spiel letztes Jahr gegen euch erzählt ... Ich hab ihm gesagt
– Ced, das kannst du mal deinen Kindern erzählen, hab ich gesagt ... du
hast Harry Potter geschlagen!«
Harry wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und schwieg. Fred
und George sahen schon wieder missvergnügt drein. Cedric schien ein
wenig verlegen.

»Harry ist von seinem Besen gefallen, Dad«, nuschelte er. »Ich hab dir
doch gesagt ... es war ein Unfall ...«
»Ja, aber du bist nicht runtergefallen, nicht wahr?«, dröhnte Amos
quietschvergnügt. »Immer so bescheiden, unser Ced, immer ein
Ehrenmann ... aber der Beste auf dem Platz hat gewonnen, sicher würde
Harry das auch sagen, nicht wahr, Harry? Der eine fällt von seinem
Besen, der andere bleibt oben, du musst kein Genie sein, um
rauszufinden, wer der bessere Flieger ist!«
»Wir müssen bald los«, warf Mr Weasley rasch ein und zog seine Uhr
aus der Tasche. »Weißt du, ob wir noch auf jemanden warten müssen,
Amos?«
»Nein, die Lovegoods sind schon seit 'ner Woche da und die Fawcetts
haben keine Karten bekommen«, sagte Mr Diggory. »Hier in der Gegend
wohnt sonst niemand mehr von uns, oder?«
»Nicht dass ich wüsste«, sagte Mr Weas ley. »Ja, wir haben noch eine
Minute ... machen wir uns bereit ...«
Er wandte sich Harry und Hermine zu. »Ihr müsst den Portschlüssel nur
berühren, das ist alles, ein Finger reicht – «
Von ihren klobigen Rucksäcken ein wenig behindert traten sie auf den
alten Stiefel zu, den Amos Diggory in die Höhe hielt.
Alle neun standen in einem engen Kreis zusammen, als eine kalte Brise
über die Hügelkuppe blies. Keiner sprach. Harry fiel plötzlich ein, wie
gespenstisch sie für einen Muggel aussehen würden, der zufällig hier
auftauchte ... neun Menschen, darunter zwei erwachsene Männer, die im
Halbdunkel diesen vergammelten alten Gummistiefel berührten und
warteten ...
»Drei ...«, murmelte Mr Weasley mit einem Auge auf der Uhr, »zwei ...
eins ...«
Es passierte sofort: Harry hatte das Gefühl, als ob er an einem Haken
direkt hinter seinem Nabel plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt nach
vorne gerissen würde. Er hatte den Boden unter den Füßen verloren; er
spürte, dass Ron und Hermine Seite an Seite mit ihm flogen und ihre
Schultern gegen die seinen schlugen; durch wütende Böen und wirbelnde
Farbspiralen rasten sie dahin; sein Zeigefinger klebte an dem Stiefel, als
zöge er ihn magnetisch an, und dann –
Harry prallte mit den Füßen auf festen Grund; Ron stolperte und stürzte

über Harry; der Portschlüssel schlug mit einem lauten dumpfen Geräusch
neben seinem Kopf ein.
Harry blickte auf. Mr Weasley, Mr Diggory und Cedric standen auf den
Beinen, sahen jedoch arg zerzaust aus; alle anderen lagen auf der Erde.
»Sieben nach fünf vom Wieselkopf«, sagte eine Stimme.

Bagman und Crouch


Harry befreite sich aus Rons Umklammerung und richtete sich auf. Sie
waren auf einem nebelverhangenen Moor gelandet. Vor ihnen standen
zwei müde und missmutig dreinblickende Zauberer, der eine mit einer
großen goldenen Uhr in der Hand, der andere mit einer dicken
Pergamentrolle und einer Feder. Beide waren wie Muggel gekleidet,
allerdings recht ungewöhnlich; der Mann mit der Uhr trug einen
Tweed-Anzug mit kniehohen Galoschen, sein Kollege einen Kilt und
einen Poncho.
»Morgen, Basil«, sagte Mr Weasley, hob den Stiefel auf und reichte ihn
dem Zauberer im Kilt, der ihn in eine große Kiste mit gebrauchten
Portschlüsseln warf; Harry konnte eine alte Zeitung erkennen, leere
Getränkedosen und einen durchlöcherten Fußball.
»Ach, hallo, Arthur«, sagte Basil matt. »Nicht im Dienst, was? Manche
sind fein raus ... wir sind schon die ganze Nacht hier ... ihr geht jetzt am
besten aus dem Weg, wir erwarten um fünf Uhr fünfzehn eine große
Gruppe aus dem Schwarzwald. Augenb lick mal, ich suche euch Plätze
raus ... Weasley ... Weasley ...« Er zog seine Pergamentliste zu Rate.
»Gut vierhundert Meter zu Fuß von hier, das erste Feld, auf das ihr stoßt.
Der Platzaufseher heißt Mr Roberts. Diggory ... zweites Feld ... fragen
Sie nach Mr Payne.«
»Danke, Basil«, sagte Mr Weasley und winkte den anderen, ihm zu
folgen.
Sie machten sich auf den Weg durch das einsame Moor, ohne dass sie
durch den dichten Nebel allzu viel sehen konnten. Nach etwa zwanzig
Minuten tauchte ein kleines steiner nes Haus aus dem Nebel auf. Neben
dem Haus sahen sie ein Tor, und dahinter konnten sie die geisterhaften
Umrisse Hunderter und Aberhunderter von Zelten erkennen, deren
Reihen sich über ein sanft ansteigendes Feld bis zu einem dunklen Wald
am Horizont empor zogen. Sie verabschiedeten sich von den Diggorys
und gingen auf das Tor neben dem Haus zu.
Ein Mann stand am Torweg und spähte hinüber zu den Zelten. Harry war
auf den ersten Blick klar, dass dies der einzige echte Muggel weit und
breit war. Er hörte ihre Schritte, wandte sich um und musterte sie.

»Morgen!«, sagte Mr Weasley munter. »Morgen!«, sagte der Muggel.
»Sie müssen Mr Roberts sein.«
»Genau der bin ich«, sagte Mr Roberts. »Und wer sind Sie?« »Weasley –
zwei Zelte, vor ein paar Tagen gebucht.«
»Alles klar«, sagte Mr Roberts und zog eine an die Tür geheftete Liste zu
Rate. »Sie haben einen Platz dort oben am Wald. Nur eine Nacht?« »Nur
eine«, sagte Mr Weasley. »Dann zahlen Sie sofort?«, fragte Mr Roberts.
»Aah – sofort – natürlich –«, sagte Mr Weasley. Er entfernte sich ein
paar Schritte von dem Haus und winkte Harry zu sich her. »Du musst
mir helfen, Harry«, murmelte er, zog eine Rolle Muggelgeld aus der
Tasche und fächerte die Scheine auf. »Das hier ist ein – ein – Zehner?
Ah ja, jetzt seh ich die kleine Zahl dadrauf ... dann ist das ein Fünfer?«
»Nein, ein Zwanziger«, berichtigte ihn Harry mit gedämpfter Stimme.
Ihm war peinlich bewusst, dass Mr Roberts mit gespitzten Ohren jedes
ihrer Worte aufzuschnappen versuchte.
»Ah ja, dann macht das also ... ich kenn mich mit diesen kleinen
Papierfetzen einfach nicht aus ...«
»Sind Sie Ausländer?«, fragte Mr Roberts, als Mr Weasley mit dem
richtigen Betrag zurückkam. »Ausländer?«, wiederholte Mr Weasley
verdutzt.
»Sie sind nicht der Erste hier, der Probleme mit dem Geld hat«, sagte Mr
Roberts und musterte Mr Weasley scharf. »Erst vor zehn Minuten haben
zwei versucht, mich mit Goldmünzen zu bezahlen, die so groß waren wie
Radkappen.« »Was Sie nicht sagen!«, antwortete M r Weasley zerstreut.
Mr Roberts stöberte in einer Blechdose nach Wechselgeld.
»Noch nie so voll gewesen hier«, sagte er plötzlich und ließ den Blick
erneut über das neblige Feld schweifen. »Hunderte Vorausbuchungen.
Normalerweise tauchen die Leute hier ein fach auf ...«
»Stimmt das so?«, fragte Mr Weasley und streckte die Hand nach seinem
Wechselgeld aus, doch Mr Roberts gab es ihm nicht.
»Tjaah«, sagte er nachdenklich. »Leute von überall her. 'ne Menge
Ausländer. Und nicht nur Ausländer. Spinner, sag ich Ih nen. Da ist so
ein Kerl, der in 'nem Kilt und 'nem Poncho rumspaziert.« »Darf er das
nicht?«, fragte Mr Weasley beunruhigt.
»Kommt mir vor wie ... weiß nicht ... wie 'ne Art Versammlung«, sagte
Mr Roberts. »Die scheinen sich alle zu kennen. Vielleicht 'ne

Riesenparty.«
In diesem Moment erschien ein Zauberer in Knickerbockern aus dem
Nichts neben Mr Roberts' Haustür.
»Obliviate!«, rief er schrill und richtete den Zauberstab gegen Mr
Roberts.
Mr Roberts fing auf der Stelle an zu schielen, seine Stirn glättete sich
und ein Ausdruck träumerischen Gleichmuts trat auf sein Gesicht. Wie
Harry wusste, sah so ein Mensch aus, dessen Gedächtnis gerade
verändert wurde.
»Eine Karte des Campingplatzes für Sie«, sagte Mr Roberts in aller
Gelassenheit zu Mr Weasley. »Und Ih r Wechselgeld.« »Vielen Dank«,
sagte Mr Weasley.
Der Zauberer in den Knickerbockern begleitete sie zum Tor des
Zeltplatzes. Er sah erschöpft aus; sein stoppeliges Kinn schimmerte
bläulich, und dunkelrote Schatten lagen unter seinen Augen. Sobald Mr
Roberts sie nicht mehr hören konnte, murmelte er Mr Weasley zu:
»Hatte eine Menge Ärger mit ihm. Braucht zehnmal am Tag einen
Gedächtniszauber, damit er bei Laune bleibt. Und Ludo Bag -man rührt
keinen Finger. Schlendert herum, hält den Leuten Vorträge über
Klatscher und Quaffel und schert sich nicht im Geringsten um die
Muggelabwehr. Meine Nerven, bin ich froh, wenn das hier vorbei ist. Bis
später, Arthur.« Er disapparierte.
»Ich dachte, Mr Bagman sei Chef der Abteilung für Magische Spiele und
Sportarten?«, sagte Ginny mit überraschter Miene. »Er sollte doch
wissen, dass man in der Nähe von Muggeln nicht über Klatscher reden
darf, oder?«
»Das sollte er«, antwortete Mr Weasley lächelnd und führte sie durch das
Tor auf den Zeltplatz, »aber Ludo war schon immer ein wenig ... nun ja
... lax in Sicherheitsfragen. Aber einen Chef für die Sportabteilung, der
mit mehr Begeisterung dabei ist, gibt es einfach nicht. Er selbst hat
Quidditch für England gespielt, musst du wissen. Und er war der beste
Treiber, den die Wimbourner Wespen je hatten.« Sie wanderten die
langen Zeltreihen entlang über das nebelverhangene Feld. Die meisten
Zelte sahen ganz gewöhnlich aus; ihre Besitzer hatten sie offenbar ganz
nach Muggelart gestalten wollen, hin und wieder jedoch ein wenig
danebengegri ffen und sie mit Kaminen, Klingelzügen oder Wetterfahnen

ausstaffiert. Allerdings gab es hie und da ein Zelt, das so offensichtlich
magisch war, dass Harry sich nicht über Mr Roberts' Misstrauen
wunderte. Auf halbem Weg die Anhöhe hinauf stand ein extravagantes
Zelt aus gestreifter Seide, das mit seinen am Eingang angepflockten
Pfauen wie ein kleiner Palast wirkte. Ein wenig weiter kamen sie an
einem Zelt vorbei, das drei Stockwerke und mehrere Türmchen hatte;
und kurz dahinter stand ein Zelt mit angehängte m Vorgarten, komplett
mit Vogelbad, Sonnenuhr und Brunnen.
»Immer dasselbe«, sagte Mr Weasley lächelnd, »wir können es einfach
nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen. Aha,
wir sind da, seht, das ist unser Platz.«
Sie waren oben am Wald rand angelangt und hier fanden sie ihren Platz;
auf einem kleinen, in die Erde gesteckten Schild stand »Weezly«
geschrieben.
»Was Besseres hätten wir nicht kriegen können!«, sagte Mr Weasley
glücklich. »Das Spielfeld liegt auf der anderen Seite dieses Wald es,
näher geht's nicht.« Er ließ den Rucksack zur Erde gleiten. »Hört mal«,
sagte er aufgeregt, »eigentlich ist keine Zauberei erlaubt, wenn wir in so
großer Zahl auf Muggelland sind. Wir bauen diese Zelte von Hand auf!
Sollte nicht allzu schwer sein. Die Muggel tun es ständig ... Harry, schau
dir das mal an, was meinst du, wo wir anfangen sollen?«
Harry hatte noch nie gezeltet; die Dursleys hatten ihn in all den Jahren
nicht in den Urlaub mitgenommen und ihn lieber bei Mrs Figg, einer
alten Nachbarin, abgeladen. Doch gemeinsam mit Hermine fand er
heraus, wo die meisten der Stangen und Heringe hingehörten, und
obwohl Mr Weasley eher hinderlich denn hilfreich war, weil er richtig
aus dem Häuschen geriet, als er den Holzhammer benutzen durfte, hatten
sie schließlich ein Paar abgenutzte Zweimannzelte vor sich stehen.
Sie traten einige Schritte zurück, um ihrer Hände Werk zu bewundern.
Keiner, der diese Zelte ansah, würde auf den Gedanken kommen, sie
gehörten Zauberern, überlegte Harry, doch das Problem war, dass sie mit
Bill, Charlie und Percy zu zehnt sein würden. Auch Hermine schien sich
zu wundern; sie warf Harry einen fragenden Blick zu, während Mr
Weasley auf allen vieren ins erste Zelt kroch.
»Wird ein bisschen eng hier«, rief er nach draußen, »aber ich glaube, wir
passen alle rein. Kommt und schaut.«

Harry bückte sich, kroch durch die Zeltluke und riss den Mund auf. Er
befand sich in einer altmodisch möblierten Wohnung mit drei Zimmern,
samt Bad und Küche. Seltsamerweise war die Wohnung genauso
eingerichtet wie die von Mrs Figg; die bunt zusammengewürfelten
Sessel waren mit Häkeldeckchen drapiert und es roch stark nach Katze.
»Macht nichts, es ist ja nicht für lange«, sagte Mr Weasley, rieb seine
kahle Stelle mit dem Taschentuch und musterte die vier Bettkojen im
Schlafzimmer. »Ich hab mir das Zelt von Mrs Perkins aus dem Büro
geliehen. Sie zeltet nur noch selten, die Arme, seit sie Hexenschuss hat.«
Er griff nach dem staubigen Kessel und spähte hinein. »Wir brauchen
Wasser ...«
»Auf der Karte, die uns der Mu ggel gegeben hat, ist ein Wasserhahn
eingezeichnet«, sagte Ron, der Harry ins Innere des Zeltes gefolgt war
und von dessen erstaunlicher Geräumigkeit überhaupt nicht beeindruckt
schien. »Auf der anderen Seite des Zeltplatzes.«
»Schön, wie war's also, wenn du, Harry und Hermine uns ein wenig
Wasser holt – «, Mr Weasley reichte ihnen den Kessel und ein paar
Töpfe, » - und wir anderen besorgen im Wald ein bisschen Feuerholz.«
»Aber wir haben doch einen Ofen«, sagte Ron, »warum können wir nicht
einfach –«
»Muggel abwehr, Ron!«, sagte Mr Weasley, und sein Gesicht glänzte
voller Vorfreude. »Wenn echte Muggel campen, kochen sie an Feuern
unter freiem Himmel, das hab ich selbst gesehen!«
Nach einem kurzen Besuch im Mädchenzelt, das ein wenig kleiner als
das der Jungen war, allerdings nicht nach Katze roch, machten sich
Harry, Ron und Hermine mit Kessel und Töpfen auf den Weg über den
Zeltplatz.
Die Sonne war aufgegangen und der Nebel lichtete sich, und nun
konnten sie die Zeltstadt sehen, die sich in alle Himmelsrichtun gen
erstreckte. Gemächlich schlenderten sie durch die Zeltreihen und sahen
sich neugierig um. Allmählich dämmerte es Harry, wie viele Hexen und
Zauberer es auf der ganzen Welt geben musste; an die in den anderen
Ländern hatte er bisher kaum gedacht.
Nach und nach erwachten ihre Mitcamper. Als Erste regten sich die
Familien mit kleinen Kindern; Harry hatte noch nie so junge Hexen und
Zauberer gesehen. Ein kleiner Junge, nicht älter als zwei, kauerte vor

einem pyramidenförmigen Zelt, hielt einen Zauberstab in der Hand und
stocherte munter nach einer Schnecke im Gras, die langsam auf die
Größe einer Salami anschwoll. Als sie neben dem Kleinen standen, kam
seine Mutter aus dem Zelt gestürmt.
»Wie oft soll ich es dir noch sagen, Kevin? Rühr – Dad -dys – Zaube rstab
– nicht – an – uuhhtsch!«
Die Riesenschnecke war geplatzt, nachdem die Mutter auf sie getreten
war. In der ruhigen Morgenluft hörten sie noch lange ihr Geschimpfe,
vermischt mit den Rufen des Kleinen – »Du Schnecke puttmacht,
Schnecke puttmacht!«
Ein Stück weiter sahen sie zwei kleine Hexen, kaum älter als Kevin, auf
Spielzeugbesen reiten, die sie gerade hoch genug trugen, um ihre Füße
über den taunassen Rasen gleiten zu lassen. Schon hatte ein
Ministeriumszauberer die Kinder ins Visier genommen; als er an Harry,
Ron und Hermine vorbeihastete, hörten sie ihn gereizt murmeln: »Am
helllichten Tag! Die Eltern schlafen wohl bis in die Puppen – «
Hie und da erschienen erwachsene Zauberer und Hexen vor ihren Zelten
und begannen ihr Frühstück zu bereiten. Manc he sahen sich verstohlen
um und beschworen dann Feuer mit ihren Zauberstäben herauf, andere
versuchten es zweifelnden Blickes mit Streichhölzern. Drei afrikanische
Zauberer saßen auf der Erde und waren in ein ernstes Gespräch vertieft,
alle trugen lange weiße Umhänge und rösteten offenbar einen Hasen
über einem purpurroten Feuer. Eine Gruppe amerikanischer Hexen
mittleren Alters saß glücklich schwatzend unter einem Sternenbanner mit
der Aufschrift Hexeninstitut von Salem. Im Vorbeigehen fing Harry
Gesprächs fetzen in fremden Sprachen auf, die aus den Zelten drangen,
und obwohl er kein einziges Wort verstand, war die Vorfreude am
Tonfall zu spüren.
»Ahm – stimmt was nicht mit meinen Augen, oder ist hier alles grün
geworden?«, sagte Ron.
Es lag nicht an Rons Au gen. Sie waren zwischen ein paar Zelte geraten,
die alle dicht mit Feldklee bedeckt waren, so als wären kleine,
merkwürdig geformte Hügel aus der Erde gewachsen. Wo die Zeltluken
geöffnet waren, konnten sie das eine oder andere grinsende Gesicht im
Innern erkennen. Dann rief jemand hinter ihnen ihre Namen. »Harry!
Ron! Hermine!«

Es war Seamus Finnigan aus dem Gryffindor-Haus von Hogwarts, der
jetzt mit ihnen in die vierte Klasse kam. Er saß vor einem kleebedeckten
Zelt neben einer rotblonden Frau, offenbar seiner Mutter, und seinem
besten Freund Dean Thomas, ebenfalls aus Gryffindor.
»Gefällt euch die Dekoration?«, fragte Seamus grinsend, als Harry, Ron
und Hermine näher getreten waren und sie begrüßt hatten. »Das
Ministerium ist nicht sonderlich begeistert. «
»Aach, warum sollten wir unsere Farben nicht zeigen?«, sagte Mrs
Finnigan. »Ihr solltet sehen, was die Bulgaren alles an ihren Zelten
hängen haben. Ihr seid natürlich für Irland?«, setzte sie hinzu und
musterte Harry, Ron und Hermine mit ihren Perlaugen.
Sie versicherten ihr hoch und heilig, sie seien Irland -Fans, dann brachen
sie wieder auf. »Als ob wir was anderes sagen würden, wenn wir von
einem Haufen Iren umgeben sind«, meinte Ron nebenbei.
»Was die Bulgaren wohl an ihren Zelten hängen haben?«, fragte
Hermine.
»Gehen wir hin und schauen nach«, sagte Harry und deutete auf eine
große Gruppe Zelte ein Stück weiter oben, wo die bulgarische Flagge
weiß, grün und rot in der Brise flatterte.
Die Zelte hier waren nicht mit Pflanzen geschmückt, doch an jedem
einzelnen hing das gleiche Poster, ein Poster von einem sehr bärbeißigen
Gesicht mit dichten schwarzen Augenbrauen. Natürlich bewegte sich das
Gesicht, doch es schaute finster drein und die Augen blinzelten nur.
»Kram«, sagte Ron leise. »Was?«, sagte Hermin e.
»Krum!«, sagte Ron. »Viktor Kram, der bulgarische Sucher!«
»Sieht ziemlich mürrisch aus«, sagte Hermine und ließ ihren Blick über
die vielen Krams schweifen, die böse blinzelnd auf sie herabsahen.
»Ziemlich mürrisch?« Ron schaute gen Himmel. »Wen kümmer t es, wie
er aussieht? Er ist phantastisch. Und noch ganz jung. Erst achtzehn,
glaub ich. Er ist ein Genie, wartet nur, heute Abend seht ihr's selbst.«
Beim Wasserhahn an einer Ecke des Zeltplatzes hatte sich bereits eine
kleine Schlange gebildet. Harry, R on und Hermine reihten sich hinter
zwei Männern ein, die erhitzt miteinander stritten. Der eine war ein
steinalter Zauberer in einem langen Nachthemd mit Blümchenmuster.
Der andere war offensichtlich ein Ministeriumszauberer; er hielt eine
Nadelstreifenhos e in Händen und war so entnervt, dass er fast weinte.

»Zieh sie doch an, Archie, ich bitte dich, so kannst du doch nicht
rumlaufen, der Muggel am Tor wird schon ziemlich misstrauisch –«
»Das hab ich in einem Muggelladen gekauft«, sagte der alte Zauberer
st ur. »Muggel tragen so was auch.«
»Muggelfrauen, Archie, nicht die -manner, die tragen so was«, sagte der
Ministeriumszauberer und fuchtelte mit der Nadelstreifenhose vor
Archies Nase herum.
»Die zieh ich nicht an«, sagte der alte Archie entrüstet. »Ich mag 'n
frisches Lüftchen untenrum, danke.«
Ein Kicheranfall packte Hermine und schüttelte sie so heftig, dass sie
sich aus der Schlange wegducken musste und erst wieder zurückkehrte,
als Archie sein Wasser geholt hatte und verschwunden war.
Etwas gemächlicher , da sie Wasser schleppten, machten sie sich auf den
Rückweg durch das Zeltlager. Hie und da sahen sie weitere bekannte
Gesichter: andere Hogwarts -Schüler mit ihren Familien. Oliver Wood,
der frühere Kapitän von Harrys Quidditch -Team, der sein letztes Jahr in
Hogwarts hinter sich hatte, zog Harry hinüber zum Zelt seiner Eltern, um
ihn vorzustellen, und erzählte ihm aufgeregt, dass er gerade von
Eintracht Pfützensee als Reservespieler verpflichtet worden war. Als
Nächstes wurden sie lauthals von Ernie Macmillan begrüßt, einem
Viertklässler aus Hufflepuff, und ein paar Schritte weiter sahen sie Cho
Chang, ein sehr hübsches Mädchen, das im Ravenclaw- Team Sucherin
spielte. Sie winkte und lächelte Harry zu, der beim Zurückwinken eine
Menge Wasser über seine Hose schüttete. Vor allem, um Ron das
Grinsen zu verleiden, deutete er auf eine Gruppe Teenager, die er noch
nie gesehen hatte.
»Was sind das wohl für Leute?«, sagte er. »Sie gehen nicht nach
Hogwarts, oder?«
»Ich glaub, die gehen auf irgendeine ausländische Schule«, sagte Ron.
»Ich weiß jedenfalls, dass es noch andere Schulen gibt, hab aber noch nie
jemanden davon kennen gelernt. Bill hatte eine Brieffreundin auf einer
Schule in Brasilien ... das ist schon ewig lange her ... und er wollte mal
als Austauschschül er dorthin, aber Mum und Dad konnten es sich nicht
leisten. Seine Brieffreundin war schwer sauer, als er absagte, und hat ihm
einen verhexten Hut geschickt, der seine Ohren schrumpeln ließ.«
Harry lachte, verschwieg jedoch, wie spannend er es fand, dass es noch

andere Zaubererschulen gab. Nun, da er so viele Länder auf dem
Zeltplatz vertreten sah, kam er sich etwas dumm vor, nie daran gedacht
zu haben, dass Hogwarts nicht die einzige Schule sein konnte. Er warf
Hermine einen Seitenblick zu, doch sie schien von der Neuigkeit
keineswegs überrascht zu sein. Sicher hatte sie in irgendeinem Buch
etwas über andere Zaubererschulen gelesen.
»Ihr habt ja ewig gebraucht«, sagte George, als sie endlich wieder bei
den Weasley -Zelten anlangten.
»Haben ein paar Bekannte g etroffen«, sagte Ron und stellte seinen
Wassertopf ab. »Und ihr habt immer noch kein Feuer gemacht?«
»Dad treibt so seine Spaße mit den Streichhölzern«, sagte Fred.
Mr Weasley gelang es nicht, ein Feuer zu entfachen, doch an Versuchen
ließ er es nicht mang eln. Der Boden zu seinen Füßen war übersät mit
zersplitterten Streichhölzern, doch Mr Weasley schien mit kindlichem
Vergnügen bei der Sache zu sein.
»Uuuhps!«, stieß er aus, als er es schaffte, ein Streichholz zu entzünden,
und vor Überraschung ließ er es prompt fallen.
»Lassen Sie mich mal, Mr Weasley«, sagte Hermine freundlich, nahm
ihm die Zündholzschachtel aus der Hand und zeigte ihm, wie man es
richtig machte.
Schließlich brannte das Feuer, auch wenn es noch mindestens eine
Stunde dauerte, bis es groß genug war, um darauf etwas zu kochen. Beim
Warten gab es jedoch eine Menge zu sehen. Ihr Zelt schien gleich an
einem Fußweg zum Spielfeld zu liegen, und Leute aus dem Ministerium
schritten hastig hin und her und grüßten Mr Weasley im Vorbeigehen
höflich. M r Weasley spielte unterdessen den Laufkommentator, vor
allem für Harry und Hermine; seine eigenen Kinder wussten genug über
das Ministerium und waren nicht übermäßig interessiert.
»Das war Knutbert Mockridge, Chef des Kobold -Verbindungsbüros ...
hier kommt Wilbert Gimpel von der Arbeitsgruppe für Experimentelles
Zaubern, diese Hörner hat er jetzt schon seit einiger Zeit ... Hallo, Arnie
... Arnold Friedlich ... ein Vergissmich – so nennen wir die Leute vom
Magischen Unfallumkehr -Kommando – und das sind Bode und Croaker
... sie sind Unsägliche ...« »Bitte was?«
»Von der Mysteriumsabteilung, alles streng geheim, keine Ahnung, was
die so treiben ...«

Endlich brannte das Feuer richtig und sie hatten gerade begonnen, Eier
und Würste zu braten, als Bill, Charlie und Percy zwischen den Bäumen
hervorkamen und ans Zelt traten.
»Eben mal kurz appariert, Dad«, sagte Percy unüberhörbar. »Aah,
Mittagessen, trifft sich gut!«
Sie hatten ihre Teller mit Eiern und Würsten schon halb geleert, als Mr
Weasley plötzlich aufsprang und lächelnd einem Mann winkte, der auf
sie zugeschritten kam. »Aha!«, sagte Mr Weasley. »Der Mann der
Stunde! Ludo!«
Ludo Bagman war mit Abstand der auffälligste von allen Zauberern, die
Harry bisher gesehen hatte, er ließ selbst den alten Archie mit seinem
geblümten Nachthemd blass aussehen. Er trug einen langen
Quidditch -Umhang mit breiten hellgelben und schwarzen Querstreifen.
Das riesige Bild einer Wespe prangte auf seiner Brust. Er machte den
Eindruck eines kräftig gebauten Mannes, der ein wenig in d ie Jahre
gekommen war; der Umhang bauschte sich über seinem dicken Bauch,
den er in seiner Zeit als Quidditch -Spieler für England gewiss noch nicht
gehabt hatte. Ludos Nase war gebrochen (vermutlich von einem verirrten
Klatscher, dachte Harry), doch seine runden blauen Augen, sein kurzes
blondes Haar und sein rosiges Gesicht ließen ihn aussehen wie einen zu
groß gewachsenen Schuljungen.
»Ahoi!«, rief Bagman munter. Er schritt einher, als hätte er Federn unter
den Sohlen, und war offensichtlich in einem höch st euphorischen
Zustand. »Arthur, altes Haus«, keuchte er, als er vor dem Lagerfeuer
stand, »was für ein Tag! Was für ein Tag! Schöneres Wetter hätten wir
uns nicht wünschen können! Heute Nacht bleibt's klar ... und bei den
Vorbereitungen läuft fast alles wie am Schnürchen ... weiß gar nicht, was
ich groß tun soll!«
Hinter ihm eilten ein paar ausgezehrt wirkende Ministeriumszauberer
vorbei und deuteten in die Ferne, wo violette Funken zehn Meter in die
Höhe stoben und auf eine Art magisches Feuer schließen ließen.
Percy sprang sofort auf die Beine und streckte die Hand aus.
Offensichtlich hinderte ihn seine Missbilligung der Art und Weise, wie
Ludo Bagman seine Abteilung leitete, nicht daran, bei ihm Eindruck
schinden zu wollen.
»Ah – ja«, sagte Mr Weasley g rinsend, »das ist mein Sohn Percy, er hat

gerade im Ministerium angefangen – und das ist Fred – nein, George, tut
mir Leid – das ist Fred – Bill, Charlie, Ron – meine Tochter Ginny – und
Rons Freunde Hermine Granger und Harry Potter.«
Bagman stutzte bei Harrys Namen fast unmerklich und seine Augen
huschten, wie Harry es schon kannte, über die Narbe auf seiner Stirn.
»Darf ich vorstellen«, fuhr Mr Weasley fort, »Ludo Bagman, ihr wisst ja,
wer er ist, ihm haben wir die guten Plätze zu verdanken –«
Bagman strahlte und winkte ab, als handele es sich um eine
Selbstverständlichkeit.
»Kleine Wette ums Spiel gefällig, Arthur?«, sagte er beflissen und
klimperte mit einer offenbar großen Menge Goldmünzen in den Taschen
seines gelbschwarzen Umhangs. »Roddy Pontner ist schon dabei, hat auf
Bulgarien gesetzt - hab ihm hübsche Quoten angeboten, wenn ich
bedenke, dass die drei irischen Spitzen die stärksten sind, die ich seit
Jahren gesehen habe – und die kleine Agatha Timms hat die Hälfte ihrer
Eulenfarm auf ein wochenlanges Spiel gesetzt.«
»Aach ... lass mal gut sein«, sagte Mr Weasley. »Wie war's mit ... sagen
wir, einer Galleone auf den Sieg von Irland?«
»Eine Galleone?« Ludo Bagman wirkte ein wenig enttäuscht, fasste sich
jedoch rasch wieder. »Sehr schön, sehr schön ... will noch jemand
setzen?«
»Sie sind noch ein wenig jung fürs Wetten«, sagte Mr Weasley. »Molly
würde das gar nicht gern – «
»Wir wetten siebenunddreißig Galleonen, fünfzehn Sickel, drei Knuts«,
sagte Fred, der auf die Schnelle all sein Geld mit dem von Geor ge
zusammengeworfen hatte, »dass Irland gewinnt – aber Viktor Kram den
Schnatz fängt. Oh, und wir legen noch einen Juxzauberstab drauf.«
»Ihr wollt doch Mr Bagman nicht mit solchem Krempel belästigen – «,
zischte Percy, doch Bagman schien offenbar nicht zu denken, der
Zauberstab sei Krempel; im Gegenteil, sein jungenhaftes Gesicht strahlte
vor Begeisterung, als er ihn aus Freds Hand nahm, und als der
Zauberstab ein lautes Gackern hören ließ und sich in ein Gummihuhn
verwandelte, brüllte Bagman vor Lachen.
»H ervorragend! So 'nen tollen Juxstab hab ich schon seit Jahren nicht
mehr gesehen! Für den würd ich fünf Galleonen hinlegen!«
Percy erstarrte, bestürzt und entrüstet.

»Jungs«, nuschelte Mr Weasley, »ich will nicht, dass ihr wettet ... das
sind eure ganzen Ersparnisse ... eure Mutter – «
»Sei kein Spielverderber, Arthur!«, dröhnte Ludo Bagman und klimperte
erregt mit seinem Tascheninhalt. »Sie sind alt genug, um zu wissen, was
sie wollen! Ihr glaubt, Irland gewinnt, aber Krum fängt den Schnatz? Nie
und nimmer, Jungs, nie und nimmer ... Ich biete euch 'ne sagenhafte
Quote dafür ... und noch fünf Galleonen für den Juxzauberstab dazu,
nicht wahr ...«
Mr Weasley sah hilflos zu, wie Ludo Bagman ein Notizbuch und eine
Feder zückte und die Namen der Zwillinge notierte.
»Alles klar«, sagte George, nahm den Pergamentzettel von Bagman
entgegen und steckte ihn in die vordere Jackentasche.
Glänzend gelaunt wandte sich Bagman nun wieder Mr Weasley zu.
»Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich? Ich bin auf der Suche
nach Barty Crouch. Mein bulgarischer Partner macht Schwierigkeiten,
und ich versteh kein Wort von dem, was er sagt. Barty kann das sicher
regeln. Er spricht ungefähr hundertfünfzig Sprachen.«
»Mr Crouch?«, sagte Percy, und mit einem Schlag beleb te sich seine
missbilligende Miene und er hechelte geradezu vor Aufregung. »Er
spricht über zweihundert Sprachen! Nixisch und Beamtenchinesisch und
Troll ...«
»Jeder kann Troll«, sagte Fred geringschätzig, »man muss nur fuchteln
und grunzen.«
Percy warf Fr ed einen äußerst gehässigen Blick zu und stocherte
energisch im Feuer, um das Wasser im Kessel wieder zum Kochen zu
bringen.
»Was Neues von Bertha Jorkins, Ludo?«, fragte Mr Weasley, als
Bagman sich auf dem Gras neben ihnen niederließ.
»Keine Spur«, sagte Bagman unbeschwert. »Aber die wird schon wieder
auftauchen. Arme alte Bertha ... Gedächtnis wie ein undichter Kessel und
null Orientierungssinn. Hat sich verflogen, da wette ich mit dir.
Irgendwann im Oktober spaziert sie wieder ins Büro und denkt, es sei
immer noch Juli.«
»Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, jemanden nach ihr suchen zu
lassen?«, mahnte Mr Weasley vorsichtig, während Percy Bagman den
Tee reichte.

»Barty Crouch redet auch immer davon«, sagte Bagman, und seine
runden Augen weiteten sich in Unschuldsmanier, »aber im Augenblick
können wir wirklich keinen entbehren. Oh – wenn man vom Teufel
spricht! Barty!«
Ein Zauberer war gerade an ihrem Lagerfeuer appariert, und er hätte
keinen größeren Gegensatz zu Ludo Bagman bilden können, der sich in
seinem alten Wespenumhang im Gras fläzte. Barty Crouch war ein steif
aufgerichteter älterer Herr in einem tadellos sitzenden Anzug mit
Krawatte. Der Scheitel seines kurzen grauen Haares war fast unnatürlich
gerade und sein schmaler Oberlippenbart sah aus, als würde er ihn mit
dem Lineal stutzen. Seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Harry
war sofort klar, warum Percy ihn vergötterte. Percy glaubte fest an die
strenge Einhaltung von Vorschriften, und Mr Crouch hatte die
Vorschrift, Muggelkleidung anzuziehen , so gründlich befolgt, dass er als
Filialleiter einer Bank hätte durchgehen können. Harry war sich nicht
sicher, ob selbst Onkel Vernon ihn durchschaut hätte.
»Setz dich ein wenig zu mir, Barty«, sagte Ludo strahlend und strich
über das Gras.
»Nein danke, Ludo«, sagte Crouch, und eine Spur Ungeduld lag in seiner
Stimme. »Ich hab dich überall gesucht. Die Bulgaren bestehen darauf,
dass wir noch zwölf Sitze in der oberen Loge anbringen.«
»Darauf sind die also aus?«, sagte Bagman. »Ich dachte, der Typ wollte
sich 'ne Pinzette ausleihen. Ziemlich starker Akzent.«
»Mr Crouch!«, sagte Percy atemlos und versank in eine Art halbe
Verbeugung, bei der er wirkte wie ein Buckliger. »Möchten Sie
vielleicht eine Tasse Tee?«
»Oh«, sagte Mr Crouch und warf Percy einen mild e überraschten Blick
zu. »Ja – sehr aufmerksam, Weatherby.«
Fred und George prusteten in ihre Tassen. Percy, ganz rosa um die
Ohren, machte sich eifrig am Kessel zu schaffen.
»Ach, und Sie würde ich auch gern kurz sprechen, Arthur«, sagte Mr
Crouch und lie ß seine scharfen Augen auf Mr Weasley ruhen. »Ali
Bashir ist auf dem Kriegspfad. Er will ein Wörtchen mit Ihnen reden
wegen Ihres Einfuhrverbots für fliegende Teppiche.«
Mr Weasley tat einen tiefen Seufzer. »Deswegen habe ich ihm doch
schon vor einer Woche eine Eule geschickt. Ich hab's ihm einmal gesagt,

ich hab's ihm hundertmal gesagt: Teppiche gelten gemäß der Liste
Verbotener Verhexbarer Gegenstände als Muggelartefakte, aber er will
einfach nicht hören.«
»Da könnten Sie Recht haben«, sagte Mr Crouch und nahm eine Tasse
Tee von Percy entgegen. »Er will diese Teppiche hier unbedingt
einführen.«
»Nun ja, in Großbritannien werden sie die Besen nie verdrängen, oder?«,
sagte Bagman.
»Ali glaubt, es gibt eine Marktnische für ein Familienfahrzeug«, sagte
Mr Crou ch. »Ich weiß noch, mein Vater hatte einen alten Perser, auf dem
zwölf Personen Platz hatten - aber das war natürlich vor dem Verbot von
Teppichen.«
Er sprach, als ob er niemanden darüber im Zweifel lassen wollte, dass all
seine Vorfahren das Gesetz strikt befolgt hatten.
»Wie geht's sonst, Barty, viel zu tun?«, sagte Bagman gelassen.
»Ziemlich«, sagte Mr Crouch trocken. »Portschlüssel auf fünf
Kontinente zu verteilen ist keine Kleinigkeit, Ludo.«
»Ich denke, dann sind Sie beide froh, wenn das hier vorbei is t?«, sagte
Mr Weasley.
Ludo Bagman wirkte schockiert. »Froh! Ich weiß nicht, wann ich mehr
Spaß hatte ... immerhin, es ist ja nicht so, dass wir uns auf nichts anderes
freuen könnten, oder, Barty? He? Bleibt noch viel zu organisieren, nicht
wahr?«
Mr Crouc h sah Bagman mit hochgezogenen Brauen an. »Wir haben uns
doch geeinigt, nichts zu sagen, bevor nicht alle Einzelheiten – «
»Aah, Einzelheiten!«, sagte Bagman und verscheuchte das Wort mit
einer Handbewegung wie einen Mückenschwarm. »Sie haben
unterschrieben , oder? Sie haben zugestimmt? Ich wette mit dir, diese
Kinder hier werden es ohnehin bald erfahren. Immerhin findet es in
Hogwarts statt – «
»Ludo, wir müssen zu den Bulgaren, das weißt du doch«, sagte Mr
Crouch, um Bagman abzuwürgen. »Danke für den Tee, We atherby.«
Er schob seine unberührte Tasse Percy zu und wartete darauf, dass Ludo
sich erhob: Bagman rappelte sich hoch, schluckte den Rest Tee und ließ
das Gold in seinen Taschen fröhlich klimpern.
»Wir sehen uns später!«, sagte er in die Runde. » Ihr seid bei mir oben in

der Ehrenloge – ich kommentiere das Spiel!« Er winkte, Barty Crouch
nickte knapp und die beiden disapparierten.
»Was soll denn in Hogwarts stattfinden, Dad?«, fragte Fred auf der
Stelle. »Worüber haben die gesprochen?«
»Das wirst d u noch früh genug erfahren«, sagte Mr Weasley lächelnd.
»Es handelt sich so lange um eine geheime Information, bis das
Ministerium beschließt, sie freizugeben«, sagte Percy steif. »Mr Crouch
hatte vollkommen Recht, sie nicht preiszugeben.« »Aaach, hält's M aul,
Weatherby«, sagte Fred.
Der Nachmittag verging, und allmählich stieg die Spannung und breitete
sich wie eine Wolke über dem Zeltplatz aus. Als es dämmerte, schien
selbst die stille Sommerluft vor Vorfreude zu vibrieren, und als sich die
Dunkelheit wie ein Vorhang über Tausende von wartenden Zauberern
legte, fiel aller falsche Anschein in sich zusammen: das Ministerium
beugte sich dem Unvermeidlichen und wehrte sich nicht mehr gegen die
sich offensichtlich in Windeseile ausbreitende Magie.
An allen Ecken und Enden des Zeltplatzes apparierten Verkäufer mit
Körben und Karren voll außergewöhnlicher Waren. Es gab leuchtende
Rosetten – grün für Irland, rot für Bulgarien - , welche in kreischendem
Ton die Namen der Spieler ausriefen, grüne Spitzhüte, die mit tanzenden
Kleeblättern geschmückt waren, bulgarische Schals, mit wirklichen
brüllenden Löwen verziert, Flaggen aus beiden Ländern, die ihre
Nationalhymnen spielten, wenn man mit ihnen wedelte; kleine Modelle
von Feuerblitzen, die tatsächlich flogen, und Samm elfiguren von
berühmten Spielern, die einem mit stolzgeschwellter Brust über die Hand
spazierten.
»Dafür hab ich den ganzen Sommer über mein Taschengeld gespart«,
sagte Ron zu Harry gewandt, während sie mit Hermine durch die Reihen
der Verkäufer schlenderten und Andenken kauften. Zwar kaufte sich Ron
einen Hut mit tanzenden Kleeblättern und eine große grüne Rosette,
doch auch eine kleine Nachbildung von Viktor Krum, dem bulgarischen
Sucher. Der Mini- Krum ging auf Rons Hand hin und her und warf
finstere Blicke auf die grüne Rosette über ihm.
»Irre, schau dir die an!«, sagte Harry und rannte hinüber zu einem
Marktkarren, auf dem stapelweise Messingferngläser lagen, die
allerdings mit vielerlei merkwürdigen Knöpfen und Zifferblättern

versehen waren.
»Omnigläser «, sagte der Verkaufsmagier beflissen. »Man kann das
Gesehene wiederholen ... alles verlangsamen ... und sie zeigen dir einen
Kurzkommentar zu allen Spielzügen, wenn du ihn brauchst.
Schnäppchenpreis – zehn Galleonen das Stück.«
»Hätt ich nur nicht den Kra m hier gekauft«, maulte Ron, deutete auf
seinen Hut mit dem tanzenden Klee und betrachtete dabei sehnsüchtig
die Omnigläser.
»Drei Stück«, sagte Harry entschlossen zu dem Zauberer.
»Nein – das ist doch nicht nötig«, sagte Ron und lief rot an. Er war
immer ein wenig empfindlich, wenn es darum ging, dass Harry, der ein
kleines Vermögen von seinen Eltern geerbt hatte, viel mehr Geld hatte
als er.
»Dafür kriegst du nichts zu Weihnachten«, antwortete Harry und drückte
Ron und Hermine je ein Omniglas in die Hände. »Und das zehn Jahre
lang.« »Ist mir recht«, sagte Ron grinsend.
»Oooh, danke, Harry«, sagte Hermine. »Und ich besorg uns ein paar
Programme, seht mal – «
Mit beträchtlich leichteren Geldbeuteln gingen sie zurück zu den Zelten.
Auch Bill, Charlie und Ginny hatten grüne Rosetten vorzuzeigen und Mr
Weasley trug eine irische Flagge. Fred und George hatten keine
Souvenirs, da sie ihr ganzes Geld Bagman gegeben hatten.
Dann drang von irgendwo jenseits des Waldes ein tiefer, dröhnender
Gong zu ihnen herüber, und plötzlich flammten auf den Bäumen grüne
und rote Laternen auf und tauchten den Weg zum Spielfeld in ihr Licht.
»Es ist so weit!«, sagte Mr Weasley, genauso begeistert wie alle anderen.
»Kommt, wir gehen!«

Die Quidditsch-Weltmeisterschaft


Ihre neu erworb enen Schätze an sich geklammert folgten sie Mr Weasley
den laternenbeschienenen Weg entlang in den Wald. Dem Lärm nach zu
schließen waren Tausende auf den Beinen, sie hörten ihr Lachen und
Rufen und gelegentlich wehte Gesang an ihre Ohren. Die fiebrige
Erregung war höchst ansteckend; Harry konnte nicht aufhören zu
grinsen. Zwanzig Minuten lang gingen sie durch den Wald, laut redend
und scherzend, bis sie endlich auf der anderen Seite zwischen den
Bäumen hervortraten und sich im Schatten eines gigantischen Stadions
fanden. Obwohl Harry nur einen kleinen Teil der riesigen goldenen
Mauer sah, die das Spielfeld einfasste, war ihm klar, dass ins Innere des
Stadions bequem zehn Kathedralen gepasst hätten.
»Hunderttausend Plätze«, sagte Mr Weasley, als er Harrys schwer
beeindruckte Miene sah. »Eine Spezialistengruppe von fünfhundert
Ministeriumsleuten hat das ganze Jahr über daran gearbeitet. Auf jedem
Quadratzentimeter ein Muggelabwehrzauber. Jedes Mal, wenn Muggel
im letzten Jahr auch nur hier in die Nähe kamen, f ielen ihnen plötzlich
dringende Verabredungen ein und sie mussten schleunigst fort ... besser
für sie«, setzte er munter hinzu und führte sie zum nächstgelegenen
Eingang, an dem sich schon ein Schwärm lärmender Zauberer und
Hexen versammelt hatte.
»Erstklassige Plätze!«, sagte die Ministeriumshexe am Eingang, als sie
ihre Karten kontrollierte. »Ehrenloge! Gleich die Treppe rauf, Arthur, bis
es nicht mehr höher geht.«
Die Treppen ins Stadion waren mit Läufern in sattem Purpurrot
ausgelegt. Sie stiegen mit den anderen aus dem Schwärm der Wartenden
nach oben, die sich jedoch allmählich mal rechts, mal links in den Türen
zu den Tribünen verloren. Mr Weasley und die Seinen gingen weiter, bis
sie schließlich das Ende der Treppe erreichten und in eine kleine Loge
traten. Sie bildete den höchsten Punkt des Stadions und lag genau in der
Mitte zwischen den goldenen Torstangen. Etwa zwanzig rotgoldene
Stühle waren hier in zwei Reihen aufgestellt, und Harry, der den
Weasleys in die erste Reihe folgte, sah hinunter auf ein Schauspiel, wie
er es noch nie erlebt hatte.

Hunderttausend Hexen und Zauberer nahmen ihre Plätze auf den Sitzen
ein, die sich Reihe um Reihe entlang des ovalen Spielfelds
emporrankten. Die Szene war in ein geheimnisvolles goldenes Licht
getaucht, das aus dem Stadion selbst zu kommen schien. Von hoch oben,
wo sie saßen, schien das Feld glatt und weich wie Samt. An den Enden
des Feldes standen je drei Pfosten, auf denen in zwanzig Meter Höhe die
Torringe angebracht waren; ihnen direk t gegenüber, fast auf Harrys
Augenhöhe, befand sich eine gigantische schwarze Tafel. Goldene
Schriftzeichen huschten über sie hinweg, als würde die Hand eines
unsichtbaren Riesen darüber krakeln und die Schrift dann wieder
abwischen; Harry sah eine Weile zu und stellte fest, dass die Tafel
Werbesprüche über das Stadion blitzen ließ. Der Bulle: Ein Besen für die
ganze Familie – sicher, zuverlässig und mit eingebautem
Diebstahlschutz- Summer ... Mrs Skowers Magischer Allzweckreiniger:
Kein Fleck, kein Schreck! ... Besenknechts Sonntagsstaat —
Zaubermode — London, Paris, Hogsmeade ... Harry wandte sich mit
Mühe von der Tafel ab, um nachzusehen, wer mit ihnen zusammen in
der Loge saß. Noch war niemand da, nur ein winziges Geschöpf hockte
auf dem zweitletzten Platz am Ende der hinteren Reihe. Das Wesen, mit
so kurzen Beinen, dass sie steif aus dem Sitzpolster ragten, trug ein
Geschirrtuch wie eine Toga um den Körper geschlungen und hatte das
Gesicht in den Händen verborgen. Doch diese langen,
fledermausähnlichen Oh ren kamen ihm merkwürdig bekannt vor ...
»Dobby?«, sagte Harry ungläubig.
Das kleine Wesen sah auf und spreizte die Finger, durch die hindurch
Harry riesige braune Augen und eine Nase von genau der Form und der
Größe einer Tomate erkennen konnte. Es war nicht Dobby – es war
allerdings unverkennbar ein Hauself, wie Harrys Freund Dobby es
gewesen war. Harry hatte Dobby aus den Händen seiner Besitzer, der
Familie Malfoy, befreit.
»Haben Sie mich gerade Dobby genannt, Sir?«, piepste der Elf neugierig
zwischen d en Fingern hindurch. Seine Stimme war noch höher als die
Dobbys, ein leises, zittriges Piepsen, und Harry vermutete – auch wenn
es bei Hauselfen schwer zu sagen war - , dass er diesmal wohl eine Elfe
vor sich hatte. Auch Ron und Hermine drehten sich jetzt n eugierig um.
Zwar hatten sie von Harry viel über Dobby gehört, doch gesehen hatten

sie ihn noch nie. Selbst Mr Weasley wandte sich interessiert um.
»Verzeihung«, sagte Harry, »ich habe dich eben mit jemand verwechselt,
den ich kenne.«
»Aber kennen tu ich Dobby auch, Sir!«, piepste die Elfe. Sie hielt die
Hände vors Gesicht, als würde das Licht sie blenden, obwohl die
Ehrenloge nur schwach erleuchtet war. »Mein Name ist Winky, Sir –
und Sie, Sir – « ihre dunkelbraunen Augen verweilten auf Harrys Narbe
und wei teten sich zur Größe von Platztellern – »Sie müssen Harry Potter
sein!«
»Ja, der bin ich«, sagte Harry.
»Aber Dobby spricht immer und immer von Ihnen, Sir!«, sagte sie und
ließ von Ehrfurcht ergriffen die Hände sinken.
»Wie geht es ihm?«, fragte Harry. »Wie bekommt ihm die Freiheit?«
»Aaah, Sir«, sagte Winky kopfschüttelnd, »aah, Sir, bei aller
Wertschätzung, Sir, aber 's ist nicht sicher, ob Sie Dobby einen Gefallen
getan haben, Sir, als Sie ihn befreit haben.«
»Warum?«, sagte Harry bestürzt. »Was fehlt ih m denn?«
»Die Freiheit steigt Dobby zu Kopf, Sir«, sagte Winky traurig. »Hat zu
hohe Ansprüche, Sir. Findet keine Stelle, Sir.«
»Warum nicht?«, fragte Harry.
Winky senkte die Stimme um eine halbe Oktave und flüsterte: »Er will
für seine Arbeit bezahlt werd en, Sir.«
»Bezahlt?«, sagte Harry verdutzt. »Warum – warum sollte er nicht
bezahlt werden?«
Winky schien diese Vorstellung geradezu Entsetzen einzujagen, und ihre
Finger schlössen sich wieder, so dass ihr Gesicht nun halb verborgen
war.
»Hauselfen werden n icht bezahlt, Sir!«, sagte sie mit ersticktem Piepsen.
»Nein, nein, nein. Ich sag zu Dobby, sag ich, such dir 'ne nette Familie
und bleib dort, Dobby. Will jetzt auf einmal das süße Leben genießen,
Sir, und das bekommt einem Hauselfen nicht gut. Du treibst dich überall
rum, Dobby, sag ich, und am Ende wirst du noch ins Amt zur Führung
und Aufsicht Magischer Geschöpfe zitiert, wie ein dahergelaufener
Kobold.«
»Nun, es wird allmählich Zeit, dass er ein wenig Spaß hat«, sagte Harry.
»Hauselfen sollten keinen Spaß haben, Harry Potter«, stieß Winky

energisch hinter der Hand hervor. »Hauselfen tun, was man ihnen
befiehlt. So weit oben mag ich gar nicht sitzen, Harry Potter –«, sie warf
einen Blick zur Brüstung der Loge und würgte, » - aber mein Meister
schickt mich zur Ehrenloge, und ich gehe, Sir.«
»Warum hat er dich hier hochgeschickt, wenn er weiß, dass dir die Höhe
nicht bekommt?«, sagte Harry stirnrunzelnd.
»Meister – Meister will, dass ich ihm einen Platz besetze, Harry Potter,
er hat so viel zu tun«, sagte Winky und nickte zu dem freien Platz neben
sich. »Winky würde am liebsten wieder im Zelt vom Meister sein, Harry
Potter, aber Winky tut, was man ihr befiehlt, Winky ist eine gute
Hauselfe.«
Sie warf einen weiteren furchtsamen Blick zur Brüstung und verbarg
d ann erneut ihre Augen. Harry wandte sich den anderen zu.
»Das ist also eine Hauselfe?«, murmelte Ron. »Komische Kreaturen,
oder?«
»Dobby war noch komischer«, sagte Harry trocken.
Ron zog sein Omniglas hervor und spähte hinunter in die Menge auf der
anderen Seite des Stadions.
»Abgefahren!«, rief er und drehte am Wiederholungsknopf. »Ich kann
diesen Opa da unten noch einmal in der Nase bohren lassen ... und noch
einmal ... und noch einmal ...«
Hermine blätterte unterdessen eifrig durch ihr samtgebundenes, mit
Troddeln geschmücktes Programmheft.
»» Vor dem Spiel zeigen die Mannschaftsmaskottchen ihr Können««, las
sie laut.
»Das lohnt sich immer«, sagte Mr Weasley. »Die Nationalmannschaften
bringen nämlich Geschöpfe aus ihren Ländern mit, die vor dem Spiel
eine kleine Show einlegen.«
Im Lauf der nächsten halben Stunde füllte sich die Loge allmählich. Mr
Weasley war ständig damit beschäftigt, offenbar sehr wichtigen
Zauberern die Hand zu schütteln. Auch Percy sprang jedes Mal auf, so
dass es schien, als versuchte er, sich auf einen Igel zu setzen. Als
Cornelius Fudge, der Zaubereiminister persönlich, hereintrat, verbeugte
sich Percy so tief, dass seine Brille zu Boden fiel und zerbrach. Höchst
verlegen reparierte er sie mit dem Zauberstab; danach blieb er sitzen u nd
warf Harry, den Cornelius Fudge wie einen alten Freund begrüßte,

neidische Blicke zu. Die beiden kannten sich, und Fudge schüttelte Harry
väterlich die Hand, fragte, wie es ihm gehe, und stellte ihm die Zauberer
in seiner Begleitung vor.
» Harry Potter, wissen Sie«, verkündete er lauthals dem bulgarischen
Minister, der einen prächtigen goldbestickten Umhang aus schwarzem
Samt trug und kein Wort Englisch zu verstehen schien. »Harry Potter ...
Oh, nun aber, Sie wissen doch, wer er ist ... der Junge, der
Du -weißt- schon- wen überlebte ... gewiss kennen Sie ihn – «
Plötzlich bemerkte der bulgarische Zauberer Harrys Narbe und deutete
unter lautem Geschnatter mit dem Finger auf sie.
»Wusste doch, wir schaffen es«, sagte Fudge entnervt zu Harry gewandt.
»Ich bin kein großes Sprachgenie, für so etwas brauch ich Barty Crouch.
Aah, seine Hauselfe besetzt ihm einen Platz ... war auch nötig, diese
bulgarischen Mistkerle haben versucht, sich die besten Plätze allesamt
unter den Nagel zu reißen ... ah, und hier kommt Lucius!«
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Zu den drei noch freien
Plätzen in der zweiten Reihe direkt hinter Mr Weasley drängten sich die
alten Besitzer von Dobby, dem Hauselfen – Lucius Malfoy, sein Sohn
Draco und eine Frau, die, wie Harry vermutete, Dracos Mutter sein
musste.
Harry und Draco Malfoy waren seit ihrer ersten Reise nach Hogwarts
verfeindet. Draco, ein blasser Junge mit spitzem Gesicht und
weißblondem Haar, hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater. Auch
seine Mutter war blond; g roß und schlank wie sie war, wäre sie hübsch
gewesen, wenn sie nicht ein Gesicht gemacht hätte, als hätte sie einen
üblen Geruch in der Nase.
»Ah, Fudge«, sagte Mr Malfoy und streckte dem Zaubereiminister die
Hand entgegen. »Wie geht's? Ich glaube, meine Frau Narzissa kennen
Sie noch nicht? Und unseren Sohn, Draco?«
»Angenehm, angenehm«, sagte Fudge lächelnd und verbeugte sich vor
Mrs Malfoy. »Darf ich Ihnen Mr Oblansk vorstellen – Obalonsk – Mr –
nun ja, er ist der bulgarische Zaubereiminister, und er vers teht ohnehin
kein Wort von dem, was ich sage, also egal. Und mal sehen, wer noch –
Sie kennen Arthur Weasley, nehme ich an?«
Einen Moment lang herrschte äußerste Spannung. Mr Weasley und
Malfoy musterten sich gegenseitig, und Harry stand noch lebhaft vor

Augen, was passiert war, als sie sich das letzte Mal begegnet waren; es
war in der Buchhandlung Flourish & Blotts gewesen, und die beiden
hatten sich am Ende geprügelt. Mr Malfoys kalte graue Augen
schweiften über Mr Weasley und dann die Sitzreihe entlang.
»Meine Güte, Arthur«, sagte er leise. »Was mussten Sie denn verkaufen,
um Plätze in der Ehrenloge zu bekommen? Ihr Haus hätte sicher nicht
genug gebracht?«
Fudge, der nicht zugehört hatte, sagte: »Lucius hat soeben eine sehr
großzügige Spende für das St. -Mungo- Hospital für Magische
Krankheiten und Verletzungen gegeben, Arthur. Er ist mein Gast heute.«
»Wie – wie schön«, sagte Mr Weasley mit angespanntem Lächeln.
Mr Malfoys Augen waren zu Hermine zurückgekehrt, die leicht rosa
anlief, doch seinem Blick ents chlossen standhielt. Harry wusste genau,
warum Mr Malfoy die Lippen schürzte. Die Malfoys brüsteten sich
damit, Reinblüter zu sein; das hieß, sie hielten jeden, der von Muggeln
abstammte, wie zum Beispiel Hermine, für zweitklassig. Unter den
Augen des Zaubereiministers jedoch wagte Mr Malfoy es nicht, etwas zu
sagen. Er nickte Mr Weasley herablassend zu und ging weiter die Reihe
entlang zu seinem Platz. Draco warf Harry, Ron und Hermine einen
verächtlichen Blick zu und ließ sich zwischen Mutter und Vater nieder.
»Schleimiges Pack«, murmelte Ron, und die drei Freunde wandten sich
wieder dem Spielfeld zu. In diesem Augenblick platzte Ludo Bagman in
die Loge.
»Alle bereit?«, rief er, und sein rundes Gesicht strahlte wie ein großer,
erhitzter Edamer. »Minister – sind Sie bereit?«
»Von mir aus können Sie loslegen«, sagte Fudge gut gelaunt.
Ludo zückte seinen Zauberstab, richtete ihn gegen die eigene Kehle und
sagte: »Sonorus!« Dann erhob er die Stimme über die Wolke aus Lärm,
die das ausverkaufte Stadion erfüllte; seine Stimme hallte über dem
Publikum wider und dröhnte in jede Ritze der Tribünen: »Meine Damen
und Herren ... willkommen! Willkommen zum Endspiel der
vierhundertundzweiundzwanzigsten Quidditch -Weltmeisterschaft!«
Die Zuschauer kreischten und klatschten. Tausende von Flaggen wehten,
und die vielstimmig und falsch gesungenen Nationalhymnen steigerten
den Trubel noch. Auf der riesigen Tafel gegenüber wurde der letzte
Werbespruch gelöscht (Bertie Botts' Bohnen aller

Geschmacksrichtungen – Russisch Roulette f ür Ihre Zunge!), und nun
erschien in flammender Schrift: BULGARIEN: NULL, IRLAND:
NULL.
»Und jetzt möchte ich Ihnen ohne weiteres Brimborium unsere Gäste
vorstellen ... die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen!«
Die rechte Kurve des Stadions, ein einziger s charlachroter Block, gab
dröhnend und juchzend seine Freude kund.
»Was die wohl mitgebracht haben?«, sagte Mr Weasley und beugte sich
über die Brüstung. »Aaah!« Auf einmal riss er sich die Brille von der
Nase und putzte sie eilends an seinem Pullunder. »Ve ela!«
»Was sind Veel– ?«
Hundert Veela glitten nun hinaus über das Spielfeld und beantworteten
Harrys Frage. Veela waren Frauen ... die schönsten Frauen, die Harry je
gesehen hatte ... nur dass sie nicht – das war unmöglich ... wirkliche
Menschen sein konnt en. Harry versuchte einen Moment lang mit wirrem
Kopf zu enträtseln, was sie denn sonst sein konnten; was konnte ihre
Haut so mondhell schimmern lassen, was konnte ihr weißgoldenes Haar
so wehen lassen, wo es doch windstill war ... doch dann setzte die Mus ik
ein und Harry war es gleich, ob sie menschlich waren oder nicht – in
Wahrheit war ihm nun alles egal.
Die Veela hatten zu tanzen begonnen, und in Harrys Kopf, von allem
Störenden leer gefegt, herrschte die reine Seligkeit. Das einzig Wichtige
auf der Welt war, dass er unverwandt die Veela betrachtete, denn wenn
sie aufhörten zu tanzen, würden schreckliche Dinge geschehen ...
Und während die Veela immer schneller tanzten, begannen wilde,
unausgegorene Gedanken durch Harrys benommenen Kopf zu jagen. Er
wollte etwas sehr Beeindruckendes tun, und zwar auf der Stelle. Von der
Loge aus ins Stadion springen schien ihm eine gute Idee ... doch würde
es genügen?
»Harry, was zum Teufel tust du da?«, hörte er Hermines Stimme von
ganz, ganz fern.
Die Musik verstummte. Harry blinzelte. Er stand aufrecht, mit einem
Bein auf der Brüstung der Loge. Neben ihm war Ron in einer Haltung
erstarrt, als ob er gleich von einem Sprungbrett hüpfen wollte.
Wütende Rufe erfüllten das Stadion. Und Harry fand das richtig;
natürlich war er für Bulgarien, und er fragte sich verschwommen, warum

eine große grüne Rosette an seine Brust gepinnt war. Ron unterdessen
zerpfriemelte geistesabwesend die Kleeblätter auf seinem Hut. Mr
Weasley beugte sich mit einem milden Lächeln zu Ron hinüber und zog
ihm den Hut aus den Händen.
»Den brauchst du sicher noch«, sagte er, »sobald Irland seinen Auftritt
hat.«
»Huh?«, sagte Ron und starrte mit offenem Mund die Veela an, die sich
nun an einer Seite des Spielfelds aufgestellt hatten.
Hermine ließ ein lautes »Tss, tss« hören. Sie hob den Arm und zog Harry
zurück auf seinen Platz. »Also wirklich!«, sagte sie.
»Und nun«, dröhnte Ludo Bagmans Stimme erneut, »heben Sie bitte alle
Ihre Zauberstäbe in die Luft ... für die Maskottchen der irischen
National mannschaft!«
In diesem Augenblick schien ein großer grüngoldener Komet ins Stadion
zu rauschen. Er drehte eine Runde und teilte sich dann in zwei kleinere
Kometen, die jeweils auf eine Torseite des Spielfelds zusausten. Ein
Regenbogen spannte sich plötzlich über das Spielfeld und verband die
beiden Lichtkugeln. Die Menge rief »Oooh« und »Aaah«, wie bei einem
Feuerwerk. Nun verblasste der Regenbogen, die Lichtkugeln flogen
aufeinander zu, verschmolzen und bildeten ein großes schimmerndes
Kleeblatt, das in den Himmel stieg und über die Tribünen
hinwegschwirrte. Eine Art goldener Regen schien sich daraus zu
ergießen –
»Klasse!«, rief Ron, als das Kleeblatt über ihre Köpfe rauschte und
schwere Goldmünzen auf sie herunterregnen ließ, die über Köpfe und
Sitze kullerten. Harry spähte in die Höhe und erkannte, dass das
Kleeblatt in Wahrheit aus Tausenden kleiner Männchen mit roten
Schürzen bestand, von denen jedes eine winzige grün und rot leuchtende
Laterne hielt.
»Leprechans – irische Kobolde!«, rief Mr Weasley dur ch den tosenden
Beifall der Menge, in der viele noch immer hektisch unter ihren Sitzen
und in den Gängen nach den Goldmünzen stöberten.
»Bitte sehr«, rief Ron glücklich und drückte Harry eine Faust voll
Goldmünzen in die Hand. »Für das Omniglas! Jetzt muss t du mir doch
ein Weihnachtsgeschenk kaufen, Harry!«
Das große Kleeblatt löste sich auf, die Leprechans schwebten hinunter

auf das Feld und ließen sich mit gekreuzten Beinen gegenüber den Veela
nieder, um sich das Spiel anzusehen.
»Und jetzt, meine Damen u nd Herren, ein herzliches Willkommen für –
die bulgarische Quidditch -Nationalmannschaft! Ich sage nur –
Dimitrow!«
Eine in Scharlachrot gekleidete Gestalt auf einem Besen, die so schnell
flog, dass sie nur verschwommen zu sehen war, schoss aus einer Luke
weit unten hinaus aufs Spielfeld, und wilder Applaus der bulgarischen
Anhänger brandete auf.
»Iwanowa!«
Eine scharlachrot gewandete Spielerin sauste ins Stadion.
»Zograf! Lewski! Vulkanow! Volkow! Uuuuuund – Krum!«
»Das ist er, das ist er!«, rief Ron und fo lgte Krum mit seinem Omniglas;
rasch stellte Harry sein eigenes Glas scharf.
Viktor Krum war schlank, dunkelhaarig und fahlgesichtig, hatte eine
lange krumme Nase und dichte schwarze Augenbrauen. Er sah aus wie
ein übergroßer Raubvogel. Es war kaum zu glauben, dass er erst
achtzehn war.
»Undjetzt, begrüßen Sie bitte herzlich – die irische
Quidditch -Nationalmannschaft!«, rief Bagman. »Ich stelle vor Connolly!
Ryan! Troy! Mullet! Moran! Quigley! Uuuuund Lynch!«
Sieben nur verschwommen wahrzunehmende grüne Ges talten rasten auf
das Spielfeld; Harry drehte einen kleinen Knopf an dem Omniglas und
verlangsamte, was sich vor ihm abspielte, so dass er das Wort
»Feuerblitz« auf dem Besen jedes Spielers erkennen konnte, die ihre
Namenszüge in Silber auf den Rücken gestickt trugen.
»Und hier, aus dem fernen Ägypten, unser Schiedsrichter, der hoch
angesehene Vorstandszauberer des Internationalen Quidditchverbandes,
Hassan Mostafa!«
Ein kleiner, hagerer Zauberer, vollkommen kahlköpfig, doch mit einem
Schnurrbart, der dem O nkel Vernons Konkurrenz gemacht hätte, in
einem nichts als goldenen, zum Stadion passenden Umhang, schritt aufs
Spielfeld hinaus. Eine silberne Pfeife ragte unter seinem Schnurrbart
hervor und er trug eine große Holzkiste unter dem einen, seinen Besen
unte r dem anderen Arm. Harry drehte den Geschwindigkeitsknopf an
seinem Glas zurück auf »normal« und sah gespannt zu, wie Mostafa

seinen Besen bestieg und die Kiste mit dem Fuß aufklappte – vier Bälle
schössen in die Luft: der scharlachrote Quaffel, die beiden schwarzen
Klatscher und (Harry sah ihn nur einen kurzen Moment lang, denn er
verschwand rasend schnell) den winzigen, geflügelten Goldenen
Schnatz. Mit einem gellenden Pfiff rauschte Mostafa den Bällen nach in
die Höhe.
»Looooooos geht's!«, schrie Bagman. »Mullet am Ball! Troy! Moran!
Dimitrow! Wieder Mullet! Troy! Lewski! Moran!«
Es war ein Quidditch -Spiel, wie Harry es noch nie gesehen hatte. Er
drückte das Omniglas so fest an die Augen, dass die Fassung in seine
Nasenwurzel schnitt. Die Spieler waren un glaublich schnell – die Jäger
warfen sich den Quaffel so rasch zu, dass Bagman nur Zeit blieb, ihre
Namen zu nennen. Harry stellte den Knopf an der rechten Seite des
Omniglases auf »langsam« und sah sofort alles in Zeitlupe. Purpurn
glitzernde Buchstaben g litten nun über die Linsen, während das Toben
der Menge gegen seine Trommelfelle pochte.
»Falkenkopf -Angriff«, las er, während die drei irischen Jäger dicht
nebeneinander dahinschwebten. Troy in der Mitte, ein wenig vor Mullet
und Moran, im Angriff auf die Bulgaren. »Porskoff -Täuschung« flammte
als Nächstes auf, als Troy so tat, als wolle er mit dem Quaffel in die
Höhe schießen und damit die bulgarische Jägerin Iwanowa ablenken,
dann jedoch den Quaffel auf Moran fallen ließ. Einer der bulgarischen
Treiber, Volkow, hieb knallhart mit seinem kleinen Stock gegen einen
vorbeifliegenden Klatscher und trieb ihn auf Morans Flugbahn. Moran
duckte sich, um dem Klatscher auszuweichen, und ließ den Quaffel
fallen; Lewski, der unter ihr herflog, fing ihn auf –
»Troy tri fft!«, donnerte Bagman, und das Stadion erzitterte unter dem
rasenden Applaus und den Jubelschreien. »Zehn zu null für Irland!«
»Was?«, rief Harry und sah mit seinem Omniglas verwirrt umher. »Aber
Lewski hat doch den Quaffel!«
»Harry, wenn du nicht in norm aler Geschwindigkeit zuschaust, kriegst
du nichts mit!«, rief Hermine, die mit schlackernden Armen
umhertanzte, während Troy eine Ehrenrunde um das Stadion drehte.
Rasch blickte Harry über den Rand seines Omniglases und sah, dass die
Leprechans, die am Spielfeldrand gesessen hatten, alle aufgesprungen
waren und jetzt erneut das große, glitzernde Kleeblatt bildeten. Von der

anderen Seite des Feldes her sahen ihnen die Veela schmollend zu.
Schon wurde weitergespielt, und Harry, der sich über sich selbst ärger te,
drehte den Geschwindigkeitsknopf auf »normal« zurück.
Harry wusste genug über Quidditch, um zu erkennen, dass die irischen
Jäger erste Sahne waren. Das Team fügte sich nahtlos zusammen und
angesichts ihres Stellungsspiels konnte man meinen, sie könnten
gegenseitig ihre Gedanken lesen; die Rosette auf Harrys Brust piepste
ständig ihre Namen: »Troy – Mullet – Moran! Innerhalb von zehn
Minuten traf Irland noch zweimal und baute seine Führung auf dreißig
zu null aus, was bei den grün gekleideten Fans eine w ahre Springflut aus
Jubelschreien und Händeklatschen auslöste.
Das Spiel wurde noch schneller, doch auch härter. Volkow und
Vulkanow, die bulgarischen Treiber, schmetterten die Klatscher mit aller
Kraft gegen die irischen Jäger und waren schon im Begriff, deren beste
Züge zu vereiteln; zweimal waren sie gezwungen, sich zu zerstreuen,
und dann gelang es Iwanowa schließlich, die irischen Reihen zu
durchbrechen, dem Hüter Ryan auszuweichen und das erste Tor für
Bulgarien zu schießen.
»Finger in die Ohren!«, bellte Mr Weasley, als die Veela ihren
Freudentanz begannen. Harry drückte auch noch die Augen zu; er wollte
einen klaren Kopf für das Spiel behalten. Nach ein paar Sekunden wagte
er einen Blick auf das Spielfeld. Die Veela hatten aufgehört zu tanzen
und Bul garien war wieder im Besitz des Quaffels.
»Dimitrow! Lewski! Dimitrow! Iwanowa – oho, kann ich da nur
sagen!«, donnerte Bagman.
Hunderttausend Zauberer und Hexen stöhnten auf, als die beiden Sucher
Krum und Lynch von oben mitten durch die Reihe der Jä ger stürzten, so
schnell, dass es aussah, als wären sie ohne Fallschirme aus dem
Flugzeug gesprungen. Harry folgte ihrem Sturzflug mit seinem Omniglas
und versuchte den Schnatz zu erspähen –
»Die knallen noch auf die Erde!«, kreischte Hermine neben Harry.
Sie hatte beinahe Recht – in der allerletzten Sekunde zog sich Viktor
Krum aus dem Sturzflug und schwirrte spiralförmig in die Höhe. Lynch
jedoch krachte mit einem dumpfen Aufschlag, der im ganzen Stadion zu
hören war, auf das Feld. Ein markerschütterndes Stöhnen stieg aus den
irischen Reihen auf.

»Idiot!«, ächzte Mr Weasley. »Krum hat geblufft!«
»Auszeit!«, rief Bagman. »Die Medimagier laufen aufs Spielfeld, um
Aidan Lynch zu verarzten!«
»Er ist schon okay, ist nur reingerasselt!«, sagte Charlie beruhigend zu
Ginny, die mit schreckensstarrem Blick über der Brüstung hing. »Genau
das, was Krum wollte, natürlich ...«
Hastig drückte Harry die »Wiederholungs« - und die »Kommentar« -Taste
an seinem Omniglas, drehte am Geschwindigkeitsknopf und hielt sich
das Glas wieder vor die Augen.
Er sah noch einmal in Zeitlupe Krum und Lynch im Sturzflug.
»Wronski -Bluff – gefährliche Falle für den Sucher«, sagte die leuchtende
Purpurschrift auf der Linse. Er sah Krums in höchster Konzentration
verzerrtes Gesicht, als er sich im letzten Moment aus dem Sturzflug
herauszog, während Lynch die Platte machte, und er begriff – Krum
hatte den Schnatz überhaupt nicht gesehen, er wollte nur, dass Lynch
ihm auf den Leim ging. So hatte Harry noch nie jemanden fliegen sehen;
fast schien es, als benutzte Krum gar keinen Besen; er bewegte sich so
behände durch die Luft, als ob er nichts zum Fliegen brauchte und
schwerelos wäre. Harry stellte sein Omniglas wieder auf »normal« und
die Schärfe auf Krum ein. Hoch über Lynch, den die Medimagier gerade
mit einem Becher Zaubertrank aufpäppelten, drehte er seine Kreise.
Harry beobachtete Krums Gesicht noch genauer und konnte sehen, wie
seine dunklen Augen über den Boden in dreißig Meter Tiefe huschten. Er
nutzte die Zeit, bis Lynch wieder auf dem Besen war, um in aller Ruhe
nach dem Schnatz zu suchen.
Endlich kam Lynch unter lauten Jubelschreien der grün gekleideten
Anhänger wieder auf die Beine, bestieg seinen Feuerblitz und stieß sich
vom Boden ab. Seine Auferstehung schien Irland frischen Mut zu geben .
Als Mostafa seine Pfeife trillern ließ, legten die Jäger los, mit einer
Gewandtheit, die alles in den Schatten stellte, was Harry je gesehen
hatte.

Nach fünfzehn Minuten schnellen und furiosen Spiels war Irland mit
zehn weiteren Toren davongezogen. Die Iren führten jetzt mit
hundertdreißig zu zehn Punkten und das Spiel wurde allmählich härter.
Als Mullet wieder einmal in Richtung Tor schoss, den Quaffel fest unter
den Arm geklemmt, flog der bulgarische Hüter Zograf hinaus, um sie
abzublocken. Was imm er auch geschah, es war so rasch vorbei, dass
Harry nichts mitbekam, doch ein Wutschrei von den irischen Zuschauern
und Mostafas langer, schriller Pfiff machten ihm klar, dass ein Foul
passiert war.
»Und Mostafa knüpft sich den bulgarischen Hüter vor wegen
Schrammens – übermäßiger Einsatz der Ellbogen!«, teilte Bagman dem
aufgeheizten Publikum mit. »Und ja – es gibt einen Freiwurffür Irland!«
Die Leprechans, die wie ein Schwärm glitzernder Hornissen wütend in
die Luft gestiegen waren, als Mullet gefoult wur de, flitzten zusammen
und bildeten die Wörter: »HA HA HA!« Die Veela auf der anderen Seite
des Feldes sprangen hoch, warfen zornig das Haar in den Nacken und
begannen wieder zu tanzen.
Wie auf Zuruf steckten sich die Weasley -Jungen und Harry sofort die
Fin ger in die Ohren, doch Hermine, der die Veela schnuppe waren,
zupfte einen Augenblick später an Harrys Ärmel. Er wandte sich um und
sie zog ihm ungeduldig die Finger aus den Ohren.
»Sieh dir mal den Schiedsrichter an!«, sagte sie kichernd.
Harry sah hinunt er aufs Feld. Hassan Mostafa war direkt vor den
tanzenden Veela gelandet und gebärdete sich tatsächlich sehr
merkwürdig. Erregt ließ er seine Muskeln spielen und strich sich über
den Schnurrbart.
»Nun aber, so geht das nicht!«, sagte Ludo Bagman, klang dabei jedoch
höchst belustigt. »Jemand muss den Schiedsrichter ohrfeigen, bitte!«
Ein Medimagier, der selbst die Finger in den Ohren hatte, kam über das
Feld gerannt und kickte Mostafa scharf gegen das Schienbein. Mostafa
schien wieder zu sich zu kommen; Harr y, das Omniglas auf der Nase,
erkannte, dass er äußerst verlegen dreinsah und die Veela anschrie, die
aufgehört hatten zu tanzen und rebellisch gestikulierten.
»Und wenn ich mich nicht sehr irre, versucht Mostafa tatsächlich, die
bulgarischen Mannschaftsmaskottchen vom Platz zu schicken!«, ertönte
Bagmans Stimme. »Nun, so etwas haben wir noch nie gesehen ... oh, das

könnte ganz böse enden ...«
In der Tat: die bulgarischen Treiber Volkow und Vulka -now landeten zu
beiden Seiten Mostafas und begannen erzürnt m it ihm zu streiten; sie
gestikulierten in Richtung der Leprechans, die inzwischen die Wörter
»HEE HEE HEE« bildeten. Mostafa jedoch ließ sich von den
Argumenten der Bulgaren nicht beeindrucken; er stieß mit dem Finger in
die Luft, eine deutliche Anweisung für die Bulgaren, sich wieder
davonzumachen, und als sie sich weigerten, ließ er zwei kurze gellende
Pfiffe ertönen.
»Zwei Freiwürfe für Irland!«, rief Bagman, und die bulgarischen
Zuschauer heulten vor Wut. »Und Volkow und Vulkanow sollten jetzt
lieber wieder ihre Besen besteigen ... ja ... da fliegen sie wieder ... und
Troy holt den Quaffel ...«
Im Stadion brodelte es jetzt und die Spieler kämpften so erbittert, wie sie
es noch nie erlebt hatten. Die Treiber auf beiden Seiten ließen keine
Gnade walten: vo r allem Volkow und Vulkanow schwangen so heftig
ihre Stöcke, als wäre es ihnen gleich, ob Mensch oder Klatscher
getroffen wurde. Dimitrow schoss direkt auf Moran zu, die den Quaffel
hatte, und schlug sie fast von ihrem Besen.
»Foul!«, röhrten die irischen Fans mit einer Stimme und erhoben sich zu
einer riesigen grünen Welle.
»Foul!«, echote Ludo Bagmans magisch kraftvoll verstärkte Stimme.
»Dimitrow häutet Moran – stößt absichtlich mit ihr zusammen – und das
gibt einen weiteren Freiwurf – ja, da kommt der Pfiff!«
Die Leprechans waren erneut in die Höhe geschossen und diesmal
bildeten sie eine riesige Hand, die eine sehr wüste Geste zu den Veela
hin machte. Bei diesem Anblick verloren die Veela die Beherrschung.
Sie stürzten ü ber das Feld und bewarfen die Leprechans mit, wie es
schien, Händen voll Feuer. Harry, der das ganze Geschehen durch sein
Omniglas beobachtete, stellte fest, dass die Veela nun überhaupt nicht
mehr schön aussahen. Im Gegenteil, ihre Gesichter waren in die Länge
gezogen zu scharfen Vogelköpfen mit grausamen Schnäbeln, und nun
brachen auch noch lange, schuppige Flügel aus ihren Schultern hervor.
»Und deshalb, Jungs«, rief Mr Weasley durch den aufbrausenden Lärm
der Menge, »solltet ihr nie allein nach Schönheit gehen!«
Ministeriumszauberer strömten nun auf das Feld, um die Veela und die

Leprechans zu trennen, doch mit wenig Erfolg; unterdessen war die
offene Schlacht auf dem Feld nichts gegen das, was in der Luft vor sich
ging. Harry, das Omniglas an die Augen gepresst, konnte dem
Geschehen kaum folgen, denn der Quaffel wechselte den Besitzer mit
der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel –
»Lewski – Dimitrow – Moran – Troy – Mullet – Iwa- nowa – wieder
Moran – Moran – Moran macht ihn rein!«
Doch der Jubel der irischen Fans ging fast unter in den Schreien der
Veela, den Explosionen aus den Zauberstäben der Ministeriumsmagier
und den wütenden Rufen der Bulgaren. Das Spiel ging sofort weiter;
Lewski hatte jetzt den Quaffel, dann Dimitrow –
Der irische Treiber Quigley hieb mit aller Kraft gegen einen
vorbeifliegenden Klatscher, und Kram, der sich nicht rechtzeitig geduckt
hatte, wurde mit voller Wucht ins Gesicht getroffen.
Ein ohrenbetäubendes Stöhnen stieg von der Menge unten herauf; Krums
Nase schien platt, überall war Blut, doch Hassan Mostafa pfiff nicht. Er
war gerade abgelenkt, und Harry konnte ihm deshalb keinen Vorwurf
machen; eine Veela hatte ihm einen Feuerball entgegengeschleudert und
seinen Besenschweif in Flammen gesetzt.
Jemand muss doch sehen, dass Krum verl etzt ist, dachte Harry;
eigentlich war er für Irland, doch Krum war der aufregendste Spieler auf
dem Feld. Ron ging es offenbar genauso.
»Auszeit! Nun macht schon, er kann doch nicht spielen, so wie er
aussieht –«
»Schau dir Lynch an!«, rief Harry.
Der iri sche Sucher war plötzlich in den Sturzflug gegangen, und Harry
war sich ziemlich sicher, dass dies kein Wronski- Bluff war, hier ging es
um den Sieg ...
»Er hat den Schnatz gesehen!«, rief Harry. »Er hat ihn gesehen! Sieh
mal, wie er loslegt!«
Die Hälfte des Publikums schien erkannt zu haben, was geschah; die
irischen Anhänger erhoben sich in einer einzigen großen grünen Woge
und feuerten ihren Sucher an ... doch Krum war ihm auf den Fersen. Wie
er sehen konnte, wo er hinflog, war Harry schleierhaft; hinter ihm
spritzte Blut durch die Luft, doch jetzt holte er Lynch ein, und wieder
stürzten sich die beiden in die Tiefe –

»Die krachen noch aufs Feld!«, kreischte Hermine.
»Tun sie nicht!«, polterte Ron.
»Lynch schon!«, rief Harry.
Und er hatte Recht – zum zweiten Mal schlug Lynch mit enormer Wucht
auf die Erde und sofort trampelte eine Meute wütender Veela über ihn
hinweg.
»Der Schnatz, wo ist der Schnatz?«, brüllte ein paar Plätze weiter
Charlie.
»Er hat ihn – Krum hat ihn – das Spiel ist aus!«, rief Harry.
Kru m, dessen roter Umhang vor Blut glänzte, stieg elegant in die Höhe,
mit ausgestreckter Faust, in der es golden schimmerte.
Die Anzeigetafel ließ BULGARIEN: EINHUNDERTSECHZIG;
IRLAND: EINHUNDERTSIEBZIG in die Menge leuchten, die offenbar
noch nicht begriffe n hatte, was geschehen war. Dann, ganz allmählich,
als würde ein Jumbojet zum Start anlaufen, begannen die irischen Fans
immer lauter zu poltern und die Spannung löste sich in Freudenschreien
auf.
»Irland gewinnt!«, rief Bagman, der offenbar wie die Iren v om
plötzlichen Ende des Spiels überrascht worden war. »Krum holt den
Schnatz – aber Irland gewinnt – mein Gott, ich glaube, keiner von uns
hätte das erwartet!«
»Warum zum Teufel hat er den Schnatz gefangen?«, brüllte Ron, der vor
Freude in die Luft sprang und mit den Händen über dem Kopf Beifall
klatschte. »Dieser Idiot hat das Spiel beendet, als Irland hundertsechzig
Punkte Vorsprung hatte!«
»Er wusste, dass sie nie aufholen würden«, rief ihm Harry, ebenfalls laut
klatschend, durch den Lärm hindurch zu. »D ie irischen Jäger waren
einfach zu gut ... er wollte das Spiel beenden, wie es ihm passte, das ist
alles ...«
»Er war sehr tapfer, nicht wahr?«, sagte Hermine und beugte sich über
die Brüstung, um Krum landen zu sehen. Ein Schwärm von
Medimagiern blies die immer noch ineinander verbissenen Leprechans
und Veela beiseite und bahnte sich einen Weg zu Krum. »Er sieht
fürchterlich zermatscht aus ...«
Harry hob erneut das Omniglas an die Augen. Es war schwer
auszumachen, was dort unten geschah, weil die Leprechan s ganz

verrückt über das ganze Spielfeld sausten, doch eben noch konnte er
Krum zwischen den Medimagiern erkennen. Verdrießlicher denn je
wollte er es partout nicht zulassen, dass sie ihn flickten. Seine
Mannschaftskameraden standen kopfschüttelnd und niedergeschlagen
um ihn herum; nicht weit davon entfernt tanzten die irischen Spieler
schadenfroh unter einem Regen aus Gold, den ihre Maskottchen
niedergehen ließen. Flaggen wehten im ganzen Stadion, aus allen
Himmelsrichtungen dudelte die irische Nationalhym ne; die Veela
schrumpften jetzt wieder zu ihrer üblichen, schönen Gestalt, doch sahen
sie nun bedrückt und elend aus.
»Jaha, wir habe mutige gekämpft«, sagte eine traurige Stimme hinter
Harry. Er drehte sich um; es war der bulgarische Zaubereiminister.
»Si e sprechen ja Englisch!«, sagte Fudge empört. »Und ich hab den
ganzen Tag lang den Kasper für Sie gemacht!«
»Jaha, es wäre jedefalls serr lustik«, sagte der bulgarische Minister
achselzuckend.
»Und während die irischen Spieler, begleitet von ihren Maskottchen,
eine Ehrenrunde drehen, wird der QuidditchWeltmeisterschaftspokal in
die Ehrenloge gebracht«, donnerte Bagman.
Harry wurde jäh von einem gleißend weißen Licht geblendet; die
Ehrenloge lag in magischer Helle da, so dass unten auf den Tribünen alle
sehen konnten, was geschah. Er blinzelte zum Eingang hin und sah zwei
keuchende Zauberer einen riesigen goldenen Pokal in die Loge tragen
und ihn Cornelius Fudge aushändigen. Fudge schien immer noch sauer,
weil er den ganzen Tag sinnloserweise die Zeichensprache verwendet
hatte.
»Bitte einen ganz herzlichen Beifall für die edlen Verlierer –
Bulgarien!«, rief Bagman.
Und die Treppe hoch in die Loge kamen die sieben geschlagenen
bulgarischen Spieler. Die Menge klatschte anerk ennend Beifall; Harry
sah Tausende von Omnigläsern zur Loge herüberblitzen und - blinken.
Einer nach dem anderen gingen die Bulgaren durch die Sitzreihen, und
Bagman rief laut den Namen eines jeden Spielers, während sie ihrem
Minister und dann Fudge die Han d schüttelten. Krum, der Letzte in der
Schlange, sah völlig geplättet aus. Zwei Veilchen blühten prächtig auf
seinem blutunterlaufenen Gesicht. Immer noch hielt er den Schnatz in

der Hand. Harry fiel auf, dass er sich auf festem Grund weit unsicherer
bewegte als in der Luft. Er watschelte ein wenig und ließ unverkennbar
die Schultern hängen. Doch als Krums Name ausgerufen wurde,
schenkte ihm das ganze Stadion ein tosendes, ohrenzerfetzendes Brüllen.
Und dann kam das irische Team. Moran und Connolly stützten Aidan
Lynch; seit dem zweiten Sturz schien er ein wenig weggetreten und die
Augen sahen merkwürdigerweise in verschiedene Richtungen. Doch
grinste er glücklich, als Troy und Quigley den Pokal in die Höhe hoben
und die Menge unten donnernd ihre Anerkennung kundtat. Harrys Hände
waren vom vielen Klatschen schon taub.
Endlich, als das irische Team die Loge verlassen hatte und eine weitere
Besenrunde durch das Stadion drehte (Aidan Lynch machte den Sozius
bei Connolly, die Arme fest um dessen Bauch geschlungen und immer
noch leicht verwirrt grinsend) – nun endlich richtete Bagman den
Zauberstab auf seine Kehle und murmelte: »Quietus.«
»Darüber wird man noch in vielen Jahren reden«, sagte er heiser, »eine
wirklich unerwartete Wendung war das ... schade, dass es nicht länger
gedauert hat ... ah ja ... ja, ich schulde euch ... wie viel?«
Fred und George waren soeben über die Rückenlehnen ihrer Sitze
gestolpert und standen nun breit grinsend und mit ausgestreckten Händen
vor Ludo Bagman.

Das Dunkle Mal


»Sagt bloß kein Wort zu eurer Mutter, dass ihr euer ganzes Geld
verwettet habt«, schärfte Mr Weasley Fred und George ein, während sie
langsam die mit purpurrot bespannte Treppe hinabstiegen.
»Mach dir keine Sorgen, Dad«, sagte Fred mit hinterlistigem Grinsen,
»wir h aben mit dem Geld was Großes vor und wollen nicht, dass es
beschlagnahmt wird.«
Mr Weasley schien einen Augenblick lang nach diesen großen Plänen
fragen zu wollen, nach kurzer Überlegung jedoch zu beschließen, es
lieber nicht so genau wissen zu wollen.
Bald schwammen sie mit in den Scharen von Hexen und Zauberern, die
aus dem Stadion hinausquollen, zurück zu den Zeltplätzen. Sie gingen
den laternenbeschienenen Weg entlang, den sie gekommen waren; mit
der nächtlichen Brise waberten heisere Gesänge an ihre Oh ren, und
immer wieder schwirrten irische Kobolde giggelnd und Laternen
schwingend über ihre Köpfe hinweg. Als sie endlich zu ihren Zelten
gelangten, hatte niemand Lust schlafen zu gehen, und da um sie herum
ohnehin noch lautes Treiben herrschte, erlaubte ihnen Mr Weasley vor
dem Schlafengehen noch eine letzte Tasse Kakao. Es dauerte nicht lange,
und sie stritten sich ausgelassen über das Spiel; Mr Weasley und Charlie
gerieten sich wegen der Rempelei in die Haare, und erst als Ginny an
dem kleinen Tisch plötzlich wegnickte und die heiße Schokolade über
den Boden verschüttete, gebot Mr Weasley den wortgewaltigen
Spieldiskussionen Einhalt und schickte alle zu Bett. Hermine und Ginny
gingen ins Zelt nebenan und Harry und die übrigen Weasleys schlüpften
in ihre P yjamas und kletterten in die Schlafkojen. Von der anderen Seite
des Zeltplatzes wehte immer noch Gesang herüber und gelegentlich war
ein laut in der Nacht widerhallender Knall zu hören.
»Meine Güte, bin ich froh, dass ich nicht im Dienst bin«, murmelte Mr
Weasley schläfrig. »Ich kann mir was Schöneres vorstellen als dort
rüberzugehen und den Iren zu sagen, sie sollen aufhören zu feiern.«
Harry, der in der Koje über Ron lag, starrte die Zeltdecke an, durch die
hin und wieder die Laterne eines vorbeifliegenden Kobolds schimmerte.
Noch einmal führte er sich Krums tollste Spielzüge vor Augen. Es juckte

ihn, auf seinen eigenen Feuerblitz zu steigen und den Wronski-Bluff
selbst auszuprobieren ... irgendwie hatte es Oliver Wood mit all seinen
kurvenreichen Schaubildern nie richtig geschafft zu zeigen, wie dieser
Zug aussehen musste ... Harry sah sich selbst in einen Umhang gehüllt,
der seinen Namen auf dem Rücken trug, und stellte sich das Gefühl vor,
eine hunderttausendköpfige Menge brüllen zu hören, während Ludo
B agmans Stimme durch das Stadion hallte: »Und hier kommt ... Potter!«
Harry konnte später nicht sagen, ob er eingenickt war oder nicht – seine
lebhaften Vorstellungen, wie Krum fliegen zu können, mochten durchaus
zu ausgewachsenen Träumen geworden sein - , er wusste nur, dass er
plötzlich Mr Weasley rufen hörte.
»Steht auf! Ron – Harry – schnell, steht auf, das ist kein Scherz!«
Harry setzte sich rasch auf und stieß mit dem Kopf gegen die Zeltdecke.
»Was'n los?«, sagte er.
Er ahnte dunkel, dass etwas nicht stimmte. Die Geräusche im Zeltlager
hatten sich verändert. Die Gesänge waren verstummt. Er konnte Schreie
hören und hastiges Fußgetrappel.
Er rutschte aus seiner Koje, griff nach seinen Kleidern, doch Mr
Weasley, der eine Jeans über den Pyjama gezogen hatte, hielt ihn auf:
»Keine Zeit, Harry – wirf nur rasch eine Jacke über und geh raus –
schnell!«
Harry tat wie ihm geheißen und krabbelte dicht gefolgt von Ron aus dem
Zelt.
Im Licht der noch brennenden Feuer sah er Leute in den Wald ren nen,
offenbar auf der Flucht vor etwas, das über das Feld auf sie zukam,
etwas, das merkwürdige Lichtblitze schleuderte und lärmte wie
Gewehrfeuer. Lautes Gejohle, dröhnendes Lachen und die Schreie von
Betrunkenen wehten zu ihnen her; dann flammte jäh ein starkes grünes
Licht auf und erhellte das Geschehen.
Eine Gruppe von Zauberern, dicht aneinander gedrängt und mit zum
Himmel gereckten Zauberstäben, marschierte im Gleichschritt langsam
über das Feld. Harry spähte zu ihnen hinüber ... sie schienen keine
Gesichter zu haben ... dann erkannte er, dass sie Kapuzen über die Köpfe
gezogen und ihre Gesichter maskiert hatten. Hoch über ihnen, mitten in
der Luft schwebend, sah er vier verzweifelt strampelnde, grotesk
verzerrte Gestalten. Es kam ihm vor, als wären die maskierten Zauberer

auf dem Feld Puppenspieler und die Menschen über ihnen Marionetten
an unsichtbaren Fäden, die von den Zauberstäben aus in die Höhe
stiegen. Zwei der Gestalten waren sehr klein.
Andere Zauberer schlössen sich der marschierenden Gruppe an, johlend
und mit den Zauberstäben nach oben zu den schwebenden Körpern
deutend. Die Menge schwoll an, Zelte auf dem Weg wurden umgerissen
und niedergetrampelt. Hin und wieder beobachtete Harry, wie einer der
Marschierer mit dem Zauberstab ein Zelt aus d em Weg blies. Einige
fingen Feuer. Das Schreien wurde lauter.
Flammen, die aus einem Zelt schlugen, beleuchteten plötzlich die in der
Höhe schwebenden Menschen, und Harry erkannte einen von ihnen – es
war Mr Roberts, der Aufseher des Zeltlagers. Die anderen drei sahen aus,
als könnten sie seine Frau und seine Kinder sein. Einer der Vermummten
ließ Mrs Roberts kopfüber kippen; ihr Nachthemd rutschte herunter und
enthüllte ihre bauschigen Schlüpfer; unter dem höhnischen Kreischen
und Johlen der Menge am Boden versuchte sie verzweifelt, ihre Blöße zu
bedecken.
»Das ist widerlich«, murmelte Ron und beobachtete, wie das kleinste
Muggelkind zwanzig Meter über der Erde wie ein Kreisel zu wirbeln
begann, das Köpfchen wehrlos von der einen auf die andere Schulter
sch lagend. »Das ist wirklich widerlich ...«
Hermine und Ginny, die sich hastig Mäntel über ihre Nachthemden
zogen, kamen auf sie zugerannt, dicht gefolgt von Mr Weasley. In
diesem Moment kamen Bill, Charlie und Percy aus dem Jungenzelt,
angezogen, mit hochger ollten Ärmeln und gezückten Zauberstäben.
»Wir helfen den Ministeriumsleuten«, rief Mr Weasley durch den Lärm
und rollte nun ebenfalls die Ärmel hoch. »Und ihr – verschwindet in den
Wald und bleibt zusammen.«
Schon liefen Bill, Charlie und Percy den näher kommenden
Marschierern entgegen; Mr Weasley eilte ihnen nach. Aus allen
Himmelsrichtungen rannten die Zauberer des Ministeriums auf die
Quelle des Aufruhrs zu. Immer näher kam der Haufen, über dem die
Familie Roberts in der Luft schwebte.
»Schnell«, sagte Fred, packte Ginny am Arm und zog sie zum Wald.
Harry, Ron, Hermine und George folgten ihnen. Als sie unter den
Bäumen angelangt waren, blickten sie zurück. Die Schar unter der

Familie Roberts war weiter angeschwollen; sie konnten erkennen, wie
die Ministeriumszauberer zu den Vermummten vorzudringen versuchten,
doch offenbar hatten sie größte Schwierigkeiten. Es schien, als
fürchteten sie, ein Zauberspruch aus der Menge würde die
Roberts-Familie zu Boden stürzen lassen.
Die bunten Laternen am Weg zum Stadio n waren erloschen. Dunkle
Gestalten trieben sich zwischen den Bäumen herum; Kinder weinten;
angsterfüllte Rufe und panische Schreie waberten durch die kalte
Nachtluft. Harry spürte, wie er von Leuten, deren Gesichter er nicht
sehen konnte, herumgeschubst w urde. Dann schrie Ron vor Schmerz auf.
»Was ist passiert?«, sagte Hermine erschrocken und blieb so plötzlich
stehen, dass Harry gegen sie prallte. »Ron, wo bist du? Oh, ist das
bescheuert – Lumos!«
Sie ließ ihren Zauberstab aufleuchten und richtete den dün nen
Lichtstrahl auf den Weg. Ron lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem
Boden.
»Bin über eine Baumwurzel gestolpert«, sagte er wütend und rappelte
sich auf.
»Mit solchen Riesenfüßen ist das auch kein Wunder«, sagte eine
schnarrende Stimme hinter ihnen .
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Draco Malfoy stand ein
wenig entfernt von ihnen an einen Baum gelehnt, allein und in
vollkommen entspannter Haltung. Offenbar hatte er das Geschehen auf
dem Zeltplatz mit verschränkten Armen durch eine Lücke in den
Bäumen hindurch beobachtet.
Ron schleuderte Malfoy etwas entgegen, das er, wie Harry wusste, vor
Mrs Weasley nie zu sagen gewagt hätte.
»Zügle dein Mundwerk, Weasley«, sagte Malfoy mit einem Glitzern in
den fahlen Augen. »Solltet ihr jetzt nicht besser verschwinden? Ihr wollt
doch nicht, dass man die hier sieht, oder?«
Er nickte zu Hermine hinüber, und in diesem Moment hörten sie vom
Zeltplatz her einen Knall wie von einer Bombe, und für einen
Augenblick erhellte ein grüner Lichtblitz die Bäume um sie her.
»Was soll das denn heißen«, sagte Hermine herausfordernd.
»Die sind hinter Muggeln her, Granger«, sagte Malfoy. »Willst du
vielleicht mitten in der Luft dein Höschen vorzeigen ... sie kommen in

diese Richtung, und das wär doch für uns alle ein Riesenspaß.«
»Hermine ist eine Hexe«, knurrte Harry.
»Wie du meinst, Potter«, sagte Malfoy heimtückisch grinsend. »Wenn du
glaubst, die könnten eine Schlammblüterin nicht erkennen, dann bleibt,
wo ihr seid.«
»Pass auf, was du sagst!«, rief Ron. Alle Beteiligten wussten, dass
»Schlammblüter« ein sehr verletzender Ausdruck für eine Hexe oder
einen Zauberer mit Muggeleltern war.
»Lass ihn reden, Ron«, warf Hermine ein und packte Ron, der einen
Schritt auf Malfoy zutrat, beschwichtigend am Arm.
Von jenseits der Bäume hörten sie einen Knall, der lauter war als alles
Bisherige. Einige im Umkreis schrien auf.
Malfoy kicherte leise. »Ihr kriegt es leicht mit der Angst zu tun, oder?
Bestimmt hat Daddy gesagt, ihr sollt euch alle verstecken? Was hat er
vor – will er die Muggel r etten?«
»Wo sind deine Eltern?«, sagte Harry nun schon zorniger. »Dort drüben,
nicht wahr, und zwar maskiert?«
Immer noch lächelnd wandte Malfoy das Gesicht Harry zu. »Nun, selbst
wenn es so wäre, Potter, würde ich es doch nicht ausgerechnet dir
erzählen?«
»Ach, lasst ihn«, sagte Hermine mit einem ekelerfüllten Blick auf
Malfoy, »gehen wir lieber die anderen suchen.«
»Und versteck besser deinen großen buschigen Kopf, Granger«, höhnte
Malfoy.
»Lasst ihn doch«, wiederholte Hermine und zerrte Harry und Ron auf
den Weg zurück.
»Ich wette mit euch, dass sein Dad einer von diesen maskierten Banditen
ist«, sagte Ron empört.
»Mit ein wenig Glück wird das Ministerium ihn kriegen!«, sagte
Hermine erhitzt. »Nein, ich fass es nicht, wo stecken den n die anderen?«
Auf dem Weg herrschte ein großes Gedränge. Menschen warfen nervöse
Blicke zum Treiben auf dem Zeltplatz, doch von Fred, George und
Ginny war weit und breit keine Spur.
Ein Stück weiter trafen sie auf einen Schwärm Teenager, die sich
lautstark und aufgeregt über etwas stritten. Als sie Harry, Ron und
Hermine sahen, wandte sich ein Mädchen mit dichtem Lockenhaar um

und sagte schnell: »Oü est Madame Maxime? Nous l'avons perdue –«
»Ähm – was?«, sagte Ron.
»Oh ...«, das Mädchen, das gesprochen ha tte, kehrte ihm den Rücken zu,
und als sie weitergingen, hörten sie deutlich, wie sie »Ogwarts« sagte.
»Beauxbatons«, murmelte Hermine.
»Wie bitte?«, sagte Harry.
»Das müssen Beauxbatons sein«, sagte Hermine. »Ihr wisst doch ...
Beauxbatons, Akademie für Z auberei ... Ich hab davon im Handbuch der
europäischen Magierausbildung gelesen.«
»Oh ... ja ... natürlich«, sagte Harry.
»Fred und George können nicht so weit gekommen sein«, sagte Ron,
zückte den Zauberstab und ließ den Lichtstrahl neben dem Hermines den
Pfad entlangwandern. Harry grub in der Jackentasche nach seinem
Zauberstab – doch er fand nur das Omniglas.
»Aah, nein, so ein Mist ... ich hab meinen Zauberstab verloren!«
»Machst du Witze?«
Ron und Hermine hoben ihre Zauberstäbe, um das spärliche Licht besser
auf dem Boden zu verteilen; Harry suchte überall, wo er gestanden hatte,
doch sein Zauberstab war nirgends zu sehen.
»Vielleicht hast du ihn im Zelt gelassen«, sagte Ron.
»Vielleicht ist er dir aus der Tasche gefallen, als wir gerannt sind?«,
überlegte Hermine beklommen.
»Jaah«, sagte Harry, »vielleicht ...«
Normalerweise trug er seinen Zauberstab immer bei sich, wenn er in der
Zaubererwelt war, und nun, da er inmitten dieses brenzligen Geschehens
ohne ihn dastand, fühlte er sich ziemlich schutzlos.
Ein Geraschel ließ sie alle zusammenzucken. Winky, die Hauselfe,
strampelte mühsam aus einem dichten Buschgeflecht am Wegrand
hervor. Sie bewegte sich äußerst merkwürdig, offenbar fiel es ihr sehr
schwer zu gehen; es war, als ob etwas Unsichtbares sie festhalten würde.
»Böse Zauberer sind überall!«, piepste sie verwirrt, während sie sich
nach vorn beugte und mit aller Kraft zu laufen versuchte. »Leute oben –
hoch oben in der Luft! Winky macht sich besser aus dem Staub!«
Und sie verschwand zwischen den Bäumen auf der anderen Seite des
Weges, keuchend und piepsend gegen die Kraft ankämpfend, die sie
zurückhielt.

»Was ist denn mit der los?«, sagte Ron und sah Winky neugierig nach.
»Warum kann sie nicht richtig laufen?«
»Wahrscheinlich hat sie nicht gefragt, ob sie sich verstecken darf«, sagte
Harry. Er dachte an Dobby: Jedes Mal, wenn er versucht hatte etwas zu
tun, was die Malfoys nicht mochten, spürte er den unwiderstehlichen
Drang, sich selbst zu verprügeln.
»Ihr wisst ja, mit den Hauselfen springen sie ganz übel um!«, sagte
Hermine entrüstet. »Das ist Sklaverei, nichts anderes! Dieser Mr Crouch
hat sie gezwungen, auf die höchste Tribüne zu steigen, wo sie doch
furchtbare Angst hatte, und er hat sie verhext, so dass sie nicht einmal
wegrennen kann, wenn sie an fangen die Zelte niederzutrampeln! Warum
unternimmt eigentlich niemand was dagegen?«
»Was willst du, die Elfen sind doch glücklich, oder etwa nicht?«, sagte
Ron. »Du hast doch vorhin beim Spiel die gute alte Winky gehört ... »
Hauselfen sollen keinen Spaß haben« ... herumkommandiert werden ist
doch genau das, was sie mag ...«
»Es sind solche Leute wie du, Ron«, platzte Hermine aufgebracht los,
»die morsche und ungerechte Ordnungen auch noch stützen, nur weil ihr
zu lasch seid, um ...«
Wieder knallte es laut vom Waldrand her.
»Lasst uns lieber weitergehen!«, sagte Ron, und Harry bemerkte, wie er
Hermine einen nervösen Blick zuwarf. Vielleicht war etwas dran an dem,
was Malfoy gesagt hatte; vielleicht war Hermine tatsächlich in größerer
Gefahr als er und Ro n. Während Harry immer noch seine Taschen
durchwühlte, obwohl er wusste, dass sein Zauberstab nicht da war,
machten sie sich wieder auf die Beine.
Immer tiefer in den Wald hinein folgten sie dem dunklen Weg, ständig
auf der Ausschau nach Fred, George und G inny. Sie kamen an einer
Gruppe Leprechans vorbei, die kichernd einen Sack Gold begutachteten,
den sie zweifellos bei einer Wette gewonnen hatten, und die von dem
Aufruhr auf dem Zeltplatz völlig unberührt schienen. Noch ein Stück
weiter sahen sie einen Fleck silbrigen Lichts, und als sie durch die
Bäume spähten, sahen sie drei große, schöne Veela auf einer Lichtung
stehen, umringt von einer laut schnatternden Schar Zauberer.
»Ich mach ungefähr hundert Sack Galleonen im Jahr«, rief einer von
ihnen. »Ich bin ein Drachentöter beim Kommando für die Beseitigung

Gefährlicher Geschöpfe.«
»Nein, red keinen Stuss«, rief sein Freund, »du bist Tellerwäscher im
Tropfenden Kessel ... aber ich bin ein Vampirjäger, ich hab schon an die
neunzig Stück erlegt – «
Ein dritter junger Zauberer, dessen Pickel selbst in dem schwachen,
silbrigen Licht der Veela zu erkennen waren, meldete sich nun zu Wort:
»Ich werde demnächst zum jüngsten Zaubereiminister aller Zeiten
ernannt, wisst ihr.«
Harry schnaubte vor Lachen. Er erkannte den pickligen Zauberer; sein
Name war Stan Shunpike, und er war in Wirklichkeit Schaffner im
Fahrenden Ritter, einem dreistöckigen Bus.
Er wandte sich um und wollte Ron davon erzählen, doch Rons
Gesichtszüge waren merkwürdig schlaff geworden, und schon fing er an
zu rufen: »Wisst ihr schon, dass ich einen Besen erfunden habe, mit dem
man zum Jupiter fliegen kann?«
»Also wirklich!«, sagte Hermine von neuem, und sie und Harry packten
Ron fest an den Armen, zerrten ihn herum und zogen mit ihm davon.
Allmählich ers tarb das Geschnatter der Veela- Verehrer und nun waren
sie im Herzen des Waldes. Um sie her war es fast still, sie waren nun
offenbar ganz allein.
Harry blickte sich um. »Ich schätze, wir können einfach hier warten, hier
hören wir jeden, auch wenn er noch m eilenweit entfernt ist.«
Kaum hatte er den Mund zugemacht, als hinter einem Baum direkt vor
ihrer Nase Ludo Bagman auftauchte.
Selbst in dem schwachen Licht der beiden Zauberstäbe konnte Harry
erkennen, dass Ludos Erscheinung sich deutlich gewandelt hatte. Er
wirkte nun nicht mehr schwungvoll und rosig und auch sein Schritt
federte nicht mehr. Er sah käseweiß und angespannt aus.
»Wer da?«, sagte er und versuchte blinzelnd ihre Gesichter zu erkennen.
»Was treibt ihr hier ganz alleine mitten im Wald?«
Sie sah en sich überrascht an.
»Nun – es gibt eine Art Aufruhr«, sagte Ron.
Bagman starrte ihn an. »Was?«
»Auf dem Zeltplatz ... einige Leute haben sich eine Muggelfamilie
geschnappt ...«
Bagman fluchte laut. »Verdammtes Pack!«, sagte er, offenbar recht

beunruhigt. Und ohne ein weiteres Wort zu sagen disapparierte er mit
einem leisen Plopp.
»Nicht gerade auf dem Laufenden, Mr Bagman, oder?«, sagte Hermine
stirnrunzelnd.
»Immerhin war er mal ein großer Treiber«, sagte Ron und führte sie den
Pfad entlang zu einer kleinen Lichtung, wo er sich auf einem Fleck
trockenen Grases unter einen Baum setzte. »Die Wimbourner Wespen
haben dreimal in Folge die Meisterschaft gewonnen, als er bei ihnen
gespielt hat.«
Er holte die kleine Nachbildung von Krum aus der Tasche, setzte si e auf
die Erde und sah ihr eine Weile beim Herumgehen zu. Wie der echte
Krum watschelte das Modell ein wenig und ließ die Schultern hängen,
und auf seinen gespreizten Füßen war es bei weitem nicht so
beeindruckend wie auf dem Besen. Harry lauschte auf Geräusche, die
vom Zeltplatz herüberwehten. Es schien alles ruhig, vielleicht war der
Aufruhr vorüber.
»Ich hoffe, den anderen geht es gut«, sagte Hermine nach einer Weile.
»Wird schon«, sagte Ron.
»Stell dir vor, dein Dad nimmt Lucius Malfoy fest«, sagte Harr y, ließ
sich neben Ron nieder und beobachtete, wie die kleine Krum -Figur über
die heruntergefallenen Blätter schlurfte. »Er hat ja immer gesagt, er
würde ihm gerne etwas nachweisen können.«
»Dann würde dem ollen Draco das blöde Grinsen vergehen«, sagte Ron .
»Mir tun diese armen Muggel Leid«, sagte Hermine nervös. »Was ist,
wenn sie es nicht schaffen, sie sicher herunterzuholen?«
»Das werden sie schon«, sagte Ron beruhigend, »irgendwie schaffen sie
es.«
»Verrückt ist es schon, so etwas zu tun, wenn das ganze
Zaubereiministerium hier draußen auf den Beinen ist!«, sagte Hermine.
»Meinen die vielleicht, sie kommen einfach so davon? Glaubt ihr, sie
haben sich betrunken, oder sind sie nur – «
Doch jäh brach sie ab und blickte über die Schulter. Auch Harry und Ron
wandten sich um. Es klang, als ob jemand auf ihre Lichtung zustolperte.
Gebannt lauschten sie auf die unregelmäßigen Schritte hinter den
Bäumen. Doch die Schritte hierten plötzlich inne.
»Hallo?«, rief Harry.

Stille. Harry stand auf und spähte durch die Bäume. Es war zu dunkel,
um weit sehen zu können, doch er spürte deutlich, dass dort in der
Dunkelheut jemand stand.
»Wer ist da?«, rief er.
Und dann, ohne Vorwarnung, zeriss eine Stime die Stille, wie er sie hier
im Wald noch nicht gehört hatte; doch es war kein panischer Schrei,
sondern etwas, das wie ein Zauberspruch klang.
»Morsmordre!«
Und etwas Riesiges, grün und glitzernd, brach aus den Schatten hervor,
die Harrys Augen hatten durchdringen wollen; es stieg über die
Baumspitzen hinaus und hoch an den Hi mmel.
»Was zum – ?«, keuchte Ron, sprang auf die Beine und starrte auf das
Etwas, das dort oben erschienen war.
Einen Augenblick lang dachte Harry, die irischen Kobolde hätten sich zu
einer neuen Gestalt zusammengefügt. Dann erkannte er, dass es ein
riesiger Totenkopf war, der, wie es schien, aus smaragdgrünen Sternen
bestand. Und aus der Mundhöhle des Schädels quoll, wie eine Zunge,
eine Schlange hervor. Sie sahen zu, wie der Schädel immer höher stieg,
in grünlichen Dunst getaucht, doch strahlend hell, auf den schwarzen
Himmel geprägt wie ein neues Gestirn.
Plötzlich war der Wald um sie her ein Meer von Schreien. Harry wusste
nur, dass der einzige Grund dafür das plötzliche Erscheinen des
Totenschädels sein konnte, der nun so hoch gestiegen war, dass er den
ganzen Wald erleuchtete wie ein grauenhaftes Neonschild. Er suchte in
der Dunkelheit nach dem Beschwörer des Schädels, doch er sah
niemanden.
»Wer ist da?«, rief er noch einmal.
»Harry, komm, wir hauen ab!« Hermine hatte ihn hinten an der Jacke
gepackt und zerrte ihn rücklings fort.
»Was ist los?«, fragte Harry und sah bestürzt in ihr weißes, verängstigtes
Gesicht.
»Es ist das Dunkle Mal, Harry!«, keuchte Hermine und zerrte ihn mit
aller Kraft fort. »Das Zeichen von Du -weißtschon -wem!«
»Voldemorts –?«
»Harr y, komm schon!«
Harry wandte sich jetzt um – Ron packte hastig seinen kleinen Krum ein

– und die drei machten sich auf den Weg über die Lichtung – doch nach
nur wenigen hastigen Schritten verriet ihnen ein leises Plopp nach dem
anderen, dass zwanzig Zauber er aus dem Nichts aufgetaucht waren und
sie umzingelten.
Harry wirbelte herum, und im Bruchteil einer Sekunde erkannte er eines:
Jeder dieser Zauberer hatte seinen Zauberstab gezückt, und die
Zauberstäbe waren auf ihn, Ron und Hermine gerichtet. Ohne weite r
nachzudenken schrie er: »Deckung!«, packte die anderen beiden und riss
sie zu Boden.
»Stupor!«, donnerten zwanzig Stimmen – es gab ein blendendes
Blitzgeprassel und Harry spürte, wie sich das Haar auf seinem Kopf
kräuselte, als ob ein kräftiger Wind über die Lichtung fegte. Er hob den
Kopf nur wenige Zentimeter und sah rote Feuerstöße aus den Stäben der
Zauberer über sie hinwegflammen, sich kreuzen, von Baumstämmen
abprallen und sich in der Dunkelheit verlieren –
»Aufhören!«, schrie eine Stimme, die er kannte. »Stopp! Das ist mein
Sohn!«
Der Wind, der Harrys Haar zerzaust hatte, legte sich. Er hob den Kopf
ein wenig höher. Der Zauberer vor ihm hatte seinen Stab gesenkt. Harry
setzte sich auf und sah Mr Weasley mit entsetztem Gesicht auf sie
zugehen.
»Ron – Harry –«, seine Stimme zitterte, » - Hermine -seid ihr verletzt?«
»Aus dem Weg, Arthur«, herrschte ihn eine kalte Stimme an.
Es war Mr Crouch. Er und die anderen Ministeriumszauberer zogen den
Kreis um sie enger. Harry stand auf, um sich ihnen entgegenzustellen.
Mr Crouchs Gesicht war wutverzerrt.
»Wer von Ihnen hat es getan?«, bellte er, und seine scharfen Augen
blitzten zwischen ihnen hin und her. »Wer von Ihnen hat das Dunkle Mal
heraufbeschworen?«
»Das waren wir nicht!«, sagte Harry und deutete mit der Hand hoch zum
Schädel.
»Wir haben überhaupt nichts getan!«, sagte Ron, rieb sich den Ellbogen
und sah entrüstet seinen Vater an. »Warum habt ihr uns angegriffen?«
»Lügen Sie nicht, Sir!«, rief Mr Crouch. Sein Zauberstab war immer
noch direkt auf Ron gerich tet und seine Augen quollen hervor – so
wirkte er leicht übergeschnappt. »Sie sind am Tatort entdeckt worden!«

»Barty«, flüsterte eine Hexe in einem langen wollenen Morgenrock, »das
sind doch noch Kinder, Barty, die wären doch nie in der Lage –«
»Wo kam de nn das Mal her, ihr drei?«, warf Mr Weasley rasch ein.
»Von da drüben«, sagte Hermine zitternd und deutete auf die dunkle
Stelle, wo die Stimme hergekommen war, »da war jemand hinter den
Bäumen ... er hat laut gesprochen - eine Beschwörung –«
»O h, stand also da drüben, nicht wahr?«, sagte Mr Crouch und wandte
seine hervorquellenden Augen Hermine zu; dass er ihr nicht glaubte,
stand ihm im Gesicht geschrieben. »Hat eine Beschwörung gesprochen,
soso? Sie scheinen sehr gut zu wissen, wie das Mal auf gerufen wird,
Fräulein –«
Doch keiner der Ministeriumszauberer außer Mr Crouch schien es
überhaupt für denkbar zu halten, dass Harry, Ron oder Hermine den
Schädel heraufbeschworen hatte; im Gegenteil, bei Hermines Worten
hoben sie alle wieder ihre Zauberstäbe, spähten durch die Nacht und
richteten sie auf die besagte Stelle.
»Zu spät«, sagte die Hexe in dem wollenen Morgenrock kopfschüttelnd.
»Die sind bestimmt schon disappariert.«
»Da bin ich anderer Meinung«, sagte ein Zauberer mit stoppligem
braunem Bart . Es war Amos Diggory, Cedrics Vater. »Unsere Schocker
sind doch direkt durch diese Bäume geflogen ... vielleicht haben wir sie
sogar erwischt ...«
»Sei vorsichtig, Amos!«, warnten einige Umstehende, als Mr Diggory
die Schultern straffte, den Zauberstab au sstreckte und die Lichtung
überquerte. Die Hände an den Mund gepresst sah Hermine ihn in den
Schatten verschwinden.
Sekunden später hörten sie Mr Diggory rufen.
»Ja! Wir haben sie! Hier ist jemand! Bewusstlos! Es ist aber – du meine
Güte ...«
»Sie haben je manden?«, rief Mr Crouch mit zweifelndem Unterton.
»Wen? Wer ist es?«
Sie hörten Zweige knacken und Blätter rascheln und dann die
knirschenden Schritte Mr Diggorys, der wieder zwischen den Bäumen
auftauchte. Er trug eine kleine, schlaffe Gestalt in den Arm en. Harry
erkannte sofort das Geschirrtuch. Es war Winky.
Mr Crouch schien zu Eis gefroren, als ihm Mr Diggory die Elfe vor die

Füße legte. Die anderen Ministeriumszauberer starrten allesamt Mr
Crouch an. Ein paar Sekunden lang blieb er wie gebannt stehen, die
lodernden Augen auf die am Boden liegende Winky gerichtet.
»Das – kann – nicht – sein«, stieß er abgehackt hervor. »Nein – «
Plötzlich ging er schnell um Mr Diggory herum und marschierte auf die
Stelle zu, wo dieser Winky gefunden hatte.
»Hat keinen Zweck, Mr Crouch«, rief ihm Mr Diggory nach. »Mehr sind
nicht da.«
Doch Mr Crouch schien ihm nicht glauben zu wollen. Sie konnten ihn
blätterraschelnd zwischen den Büschen umhersuchen hören.
»Ziemlich peinlich«, sagte Mr Diggory verbissen und sah hinunter au f
die reglose Gestalt Winkys. »Barty Crouchs Hauselfe ... schon ein
starkes Stück ...«
»Reg dich ab, Amos«, sagte Mr Weasley leise, »du glaubst doch nicht
allen Ernstes, dass es die Elfe war? Das Dunkle Mal ist das Zeichen
eines Zauberers. Dazu ist ein Zau berstab nötig.«
»Tja«, sagte Mr Diggory, »sie hatte einen Zauberstab.«
»Wie bitte?«, sagte Mr Weasley.
»Hier, schau.« Mr Diggory hob den Zauberstab und zeigte ihn Mr
Weasley. »Hatte ihn in der Hand. Da hätten wir also schon mal einen
Verstoß gegen Artikel drei des Gesetzes zum Gebrauch des Zauberstabs:
Kein nichtmenschliches Wesen darf einen Zauberstab tragen oder
gebrauchen.«
In diesem Augenblick gab es ein erneutes Plopp und Ludo Bagman
apparierte direkt neben Mr Weasley. Erschöpft und verwirrt drehte er
sich im Kreis und spähte kichernd zu dem smaragdgrünen Schädel hoch.
»Das Dunkle Mal!«, keuchte er und hätte um ein Haar Winky
zertrampelt. Mit fragender Miene wandte er sich an seine Kollegen.
»Wer war das? Habt ihr sie? Barty! Was geht hier vor?«
Mr Crou ch war mit leeren Händen zurückgekehrt. Sein Gesicht war
immer noch gespenstisch weiß und seine Hände und sein
Oberlippenbärtchen zuckten.
»Wo warst du, Barty?«, sagte Bagman. »Warum warst du nicht beim
Spiel? Deine Elfe hat dir doch einen Platz besetzt wü rgende
Wasserspeier!« Bagmans Blick war auf Winky zu Crouchs Füßen
gefallen. »Was ist denn mit der passiert?«

»Ich hatte vorhin zu tun, Ludo«, antwortete ihm Mr Crouch, der immer
noch am ganzen Leib zuckte und die Lippen kaum bewegte. »Und meine
Elfe wurde betäubt.«
»Betäubt? Von euch hier, soll das heißen? Aber warum –?«
Plötzlich dämmerte es auf Bagmans rundem, glänzendem Gesicht; er
blickte hoch zu dem Schädel, hinab auf Winky und fixierte dann Mr
Crouch.
»Nein!«, sagte er. »Winky? Hat das Dunkle Mal her aufbeschworen? Die
weiß doch nie und nimmer, wie das geht! Und erst einmal brauchte sie
einen Zauberstab!«
»Sie hatte einen«, sagte Mr Diggory. »Als ich sie fand, hatte sie einen in
der Hand, Ludo. Wenn Sie einverstanden sind, Mr Crouch, sollten wir
hören, was sie selbst dazu zu sagen hat.«
Crouch ließ nicht erkennen, ob er Mr Diggory überhaupt verstanden
hatte, doch Mr Diggory schien sein Schweigen für Zustimmung zu
halten. Er hob seinen eigenen Zauberstab, richtete ihn auf Winky und
sagte: »Enervate!«
Win ky regte sich ein wenig. Ihre großen braunen Augen öffneten sich
und sie blinzelte ein paar Mal recht verwirrt. Unter den stummen Blicken
der Zauberer setzte sie sich zitternd auf den Hintern. Dann bemerkte sie
Mr Diggorys Füße und sah langsam und bebend z u ihm auf; noch
langsamer schließlich hob sie ihren Kopf zum Himmel. Harry sah den
Schädel zweifach in ihren Augen gespiegelt. Sie keuchte, ließ den Blick
verstört über die Lichtung voller Zauberer huschen und brach dann in
angsterfülltes Schluchzen aus.
» Elfe!«, sagte Mr Diggory barsch. »Weißt du, wer ich bin? Ich bin ein
Mitglied der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer
Geschöpfe!«
Winky, in kurzen Stößen atmend, begann nun mit dem Oberkörper hin
und her zu wippen. Sie erinnerte Harry deutlich an Dobby in seinen
Momenten ängstlichen Ungehorsams.
»Wie du siehst, Elfe, wurde hier vor kurzem das Dunkle Mal
heraufbeschworen«, sagte Mr Diggory. »Und du wurdest wenig später
entdeckt, direkt darunter! Eine Erklärung, wenn ich bitten darf!«
»Ich – ich – ich hab nichts getan, Sir!«, keuchte Winky. »Ich weiß doch
nicht, wie, Sir!«

»Du wurdest mit einem Zauberstab in der Hand gefunden!«, blaffte sie
Mr Diggory an und fuchtelte mit dem Stab vor ihrem Gesicht herum.
Und als das grüne Licht, das die Lichtung vom Schädel am Himmel her
erfüllte, auf den Zauberstab fiel, traf Harry fast der Schlag.
»Hee – das ist meiner!«, sagte er.
Alle auf der Lichtung starrten ihn an.
»Wie bitte?«, sagte Mr Diggory ungläubig.
»Das ist mein Zauberstab!«, sagte Harry. »Ich hab ihn v erloren!«
»Du hast ihn verloren?«, wiederholte Mr Diggory zweifelnd. »Ist das ein
Geständnis? Du hast ihn fortgeworfen, nachdem du das Dunkle Mal
heraufbeschworen hattest?«
»Amos, bedenk doch, mit wem du sprichst«, sagte Mr Weasley erzürnt.
»Glaubst du vielleicht, Harry Potter würde das Dunkle Mal
heraufbeschwören?«
»Hmmh – natürlich nicht«, murmelte Mr Diggory. »Verzeihung ... hab
mich gehen lassen ...«
»Ich hab ihn ohnehin nicht dort drüben fallen lassen«, sagte Harry und
wies mit dem Daumen hinüber zu de n Bäumen unter dem Schädel. »Ich
hab ihn schon vermisst, gleich nachdem wir im Wald waren.«
»Nun gut«, sagte Mr Diggory und wandte sich mit kalten Augen erneut
an Winky, die zu seinen Füßen kauerte. »Du hast also diesen Zauberstab
gefunden, Elfe? Und du ha st ihn aufgehoben und dachtest, du könntest
ein paar Spaße damit treiben, nicht wahr?«
»Ich hab keinen Zauber damit gemacht, Sir!«, piepste Winky, und
Tränen kullerten jetzt an ihrer eingedellten Kugelnase herunter. »Ich hab
... ich hab ... ich hab ihn nur aufgehoben, Sir! Ich hab nicht das Dunkle
Mal gemacht, Sir, ich weiß nicht, wie!«
»Sie war es nicht!«, sagte Hermine. Vor all diesen
Ministeriumszauberern zu sprechen schien sie nervös zu machen, doch
sie ließ sich nicht beirren. »Winky hat eine leise Piepsstimme und die
Stimme, die wir bei der Beschwörung gehört haben, war viel tiefer!« Sie
wandte sich Hilfe suchend an Harry und Ron. »Sie klang nicht wie
Winky, oder?«
»Nein«, sagte Harry und schüttelte den Kopf. »Die Stimme klang
bestimmt nicht nach der E lfe.«
»Ja, es war eine menschliche Stimme«, sagte Ron. »Nun, wir werden ja

gleich sehen«, knurrte Mr Diggory mit unbeeindruckter Miene. »Es gibt
eine einfache Möglichkeit, den letzten Zauber eines Zauberstabs
festzustellen, wusstest du das, Elfe?«
Winky zi tterte und schüttelte verzweifelt und ohrenschlackernd den
Kopf. Mr Diggory hob erneut seinen Zauberstab und berührte mit ihm
die Spitze von Harrys Zauberstab.
»Prior Incantado!«, rief er mit donnernder Stimme. Harry hörte Hermine
vor Entsetzen aufkeuchen, als ein gewaltiger Schädel mit
Schlangenzunge genau dort hervorbrach, wo sich die Spitzen der beiden
Stäbe berührten, doch diesmal war es nur ein Schatten des grünen
Schädels hoch über ihnen, der aussah, als bestünde er aus dichtem
grünem Rauch: der Geist eines Zaubers.
»Deletrius!«, rief Mr Diggory, und der Schädel aus Rauch verpuffte zu
einem Wölkchen.
»So«, sagte Mr Diggory, als hätte er einen grausamen Sieg errungen, und
sah hinab auf Winky, die immer noch am ganzen Leib bebte.
»Ich hab's nicht getan!« , piepste sie und rollte entsetzt mit den Augen.
»Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie! Ich bin doch eine
gute Elfe, ich mache nichts mit dem Zauberstab, ich weiß nicht, wie!«
»Du bist auffrischer Tat ertappt worden, Elfe!«, polterte Mr Digg ory.
»Ertappt mit dem Tatwerkzeug, dem Zauberstab, in der Hand!«
»Amos«, sagte Mr Weasley laut, »überleg doch mal ... herzlich wenig
Zauberer wissen, wie man diesen Zauber ausübt ... wo sollte sie das
gelernt haben?«
»Womöglich will Amos behaupten«, sagte Mr Crouch mit kalter Wut in
jeder Silbe, »dass ich meinen Dienstboten regelmäßig beibringe, das
Dunkle Mal zu beschwören?«
Ein zutiefst peinliches Schweigen trat ein.
Amos Diggory schien entsetzt. »Mr Crouch ... nein ... nein, keineswegs
...«
»Und Sie hätt en um ein Haar ausgerechnet die zwei Personen auf dieser
Lichtung beschuldigt, die gewiss am wenigsten mit dem Dunklen Mal zu
tun haben wollen!«, bellte Mr Crouch. »Harry Potter – und mich! Ich
nehme an, Sie kennen die Geschichte des Jungen, Amos?«
»Natürlich – jeder kennt sie – «, murmelte Mr Diggory und schien sich in
seiner Haut höchst unwohl zu fühlen.

»Und ich denke, Sie wissen bestimmt auch noch, wie oft ich in meiner
langen Laufbahn bewiesen habe, dass ich die dunklen Künste und jene,
die sie ausüben, hasse und verachte?«, rief Mr Crouch, und erneut
quollen ihm die Augen aus den Höhlen.
»Mr Crouch – ich – ich habe nie auch nur eine Andeutung gemacht, dass
Sie irgendetwas damit zu tun hätten!«, murmelte Amos Diggory unter
seinem braunen Stoppelbart errö tend.
»Wenn Sie meine Elfe beschuldigen, dann beschuldigen Sie mich,
Diggory!«, rief Mr Crouch. »Wo sonst soll sie gelernt haben, das Mal zu
beschwören?«
»Sie – sie könnte es überall mitgekriegt haben – «
»Genau, Amos«, sagte Mr Weasley. »Sie hätte es übera ll mitkriegen
können ... Winky?«, sagte er freundlich und wandte sich der Elfe zu,
doch sie zuckte zusammen, als ob auch er sie angeschrien hätte. »Wo
genau hast du Harrys Zauberstab gefunden?«
Winky zwirbelte so hartnäckig an der Spitze ihres Geschirrtuch s, dass es
zwischen ihren Fingern ausfranste.
»Ich – ich hab ihn gefunden – gefunden dort, Sir ...«, flüsterte sie, »dort
... unter den Bäumen, Sir ...«
»Siehst du, Amos«, sagte Mr Weasley. »Wer immer das Mal
heraufbeschworen hat, könnte sofort danach vers chwunden sein und
Harrys Zauberstab zurückgelassen haben. Ein gerissener Schachzug,
nicht den eigenen Zauberstab zu nehmen, der ihn hätte verraten können.
Und Winky hier hatte das Pech, nur Augenblicke später auf den
Zauberstab zu stoßen und ihn aufzuheben.«
»Aber dann wäre sie nur ein paar Meter vom wirklichen Schurken
entfernt gewesen!«, sagte Mr Diggory ungeduldig. »Elfe? Hast du
jemanden gesehen?«
Winky schüttelte es am ganzen Leib. Ihre Riesenaugen flackerten von
Mr Diggory zu Ludo Bagman und weiter zu Mr Crouch.
Dann würgte sie hervor: »Ich hab niemanden gesehen, Sir ... niemanden
nicht ...«
»Amos«, sagte Mr Crouch schroff. »Natürlich würden Sie Winky
normalerweise zum Verhör ins Büro mitnehmen. Ich bitte Sie jedoch,
mir zu gestatten, selbst mit ihr ab zurechnen.«
Mr Diggory schien von diesem Vorschlag nicht besonders angetan, doch

Harry war klar, dass Mr Crouch ein so hohes Tier im Ministerium war,
dass er nicht wagte, den Vorschlag abzulehnen.
»Sie können sicher sein, dass sie bestraft wird«, fügte Mr Crouch kühl
hinzu.
»M -M -Meister ...«, stammelte Winky und sah mit tränenverquollenen
Augen zu Mr Crouch auf. »M -M -Meister, b -b -bitte ...«
Mr Crouch starrte sie an, seine Züge schienen noch schärfer, jede Falte
auf seinem Gesicht tiefer geworden zu sein. In seinem Blick lag kein
Erbarmen.
»Winky hat sich heute Nacht auf eine Weise benommen, die ich nicht für
möglich gehalten hätte«, sagte er langsam. »Ich habe sie angewiesen, im
Zelt zu bleiben. Ich habe sie angewiesen, dort zu bleiben, während ich
unterwegs war, um dem Aufruhr Einhalt zu gebieten. Und ich stelle fest,
dass sie mir nicht gehorcht hat. Das bedeutet Kleidung.«
»Nein!«, kreischte Winky und warf sich zu Mr Crouchs Füßen auf die
Erde. »Nein, Meister! Nicht Kleidung, nicht Kleidung!«
Harry wusste, dass die einzige Möglichkeit, einen Hauselfen in die
Freiheit zu entlassen, darin bestand, ihm richtige Kleider zu schenken. Es
war ein Jammer mit anzusehen, wie Winky, das Geschirrtuch fest
umklammernd, Tränen über Mr Crouchs Schuhe vergoss.
»Sie hatte do ch Angst!«, stieß Hermine zornig hervor und starrte Mr
Crouch verächtlich an. »Ihre Elfe hat Höhenangst und diese maskierten
Zauberer ließen Leute in der Luft schweben! Sie können ihr nicht
vorwerfen, dass sie das Weite suchen wollte!«
Mr Crouch schüttelte die Elfe ab, trat einen Schritt zurück und musterte
sie, als ob sie etwas Schmutziges und Ekliges wäre, das seine polierten
Schuhe besudle.
»Ich kann keine Hauselfe gebrauchen, die mir nicht gehorcht«, sagte er
kalt und sah zu Hermine auf. »Ich kann keine Dienerin gebrauchen, die
vergisst, was sie ihrem Meister und seinem Ruf schuldig ist.«
Winky weinte so heftig, dass ihr Schluchzen auf der ganzen Lichtung
widerhallte.
Ein sehr unangenehmes Schweigen trat ein, das von Mr Weasley mit
leisen Worten beendet wurde: »Nun, ich denke, ich nehme die Meinen
zurück zum Zelt, wenn keiner etwas dagegen hat. Amos, dieser
Zauberstab hat uns alles gesagt, was er kann – könnte Harry ihn bitte

wieder zurückhaben –«
Mr Diggory reichte Harry den Zauberstab und Harry ließ ihn in die
Tasche gleiten.
»Na, dann kommt, ihr drei«, sagte Mr Weasley leise. Doch Hermine
schien keinen Schritt gehen zu wollen; ihr Blick ruhte immer noch auf
der schluchzenden Elfe. »Hermine!«, sagte Mr Weasley etwas
eindringlicher. Sie wandte sich um und folgte Harry und Ron über die
Lichtung und hinein in den Wald.
»Was geschieht mit Winky?«, fragte Hermine, sobald sie die Lichtung
hinter sich gelassen hatten.
»Ich weiß es nicht«, sagte Mr Weasley.
»Unglaublich, wie sie behandelt wird!«, sagte Herm ine zornig. »Mr
Diggory nennt sie die ganze Zeit » Elfe« ... und erst Mr Crouch! Er weiß,
dass sie es nicht getan hat, und trotzdem wirft er sie raus! Es war ihm
doch gleich, dass sie furchtbare Angst hatte und ganz aus der Fassung
war – als ob sie nicht m al ein Mensch wäre!«
»Nun ja, ist sie auch nicht«, sagte Ron.
Hermine sah ihn wutentbrannt an. »Das heißt noch lange nicht, dass sie
keine Gefühle hat, Ron, es ist abscheulich, wie – «
»Hermine, du hast ja Recht«, warf Mr Weasley rasch ein und winkte sie
weiter, »aber jetzt ist nicht die Zeit, über Elfenrechte zu diskutieren. Ich
möchte so rasch wie möglich zum Zelt zurück. Was ist mit den anderen
passiert?«
»Wir haben sie in der Dunkelheit verloren«, sagte Ron. »Dad, warum
regen sich denn alle so furchtbar über diesen Schädel da oben auf?«
»Das erkläre ich dir, wenn wir wieder im Zelt sind«, sagte Mr Weasley
angespannt.
Doch am Waldrand wurden sie aufgehalten.
Eine große Schar verängstigt aussehender Hexen und Zauberer hatte sich
dort versammelt, und als sie Mr Weasley näher kommen sahen, hasteten
ihm viele entgegen. »Was geht dort drin vor?« – »Wer hat das Mal
heraufbeschworen?« – »Arthur – doch nicht etwa – er selbst?«
»Natürlich nicht«, sagte Mr Weasley ungehalten. »Wer es war, wissen
wir nicht, und er ist verschwunden. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich
will schlafen gehen.«
Er bahnte Harry, Ron und Hermine einen Weg durch die Menge und

schließlich gelangten sie zum Zeltplatz. Ruhe war eingekehrt; von den
maskierten Zauberern war nichts mehr zu sehen, doch noch immer
kokelten ein paar abgebrannte Zelte.
Charlie steckte den Kopf aus dem Jungenzelt.
»Dad, was ist los?«, rief er durch die Dunkelheit. »Fred, George und
Ginny sind hier, ihnen ist nichts passiert, aber die anderen – «
»Die hab ich mitgebracht« , sagte Mr Weasley, bückte sich und schlüpfte
ins Zelt. Harry, Ron und Hermine folgten ihm.
Bill saß an dem kleinen Küchentisch und drückte sich ein Leintuch auf
den Arm, der stark blutete. Charlie hatte einen langen Riss im Hemd und
Percy konnte eine blutige Nase vorzeigen. Fred, George und Ginny
schienen nicht verletzt, jedoch arg mitgenommen.
»Hast du ihn gekriegt, Dad?«, sagte Bill scharf. »Den, der das Mal
heraufbeschworen hat?«
»Nein«, sagte Mr Weasley. »Wir haben Barty Crouchs Elfe mit Harrys
Zaubers tab in der Hand gefunden, aber das sagt uns noch lange nicht,
wer wirklich das Mal heraufbeschworen hat.«
»Was?«, sagten Bill, Charlie und Percy wie aus einem Mund.
»Harrys Zauberstab?«, sagte Fred.
»Mr Crouchs Elfe?«, sagte Percy wie vom Donner gerührt.
M it ein paar ergänzenden Worten von Harry, Ron und Hermine
schilderte Mr Weasley, was im Wald geschehen war. Als er geendet
hatte, warf sich Percy entrüstet in die Brust.
»Natürlich hat Mr Crouch vollkommen Recht, eine solche Elfe
davonzujagen!«, sagte er. »Läuft einfach davon, wo er ihr doch
ausdrücklich gesagt hat ... wie peinlich für ihn und das Ministerium ...
wie hätte das denn ausgesehen, wenn man sie vor der Abteilung zur
Führung und Aufsicht ...«
»Sie hat nichts getan – sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort«,
fauchte Hermine den völlig perplexen Percy an. Hermine war immer
recht gut mit Percy ausgekommen – im Grunde besser als die anderen.
»Hermine, ein Zauberer in Mr Crouchs Position kann sich keine
Hauselfe leisten, die mit einem Zauberstab Amok läuft!«, sagte Percy
mit gewichtiger Miene, nachdem er sich gefasst hatte.
»Sie ist nicht Amok gelaufen!«, rief Hermine. »Sie hat ihn nur von der
Erde aufgelesen!«

»Hört mal, kann mir jemand erklären, was es mit diesem Schädel auf
sich hat?«, sagte Ron ungeduldig. »Er hat doch keinem was getan ...
warum dann dieser ganze Aufstand?«
»Ich hab dir doch erklärt, es ist das Symbol von Du- weißtschon-wem,
Ron«, sagte Hermine, bevor irgendjemand sonst antworten konnte. »Hab
ich in Aufstieg und Fall der dunklen Künste gelesen.«
»Und der Schädel wurde dreizehn Jahre lang nicht gesehen«, sagte Mr
Weasley leise. »Natürlich hat er die Leute in Angst und Schrecken
versetzt ... es war ja fast, als würden sie Du -weißt -schon- wen wieder
sehen.«
»Ich versteh's trotzdem nicht«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Ich meine ... es
ist nur ein Zeichen am Himmel ...«
»Ron, Du- weißt-schon- wer und seine Anhänger haben das Dunkle Mal
immer dann aufsteigen lassen, wenn sie gemordet haben«, sagte Mr
Weasley. »D u hast ja keine Ahnung ... welches Grauen es auslöste. Stell
dir vor, du kommst nach Hause und findest das Dunkle Mal über deinem
Haus schweben und du weißt genau, was du drin vorfinden wirst ... das
Schlimmste ...«
Eine kurze Stille trat ein.
Schließlich nahm Bill seinen Verband ab, um sich seine Wunde am Arm
anzusehen, und sagte: »Jedenfalls hat uns der Schädel heute Nacht nicht
geholfen, wer immer ihn heraufbeschworen hat. Die Todesser hat er
sofort in panische Angst versetzt. Sie sind alle disappariert, bevor wir
nahe genug dran waren, um auch nur einem von ihnen die Maske
abzureißen. Wenigstens konnten wir die Familie Roberts noch
auffangen, bevor sie auf der Erde aufschlugen. Im Moment werden ihre
Gedächtnisse verändert.«
»Todesser?«, sagte Harry. »Was sind Todesser?«
»So nannten sich die Anhänger von Du- weißt-schon- wem«, sagte Bill.
»Ich glaube, heute Nacht haben sich die versprengten Überreste dieser
Leute wieder zusammengefunden – die zumindest, die es geschafft
haben, sich vor Askaban zu retten.«
»W ir können nicht beweisen, dass sie es waren, Bill«, sagte Mr Weasley.
»Obwohl du wahrscheinlich Recht hast«, fügte er erbittert hinzu.
»Ja, darauf wette ich«, sagte Ron plötzlich. »Dad, wir haben Draco
Malfoy im Wald getroffen, und er hat durchblicken lass en, dass sein

Vater einer dieser Hirnis mit den Masken war! Und wir wissen alle, dass
die Malfoys mit Duweißt-schon-wem unter einer Decke steckten!«
»Aber das waren doch Anhänger Voldemorts – «, warf Harry ein. Die
anderen zuckten zusammen – wie die meisten in der Zaubererwelt
vermieden es die Weasleys, Voldemort beim Namen zu nennen.
»Verzeihung«, sagte Harry rasch. »Warum eigentlich sollten diese
Anhänger von Duweißt -schon- wem Muggel in der Luft schweben
lassen? Was war denn der Sinn des Ganzen?«
»Der Sinn ?«, sagte Mr Weasley mit einem hohlen Lachen. »Harry, das
verstehen diese Leute unter Spaß. Die Hälfte der Morde an Muggeln in
der Zeit, als Du -weißt- schon- wer an der Macht war, wurden aus reinem
Vergnügen begangen. Ich nehme an, sie hatten am Abend einiges
getrunken und konnten dann einfach der Lust nicht widerstehen, uns
daran zu erinnern, dass viele von ihnen immer noch auf freiem Fuß sind.
Für die war es ein nettes kleines Wiedersehensfest«, schloss er
angewidert.
»Aber wenn sie wirklich Todesser waren, warum sind sie dann
disappariert, als sie das Dunkle Mal sahen?«, sagte Ron. »Eigentlich
hätten sie sich doch freuen müssen, oder?«
»Ron, benutz doch mal deinen Grips«, sagte Bill. »Wenn sie wirklich
Todesser waren, dann haben sie alles darangesetzt, nich t nach Askaban
zu kommen, als Du -weißt- schonwer die Macht verlor, und alle
möglichen Lügengeschichten aufgetischt, von wegen er hätte sie
gezwungen, Menschen zu töten und zu foltern. Ich wette, sie haben noch
mehr Angst als wir anderen, dass er zurückkommt . Als er die Macht
verloren hatte, bestritten sie doch, dass sie jemals wirklich etwas mit ihm
zu tun hatten, und lebten weiter, als ob nichts gewesen wäre ... Ich
schätze, er wäre nicht besonders angetan von ihnen, oder?«
»Also ... wer immer das Dunkle Mal heraufbeschworen hat ...«, sagte
Hermine langsam, »hatte er das Ziel, die Todesser anzufeuern oder ihnen
Angst einzujagen und sie zu verscheuchen?«
»Wir können das auch nicht besser beurteilen als du, Hermine«, sagte Mr
Weasley. »Ich kann dir nur eines s agen ... einzig und allein die Todesser
wussten, wie man es heraufbeschwor. Ich wäre sehr überrascht, wenn
dahinter nicht ein früherer Todesser stecken würde, auch wenn er es jetzt
nicht mehr ist ... Übrigens, es ist sehr spät, und wenn eure Mutter erfährt,

was passiert ist, wird sie keine ruhige Minute mehr haben. Wir brauchen
jetzt noch ein paar Stunden Schlaf und dann versuchen wir einen der
ersten Portschlüssel von hier weg zu kriegen.«
Harry legte sich mit schwirrendem Kopf in die Koje. Er wusste, dass er
eigentlich erschöpft war – es war fast drei Uhr morgens - , doch er fühlte
sich hellwach – und voll dunkler Ahnungen.
Vor drei Tagen – es schien viel länger her zu sein, doch es waren nur
drei Tage – war er mit brennenden Schmerzen auf der Stirn aufgewacht.
Und heute Nacht war zum ersten Mal seit dreizehn Jahren Lord
Voldemorts Zeichen am Himmel erschienen. Was sollten diese Dinge
bedeuten?
Er dachte an den Brief, den er noch vom Ligusterweg aus an Sirius
geschrieben hatte. Hatte Sirius ihn schon erhalten? Würde er bald
antworten? Harry lag da und starrte auf die Zeltplane, doch keine
Träumereien vom Fliegen wiegten ihn nun in den Schlaf, und erst lange
nachdem Bills Schnarchen das Zelt erzittern ließ, döste Harry endlich
ein.

Wirbel im Ministerium


Sie hatten nur wenige Stunden geschlafen, als Mr Weasley sie weckte.
Die Zelte verpackten sich an diesem Morgen von allein und hastig
verließen sie den Campingplatz. Mr Roberts stand am Tor bei seinem
Haus. Er sah sie mit einem seltsamen, leicht abwesenden Blick an und
nuschelte zum Abschied »Fröhliche Weihnachten«.
»Er wird schon wieder«, sagte Mr Weasley gedämpft, während sie über
das Moor gingen. »Bei solchen Gedächtnisveränderungen kommt es
manchmal vor, dass die Leute für kurze Zeit etwas verwirrt sind .. . und
diesmal war es sicher ein schweres Stück Arbeit, bei dem, was er erlebt
hat ...«
Schon von weitem hörten sie hektisches Stimmengewirr, und als sie zu
der Stelle kamen, wo die Portschlüssel lagen, sahen sie eine große Schar
Hexen und Zauberer, die Bas il, den Hüter der Portschlüssel, bedrängten
und lautstark den nächstmöglichen Transport verlangten. Mr Weasley
sprach ein paar eindringliche Worte mit Basil, dann reihten sie sich in
die Schlange ein und erwischten tatsächlich noch vor Sonnenaufgang
einen alten Gummireifen zurück zum Wieselkopf. In der
Morgendämmerung wanderten sie über Ottery St. Catchpole zum
Fuchsbau zurück, recht schweigsam, denn sie waren erschöpft und
dachten sehnsüchtig an das Frühstück. Als sie um eine Biegung gingen
und der Fuchsba u in Sicht kam, hallte ihnen auf dem feuchten Weg ein
Schrei entgegen.
»Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank!«
Mrs Weasley, die offensichtlich vor dem Haus auf sie gewartet hatte,
kam, die Pantoffeln noch an den Füßen, auf sie zugerannt, mit bleichem,
angespan ntem Gesicht und einem zusammengeknüllten Tagespropheten
in der Hand. »Arthur – ich hab mir ja solche Sorgen gemacht –
fürchterliche Sorgen – «
Sie warf Mr Weasley die Arme um den Hals und der Tagesprophet fiel
aus ihrer erschlafften Hand. Harry sah zu Boden und las die Schlagzeile:
Szenen des Grauens bei der Quidditch -Weltmeisterschaft, dazu ein
funkelndes Schwarzweißbild des Dunklen Mals über den Baumspitzen.
»Ihr seid alle wohlauf«, murmelte Mrs Weasley ein wenig abwesend,

ließ Mr Weasley los und sah sie mit geröteten Augen an, »ihr lebt noch
... o meine Jungs ...«
Und zur Überraschung aller zog sie Fred und George an sich und herzte
sie so heftig, dass ihre Köpfe gegeneinander schlugen.
»Autsch! Mum – du erwürgst uns noch – «
»I ch hab mit euch geschimpft, bevor ihr fort seid!«, sagte Mrs Weasley
und begann zu schluchzen. »Daran musste ich die ganze Zeit denken!
Was wäre gewesen, wenn Du -weißtschon -wer euch gekriegt hätte, und
das Letzte, was ich euch gesagt hätte, wäre gewesen, d ass ihr nicht
genug ZAGs geschafft habt? O Fred ... o George ...«
»Nun ist aber gut, Molly, wir sind alle kerngesund«, sagte Mr Weasley
beschwichtigend, zog sie sachte von den Zwillingen weg und führte sie
zum Haus. »Bill«, fügte er in gedämpftem Ton hinzu , »heb doch bitte die
Zeitung auf, mal sehen, was sie schreiben ...«
Schließlich saßen sie alle eng aneinander gedrängt in der kleinen Küche.
Hermine kochte Mrs Weasley eine Tasse sehr starken Tee, in die Mr
Weasley unbedingt noch einen Schuss Ogdens Alten Feuerwhisky
kippen wollte, und Bill reichte seinem Vater die Zeitung. Mr Weasley
überflog die Titelseite, Percy las über seine Schulter gebeugt mit.
»Ich habs doch gewusst«, sagte Mr Weasley mit schwerer Stimme.
»Ministerium versagt ... Täter nicht gefass t ... laxe
Sicherheitsvorkehrungen ... unkontrolliertes Treiben schwarzer Magier ...
Schande für das Land ... Wer hat das geschrieben? Ach ... natürlich ...
Rita Kimmkorn ...«
»Diese Frau hat es aufs Zaubereiministerium abgesehen!«, erzürnte sich
Percy. »L etzte Woche schrieb sie, wir würden mit unseren
Haarspaltereien über Kesselbodendicke nur Zeit verschwenden, wo wir
doch Vampire erlegen sollten! Als ob in Paragraf zwölf der Richtlinien
für die Behandlung nichtmagischer Teilmenschen nicht ausdrücklich
fes tgelegt wäre, dass – «
»Tu uns 'nen Gefallen, Perce«, sagte Bill gähnend, »und halt die
Klappe.«
»Mich erwähnt sie auch«, sagte Mr Weasley, und die Augen hinter
seiner Brille weiteten sich, als er den Schluss des Berichts im
Tagespropheten las.
»Wo?«, prust ete Mrs Weasley und verschluckte sich an ihrem Tee mit

Whisky. »Wenn ich das gesehen hätte, hätte ich gewusst, dass du am
Leben bist!«
»Nicht namentlich«, sagte Mr Weasley. »Hört mal zu: Sollten sich die zu
Tode geängstigten Zauberer und Hexen, die am Wald rand atemlos auf
Nachrichten warteten, beruhigende Worte vom Zaubereiministerium
erhofft haben, dann wurden sie zutiefst enttäuscht. Ein Vertreter des
Ministeriums erschien einige Zeit nach dem Aufstieg des Dunklen Mals
und ließ verlauten, niemand sei verletzt worden, weigerte sich jedoch,
weitere Informationen zu geben. Ob diese Stellungnahme ausreichen
wird, um die Gerüchte zu zerstreuen, wonach eine Stunde später mehrere
Leichen aus dem Wald getragen wurden, bleibt abzuwarten. Nicht zu
fassen«, sagte Mr Weasley empört und reichte die Zeitung an Percy
weiter. »Niemand wurde verletzt, was sollte ich sonst sagen? » Gerüchte,
wonach mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden ...«, tja, jetzt,
wo sie das geschrieben hat, wird es natürlich Gerüchte geben.«
Er seufzte tief. »Molly, ich muss wohl gleich ins Büro, da muss doch
einiges klargestellt werden, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.«
»Ich komme mit, Vater«, sagte Percy mit schwellender Brust. »Mr
Crouch wird sicher alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und ich kann ihm
meinen Kesselbericht persönlich übergeben.« Er wuselte aus der Küche.
Mrs Weasley schien völlig aus dem Häuschen. »Arthur, du bist im
Urlaub! Das hat doch nichts mit deiner Abteilung zu tun, die können das
sicher ohne dich regeln?«
»Ich mu ss gehen, Molly«, sagte Mr Weasley, »ich hab alles nur noch
schlimmer gemacht. Ich zieh nur kurz meinen Umhang an und dann bin
ich weg ...«
Harry saß wie auf glühenden Kohlen. »Mrs Weasley«, warf er ein,
»Hedwig ist nicht zufällig mit einem Brief für mich gekommen?«
»Hedwig, mein Lieber?«, sagte Mrs Weasley zerstreut. »Nein ... nein, es
ist überhaupt keine Post gekommen.«
Ron und Hermine sahen Harry neugierig an.
Er warf beiden einen viel sagenden Blick zu und fragte: »Was dagegen,
wenn ich nach oben gehe und mein Zeug bei dir abstelle, Ron?«
»Ahm ... ich glaub, ich geh mit«, sagte Ron sofort. »Hermine?«
»Ja«, sagte sie rasch, und die drei marschierten aus der Küche und die
Treppe hoch.

»Was ist los, Harry?«, sagte Ron, kaum hatten sie die Tür zur
Dachkammer hinter sich geschlossen.
»Da ist noch etwas, das ich euch nicht erzählt habe«, sagte Harry. »Als
ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, tat meine Narbe wieder weh.«
Ron und Hermine reagierten darauf fast genauso, wie Harry es sich in
seinem Zimmer im Ligusterweg vorgestellt hatte. Hermine stockte der
Atem und sie begann Harry sofort Ratschläge zu erteilen, nannte das eine
oder andere Grundlagenwerk und die verschiedensten Namen, von Albus
Dumbledore bis zu Madam Pomfrey, der Krankenschwester von
Hogwarts. Ro n hingegen schien einfach der Schlag getroffen zu haben.
»Aber – er war doch nicht da, oder? Du -weißt- schon- wer? Ich meine –
letztes Mal, als deine Narbe wehtat, war er doch in Hogwarts, oder?«
»Ich bin sicher, dass er nicht im Ligusterweg war«, sagte Harr y. »Aber
ich hab von ihm geträumt ... und von Peter ... ihr wisst schon,
Wurmschwanz. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber sie
haben sich verschworen ... jemanden zu töten.«
Einen Moment lang hatte ihm das Wörtchen »mich« auf der Zunge
gelegen, doch er brachte es nicht über sich, Hermine mit noch
entsetzterer Miene zu sehen.
»Es war doch bloß ein Traum«, sagte Ron aufmunternd. »Nur ein
Alptraum.«
»Jaah, ich weiß nicht recht ...«, sagte Harry und wandte den Blick nach
draußen, wo sich der Himmel langsam erhellte. »Es ist doch komisch,
oder? ... meine Narbe tut weh und drei Tage später sind die Todesser auf
dem Marsch und Voldemorts Zeichen steht am Himmel.«
»Sag – seinen – Namen – nicht!«, zischte Ron mit zusammengebissenen
Zähnen.
» Und wisst ihr noch, was Professor Trelawney gesagt hat?«, fuhr Harry
fort, ohne auf Ron einzugehen. »Ende letzten Jahres?«
Professor Trelawney war ihre Lehrerin für Wahrsagen in Hogwarts.
Hermines Entsetzen wich einem hämischen Schnauben. »O Harry, du
wirs t doch nicht auf irgendetwas hören, was diese alte Schwindlerin
sagt?«
»Du warst damals nicht dabei«, sagte Harry. »Du hast sie nicht gehört.
Beim letzten Mal war es anders. Ich hab dir doch gesagt, sie ist in eine
Trance gefallen – eine echte. Und sie sag te, der dunkle Lord würde

wieder an die Macht gelangen » ... und schrecklicher herrschen denn je
...«, er würde es mit Hilfe seines Dieners schaffen ... und in derselben
Nacht noch ist Wurmschwanz geflohen.«
Sie schwiegen; Ron fummelte zerstreut an einem L och in seiner
Chudley -Cannons -Tagesdecke.
»Warum hast du gefragt, ob Hedwig gekommen sei, Harry?«, fragte
Hermine. »Erwartest du einen Brief?«
»Ich habe Sirius von meiner Narbe erzählt«, sagte Harry achselzuckend.
»Ich warte auf seine Antwort.«
»Gute Idee! «, sagte Ron, und seine Miene hellte sich auf. »Ich wette,
Sirius weiß, was du tun kannst.«
»Ich hatte ja gehofft, er würde rasch antworten«, sagte Harry.
»Aber wer weiß, wo er steckt ... er kann in Afrika sein oder sonst wo«,
sagte Hermine nachdenklich. » Für eine solche Reise braucht Hedwig
schon mehr als ein paar Tage.«
»Ja, ich weiß«, sagte Harry, doch als er nach draußen auf den
hedwiglosen Himmel sah, da spürte er eine bleierne Schwere im Magen.
»Los, komm, wir spielen 'ne Partie Quidditch im Obstgarten, Harry«,
sagte Ron. »Komm schon – drei gegen drei, Bill und Charlie und Fred
und George spielen alle – du kannst den Wronski -Bluff ausprobieren ...«
»Ron«, sagte Hermine in ihrem Sei- doch-mal-vernünftigTonfall, »Harry
will im Augenblick nicht Quidditch s pielen ... er macht sich Sorgen und
er ist müde ... und wir alle brauchen jetzt Schlaf ...«
»Doch, ich will jetzt Quidditch spielen«, sagte Harry plötzlich. »Wartet,
ich hol nur eben schnell mal meinen Feuerblitz.«
Hermine ging hinaus, etwas murmelnd, das deutlich nach »Jungs« klang.
Mr Weasley und Percy waren in der folgenden Woche kaum zu Hause.
Beide gingen frühmorgens, bevor die anderen aufstanden, und kamen
erst lange nach dem Abendessen wieder zurück.
»Im Büro herrscht praktisch Krieg«, verkündete Per cy mit gewichtiger
Miene am Sonntagabend vor ihrer Rückkehr nach Hogwarts. »Ich spiele
schon die ganze Woche Feuerwehr. Die Leute schicken uns einen Heuler
nach dem anderen, und wenn man einen Heuler nicht auf der Stelle
öffnet, explodiert er. Mein Schreib tisch ist voller Brandflecken und von
meinem besten Federkiel ist nur noch ein Häufchen Asche übrig.«
»Warum schicken sie denn Heuler?«, fragte Ginny, die auf dem

Flickenteppich vor dem Wohnzimmerkamin saß und ihr aus dem Leim
gegangenes Exemplar von Tausend magische Krauter und Pilze mit
Zauberband klebte.
»Sie beschweren sich über Sicherheitsmängel bei der
Weltmeisterschaft«, sagte Percy. »Wollen Schadenersatz für ihr
zerstörtes Eigentum. Mundungus Fletcher beantragt Entschädigung für
ein Zwölf -Zimmer -Zel t mit eingebautem Whirlpool. Aber solche
Späßchen treibt er nicht mit mir. Zufällig weiß ich genau, dass er unter
einem an Holzpflöcke genagelten Umhang geschlafen hat.«
Mrs Weasley warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke. Harry
mochte diese Uhr. Sie war vollkommen nutzlos, wenn man wissen
wollte, wie spät es war, doch ansonsten sehr auskunftsfreudig. Sie hatte
neun goldene Zeiger, und auf jedem war der Name eines Mitglieds der
Weasley -Familie eingraviert. Auf dem Zifferblatt waren keine Ziffern,
viel mehr stand hier, wo das jeweilige Familienmitglied gerade steckte.
»Zu Hause«, »Schule« und »Arbeit« hieß es da, doch auch »Verirrt«,
»Krankenhaus«, »Gefängnis«, und dort, wo sich auf einer gewöhnlichen
Uhr die Ziffer Zwölf befindet, stand »Tödliche Gefahr «. Acht Zeiger
deuteten gerade auf »Zu Hause«, doch der längste Zeiger, der von Mr
Weasley, wies immer noch auf »Arbeit«. Mrs Weasley seufzte. »Euer
Vater musste seit den Tagen von Du -weißt- schon- wem nicht mehr an
den Wochenenden ins Büro«, sagte sie. »Sie nehmen ihn zu hart ran.
Sein Abendessen wird ungenießbar, wenn er nicht bald nach Hause
kommt.«
»Vater hat das Gefühl, dass er seinen Fehler bei der Meisterschaft wieder
gutmachen muss«, sagte Percy. »Um ehrlich zu sein, es war ein klein
wenig dumm von ih m, eine öffentliche Stellungnahme abzugeben, ohne
sie zuvor mit seinem Vorgesetzten abzusprechen – «
Mrs Weasley ging sofort an die Decke. »Jetzt gibst du auch noch deinem
Vater die Schuld für das, was diese KimmkornZiege geschrieben hat!«,
rief sie.
»Wenn Dad gar nichts gesagt hätte, dann hätte die olle Rita geschrieben,
es sei eine Schande, dass sich niemand aus dem Ministerium zu einer
Äußerung bereit gefunden hätte«, sagte Bill, der mit Ron Schach spielte.
»Rita Kimmkorn lässt ohnehin an niemandem ein gutes Haar. Wisst ihr
noch, einmal hat sie alle Fluchbrecher von Gringotts interviewt und mich

einen langhaarigen Bruder Leichtfuß« genannt?«
»Ehrlich gesagt, dein Haar ist tatsächlich ein bisschen lang, Schatz«,
sagte Mrs Weasley sanft. »Wenn du mich nur ma l kurz –«
»Nein, Mum.«
Regen peitschte gegen das Wohnzimmerfenster. Hermine war ins
Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, vertieft, das Mrs Weasley für sie,
Harry und Ron in der Winkelgasse besorgt hatte. Charlie stopfte einen
feuersicheren Kopfschützer. Har ry hatte das Besenpflege-Set, das ihm
Hermine zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte, zu seinen Füßen
liegen und polierte seinen Feuerblitz. Fred und George saßen hinten in
der Ecke, unterhielten sich flüsternd und beugten sich mit gezückten
Federkielen über ein Blatt Pergament.
»Was heckt ihr beiden da wieder aus?«, sagte Mrs Weasley streng und
sah ihre Zwillinge scharf an.
»Hausaufgaben«, murmelte Fred.
»Mach keine Witze, ihr habt doch noch Ferien«, sagte Mrs Weasley.
»Ja, wir sind ein wenig spät dran «, sagte George.
»Ihr setzt nicht zufällig ein neues Bestellformular auf, oder?«, sagte Mrs
Weasley misstrauisch. »Ihr denkt nicht etwa daran, Weasleys
Zauberhafte Zauberscherze wieder auf die Beine zu stellen?«
»Ich bitte dich, Mum«, sagte Fred und blickte mit einem gequälten
Gesichtsausdruck zu ihr auf. »Wenn der Hogwarts -Express morgen
entgleisen würde und George und ich sterben würden, wie würdest du
dich bei dem Gedanken fühlen, dass das Letzte, was wir von dir gehört
haben, unbegründete Anschuldigunge n waren?«
Alle lachten, selbst Mrs Weasley.
»Da kommt euer Vater!«, sagte sie plötzlich mit einem Blick zur Uhr.
Mr Weasleys Zeiger war auf einmal von »Arbeit« auf »unterwegs«
gesprungen; eine Sekunde später dann rastete er klappernd auf »Zu
Hause« ein, wo die anderen Zeiger schon standen, und schon hörten sie
Mr Weasley aus der Küche rufen.
»Ich komme, Arthur!«, antwortete Mrs Weasley und eilte davon.
Augenblicke später kam Mr Weasley mit dem Abendessen auf einem
Tablett ins warme Wohnzimmer. Er sah vollko mmen erschöpft aus.
»Tja, jetzt haben wir die Bescherung«, sagte er zu Mrs Weasley und ließ
sich in einen Sessel am Feuer fallen. Nicht gerade begeistert stocherte er

in seinem verschrumpelten Blumenkohl. »Rita Kimmkorn hat die ganze
Woche bei uns im Ministerium rumgeschnüffelt und nach weiteren
Skandalgeschichten gesucht. Jetzt ist sie auf die Sache mit der guten
Bertha gestoßen, die vermisst wird, und morgen ist das sicher der
Aufmacher im Tagespropheten. Ich hab Bagman doch gesagt, er hätte
schon längst jemanden auf ihre Spur setzen sollen.«
»Mr Crouch sagt das schon seit Wochen«, warf Percy rasch ein.
»Crouch hat nun wirklich Dusel, dass Rita noch nicht von der Geschichte
mit Winky erfahren hat«, sagte Mr Weasley verärgert. »Seine Hauselfe
wird mit dem Z auberstab, der das Dunkle Mal heraufbeschworen hat,
ertappt – das gäbe Schlagzeilen für eine Woche.«
»Ich dachte, wir wären uns einig, dass diese Elfe zwar verantwortungslos
gehandelt, aber das Dunkle Mal tatsächlich nicht heraufbeschworen
hat?«, bemerkte Percy steif.
»Wenn du mich fragst, dann kann Mr Crouch froh sein, dass keiner beim
Tagespropheten weiß, wie übel er mit Hauselfen umspringt!«, sagte
Hermine zornig.
»Hör mal zu, Hermine!«, sagte Percy. »Ein hochrangiger
Ministerialbeamter wie Mr Crouch ver dient unerschütterlichen
Gehorsam von seiner Bediensteten – «
»Seiner Sklavin, meinst du wohl!«, sagte Hermine mit schriller Stimme.
»Denn er bezahlt Winky doch nicht, oder?«
»Ich denke, ihr geht jetzt alle nach oben und schaut nach, ob ihr beim
Packen nich ts vergessen habt!«, unterbrach Mrs Weasley den Streit.
»Nun los, und zwar alle ...«
Harry räumte sein Besenpflege- Set zusammen, schulterte den Feuerblitz
und ging mit Ron nach oben. Unter dem Dach war der Regen noch lauter
zu hören, begleitet vom lauten Pfeifen und Stöhnen des Windes und
nicht zu vergessen dem gelegentlichen Aufheulen des Ghuls, der unter
dem Dachfirst hauste. Pigwidgeon begann zwitschernd in seinem Käfig
herumzuflattern, als sie eintraten. Der Anblick der halb gepackten Koffer
schien ihn vor Aufregung rasend zu machen.
»Wirf ihm ein paar Eulenkekse rein«, sagte Ron und warf Harry eine
Tüte zu, »vielleicht stopft ihm das den Schnabel.«
Harry steckte ein paar Eulenkekse durch die Käfigstangen und wandte
sich dann wieder seinem Koffer zu, neb en dem der immer noch leere

Käfig von Hedwig stand.
»Sie ist schon über eine Woche weg«, sagte Harry und betrachtete
Hedwigs verlassene Vogelstange. »Ron, du glaubst doch nicht, dass sie
Sirius erwischt haben, oder?«
»Nein, das hätte doch im Tagespropheten gestanden«, entgegnete Ron.
»Das Ministerium hätte sicher zeigen wollen, dass ihnen zumindest ein
Fang gelungen ist.«
»Jaah, schon möglich ...«
»Sieh mal, hier sind die Sachen, die dir Mum aus der Winkelgasse
mitgebracht hat. Und außerdem hat sie noch etwas Geld aus deinem
Verlies geholt ... und all deine Socken gewaschen.«
Er lüpfte einen Stapel Pakete auf Harrys Feldbett und legte den
Geldbeutel und einen Haufen Socken daneben. Harry machte sich ans
Auspacken. Außer dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, von
Miranda Habicht waren da noch eine Hand voll neuer Federkiele, ein
Dutzend Pergamentrollen und Nachfüllpackungen für seinen
Zaubertrankkasten – Löwenfischgräten und Belladonna -Essenz waren in
letzter Zeit knapp geworden. Gerade stopfte er Unterwäsche in seinen
Kessel, als Ron hinter ihm ein lautes »Uääh« vernehmen ließ.
»Was soll das denn sein?«
Er hielt etwas in die Höhe, das aussah wie ein langes, kastanienbraunes
Samtkleid. Es hatte einen verschlissenen Rüschenkragen und dazu
passende Spitzensäume an den Ärmeln.
Es klopfte und Mrs Weasley trat mit einem Arm voll frisch gewaschener
Hogwarts -Umhänge ein.
»Bitte sehr«, sagte sie und verteilte sie zwischen den beiden. »Und jetzt
passt auf, dass ihr sie richtig einpackt, damit sie nicht knittern.«
» Mum, du hast mir Ginnys neues Kleid gegeben«, sagte Ron und hielt
seiner Mutter das Samtkleid hin.
»Wie kommst du darauf«, sagte Mrs Weasley. »Das ist für dich. Dein
Festumhang.«
»Mein was?«, sagte Ron wie vom Donner gerührt.
»Dein Festumhang!«, wiederholte Mrs Weasley. »Auf der Schulliste
heißt es, ihr braucht dieses Jahr einen Umhang ... for festliche Anlässe.«
»Du machst Witze«, sagte Ron ungläubig. »Das Teil zieh ich nie und
nimmer an.«

»Alle tragen so was, Ron!«, sagte Mrs Weasley verdrossen. »Die sehen
nun mal so aus! Dein Vater hat welche für schicke Partys!«
»Bevor ich so was anziehe, geh ich lieber splitternackt«, sagte Ron
verbissen.
»Stell dich nicht so an«, sagte Mrs Weasley, »du brauchst unbedingt
einen Festumhang, das steht auf der Liste! Für Harry hab ich auch einen
... zeig ihn mal, Harry ...«
Mit leise bebender Hand öffnete Harry das letzte Paket auf seinem
Feldbett. Es war jedoch nicht so übel, wie er befürchtet hatte; sein
Festumhang hatte keine Rüschen; tatsächlich sah er ungefähr so aus wie
seine Schulumhänge, nur war er nicht schwarz, sondern grün.
»Ich dachte, der bringt deine Augenfarbe gut zur Geltung, mein Lieber«,
sagte Mrs Weasley vergnügt.
»Na also, der ist in Ordnung!«, sagte Ron und musterte zornig Harrys
Umhang. »Warum hab ich nicht auch so einen gekriegt?«
»Weil ... na ja, ich musste deinen im Secondhandladen besorgen, und da
hatten sie nicht so viel Auswahl«, sagte Mrs Weasley errötend.
Harry starrte auf seine Füße. Liebend gern hätte er all sein Geld im
Gringotts -Verlies mit d en Weasleys geteilt, doch er wusste, sie würden
es niemals annehmen.
»Den zieh ich nicht an«, sagte Ron hartnäckig. »Nie und nimmer.«
»Schön«, fauchte Mrs Weasley. »Dann geh nackt. Und Harry, pass auf,
dass du ein Foto von ihm machst. Damit ich mal was zu lachen hab,
meine Güte aber auch.«
Sie ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Vom Fenster her kam
ein merkwürdiges Spotzen und Keuchen. Pigwidgeon würgte an einem
Eulenkeks, der zu groß für seinen Hals war.
»Warum hab ich eigentlich immer nur Schro tt?«, sagte Ron zornig und
ging hinüber, um Pigwidgeons Schnabel zu entrümpeln.

Im Hogwarts-Express


Düstere Stimmung lag in der Luft, als Harry am nächsten Morgen
erwachte, denn die Sommerferien waren nun endgültig vorbei. Der
Regen klatschte noch immer schwer gegen die Scheiben, während er in
Jeans und Sweatshirt schlüpfte die Umhänge wollten sie erst im
Hogwarts -Express anziehen. Er machte sich mit Ron, Fred und George
auf den Weg nach unten zum Frühstück und hatte gerade den
Treppenabsatz im ersten Stock erreicht, als Mrs Weasley mit gequälter
Miene am Fuß der Treppe erschien.
»Arthur!«, rief sie durchs Treppenhaus. »Arthur! Dringende Nachricht
vom Ministerium!«
Mr Weasley erschien, den Umhang verkehrt herum an, trippelte an Harry
vorbei, der sich an d ie Wand drücken musste, und verschwand unten in
der Küche. Als sie kurz danach hinzukamen, fanden sie Mrs Weasley
aufgeregt in den Schubladen des Geschirrschranks wühlen – »Hier hatte
ich doch irgendwo 'ne Feder liegen!« - , während sich Mr Weasley über
das Feuer gebeugt mit jemandem unterhielt –
Harry schloss die Augen und öffnete sie wieder, denn er war sich nicht
sicher, ob er richtig sah.
Inmitten der Flammen saß ein großes bärtiges Ei, und dieses Ei war
Amos Diggory. Das Ei redete hastig auf Mr Weasley ein, ohne sich von
den umherstiebenden Funken und den um seine Ohren züngelnden
Flammen auch nur im Geringsten stören zu lassen.
»... Muggelnachbarn haben Lärm und Schreie gehört und deshalb diese,
wie heißen sie noch mal – Blitzisten gerufen. Arthur, du musst da
unbedingt hin!«
»Hier, bitte!«, keuchte Mrs Weasley und drückte ihrem Mann ein Blatt
Pergament, ein Fläschchen Tinte und eine zerzauste Feder in die Hand.
» – wir können wirklich von Glück reden, dass ich davon gehör t hab«,
sagte Mr Diggorys Kopf. »Ich musste heute recht früh ins Büro, um ein
paar Eulen wegzuschicken, und da hab ich all diese Leute von
Missbrauch der Magie losfliegen sehen – wenn Rita Kimmkorn Wind
davon kriegt, Arthur – «
»Was hat Mad -Eye denn nun genau gesehen?«, fragte Mr Weasley,

schraubte das Tintenfläschchen auf und füllte seine Feder, um sich
Notizen zu machen.
Mr Diggory rollte mit den Augen. »Jemand habe sich in seinem Hof
rumgetrieben, sagte er. Er sei auf sein Haus zugeschlichen, doch seine
M ülleimer hätten sich auf ihn gestürzt.«
»Was haben die Mülleimer gemacht?«, fragte Mr Weasley eifrig
kritzelnd.
»Einen Höllenlärm und den ganzen Müll durch die Gegend gepfeffert,
soviel ich weiß«, sagte Mr Diggory. »Als dann die Blitzisten
auftauchten, ist offenbar immer noch einer umhergetorkelt – «
Mr Weasley stöhnte auf. »Und was ist mit dem Eindringling?«
»Arthur, du kennst doch Mad- Eye«, sagte Mr Diggorys Kopf unter
erneutem Augenrollen. »Jemand, der sich mitten in der Nacht in seinen
Hof schleicht? Wah rscheinlich läuft irgendwo eine zu Tode erschreckte
Katze herum, dekoriert mit Kartoffelschalen. Aber sobald Mad -Eye den
Leuten von der Missbrauchsbekämpfung in die Hände fällt, ist er erledigt
denk mal an seine Vorstrafen – wir müssen ihm irgendeine Klein igkeit
anhängen, etwas aus deiner Abteilung – was kriegt man für
explodierende Mülleimer?«
»Eine Verwarnung wär drin«, sagte Mr Weasley stirnrunzelnd und
schrieb immer noch hastig. »Mad -Eye hat seinen Zauberstab nicht
benutzt? Er selbst hat niemanden angeg riffen?«
»Ich wette, er ist aus dem Bett gesprungen und hat angefangen, alles zu
verhexen, was er vom Fenster aus erreichen konnte«, sagte Mr Diggory,
»aber die werden Schwierigkeiten haben, das zu beweisen; Verletzte gibt
es nämlich nicht.«
»Gut, ich muss los«, sagte Mr Weasley, stopfte das Pergament mit den
Notizen in die Tasche und huschte aus der Küche.
Mr Diggorys Kopf wandte sich Mrs Weasley zu.
»Tut mir Leid, Molly«, sagte er etwas ruhiger, »dass ich euch heute so
früh stören musste ... aber Arthur i st nun mal der Einzige, der Mad-Eye
da raushauen kann, und Mad- Eye sollte heute eigentlich seine neue
Stelle antreten. Warum er ausgerechnet letzte Nacht ...«
»Schon gut, Amos«, sagte Mrs Weasley. »Magst du nicht ein wenig
Toast mit Butter, bevor du gehst? «
»O danke, da sag ich nicht nein.«

Mrs Weasley nahm ein Stück gebutterten Toast von einem Stapel auf
dem Küchentisch, steckte es in die Feuerzange und schob es Mr Diggory
in den Mund.
»Manke«, schmatzte Mr Diggory und verschwand mit einem leisen
Plopp.
Harry hörte, wie sich Mr Weasley hastig von Bill, Charlie, Percy und
den Mädchen verabschiedete. Fünf Minuten später tauchte er wieder in
der Küche auf, sich hastig kämmend, den Umhang jedoch richtig herum
an.
»Ich muss mich beeilen – ein gutes Schuljahr wün sch ich euch, Jungs«,
rief er Harry, Ron und den Zwillingen zu, warf sich einen weiteren
Umhang über die Schulter und machte Anstalten zu disapparieren.
»Molly, macht es dir was aus, die Kinder nach King's Cross zu
bringen?«
»Ist schon gut«, sagte Mrs Weas ley. »Kümmere du dich um Mad -Eye,
wir kommen schon klar.«
Kaum war Mr Weasley verschwunden, traten Bill und Charlie in die
Küche. »Hat hier jemand was von Mad -Eye gesagt?«, fragte Bill. »Was
hat er jetzt schon wieder ausgefressen?«
»Er behauptet, jemand habe versucht, letzte Nacht in sein Haus
einzubrechen«, sagte Mrs Weasley.
»Mad -Eye Moody?«, sagte George nachdenklich, während er seinen
Toast mit Marmelade bestrick »Ist das nicht dieser durchgeknallte – «
»Dein Vater hält sehr viel von Mad -Eye Moody«, unte rbrach ihn Mrs
Weasley steif.
»Jaah, nun, Dad sammelt auch Stecker, oder?«, sagte Fred leise, als Mrs
Weasley hinausging. »Seelenverwandtschaft ...«
»Moody war zu seiner Zeit ein großer Zauberer«, sagte Bill.
»Er ist doch ein alter Freund von Dumbledore?«, meinte Charlie.
»Auch Dumbledore ist ja nicht gerade das, was man normal nennen
würde«, sagte Fred. »Sicher, er ist ein Genie und alles ...«
»Wer ist denn nun Mad- Eye?«, fragte Harry.
»Früher hat er fürs Ministerium gearbeitet, heute ist er im Ruhestand« ,
sagte Charlie. »Ich hab ihn mal getroffen, als Dad mich zur Arbeit
mitnahm. Er war ein Auror – einer der besten ... ein Jäger schwarzer
Magier«, fügte er mit einem Blick auf den fragend dreinblickenden

Harry hinzu. »Zu seiner Zeit hat er praktisch die Hälfte der Zellen in
Askaban gefüllt. Hat sich dabei allerdings eine Menge Feinde gemacht ...
vor allem die Familien von Leuten, die er gefangen hat ... und wie ich
höre, hat ihn auf seine alten Tage noch der Verfolgungswahn gepackt.
Traut keinem mehr über den Weg. Sieht an jeder Ecke schwarze
Magier.«
Bill und Charlie kamen überein, die anderen nach King's Cross zu
begleiten und sich dort zu verabschieden. Percy jedoch entschuldigte
sich wortreich, weil er unbedingt zur Arbeit müsse.
»Ich kann es einfach nicht verantworten, noch länger freizunehmen«,
verkündete er. »Mr Crouch verlässt sich inzwischen ganz und gar auf
mich.«
»Ja, und weißt du was, Percy?«, sagte George mit ernster Miene. »Ich
denke, bald wird er sogar deinen Namen kennen.«
Mrs Weasley hatte sich ans Telefon im Dorfpostamt gewagt und drei
gewöhnliche Muggeltaxis bestellt, die sie nach London fahren sollten.
»Arthur hat versucht Wagen aus dem Ministerium zu besorgen«,
flüsterte Mrs Weasley Harry zu, als sie auf dem regennassen Hof standen
und zus ahen, wie die Taxifahrer sechs schwere Hogwarts -Schrankkoffer
in ihre Autos luden. »Aber sie konnten keinen erübrigen ... meine Güte,
die sehen nicht gerade fröhlich aus, oder?«
Harry mochte Mrs Weasley ungern sagen, dass Muggeltaxifahrer selten
überdrehte Eulen transportierten, und Pigwidgeon machte einen
trommelfellzerfetzenden Lärm. Auch war es nicht besonders hilfreich,
dass Freds Koffer aufsprang und überraschend eine Anzahl Dr.
Filibusters hitzefreier, nass zündender Feuerwerksknaller losging.
Woraufhin der Fahrer, dem Krummbein in Panik auch noch die Krallen
in die Waden schlug, vor Schreck und Schmerz laut aufschrie.
Mitsamt ihren Koffern auf die Rückbänke der Taxis gequetscht, hatten
sie eine unbequeme Fahrt. Krummbein brauchte eine ganze Weile, um
sich von den Knallern zu erholen, und als sie endlich London erreichten,
waren Harry, Ron und Hermine furchtbar zerkratzt. Erleichtert
aufatmend stiegen sie vor King's Cross aus, auch wenn es jetzt aus
Kübeln goss und sie pitschnass wurden, als sie ihre Ko ffer über die
belebte Straße in den Bahnhof trugen.
Harry fand es inzwischen recht einfach, auf Gleis neundreiviertel zu

gelangen. Man musste nur ganz lässig durch die scheinbar solide
Absperrung zwischen den Gleisen neun und zehn gehen. Das einzig
Schwierige war, möglichst nicht aufzufallen, damit die Muggel nicht
misstrauisch wurden.
Heute gingen sie in Gruppen; Harry, Ron und Hermine (die
Auffälligsten, da sie Pigwidgeon und Krummbein bei sich hatten) waren
als Erste dran; kaum hatten sie sich ganz entsp annt und munter
schwatzend gegen die Absperrung gelehnt, als sie auch schon seitlich
hindurchglitten ... und Gleis neundreiviertel vor ihren Augen auftauchte.
Der Hogwarts -Express mit seiner scharlachrot leuchtenden Dampflok
stand schon bereit, und im Nebe l der Dampfschwaden, die aus dem
Schornstein zischten, wirkten die vielen Hogwarts -Schüler und ihre
Eltern auf dem Bahnsteig wie dahingleitende Schatten. Pigwidgeon
erwiderte die vielstimmigen Eulenschreie, die durch den Nebel drangen,
mit besonders lautem und schrillem Gelärme. Harry, Ron und Hermine
machten sich auf die Suche nach Sitzplätzen und konnten ihr Gepäck
auch bald in einem Abteil ungefähr in der Mitte des Zuges verstauen.
Dann sprangen sie noch einmal auf den Bahnsteig, um Mrs Weasley, Bill
und Charlie auf Wiedersehen zu sagen.
»Vielleicht seht ihr mich schneller wieder, als ihr denkt«, grinste Charlie,
während er Ginny zum Abschied umarmte.
»Warum?«, fragte Fred neugierig.
»Ihr werdet ja sehen«, sagte Charlie. »Aber sagt bloß Percy nicht, dass
ich was erwähnt hab ... es ist ja » eine geheime Information, bis das
Ministerium beschließt, sie freizugeben«.«
»Ja, ich wünschte, ich könnte dieses Jahr noch mal in Hogwarts sein«,
sagte Bill, der mit den Händen in den Taschen dastand und beinahe
neidisch den Zug betrachtete.
»Warum?«, fragte George ungeduldig.
»Ihr werdet jedenfalls ein spannendes Jahr erleben«, sagte Bill
augenzwinkernd. »Vielleicht nehm ich mir sogar mal frei, um es mir
selbst kurz anzuschauen ...«
»Was denn?«, fragte Ron.
Doch in dies em Moment hörten sie einen gellenden Pfiff und Mrs
Weasley schubste sie zur Waggontür.
Sie stiegen ein, schlössen die Tür und lehnten sich aus dem Fenster.

»Danke, dass wir bei Ihnen wohnen durften«, sagte Hermine.
»Es war mir ein Vergnügen, meine Lieben«, entgegnete Mrs Weasley.
»Ich würde euch ja gerne zu Weihnachten einladen, aber ... nun, ich
denke, ihr wollt sicher alle in Hogwarts bleiben, wo doch so viel los sein
wird ...«
»Mum!«, sagte Ron gereizt. »Nun sagt uns schon, worum es geht!«
»Das werdet ih r wohl heute Abend erfahren«, sagte Mrs Weasley
lächelnd. »Es wird sicher ganz spannend – ihr wisstja nicht, wie froh ich
bin, dass sie die Regeln geändert haben – «
»Welche Regeln?«, kam es von Harry, Ron, Fred und George wie aus
einem Munde.
Doch jetzt begannen die Kolben laut zu zischen und der Zug setzte sich
in Bewegung.
»Sag uns, was in Hogwarts passieren soll!«, schrie Fred aus dem Fenster,
doch Mrs Weasley, Bill und Charlie entfernten sich rasch. »Welche
Regeln haben sie denn geändert?«
Aber Mrs Weas ley lächelte nur und winkte. Noch bevor der Zug um die
Kurve gebogen war, war sie mit Bill und Charlie disappariert.
Harry, Ron und Hermine gingen zurück in ihr Abteil. Dichter Regen
klatschte gegen das Fenster und draußen war kaum etwas zu sehen. Ron
öffn ete seinen Koffer, zog seinen kastanienbraunen Festumhang hervor
und warf ihn über Pigwidgeons Käfig, um sein Geschrei zu dämpfen.
»Bagman wollte uns verraten, was in Hogwarts passiert«, grummelte er
und setzte sich neben Harry. » Bei der Weltmeisterschaft, weißt du noch?
Aber meine Mutter, meine eigene Mutter will es mir nicht sagen. Ich frag
mich, was –«
»Schhh!«, flüsterte Hermine plötzlich, drückte einen Finger auf die
Lippen und deutete auf das Nachbarabteil. Harry und Ron laus chten und
hörten durch die offene Tür eine vertraute schnarrende Stimme.
»... Vater hat tatsächlich überlegt, ob er mich nach Durmstrang schicken
soll und nicht nach Hogwarts. Er kennt nämlich den Schulleiter dort. Tja,
ihr wisst ja, was er über Dumbledore denkt – der Kerl ist ein
unglaublicher Liebhaber von Schlammblütern – und Durmstrang nimmt
solches Gesindel gar nicht erst auf. Aber Mutter wollte nicht, dass ich so
weit weg in die Schule gehe. Vater sagt, in Durmstrang haben sie eine
viel vernünftigere Einstellung zu den dunklen Künsten als in Hogwarts.

Durmstrang-Schüler lernen sie sogar und uns bringen sie nur diesen
Verteidigungskram bei ...«
Hermine stand auf, ging auf Zehenspitzen zur Abteiltür und schob sie zu;
Malfoy war jetzt nicht mehr zu hören.
»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepasst«, sagte sie
wütend. »Ich wünschte, er wäre tatsächlich dorthin gegangen, dann
müssten wir uns nicht mit ihm rumschlagen.«
»Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Hermine naserümpfend, »und sie hat einen fürchterlichen
Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magierausbildung zufolge legen
sie dort großen Wert auf die dunklen Künste.«
»Ich glaub, ich hab schon davon gehört«, sagte Ron verschwommen.
»Wo ist sie? In welchem Land?«
»Tja, das weiß keiner, ist doch klar«, sagte Hermine und hob die
Augenbrauen.
»Hmm – wieso?«, fragte Harry.
»Es gibt seit jeher viel Rivalität zwischen den Zaubererschulen.
Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zu verbergen, damit
niemand ihre Geh eimnisse stehlen kann«, sagte Hermine, als sei dies das
Natürlichste von der Welt.
»Hör auf«, sagte Ron und fing an zu lachen. »Durmstrang muss ungefähr
so groß sein wie Hogwarts, und wie willst du denn so ein irre großes
Schloss verstecken?«
»Aber Hogwarts ist auch versteckt«, entgegnete Hermine überrascht,
»jeder weiß es ... nun ja, jeder, der die Geschichte von Hogwarts gelesen
hat.«
»Also nur du«, sagte Ron. »Dann erklär mir mal – wie versteckt man ein
Schloss wie Hogwarts?«
»Es ist verhext«, sagte Herm ine. »Wenn die Muggel es anschauen, dann
sehen sie nur eine vermoderte alte Ruine mit einem Schild über dem
Eingang, auf dem steht: ACHTUNG, REIN ZUTRITT,
EINSTURZGEFAHR.«
»Und Durmstrang sieht dann für Außenstehende auch aus wie eine
Ruine?«
»Vielleicht«, sagte Hermine achselzuckend, »oder es hat
Muggelabwehr -Zauber an den Mauern, wie das

Weltmeisterschaftsstadion. Und damit fremde Zauberer es nicht finden,
haben sie es sicher unortbar gemacht –«
»Wie bitte?«
»Nun, man kann ein Gebäude so verzaubern, dass es auf einer Karte
nicht zu orten ist, oder?«
»Ähm – wenn du meinst«, sagte Harry.
»Aber ich glaube, Durmstrang muss irgendwo im hohen Norden sein«,
sagte Hermine nachdenklich. »Wo es ganz kalt ist – bei denen gehören
nämlich Pelzmützen zur Schuluniform.«
»Aah, denkt doch mal an die Möglichkeiten«, sagte Ron träumerisch.
»Es wäre so einfach gewesen, Malfoy von einem Gletscher zu stoßen
und die Sache wie einen Unfall aussehen zu lassen ... jammerschade,
dass seine Mutter ihn mag ...«
Weiter nach Norden fuhr der Zug und der Regen wurde immer stärker.
Der Himmel war dunkel und die Fenster waren beschlagen und deshalb
gingen bereits gegen Mittag die Lampen an. Der Karren mit Speisen und
Getränken kam den Gang entlanggerattert und Harry kaufte einen großen
Stapel Kesselkuchen für alle.
Einige ihrer Freunde schauten im Laufe des Nachmittags bei ihnen
vorbei, darunter Seamus Finnigan, Dean Thomas und Neville
Longbottom, ein rundgesichtiger Junge, der von seiner Großmutter, einer
stattlichen Hexe, erzogen worden und für seine Vergesslichkeit
berüchtigt war. Seamus trug immer noch seine Irland -Rosette. Ihr Zauber
schien nun ein wenig nachzulassen; zwar piepste sie noch »Troy! Mullet!
Moran!«, doch es klang recht schwachbrüstig und erschöpft. Nach einer
guten halben Stu nde hatte Hermine das endlose Quidditch -Gerede satt,
sie vergrub sich in das Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, und
versuchte sich einen Sammelzauber beizubringen.
Neville lauschte neiderfüllt, wie die anderen das Endspiel noch einmal
Zug um Zug durchspra chen.
»Oma wollte nicht hingehen«, sagte er niedergeschlagen. »Und hat mir
keine Karte gekauft. Klingt aber toll, was ihr erzählt.«
»War es auch«, sagte Ron. »Schau dir das an, Neville ...«
Er stöberte in seinem Koffer auf der Gepäckablage und zog die kleine
Nachbildung von Viktor Krum hervor.
»Wahnsinn«, sagte Neville neidisch, als Ron Krum einen kleinen Klaps

auf den dicken Kopf gab.
»Wir haben ihn ganz aus der Nähe gesehen«, sagte Ron. »Wir waren in
der Ehrenloge.«
» Zum ersten und letzten Mal in deinem Leben, Weasley.«
Draco Malfoy war in der Tür erschienen. Hinter ihm standen Crabbe und
Goyle, seine fiesen bulligen Kumpels, die beide im Sommer offenbar um
mehr als einen Kopf gewachsen waren. Wie es schien, hatten sie das
Gespräch durch die Abteiltür, die Dean und Seamus offen gelassen
hatten, belauscht.
»Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Malfoy«, sagte
Harry kühl.
»Hör mal, Weasley ... was ist das denn?«, sagte Malfoy und deutete auf
Pigwidgeons Käfig . Ein Ärmel von Rons Festumhang, der darüber hing,
schwang im Fahrtrhythmus des Zuges hin und her, so dass der
vergammelte Spitzenbesatz gut zur Geltung kam.
Ron wollte den Umhang rasch verschwinden lassen, doch Malfoy war
schneller; er packte den Ärmel un d zog ihn an sich.
»Seht euch das an!«, rief er ganz entzückt und hob Rons Festumhang
hoch, damit Crabbe und Goyle ihn begutachten konnten. »Weasley, du
hast doch nicht etwa die Absicht, den wirklich zu tragen? Immerhin –
um 1890 herum war es sicher der letzte Schrei ...«
»Friss Mist, Malfoy!«, sagte Ron, und sein Gesicht hatte, als er ihn
Malfoy entriss, längst die Farbe des Umhangs angenommen. Malfoy
wieherte hämisch und Crabbe und Goyle glotzten blöde.
»Aha ... du willst dich also bewerben, Weasley? Willst den Namen
deiner Familie mit ein wenig Ruhm bekleckern? Geld ist auch im Spiel,
du weißt ja ... könntest dir ein paar anständige Umhänge leisten, wenn du
gewinnen würdest ...« »Wovon redest du eigentlich?«, fuhr ihn Ron an.
»Machst du mit?«, wiederholte Malfoy. »Du, Potter, auf jeden Fall,
schätze ich. Du lässt doch keine Gelegenheit aus, um den Angeber zu
markieren, oder?«
»Entweder du erklärst, wovon du redest, oder du verschwindest,
Malfoy«, sagte Hermine gereizt über den Rand ihres Lehrbuchs der
Zaub ersprüche hinweg.
Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Malfoys Gesicht aus.
»Erzähl mir bloß nicht, dass du keine Ahnung hast, Weasley?«, höhnte er

genüsslich. »Du hast einen Vater und einen Bruder im Ministerium und
du weißt es nicht mal? Hör mal, mein Vater hat es mir schon vor einer
Ewigkeit erzählt ... hat es von Cornelius Fudge erfahren. So ist es eben,
Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium zu tun ... vielleicht
ist deiner ein zu kleines Licht und darf es überhaupt nicht wissen,
Weasley . .. tja ... wenn er in der Nähe ist, reden sie wahrscheinlich nicht
über wichtige Dinge ...«
Malfoy lachte laut auf, nickte Crabbe und Goyle zu, und die drei
verschwanden.
Ron erhob sich und knallte die Schiebetür des Abteils so wütend zu, dass
die Scheibe zu Bruch ging.
»Ron!«, sagte Hermine vorwurfsvoll, zückte ihren Zauberstab und
murmelte »Reparo!«; die Scherben flogen zu einer Scheibe zusammen,
die sich wieder in die Tür einfügte.
»Das Aas ... tut so, als ob er alles wüsste und wir nicht ...«, knurrte R on.
» Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium zu tun.« ... Mein
Dad hätte sich jederzeit befördern lassen können ... ihm gefällt eben die
Arbeit, die er jetzt macht ...«
»Natürlich, das wissen wir«, sagte Hermine beschwichtigend. »Lass dich
doch nicht von Malfoy ärgern, Ron – «
»Er! Und mich ärgern! Schwachsinn!«, sagte Ron, packte einen der noch
übrig gebliebenen Kesselkuchen und zerdrückte ihn zu Matsch.
Rons schlechte Laune hielt die restliche Fahrt über an. Er sprach nicht
viel, als sie ihre Umh änge anzogen, und blickte immer noch finster, als
der Hogwarts -Express endlich bremste und schließlich in pechschwarzer
Dunkelheit am Bahnhof von Hogsmeade Halt machte.
Kaum waren die Waggontüren aufgegangen, hörten sie über sich ein
Donnergrollen. Hermine wickelte Krummbein in ihren Umhang und Ron
ließ seinen Festumhang über Pig -widgeons Käfig hängen. Mit gesenkten
Köpfen, nur hin und wieder nach vorne blinzelnd, kämpften sie sich
durch den Wolkenbruch. Es regnete so heftig, als würden Eimer um
Eimer eiska lten Wassers über ihren Köpfen ausgeschüttet.
»Hallo, Hagrid!«, rief Harry; am Ende des Bahnsteigs hatte er eine
hünenhafte Gestalt erspäht.
»Alles klar, Harry?«, brüllte Hagrid und winkte ihnen zu. »Sehn uns
beim Festessen, falls wir vorher nicht absaufen !«

Wie es der Brauch war, fuhren die neuen Schüler mit Booten über den
See hinüber nach Hogwarts.
»Uuuuuh, bei diesem Wetter hätt ich keine Lust, über den See zu
fahren«, sagte Hermine und schüttelte sich ausgiebig. Inmitten der
Schülerschar gelangten sie nur mühsam über den Bahnsteig und nach
draußen vor den Bahnhof, wo bereits hundert pferdelose Kutschen auf
sie warteten. Harry, Ron, Hermine und Neville stiegen erleichtert in
einen der Wagen, die Tür schlug zu und wenige Augenblicke später
setzte sich die lange Kutschenprozession mit einem kräftigen Ruck in
Bewegung. Ratternd und Wasser zu allen Seiten verspritzend fuhren sie
den Weg zum Schloss Hogwarts empor.

Das Trimagische Turnier


Die Kutschen rollten durch das von geflü gelten Steinebern bewachte
Schlosstor und kamen jetzt gefährlich ins Schlingern, denn aus dem
Wind war ein Sturm geworden. Harry hatte den Kopf ans Fenster gelehnt
und sah Hogwarts mit seinen vielen erleuchteten Fenstern, die
verschwommen durch den dichten Regenschleier schimmerten,
allmählich näher kommen. Blitze jagten sich am Himmel, als ihr Wagen
an der steinernen Treppe anhielt, die zu dem großen Eichenportal
hinaufführte. Ihre Mitschüler, die vor ihnen angekommen waren,
stürmten bereits die Stufen zum Schloss empor; auch Harry, Ron,
Hermine und Neville sprangen aus ihrer Kutsche und hasteten die Treppe
hoch, und erst als sie endlich in der gewölbten, fackelbeleuchteten
Eingangshalle mit ihrer beeindruckenden Marmortreppe standen, sahen
sie auf.
»Oje«, sagte Ron, schüttelte den Kopf und spritzte Wasser auf die
Umstehenden, »wenn das so weitergeht, läuft der See noch über. Ich bin
pitsch ... – AAARRH!«
Ein großer, roter, mit Wasser gefüllter Ballon war von der Decke herab
auf Rons Kopf gefallen und geplat zt. Durchnässt und prustend stolperte
Ron zur Seite und rempelte Harry an, und genau in diesem Moment fiel
die zweite Bombe – sie verfehlte nur knapp Hermine, platzte vor Harrys
Füßen, und eine Welle eiskalten Wassers ergoss sich über seine
Turnschuhe und durchweichte seine Socken. Die Umstehenden flohen
kreischend und sich gegenseitig schubsend aus der Schusslinie – Harry
hob den Kopf und erkannte, sieben Meter über ihnen schwebend, Peeves,
den Poltergeist, einen kleinen Mann mit glockenförmigem Hut und
or angeroter Fliege, der sie jetzt, das breite, heimtückische Gesicht vor
Anspannung verzogen, erneut aufs Korn nahm.
»Peeves!«, rief eine zornige Stimme. »Peeves, kommen Sie runter, und
zwar sofort!«
Professor McGonagall, die stellvertretende Direktorin und Leiterin des
Hauses Gryffindor, kam aus der Großen Halle gestürmt, rutschte jedoch
auf dem nassen Steinboden aus und konnte sich nur vor einem Sturz
bewahren, indem sie sich an Hermines Hals festklammerte.

»Autsch – Verzeihung, Miss Granger – «
»Macht nichts, Professor!«, würgte Hermine und rieb sich die Kehle.
»Peeves, runter jetzt, sofort!«, bellte Professor McGonagall, rückte ihren
Spitzhut zurecht und starrte durch ihre quadratischen Brillengläser zornig
zur Decke.
»Tu doch gar nichts«, gackerte Peeves u nd warf mit großem Schwung
eine Wasserbombe gegen eine Gruppe von Fünftklässlerinnen, die
schreiend in die Große Halle wegtauchten. »Sind doch eh schon nass,
oder? Die kleinen Racker! Uuuiiiiiii!« Und mit einer weiteren Bombe
nahm er ein paar Zweitklässler aufs Korn, die gerade angekommen
waren.
»Ich rufe den Schulleiter!«, rief Professor McGonagall. »Ich warne Sie,
Peeves –«
Peeves streckte ihr die Zunge heraus, warf seine letzte Wasserbombe
hoch in die Luft und rauschte unter irrem Kichern über die
Marmor treppe hinweg davon.
»Also weiter jetzt«, sagte Professor McGonagall mit einer gewissen
Schärfe in der Stimme zu der durchnässten Menge. »In die Große Halle,
Beeilung!«
Ron wischte sich das tropfnasse Haar unter wütendem Gemurmel aus
dem Gesicht, und die d rei schlitterten und rutschten durch die
Eingangshalle und wandten sich dann nach rechts zur Flügeltür.
Wie immer zum Fest der Neuen war die Große Halle herrlich
geschmückt. Im Licht unzähliger Kerzen, die über den Tischen
schwebten, schimmerten goldene Te ller und Kelche. An den vier langen
Haustischen saßen dicht an dicht eifrig schwatzende Schüler; etwas
erhöht an der Stirnseite der Halle saßen die Lehrer, den Schülern
zugewandt, entlang einer fünften Tafel. Hier in der Großen Halle war es
warm. Harry, Ro n und Hermine gingen an den Slytherins, den
Ravenclaws und den Hufflepuffs vorbei und setzten sich zu den
Gryffindors auf der anderen Seite der Halle, neben den Fast Kopflosen
Nick, das Gespenst von Gryffindor. Perlweiß und halb durchsichtig, trug
Nick heu te Abend sein übliches Wams, diesmal mit einer ungewöhnlich
breiten Halskrause, die zum einen besonders festlich aussehen sollte und
zum anderen dafür sorgte, dass sein Kopf auf dem fast durchtrennten
Hals nicht über Gebühr eierte.

»Guten Abend«, sagte er und strahlte sie an.
»Schön war's«, sagte Harry. Er zog seine Turnschuhe aus und schüttete
das Wasser aus. »Hoffentlich beeilen sie sich bei der Auswahl. Ich
verhungere gleich.«
Zu Beginn jedes Schuljahres wurden die Neuen auf die vier Häuser von
Hogwarts verteilt, doch durch eine unglückliche Fügung der Umstände
war Harry seit seinem eigenen ersten Tag nie mehr bei einer Auswahl
dabei gewesen. Im Grunde freute er sich darauf.
In diesem Moment rief jemand weiter oben am Tisch ganz aufgeregt und
atemlos: »Ho lla, Harry!«
Es war Colin Creevey, ein Drittklässler, für den Harry eine Art Held war.
»Hallo, Colin«, sagte Harry verhalten.
»Harry, rat mal, was heute los ist? Rat mal, Harry! Heute fängt mein
Bruder an! Mein Bruder Dennis!«
»Hmmh – ist ja toll«, sagte Harry.
»Er ist furchtbar aufgeregt!«, rief Colin und hopste auf seinem Stuhl hin
und her. »Ich hoffe, er kommt nach Gryffindor! Drück ihm die Daumen,
ja, Harry?«
»Ähm – ja, mach ich!«, sagte Harry und wandte sich wieder Hermine,
Ron und dem Fast Kopflosen N ick zu. »Geschwister kommen
normalerweise zusammen in ein Haus, stimmt doch?«, fragte er. Er
dachte an die Weasleys, die alle sieben nach Gryffindor gekommen
waren.
»O nein, nicht unbedingt«, sagte Hermine. »Parvati Patils
Zwillingsschwester ist in Ravenclaw und die beiden sind nicht zu
unterscheiden. Da würdest du doch denken, sie gehörten auch hier
zusammen, oder?«
Harry sah hoch zum Lehrertisch. Mehr Stühle als sonst schienen leer zu
sein. Hagrid kämpfte sich natürlich immer noch mit den Erstklässlern
über den See; Professor McGonagall überwachte vermutlich das
Aufwischen in der Eingangshalle, doch da war noch ein leerer Stuhl, und
er kam nicht darauf, wer noch fehlen könnte.
»Wo ist der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste?« ,
fragte Hermine, die ebenfalls zum Lehrertisch hochsah.
Sie hatten noch nie einen Lehrer in diesem Fach gehabt, der länger als
ein Schuljahr geblieben war. Harrys mit Abstand liebster Lehrer war

Professor Lupin gewesen, der letztes Jahr aufgegeben hatte. Er ließ den
Blick am Lehrertisch entlangwandern. Eindeutig kein neues Gesicht.
»Vielleicht haben sie keinen gekriegt!«, sagte Hermine mit besorgter
Miene.
Noch einmal musterte Harry alle, die dort oben saßen.
Der winzig kleine Professor Flitwick, Lehrer fü r Zauberkunst, saß auf
einem großen Stapel Kissen neben Professor Sprout, der Lehrerin für
Kräuterkunde, deren Hut schräg auf ihrem grauen Flatterhaar saß. Sie
sprach gerade mit Professor Sinistra vom Fach Astrologie. Zur anderen
Seite von Professor Sinistra saß der fahlgesichtige, fetthaarige Lehrer für
Zaubertränke, Snape – den Harry am wenigsten von allen in Hogwarts
ausstehen konnte. Harrys Hass auf Snape wurde nur von Snapes Hass auf
Harry übertroffen, ein Hass, der sich letztes Jahr wohl noch gesteigert
hatte, als Harry Sirius geholfen hatte, direkt unter Snapes übergroßer
Nase zu entkommen – Snape und Sirius waren seit ihrer eigenen
Schulzeit miteinander verfeindet.
Auf Snapes anderer Seite war ein leerer Stuhl, der sicher Professor
McGonagall gehörte. Daneben, in der Mitte des Tisches, saß Professor
Dumbledore, der Schulleiter. Sein wehendes Silberhaar und sein üppiger
Bart schimmerten im Kerzenlicht und sein herrlicher dunkelgrüner
Umhang war über und über mit Sternen und Monden bestickt. Professor
Dumbledores Kinn ruhte auf den zusammengelegten Spitzen seiner
langen dünnen Finger und er blickte offenbar gedankenversunken durch
die Halbmondgläser seiner Brille hoch zur Decke. Auch Harry warf
einen Blick zur Decke. Sie war verzaubert und sah aus wie der Himmel
draußen, den er noch nie so sturmzerzaust gesehen hatte. Schwarze und
purpurne Wolken wirbelten über den Himmel, und als es draußen einen
erneuten Donnerschlag gab, erhellte ihn für einige Sekunden ein weit
verästelter Blitz.
»Mensch, beeilt euch« , stöhnte Ron. »Ich könnte einen Hippogreif
verspeisen.« Er hatte kaum den Mund zugemacht, da öffneten sich die
Flügeltüren der Großen Halle. Alle verstummten. Professor McGonagall
erschien an der Spitze einer langen Reihe von Erstklässlern und führte
sie an die Stirnseite der Halle. Harry, Ron und Hermine waren zwar
ziemlich nass, doch das war nichts gegen die Neuen. Sie schienen nicht
über den See gefahren, sondern geschwommen zu sein. Alle zitterten vor

Kälte und Aufregung, als sie am Lehrertisch entlanggingen und sich in
einer Reihe vor den älteren Schülern aufstellten – alle, nur der Kleinste
von ihnen nicht, ein Junge mit mausgrauem Haar, der, wie Harry
erkannte, in Hagrids Maulwurfmantel gewickelt war. Der viel zu große
Mantel wirkte, als wäre der Jun ge in eine schwarze Pelzmarkise gehüllt.
Sein kleines Gesicht lugte aus dem Kragen hervor und zeigte, dass er vor
Aufregung fast Qualen litt. Als er sich bei seinen verängstigt
umherblickenden Mitschülern eingereiht hatte, fing er Colin Creeveys
Blick auf, reckte beide Daumen in die Höhe und formte mit den Lippen
die Worte: »Ich bin in den See gefallen!« Darüber war er offensichtlich
entzückt.
Professor McGonagall kam mit einem dreibeinigen Stuhl in der Hand
und stellte ihn vor den Neuen ab. Auf dem Stuhl lag ein steinalter,
schmutziger, geflickter Zaubererhut. Die Neuen starrten ihn an. Und alle
anderen auch. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann öffnete
sich ein Riss gleich über der Krempe, ein Mund bildete sich, und der Hut
begann zu singen:
Eintaus end Jahr und mehr ist's her, seit mich genäht ein Schneiderer.
Da lebten vier Zaubrer wohl angesehn;
ihre Namen werden nie vergehn.
Von wilder Heide der kühne Gryffindor, der schöne Ravenclaw den
höchsten Fels erkor.
Der gute Hufflepuff aus sanftem Tal, der schlaue Slytherin aus Sümpfen
fahl.
Sie teilten einen Wunsch und Traum, einen kühnen Plan, ihr glaubt es
kaum junge Zauberer gut zu erziehn, das war von Hogwarts der Beginn.
Es waren unserer Gründer vier, die schufen diese Häuser hier und jeder
schätzte eine andere Tugend bei der von ihm belehrten Jugend. Die
Mutigsten zog Gryffindor bei weitem allen ändern vor; für Ravenclaw
die Klügsten waren alleine wert der Lehrerqualen. Und jedem, der da
eifrig lernte, bescherte Hufflepuff reiche Ernte. Bei Slytherin der Ehrgeiz
nur stillte den Machttrieb seiner Natur. Es ist vor langer Zeit gewesen, da
konnten sie noch selbst verlesen, doch was sollte später dann geschehen,
denn sie würden ja nicht ewig leben. 's war Gryffindor, des Rates gewiss,
der mich sogleich vo m Kopfe riss. Die Gründer sollten mir verleihn von
ihrem Grips 'nen Teil ganz klein. So kann ich jetzt an ihrer statt, sagen,

wer wohin zu gehen hat. Nun setzt mich rasch auf eure Schöpfe, damit
ich euch dann vor mir knöpfe. Falsch gewählt hab ich noch nie, weil ich
in eure Herzen seh. Nun wollen wir nicht weiter rechten, ich sag, wohin
ihr passt am besten. Der Sprechende Hut verstummte und in der Großen
Halle brandete Beifall auf.
»Das ist doch nicht das Lied, das er damals für uns gesungen hat«, sagte
Har ry und klatschte ebenfalls.
»Er singt jedes Jahr ein neues«, sagte Ron. »Muss ein ziemlich
langweiliges Leben sein für diesen Hut, meint ihr nicht? Sicher verbringt
er das ganze Jahr damit, ein neues Lied zu dichten.«
Professor McGonagall entrollte ein lan ges Pergament.
»Wenn ich euren Namen rufe, zieht ihr den Hut über den Kopf und setzt
euch auf den Stuhl«, erklärte sie den Neuen. »Wenn der Hut euer Haus
ausruft, geht ihr zum richtigen Tisch und setzt euch dorthin.
Ackerly, Stewart!«
Ein Junge, sichtlich am ganzen Leib zitternd, trat vor, nahm den
Sprechenden Hut in die Hand, setzte ihn auf und ließ sich auf dem Stuhl
nieder.
»Ravenclaw!«, rief der Hut.
Stewart Ackerly nahm den Hut ab und hastete zu einem Platz am Tisch
der Ravenclaws, die ihn begeistert k latschend empfingen. Harry
erhaschte einen kurzen Blick auf Cho, die Sucherin der Ravenclaws, die
Stewart Ackerly herzlich begrüßte. Einen flüchtigen Moment lang hatte
er das merkwürdige Gefühl, sich ebenfalls zu den Ravenclaws setzen zu
wollen.
»Baddock, Malcolm!«
»Slytherin!«
Am Tisch auf der anderen Seite der Halle brach Jubel aus; Harry konnte
Malfoy klatschen sehen, als Baddock sich den Slytherins anschloss.
Harry fragte sich, ob Baddock wusste, dass das Haus Slytherin mehr
schwarze Hexen und Magier hervorgebracht hatte als alle anderen
Häuser. Fred und George pfiffen Malcolm Baddock aus, als er sich
setzte.
»Branstone, Eleanor!«
»Hufflepuff!«
»Cauldwell, Owen!«

»Hufflepuff!«
»Creevey, Dennis!«
Der winzige Dennis Creevey trat ü ber Hagrids Maulwurfmantel
stolpernd vor, und in genau diesem Moment glitt Hagrid selbst durch
eine Tür hinter dem Lehrertisch in die Halle. Hagrid, etwa doppelt so
groß wie ein normal gewachsener Mann und mindestens dreimal so breit,
sah mit seinem langen , wilden und zerzausten schwarzen Haar und
seinem Bart ein wenig beängstigend aus – ein falscher Eindruck, wie
Harry, Ron und Hermine wussten, denn Hagrid war von ausgesprochen
freundlichem Gemüt. Er zwinkerte ihnen zu, setzte sich ans Ende des
Lehrertisch es und sah Dennis Creevey zu, der jetzt den Sprechenden Hut
aufsetzte. Der Riss über der Krempe öffnete sich weit –
»Gryffindor!«, rief der Hut.
Hagrid stimmte in den Applaus der Gryffindors ein, und Dennis, übers
ganze Gesicht strahlend, nahm den Hut ab, legte ihn auf den Stuhl und
rannte zum Gryffindor -Tisch, wo sein Bruder ihn empfing.
»Colin, ich bin in den See gefallen!«, kreischte er und hopste auf einen
freien Platz. »Es war toll! Und da war etwas im Wasser, das hat mich
gepackt und ins Boot zurückge worfen!«
»Cool!«, sagte Colin, nicht minder begeistert. »Das war sicher der
Riesenkrake, Dennis!«
»Irre!«, sagte Dennis, als wäre es die Erfüllung der sehnlichsten Träume,
in einen sturmgepeitschten, unergründlichen See zu fallen und von einem
gewaltigen Seemonster wieder herausgefischt zu werden.
»Dennis! Dennis! Siehst du den Jungen dort drüben? Den mit dem
schwarzen Haar und der Brille? Siehst du ihn? Weißt du, wer das ist,
Dennis?«
Harry wandte den Kopf zur Seite und starrte angestrengt hinüber zum
Spre chenden Hut, der gerade Emma Dobbs' Haus ausrief.
So ging es weiter mit der Aufteilung der Schüler; Jungen und Mädchen,
alle mit mehr oder weniger ängstlichen Gesichtern, traten der Reihe nach
vor den dreibeinigen Stuhl, und die Schlange der Wartenden war schon
um einiges kürzer, als Professor McGonagall zum Buchstaben L kam.
»Aah, beeilt euch«, sagte Ron und massierte sich den Bauch.
»Ich bitte dich, Ron, die Auswahl ist viel wichtiger als das Essen«, sagte
der Fast Kopflose Nick, als »Madley, Laura«, gerade zu einer Hufflepuff

ernannt wurde.
»Natürlich, wenn man schon tot ist«, knurrte Ron.
»Ich hoffe inständig, dass die neuen Gryffindors erste Sahne sind«, sagte
der Fast Kopflose Nick, während er »McDonald, Natalie« beklatschte,
die jetzt zum GryffindorTisch kam. »Wir wollen doch unsere Siegesserie
fortsetzen, nicht wahr?«
Gryffindor hatte die Hausmeisterschaft die letzten drei Jahre in Folge
gewonnen.
»Pritchard, Graham!«
»Slytherin!«
»Quirke, Orla!«
»Ravenclaw!«
Und endlich, nach »Whitby, Kevin!« (»Hufflepuff!«) verstummte der
Sprechende Hut. Professor McGonagall nahm Hut und Stuhl hoch und
trug sie davon.
»Wird allmählich Zeit«, sagte Ron, packte Messer und Gabel und blickte
erwartungsvoll auf seinen goldenen Teller.
Professor Dumbledore hatte sich erhob en. Lächelnd sah er in die Runde
und breitete die Arme zu einer Geste des Willkommens aus.
»Ich habe euch nur zwei Worte zu sagen«, verkündete er, und seine tiefe
Stimme hallte von den Wänden wider. »Haut rein.«
»Hört, hört!«, sagten Harry und Ron laut, und schon füllten sich die
leeren Schüsseln unter ihren Augen von Zauberhand mit Speisen.
Der Fast Kopflose Nick sah traurig zu, wie Harry, Ron und Hermine ihre
Teller beluden.
»Mmmh, schom bescher«, sagte Ron, den Mund voll Kartoffelbrei.
»Ihr habt Glück, d ass es heute Abend überhaupt ein Festessen gibt«,
sagte der Fast Kopflose Nick. »Vorhin gab's nämlich Ärger in der
Küche.«
»Warum? Wa'n paschiert?«, schmatzte Harry mit einem mächtigen Stück
Steak im Mund.
»Peeves, natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick und schüttelte den
Kopf, der dabei gefährlich ins Trudeln geriet. Er zog seine Halskrause
ein wenig höher. »Der übliche Streit, ihr wisst schon. Wollte beim Essen
dabei sein – und das kommt überhaupt nicht in Frage, ihr kennt ihn ja,
ungehobelter Kerl, er kann keinen Teller mit Essen sehen, ohne ihn

durch die Gegend zu werfen. Wir haben Geisterrat gehalten – der Fette
Mönch wollte ihm unbedingt eine Chance geben – aber der Blutige
Baron war strikt dagegen, völlig zu Recht, wenn ihr mich fragt.«
Der Blutige Baron war der Geist von Slytherin, ein ausgemergeltes und
stummes Gespenst, das mit silbrigen Blutflecken bespritzt war. Als
Einziger in Hogwarts hatte er Peeves wirklich im Griff.
»Ja, wir haben mitgekriegt, dass Peeves aus irgendeinem Grund v öllig
von der Rolle war«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Also, was hat er in der
Küche angestellt?«
»Ooch, das Übliche«, sagte der Fast Kopflose Nick achselzuckend.
»Verwüstung und Chaos. Überall lagen Töpfe und Pfannen herum. Die
ganze Küche schwamm in Suppe. Hat die Hauselfen fast zu Tode
erschreckt –«
Klang. Hermine hatte ihren goldenen Trinkbecher umgestoßen. Der
Kürbissaft breitete sich unaufhaltsam über das Tischtuch aus und ließ ein
paar Meter weißen Linnens orangerot anlaufen, doch Hermine war das
schnup pe.
»Hier gibt es Hauselfen?«, sagte sie und sah den Fast Kopflosen Nick
starr vor Entsetzen an. »Hier in Hogwarts?«
»Natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick, völlig überrascht von der
Wirkung seiner Worte. »Mehr als in jedem anderen Hause Britanniens,
gl aube ich. Über hundert.«
»Ich hab noch nie welche gesehen!«, sagte Hermine.
»Natürlich nicht, sie verlassen tagsüber kaum die Küche«, sagte der Fast
Kopflose Nick. »Nachts kommen sie raus, um ein wenig sauber zu
machen ... nach den Feuern zu schauen und so weiter ... außerdem soll
man sie ja auch gar nicht sehen. Zeichnet es nicht gerade einen guten
Hauselfen aus, dass man ihn überhaupt nicht bemerkt?«
Hermine starrte ihn an.
»Aber sie werden doch bezahlt?«, fragte sie. »Sie kriegen Urlaub, oder
nicht? Und – sie sind krankenversichert und bekommen eine Rente?«
Der Fast Kopflose Nick gluckste so heftig, dass ihm die Halskrause
herunterrutschte. Sein Kopf fiel zur Seite und blieb baumelnd an dem
Fingerbreit Gespensterhaut und Muskelfaser hängen, der ihn noch m it
dem Hals verband.
»Krankenversicherung und Rente?«, sagte er, setzte seinen Kopf zurück

auf den Hals und befestigte ihn wieder mit der Krause. »Hauselfen
wollen sich nicht krankschreiben lassen und auch nicht in Rente gehen!«
Hermine warf einen Blick au f ihr kaum berührtes Essen, legte Messer
und Gabel auf den Teller und schob ihn von sich weg.
»Ey, 'ör mal, 'Ermine«, sagte Ron und besprühte Harry versehentlich mit
Stückchen seines Yorkshire- Puddings. »Uuhps – Verzeihung, 'Arry – «
Er schluckte den Bissen hinunter. »Selbst wenn du dich zu Tode
hungerst, kriegen sie keinen Urlaub!«
»Sklavenarbeit«, sagte Hermine und atmete schwer durch die Nase. »Das
steckt hinter diesem Abendessen. Sklavenarbeit.«
Und sie weigerte sich, einen weiteren Bissen zu sich zu neh men.
Noch immer trommelte der Regen hart gegen die hohen, dunklen
Fenster. Wieder ließ ein Donnergrollen die Scheiben klirren, am
sturmgepeitschten Himmel blitzte es, und die goldenen Teller erstrahlten
kurz, während die Reste des ersten Ganges verschwanden und sofort der
Nachtisch erschien.
»Siruptorte, Hermine!«, sagte Ron und fächelte mit der Hand den Duft
der Torte zu ihr hinüber. »Rosinenpudding, sieh mal! Und
Schokoladenkuchen!«
Doch Hermine versetzte ihm einen Blick, der dem Professor
McGonagalls um nichts nachstand, und Ron gab klein bei.
Als auch der Nachtisch verschlungen war, die letzten Krümel von den
Tellern gefegt und diese wieder blitzblank waren, erhob sich noch
einmal Albus Dumbledore. Das Gesumme und Geschnatter, das die
Große Halle erfüllte, verstummte jäh, und nur noch das Heulen des
Windes und das Trommeln des Regens waren zu hören.
»So!«, sagte Dumbledore und lächelte in die Runde.
»Nun, da wir alle gefüttert und gewässert sind (»Hmfff!«, machte
Hermine), muss ich noch mal um eure Aufmer ksamkeit bitten und euch
einige Dinge mitteilen.
Mr Filch, der Hausmeister, hat mich gebeten, euch zu sagen, dass die
Liste der verbotenen Gegenstände in den Mauern des Schlosses für
dieses Jahr erweitert wurde und nun auch Jaulende Jo -Jos, Fangzähnige
Fri sbees und Bissige Bumerangs enthält. Die vollständige Liste zählt,
soviel ich weiß, etwa vierhundertundsiebenunddreißig Gegenstände auf
und kann in Mr Filchs Büro eingesehen werden, falls jemand sie zu Rate

ziehen will.«
Dumbledores Mundwinkel zuckten.
»Wi e immer«, fuhr er fort, »möchte ich euch daran erinnern, dass der
Wald auf dem Schlossgelände für Schüler verboten ist, wie auch das
Dorf Hogsmeade für alle Schüler der ersten und zweiten Klasse.
Ich habe zudem die schmerzliche Pflicht, euch mitzuteilen, d ass der
Quidditch -Wettbewerb zwischen den Häusern dieses Jahr nicht
stattfinden wird.«
»Was?«, keuchte Harry. Er sah sich nach Fred und George um, seinen
Mitspielern im Quidditch -Team. Sie waren offenbar zu entsetzt, um
einen Ton hervorzubringen, und von i hren Lippen war nur ein stummes
Flehen in Richtung Dumbledore abzulesen.
»Der Grund ist eine Veranstaltung, die im Oktober beginnt«, fuhr
Dumbledore fort, »und den Lehrern das ganze restliche Schuljahr viel
Zeit und Kraft abverlangen wird -doch ich bin sic her, ihr werdet alle viel
Spaß dabei haben. Mit größtem Vergnügen möchte ich ankündigen, dass
dieses Jahr in Hogwarts – «
Doch in diesem Moment gab es ein ohrenbetäubendes Donnergrollen
und die Flügeltüren der Großen Halle schlugen krachend auf.
Ein Mann, auf einen langen Stock gestützt und in einen schwarzen
Reiseumhang gehüllt, stand am Eingang. Jeder Kopf in der Großen Halle
wirbelte zu dem Fremden herum, den ein spinnbeiniger Blitz am Himmel
jäh ins Licht tauchte. Er nahm seine Kappe ab, befreite mit einem
Kopfschütteln seine lange, grauweiße Haarmähne und wandte seine
Schritte dem Lehrertisch zu.
Ein dumpfes Klonk wummerte bei jedem zweiten Schritt durch die
Große Halle. Er bestieg das Podium, wandte sich nach rechts und
humpelte auf Dumbledor e zu. Erneut schoss ein Blitz über den Himmel.
Hermine hielt den Atem an.
Der Blitz hatte ihnen das Gesicht des Mannes als scharfes Relief gezeigt,
und es war ein Gesicht, wie Harry noch nie eines gesehn hatte. Es wirke,
als wäre es aus einem Stück verwitterten Holzes geschnitzt, von
jemandem, der nur eine ganz dunkle Ahnung von einem menschlichen
Gesicht hatte und nicht allzu kunstfertig mit dem Breitel umgehen
konnte. Jeder Zentimeter seiner Haut schien vernarbt zu sein, Der Mund
war eine klaffende Wunde, die sich schräg über das Gesicht zog, und ein

großes Stück der Nase fehlte. Doch es waren die Augen des Mannes, die
einem wirklich Angst einjagten.
Das eine war eine kleine, dunkle Perle. Das andere war groß, rund wie
eine Münze und von einem leuchtend st ählernen Blau. Das blaue Auge
bewegte sich unablässig, ohne Lidschlag, rollte nach oben, nach unten,
zur Seite, ganz unabhängig vom normalen Auge – und dann drehte es
sich ganz nach hinten und blickte in den Kopf des Mannes hinein, so
dass sie nur noch das Weiße des Augapfels sehen konnten.
Der Fremde trat nun vor Dumbledore. Er streckte die Hand aus, die
genauso schwer vernarbt war wie sein Gesicht, Dumbledore schüttelte
sie und murmelte ein paar Worte, die Harry nicht verstand. Er schien den
Fremden nach etwas zu fragen, der jetzt ohne ein Lächeln den Kopf
schüttelte und mit gedämpfter Stimme antwortete. Dumbledore nickte
und bot dem Mann den leeren Platz neben sich an.
Der Fremde setzte sich, warf die grauweißen Haare aus dem Gesicht, zog
einen Teller Wür ste zu sich her, hob sie zum Rest seiner Nase hoch und
beschnüffelte sie. Dann zog er ein kleines Messer aus der Tasche, spießte
damit eine Wurst auf und begann zu essen. Sein normales Auge ruhte auf
den Würsten, doch das blaue Auge huschte immer noch ruhe los in seiner
Höhle umher und musterte die Halle und die Schüler.
»Ich möchte euch euren neuen Lehrer für Verteidigung gegen die
dunklen Künste vorstellen«, sagte Dumbledore strahlend in das
Schweigen hinein. »Professor Moody.«
Normalerweise wurden neue Lehrer mit Beifall begrüßt, doch kein
Lehrer und auch kein Schüler rührte die Hand, mit Ausnahme von
Dumbledore und Hagrid. Beide klatschten, doch in der Stille klang es
kläglich, und sie hörten schnell wieder auf. Alle anderen schienen so
gebannt von Moodys außergewöhnlicher Erscheinung, dass sie ihn nur
anstarren konnten.
»Moody?«, wisperte Harry Ron zu. »Mad -Eye Moody? Dem dein Dad
heute Morgen zu Hilfe gekommen ist?«
»Das muss er sein«, sagte Ron mit leiser, beeindruckter Stimme.
»Was ist denn mit dem los ?«, flüsterte Hermine. »Was ist mit seinem
Gesicht passiert?«
»Keine Ahnung«, flüsterte Ron, der Moody immer noch fasziniert
anstarrte.

Moody schien sein wenig überschwänglicher Empfang nicht im
Mindesten zu stören. Ohne den Krug mit Kürbissaft vor sich zu
beachten, steckte er die Hand abermals in seinen Reiseumhang, zog
einen Flachmann heraus und nahm einen kräftigen Schluck. Als er den
Arm hob, um zu trinken, verrutschte sein Umhang ein wenig, und Harry
sah unter dem Tisch einige Zentimeter seines geschnitzten Holzbeines,
das in einem Klauenfuß endete. Dumbledore räusperte sich erneut.
»Wie ich eben erwähnte«, sagte er und lächelte dem Meer von Schülern
zu, die immer noch gebannt Mad- Eye Moody anstarrten, »werden wir in
den kommenden Monaten die Ehre haben, Gastgeber einer sehr
spannenden Veranstaltung zu sein, eines Ereignisses, das seit über einem
Jahrhundert nicht mehr stattgefunden hat. Mit allergrößtem Vergnügen
teile ich euch mit, dass dieses Jahr in Hogwarts das Trimagische Turnier
stattfinden wird.«
»Sie machen Witze!«, sagte Fred Weasley laut.
Die Spannung, welche die Halle seit Moodys Ankunft erfüllt hatte,
entlud sich mit einem Schlag. Fast alle lachten und Dumbledore gluckste
zufrieden.
»Ich mache keine Witze, Mr Weasley«, sagte er, »obwohl, da f ällt mir
ein, im Sommer habe ich einen köstlichen Witz gehört; ein Troll, eine
Vettel und ein irischer Kobold gehen zusammen in die Kneipe – «
Professor McGonagall räusperte sich vernehmlich.
»Ähm – aber vielleicht ein andermal ... nein ...«, sagte Dumbledo re. »Wo
war ich stehen geblieben? Ah ja, das Trimagische Turnier ... nun, einige
von euch werden nicht wissen, worum es bei diesem Turnier geht, und
ich hoffe, dass die anderen mir verzeihen, wenn ich es kurz erkläre, sie
können ja inzwischen weghören.
Das Trimagische Turnier fand erstmals vor etwa siebenhundert Jahren
statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwischen den drei größten
europäischen Zaubererschulen – Hogwarts, Beauxbatons und
Durmstrang. Jede Schule wählte einen Champion aus, der sie vertrat, und
diese drei mussten im Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die
Schulen wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Turniers ab,
und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande zwischen
jungen Hexen und Magiern verschiedener Länder zu knüpfen – bis
allerdings die Todesrate so stark zunahm, dass das Turnier eingestellt

wurde.«
»Todesrate?«, flüsterte Hermine mit alarmierter Miene. Doch ihre
Beklemmung schien von der Mehrheit der Schüler in der Halle nicht
geteilt zu werden; viele von ihnen tuschelten aufgeregt miteinander, und
auch Harry wartete gespannt darauf, mehr über das Turnier zu hören,
und hatte keine Lust, sich über Hunderte von Jahren zurückliegende
Todesfälle Gedanken zu machen.
»Es gab im Laufe der Jahrhunderte mehrere Ver suche, das Turnier
wieder einzuführen«, fuhr Dumbledore fort, »doch keiner davon war
sehr erfolgreich. Nun allerdings hat unsere Abteilung für Magische
Spiele und Sportarten beschlossen, dass die Zeit reif ist für einen neuen
Versuch. Den ganzen Sommer über haben wir uns alle Mühe gegeben,
dafür zu sorgen, dass diesmal kein Champion in tödliche Gefahr geraten
kann.
Die Schulleiter von Beauxbatons und Durmstrang werden mit ihren
Kandidaten engerer Wahl im Oktober hier eintreffen und der
Ausscheidungskampf für die drei Champions wird an Halloween
stattfinden. Ein unparteiischer Richter wird entscheiden, welche Schüler
geeignet sind, im Trimagischen Turnier für den Ruhm ihrer Schule
anzutreten und das ausgesetzte Preisgeld von tausend Galleonen zu
gewinnen.«
»I ch mach mit!«, zischte Fred Weasley, so dass es alle am Tisch hörten,
und er strahlte schon begeistert bei der VorStellung so viel Ruhm und
Reichtum ernten zu können. Er war offenbar nicht der Einzige, der sich
bereits als Hog -wartsChampion sah. An jedem Haustisch sah Harry
Schüler, die entweder traumverloren Dumbledore anstarrten oder
fieberhaft mit ihren Nachbarn flüsterten. Doch dann erhob Dumbledore
erneut die Stimme, und die Halle verstummte.
»Zwar weiß ich, wie begierig ihr alle darauf seid, den Trimagischen
Pokal für Hogwarts zu holen«, sagte er, »doch die Leiter der
teilnehmenden Schulen haben gemeinsam mit dem Zaubereiministerium
beschlossen, in diesem Jahr eine Altersbegrenzung für die Bewerber
festzusetzen. Nur Schüler, die volljährig sind – das h eißt siebzehn Jahre
oder älter -, erhalten die Erlaubnis, sich am Wettbewerb zu beteiligen.
Dies ist ein Schritt« – und Dumbledore sprach ein wenig lauter, denn bei
diesen Worten hatten einige Schüler empört aufgeschrien und die

Weasley-Zwillinge schienen plötzlich mächtig zornig zu sein – »dies ist
ein Schritt, den wir für notwendig halten, denn die Turnieraufgaben sind
schwierig und trotz aller Vorkehrungen nur unter Gefahr zu lösen, und es
ist höchst unwahrscheinlich, dass Schüler unterhalb der sechsten
Klassenstufe damit zurechtkommen. Ich persönlich werde dafür sorgen,
dass kein minderjähriger Schüler unseren unparteiischen Schiedsrichter
hinters Licht führt, um Hogwarts -Champion zu werden.« Seine
hellblauen Augen huschten zwinkernd über Freds und Georges
rebellische Mienen. »Ich bitte euch daher, eure Zeit nicht mit einer
Bewerbung zu verschwenden, wenn ihr noch nicht siebzehn seid.
Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang werden im Oktober
eintreffen und den größten Teil des Jahres bei uns bleibe n. Ich weiß, dass
ihr unsere ausländischen Gäste mit größter Herzlichkeit empfangen und
den HogwartsChampion mit Leib und Seele unterstützen werdet, sobald
er oder sie ausgewählt ist. Und nun ist es spät und ich weiß, wie wichtig
es ist, dass ihr alle wach und ausgeruht seid, wenn ihr morgen in die
Klassen geht. Schlafenszeit! Husch, husch!«
Dumbledore setzte sich und begann mit Mad -Eye Moody zu sprechen.
Unter lautem Stuhlbeinscharren und Tischerücken erhoben sich die
Schüler und schwärmten auf die Flügeltüren der Eingangshalle zu.
»Das können sie nicht machen!«, sagte George Weasley, der sich dem
Strom zur Tür nicht angeschlossen hatte, sondern nur da stand und
Zornfunkelnd zu Dumbledore hochstarrte. »Im April werden wir
siebzehn, warum dürfen wir es nicht probieren?«
»Ich trete jedenfalls an, daran werden die mich nicht hindern«, sagte
Fred verbissen und starrte ebenfalls mit finsterer Miene in Richtung
Dumbledore. »Der Champion darf sicher alles Mögliche anstellen, was
wir sonst nie tun dürfen. Und tausen d Galleonen Preisgeld!«
»Jaah!«, sagte Ron mit abwesendem Blick. »Jaah, tausend Galleonen ...«
»Kommt jetzt«, sagte Hermine, »sonst sind wir noch die Letzten hier.«
Harr y, Ron, Hermine, Fred und George machten sich auf den Weg
hinaus in die Eingangshalle, und Fred und George überlegten laut, wie
Dumbledore es schaffen könnte, die unter Siebzehnjährigen vom Turnier
fern zu halten.
»Wer ist dieser unparteiische Richter, der über die Champions
entscheidet?«, fragte Harry.

»Keine Ahnung«, sagte Fred, »aber den müssen wir auf jeden Fall
austricksen. Ich denke mal, ein paar Tropfen Alterungstrank werden
genügen, George ...«
»Aber Dumbledore weiß doch, dass ihr nicht alt genug seid«, sagte Ron.
»Schon, aber er entscheidet ja nicht, wer Champion wird, oder?«, sagte
Fred mit hinterlistigem Lächeln. »Ich glaube, sobald dieser Richter weiß,
wer mitkämpfen will, wählt er von jeder Schule den Besten aus, ohne
dass er groß aufs Alter ach tet. Dumbledore will doch nur verhindern,
dass wir uns bewerben.«
»Aber es sind schon Leute dabei umgekommen!«, sagte Hermine mit
besorgter Stimme, während sie durch eine hinter einem Wandvorhang
verborgene Tür gingen und dann eine schmale Treppe erklommen .
»Tjaah«, sagte Fred lässig, »aber das ist doch schon ewig her. Und
außerdem, wo bleibt der Spaß, wenn nicht ein bisschen Prickeln dabei
ist? Hey, Ron, wie war's, wenn wir Dumbledore reinlegen? Hast du Lust
mitzumachen?«
»Was meinst du?«, fragte Ron Harry . »Mitmachen wäre cool, oder?
Aber ich glaube, die brauchen jemand Älteren ... weiß nicht, ob wir
schon genug gelernt haben ...«
»Ich jedenfalls nicht«, ertönte Nevilles verzagte Stimme hinter Fred und
George. »Aber Oma würde sicher wollen, dass ich mitmache, immer
redet sie davon, dass ich die Familienehre verteidigen soll. Ich muss nur
– uuuhps ...«
Nevilles Fuß war geradewegs durch eine Stufe in der Mitte der Treppe
gesunken. Von diesen Trickstufen gab es viele in Hogwarts; die meisten
der älteren Schüler übersprangen sie bereits im Schlaf, doch Neville war
berüchtigt für sein schwaches Gedächtnis. Harry und Ron packten ihn
unter den Achseln und zogen ihn hoch, unter dem Kreischen und
Klappern und pfeifenden Lachen einer Rüstung oben am Treppenabsatz.
»Kl appe«, sagte Ron und knallte der Rüstung im Vorbeigehen das Visier
zu. Schließlich gelangten sie zum Eingang des Gryffindor -Turms, der
hinter dem großen Porträt einer fetten Dame in einem rosa Seidenkleid
verborgen war.
»Passwort?«, sagte sie, als sie näher kamen.
»Quatsch«, sagte George, »hat mir ein Vertrauensschüler unten
verraten.«

Das Gemälde klappte zur Seite und gab ein Loch in der Wand frei, durch
das sie kletterten. Ein knisterndes Feuer wärmte den runden
Gemeinschaftsraum, der voller Tische und weicher Sessel war. Hermine
warf den ausgelassen tanzenden Flammen einen düsteren Blick zu und
Harry hörte sie deutlich »Sklavenarbeit« murmeln, bevor sie ihnen gute
Nacht wünschte und durch die Tür zum Mädchenschlafraum
verschwand.
Harry, Ron und Neville kletterten die letzte Treppe hoch, die sich
spiralförmig nach oben wand, und gelangten schließlich in ihren eigenen
Schlafsaal in der Turmspitze. Fünf Himmelbetten mit scharlachroten
Vorhängen standen an den Wänden und davor lagen bereits ihre
Schulkoffer. Dean und Seamus machten sich schon zum Schlafen fertig;
Seamus hatte seine Irland -Rosette an das Kopfbrett des Bettes gepinnt
und Dean hatte mit Reißzwecken ein Poster von Viktor Krum über
seinem Nachttisch befestigt. Sein altes Poster der Mannschaft von West
Ham hing gleich daneben.
»Verrückt«, seufzte Ron und schüttelte den Kopf angesichts der völlig
unbeweglichen Fußballspieler.
Harry, Ron und Neville schlüpften in ihre Pyjamas und legten sich hin.
Irgendjemand – zweifellos ein Hauself – hatte Wärmflaschen unter ihre
Decken gesteckt, und so konnten sie höchst behaglich dem Wüten des
Sturmes um das Schloss lauschen.
»Könnte schon sein, dass ich mitmache, weißt du«, sagte Ron
schlaftrunken in die Dunkelheit, »wenn Fred und George herausfinden,
wie ... das Tu rnier ... man weiß nie, oder?«
»Hast wohl Recht ...«, murmelte Harry und rollte sich auf die Seite. Vor
seinem geistigen Auge spielte sich Wunderbares ab ... er hatte den
unparteiischen Richter glauben gemacht, er sei siebzehn ... er war
Champion von Hogwa rts geworden ... er stand draußen auf dem
Gelände, die Arme in Siegerpose erhoben, und alle, alle aus seiner
Schule klatschten und kreischten ... er hatte gerade das Trimagische
Turnier gewonnen ... und aus der verschwommenen Menge hob sich
deutlich Chos Gesicht hervor, das ihn bewundernd anstrahlte ...
Harry grinste in sein Kissen hinein, für diesmal äußerst froh, dass Ron
nicht sehen konnte, was er sah.

Mad-Eye Moody


Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, doch die Decke der
Groß en Halle war immer noch dunkel verhangen und schwere, zinngraue
Wolken wirbelten über den Himmel. Harry, Ron und Hermine saßen
beim Frühstück und begutachteten ihre neuen Stundenpläne. Ein paar
Plätze weiter fachsimpelten Fred, George und Lee Jordan eifrig über
magische Alterungsmittel und diskutierten ihre Chancen, sich trotz allem
ins Trimagische Turnier zu schmuggeln.
»Gar nicht übel, heute ... wir sind den ganzen Vormittag draußen«, sagte
Ron und fuhr mit dem Finger über die Spalte seines Stundenplans,
»Kräuterkunde mit den Hufflepuffs und Pflege magischer Geschöpfe ...
verflucht, immer noch mit diesen Slytherins ...«
»Heute Nachmittag dann 'ne ganze Doppelstunde Wahrsagen«, ächzte
Harry und ließ den Kopf hängen. Einmal abgesehen vom
Zaubertrankunterrich t mochte er Wahrsagen am wenigsten. Professor
Trelawney sagte andauernd seinen Tod voraus, was Harry äußerst lästig
fand.
»Du hättest den Krempel hinschmeißen sollen, genau wie ich«, sagte
Hermine frisch und munter und butterte sich ein Stück Toast. »Dann
könntest du was Vernünftiges lernen wie zum Beispiel Arithmantik.«
»Du isst ja wieder«, sagte Ron und sah zu, wie Hermine ihren Buttertoast
großzügig mit Marmelade belud.
»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es bessere Wege gibt, für die
Elfenrechte einzutreten«, sagte Hermine und reckte das Kinn.
»Sicher ... und außerdem hattest du Hunger«, erwiderte Ron grinsend.
Über ihren Köpfen hörten sie plötzlich lautes Geraschel; an die hundert
Eulen kamen mit der morgendlichen Post in den Krallen durch die
offene n Fenster geflogen. Harry sah instinktiv auf, doch in dem dichten
braunen und grauen Eulengeflatter konnte er keine weiße Feder
erkennen. Die Eulen zogen Kreise über den Tischen, auf der Suche nach
den Schülern, für die ihre Briefe und Päckchen bestimmt waren. Ein
großer Waldkauz stürzte hinunter zu Neville Longbottom und warf ihm
ein Paket in den Schoß – Neville vergaß beim Packen fast immer
irgendwas. Drüben auf der anderen Seite der Halle ließ sich Draco

Malfoys Uhu auf seiner Schulter nieder, offenbar mit dem üblichen
Nachschub an Süßigkeiten und Kuchen von zu Hause. Harry versuchte
nicht auf das flaue Gefühl in seinem Magen zu achten und wandte sich
wieder seinem Haferbrei zu. War Hedwig womöglich etwas passiert und
hatte Sirius seinen Brief gar nicht erhalten?
Während sie auf dem sumpfigen Weg zwischen den Gemüsebeeten
hinüber zum Gewächshaus drei gingen, ließen Harry die Sorgen nicht
los. Doch dann lenkte ihn Professor Sprout ab, die der Klasse die
hässlichsten Pflanzen zeigte, die Harry je gesehen hatte. Tatsächlich
ähnelten sie weniger Pflanzen als dicken schwarzen Riesenschnecken,
die, sich leicht krümmend und windend, senkrecht aus dem Boden
ragten. An den Stängeln hatten sie einige große, glänzende Geschwülste,
die offenbar mit Flüssigkeit gefüllt waren.
»Bubotubler«, erklärte ihnen Professor Sprout putzmunter. »Die müssen
ausgequetscht werden. Dann sammelt ihr den Eiter – «
»Den was?«, sagte Seamus Finnigan angewidert. »Den Eiter, Finnigan,
den Eiter«, sagte Professor Sprout, »und er ist äußerst wer tvoll, also
verschüttet ihn nicht. Ihr sammelt also den Eiter, und zwar in diesen
Flaschen. Zieht eure Drachenhauthandschuhe über, dieser
Bubotubler -Eiter kann, wenn er unverdünnt ist, die lustigsten Dinge mit
der Haut anstellen.«
Die Bubotubler auszupress en war eine eklige und doch eigenartig
befriedigende Arbeit. Aus jeder Geschwulst, die sie ausdrückten, quoll
eine große Menge gelblich grüner Flüssigkeit, die stark nach Benzin
roch. Sie fingen sie in Flaschen auf, wie Professor Sprout gesagt hatte,
und a m Ende der Stunde hatten sie einige Liter beisammen.
»Madam Pomfrey wird ganz entzückt sein«, sagte Professor Sprout und
stöpselte die letzte Flasche mit einem Korken zu. »Ein hervorragendes
Mittel gegen die hartnäckigeren Formen der Akne, dieser
Bubotuble r-Eiter. Sollte einige von euch, die ihre Pickel loswerden
wollen, von Verzweiflungstaten abhalten.«
»Wie die arme Eloise Midgen«, sagte Hannah Abbott, eine Hufflepuff,
mit schüchterner Stimme. »Sie hat versucht ihre Pickel wegzufluchen.«
»Dummes Mädchen«, sagte Professor Sprout kopfschüttelnd. »Aber
Madam Pomfrey hat ihr die Nase dann wieder ordentlich anwachsen
lassen.«

Vom Schloss jenseits der regennassen Wiesen wehte eindringliches
Glockengeläut herüber und verkündete das Ende der Stunde. Die Schüler
trennten sich; die Hufflepuffs stiegen die Steintreppe zum
Verwandlungsunterricht hoch, die Gryffindors gingen in die andere
Richtung, den sanft abfallenden Rasen hinunter zu Hagrids kleiner
Holzhütte am Rand des Verbotenen Waldes.
Hagrid erwartete sie bereits an der Tür, die eine Hand am Halsband
seines riesigen schwarzen Saurüden Fang. Um ihn herum lagen mehrere
offene Holzkisten, und der winselnde Fang, offenbar ganz scharf darauf,
ihren Inhalt genauer in Augenschein zu nehmen, zog und zerrte an
seinem Halsband. Als sie näher kamen, drang ein merkwürdiges Rasseln
an ihre Ohren, offenbar durchsetzt mit kleineren Explosionen.
»Moin!«, sagte Hagrid und grinste Harry, Ron und Hermine an. »Wir
warten besser auf die Slytherins, die wollen das sicher nicht verpass en,
die Knallrümpfigen Kröter!«
»Wie bitte?«, sagte Ron.
Hagrid deutete auf die Kisten.
»Uuärrh!« würgte Lavender Brown hervor und sprang einen Schritt
zurück.
»Uuärrh« war aus Harrys Sicht eine ziemlich treffende Beschreibung der
Knallrümpfigen Kröter. Sie sahen aus wie missgestaltete, schalenlose
Hummer, scheußlich fahl und schleimig, mit Beinen, die an allen
möglichen und unmöglichen Stellen aus dem Körper ragten, während
Köpfe nicht zu erkennen waren. Injeder Kiste lagen etwa hundert dieser
Geschöpfe, jedes um die fünfzehn Zentimeter lang, sie krabbelten blind
durcheinander und stießen gegen die Kistenwände. Ein sehr starker
Gestank nach verfaultem Fisch ging von ihnen aus. Hin und wieder
stoben Funken aus dem Rumpf eines der Kröter und schleuderten ihn mit
einem leisen ffhhht ein paar Zentimeter weiter.
»Frisch ausgebrütet«, sagte Hagrid stolz, »jetzt könnt ihr sie selbst
großziehn! Dachte, wir machen so was wie 'n Projekt draus!«
»Und warum eigentlich sollen wir die großziehen?«, sagte eine kalte
Stimme . Die Slytherins waren angekommen. Wer sprach, war Draco
Malfoy. Crabbe und Goyle taten glucksend ihren Beifall für seine Worte
kund.
Die Frage schien Hagrid in Verlegenheit zu stürzen. »Ich meine, wozu

sind die denn nütze?«, fragte Malfoy. »Was ist der Witz dabei?«
Hagrid öffnete den Mund, offenbar angestrengt nachdenkend; ein paar
Sekunden herrschte Schweigen, dann sagte er barsch: »In'ner nächsten
Stunde, Malfoy. Heut füttert ihr sie nur. Probiert doch mal 'n paar
verschiedene Sachen aus – ich hab sie no ch nie gehabt, weiß nich, was
sie lecker finden - hab Ameiseneier und Froschlebern und 'n Stück
Ringelnatter – nehmt einfach von allem etwas.«
»Erst Eiter und jetzt das hier«, murrte Seamus. Einzig und allein ihre
tiefe Zuneigung zu Hagrid brachte Harry, Ro n und Hermine dazu,
glitschige Froschlebern in die Hände zu nehmen und sie in die Kisten
gleiten zu lassen, um die Knallrümpfigen Kröter zum Essen zu
verführen. Harry konnte den Verdacht nicht unterdrücken, dass das
Ganze vollkommen sinnlos war, denn die Knallrümpfigen Kröter
schienen keine Mäuler zu haben.
»Autsch!«, schrie Dean Thomas nach etwa zehn Minuten. »Mich hat's
erwischt!«
Hagrid eilte mit besorgtem Blick zu ihm hinüber. »Sein Rumpf ist
explodiert!«, sagte Dean säuerlich und zeigte Hagrid eine Brandblase an
seiner Hand.
»Hmh, ja, kann passieren, wenn sie losknallen«, nickte Hagrid.
»Uuärrh!«, kam es erneut von Lavender Brown. »Uuärrh, Hagrid, was ist
das für ein spitzes Ding auf dem da?«
»Hmh, ja, 'n paar von denen ha'm Stache ln«, sagte Hagrid begeistert
(Lavender zog rasch die Hand aus der Kiste). »Ich glaub, das sind die
Männchen ... die Weibchen haben so was wie 'n Saugnapf am Bauch ...
ich glaub, das könnte zum Blutsaugen sein.«
»Schön, jetzt weiß ich, warum wir sie unbedin gt hätscheln sollten«, sagte
Malfoy trocken. »Wer will nicht ein Haustier, das brennen, stechen und
Blut saugen zugleich kann?«
»Nur weil sie nicht hübsch sind, heißt das noch lange nicht, dass sie
nicht nützlich sind«, stieß Hermine hervor.
»Drachenblut h at sagenhafte magische Wirkungen, aber einen Drachen
als Haustier willst du trotzdem nicht, oder?«
Harry und Ron grinsten Hagrid zu, der hinter seinem buschigen Bart
flüchtig zurücklächelte. Hagrid hätte nur zu gerne einen Drachen als
Haustier gehalten, wie Harry, Ron und Hermine sehr genau wussten – er

hatte in ihrem ersten Jahr für kurze Zeit einen Drachen gehabt, einen
angriffslustigen Norwegischen Stachelbuckel namens Norbert. Hagrid
liebte einfach Monster – je tödlicher, desto besser.
»Na, wenigstens s ind diese Kröter klein«, sagte Ron eine Stunde später
auf dem Weg zum Mittagessen ins Schloss.
»Das sind sie jetzt noch«, sagte Hermine verärgert, »aber sobald Hagrid
rausgefunden hat, was sie fressen, werden sie sicher zwei Meter lang.«
»Na und, das macht doch nichts, wenn sie am Ende die Seekrankheit
oder so was heilen können!«, sagte Ron und grinste sie schlaumeierisch
an.
»Du weißt ganz genau, dass ich das nur gesagt habe, um Malfoy
abzuwürgen«, sagte Hermine. »In Wahrheit denke ich, dass er Recht hat.
Das Beste wäre, die alle totzutreten, bevor sie anfangen, über uns
herzufallen.«
Sie setzten sich an den Gryffindor -Tisch und taten sich Lammkoteletts
mit Kartoffeln auf. Hermine begann so schnell zu essen, dass Harry und
Ron sie mit offenem Mund anstarrten.
»Ähem – ist das dein neuer Feldzug für die Elfenrechte?«, sagte Ron.
»Dass du futterst bis zum Erbrechen?«
»Nein«, sagte Hermine so würdevoll, wie es mit einem Mund voll
Rosenkohl gerade noch ging, »ich will nur schnell in die Bibliothek
kommen.«
»Wie b itte?«, sagte Ron ungläubig. »Hermine – wir sind gerade mal den
ersten Tag hier! Wir haben noch nicht mal Hausaufgaben!«
Hermine zuckte die Achseln und spachtelte munter weiter, als hätte sie
seit Tagen nichts gegessen. Dann sprang sie auf, sagte: »Bis zum
Abendessen!«, und entschwand in höchster Eile.
Als die Glocke zum Nachmittagsunterricht läutete, machten sich Harry
und Ron auf den Weg zum Nordturm. Am oberen Ende einer engen und
schmalen Wendeltreppe führte eine silberne Trittleiter an die Decke und
zu einer runden Falltür, hinter der Professor Trelawney lebte.
Nachdem sie die Trittleiter erklommen hatten, drang ihnen ein vertrauter
süßlicher Parfümduft vom Feuer her in die Nasen. Wie immer waren alle
Vorhänge zugezogen; die vielen mit Seidentüchern und Schals drapierten
Lampen tauchten das Zimmer in ein mattes rötliches Licht. Harry und
Ron schlängelten sich durch das dichte Gewirr bereits besetzter

Chintz-Stühle und Sitzpolster und ließen sich an einem kleinen runden
Tisch nieder.
»Guten Tag.« Die rauchige Stimme Professor Trelawneys ertönte direkt
hinter Harry und ließ ihn zusammenzucken.
Professor Trelawney, eine sehr dünne Frau mit riesiger Brille, die ihre
Augen über die Maßen groß erscheinen ließ, musterte Harry von oben
herab, mit jener tragischen Miene, die sie bei seinem Anblick immer
aufsetzte. Im Licht des Feuers glitzerte die übliche Menge an Perlen,
Kettchen und Ringen an Hals, Armen und Fingern.
»Du bist in Sorge, mein Lieber«, sagte sie mit trauerschwerer Stimme zu
Harry. »Mein inneres Auge sieht durch dein mutiges Antlitz hindurch
auf die geplagte Seele in dir. Und ich muss dir leider sagen, dass deine
Sorgen nicht völlig grundlos sind. Ich sehe leider, leider schwere Zeiten
auf dich zukommen ... die schwersten ... ich fürchte, wovor dir gr aut,
wird tatsächlich eintreten ... und schneller vielleicht, als du denkst ...«
Sie senkte ihre Stimme und flüsterte jetzt beinahe. Ron sah Harry an und
rollte mit den Augen, doch Harry blickte mit steinerner Miene zurück.
Professor Trelawney schwebte an ihnen vorbei und setzte sich, der
Klasse zugewandt, in einen großen geflügelten Lehnstuhl am Feuer.
Lavender Brown und Parvati Patil, die Professor Trelawney zutiefst
bewunderten, saßen auf Polstern zu ihren Füßen.
»Meine Lieben, es ist an der Zeit, dass wir uns den Sternen zuwenden«,
sagte sie. »Den Bewegungen der Planeten und den geheimnisvollen
Botschaften, die sie nur jenen entber -gen, welche die Schritte des
Sternentanzes zu deuten wissen. Das Schicksal der Menschen kann mit
Hilfe der Planetenstrahlen entziffert werden, die sich kreuzen ...«
Doch Harrys Gedanken waren abgeschweift. Das parfümierte Feuer
machte ihn immer schläfrig und ein wenig bedröppelt, und Professor
Trelawneys weitschweifige Reden über die Wahrsagerei schlugen ihn nie
so richtig in B ann obwohl er unweigerlich daran denken musste, was sie
ihm eben gesagt hatte. »Ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich
eintreten ...«
Doch Hermine hatte Recht, dachte Harry ärgerlich, Professor Trelawney
war tatsächlich eine alte Schwindlerin. Im M oment hatte er vor nichts
Angst ... nun ja, wenn er von den Befürchtungen absah, dass Sirius
gefangen war ... doch was wusste Professor Trelawney? Er war schon

lange zu dem Schluss gekommen, dass sie als Wahrsagerin im Grunde
nur so lange herumrätselte, bis sie einen Treffer landete, und dies dann
noch mit Geheimnistuerei garnierte.
Eine Ausnahme war natürlich jenes letzte Treffen am Ende des vorigen
Schuljahrs gewesen, als sie vorausgesagt hatte, dass Voldemort wieder
an die Macht gelangen würde ... Dumbledore selbst, dem Harry ihre
Trance beschrieben hatte, hatte gemeint, sie sei wohl nicht gespielt
gewesen ...
»Harry!«, murmelte Ron.
»Was denn?«
Harry sah sich um; die ganze Klasse starrte ihn an und er setzte sich
kerzengerade hin. Fast wäre er eingedö st, versunken in der Wärme und
verloren in seinen Gedanken.
»Ich sagte soeben, mein Lieber, dass du offenbar unter dem unheilvollen
Einfluss des Saturns geboren bist«, sagte Professor Trelawney mit einem
Hauch von Widerwillen in der Stimme, weil Harry offensichtlich nicht
an ihren Lippen gehangen hatte.
»Geboren unter – Verzeihung, wem bitte?«, fragte Harry.
»Saturn, mein Lieber, Saturn!«, sagte Professor Trelawney und klang
nun, da ihn diese Neuigkeit nicht vom Stuhl riss, offenkundig verärgert.
»Ich sagte , Saturn war sicher in einer machtvollen Position am Himmel
zur Stunde deiner Geburt ... dein dunkles Haar ... deine mickrige Statur
... tragische Verluste schon so früh im Leben ... ich denke, ich liege
richtig, wenn ich sage, mein Lieber, dass du mitten im Winter geboren
bist?«
»Nein«, sagte Harry, »ich bin im Juli geboren.«
Ron konnte gerade noch ein Lachen abwürgen, das zu einem trockenen
Hüsteln gerann.
Eine halbe Stunde später saßen sie vor komplizierten kreisrunden Karten,
auf denen sie die Position der Planeten im Augenblick ihrer Geburt
einzeichnen sollten. Es war ein stinklangweiliges Geschäft, denn ständig
mussten sie irgendwelche Tabellen zu Rate ziehen und Winkel
berechnen.
»Ich habe hier zwei Neptune«, sagte Harry nach einer Weile und besah
sich stirnrunzelnd sein Pergamentblatt, »das kann nicht stimmen, oder?«
»Aaaah«, sagte Ron, Professor Trelawneys geheimnisvoll waberndes

Flüstern nachahmend, »wenn zwei Neptune am Himmel erscheinen, ist
dies ein sicheres Zeichen, dass ein Zwerg mit Brille geboren wird, Harry
...«
Seamus und Dean, die am Nebentisch arbeiteten, wieherten laut, wenn
auch nicht laut genug, um das aufgeregte Kreischen Lavender Browns zu
übertönen – »O Professor, sehen Sie! Ich glaube, ich habe einen
aspektlosen Planeten! Uuuuh, welcher ist das, Professor?«
»Der Uranus, meine Liebe«, sagte Professor Trelawney mit einem Blick
auf die Karte.
»Kann ich Uranus auch mal sehen, Lavender?«, fragte Ron.
Unglücklicherweise hörte ihn Professor Trelawney, und vielleicht war
dies der Grund, dass sie ihnen am Ende der Stunde so viele
Hausaufgaben gab.
»Eine genaue Untersuchung der Frage, auf welche Weise die
Planetenbewegungen des kommenden Monats euch betreffen werden,
mit Verweis auf eure persönliche Karte«, fauchte sie und klang dabei
eher nach Professor McGonagall als nach ihrem üblichen
windig -duftigen Selbst.
»Abgabe ist nächsten Montag, und keine Ausreden!«
»Biestige alte Fledermaus«, sagte Ron erbittert, als sie sich in die
Scharen einreihten, die die Treppen hinunter in die Große Halle zum
Abendessen strömten. »Das wird uns das ganze Wochenende kosten, sag
ich dir ...«
»'ne Menge Hausaufgaben?«, strahlte Hermine, die sie gerade eingeholt
hatte. »Professor Vektor hat uns jedenfalls überhaupt keine gegeben!«
»Ist ja ganz toll von Professor Vektor«, sagte Ron missgelaunt.
Sie gelangten in die Eingangshalle, wo sich schon eine lange Schlange
für das Abendessen gebildet hatte. Sie hatten sich gerade angestellt, als
hinter ihnen eine laute Stimme ertönte.
»Weasley! Hey, Weasley!«
Harry, Ron und He rmine wandten sich um. Hinter ihnen standen Malfoy,
Crabbe und Goyle und schienen sich prächtig über etwas zu amüsieren.
»Was gibt's?«, sagte Ron schroff.
»Dein Dad steht in der Zeitung, Weasley!«, sagte Malfoy und wedelte
mit einem Tagespropheten. »Hör dir das an!«, verkündete er so laut, dass
es alle in der brechend vollen Eingangshalle hören konnten.

Weitere Pannen im Zaubereiministerium Es scheint, als sei die
Pannenserie im Zaubereiministerium noch längst nicht zu Ende. Das
Ministerium, erst jüngst heftiger Kritik ausgesetzt wegen der
mangelhaften Kontrolle der Besucher während der
Quidditch -Weltmeisterschaft und immer noch nicht in der Lage, das
Verschwinden einer seiner Hexen zu erklären, wurde gestern in neue
Verlegenheit gestürzt durch das merkwürdige Gebaren von Arnold
Weasley vom Amt gegen den Missbrauch von Muggelartefakten. Malfoy
blickte auf.
»Stell dir vor, die haben nicht mal seinen Namen richtig geschrieben,
Weasley, als ob er eine komplette Null wäre«, krähte er.
Die ganze Eingangshalle hörte jetzt zu. Malfoy glättete genüsslich das
Blatt und las weiter: Arnold Weasley, der vor zwei Jahren wegen des
Besitzes eines fliegenden Autos angezeigt wurde, war gestern in eine
Rangelei mit mehreren Gesetzeshütern der Muggel (»Polizisten«)
verwickelt. Der Grund waren einige höchst angriffslustige Mülleimer.
Mr Weasley war offenbar einem gewissen »Mad -Eye« Moody zu Hilfe
geeilt, einem in die Jahre gekommenen Ex -Auroren, den das
Ministerium in den Ruhestand versetzt hatte, als er den Unterschied
zwischen einem Händedruck und einem Mordversuch nicht mehr zu
erkennen vermochte. Es wird niemanden überraschen, dass Mr Weasley
bei seiner Ankunft in Mr Moodys schwer bewachtem Haus feststellte,
dass Mr Moody wieder einmal falschen Alarm geschlagen hatte. Mr
Weasle y war gezwungen, mehrere Gedächtnisse zu verändern, weigerte
sich jedoch, auf die Frage des Tagespropheten zu antworten, warum er
das Ministerium in ein so würdeloses und möglicherweise peinliches
Geschehen verwickelt hatte. »Und hier ist ein Bild, Weasley !«, sagte
Malfoy, schlug das Blatt um und hob die Zeitung in die Höhe. »Ein Bild
deiner Eltern vor ihrem Haus – wenn man das überhaupt Haus nennen
kann! Deine Mutter könnte auch ein paar Pfunde weniger vertragen!«
Ron schüttelte es vor Zorn. Alle starrten ihn an.
»Verpiss dich, Malfoy«, sagte Harry. »Wir gehen, Ron ...«
»Ach ja, du warst doch im Sommer zu Besuch bei denen, oder, Potter?«,
höhnte Malfoy. »Also sag mal, ist seine Mutter wirklich so fett oder sieht
es auf dem Bild nur so aus?«
» Und was ist mit deiner Mutter, Malfoy?«, zischte Harry – er und

Hermine hatten Ron hinten am Umhang gepackt, damit er sich nicht auf
Malfoy stürzte – »Warum macht sie ständig ein Gesicht, als ob sie Mist
unter der Nase hätte? Hat sie immer schon so ausgesehen, oder ist es
erst, seit es dich gibt?«
Malfoys bleiches Gesicht lief leicht rosa an. »Wag es bloß nicht, meine
Mutter zu beleidigen, Potter.«
»Dann halt dein dreckiges Maul«, sagte Harry und wandte sich ab.
PENG!
Einige schrien auf – Harry fühlte etwas glühend Heißes an seinem
Gesicht vorbeisirren – blitzschnell langte er in die Tasche nach seinem
Zauberstab, doch bevor er ihn auch nur berührt hatte, hörte er ein zweites
lautes PENG und ein Krachen, das die Eingangshalle erschütterte.
»O nein, das machs t du nicht, Freundchen!«
Harry wirbelte herum. Professor Moody hinkte die Marmortreppe
hinunter. Er hatte den Zauberstab gezückt und deutete unverwandt auf
ein strahlend weißes Frettchen, das zitternd auf dem steingepflasterten
Boden lag, genau dort, wo Ma lfoy gestanden hatte.
In der Eingangshalle herrschte schreckerfüllte Stille. Keiner außer
Moody rührte auch nur einen Finger. Moody wandte sich um und sah
Harry an – zumindest sein normales Auge sah Harry an; das andere war
in seinen Kopf hineingedreht.
»H at er dich erwischt?«, sagte Moody leise knirschend.
»Nein«, sagte Harry, »ging daneben.«
»Lass es liegen!«, bellte Moody.
»Was denn?«, fragte Harry verdutzt.
»Nicht du – er!«, knurrte Moody und warf die Hand kurz über die
Schulter in Richtung Crabbe, der sich zu dem weißen Frettchen
hinuntergebeugt hatte und jetzt erstarrte. Offenbar war Moodys rollendes
Auge magisch und konnte auch aus seinem Hinterkopf hinaussehen.
Moody hinkte jetzt auf Crabbe, Goyle und das Frettchen zu, das ein
verängstigtes Kreischen hören ließ und in Richtung Kerker davonflitzte.
»Hier geblieben!«, donnerte Moody und richtete den Zauberstab erneut
auf das Frettchen – es flog drei Meter hoch in die Luft, klatschte wieder
auf den Boden und schnellte dann erneut in die Höhe.
»Ich mag Le ute, die angreifen, wenn ihnen der Gegner den Rücken
zukehrt, überhaupt nicht«, knurrte Moody, während er das vor Schmerz

kreischende Frettchen immer höher in die Luft schleuderte. »Widerlich,
feige, gemein ist das ...«
Das Frettchen flog wehrlos strampeln d und mit dem Schwanz
schlackernd durch die Luft.
»Tu – das – nie – wieder –«, sagte Moody, und bei jedem Wort schlug
das Frettchen auf den Steinboden und schleuderte wieder empor.
»Professor Moody!«, ertönte eine entsetzte Stimme.
Professor McGonagall kam mit den Armen voller Bücher die
Marmortreppe herunter.
»Hallo, Professor McGonagall«, sagte Moody gelassen und ließ das
Frettchen noch höher schleudern.
»Was ... was tun Sie da?«, fragte Professor McGonagall und verfolgte
mit den Augen das Auf und Ab des Frettchens.
»Unterrichten«, sagte Moody.
»Unter ... , Moody, ist das ein Schüler?«, kreischte Professor
McGonagall und die Bücher fielen ihr aus den Armen.
»Jep«, sagte Moody.
»Nein!«, schrie Professor McGonagall; sie rannte die letzten Stufen
hinunter und zog ihren Zauberstab; mit einem lauten Knall erschien
Draco Malfoy, in sich zusammengesunken auf dem Boden liegend, das
glattseidene Blondhaar über sein leuchtend rosarotes Gesicht gebreitet.
Wimmernd rappelte er sich wieder hoch.
»Moody, wir setzen Verwandlungen niemals zur Bestrafung ein!«, sagte
Professor McGonagall ermattet. »Das hat Ihnen Professor Dumbledore
doch sicher gesagt?«
»Hat er vielleicht mal erwähnt, ja«, sagte Moody und kratzte sich
ungerührt am Kinn, »aber ich dachte, ein kurzer Schock, d er richtig
wehtut –«
»Wir geben Strafarbeiten, Moody! Oder sprechen mit dem Leiter des
Hauses, dem der Missetäter angehört!«
»Das werd ich schon noch tun«, sagte Moody und starrte Malfoy mit
größter Abneigung an.
Malfoy, dessen blasse Augen immer noch vor Schmerz und Scham
tränten, sah voller Hass zu Moody auf und murmelte etwas, aus dem die
Wörter »mein Vater« herauszuhören waren.
»Ach ja?«, sagte Moody leise und humpelte ein paar Schritte vor, wobei

das dumpfe Klonk seines Holzbeins von den Wänden widerhallte. »Gut,
ich kenn deinen Vater schon sehr lange, Junge ... sag ihm, dass Moody
seinen Sohn jetzt scharf im Auge behält ... sag ihm das von mir ... und
euer Hauslehrer ist sicher Snape?«
»Ja«, grollte Malfoy.
»N och ein alter Freund«, knurrte Moody. »Ich freu mich schon die ganze
Zeit auf ein Pläuschchen mit Snape ... komm mit, du ...« Er packte
Malfoy am Oberarm und schleifte ihn in Richtung Kerker fort.
Professor McGonagall starrte ihnen einen Augenblick lang mit bangem
Blick nach, dann ließ sie mit einem Schwung ihres Zauberstabs die auf
dem Boden liegenden Bücher zurück in ihre Arme flattern.
»Im Augenblick will ich kein Wort von euch hören«, flüsterte Ron Harry
und Hermine zu, als sie sich ein paar Minuten später an den
Gryffindor -Tisch setzten, inmitten von aufgeregtem Getuschel über das
eben Geschehene.
»Warum nicht?«, fragte Hermine überrascht.
»Weil ich das für immer in mein Gedächtnis einbrennen will«, sagte Ron
mit geschlossenen Augen und einem Ausdruck von ungetrübter
Glückseligkeit auf dem Gesicht. »Draco Malfoy, das sagenhafte
hopsende Frettchen ...«
Hermine und Harry lachten und Hermine tat allen dreien
Rinderschmorbratenscheiben auf die Teller.
»Dabei hätte er Malfoy ernsthaft verletzen können«, sagte sie.
»Eigentlich war es gut, dass Professor McGonagall eingeschritten ist – «
»Hermine«, sagte Ron zornig und öffnete die Augen wieder. »Du
zerstörst gerade den schönsten Moment meines Lebens!«
Hermine murmelte etwas Unwirsches und begann schon wieder mit
unglaublicher Geschwindigkeit zu essen.
»Erklär mir ja nicht, du willst heute Abend wieder in die Bibliothek?«,
sagte Harry mit prüfendem Blick.
»Allerdings«, mampfte Hermine, »'ne Menge zu tun.«
»Aber du hast uns doch gesagt, Professor Vektor – «
»Es geht nicht um Hausaufgaben«, sagte sie. Fünf Minuten später hatte
sie ihren Teller leer geputzt und war verschwunden.
Kaum war sie weg, als Fred Weasley auch schon ihren Platz einnahm.
»Moody!«, sagte er. »Wie cool ist er?«

»Ultracool«, sagte George und setzte sich Fred gegenüber.
»Supercool«, sagte der beste Freund der Zwillinge, Lee Jordan, und
rutschte auf den Stuhl neben George. »Wir hatten ihn heute
Nachmittag«, erklärte er Harry und Ron.
»Und wie war's?«, sagte Harry neugierig.
Fred, George und Lee tauschten bedeutungsschwere Blicke.
»So 'ne Stunde hab ich noch nie erlebt«, sagte Fred.
»Er weiß es, Mann«, sagte Lee.
»Weiß was?«, fragte Ron und beugte sich vor.
»Weiß, wie es ist, dort draußen zu sein und es zu tun«, sagte George
eindringlich.
»Was zu tun?«, fragte Harry.
»Gegen die schwarzen Magier zu kämpfen«, sagte Fred.
»Er hat alles erlebt«, sagte George.
»Irre«, sagte Lee.
Ron stöberte in seiner Tasche nach dem Stundenplan.
»Wir haben ihn erst am Donnerstag!«, sagte er enttäuscht.

Die Unverzeihlichen Flüche


Die nächsten beiden Tage vergingen ohne größere Zwischenfälle,
abgesehen davon, dass Neville in Zaubertränke bereits seinen sechsten
Kessel zum Schmelzen brachte. Professor Snape, der im Sommer
offenbar neue Höhen der Gemeinheit erklommen hatte, ließ ihn
nachsitzen, und von dieser Stunde, in der er einen Bottich gehörnter
Kröten hatte ausnehmen müssen, kehrte Neville als komplettes
Nervenbündel zurück.
»Dir ist doch klar, warum Snape derart übellaunig ist, oder?«, sagte Ron
zu Harry, während sie Herm ine zusahen, die Neville gerade einen
Putzzauber beibrachte, damit er die Froschinnereien unter seinen
Fingernägeln loswurde.
»Jaah«, sagte Harry. »Moody.«
Es war kein Geheimnis, dass Snape in Wahrheit selbst Lehrer für
Verteidigung gegen die dunklen Künst e sein wollte, und jetzt hatte er es
auch im vierten Jahr nicht geschafft. Snape hatte keinen ihrer bisherigen
Lehrer in diesem Fach ausstehen können und daraus auch keinen Hehl
gemacht -doch merkwürdigerweise schien er gegen Mad -Eye Moody
lieber keine off ene Abneigung zeigen zu wollen. Im Gegenteil, immer
wenn Harry die beiden zusammen sah – beim Essen oder wenn sie sich
auf dem Gang begegneten - , hatte er den deutlichen Eindruck, dass
Snape Moodys Blick auswich, ob nun dem magischen oder dem
normalen Auge .
»Ich glaube, Snape hat ein wenig Schiss vor ihm«, sagte Harry
nachdenklich.
»Stell dir vor, Moody würde Snape in eine gehörnte Kröte verwandeln«,
sagte Ron mit verschleiertem Blick, »und würde ihn zwischen den
Mauern seines Kerkers hin und her klatschen lassen ...«
Die Viertklässler von Gryffindor waren so gespannt auf Moodys erste
Stunde, dass sie am Donnerstag nach dem Mittagessen viel zu früh vor
dem Klassenzimmer erschienen und davor Schlange standen.
Wer fehlte, war Hermine, die schließlich erst in letzter Sekunde
auftauchte.
»War in der – «

»- Bibliothek«, ergänzte Harry. »Komm schnell, die besten Plätze sind
gleich weg.«
Sie stürzten sich auf drei Stühle direkt vor dem Lehrertisch, nahmen Die
dunklen Kräfte – Eine Anleitung zur Selbstverteidigung her aus und
warteten ungewöhnlich leise auf das Kommende. Es dauerte gar nicht
lange, dann hörten sie dumpfe, pochende Schritte den Gang
entlanghallen, und schon kam Moody, unheimlich und Furcht erregend
wie er war, zur Tür herein. Den hölzernen Klauenfuß konn ten sie eben
noch unter seinem Umhang hervorlugen sehen.
»Die könnt ihr wieder wegstecken«, knurrte er, humpelte zu seinem
Tisch und setzte sich, »diese Bücher. Die braucht ihr nicht.«
Sie räumten die Bücher wieder in ihre Taschen und vor allem Ron schien
davon schwer beeindruckt.
Moody zog eine Liste hervor, schüttelte seine lange grauweiße
Haarmähne aus dem zerfurchten und vernarbten Gesicht und begann ihre
Namen aufzurufen, wobei sein normales Auge langsam die Liste
entlangwanderte, während das magische Auge umherhuschte und jeden
Schüler, der sich meldete, scharf ansah.
»Gut denn«, sagte er, nachdem er den Letzten aufgerufen hatte. »Ich
habe hier einen Bericht von Professor Lupin über den Wissensstand der
Klasse. Sieht aus, als hättet ihr eine recht grün dliche Ausbildung im
Umgang mit schwarzen Kreaturen – ihr habt Irrwichte, Rotkappen,
Hinkepanks, Grindelohs, Kappas und Werwölfe durchgenommen,
stimmt das?«
Allseits zustimmendes Murmeln.
»Aber ihr liegt zurück – weit zurück – im Umgang mit Flüchen«, sagte
Moody. »Daher will ich euch mal ausführlich beibringen, was Zauberer
sich gegenseitig antun können. Ich habe ein Jahr, um euch zu lehren, wie
man mit den dunklen – «
»Was, Sie bleiben nicht länger?«, platzte Ron heraus.
Moodys magisches Auge flutschte herum und starrte Ron an; Ron schien
aufs Äußerste gespannt, doch einen Moment später breitete sich ein
Lächeln auf Moodys Gesicht aus – wie Harry es noch nie bei ihm
gesehen hatte. Sein vernarbtes Gesicht erschien dadurch n ur noch
zerfurchter und verzerrter, und dennoch war es eine Erleichterung zu
sehen, dass er auch zu so etwas Freundlichem wie einem Lächeln fähig

war. Ron wirkte, als wäre ihm ein Stein vom Herzen gefallen.
»Du bist doch Arthur Weasleys Sohn, he?«, sagte M oody. »Dein Vater
hat mich vor ein paar Tagen aus einer ganz üblen Klemme rausgeholt ...
ja, ich bleibe nur dieses eine Jahr hier. Und das auch nur, um
Dumbledore einen Gefallen zu tun ... ein Jahr, und dann kehre ich wieder
in den Frieden meines Ruhestand s zurück.«
Er lachte rau und schlug die knochigen Hände zusammen.
»Also, legen wir gleich los. Flüche. Es gibt sie in vielen Stärken und
Gestalten. Dem Zaubereiministerium zufolge soll ich euch Gegenflüche
lehren und es dabei belassen. Eigentlich darf ich euch die verbotenen
schwarzen Flüche erst zeigen, wenn ihr in der sechsten Klasse seid.
Vorher seid ihr angeblich noch zu jung, um damit fertig zu werden. Aber
Professor Dumbledore hält mehr von eurem Nervenkostüm, er denkt, ihr
schafft es, und ich sage, je früher ihr wisst, wogegen ihr antretet, desto
besser. Wie sollt ihr euch denn gegen etwas verteidigen, was ihr nie
gesehen habt? Ein Zauberer, der euch mit einem verbotenen Fluch
verhext, wird euch nicht sagen, was er vorhat. Er wird euch dabei ins
Gesicht lächeln. Ihr müsst darauf vorbereitet sein. Ihr müsst wachsam
sein und ständig auf der Hut. Das sollten Sie lassen, während ich rede,
Miss Brown.«
Lavender zuckte zusammen und wurde knallrot. Sie hatte Parvati unter
dem Tisch ihr fertiges Horoskop gezeigt. Offenbar konnte Moodys
magisches Auge auch durch eine Holzplatte sehen, nicht nur durch
seinen Hinterkopf.
»Also ... weiß jemand von euch, welche Flüche vom Zaubereigesetz mit
den schwersten Strafen belegt werden?«
Ein paar hoben vorsichtig die Hände, darunter auch Ron und Hermine.
Moody deutete auf Ron, doch sein magisches Auge fixierte immer noch
Lavender.
»Ähm«, sagte Ron zögernd, »mein Dad hat mir von einem erzählt ...
heißt er Imperius -Fluch oder so?«
»Ah ja«, sagte Moody anerkennend. »Den kennt de in Vater natürlich.
Hat dem Ministerium schon mal heftiges Kopfzerbrechen bereitet, dieser
Imperius -Fluch.«
Moody stellte sich schwer atmend auf seine ungleichen Füße, öffnete die
Schublade seines Tisches und nahm ein Einmachglas heraus. Drei große

schwarze Spinnen krabbelten darin herum. Harry spürte, wie Ron neben
ihm leicht zurückwich – Ron verabscheute Spinnen.
Moody langte in das Glas, fing eine Spinne ein und legte sie auf seinen
Handballen, so dass alle sie sehen konnten.
Dann richtete er seinen Zaub erstab auf sie und murmelte: »Imperio!«
Die Spinne schwang sich an einem dünnen Faden von Moodys Hand und
begann hin- und herzuschwingen wie an einem Trapez. Sie streckte die
Beine aus, legte einen Salto rückwärts ein, riss den Faden durch, landete
auf dem Tisch und begann im Kreis Rad zu schlagen. Moody schwang
seinen Zauberstab, und die Spinne stellte sich auf zwei Hinterbeine und
legte, wie es aussah, einen Stepptanz hin.
Alle lachten – alle außer Moody.
»Lustig, nicht wahr?«, knurrte er. »Würdet ihr es auch lustig finden,
wenn ich das mit euch machen würde?«
Das Lachen erstarb mit einem Schlag.
»Vollkommene Unterwerfung«, sagte Moody leise, während die Spinne
sich zusammenrollte und über den Tisch kugelte. »Ich könnte sie dazu
bringen, aus dem Fenster zu hüpfen, sich zu ersäufen, sich in einen von
euren offenen Mündern zu stürzen ...«
Ron erschauderte unwillkürlich.
»Vor einigen Jahren gab es eine Menge Hexen und Zauberer, die vom
Imperius -Fluch beherrscht waren«, sagte Moody, und Harry wusste, dass
er üb er die Tage sprach, in denen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner
Macht war.
»War keine leichte Aufgabe fürs Ministerium herauszufinden, wer
unterworfen war und wer aus seinem freien Willen heraus handelte.
Der Imperius -Fluch kann bekämpft werden, und ich we rde euch
beibringen, wie. Doch das verlangt wirkliche Charakterstärke und nicht
alle besitzen die. Passt lieber auf, dass ihr nicht zum Opfer dieses Fluchs
werdet. IMMER WACHSAM!«, bellte er, und alle zuckten zusammen.
Moody hob die Purzelbäume schlagende Spinne hoch und warf sie
wieder in das Glas. »Weiß noch jemand einen? Einen verbotenen
Fluch?«
Hermines Hand schoss erneut in die Höhe und auch, zu Harrys gelinder
Überraschung, die Nevilles. Der einzige Unterricht, in dem Neville
freiwillig etwas zum Besten gab, war Kräuterkunde, mit Abstand sein

stärkstes Fach. Neville schien von seinem eigenen Wagemut überrascht.
»Ja?«, sagte Moody, und sein magisches Auge machte eine halbe
Drehung und fixierte Neville.
»Es gibt noch den ... den Cruciatus -Fluch«, sagte Neville leise, aber
deutlich.
Moody sah Neville sehr aufmerksam an, diesmal mit beiden Augen.
»Dein Name ist Longbottom?«, sagte er, und sein magisches Auge stieß
nach unten, um noch einmal die Liste zu prüfen.
Neville nickte nervös, doch Moody fragte nicht weiter nach. Er wandte
sich wieder der Klasse zu, steckte die Hand in das Glas, zog die nächste
Spinne heraus und legte sie auf den Tisch, wo sie reglos stehen blieb,
offenbar starr vor Angst.
»Der Cruciatus -Fluch«, sagte Moody. »Die muss ein wenig größer
werden, damit ihr euch eine Vorstellung davon machen könnt.« Er
richtete den Zauberstab auf die Spinne. »Engorgio!«
Die Spinne schwoll an. Sie war jetzt größer als eine Tarantel. Alle
falsche Gelassenheit fiel von Ron ab und er schob seinen Stuhl, so weit
er konnte, von Moodys Tisch weg.
Moody hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn gegen die Spinne,
dann murmelte er: »Crucio!«
Sofort falteten sich die Beine der Spinne über ihrem Körper zusammen;
sie rollte auf den Rücken und begann unter fürchterl ichen Krämpfen hin
und her zu wippen. Sie gab keinen Laut von sich, doch Harry wusste,
wenn sie eine Stimme gehabt hätte, dann hätte sie geschrien. Moody zog
seinen Zauberstab nicht zurück und die Spinne begann jetzt noch heftiger
zu zittern und zu zucken –
»Aufhören!«, kreischte Hermine.
Harry wandte sich zu ihr um. Hermines Blick galt nicht der Spinne,
sondern Neville, und Harry sah jetzt, dass Neville die Hände an die
Tischplatte geklammert hatte, die Knöchel weiß, die weit aufgerissenen
Augen von Grauen erfüllt.
Moody hob den Zauberstab. Die Beine der Spinne erschlafften, doch sie
hörte nicht auf zu zucken.
»Reducio«, murmelte Moody und die Spinne schrumpfte wieder auf ihre
normale Größe zusammen. Er steckte sie zurück in das Glas.
»Schmerz«, sagte Moody leise. »Man braucht keine Daumenschrauben

oder Messer, um jemanden zu foltern, wenn man den Cruciatus-Fluch
beherrscht ... auch dieser war einst sehr beliebt. Schön ... kennt jemand
noch einen?«
Harry sah sich um. Den Gesichtern seiner Mitschüler nach zu schließen
fragten sie sich alle, was mit der letzten Spinne geschehen würde.
Hermines Hand zitterte leicht, als sie sich zum dritten Mal meldete.
»Ja?«, sagte Moody und sah sie an.
»Avada Kedavra«, flüsterte Hermine.
Einige Schüler, darunter auch Ron, wand ten sich voll Unbehagen zu ihr
um.
»Aah«, sagte Moody, und ein weiteres leises Lächeln ließ seinen schräg
sitzenden Mund zucken. »Ja, der letzte und schlimmste. Avada Kedavra
... der tödliche Fluch.«
Er steckte die Hand in das Glas, und als wüsste sie, was ihr bevorstand,
krabbelte die dritte Spinne panisch auf dem Boden herum und versuchte
Moodys Fingern zu entkommen, doch er schnappte sie und legte sie auf
den Tisch, wo sie verzweifelt hin und her lief.
Moody hob den Zauberstab und Harry spürte das jähe K ribbeln einer
bösen Vorahnung.
»Avada Kedavra«, donnerte Moody.
Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein scharfes Sirren, als ob ein
mächtiges, unsichtbares Etwas durch die Luft raste – und im selben
Augenblick kullerte die Spinne auf den Rücken, unverletzt, doch
offensichtlich tot. Einige Mädchen stießen erstickte Schreie aus; Ron
hatte sich nach hinten geworfen und wäre fast vom Stuhl gefallen, als die
Spinne auf ihn zu rollte.
Moody wischte die tote Spinne vom Tisch.
»Nicht nett«, sagte er gelassen. » Nicht angenehm. Und es gibt keinen
Gegenfluch. Man kann ihn nicht abwehren. Wir kennen bislang nur
einen Menschen, der ihn überlebt hat, und der sitzt hier vor mir.«
Harry spürte, wie er rot anlief, als Moodys Augen (diesmal beide) in die
seinen blickten. Auch die Blicke aller anderen spürte er im Nacken.
Harry starrte die leere Tafel an, als ob sie besonders spannend wäre,
doch im Grunde sah er sie gar nicht ...
So also waren seine Eltern gestorben ... genau wie diese Spinne. Waren
auch sie ohne die Spur einer Verletzung geblieben? Hatten sie einfach

nur den grünen Lichtstrahl gesehen und das Sirren des rasenden Todes
gehört, bevor ihr Leben ausgelöscht wurde?
Seit drei Jahren schon stellte sich Harry den Tod seiner Eltern immer
wieder vor, seit er herausgefunden hatte, dass sie ermordet worden
waren, und wusste, was in jener Nacht geschehen war: dass
Wurmschwanz das Versteck seiner Eltern an Voldemort verraten hatte,
der sie daraufhin in dem Haus aufgespürt hatte. Dass Voldemort zuerst
Harrys Vater getötet hatte. Dass James Potter versucht hatte, ihn
aufzuhalten, und seiner Frau zugerufen hatte, Harry an sich zu reißen
und zu fliehen ... doch Voldemort war auf Lily Potter zugegangen und
hatte ihr befohlen, beiseite zu treten, damit er Harry töten konnte ... sie
hatte ihn angefleht, sie an Harrys statt zu töten, hatte sich geweigert,
Harry preiszugeben ... und so hatte Voldemort auch sie ermordet und
dann den Zauberstab gegen Harry gerichtet ...
Harry kannte diese Einzelheiten, weil er die Stimmen seiner Elter n
gehört hatte, als er letztes Jahr gegen die Dementoren kämpfte – denn
dies war die schreckliche Gabe der Dementoren: sie zwangen ihre Opfer,
die schlimmsten Erinnerungen ihres Lebens noch einmal zu durchleiden
und wehrlos in ihrer Verzweiflung zu ertrink en ...
Moody begann erneut zu sprechen, doch für Harry klang es wie aus
weiter Ferne. Mit äußerster Kraft riss er sich in die Gegenwart zurück,
um Moodys Worten zu lauschen.
»Avada Kedavra ist ein Fluch, hinter dem ein mächtiges Stück Magie
stehen muss – ihr könntet hier und jetzt eure Zauberstäbe hervorholen,
sie auf mich richten und die Worte sagen, und ich würde mir vermutlich
nicht mal eine blutige Nase holen. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin
nicht hier, um euch beizubringen, wie der Fluch funktioniert.
Wenn es keinen Gegenzauber gibt, warum zeige ich euch dann den
Fluch? Weil ihr ihn kennen müsst! Ihr müsst das Schlimmste mit eigenen
Augen gesehen haben. Ihr wollt euch doch nicht in eine Lage bringen, in
der ihr es mit ihm zu tun bekommt. IMMER WACHSAM!«, polterte er
und wieder zuckte die ganze Klasse zusammen.
»Nun ... diese drei Flüche – Avada Kedavra, Imperius und Cruciatus –
nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch nur einen von ihnen
gegen einen Mitmenschen richtet, handelt sich einen leb enslangen
Aufenthalt in Askaban ein. Dagegen steht ihr. Den Kampf gegen diese

Flüche muss ich euch beibringen. Ihr müsst euch vorbereiten. Ihr müsst
euch wappnen. Doch vor allem müsst ihr lernen, in eurer Wachsamkeit
niemals nachzulassen. Holt eure Federn raus ... und schreibt mit ...«
Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, sich zu jedem der
Unverzeihlichen Flüche Notizen zu machen. Keiner sprach, bis es läutete
– doch als Moody sie entlassen hatte und sie draußen vor dem
Klassenzimmer standen, brach ein Schwall von Worten aus ihnen heraus.
Die meisten redeten mit ängstlicher Stimme über die Flüche – »Hast du
gesehen, wie sie gezuckt hat?« – »... und dann hat er sie getötet – einfach
so!«
Sie sprachen ü ber die Stunde, fand Harry, als ob sie eine
atemberaubende Show gewesen wäre, doch er hatte sie nicht besonders
unterhaltsam gefunden – und wie es schien, auch Hermine nicht.
»Beeilt euch«, sagte sie in angespanntem Ton zu Harry und Ron.
»Nicht schon wieder die blöde Bibliothek?«, sagte Ron.
»Nein«, sagte Hermine schroff und deutete in einen Seitengang.
»Neville.«
Neville stand allein in der Mitte des Ganges und starrte auf die steinerne
Wand gegenüber – mit denselben weit aufgerissenen, grauenerfüllten
Aug en wie vorhin, als Moody den Cruciatus -Fluch gezeigt hatte.
»Neville?«, sagte Hermine mit sanfter Stimme.
Neville wandte sich um.
»Oh, hallo«, sagte er mit ungewöhnlich hoher Stimme. »Interessante
Stunde, nicht wahr? Bin gespannt, was es zu essen gibt, ich ... ich
verhungere gleich, du auch?«
»Neville, geht's dir gut?«, fragte Hermine.
»O ja, mir geht's blendend«, plapperte Neville immer noch mit
unnatürlich hoher Stimme. »Sehr interessant, das Abendessen – der
Unterricht, meine ich – was gibt's zu essen?«
Ron warf Harry einen verdutzten Blick zu.
»Neville ... was – ?«
Doch ein merkwürdig dumpfes Pochen ertönte hinter ihnen, sie wandten
sich um und sahen Professor Moody auf sie zu hinken. Alle vier
verstummten und sahen ihn beklommen an, doch so leise und sanft wie
jetzt hatten sie ihn noch nicht sprechen gehört.
»Ist schon gut, Kleiner«, sagte er zu Neville. »Willst du nicht kurz mit

mir hoch ins Büro kommen? Keine Sorge ... wir trinken zusammen ein
Tässchen Tee ...«
Die Aussicht auf eine Tasse Tee mit Moody schien Neville noch mehr
Angst einzujagen. Er blieb stumm und rührte sich nicht vom Fleck.
Moody ließ sein magisches Auge auf Harry ruhen. »Dir geht's gut, nicht
wahr, Potter?«
»Ja«, sagte Harry, fast herausfordernd.
Moodys blaues Auge zitterte leicht in s einer Höhle, während er Harry
mit prüfendem Blick ansah.
»Du musst es erfahren«, sagte er schließlich. »Es kommt dir vielleicht
hart vor, aber du musst es erfahren. Hat keinen Sinn sich was
vorzumachen ... nun denn ... komm mit, Longbottom, ich hab da ein paar
Bücher, die dich interessieren werden.«
Neville warf den drei Freunden einen flehenden Blick zu, doch sie sagten
kein Wort, und so hatte er keine Wahl, als sich, eine von Moodys
knöchernen Händen auf der Schulter, mit sanfter Gewalt fortführen zu
lass en.
»Was sollte das jetzt wieder?«, sagte Ron, als Neville und Moody um die
Ecke verschwunden waren.
»Keine Ahnung«, sagte Hermine mit nachdenklicher Miene.
»Bestimmt 'ne Lektion für uns, oder?«, sagte Ron zu Harry auf dem Weg
zur Großen Halle. »Fred und George hatten Recht, siehst du? Er kennt
sich wirklich aus, dieser Moody. Wie er Avada Kedavra gebracht hat
und diese Spinne dann tot umgefallen ist, so einfach den Löffel
abgegeben hat – «
Doch Ron verstummte, als er den Ausdruck auf Harrys Gesicht sah, und
sprach erst wieder, als sie in die Große Halle gelangten, wo er vorschlug,
am Abend schon mal mit den Voraussagen für Professor Trelawney
anzufangen, da sie sicher Stunden dafür brauchen würden.
Hermine hielt sich aus dem Gespräch zwischen Harry und Ron h eraus,
putzte in aller Hast ihren Teller leer und stürzte dann wieder in Richtung
Bibliothek davon. Harry und Ron schlenderten zurück in den
Gryffindor -Turm, und Harry, der beim Essen an nichts anderes gedacht
hatte, sprach jetzt selbst die Sache mit den Unverzeihlichen Flüchen an.
»Würden Moody und Dumbledore nicht Schwierigkeiten mit dem
Ministerium kriegen, wenn die erfahren, dass wir die Flüche gesehen

haben?«, fragte Harry, als sie auf die fette Dame zugingen.
»Jaah, ziemlich sicher«, sagte Ron. »Aber Dumbledore hat immer seinen
eigenen Kopf durchgesetzt, und Moody hat, glaube ich, schon seit Jahren
Schwierigkeiten mit denen. Greift erst an und stellt dann Fragen – denk
nur an seine Mülleimer. Quatsch.«
Die fette Dame klappte zur Seite und gab das Eingangsloch frei, und sie
kletterten in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, der heute Abend
überfüllt und lärmig war.
»Also, wie war's mit dem Wahrsagekram?«, sagte Harry.
»Muss wohl sein«, stöhnte Ron.
Sie gingen hoch in den Schlafsaal, um ihre Bü cher und Karten zu holen,
und fanden dort Neville allein auf dem Bett sitzend und lesend. Er sah
um einiges ruhiger aus als nach Moodys Unterricht, wenn auch noch
nicht ganz beisammen. Seine Augen waren noch ziemlich rot.
»Geht's dir gut, Neville?«, fragte Harry.
»Ja, ja«, sagte Neville, »mir geht's gut, danke. Ich lese gerade dieses
Buch, das mir Professor Moody geliehen hat ...«
Er hielt das Buch hoch: Magische Wasserpflanzen des Mittelmeeres und
ihre Wirkungen.
»Professor Sprout hat nämlich Professor Moody erzählt, dass ich in
Kräuterkunde wirklich gut bin«, sagte Neville. In seiner Stimme lag ein
Hauch von Stolz, den Harry bei ihm kaum einmal wahrgenommen hatte.
»Er dachte, dieses Buch würde mir gefallen.«
Neville zu sagen, was Professor Sprout berichtet hatte, war eine sehr
taktvolle Art, ihn aufzumuntern, fand Harry, denn Neville bekam sehr
selten zu hören, dass er in irgendetwas gut sei. Auf diese Weise hätte es
auch Professor Lupin versucht.
Harry und Ron nahmen ihre Exemplare von Entnebelung der Zukunft
mit nach unten, suchten sich einen freien Tisch und machten sich an ihre
Vorhersagen für den kommenden Monat. Eine Stunde später war ihr
Tisch zwar übersät mit Pergamentblättern voll Zahlen und Symbolen,
und Harrys Kopf war vernebelt, als wäre er gefüllt mit den
Ausdünstungen von Professor Trelawneys Feuer, doch eigentlich waren
sie kaum vorangekommen.
»Ich hab keinen Schimmer, was dieses Zeug hier bedeuten soll«, sagte er
und starrte auf eine lange Liste mit Zahlen und Formeln.

»Weißt du was«, sagte Ron, dem die Haare zu Berge standen, weil er vor
Ärger ständig mit den Fingern durch seinen Schöpf fuhr, »ich glaube,
wir probieren es mal wieder mit unserer alten Wahrsagekrücke.«
»Wie bitte – das Ganze erfinden?«
»Ja«, sagte Ron, wischte das Gewirr bekritzelter Pergamente vom Tisch,
stippte seine Feder ins Tintenfass und begann zu schreiben.
»Am nächsten Montag«, sagte er eifrig kritzelnd, »werd ich
wahrscheinlich einen Schnupfen kriegen, und zwar weil Mars und
Jupiter ganz ungünstig zueinander stehen.« Er sah zu Harry auf. »Du
kennst sie doch – misch 'ne hübsche Portion Elend rein, und sie leckt es
dir aus der Hand.«
»Stimmt«, sagte Harry, knüllte seinen ersten Versuch zusammen und
warf den Pergamentball über die Köpfe einiger schnatternder Erstklässler
hin weg ins Feuer. »Gut ... am Montag gerate ich in Gefahr – ähm – mich
zu verbrennen.«
»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron mit finsterem Blick, »am
Montag sehen wir die Kröter wieder. Schön, am Dienstag werd ich dann
... ähm ...«
»Etwas verlieren, das dir lieb und teuer ist«, sagte Harry, der auf der
Suche nach Anregungen durch Entnebelung der Zukunft blätterte.
»Gute Idee«, sagte Ron und schrieb sie auf. »Wegen ... ähm ... Merkur.
Wie war's, wenn dir jemand, den du für einen Freund gehalten hast, ein
Messer in den Rücken stößt?«
»Jaah ... cool ...«, sagte Harry und ließ die Feder kratzen, »weil ... Venus
im zwölften Haus steht.«
»Und am Mittwoch, glaub ich, krieg ich bei einer Prügelei was auf die
Nase.«
»Aaah, eigentlich wollte ich mich prügeln. Gut, dann verlier ich eine
Wette.«
»Ja, du wettest, dass ich die Prügelei gewinne ...«
So strickten sie noch eine Stunde weiter an ihren Vorhersagen (die
immer tragischer wurden), während die anderen allmählich schlafen
gingen.
Krummbein kam zu ihnen herüberges chlenzt, sprang leichtfüßig auf
einen leeren Stuhl und starrte Harry mit unergründlichen Augen an, ganz
so, wie Hermine schauen würde, wenn sie gewusst hätte, dass sie ihre

Hausaufgaben nicht ordentlich erledigten.
Harry ließ den Blick durch das Zimmer sch weifen und versuchte sich ein
Unglück einfallen zu lassen, das er noch nicht aufgebraucht hatte, da sah
er Fred und George an der Wand gegenüber sitzen, die Köpfe
zusammengesteckt und mit gezückten Federn über einem Pergament
brütend. Man sah die beiden nur ganz selten in einer Ecke versteckt und
stumm bei der Arbeit; meist liebten sie den Trubel und waren dann auch
der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wie sie da gemeinsam an ihrem
Pergament arbeiteten, hatten sie etwas Geheimnistuerisches an sich, und
Harry fiel ein, dass sie schon im Fuchsbau zusammengesessen und etwas
geschrieben hatten. Damals hatte er gedacht, es ginge um ein neues
Bestellformular für Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, doch diesmal
sah es nicht danach aus, denn sonst hätten sie gewiss L ee Jordan an dem
Spaß beteiligt. Er fragte sich, ob es etwas mit dem Versuch zu tun hatte,
am Trimagischen Turnier teilzunehmen.
Harry sah jetzt, wie George den Kopf schüttelte, mit seiner Feder etwas
durchstrich und mit ganz leiser Stimme, die dennoch dur ch den fast
leeren Raum herüberwehte, zu Fred sagte: »Nein – das klingt, als würden
wir ihn beschuldigen. Wir müssen vorsichtig sein ...«
Dann sah George auf und bemerkte, dass Harry sie beobachtete. Harry
grinste und wandte sich rasch wieder seinen Vorher sagen zu – er wollte
nicht, dass George dachte, er würde lauschen. Kurz danach rollten die
Zwillinge ihr Pergament zusammen, sagten gute Nacht und gingen zu
Bett.
Die beiden waren gerade zehn Minuten fort, als das Porträtloch aufging
und Hermine in den Gem einschaftsraum kletterte, in der einen Hand ein
Blatt Pergament und in der anderen ein Kästchen mit schepperndem
Inhalt.
Krummbein machte einen Buckel und schnurrte.
»Hallo«, sagte sie, »ich bin gerade fertig geworden!«
»Ich auch!« , sagte Ron ausgelassen und warf seine Feder hin.
Hermine setzte sich, legte ihre Sachen auf einen leeren Sessel und zog
das Blatt mit Rons Voraussagen zu sich her.
»Wird kein besonders guter Monat für dich, oder?«, sagte sie mit
schrägem Lächeln, während Krummbein es sich auf ihrem Schoß
gemütlich machte.

»Tjaah, wenigstens bin ich vorgewarnt«, gähnte Ron.
»Sieht aus, als ob du zweimal ertrinkst«, sagte Hermine.
»Ach nein, wirklich?«, sagte Ron und warf einen Blick auf seine
Vorhersagen. »Dann ändere ich d as eine lieber in Zertrampeltwerden von
einem wild gewordenen Hippogreif.«
»Meinst du nicht, jeder merkt, dass ihr alles erfunden habt?«, fragte
Hermine.
»Wie kannst du nur so etwas sagen!«, rief Ron mit gespielter Entrüstung.
»Wir haben hier geschuftet wie die Hauselfen!«
Hermine hob die Brauen.
»Ist doch nur so 'ne Redewendung«, sagte Ron hastig.
Auch Harry legte jetzt seine Feder weg, nachdem er zum guten Schluss
seinen Tod durch Enthauptung vorausgesagt hatte.
»Was ist dadrin?«, fragte er und deutete au f das Kästchen.
»So 'n Zufall, dass du fragst«, sagte Hermine und warf Ron einen
garstigen Blick zu. Sie hob den Deckel des Kästchens ab.
Darin lagen etwa fünfzig Anstecker in verschiedenen Farben, doch alle
mit derselben Aufschrift: B.ELFE.R.
»Belfer?«, s agte Harry, nahm einen Anstecker und betrachtete ihn. »Was
ist das?«
»Nicht Belfer«, sagte Hermine höchst ungehalten. »Es heißt B -ELFE -R,
Bund für ELFEnRechte.«
»Nie davon gehört«, sagte Ron.
»Natürlich nicht«, fauchte Hermine, »ich hab ihn eben erst gegrü ndet.«
»Achja?«, sagte Ron milde überrascht. »Wie viele Mitglieder hat er?«
»Na ja – wenn ihr mitmacht – drei«, sagte Hermine.
»Und du glaubst im Ernst, wir wollen mit Ansteckern rumlaufen, auf
denen » Belfer« steht?«
»B -ELFE- R!«, zürnte Hermine. »Zuerst h atte ich » Stoppt die
schändliche Misshandlung unserer magischen Mitgeschöpfe – Bewegung
zur Stärkung der Elfenrechte«, aber das hat nicht draufgepasst. Dafür ist
es jetzt der Titel unseres Manifests.«
Sie wedelte mit dem Pergament unter ihren Nasen. »Ich hab in der
Bibliothek gründlich nachgeforscht. Die Elfenversklavung reicht schon
Jahrhunderte zurück. Ich kann einfach nicht fassen, dass bisher niemand
was dagegen unternommen hat.«

»Hermine – nun hör mal gut zu«, sagte Ron laut. »Sie. Mögen. Es. Sie
möge n es, versklavt zu sein!«
»Unser kurzfristiges Ziel«, sagte Hermine, noch lauter sogar als Ron und
scheinbar ohne ein Wort gehört zu haben, »ist die Durchsetzung fairer
Löhne und Arbeitsbedingungen. Zu unseren langfristigen Zielen gehört
die Änderung des G esetzes über den Nichtgebrauch von Zauberstäben
und der Versuch, eine Elfe in die Abteilung zur Führung und Aufsicht
Magischer Geschöpfe zu bringen, denn dort sind sie skandalös schlecht
vertreten.«
»Und wie stellen wir das an?«, fragte Harry.
»Zuerst mal werben wir Mitglieder an«, sagte Hermine munter. »Ich
dachte an zwei Sickel für die Mitgliedschaft – dafür gibt es einen
Anstecker – und mit dem Erlös können wir unsere Flugblattkampagne
bezahlen. Du bist der Schatzmeister, Ron – oben hab ich für dich eine
Sammelbüchse –, und Harry, du bist der Sekretär, also wär's am besten,
wenn du alles mitschreibst, was ich jetzt sage, um unser erstes Treffen
festzuhalten.«
Eine Pause trat ein, in der Hermine die beiden anstrahlte und Harry nur
dasaß, hin - und hergeriss en zwischen Ärger über Hermine und
Belustigung über Rons Miene. Nicht Ron brach das Schweigen, der
ohnehin aussah, als hätte es ihm zeitweilig die Sprache verschlagen,
sondern ein leises tok, tok am Fenster. Harry spähte durch den
inzwischen leeren Gemeins chaftsraum und sah eine ins Mondlicht
getauchte Schneeeule auf dem Fenstersims hocken.
»Hedwig!«, rief er, sprang aus dem Sessel, stürmte hinüber und riss das
Fenster auf.
Hedwig flog herein, schwebte durch den Raum und ließ sich auf dem
Tisch mit Harrys Vorhersagen nieder.
»Wird langsam Zeit!«, sagte Harry und rannte ihr nach.
»Sie hat eine Antwort!«, sagte Ron aufgeregt und deutete auf das
schmuddelige Stück Pergament, das an Hedwigs Bein gebunden war.
Hastig knüpfte Harry das Pergament los und setzte sich, um es zu lesen,
woraufhin Hedwig ihm aufs Knie flatterte und leise schuhuhte.
»Was schreibt er?«, fragte Hermine atemlos.
Der Brief war sehr kurz und sah aus, als wäre er in großer Hast
hingekritzelt worden. Harry las ihn laut vor: Harry, ich fliege sofort nach

Norden. Diese Neuigkeit über deine Narbe ist nur das letzte Glied in
einer Kette merkwürdiger Gerüchte, die mir hier zu Ohren gekommen
sind. Wenn sie wieder anfängt zu schmerzen, geh unverzüglich zu
Dumbledore – es heißt, er habe Mad -Eye aus dem Ruhestand
zurückgeholt, was bedeutet, dass wenigstens er, wenn auch sonst keiner,
die Zeichen liest. Ich melde mich bald. Meine besten Wünsche an Ron
und Hermine. Halt die Augen offen, Harry. Sirius Harry sah zu Ron und
Hermine auf, die ihn mit großen Augen anstarrten.
»Er fliegt nach Norden?«, flüsterte Hermine. »Er kommt zurück?«
»Was sind das für Zeichen, die Dumbledore liest?«, fragte Ron
vollkommen perplex. »Harry, was ist los mit dir?«
Harry hatte sich gerade mit der Fau st gegen die Stirn geschlagen und
Hedwig aus seinem Schoß geworfen.
»Ich hätt's ihm nicht sagen sollen!«, rief er wütend.
»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Ron verdutzt.
»Jetzt denkt er, er muss zurückkommen!«, sagte Harry und donnerte
seine Faust so heftig auf den Tisch, dass Hedwig auf Rons Stuhllehne
flatterte und entrüstet grummelte. »Zurückkommen, weil er glaubt, ich
sei in Schwierigkeiten! Aber mir geht's doch gut! Und für dich hab ich
nichts«, fauchte er Hedwig an, die erwartungsvoll mit dem Schnabel
klackerte, »da musst du schon hoch in die Eulerei, wenn du was zu
fressen willst.«
Hedwig warf ihm einen zutiefst beleidigten Blick zu, erwischte ihn mit
ausgebreitetem Flügel unsanft am Kopf und flog zum offenen Fenster
hinaus.
»Harry –«, setzte Hermine beschwichtigend an.
»Ich geh schlafen«, sagte Harry barsch. »Bis morgen früh dann.«
Oben im Schlafsaal zog er seinen Pyjama an und legte sich ins
Himmelbett, doch er spürte nicht die geringste Müdigkeit.
Wenn Sirius zurückkäme und gefasst würde, wäre es seine, Harrys,
Schuld. Warum hatte er nicht den Mund gehalten? Ein paar Sekunden
Schmerz und er musste gleich losjammern ... hätte er nur kühlen Kopf
bewahrt und alles für sich behalten ...
Kurze Zeit später hörte er Ron in den Schlafsaal kommen, doch er sprach
ihn nicht an. Lange lag Harry wach und starrte auf den dunklen
Baldachin über seinem Bett. Im Schlafsaal herrschte vollkommene Stille,

und wäre Harry nicht so tief in Gedanken versunken gewesen, wäre ihm
aufgefallen, dass Neville nicht wie üblich schnarchte und er daher nicht
der Einzige war, der keinen Schlaf fand.

Beauxbatons und Durmstrang


Als hätte Harrys Kopf im Schlaf unermüdlich gearbeitet, erwachte er
früh am nächsten Morgen mit einem glasklaren Plan im Sinn. Er stand
auf, zog sich im blassen Dämmerlicht an und ging dann ohne Ron zu
wecken hinunter in den verlassenen Gemeinschaftsraum. Er nahm ein
Blatt Pergament vom Tisch, auf dem noch seine Hausaufgaben für
Wahrsagen lagen, und schrieb den folgenden Brief: Lieber Sirius, ich
glaube, ich habe mir nur eingebildet, dass meine Narbe wehtat, ich war
noch ziemlich verpennt, als ich dir diesen Brief schrieb. Es hat keinen
Zweck, dass du zurückkommst, hier ist alles in Ordnung . Mach dir keine
Sorgen um mich, mein Kopf fühlt sich ganz normal an. Harry Dann
kletterte er aus dem Porträtloch, stieg die Treppen des noch im Schlaf
liegenden Schlosses hoch (nur ganz kurz von Peeves aufgehalten, der
ihm in einem Korridor im vierten Sto ck eine große Vase über den Kopf
stülpen wollte), bis er schließlich in die Eulerei in der Spitze des
Westturms gelangte. Die Eulerei war ein kreisrunder Raum mit
steinernen Wänden, und da die Fenster keine Scheiben hatten, war er
recht kalt und zugig. Der strohbedeckte Boden war übersät mit
Eulenmist und ausgewürgten Knochen von Mäusen und Maulwürfen.
Hunderte von Eulen jeder erdenklichen Art hockten hier auf den
Stangen, die sich bis hoch zum Turmgebälk zogen, und fast alle
schliefen, auch wenn hie und da ein rundes Bernsteinauge Harry mit
scharfem Blick folgte. Jetzt sah er auch Hedwig behaglich zwischen
einer Schleiereule und einem Waldkauz schlafen, und er ging hastig zu
ihr hinüber, wobei er fast auf dem mit Vogelkot übersäten Boden
ausgerutscht wäre. Es dauerte eine Weile, bis er sie dazu bringen konnte,
aufzuwachen und ihn überhaupt anzusehen, denn zunächst trippelte sie
auf ihrer Stange umher und zeigte ihm nur den Schwanz. Offensichtlich
war sie immer noch gekränkt wegen seiner undankbaren Art am Ab end
zuvor. Am Ende schaffte es Harry dann doch, sie zu überzeugen, indem
er laut überlegte, dass sie wohl zu müde sei und er Ron bitten würde, ihm
Pigwidgeon zu leihen; daraufhin streckte sie ein Bein aus und ließ ihn
den Brief daran festbinden.
»Du findes t ihn, nicht wahr?«, sagte Harry und streichelte ihr übers

Gefieder, während er sie auf dem Arm zu einer der Mauerluken trug.
»Bevor die Dementoren ihn finden.«
Sie kniff ihm in den Finger, vielleicht ein wenig kräftiger als sonst,
schuhuhte jedoch leise, als wollte sie ihn trotz allem beruhigen. Dann
breitete sie ihre Flügel aus und flatterte in den Sonnenaufgang hinein.
Harry sah ihr mit dem schon vertrauten flauen Gefühl im Magen nach,
bis sie verschwunden war. Er war sich so sicher gewesen, dass Sirius'
Antwort seine Sorgen lindern und nicht noch steigern würde. »Das war
eine Lüge, Harry«, sagte Hermine in scharfem Ton beim Frühstück, als
er ihr und Ron von seinem Brief erzählt hatte. »Du hast dir nicht bloß
eingebildet, dass deine Narbe wehtat, das weiß t du genau.«
»Na und?«, sagte Harry. »Meinetwegen soll er jedenfalls nicht wieder in
Askaban landen.«
»Lass stecken«, fuhr Ron Hermine an, als sie den Mund öffnete, um
noch ein wenig weiterzustreiten; und ausnahmsweise folgte ihm Hermine
und verstummte.
Wä hrend der nächsten Wochen mühte sich Harry nach Kräften, sich
keine Sorgen über Sirius zu machen. Gewiss, er konnte es einfach nicht
lassen, mit bangem Gefühl aufzusehen, wenn am Morgen die Posteulen
ankamen, noch konnte er verhindern, dass spät am Abend, bevor er
einschlief, grauenhafte Bilder an seinem inneren Auge vorbeizogen,
Bilder von Sirius, wie er in irgendeiner dunklen Londoner Straße von
Dementoren in die Enge getrieben wurde. Doch ansonsten gab er sich
Mühe, nicht an seinen Paten zu denken. Könnt e er doch nur Quidditch
spielen, um sich abzulenken; nichts hätte seinem aufgewühlten Gemüt so
gut getan wie eine harte, fetzige Trainingsstunde. Andererseits war der
Unterricht jetzt so anspruchsvoll und schwierig wie nie zuvor, besonders
in Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Zu ihrer Überraschung hatte Professor Moody angekündigt, dass er jeden
Einzelnen von ihnen mit dem ImperiusFluch belegen würde, um dessen
Macht zu zeigen und zu prüfen, ob sie sich gegen seine Wirkungen zur
Wehr setzen konnten.
»A ber, Sie sagten doch, er sei verboten, Professor«, sagte Hermine
verunsichert, als Moody mit einem Schwung seines Zauberstabs die
Tische fortrücken ließ und sich einen großen freien Platz in der Mitte des
Raumes verschaffte. »Sie sagten – ihn gegen einen anderen Menschen

einzusetzen, sei –«
»Dumbledore will, dass ich euch beibringe, wie es sich anfühlt«, sagte
Moody, und sein magisches Auge schwamm zu Hermine hin und fixierte
sie mit schaurigem Blick, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. »Wenn du
es lieber au f die harte Tour lernen willst – wenn dich jemand damit
überrascht und dich vollkommen unterwirft – mir soll es recht sein. Du
bist entschuldigt. Da geht's raus.«
Er wies mit seinem knochigen Finger zur Tür. Hermine lief rosa an und
murmelte etwas von wegen, das hätte sie so nicht gemeint. Harry und
Ron grinsten sich zu. Sie wussten, dass Hermine lieber Bubotubler -Eiter
schlürfen würde als eine so wichtige Unterrichtsstunde zu verpassen.
Moody ließ sie der Reihe nach vortreten und belegte sie mit dem
Imperi us-Fluch. Harry beobachtete, wie seine Mitschüler unter Moodys
Einfluss die erstaunlichsten Dinge vollführten. Dean Thomas hüpfte
dreimal im Kreis durchs Zimmer und sang dabei die Nationalhymne.
Lavender Brown ahmte ein Eichhörnchen nach. Neville zeigte eine
Reihe ganz verblüffender Gymnastikübungen, bei denen er ansonsten
sicher zusammengeklappt wäre. Nicht einer von ihnen schien fähig zu
sein, den Fluch abzuwehren, und alle erholten sich erst, als Moody ihn
wieder aufhob. »Potter«, knurrte Moody, »du bist dran.«
Harry trat vor in die Mitte des Klassenzimmers, wo Moody Platz
geschaffen hatte. Moody hob den Zauberstab, richtete ihn auf Harry und
sagte: »Imperio.« Es war ein höchst wundersames Gefühl. Harry glaubte
zu schweben, jeder Gedanke, alle Sorgen, die ihn Umtrieben, waren wie
von sanfter Hand weggewischt, und zurück blieb nur ein vages,
unergründliches Glücksgefühl. Da stand er, unendlich entspannt, nur
leise ahnend, dass alle ihn ansahen. Und dann hörte er Mad -Eye Moodys
Stimme in einer fernen Kammer seines leeren Kopfes widerhallen:
»Spring auf den Tisch ... spring auf den Tisch ...« Harry ging folgsam in
die Knie und setzte zum Sprung an.
»Spring auf den Tisch ...«
Warum eigentlich?
Eine andere Stimme, weit hinten in seinem Kopf, war erwacht. »Wär
doch ziemlich bescheuert, das zu tun«, sagte die Stimme. »Spring auf
den Tisch ...«
»Nein, das werd ich lieber nicht tun, danke«, sagte die andere Stimme,

ein wenig fester ... »Nein, ich will nicht wirklich ...« »Spring! Sofort.«
Was Harry als Nächstes spürte, war ein heftiger Schmerz. Er war
gesprungen und hatte zugleich versucht sich davon abzuhalten –
woraufhin er mit dem Kopf auf den Tisch geschlagen war, ihn
umgeworfen hatte und sich, nach dem Gefühl in seinen Beinen zu
schließen, auch noch beide Kniesch eiben zertrümmert hatte.
»Nun, das war doch schon mal was!«, hörte er Moodys knurrende
Stimme, und plötzlich spürte Harry, wie das leere, hallende Gefühl in
seinem Kopf verschwand. Er erinnerte sich genau daran, was passiert
war, und der Schmerz in seinen Knien schien sich noch zu verdoppeln.
»Schaut euch das an, ihr Rasselbande ... Potter hat gekämpft! Er hat
gegen den Fluch angekämpft und ihn verdammt noch mal fast
gebrochen! Wir versuchend noch mal, Potter, und die anderen passen gut
auf – schaut ihm in die Augen, da seht ihr's – sehr gut, Potter, wirklich
sehr gut! Die werden Schwierigkeiten haben, dich zu unterwerfen!«
»So, wie er redet«, murmelte Harry, als er eine Stunde später aus dem
Klassenzimmer humpelte (Moody hatte darauf bestanden, Harry viermal
in Folge an seine Grenzen gehen zu lassen, bis er schließlich den Fluch
vollkommen abschütteln konnte), »so, wie er redet, sollte man meinen,
wir könnten jeden Augenblick angegriffen werden.«
»Ja, ich weiß«, sagte Ron, der immer noch bei jedem zweiten Schritt
hüpfte. Er hatte viel mehr Probleme mit dem Fluch gehabt als Harry,
doch Moody versicherte ihm, die Wirkung würde bis zum Mittagessen
abklingen. »Wenn wir schon beim Verfolgungswahn sind ...«, Ron sah
nervös über die Schulter, ob Moody auch ja außer Hörweite war, und
fuhr fort: »Kein Wunder, dass sie im Ministerium froh waren, ihn
loszuwerden. Hast du gehört, wie er Seamus erzählt hat, was er mit
dieser Hexe angestellt hat, die am ersten April hinter seinem Rücken »
Buuh« gerufen hat? Und wann sollen wir denn alles über den Widerstand
gegen den Imperius -Fluch nachlesen, wenn wir ohnehin so viel zu tun
haben?«
Allen Viertklässlern war aufgefallen, dass sie dieses Jahr eine ganze
Menge mehr arbeiten mussten. Professor McGonagall erklärte ihnen
auch, waru m, als die Klasse in Verwandlung mit besonders lautem
Stöhnen und Ächzen auf eine neue Ladung Hausaufgaben reagiert hatte.
»Für Sie beginnt jetzt eine besonders wichtige Zeit in Ihrer Ausbildung

als Zauberer!«, verkündete sie und die Augen hinter ihren quadratischen
Brillengläsern glitzerten gefährlich. »Ihre Prüfungen für die ZAGs
stehen bevor – «
»Wir kriegen die ZAGs doch erst im fünften Jahr!«, sagte Dean Thomas
entrüstet.
»Das mag sein, Thomas, aber glauben Sie mir, Sie brauchen alle
Vorbereitung, die Sie bekommen können! Miss Granger ist bis heute die
Einzige in der Klasse, die es schafft, einen Igel in ein gewöhnliches
Nadelkissen zu verwandeln. Ich darf Sie daran erinnern, Thomas, dass
Ihr Kissen immer noch vor Angst zusammenschrumpft, wenn sich
jeman d mit einer Nadel nähert!«
Hermine war wieder einmal rosa angelaufen und schien sich zu
bemühen, nicht allzu geschmeichelt auszusehen.
Harry und Ron amüsierten sich köstlich, als Professor Trelawney in der
nächsten Wahrsagestunde verkündete, sie hätten für ihre Vorhersagen
Spitzennoten bekommen. Sie las ausgiebig aus ihren Arbeiten vor und
lobte sie für ihren unerschrockenen Blick auf die Schrecken, die ihnen
ins Haus standen – weniger erfreut waren sie jedoch, als Professor
Trelawney ihnen aufgab, das Gleiche noch einmal für den übernächsten
Monat zu machen; allmählich gingen den beiden die Ideen aus.
Unterdessen ließ sie Professor Binns, der Geist, der Geschichte der
Zauberei lehrte, jede Woche einen Aufsatz über die Kobold -Aufstände
im achtzehnten Jahrhun dert schreiben. Professor Snape zwang sie,
Gegengifte zu erforschen. Das nahmen sie sehr ernst, denn er deutete an,
er könnte ja einen von ihnen noch vor Weihnachten vergiften, um
festzustellen, ob das Gegengift wirke. Professor Flitwick verlangte von
ihne n, zur Vorbereitung auf den Unterricht über Aufrufe - und
Sammelzauber noch drei weitere Bücher nebenher zu lesen.
Selbst Hagrid bürdete ihnen zusätzliche Lasten auf. Die Knallrümpfigen
Kröter wuchsen erstaunlich schnell, wenn man bedachte, dass noch
keiner herausgefunden hatte, was sie fraßen. Hagrid war es eine Wonne
und er schlug »im Rahmen ihres Projekts« vor, sie sollten doch jeden
zweiten Abend zu seiner Hütte herunterkommen, um die Kröter zu
beobachten und sich Notizen über ihr eigenartiges Verhalten zu machen.
»Ich jedenfalls nicht«, sagte Draco Malfoy lustlos, nachdem Hagrid
ihnen diesen Vorschlag mit der Miene eines Weihnachtsmannes gemacht

hatte, der ein besonders großes Päckchen aus dem Sack zieht. »Ich seh
im Unterricht genug von diesen widerlichen Dingern, danke.« Hagrids
Lächeln erstarb.
»Du tust, was man dir sagt«, knurrte er, »oder ich red mal ein Wörtchen
mit Professor Moody ... hab gehört, du gibst 'n niedliches Frettchen ab,
Malfoy.«
Die Gryffindors lachten schallend. Malfoy errötete vor Zo rn, doch
offenbar war die Erinnerung an die Bestrafung durch Moody immer noch
schmerzhaft genug, um ihm den Mund zu versiegeln. Harry, Ron und
Hermine kehrten nach dem Unterricht bestens gelaunt in das Schloss
zurück; zu erleben, wie Hagrid Malfoy in die S chranken wies, war eine
Genugtuung gewesen, vor allem, da Malfoy sich im letzten Jahr nach
Kräften bemüht hatte, Hagrid aus der Schule werfen zu lassen.
In der Eingangshalle gerieten sie in ein dichtes Gewühle von
Mitschülern, die sich alle um ein großes Schild drängelten, das am Fuß
der Marmortreppe aufgestellt worden war. Ron, der Längste der drei,
lugte auf Zehenspitzen stehend über die Köpfe hinweg und las den
anderen beiden vor, was auf dem Schild stand.
Trimagisches Turnier Die Abordnungen aus Beauxba tons und
Durmstrang kommen am Freitag, den 30. Oktober, um sechs Uhr
nachmittags an. Der Unterricht endet eine halbe Stunde früher. »Toll!«,
sagte Harry. »In der letzten Stunde am Freitag haben wir Zaubertränke!
Dann hat Snape wenigstens keine Zeit mehr, u ns alle zu vergiften!« Die
Schüler werden gebeten, Taschen und Bücher in die Schlafräume zu
bringen und sich vor dem Schloss zu versammeln, um unsere Gäste vor
dem Willkommensfest zu begrüßen. »Nur noch eine Woche!«, sagte
Ernie McMillan von den Hufflepuff s, der mit glänzenden Augen aus der
Menge auftauchte. »Ob Cedric das schon weiß? Ich glaub, ich geh und
sag's ihm ...«
»Cedric?«, sagte Ron mit ahnungslosem Gesicht, als Ernie davonrannte.
»Diggory«, sagte Harry. »Er wird sicher am Turnier teilnehmen.«
» Dieser Idiot soll Hogwarts -Champion werden?«, sagte Ron, während
sie sich durch die plappernde Menge zur Treppe schoben.
»Er ist kein Idiot, du kannst ihn nur nicht ausstehen, weil er Gryffindor
im Quidditch geschlagen hat«, sagte Hermine. »Ich hab gehört, er sei
richtig gut im Unterricht – und er ist Vertrauensschüler.« Sie sprach, als

ob die Angelegenheit damit erledigt wäre.
»Du magst ihn doch nur, weil er hübsch ist«, sagte Ron spöttisch.
»Entschuldige mal, ich mag niemanden, nur weil er hübsch ist!«, s agte
Hermine entrüstet.
Ron ließ ein falsches Hüsteln hören, das merkwürdigerweise wie
»Lockhart!« klang. Das Schild in der Eingangshalle hatte erstaunliche
Wirkung auf die Bewohner des Schlosses. In der folgenden Woche
schien es, gleich, wo Harry hinkam, nur ein Thema zu geben: das
Trimagische Turnier. Gerüchte flogen von Schüler zu Schüler wie
ansteckende Bazillen: Wer würde für Hogwarts ins Rennen gehen,
welche Turnieraufgaben warteten auf ihn oder sie, waren die Schüler von
Beauxbatons und Durmstrang anders als die von Hogwarts? Harry
bemerkte auch, dass im Schloss besonders gründlich geputzt wurde.
Mehrere rußüberzogene Gemälde wurden geschrubbt, zum großen
Missvergnügen der Abgebildeten, die in ihren Rahmen kauerten und
zusammenzuckten, wenn sie ihre f risch gewaschenen rosa Gesichter
berührten. Die Rüstungen glänzten auf einmal und kreischten nicht bei
jeder Bewegung, und Argus Filch, der Hausmeister, bekamjedes Mal,
wennjemand vergaß, sich die Schuhe abzuputzen, einen derartigen
Wutanfall, dass zwei Mädchen aus der ersten Klasse vor Angst
Schreikrämpfe bekamen. Auch die Mitglieder des Lehrkörpers schienen
merkwürdig angespannt.
»Longbottom, seien Sie so nett und zeigen Sie den Leuten von
Durmstrang ja nicht, dass Sie nicht einmal einen einfachen
Verwand lungszauber beherrschen!«, blaffte Professor McGonagall
Neville am Ende einer besonders schwierigen Stunde an, während deren
er versehentlich seine eigenen Ohren auf einen Kaktus verpflanzt hatte.
Als sie am Morgen des dreißigsten Oktober zum Frühstück
hin untergingen, stellten sie fest, dass die Große Halle über Nacht
geschmückt worden war. Riesige seidene Banner hingen an den Wänden,
eines für jedes Hogwarts -Haus ein goldener Löwe auf rotem Grund für
Gryffindor, ein bronzener Adler auf Rot für Ravenclaw, ein schwarzer
Dachs auf Gelb für Hufflepuff und eine silberne Schlange auf grünem
Grund für Slytherin. Hinter dem Lehrertisch prangte auf dem größten
Banner das Wappen von Hogwarts: Löwe, Adler, Dachs und Schlange
um den großen Buchstaben »H«.

Harry, Ron und Hermine sahen schon vom Eingang aus Fred und George
am Gryffindor-Tisch sitzen. Wieder einmal und ganz ungewohnt saßen
sie abseits von den anderen und unterhielten sich flüsternd. Ron ging den
anderen voraus auf sie zu.
»Es ist ein Reinfall, zugegeben«, sagte George mit trübseliger Miene zu
Fred. »Aber wenn er nicht persönlich mit uns sprechen will, müssen wir
ihm doch den Brief schicken. Oder wir drücken ihn ihm in die Hand, er
kann uns ja nicht ewig aus dem Weg gehen.«
»Wer geht euch aus dem Weg?«, frag te Ron und setzte sich zu ihnen.
»Ich wünschte, du«, sagte Fred, verärgert über die Unterbrechung. »Was
ist ein Reinfall?«, fragte Ron George.
»'nen naseweisen Kerl wie dich als Bruder zu haben«, sagte George.
»Habt ihr beide schon irgendwelche Ideen, was ihr beim Trimagischen
Turnier anfangen wollt?«, fragte Harry. »Habt ihr darüber nachgedacht,
ob ihr doch noch teilnehmt?«
»Ich hab McGonagall gefragt, wie die Champions ausgewählt werden,
aber sie hat nichts verraten«, sagte George erbittert. »Sie meinte n ur, ich
solle den Mund halten und endlich meinen Waschbären verwandeln.«
»Was das wohl für Aufgaben sein werden?«, sagte Ron nachdenklich.
»Harry, ich wette, wir könnten es schaffen, mit gefährlichen Dingen
kennen wir uns doch aus ...« »Wer sind die Schiedsrichter?«, fragte
Harry.
»Jedenfalls sind die Leiter der teilnehmenden Schulen immer mit in der
Jury«, sagte Hermine, und alle drehten sich erstaunt zu ihr um. »Das
weiß ich, weil alle drei beim Turnier von 1792 verletzt wurden, als ein
Basilisk, den die Champions eigentlich fangen sollten, auf
Nahrungssuche ging.«
Es entging ihr nicht, dass alle sie ansahen, und da niemand außer ihr all
die Bücher gelesen hatte, sagte sie wie üblich etwas hochnäsig: »Steht
alles in der Geschichte von Hogwarts. Natürlich ist dieses Werk nicht
ganz zuverlässig. Eine umgeschriebene Geschichte von Hogwarts wäre
zutreffender. Oder Eine höchst einseitige und zensierte Geschichte von
Hogwarts, welche die hässlicheren Seiten der Schule übertüncht.«
»Worauf willst du raus?«, sagte Ron, während Harry zu wissen glaubte,
was jetzt kam.
»Hauselfen!«, sagte Hermine laut und bestätigte Harrys Ahnung. »Nicht

ein einziges Mal auf über tausend Seiten erwähnt die Geschichte von
Hogwarts, dass wir alle bei der Unterdrückung von hundert Sklaven
mitwirken!«
Kopfschüttelnd machte sich Harry über sein Rührei her. Die mangelnde
Begeisterung, die er und Ron zeigten, hatte Hermines Eifer, mit dem sie
Gerechtigkeit für die Hauselfen erkämpfen wollte, nicht im Mindesten
gedämpft. Gewiss, sie beide hatten zwei Sickel für den
B.ELFE.R -Anstecker bezahlt, doch nur, um sie zu beschwichtigen. Ihr
Geld hatte jedoch nichts genutzt, Hermine war eher noch eifriger
geworden und hatte Harry und Ron seither ständig in den Ohren gelegen.
Zunächst einmal sollten sie ih re Anstecker auch tragen, dann sollten sie
auch andere dazu überreden, und zudem hatte Hermine es sich zur
Gewohnheit gemacht, jeden Abend im Gemeinschaftsraum der
Gryffindors umherzutingeln, ihre Mitschüler in die Enge zu treiben und
mit der Sammelbüchse unter ihren Nasen zu klappern.
»Ihr wisst doch genau, dass eure Bettwäsche gewechselt, eure Feuer
angezündet, eure Klassenzimmer geputzt und eure Mahlzeiten gekocht
werden von einer Gruppe magischer Geschöpfe, die unbezahlt und
versklavt sind?«, pflegte sie mit wütendem Blick zu sagen.
Manche, wie Neville, hatten bezahlt, nur damit Hermine sie nicht mehr
finster ansah. Einige schienen oberflächlich interessiert an dem, was sie
zu sagen hatte, zögerten jedoch, tatkräftiger für die Bewegung zu
arbeiten. Viele hielten das Ganze für einen Scherz.
Ron ließ den Blick zur Decke schweifen, die sie alle in herbstliches
Sonnenlicht tauchte, und Fred wandte sich mit enormem Interesse
seinem Schinken zu (die Zwillinge hatten sich geweigert, einen
B.ELFE.R -Anstecker zu k aufen). George jedoch beugte sich zu Hermine
hinüber.
»Hör mal zu, Hermine, bist du jemals unten in den Küchen gewesen?«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Hermine schroff, »ich glaube kaum,
dass Schüler dort unten was – «
»Aber wir beide schon«, sagte Geor ge und deutete auf Fred, »und zwar
öfters, um Essen zu klauen. Wir haben sie getroffen, und ich sag dir, sie
sind glücklich. Sie glauben, sie haben die besten Jobs der Welt – «
»Weil sie ungebildet sind und eine Gehirnwäsche verpasst bekamen!«,
unterbrach ihn Hermine erhitzt, doch ihre nächsten Worte gingen in dem

plötzlichen Rauschen über ihren Köpfen unter, das die Ankunft der
Posteulen verkündete. Harry blickte sofort auf und sah Hedwig auf sich
zuschweben. Hermine verstummte jäh; sie und Ron verfolgten mit
bangem Blick, wie Hedwig sich auf Harrys Schulter niederließ, ihre
Flügel einzog und ermattet das Bein ausstreckte.
Harry zog Sirius' Antwort von Hedwigs Bein und bot ihr die
Speckschwarten seines Schinkens an, die sie dankbar auffraß . Dann,
nachdem er sich mit einem Blick zu Fred und George vergewissert hatte,
dass sie erneut im Gespräch über das Trimagische Turnier vertieft waren,
las Harry Ron und Hermine im Flüsterton Sirius' Brief vor. Netter
Versuch, Harry, ich bin wieder im Land und gut versteckt. Ich möchte,
dass du mich über alles, was in Hogwarts vor sich geht, per Brief auf
dem Laufenden hältst. Nimm nicht mehr Hedwig, wechsle ständig die
Eulen und mach dir keine Sorgen um mich, pass nur auf dich selbst auf.
Vergiss nicht, was ich über deine Narbe gesagt habe. Sirius
»Warum sollst du ständig die Eulen wechseln?«, fragte Ron mit
gedämpfter Stimme.
»Hedwig zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich«, erwiderte Hermine
sofort. »Sie fällt auf. Eine Schneeeule, die ständig zu seinem Ver steck
fliegt ... sie ist jedenfalls kein einheimischer Vogel, verstehst du?«
Harry rollte den Brief zusammen und steckte ihn in den Umhang. Ihm
war nicht ganz klar, ob er sich jetzt mehr oder weniger Sorgen machen
sollte. Dass Sirius es geschafft hatte, zu rückzukommen ohne gefasst zu
werden, war immerhin etwas. Außerdem konnte er nicht leugnen, dass es
ihn beruhigte, Sirius in seiner Nähe zu wissen; wenigstens würde er jetzt
nicht mehr so lange auf eine Antwort warten müssen, wenn er ihm
schrieb.
»Danke, Hedwig«, sagte er und streichelte sie. Sie schuhuhte schläfrig,
tauchte den Schnabel kürz in seinen Becher mit Orangensaft und flatterte
davon, offensichtlich mit dem dringenden Bedürfnis, sich in der Eulerei
so richtig auszuschlafen.
An diesem Tag lag eine angenehm erwartungsvolle Stimmung in der
Luft. Im Unterricht passte niemand so recht auf, vielmehr waren alle
gespannt auf die abendliche Ankunft der Delegationen aus Beauxbatons
und Durm -strang; selbst Zaubertränke war erträglicher als sonst, denn
der Unterricht war eine halbe Stunde kürzer. Als es dann früh läutete,

rannten Harry, Ron und Hermine nach oben in den Gryffindor-Turm,
legten ihre Taschen und Bücher ab, wie man sie geheißen hatte, zogen
ihre warmen Umhänge an und eilten dann wieder hinunter in die
Eingangshalle.
Die Hauslehrer wiesen ihre Schüler an, sich in Reihen aufzustellen.
»Weasley, richten Sie Ihren Hut gerade«, herrschte Professor
McGonagall Ron an. »Miss Patil, nehmen Sie dieses lächerliche Ding da
aus den Haaren.«
Parvati sah sie finster an und zog eine große Schmetterlingsspange von
ihrer Zopfspitze.
»Folgen Sie mir, bitte«, sagte Professor McGonagall, »die Erstklässler
vornean ... und kein Gedrängel ...«
Sie gingen im Gänsemarsch die Vortreppe hinunter und reihten sich vor
dem Schloss auf. Es war ein kalter, klarer Abend; die Dämmerung brach
an und der Mond, blass und durchsichtig wirkend, war bereits über dem
Verbotenen Wald aufgegangen. Harry, der zwischen Ron und Hermine
in der vierten Reihe stand, sah, wie es Dennis Creevey vorn bei den
Erstklässlern vor gespannter Erwartung geradezu schüttelte.
»Fast sechs«, sagte Ron mit einem Blick auf seine Uhr und spähte dann
ungeduldig die Auffahrt hinunter, die nach vorn zum Schlosstor führte.
»Wie, glaubst du, werden sie kommen? Mit dem Zug? « »Wohl kaum«,
sagte Hermine.
»Wie dann? Auf Besen?«, überlegte Harry und blickte hoch zum
sternbedeckten Himmel.
»Glaub ich auch nicht ... wenn sie von so weit her kommen ...«
»Mit einem Portschlüssel?«, rätselte Ron. »Oder sie könnten apparieren
– «
»Du k annst nicht aufs Gelände von Hogwarts apparieren, wie oft soll ich
dir das noch sagen?«, flüsterte Hermine unwirsch.
Aufgeregt suchten sie die Ländereien des Schlosses ab, über die jetzt die
Nacht hereinbrach, doch nichts rührte sich; alles war friedlich, still und
eigentlich wie immer. Harry wurde allmählich kalt. Wenn sie sich nur
beeilen würden ... vielleicht bereiteten die ausländischen Schüler einen
dramatischen Auftritt vor ... ihm fiel ein, was Mr Weasley im Zeltlager
vor der Quidditch -Weltmeistersch aft gesagt hatte – »Immer dasselbe, wir
können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir

zusammenkommen ...«
Und dann rief Dumbledore aus der hinteren Reihe, wo er mit den
anderen Lehrern stand – »Aha! Wenn ich mich nicht sehr täusche, nähert
sich die Delegation aus Beauxbatons!«
»Dort!«, schrie ein Sechstklässler und deutete hinüber zum Wald.
Etwas Großes, viel größer als ein Besen – oder auch hundert Besen - ,
kam in sanften Wellen über den tiefblauen Himmel auf das Schloss
zugeflogen.
»Ein D rache!«, kreischte eine Fünftklässlerin und geriet völlig aus dem
Häuschen.
»Blödsinn ... es ist ein fliegendes Haus!«, sagte Dennis Creevey.
Dennis war mit seiner Vermutung schon näher dran ... Als die
gigantische schwarze Gestalt über die Baumspitzen des Verbotenen
Waldes strich und ins Licht der Schlossfenster glitt, sahen sie, dass es
eine riesige graublaue Kutsche war, groß wie ein stattliches Haus, die auf
sie zurauschte, durch die Lüfte gezogen von einem Dutzend geflügelter
Pferde, allesamt Palominos , jedoch so groß wie Elefanten.
Die ersten drei Schülerreihen wichen zurück, als die Kutsche sich neigte
und mit ungeheurer Geschwindigkeit zum Landen ansetzte – dann, mit
einem alles erschütternden Krachen, das Neville rückwärts auf den Fuß
eines SlytherinFünftklässlers springen ließ, schlugen die Pferdehufe auf
festem Grund auf. Eine Sekunde später landete auch die Kutsche und
federte auf ihren riesigen Rädern auf und ab, während die goldenen
Pferde ihre riesigen Köpfe zurückwarfen und mit ihren großen feuerroten
Augen rollten.
Harry konnte gerade noch erkennen, dass auf der Kutschentür ein
Wappen prangte (zwei gekreuzte goldene Zauberstäbe, aus denen jeweils
drei Funken stoben), als auch schon die Tür aufging.
Ein Junge in blassblauem Umhang sprang aus de r Kutsche, bückte sich,
machte sich einen Moment lang auf dem Kutschboden zu schaffen, zog
dann eine ausklappbare goldene Treppe heraus und sprang respektvoll
einen Schritt zurück. Harry sah einen hochhackigen, schimmernd
schwarzen Schuh aus der Kutsche au ftauchen – ein Schuh von der Größe
eines Kinderschlittens - , dem sogleich die größte Frau folgte, die er je
gesehen hatte. Das erklärte natürlich die Größe der Kutsche und der
Pferde. Einigen Umstehenden stockte der Atem.

Harry hatte bisher nur einen Menschen gesehen, der so groß war wie
diese Frau, und das war Hagrid; er war sich nicht sicher, ob Hagrid auch
nur um einen Zentimeter größer war. Doch irgendwie – vielleicht nur,
weil er an Hagrid gewöhnt war – schien diese Frau (die sich jetzt am Fuß
der Trep pe zu der mit aufgerissenen Augen wartenden Menge umsah)
von noch unnatürlicherer Größe zu sein. Als sie in das Licht trat, das aus
der Eingangshalle flutete, zeigte sich, dass sie ein hübsches, olivfarbenes
Gesicht hatte, große, schwarze, feucht schimmern de Augen und eine
schnabelähnliche Nase. Ihr Haar war im Nacken zu einem glänzenden
Knoten zusammengebunden. Sie war von Kopf bis Fuß in schwarzen
Satin gekleidet und an Hals und Händen glitzerten viel prächtige Opale.
Dumbledore fing an zu klatschen; ihm folgend brachen auch die Schüler
in Applaus aus, und viele stellten sich auf die Zehenspitzen, um diese
Frau besser sehen zu können.
Die Anspannung in ihrem Gesicht wich einem dankbaren Lächeln und
sie schritt auf Dumbledore zu und streckte ihm ihre funkelnde Hand
entgegen. Dumbledore, der selbst nicht gerade klein war, musste sich ein
wenig recken, um sie zu küssen.
»Meine liebe Madame Maxime«, sagte er. »Willkommen in Hogwarts.«
»Dumbly -dorr«, sagte Madame Maxime mit tiefer Stimme. » Isch 'offe,
Sie befinden sisch wohl?«
»In exzellenter Verfassung, danke, Madame«, sagte Dumbledore.
»Meine Schüler«, sagte Madame Maxime und wies mit ihrer riesigen
Hand lässig nach hinten.
Harry, der wie gebannt auf Madame Maxime gestarrt hatte, sah jetzt,
dass etwa ein Dutzend Jungen und Mädchen – offenbar alle ältere
Teenager – aus der Kutsche geklettert waren und sich nun hinter
Madame Maxime aufstellten. Sie bibberten, was angesichts ihrer
feinseidenen Umhänge nicht überraschte. Einen Reiseumhang trug
keiner von ihnen, ein paar jedoch hatten Tücher und Schals um die
Köpfe geschlungen. Nach dem, was Harry von ihren Gesichtern
erkennen konnte (sie standen im mächtigen Schatten Madame Maximes),
sahen sie mit bangem Blick hinauf nach Hogwarts.
»Ist Karkarof f schon angekommen?«, fragte Madame Maxime.
»Er sollte jeden Moment eintreffen«, sagte Dumbledore. »Möchten Sie
vielleicht hier warten und ihn begrüßen oder würden Sie lieber

hineingehen und sich ein wenig aufwärmen?«
»Aufwärmen, würde isch sagen«, sagte M adame Maxime. »Aber die
'ferde –«
»Unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe wird sich mit
Vergnügen um sie kümmern«, sagte Dumbledore, »sobald er sich von
einem kleinen Notfall lösen kann, der sich bei einem seiner – ähm –
anderen Schützlinge einges tellt hat.«
»Kröter«, murmelte Ron Harry ins Ohr und fing an zu grinsen.
»Meine Rosse verlangen – ahm – eine 'arte 'and«, sagte Madame
Maxime mit einer Miene, als bezweifelte sie, dass der zuständige Lehrer
in Hogwarts der richtige Mann dafür sei. »Sie sin d serr stark ...«
»Ich versichere Ihnen, dass Hagrid dieser Aufgabe vollkommen
gewachsen ist«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Serr gutt«, sagte Madame Maxime mit einer leichten Verbeugung,
»würden Sie bitte diesem 'Agrid mitteilen, dass die 'ferde nur Single
Malt Whisky saufen?«
»Dafür wird selbstverständlich gesorgt, Madame«, sagte Dumbledore
ebenfalls mit einer Verbeugung.
»Kommt«, sagte Madame Maxime gebieterisch zu ihren Schülern, und
das versammelte Hogwarts teilte sich, um ihr und ihrem Gefolge einen
Weg die steinerne Treppe hinauf zu öffnen.
»Wie groß, glaubt ihr, werden die Pferde von Durmstrang sein?«, sagte
Seamus Finnigan, der sich um Lavender und Parvati herumbeugte und
Harry und Ron ansah.
»Tja, wenn sie noch größer sind als die hier, kann selbst Hagrid sie nicht
mehr im Zaum halten«, sagte Harry. »Womöglich haben ihn die Kröter
inzwischen schon verspeist. Was dahinten wohl los ist?«
»Vielleicht sind sie abgehauen«, sagte Ron hoffnungsvoll.
»Sag bloß nicht so was«, sagte Hermine schaudernd. »Stell d ir vor,
dieses Gekröse krabbelt auf den Ländereien rum ...«
Sie standen jetzt bibbernd da und warteten auf die Ankunft der Schüler
aus Durmstrang. Die meisten ließen die Blicke hoffnungsvoll über den
Himmel schweifen. Ein paar Minuten lang wurde die Stille nur durch das
Schnauben und Stampfen von Madame Maximes Pferden unterbrochen.
Doch dann – »Kannst du was hören?«, sagte Ron plötzlich.
Harry lauschte; ein lautes, ganz und gar unvertrautes, schauriges

Geräusch kam aus der Dunkelheit; ein gedämpftes Pochen und ein
Saugen, als ob ein riesiger Staubsauger ein Flussbett entlangrauschte ...
»Der See!«, rief Lee Jordan und deutete hinüber aufs Wasser. »Seht euch
den See an!«
Dort, wo sie standen, oben auf der begrünten Anhöhe mit Blick über die
Ländereien, konnt en sie die glatte schwarze Wasseroberfläche gut sehen
– nur dass diese Oberfläche plötzlich nicht mehr glatt war. Tief unten in
der Mitte des Sees musste sich etwas regen; große Blaseri drangen nach
oben, Wellen spülten über die sumpfigen Uferbänke – und dann bildete
sich mitten im See ein gewaltiger Strudel, als wäre soeben ein riesiger
Stöpsel aus dem Seegrund gezogen worden ...
Etwas wie ein langer schwarzer Pfahl begann nun langsam aus dem
Herzen des Strudels emporzusteigen ... und dann sah Harry die Takelage
... »Es ist ein Mast!«, sagte er zu Ron und Hermine.
Langsam und majestätisch erhob sich das Schiff aus dem Wasser und
schimmerte im Mondlicht. Es hatte etwas merkwürdig Gerippehaftes an
sich, als wäre es ein geborgenes Wrack, und die trüben,
versch wommenen Lichter, die aus seinen Bullaugen schimmerten, sahen
aus wie Geisteraugen.
Endlich, mit einem gewaltigen Schmatzen und Schwappen, tauchte das
Schiff zur Gänze auf, tänzelte über das aufgewühlte Wasser und glitt auf
das Ufer zu. Nun gingen Leute vo n Bord; ihre Umrisse waren vor den
Lichtern der Bullaugen zu sehen. Sie alle, fiel Harry auf, schienen
ungefähr die Statur von Crabbe und Goyle zu haben ... doch dann, als sie
den Hang herauf näher kamen und das Licht der Eingangshalle auf sie
fiel, sah er , dass ihre Gestalten deshalb so massig wirkten, weil sie
Mäntel aus einer Art zottigem, verfilztem Pelz trugen. Doch der Mann,
der sie hoch zum Schloss führte, trug einen ganz anderen Pelz: seidig
und glänzend wie sein Haar.
»Dumbledore!«, rief er mit Inb runst, als er die Anhöhe erreicht hatte,
»wie geht's Ihnen, altes Haus, wie geht's?«
»Glänzend, danke, Professor Karkaroff«, erwiderte Dumbledore.
Karkaroff hatte eine sonore, ölige Stimme; als er in das Licht trat, das
aus dem Schlossportal fiel, sahen sie, dass er groß und schlank war wie
Dumbledore, doch sein weißes Haar war kurz und sein Spitzbart (der in
einem kleinen Ge -kräusel endete) konnte sein fliehendes Kinn nicht ganz

verbergen. Er ging auf Dumbledore zu und streckte ihm beide Hände
entgegen.
»D as gute alte Hogwarts«, sagte er und sah lächelnd hoch zum Schloss;
seine Zähne waren ziemlich gelb und Harry fiel auf, dass sein Lächeln
sich nicht auf seine Augen erstreckte, deren Blick kalt und scharf blieb.
»Wie schön, wieder hier zu sein, wie schön . .. Viktor, komm rein in die
Wärme ... Sie haben nichts dagegen, Dumbledore? Viktor hat einen
leichten Schnupfen ...«
Karkaroff winkte einem seiner Schüler. Als der Junge vorbeiging,
erhaschte Harry einen Blick auf eine markante Adlernase und dichte
schwarze Brauen. Er brauchte nicht erst Ron, der ihm einen Schlag auf
den Arm versetzte, oder das Zischen in seinem Ohr, um dieses Profil zu
erkennen.
»Harry – das ist Krum!«

Der Feuerkelch


»Nicht zu fassen!«, sagte Ron völlig entgeistert. Sie reihten sich jetzt mit
den anderen Hogwarts -Schülern hinter den Durmstrangs ein und folgten
ihnen die Treppe hoch zum If Schloss. »Krum, Harry! Viktor Krum!«
»Um Himmels willen, Ron, er ist doch nur ein Quidd itch-Spieler«, sagte
Hermine.
»Nur ein Quidditch -Spieler?« Ron sah sie an, als hätte er sich verhört.
»Hermine – er ist einer der besten Sucher der Welt! Ich hatte keine
Ahnung, dass er noch zur Schule geht!«
Auf dem Weg durch die Eingangshalle hinüber zur Großen Halle sah
Harry, wie Lee Jordan immer wieder in die Luft sprang, um wenigstens
einen Blick auf Viktor Krum zu erhäschen. Einige Mädchen aus der
sechsten Klasse stöberten unterdessen hektisch in ihren Taschen – »O
nein, bin ich bescheuert, ich hab n icht mal 'ne Feder mit ...« – »Glaubst
du, er schreibt mir mit Lippenstift ein Autogramm auf den Hut?«
»Also wirklich«, sagte Hermine naserümpfend, als sie an den Mädchen
vorbeigingen, die sich jetzt wegen des Lippenstifts kabbelten.
»Ich jedenfalls hol mi r auch ein Autogramm, wenn's geht«, sagte Ron,
»du hast nicht zufällig 'ne Feder dabei, Harry?«
»Nö, die sind oben in meiner Tasche«, erwiderte Harry.
Sie gingen hinüber zum Gryffindor -Tisch. Ron setzte sich mit Bedacht
so hin, dass er den Eingang im Auge behalten konnte, da Krum und seine
Mitschüler aus Durmstrang immer noch an der Tür standen, offenbar
nicht sicher, wo sie Platz nehmen sollten. Die Schüler aus Beauxbatons
hatten sich an den Ravenclaw- Tisch gesetzt und sahen sich verdrießlich
in der Großen Halle um. Drei von ihnen hatten auch jetzt noch Schals
und Tücher um die Köpfe geschlungen.
»So kalt ist es doch auch wieder nicht«, sagte Hermine und warf ihnen
einen gereizten Blick zu. »Warum haben sie keine dicken Umhänge
mitgebracht?«
»Hierher! Kommt und setzt euch hierher!«, zischte Ron. »Hierher!
Hermine, rück auf und mach Platz –«
»Was?«
»Zu spät«, sagte Ron enttäuscht.

Viktor Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang hatten sich am
Slytherin-Tisch niedergelassen. Harry sah Malfoy, Crabbe und Goyle in
die Runde feixen. Jetzt beugte sich Malfoy vor und sprach Krum an.
»Jaah, recht so, schleim dich nur bei ihm ein, Malfoy«, höhnte Ron.
»Aber ich wette, Krum durchschaut ihn sofort ... der hat doch ständig
Leute, die um ihn rumscharwenzeln ... wo, glaubs t du, schlafen die
eigentlich? Wir könnten ihm einen Platz in unserem Schlafsaal anbieten,
Harry ... mir würd's nichts ausmachen, ihm mein Bett zu geben, ich
könnte auf einem Feldbett pennen.«
Hermine schnaubte.
»Sie sehen um einiges glücklicher aus als die anderen aus Beauxbatons«,
sagte Harry.
Die Durmstrangs zogen ihre schweren Pelze aus und sahen mit
interessierten Mienen zum Sternengewölbe hoch; einige nahmen die
goldenen Teller und Schalen in die Hände und musterten sie offenbar
recht beeindruckt.
Oben am Lehrertisch trug Filch, der Hausmeister, zusätzliche Stühle
herbei. Zu dieser festlichen Gelegenheit trug er seinen muffigen alten
Frack. Überrascht stellte Harry fest, dass er vier Stühle dazustellte, je
zwei zur Linken und zur Rechten Dumbledores.
» Aber es sind doch nur zwei Leute dazugekommen«, sagte Harry.
»Warum bringt Filch dann vier Stühle? Wer kommt denn noch?«
»Hmh?«, mummelte Ron. Noch immer starrte er voll Begeisterung auf
Krum.
Als alle Schüler hereingekommen waren und ihre Plätze gefunden
hatten, traten die Lehrer ein, gingen in einer Reihe hoch zu ihrem Tisch
und setzten sich. Den Schluss bildeten Professor Dumbledore, Professor
Karkaroff und Madame Maxime. Die Gäste aus Beauxbatons sprangen
auf, sobald sie ihre Schulleiterin sahen. Einige Hogwarts -Schüler
lachten. Den Beauxbatons schien es jedoch keineswegs peinlich, und sie
nahmen ihre Plätze erst wieder ein, als sich Madame Maxime links von
Dumbledore niedergelassen hatte. Dumbledore jedoch blieb stehen und
die Große Halle v erstummte.
»Guten Abend, meine Damen und Herren, Geister und - vor allem –
Gäste«, sagte Dumbledore, sah in die Runde und strahlte die
ausländischen Schüler an. »Ich habe das große Vergnügen, Sie alle in

Hogwarts willkommen zu heißen. Ich bin sicher, dass Sie eine
angenehme und vergnügliche Zeit an unserer Schule verbringen
werden.«
Eines der Mädchen aus Beauxbatons, das immer noch einen Schal um
den Kopf geschlungen hatte, lachte unverhohlen spöttisch.
»Keiner zwingt dich, hier zu sein!«, zischelte Hermine und warf ihr
einen zornfunkelnden Blick zu.
»Das Turnier wird nach dem Festessen offiziell eröffnet«, sagte
Dumbledore. »Nun lade ich alle ein, zu essen, zu trinken und sich wie zu
Hause zu fühlen!« Er setzte sich, und Harry sah, wie Karkaroff sich
sofort zu ihm neigte und ihn in ein Gespräch verwickelte.
Die Schüsseln und Teller vor ihnen füllten sich wie immer mit Speisen.
Die Hauselfen in der Küche schienen alle Register ihres Könnens
gezogen zu haben; noch nie hatte Harry so viele verschiedene Gerichte
vor sich gesehen, darunter auch einige, die ganz eindeutig aus fremden
Ländern stammten.
»Was ist das denn?«, sagte Ron und deutete auf eine große Schüssel mit
einer Art Muscheleintopf, die neben einer mächtigen
Beefsteak -und- Nieren -Pastete stand.
»Bouillabaisse«, sagte Hermine.
»Wenn wir dich nicht hätten«, sagte Ron.
»Es ist ein französisches Gericht«, sagte Hermine. »Ich hab es vorletzten
Sommer in den Ferien gegessen, schmeckt ganz gut.«
»Das glaub ich dir aufs Wort«, sagte Ron und tat sich eine Portion
Blutwurst auf.
In der Großen Halle schien viel mehr los zu sein als sonst, obwohl kaum
zwanzig Gastschüler hier waren; vielleicht entstand der Eindruck, weil
ihre farbigen Schuluniformen sich so auffällig von den schwarzen
Umhängen der Hogwarts -Schüler un terschieden. Nun, da die
Durmstrangs ihre Pelze abgelegt hatten, zeigte sich, dass sie Umhänge in
sattem Blutrot trugen.
Hagrid kam zwanzig Minuten nach Beginn des Festessens durch eine
Tür hinter dem Lehrertisch gehuscht. Er glitt auf einen Platz am Ende
der Tafel und winkte Harry, Ron und Hermine mit einer dick
bandagierten Hand zu.
»Die Kröter gedeihen, Hagrid?«, rief Harry.

»Prächtig«, erwiderte Hagrid glücklich.
»Tja, da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron leise. »Sieht ganz so
aus, als hätten sie endlich rausgefunden, was sie fressen mögen. Hagrids
Finger.«
In diesem Augenblick sagte eine Stimme: »Versei'ung, möchten Sie
noch von dieser Bouillabaisse essen?«
Es war das Mädchen von Beauxbatons, das während Dumbledores Rede
gelacht hatte. Sie hatte n un doch ihren Schal abgelegt. Ihr langer, silbrig
blonder Haarschopf fiel ihr fast bis zur Taille. Sie hatte große,
dunkelblaue Augen und ebenmäßige, makellos weiße Zähne.
Ron lief purpurrot an. Er starrte zu ihr hoch, öffnete den Mund, um zu
antworten, do ch er brachte nur ein schwächliches Gegurgel heraus.
»Nein, bitte sehr«, sagte Harry und schob dem Mädchen die Schüssel
hin.
»Sie sind damit fertig?«
»Jaah«, hauchte Ron. »Jaah, wirklich ganz hervorragend.«
Sie nahm die Schüssel und trug sie umsichtig hinü ber zum
Ravenclaw- Tisch. Ron glotzte dem Mädchen nach, als hätte er noch nie
eines gesehen. Harry fing an zu lachen, was Ron offenbar zur Besinnung
brachte.
»Sie ist eine Veela!«, stieß er mit heiserer Stimme hervor.
»Natürlich nicht!«, sagte Hermine bissig. »Ich seh sonst keinen, der sie
wie ein Idiot anglubscht!«
Doch damit hatte sie nicht ganz Recht. Als das Mädchen die Halle
durchquerte, wandten sich viele Jungenköpfe nach ihr um, und einigen
schien es ganz wie Ron die Sprache zu verschlagen.
»Ich sag euch, das ist kein normales Mädchen!«, sagte Run und lehnte
sich zur Seite, damit er sie im Blick behalten konnte. »So was findest du
in Hogwarts nicht!«
»Findest du wohl«, sagte Harry unwillkürlich. Zufällig saß Cho Chang
nur ein paar Plätze von dem Mädche n mit dem Silberhaar entfernt.
»Wenn ihr beide eure Augen wieder eingesetzt habt«, sagte Hermine
schroff, »dann schaut mal, wer gerade gekommen ist.«
Sie deutete hoch zum Lehrertisch. Die beiden vorhin noch leeren Plätze
waren nun besetzt. Zur anderen Seite von Professor Karkaroff saß Ludo
Bagman und neben Madame Maxime saß Percys Chef, Mr Crouch.

»Was tun die denn hier?«, fragte Harry überrascht.
»Sie haben doch das Trimagische Turnier organisiert«, sagte Hermine.
»Ic h vermute mal, sie wollten bei der Eröffnung dabei sein.«
Der Nachtisch kam, und auch hier waren, wie ihnen auffiel, eine Reihe
unbekannter Speisen dabei. Ron nahm eine Art blassweißen Käse näher
in Augenschein, dann schob er ihn ein wenig zur Seite, damit er vom
Ravenclaw- Tisch aus gut zu sehen war. Das Mädchen, das wie eine
Veela aussah, schien jedoch genug gegessen zu haben und kam nicht
herüber, um den Nachtisch zu holen.
Sobald die goldenen Teller leer geputzt waren, erhob sich Dumbledore
von neuem. Di e Halle war nun von angenehmer Spannung erfüllt. Harry
fragte sich, was wohl kommen würde, und spürte ein leises,
erwartungsvolles Kribbeln. Weiter unten am Tisch beugten sich Fred und
George vor und spähten mit größter Konzentration zu Dumbledore
hinüber.
»Der Augenblick ist gekommen«, sagte Dumbledore und lächelte in das
Meer der ihm zugewandten Gesichter. »Das Trimagische Turnier kann
nun beginnen. Ich möchte einige erläuternde Worte sagen, bevor wir die
Truhe hereinbringen – «
»Die was?«, murmelte Harry.
Ron zuckte die Achseln.
» - nur um unser diesjähriges Verfahren zu erklären. Doch jenen, die sie
noch nicht kennen, möchte ich zunächst Mr Bartemius Crouch
vorstellen, Leiter der Abteilung für Internationale Magische
Zusammenarbeit« – hier und da hob sich ein Händepaar zu höflichem
Applaus – »und Mr Ludo Bagman, den Leiter der Abteilung für
Magische Spiele und Sportarten.«
Für Bagman gab es deutlich mehr Beifall als für Crouch, vielleicht weil
er als Quidditch -Treiber berühmt war oder einfach deshalb, weil er so
viel sympathischer wirkte. Er bedankte sich mit freundlichem Winken.
Bartemius Crouch jedoch lächelte nicht, noch hob er die Hand, als er
vorgestellt wurde. Harry, der ihn in seinem tadellosen Anzug von der
Quidditch -Weltmeisterschaft her in Erinneru ng hatte, fand, dass ihm ein
Zaubererumhang nicht so richtig stand. Sein Oberlippenbärtchen und der
strenge Scheitel wirkten neben Dumbledores langem weißem Haar und
Bart ganz unpassend.

»Mr Bagman und Mr Crouch haben in den vergangenen Monaten
unermüdlich für die Vorbereitung des Trimagi -schen Turniers
gearbeitet«, fuhr Dumbledore fort, »und sie werden neben mir, Professor
Karkaroff und Madame Maxime die Jury bilden, die über die Leistungen
der Champions befindet.«
Bei der Erwähnung der Champions schien da s Publikum plötzlich
aufzumerken.
Dumbledore war offenbar nicht entgangen, dass mit einem Schlag Stille
eingetreten war, denn mit einem Lächeln sagte er: »Wenn ich bitten darf,
Mr Filch, die Truhe.«
Filch, der bisher in einer dunklen Ecke der Halle herumgestanden hatte,
trat auf Dumbledore zu, in den Händen eine große, mit Juwelen besetzte
Holztruhe. Sie wirkte ungeheuer alt. Die Schüler begannen aufgeregt und
neugierig zu murmeln und zu tuscheln; Dennis Creevey stellte sich
tatsächlich auf seinen Stuhl, um alles sehen zu können, doch da er so
klein war, ragte sein Kopf kaum über die der anderen hinaus.
»Mr Crouch und Mr Bagman haben die Aufgaben, die die Champions
dieses Jahr lösen müssen, bereits geprüft«, sagte Dumbledore, während
Filch die Truhe vorsichtig auf den Tisch stellte, »und sie haben die
notwendigen Vorbereitungen für diese Herausforderungen getroffen. Wir
haben drei Aufgaben über das ganze Schuljahr verteilt, die das Können
der Champions auf unterschiedliche Weise auf die Probe stellen ... ihr
magisches Können – ihre Kühnheit – ihre Fähigkeit zum logischen
Denken – und natürlich ihre Gewandtheit im Umgang mit Gefahren.«
Bei den letzten Worten legte sich wieder Stille über die Halle, so
vollkommen, als würden alle auf einmal den Atem anhalten.
»W ie ihr wisst, kämpfen im Turnier drei Champions gegeneinander«,
fuhr Dumbledore gelassen fort, »von jeder teilnehmenden Schule einer.
Wir werden benoten, wie gut sie die einzelnen Aufgaben lösen, und der
Champion mit der höchsten Punktzahl nach drei Aufgab en gewinnt den
Trimagischen Pokal. Ein unparteiischer Richter wird die Champions
auswählen ... der Feuerkelch.«
Dumbledore zog seinen Zauberstab und schlug dreimal sachte auf den
Deckel der Truhe. Langsam und knarrend öffnete er sich. Dumbledore
steckte die Hand hinein und zog einen großen, grob geschnitzten
Holzkelch heraus. Er selbst war nicht weiter bemerkenswert, doch er war

bis an den Rand gefüllt mit tänzelnden blauweißen Flammen.
Dumbledore schloss die Truhe und stellte den Kelch vorsichtig auf den
Deckel, wo ihn alle sehen konnten.
»Jeder, der sich als Champion bewerben will, muss seinen Namen und
seine Schule in klarer Schrift auf einen Pergamentzettel schreiben und
ihn in den Kelch werfen«, sagte Dumbledore. »Wer mitmachen will, hat
vierundzwanzig Stunden Zeit, um seinen Namen einzuwerfen. Morgen
Nacht, an Halloween, wird der Kelch die Namen jener drei preisgeben,
die nach seinem Urteil die würdigsten Vertreter ihrer Schulen sind. Der
Kelch wird noch heute Abend in der Eingangshalle aufgestellt, wo er für
alle, die teilnehmen wollen, frei zugänglich ist.
Um sicherzustellen, dass keine minderjährigen Schüler der Versuchung
erliegen«, ergänzte Dumbledore, »werde ich eine Alterslinie um den
Feuerkelch ziehen, sobald er in der Eingangshalle aufgestellt ist.
Niemand unter siebzehn wird diese Linie überschreiten können.
Schließlich möchte ich allen, die teilnehmen wollen, eindringlich nahe
legen, mit ihrer Entscheidung nicht leichtfertig umzugehen. Sobald der
Feuerkelch einen Champion bestimmt hat, wird er oder sie das Turnier
bis zum Ende durchstehen müssen. Wenn ihr euren Namen in den Kelch
werft, schließt ihr einen bindenden magischen Vertrag. Wenn ihr einmal
Champion seid, könnt ihr euch nicht plötzlich anders besinnen. Überlegt
daher genau, ob ihr von ganzem Herzen zum Spiel bereit seid, bevor ihr
euren Zettel in den Kelch werft. Nun, denke ich, ist es Zeit schlafen zu
gehen. Gute Nacht euch allen.«
»Eine Alterslinie!«, sagte Fred Weasley mit glänzenden Augen, während
sie die Halle in Richtung Tür durchq uerten. »Die kann man doch sicher
mit einem Alterungstrank austricksen? Und wenn dein Name einmal in
diesem Kelch ist, hast du gut lachen – er kann doch nicht wissen, ob wir
siebzehn sind oder nicht!«
»Aber ich glaube nicht, dass jemand unter siebzehn eine Chance hat«,
sagte Hermine, »wir haben einfach noch nicht genug gelernt ...«
»Du kannst nur von dir reden«, sagte George unwirsch. »Aber du, Harry,
du probierst es doch sicher?«
Harry dachte kurz an Dumbledores Mahnung, niemand unter siebzehn
dürfe seinen Namen einwerfen, doch dann überkam ihn erneut die
herrliche Vorstellung, er selbst würde das Trimagische Turnier gewinnen

... er fragte sich, wie sauer Dumbledore sein würde, wennjemand unter
siebzehn tatsächlich eine Möglichkeit fand, über die Alterslinie zu
kommen ...
»Wo ist er?«, sagte Ron, der bisher kein Wort mitbekommen hatte, weil
er andauernd nach Krum Ausschau gehalten hatte. »Dumbledore hat
nicht gesagt, wo die Durmstrangs schlafen, oder?«
Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich wa rten. Als sie am
Tisch der Slytherins vorbeigingen, kam Karkaroff gerade zu seinen
Schülern herübergehastet.
»Zurück zum Schiff, Leute«, sagte er. »Viktor, wie fühlst du dich? Hast
du genug gegessen? Soll ich dir ein Glas Glühwein aus der Kü che
bringen lassen?«
Harry sah, wie Krum den Kopf schüttelte, während er sich den Pelz
überzog.
»Professor, ich hätte gerrn etwas Vein«, sagte ein anderer
Durmstrang -Junge hoffnungsvoll.
»Dich habe ich nicht gefragt, Poliakoff«, herrschte ihn Karkaroff an, und
von seiner warmen väterlichen Art war plötzlich nichts mehr zu spüren.
»Ich sehe, du hast wieder deinen ganzen Umhang mit Essen bekleckert,
das ist ja widerlich – «
Karkaroff wandte sich um, ging seinen Schülern voran zur Tür und
erreichte sie genau im selben Moment wie Harry, Ron und Hermine.
Harry blieb stehen, um ihm den Vortritt zu lassen.
»Danke«, sagte Karkaroff gleichgültig und warf ihm im Vorbeirauschen
einen Blick zu.
Und dann erstarrte Karkaroff. Er wandte sich zu Harry um und sah ihn
an, als würde er seinen Augen nicht trauen. Hinter ihrem Direktor
stauten sich die Schüler aus Durmstrang. Karkaroffs Blick wanderte
langsam hoch zu Harrys Stirn und blieb an seiner Narbe hängen. Auch
die Durmstrangs musterten Harry neugierig. Aus den Augenwinkeln
nahm Harry wahr, wie es einigen von ihnen allmählich dämmerte. Der
Junge mit der bekleckerten Robe kniff dem Mädchen neben ihm in den
Arm und deutete unverhohlen auf Harrys Stirn.
»Ja, das ist Harry Potter«, knurrte eine Stimme hinter ihnen.
Professor Kar karoff wirbelte herum. Hinter ihm stand MadEye Moody,
schwer auf seinen Stock gestützt; sein magisches Auge starrte den

Durmstrang-Direktor finster und unverwandt an.
Harry sah, wie die Farbe aus Karkaroffs Gesicht wich und es zu einer
zorn - und angsterfül lten Grimasse wurde.
»Sie!«, sagte er und starrte Moody an, als wäre er nicht sicher, ihn
wirklich zu sehen.
»Ich«, sagte Moody grimmig. »Und wenn Sie Potter nichts zu sagen
haben, Karkaroff, dann gehen Sie bitte schön weiter. Sie blockieren die
Tür.«
Das stimmte; die halbe Halle wartete schon hinter ihnen und die Schüler
lugten auf Zehenspitzen stehend zur Tür, um den Grund für den Stau
auszumachen.
Ohne ein weiteres Wort winkte Professor Karkaroff seinen Schülern und
führte sie davon. Moody sah ihm nach, das magische Auge unbewegt auf
seinen Rücken gerichtet und mit einem Ausdruck lodernden Abscheus
auf dem entstellten Gesicht.
Da der nächste Tag ein Samstag war, gingen die meisten Schüler spät
zum Frühstück. Harry, Ron und Hermine jedoch waren nicht die
E inzigen, die früher als sonst am Wochenende aufstanden. Als sie in die
Eingangshalle hinunterkamen, sahen sie etwa zwanzig ihrer Mitschüler,
einige noch an ihrem Toast kauend, im Kreis um den Feuerkelch
herumstehen. Er war in der Mitte der Halle aufgestellt, auf dem Stuhl,
der sonst immer den Sprechenden Hut trug. Auf dem Boden zog sich
eine schmale goldene Linie in gut drei Meter Abstand um den Kelch
herum.
»Hat schon jemand seinen Namenszettel eingeworfen?«, fragte Ron
neugierig ein Mädchen aus der dritte n Klasse.
»Der ganze Haufen aus Durmstrang«, erwiderte sie. »Aber aus Hogwarts
hab ich noch keinen gesehen.«
»Ich wette, ein paar von uns haben ihre Zettel letzte Nacht eingeworfen,
als wir alle schon im Bett waren«, sagte Harry. »Jedenfalls hätte ich es
s o gemacht ... hätte keine Lust darauf gehabt, dass alle zusehen. Was
wäre zum Beispiel, wenn der Kelch dich gleich wieder ausspucken
würde?«
Hinter ihm hörte er Gelächter. Er wandte sich um und sah Fred, George
und Lee Jordan die Treppe herunterstürmen, al le drei offenbar in größter
Aufregung.

»Das war's«, flüsterte Fred mit Siegermiene Harry, Ron und Hermine zu.
»Wir haben ihn geschluckt.«
»Wen denn?«, fragte Ron.
»Den Alterungstrank, ihr Dumpfbeutel«, sagte Fred.
»Jeder einen Tropfen«, sagte George und rieb sich feixend die Hände.
»Wir müssen ja nur ein paar Monate älter werden.«
»Wenn einer von uns gewinnt, teilen wir die tausend Galleonen
zwischen uns auf«, sagte Lee mit breitem Grinsen.
»Ich an eurer Stelle wär mir nicht so sicher, dass es klappt«, warn te
Hermine. »Dumbledore hat das sicher schon bedacht.«
Fred, George und Lee würdigten sie keines Blickes.
»Fertig?«, sagte Fred zitternd vor Aufregung zu den anderen beiden.
»Also dann – ich geh voraus – «
Harry sah gespannt zu, wie Fred einen Pergamentfetzen aus der Tasche
zog, auf dem »Fred Weasley – Hogwarts« stand. Er trat genau bis an die
Linie und stand da wie ein Taucher, der zu einem Sprung aus zwanzig
Meter Höhe ansetzt. Dann, aller Augen in der Halle auf sich gerichtet,
holte er tief Luft und trat über die Linie.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, Fred hätte es geschafft –
George jedenfalls war sich dessen sicher, denn mit einem Triumphschrei
sprang er Fred nach - , doch schon war ein lautes Zischen zu hören, und
die Zwillinge flogen aus d em goldenen Kreis, als wären sie von einem
unsichtbaren Kugelstoßer hinausgeschleudert worden. Sie schlugen
schwer auf dem kalten Steinboden auf, vier Meter vom Kreis entfernt,
und um alles noch schlimmer zu machen, ertönte ein lauter Knall und
aus den Ges ichtern der beiden sprossen lange, weiße und vollkommen
gleich aussehende Barte.
Ihre Mitschüler brüllten vor Lachen, und selbst Fred und George
stimmten mit ein, sobald sie sich aufgerappelt und ihre Barte ausgiebig
begutachtet hatten.
» Ich habe euch gewarnt«, sagte eine tiefe, vergnügte Stimme, und alle
wandten sich zu Professor Dumbledore um, der aus der Großen Halle
kam. Er musterte Fred und George augenzwinkernd. »Ich schlage vor,
ihr beide geht hoch zu Madam Pomfrey. Sie kümmert sich bereits um
Miss Fawcett von Ravenclaw und Mr Summers von Hufflepuff, die
ebenfalls auf die Idee kamen, sich ein wenig älter zu machen. Allerdings

muss ich sagen, dass ihre Barte bei weitem nicht so schön geworden sind
wie eure.«
Fred und George machten sich auf den Weg in den Krankenflügel,
begleitet von Lee, der sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten
konnte, während Harry, Ron und Hermine kichernd zum Frühstück
gingen.
Die Große Halle war am Morgen umgestaltet worden. Da Halloween
war, flatterte eine Wolke echter Fledermäuse an der verzauberten Decke
umher, und aus den Ecken heraus schielten und grinsten Hunderte
ausgeschnitzter Kürbisse. Harry führte sie hinüber zu Dean und Seamus,
die sich darüber unterhielten, welche volljährigen Hogwarts -Schüler sich
wohl bewerben würden.
»Hier geht das Gerücht um, Warrington sei früh aufgestanden und habe
seinen Namen eingeworfen«, berichtete Dean. »Dieser große Kerl von
Slytherin, der aussieht wie ein Faultier.«
Harry, der Quidditch gegen Warrington gespielt hatte, schüttelte
angewidert den Kopf. »Bloß keinen SlytherinChampion!«
»Und alle Hufflepuffs reden von Diggory«, sagte Seamus verächtlich.
»Aber ich hätte nicht gedacht, dass er sein gutes Aussehen riskieren
würde.«
»Hört mal!«, sagte Hermine plötzlich.
Aus de r Eingangshalle drang Jubelgeschrei herein. Sie wirbelten auf
ihren Stühlen herum und sahen Angelina Johnson, ein wenig verlegen
grinsend, durch die Tür kommen. Angelina war ein großes schwarzes
Mädchen, das Jägerin für das Gryffindor -Team spielte; sie kam zu ihnen
herüber, setzte sich und sagte: »Tja, ich hab's getan. Ich hab gerade
meinen Namen eingeworfen!«
»Du machst Witze!«, sagte Ron, sahjedoch beeindruckt aus.
»Du bist also schon siebzehn?«, fragte Harry.
»Was fragst du noch? Siehst du 'nen Bart bei ihr oder was?«, sagte Ron.
»Ich hatte letzte Woche Geburtstag«, sagte Angelina.
»Mensch, bin ich froh, dass jemand aus Gryffindor teilnimmt«, sagte
Hermine. »Ich drück dir die Daumen, dass du gewinnst, Angelina!«
»Danke, Hermine«, sagte Angelina und lächelte ihr zu.
»Ja, besser du als dieser Schönling Diggory«, sagte Seamus, woraufhin
einige vorbeigehende Hufflepuffs ihn finster ansahen.

»Und was fangen wir mit dem Rest des Tages an?«, fragte Ron, als sie
nach dem Frühstück die Große Halle verließen.
»Wir h aben Hagrid noch gar nicht besucht«, sagte Harry.
»Gut«, sagte Ron, »solange er uns nicht bittet, den Krötern ein paar
Finger zu opfern.«
Auf Hermines Gesicht breitete sich plötzlich helle Begeisterung aus. »Da
fällt mir ein – ich hab Hagrid noch nicht gef ragt, ob er bei B-ELFE -R
mitmachen will!«, strahlte sie. »Wartet auf mich, bitte, ich renn nur mal
kurz hoch und hol die Anstecker!«
»Was ist bloß in sie gefahren?«, sagte Ron halb verzweifelt, während
Hermine die Marmortreppe hochstürmte.
»Hey, Ron«, sagt e Harry plötzlich. »Da ist deine Freundin ...«
Die Schüler aus Beauxbatons, unter ihnen das Veela- Mädchen, kamen
gerade von draußen herein. Die Schar, die sich um den Feuerkelch
versammelt hatte, wich zurück und machte ihnen unter neugierigen
Blicken Platz.
Madame Maxime, die zuletzt hereingekommen war, wies ihre
Schützlinge an, sich in einer Reihe aufzustellen. Dann traten die
Beauxbatons nacheinander über die Linie und warfen ihre
Pergamentzettel in die blauweißen Flammen. Kurz bevor sie im Feuer
verschwanden, flammte der Namenszug rot auf und stob Funken aus.
»Was, glaubst du, geschieht mit denen, die nicht ausgewählt werden?«,
murmelte Ron Harry zu, als das VeelaMädchen sein Pergament in den
Feuerkelch warf. »Meinst du, sie gehen zurück in ihre Schule, o der
bleiben sie hier und sehen sich das Turnier an?«
»Weiß nicht«, sagte Harry. »Sie bleiben hier, nehm ich mal an ...
Madame Maxime jedenfalls ist doch Schiedsrichterin, oder?«
Als alle Beauxbatons ihre Namen eingeworfen hatten, führte Madame
Maxime sie w ieder hinaus ins Freie.
»Wo schlafen die wohl?«, fragte Ron, bewegte sich auf den Ausgang zu
und starrte ihnen nach.
Ein lautes Scheppern hinter ihnen kündigte Hermine an, die mit ihrem
Kästchen voll B.ELFE.R -Ansteckern zurückkehrte.
»Na schö n, beeilen wir uns«, sagte Ron und rannte die steinerne
Vortreppe hinunter, den Blick unverwandt auf dem Rücken des
Veela- Mädchens, das in Madame Maximes Gefolge den Rasen schon

halb überquert hatte.
Als sie sich Hagrids Hütte am Rande des Verbotenen Waldes näherten,
löste sich auch das Rätsel, wo die Beauxbatons schliefen. Die
gigantische graublaue Kutsche, in der sie angekommen waren, war keine
zweihundert Meter von Hagrids Hütte entfernt abgestellt, und die
Schüler stiegen gerade wieder hinein. Die elefantösen fliegenden Pferde,
die die Kutsche gezogen hatten, grasten nebenan auf einer eilends
umzäunten Koppel. Harry klopfte an Hagrids Tür, und sofort antwortete
Fang mit freudigem Kläffen.
»Wird allmählich Zeit!«, sagte Hagrid, als er die Tür aufriss und sah, wer
gekommen war. »Dachte, ihr Rasselbande hättet vergessen, wo ich
wohne!«
»Wir hatten irre viel zu tun, Hag –«, begann Hermine, doch als sie Hagrid
sah, verschlug es ihr die Sprache.
Hagrid trug seinen allerbesten (und ganz fürchterlichen)
Braunhaar -Anzug und eine gelb- orange karierte Krawatte. Doch das war
noch nicht das Schlimmste; er hatte offenbar versucht, seine Haarpracht
zu zähmen, und zwar, wie es schien, mit einer gewaltigen Menge
Schmierfett. Es fiel nun in zwei glitschigen Bündeln herunter – vielleicht
hatte er es mit einem Pferdeschwanz versucht wie Bill einen hatte, doch
festgestellt, dass er zu viel Haare besaß. Dieser neue Aufzug stand
Hagrid gar nicht gut. Einen Moment lang betrachtete ihn Hermine mit
großen Augen, dann kam sie offenbar zu dem Schluss, lieber nichts
sagen zu wollen, und fragte nur: »Ähm – wo sind die Kröter?«
»Draußen beim Kürbisbeet«, sagte Hagrid vergnügt. »Die nehm'n
allmählich richtig zu, müssen inzwischen mindestens 'n Meter lang sein.
Das Problem ist nur, sie haben angefangen sich gegenseitig
umzubringen.«
»Ach was, wirklich?«, sagte Hermine und warf Ron einen strengen Blick
zu, der die ganze Zeit auf Hagrids neue Frisur geglotzt hatte und gerade
den Mund aufmachte, um eine Bemerkung loszuwerden.
»Jaah«, sagte Hagrid traurig. »Ist schon wieder gut jetzt, ich hab sie in
verschiedene Kisten gesperrt. Hab noch ungefähr zwanzig.«
»Na, was für ein Glück«, sagte Ron. Hagrid entging der spöttische
Unterton.
Seine Hütte bestand aus einem einzigen Raum, in dessen einer Ecke ein

gigantisches Bett mit einer Flickendecke stand. Ein ähnlich gewaltiger
Tisch und Stühle standen vor dem Feuer, unter der Wolke aus
geräucherten Schinken und toten Vögeln, die von der Decke hingen. Sie
setzten sich an den Tisch, während Hagrid Tee kochte, und bald waren
sie von neuem in ein Gespräch über das Trimagische Turnier vertieft.
Hagrid schien nicht weniger begeistert zu sein als sie.
»Wartet's ab«, sagte er grinsend. »Wartet nur ab. Ich zeig euch gleich
was, das habt ihr noch nie gesehn. Erste Au fgabe ... aah, aber ich darf's ja
nicht sagen.«
»Nur weiter, Hagrid!«, drängten ihn Harry, Ron und Hermine, doch er
schüttelte nur den Kopf und grinste.
»Will euch ja nich die Spannung vermiesen«, sagte er. »Aber 's wird 'n
Höllenspaß, sag ich euch. Diese Schämpions werden's ganz schön
schwer haben. Hätt nie gedacht, dass ich je ein Trimagisches Turnier
sehen würd!«
Sie blieben schließlich zum Essen, auch wenn sie nicht gerade herzhaft
zulangten – Hagrid tischte seinen eigenen Worten zufolge Rinderbraten
au f, doch nachdem Hermine eine große Kralle aus ihrem Stück gezogen
hatte, verging den dreien ein wenig der Appetit. Sie machten sich
stattdessen einen Spaß daraus, Hagrid die Aufgaben des Trimagischen
Turniers zu entlocken, und überlegten wild hin und her, welche
Bewerber es wohl zum Champion schaffen würden und ob Fred und
George inzwischen schon bartlos waren.
Gegen Nachmittag setzte leichter Regen ein; behaglich saßen sie am
Feuer, lauschten dem sanften Getrommel am Fenster und sahen Hagrid
zu, wie er seine Socken stopfte und mit Hermine über die Hauselfen stritt
– sie hatte ihm nämlich die Anstecker gezeigt, doch er weigerte sich
strikt, bei B.ELFE.R mitzumachen.
»Da tät man ihnen keinen Gefallen mit, Hermine«, sagte er mit ernster
Miene und fädelte einen dicken gelben Garnfaden in eine massige
Knochennadel ein. »'s liegt in ihrer Natur, sich um Menschen zu
kümmern, das mögen sie, verstehst du? Du würdest sie unglücklich
machen, wenn du ihnen die Arbeit nimmst, und wenn du sie bezahlst,
sind sie beleidigt. «
»Aber Harry hat Dobby befreit und der war überglücklieh!«, sagte
Hermine, »außerdem haben wir gehört, dass er jetzt für seine Arbeit

Lohn verlangt!«
»Ja nu, Spinner gibt's überall. Ich sag ja nich, dass es nich den einen oder
ändern Elf gibt, der sich befreien lässt, aber die meisten kriegst du nicht
dazu – nö, da ist nichts zu machen, Hermine.«
Hermine war ziemlich sauer und steckte ihr Kästchen zurück in die
Umhangtasche.
Gegen halb fünf wurde es dunkel, und Harry, Ron und Hermine fanden
es an der Zeit, zum Halloween -Fest hoch ins Schloss zu gehen – zumal
da heute Abend verkündet wurde, wer die Schul- Champions sein sollten.
»Ich komm mit«, sagte Hagrid und legte sein Nähzeug weg. »'ne
Sekunde noch.«
Hagrid stand auf, ging hinüber zur Kommode neben seinem Bett und
begann nach etwas zu suchen. Sie achteten nicht sonderlich auf ihn, bis
ein wahrhaft fürchterlicher Geruch in ihre Nasen drang.
»Hagrid, was ist das denn?«, hüstelte Ron.
»Hmh?«, sagte Hagrid und wandte sich mit einer großen Flasche in der
Hand u m. »Mögt ihr's nicht?«
»Ist das Rasierwasser?«, sagte Hermine mit halb erstickter Stimme.
»Ähm – Kölnischwasser«, murmelte Hagrid. Er lief rot an. »Vielleicht 'n
bisschen viel«, sagte er unsicher. »Ich mach's wieder ab, wartet kurz ...«
Er stapfte aus der Hütte und sie sahen, wie er sich am Wassertrog vor
dem Fenster ungestüm wusch.
»Kölnischwasser?«, sagte Hermine verdutzt. »Hagrid?«
»Und was ist mit dem Haar und dem Anzug?«, setzte Harry viel sagend
hinzu.
»Seht mal!«, sagte Ron plö tzlich und deutete aus dem Fenster.
Hagrid hatte sich aufgerichtet und wandte sich um. Wenn er vorher rot
geworden war, dann war dies nichts im Vergleich zu dem, was ihm jetzt
passierte. Harry, Ron und Hermine waren so leise wie möglich
aufgestanden, damit Hagrid sie nicht bemerkte, und sahen jetzt, durchs
Fenster spähend, Madame Maxime und ihre Schüler aus der Kutsche
steigen, offenbar ebenfalls auf dem Weg zum Fest. Sie konnten nicht
hören, was Hagrid zu Madame Maxime sagte, doch sein Blick hatte sich
ver schleiert und sein Gesicht hatte einen Ausdruck der Verzückung
angenommen, wie Harry ihn bei Hagrid nur einmal beobachtet hatte – als
er den Babydrachen Norbert betrachtet hatte.

»Er geht mit ihr zusammen hoch zum Schloss!«, sagte Hermine
entrüstet. »Ich dachte, wir sollten auf ihn warten!«
Hagrid warf nicht einmal einen kurzen Blick zurück zur Hütte, sondern
stapfte an Madame Maximes Seite die Anhöhe zum Schloss hoch, in
ihrem Gefolge die Schüler von Beauxbatons, die im Laufschritt gingen,
um mithalten zu können.
»Er steht auf sie!«, sagte Ron ungläubig. »Na ja, wenn sie dann noch
Kinder kriegen, stellen sie einen Weltrekord auf – ich wette, ein Baby
von denen würde über 'ne Tonne wiegen.«
Sie verließen die Hütte und schlössen die Tür. Draußen war es schon
überraschend dunkel. Sie wickelten sich fest in ihre Umhänge und
machten sich auf den Weg hoch zum Schloss.
»Uuh, schaut mal, da sind die anderen!«, flüsterte Hermine.
Die Durmstrangs kamen vom See her zum Schloss hoch. Viktor Krum
ging an der Seite Karkar offs, die anderen trotteten hinter ihnen her. Ron
verfolgte Krum mit aufgeregten Blicken, doch Krum erreichte das Portal
ein wenig vor Harry, Ron und Hermine und betrat, ohne sich noch
einmal umzuschauen, das Schloss.
In der kerzenerleuchteten Großen Halle gab es schon fast keine freien
Stühle mehr. Der Feuerkelch hatte einen anderen Platz bekommen; er
stand jetzt vor Dumbledores leerem Stuhl am Lehrertisch. Fred und
George – von ihren Barten befreit – schienen ihre Enttäuschung ziemlich
gut verkraftet zu h aben.
»Ich hoffe, es wird Angelina«, sagte Fred, als Harry, Ron und Hermine
sich setzten.
»Ich auch!«, sagte Hermine. »Na, wir werden es ja gleich erfahren!«
Das Halloween -Festessen schien viel länger zu dauern als üblich.
Vielleicht weil es sein zweites Festmahl in zwei Tagen war, konnte
Harry sich nicht mehr so heftig für die raffiniert zubereiteten Speisen
begeistern. Wie alle anderen in der Halle – jedenfalls angesichts der
ungeduldigen Mienen, des allgemeinen Gezappels, der sich ständig
reckenden Hälse und neugierigen Blicke, ob Dumbledore endlich
aufgegessen hatte - , wie alle anderen wollte Harry nur, dass sich die
Teller leerten, und dann endlich hören, wer Champion geworden war.
Endlich kehrten die goldenen Teller in ihren ursprünglichen makellosen
Z ustand zurück; der Lärm in der Halle schwoll rasch an und erstarb dann

wieder, kaum dass Dumbledore aufgestanden war. Professor Karkaroff
und Madame Maxime zu seinen Seiten wirkten nicht weniger gespannt
und erwartungsvoll als alle anderen. Ludo Bagman strahlte und
zwinkerte dieser undjener Schülerin zu. Mr Crouchje- doch schien recht
wenig interessiert, ja fast gelangweilt.
»Nun, der Kelch ist gleich bereit, seine Entscheidung zu fällen«, sagte
Dumbledore. »Ich schätze, er braucht noch eine Minute. Wenn die
Namen der Champions ausgerufen werden, bitte ich sie, hier aufs
Podium zu kommen und am Lehrertisch vorbei in diese Kammer dort zu
gehen –«, er deutete auf die Tür hinter dem Lehrertisch, » - wo sie dann
ihre ersten Anweisungen erhalten.«
Er zückte den Zau berstab und schwang ihn ausladend durch die Luft;
sofort erloschen alle Kerzen, nur in den geschnitzten Kürbissen
flackerten sie noch, so dass nun alles im Halbdunkel lag. Der Feuerkelch
leuchtete jetzt heller als alles andere in der Halle, das gleißende,
blauweiß funkelnde Licht der Flammen stach sogar ein wenig in die
Augen. Alle starrten auf den Kelch und warteten ... hie und da blickte
jemand auf die Uhr ...
»Gleich geht's los«, flüsterte Lee Jordan zwei Plätze neben Harry.
Die Flammen im Kelch färbten sich plötzlich wieder rot. Funken
sprühten aus der Glut. Im nächsten Augenblick schoss eine
Flammenzunge in die Luft, ein verkohltes Stück Pergament flatterte
heraus – und die ganze Halle hielt den Atem an.
Dumbledore fing das Pergament auf und hielt es mit gestrecktem Arm
von sich, damit er es im Licht des Feuers lesen konnte, das nun wieder
blauweiß war.
»Der Champion für Durmstrang«, las er mit klarer und kräftiger Stimme,
»ist Viktor Krum.«
»Keine Überraschung!«, rief Ron, während Beifall und Jubel durch die
Halle wogten. Harry sah Viktor Krum vom Slytherin -Tisch aufstehen
und zu Dumbledore hochschlurfen; er wandte sich nach rechts, ging am
Lehrertisch vorbei und verschwand durch die Tür in der Kammer
dahinter.
»Bravo, Viktor!«, polterte Karkaroff so lau t, dass er den Beifall
übertönte. »Wusste doch, du hast es in den Knochen!«
Das Plappern und Schnattern erstarb. Nun richteten sich alle Augen

wieder auf den Kelch, dessen Flammen sich sogleich wieder rot färbten.
Ein zweites Pergament flog, hochgeschleudert von der Hitze, aus der
Glut.
»Champion für Beauxbatons«, sagte Dumbledore, »ist Fleur Delacour!«
»Das ist sie, Ron!«, rief Harry, als das Mädchen, das einer Veela so
ähnlich sah, sich anmutig erhob, seinen silbrig blonden Haarschopf
zurückwarf und zwischen den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs
hindurchglitt.
»Oh, schau mal, die sind alle enttäuscht«, rief Hermine durch den Lärm
und nickte zu den anderen Beauxbatons hinüber. »Enttäuscht« war ein
wenig untertrieben, fand Harry. Zwei der Mädchen, die e s nicht
geschafft hatten, zerflossen in Tränen und vergruben schluchzend die
Köpfe in den Händen.
Als auch Fleur Delacour in der Kammer verschwunden war, legte sich
erneut Stille über die Halle, doch diesmal war es eine Stille, die so starr
vor Anspannung war, dass man sie fast schmecken konnte. Jetzt kam der
Name des HogwartsChampions ...
Und das Feuer des Kelches färbte sich wiederum rot; Funken sprühten
aus der Glut; eine Flamme züngelte hoch und aus ihrer Spitze zog
Dumbledore das dritte Stück Pergament.
»Der Hogwarts -Champion«, rief er, »ist Cedric Diggory!«
»Nein!«, sagte Ron laut, doch keiner außer Harry hörte ihn; der Tumult
am Nachbartisch war zu gewaltig. Ausnahmslos alle Hufflepuffs waren
aufgesprungen, schrien und stampften mit den Füßen, während Cedric
mit breitem Grinsen an ihnen vorbei auf die Kammer hinter dem
Lehrertisch zuging. Tatsächlich hielt der Beifall für Cedric so lange an,
dass Dumbledore einige Zeit brauchte, um sich wieder Gehör zu
verschaffen.
»Bestens!«, rief Dumbledore glü cklich, als der Aufruhr sich endlich
legte.
»Schön, wir haben nun drei Champions. Ich bin sicher, ich kann mich
darauf verlassen, dass ihr alle, auch die nicht ausgewählten Schüler aus
Beauxbatons und Durmstrang, euren Champion mit äußerster Kraft
unterstü tzt. Indem ihr euren Champion anfeuert, könnt ihr durchaus dazu
beitragen –«
Doch Dumbledore verstummte plötzlich und es entging keinem, was ihn

ablenkte.
Das Feuer des Kelches hatte sich abermals rot verfärbt. Eine lange
Flamme schoss jäh in die Höhe und mit sich trug sie wiederum ein
Pergament. Wie in Trance, so schien es, streckte Dumbledore seinen
langen Arm aus und griff nach dem Blatt. Er hielt es von sich und las
stumm den Namen, der daraufgeschrieben stand. Eine lange Pause trat
ein, während deren Dumbledore auf das Blatt in seiner Hand starrte und
alle anderen Dumbledore anstarrten. Und dann räus -perte sich
Dumbledore und las laut –
»Harry Potter.«

Die vier Champions


Harry saß da und wusste genau, dass jedes Augenpaar in der Großen
Halle auf ihn gerichtet war. Er war geschockt. Er war gelähmt. Er musste
träumen. Er hatte nicht richtig gehört.
Niemand klatschte. Plötzlich kam ein Summen wie von einem Schwärm
wütender Bienen in der Halle auf und wurde immer lauter; einige
standen auf, um Harry besser sehen zu können, wie er da vollkommen
starr auf seinem Platz hockte.
Oben am Lehrertisch war Professor McGonagall aufgestanden und an
Ludo Bagman und Professor Karkaroff vorbei zu Professor Dumbledore
gerauscht, der ihr mit leichtem Stirnrunzeln das Ohr zuneigte.
Harry wandte sich zu Ron und Hermine um; hinter ihnen saßen die
anderen Gryffindors in langer Reihe an der Tafel und starrten ihn mit
offenen Mündern an.
»Ich hab meinen Namen nicht eingeworfen«, sagte Harry fassungslos.
»Das wisst ihr doch.«
Die beiden sahen ihn nicht minder fassungslos an.
Am Lehrertisch nickte Professor Dumbledore seiner Kollegin zu und
stand dann auf.
»Harry Potter!«, rief er. »Harry! Nach oben, wenn ich bitten darf!«
»Geh schon«, flüsterte Hermine und versetzte Harry einen kleinen
Schubs.
Harry stand auf, verhedderte sich im Saum seines Umhangs und geriet
kurz ins Stolpern. Der Weg zwischen den Tischen der Gryffindors und
Hufflepuffs hindurch kam ihm vor wie ein ungeheuer langer Marsch; der
Lehrertisch wollte und wollte nicht näher kommen und ihm war, als
würden ihm die vielen hundert Augen wie Suchscheinwerfer Schritt für
Schritt folgen. Das Summen schwoll weiter an. Dann endlich, es musste
eine Stunde vergangen sein, stand er vor Dumbledore und jetzt spürte er
die Blicke sämt licher Lehrer auf sich gerichtet.
»Nun ... durch die Tür, Harry«, sagte Dumbledore. Er lächelte nicht.
Harry ging am Lehrertisch entlang. Ganz am Ende saß Hagrid. Er
zwinkerte Harry nicht zu, winkte auch nicht und hob auch nicht wie
sonst immer die Hand zu m Gruß. Er sah vollkommen verdattert aus und

starrte, wie all die anderen auch, den vorbeigehenden Harry an. Harry
ging durch die Tür und befand sich nun in einem kleineren Raum, an
dessen Wänden Gemälde von Hexen und Zauberern hingen. Ein
stattliches Feuer prasselte hinten im Kamin.
Kaum war er eingetreten, wandten sich ihm die Gesichter auf den
Gemälden zu. Eine verhutzelte Hexe huschte aus ihrem Bilderrahmen,
tauchte im nächsten, bei einem Zauberer mit Walrossschnurrbart, wieder
auf und begann ihm ins Ohr zu flüstern.
Viktor Kram, Cedric Diggory und Fleur Delacour saßen am Kamin. Vor
dem flackernden Feuer wirkten ihre Profile ungewöhnlich
beeindruckend. Kram, ein wenig abseits von den anderen, lehnte in sich
versunken an der Kamineinfassung. Cedric hatte die Hände auf dem
Rücken verschränkt und stierte ins Feuer. Fleur Delacour wandte sich
um, als Harry eintrat, und warf mit einer raschen Kopfbewegung ihr
langes üppiges Silberhaar in den Nacken.
»Was ist los?«, sagte sie. »Sollen wir zurück in die 'alle?«
Sie dachte, Harry sei mit einer Nachricht gekommen. Harry wusste nicht,
wie er erklären sollte, was soeben geschehen war. Er stand einfach da
und sah die drei Champions an. Jetzt auf einmal fiel ihm auf, wie groß
sie alle waren. Hinter sich hörte er hastig e Schritte, dann trat Ludo
Bagman ein. Er packte Harry am Arm und zog ihn beiseite.
»Unglaublich!«, murmelte er und drückte Harrys Arm. »Absolut
unglaublich! Meine Herren ... meine Dame«, ergänzte er und ging auf
die anderen am Kamin zu. »Darf ich Ihnen – so unfasslich es klingen
mag – den vierten Champion unseres Turniers vorstellen?«
Viktor Krum richtete sich auf. Er sah Harry scharf an und sein
mürrisches Gesicht verdü sterte sich noch mehr. Cedric schien
vollkommen aus der Fassung geraten. Sein Blick wanderte von Bagman
zu Harry und wieder zurück, als wäre er sich sicher, dass er Bagman
soeben missverstanden hatte. Fleur Delacour jedoch warf ihr Haar in den
Nacken und s agte lächelnd: »Oh, sehr lustiger Wids, Miester Bagman.«
»Witz?«, echote Bagman verdutzt. »Nein, nein, keineswegs! Der
Feuerkelch hat gerade Harrys Namen ausgegeben!«
Krams dichte schwarze Brauen zogen sich unmerklich zusammen.
Cedric schien noch immer um Fassung zu ringen.
Fleur ranzelte die Stirn. »Aber offensischtlisch ist das ein Fehler«, sagte

sie verächtlich in Richtung Bagman. »Är kann nischt teilnehmen. Är ist
zu jung.«
»Nun ja ... es ist höchst erstaunlich«, sagte Bagman. Er rieb sich das
glatte Kinn und lächelte zu Harry hinunter. »Doch wie Sie wissen, wurde
die Altersbegrenzung erst dieses Jahr eingeführt, als zusätzliche
Sicherheitsvorkehrung. Und da der Kelch seinen Namen ausgegeben hat
... es ist nun einmal so weit gekommen, und ich denke, dann darf man
sich nicht drücken ... es steht in den Regeln, er ist verpflichtet ... Harry
muss ganz einfach tun, was in seinen Kräften – «
Die Tür hinter ihm ging auf und eine größere Gruppe kam herein:
Professor Dumbledore, dicht gefolgt von Mr Crouch, Profes sor
Karkaroff, Madame Maxime, Professor McGonagall und Professor
Snape. Harry hörte das Gesumme seiner Mitschüler hereindringen, bis
Professor McGonagall die Tür schloss.
»Madame Maxime!«, rief Fleur und ging mit großen Schritten hinüber
zu ihrer Lehrerin. »Man sagt, dass dieser kleine Junge 'ier ebenfalls
teilnehmen soll!«
Irgendwo unter seiner Benommenheit und Ratlosigkeit spürte Harry
einen zornigen Stich. Kleiner Junge?
Madame Maxime richtete sich zu ihrer stattlichen Größe auf. Mit ihrem
schönen Kopf s treifte sie den kerzenbesetzten Kronleuchter, und ihre
mächtige, in schwarzen Satin gehüllte Brust hob sich.
»Was 'at das zu bedeuten, Dumbly -dorr?«, sagte sie in gebieterischem
Ton.
»Das würde auch ich gerne wissen, Dumbledore«, sagte Professor
Karkaroff. Er hatte ein stählernes Lächeln aufgesetzt und seine blauen
Augen wirkten wie Eissplitter. »Zwei Champions für Hogwarts? Mir
jedenfalls hat keiner gesagt, dass für die gastgebende Schule zwei
Champions antreten dürfen – oder habe ich die Regeln nicht sorg fältig
genug gelesen?« Er lachte kurz und gehässig auf.
»C'est impossible«, sagte Madame Maxime, deren gewaltige Hände mit
ihren vielen herrlichen Opalen auf Fleurs Schulter ruhten. »'Ogwarts
kann keine zwei Champions 'aben. Das ist 'öchst ungerescht.«
»Wi r hatten darauf vertraut, dass ihre Alterslinie jüngere Bewerber fern
halten würde, Dumbledore«, sagte Karkaroff noch immer stählern
lächelnd, während seine Augen noch kälter wurden. »Denn sonst hätten

wir natürlich eine größere Auswahl an Kandidaten aus unseren Schulen
mitgebracht.«
»Dafür trägt einzig und allein Potter die Schuld, Karkaroff«, sagte Snape
leise. Seine schwarzen Augen glühten heimtückisch. »Stellen Sie
Dumbledore nicht an den Pranger, nur weil Potter so entschlossen ist, die
Regeln zu brech en. Seit er an dieser Schule ist, übertritt er ständig
Grenzen –«
»Danke, Severus«, sagte Dumbledore mit fester Stimme, und Snape
verstummte, auch wenn seine Augen immer noch gehässig durch den
Vorhang fettigen schwarzen Haares schimmerten.
Professor Dumbl edore sah zu Harry hinunter, der ihm geradewegs in die
Augen hinter den Halbmondgläsern schaute und versuchte, ihren
Ausdruck zu entschlüsseln.
»Hast du den Zettel mit deinem Namen in den Feuerkelch geworfen,
Harry?«, fragte Dumbledore ruhig.
»Nein«, sagte Harry. Er wusste, dass ihn alle scharf beobachteten. Snape
ließ aus dem Hintergrund ein leises, unwilliges und ungläubiges
Schnauben hören.
»Hast du einen älteren Schüler gebeten, deinen Namen für dich in den
Feuerkelch zu werfen?«, fragte Professor Dumbledore ohne auf Snape zu
achten.
»Nein«, sagte Harry nachdrücklich.
»Aah, aber natürlisch lügt er!«, rief Madame Maxime.
Snape schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf.
»Er wäre nicht über die Alterslinie gekommen«, sagte Professor
McGonagall schneidend. »Ich bin sicher, wir stimmen alle darin überein
– «
»Dumbly -dorr muss einen Fehler bei der Linie gemacht 'aben«, sagte
Madame Maxime achselzuckend.
»Das ist natürlich möglich«, entgegnete Dumbledore höflich.
»Dumbledore, Sie wissen genau, dass Sie keinen Fehler gemacht
haben!«, sagte Professor McGonagall aufgebracht. »Nun aber wirklich,
was für ein Unsinn! Harry hätte die Linie nicht selbst übertreten können,
und wenn Professor Dumbledore ihm glaubt, dass er keinen älteren
Mitschüler dazu angestiftet hat, d ann möchte ich doch hoffen, dass Sie
alle damit zufrieden sind!«

Sie warf Professor Snape einen sehr zornigen Blick zu.
»Mr Crouch ... Mr Bagman«, sagte Karkaroff nun mit salbungsvoller
Stimme, »Sie sind unsere – ähm – unparteiischen Richter. Sie stimmen
s icher mit mir überein, dass es sich hier um eine offene Regelverletzung
handelt?«
Bagman wischte sich mit dem Taschentuch über das runde, jungenhafte
Gesicht und sah Mr Crouch an, der außerhalb des Feuerscheins stand,
das Gesicht halb im Schatten verborgen . Er sah ein wenig schaurig aus,
das Halbdunkel machte ihn viel älter und verlieh ihm ein fast
totenkopfartiges Aussehen. Er sprach jedoch in seinem üblichen
barschen Ton. »Wir müssen die Regeln befolgen und in den Regeln heißt
es klar, dass die Schüler, d eren Namen der Feuerkelch ausgibt,
verpflichtet sind, am Turnier teilzunehmen.«
»Tja, Barty kennt das Regelwerk praktisch auswendig«, strahlte Bagman
und wandte sich wieder Karkaroff und Madame Maxime zu, als ob die
Sache damit entschieden wäre.
» Ich bestehe darauf, noch einmal die Namen meiner übrigen Schüler
einzuwerfen«, sagte Karkaroff. Der salbungsvolle Ton und das Lächeln
waren von ihm abgefallen. Dafür hatte sein Gesicht einen ungemein
hässlichen Ausdruck angenommen. »Sie werden den Feuerkelch noch
einmal aufstellen, und wir werfen weitere Namen, ein, bis jede Schule
zwei Champions hat. Das ist nur fair, Dumbledore.«
»Aber Karkaroff, das wird nicht möglich sein«, sagte Bagman. »Der
Feuerkelch ist soeben, erloschen – er wird sich erst wieder zu Beginn des
nächsten Turniers entzünden – «
» - an dem Durmstrang ganz sicher nicht teilnehmen wird!«, warf
Karkaroff zornig ein. »Nach all unseren Treffen und gemeinsamen
Absprachen Hätte ich nicht erwartet, dass so etwas passieren könnte! Ich
behalte mir vor, Hogwarts sofort zu verlassen!«
»Leere Drohung, Karkaroff«, knurrte eine Stimme an der Tür. »Sie
können Ihren Champion jetzt nicht im Stich lassen. Er muss kämpfen.
Sie alle müssen kämpfen. Es ist ein bindender magischer Vertrag, wie
Dumbledore gesagt hat. Das passt Ihnen doch, oder?«
Moody war gerade hereingekommen. Er hinkte auf das Feuer zu und
jedes Mal, wenn er den rechten Fuß aufsetzte, gab es ein lautes Klonk.
»Das soll mir passen?«, sagte Karkaroff. »Ich fürchte, ich verstehe Sie

nicht, Moody.«
Harry spürte, dass er eigentlich verächtlich klingen wollte, als wären
Moodys Worte eine Entgegnung überhaupt nicht wert, doch seine Hände
verrieten ihn; er hatte sie zu Fäusten geballt.
»Nicht?«, sagte Moody leise. »Es ist ganz einfach, Karkaroff. Jemand
hat Potters Namen in den Kelch geworfen, und dieser Jemand wusste
genau, dass Harry teilnehmen muss, wenn der Kelch ihn erwählt.«
»Offensischtlisch jemand, der wollte, dass 'Ogwarts zwei Chancen
bekommt!«, sagte Madame Maxime.
»Sie haben vollkommen Recht, Madame Maxime«, sagte Karkaroff und
verneigte sich vor ihr. »Ich werde Beschwerde beim
Zaubereiministerium sowie bei der Internationalen Zauberervereinigung
einreichen –«
»Wenn hier jemand Grund hat sich zu beschweren, dann ist es Potter«,
knurrte Moody, » aber ... komisch ... von ihm höre ich kein Wort ...«
»Warum sollte er sisch beschweren?«, platzte Fleur Delacour los und
stampfte mit dem Fuß auf. »Er 'at die Chance teilzunehmen, nischt wahr?
Wir anderen 'aben wochenlang darauf ge'offt! Die Ehre für unser e
Schulen! Eintausend Galleonen Preisgeld – für diese Chance würden
viele sogar sterben!«
»Vielleicht hofft jemand, dass Potter tatsächlich dafür stirbt«, sagte
Moody mit kaum noch merklichem Knurren.
Diesen Worten folgte ein äußerst gespanntes Schweigen.
Ludo Bagman trippelte nervös hin und her und entgegnete beklommen:
»Moody, altes Haus ... was sagen Sie denn da!«
»Wir alle wissen, dass Professor Moody den Morgen für verschwendet
hält, wenn er nicht vor dem Mittagessen sechs Mordverschwörungen
gegen sich aufdeckt«, sagte Karkaroff laut. »Offenbar bringt er jetzt auch
seinen Schülern die Angst vor einem Attentat bei. Ein merkwürdiger Zug
bei einem Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste,
Dumbledore, aber Sie hatten bestimmt ihre Gründe, ihn kommen zu
lassen.«
»Ich bilde mir Dinge ein, tatsächlich?«, knurrte Moody. »Ich sehe schon
Gespenster, oder? Es war eine fähige Hexe oder ein Zauberer, der den
Namen dieses Jungen in den Kelch geworfen hat ...«
»Aah, wo sind die Beweise dafür?«, sagte Madame Max ime und ihre

riesigen Hände ruderten durch die Luft.
»Hier wurde ein kraftvoller magischer Gegenstand ausgetrickst!«, sagte
Moody. »Ein ungewöhnlich starker Verwechslungszauber war nötig,
damit dieser Kelch vergisst, dass nur drei Schulen am Turnier
teilnehmen ... Ich vermute, dass Potters Name für eine vierte Schule
eingeworfen wurde, denn dann galt er als deren einziger Kandidat ...«
»Sie scheinen ja ausgiebig darüber nachgedacht zu haben, Moody«,
entgegnete Karkaroff kühl, »und das ist natürlich eine aus gefuchste
Theorie – allerdings ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie jüngst die fixe
Idee hatten, eines Ihrer Geburtstagsgeschenke sei ein raffiniert getarntes
Basiliskenei. Sie schleuderten es deshalb gegen die Wand und mussten
dann leider erkennen, dass es nur ein Resiewecker war. Sie müssen dahre
verstehen, dass wir Sie nicht ganz ernst nehmen können...«
»Ich denke an gewisse Leute, die harmlose Veranstaltungen für ihre
Zwecke ins Gegenteil verkehren«, entgegnete Moody in drohendem
Tonfall. »Wie Sie eigentlich wissen sollten, Karkaroff, ist es meine
Aufgabe, mich in das Denken scharzer Magier einzufühlen ...«
»Alastor!«, sagte Dumbledore mahnen. Harry wunderte sich einen
Momen lang, wen er damit meinte, doch dann wurde ihm klar, dass
»Mad -Eye« wohl kaum Moodys richtiger Vorname sein konnte. Moody
verstummte, beobachtete Karkaroff jedoch immer noch voll Genugtuung
– und Karkaroffs Gesicht glühte.
»Wir wissen nicht, wie wir in diese Lage geraten sind«, sagte
Dumbledore in die Runde. »Ich denke jedoch, wir habe n wohl keine
andere Wahl, als das Beste daraus zu machen. Sowohl Cedric als auch
Harry wurden zu Teilnehmern des Turniers bestimmt. Daher werden sie
auch ...«
»Ah, aber Dumbly -dorr –«
»Meine liebe Madame Maxime, wenn Sie einen anderen Vorschlag
haben, wäre ich erfreut ihn zu hören.«
Dumbledore wartete, doch Madame Maxime schwieg und sah ihn nur
zornfunkelnd an. Und sie war nicht die Einzige. Auch Snape sah wütend
aus; Karkaroff schien vor Zorn zu kochen. Bagman jedoch machte den
Eindruck, als sei er vor Beg eisterung ganz aus dem Häuschen.
»Nun, wie steht's, legen wir los?«, sagte er, rieb sich die Hände und
lächtelte in die Runde. »Wir müssen unseren Champions doch sagen, um

was es geht. Barty, ich erteile dir das Wort.«
Mr Crouch schien aus tiefer Nachdenklichkeit zu erwachen.
»Ja«, sagte er langsam, »die Anweisungen. Ja ... die erste Aufgabe ...«
Er trat ins Licht des Feuers. Von nahem, fand Harry, sah er krank aus.
Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und seine runzlige Haut
wirkte, ganz anders als bei der Weltmeisterschaft, dünn und papieren.
»Die erste Aufgabe dient dazu, Ihren Mut auf die Probe zu stellen«,
verkündete er Harry, Cedric, Fleur und Krum, »und deshalb sagen wir
Ihnen nicht, um was es geht. Kühnheit angesichts der überraschenden
Gefahr ist ein sehr wichtiger Charakterzug von Zauberern ... sehr wichtig
...
Die erste Aufgabe werden wir Ihnen am vierundzwanzigsten November
stellen, vor all Ihre n Mitschülern und den Schiedsrichtern.
Den Champions ist es nicht gestattet, von ihren Lehrern Hilfe
irgendwelcher Art zu erbitten oder anzunehmen, damit sie die Aufgaben
lösen können. Sie werden sich der ersten Herausforderung nur mit ihrem
Zauberstab bewaffnet stellen müssen. Wenn die erste bewältigt ist,
erhalten sie Auskunft über die zweite Aufgabe. Da das Turnier äußerste
Kraft und viel Zeit verlangt, sind die Champions von den
Jahresabschlussprüfungen freigestellt.«
Mr Crouch wandte sich an Dumbledore. »Ich glaube, das ist alles,
Albus?«
»Ich denke auch«, sagte Dumbledore und sah Mr Crouch ein wenig
besorgt an. »Sind Sie sicher, dass Sie heute Nacht nicht in Hogwarts
bleiben wollen, Barty?«
»Ja, Dumbledore, ich muss zurück ins Ministerium«, sagte Mr Cr ouch.
»Wir haben im Moment eine schwierige und arbeitsreiche Zeit ... ich
habe dem jungen Weatherby die Verantwortung überlassen, solange ich
weg bin ... sehr eifrig ... ein wenig übereifrig, um die Wahrheit zu sagen
...«
»Bevor Sie gehen, schauen Sie doch auf ein Gläschen bei mir vorbei?«,
sagte Dumbledore.
»Jetzt komm schon, Barty, ich bleibe auch hier!«, sagte Bagman
ausgelassen. »Hier in Hogwarts spielt jetzt die Musik, das ist doch viel
spannender als das Büroleben!«
»Das glaube ich nicht, Ludo«, sagte Crouch mit einem Anflug seiner

früheren Ungeduld.
»Professor Karkaroff – Madame Maxime – noch einen
Schlummertrunk?«, fragte Dumbledore.
Doch Madame Maxime hatte bereits ihren Arm um Fleurs Schultern
gelegt und führte sie rasch hinaus. Harry hörte, wie sie sich draußen in
der Halle sehr schnell auf Französisch unterhielten. Karkaroff winkte
Krum zu und auch sie gingen hinaus, allerdings schweigend.
»Harry, Cedric, ich schlage vor, ihr geht jetzt nach oben«, sagte
Dumbledore und lächelte beiden zu. »Ich bin sicher, die Gryffindors und
Hufflepuffs warten nur darauf, mit euch zu feiern, und es wäre
jammerschade, sie dieses trefflichen Vorwandes zu berauben, eine
Menge Müll und Lärm zu machen.«
Harry warf Cedric einen Blick zu, Cedric nickte, und sie gingen
zus ammen hinaus.
Die Große Halle lag jetzt verlassen da; die Kerzen waren
heruntergebrannt und das schartige und flackernde Grinsen der Kürbisse
hatte etwas Unheimliches angenommen.
»So ist das also«, sagte Cedric mit einem halben Lächeln. »Wir spielen
schon wieder gegeneinander!«
»Sieht so aus«, sagte Harry. Etwas Besseres fiel ihm einfach nicht ein. In
seinem Kopf schien alles durcheinander gewirbelt zu sein, als hätte ihn
jemand kräftig geschüttelt.
»Dann ... verrat mir mal eines ...«, sagte Cedric in der E ingangshalle, die
jetzt, da der Feuerkelch verschwunden war, nur noch im Licht der
Fackeln dalag. »Wie hast du deinen Namen da reingebracht?«
»Hab ich nicht«, sagte Harry und sah zu ihm hoch. »Ich hab ihn nicht
eingeworfen. Ich sag die Wahrheit.«
»Ah ... n a gut«, sagte Cedric. Harry wusste, dass er ihm nicht glaubte.
»Na ja ... wir sehen uns.«
Cedric nahm nicht die Marmortreppe, sondern ging rechts an ihr vorbei
auf eine Tür zu. Harry blieb stehen und lauschte, wie Cedric eine
steinerne Treppe hinunterstieg , dann ging er langsam die Marmortreppe
hoch.
Würde irgendjemand außer Ron und Hermine ihm glauben, oder würden
sie alle denken, er selbst hätte seinen Namenszettel in den Kelch
geworfen? Doch wie konnte jemand so etwas glauben, wo doch seine

Konkurrenten drei Jahre länger Zaubern gelernt hatten – und zudem
musste er nicht nur diese Aufgaben bewältigen, die so richtig nach
Gefahr rochen, sondern es würden auch noch Hunderte von Menschen
dabei sein und ihm zusehen. Ja, er hatte daran gedacht ... er hatte mit
dem Gedanken gespielt ... er hatte davon geträumt ... doch im Grunde
war es ein Witz gewesen, der keine Folgen haben sollte ... er hatte nie
und nimmer ernsthaft vorgehabt teilzunehmen ...
Doch jemand anderes hatte es getan ... jemand wollte, dass er am T urnier
teilnahm, und hatte dafür gesorgt, dass sein Name ins Spiel gebracht
wurde. Warum? Um ihm einen Gefallen zu tun? Das konnte er kaum
glauben ...
Um zu sehen, wie er sich zum Narren machte? In diesem Fall würde der
Wunsch wohl in Erfüllung gehen ...
Doch um ihn sterben zu sehen? Litt Moody nur wieder an seinem
üblichen Verfolgungswahn? War es nicht möglich, dass jemand seinen
Namen in den Kelch geworfen hatte, um sich einen Scherz zu erlauben,
um ihn zu triezen? Wollte wirklich jemand, dass er starb?
Diese Frage konnte Harry sofort beantworten. Ja, jemand wollte ihn tot
sehen, jemand wünschte ihm den Tod, seit er ein Jahr alt gewesen war ...
Lord Voldemort. Doch wie hätte es Voldemort bewerkstelligen sollen,
seinen Namen in den Feuerkelch zu werfen? Voldemort war angeblich
weit weg, in einem fernen Land, und versteckte sich, einsam und allein
... entkräftet und machtlos ...
Doch in jenem Traum, aus dem er mit schmerzender Narbe
hochgeschreckt war, war Voldemort nicht allein gewesen ... er hatte mit
Wurms chwanz gesprochen ... und mit ihm den Mord an Harry
ausgeheckt ...
Harry erschrak, denn er stand plötzlich vor der fetten Dame. Er hatte
kaum wahrgenommen, wohin ihn seine Füße trugen. Eine Überraschung
war auch, dass sie nicht allein in ihrem Rahmen war. Die verhutzelte
Hexe, die in das Gemälde ihres Nachbarn huschte, als er vorhin in den
kleinen Raum gekommen war, saß nun mit blasierter Miene neben der
fetten Dame. Sie musste durch jedes Bild entlang der sieben Treppen
gehastet sein, nur um vor ihm hier anzukommen. Die Hexe und die fette
Dame sahen ihn höchst interessiert von oben herab an.
»Schön, schön, schön«, sagte die fette Dame. »Violet hat mir soeben

alles erzählt. Wer ist nun also gerade zum Schulchampion bestimmt
worden?«
»Quatsch«, sagte Harry d umpf.
»Das ist es ganz sicher nicht«, sagte die Hutzelhexe entrüstet.
»Nein, nein, Vi, es ist das Passwort«, beschwichtigte sie die fette Dame,
und sie schwang an ihren Angeln hängend zur Seite, um Harry
einzulassen.
Der Lärmschwall, der durch das Porträtloch an Harrys Ohren drang, riss
ihn beinahe von den Füßen. Dann wusste er nur noch, dass ein Dutzend
Händepaare ihn in den Gemeinschaftsraum zerrte, wo ganz Gryffindor
schreiend, klatschend und pfeifend auf ihn wartete.
»Du hättest uns was sagen sollen!«, brüllte Fred halb verärgert, doch
auch schwer beeindruckt.
»Wie hast du es geschafft, ohne dass dir ein Bart gewachsen ist?
Genial!«, polterte Fred.
»Hab ich nicht«, sagte Harry. »Ich weiß nicht, wie – «
Doch Angelina hatte sich nun seiner angenommen. »Tja, wenn nicht ich,
dann wenigstens ein anderer Gryffindor – «
»Jetzt kannst du es Diggory für das letzte Quidditch -Spiel heimzahlen!«,
kreischte Katie Bell, ebenfalls eine GryffindorJägerin.
»Wir haben was zu essen, Harry, komm, hau rein – «
»Ich hab keinen Hunger, wirklich, ich hab beim Fest genug gegessen – «
Doch niemand wollte hören, dass er keinen Hunger hatte; niemand
wollte hören, dass nicht er selbst seinen Namen in den Feuerkelch
geworfen hatte; nicht ein Einziger von ihnen schien zu merken, dass er
übe rhaupt nicht in Feierstimmung war ... Lee Jordan hatte irgendwo ein
Gryffindor -Banner ausgegraben und er ließ sich nicht davon abbringen,
es wie eine Toga um Harry zu wickeln. Kein Entkommen für Harry;
wann immer er versuchte sich zur Schlafsaaltreppe zu v erdrücken,
schloss sich die Schar um ihn und drängte ihm noch ein Butterbier auf,
drückte ihm Kartoffelchips und Erdnüsse in die Hände ... alle wollten sie
wissen, wie er es geschafft hatte, Dumbledores Alterslinie auszutricksen
und seinen Namenszettel in den Kelch zu werfen ...
»Ich war's nicht«, sagte er immer und immer wieder. »Ich weiß nicht,
was passiert ist.«
Doch er hätte genauso gut den Mund halten können, so wenig hörten sie

ihm zu.
»Ich bin müde!«, brüllte er schließlich, nach fast einer halben Stunde.
»Nein, im Ernst, George, ich geh zu Bett – «
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit Ron und Hermine zu
sprechen und wieder ein wenig zu sich zu kommen, aber keiner von
beiden schien hier zu sein. Noch einmal rief er, dass er Schlaf brauche,
und t rat fast die kleinen CreeveyBrüder platt, die ihm am Fuß der Treppe
auflauerten. Doch dann gelang es ihm, alle abzuschütteln, und er hastete,
so schnell er konnte, die Treppe hoch zum Schlafsaal.
Zu seiner großen Erleichterung fand er Ron noch angezogen auf dem
Bett im sonst leeren Schlafsaal liegen. Dieser hob den Kopf, als Harry
die Tür hinter sich schloss.
»Wo warst du?«, fragte Harry.
»Ach, hallooh«, sagte Ron.
Er grinste, doch es war ein sehr merkwürdiges, gezwungenes Grinsen.
Harry wurde plötzlich klar, dass er immer noch das scharlachrote
Gryffindor -Banner trug, das Lee ihm umgebunden hatte. Rasch wollte er
es losschnüren, doch es war sehr fest verknotet. Ron lag reglos auf dem
Bett und sah Harry zu, wie er verzweifelt versuchte das Tuch
loszuwerden.
»Na denn«, sagte er, als sich Harry endlich von dem Banner befreit und
es in eine Ecke gepfeffert hatte. »Gratuliere.«
»Was soll das denn heißen, gratuliere?«, sagte Harry und sah Ron finster
an. Etwas stimmte offensichtlich nicht mit Rons Lächeln; es war eher
eine Grimasse.
»Na ja ... keiner sonst ist über die Alterslinie gekommen«, sagte Ron.
»Nicht mal Fred und George. Wie hast du's gemacht – mit dem
Tarnurnhang?«
»Mit dem Tarnurnhang wäre ich nicht über diese Linie gekommen«,
sagte Harry langsam.
»Na gu t«, sagte Ron. »Ich dachte nur, du hättest es mir sagen können,
wenn es der Umhang gewesen wäre ... da hätten wir immerhin beide
druntergepasst, oder? Aber du hast was anderes gefunden?«
»Hör zu«, sagte Harry, »ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch
ge worfen. Jemand anderes muss es getan haben.«
Ron hob die Brauen. »Warum sollte jemand das tun?«

»Weiß ich nicht«, sagte Harry. Er hatte das Gefühl, es würde auf
peinliche Art schaurig klingen, wenn er sagen würde, »um mich zu
töten«.
Ron zog die Augenbrauen so weit hoch, dass sie unter seinen Haaren zu
verschwinden schienen.
»Es ist schon in Ordnung, mir jedenfalls kannst du die Wahrheit
erzählen«, sagte er. »Wenn du nicht willst, dass es alle erfahren, schön,
aber ich weiß nicht, waru m du auch noch anfängst zu lügen, du hast ja
nicht einmal Ärger gekriegt, oder? Diese Freundin der fetten Dame,
Violet, hat uns schon alles erzählt. Dumbledore lässt dich teilnehmen.
Tausend Galleonen Preisgeld, aber hallo. Und von den Prüfungen bist du
au ch befreit ...«
»Ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch geworfen!«, sagte Harry
mit einem Anflug von Ärger.
»Jaah, schon gut«, erwiderte Ron und klang dabei genauso ungläubig
wie Cedric. »Aber du hast doch heute Morgen gesagt, du hättest es in der
Nach t getan, damit dich keiner sieht ... ich bin nicht blöd, weißt du.«
»Aber den Blödmann spielst du ziemlich gut«, blaffte ihn Harry an.
»Jaah?«, sagte Ron, und jetzt war keine Spur eines Grinsens, ob echt
oder falsch, auf seinem Gesicht. »Du willst jetzt sicher schlafen, Harry,
ich denke, du musst morgen früh raus, für einen Fototermin oder so
was.«
Ron zog die Vorhänge seines Himmelbetts zu, und Harry stand an der
Tür und starrte auf den dunkelroten Stoff, der nun einen der wenigen
Menschen verbarg, von denen er überzeugt gewesen war, dass sie ihm
glauben würden.

Die Eichung der Zauberstäbe


Als Harry am Sonntagmorgen erwachte, wusste er zunächst nicht,
warum er sich so besorgt und niedergeschlagen fühlte. Dann überkam
ihn die Erinnerung an den Abend zuvor . Er setzte sich auf und riss die
Bettvorhänge zur Seite, um auf der Stelle mit Ron zu sprechen, denn Ron
musste ihm jetzt einfach glauben – doch dann sah er, dass Rons Bett leer
war; offenbar war er schon unten beim Frühstück.
Harry zog sich an und stieg die Wendeltreppe in den Gemeinschaftsraum
hinunter. Kaum war er eingetreten, fingen seine Mitschüler, die schon
gefrühstückt hatten, erneut an zu klatschen. Die Aussicht, in die Große
Halle zu gehen und dort den anderen Gryffindors zu begegnen, die ihn
ebenfalls wie einen Helden feiern würden, war nicht besonders
verlockend; doch sollte er hier bleiben und sich von den
Creevey -Brüdern in die Zange nehmen lassen, die ihn begeistert zu sich
herüberwinkten? Entschlossen ging er zum Porträtloch, kletterte hinau s
und sah sich plötzlich Hermine gegenüber.
»Hallo«, sagte sie. In der Hand hatte sie ein paar in Servietten gewickelte
Toastbrote. »Das hier ist für dich ... hast du vielleicht Lust auf einen
Spaziergang?«
»Gute Idee«, sagte Harry dankbar.
Sie gingen hinu nter, durchquerten rasch die Eingangshalle, gingen
hinaus und schlenderten über den Rasen zum See hinüber, wo das am
Ufer vertäute Schiff der Durmstrangs sich schwarz im Wasser spiegelte.
Es war ein kalter Morgen, und während sie im Gehen ihre Brote aßen,
schilderte Harry ganz genau, was am Abend zuvor, nachdem er den
Gryffindor -Tisch verlassen hatte, geschehen war. Als er merkte, dass
Hermine ihm seine Geschichte ohne weitere Nachfragen glaubte, fiel
ihm ein schwerer Stein vom Herzen.
»Hör mal, natürlich war mir klar, dass du dich nicht selbst ins Spiel
gebracht hast«, sagte sie, nachdem er ihr geschildert hatte, was in dem
Raum hinter dem Lehrertisch geschehen war. »Du hättest dein Gesicht
sehen sollen, als Dumbledore deinen Namen ausgerufen hat! Die Frage
ist nur, wer hat den Zettel wirklich eingeworfen? Denn Moody hat
Recht, Harry ... ich glaube nicht, dass es ein Schüler getan hat ... keiner

von uns hätte es geschafft, den Kelch zu täuschen oder über
Dumbledores Linie –«
»Hast du Ron gesehen?«, warf Harr y ein.
Hermine zögerte.
»Ähm ... ja ... er war beim Frühstück«, sagte sie.
»Glaubt er immer noch, dass ich meinen Namenszettel selbst
eingeworfen habe?«
»Hmh ... nein, ich denke nicht ... nicht wirklich«, sagte Hermine
verlegen.
»Was soll das heißen, nicht wirklich?«
»Oh, Harry, ist das nicht klar?«, sagte Hermine verzweifelt. »Er ist
neidisch!«
»Neidisch?«, sagte Harry ungläubig. »Neidisch auf was? Will er sich
vielleicht vor der ganzen Schule zum Deppen machen?«
»Sieh mal«, sagte Hermine geduldig, »immer bist du es, der alle
Aufmerksamkeit bekommt, das weißt du doch. Natürlich, du kannst
nichts dafür«, fügte sie rasch hinzu, denn Harry riss empört den Mund
auf. »Mir ist klar, du legst es nicht darauf an ... aber – na ja – Ron hat so
viele Brüder, mit denen er sich zu Hause messen muss, und du bist sein
bester Freund und bist richtig berühmt – wenn Leute auf dich
zukommen, wird er immer beiseite gedrängt, und er steckt es weg und
sagt nie ein Wort, aber ich glaube, das war ihm nun doch zu viel ...«
»Groß artig«, sagte Harry erbittert. »Wirklich großartig. Richte ihm von
mir aus, dass ich jederzeit mit ihm tausche. Du kannst ihm ja sagen, er
darf es gerne mal selbst ausprobieren ... wo ich auch hinkomme, ständig
glotzen mir die Leute auf die Stirn ...«
»Ich richte ihm gar nichts aus«, sagte Hermine kurz angebunden. »Sag es
ihm selbst, nur so könnt ihr die Sache zwischen euch klären.«
»Ich lauf ihm doch nicht nach und helf ihm, erwachsen zu werden!«,
sagte Harry so laut, dass einige Eulen in einem nahen Baum erschrocken
aufflatterten. »Vielleicht glaubt er mir erst dann, dass ich es nicht zum
Spaß mache, wenn ich mir den Hals breche oder – «
»Das ist nicht komisch«, sagte Hermine leise. »Das ist überhaupt nicht
komisch.« Sie schien zutiefst beunruhigt. »Harry, ich habe nachgedacht
– du weißt, was wir tun müssen, sobald wir wieder im Schloss sind?«
»Allerdings, Ron einen saftigen Tritt in den – «

»An Sirius schreiben. Du musst ihm sagen, was passiert ist. Er hat dich
gebeten, ihn über alles, was in Hogwarts geschieht, auf dem Laufenden
zu halten ... mir kommt es vor, als hätte er beinahe erwartet, dass so
etwas passiert. Hier, ich hab ein Blatt Pergament und eine Feder
mitgebracht –«
»Nun beruhige dich doch«, sagte Harry und sah sich um, ob jemand
lauschte, doch au ßer ihnen war niemand hier draußen.
»Er ist wieder ins Land gekommen, nur weil meine Narbe geziept hat.
Wahrscheinlich kommt er gleich mit Riesenkaracho ins Schloss
gerauscht, wenn ich ihm sage, dass mich jemand ins Trimagische Turnier
geschmuggelt hat –«
»Das würde er sicher von dir erfahren wollen«, sagte Hermine
beharrlich. »Und er wird es ohnehin rausfinden – «
»Wie?«
»Harry, das wird doch kein Geheimnis bleiben«, sagte Hermine mit
großem Ernst. »Dieses Turnier ist berühmt, und du bist berühmt, ich
wäre wirklich überrascht, wenn der Tagesprophet nichts darüber bringen
würde, dass du teilnimmst ... du stehst doch schon in jedem zweiten
Buch über Du- weißt-schon- wen ... und Sirius würde es lieber von dir
selbst erfahren, da bin ich mir sicher.«
»Schon gut, i ch schreib ihm«, sagte Harry und warf sein letztes Stück
Toast in den See. Sie warteten eine Weile und beobachteten, wie es
zunächst auf dem Wasser trieb, bis ein mächtiger Greifarm aus der Tiefe
heraufstieß und es mit sich hinunterriss. Dann kehrten sie zum Schloss
zurück.
»Wessen Eule soll ich denn losschicken?«, sagte Harry, als sie die
Treppen hochstiegen. »Er hat doch geschrieben, ich solle Hedwig nicht
mehr nehmen.«
»Frag doch Ron, ob er dir nicht – «
»Ich frag Ron gar nichts«, sagte Harry lustlos.
»Da nn leih dir eine von den Schuleulen, die sind für alle da«, sagte
Hermine.
Sie stiegen hoch in die Eulerei. Hermine reichte Harry ein Stück
Pergament, eine Feder und ein Tintenfass, und Harry setzte sich an die
Wand und schrieb seinen Brief. Lieber Sirius, du hast mir geschrieben,
ich solle dich über das, was in Hogwarts passiert, auf dem Laufenden

halten, also los geht's: Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast,
jedenfalls findet dieses Jahr das Trimagische Turnier statt und am
Samstagabend wurde ich zum vierten Champion gewählt. Ich weiß nicht,
wer meinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat, ich jedenfalls war
es nicht. Der andere Hogwarts -Champion ist Cedric Diggory von den
Hufflepuffs. An dieser Stelle hielt er inne und überlegte. Es drängte ihn,
übe r seine Angst zu schreiben, die seit letzter Nacht wie ein riesiger
Knoten in seiner Brust saß, doch ihm fiel nicht ein, wie er dies in Worte
fassen sollte, und so tauchte er die Feder wieder ins Tintenfass und
schrieb nur: Ich hoffe, dir geht es gut und S eidenschnabel auch. Harry
»Fertig«, sagte er zu Hermine, stand auf und klopfte sich das Stroh vom
Umhang. Sofort kam Hedwig auf seine Schulter geflattert und streckte
ein Bein aus.
»Ich kann dich nicht nehmen«, erklärte ihr Harry und sah sich nach den
Schu leulen um. »Ich muss eine von deinen Kolleginnen schicken ...«
Hedwig stieß einen lauten Schrei aus und flatterte so abrupt los, dass ihre
Krallen in seine Schulter schnitten. Während Harry seinen Brief an das
Bein einer großen Schleiereule band, kehrte sie ihm beharrlich den
Rücken zu. Als die Schleiereule dann losgeflogen war, streckte Harry die
Hand aus, um Hedwig zu streicheln, doch sie klackerte nur zornig mit
dem Schnabel und flatterte ins Dachgerüst davon.
»Erst Ron und dann auch noch du«, sagte Harr y wütend. »Ich kann doch
nichts dafür.« Harry hatte die leise Hoffnung gehegt, es würde ihm
besser gehen, sobald alle sich an den Gedanken gewöhnt hatten, dass er
Champion war, doch der Tag darauf zeigte ihm, wie falsch er damit lag.
Er konnte den anderen Mitschülern nicht länger aus dem Weg gehen, da
er jetzt wieder Unterricht hatte – und es war klar, dass die Schüler der
anderen Häuser, genau wie die Gryffindors, dachten, er hätte sich selbst
für das Turnier beworben. Im Gegensatz zu den Gryffindors jedoc h
schienen sie nicht beeindruckt.
Die Hufflepuffs, die normalerweise glänzend mit ihnen auskamen,
zeigten sich erstaunlich abweisend gegen alle Gryffindors. Eine Stunde
Kräuterkunde reichte, um ihnen das klarzumachen. Es war
offensichtlich, dass die Hufflepuffs dachten, Harry hätte ihrem
Champion die Schau gestohlen; vielleicht setzte sich dieser Gedanke bei
ihnen um -so stärker fest, als die Hufflepuffs bislang nur wenig Ruhm

geerntet hatten und Cedric, der einst Gryffindor im Quidditch geschlagen
hatte, einer der wenigen war, die je Lorbeeren für das Haus geholt
hatten. Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley, mit denen Harry
sich sonst gut verstand, redeten nicht mehr mit ihm, obwohl sie am
selben Setzkasten standen und Springende Knollen umtopften. Daf ür
lachten sie spöttisch, als sich eine der Springenden Knollen Harrys Griff
entwand und ihm knallhart ins Gesicht schlug. Auch Ron sprach nicht
mehr mit Harry. Hermine saß zwischen ihnen und machte sehr
gezwungene Konversation. Doch während beide ihr ganz wie immer
antworteten, vermieden sie es, sich gegenseitig in die Augen zu sehen.
Harry hatte das Gefühl, sogar Professor Sprout sei nicht gut auf ihn zu
sprechen – schließlich war sie die Leiterin des Hauses Hufflepuff.
Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich darauf gefreut, Hagrid zu
treffen, doch Pflege magischer Geschöpfe hieß auch, dass sie auf die
Slytherins trafen – das erste Mal seit seiner Wahl zum Champion hatte er
wieder mit ihnen zu tun.
Wie abzusehen kam Malfoy mit jenem hämischen Grinsen, d as bereits
mit ihm verwachsen war, auf Hagrids Hütte zu.
»Aaah, seht her, Jungs, der Champion persönlich«, sagte er zu Crabbe
und Goyle, sobald sie nah genug waren, dass Harry ihn hören konnte.
»Habt ihr eure Autogrammbücher dabei? Dann holt euch besser gl eich
eine Unterschrift, ich bin mir nicht sicher, ob er noch lange unter uns
weilt ... die Hälfte der Turnier -Champions ist umgekommen ... wie
lange, glaubst du, hältst du es aus, Potter? Zehn Minuten in der ersten
Runde, schätze ich.«
Crabbe und Goyle johlten kriecherisch, doch Malfoy verstummte
plötzlich, denn Hagrid kam hinter seiner Hütte hervor, in den Armen
einen wackligen Stapel Holzkisten, die jeweils einen prächtig
gediehenen Knallrümpfigen Kröter enthielten. Zum Entsetzen der Klasse
verkündete Hag rid, der Grund, warum die Kröter sich gegenseitig
umbrächten, sei ganz einfach zu viel angestaute Energie, und die
Therapie bestehe darin, dass sich jeder von ihnen einen Kröter nehme,
eine Leine an ihm befestige und einen kleinen Spaziergang mit ihm
mache . Das einzig Gute an Hagrids Ausführungen war, dass sie Malfoy
auf andere Gedanken brachten.
»Diese Viecher spazieren führen?«, sagte er angewidert und starrte in

eine der Kisten. »Und wo genau sollen wir die Leine befestigen? Um den
Stachel, den Knallrumpf oder den Saugnapf?«
»Um die Mitte«, sagte Hagrid und machte es sogleich vor. »Ähm –
vielleicht zieht ihr eure Drachenhauthandschuhe über, nur so zur
Vorsicht, nich. Harry – komm doch mal her und hilf mir mit diesem
Großen da ...«
In Wahrheit wollte Hagrid ein wenig abseits von der Klasse ein Wort mit
Harry wechseln.
Er wartete, bis die anderen mit ihren Krötern losmarschiert waren, dann
wandte er sich Harry zu und sagte mit ernster Miene: »Also – du kämpfst
mit, Harry. Im Turnier. Schul- Schämpion.«
»Ei ner der Champions«, berichtigte ihn Harry.
Hagrids käferschwarze Augen sahen sehr beunruhigt unter seinen wilden
Brauen hervor. »Keine Ahnung, wer dich da reingebracht hat, Harry?«
»Du glaubst mir also, dass ich es nicht war?«, sagte Harry und konnte
kaum verbergen, wie unendlich dankbar er für Hagrids Worte war.
»Natürlich«, grummelte Hagrid. »Du sagst, du warst es nich, und ich
glaub dir – und Dumbledore glaubt dir nämlich auch.«
»Wenn ich nur wüsste, wer es wirklich war«, sagte Harry erbittert.
Sie sahen hinüber auf den Rasen; Harrys Mitschüler hatten sich weit
über das Gelände verteilt und alle hatten enorme Schwierigkeiten mit
den Krötern. Sie waren inzwischen über einen Meter lang und hatten
gewaltige Kräfte entwickelt. Auch waren sie nicht mehr schalen - und
farblos, sondern hatten eine Art dicken, gräulich glänzenden Panzer
ausgebildet. Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem
Riesenskorpion und einer langen Krabbe – doch Köpfe oder Augen
waren immer noch nicht zu erkennen. Wegen ihrer ungeheuren Kräfte
waren sie kaum noch zu bändigen.
»Sieht ganz danach aus, als hätten sie Spaß dabei, oder?«, sagte Hagrid
munter. Harry nahm an, dass er die Kröter meinte, denn seine Mitschüler
hatten mit Sicherheit keinen Spaß; hin und wieder explodierte einer der
Kröterrümpfe mit einem erschreckend lauten Knall, und das Geschöpf
schleuderte ein paar Meter nach vorn. Nicht wenige Schüler rutschten,
die Leine in der Hand, bäuchlings über den Rasen
und versuchten verzweifelt, wieder auf die Beine zu kommen.
»Ach, ich weiß nicht, Harry«, seufzte Hagrid plötzlich und sah ihn mit

besorgter Miene an. »Schul-Schämpion ... dir scheint auch alles in den
Schoß zu fallen, oder?«
Harry antwortete nicht. Ja, alles schien ihm in den Schoß zu fallen ... das
war ungefähr das, was Hermine bei ihrem Spaziergang um den See
gesagt hatte, und das war ihr zufolge der Grund, warum Ron nicht mehr
mit ihm sprach. Die nächsten Tage gehörten zu den schlimmsten, die
Harry in Hogwarts je erlebt hatte. Ganz ähnlich war es ihm schon einmal
während jener Monate ergangen, als fast alle in Hogwarts ihn verdächtigt
hatten, seine Mitschüler anzugreifen. Doch damals hatte Ron auf seiner
Seite gestanden. Harry hatte das Gefühl, wenn Ron nur wieder sein
Freund wäre, könnte er das Verhalten der anderen leichter ertragen, doch
auf keinen Fall wollte er versuchen, wieder mit Ron zu sprechen, wenn
Ron selbst es nicht wollte. So blieb er einsam und bekam die Abneigung
der anderen täglich zu spüren.
Die Hufflepuffs konnte er verstehen, auch wenn er es nicht gut f and, wie
sie sich aufführten; immerhin hatten sie ihren eigenen Champion, den sie
unterstützen mussten. Von den Slytherins erwartete er ohnehin nichts
anderes als fiese Beleidigungen – dort war er seit langem verhasst, da er
bei den Gryffindors oft tatkräf tig mitgeholfen hatte, die Slytherins zu
besiegen, sowohl im Quidditch als auch im Schulwettkampf der Häuser.
Doch er hatte daraufgesetzt, dass wenigstens die Ravenclaws sich dazu
durchringen würden, ihn ebenso eifrig zu unterstützen wie Cedric. Und
darin hatte er sich geirrt. Die meisten Ravenclaws schienen zu glauben,
er sei nur darauf aus, noch mehr Ruhm zu ernten, und habe deshalb dem
Kelch seinen Namen untergeschoben.
Hinzu kam, dass Cedric einen viel besser aussehenden Champion hergab
als Harry. Cedri c war mit seiner geraden Nase, seinem dunklen Haar und
seinen grauen Augen ungewöhnlich hübsch, und es war schwer zu sagen,
wer dieser Tage mehr Aufmerksamkeit bekam, Cedric oder Viktor
Krum. Tatsächlich beobachtete Harry eines Tages beim Mittagessen
dieselben Mädchen aus der sechsten Klasse, die so scharf auf Krums
Autogramm gewesen waren, wie sie Cedric anflehten, seinen
Namenszug auf ihre Schultaschen zu schreiben.
Unterdessen wartete er immer noch auf eine Antwort von Sirius. Hedwig
weigerte sich, auch nur in seine Nähe zu kommen, Professor Trelawney
sagte seinen Tod mit noch größerer Bestimmtheit als sonst voraus, und

bei Professor Flitwick war er so schlecht im Aufrufezaubern, dass er
noch eine Extraportion Hausaufgaben bekam – als Einziger, abgesehen
von Neville.
»Im Grunde ist es gar nicht so schwer«, versuchte ihn Hermine
aufzumuntern, als sie nach Flitwicks Unterricht hinausgingen – während
der ganzen Stunde hatte sie irgendwelche Gegenstände durchs Zimmer
und in ihre Hände fliegen lassen, als wäre sie ein merkwürdiger Magnet
für Tafelschwämme, Papierkörbe und Lunaskope. »Du hast dich einfach
nicht richtig konzentriert – «
»Und warum wohl?«, sagte Harry niedergeschlagen. Und in diesem
Augenblick ging Cedric Diggory vorbei, umringt von einer Schar gezi ert
lächelnder Mädchen, die Harry ansahen, als ob er ein besonders großer
Knallrümpfiger Kröter wäre. »Na ja – ist doch egal, oder? Ich kann
michja auf heute Nachmittag freuen, Doppelstunde Zaubertränke ...«
Die Doppelstunde Zaubertränke war immer ein schr eckliches Erlebnis,
doch jetzt war es die reine Folter. Anderthalb Stunden lang mit Snape
und den Slytherins in einen Kerker
gesperrt zu sein, die alle entschlossen schienen, Harry so schwer wie
möglich zu bestrafen, weil er es gewagt hatte, Schul- Champion zu
werden, das war so ziemlich das Unangenehmste, was Harry sich
vorstellen konnte. Einen Freitag hatte er schon durchgestanden, mit
Hermine an seiner Seite, die ihm ständig »Scher dich nicht drum, lass sie
reden« zumurmelte, und er wusste nicht, warum es ihm heute besser
ergehen sollte.
Als er nach dem Mittagessen mit Hermine vor Snapes Kerker ankam,
warteten die Slytherins bereits an der Tür, und ausnahmslos alle trugen
große Anstecker an den Umhängen. Einen überdrehten Moment lang
dachte Harry, es seien B.ELFE.R -Anstecker – dann sah er, dass alle
dieselbe Aufschrift in roten Leuchtbuchstaben trugen, die durch das
Dämmerlicht des Kellergangs strahlten:
Ich bin für CEDRIC DIGGORY –
den WAHREN Hogwarts -Champion! »Gefällt's dir, Potter?«, sagte
Malfoy laut, als Harry näher trat. »Und das ist nicht alles – sieh mal!«
Er drückte mit dem Finger auf den Anstecker, die Schrift verschwand
und dann erschienen leuchtend grüne Lettern:
POTTER STINKT Die Slytherins brüllten vor Lachen. Nun drückten

auch die anderen auf ihre Anstecker und schließlich leuchtete im ganzen
Umkreis die Botschaft POTTER STINKT. Harry spürte, wie Hitze in
ihm aufwallte und in Hals und Gesicht stieg.
»Unglaublich witzig«, sagte Hermine trocken zu Pansy Parkinson und
ihrer Bande Slytherin -Mädchen, die sich besonders amüsierten,
»wirklich sehr einfallsreich.«
Ron stand mit Dean und Seamus an der Wand. Er lachte nicht, doch er
sprang Harry auch nicht bei.
»Willst du einen, Granger?«, sagte Malfoy und hielt ihr einen Anstecker
hin. »Ich hab sie kist enweise. Aber berühr bloß nicht meine Hand. Ich
hab sie gerade gewaschen und ich will nicht, dass eine Schlammblüterin
sie einschleimt.«
Es war, als ob der Zorn, den Harry nun seit Tagen mit sich herumtrug,
einen Damm in seiner Brust durchbrach. Er hatte s einen Zauberstab in
der Hand, bevor er recht wusste, was er tat. Einige Umstehende stürzten
sofort in den Kellergang davon.
»Harry!«, warnte ihn Hermine.
»Jetzt mach schon, Potter«, sagte Malfoy leise und zog ebenfalls seinen
Zauberstab. »Moody ist nicht h ier, um dich auf den Schoß zu nehmen –
tu's doch, wenn du den Mumm dazu hast – «
Den Bruchteil einer Sekunde lang sahen sie sich in die Augen, und dann,
in genau demselben Moment, griffen sie an.
»Furnunculus!«, rief Harry.
»Densaugeo!«, schrie Malfoy.
Lichtblitze schössen aus beiden Zauberstäben, trafen sich in der Luft und
schleuderten sich aus der Bahn – Harrys Blitzstrahl traf Goyle im
Gesicht, der Malfoys traf Hermine. Goyle jaulte auf und schlug die
Hände auf seine Nase, wo große, hässliche Blasen aufquollen – Hermine,
panisch wimmernd, presste die Hände auf den Mund.
»Hermine!« Ron stürmte herbei, um zu sehen, was ihr passiert war.
Harry wandte sich um und sah, wie Ron Hermines Hände von ihrem
Gesicht zog. Es war kein schöner Anblick. Hermines Vord erzähne –
ohnehin schon überdurchschnittlich lang – wuchsen mit alarmierender
Geschwindigkeit; mehr und mehr nahm sie das Aussehen eines Bibers an
und ihre Zähne wuchsen weiter, über ihre Unterlippe hinaus, auf ihr
Kinn zu – in ihrer Panik tastete sie danach und schrie von Grauen

gepackt auf.
»Was soll dieser Krach hier?«, sagte eine leise, eiskalte Stimme. Snape
war gekommen.
Die Slytherins redeten laut durcheinander, um ihre Sicht der Dinge
loszuwerden. Snape deutete mit einem langen gelben Finger auf Malfoy
und sagte: »Erkläre.«
»Potter hat mich angegriffen, Sir – «
»Wir haben uns gleichzeitig angegriffen!«, rief Harry.
» – und er hat Goyle getroffen – sehen Sie – «
Snape musterte Goyles Gesicht, das nun nach etwas aussah, das in ein
Buch über Giftpilze gehö rte.
»Krankenflügel, Goyle«, sagte Snape ruhig.
»Malfoy hat Hermine getroffen!«, sagte Ron. »Sehen Sie!«
Er zwang Hermine, Snape ihre Zähne zu zeigen – sie tat ihr Bestes, um
sie mit den Händen zu verbergen, was jedoch schwierig war, denn jetzt
waren sie s chon an ihrem Kragen vorbeigewachsen. Pansy Parkinson
und die anderen Slytherin -Mädchen waren hinter Snapes Rücken in die
Hocke gegangen, kicherten verdruckst und deuteten mit den Fingern auf
Hermine.
Snape sah Hermine kalt an, dann sagte er: »Ich sehe kei nen
Unterschied.«
Hermine ließ ein Wimmern hören; ihre Augen füllten sich mit Tränen,
sie drehte sich auf den Fersen um und rannte, rannte in den Kellergang
hinein und verschwand.
Vielleicht war es ein Glück, dass Harry und Ron gleichzeitig begannen
Snape anzuschreien; ein Glück, dass ihr Geschrei an den steinernen
Kellerwänden widerhallte, denn aus dem lauten Stimmengewirr konnte
Snape nicht genau heraushören, als was sie ihn alles beschimpften. Das
Wesentliche allerdings bekam er mit.
»Schauen wir mal«, s agte er, ölig wie noch nie. »Fünfzig Punkte Abzug
für Gryffindor und Nachsitzen für Potter und Weasley. Jetzt aber rein
oder ihr bleibt eine Woche im Keller.«
In Harrys Ohren rauschte es. So ungerecht war das alles, dass er Snape
am liebsten in tausend sch leimige Stücke zerflucht hätte. Er ging an
Snape vorbei und an Rons Seite in den hinteren Teil des Kerkers, wo er
seine Tasche auf einen Tisch knallte. Auch Ron bebte vor Zorn – einen

Moment lang hatte Harry das Gefühl, alles sei wieder wie früher, doch
dann wandte sich Ron ab, ließ ihn allein am Tisch zurück und setzte sich
zu Dean und Seamus. Vorn in der ersten Reihe drehte Malfoy Snape den
Rücken zu, grinste und drückte auf seinen Anstecker. POTTER STINKT
flammte durch den Kerker.
Harry saß da und starrte Snape an, der zu reden begonnen hatte, und er
stellte sich vor, dass Snape schreckliche Dinge zustießen ... wenn er nur
wüsste, wie dieser Cruciatus -Fluch funktionierte ... er würde Snape flach
auf den Rücken legen wie diese Spinne und zucken und zappeln lassen ...
»Gegengifte!«, sagte Snape und sah sie mit bedrohlich funkelnden kalten
schwarzen Augen an. »Ihr solltet inzwischen eure Rezepte vorbereitet
haben. Ihr werdet jetzt mit aller Sorgfalt eure Tinkturen zubereiten, und
dann werden wir jemanden auss uchen, an dem wir eine davon
ausprobieren ...«
Snape suchte Harrys Blick, und Harry wusste genau, was ihm
bevorstand. Snape würde ihn vergiften. Harry sah sich schon seinen
Kessel packen, nach vorn spurten und ihn über Snapes fettigen Kopf
stülpen –
Und da nn riss ihn ein Klopfen an der Tür aus den Gedanken.
Es war Colin Creevey; er streckte den Kopf durch den Türspalt, strahlte
in Harrys Richtung und ging nach vorn zu Snapes Tisch.
»Ja?«, sagte Snape schroff.
»Bitte, Sir, ich soll Harry Potter nach oben bringen.«
Snape sah an seiner Hakennase entlang hinunter auf Colin, dem das
Lächeln auf dem begeisterten Gesicht sofort gefror.
»Potter hat hier noch eine Stunde Zaubertränke abzusitzen«, sagte Snape
kalt. »Er wird nach oben kommen, wenn der Unterricht zu End e ist.«
Colin lief rosa an.
»Sir – Sir, Mr Bagman will ihn sprechen«, sagte er aufgeregt. »Alle
Champions müssen kommen, ich glaube, sie wollen Fotos von ihnen
machen ...«
Harry hätte alles gegeben, was er besaß , wenn Colin nur nicht die letzten
Worte ausgesprochen hätte. Aus den Augenwinkeln sah er zu Ron
hinüber, doch Ron starrte verbissen an die Decke.
»Von mir aus«, fauchte Snape. »Potter, lass deine Sachen hier, du
kommst so schnell wie möglich zurück, ich will dein Gegengift testen.«

»Bitte, Sir, er muss seine Sachen mitnehmen«, piepste Colin. »Alle
Champions –«
»Schon gut!«, blaffte Snape. »Potter, nimm deine Tasche und
verschwinde hier!«
Harry warf sich die Tasche über die Schulter, stand auf und ging eilig auf
die Tür zu. Als er zwischen den Tischen der Slytherins hindurchging,
blinkte ihn von allen Seiten POTTER STINKT an.
»Ist das nicht toll, Harry?«, sagte Colin, kaum hatte Harry die Kerkertür
hinter sich geschlossen. »Oder, Harry? Dass du Champion bist!«
»Ja, echt toll«, sagte Harry matt, während sie die Stufen zur
Eingangshalle hochgingen. »Wozu brauchen sie Fotos, Colin?«
»Für den Tagespropheten, glaub ich!«
»Großartig«, sagte Harry lahm. »Genau das, was mir fehlt. Noch mehr
Rummel.«
»Viel Glück!«, sagte Colin, als sie vor dem Raum standen. Harry klopfte
und trat ein.
Es war ein recht kleines Klassenzimmer; die meisten Tische waren nach
hinten an die Wand gerückt worden, um in der Mitte viel Platz zu
schaffen; drei Tische jedoch waren längs der Tafel aufgestellt und mit
einem langen samtenen Tuch bedeckt. Fünf Stühle standen hinter diesen
Tischen und auf einem davon saß Ludo Bagman und unterhielt sich mit
einer Hexe in magentarotem Umhang. Harry hatte sie noch nie gesehen.
Viktor Krum stand wie immer missgelaunt in einer Ecke und sprach mit
niemandem. Cedric und Fleur unterhielten sich. Fleur sah um einiges
glücklicher aus, als Harry sie bisher gesehen hatte; immer wieder, wenn
sie den Kopf zurückwarf, leuchtete ihr langes Silberhaar im Licht auf.
Ein di ckbauchiger Mann mit einer großen schwarzen Kamera in der
Hand, aus der es ein wenig rauchte, beobachtete Fleur aus den
Augenwinkeln.
Bagman, der plötzlich bemerkt hatte, dass Harry eingetreten war, sprang
auf und kam beschwingt auf ihn zu. »Aah, da ist er ja! Unser Champion
Nummer vier! Komm herein, Harry, immer rein mit dir ... keine Sorge,
es geht nur um die Eichung der Zauberstäbe, die anderen Schiedsrichter
werden gleich da sein – «
»Eichung der Zauberstäbe?«, fragte Harry nervös.
»Wir müssen prüfen, ob eure Zauberstäbe in Ordnung sind und keine

Probleme machen, da sie doch die wichtigsten Werkzeuge für die
kommenden Aufgaben sind«, sagte Bagman. »Der Fachmann ist gerade
oben bei Dumbledore. Und dann gibt es noch einen kleinen Fototermin.
Darf ich vorstellen, Rita Kimmkorn«, fügte er hinzu und wies auf die
Hexe mit dem magentaroten Umhang, »sie schreibt für den
Tagespropheten einen kleinen Artikel über das Turnier ...«
»Vielleicht nicht ganz so klein, Ludo«, sagte Rita Kimmkorn, die Augen
auf Harry gerich tet.
Sie hatte eine kunstvolle und auffällig steife Lockenfrisur, die überhaupt
nicht zu ihrem schwerkiefrigen Gesicht passen wollte, und trug eine
juwelenbesetzte Brille. Ihre dicken Finger, die den Griff einer
Krokodillederhandtasche umklammerten, endeten in fünf Zentimeter
langen, karmesinrot lackierten Fingernägeln.
»Wäre es vielleicht möglich, dass ich rasch ein Wort mit Harry wechsle,
bevor wir anfangen?«, fragte sie Bagman, ohne den Blick von Harry
abzuwenden. »Der jüngste Champion, Sie wissen schon ... damit das
Ganze ein wenig Pep kriegt?«
»Natürlich!«, rief Bagman. »Das heißt – wenn Harry keine Einwände
hat?«
»Ähm –«, sagte Harry.
»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn, und schon hatten ihre knallroten
Krallenfinger Harry überraschend fest am Oberarm gep ackt. Sie
bugsierte ihn hinaus auf den Gang und öffnete eine Tür nebenan.
»Dort drin ist es doch viel zu laut für uns«, sagte sie. »Sehen wir mal ...
ah ja, hier ist es nett und gemütlich.«
Es war ein Besenschrank. Harry starrte sie an.
»Komm mit, mein Lieber – so ist es recht – wunderbar«, sagte Rita
Kimmkorn, ließ sich vorsichtig auf einem umgekippten Eimer nieder,
drückte Harry hinunter auf einen Pappkarton und schloss die Tür. Es war
stockdunkel. »Wollen mal sehen ...«
Sie ließ ihre Krokodillederhandtas che aufschnappen und zog eine Hand
voll Kerzen heraus, die sie mit einem Schlenker ihres Zauberstabs
entzündete und in der Luft schweben ließ, so dass sie sehen konnten, was
sie taten.
»Du hast doch nichts dagegen, Harry, wenn ich eine
Flotte- Schreibe- Feder benutze? Dann kann ich in aller Ruhe mit dir

reden ...«
»Eine was?«
Rita Kimmkorns Lächeln wurde immer breiter. Harry zählte drei
Goldzähne. Sie steckte die Hand erneut in die Krokodilledertasche und
zog eine lange giftgrüne Feder und eine Rolle Pergamen t hervor, die sie
auf einer Lattenkiste mit Mrs Skowers Magischem Allzweckreiniger
zwischen ihr und Harry ausrollte. Sie nahm die Spitze der grünen Feder
in den Mund, saugte kurz mit offensichtlichem Genuss daran, dann
stellte sie die Feder senkrecht auf d as Pergament, wo sie zitternd auf der
Spitze stehen blieb.
»Probe ... mein Name ist Rita Kimmkorn, Reporterin des
Tagespropheten.«
Harry sah rasch hinunter auf die Feder. Kaum hatte Rita Kimmkorn den
Mund zugemacht, begann die grüne Feder schwungvoll über das
Pergament zu fliegen: Die attraktive Rita Kimmkorn (43), deren feurige
Feder manch einen aufgeblähten Ruf durchlöchert hat – »Wunderbar«,
sagte Rita Kimmkorn erneut, riss das beschriebene Stück Pergament ab,
zerknüllte es und steckte es in ihre Handtas che. Dann beugte sie sich zu
Harry hinüber und sagte: »Nun, Harry ... warum hast du dich
entschlossen, am Trimagischen Turnier teilzunehmen?«
»Ähm –«, sagte Harry, doch die Feder lenkte ihn ab. Obwohl er gar
nichts sagte, flitzte sie über das Pergament und hinterließ als Spur einen
frischen Satz: Eine hässliche Narbe, Erinnerung an seine tragische
Vergangenheit, entstellt den ansonsten durchaus reizenden Harry Potter,
dessen Augen – »Achte nicht auf die Feder, Harry«, sagte Rita
Kimmkorn gebieterisch. Zöger nd sah Harry zu ihr auf. »Nun – warum
hast du beschlossen, am Turnier teilzunehmen, Harry?«
»Das hab ich nicht«, sagte Harry. »Ich weiß nicht, wie mein Name in den
Feuerkelch geraten ist. Ich hab ihn jedenfalls nicht eingeworfen.«
Rita Kimmkorn hob eine mit kräftigem Stift nachgezogene Augenbraue.
»Komm schon, Harry, du brauchst keine Angst zu haben, dass du
Schwierigkeiten bekommst. Wir wissen alle, dass du dich eigentlich gar
nicht hättest bewerben dürfen. Aber mach dir darüber keine Gedanken.
Unsere Leser stehen auf Rebellen.«
»Aber ich habe mich wirklich nicht beworben«, wiederholte Harry. »Ich
weiß nicht, wer – «

»Welches Gefühl hast du, wenn du an die kommenden Aufgaben
denkst?«, fragte Rita Kimmkorn. »Bist du aufgeregt? Nervös?«
»Im Grunde hab ich noch nicht darüber nachgedacht ... Jaah, nervös
vielleicht schon«, sagte Harry. Sein Magen verkrampfte sich
schmerzhaft, während er sprach.
»Es sind schon Champions gestorben!«, sagte Rita Kimmkorn munter.
»Hast du überhaupt schon daran gedacht?«
»Na ja ... si e sagen, es sei dieses Jahr viel sicherer«, sagte Harry.
Die Feder sauste über das Pergament zwischen ihnen, vor und zurück,
als würde sie Schlittschuh laufen.
»Natürlich hast du dem Tod schon einmal ins Angesicht geblickt,
nicht?«, sagte Rita Kimmkorn und musterte ihn scharf. »Wie, würdest du
sagen, hat dich das persönlich betroffen gemacht?«
»Ähm«, sagte Harry noch einmal.
»Glaubst du, dass dich das Trauma deiner Kindheit dazu führt, dich
immer von neuem beweisen zu wollen? Deinem Namen alle Ehre zu
mache n? Bist du vielleicht der Versuchung erlegen, am Trimagischen
Turnier teilzunehmen, weil – «
»Ich hab mich nicht beworben!«, sagte Harry und spürte, wie Zorn in
ihm hochkochte.
»Kannst du dich überhaupt an deine Eltern erinnern?«, fragte Rita
Kimmkorn, ohne auf ihn einzugehen.
»Nein«, sagte Harry.
»Wie, glaubst du, würden deine Eltern sich fühlen, wenn sie wüssten,
dass du am Trimagischen Turnier teilnimmst? Stolz? Besorgt? Wütend?«
Jetzt ging sie Harry entschieden auf die Nerven. Woher um Himmels
willen sollte er wissen, wie sich seine Eltern fühlen würden, wenn sie
noch lebten? Er spürte, dass ihn Rita Kimmkorn scharf beobachtete. Er
runzelte die Stirn, mied ihren Blick und sah hinunter auf das, was die
Feder gerade geschrieben hatte: Tränen erfüllen diese verblüffend grünen
Augen, sobald unser Gespräch sich den Eltern zuwendet, an die er sich
kaum noch erinnern kann. »Ich habe KEINE Tränen in den Augen!«,
sagte Harry laut.
Bevor Rita Kimmkorn ein Wort sagen konnte, ging die Tür des
Besenschranks auf. Harry drehte sich um und blinzelte gegen das helle
Licht. Draußen stand Albus Dumbledore und sah hinunter auf sie beide,

wie sie da im Besenschrank eingepfercht saßen.
»Dumbledore!«, rief Rita Kimmkorn, allem Anschein nach höchst
erfreut – doch Harry bemerkte, d ass Feder und Pergament auf einmal
von der Kiste mit dem Magischen Allzweckreiniger verschwunden
waren und Ritas Klauenfinger den Verschluss ihrer Krokodilledertasche
hastig zuklicken ließen. »Wie geht es Ihnen?«, sagte sie, stand auf und
streckte Dumbledo re eine ihrer großen, männlichen Hände entgegen.
»Ich hoffe, Sie haben im Sommer meinen Artikel über die Konferenz der
Internationalen Zauberervereinigung gelesen?«
»Bezaubernd gehässig«, sagte Dumbledore mit funkelnden Augen.
»Besonders gefallen hat mir I hre Beschreibung meiner Person als eines
in die Jahre gekommenen, altmodischen Narren.«
Rita Kimmkorn schien es nicht im Entferntesten peinlich zu sein. »Ich
wollte eigentlich nur sagen, dass manche Ihrer Vorstellungen ein wenig
veraltet sind, Dumbledore, und dass viele Zauberer, die man so auf der
Straße trifft – «
»Mit Vergnügen würde ich mir die Gründe für diese Gemeinheit
anhören, Rita«, sagte Dumbledore lächelnd und verbeugte sich höflich,
»aber ich fürchte, wir müssen diese Dinge auf später verschieben . Die
Eichung beginnt gleich, und wir können nicht anfangen, solange einer
der Champions in einem Besenschrank versteckt ist.«
Erleichtert, endlich von Rita Kimmkorn loszukommen, ging Harry eilig
zurück in das Klassenzimmer. Die anderen Champions hatten
in zwischen auf Stühlen in der Nähe der Tür Platz genommen und er
setzte sich rasch neben Cedric. Drüben an den samtbedeckten Tischen
saßen jetzt vier der fünf Richter – Professor Karkaroff, Madame
Maxime, Mr Crouch und Ludo Bagman. Rita Kimmkorn ließ sich in
einer Ecke nieder; Harry sah, wie sie das Pergament hastig wieder aus
der Tasche holte, es auf ihren Knien ausbreitete, an der Spitze der
Flotte- Schreibe- Feder nuckelte und sie dann auf das Pergament stellte.
»Darf ich Ihnen Mr Ollivander vorstellen?«, wandte sich Dumbledore an
die Champions, als er seinen Platz am Schiedsrichtertisch einnahm. »Er
wird Ihre Zauberstäbe prüfen, um sicherzustellen, dass sie vor dem
Turnier in gutem Zustand sind.«
Harry wandte den Blick und zuckte überrascht zusammen, als er einen
alten Zauberer mit großen, blassen Augen schweigend am Fenster stehen

sah. Er hatte Mr Ollivander schon einmal getroffen – er war der
Zauberstabmacher aus der Winkelgasse, bei dem Harry vor über drei
Jahren seinen Zauberstab gekauft hatte.
»Mademoiselle Delacour, dürfen wir Sie als Erste nach vorn bitten?«,
sagte Mr Ollivander und schritt auf den freien Platz in der Mitte des
Zimmers zu.
Fleur Delacour schwebte hinüber zu Mr Ollivander und reichte ihm ihren
Zauberstab.
»Hmmm ...«, sagte er.
Er wirbelte den Zauberstab durch die Finger wie einen Taktstock und ein
paar rosa und goldene Funken sprühten aus seiner Spitze hervor. Dann
hob er ihn dicht an die Augen und untersuchte ihn sorgfältig.
»Ja«, sagte er leise, »neuneinhalb Zoll ... unbiegsam ... Rosenholz ... und
er enthält ... meine Güte ...«
»Ein 'aar vom Kopf einer Veela«, sagte Fleur. »Eine meiner
Großmütter.«
Also war Fleur doch eine Art Veela, dachte Harry und nahm sich fest
vor, es gleich nachher Ron zu erzählen ... dann fiel ihm ein, dass Ron ja
nicht mehr mit ihm sprach.
»Ja«, sagte Mr Ollivander, »ja, ich persönlich habe natürlich nie
Veela- Haare verwendet. Ich finde, das ergibt doch recht eigenwillige
Zauberstäbe ... nun, für jeden gibt's den richtigen, und wenn er zu Ihnen
passt .. .«
Mr Ollivander fuhr mit dem Finger über den Zauberstab, offenbar auf
der Suche nach Kratzern oder Höckern; dann murmelte er »Orchideus!«
und ein Strauß Blumen brach aus der Stabspitze hervor.
»Sehr schön, sehr schön, zum Arbeiten völlig geeignet«, sagte Mr
Ollivander, bündelte die Blumen zu einem Strauß und überreichte ihn
Fleur zusammen mit ihrem Zauberstab. »Mr Diggory, Sie sind dran.«
Fleur schwebte zu ihrem Platz zurück, nicht ohne Cedric im
Vorbeigehen ein Lächeln zu schenken.
»Ah, das ist einer von mir, nicht wahr?«, sagte Mr Ollivander mit
deutlich größerer Begeisterung, als ihm Cedric den Zauberstab reichte.
»Ja, ich erinnere mich noch gut daran. Er enthält ein einziges
Schwanzhaar eines besonders gut gewachsenen Einhorns ... muss an die
siebzehn Handbreit lang gewesen sein; hat mich mit seinem Horn fast

noch aufgespießt, nachdem ich an seinem Schwanz gezupft hatte.
Zwölfeinviertel Zoll ... Esche ... federt ganz hübsch. Ist ja in bestem
Zustand ... du pflegst ihn regelmäßig?«
»Hab ihn gestern Abend noch poliert«, sagte Cedric grinsend.
Harry sah auf seinen eigenen Zauberstab hinab. Überall waren
Fingerabdrücke zu sehen. Er hob den Saum seines Umhangs vom Knie,
ballte ihn zusammen und versuchte den Zauberstab möglichst unauffällig
zu putzen. Einige Go ldfunken schössen aus seiner Spitze hervor. Fleur
Delacour versetzte ihm einen recht mitleidigen Blick und daraufhin ließ
er es bleiben.
Mr Ollivander ließ einen Strom silberner Rauchringe aus der Spitze von
Cedrics Zauberstab durchs Zimmer schweben, erklärte sich zufrieden
und sagte dann: »Mr Krum, wenn ich bitten darf.«
Viktor Krum stand auf und schlurfte plattfüßig und mit hängenden
Schultern zu Mr Ollivander hinüber. Er riss seinen Zaubcrstab hervor,
steckte die Hände in die Taschen und wartete mit fins terem Blick.
»Hmm«, sagte Mr Ollivander, »das ist doch einer von Gregorowitsch,
wenn ich mich nicht irre? Ein guter Zauberstabmacher, auch wenn mir
die Gestaltung nicht immer ganz ... allerdings ...«
Er hob den Zauberstab an die Augen und drehte ihn einige Male mit
prüfendem Blick.
»Ja ... Weißbuche und Drachenherzfaser?«, sagte er dann plötzlich, und
Krum nickte. »Doch um einiges dicker, als man ihn sonst zu sehen
bekommt ... recht steif ... zehnein -viertel Zoll ... Avis!«
Der Weißbuchenstab knallte wie ein Gewehr, und ein paar kleine Vögel
flogen zwitschernd aus seiner Spitze hervor und durch das offene Fenster
hinauf in den wolkenverhangenen Himmel.
»Gut«, sagte Mr Ollivander und gab Krum den Zauberstab zurück. »Jetzt
bleibt nur noch ... Mr Potter.«
Harry stand auf und ging an Krum vorbei zu Mr Ollivander. Er reichte
ihm seinen Zauberstab.
»Aaaah, ja«, sagte Mr Ollivander, und seine blassen Augen begannen
plötzlich zu leuchten. »Ja, ja, ja. Wie gut ich mich noch erinnere.«
Auch Harry erinnerte sich noch. E r sah es vor sich, als wäre es gestern
gewesen ...
Vor vier Sommern, an seinem elften Geburtstag, war er zusammen mit

Hagrid in Mr Ollivanders Laden gekommen, um einen Zauberstab zu
kaufen. Mr Ollivander hatte seine Maße genommen und ihm dann einige
Zauberstäbe zum Ausprobieren gegeben. Harry hatte, wie es ihm
vorkam, jeden einzelnen Zauberstab im Laden geschwungen, bis er
endlich den gefunden hatte, der zu ihm passte – dieser hier, der aus dem
Holz einer Stechpalme gefertigt war und eine einzige Feder vom
Schwanz eines Phönix enthielt. Mr Ollivander war sehr überrascht
gewesen, dass Harry so gut zu diesem Zauberstab passte. »Sehr
seltsam«, hatte er gesagt, »... seltsam«, und erst als Harry fragte, was
denn so seltsam sei, hatte Mr Ollivander erklärt, dass d ie Phönixfeder
vom selben Vogel stammte, von dem auch die Feder des Zauberstabs
von Lord Voldemort kam.
Harry hatte dieses Wissen nie mit jemandem geteilt. Ihm gefiel sein
Zauberstab sehr gut, und was ihn anging, war seine Beziehung zu Lord
Voldemorts Zaub erstab etwas, für das er nichts konnte – genauso, wie er
nichts für seine Verwandtschaft mit Tante Petunia konnte. Allerdings
hoffte er inständig, dass Mr Ollivander nicht gleich allen verkünden
würde, was es mit dem Zauberstab auf sich hatte. Er hatte das komische
Gefühl, Rita Kimmkorns Flotte- SchreibeFeder würde sich dann vor
Begeisterung geradezu selbst zerfleddern.
Mr Ollivander wendete für Harrys Zauberstab viel mehr Zeit auf als für
die anderen. Schließlich jedoch ließ er eine Weinfontäne daraus
hervorsprudeln und gab ihn Harry mit der Bemerkung zurück, er sei
immer noch in tadellosem Zustand.
»Ich danke allen«, sagte Dumbledore am Richtertisch und erhob sich.
»Sie können jetzt wieder in den Unterricht zurück – oder vielleicht wäre
es besser, wenn Sie gleich runter zum Essen gehen, da es ohnehin bald
Zeit ist – «
Harry, der das Gefühl hatte, dass heute wenigstens einmal etwas gut
gelaufen war, erhob sich und wollte gerade hinausgehen, als der Mann
mit der schwarzen Kamera aufsprang und sich räusperte.
»F otos, Dumbledore, Fotos!«, rief Bagman aufgeregt. »Alle Richter und
Champions. Was halten Sie davon, Rita?«
»Ähm – ja, erst das Gruppenfoto«, sagte Rita Kimmkorn, den Blick
erneut auf Harry gerichtet. »Und dann vielleicht ein paar
Einzelaufnahmen.«

Die Aufnahmen kosteten viel Zeit. Madame Maxime, wo immer sie auch
stand, stellte alle anderen in den Schatten, und der Fotograf bekam sie
nicht ganz aufs Bild, weil er beim Zurückgehen hinten an die Wand
stieß; schließlich musste sie sich setzen, während sich die anderen um sie
herum aufstellten; Karkaroff wickelte ständig seinen Spitzbart um die
Finger, um ihm einen zusätzlichen Kringel zu verpassen; Krum, von dem
Harry gedacht hatte, er müsse an solche Auftritte gewöhnt sein, drückte
sich halb verdeckt im Hinte rgrund herum. Der Fotograf schien vor allem
erpicht darauf, Fleur im Vordergrund zu haben, doch Rita Kimmkorn
rannte ständig herbei und zerrte Harry nach vorn, damit er besser ins
Bild kam. Dann bestand sie auf Einzelfotos aller Champions. Und
endlich konnten sie gehen.
Harry ging hinunter zum Mittagessen. Hermine war nicht da – er nahm
an, dass sie immer noch im Krankenflügel war und sich die Zähne
wieder in Ordnung bringen ließ. Er aß für sich allein am Tischende, dann
kehrte er zum Gryffindor -Turm zurü ck, in Gedanken bei all den
zusätzlichen Arbeiten, die er für die Aufrufezauber erledigen musste.
Oben im Schlafsaal stieß er auf Ron.
»Du hast eine Eule«, sagte Ron brüsk, sobald Harry hereinkam. Er
deutete auf Harrys Kissen. Dort wartete die Schleiereule der Schule auf
ihn.
»Oh – gut«, sagte Harry.
»Und wir müssen morgen Abend nachsitzen, in Snapes Kerker«, sagte
Ron.
Dann ging er hinaus, ohne Harry auch nur eines weiteren Blickes zu
würdigen. Einen Moment lang wollte Harry ihm nachlaufen – er war sich
ni cht sicher, ob er mit ihm reden oder ihm eine reinhauen sollte, beides
schien seine Reize zu haben - , doch der Drang, Sirius' Antwort zu lesen,
war zu stark. Harry ging hinüber zu der Schleiereule, nahm ihr den Brief
vom Bein und rollte ihn auf. Harry, ich kann in einem Brief nicht alles
sagen, was ich möchte, es ist zu riskant, falls die Eule abgefangen wird –
wir müssen unter vier Augen miteinander reden. Kannst du dafür sorgen,
dass du am 22. November um ein Uhr morgens allein am Kamin im
Gryffindor -Turm bist? Ich weiß besser als alle anderen, dass du auf dich
selbst aufpassen kannst, und solange Dumbledore und Moody in deiner
Nähe sind, glaube ich nicht, dass dir einer was antun kann. Doch genau

daraufscheint sich jemand mit allen Mitteln vorzubereiten. Dich ins
Turnier zu schmuggeln, und dazu noch unter Dumbledores Nase, muss
sehr gefährlich gewesen sein. Sei auf der Hut, Harry. Ich möchte
weiterhin über alles Ungewöhnliche unterrichtet werden. Lass mir wegen
des 22. November so rasch wie möglich eine Nachricht zukommen.
Sirius

Der Ungarische Hornschwanz


Die Aussicht, bald mit Sirius sprechen zu können, war alles, was Harry
während der nächsten zwei Wochen bei Laune hielt, es war der einzige
helle Fleck an einem Horizont, der so dunkel war wie noch nie. Den
Schock, plötzlich SchulChampion zu sein, hatte er inzwischen halbwegs
verkraftet, doch allmählich kroch die Angst vor dem Kommenden in ihm
hoch. Der Tag der ersten Aufgabe rückte immer näher; er hatte das
Gefühl, ein widerliches Monster würde auf ihn zukrauchen und ihm den
Weg versperren. Wie ihm jetzt die Nerven flatterten, war überhaupt nicht
mit dem zu vergleichen, was er vor irgendeinem Quidditch -Spiel
durchgemacht hatte, nicht einmal vor seinem letzten gegen die
Slytherins, bei dem es um den Pokal gegangen war. Harry fiel es schwer,
überhaupt an die Zukunft zu denken, er hatte das Gefühl, sein ganzes
Leben wäre geradewegs auf diese erste Aufgabe zugelaufen und würde
mit ihr auch enden ...
Wie er sich eingestand, hatte er keine Ahnung, wie Sirius ihn eigentlich
aufmuntern sollte, da er doch vor Hunderten von Zuschauern einen
unbekannten, schwierigen und gefährlichen Zauber bewältigen musste,
doch der bloße Anblick eines freundlichen Gesichts war immerhin schon
etwas. Harry antwortete Sirius, er würd e zur vorgeschlagenen Zeit am
Kamin des Gemeinschaftsraums sein, und er überlegte mit Hermine
lange hin und her, wie sie es anstellen könnten, in dieser Nacht etwaige
Trödler zu vertreiben. Wenn alles andere schief gehen sollte, würden sie
es mit einem Sack voll Stinkbomben versuchen, doch sie hofften, das
würde ihnen erspart bleiben – Filch würde sie bei lebendigem Leibe
häuten.
Unterdessen wurde das Leben in den Mauern des Schlosses noch
schwerer für Harry, denn Rita Kimmkorn hatte ihren Bericht über das
Trimagische Turnier veröffentlicht, und wie sich herausstellte, war es
weniger ein Bericht über das Turnier als eine in grellen Farben gemalte
Lebensgeschichte Harrys. Ein Foto von Harry nahm einen großen Teil
der Titelseite ein; der Artikel (fortgesetzt auf den Seiten zwei, sechs und
sieben) drehte sich einzig und allein um Harry, die Namen der
Champions von Beauxbatons und Durmstrang (alle falsch geschrieben)

waren in die letzte Zeile gequetscht worden und Cedric wurde überhaupt
nicht erwähnt.
Der Artikel war vor zehn Tagen erschienen, und noch immer brannte
Harry vor Scham der Magen, wenn er daran dachte. Rita Kimmkorn
zufolge hatte er dies und das und jenes gesagt, doch er konnte sich nicht
erinnern, solche Worte jemals im Leben gebraucht zu haben, und s chon
gar nicht in diesem Besenschrank. »Ich glaube, es sind meine Eltern, die
mir Kraft geben, ich weiß, sie würden sehr stolz auf mich sein, wenn sie
mich jetzt sehen könnten ... ja, nachts weine ich manchmal noch, wenn
ich an sie denke, ich schäme mich n icht, das zuzugeben ... Ich weiß, dass
mir im Turnier nichts zustoßen kann, denn sie wachen über mich ...«
Doch Rita Kimmkorn hatte nicht nur seine »Ähms« in lange, Übelkeit
erregende Sätze verwandelt: Sie hatte auch andere über ihn ausgefragt:
Harry hat in Hogwarts endlich die Liebe gefunden. Sein enger Freund,
Colin Creevey, berichtet, dass Harry fast ständig in Begleitung Hermine
Grangers zu sehen ist, eines umwerfend hübschen muggelstämmigen
Mädchens, das wie Harry zu den besten Schülern des Internats g ehört.
Kaum war der Artikel erschienen, musste es Harry über sich ergehen
lassen, dass seine Mitschüler – vor allem Slytherins lauthals Sätze daraus
vorlasen, wenn er an ihnen vorbeiging, und dazu noch ihre hämischen
Kommentare abgaben.
»Willst vielleicht 'n Taschentuch, Harry, falls du in Verwandlung zu
heulen anfängst?«
»Seit wann bist du einer der Spitzenschüler des Internats, Potter? Oder
soll das eine Schule sein, die du zusammen mit Longbottom gegründet
hast?«
»Hallo – Harry!«, rief jemand im Korridor .
»Ja, ist schon gut«, schrie Harry plötzlich zu seiner eigenen
Überraschung und wirbelte herum. Er hatte es jetzt satt. »Ich hab mir
gerade die Augen ausgeheult wegen meiner toten Mama und will jetzt
gleich noch ein wenig weiterweinen ...«
»Nein – ich meinte doch nur – du hast deine Feder verloren.«
Es war Cho. Harry spürte, wie er rot anlief.
»Oh – danke – tut mir Leid«, nuschelte er und hob die Feder auf.
»Hmmh ... und viel Glück am Dienstag«, sagte sie. »Ich drück dir die
Daumen, dass es gut geht.«

Und Harry stand ziemlich bedröppelt da.
Auch Hermine war nicht zu kurz gekommen und hatte einiges an
Gemeinheiten schlucken müssen, doch noch war es nicht so weit, dass
sie völlig unbeteiligte Zuschauer anschrie; Harry bewunderte sie in
Wahrheit zutiefst für ihre Art, mit der schwierigen Situation umzugehen.
»Umwerfend hübsch? Die?«, hatte Pansy Parkinson gekreischt, als sie
Hermine nach dem Erscheinen von Rita Kimmkorns Artikel zum ersten
Mal begegnet war. »Im Vergleich zu was denn – einem Eichhörnchen?«
»Einf ach nicht beachten«, sagte Hermine kühl, reckte das Kinn und
stapfte an den giggelnden Slytherin -Mädchen vorbei, als wäre sie taub
für deren Worte. »Ist doch schnuppe, Harry.«
Doch Harry war es nicht schnuppe. Ron hatte kein Wort mehr mit ihm
geredet, seit er ihm gesagt hatte, wann sie bei Snape nachsitzen mussten.
Harry hatte schon halb gehofft, dass sie in den zwei Stunden, in denen
sie in Snapes Keller Rattenhirne einpökeln mussten, ihren Streit aus der
Welt schaffen würden, doch an diesem Tag war Ritas Artikel erschienen
und er schien Rons Glaube bestärkt zu haben, dass Harry all die
Aufmerksamkeit so richtig genoss.
Hermine war wütend auf sie beide; sie ging vom einen zum anderen und
versuchte sie zu zwingen, wieder miteinander zu reden, doch Harry
wollte nicht nachgeben: Er würde erst dann wieder mit Ron reden, wenn
Ron zugab, dass Harry seinen Namenszettel nicht in den Feuerkelch
geworfen hatte, und sich dafür entschu ldigte, dass er ihn einen Lügner
genannt hatte.
»Ich hab ja nicht damit angefangen«, sagte Harry eisern. »Das ist sein
Problem.«
»Du vermisst ihn doch!«, sagte Hermine ungeduldig. »Und ich weiß,
dass er dich vermisst – «
»Ich und ihn vermissen?«, sagte Harr y. »Ich vermisse ihn überhaupt
nicht ...«
Doch das war schlicht gelogen. Harry mochte Hermine sehr, doch mit
Ron war es einfach anders. Mit Hermine statt Ron als bestem Freund gab
es viel weniger zu lachen und sie saßen viel länger in der Bibliothek
herum. Harry beherrschte die Aufrufezauber immer noch nicht, etwas in
ihm schien sich sogar dagegen zu sperren, und Hermine beteuerte
unablässig, die Anleitungen in den Büchern würden ihm bestimmt

helfen. So verbrachten sie fast die ganzen Mittagspausen damit, in der
Bibliothek über Wälzern zu brüten.
Auch Viktor Krum war auffällig oft in der Bibliothek, und Harry fragte
sich, was er im Sinn hatte. Lernte er oder suchte er nach einem Buch, das
ihm bei der ersten Aufgabe helfen würde? Hermine beklagte sich häufig,
wenn Krum da war nicht etwa, weil er sie je gestört hätte, sondern weil
immer wieder Scharen kichernder Mädchen auftauchten und ihn hinter
Bücherregalen versteckt beobachteten, und Hermine fand den ganzen
Rummel einfach lästig.
»Er sieht nicht mal gut aus !«, zischelte sie und warf Krums Profil einen
finsteren Blick zu. »Sie stehen doch nur auf ihn, weil er berühmt ist! Sie
würden ihn doch keines Blickes würdigen, wenn er nicht diesen
Wanzki- Stuss beherrschen würde – «
»Wronski -Bluff«, sagte Harry zähneknirs chend. Ganz abgesehen davon,
dass er Wert darauf legte, sorgfältig mit Quidditch -Begriffen
umzugehen, gab ihm auch der Gedanke einen Stich, was für ein Gesicht
Ron wohl machen würde, wenn er Hermine vom Wanzki -Stuss reden
hörte. Es ist merkwürdig, doch wen n man schreckliche Angst vor etwas
hat und alles dafür geben würde, den Lauf der Zeit zu verlangsamen, hat
dieses Etwas die lästige Gewohnheit, noch schneller zu kommen. Die
Tage bis zur ersten Aufgabe glitten dahin, als ob sich jemand an den
Uhren zu schaffen gemacht hätte und diese jetzt doppelt so schnell
liefen. Wohin er auch ging, Harry ließ das Gefühl kaum beherrschter
Panik nicht los, es begleitete ihn genauso hartnäckig wie der Spott über
den Artikel im Tagespropheten.
An dem Samstag vor der ersten Aufgabe durften alle Schüler ab der
dritten Klasse das Dorf Hogsmeade besuchen. Hermine erklärte Harry,
es würde ihm gut tun, für eine Weile aus dem Schloss zu kommen, und
Harry ließ sich nicht lange bitten.
»Aber was ist mit Ron?«, sagte er. »Willst du nicht mit ihm gehen?«
»Oh ... na ja ...« Hermine lief rosa an. »Ich dachte, wir könnten uns mit
ihm in den Drei Besen treffen ...«
»Nein«, sagte Harry nur.
»Ach, Harry, das ist doch bescheuert – «
»Ich komm mit, aber mit Ron treffe ich mich nicht, und ich trage meinen
Tarnurnhang.«

»Na gut, von mir aus ...«, fauchte Hermine, »aber ich kann es nicht
ausstehen, mit dir zu reden, wenn du in diesem Umhang steckst, wo ich
doch nie weiß, ob ich dich jetzt ansehe oder nicht.«
Also zog Harry im Schlafsaal seinen Tarnu rnhang an, ging wieder nach
unten und machte sich zusammen mit Hermine auf den Weg nach
Hogsmeade.
Unter diesem Umhang fühlte sich Harry wunderbar frei; er beobachtete,
wie die anderen Schüler an ihnen vorbei ins Dorf gingen, die meisten mit
CEDRIC DIGGORY -Ansteckern auf der Brust, doch zur Abwechslung
musste er sich keine hämischen Bemerkungen anhören und niemand las
aus diesem fürchterlichen Artikel vor.
»Mich starren die Leute jetzt ständig an«, sagte Hermine missgelaunt, als
sie aus dem Honigtopf kamen und sich über die großen sahnegefüllten
Schokoriegel hermachten. »Sie glauben, ich führe Selbstgespräche.«
»Dann beweg eben deine Lippen nicht.«
»Hör mal zu, ich bitte dich, nimm doch für eine Weile diesen Umhang
ab. Hier belästigt dich doch keiner.«
»Ach ja?«, sagte Harry. »Dann dreh dich mal um.«
Rita Kimmkorn und ihr Freund, der Fotograf, hatten gerade den Pub Drei
Besen verlassen. In ein gedämpftes Gespräch vertieft, gingen sie direkt
an Hermine vorbei ohne sie eines Blickes zu würdigen. Harry drückte
s ich an die Hausmauer des Honigtopfes, denn er sah es schon kommen,
dass ihm Rita Kimmkorn mit ihrer Krokodilledertasche eins überzog.
Als sie vorbei waren, sagte Harry: »Sie hat sich hier im Dorf ein Zimmer
genommen. Ich wette, sie sieht sich das Turnier an.«
Noch während er sprach, durchflutete die Angst seinen Magen wie ein
Strom heißer Lava. Er sagte Hermine kein Wort davon; sie hatten kaum
darüber gesprochen, was in der ersten Aufgabe wohl auf ihn zukommen
würde; er hatte den Eindruck, dass sie nicht darüber nachdenken wollte.
»Sie ist weg«, sagte Hermine und spähte durch Harry hindurch zum
Ende der Hauptstraße. »Wie war's, wenn wir in den Drei Besen ein
Butterbier trinken? Es ist doch ziemlich frisch hier draußen, oder? Und
du musst ja nicht mit Ron red en!«, fügte sie, sein Schweigen richtig
deutend, verärgert hinzu.
Die Drei Besen waren brechend voll, vor allem mit Hogwarts -Schülern,
die ihren freien Nachmittag feierten, doch auch mit einem Typ von

magischen Menschen, wie sie Harry anderswo kaum zu Gesicht bekam.
Da Hogsmeade das einzige nur von Zauberern und Hexen bewohnte
Dorf in Großbritannien war, vermutete Harry, dass es eine Art Zuflucht
war für Geschöpfe wie die Sabberhexen, die sich nicht so geschickt
tarnen konnten wie Zauberer.
Es war gar nicht einfach, sich mit dem Tarnurnhang durch die Menge zu
bewegen, denn wenn man zufällig jemandem auf die Füße trat, führte
dies meist zu peinlichen Fragen. Harry schlängelte sich vorsichtig zu
einem freien Tisch in der Ecke durch, während Hermine an der Thek e
etwas zu trinken holte. Auf dem Weg nach hinten sah Harry Ron an
einem Tisch mit Fred, George und Lee Jordan sitzen. Er hatte große
Lust, Ron einen deftigen Klaps auf den Hinterkopf zu versetzen, ließ es
dann aber doch lieber sein. Endlich schaffte er es zu seinem Tisch und
setzte sich.
Hermine kam einen Augenblick später und schob ihm unauffällig ein
Butterbier unter den Tarnurnhang.
»Die halten mich sicher für bescheuert, hier ganz allein rumzusitzen«,
murmelte sie. »Ein Glück, dass ich was zum Arbeiten mitgebracht
habe.«
Sie zog ein Notizbuch heraus, in dem sie eine Liste der
B.ELFE.R -Mitglieder führte. Harry sah seinen und Rons Namen ganz
oben auf der sehr kurzen Liste stehen. Es schien so furchtbar lange her
zu sein, dass er mit Ron zusammen an d en Prophezeiungen gebastelt
hatte, bis dann Hermine aufgetaucht war und sie zu Sekretär und
Schatzmeister ernannt hatte.
»Weißt du, vielleicht sollte ich einfach mal versuchen, ein paar von den
Dorfleuten für B -ELFE- R zu gewinnen«, sagte Hermine nachdenklich
und sah sich im Pub um.
»Ja, schon gut«, sagte Harry. Er trank einen Schluck Butterbier unter
seinem Tarnurnhang. »Hermine, wann gibst du diesen Belfer -Kram
endlich auf?«
»Wenn die Hauselfen anständige Löhne und Arbeitsbedingungen
haben!«, zischelte sie zurück. »Allmählich glaube ich, es ist an der Zeit,
etwas Handfestes zu unternehmen. Weißt du zufällig, wie man in die
Schulküche kommt?«
»Keine Ahnung, frag doch Fred und George«, sagte Harry.

Hermine verfiel in nachdenkliches Schweigen; Harry trank sein
Butterbier und beobachtete die Leute im Pub. Alle wirkten gut gelaunt
und entspannt. Ernie Macmillan und Hannah Abbott, beide mit CEDRIC
DIGGORY- Ansteckern auf den Umhängen, tauschten an einem
Nachbartisch Schokofrosch -Karten. Drüben an der Tür sah er Cho und
eine größere Schar ihrer Freunde aus Ravenclaw. Einen CEDRIC
DIGGORY- Anstecker trug sie allerdings nicht ... und das munterte Harry
ein wenig auf ...
Was hätte er nicht alles gegeben, um zu ihnen zu gehören, die da saßen
und lachten und sich unterhiel ten und keine größeren Sorgen kannten als
die Erledigung ihrer Hausaufgaben! Er stellte sich vor, wie er sich hier
fühlen würde, wenn der Feuerkelch nicht seinen Namen ausgespuckt
hätte. Zunächst einmal würde er keinen Tarnurnhang tragen. Ron würde
bei ihm sitzen. Alle drei würden sie wahrscheinlich ganz ausgelassen
darüber nachdenken, welche Aufgabe die Schul- Champions am Dienstag
unter Todesgefahr zu lösen haben würden. Wie er sich darauf freuen
würde, ihnen zuzusehen ... ungefährdet irgendwo hinten auf den Rängen
zu sitzen und Cedric anzufeuern ...
Er fragte sich, wie sich die anderen Champions fühlten. Jedes Mal, wenn
er Cedric in letzter Zeit gesehen hatte, war er von Bewunderern umringt
gewesen und hatte zwar nervös, aber auch freudig erregt ausgesehen .
Fleur Delacour hatte Harry hin und wieder kurz im Vorbeigehen
gesehen; sie wirkte so wie immer, hochmütig und nicht die Spur nervös.
Und Krum saß die ganze Zeit in der Bibliothek und brütete über
irgendwelchen Büchern.
Harry dachte an Sirius und der festgezurrte Knoten in seiner Brust schien
sich ein wenig zu lockern. In gut zwölf Stunden würde er mit ihm
sprechen können, denn heute Nacht wollten sie sich am Kamin des
Gemeinschaftsraums treffen – vorausgesetzt, dass nichts schief ging, wo
doch in letzter Zeit alles schief gegangen war ...
»Sieh mal, da ist Hagrid!«, sagte Hermine.
Hagrids gewaltiger zottiger Hinterkopf – die beiden Zöpfe hatte er
dankenswerterweise wieder aufgelöst - tauchte über der Menge auf.
Harry fragte sich, warum er ihn nicht gleich g esehen hatte, da Hagrid so
groß war; doch als er vorsichtig aufstand, sah er, dass Hagrid sich
hinuntergebeugt und mit Professor Moody gesprochen hatte. Hagrid

hatte seinen üblichen mächtigen Humpen vor sich, doch Moody trank
aus seinem Flachmann. Madam Rosmerta, die hübsche Wirtin, schien
davon nicht viel zu halten; als sie die Gläser von den umstehenden
Tischen einsammelte, warf sie Moody einen scheelen Blick zu.
Vielleicht dachte sie, Moody würde ihren heißen Met verschmähen, doch
Harry wusste es besser. Moody hatte ihnen in der letzten Stunde
Verteidigung gegen die dunklen Künste erzählt, dass er es vorzog, sich
sein Essen und seine Getränke immer selbst zu bereiten, da es für einen
schwarzen Magier so einfach war, einen unbewachten Becher zu
vergiften. Harry sah jetzt, wie Hagrid und Moody Anstalten machten zu
gehen. Er winkte ihnen, dann fiel ihm ein, dass Hagrid ihn ja gar nicht
sehen konnte. Moody jedoch hielt inne, das magische Auge auf die Ecke
gerichtet, in der Harry stand. Er stupste Hagrid ins Kr euz (seine Schulter
konnte er ja nicht erreichen), murmelte etwas und die beiden kamen
durch den Pub auf Harrys und Hermines Tisch zu.
»Alles klar, Hermine?«, sagte Hagrid laut.
»Hallo«, sagte Hermine und lächelte ihn an.
Moody hinkte um den Tisch herum und beugte sich vor; Harry dachte, er
würde das B.ELFE.R -Notizbuch lesen, bis Moody murmelte: »Hübscher
Umhang, Potter.«
Harry starrte ihn verdutzt an. Moodys Nase mit dem großen fehlenden
Stück war im Abstand von einigen Zentimetern besonders eindrucksvoll.
Moody grinste.
»Kann Ihr Auge – ich meine, können Sie – ?«
»Ja, ich kann durch Tarnumhänge sehen«, sagte Moody gedämpft. »Und
das war schon einige Male recht nützlich, kann ich dir sagen.«
Auch Hagrid strahlte zu Harry hinunter. Harry wusste, dass Hagrid ihn
nicht sehen konnte, doch Moody hatte ihm offenbar erzählt, dass er hier
saß. Hagrid beugte sich jetzt über den Tisch, tat so, als würde auch er das
B.ELFE.R -No -tizbuch lesen, und flüsterte dann so leise, dass nur Harry
ihn hören konnte: »Harry, komm heu t um Mitternacht runter zu meiner
Hütte. Trag diesen Umhang.«
Dann richtete er sich auf und sagte laut: »War nett, dich zu sehen,
Hermine«, zwinkerte und ging davon. Moody folgte ihm.
»Warum will er, dass ich ihn um Mitternacht treffe?«, fragte Harry
vollk ommen überrascht.

»Keine Ahnung, was er vorhat«, sagte Hermine ebenfalls verdutzt. »Und
ich weiß auch nicht, ob du gehen solltest, Harry ...« Sie sah sich nervös
um und zischte: »Denn dann verpasst du vielleicht Sirius.«
Sie hatte Recht. Hagrid um Mitterna cht zu treffen, hieß, dass es für die
Zusammenkunft mit Sirius ganz schön knapp wurde; Hermine schlug
vor, sie sollten Hedwig schicken, um Hagrid abzusagen – immer
vorausgesetzt, sie würde sich dazu herablassen - , doch Harry hielt es für
besser, Hagrid kur z anzuhören und dann rasch wieder zu verschwinden.
Er war sehr neugierig, was es sein könnte; noch nie hatte Hagrid ihn
gebeten, so spät noch zu kommen. Um halb zwölf nachts zog Harry, der
verkündet hatte, er wolle heute früh schlafen gehen, den Tarnurnhan g
erneut an, ging hinunter und schlich sich durch den Gemeinschaftsraum.
Es waren durchaus noch einige Mitschüler da. Die Creevey -Brüder
hatten es geschafft, einen Stapel »Ich bin für CEDRIC
DIGGORY« -Anstecker in die Finger zu bekommen, und versuchten sie
jetzt zu verhexen, damit es stattdessen »Ich bin für HARRY POTTER«
hieß. Bislang jedoch war es ihnen nur gelungen, die erste Aufschrift zu
löschen, so dass jetzt nur noch POTTER STINKT angezeigt wurde.
Harry drückte sich an ihnen vorbei zum Porträtloch und wartete, die
Augen auf die Uhr gerichtet, gut eine Minute. Dann öffnete Hermine von
der anderen Seite die fette Dame, wie sie es abgemacht hatten. Er glitt
mit einem geflüsterten »Danke!« an ihr vorbei und machte sich auf den
Weg durch das Schloss.
Draußen auf den Ländereien war es stockfinster. Harry lief über das Gras
auf die Lichter von Hagrids Hütte zu. Auch die riesige
Beauxbatons -Kutsche war hell erleuchtet; Harry konnte Madame
Maxime drinnen reden hören, als er an Hagrids Tür klopfte.
»Bist du das, Harry?«, flüsterte Hagrid, öffnete die Tür und spähte
umher.
»Ja«, sagte Harry, huschte hinein und zog sich den Umhang vom Kopf.
»Was gibt's?«
»Will dir nur was zeigen«, sagte Hagrid.
Hagrid machte einen ungeheuer aufgeregten Eindruck. Er trug eine
Blume i m Knopfloch, die einer übergroßen Artischocke ähnelte. Es
schien, als würde er inzwischen auf Schmierfett verzichten, doch er hatte
offensichtlich versucht sich zu kämmen – ein paar abgebrochene

Kammzähne waren in die Haare verknotet.
»Um was geht es denn? «, sagte Harry lustlos und fragte sich, ob die
Kröter vielleicht Eier gelegt hatten oder ob Hagrid es wieder einmal
geschafft hatte, einem Wildfremden in der Kneipe einen dreiköpfigen
Riesenhund abzukaufen.
»Sei leise, versteck dich unter deinem Umhang und komm mit«, sagte
Hagrid. »Fang lassen wir hier, dem wird es nicht gefallen ...«
»Hör mal, Hagrid, ich kann nicht lange bleiben ... ich muss um ein Uhr
wieder im Schloss oben sein – «
Doch Hagrid hörte nicht zu; er öffnete die Hüttentü r und marschierte
hinaus in die Dunkelheit. Harry beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten,
und stellte überrascht fest, dass Hagrid ihn zur Kutsche der Beauxbatons
führte.
»Hagrid, was – ?«
»Schhh!«, machte Hagrid und klopfte dreimal gegen die Tür mit den
g ekreuzten goldenen Zauberstäben.
Madame Maxime öffnete. Sie hatte einen Seidenschal um ihre massigen
Schultern geschlungen und lächelte, als sie Hagrid sah. »Aa, 'Agrid ... ist
es schon Sseit?«
»Bong- soar«, sagte Hagrid und strahlte sie an, dann reichte er ihr die
Hand und half ihr die goldenen Stufen hinunter.
Madame Maxime schloss die Tür hinter sich, Hagrid bot ihr den Arm an
und sie machten sich auf den Weg um die Koppel mit Madame Maximes
geflügelten Riesenpferden. Harry, vollkommen perplex, musste ren nen,
um Schritt zu halten. Hatte Hagrid ihm nur Madame Maxime zeigen
wollen? Er konnte sie doch jederzeit sehen ... sie war ja nicht gerade
schwer zu verfehlen ...
Doch offenbar hatte Hagrid Madame Maxime ebenfalls zu diesem
Ausflug eingeladen, denn nach e iner Weile sagte sie neckisch: »Wo
führen Sie misch denn 'in, 'Agrid?«
»Verrat ich nicht«, sagte Hagrid ruppig. »Wird Ihnen gefallen, das kann
ich versprechen. Aber – sagen Sie keinem was davon, ja? Denn
eigentlich dürfen Sie es gar nicht sehen.«
»Natürlis ch nischt«, sagte Madame Maxime und klimperte mit ihren
langen schwarzen Wimpern.
Und sie gingen weiter. Harry ärgerte sich immer mehr, dass er überhaupt

hinter den beiden hertrabte, und sah ständig auf die Uhr. Hagrid musste
irgendetwas Hirnrissiges vorhaben und deshalb würde er vielleicht auch
noch Sirius verpassen. Wenn sie nicht bald da waren, würde er einfach
kehrtmachen und ins Schloss zurücklaufen. Hagrid konnte dann seinen
Mondscheinspaziergang mit Madame Maxime alleine genießen ...
Doch dann – sie waren schon so weit am Wald entlanggelaufen, dass
Schloss und See nicht mehr zu sehen waren - hörte Harry etwas. In
einiger Entfernung von ihnen riefen und schrien Männer durcheinander
... dann hörte er ein markerschütterndes, tromnielfellzerfetzendes Brüllen
...
Hagrid führte Madame Maxime um eine dichte Baumgruppe herum und
blieb stehen. Harry hastete ihnen nach und stellte sich neben sie. Für den
Bruchteil einer Sekunde meinte er einige große Erntefeuer zu erkennen
und Männer, die um sie herumrannten – doch dann klappte ihm der
Mund auf.
Drachen.
In einem mit schweren Holzplanken umgrenzten Gehege standen vier
ausgewachsene, gewaltige, bösartig aussehende Drachen brüllend und
schnaubend auf den Hinterbeinen – aus ihren weit aufgerissenen, mit
Fangzähnen ge spickten Mäulern, fünfzehn Meter hoch auf den gereckten
Hälsen, schössen lange Stichflammen in die Nacht. Da war ein
blaugrauer Drache mit langen, spitzen Hörnern, der fauchend nach den
Zauberern am Boden schnappte; ein glattschuppiger grüner Drache
schlän gelte und wand sich mit aller Kraft und schlug mit dem Schwanz
wild um sich; ein roter Drache mit einem merkwürdigen Kranz aus
scharfen Goldzacken um das Gesicht spie pilzförmige Feuerwolken in
die Luft, und ganz in der Nähe stand ein gigantischer schwarzer Drache,
der viel mehr als die anderen einer Riesenechse ähnelte.
Mindestens dreißig Zauberer, sieben oder acht für jeden Drachen,
versuchten sie zu bändigen, sie zogen und rissen an Ketten, die an
schweren Lederriemen um Hälse und Leiber der Drachen befestigt
waren. Wie in Trance hob Harry den Kopf und sah hoch über sich die
Augen des schwarzen Drachen mit senkrecht stehenden Katzenpupillen
aus ihren Höhlen quellen, rasend vor Angst oder Wut, Harry wusste es
nicht ... das Heulen und Kreischen und Brüllen des Drachen war
grauenhaft anzuhören ...

»Bleib ja dahinten stehen, Hagrid!«, rief ein Zauberer am Gehege und
zerrte an der Kette in seiner Hand. »Sie können im Umkreis von sieben
Metern Feuer speien! Und ich hab gesehen, wie dieser Hornschwanz es
doppelt so weit geschafft hat!«
»Sind sie nicht schön?«, sagte Hagrid leise.
»So kommen wir nicht weiter!«, rief ein anderer Zauberer.
»Schockzauber, ich zähle bis drei!«
Harry sah, wie die Drachenwärter ihre Zauberstäbe zogen.
»Stupor!«, riefen alle wie aus einem Mund, und die Schockzauber rasten
durch die Dunkelheit wie die Feuerschweife von Raketen und schlugen
Funken stiebend gegen die Schuppenpanzer der Drachen –
Harry sah, wie der Drache in ihrer Nähe auf seinen Hinterbeinen ins
Wanken geriet; jäh riss er seinen Rachen zu einem stummen Heulen auf;
seine Nüstern waren plötzlich erloschen, auch wenn sie noch rauchten.
Dann, ganz langsam, kippte er hintenüber, und mehrere Tonnen zähes,
schuppiges schwarzes Drachenfleisch krachten mit einem Rums zu
Boden, der, wie Harry geschworen hätte, die Bäume hinter ihm erzittern
ließ.
Die Drachenwärter senkten ihre Zauberstäbe und gingen auf ihre
niedergestreckten Schützlinge zu, jeder so groß wie ein kleiner Hügel.
Hastig zogen sie die Ketten enger und banden sie an eisernen Stangen
fest, die sie mit ihren Zauberstäben tief in die Erde trieben.
»Woll'n wir näher rangehn?«, fragte Hagrid Madame Maxime mit
begeisterter Miene. Die beiden gingen vor bis zur Einfriedung und Harry
folgte ihnen. Der Zauberer, der Hagrid ermahnt hatte, nicht näher zu
kommen, wandte sich um und erst jetzt erkannte ihn Harry – es war
Charlie Weasley.
»Wie geht's, Hagrid?«, keuchte er und kam auf ein paar Worte herüber.
»Jetzt müssten sie sich langsam beruhigt haben – wir hatten ihnen für
den Weg hierher ein Schlafelixier verpasst und dachten, es wäre besser
für sie, wenn sie nachts und in aller Ruhe aufwachen – aber wie du
gesehen hast, waren sie nicht glücklich, überhaupt nicht glücklich – «
»Welche Arten hast du denn hier, Charlie?«, fragte Hagrid und s tarrte
den in der Nähe liegenden Drachen – es war der schwarze – mit beinahe
ehrfürchtiger Miene an. Die Augen des Drachen waren nur noch einen
Schlitz breit offen. Unter seinem runzligen schwarzen Augenlid konnte

Harry einen gelb glühenden Streifen sehen.
»Das ist ein Ungarischer Hornschwanz«, sagte Charlie. »Dort drüben ist
ein Gemeiner Walisischer Grünling, der kleine da – dieser blaugraue –
ist ein Schwedischer Kurzschnäuzler und der rote dort ist ein
Chinesischer Feuerball.«
Charlie wandte sich um; Mad ame Maxime hatte sich entfernt und
schlenderte, die betäubt daliegenden Drachen musternd, an der
Einfriedung des Geheges entlang.
»Ich wusste nicht, dass du sie mitbringen würdest, Hagrid«, sagte
Charlie stirnrunzelnd. »Die Champions sollen nicht wissen, was sie
erwartet – sie erzählt es sicher ihrer Schülerin, oder?«
»Dachte mir nur, sie würd sie gern sehen«, sagte Hagrid achselzuckend,
ohne jedoch seinen träumerischen Blick von den Drachen abzuwenden.
»Wirklich 'ne romantische Verabredung, Hagrid« , sagte Charlie
kopfschüttelnd.
»Vier ...«, sagte Hagrid, »also einen für jeden Champion? Was müssen
sie tun – gegen sie kämpfen?«
»Nur an ihnen vorbeikommen, glaub ich«, sagte Charlie. »Wir sind
dabei, falls es ernst werden sollte, und halten die Feuerlös chzauber
ständig bereit. Sie wollten brütende Weibchen haben, ich weiß nicht,
warum ... aber ich sag dir, wer es mit dem Hornschwanz zu tun kriegt,
der ist nicht zu beneiden. Bösartiges Vieh. Sein Hinterteil ist genauso
gefährlich wie die Schnauze, sieh nu r.«
Charlie deutete auf das Hinterteil des Hornschwanzes, und Harry konnte
erkennen, dass der Schwanz des Drachen über und über mit bronzenen
Stacheln gespickt war.
In diesem Moment wankten fünf von Charlies Wärterkollegen auf den
Hornschwanz zu, die zwischen sich ein Tuch aufgespannt hielten, auf
dem ein Gelege aus mächtigen granitgrauen Eiern lag. Sie legten die Eier
vorsichtig an den Bauch des Hornschwanzes. Hagrid stöhnte
sehnsuchtsvoll auf.
»Ich hab sie zählen lassen, Hagrid«, sagte Charlie streng. »Wie geht's
eigentlich Harry?«
»Gut«, sagte Hagrid. Seine Augen ruhten immer noch auf den Eiern.
»Ich hoffe nur, es geht ihm auch noch gut, nachdem er sich mit dieser
Meute hier herumgeschlagen hat«, sagte Charlie grimmig und ließ den

Blick über die Drachenkoppel schweifen. »Ich hab mich nicht mal
getraut, Mum zu sagen, was er bei der ersten Aufgabe tun muss, sie
kriegt ohnehin Zustände, wenn sie an ihn denkt ...« Charlie ahmte jetzt
die besorgte Stimme seiner Mutter nach. »» Wie konnten sie es nur
zulassen, d ass er an diesem Turnier teilnimmt, er ist noch viel zu jung!
Ich dachte, sie wären davor sicher, es gab doch eine Altersbegrenzung!«
Nachdem sie diesen Artikel über ihn im Tagespropheten gelesen hatte,
war sie vollkommen aufgelöst. » Er weint immer noch w egen seiner
Eltern! Oh, der Arme, wenn ich das gewusst hätte!««
Harry hatte es jetzt satt. Hagrid hatte immerhin vier leibhaftige Drachen
und Madame Maxime, denen er seine Aufmerksamkeit schenken konnte,
und so würde er Harry sicher nicht vermissen. Er drehte sich geräuschlos
um und machte sich auf den Rückweg zum Schloss.
Er wusste nicht, ob er froh sein sollte, gesehen zu haben, was auf ihn
zukam. Vielleicht war es besser so. Den ersten Schreck hatte er schon
überstanden. Wenn er die Drachen am Dienstag zum ersten Mal gesehen
hätte, dann wäre er womöglich vor aller Augen ohnmächtig geworden ...
vielleicht jedoch würde ihm das ohnehin passieren ... er würde mit
seinem Zauberstab bewaffnet – der jetzt, wenn er daran dachte, nur ein
dünnes Stück Holz war – ge gen einen fünfzehn Meter hohen,
schuppigen, stachelbewehrten, Feuer speienden Drachen antreten. Und er
musste an ihm vorbeikommen. Unter den Augen aller. Wie?
Harry ging am Waldrand entlang und beschleunigte jetzt seine Schritte;
er hatte nur noch fünfzehn Minuten, um zum Kamin zu gelangen und mit
Sirius zu sprechen. Und er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so
danach gesehnt zu haben, mit jemandem zu reden – und dann stieß er
urplötzlich gegen etwas Festes und fiel rücklings auf die Erde.
Seine Brille baumelte nur noch an einem Ohr und er zog den
Tarnurnhang fest um sich. Dann hörte er, ganz nahe, eine Stimme:
»Autsch! Wer da!«
Harry prüfte hastig, ob ihn der Tarnumhang ganz verhüllte, blieb reglos
liegen und sah hinauf zu dem schwarzen Umriss des Zaub erers, mit dem
er soeben zusammengestoßen war. Er erkannte den Spitzbart ... es war
Karkaroff.
»Wer ist da?«, sagte Karkaroff erneut argwöhnisch und spähte in der
Dunkelheit umher. Harry rührte sich nicht und gab keine Antwort. Nach

ungefähr einer Minute schien Karkaroff zu dem Schluss gekommen zu
sein, dass irgendein Tier ihn angefallen habe; er sah auf Hüfthöhe um
sich her, als ob er erwartete, einen Hund zu sehen. Dann schlich er
zurück in den Schutz der Bäume und stahl sich weiter zum
Drachengehege vor.
Langsam und umsichtig stand Harry auf und ging dann, so schnell er
konnte, ohne allzu viel Geräusche zu machen, weiter in Richtung
Schloss.
Harry wusste genau, was Karkaroff im Schilde führte. Er hatte sich von
seinem Schiff geschlichen und wollte auskund schaften, worin die erste
Aufgabe bestand. Vielleicht hatte er sogar Hagrid und Madame Maxime
zusammen am Wald entlanggehen sehen ... und nun musste Karkaroff
nur ihren Stimmen folgen, dann würde auch er, wie schon Madame
Maxime, genau wissen, was die Cham pions erwartete. So, wie es jetzt
aussah, würde Cedric am Dienstag der Einzige sein, der nicht wusste,
was auf ihn zukam.
Harry erreichte das Schloss, glitt durchs Portal und stieg die
Marmortreppe hoch; er atmete schwer, doch er wagte es nicht, ein wenig
langsamer zu gehen ... er hatte nur noch fünf Minuten, um nach oben
zum Kamin zu kommen ...
»Quatsch!«, keuchte er vor der fetten Dame, die in ihrem Bild vor dem
Porträtloch döste.
»Wenn du meinst«, murmelte sie schläfrig, und ohne die Augen zu
öffnen, ließ sie das Bild zur Seite schwingen und gab den Weg frei.
Harry kletterte hinein. Der Gemeinschaftsraum war menschenleer, und
da es hier wie immer roch, hatte Hermine offenbar keine Stinkbomben
werfen müssen, um ihm und Sirius ein Gespräch unter vier Augen zu
ermöglichen.
Harry zog sich den Tarnurnhang vom Kopf und warf sich in einen Sessel
vor dem Feuer. Der Raum lag im Halbdunkel; nur die Flammen gaben
ein wenig Licht. Auf einem Tisch in der Nähe glommen die Lettern der
Anstecker. Doch jetzt war etwas anderes zu lesen. POTTER STINKT
WIRKLICH. Harry sah wieder ins Feuer und zuckte zusammen.
Sirius' Kopf saß mitten in den Flammen. Wenn Harry nicht vor einiger
Zeit bei den Weasleys Mr Diggory in genau derselben Haltung gesehen
hätte, dann wäre er zu Tode ersch rocken. Stattdessen breitete sich auf

seinem Gesicht das erste Lächeln seit Tagen aus, er rappelte sich aus
dem Sessel und kauerte sich am Kamin nieder. »Sirius – wie geht's dir?«
Sirius sah anders aus, als Harry ihn in Erinnerung hatte. Als sie sich
verab schiedet hatten, war sein Gesicht noch ausgemergelt und
hohlwangig gewesen, umwachsen von einer langen mattschwarzen
Haarmähne – doch nun war sein Haar kurz und sauber, sein Gesicht
voller und er sah jünger aus, viel eher wie auf dem einzigen Foto, das
Har ry von ihm besaß und das bei der Hochzeit der Potters aufgenommen
worden war.
»Wie's mir geht, ist nicht so wichtig, wie geht's dir?«, sagte Sirius ernst.
»Mir geht's – « Einen Moment lang versuchte Harry »gut« zu sagen.
Doch er schaffte es nicht. Bevor er recht wusste, wie ihm geschah, hatte
er mehr geredet als während der ganzen letzten Tage zusammen – er
erzählte, wie er gegen seinen Willen ins Turnier gelangt war, dass Rita
Kimmkorn im Tagespropheten Lügen über ihn verbreitet hatte, dass er
keinen Flur entlanggehen konnte, ohne sich hämische Bemerkungen
anhören zu müssen – und er redete über Ron, über Ron, der ihm nicht
glaubte, der eifersüchtig war ... »Und gerade vorhin hat Hagrid mir
gezeigt, was sie in der ersten Runde bringen, nämlich Drachen, Sirius ,
und jetzt bin ich erledigt«, schloss er verzweifelt.
Sirius sah ihn voller Sorge an, mit Augen, die noch nicht ganz den
Ausdruck verloren hatten, den ihnen Askaban eingebrannt hatte – diesen
abgestumpften und gehetzten Blick. Er hatte Harry ohne Unterbrechung
reden lassen, bis dieser erschöpft war, doch jetzt sagte er: »Mit Drachen
werden wir schon fertig, Harry, aber dazu gleich – ich kann nicht lange
bleiben ... ich bin in ein Zaubererhaus eingebrochen, um den Kamin zu
benutzen, aber die können jeden Au genblick zurückkommen. Ich muss
dich vor jemandem warnen.«
»Vor wem denn?«, fragte Harry, und auch der letzte Rest seiner
Zuversicht begann zu schwinden ... was konnte denn noch Schlimmeres
kommen als die Drachen?
»Karkaroff«, sagte Sirius. »Harry, er war ein Todesser. Du weißt, was
Todesser sind?«
»Ja – was – war mit ihm?«
»Er wurde gefasst, er war mit mir in Askaban, doch sie haben ihn
freigelassen. Ich wette, das ist der Grund, warum Dumbledore dieses

Jahr einen Auroren in Hogwarts haben wollte – damit er ein Auge auf
ihn wirft. Es war Moody, der Karkaroff damals gefasst hat. Er hat ihn
überhaupt erst nach Askaban gebracht.«
»Karkaroff wurde freigelassen?«, sagte Harry langsam -sein Gehirn
schien Mühe zu haben, auch noch diese erschreckende Neuigk eit
aufzunehmen. »Warum haben sie ihn freigelassen?«
»Er hat mit dem Zaubereiministerium ein Geschäft gemacht«, sagte
Sirius erbittert. »Er sagte, er hätte seine Irrtümer eingesehen, und dann
nannte er Namen ... hat statt seiner eine Menge anderer Leute nach
Askaban gebracht ... dort drin ist er nicht gerade beliebt, kann ich dir
sagen. Und seit er draußen ist, hat er, soweit ich weiß, jedem Schüler,
den er in seiner Schule ausbildet, die dunklen Künste beigebracht. Also
nimm dich auch vor dem Durmstrang- Champion in Acht.«
»Gut«, sagte Harry nachdenklich. »Aber ... willst du damit sagen, dass
Karkaroff meinen Namen in den Kelch geworfen hat? Denn dann wäre
er ein wirklich guter Schauspieler. Er schien doch so wütend darüber zu
sein. Er wollte mich überhaupt nicht im Turnier haben.«
»Wir wissen, dass er ein guter Schauspieler ist«, sagte Sirius, »denn er
hat immerhin das Zaubereiministerium davon überzeugt, er könne
freigelassen werden, oder? Harry, ich habe in letzter Zeit den
Tagespropheten verfolgt – «
»Du u nd der Rest der Welt«, sagte Harry erbittert.
» – und wenn ich den Bericht von dieser Kimmkorn letzten Monat
zwischen den Zeilen lese, dann wird mir klar, dass Moody in der Nacht,
bevor er in Hogwarts antrat, angegriffen wurde. Ja, ich weiß, sie
behauptet, es sei wieder mal falscher Alarm gewesen«, setzte Sirius
hastig hinzu, da Harry schon den Mund aufmachte, »aber ich kann das
nicht so recht glauben. Ich denke, dass jemand versucht hat, ihn daran zu
hindern, nach Hogwarts zu kommen. Jemand muss gewusst haben, dass
es viel schwieriger sein würde, etwas zu erledigen, wenn Moody in der
Nähe ist. Und keiner wird sich ernsthaft um den Vorfall kümmern, weil
Mad -Eye im Lauf der Zeit schlicht ein wenig zu viele Eindringlinge
gehört haben will. Doch das heißt nicht, dass er eine wirkliche Gefahr
nicht mehr wittern kann. Moody war immerhin der beste Auror, den das
Ministerium je hatte.«
»Also ... was willst du damit sagen«, erwiderte Harry langsam. »Dass

Karkaroff mich umbringen will? Aber warum?«
Sirius zögerte.
»Mir sind einige sehr merkwürdige Dinge zu Ohren gekommen«, sagte
er nachdenklich. »Die Todesser scheinen in letzter Zeit ein wenig
umtriebiger geworden zu sein. Bei der Quidditch -Weltmeisterschaft sind
sie offen aufgetreten. Jemand hat das Dunkle Mal an den Himmel
beschworen ... und außerdem – hast du von dieser Ministeriumshexe
gehört, die vermisst wird?«
»Bertha Jorkins?«, fragte Harry.
»Genau ... sie ist in Albanien verschwunden, und ausgerechnet dort soll
sich, wenn man den Gerüchten glaubt, Voldemort in letzter Zeit
aufgehalten haben ... und Bertha muss gewusst haben, dass das
Trimagische Turnier geplant war.«
»Ja, aber ... es ist doch unwahrscheinlich, dass sie Voldemort einfach so
über den Weg gelaufen ist, oder?«
»Hör zu, ich kannte Bertha Jorkins«, sag te Sirius grimmig. »Sie war
damals mit uns zusammen in Hogwarts, ein paar Klassen über mir und
deinem Dad. Und sie war schlichtweg doof. Furchtbar neugierig, aber
von Grips keine Spur. Keine gute Mischung, Harry. Ich würde sagen, es
wäre ein Leichtes, sie in die Falle zu locken.«
»Also ... hätte Voldemort von dem Turnier erfahren können?«, sagte
Harry. »Ist es das, was du mir sagen willst? Du denkst, Karkaroff könnte
auf seinen Befehl hin hier sein?«
»Ich bin mir nicht sicher«, entgegnete Sirius zögernd. »I ch weiß es
einfach nicht ... Karkaroff kommt mir nicht vor wie der Typ, der zu
Voldemort zurückkehrt, wenn er sich nicht sicher ist, dass Voldemort
mächtig genug ist, um ihn zu schützen. Aber wer auch immer deinen
Namen in diesen Kelch geworfen hat, er hatte einen guten Grund. Und
ich werde den Gedanken nicht los, dass das Turnier eine glänzende
Möglichkeit bietet, dich anzugreifen und es wie einen Unfall aussehen zu
lassen.«
»Sieht wie ein wirklich guter Plan aus, bei dem, was mir jetzt
bevorsteht«, sagte Harry trübselig. »Sie müssen nur die Hände in den
Schoß legen und die Drachen erledigen den Rest.«
»Genau – die Drachen«, sagte Sirius, plötzlich sehr in Eile. »Es gibt eine
Möglichkeit, Harry. Versuch es bloß nicht mit einem Schockzauber –

Drachen sind zu stark und als magische Wesen viel zu mächtig, um von
einem einzigen Schocker ausgeschaltet zu werden. Um einen Drachen zu
erledigen, braucht es mindestens ein halbes Dutzend Zauberer – «
»Tja, das weiß ich, ich hab's gerade gesehen«, meinte Harry.
»Aber du kannst es ganz alleine schaffen«, sagte Sirius. »Es gibt eine
Möglichkeit mit nur einem einfachen Zauber. Und zwar – «
Doch Harry hob die Hand, damit er verstummte, und sein Herz pochte
plötzlich, als wolle es platzen. Er hörte Schritte die Wendeltreppe hinter
sich herunterkommen.
»Geh!«, zischte er Sirius zu. »Geh! Da kommt jemand!«
Harry rappelte sich hoch und stellte sich aufrecht vor das Feuer – wenn
jemand Sirius' Gesicht in den Mauern von Hogwarts sah, dann gäbe es
einen unglaublichen Aufruhr - das Ministerium würde alarmiert – sie
würden ihn ins Gebet nehmen und fragen, wo Sirius stecke –
Harry hörte ein leises Plopp im Feuer hinter seinem Rücken und wusste,
dass Sirius verschwunden war. Er fasste die letzten Stufen der
Wendeltreppe ins Auge – wer hatt e beschlossen, um ein Uhr nachts noch
einen kleinen Spaziergang zu machen, und hinderte Sirius daran, ihm zu
sagen, wie er an einem Drachen vorbeikam?
Es war Ron. In seinem kastanienbraunen Pyjama mit Paisleymuster. Er
erstarrte, als er Harry drüben am Kam in sah, und blickte sich um.
»Mit wem hast du gesprochen?«, fragte er.
»Was geht dich das an?«, raunzte Harry. »Was hast du eigentlich mitten
in der Nacht hier unten zu suchen?«
»Ich hab mich nur gefragt, wo du – « Ron brach schulterzuckend ab.
»Nichts. Ich geh wieder ins Bett.«
»Wolltest einfach mal rumschnüffeln, oder?«, rief Harry. Er wusste, dass
Ron keine Ahnung hatte, wen er da verscheucht hatte, wusste auch, dass
er es nicht absichtlich getan hatte, doch es war ihm egal – in diesem
Augenblick hasste er alles an Ron, bis hinunter zu dem Stück nackten
Schienbeins, das sich unter dem Saum seiner Schlafanzughose zeigte.
»O Verzeihung«, sagte Ron, und sein Gesicht wurde zornrot. »Hätte
wissen müssen, dass du nicht gestört werden willst. Ich lass dich jetzt in
aller Ruhe für dein nächstes Interview üben.«
Harry packte einen der POTTER STINKT WIRKLICHAnstecker, die
auf dem Tisch lagen, und schleuderte ihn mit aller Kraft durchs Zimmer.

Das Blech traf Rons Stirn und fiel scheppernd zu Boden.
»Na bitte«, sagte Harry. »Das kannst du am Dienstag tragen. Wenn du
Glück hast, gibt es sogar eine Narbe ... das ist es doch, was du willst,
oder?« Er marschierte durchs Zimmer auf die Treppe zu; halb rechnete
er damit, dass Ron ihn aufhalten würde, er wäre s ogar froh gewesen,
wenn Ron sich mit ihm geprügelt hätte. Doch Ron stand einfach da in
seinem Hochwasserpyjama und rührte sich nicht. Harry stürmte nach
oben und lag noch lange kochend vor Zorn im Bett. Er hörte nicht
einmal, dass Ron hereinkam.

Die erste Aufgabe


Harry war am Sonntagmorgen beim Anziehen so zerstreut, dass es eine
Weile dauerte, bis ihm auffiel, dass er seinen Zauberhut statt einer Socke
über den Fuß ziehen wollte. Endlich waren alle Kleidungsstücke am
richtigen Platz, und er eilte los, u m Hermine zu suchen. Er fand sie in der
Großen Halle am Gryffindor -Tisch, wo sie mit Ginny frühstückte. Harry,
dem gar nicht nach Essen zumute war, wartete, bis Hermine ihren letzten
Löffel Haferschleim geschluckt hatte, dann schleppte er sie sofort hinaus
auf die Ländereien. Bei einem langen Spaziergang um den See erzählte
er ihr alles über die Drachen und sein Gespräch mit Sirius.
Hermine beunruhigten zwar Sirius' Warnungen vor Karkaroff, doch fand
sie, die Drachen seien das drängendere Problem.
»Wir müss en unbedingt alles daransetzen, dass du den Dienstag
überlebst«, sagte sie verzweifelt, »und dann können wir uns über
Karkaroff Gedanken machen.«
Dreimal umrundeten sie den See und überlegten angestrengt, wie es
möglich sein sollte, mit Hilfe eines einfach en Zaubers einen Drachen zu
bändigen. Doch es fiel ihnen nichts ein, und schließlich suchten sie die
Lösung in der Bibliothek. Harry zog jedes Buch über Drachen aus den
Regalen, das er finden konnte, dann nahmen sie sich gemeinsam den
großen Bücherstapel v or.
»Krallenschneiden mit Zauberkraft ... Behandlung von Schuppenßechte
... bringt nichts, das ist eher was für Spinner wie Hagrid, die diese
Viecher auch noch aufpäppeln wollen ...«
»» Drachen sind äußerst schwer zu erlegen aufgrund der uralten
magischen Kräfte, mit denen ihre dicken Häute durchdrungen sind, und
nur die mächtigsten Zauberer können sie brechen ...« Aber Sirius hat
gesagt, ein ganz simpler Zauber würde genügen ...«
»Versuchen wir es eben mit einfachen Zauberbüchern«, sagte Harry und
pfeffert e Männer, die Drachen zu sehr lieben beiseite.
Er kam mit einem Stapel Zauberbücher zum Tisch zurück, legte sie ab
und begann eins nach dem anderen durchzublättern. Hermine saß an
seinen Ellbogen gedrängt und flüsterte ihm unablässig zu. »Gut, es gibt
Verwandlungszauber ... aber wozu sind die nütze? Außer du verwandelst

seine Fangzähne in Weingummis oder so was, das würde ihn ein wenig
kuscheliger machen ... das Problem ist nur, wie es in dem anderen Buch
stand, es gibt nicht viel, was durch diese Drachenhaut dringt ... ich würde
sagen, verwandle ihn, aber bei etwas so Großem hast du eigentlich keine
Chance, ich glaube, nicht mal Professor McGonagall ... oder wie war's,
wenn du einen Zauber auf dich selbst anwendest? Um dir zusätzliche
Kräfte zu verschaffen? Aber das sind jedenfalls keine einfachen Zauber,
und außerdem haben wir sie noch nicht im Unterricht gehabt, ich weiß
das zufällig, weil ich schon mal ein paar ZAG -Übungsblätter
durchgearbeitet hab ...«
»Hermine«, sagte Harry zähneknirschend, » –würdest du bitte für einen
Moment den Mund halten? Ich versuch mich zu konzentrieren.«
Doch alles, was passierte, als Hermine verstummte, war, dass in Harrys
Kopf ein monotones Summen anhob, das ihm einfach keine Chance ließ,
genau nachzudenken. Hoffnungslos starrte er auf das
Stichwortverzeichnis von Zaubern für Dummies: da war zum Beispiel
Sofortskalpieren ... aber Drachen hatten keine Haare ... Pfefferatem ...
das würde die Feuerkraft eines Drachen wahrscheinlich noch steigern ...
Hornzunge ... genau, was er brauc hte – dem Biest noch eine Waffe geben
...
»O nein, da ist er schon wieder! Warum kann er nicht auf seinem blöden
Schiff lesen?«, sagte Hermine gereizt, denn Viktor Krum schlurfte
herein, warf ihnen einen verdrießlichen Blick zu und ließ sich mit einem
Stap el Bücher hinten in einer Ecke nieder. »Komm, Harry, wir gehen
nach oben in den Gemeinschaftsraum ... sein Fanclub wird gleich hier
sein und sich begeiern ...«
Und tatsächlich, als sie die Bibliothek verließen, kam ihnen eine Horde
Mädchen auf Zehenspitzen entgegen, von denen eines einen
Bulgarien -Schal um die Hüfte geschlungen hatte. Harry tat in dieser
Nacht kaum ein Auge zu. Als er am Montagmorgen erwachte, dachte er
zum ersten Mal und ernsthaft daran, einfach abzuhauen. Doch als er
beim Frühstück den Bl ick durch die Große Halle wandern ließ und sich
ausmalte, was dies bedeuten würde, wurde ihm klar, dass er das Schloss
nicht verlassen konnte. Hogwarts war der einzige Ort, an dem er jemals
glücklich gewesen war ... natürlich, er musste wohl auch bei seinen
Eltern glücklich gewesen sein, doch daran konnte er sich nicht mehr

erinnern.
Trotz allem war es gut, das sichere Gefühl zu haben, viel lieber hier zu
sein und sich einem Drachen entgegenzustellen als sich im Ligusterweg
mit Dudley herumzuschlagen; dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig.
Er aß mit Mühe seinen Schinken auf (mit dem Schlucken hatte er
Schwierigkeiten), und als er dann mit Hermine aufstand, sah er Cedric
Diggory den Hufflepuff -Tisch verlassen.
Cedric wusste noch nichts von den Drachen ... er war der einzige
Champion, der keine Ahnung hatte, denn sicher hatten Madame Maxime
und Karkaroff es ihren Schützlingen Fleur und Krum gesagt ...
»Hermine, wir sehen uns dann im Gewächshaus«, sagte Harry, der
Cedric mit den Augen gefolgt war und dann seinen Entschluss gefasst
hatte. »Geh schon mal vor, ich komm dann nach.«
»Harry, du kommst zu spät, es läutet gleich – «
»Ich komm dann nach, okay?«
Harry hatte eben den Fuß der Marmortreppe erreicht, als Cedric schon
oben angekommen war. Er war mit seinen Freu nden aus der sechsten
Klasse unterwegs, vor denen Harry nicht mit ihm reden wollte. Sie
gehörten zu den Leuten, die ihm jedes Mal, wenn er in ihre Nähe
gekommen war, Rita Kimmkorns Artikel um die Ohren gehauen hatten.
Er folgte ihnen in einigem Abstand, bis er feststellte, dass sie zu dem
Klassenzimmer gingen, in dem sie Zauberkunst hatten. Das brachte ihn
auf eine Idee. Er blieb in einiger Entfernung von ihnen stehen, zog den
Zauberstab und zielte sorgfältig.
»Diffindo!«
Cedrics Tasche riss auf, Pergamentblätter, Federn und Bücher fielen zu
Boden und ein paar Tintenfässer zerbrachen.
»Ich mach das schon, danke«, sagte Cedric genervt, als seine Freunde
sich bückten, um ihm zu helfen. »Geht schon mal vor und sagt Flitwick,
d ass ich nachkomme ...«
Genau darauf hatte Harry gewartet. Er steckte den Zauberstab wieder
ein, wartete, bis Cedrics Freunde in ihr Klassenzimmer gegangen waren,
und rannte dann den Gang entlang, in dem jetzt außer ihm und Cedric
keiner mehr war.
»Hallo«, sagte Cedric und hob sein mit Tinte bespritztes Lehrbuch der
Verwandlung für Fortgeschrittene auf. »Meine Tasche ist gerade

kaputtgegangen ... brandneu, stell dir vor ...«
»Cedric«, sagte Harry, »in der ersten Aufgabe kommen Drachen.«
»Wie bitte?«, sagte C edric und sah auf.
»Drachen«, sagte Harry hastig, denn er befürchtete, Professor Flitwick
könnte herauskommen, um nachzusehen, wo Cedric abgeblieben war.
»Sie haben vier, für jeden von uns einen, und wir müssen an ihnen
vorbeikommen.«
Cedric starrte ihn an . Harry sah ein wenig von jener Furcht, die er selbst
seit Samstagnacht spürte, in Cedrics grauen Augen aufflackern.
»Bist du dir ganz sicher?«, fragte Cedric mit gedämpfter Stimme.
»Todsicher«, sagte Harry. »Ich hab sie gesehen.«
»Aber wie hast du das rau sgekriegt? Wir dürfen es doch nicht wissen ...«
»Ist doch egal«, sagte Harry rasch – Hagrid würde Schwierigkeiten
bekommen, wenn er die Wahrheit erzählte. »Aber ich bin nicht der
Einzige, der davon weiß. Fleur und Krum werden es inzwischen auch
wissen – Ma xime und Karkaroff haben die Drachen auch gesehen.«
Cedric richtete sich auf, die Arme voll tintenverschmierter Federn,
Pergamentrollen und Bücher, die aufgerissene Tasche baumelte von
seiner Schulter. Er starrte Harry an und ein verwirrter, beinahe
misstr auischer Ausdruck trat in seine Augen.
»Warum sagst du mir das?«, fragte er.
Harry sah ihn ungläubig an. Er war sich sicher, dass Cedric nicht gefragt
hätte, wenn er die Drachen selbst gesehen hätte. Harry hätte es selbst
seinem schlimmsten Feind nicht geg önnt, unvorbereitet diesen Drachen
zu begegnen – na ja, vielleicht Malfoy oder Snape ...
»Es ist einfach ... fair, oder?«, sagte er. »Jetzt wissen wir es alle ... wir
haben die gleichen Chancen.«
Cedric stand immer noch da und sah ihn mit einer Spur Misstr auen an,
als Harry hinter sich ein vertrautes Pochen hörte. Er wandte sich um und
sah Mad -Eye Moody aus einem der umliegenden Klassenzimmer
kommen.
»Komm mit, Potter«, knurrte er. »Diggory, du kannst gehen.«
Harry starrte Mad -Eye Moody gespannt an. Hatte er sie zufällig
belauscht?
»Ähm – Professor, ich sollte eigentlich in Kräuterkunde – «
»Vergiss das mal, Potter. In mein Büro, bitte ...«

Harry folgte ihm voll dunkler Vorahnungen. Was, wenn Moody wissen
wollte, wie er von den Drachen erfahren hatte? Würde Moody zu
Dumbledore gehen und Hagrid auffliegen lassen, oder würde er Harry
nur in ein Frettchen verwandeln? Es wäre vielleicht einfacher, an einem
Drachen vorbeizukommen, wenn er ein Frettchen war, überlegte Harry
dumpf, er war dann kleiner und aus einer H öhe von fünfzehn Metern viel
schwerer zu erkennen ...
Er folgte Moody ins Büro. Moody schloss die Tür hinter ihnen und
wandte sich dann Harry zu, das magische Auge und auch das normale
scharf auf ihn gerichtet.
»Was du da gerade getan hast, war sehr anstän dig von dir, Potter«, sagte
Moody leise.
Harry wusste nicht, was er sagen sollte; er hatte alles erwartet, nur das
nicht.
»Setz dich«, sagte Moody, Harry setzte sich und sah sich um.
In diesem Büro hatte er schon die zwei Vorgänger Moo -dys erlebt. In
Profe ssor Lockharts Tagen waren die Wände mit strahlenden,
zwinkernden Bildern von Professor Lockhart persönlich gepflastert
gewesen. Zu Zeiten Lupins war man hier eher auf ein neues Exemplar
eines faszinierenden schwarzen Geschöpfes gestoßen, das er für sie
be schafft hatte, damit sie es im Unterricht untersuchen konnten. Nun
jedoch war das Büro voll gestopft mit einer Reihe äußerst merkwürdiger
Gegenstände, die Moody, wie Harry vermutete, in seiner Zeit als Auror
benutzt haben musste.
Auf dem Schreibtisch stand etwas, das wie ein kaputter großer gläserner
Kreisel aussah; Harry erkannte sofort, dass es ein Spickoskop war, weil
er selbst eins besaß, wenn auch ein viel kleineres. Auf einem Tisch in der
Ecke stand etwas, das aussah wie eine extra verschnörkelte gold ene
Zimmerantenne. Das Ding summte leise. An der Wand gegenüber von
Harry hing eine Art Spiegel, doch er spiegelte nichts. Schattenhafte
Gestalten bewegten sich darin, keine davon war klar zu sehen.
»Gefallen dir meine Antiobskuranten?«, sagte Moody und beobachtete
Harry scharf.
»Was ist das denn?«, fragte Harry und deutete auf die verschnörkelte
Fernsehantenne.
»Geheimnis -Detektor. Vibriert, wenn er Heimlichkeiten und Lügen

entdeckt ... hier ist er natürlich nutzlos, zu starke Überlagerungen,
überall im Schloss erzählen sie ständig Lügenmärchen, warum sie ihre
Hausaufgaben nicht geschafft haben. Das Ding summt ununterbrochen,
seit ich hier bin. Und mein Spickoskop musste ich abstellen, weil es
einfach nicht aufhören wollte zu pfeifen. Es ist hyp erempfindlich und
kriegt alles mit, was in einer Meile Umkreis passiert. Natürlich könnte es
auch mehr als Kinderkram aufspüren«, fügte er knurrig hinzu.
»Und wozu ist der Spiegel?«
»Das ist mein Feindglas. Siehst du sie da draußen miesepetrig
rumhängen? I ch bin erst wirklich in Schwierigkeiten, wenn ich das
Weiße in ihren Augen sehe. Dann öffne ich meinen Koffer.«
Er lachte kurz und knirschend, dann deutete er auf einen großen Koffer
unter dem Fenster. Er hatte sieben Schlüssellöcher in einer Reihe. Harry
überlegte, was wohl drin sein könnte, bis ihn Moodys nächste Frage
plötzlich aus seinen Gedanken riss. »Soso ... hast also die Sache mit den
Drachen rausgefunden?«
Harry zögerte. Genau davor hatte er sich gefürchtet - doch er hatte Cedric
nicht gesagt und w ürde es bestimmt auch Moody nicht verraten, dass
Hagrid die Regeln gebrochen hatte.
»Ist schon gut«, sagte Moody, setzte sich und streckte grunzend sein
Holzbein aus. »Schummeln ist beim Trimagischen Turnier alte
Tradition.«
»Ich hab nicht geschummelt«, sagte Harry scharf. »Es war – so was wie
ein Zufall, dass ich es erfahren habe.«
Moody grinste. »Ich hab dir keinen Vorwurf gemacht, Junge. Ich hab
Dumbledore von Anfang an gesagt, er könne von mir aus noch so edel
gesinnt sein, aber der alte Karkaroff und M axime würden sicher mit
gezinkten Karten spielen. Die werden ihren Champions inzwischen alles
gesagt haben, was sie wissen. Die wollen gewinnen. Sie wollen
Dumbledore schlagen. Sie möchten beweisen, dass er auch nur ein
Mensch ist.«
Moody lachte knirschend und sein magisches Auge schwamm so schnell
umher, dass Harry vom Zusehen fast schwindelig wurde.
»Also ... hast du schon irgendeine Idee, wie du um deinen Drachen
herumkommen kannst?«, fragte Moody.
»Nein«, sagte Harry.

»Nun denn, ich werd's dir sagen«, brummte Moody. »Ich will ja
niemanden begünstigen. Ich geb dir nur ein paar gute, allgemeine
Ratschläge. Und der erste ist: Setz auf deine Stärken.«
»Ich hab keine«, platzte es aus Harry heraus, bevor er richtig überlegt
hatte.
»Entschuldige mal«, knurrte M oody, »wenn ich sage, du hast Stärken,
dann hast du auch welche. Denk nach. Worin bist du am besten?«
Harry versuchte seine Gedanken zu sammeln. Ja, worin war er am
besten? Nun, das war im Grunde einfach –
»Quidditch«, flüsterte er dumpf, »aber das hilft m ir ja auch n ...«
»Stimmt«, sagte Moody und sah ihn mit seinem magischen Auge, das er
kaum bewegte, durchdringend an. »Du bist ein verdammt guter Flieger,
wie ich höre.«
»Jaah, aber ...«, Harry starrte ihn an. »Ich darf keinen Besen benutzen,
ich hab nur m einen Zauberstab – «
»Mein zweiter allgemeiner Ratschlag«, unterbrach ihn Moody mit
erhobener Stimme, »verwende einen schlichten kleinen Zauber, mit dem
du bekommst, was du brauchst.«
Harry sah ihn mit großen Augen an. Was meinte er damit?
»Komm schon, Junge ...«, flüsterte Moody. »Zähl zwei und zwei
zusammen ... so schwierig ist es nicht ...«
Und der Groschen fiel. Am besten war er im Fliegen. Er musste in der
Luft an dem Drachen vorbeikommen. Dafür brauchte er seinen
Feuerblitz. Und für seinen Feuerblitz b rauchte er –
»Hermine«, flüsterte Harry, nachdem er drei Minuten später ins
Gewächshaus gestürmt war und Professor Sprout im Vorbeigehen rasch
eine Entschuldigung zugemurmelt hatte. »Hermine, ich brauche deine
Hilfe.«
»Was glaubst du eigentlich, worüber ich die ganze Zeit nachdenke?«,
flüsterte sie mit großen, sorgenvollen Augen über den zitternden
Ginsterbusch hinweg, den sie gerade beschnitt.
»Hermine, ich muss den Aufrufezauber richtig beherrschen, und zwar bis
morgen Nachmittag.« Also übten sie. Sie gin gen nicht zum Mittagessen,
sondern in ein freies Klassenzimmer, wo Harry mühsam versuchte,
verschiedene Gegenstände durch den Raum auf sich zufliegen zu lassen.
Noch immer hatte er damit Schwierigkeiten. Jedes Mal verloren die

Bücher und Federkiele auf halbem Weg die Lust und fielen wie Steine zu
Boden.
»Konzentrier dich, Harry, konzentrier dich ...«
»Was glaubst du eigentlich, was ich hier mache?«, sagte Harry zornig.
»Mir schwirrt ständig ein ätzender Riesendrache im Kopf rum, ich weiß
auch nicht, wieso . .. gut, noch mal ...«
Er wollte Wahrsagen schwänzen, um weiterzuüben, doch Hermine
weigerte sich strikt, Arithmantik sausen zu lassen, und ohne Hermine
hatte es keinen Sinn. So musste er über eine Stunde lang Professor
Trelawney über sich ergehen lassen, d ie die meiste Zeit damit
verbrachte, ihnen zu erklären, dass die gegenwärtige Position des Mars
in Konstellation zu der des Saturn zur Folge habe, dass im Juli geborene
Menschen in großer Gefahr seien, eines plötzlichen und gewaltsamen
Todes zu sterben.
» Schön, warum nicht«, rief Harry, dem der Geduldsfaden riss,
»wenigstens zieht es sich dann nicht so ewig hin, ich will nicht lange
leiden.«
Ron sah einen Moment lang aus, als wolle er lachen; es war sicher das
erste Mal seit Tagen, dass er Harry in die Aug en sah, doch Harry war
immer noch so sauer auf ihn, dass es ihn nicht rührte. Während der
restlichen Stunde versuchte er mit dem Zauberstab unter dem Tisch
kleine Gegenstände zu sich heranzuziehen. Er schaffte es auch
tatsächlich, eine Fliege direkt in seine Hand summen zu lassen, doch er
war sich nicht ganz sicher, ob das seiner Stärke im Aufrufezaubern zu
verdanken war – oder ob die Fliege einfach nur dumm war.
Nach Wahrsagen würgte er ein wenig vom Mittagessen hinunter, dann
warf er sich und Hermine den Tarnurnhang über, damit sie vor den
Blicken der Lehrer sicher waren, und sie kehrten in das leere
Klassenzimmer zurück. Bis nach Mitternacht übten sie weiter und wären
sogar noch länger geblieben, wenn Peeves nicht aufgetaucht wäre.
Peeves verstand Harry absichtlich falsch, nämlich so, als wolle Harry
nichts lieber als mit Gegenständen beworfen zu werden, und so machte
er sich einen Spaß daraus, Stühle durchs Zimmer zu schleudern. Harry
und Hermine ergriffen die Flucht, bevor der Lärm Filch auf den Plan
rie f, und liefen zurück in den Gemeinschaftsraum, der nun
glücklicherweise leer war.

Um zwei Uhr morgens stand Harry am Kamin, inmitten eines Haufens
von Büchern, Federn, umgestürzten Stühlen, einem alten
Koboldsteinspiel und Nevilles Kröte Trevor. Erst in der letzten Stunde
hatte er den Dreh rausgekriegt.
»Schon besser, Harry, das wird schon«, sagte Hermine erschöpft, aber
zufrieden.
»Tja, jetzt wissen wir, was du das nächste Mal tun musst, wenn ich einen
Zauber nicht beherrsche«, sagte Harry und warf Hermine ein
Runenwörterbuch zu, um den Aufrufezauber ein letztes Mal zu proben.
»Du setzt mir einen Drachen vor die Nase. Fertig ...« Noch einmal hob er
den Zauberstab: »Accio Wörterbuch!«
Der schwere Wälzer flog aus Hermines Hand, flatterte durchs Zimmer
und landete in Harrys Armen.
»Harry, ich glaube, du hast es raus!«, sagte Hermine erleichtert.
»Morgen jedenfalls muss es klappen«, sagte Harry. »Der Feuerblitz ist
dann viel weiter weg als die Sachen hier, nämlich im Schloss, und ich
bin draußen auf dem Gelände. «
»Das spielt keine Rolle«, sagte Hermine zuversichtlich. »Wenn du dich
wirklich ganz fest darauf konzentrierst, dann kommt er. Wir gehen jetzt
lieber noch ein wenig schlafen ... du wirst es brauchen.« Harry hatte an
diesem Abend so angestrengt versucht, d en Aufrufezauber zu lernen,
dass seine blinde Panik ein wenig nachgelassen hatte. Am nächsten
Morgen überkam sie ihn jedoch wieder mit ganzer Wucht. In der Schule
herrschte eine sehr gespannte und aufgeregte Atmosphäre. Der
Unterricht sollte um die Mittags zeit enden, damit alle Schüler die
Möglichkeit hatten, hinunter zum Drachengehege zu gehen – doch
wussten sie natürlich noch nicht, was sie dort erwartete.
Harry fühlte sich merkwürdig fern von allen Menschen um ihn herum,
ob sie ihm nun viel Glück wünschten oder ihm im Vorbeigehen nur
zuzischten: »Wir bringen dir dann 'ne Packung Taschentücher, Potter.«
Seine Nervosität hatte sich so breit gemacht, dass er fürchtete, schlicht
und einfach den Kopf zu verlieren, wenn sie ihn zum Drachen
hinausführen wollten und er dann auch noch versuchen würde, alles in
seiner Umgebung zu verhexen.
Die Zeit verging auf ganz eigenartige Weise. Große Klumpen auf einmal
brachen von ihr ab; im einen Moment ließ er sich zur ersten Stunde,

Geschichte der Magie, nieder, und im nächsten schon zum Mittagessen
... und dann (wo war der Morgen geblieben? Die letzten drachenfreien
Stunden?) kam Professor McGonagall in der Großen Halle zu ihm
herübergeeilt.
»Potter, die Champions müssenjetzt hinaus aufs Gelände. Sie müssen
sich für die ers te Aufgabe bereitmachen.«
»Gut«, sagte Harry und stand auf. Seine Gabel fiel klirrend auf den
Teller.
»Viel Glück, Harry«, flüsterte Hermine. »Du schaffst es schon!«
»Ja«, sagte Harry mit einer Stimme, die er von sich gar nicht kannte.
Er ging mit Professo r McGonagall hinaus. Auch sie schien nicht mehr
sie selbst zu sein; tatsächlich sah sie fast so besorgt aus wie Hermine. Sie
ging mit ihm die Steintreppe hinunter, hinaus in den kalten
Novembernachmittag, und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Nur jetzt nicht die Nerven verlieren«, sagte sie, »einfach kühlen Kopf
bewahren ... wir haben Zauberer, die bereitstehen und eingreifen, wenn
die Sache außer Kontrolle gerät ... Hauptsache, Sie geben Ihr Bestes,
dann wird keiner schlecht von Ihnen denken ... alles in Ordnung?«
»Ja«, hörte sich Harry sagen. »Mir geht's gut.«
Sie führte ihn am Waldrand entlang auf das Drachengehege zu, doch als
sie die dichte Baumgruppe erreichten, von der aus er die Drachen
gesehen hatte, stellte Harry fest, dass nun ein Zelt, das zu ihrer Seite hin
geöffnet war, die Sicht versperrte.
»Dort müssen Sie mit den anderen Champions rein«, sagte Professor
McGonagall mit recht zittriger Stimme, »und warten, bis Sie dran sind,
Potter. Mr Bagman erwartet Sie ... er wird das ... das Verfahren erklären
... viel Glück.«
»Danke«, sagte Harry mit tonloser, weit entfernter Stimme. Sie verließ
ihn am Zelteingang und Harry trat ein.
Auf einem Holzschemel in der Ecke saß Fleur Delacour. Sie wirkte nicht
annähernd so gefasst wie sonst, eher bleich und eingeschüchtert. Viktor
Krum blickte noch miesepetriger drein als sonst, und Harry überlegte, ob
dies seine Art war, Nerven zu zeigen. Cedric schritt im Zelt auf und ab
und lächelte ihm kurz zu, und als Harry zurücklächelte, spürte er, dass
sich seine Gesich tsmuskeln arg anstrengen mussten, ganz als ob sie
vergessen hätten, wie Lächeln ging.

»Harry! Ach schön!«, sagte Bagman vergnügt und wandte sich ihm zu.
»Komm rein, komm rein und fühl dich wie zu Hause.«
Bagman sah unter all den blassgesichtigen Champions fast aus wie eine
etwas zu knallig geratene Comicfigur. Heute trug er wieder seinen alten
Wespenumhang.
»Schön, jetzt, da wir alle hier sind, ist es Zeit, euch aufzuklären!«,
strahlte Bagman. »Wenn sich alle Zuschauer eingefunden haben, werde
ich euch der Reihe nach diesen Beutel reichen«, er hielt ein kleines,
purpurnes Seidensäckchen hoch und schüttelte es, »aus dem ihr jeweils
ein kleines Modell dessen, mit dem ihr es zu tun bekommt, herauszieht.
Es gibt verschiedene – ähm – Arten, versteht ihr. Und ich muss euch
auch noch etwas anderes sagen ... hmh, ja ... eure Aufgabe ist es, das
goldene Ei zu holen!«
Harry sah sich um. Cedric hatte kurz genickt, um zu zeigen, dass er
Bagmans Worte verstanden hatte, und ging jetzt wieder im Zelt auf und
ab; er schien ein wenig grün angelaufen zu sein. Fleur Delacour und
Krum hatten überhaupt nicht reagiert. Vielleicht fürchteten sie, sich
übergeben zu müssen, wenn sie den Mund aufmachten; so jedenfalls
fühlte sich Harry. Doch sie hatten sich wenigstens freiwillig für dieses
Turnier gemeldet ...
Nur wenige Minuten waren vergangen, als sie auch schon Hunderte und
Aberhunderte von Füßen am Zelt vorbeitrampeln hörten, mit ihren
aufgeregt redenden, lachenden, Witze reißenden Besitzern ... Harry
fühlte sich der Menge so fremd, als würde es sich dabei um eine andere
Gattung von Lebewesen handeln. Und dann – Harry kam es vor, als ob
nur eine Sekunde vergangen wäre – öffnete Bagman den Bund seines
purpurnen Seidensäckchens.
»Ladies first«, sagte er und hielt das Säckchen Fleur Del acour hin.
Sie steckte ihre zitternde Hand hinein und zog ein winziges, aber
tadelloses Modell eines Drachen heraus – des Walisischen Grünlings. Er
trug die Nummer »2« um den Hals. Und da Fleur nicht die Spur
ü berrascht schien, wusste Harry nun, dass er Recht gehabt hatte:
Madame Maxime hatte ihr erzählt, was kommen würde.
Dasselbe galt für Krum. Er zog den scharlachroten Chinesischen
Feuerball. Der kleine Drache trug die Nummer »3« um den Hals. Krum
zuckte nich t einmal mit der Wimper und starrte weiter stur zu Boden.

Cedric steckte die Hand in das Säckchen und zog den blaugrauen
Schwedischen Kurzschnäuzler heraus, der die »l« um den Hals trug.
Harry wusste, welcher noch übrig war, steckte die Hand in den
Seidenbeutel und zog den Ungarischen Hornschwanz, die Nummer »4«,
heraus. Er spannte die Flügel, als Harry ihn betrachtete, und zeigte seine
winzigen Fangzähne.
»Schön, das war's!«, sagte Bagman. »Mit den Drachen, die ihr gezogen
habt, bekommt ihr es jetzt zu tun , und die Nummern geben an, in
welcher Reihenfolge ihr antretet. Alles klar? Gut. Ich muss euch gleich
allein lassen, weil ich das Turnier kommentieren werde. Mr Diggory, Sie
sind als Erster dran, wenn Sie eine Pfeife hören, gehen Sie einfach
hinaus ins Gehege, verstanden? Ach ... Harry ... könnte ich kurz mit dir
sprechen? Draußen?«
»Ähm ... ja«, sagte Harry tonlos, stand auf und ging mit Bagman aus
dem Zelt, der ihn einige Schritte fort bis unter die Bäume führte und ihn
dann mit väterlicher Miene ansah.
»Fühlst du dich wohl, Harry? Kann ich dir irgendwas besorgen?«
»Was?«, sagte Harry. »Ich – nein, nichts.«
»Hast du einen Plan?«, sagte Bagman und senkte verschwörerisch die
Stimme. »Mir macht es nämlich nichts aus, dir ein paar Tipps zu geben,
nur wenn du willst, versteht sich.« Dann fuhr er mit noch leiserer
Stimme fort: »Hör mal, du bist der Außenseiter hier, Harry ... wenn ich
dir irgendwie helfen kann ...«
»Nein«, sagte Harry rasch, und er wusste genau, dass er unhöflich klang,
»nein – ich – ich hab sch on entschieden, was ich tun will, danke.«
»Niemand würde es erfahren, Harry«, sagte Bagman augenzwinkernd.
»Nein, mir geht's gut«, sagte Harry und fragte sich gleichzeitig, warum
er den Leuten das ständig erzählte und ob er sich jemals schlechter
gefühlt h atte. »Ich hab mir einen Plan gemacht, ich –«
Von irgendwoher kam ein Pfiff.
»Meine Güte, ich muss mich beeilen!«, sagte Bagman erschrocken und
rannte davon.
Harry ging zum Zelt zurück und sah, wie Cedric, inzwischen noch
grüner im Gesicht, herauskam. Harr y wollte ihm im Vorbeigehen Glück
wünschen, doch alles, was aus seinem Mund kam, war ein heiseres
Gurgeln.

Harry ging hinein zu Fleur und Krum. Sekunden später hörten sie den
Aufschrei der Menge. Cedric hatte also das Gehege betreten und stand
nun dem lebendigen Vorbild seines Modells von Angesicht zu Angesicht
gegenüber ... Nur dazusitzen und zu lauschen war schlimmer, als Harry
es sich je hätte vorstellen können. Die Menge kreischte ... schrie ...
stöhnte wie ein einziges vielköpfiges Wesen, während Cedric was auch
immer unternahm, um an dem Schwedischen Kurzschnäuzler
vorbeizukommen. Krum stierte immer noch zu Boden. Fleur tat es nun
Cedric gleich und schritt unablässig im Kreis durch das Zelt. Und
Bagmans Kommentar machte alles noch viel, viel schlimmer ...
furchtbare Bilder nahmen in Harrys Kopf Gestalt an, während er
lauschte: »Oooh, da hat er ihn knapp verfehlt, ganz knapp ... Er geht ja
volles Risiko, der Junge! ... clevere Finte – schade, dass es nichts genutzt
hat!«
Und dann, nach ungefähr fünfzehn Minuten, hörte Harry das
ohrenbetäubende Brüllen, das nur eines bedeuten konnte: Cedric war an
seinem Drachen vorbeigekommen und hatte das goldene Ei geholt.
»Wirklich sehr gut!«, rief Bagman. »Und nun die Noten der Jury!«
Doch er las die Noten nicht laut vor; Harry vermutete, dass die Richter
sie für das Publikum hochhielten.
»Einer ist durch, drei haben wir noch!«, rief Bagman, und wieder gellte
der Pfiff. »Miss Delacour, bitte!«
Fleur zitterte am ganzen Leib, und als sie mit erhobenem Kopf, den
Zauberstab fest umklammert, aus dem Zelt ging, spürte Harry sogar ein
wenig mehr Herzlichkeit für sie als bisher. Er und Krum saßen sich jetzt
allein gegenüber und vermieden es sorgfältig, sich in die Augen zu
schauen.
Die ganze Geschichte ging von vorn los ... »Oh , ich bin mir nicht sicher,
ob das klug war!«, konnten sie Bagman schadenfroh rufen hören. »Oh ...
beinahe! Jetzt aber Vorsicht ... du meine Güte, ich dachte schon, sie wäre
erledigt!«
Zehn Minuten später hörte Harry, wie die Menge erneut in Beifall
ausbra ch. Auch Fleur musste es geschafft haben. Eine Pause, während
deren Fleurs Noten gezeigt wurden ... noch mehr Beifall ... und dann,
zum dritten Mal, der Pfiff.
»Und hier kommt Mr Krum!«, rief Bagman. Krum schlurfte hinaus und

ließ Harry allein zurück.
Er s pürte jetzt seinen Körper viel stärker als sonst; er war sich deutlich
bewusst, dass sein Herz rasend pochte und seine Finger vor Angst
zitterten ... doch zugleich schien er außerhalb seiner selbst zu stehen, die
Wände des Zeltes zu sehen und die Menge zu hören, wie aus ganz, ganz
weiter Ferne ...
»Sehr gewagt!«, rief Bagman, und Harry hörte, wie der Chinesische
Feuerball einen grauenhaften, kreischenden Schrei ausstieß und die
Menge auf einen Schlag den Atem anhielt. »Er hat ganz schön Nerven,
muss man sag en – und – ja, er hat das Ei!«
Beifall durchzitterte die kalte Luft wie das Geräusch zerbrechenden
Glases; Krum hatte es geschafft – jeden Augenblick war Harry selbst
dran.
Er stand auf und nahm verschwommen wahr, dass seine Beine aus
Gummi zu bestehen sch ienen. Er wartete. Und dann hörte er den Pfiff.
Als er hinausging, überschwemmte ihn die Panik wie eine eiskalte
Welle. Er ging an den Bäumen vorbei und durch eine Öffnung in der
Umfriedung.
Er sah alles vor sich wie in einem grellbunten Traum. Viele hundert
Gesichter sahen von den Tribünen, die sie inzwischen herbeigezaubert
hatten, auf ihn herab. Und da war das Hornschwanz- Weibchen, am
anderen Ende der Koppel, gedrungen über ihrem Gelege kauernd, die
Flügel halb eingezogen, die bösartigen gelben Augen auf ihn gerichtet –
eine monströse, schuppige schwarze Echse, die mit ihrem
dornenbesetzten Schwanz auf den Boden peitschte und meterlange
Furchen in die Erde schlug. Die Zuschauer machten einigen Lärm, doch
ob sie ihn anfeuerten oder ausbuhten, es war Harry nun gleich. Jetzt war
es an der Zeit zu tun, was er tun musste ... ausschließlich und mit aller
Kraft an das zu denken, was seine einzige Chance war ... Er hob den
Zauberstab.
»Accio Feuerblitz!«, rief er.
Er wartete, und jede Faser seines Körp ers hoffte, flehte ... vielleicht war
es misslungen ... vielleicht kam er nicht ... er sah alles wie durch eine
schimmernde, durchsichtige Mauer, durch einen Hitzeschleier, der das
Gehege und die Hunderte von Gesichtern um ihn her merkwürdig
verschwimmen ließ ...

Und dann hörte er ihn. Hinter ihm rauschte er durch die Luft. Harry
drehte sich um und sah den Feuerblitz am Waldrand entlang auf ihn
zuschwirren, er schoss in das Gehege und kam in Hüfthöhe neben ihm
zum Halt, bereit, von Harry bestiegen zu werden. Die Menge tobte jetzt
... Bag -man rief irgendetwas ... doch es erreichte Harrys Ohren nicht ...
Zuhören war unwichtig ...
Er schwang ein Bein über den Besen und stieß sich vom Boden ab. Und
eine Sekunde später geschah etwas Wundersames ...
Als er in die Höhe schoss, als der Wind durch sein Haar blies und die
Gesichter der Menge zu bloßen fleischfarbenen Stecknadelköpfen
wurden und der Hornschwanz auf die Größe eines Hundes schrumpfte,
da wurde ihm klar, dass er nicht nur den Erdboden hinter sich gelassen
hatte, sondern auch seine Angst ... er war wieder da, wo er hingehörte ...
Dies hier war nur ein Quidditch -Spiel, ganz einfach ... nur noch ein
Quidditch -Spiel, und der Hornschwanz war nichts weiter als eine dieser
gemeinen gegnerischen Mannschaften ...
Er spähte hinunter auf das Gelege und sah das goldene Ei, das sich
schimmernd von den zementfarbenen Eiern abhob, geborgen zwischen
den Vorderbeinen des Drachen. »Gut«, sagte sich Harry,
»Ablenkungstaktik ... los geht's ...«
Er schoss senkrecht Richtung Erde . Der Kopf des HornSchwanzes folgte
ihm; er wusste, was der Drache tun würde, und riss sich im letzten
Augenblick aus dem Sturzflug; ein Feuerstoß hatte die Luft verbrannt,
genau dort, wo er gewesen wäre ... doch Harry war es gleich ... das war
nichts anderes als einem Klatscher auszuweichen ...
»Meine Güte, der kann fliegen!«, rief Bagman durch das Kreischen und
Seufzen der Menge. »Sehen Sie das, Mr Krum?«
Harry zog sich wie auf einer weiten Spirale nach oben; der Hornschwanz
folgte ihm mit den Augen, sein Kopf rotierte auf dem langen Hals –
wenn er das durchhielt, würde es dem Drachen ganz schön schwindelig
werden -, doch sollte er es besser nicht zu weit treiben, sonst würde das
Biest wieder Feuer speien.
Harry stürzte sich genau in dem Moment in die Tief e, als der
Hornschwanz das Maul aufriss, doch diesmal hatte er weniger Glück – er
entging zwar den Flammen, doch der Schwanz peitschte nach ihm, und
als er seitlich ausbrach, streifte ein langer Dorn seine Schulter und

zerfetzte seinen Umhang.
Er spürte ei nen stechenden Schmerz, er hörte die Schreie und das
Stöhnen der Menge, doch der Riss schien nicht besonders tief zu sein ...
er schwirrte über dem Rücken des Hornschwanzes herum, und da fiel
ihm etwas ein ...
Der Hornschwanz schien offenbar nicht fliegen zu wollen, das
Drachenweibchen sorgte sich zu sehr um seine Brut. Es zuckte zwar und
wand sich, spannte die Flügel und rollte sie wieder ein und verfolgte
Harry unablässig mit den Furcht erregenden gelben Augen, doch hatte es
Angst, sich zu weit von seinen Eiern zu entfernen ... aber genau dazu
musste er den Drachen unbedingt bringen, oder er würde nie an das
Gelege herankommen ... der Witz war, es ganz vorsichtig, ganz
allmählich zu tun ...
Er flog vor dem Kopf des Drachen hin und her, weit genug entfernt,
damit er kein Feuer spie, um ihn zu verjagen, doch immer noch als
dräuende Gefahr, die er nicht aus den Augen lassen durfte. Den Kopf
hin - und herschwenkend verfolgte er ihn mit den Augen, beobachtete ihn
aus seinen senkrechten Pupillen, die Fangzähne geb leckt ...
Er stieg höher. Der Drache reckte den Hals, bis es nicht mehr ging, und
noch immer schwenkte er den Kopf hin und her wie eine Schlange vor
ihrem Beschwörer ...
Harry stieg noch ein paar Meter höher, und der Drache brüllte wütend
auf. Für ihn war er wie eine Fliege, eine Fliege, die er in rasendem Zorn
totklatschen wollte; wieder schlug er mit dem Schwanz aus, doch jetzt
konnte er ihn nicht mehr erreichen ... er spie einen Feuerball nach Harry,
doch Harry wich ihm aus ... das Maul öffnete sich weit ...
»Komm schon«, zischte Harry und drehte Kreise über dem Drachenkopf,
um ihn noch weiter zu reizen, »komm nur, schnapp mich doch ... steh
auf, mach schon ...«
Und dann bäumte sich der Drache auf, spannte endlich seine großen
schwarzen ledrigen Flügel, lang wie die eines kleinen Flugzeugs – und
Harry stürzte sich hinab. Bevor der Drache wusste, was Harry getan
hatte oder wohin er verschwunden war, raste Harry, so schnell er konnte,
auf die Erde und auf die Eier zu, die jetzt nicht mehr von den
klauenbesetzten Pranken beschützt waren – er nahm die Hände vom
Feuerblitz – und packte das goldene Ei –

Und mit einem gewaltigen Spurt floh er, raste über die Tribünen hinweg,
das schwere Ei sicher unter den unverletzten Arm geklemmt. Und in
diesem Augenblick schien jemand die Lautstärke hoch gedreht zu haben
– zum ersten Mal wurde ihm klar bewusst, welchen Lärm die Zuschauer
machten, die so laut wie die irischen Anhänger bei der Weltmeisterschaft
schrien und klatschten –
»Schaut euch das an!«, rief Bagman. »Da schau t euch das mal an! Unser
jüngster Champion hat sein Ei am schnellsten geholt! Damit stehen die
Chancen für Mr Potter nun ganz anders!«
Harry sah die Drachenwärter herbeilaufen, um den Hornschwanz zu
beruhigen, und drüben, am Eingang des Geheges, fanden sic h eilends
Professor McGonagall, Professor Moody und Hagrid ein, um ihn zu
empfangen; alle winkten ihm zu, und schon von weitem sah er sie
lächeln. Er flog über die Tribünen hinweg zurück, das Toben der Menge
pochte in seinen Ohren, und er landete weich auf der Erde. Seit Wochen
war ihm nicht mehr so leicht ums Herz gewesen ... er hatte die erste
Aufgabe geschafft, er hatte überlebt ...
»Das war wirklich eine Glanzleistung, Potter!«, rief Professor
McGonagall, als er von seinem Feuerblitz stieg – und aus ihr em Munde
war dies ein wahrhaft unerhörtes Lob. Er sah, dass ihre Hand zitterte, als
sie auf seine Schulter deutete. »Sie müssen erst einmal zu Madam
Pomfrey, bevor die Richter Ihre Punktzahl bekannt geben ... dort drüben,
sie musste auch schon Diggory zusa mmenflicken ...«
»Du hast's gepackt, Harry!«, sagte Hagrid heiser. »Du hast es gepackt!
Und sogar gegen das Hornschwanz -Weibchen. Charlie meinte, die sei
die Schlimmste – «
»Danke, Hagrid«, sagte Harry laut, damit Hagrid nicht weiterplapperte
und verriet, d ass er ihm die Drachen zuvor gezeigt hatte.
Auch Professor Moody sah sehr zufrieden aus; das magische Auge tanzte
in seiner Höhle.
»Schlicht und einfach, das war der Trick dabei, Potter«, knurrte er.
»Nun aber los, Potter, zum Erste -Hilfe- Zelt, wenn ich bi tten darf ...«,
sagte Professor McGonagall.
Immer noch keuchend verließ Harry das Gehege und sah jetzt Madam
Pomfrey, die mit besorgtem Blick am Eingang des zweiten Zeltes stand.
»Drachen!«, sagte sie angewidert und zog Harry ins Zelt. Es war in

kleine Räume abgeteilt; er konnte Cedrics Schatten an der Stoffwand
sehen, doch er schien nicht schwer verletzt; zumindest saß er aufrecht.
Madam Pomfrey untersuchte Harrys Schulter und ließ ihrem Ärger
freien Lauf. »Letztes Jahr Dementoren, dieses Jahr Drachen, was werden
sie nächstes Jahr in diese Schule schleppen? Da hast du noch mal Glück
gehabt ... die Wunde ist nicht tief ... aber bevor ich sie verheilen lasse,
muss ich sie reinigen ...«
Sie säuberte den Riss mit einem Tropfen purpurroter Flüssigkeit, die
rauch te und auf der Haut brannte, doch dann gab sie ihm mit dem
Zauberstab einen Klaps auf die Schulter, und er spürte, wie die Wunde in
Sekundenschnelle heilte.
»Schön, und jetzt bleib eine Minute ruhig sitzen – bleib sitzen! Dann
kannst du gehen und dir deine Punkte abholen.«
Sie wackelte hinaus und er hörte, wie sie nebenan sagte: »Wie geht's uns
jetzt, Diggory?«
Harry wollte nicht ruhig sitzen bleiben; noch rauschte es zu sehr in
seinen Adern. Er stand auf, um nachzusehen, was draußen los war, doch
bevor er den Zelteingang erreicht hatte, waren zwei von draußen
hereingestürzt – Hermine, dicht gefolgt von Ron.
»Harry, du warst einfach klasse!«, jubilierte Hermine. Dort, wo sie sich
vor Angst die Finger ins Gesicht gekrallt hatte, waren die Spuren ihrer
Fingernägel zu sehen. »Du warst einfach unglaublich! Wirklich
unglaublich!«
Doch Harrys Blick galt Ron, der ganz weiß im Gesicht war und Harry
anstarrte, als wäre er ein Gespenst.
»Harry«, sagte er ernst, »wer imme r deinen Namen in diesen Kelch
geworfen hat – ich – ich wette, die wollten dich erledigen!«
Es war, als ob die letzten Wochen nie gewesen wären – als ob Harry Ron
zum ersten Mal sehen würde, nachdem er Champion geworden war.
»Hast es kapiert, oder?«, sagte Harry kühl. »Hast ja lange genug
gebraucht.«
Hermine stand zwischen den beiden und blickte ganz hibbelig von einem
zum anderen. Ron, unsicher geworden, öffnete den Mund. Harry wusste,
dass er sich entschuldigen wollte, und plötzlich hatte er das Gefühl, er
müsse es gar nicht hören.
»Ist schon gut«, sagte er, bevor Ron ein Wort herausbrachte. »Vergiss

es.«
»Nein«, sagte Ron, »ich hätte nicht – «
»Vergiss es«, sagte Harry.
Ron grinste ihn nervös an und Harry grinste zurück.
Hermine brach in Tränen aus.
»Da gibt's doch nichts zu weinen«, sagte Harry verwirrt.
»Ihr beiden seid so doof!«, schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf.
Tränen fielen auf ihren Umhang. Dann, bevor einer von ihnen sie daran
hindern konnte, umarmte sie beide und rauschte, nun erst richtig
h eulend, davon.
»Vollkommen übergeschnappt«, sagte Ron kopfschüttelnd. »Harry,
komm mit, gleich gibt es deine Punkte ...«
Harry, der es vor einer Stunde noch nicht für möglich gehalten hätte,
dass er jetzt vor Glück schwebte, nahm das goldene Ei und den
Feu erblitz und schlüpfte mit Ron, der wie ein Wasserfall redete, aus dem
Zelt.
»Du warst übrigens der Beste, und zwar konkurrenzlos. Cedric hat ein
merkwürdiges Ding gedreht und einen Felsbrocken auf dem Boden
verwandelt ... und zwar in einen Hund ... damit d er Drache auf den Hund
statt auf ihn losging. Na ja, als Verwandlungsstück war das ziemlich
cool, und es hat auch irgendwie geklappt, weil er das Ei gekriegt hat,
aber verbrannt hat er sich auch – der Drache hat es sich nämlich
zwischendurch anders überleg t und wollte lieber Cedric als den Labrador
grillen, er ist gerade noch entkommen. Und diese Fleur hat es mit einem
Zauber versucht, ich glaub, sie wollte ihn in Trance versetzen – schön,
das hat auch geklappt, er ist ganz schläfrig geworden, aber dann hat er
angefangen zu schnarchen und eine große Stichflamme ist ihm aus der
Schnauze geschossen und ihr Rock hat Feuer gefangen – sie hat ihn mit
Wasser aus ihrem Zauberstab gelöscht. Und Krum – du wirst es nicht
glauben, aber er ist nicht mal auf die Idee gek ommen zu fliegen!
Trotzdem war er nach dir sicher der Zweitbeste. Er hat ihm einen Fluch
mitten ins Auge geschossen. Pech war nur, dass der Drache vor Schmerz
anfing herumzutrampeln und die Hälfte der echten Eier zerquetscht hat –
dafür haben sie ihm Punkt e abgezogen, denn sie durften ja nicht
beschädigt werden.«
Sie erreichten den Rand des Geheges und Ron legte eine kleine Pause

ein. Nun, da sie den Hornschwanz fortgebracht hatten, konnte Harry
sehen, wo die fünf Richter saßen – gegenüber auf der anderen S eite, auf
einem Podium mit goldbespannten Stühlen.
»Jeder kann höchstens zehn Punkte vergeben«, sagte Ron, und Harry
spähte über das Feld und sah den ersten Richter Madame Maxime – den
Zauberstab heben. Ein langer Silberfaden flog aus der Spitze hervor und
verschlängelte sich zu einer großen Acht.
»Nicht schlecht!«, rief Ron, und das Publikum klatschte. »Ich vermute,
sie hat dir wegen deiner Schulter Punkte abgezogen.«
Mr Crouch war der Nächste. Er ließ die Ziffer Neun in die Luft schießen.
»Sieht gut aus!« , rief Ron und klatschte Harry auf den Rücken.
Jetzt kam Dumbledore. Auch er ließ eine Neun erstehen. Die Menge
jubelte noch lauter.
Ludo Bagman – eine Zehn.
»Zehn?«, sagte Harry ungläubig. »Aber ... ich wurde verletzt ... worauf
hat der es abgesehen?«
»Ha rry, jetzt beklag dich nicht!«, rief Ron begeistert.
Und nun erhob Karkaroff seinen Zauberstab. Er zögerte einen Moment,
und dann schoss auch aus seinem Zauberstab eine Ziffer – Vier.
»Wie bitte?«, brüllte Ron zornig. » Vier? Du lausiger parteiischer
Schleimbeutel, du hast Krum eine Zehn gegeben!«
Doch Harry war es egal, und es wäre ihm auch egal gewesen, wenn
Karkaroff ihm zehn Punkte gegeben hätte; dass Ron sich für ihn so
entrüstete, war ihm hundert Punkte wert. Davon sagte er Ron natürlich
nichts, doch als er sich umwandte und aus dem Gehege ging, war ihm
das Herz leichter als eine Feder. Und es war nicht nur Ron ... die dort im
Publikum jubelten, waren nicht nur Gryffindors. Als es darauf ankam,
als sie gesehen hatten , was ihm bevorstand, waren die meisten seiner
Mitschüler auf seiner Seite gewesen, wie zuvor auf Cedrics ... die
Slytherins kümmerten ihn nicht – was immer sie ihm noch vorwerfen
würden, es würde an ihm abprallen.
»Du bist auf dem ersten Platz, Harry, zus ammen mit Krum!«, sagte
Charlie Weasley, der ihnen nachgerannt kam, als sie sich auf den Weg
zur Schule machten. »Hör mal, ich muss mich beeilen, weil ich Mum
unbedingt eine Eule schicken muss, ich hab ihr geschworen, alles
haarklein zu beschreiben – aber das war unglaublich! Ach ja – und ich

soll dir ausrichten, dass du noch ein paar Minuten hier bleiben sollst ...
Bagman will mit dir sprechen, im Champions-Zelt.«
Ron wollte warten, und Harry ging ins Zelt, das ihm jetzt ganz anders,
freundlich und einladend, vorkam.
Er dachte daran, wie er sich gefühlt hatte, während er den Hornschwanz
austrickste, und dann an die lange Wartezeit, bis es so weit gewesen war
... kein Vergleich, das Warten war unendlich viel schlimmer gewesen.
Fleur, Cedric und Krum kamen eb enfalls herein.
Eine Seite von Cedrics Gesicht war mit einer dicken orangeroten Paste
bestrichen, die wohl seine Verbrennung heilen sollte. Er grinste Harry
zu, als er ihn sah. »Gut gemacht, Harry.«
»Du auch«, sagte Harry und grinste ebenfalls.
»Ihr alle h abt's gut gemacht!«, sagte Ludo Bagman, der ins Zelt gestürmt
kam und so vergnügt aussah, als ob er selbst gerade an einem Drachen
vorbeigekommen wäre. »Ich wollte nur kurz mit euch sprechen. Vor der
nächsten Runde habt ihr eine schöne lange Pause. Sie wir d am
vierundzwanzigsten Februar um halb zehn morgens stattfinden – aber für
die Zwischenzeit geben wir euch was zum Knobeln! Wenn ihr euch
diese goldenen Eier in euren Händen anschaut, dann seht ihr, dass sie
sich öffnen lassen ... seht ihr die kleinen Sch arniere? Im Ei steckt ein
Rätsel, das ihr lösen müsst – es wird euch verraten, worin die zweite
Aufgabe besteht und wie ihr euch darauf vorbereiten könnt. Alles klar?
Keine Fragen? Nun, dann marsch zurück in die Schule!«
Harry verließ das Zelt und ging mit Ron am Waldrand entlang zurück.
Sie unterhielten sich während des ganzen Wegs; Harry wollte genauer
wissen, wie es den anderen Champions ergangen war. Dann, als sie die
dichte Baumgruppe umrundeten, hinter der Harry die Drachen erstmals
hatte brüllen hören, sprang hinter ihnen eine Hexe zwischen den Bäumen
hervor.
Es war Rita Kimmkorn. Heute trug sie einen giftgrünen Umhang; die
Flotte- Schreibe- Feder in ihrer Hand passte tadellos dazu.
»Gratuliere, Harry!«, sagte sie und strahlte die beiden an. »Dürfte ich
euch auf ein Wort unterbrechen? Harry, wie war es für dich, gegen den
Drachen zu kämpfen? Was hältst du vom Urteil der Schiedsrichter?«
»Ja, Sie dürfen uns auf ein Wort unterbrechen«, sagte Harry wütend.
»Tschüss!«

Und zusammen mit Ron ging er davon.

Die Hauselfen -Befreiungsfront


Harry, Ron und Hermine gingen an diesem Abend hoch in die Eulerei,
um nach Pigwidgeon zu suchen, den sie mit einem Brief zu Sirius
schicken wollten. Harry hatte ihm geschrieben, dass er unverletzt an dem
Drachen vorbeigekommen war. Auf dem Weg nach oben erzählte er Ron
alles, was Sirius ihm über Karkaroff gesagt hatte. Ron erschrak zuerst,
als er hörte, dass Karkaroff ein Todesser gewesen war, doch als sie die
Eulerei betraten, sagte er, sie hätten ihn von Anfang an verdächtigen
sollen.
»Das passt doch alles zusammen«, sagte er. »Weißt du noch, was Malfoy
im Zug gesagt hat? Dass sein Dad mit Karkaroff befreundet sei? Jetzt
wissen wir, wo sie sich kennen gelernt haben. Wahrscheinlich sind sie
bei der Weltmeisterschaft zusammen in diesen Masken rumgelaufen ...
aber ich sag dir eines, Harry, wenn es tatsächlich Karkaroff war, der
deinen Namenszettel in den Kelch geworfen hat, wird er sich jetzt
ziemlich dumm vorkommen. Es hat doch nicht geklappt, oder? Du hast
nur einen Kratzer abgek riegt! Komm, gib her, ich mach schon – «
Pigwidgeon war so aus dem Häuschen, weil er einen Brief zustellen
durfte, dass er ununterbrochen kreischend um Harrys Kopf herumflog.
Ron schnappte ihn mitten im Flug und hielt ihn fest, während ihm Harry
den Brief ans Bein band.
»Die anderen Aufgaben können doch unmöglich so gefährlich sein,
oder?«, fuhr Ron fort, während er Pigwidgeon zum Fenster trug. »Weißt
du was? Ich glaube sogar, du könntest dieses Turnier gewinnen, und das
meine ich ernst.«
Das sagte Ron nur, um sein unmögliches Verhalten von letzter Woche
wieder gutzumachen, fand Harry, und trotzdem hörte er es gerne.
Hermine jedoch lehnte sich gegen eine Mauer, verschränkte die Arme
und sah Ron finster an.
»Harry hat einen langen Weg vor sich, bis er dieses T urnier abschließen
kann«, sagte sie ernst. »Wenn das die erste Aufgabe war, möchte ich
lieber nicht daran denken, was das nächste Mal drankommt.«
»Immer ein aufmunterndes Wort auf den Lippen, nicht wahr, Hermine?«,
sagte Ron. »Du und Professor Trelawney, ihr solltet euch mal

zusammensetzen.«
Er schleuderte den kleinen Kauz aus dem Fenster. Pigwidgeon sackte
erst einmal vier Meter in die Tiefe, bis er sich fangen und in die Höhe
steigen konnte; der Brief an seinem Bein war viel länger und schwerer
als sonst; Harry hatte es nicht lassen können, Sirius jedes einzelne
Flugmanöver zu beschreiben, mit dem er den Hornschwanz umkreist,
gereizt und ausgetrickst hatte.
Sie warteten, bis Pigwidgeon in der Dunkelheit verschwunden war, dann
sagte Ron: »Hör zu, Harry, unt en gibt's 'ne Überraschungsparty für dich
– Fred und George haben inzwischen bestimmt genug zu futtern aus der
Küche geklaut.«
Und tatsächlich, als sie den Gemeinschaftsraum der Gryffindors betraten,
jubelten und klatschten ihre Mitschüler, dass die Wände wackelten.
Sämtliche Tische und Fensterbänke trugen Berge von Kuchen und Krüge
voll Kürbissaft und Butterbier; Lee Jordan hatte ein paar von Dr.
Filibusters famosen hitzefreien und nass zündenden Knallern
losgelassen, so dass sie vor Funken und Sternennebel kaum noch etwas
sehen konnten; Dean Thomas, der im Zeichnen ganz gut war, hatte ein
paar eindrucksvolle neue Banner entworfen. Meist war Harry darauf zu
sehen, wie er den Kopf des Hornschwanzes umschwirrte, hin und wieder
auch Cedric mit seinem brenn enden Haarschopf.
Harry nahm sich etwas zu essen und setzte sich zu Ron und Hermine; er
hatte beinahe vergessen, wie es war, richtig hungrig zu sein. Er konnte es
immer noch nicht begreifen, dass er sich so glücklich fühlte; Ron war
wieder an seiner Seite, er hatte die erste Aufgabe geschafft und die
nächste kam ja erst in drei Monaten dran.
»Uff, ist das Ding schwer«, sagte Lee Jordan, der das goldene Ei, das
Harry auf den Tisch gelegt hatte, hochhob und in den Händen wog.
»Mach es auf, Harry, na los! Lass uns einfach mal nachschauen, was drin
ist!«
»Er soll das Rätsel doch ganz allein lösen«, warf Hermine rasch ein.
»Das steht in den Turnierregeln ...«
»Ich sollte auch allein rausfinden, wie ich am Drachen vorbeikomme«,
murmelte Harry so leise, dass nur si e ihn hören konnte, worauf sie recht
schuldbewusst grinste.
»Ja, los, Harry, mach es auf!«, riefen einige der Umstehenden.

Lee reichte Harry das Ei, Harry steckte die Fingernägel in die Rille, die
sich um den Bauch des Eis zog, und öffnete es.
Das Ei war h ohl und ganz leer – doch kaum hatte Harry es aufgeklappt,
drang ihnen ein grässlich lautes und kreischendes Gejammer in die
Ohren. Harry hatte nur einmal etwas Ähnliches gehört, nämlich das
Geisterorchester auf der Todestagsfeier des Fast Kopflosen Nick, als alle
Mann hoch die Musiksäge gespielt hatten.
»Mach's zu!«, brüllte Fred, die Hände an die Ohren gepresst.
»Was war das?«, fragte Seamus Finnigan und starrte das Ei an, als Harry
es wieder zugeklappt hatte. »Klang ja wie eine Banshee ... vielleicht
muss t du das nächste Mal an einer von diesen Todesfeen vorbeikommen,
Harry!«
»Es klang wie jemand, der gefoltert wird«, sagte Neville, der käsebleich
geworden war und sein Wurstbrötchen fallen gelassen hatte. »Du musst
gegen den Cruciatus -Fluch kämpfen!«
»Red keinen Stuss, Neville, der ist doch verboten«, sagte George. »Den
Cruciatus -Fluch lassen sie bestimmt nicht auf die Champions los. Ich
dachte, es klang eher ein wenig, als würde Percy singen ... vielleicht
musst du ihn angreifen, während er unter der Dusch e steht, Harry.«
»Willst du ein Stück Biskuittorte, Hermine?«, fragte Fred.
Hermine beäugte misstrauisch den Teller, den er ihr anbot. Fred grinste.
»Ist schon gut«, sagte er. »Ich hab nichts daran gedreht. Bei den
Eierkremschnitten musst du aufpassen – «
Neville, der sich gerade einen Bissen Eierkremschnitte genehmigt hatte,
würgte und spickte ihn aus.
Fred lachte. »War nur 'n Witz, Neville ...«
Hermine nahm sich ein Stück Biskuittorte.
»Hast du die ganzen Sachen aus der Küche, Fred?«, fragte sie.
»Jep«, sa gte Fred und grinste. Dann ahmte er mit hoher, piepsender
Stimme einen Hauselfen nach. »» Alles, was Sie wünschen, Sir, alles,
was Sie wünschen!« Die sind ja so unglaublich hilfsbereit ... die würden
dir einen gegrillten Ochsen bringen, wenn du sagst, du h ast 'nen
Mordshunger.«
»Und wie kommst du da rein?«, fragte Hermine in unschuldig
beiläufigem Tonfall.
»Ganz einfach«, sagte Fred, »hinter einem Gemälde mit einer Obstschale

ist eine Geheimtür. Du kitzelst einfach die Birne, sie kichert und –« Er
brach ab und sah sie misstrauisch an. »Warum?«
»Nur so«, sagte Hermine rasch.
»Willst du diese Hauselfen etwa in den Streik führen?«, sagte George.
»Gibst du diesen Flugblattkram auf und versuchst jetzt, sie zur Rebellion
anzustacheln?«
Einige der Umstehenden gacke rten. Hermine antwortete nicht.
»Hetz sie bloß nicht auf und sag ihnen, sie hätten ein Recht auf Kleidung
und Bezahlung!«, warnte Fred. »Das hält sie nur vom Kochen ab!«
In diesem Augenblick sorgte Neville für eine kleine Ablenkung, indem
er sich in einen Kanarienvogel verwandelte.
»O Verzeihung, Neville!«, rief Fred durch das allgemeine Gelächter.
»Hab ich doch glatt vergessen – es war doch die Eierkrem, die wir
verhext haben – «
Es dauerte jedoch nur eine Minute, dann verlor Neville seine Federn, und
als d ie letzte ausgefallen war, erschien er wieder gesund und munter und
stimmte sogar selbst in das Gelächter ein.
»Kanarienkremschnitten!«, verkündete Fred laut der aufgeregten
Schülerschar. »Haben George und ich erfunden sieben Sickel das Stü ck,
ein echtes Schnäppchen!«
Es war fast ein Uhr morgens, als Harry schließlich mit Ron, Neville,
Seamus und Dean in den Schlafsaal hochstieg. Bevor er zu Bett ging,
legte er das kleine Modell des Ungarischen Hornschwanzes auf seinen
Nachttisch, wo es gähn te, sich einkringelte und die Augen schloss.
Wirklich, dachte Harry, als er die Vorhänge um sein Bett zuzog, Hagrid
hatte irgendwie Recht ... eigentlich sind sie ganz in Ordnung, diese
Drachen ...
Der Dezemberanfang brachte Stürme und Graupelschauer nach
Hogwarts. Zwar war das Schloss im Winter zugig wie immer, doch
Harry dachte mit Erleichterung an die Feuer in den Kaminen und an die
dicken Mauern, wenn er draußen am See wieder einmal am Schiff der
Durmstrangs vorbeikam, das in den Windböen taumelte und de ssen
schwarze Segel sich gegen den dunklen Himmel bauschten. Auch im
BeauxbatonsWohnwagen musste es ziemlich kalt sein. Wie ihm auffiel,
versorgte Hagrid Madame Maximes Pferde großzügig mit ihrem
Lieblingsgetränk, Single Malt Whisky, und die Dämpfe, die vo m Trog in

einer Ecke ihrer Koppel herüberwehten, reichten aus, um die ganze
Pflege-magischer -GeschöpfeKlasse beschwipst zu machen. Das war
nicht besonders hilfreich, denn sie päppelten immer noch diese
grässlichen Kröter auf und dafür brauchten sie einen k laren Kopf.
»Ich weiß nicht, ob sie 'nen Winterschlaf halten«, verkündete Hagrid in
der nächsten Stunde der bibbernden Klasse im windigen Kürbisbeet.
»Dachte, wir probieren mal aus, ob sie 'n Nickerchen mögen ... Legen
wir sie doch einfach mal in diese Kis ten hier ...«
Inzwischen waren nur noch zehn Kröter übrig; offenbar war ihnen die
Lust, sich gegenseitig umzubringen, durch die sportliche Betätigung
nicht ausgetrieben worden. Die Viecher waren nun schon fast zwei
Meter lang. Ihr dicker grauer Panzer, ihr e kräftigen, flinken Beine, ihre
Funken sprühenden Rümpfe, ihre Stacheln und Saugnäpfe – das alles
machte die Kröter zu den widerlichsten Kreaturen, die Harry je gesehen
hatte. Die Klasse besah sich missmutig die riesigen Kisten, die Hagrid
herausgebracht und allesamt mit Kissen und flaumigen Decken
ausgepolstert hatte.
»Wir führen sie einfach da rein«, sagte Hagrid, »und machen die Deckel
zu, dann sehen wir ja, was passiert.«
Doch die Kröter, so viel wurde ihnen klar, hielten keinen Winterschlaf
und schätz ten es nicht, in die kissengepolsterten Kisten gezwängt und
dann eingenagelt zu werden. Kurze Zeit später marodierten die Kröter im
Kürbisfeld, das mit den schwelenden Bruchstücken ihrer Kisten übersät
war, und Hagrid rief: »Keine Panik jetzt, immer mit der Ruhe!« Der
größte Teil der Klasse – Malfoy, Crabbe und Goyle als Erste – war durch
die Hintertür in Hagrids Hütte geflohen und hatte sich verbarrikadiert;
Harry, Ron und Hermine jedoch gehörten zu jenen, die draußen blieben
und versuchten Hagrid zu helfe n. Gemeinsam schafften sie es, neun
Kröter zu überwältigen und festzubinden, wenn auch um den Preis
zahlreicher Brandblasen und Schnitte; am Ende war nur noch ein Kröter
übrig.
»Jetzt erschreckt ihn bloß nicht!«, schrie Hagrid, als Ron und Harry ihre
Zaube rstäbe nahmen und den Kröter, der, den zitternden Stachel über
den Rücken gebogen, auf sie zukrabbelte, mit einer spotzenden
Funkenwolke beschossen. »Versucht einfach, die Leine um seinen
Stachel zu schlingen, damit er die anderen nicht verletzt!«

»Ja natürlich, das wäre ganz furchtbar!«, schrie Ron zornig, während er
und Harry gegen die Wand von Hagrids Hütte zurückwichen und sich
den Kröter mit ihren Funken sprühenden Zauberstäben vom Leib hielten.
»Schön, schön, schön ... das scheint ja richtig Spaß zu m achen.«
Rita Kimmkorn lehnte lässig an Hagrids Gartenzaun und begutachtete
den Kampf. Heute trug sie einen schweren magentaroten Mantel mit
einem purpurroten Pelzkragen; die Krokodillederhandtasche baumelte an
ihrem Arm. Hagrid warf sich auf den Rücken des Kröters, der Harry und
Hon zu Leibe rückte, und drückte ihn platt; eine Stichflamme schoss aus
seinem Rumpfund versengte die Kürbispflanzen im Umkreis.
»Wer sind Sie?«, fragte Hagrid an Rita Kimmkorn gewandt, während er
eine Seilschlinge um den Stachel des Kröters warf und sie festzurrte.
»Rita Kimmkorn, Reporterin für den Tagespropheten«, erwiderte Rita
und strahlte ihn an. Ihre Goldzähne blitzten.
»Mir ist doch, als hätte Dumbledore gesagt, Sie hätten in der Schule
nichts mehr verloren?«, sagte Hagrid un d legte die Stirn in Falten. Er
stand auf und zog den leicht lädierten Kröter hinüber zu seinen
Artgenossen.
Rita tat, als hätte sie seine Worte nicht gehört.
»Wie heißen diese faszinierenden Geschöpfe eigentlich?«, fragte sie und
strahlte ihn noch breiter an.
»Knallrümpfige Kröter«, brummte Hagrid.
»Wirklich?«, sagte Rita, scheinbar brennend interessiert. »Ich hab noch
nie von ihnen gehört ... woher kommen die denn?«
Harry sah, wie Hagrid unter seinem wilden schwarzen Bart dunkelrot
anlief, und das Herz sank ihm in die Hose. Genau, wo zum Teufel hatte
Hagrid die Kröter her?
Hermine, die sich Ähnliches zu fragen schien, warf rasch ein: »Sie sind
sehr interessant, oder? Oder, Harry?«
»Was? O ja ... autsch ... interessant«, sagte Harry, nachdem sie ihm auf
den Fuß getreten war.
Rita Kimmkorn wandte sich zu ihnen um. »Ah, du bist hier, Harry!«,
sagte sie. »Also gefällt dir Pflege magischer Geschöpfe? Eins deiner
Lieblingsfächer?«
»Ja«, sagte Harry wacker. Hagrid strahlte ihn an.
»Wunderbar«, sagte Rita. »Wirklich wunderbar. Unterrichten Sie schon

lange?«, fügte sie zu Hagrid gewandt hinzu.
Harry bemerkte, wie sie den Blick schweifen ließ – über Dean (der eine
unschöne Schnittwunde an der Wange hatte), Lavender (deren Umhang
stark versengt war), Seamus (der mehrer e verbrannte Finger leckte) und
dann hinüber zum Hüttenfenster, wo der große Rest der Klasse sich die
Nasen an der Scheibe platt drückte und wartete, bis die Luft rein war.
»Das ist erst mein zweites Jahr«, sagte Hagrid.
»Wunderbar ... wären Sie vielleicht bereit, mir ein Interview zu geben?
Ein wenig von Ihren Erfahrungen mit magischen Geschöpfen zu
erzählen? Der Tagesprophet hat jeden Mittwoch eine Heimtierseite, wie
Sie sicher wissen. Wir könnten was über diese – ähm – Knallsüchtigen
Tröter bringen.«
»Kn allrümpfige Kröter«, sagte Hagrid beflissen. »Ähm – ja, warum
nicht?«
Harry schwante gar nichts Gutes, doch er konnte sich Hagrid nicht
bemerkbar machen, ohne dass es Rita Kimmkorn mitbekam, und so
musste er schweigend zusehen, wie Hagrid und Rita sich für Ende der
Woche zu einem richtig ausführlichen Interview in den Drei Besen
verabredeten. Dann läutete oben im Schloss die Glocke und verkündete
das Ende der Stunde.
»Gut denn, auf Wiedersehen, Harry!«, rief ihm Rita Kimmkorn vergnü gt
zu, als er sich mit Ron und Hermine auf den Weg machte. »Bis
Freitagabend dann, Hagrid!«
»Sie wird ihm die Worte im Mund umdrehen«, sagte Harry mit
gedämpfter Stimme.
»Hoffentlich hat er diese Kröter nicht unrechtmäßig eingeführt oder so
etwas«, sagte Hermine missvergnügt. Ihre Blicke trafen sich – genau das
sah Hagrid nämlich ähnlich.
»Hagrid hat doch schon eine Menge Ärger gehabt und Dumbledore hat
ihn nie rausgeworfen«, beschwichtigte Ron die beiden. »Das
Schlimmste, was ihm passieren kann, ist, dass er die Kröter loswerden
muss. Verzeihung ... hab ich gesagt, das Schlimmste? Ich meine, das
Beste.«
Harry und Hermine lachten und gingen ein wenig besser gelaunt zum
Mittagessen.
An diesem Nachmittag machte Harry die Doppelstunde Wahrsagen

ausgesprochen Spaß; noch immer ging es um Himmelskarten und
Prophezeiungen, doch nun, da er und Ron wieder Freunde waren, fanden
sie die ganze Sache erneut recht komisch. Professor Trelawney, die so
zufrieden mit den beiden gewesen war, als sie ihre eigenen grauenhaften
Tode vorausgesagt hatten, wurde zunehmend gereizter, als Harry und
Ron während ihrer Ausführungen über die verschiedenen Möglichkeiten,
wie Pluto das tägliche Leben stören konnte, ununterbrochen kicherten.
»Ich würde doch meinen«, flüsterte sie geheimnisvoll, ohne jedoch ihren
Ärger verbergen zu können, »dass einige von uns« – und sie sah Harry
viel sagend an – »vielleicht ein wenig nachdenklicher wären, wenn sie
gesehen hätten, was ich gestern Nacht bei meiner Suche in der
Kristallkugel entdeckt habe. Als ich gestern so dasaß, völlig versunken in
meine Strickarbeit, überwältigte mich plötzlich der Drang, die Kugel zu
Rate zu ziehen. Ich erhob mich, ich ließ mich vor ihr nieder und ich
spähte in ihre kristallinen Tiefen ... und wer, glaubt ihr, starrte mich d a
an?«
»Eine hässliche alte Fledermaus mit übergroßer Brille?«, flüsterte Ron.
Harry mühte sich, seine Unschuldsmiene zu bewahren.
»Der Tod, meine Lieben.«
Parvati und Lavender schlugen mit entsetzten Blicken die Hände vor den
Mund.
»Ja«, sagte Professor T relawney und nickte eindringlich, »er kommt
immer näher, er zieht Kreise wie ein Geier, immer tiefer ... immer tiefer
über dem Schloss ...«
Sie starrte Harry, der unverhohlen und herzhaft gähnte, durchdringend
an.
»Es wäre ein wenig eindrucksvoller, wenn s ie es nicht schon ungefähr
achtzigmal gesagt hätte«, meinte er, als sie im Treppenhaus unter
Professor Trelawneys Zimmer endlich wieder frische Luft schnappen
konnten. »Aber wenn ich jedes Mal, wenn sie es sagte, tot umgefallen
wäre, dann wäre ich ein medizinisches Wunder.«
»Du wärst sozusagen ein ganz hochprozentiger Geist«, gluckste Ron, als
sie dem Blutigen Baron begegneten, der sie mit aufgerissenen, bösen
Augen ansah. »Wenigstens haben wir keine Hausaufgaben. Ich hoffe,
Professor Vektor hat Hermine ein e Menge aufgehalst, ich genieße es,
nichts zu tun, während sie arbeitet ...«

Doch Hermine war weder beim Abendessen noch in der Bibliothek, wo
sie später nach ihr suchten. Der Einzige hier war Viktor Krum. Ron und
Harry trieben sich eine Weile hinter den Bücherregalen herum und
beobachteten Krum, wobei sie sich flüsternd darüber unterhielten, ob
Ron ihn vielleicht um ein Autogramm bitten sollte – doch dann
entdeckte Ron, dass sechs oder sieben Mädchen hinter der nächsten
Regalreihe lauerten und genau dassel be beratschlagten, und seine
Begeisterung für die Idee schwand.
Sie gingen zurück in den Gryffindor -Turm. »Wo sie wohl steckt?«,
fragte Ron.
»Keine Ahnung ... Quatsch.«
Doch die fette Dame war kaum zur Seite geklappt, als hektisches
Fußgetrappel hinter ihn en Hermines Ankunft verkündete.
»Harry!«, keuchte sie und bremste schlitternd vor ihnen ab (die fette
Dame sah sie mit Stirnrunzeln von oben herab an). »Harry, du musst
mitkommen – du musst unbedingt mitkommen, da passiert etwas absolut
Unglaubliches – bit te!«
Sie packte Harry am Arm und versuchte ihn mit sich zu zerren.
»Was ist denn los?«, fragte Harry.
»Ich zeig's dir, wenn wir da sind – komm schon, schnell – «
Harry wandte sich zu Ron um, doch Ron schien neugierig geworden zu
sein.
»Na gut«, sagte Harry und ging mit Hermine den Gang entlang zurück,
während Ron sich beeilte, mit ihnen Schritt zu halten.
»Oh, keine Ursache!«, rief ihnen die fette Dame entrüstet nach. »Ihr
braucht euch doch nicht zu entschuldigen, nur weil ihr mich gestört habt!
Ich hänge hi er einfach weiter rum, sperrangelweit offen, bis ihr
wiederkommt, einverstanden?«
»Ja, danke«, rief Ron über die Schulter zurück.
»Hermine, wo gehen wir hin?«, fragte Ron, als Hermine die beiden
durch sechs Stockwerke geführt hatte und nun über die Marmort reppe
hinunter in die Eingangshalle wollte.
»Das seht ihr gleich, nur Geduld!«, sagte Hermine aufgeregt.
Sie wandte sich am Fuß der Treppe nach links und hastete zu der Tü r,
durch die Cedric Diggory an jenem Abend gegangen war, als der
Feuerkelch seinen und Harrys Namen ausgeworfen hatte. Durch diese

Tür ging Harry zum ersten Mal. Sie folgten Hermine eine steinerne
Treppenflucht in die Tiefe, doch anstatt in einen düsteren unterirdischen
Gang zu gelangen, fanden sie sich in einem breiten steinernen Korridor
wieder, der von Fackeln hell erleuchtet und mit heiteren Gemälden
geschmückt war, die vorwiegend Essbares zeigten.
»Oh, wart mal ...«, sagte Harry zögernd auf halbem Weg den Korridor
entlang. »Wart doch kurz, Hermine ...«
»Was ist?« Sie wandte sich zu ihm um und er sah, dass die Spannung ihr
ins Gesicht geschrieben stand.
»Ich weiß, was du vorhast«, sagte Harry.
Er knuffte Ron in die Seite und deutete auf das Gemälde direk t hinter
Hermine. Es zeigte eine ausladende silberne Obstschale.
»Hermine!«, sagte Ron, bei dem der Groschen gefallen war. »Du willst
uns wieder in diesen Belfer -Kram verwickeln!«
»Nein, nein, will ich nicht!«, entgegnete sie hastig. »Und es heißt nicht
Be lfer, Ron – «
»Dann hast du den Namen geändert?«, sagte Ron und sah sie
stirnrunzelnd an. »Was sind wir denn jetzt, vielleicht die
Hauselfen -Befreiungsfront? Ich platze doch nicht in diese Küche rein
und versuche sie vom Arbeiten abzuhalten, nicht mit mir – «
»Das verlange ich auch gar nicht!«, sagte Hermine ungeduldig. »Ich bin
erst vorhin hier runtergekommen, um mit ihnen zu reden, und wen hab
ich da getroffen – oh, komm schon, Harry, das musst du sehen!«
Sie packte ihn erneut am Arm, zog ihn vor das Bild m it der riesigen
Obstschale, streckte ihren Zeigefinger aus und kitzelte die prächtige
grüne Birne. Sie begann sich zu winden, fing an zu kichern und
verwandelte sich plötzlich in einen großen grünen Türgriff. Hermine
ergriff ihn, zog die Tür auf und stieß Harry mit einem unsanften Schlag
in den Rücken hinein.
Harry erhaschte nur einen kurzen Eindruck des weitläufigen, hohen
Gewölbes, das so groß war wie die Große Halle darüber, mit seinen
Stapeln schimmernder Kupfertöpfe und Messingpfannen an den
steinernen Wänden und seinem mächtigen, mit Ziegelsteinen
eingefassten Herd am anderen Ende – da wuselte etwas Kleines aus der
Mitte des Raums auf ihn zu und piepste: »Harry Potter, Sir! Harry
Potter!«

Und schon im nächsten Moment schnappte er nach Luft, denn der
piepsende Elf hatte den Kopf in seiner Magengrube versenkt und herzte
ihn so stürmisch, dass Harry fürchtete, sich die Rippen zu brechen.
»D -Dobby?«, japste Harry.
»Es ist Dobby, Sir, er ist es!«, piepste die Stimme in seiner Nabelgegend.
»Dobby hat so fest gehofft, Harry Potter wieder zu sehen, Sir, und Harry
Potter ist gekommen, um ihn zu besuchen, Sir!«
Dobby ließ ihn los, trat ein paar Schritte zurück und strahlte Harry von
unten herauf an. Aus seinen riesigen grünen, tennisballförmigen Augen
quollen Trän en des Glücks. Er sah fast genauso aus, wie Harry ihn in
Erinnerung hatte; die bleistiftdünne Nase, die fledermausähnlichen
Ohren, die langen Finger und Füße – nur war er diesmal ganz anders
angezogen.
Als Dobby für die Malfoys gearbeitet hatte, hatte er i mmer denselben
schmutzigen alten Kissenüberzug getragen. Nun jedoch trug er die
merkwürdigste Auswahl an Kleidern, die Harry je gesehen hatte; es war
ihm sogar gelungen, sich noch schlechter anzuziehen als die Zauberer
bei der Weltmeisterschaft. Er trug einen Teewärmer als Hut, an den er
ein paar leuchtende Sticker gepinnt hatte; auf der nackten Brust trug er
eine Krawatte mit Hufeisenmuster, darunter so etwas wie eine kurze
Kinderfußballhose und zwei verschiedenfarbige Socken. Eine davon, fiel
Harry auf, war jene, die er sich einst selbst ausgezogen hatte, um Mr
Malfoy zu überlisten, der sie Dobby weitergab und ihn damit befreite.
»Dobby, was tust du hier?«, sagte Harry verblüfft.
»Dobby ist gekommen, um in Hogwarts zu arbeiten, Harry Potter, Sir!«,
quiekte Dobby aufgeregt. »Professor Dumbledore hat Dobby und Winky
Arbeit gegeben, Sir!«
»Winky?«, sagte Harry. »Ist sie auch hier?«
»Ja, Sir, ja!«, sagte Dobby, packte Harrys Hand und zog ihn weiter in die
Mitte der Küche, wo vier lange Holztische standen. Jeder dieser Tische,
fiel Harry auf, stand genau unter den vier Haustischen in der Großen
Halle. Im Augenblick waren keine Speisen zu sehen, das Abendessen
war beendet, doch er vermutete, dass die Tische noch vor einer Stunde
voller Teller gewesen waren, die dann durch die Decke zu ihren
Gegenstücken hinaufgeschickt wurden.
Mindestens hundert kleine Elfen standen in der Küche herum, sie

strahlten und verbeugten sich und machten Knickse, als Dobby Harry an
ihnen vorbeiführte. Sie alle trugen dieselbe Uniform: ein Geschirrtuch,
das mit dem Hogwarts -Wappen bedruckt und wie bei Winky als Toga
gewickelt war. Dobby hielt vor dem backsteinernen Herd an und streckte
die Hand aus.
»Winky, Sir!«, sagte er.
Winky saß auf einem Stuhl am Herd. Offensichtlich hatte sie im
Gegensatz zu Dobby ihre Kleider nicht blindlings zusammengeworfen.
Sie trug einen hübschen kleinen Rock und eine Bluse und passend dazu
einen blauen Hut, der Löcher für ihre großen Ohren hatte. Während
allerdings jedes Stück von Dobbys merkwürdiger Kleidersamm lung so
sauber und gut gepflegt war, dass es brandneu wirkte, achtete Winky
offensichtlich überhaupt nicht auf ihre Sachen. Ihre Bluse war voller
Suppenflecken und ihr Rock hatte ein Brandloch.
»Hallo, Winky«, sagte Harry.
Winkys Lippen zitterten. Dann brach sie in Tränen aus, die in rascher
Folge aus ihren großen braunen Augen quollen und ihre Bluse benetzten,
genau wie damals bei der Weltmeisterschaft.
»O du liebe Güte«, sagte Hermine. Sie und Ron waren Harry und Dobby
in die Küche hinein gefolgt. »Winky, bitte nicht weinen, bitte nicht ...«
Doch Winky schluchzte nun noch heftiger. Dobby jedoch strahlte zu
Harry empor.
»Möchte Harry Potter eine Tasse Tee?«, quiekte er laut über Winkys
Schluchzen hinweg.
»Ähm – ja, danke«, sagte Harry.
Im selben Augenblick trippelten sechs Hauselfen mit einem großen
Silbertablett auf ihn zu, das beladen war mit einer Teekanne und Tassen
für Harry, Ron und Hermine, einem Milchkrug und einem großen Teller
mit Keksen.
»Guter Service!«, sagte Ron beeindruckt. Hermine sah ihn streng an,
doch die Elfen schienen geschmeichelt; sie verbeugten sich tief und
zogen sich dann zurück.
»Wie lange bist du schon hier, Dobby?«, fragte Harry, während Dobby
den Tee ausschenkte.
»Seit einer Woche, Harry Potter, Sir!«, sagte Dobby glücklich. »Dobby
ist zu Professor Dumbledore gegangen, Sir. Wissen Sie, Sir, es ist sehr

schwierig für einen Hauselfen, der entlassen wurde, eine neue Stellung
zu finden, Sir, wirklich sehr schwierig –«
Bei diesen Worten heulte Winky noch lauter, au s ihrer gequetschten
Tomatennase tropfte es nur so auf ihre Bluse, doch sie mühte sich nicht,
die Flut einzudämmen.
»Dobby ist zwei lange Jahre durch das Land gereist, Sir, und hat
versucht Arbeit zu finden«, quiekte Dobby. »Aber Dobby hat keine
Arbeit gef unden, Sir, weil Dobby jetzt bezahlt werden will!«
Die Hauselfen in der ganzen Küche, die interessiert zugesehen und
gelauscht hatten, schauten bei diesen Worten betreten zu Boden, als ob
Dobby etwas Unanständiges und Peinliches gesagt hätte.
Hermine jedoch sagte: »Gut für dich, Dobby!«
»Vielen Dank, Miss!«, sagte Dobby und grinste sie zähnebleckend an.
»Aber die meisten Zauberer wollen keinen Hauselfen, der bezahlt
werden möchte, Miss. » Das gehört sich nicht für Hauselfen«, sagen sie
dann, und sie schlage n die Tür vor Dobbys Nase zu! Dobby mag
arbeiten, aber er will auch was zum Anziehen und er will Lohn für seine
Arbeit, Harry Potter ... Dobby ist gerne frei!«
Die Hauselfen von Hogwarts hatten inzwischen begonnen, vor Dobby
zurückzuweichen, als ob er eine ansteckende Krankheit hätte.
Winkyjedoch blieb, wo sie war, begann aber noch lauter zu weinen.
»Und dann, Harry Potter, geht Dobby Winky besuchen und findet
heraus, dass Winky auch freigekommen ist, Sir!«, sagte Dobby vergnügt.
Bei diesen Worten warf sich Winky kopfüber vom Stuhl, knallte mit dem
Gesicht auf den steingepflasterten Boden, trommelte mit ihren Fäustchen
darauf ein und schrie sich das Elend aus dem Leib. Hermine kniete
schnell neben ihr nieder und versuchte sie zu trösten, doch was sie auch
sa gte, es half nicht im Mindesten.
Dobby übertönte mit schriller Stimme Winkys Schreie und fuhr mit
seiner Geschichte fort. »Und dann hatte Dobby die Idee, Harry Potter,
Sir! » Warum gehen Dobby und Winky nicht zusammen auf
Arbeitssuche?«, sagt Dobby. » Wo gibt es denn genug Arbeit für zwei
Hauselfen?«, sagt Winky. Und Dobby überlegt, und da fällt es ihm ein,
Sir! Hogwarts! Also gehen Dobby und Winky zu Professor Dumbledore,
Sir, und Professor Dumbledore hat uns genommen!«
Dobby strahlte übers ganze Gesicht u nd wieder traten Glückstränen in

seine Augen.
»Und Professor Dumbledore sagt, er will Dobby bezahlen, Sir, wenn
Dobby Lohn will! Und so ist Dobby ein freier Elf, Sir, und Dobby
bekommt eine Galleone die Woche und einen freien Tag im Monat!«
»Das ist nicht gerade viel!«, rief Hermine entrüstet vom Fußboden hoch,
während Winky immer noch schrie und mit den Fäusten trommelte.
»Professor Dumbledore hat Dobby zehn Galleonen die Woche angeboten
und freie Wochenenden«, sagte Dobby, den plötzlich ein leiser Schauder
überkam, als ob die Aussicht auf so viel Muße und Reichtum
erschreckend wäre, »aber Dobby hat es abgelehnt, Miss ... Dobby mag
die Freiheit, Miss, aber er will nicht zu viel, Miss, er mag lieber
arbeiten.«
»Wie viel bezahlt Professor Dumbledore dir, Wink y?«, fragte Hermine
freundlich.
Wenn sie geglaubt hatte, dies würde Winky aufmuntern, hatte sie sich
schwer geirrt. Winky hörte auf zu heulen, doch als sie sich aufsetzte,
starrte sie Hermine mit wässrigen braunen Augen finster an, das ganze
Gesicht klitschnass und plötzlich hell erzürnt.
»Winky ist eine Elfe in Schande, aber Winky wird nicht bezahlt!«,
quiekte sie. »So tief ist Winky nicht gesunken! Winky schämt sich
richtig, frei zu sein!«
»Du schämst dich?«, sagte Hermine verdutzt. »Aber Winky, nun hör
m al! Wer sich schämen sollte, ist Mr Crouch, nicht du! Du hast nichts
Falsches getan, er hat sich dir gegenüber fürchterlich benommen – «
Doch bei diesen Worten klatschte Winky die Hände auf die Löcher in
ihrem Hut und hielt sich die Ohren zu, um dann zu kreischen: »Sie
dürfen nicht meinen Meister beleidigen, Miss! Sie beleidigen nicht Mr
Crouch! Mr Crouch ist ein guter Zauberer, Miss! Mr Croüch hatte Recht,
die böse Winky fortzujagen!«
»Winky hat noch ein wenig Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden,
Harry Po tter«, quiekte Dobby vertraulich. »Winky vergisst, dass sie nicht
mehr an Mr Crouch gefesselt ist; sie darf jetzt alles sagen, was sie denkt,
aber sie will es nicht.«
»Dürfen Hauselfen also nicht frei über ihre Meister reden?«, fragte
Harry.
»O nein, Sir, nein«, sagte Dobby plötzlich mit ernster Miene. »Das steht

uns als Sklaven nicht zu, Sir. Wir bewahren ihre Geheimnisse und
brechen nie unser Schweigen, Sir, wir halten die Ehre der Familie
aufrecht und wir sprechen nie schlecht von ihr – auch wenn Profess or
Dumbledore Dobby gesagt hat, das sei ihm nicht so wichtig. Professor
Dumbledore hat gesagt, wir dürfen freimütig – «
Dobby schien plötzlich nervös und winkte Harry näher. Harry beugte
sich zu ihm hinunter.
»Er hat gesagt«, flüsterte Dobby, »wenn wir wollen, dürfen wir ihn einen
– einen bekloppten alten Kauz nennen, Sir!«
Dobby ließ ein ängstliches Kichern hören.
»Aber Dobby will nicht, Harry Potter«, sagte er jetzt wieder lauter und
schüttelte den Kopf, dass ihm die Ohren schlackerten. »Dobby hat
Professo r Dumbledore sehr gern, Sir, und er ist stolz, seine Geheimnisse
zu bewahren.«
»Aber über die Malfoys kannst du jetzt sagen, was du willst?«, fragte
Harry grinsend.
Ein Anflug von Furcht trat in Dobbys riesige Augen.
»Dobby – Dobby könnte« , sagte er zweifelnd. Er reckte seine kleinen
Schultern. »Dobby könnte Harry Potter sagen, seine alten Meister waren
– waren – böse schwarze Magier!«
Dobby stand einen Moment lang am ganzen Leib zitternd da, zu Tode
erschrocken über seine eigene Kühnheit – dann rannte er hinüber zum
nächsten Tisch und begann seinen Kopf schnell und heftig gegen das
Tischbein zu schlagen. »Böser Dobby! Böser Dobby!«
Harry packte Dobby an der Krawattenschlaufe und zerrte ihn vom Tisch
weg.
»Danke, Harry Potter, danke«, japste Dobby und rieb sich den Kopf.
»Du brauchst nur noch ein wenig Übung«, sagte Harry.
»Übung!«, piepste Winky zornig. »Du, du solltest dich schämen vor dir
selbst, Dobby, so über deine Meister zu reden!«
»Sie sind nicht mehr meine Meister!«, sagte Dobby trotzig. »Dobby
schert sich nicht mehr darum, was sie denken!«
»Du bist ein böser Elf, Dobby!«, stöhnte Winky und wieder rannen ihr
die Tränen übers Gesicht. »Mein armer Mr Crouch, was macht er nur
ohne Winky? Er braucht mich, er braucht meine Hilfe! Ich hab m ein
ganzes Leben lang für die Familie Crouch gesorgt, und meine Mutter vor

mir und meine Großmutter vor ihr ... oh, was würden sie nur sagen, wenn
sie wüssten, dass Winky frei ist? Oh, welche Schande, welche Schande!«
Sie vergrub das Gesicht in ihren Rock und heulte erneut los.
»Winky«, sagte Hermine eindringlich. »Ich bin ziemlich sicher, dass Mr
Crouch auch ohne dich sehr gut zurechtkommt. Wir haben ihn gesehen,
weißt du – «
»Sie haben meinen Meister gesehen?«, hauchte Winky, hob das
tränenverschmierte Ges icht aus ihrem Rock und glubschte Hermine an.
»Sie haben ihn gesehen, hier in Hogwarts?«
»Ja«, sagte Hermine. »Er und Mr Bagman sind Richter im Trimagischen
Turnier.«
»Mr Bagman ist auch da?«, piepste Winky, und zu Harrys großer
Überraschung (und nach ihre n Gesichtern zu schließen ging es Ron und
Hermine genauso) sah sie plötzlich wieder zornig aus. »Mr Bagman ist
ein böser Zauberer! Ein sehr böser Zauberer! Mein Meister mag ihn gar
nicht, o nein, überhaupt nicht!«
»Bagman – soll böse sein?«, sagte Harry.
» O ja«, sagte Winky und nickte eifrig mit dem Kopf. »Mein Meister hat
Winky ein paar Dinge erzählt! Aber Winky verrät es nicht ... Winky
bewahrt die Geheimnisse ihres Meisters ...«
Wieder brach sie in Tränen aus und schluchzte erstickt in ihren Rock.
»Armer Meister, armer Meister, keine Winky mehr da, um ihm zu
helfen!«
Sie brachten aus Winky kein vernünftiges Wort mehr heraus. Sie
überließen sie ihren Tränen, tranken ihren Tee und unterhielten sich mit
Dobby, der glücklich über sein Leben als freier Elf plauderte und ihnen
erzählte, was er alles mit seinem ersten Geld anfangen wollte.
»Dobby kauft als Erstes einen Pullover, Harry Potter!«, sagte er
ausgelassen und deutete auf seine nackte Brust.
»Ich mach dir 'nen Vorschlag, Dobby«, sagte Ron, der den Elfen
offenbar richtig ins Herz geschlossen hatte, »ich schenk dir den Pulli,
den mir meine Mutter zu Weihnachten strickt, ich bekomme immer
einen von ihr. Du hast doch nichts gegen Kastanienbraun?«
Dobby war entzückt.
»Für dich müssen wir ihn vielleicht ein wen ig einlaufen lassen«, erklärte
Ron, »aber zusammen mit deinem Teewärmer steht er dir sicher gut.«

Als sie Anstalten machten zu gehen, scharten sich plötzlich viele der
Küchenelfen um sie und boten ihnen Leckereien zum Mitnehmen an.
Hermine lehnte ab, mit peinlich berührtem Blick auf die sich
verbeugenden und knicksenden Elfen, doch Harry und Ron stopften ihre
Taschen mit Kremschnitten und Pasteten voll.
»Vielen Dank«, sagte Harry zu den Elfen, die sich allesamt an der Tür
versammelt hatten, um gute Nacht zu sagen. »Bis bald, Dobby!«
»Harry Potter ... darf Dobby Sie mal besuchen kommen, Sir?«, fragte
Dobby schüchtern.
»Natürlich darfst du«, sagte Harry, und Dobby strahlte.
»Wisst ihr was?«, sagte Ron, als sie die Küche verlassen hatten und die
Treppe hoch zur ück in die Eingangshalle stiegen. »All die Jahre war ich
ganz beeindruckt von Fred und George, wie sie ständig Essen aus der
Küche geklaut haben – tja, es ist ja nicht besonders schwierig, oder? Die
werfen es einem ja nach!«
»Ich glaube, das ist das Beste, was diesen Elfen passieren konnte«, sagte
Hermine und betrat als Erste die Marmortreppe nach oben. »Dass Dobby
hierher kam, um zu arbeiten, meine ich. Die anderen Elfen werden
sehen, wie glücklich er in Freiheit ist, und allmählich wird ihnen
dämmern, das s sie auch frei sein wollen!«
»Hoffentlich sehen sie sich Winky nicht allzu genau an«, sagte Harry.
»Ach, die wird sich schon wieder fangen«, entgegnete Hermine, klang
jedoch ein wenig unsicher. »Sobald sie den Schock überwunden und sich
an Hogwarts gewö hnt hat, wird sie sehen, wie viel besser es ihr geht
ohne diesen Widerling von Crouch.«
»Sie scheint ihn ja zu lieben«, mampfte Ron (er hatte gerade in eine
Kremschnitte gebissen).
»Hält aber nicht viel von Bagman, oder?«, sagte Harry. »Ich frag mich,
was Crouch zu Hause so über ihn erzählt hat.«
»Wahrscheinlich, dass er kein besonders guter Abteilungsleiter ist«,
sagte Hermine, »und ehrlich gesagt ... da ist was dran, meint ihr nicht?«
»Ich würde trotzdem lieber für ihn als für den ollen Crouch arbeiten«,
sagte Ron. »Ludo Bagman hat wenigstens Sinn für Humor.«
»Lass das bloß nicht Percy hören«, sagte Hermine milde lächelnd.
»Natürlich, Percy würde für keinen arbeiten wollen, der Sinn für Humor
hat«, sagte Ron und machte sich über ein Schoko- Eclair her. »Percy

würde einen Witz nicht mal erkennen, wenn er nackt und mit Dobbys
Teewärmer auf dem Kopf vor ihm herumtanzen würde.«

Die unerwartete Aufgabe


»Potter! Weasley! Werden Sie wohl zuhören?«
Professor McGonagalls gereizte Stimme knallte wie ein Peitschenhieb
durch den Verwandlungsunterricht. Harry und Ron zuckten zusammen
und sahen auf.
Die Dienstagsstunde war fast zu Ende; sie hatten ihre Sachen
zusammengeräumt, und die Perlhühner, die sie in Meerschweinchen
verwandelt hatten, steckten nun in einem großen Käfig auf Professor
McGonagalls Schreibtisch (Nevilles Meerschweinchen hatte allerdings
noch Federn); auch ihre Hausaufgaben hatten sie von der Tafel
abgeschrieben (»Erläutern Sie anhand von Beispielen, wie der
Verwandlungszauber aussehen muss, wenn Sie zwischen verschiedenen
Tiergattungen wechseln wollen«). Jeden Moment musste es läuten, und
Harry und Ron, die sich hinten in der letzten Reihe einen Schwertkampf
mit Freds und Georges Juxzauberstäben geliefert hatten, blinzelten jetzt
verdutzt; Ron hielt ein en blechernen Papagei, Harry einen
Gummikabeljau in der Hand.
»Nun, Potter und Weasley waren so nett uns zu zeigen, wie erwachsen
sie schon sind«, sagte Professor McGonagall und warf den beiden einen
zornigen Blick zu.
Der Kopf von Harrys Kabeljau – den Rons Papagei soeben mit dem
Schnabel glatt abgetrennt hatte – kullerte geräuschlos zu Boden.
»Ich habe eine Ankündigung für Sie alle. Der Weihnachtsball rückt
näher – er gehört traditionell zum Trimagischen Turnier und bietet uns
die Gelegenheit, unsere ausländischen Gäste ein wenig näher kennen zu
lernen. An diesem Ball dürfen alle ab der vierten Klasse teilnehmen –
doch wenn Sie möchten, dürfen Sie auch einenjüngeren Mitschüler
einladen –«
Lavender Brown brach in schrilles Giggeln aus. Parvati Patil stieß ihr
unsanft in die Rippen, doch auch ihrem Gesicht war die unendliche
Mühe anzusehen, mit der sie einen Kicheranfall bekämpfte. Beide
wandten sich zu Harry um. Professor McGonagall achtete nicht auf sie,
was Harry als ausgesprochen unfair empfand, wo sie do ch soeben ihn
und Ron gerüffelt hatte.

»Sie werden Ihre Festumhänge tragen«, fuhr Professor McGonagall fort,
»und der Ball wird am ersten Weihnachtsfeiertag um acht Uhr abends in
der Großen Halle beginnen und um Mitternacht enden. Nun denn –«
Professor McG onagall ging mit bedächtigen Schritten durch die Reihen.
»Der Weihnachtsball gibt uns allen natürlich die Gelegenheit, uns – ähm
– ein wenig lockerer zu geben«, sagte sie mit missbilligendem Unterton.
Lavender giggelte noch heftiger und presste die Hand au f den Mund, um
den Anfall zu ersticken. Diesmal begriff Harry, was denn so komisch
sein sollte: Professor McGonagall, das Haar zu einem festen Knoten
gebunden, sah aus, als hätte sie sich noch nie locker gegeben.
»Aber das heißt NICHT«, fuhr sie fort, »das s wir die Benimmregeln
lockern, denen ein Hogwarts -Schüler zu folgen hat. Ich wäre höchst
unangenehm berührt, sollte ein Gryffindor -Schüler ganz Hogwarts auf
irgendeine Weise in Verruf bringen.«
Es läutete, und wie immer gab es ein kleines Durcheinander, d enn alle
packten ihre Taschen, warfen sie über die Schultern und stürmten los.
»Potter – ich möchte gerne ein Wort mit Ihnen reden«, rief Professor
McGonagall durch den Trubel.
Harry, der annahm, dass es um den kopflosen Gummikabeljau ging,
trottete in trister Stimmung nach vorn zum Lehrertisch.
Professor McGonagall wartete, bis die anderen verschwunden waren,
dann sagte sie: »Potter, die Champions und ihre Partner – «
»Welche Partner?«, fragte Harry.
Professor McGonagall sah ihn argwö hnisch an, als ob er sich über sie
lustig machen wollte.
»Ihre Partner für den Weihnachtsball, Potter«, sagte sie kühl. »Ihre
Tanzpartner.«
Harrys Eingeweide schienen sich einzurollen und
zusammenzuschrumpfen. »Tanzpartner?« Er spürte, wie er rot anlief.
» Ich tanze nicht«, sagte er rasch.
»O doch, das tun Sie«, sagte Professor McGonagall verärgert. »Wenn ich
es Ihnen sage. Der Tradition gemäß eröffnen die Champions und ihre
Partner den Ball.«
Harry hatte plötzlich ein Bild von sich vor Augen, in Frack und Z ylinder,
begleitet von einem Mädchen in einem Rüschenkleid, wie es Tante
Petunia immer zu Onkel Vernons Betriebsfeiern trug.

»Ich tanze nicht«, sagte er.
»Es ist so Tradition«, sagte Professor McGonagall entschieden. »Sie sind
Hogwarts -Champion und Sie wer den tun, was man von Ihnen als
Vertreter Ihrer Schule erwartet. Also sorgen Sie dafür, dass Sie eine
Partnerin haben, Potter.«
»Aber – ich kann nicht – «
»Sie haben gehört, was ich gesagt habe, Potter«, sagte Professor
McGonagall, und es klang unmissverstän dlich nach dem Ende des
Gesprächs.
Eine Woche zuvor noch hätte Harry gesagt, eine Partnerin für einen
Tanzabend zu finden wäre ein Kinderspiel im Vergleich zum Kampf
gegen einen Ungarischen Hornschwanz. Doch nun, da er diesen Kampf
bestanden hatte und vor der Aufgabe stand, ein Mädchen zum Ball zu
bitten, hatte er das Gefühl, er würde es lieber noch einmal mit dem
Hornschwanz aufnehmen.
Harry hatte noch nie erlebt, dass sich so viele seiner Mitschüler auf der
Liste derer eintrugen, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben
wollten; er selbst blieb natürlich immer in der Schule, denn die einzige
andere Möglichkeit war ja, dass er in den Ligusterweg zurückkehrte.
Doch während er in den letzten Jahren fast allein im Schloss geblieben
war, schien es nun, als wollten alle Schüler ab der vierten Klasse
dableiben und als hätten sie nur noch den Ball im Kopf - zumindest die
Mädchen, und es war ganz erstaunlich, wie viele Mädchen auf einmal
Hogwarts bevölkerten; bisher war ihm das noch nicht so richtig
aufgefallen. Mädchen, die in den Gängen kicherten und tuschelten,
Mädchen, die lachten und kreischten, wenn Jungen an ihnen
vorbeigingen, Mädchen, die ganz aufgeregt Zettel verglichen, auf denen
stand, was sie am Weihnachtsabend tragen wollten ...
»Warum müssen die sich im mer in Rudeln bewegen?«, fragte Harry
Ron, als ein gutes Dutzend Mädchen, giggelnd und Harry anstarrend, an
ihnen vorbeiging. »Wie soll man da mal eine allein treffen, um sie zu
fragen?«
»Wie war's, wenn du eine mit dem Lasso fängst?«, schlug Ron vor.
»Has t du schon 'ne Ahnung, wen du fragen willst?«
Harry gab keine Antwort. Er wusste ganz genau, wen er gern fragen
würde, aber den Mumm dafür aufzubringen war gar nicht so einfach ...

Cho war ein Jahr älter als er; sie war sehr hübsch; sie war eine sehr gute
Quidditch-Spielerin und sie war auch sehr beliebt.
Ron schien zu wissen, was in Harrys Kopf vor sich ging.
»Hör zu, du wirst sicher keine Schwierigkeiten haben. Du bist ein
Champion. Du hast gerade den Ungarischen Hornschwanz geschlagen.
Ich wette, sie stehen Schlange, um mit dir zu diesem Ball zu gehen.«
Aus Achtung vor ihrer gerade erst wieder eingerenkten Freundschaft
hatte Ron die Bitterkeit aus seiner Stimme bis auf eine winzige Spur
verbannt. Und außerdem zeigte sich, wie Harry verblüfft feststellte, dass
er Recht hatte. Ein lockiges Hufflepuff -Mädchen, mit dem Harry noch
nie ein Wort gesprochen hatte, fragte ihn schon am nächsten Tag, ob er
nicht mit ihr zum Ball gehen wolle. Harry war so verdutzt, dass er nein
sagte, bevor er ernsthaft nachgedacht hatte. Das Mädchen ging mit
ziemlich verletzter Miene davon und Harry musste während der ganzen
Geschichtsstunde Deans, Seamus' und Rons Spötteleien über sich
ergehen lassen. Am nächsten Tag fragten ihn noch zwei Mädchen, eine
Zweit- klässlerin und (zu seinem Entsetzen) eine Fünftklässlerin, die den
Eindruck machte, als würde sie ihn zu Boden strecken, wenn er ablehnte.
»Sah aber ziemlich gut aus«, sagte Ron offenherzig, nachdem er sich von
seinem Lachanfall erholt hatte.
»Sie war über einen Kopf größer als ich«, sagte Harry, immer noch
genervt. »Stell dir vor, wie ich aussähe, wenn ich versuchen würde mit
ihr zu tanzen.«
Hermines Worte über Krum gingen ihm immer wieder durch den Kopf.
»Sie stehen ja nur auf ihn, weil er berühmt ist!« Harry bezweifelte stark,
d ass eines der Mädchen, die ihn gefragt hatten, auch dann mit ihm zum
Ball gehen wollte, wenn er nicht der Schul- Champion wäre. Dann fragte
er sich, ob ihn das stören würde, wenn Cho ihn bitten würde.
Alles in allem musste sich Harry eingestehen, dass es ih m trotz der
peinigenden Aussicht, den Ball eröffnen zu müssen, wieder besser ging,
seit er die erste Aufgabe geschafft hatte. Wenn er durch das Schloss lief,
musste er sich kaum noch Spötteleien anhören, und er vermutete, dass
vor allem Cedric dahinter steckte – Harry ahnte vage, dass Cedric, weil
er ihm für seine Drachenwarnung dankbar war, den Hufflepuffs gesagt
hatte, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Auch kam es ihm vor, als würde er
immer weniger »Ich bin für CEDRIC DIGGORY« -Anstecker zu sehen

bekommen. Draco Malfoy zitierte natürlich immer noch bei jeder
möglichen Gelegenheit lautstark Rita Kimmkorns Artikel, doch er
erntete immer spärlichere Lacher – und wie um Harrys Laune noch zu
verbessern, erschien auch kein Artikel über Hagrid im Tagespropheten.
»D ie fand magische Geschöpfe wohl nicht so spannend, kann ich dir nur
sagen«, erklärte Hagrid, als Harry, Ron und. Hermine ihn in der letzten
Stunde Pflege magischer Geschöpfe vor Weihnachten fragten, wie sein
Interview mit Rita Kimmkorn gelaufen war. Zu ihr er gewaltigen
Erleichterung ersparte ihnen Hagrid jetzt den direkten Umgang mit den
Krötern, und so hockten sie heute nur hinten im Schutz des Hüttendachs
an einem Klapptisch und bereiteten ein frisches Menü zu, mit dem sie
die Kröter in Versuchung führen wollten.
»Sie wollte, dass ich über dich rede, Harry«, fuhr Hagrid mit gedämpfter
Stimme fort. »Na ja, ich hab ihr gesagt, wir sind Freunde, seit ich dich
von den Dursleys weggeholt hab. » Und in vier Jahren mussten Sie nie
ein Donnerwetter veranstalten?« hat sie gesagt. » Er hat Sie im
Unterricht nie auf die Schippe genommen?« – » Nee«, hab ich gesagt,
und da war sie überhaupt nich zufrieden. Hätte fast gedacht, sie wollte,
dass ich sage, du bist 'n furchtbarer Kerl, Harry!«
»Natürlich wollte sie das«, sag te Harry, warf Drachenleberstücke in eine
große Blechschüssel und nahm sein Messer zur Hand, um noch eine
weitere Leber zu schneiden. »Sie kann nicht die ganze Zeit schreiben,
was für ein tragischer kleiner Held ich bin, das wird doch langweilig.«
»Sie will eben hinter die Kulissen sehen, Hagrid«, sagte Ron weise und
pellte ein weiteres Salamanderei. »Du hättest sagen sollen, Harry ist ein
verrückter Unruhestifter!«
»Das ist er aber nicht!«, sagte Hagrid und schien aufrichtig schockiert.
»Sie hätte Snape in terviewen sollen«, sagte Harry grimmig. »Er wird
bestimmt eines Tages so richtig über mich auspacken. » Seit er an dieser
Schule ist, übertritt er ständig Grenzen ...««
»Das hat er gesagt, ne?«, sagte Hagrid unter dem Gelächter von Ron und
Hermine. » Tja, du hast vielleicht 'n paar Regeln strapaziert, Harry, aber
im Grunde bist du 'n anständiger Kerl, oder?«
»Schon gut, Hagrid«, sagte Harry grinsend. »Kommst du eigentlich zu
diesem komischen Ball an Weihnachten, Hagrid?«, fragte Ron.
»Dachte, ich könnt mal vorbeischauen, ja«, sagte Hagrid brummig.

»Könnt ganz lustig werden, denk ich mal. Du eröffnest den Ball, nicht
wahr, Harry? Wen nimmst du mit?«
»Hab noch keine«, sagte Harry und merkte, wie er schon wieder rot
anlief.
Hagrid drang nicht weiter in ihn ein.
In der letzten Woche vor den Weihnachtsferien ging es immer
turbulenter zu. Durch das ganze Schloss schwirrten Gerüchte über den
Weihnachtsball, doch Harry glaubte nicht die Hälfte davon – zum
Beispiel hieß es, Dumbledore hätte bei Madam Rosmerta ach thundert
Fässer eingelegtes Fleisch gekauft. Es schien jedoch zu stimmen, dass er
die Schwestern des Schicksals gebucht hatte. Wer genau diese
Schwestern waren, wusste Harry nicht, da er nie eines dieser
Zauberradios besessen hatte, doch aus der wilden Beg eisterung jener, die
mit den Klängen des Magischen Rundfunks (MRF) aufgewachsen
waren, schloss er, dass sie eine sehr berühmte Musikgruppe sein
mussten.
Einige Lehrer, etwa der kleine Professor Flitwick, gaben es ganz auf, sie
zu unterrichten, da sie mit d en Gedanken doch ständig woanders waren;
in seiner Stunde am Dienstag durften sie spielen, und er selbst saß die
meiste Zeit bei Harry und sprach mit ihm über seinen tadellos
gelungenen Aufrufezauber bei der ersten Turnierrunde. Andere Lehrer
waren nicht s o großzügig. Nichts würde zum Beispiel Professor Binns
davon abhalten, seine Aufzeichnungen über die Kobold- Aufstände
durchzuwälzen – da Binns sich nicht einmal durch seinen eigenen Tod
vom Unterricht hatte abhalten lassen, vermuteten sie, dass eine
Kleinigkeit wie Weihnachten ihn auch nicht aus der Bahn werfen würde.
Es war erstaunlich, wie es Binns gelang, selbst die blutigen und
lasterhaften Zeiten der Kobold -Unruhen so langweilig klingen zu lassen
wie Percys Kesselgutachten. Auch die Professoren McGonag all und
Moody hielten sie bis zur letzten Minute des Unterrichts auf Trab, und
Snape dachte natürlich genauso wenig daran, sie im Unterricht spielen zu
lassen, wie Harry zu adoptieren. Er starrte gehässig in die Runde und
teilte ihnen mit, dass er sie in d er letzten Stunde zum Thema Gegengifte
prüfen würde.
»So ein Armleuchter«, sagte Ron erbittert, als sie an diesem Abend im
Gemeinschaftsraum der Gryffindors saßen. »Am allerletzten Tag kommt

er uns noch mit einem Test. Ruiniert die letzte Woche mit einer
Unmenge Büffelei.«
»Mmm ... du überanstrengst dich auch nicht gerade, oder?«, sagte
Hermine und schaute ihn über den Rand ihrer Zaubertranknotizen
hinweg an. Ron war damit beschäftigt, ein Kartenschloss aus seinen
explosiven Mau -Mau -Karten zu bauen, mit den en sie immer Snape
explodiert gespielt hatten – und mit diesen Karten war es viel prickelnder
als mit Muggelkarten, weil das Ganze ja jederzeit in die Luft fliegen
konnte.
»Es ist Weihnachten, Hermine«, sagte Harry träge; er fläzte sich in
einem Sessel am Feuer und las jetzt zum zehnten Mal Fliegen mit den
Cannons.
Hermine versetzte auch ihm einen strengen Blick. »Ich hätte gedacht, du
tust was Nützliches, Harry, wenn du schon deine Gegengifte nicht lernen
willst!«
»Was zum Beispiel?«, fragte Harry und sah zu, wie Joey Jenkins von den
Cannons einen Klatscher gegen einen Jäger der Flammenden
Fledermäuse knallte. »Dieses Ei!«, zischte Hermine.
»Nun ist aber gut, Hermine, ich hab doch noch Zeit bis zum
vierundzwanzigsten Februar«, sagte Harry.
Er hatte das gold ene Ei oben in seinen Koffer gelegt und es seit der
Siegesfete nach der ersten Runde nicht mehr geöffnet. Schließlich
musste er erst in zweieinhalb Monaten wissen, was es mit diesem
kreischenden Gejammer auf sich hatte.
»Aber vielleicht brauchst du Wochen, um es rauszufinden!«, sagte
Hermine. »Dann stehst du wirklich da wie ein Idiot, wenn alle anderen
die nächste Aufgabe schon kennen und du nicht!«
»Lass ihn in Ruhe, Hermine, er hat sich eine kleine Pause verdient«,
sagte Ron. Er stellte die letzten zwei Karten auf die Spitze seines Turms
und das ganze Kartenhaus explodierte und versengte ihm die
Augenbrauen.
»Siehst ja hübsch aus, Ron ... passt sicher gut zu deinem Festumhang.«
Es waren Fred und George. Sie setzten sich an den Tisch zu Harry, Ron
und Hermi ne, während Ron mit den Fingern den Brandschaden in
seinem Gesicht betastete.
»Ron, können wir uns Pigwidgeon ausleihen?«, fragte George.

»Nein, er ist mit einem Brief unterwegs«, sagte Ron. »Warum?«
»Weil George ihn zum Ball einladen will«, sagte Fred tro cken.
»Weil wir einen Brief verschicken wollen, du Riesenrindvieh«, setzte
George hinzu.
»An wen schreibt ihr da eigentlich die ganze Zeit?«, fragte Ron.
»Steck deine Nase nicht in unsere Angelegenheiten, oder ich verbrenn
sie dir auch noch«, sagte Fred un d fuchtelte bedrohlich mit dem
Zauberstab. »Wie steht's ... habt ihr schon eure Mädchen für den Ball?«
»Nee«, sagte Ron.
»Tja, ihr solltet euch besser beeilen, sonst sind die besten weg«, sagte
Fred.
»Und mit wem gehst du?«, fragte Ron.
»Angelina«, sagte Fred wie aus der Pistole geschossen und ohne eine
Spur Verlegenheit.
»Wie bitte?«, sagte Ron verdutzt. »Hast du sie schon gefragt?«
»Gut, dass du's sagst«, meinte Fred. Er wandte den Kopf und rief durch
den Gemeinschaftsraum: »Hey! Angelina!«
Angelina, die sich am Kamin mit Alicia Spinnet unterhalten hatte, sah zu
ihm herüber.
»Was gibt's?«, rief sie.
»Willst du mit mir zum Ball gehen?«
Angelina musterte Fred einen Augenblick lang abschätzend.
»Na gut«, sagte sie und wandte sich dann verhalten grinsend wieder
Alicia und ihrer Unterhaltung zu.
»Na bitte«, sagte Fred zu Harry und Ron, »nichts leichter als das.«
Er stand auf und gähnte: »Dann nehmen wir eben 'ne Schuleule. George,
komm mit ...«
Sie gingen hinaus. Ron ließ jetzt seine Augenbrauen in Ruhe und sah
über die schwelende Ruine seines Kartenhauses hinweg Harry an.
»Wir sollten tatsächlich was unternehmen ... einfach jemanden fragen. Er
hat Recht. Wir wollen ja schließlich nicht mit einem Paar Trollinnen
aufkreuzen.«
Hermine prustete entrüstet los. »Einem Paar ... was bitte?«
»Na ja – du weißt schon«, sagte Ron achselzuckend. »Ich würd lieber
allein gehen als zum Beispiel mit – Eloise Midgeon.«
»Mit ihren Pickeln ist es in letzter Zeit viel besser geworden – und sie ist

wirklich nett!«
»Ihre Nase ist verrutscht«, sagte Ron.
»Oh, verstehe«, köchelte Hermine. »Kurz und gut, du nimmst das
bestaussehende Mädchen, das mit dir gehen will, selbst wenn sie ganz
unausstehlich ist?« «
»Ähm – ja, so ungefähr«, sagte Ron.
»Ich geh schlafen«, fauchte Hermine und rauschte ohne ein weiteres
Wort zur Mädchentreppe davon. Die Lehrerschaft von Hogwarts, ganz
offensichtlich von dem Wunsch beseelt, die Gäste aus Beauxbatons und
Durmstrang zu beeindrucken, schien entschlossen, die Schule dieses
Weihnachten von ihre r besten Seite zu präsentieren. Sie wurde nun
festlich geschmückt, und Harry musste feststellen, dass er das Schloss
noch nie in so verblüffendem Gewand gesehen hatte. An den Geländern
der Marmortreppe hingen ewige Eiszapfen; die üblichen zwölf
Christbäume in der Großen Halle waren mit allem Erdenklichen
geschmückt, von leuchtenden Holunderbeeren bis zu echten,
schuhuhenden Goldeulen; die Rüstungen waren allesamt verhext und
sangen Weihnachtslieder, wenn man an ihnen vorbeiging. Es war schon
beeindruckend, einen leeren Helm, der die Hälfte des Textes vergessen
hatte, »Ihr Kinderlein kommet« singen zu hören. Filch, der Hausmeister,
musste wiederholt Peeves aus den Rüstungen zerren, wo er sich gerne
versteckte und die Lücken in den Liedern mit selbst gebastelten und
allesamt sehr unanständigen Reimen füllte.
Harry hatte Cho noch immer nicht gefragt, ob sie mit ihm zum Ball
gehen wollte. Er und Ron wurden allmählich nervös, doch Harry meinte,
Ron würde ohne Partnerin bei weitem nicht so dumm dastehen wie er;
imm erhin sollten Harry und die anderen Champions den Ball eröffnen.
»Es gibt ja immer noch die Maulende Myrte«, sagte er trübselig, in
Gedanken bei dem Geist, der im Mädchenklo im zweiten Stock spukte.
»Harry – wir müssen die Zähne zusammenbeißen und es einfa ch tun«,
sagte Ron am Freitagmorgen in einem Ton, als ob es darum ginge, eine
uneinnehmbare Festung zu stürmen. »Wenn wir uns heute Abend im
Gemeinschaftsraum treffen, haben wir beide eine Partnerin –
abgemacht?«
»Ähm – einverstanden«, sagte Harry.
Doch jedes Mal, wenn er Cho an diesem Tag sah – in der Pause und

dann beim Mittagessen und später wieder auf dem Weg zu Geschichte
der Magie -, war sie von einer Traube Freundinnen umgeben. Ging sie
denn nie irgendwo allein hin? Sollte er vielleicht warten und dann auf sie
losstürmen, wenn sie aufs Klo ging? Aber nein – selbst aufs Klo schien
sie mit einem Geleitzug aus vier oder fünf Mädchen zu gehen. Doch
wenn er es nicht bald tat, würde ihm sicher ein anderer zuvorkommen.
Er konnte bei Snapes Gegengiftprüfung kaum einen vernünftigen
Gedanken fassen, vergaß dann auch die wichtigste Zutat – einen
Gallenstein – und bekam prompt eine miserable Note. Doch es war ihm
egal; er war ausschließlich damit beschäftigt, seinen Mumm für das
zusammenzukratzen, was er gleich vo rhatte. Als es läutete, packte er
seine Tasche und hastete zur Kerkertür.
»Wir sehen uns beim Abendessen«, rief er Ron und Hermine zu und
sprintete die Treppe hoch.
Er musste Cho doch nur um ein Wort unter vier Augen bitten, das war
alles ... auf der Suche nach ihr hastete er durch die rappelvollen Gänge
und dann (immerhin früher als erwartet) fand er sie, als sie gerade aus
Verteidigung gegen die dunklen Künste kam.
»Ähm – Cho? Könnte ich dich kurz sprechen?«
Kichern sollte verboten werden, dachte Harry zo rnig, als alle Mädchen
um Cho herum damit anfingen. Sie allerdings nicht. Sie sagte »gut« und
folgte ihm außer Hörweite ihrer Klassenkameradinnen.
Harry wandte sich zu ihr um und sein Magen tat einen merkwürdigen
Hüpfer, als ob er beim Treppabgehen eine Stufe verpasst hätte.
»Ähm«, sagte er.
Er konnte sie nicht fragen. Er konnte es einfach nicht. Doch er musste.
Cho stand da und sah ihn verwirrt an.
Die Worte kamen heraus, bevor Harry seine Zunge richtig um sie
geschlungen hatte.
»Willuballmimir?«
» Wie bitte?«, sagte Cho.
»Willst du – willst du mit mir zum Ball gehen?«, sagte Harry.
Warum musste er jetzt rot werden? Warum?
»Oh!«, sagte Cho und auch sie wurde rot. »Oh, Harry, tut mir wirklich
Leid«, und sie sah tatsächlich danach aus. »Ich bin schon m it jemand
anderem verabredet.«

»Oh«, sagte Harry.
Es war doch komisch; noch vor einem Augenblick hatten sich seine
Eingeweide gewunden wie ein Haufen Schlangen, doch plötzlich schien
er überhaupt keine Eingeweide mehr zu haben.
»Oh, schon gut«, sagte er, » kein Problem.«
»Tut mir wirklich Leid«, sagte sie noch mal.
»Schon gut«, sagte Harry.
Sie standen da und sahen sich an, dann sagte Cho: »Nun – «
»Ja«, sagte Harry.
»Gut, bis dann«, sagte Cho, immer noch ziemlich rot, und ging davon.
Dann, bevor er wusste, was er tat, rief Harry ihr nach:
»Mit wem gehst du denn?«
»Oh – mit Cedric«, sagte sie. »Cedric Diggory.«
»Oh, verstehe«, sagte Harry.
Seine Eingeweide waren wieder da. Allerdings fühlten sie sich jetzt an,
als wären sie zwischenzeitlich mit Blei gefüllt wo rden.
Das Abendessen hatte Harry völlig vergessen und langsam stieg er die
Treppen zum Gryffidor -Turm hoch. Chos Stimme klang ihm bei jedem
Schritt in den Ohren. » Cedric -Cedric Diggorys In letzter Zeit hatte er
eigentlich begonnen, Cedric zu mögen – und war schon bereit gewesen
zu vergessen, dass er ihn einmal im Quidditch geschlagen hatte und dass
er hübsch war und beliebt und der Lieblingschampion von fast allen.
Doch nun war ihm plötzlich klar, dass Cedric ein nichtsnutziger
Schönling war, dessen gesam melter Grips nicht mal einen Eierbecher
füllte.
»Lichterfee«, sagte er dumpf zu der fetten Dame – das Passwort war tags
zuvor geändert worden.
»Ja, in der Tat, mein Lieber!«, trällerte sie, zupfte ihr neues
Lametta- Haarband zurecht und schwang beiseite, um ihn einzulassen.
Harry trat in den Geineinschaftsraum und sah sich um. Zu seiner
Überraschung sah er Ron mit aschgrauem Gesicht an einem Tisch weit
hinten sitzen. Bei ihm saß Ginny, die offenbar mit leiser, tröstender
Stimme auf ihn einredete.
»Was gibt's , Ron?«, sagte Harry und setzte sich dazu.
Ron hob den Kopf und sah Harry mit einem Ausdruck blinden
Entsetzens an. »Warum hab ich das nur getan?«, stieß er wütend hervor.

»Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!«
»Was denn?«, sagte Harry.
»Er – ähm – er hat eben Fleur Delacour gefragt, ob sie mit ihm zum Ball
gehen will«, sagte Ginny. Sie sah aus, als würde sie ein Lächeln
unterdrücken, tätschelte jedoch weiterhin mitfühlend Rons Arm.
»Du hast was?«, sagte Harry.
»Ich weiß nicht, was mich da geritten hat!«, keuchte Ron. »Was war mit
mir los? Da waren Leute – überall – ich muss verrückt geworden sein –
und alle haben zugesehen! Es war in der Eingangshalle, sie stand da und
unterhielt sich mit Diggory, und ich bin nur so an i hr vorbeigegangen –
da hat es mich irgendwie gepackt – und ich hab sie gefragt!«
Ron stöhnte und schlug die Hände vors Gesicht. Er sprach weiter, doch
seine Worte waren kaum zu verstehen. »Sie hat mich angeschaut, als wär
ich eine Meeresschnecke oder so was. Hat nicht geantwortet. Und dann –
ich weiß nicht - , dann bin ich wohl wieder zu mir gekommen und bin
abgehauen.«
»Sie hat was von einer Veela«, sagte Harry. »Du hattest Recht – ihre
Großmutter war eine. Es war nicht dein Fehler, ich wette, du bist in de m
Moment an ihr vorbeigegangen, als sie Diggory mit ihrem unheimlichen
Charme besprühte, und du hast was davon abbekommen – aber das hat
ihr nichts genutzt. Er geht mit Cho Chang.«
Ron sah auf.
»Ich hab sie eben noch gefragt, ob sie mit mir kommen will«, s agte
Harry traurig, »und sie hat es mir erzählt.«
Ginny hatte plötzlich aufgehört zu lächeln.
»Das ist doch verrückt«, sagte Ron, »jetzt sind wir die Einzigen, die
niemanden haben – na ja, außer Neville. Hey – rat mal, wen er gefragt
hat! Hermine!«
»Wie bitte?« Harry war durch diese verblüffende Neuigkeit ganz von
den eigenen Sorgen abgelenkt.
»Ja, stimmt!«, sagte Ron und fing an zu lachen, was ihm wieder ein
wenig Farbe ins Gesicht trieb. »Er hat es mir nach Zaubertränke gesagt!
Sie sei ja immer so nett zu ihm gewesen, hätte ihm bei den
Hausaufgaben geholfen und alles – aber sie hätte gesagt, sie sei schon
verabredet. Ha! Denkste! Sie wollte nur nicht mit Neville ... na ja, ich
meine, wer will das schon?«

»Hört auf!«, sagte Ginny gereizt. »Lacht nicht –«
In diesem Augenblick kletterte Hermine durch das Porträtloch.
»Warum wart ihr beide nicht beim Abendessen?«, fragte sie und kam an
ihren Tisch.
»Weil – seid still, ihr beiden - , weil sie gerade eben Körbe von zwei
Mädchen gekriegt haben!«, antwortete Ginny.
Das ließ Harry und Ron verstummen.
»Wie nett von dir, Ginny«, sagte Ron säuerlich.
»Alle gut Aussehenden sind schon weg, Ron?«, sagte Hermine
schnippisch. »Eloise Midgeon sieht allmählich immer hübscher aus,
oder? Nun, ich bin sicher, irgendwo findet ihr irgendeine, die euch haben
will.«
Doch Ron starrte Hermine an, als würde er sie plötzlich in einem ganz
anderen Licht sehen. »Hermine, Neville hat Recht – du bist tatsächlich
ein Mädchen ...«
»Oh, gut beobachtet«, sagte sie bissig.
»Nun ja – du kannst mit e inem von uns gehen!«
»Nein, kann ich nicht«, fauchte Hermine.
»Ach, nun hab dich nicht so«, sagte Ron ungeduldig, »wir brauchen
Partnerinnen, wie stehen wir denn da, wenn wir keine haben, alle
anderen haben welche ...«
»Ich kann nicht mit euch gehen«, sagt e Hermine errötend, »weil ich
schon jemanden habe.«
»Nein, hast du nicht!«, entgegnete Ron. »Das hast du nur gesagt, um
Neville loszuwerden!«
»Aach, wie genau du das weißt!«, sagte Hermine und ihre Augen blitzten
gefährlich. »Nur weil ihr drei Jahre gebrau cht habt, Ron, heißt das noch
lange nicht, dass kein anderer bemerkt hat, dass ich ein Mädchen bin!«
Ron starrte sie an. Dann begann er wieder zu grinsen. »Schon gut, schon
gut, wir wissen, dass du ein Mädchen bist«, sagte er. »Ist es jetzt gut?
Kommst du nun mit oder nicht?«
»Ich hab's dir doch gesagt!«, fauchte Hermine zornig. »Ich geh mit
einem anderen!«
Und sie stürmte in Richtung Mädchenschlafsaal davon. Ron sah ihr nach.
»Sie lügt«, sagte er matt.
»Tut sie nicht«, flüsterte Ginny.

»Und wer soll es denn sein?«, fragte Ron scharf.
»Das erzähl ich dir nicht, es ist ihre Angelegenheit«, sagte Ginny.
»Na schön«, sagte Ron, der höchst missgelaunt aussah, »das wird mir
allmählich zu dumm. Ginny, du kannst mit Harry gehen, und ich werd
einfach –«
»Das geht n icht«, sagte Ginny und nun lief auch sie scharlachrot an. »Ich
gehe mit – mit Neville. Er hat mich gefragt, als Hermine nein gesagt hat,
und ich dachte ... wisst ihr ... ich würde sonst nicht mitkommen können,
ich bin doch noch nicht in der vierten Klasse. « Sie sah ganz elend aus.
»Ich glaub, ich geh mal runter zum Abendessen«, sagte sie, stand mit
hängendem Kopf auf und kletterte durch das Porträtloch.
Ron sah Harry mit hervorquellenden Augen an.
»Was ist bloß in die beiden gefahren?«, fragte er.
Doch Harr y hatte gerade Parvati und Lavender durch das Porträtloch
hereinkommen sehen. Die Zeit war reif für einen Befreiungsschlag.
»Warte hier«, sagte er zu Ron, stand auf und ging geradewegs auf
Parvati zu.
»Parvati? Möchtest du nicht mit mir zum Ball kommen?«
Parvati überkam ein Kicherkrampf. Harry wartete mit in der Tasche
gekreuzten Fingern, bis sie sich beruhigt hatte.
»Ja, eigentlich schon«, sagte sie endlich und wurde feuerrot.
»Danke«, sagte Harry erleichtert. »Lavender – möchtest du mit Ron
gehen?«
»Sie g eht schon mit Seamus«, sagte Parvati und die beiden fingen noch
heftiger an zu kichern.
Harry seufzte.
»Wisst ihr vielleicht ein Mädchen, das mit Ron gehen würde?«, sagte er
mit gedämpfter Stimme, damit Ron nichts hörte.
»Was ist mit Hermine Granger?«, sag te Parvati.
»Sie hat schon jemanden.«
Parvati schien verblüfft.
»Oooooh – wen?«, fragte sie spitz.
Harry zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Also, was ist mit Ron?«
»Na ja ...«, sagte Parvati langsam, »ich glaube, meine Schwester würde
vielleicht ... Padma, weißt du ... in Ravenclaw. Ich frag sie, wenn du
möchtest.«

»Ja, das wär klasse«, sagte Harry. »Und sag mir Bescheid, ja?«
Er ging mit dem Gefühl zu Ron zurück, so viel Mühe wäre dieser Ball
doch nicht wert. Hoffentlich saß Padma Patils Nase genau in der Mitte.

Der Weihnachtsball


Zwar hatten die Viertklässler eine Unmenge Hausaufgaben mit in die
Ferien bekommen, doch während der ersten freien Tage hatte Harry
einfach keine Lust zu arbeiten und ließ es sich in den
Vorweihnachtstagen, wie alle anderen auch, möglichst gut gehen. Im
Gryffindor -Turm sah man kaum weniger Schüler als während der
Unterrichtszeit, und es schien sogar ein wenig enger geworden zu sein,
denn die Dagebliebenen machten viel mehr Radau als sonst. Fred und
George hatten mit ihren Kanarienkremschnitten einen großen Erfolg
gelandet, und während der ersten Ferientage passierte es andauernd, dass
einem der Schüler plötzlich ein Federkleid wuchs. Doch es dauerte nicht
lange, bis die Gryf findors alles, was ihnen zu essen angeboten wurde,
mit äußerster Vorsicht genossen, denn es konnte ja Kanarienkrem drin
sein, und George teilte Harry ganz im Vertrauen mit, dass sie mit einer
Neuentwicklung beschäftigt waren. Harry nahm sich fest vor, von Fred
und George in Zukunft nicht einmal mehr einen Kartoffelchip
anzunehmen. Dudley und sein Würgzungen- Toffee hatte er nämlich
noch in guter Erinnerung.
Dichter Schnee fiel auf das Schloss und die Ländereien. Die blassblaue
Beauxbatons -Kutsche sah neben d em glasierten Lebkuchenhäuschen, in
das sich Hagrids Hütte verwandelt hatte, wie ein großer, in Eiswasser
getauchter Kürbis aus, und auch die Bullaugen des Durmstrang -Schiffes
waren vereist, die Masten und Leinen kristallweiß gepudert. Die
Hauselfen unten in der Küche übertrafen sich selbst mit einer Folge
reichhaltiger, wärmender Eintöpfe und pikanter Nachspeisen, und nur
Fleur Delacour schien immer etwas zu finden, über das sie sich
beschweren konnte.
»Es ist zu schwer, dieses Essen in 'Ogwarts«, hörten s ie Fleur eines
Abends murren, als sie hinter ihr die Große Halle verließen. (Ron ging
geduckt hinter Harry, damit sie ihn ja nicht sehen konnte.) »Isch werde
nischt in mein Abendkleid passen!«
»Ooooh, was für eine Tragödie«, feixte Hermine, während Fleur n ach
draußen ging. »Ganz schön eingebildet, unsere Mademoiselle.«
»Hermine – mit wem gehst du zum Ball?«, fragte Ron.

Fortwährend plagte er sie mit dieser Frage, in der Hoffnung, sie einmal
zu überrumpeln und eine Antwort aus ihr rauszuschütteln. Hermine hob
jedoch nur die Brauen und meinte: »Ich sag es dir nicht, sonst machst du
dich nur über mich lustig.«
»Machst du Witze, Weasley?«, tönte Malfoy hinter ihnen. »Du willst mir
doch nicht erzählen, jemand habe das hier zum Ball eingeladen? Doch
nicht das Schlammblut mit den langen Hauern?«
Harry und Ron wirbelten herum, doch Hermine blickte über Malfoys
Schulter, winkte und rief: »Hallo, Professor Moody!«
Malfoy erbleichte, sprang erschrocken einen Schritt zurück und sah sich
hektisch um, doch Moody saß immer noch am Lehrertisch und verspeiste
den Rest seines Eintopfs.
»Was für ein verschrecktes kleines Frettchen du doch bist, Malfoy«,
höhnte Hermine und schritt laut lachend mit Ron und Harry auf die
Marmortreppe zu.
»Hermine«, sagte Ron und sah sie plötzlich s tirnrunzelnd von der Seite
her an, »deine Zähne ...«
»Was ist damit?«, fragte sie.
»Na ja, sie sind anders ... fällt mir gerade auf ...«
»Natürlich – hast du geglaubt, ich behalte diese Beißer, die mir Malfoy
verpasst hat?«
»Nein, ich meine, sie sehen auch anders aus, als sie waren, bevor er dich
mit diesem Fluch belegt hat ... sie sind alle ... regelmäßig und – nicht
mehr zu groß.«
Hermine lächelte auf einmal hinterlistig, und auch Harry fiel es jetzt auf:
Es war ein ganz anderes Lächeln, als er es von ihr kannte.
»Das war so ... ich bin nach oben gegangen zu Madam Pomfrey, um die
Zähne schrumpfen zu lassen, und sie hat mir einen Spiegel vors Gesicht
gehalten und gemeint, ich solle Halt sagen, wenn sie wieder so sind wie
früher. Und ich hab sie einfach ... ein wenig weiterzaubern lassen.«
Hermines Lächeln war noch eine Spur breiter geworden. »Mum und Dad
wird das gar nicht gefallen. Ich hab ewig lang versucht sie zu überreden,
dass ich sie schrumpfen lassen darf, aber sie wollten unbedingt, dass ich
meine Kl ammer weiter trage. Du weißt doch, sie sind Zahnärzte, sie
halten einfach nichts davon, wenn Zähne und Zauberei – ach, sieh mal!
Pigwidgeon ist wieder da!«

Rons winziger Steinkauz saß mit einer Pergamentrolle am Bein auf dem
eiszapfenschweren Treppengeländer und zwitscherte wie verrückt. Im
Vorbeigehen deuteten ein paar Schüler auf ihn und lachten und eine
Gruppe Drittklässlerinnen blieb stehen. »Oh, schaut euch mal diese
Winzeule an! Ist sie nicht niedlich?«
»Dummes kleines fedriges Biest!«, zischte Ron, n ahm ein paar Stufen
auf einmal nach oben, packte Pigwidgeon und schloss ihn in die Faust.
»Das nächste Mal bringst du den Brief gleich zum Empfänger! Ohne zu
trödeln und dich wichtig zu machen!«
Pigwidgeon quetschte den Kopf aus Rons Faust hervor und schuhuhte
vergnügt. Die Drittklässlerinnen machten erschrockene Mienen.
»Verschwindet!«, fauchte Ron sie an und fuchtelte mit der Faust, und
Pigwidgeon schuhuhte noch ausgelassener, als er so rasch durch die Luft
geschleudert wurde. »Hier – nimm du das, Harry«, fügte Ron gedämpft
hinzu, und die Drittklässlerinnen trotteten mit empörten Blicken davon.
Ron zog Sirius' Antwortbrief vorsichtig von Pigwidgeons Bein, Harry
steckte ihn in die Tasche, und sie hasteten nach oben in den
Gryffindor -Turm, um den Brief zu le sen.
Im Gemeinschaftsraum waren alle immer noch so sehr damit beschäftigt,
Feriendampf abzulassen, dass keiner groß darauf achtete, was um ihn her
vor sich ging. Die drei setzten sich ein wenig abseits von den anderen an
ein fast schon zugeschneites Fenster, und Harry las vor: Lieber Harry,
meinen Glückwunsch, dass du an diesem Hornschwanz
vorbeigekommen bist. Wer auch immer deinen Namen in den Kelch
geworfen hat, wird jetzt nicht sonderlich glücklich sein! Ich wollte dir
eigentlich einen Bindehautentzündun gs-Fluch vorschlagen, da die Augen
die schwächste Stelle eines Drachen sind – »Genau das, was Krum
gemacht hat!«, flüsterte Hermine. – aber deine List war besser, Hut ab.
Jetzt ruh dich aber nicht auf deinen Lorbeeren aus, Harry. Du hast erst
eine Aufgabe geschafft; wer immer dich ins Turnier gebracht hat, wird
noch genug Gelegenheit haben, dir etwas anzutun. Halt die Augen offen
– besonders wenn der, von dem wir gesprochen haben, in der Nähe ist –
und achte vor allem darauf, dir keinen Ärger einzuhandeln.
Schreib mir wieder; ich möchte auch weiterhin von allen
ungewöhnlichen Vorkommnissen erfahren.
Sirius »Er hört sich genauso an wie Moody«, sagte Harry leise und

steckte den Brief zurück in den Umhang. »» Immer wachsam!« Man
könnte meinen, ich laufe blind in der Gegend herum und krache ständig
gegen Wände ...«
»Aber er hat Recht, Harry«, sagte Hermine, »du hast tatsächlich noch
zwei Aufgaben vor dir. Du solltest dir dieses Ei wirklich mal genauer
ansehen und allmählich herausfinden, was es zu bedeuten hat .. .«
»Ja, schon gut, schon gut«, brummte Harry. Dann sah er den Ausdruck
auf Hermines Gesicht und sagte: »Und wie bitte soll ich mich
konzentrieren bei diesem Lärm? Bei dem Radau, den die Meute hier
macht, kann ich das Ei ja nicht mal hören.«
»Wenn du meinst «, seufzte sie, ließ sich in ihren Sessel zurücksinken
und sah den beiden beim Schachspiel zu, das Ron mit einem tollen
Schachmatt beendete, bei dem ein paar todesmutige Bauern und ein sehr
brutaler Läufer die Hauptrollen spielten. Am Weihnachtsmorgen
erwachte Harry ganz plötzlich. Verwundert, was ihn aus dem Schlaf
gerissen hatte, öffnete er die Augen. Ein Wesen starrte ihn mit riesigen,
grünen Telleraugen aus der Dunkelheit heraus an, und es war ihm so
nahe, dass es fast seine Nasenspitze berührte.
»Dobby !«, rief Harry und krabbelte so hastig weg von dem Elfen, dass er
fast aus dem Bett fiel. »Was soll denn das?«
»Dobby bittet um Verzeihung, Sir!«, quiekte Dobby verschüchtert,
presste die langen Finger auf den Mund und trampelte rückwärts über die
Decke. » Dobby will Harry Potter nur frohe Weihnachten wünschen und
ihm ein Geschenk bringen, Sir!«
»Ist schon gut«, sagte Harry, noch immer ein wenig kurzatmig, während
sein Herzschlag sich wieder beruhigt hatte. »Das nächste Mal – stups
mich meinetwegen, aber beu g dich bloß nicht so über mein Gesicht wie
vorhin ...«
Harry zog die Vorhänge des Himmelbetts zurück, nahm die Brille vom
Nachttisch und setzte sie auf. Sein Schrei hatte Ron, Seamus, Dean und
Neville geweckt. Alle blinzelten mit verquollenen Augen und zer zausten
Haaren zwischen ihren Vorhängen hindurch.
»Hat dich jemand angegriffen, Harry?«, fragte Seamus schläfrig.
»Nein, es ist nur Dobby«, murmelte Harry. »Du kannst weiterschlafen.«
»Nöh ... Geschenke!«, sagte Seamus, dem jetzt ein Berg von Päckchen
am F ußende seines Bettes aufgefallen war. Auch Ron, Dean und Neville

fanden, da sie nun schon einmal wach waren, könnten sie sich ja auch
gleich ans Geschenkeauspacken machen. Harry wandte sich wieder
Dobby zu, der jetzt hibbelig an Harrys Bett stand und immer noch
schuldbewusst dreinsah, weil er ihn erschreckt hatte. An der Schlaufe
seines Teewärmers baumelte eine Christbaumkugel.
»Darf Dobby Harry Potter sein Geschenk geben?«, quiekte er
schüchtern.
»Natürlich«, sagte Harry. »Ähm ... ich hab auch was für dich .«
Das war eine Lüge; er hatte überhaupt nichts für Dobby gekauft,
dennoch öffnete er rasch seinen Koffer und zog ein besonders
schlabberiges verknäultes Paar Socken heraus. Sie waren seine ältesten
und widerlichsten, von senfgelber Farbe, und hatten einst Onkel Vernon
gehört. Besonders schlabberig waren sie, weil Harry sie nun schon seit
einem Jahr über sein Spickoskop zog. Er nahm das Spickoskop heraus,
reichte Dobby die Socken und sagte: »Tut mir ja Leid, hab vergessen sie
zu verpacken ...«
Doch Dobby wa r maßlos entzückt.
»Socken sind Dobbys liebste, liebste Kleidungsstücke, Sir!«, sagte er,
riss sich seine zwei verschiedenfarbigen von den Füßen und zog Onkel
Vernons Socken an.
»Ich hab siebenjetzt, Sir ... aber Sir ...«, sagte er und seine Augen
weiteten sich nun, da er die Socken, so weit es ging, hochgezogen hatte,
und sie reichten bis zum Saum seiner Shorts, »im Laden haben sie einen
Fehler gemacht und Harry Potter zwei gleiche Socken gegeben!«
»O nein, Harry, wie konnte dir das nur passieren!«, sagte Ron und
grinste von seinem mit Packpapierknäueln übersäten Bett herüber. »Ich
mach dir 'n Vorschlag, Dobby – bitte nimm diese beiden, dann kannst du
sie richtig mischen. Und hier ist dein Pulli.«
Er warf Dobby ein Paar frisch ausgepackte violette Socken zu sowie den
selbst gestrickten Pulli, den ihm seine Mutter geschickt hatte.
Dobby war vor Freude vollkommen aus dem Häuschen. »Sir, das ist sehr
lieb von Ihnen!«, quiekte er, und wieder standen Tränen in seinen
Augen. Er machte eine tiefe Verbeugung vor Ron . »Dobby wusste
schon, dass Sir ein großer Zauberer sein muss, denn er ist Harry Potters
bester Freund, aber Dobby wusste nicht, dass er auch so großmütig, so
edel, so selbstlos ...«

»Es sind doch nur Socken«, sagte Ron, der um die Ohren herum leicht
rosa angelaufen war, aber gleichwohl ziemlich geschmeichelt aussah.
»Irre, Harry – « Er hatte soeben Harrys Geschenk ausgewickelt, einen
Hut in den Farben der Chudley Cannons. »Cool!« Er stülpte ihn über den
Kopf, wo er sich fürchterlich mit seinem roten Haar biss.
Dobby reichte Harry jetzt ein kleines Päckchen, und heraus kamen –
Socken.
»Dobby hat sie selbst gestrickt, Sir!«, sagte der Elf glücklich. »Er hat die
Wolle von seinem Lohn gekauft, Sir!«
Die linke Socke hatte ein Besenmuster auf Hellrot, die rechte Socke war
grün und hatte kleine Knubbel.
»Die sind ... wirklich ... ja, vielen Dank, Dobby«, sagte Harry und zog
sie an, was wiederum Glückstränen aus Dobbys Augen rollen ließ.
»Dobby muss jetzt gehen, Sir, in der Küche kochen wir schon das
Weihnachtsessen! «, sagte Dobby, winkte Ron und den anderen zum
Abschied zu und trippelte aus dem Schlafsaal.
Harrys andere Geschenke waren doch etwas brauchbarer als Dobbys
ungleiches Sockenpaar – ausgenommen natürlich das der Dursleys, das
aus einem einzigen Papiertaschentuch bestand, ein Rekord an
Gemeinheit.
Harry vermutete, dass auch sie das Würgzungen -Toffee nicht vergessen
hatten. Hermine hatte Harry ein Buch geschenkt,
Quidditch -Mannschaften Großbritanniens und Irlands; von Ron bekam
er eine prall gefüllte Tüte Stin kbomben, von Sirius ein praktisches
Taschenmesser mit vielfältigem Zubehör, um jedes Schloss und jeden
Knoten zu öffnen; und Hagrid schenkte ihm eine Riesenschachtel
Süßigkeiten mit all seinen Lieblingsleckereien – Bertie Botts Bohnen
jeder Geschmacksrichtung, Schokofrösche, Bubbels Bester
Blaskaugummi und zischende Zauberdrops. Natürlich war wie immer
Mrs Weasleys Päckchen mit dem neuesten Pulli angekommen (grün mit
aufgesticktem Drachen – Harry vermutete, dass Charlie ihr alles über
den Hornschwanz erzählt hatte) und einer Unmenge selbst gemachter
Pasteten.
Harry und Ron trafen sich im Gemeinschaftsraum mit Hermine und
gingen hinunter zum Frühstück. Danach verbrachten sie fast den ganzen
Morgen im Gryffindor -Turm, wo sich alle mit ihren Geschenken

amüsierten, dann kehrten sie zu einem herrlichen Mittagessen in die
Große Halle zurück, bei dem es mindestens hundert Truthähne und
Plumpuddings und bergeweise Kribbels Zauberkräcker gab.
Am Nachmittag gingen sie hinaus aufs Schlossgelände; der Schnee war
noch unberührt, nur die Durmstrangs und Beauxbatons hatten auf ihren
Wegen zum Schloss tiefe Gräben in der Schneedecke hinterlassen.
Hermine schaute bei der Schneeballschlacht, die sich Ron und Harry
gegen die beiden anderen Weasleys lieferten, lieber nur zu und
v erkündete dann gegen fünf, sie wolle jetzt nach oben gehen und sich auf
den Ball vorbereiten.
»Wie bitte, du brauchst drei Stunden?«, fragte Ron und sah sie verdutzt
an, was er prompt büßen musste, denn ein großer Schneeball von George
traf ihn hart am Ohr . »Mit wem gehst du eigentlich?«, rief er Hermine
nach, doch sie winkte nur von der Steintreppe her und verschwand im
Schloss.
Heute gab es keinen Weihnachtstee, da zum Ball ein Festmahl gehörte,
und um sieben Uhr, als sie ohnehin kaum noch etwas sehen konnten,
gaben sie ihre Schneeballschlacht auf und stapften zurück in den
Gemeinschaftsraum.
Die fette Dame saß mit ihrer Freundin Violet aus dem Erdgeschoss
beisammen, beide schon ziemlich beschwipst, was bei den leeren
Schnapspralinen -Schachteln, die über d en Boden verstreut lagen, nicht
weiter verwunderlich war.
»Fichterleen, so isses!«, kiekste sie auf das Passwort hin und schwang
zur Seite, um sie einzulassen.
Harry, Ron, Seamus und Neville zogen oben im Schlafsaal ihre
Festumhänge an und guckten dabei allesamt recht verlegen aus der
Wäsche, doch keiner litt solche Qualen wie Ron, der sich im hohen
Spiegel in der Ecke entsetzt anstarrte. Es ließ sich einfach nicht leugnen,
dass sein Umhang peinliche Ähnlichkeit mit einem Kleid hatte. In einem
verzweifelten Versuch, es mehr nach Männermode aussehen zu lassen,
machte er sich mit einem Abtrennzauber über Rüschenkragen und
Spitzensäume her. Es gelang ihm auch halbwegs, denn zumindest war
der Umhang jetzt rüschenfrei, doch auf dem Weg nach unten war dann
doch deutlich zu sehen, dass Kragen und Ärmelsäume fürchterlich
ausgefranst waren.

»Ich begreif immer noch nicht, wie ihr zwei die beiden bestaussehenden
Mädchen der ganzen Klassenstufe abkriegen konntet«, grummelte Dean.
»Tierischer Ma gnetismus«, sagte Ron mit düsterer Miene und zog
wieder mal einen losen Faden aus dem Ärmelsaum.
Der Gemeinschaftsraum bot einen ganz ungewöhnlichen Anblick: es war
heute nicht das übliche schwarze Gewusel, sondern er war voller
Schüler, die in den verschiedensten Farben gekleidet waren. Parvati
erwartete Harry am Fuß der Treppe. Mit ihrem knallroten Umhang, dem
mit goldenen Strähnen durchflochtenen langen schwarzen Zopf und den
goldenen Armspangen, die an ihren Handgelenken schimmerten, sah sie
unbestreitb ar hübsch aus. Harry stellte erleichtert fest, dass sie nicht
giggelte.
»Du -, ähm – siehst nett aus«, sagte er verlegen.
»Danke«, erwiderte sie. »Padma erwartet dich in der Eingangshalle«,
fügte sie zu Ron gewandt hinzu.
»Gut«, sagte Ron und sah sich um. »Wo steckt Hermine?«
Parvati zuckte die Achseln. »Wie steht's, Harry, wollen wir gehen?«
»Einverstanden«, sagte Harry und wäre doch am liebsten im
Gemeinschaftsraum geblieben. Fred zwinkerte Harry auf dem Weg zum
Porträtloch zu.
Auch in der Eingangshalle wimmelte es von Leuten, die sich gegenseitig
auf die Füße traten und warteten, dass es endlich acht Uhr wurde und die
Flügeltüren zur Großen Halle aufgingen. Wer mit einem Partner aus
einem anderen Haus verabredet war, drängte sich mit verzweifelt
suchendem Blick durch die Menge. Parvati fand ihre Schwester Padma
und führte sie hinüber zu Harry und Ron.
»Hallo«, sagte Padma, die in ihrem helltürkisen Umhang nicht weniger
hübsch aussah als Parvati. Allerdings schien sie nicht übermäßig
begeistert, Ron als Par tner zu haben. Als sie ihn von Kopf bis Fuß
musterte, blieben ihre dunklen Augen an dem ausgefransten Kragen und
den Ärmeln seines Festumhangs haften.
»Hallo«, sagte Ron, sah sie jedoch überhaupt nicht an, sondern ließ den
Blick hastig durch die Menge schweifen. »O nein ...«
Er ging in die Knie, um sich hinter Harrys Rücken zu verstecken, denn in
diesem Augenblick schwebte Fleur Dela- cour vorbei, begleitet vom
Quidditch -Kapitän der Ravenclaws, Roger Davies. In ihrem silbergrauen

Satinumhang sah Fleur einfach umwerfend aus. Als sie verschwunden
waren, richtete sich Ron wieder auf und lugte über die Köpfe der Menge
hinweg.
»Wo steckt bloß Hermine?«, fragte er zum wiederholten Mal.
Eine Gruppe Slytherins kam die Treppe von ihrem Gemeinschaftsraum
unten in den K erkern herauf. Malfoy führte sie an; er trug einen
Festumhang aus schwarzem Satin mit einem Stehkragen, und Harry
fand, dass er aussah wie ein Priester. An Malfoys Arm klammerte sich
Pansy Parkinson in einem stark berüschten blassrosa Umhang. Crabbe
und Goyle trugen beide Grün; sie ähnelten moosbewachsenen
Geröllblöcken, und wie Harry befriedigt feststellte, war es keinem von
beiden gelungen, eine Partnerin zu finden.
Das Eichenportal öffnete sich und alle wandten sich um. Die Schüler aus
Durmstrang betraten die Halle, angeführt von Professor Karkaroff. Mit
an der Spitze ging Krum, begleitet von einem hübschen Mädchen in
blauem Umhang, das Harry nicht kannte. Er spähte über ihre Köpfe
hinweg und sah, dass sie draußen direkt vor dem Schloss ein Stück
Rasen in eine Art Grotte voller Lichterfeen verwandelt hatten – Hunderte
von echten Feen saßen dort in Rosenbüschen oder flatterten über einem
steinernen Weihnachtsmann mit Rentier.
Jetzt ertönte Professor McGonagalls kräftige Stimme: »Die Champions
hierher, bitte !«
Parvati, die übers ganze Gesicht strahlte, rückte ihre Ketten und Spangen
zurecht; »bis gleich«, sagten sie zu Ron und Padma. Die schwatzende
Menge teilte sich vor ihnen und sie gingen nach vorn. Professor
McGonagall, die einen Festumhang aus rotem Scho ttentuch trug und
einen ziemlich hässlichen Distelkranz auf die Krempe ihres Huts gelegt
hatte, wies sie an, rechts von der Tür zu warten, während die anderen
schon hineingingen und sich auf ihre Plätze setzten; erst dann sollten sie
in einem feierlichen Z ug die Große Halle durchqueren. Fleur Delacour
und Roger Davies stellten sich gleich neben der Tür auf; Davies schien
von seinem Glück, Fleur als Partnerin abbekommen zu haben, so
überwältigt, dass er kaum den Blick von ihr wenden konnte. Auch
Cedric und C ho standen in Harrys Nähe; er sah anderswohin, damit er
nicht mit ihnen sprechen musste. So fiel sein Blick auf das Mädchen
neben Krum. Und der Mund klappte ihm auf.

Es war Hermine.
Aber sie sah überhaupt nicht aus wie Hermine. Offenbar hatte sie etwas
mit ihrem Haar angestellt; es war nicht mehr buschig, sondern
geschmeidig und glänzend und verschlang sich in ihrem Nacken zu
einem eleganten Knoten. Sie trug einen Umhang aus fließendem,
immergrün -blauem Stoff, und sie bewegte sich auch irgendwie anders;
doc h vielleicht nur deshalb, weil die zwei Dutzend Bücher fehlten, die
sie auf dem Rücken mit sich zu schleppen pflegte. Außerdem lächelte sie
– ziemlich nervös, und nun fiel deutlich auf, dass ihre Vorderzähne
geschrumpft waren. Harry begriff nicht, warum er es nicht schon längst
bemerkt hatte.
»Hallo, Harry!«, sagte sie. »Hallo, Parvati!«
Parvati starrte Hermine mit unverhohlener Bestürzung an. Und sie war
nicht die Einzige; als sich die Türen der Großen Halle öffneten, stakste
Krums Fanclub aus der Biblioth ek vorbei und warf Hermine Blicke voll
abgrundtiefer Verachtung zu. Pansy Parkinson, an Malfoys Arm, lief mit
offenem Mund an ihr vorbei, und selbst Malfoy schien um eine
Beleidigung verlegen, die er ihr an den Kopf werfen konnte. Ron jedoch
lief schnurstr acks an Hermine vorbei, ohne sie eines Blickes zu
würdigen.
Sobald drinnen alle ihre Plätze gefunden hatten, wies Professor
McGonagall die Champions an, sich zu zweit mit Partner oder Partnerin
zusammenzutun und ihr der Reihe nach zu folgen. Unter allgemeinem
Beifall betraten sie die Große Halle und machten sich auf den Weg
hinauf zu einem großen runden Tisch auf dem Podium, wo die Richter
saßen.
Die Wände der Halle waren mit funkelnden Eiskristallen geschmückt
und Hunderte von Girlanden aus Mistelzweigen u nd Efeu überwucherten
die gestirnte schwarze Decke. Die Haustische waren verschwunden; an
ihrer Stelle fanden sich gut hundert kleinere Tische mit Lampen, an
denen jeweils ein Dutzend Schüler saßen.
Harry achtete vor allem darauf, nicht zu stolpern. Parvati schien sich
blendend zu amüsieren; sie sah strahlend in die Menge und bugsierte
Harry so energisch herum, dass er sich vorkam wie ein dressiertes
Hündchen, das sie Kunststücke aufführen lassen wollte. Als er sich dem
runden Tisch näherte, erhaschte er ei nen kurzen Blick auf Ron und

Padma. Rons Augen verengten sich zu Schlitzen, als Hermine an ihm
vorbeiging. Padma schien ein wenig zu schmollen.
Vom Podiumstisch aus lächelte Dumbledore den Champions glücklich
entgegen. Karkaroffs Miene hingegen ähnelte der von Ron, als er Krum
und Hermine näher kommen sah. Ludo Bagman, heute Abend in
hellpurpurnem Umhang mit großen gelben Sternen, klatschte nicht
weniger begeistert als die Schüler unten; auch Madame Maxime, die ihre
übliche Uniform aus schwarzem Satin gegen ein fließendes Gewand aus
lavendelfarbener Seide eingetauscht hatte, klatschte ihnen höflich zu.
Harry fiel plötzlich auf, dass Mr Crouch nicht da war. Auf dem fünften
Platz saß Percy Weasley.
Als die Champions und ihre Partner den Tisch erreichten, zog Percy den
leeren Stuhl neben sich vor und sah Harry eindringlich an. Harry folgte
dem Wink und setzte sich neben Percy, der einen brandneuen
marineblauen Umhang trug und eine ungeheuer blasierte Miene
aufgesetzt hatte.
»Ich bin befördert worden«, sagte Percy, bevor Harry überhaupt fragen
konnte, und nach seinem Ton zu schließen, hätte er genauso gut zum
Herrscher des Universums gewählt worden sein können. »Ich bin jetzt
Mr Crouchs persönlicher Assistent und als sein Vertreter hier.«
»Warum kann er nicht selb st kommen?«, fragte Harry. Er freute sich
nicht gerade darauf, während des ganzen Abendessens über Kesselböden
belehrt zu werden.
»Ich muss leider sagen, dass Mr Crouch sich nicht wohl befindet,
ü berhaupt nicht wohl. Seit der Weltmeisterschaft ist er etwas leidend.
Das wundert einen natürlich nicht Überarbeitung. Er ist nicht mehr der
Jüngste – selbstverständlich immer noch brillant, immer noch ein
großartiger Kopf. Doch die Weltmeisterschaft war ein Fiasko für das
ganze Ministerium, und dann hat das Fehlverhalten seiner Hauselfe,
Blinky oder wie sie hieß, Mr Crouch auch noch persönlich schwer
getroffen. Natürlich hat er sie sofort danach verstoßen, aber – nun ja, wie
gesagt, er kommt schon zurecht, braucht jedoch Hilfe im Haushalt, und
ich fürchte, seit sie fort ist, hat er es zu Hause doch deutlich schwerer.
Und dann mussten wir auch noch das Turnier organisieren und die
Folgen der Weltmeisterschaft bewältigen – diese unverschämte
Kimmkorn hat über all rumgeschnüffelt - , nein, der arme Mann hat nun

seine wohlverdienten ruhigen Weihnachten. Jedenfalls weiß er, da ist
jemand, auf den er sich verlassen kann und der ihn vertritt, und darüber
bin ich einfach froh.«
Harry lag die Frage auf der Zunge, ob Mr Crouch schon aufgehört hatte,
Percy »Weatherby« zu nennen, doch er widerstand der Versuchung.
Noch war auf den schimmernden Goldtellern kein Essen, doch alle
hatten kleine Speisekarten vor sich liegen. Unsicher nahm Harry seine
Karte in die Hand und sah s ich um Bedienungen waren nicht in Sicht.
Dumbledore jedoch studierte aufmerksam seine Karte, dann sagte er klar
und deutlich zu seinem Teller: »Schweinekoteletts!«
Und Schweinekoteletts erschienen. Die anderen am Tisch begriffen und
bestellten ebenfalls bei ihren Tellern. Harry wandte den Kopf zu
Hermine, um zu sehen, wie sie sich bei dieser neuen und komplizierten
Weise, zu Abend zu essen, fühlen mochte – gewiss bedeutete dies viel
zusätzliche Plackerei für die Hauselfen? - , doch endlich einmal schien
Herm ine nicht an B.ELFE.R zu denken. Sie war in ein Gespräch mit
Viktor Krum vertieft und nahm offenbar kaum wahr, was sie überhaupt
aß.
Mit einem Mal fiel Harry auf, dass er Krum bisher noch gar nicht
wirklich hatte reden hören, doch jetzt sprach er ausgiebig , und dazu noch
sehr begeistert.
»Wir habe auch eine Schloss, nicht so groß wie diese hier und auch nicht
so bequem, möchte ich meine«, erklärte er Hermine. »Wir habe nur vier
Stockwerke und die Feuer brenne nur für magische Swecke. Aber wir
habe viele grö ßere Land als ihr, aber in Winter wir habe wenig Licht und
wir habe nichts davon. Doch in Sommer fliege wir jede Tag, über die
Seen und die Berge – «
»Nun aber, Viktor!«, sagte Karkaroff mit einem Lachen und einem
kalten Blick. »Bloß nicht alles verraten, s onst wird unsere reizende
Freundin gleich ganz genau wissen, wo wir zu finden sind!«
Dumbledore lächelte und seine Augen funkelten. »Igor, all die
Geheimniskrämerei ... man könnte fast meinen, Sie wollten gar keinen
Besuch haben.«
»Wissen Sie, Dumbledore«, sagte Karkaroff und zeigte seine gelben
Zähne in ihrer ganzen Pracht, »wir schützen doch alle unser eigenes
Reich, nicht wahr? Bewachen wir nicht eifersüchtig die Tempel der

Gelehrsamkeit, die uns anvertraut sind? Sind wir nicht zu Recht stolz
darauf, dass nur wir alleine die Geheimnisse unserer Schulen kennen und
sie auch schützen?«
»Oh, nie im Traum würde ich mir einbilden, alle Geheimnisse von
Hogwarts zu kennen, Igor«, sagte Dumbledore freundlich. »Erst heute
Morgen zum Beispiel habe ich auf dem Weg in s Bad die falsche Tür
geöffnet und fand mich plötzlich in einem herrlich gestalteten Raum, den
ich noch nie zuvor gesehen hatte und der eine ganz erstaunliche
Sammlung von Nachttöpfen enthielt. Als ich dann später zurückkam, um
mir die Sache näher anzusehen, war der Raum verschwunden. Aber ich
muss die Augen nach ihm offen halten. Vielleicht ist er nur um halb
sechs Uhr morgens zugänglich. Oder er erscheint nur bei Viertelmond –
oder wenn der Suchende eine außergewöhnlich volle Blase hat.«
Harry prustete in seinen Gulaschteller. Percy runzelte die Stirn, doch
Harry hätte schwören können, dass Dumbledore ihm ganz kurz
zugezwinkert hatte.
Unterdessen äußerte sich Fleur Delacour gegenüber Roger Davies
ausgesprochen abfällig über das weihnachtlich geschmückte Ho gwarts.
»Das ist nischts«, sagte sie geringschätzig und ließ den Blick über die
funkelnden Wände der Großen Halle schweifen. »Im Palast von
Beauxbatons 'aben wir an Weihnachten Eisskulpturen überall im
Speisesaal. Sie schmelsen natürlisch nischt ... sie sind wie riesige Statuen
aus Diamant und glit- sern dursch den ganzen Saal. Und das Essen ist
einfach süperb. Und wir 'aben Chöre aus Waldnymphen, die uns beim
Essen mit ihren Gesängen begleiten. Wir 'aben keine sol- sche 'ässlischen
Rüstungen in den 'allen, und wenn ein Poltergeist je in Beauxbatons
eindringen würde, dann würden wir ihn – sakk – einfach rauswerfen.«
Sie klatschte unwirsch mit der Hand auf den Tisch.
Roger Davies hing mit glasigem Blick an ihren Lippen und verfehlte mit
der Gabel andauernd sein en Mund. Harry hatte den Eindruck, dass
Davies zu sehr damit beschäftigt war, sie anzustarren, als dass er auch
nur ein Wort von ihr verstanden hätte.
»Vollkommen richtig«, sagte er eilig und schlug nun selbst mit der Hand
auf den Tisch. »Zack und weg. Gen au.«
Harry ließ den Blick durch die Halle wandern. Hagrid saß an einem der
anderen Lehrertische; er hatte wieder einmal seinen fürchterlichen

Braunhaar-Anzug an und spähte hinauf zum Podiumstisch. Harry
bemerkte, wie er jemandem kurz zuwinkte, folgte seine m Blick und sah
Madame Maxime, deren Opale im Kerzenlicht glitzerten, zurückwinken.
Hermine war gerade dabei, Kram zu belehren, wie ihr Name richtig
ausgesprochen wurde; andauernd nannte er sie »Erminne«.
»Her – mie – ne«, sagte sie langsam und deutlich.
» Her – minne.«
»Wird schon«, sagte sie, fing Harrys Blick auf und grinste.
Als sie aufgegessen hatten, erhob sich Dumbledore und bat die Schüler
ebenfalls aufzustehen. Dann, mit einem Schlenker seines Zauberstabs,
bewegten sich die Tische fort und reihten s ich an den Wänden auf, so
dass in der Mitte viel Platz war. Dann beschwor er an der rechten Wand
eine Bühne herauf. Er stattete sie mit einem Schlagzeug, mehreren
Gitarren, einer Laute, einem Cello und einigen Dudelsäcken aus.
Unter wild begeistertem Klats chen stürmten die Schwestern des
Schicksals die Bühne; alle hatten sie besonders wilde Mähnen und waren
in schwarze Umhänge gekleidet, die kunstvoll zerrissen und
aufgeschlitzt waren. Sie nahmen ihre Instramente auf, und Harry, der sie
so gespannt beobacht et hatte, dass er fast vergessen hatte, was auf ihn
zukam, erkannte plötzlich, dass die Lampen auf den Tischen ringsum
ausgegangen waren und sich die anderen Champions und ihre Partner
erhoben.
»Komm mit!«, zischte Parvati. »Wir sollen doch tanzen!«
Harry verhedderte sich beim Aufstehen in seinem Festumhang. Die
Schwestern des Schicksals stimmten eine langsame, traurige Melodie an;
Harry, ganz darauf bedacht, ja niemanden anzusehen, schritt auf die hell
erleuchtete Tanzfläche (aus den Augenwinkeln sah er, d ass Seamus und
Dean ihm zuwinkten und kicherten), und schon hatte Parvati ihn an den
Händen gefasst, legte eine um ihre Hüfte und hielt die andere fest in der
eigenen.
Könnte schlimmer sein, dachte Harry und drehte sich langsam auf der
Stelle (Parvati führ te). Er sah stur über die Köpfe des Publikums hinweg,
und schon bald waren viele Mitschüler auf die Tanzfläche gekommen, so
dass die Champions nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
standen. Neville und Ginny tanzten ganz in der Nähe – er konnte Ginn y
immer wieder das Gesicht verziehen sehen, wenn ihr Neville auf die

Füße tappte -, während Dumbledore mit Madame Maxime einen Walzer
hinlegte. Sie war so viel größer als er, dass die Spitze seines Hutes
gerade mal ihr Kinn kitzelte; sie jedoch bewegte sich für eine so große
Frau ausgesprochen graziös. Mad -Eye Moody tanzte einen äußerst
unbeholfenen Twostep mit Professor Sinistra, die immer wieder nervös
seinem Holzbein auswich.
»Hübsche Socken, Potter«, knurrte Moody im Vorbeitanzen und starrte
mit dem mag ischen Auge durch Harrys Umhang hindurch.
»Oh – ja, Dobby, der Hauself, hat sie für mich gestrickt«, erwiderte
Harry grinsend.
»Er ist ja so gruslig!«, flüsterte Parvati, als Moody davongeklonkt war.
»So ein Auge gehört verboten!«
Der Dudelsack gab einen letzten zittrigen Ton von sich und Harry hörte
es mit Erleichterung. Die Schwestern des Schicksals beendeten ihr
Stück, Beifall brauste auf und Harry ließ Parvati sofort los. »Wollen wir
uns nicht setzen?«
»Och, aber – das hier ist wirklich gut!« , sagte Parvati, als die Schwestern
mit dem nächsten, viel schnelleren Lied begannen.
»Nein, nicht mein Fall«, log Harry und führte sie von der Tanzfläche –
vorbei an Fred und Angelina, die so ausgelassen tanzten, dass die Leute
um sie her ängstlich zurück wichen, um sich nicht zu verletzen – und
hinüber zum Tisch, wo Ron und Padma saßen.
»Wie läuft's?«, fragte Harry Ron, setzte sich und öffnete eine Flasche
Butterbier.
Ron gab keine Antwort. Er starrte finster zu Hermine und Krum hinüber,
die ganz in der Nä he tanzten. Padma hatte die Arme verschränkt und die
Beine übereinander geschlagen und wippte mit dem Fuß im Takt der
Musik. Hin und wieder versetzte sie Ron, der sie völlig ignorierte, einen
beleidigten Blick.
Parvati setzte sich neben Harry, kreuzte eben falls Arme und Beine und
wurde nach wenigen Minuten von einem Jungen aus Beauxbatons zum
Tanz aufgefordert.
»Du erlaubst doch, Harry?«, sagte Parvati.
»Wie bitte?«, sagte Harry, der gedankenversunken Cho und Cedric
beobachtete.
»Oh, schon gut«, fauchte Par vati und ging mit dem Jungen aus

Beauxbatons davon. Am Ende des Stücks kehrte sie nicht zurück.
Dafür kam Hermine zum Tisch und setzte sich auf Parva- tis leeren Stuhl.
Das Tanzen hatte ihr einen Hauch Rosa ins Gesicht getrieben.
»Hallo«, sagte Harry.
Ron s agte kein Wort.
»Heiß hier drin, nicht wahr?«, sagte Hermine und fächelte sich mit der
Hand Luft zu. »Viktor holt uns eben was zu trinken.«
Ron warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
»Viktor?«, sagte er. »Darfst du ihn noch nicht Vicky nennen?«
Hermine sah ihn verdutzt an.
»Was ist los mit dir?«, fragte sie.
»Wenn du das nicht weißt«, fauchte Ron, »dann sag ich's dir auch nicht.«
Hermine starrte erst ihn an, dann Harry, der die Achseln zuckte. »Ron,
was –?«
»Er ist aus Durmstrang!«, zischte Ron. »Er kämpft gegen Harry! Gegen
Hogwarts! Du – du –« Ron suchte offenbar nach Worten, die stark genug
waren für Hermines Verbrechen, »du verbrüderst dich mit dem Feind,
das ist es!«
Hermine klappte der Mund auf.
»Du hast sie doch nicht mehr alle!«, erwiderte sie nach k urzer
Besinnung. »Mit dem Feind! Jetzt mach aber mal halblang – wer war
denn so aufgeregt, als Krum hier ankam? Wer wollte unbedingt ein
Autogramm von ihm? Wer hat ein Krum -Püppchen oben im
Schlafsaal?«
Ron zog es vor, darauf nicht einzugehen. »Ich nehm an, er hat dich
gefragt, ob du mit ihm zum Ball gehen willst, als ihr oben in der
Bibliothek alleine wart?«
»Ja, allerdings«, sagte Hermine, und die rosa Flecken auf ihren Wangen
glühten nun. »Na und?«
»Und wie ist es passiert – hast wohl versucht, ihn auf B elfer heiß zu
machen?«
»Nein, hab ich nicht! Wenn du's wirklich wissen willst -er sagte, er wäre
jeden Tag in die Bibliothek gekommen, um mal mit mir zu sprechen, und
dann hätte er immer den Mut verloren!«
Hermine hatte sehr schnell gesprochen und wurde jetzt so knallrot wie
Parvatis Umhang.

»Ja – schön, das hat er dir erzählt«, sagte Ron gehässig.
»Und was soll das wieder heißen?«
»Ist doch klar, oder? Er ist der Schüler von Karkaroff. Er weiß, mit wem
du so oft zusammen bist ... er versucht doch nur, nähe r an Harry
heranzukommen – einiges über ihn zu erfahren – oder ihm so nahe zu
kommen, dass er ihn verhexen kann –«
Hermine sah aus, als hätte Ron ihr eine Ohrfeige verpasst. Sie antwortete
mit zitternder Stimme. »Nur um das zu klären, er hat mir nicht eine
einzige Frage zu Harry gestellt, nicht eine – «
Mit Lichtgeschwindigkeit wechselte Ron die Spur. »Dann hofft er, dass
du ihm hilfst, sein Eierrätsel zu lösen! Sicher habt ihr bei diesen
traulichen kleinen Bibliothekstreffen die Kö pfe zusammengesteckt –«
»Ich würde ihm nie und nimmer helfen, das Eierrätsel zu lösen!«, sagte
Hermine empört. »Niemals. Wie kannst du nur so etwas sagen – ich will,
dass Harry das Turnier gewinnt. Das weißt du doch, Harry, oder?«
»Komische Art, das zu zeigen«, höhnte Ron.
»Der Sinn dieses ganzen Turniers soll es doch sein, Zauberer aus
anderen Ländern kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen!«,
sagte Hermine schrill.
»Nein, Blödsinn!«, rief Ron. »Es geht allein ums Gewinnen!«
Einige Leute schauten nun zu ihnen rüber.
»Ron«, sagte Harry leise, »mir macht es nichts aus, dass Hermine mit
Krum gekommen ist – «
Doch Ron ignorierte auch Harry.
»Warum läufst du Vicky nicht nach, er sucht dich sicher schon«, sagte
er.
»Und nenn ihn nicht Vicky!« Hermine sprang auf, stürmte auf die
Tanzfläche und verschwand in der Menge.
Ron sah ihr mit einer Mischung aus Zorn und Genugtuung nach.
»Bittest du mich heute Abend eigentlich mal zum Tanz?«, fragte ihn
Padma.
»Nein«, sagte Ron und schaute weiter finster in die Menge.
»Schön«, zischte Padma, erhob sich und ging hinüber zu Parvati und
dem Jungen aus Beauxbatons, der so schnell einen seiner Freunde
auftrieb, dass Harry geschworen hätte, das sei nur mit einem
Aufrufezauber möglich gewesen.

»Wo ist Her-minne?«, sagte eine Stimme.
Krum war soeben mit zwei Butterbieren in den Händen an ihren Tisch
getreten.
»Keine Ahnung«, sagte Ron mit steifer Miene und blickte zu ihm hoch.
»Hast sie verloren, was?«
Krum sah schon wieder mürrisch drein.
»Gutt, wenn ihr sie seht, sagt ihr, ich hab was zu trinke«, sagte er und
schlurfte davon.
»Hast dich mit Viktor Krum angefreundet, Ron?«
Percy war herbeigewuselt, rieb sich die Hände und machte eine
ungemein wichtige Miene. »Ganz exzellent! Genau darum geht es
nämlich – internationale magisch e Zusammenarbeit!«
Zu Harrys Ärger nahm Percy prompt Padmas verlassenen Platz ein. Der
Tisch auf dem Podium war jetzt leer; Professor Dumbledore tanzte mit
Professor Sprout; Ludo Bagman mit Professor McGonagall; Madame
Maxime und Hagrid walzten eine breite Schneise durch die Tanzenden,
und Karkaroff war spurlos verschwunden. In der nächsten Musikpause
gab es wieder allseits Beifall, und Harry sah, wie Ludo Bagman
Professor McGonagall die Hand küsste und sich durch die Menge zu
seinem Platz zurückschlängelte. In diesem Augenblick sprachen ihn Fred
und George an.
»Was glauben die eigentlich, was sie da tun, belästigen auch noch
hochrangige Ministeriumsvertreter!«, zischte Percy und beäugte Fred
und George argwöhnisch, »so was von respektlos.«
Ludo Bagman wimme lte Fred und George jedoch ziemlich schnell ab,
entdeckte Harry, winkte und kam zu ihrem Tisch herüber.
»Ich hoffe, meine Brüder haben Sie nicht belästigt, Mr Bagman?«, sagte
Percy beflissen.
»Wie bitte? O nein, überhaupt nicht!«, sagte Bagman. »Nein, sie haben
mir nur ein wenig mehr über ihre falschen Zauberstäbe erzählt. Ob ich
nicht einen Rat wüsste, wie sie zu vermarkten wären. Ich hab
versprochen, sie mit ein paar Geschäftsfreunden von mir in Zonkos
Zauberscherzladen bekannt zu machen ...«
. Percy schien keineswegs begeistert, und Harry hätte wetten können,
dass er es Mrs Weasley verraten würde, sobald er heimkam. Offenbar
hatten Fred und George in letzter Zeit recht ehrgeizige Pläne entwickelt,

wenn sie jetzt schon vorhatten, ihre Zauberstäbe zu verkaufen.
Bagman öffnete den Mund, um Harry etwas zu fragen, doch Percy
unterbrach ihn. »Wie, finden Sie, läuft das Turnier, Mr Bagman? Unsere
Abteilung jedenfalls ist recht zufrieden – natürlich war diese kleine
Panne mit dem Feuerkelch« – er warf Harry einen Blick zu – »ein wenig
bedauerlich, doch bisher scheint doch alles glatt zu laufen, meinen Sie
nicht auch?«
»O ja«, sagte Bagman vergnügt, »war alles ein Riesenspaß. Wie geht's
dem guten Barty? Ein Jammer, dass er nicht kommen konnte.«
»Oh, ich bin sicher, Mr Crouch wird im Nu wieder auf den Beinen sein«,
sagte Percy mit wichtiger Miene, »doch bis dahin bin ich natürlich gern
bereit, für ihn einzuspringen. Selbstverständlich geht es nicht darum, sich
auf Bällen rumzutreiben« – er lachte überheblich – »o n ein, ganz im
Gegenteil. Ich muss mich ja um alles kümmern, was während seiner
Abwesenheit so anfällt – Sie haben doch gehört, dass man Ali Bashir
festgesetzt hat, weil er eine Sendung fliegender Teppiche ins Land
schmuggeln wollte? Und dann versuchen wir die Transsilvanier davon
zu überzeugen, endlich das Internationale Duellverbotsabkommen zu
unterzeichnen. Zu Jahresbeginn hab ich ein Treffen mit ihrem
Abteilungsleiter für magische Zusammenarbeit – «
»Lass uns kurz mal frische Luft schnappen«, murmelte Ron Harry zu,
»damit wir Percy loswerden ...«
Unter dem Vorwand, Getränke holen zu gehen, standen sie auf und
drängelten sich an der Tanzfläche entlang hinaus in die Eingangshalle.
Das Portal stand offen, und die flatternden Lichterfeen im Rosengarten
zwinkerten und funkelten, als sie die Vortreppe hinuntergingen. Unten
ging es auf von Büschen eingefassten Pfaden weiter, die sich in
kunstvollen Windungen an großen steinernen Statuen entlang
dahinschlängelten. Harry konnte Wasser plätschern hören und es klang
wie ein Brunnen. Sie folgten einem der gewundenen, von Rosenbüschen
bestandenen Wege, waren allerdings noch nicht weit gekommen, als sie
eine unangenehm vertraute Stimme hörten.
»... verstehe nicht, was es da noch zu reden gibt, Igor.«
»Severus, du kannst ni cht so tun, als würde das nicht passieren!«
Karkaroffs Stimme klang besorgt und gedämpft, als wollte er auf keinen
Fall belauscht werden. »Das wird doch schon seit Monaten immer

deutlicher, ich mach mir allmählich ernsthaft Sorgen, das muss ich
zugeben –«
»Dann flieh«, entgegnete Snape barsch. »Flieh, ich werde eine Ausrede
für dich finden. Ichjedoch bleibe in Hogwarts.«
Snape und Karkaroff bogen um eine Hecke. Snape hatte seinen
Zauberstab gezückt und zerfledderte mit äußerst miesepetriger Miene die
Rosenb üsche am Wegrand in tausend Stücke. Aus den Büschen drangen
Schreie und dunkle Schatten stürzten hervor.
»Zehn Punkte Abzug für Hufflepuff, Fawcett!«, raunzte Snape ein
Mädchen an, das an ihm vorbeirannte. »Und auch zehn Punkte minus für
Ravenclaw, Stebbin s!«, als ein Junge ihr nachstürmte. »Und was tut ihr
zwei hier?«, fügte er hinzu, als er Harry und Ron ein Stück vor sich auf
dem Pfad erkannte.
Karkaroff, fiel Harry auf, schien bei ihrem Anblick beinahe die Fassung
zu verlieren. Seine Hand fuhr nervös zu m Spitzbart und er zwirbelte ihn
um den Finger.
»Wir gehen spazieren«, antwortete Ron knapp. »Nicht verboten, oder?«
»Dann geht gefälligst schnell weiter!«, raunzte Snape und rauschte mit
gebauschtem schwarzem Umhang an ihnen vorbei. Karkaroff folgte ihm
h astig. Harry und Ron gingen weiter den Pfad entlang.
»Wovor fürchtet sich Karkaroff wohl?«, murmelte Ron.
»Und seit wann duzen sich er und Snape?«, sagte Harry langsam.
Sie waren jetzt bei einem großen steinernen Rentier angelangt, über dem
sie die hohen Fontänen eines Springbrunnens funkeln sahen. Auf einer
Steinbank waren die schattenhaften Umrisse zweier riesiger Menschen
zu erkennen, und offenbar sahen sie im Mondlicht dem Tanz der
Fontänen zu.
Dann hörte Harry Hagrid sprechen.
»Ich hab Sie nur einmal ansehn brauchen, da wusst ich's«, sagte er mit
seltsam rauer Stimme.
Harry und Ron erstarrten. Das klang irgendwie nicht danach, als sollten
sie dazwischenplatzen ... Harry blickte sich um und sah Fleur Delacour
und Roger Davies ganz in der Nähe, halb verdeckt in einem Rosenbusch.
Er tippte Ron auf die Schulter und nickte zu den beiden hinüber, um ihm
zu bedeuten, dass sie auf diesem Weg leicht unbemerkt entkommen
konnten (denn Fleur und Davies kamen Harry sehr beschäftigt vor).

Doch Rons Augen weiteten sich vor Schreck beim Anblick von Fleur, er
schüttelte heftig den Kopf und zog Harry tief in die Schatten hinter dem
Rentier.
»Was 'aben Sie gewusst, 'Agrid?«, sagte Madame Maxime mit einem
deutlichen Schnurren in ihrer leisen Stimme.
Hier wollte Harry ganz bestimmt nicht zuhören; er wusste, Hagrid wäre
es peinlich, in dieser Situation belauscht zu werden (ihm selbst würde es
sicher so gehen) – und wenn es möglich gewesen wäre, hätte Harry sich
Finger in die Ohren gesteckt und laut gesummt, doch das ging nun
wirklich nicht. Stattdessen versuchte er sich für einen Käfer zu
begeistern, der über den Rücken des steinernen Rentiers krabbelte, doch
er war einfach nicht interessant genug, um Hagrids nächste Worte
untergehen zu lassen.
»Ich wusst es gleich ... Sie sind wie ich ... war's die Mutter oder der
Vater?«
»Isch – isch weiß nischt, was Sie meinen, 'Agrid ...«
»Bei mir war's die Mutter«, sagte Hagrid leise. »Sie war eine der Letzten
in Britannien. Natürlich kann ich mich nich mehr gut an sie erinnern ...
sie ist f ortgegangen. Als ich ungefähr drei war. War nich so der
mütterliche Typ. Tja ... liegt eben nich in ihrer Natur, nich. Keine
Ahnung, was aus ihr geworden ist ... vielleicht ist sie gestorben ...«
Madame Maxime sagte kein Wort. Harry konnte der Verlockung nicht
widerstehen, wandte den Blick von dem Käfer ab und spähte mit
gespitzten Ohren über das Geweih des Rentiers zu den beiden hinüber ...
noch nie hatte er Hagrid über seine Kindheit sprechen gehört.
»Dass sie fortging, hat meinem Dad das Herz gebrochen. Winziger
kleiner Kerl, mein Dad. Als ich sechs war, konnte ich ihn hochheben und
ihn auf den Küchenschrank setzen, wenn er mich geärgert hat. Dann hat
er immer gelacht ...« Hagrids tiefe Stimme brach ab. Madame Maxime
lauschte ihm reglos, ihr Blick schien auf den silbrigen Fontänen zu
ruhen. »Dad hat mich großgezogen ... aber dann ist er natürlich
gestorben, gerade als ich in die Schule gekommen bin. Danach musste
ich mich mehr schlecht als recht selbst durchschlagen. Dumbledore hat
mir wirklich geholfen. W ar sehr freundlich zu mir, muss ich sagen ...«
Hagrid zog ein großes, gepunktetes seidenes Taschentuch hervor und
schnäuzte sich markerschütternd. »Tja ... wie auch immer ... das war's

von mir. Und wie steht's mit Ihnen? Von wem haben Sie's?«
Doch Madame M axime war plötzlich aufgestanden.
»Mir ist kalt«, sagte sie. Doch so kalt es hier draußen auch immer war, es
war nicht annähernd so eisig wie ihre Stimme. »Isch möschte wieder
reinge'en.«
»Was?«, sagte Hagrid verdutzt. »Nein, gehen Sie nicht! Ich - ich hab
noch nie eine andere getroffen!«
»Eine andere was denn, genau?«, fragte Madame Maxime kalt.
Harry hätte Hagrid am liebsten gesagt, er solle jetzt bloß den Mund
halten. Da stand er im Schatten verborgen, biss die Zähne zusammen und
hoffte auf das Unmö gliche – doch es hatte keinen Zweck.
»Eine zweite Halbriesin, natürlich«, sagte Hagrid.
»Wie können Sie es wagen!«, kreischte Madame Maxime. Ihre Stimme
gellte wie ein Nebelhorn durch die friedliche Nacht; Harry hörte, wie
Fleur und Roger hinter ihm aus ih rem Rosenbusch stürzten. »Man 'at
misch nie im Leben dermaßen beleidigt! 'albriese? Moi? Isch 'abe – isch
'abe große Knochen!«
Sie stürmte davon; große, vielfarbene Feenschwärme flatterten auf, als
sie sich wütend durch die Büsche schlug. Hagrid saß immer noch auf der
Bank und starrte ihr nach. Es war viel zu dunkel, um sein Gesicht sehen
zu können. Dann, nach etwa einer Minute, stand er auf und schritt davon,
nicht zurück zum Schloss, sondern hinaus auf das dunkle Land und
hinüber zu seiner Hütte.
»Komm«, sagte Harry sehr leise zu Ron. »Gehen wir ...«
Doch Ron rührte sich nicht.
»Was ist los?«, fragte Harry und sah ihn an.
Ron wandte sich mit todernster Miene Harry zu.
»Hast du das gewusst?«, wisperte er. »Dass Hagrid ein Halbriese ist?«
»Nein«, sagte Harry achselzuckend. »Na und?«
Ron sah ihn an und Harry wusste sofort, dass er wieder einmal seine
Unwissenheit über die Zaubererwelt kundgetan hatte. Er war bei den
Dursleys aufgewachsen, und daher war vieles, was die Zauberer für
selbstverständlich hielten, ü berraschend neu für Harry. Im Laufe seiner
Schulzeit hatte er immer weniger von diesen Schnitzern begangen, nun
jedoch spürte er, dass die meisten Zauberer nicht »na und?« sagen
würden, wenn sie herausfänden, dass einer ihrer Freunde ein Halbriese

war.
»Ic h erklär's dir drin«, sagte Ron leise. »Komm mit ...«
Fleur und Roger Davies waren verschwunden, vermutlich weiter ins
Buschwerk hinein, wo sie ungestört sein konnten. Harry und Ron kehrten
in die Große Halle zurück. Parvati und Padma saßen nun an einem Tisch
im Hintergrund, umgeben von einer ganzen Traube von
Beauxbatons -Jungen, und Hermine tanzte schon wieder mit Krum. Harry
und Ron setzten sich an einen Tisch in sicherer Entfernung von der
Tanzfläche.
»Also?«, bohrte Harry nach. »Was soll denn schon sein mit den
Riesen?«
»Also, sie sind ... sie sind ...«, Ron rang nach Worten, »nicht besonders
nett«, endete er lahm.
»Wen stört das?«, sagte Harry. »Hagrid ist doch völlig in Ordnung!«
»Das weiß ich auch, aber ... verdammt noch mal, kein Wunder, dass er
den Mund hält«, sagte Ron kopfschüttelnd. »Ich dachte immer, er sei als
Kind in einen vermasselten Verschlingungszauber reingestolpert oder
etwas in der Art. Hatte keine Lust, darüber zu sprechen ...«
»Aber was ist denn schon dabei, wenn seine Mutter eine Ries in ist?«,
fragte Harry.
»Na ja ... keiner, der ihn kennt, wird sich darum scheren, weil wir
wissen, dass er nicht gefährlich ist«, sagte Ron langsam. »Aber ... Harry,
die Riesen sind nun einmal bösartig. Wie Hagrid selbst gesagt hat, es
liegt in ihrer Natu r, sie sind wie Trolle ... sie mögen einfach töten, das
weiß jeder. Aber in Großbritannien gibt es keine mehr.« »Was ist mit
ihnen passiert?«
»Sie waren ohnehin am Aussterben und dann haben die Auroren viele
von ihnen umgebracht. In anderen Ländern soll es aber noch Riesen
geben ... sie leben meist versteckt in den Bergen ...«
»Ich weiß nicht, wen die Maxime eigentlich täuschen will«, sagte Harry
und sah hinüber zu ihr, die allein und mit sehr betrübter Miene am
Richtertisch saß. »Wenn Hagrid ein Halbriese ist, dann ist sie es
eindeutig auch. Von wegen große Knochen ... das Einzige, was größere
Knochen hat als sie, ist ein Dinosaurier.«
Harry und Ron verbrachten den restlichen Ballabend damit, in einer
Ecke zu sitzen und über Riesen zu fachsimpeln; keiner vo n beiden hatte

Lust zu tanzen. Harry mied möglichst jeden Blick auf Cho und Cedric,
und wenn er sie dann doch sah, hätte er am liebsten gegen das Tischbein
getreten.
Als die Schwestern des Schicksals um Mitternacht zu spielen aufhörten,
bekamen sie von all en noch eine letzte Runde Applaus, dann tröpfelten
die Gäste allmählich hinaus in die Eingangshalle. Viele sagten, am
liebsten hätten sie weitergefeiert, doch Harry war es nur recht, dass er
endlich zu Bett gehen konnte; was ihn anging, war der Abend nicht
besonders lustig gewesen.
Draußen in der Eingangshalle sahen Harry und Ron, wie Hermine Krum,
der auf dem Weg zurück zum DurmstrangSchiff war, gute Nacht
wünschte. Sie versetzte Ron einen sehr kühlen Blick und rauschte ohne
ein Wort an ihm vorbei und die Marmortreppe hoch. Harry und Ron
folgten ihr, doch auf halber Treppe hörte Harry, wie ihn jemand rief.
»Hey – Harry!«
Es war Cedric Diggory. Harry sah, dass Cho unten in der Halle auf ihn
wartete.
»Ja?«, sagte Harry kurz, und Cedric kam zu ihm hochgestürmt.
Er sah ganz so aus, als wollte er vor Ron lieber nicht den Mund
aufmachen. Ron zuckte die Achseln, schaute genervt und ging weiter die
Treppe hinauf.
»Hör mal ...«, sagte Cedric mit gedämpfter Stimme, als Ron
verschwunden war. »Ich schulde dir 'nen Gefallen für diese
Drachengeschichte. Was ist mit deinem goldenen Ei? Jammert es auch,
wenn du es aufmachst?«
»Ja«, sagte Harry.
»Nun ... nimm ein Bad, verstanden?«
»Was?«
»Nimm ein Bad und – ähm – nimm das Ei mit und – hmh denk im
heißen Wasser einfach mal drüber nach. Das wird dir helfen ... glaub
mir.«
Harry starrte ihn an.
»Und noch was«, sagte Cedric. »Nimm das Badezimmer der
Vertrauensschüler. Im fünften Stock, vierte Tür links von dieser Statue
von Boris dem Bekloppten. Das Passwort ist Pinienfrisch. M uss mich
jetzt sputen – will ihr noch gute Nacht sagen – «

Er grinste Harry zu und stürzte hastig zum Fuß der Treppe hinunter, wo
Cho auf ihn wartete.
Harry stieg allein hoch in den Gryffindor -Turm. Das war ein äußerst
merkwürdiger Ratschlag. Warum sollte ihm ein Bad helfen,
herauszufinden, was es mit diesem kreischenden Ei auf sich hatte?
Wollte Cedric ihn verulken? Versuchte er, Harry wie einen Dummkopf
dastehen zu lassen, um bei Cho noch besser abzuschneiden?
Die fette Dame und ihre Freundin Vi dösten in ihrem Bild über dem
Porträtloch. Harry musste »Lichterfeen!« schreien, damit sie endlich
aufwachten, und dann waren sie auch noch höchst verärgert. Er kletterte
in den Gemeinschaftsraum und geriet mitten in einen heißen Streit
zwischen Ron und Hermine. Sie standen drei Meter voneinander entfernt
und brüllten sich mit scharlachroten Gesichtern an.
»Na schön, wenn du es nicht leiden kannst, dann weißt du ja, was du zu
tun hast, oder?«, schrie Hermine; ihr Haar löste sich allmählich aus dem
eleganten Knoten un d ihr Gesicht war wutverzerrt.
»Ach ja?«, schrie Ron zurück. »Was denn bitte?« »Wenn das nächste
Mal ein Ball ist, dann frag mich doch gleich, und nicht als letzte
Rettung!«
Ron mummelte stumme Worte wie ein Goldfisch und Hermine wandte
sich auf dem Absatz um und stürmte die Treppe hoch in ihren Schlafsaal.
Ron schien wie vom Blitz getroffen. »Pff«, prustete er, »tss - das zeigt
doch, dass sie überhaupt nicht begriffen hat, worum es ging – «
Harry sagte nichts dazu. Es gefiel ihm einfach zu gut, wieder mit Ro n
reden zu können, als dass er ihm seine Meinung hätte sagen können –
doch er konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass Hermine viel
besser als Ron begriffen hatte, worum es ging.

Rita Kimmkorns Riesenknüller


Am zweiten Weihnachtstag standen alle spät auf. Im Gemeinschaftsraum
der Gryffindors war es so ruhig wie schon lange nicht mehr und viel
Gegähne durchzog die lahmen Unterhaltungen. Hermine hatte nun
wieder buschiges Haar; Harry gestand sie, dass sie vor dem Ball
Riesenmengen Seidenglatts Haargel g enommen hatte, »aber für jeden
Tag wär mir das entschieden zu viel Aufwand«, sagte sie nüchtern und
kraulte Krummbein hinter den Ohren.
Ron und Hermine schienen stillschweigend übereingekommen zu sein,
ihren Streit zu begraben. Sie gingen betont freundlich miteinander um,
allerdings merkwürdig steif. Ron und Harry warteten nicht lange, bis sie
Hermine von dem Gespräch zwischen Madame Maxime und Hagrid
erzählten, das sie belauscht hatten. Doch Hermine schien die Neuigkeit,
dass Hagrid ein Halbriese war, nich t annähernd so schockierend zu
finden wie Ron.
»Nun ja, ich hab's mir schon gedacht«, sagte sie achselzuckend. »Ich
wusste, dass er kein ausgewachsener Riese sein kann, denn die sind ja
um die sieben Meter groß. Aber ehrlich gesagt, was soll diese ganze
Au fregung um die Riesen. Sie können doch nicht alle schrecklich sein ...
gegen die Werwölfe gibt es genau dieselben Vorurteile ... die Leute sind
einfach viel zu engstirnig!«
Ron sah aus, als ob er ihr am liebsten höhnisch über den Mund gefahren
wäre, doch v ielleicht wollte er nicht schon wieder Streit anfangen, denn
er beschränkte sich darauf, ungläubig den Kopf zu schütteln, als Hermine
gerade woanders hinsah.
Es wurde allmählich Zeit, an die Hausaufgaben zu denken, die sie in der
ersten Ferienwoche vernach lässigt hatten. Jetzt, da Weihnachten vorbei
war, schienen alle ein wenig matt und lahm – alle außer Harry, der
(wieder mal) ziemlich nervös wurde.
Das Problem war, dass der vierundzwanzigste Februar mit Weihnachten
im Rücken viel näher gekommen zu sein schien, und noch immer hatte
er nichts unternommen, um das Rätsel des goldenen Eis zu lösen. So fing
er an, das Ei jedes Mal, wenn er in den Schlafsaal ging, aus dem Koffer
zu holen, es zu öffnen und ihm aufmerksam zu lauschen, immer in der

Hoffnung, es würde ihm endlich ein Licht aufgehen. Er zermarterte sich
den Kopf darüber, woran ihn der Lärm erinnerte, aber einmal abgesehen
von dreißig Musiksägen hatte er so etwas noch nie gehört. Er schloss das
Ei, schüttelte es energisch und öffnete es wieder, um zu hö ren, ob sich
der Ton verändert hatte, doch nein. Er versuchte, gegen das Wehklagen
anbrüllend, dem Ei Fragen zu stellen, doch nichts geschah. Er warf das
Ei sogar durch den Saal, doch es brachte nichts, und eigentlich hatte er
auch nicht daran geglaubt.
Harry hatte den Hinweis von Cedric nicht vergessen, aber da er im
Augenblick nicht allzu freundschaftliche Gefühle für Cedric hegte,
wollte er möglichst ohne seine Hilfe auskommen. Und wenn Cedric ihm
wirklich einen heißen Tipp hätte geben wollen, dann hätte er mehr mit
der Sprache rausrücken müssen. Er selbst hatte Cedric genau gesagt, was
bei der ersten Aufgabe drankam, aber Cedrics Vorstellung von einem
fairen Tausch war wohl, ihm zu sagen, er solle ein Bad nehmen. Nein,
solche Krücken brauchte er nicht – und schon gar nicht von jemandem,
der mit Cho Händchen haltend durch die Schule spazierte. Und so kam
der erste Tag nach den Ferien, Harry ging wie immer beladen mit
Büchern, Pergamenten und Federn zum Unterricht, doch das Ei lag ihm
so schwer im Magen, als ob er es ständig mit sich herumtragen würde.
Noch immer lag hoher Schnee, und die Fenster des Gewächshauses
waren so dicht beschlagen, dass sie in Kräuterkunde nicht einmal nach
draußen sehen konnten. Bei so einem Wetter freute sich niemand auf
Pflege magischer Geschöpfe, obwohl Ron meinte, die Kröter würden
ihnen sicher ganz schön einheizen, denn entweder müssten sie hinter
ihnen herjagen, oder sie würden so stark explodieren, dass Hagrids Hütte
Feuer fing.
Drüben vor der Hütte sahen sie jedoch nur eine ältere Hexe mit kurz
geschorenem grauem Haar und einem energisch spitzen Kinn vor der Tür
stehen.
»Nun beeilt euch mal, es hat schon vor fünf Minuten geläutet«, blaffte
sie die Klasse an, die durch den Schnee auf sie zustapfte.
»Wer sind Sie?«, fragte Ron und starrte sie an. »Wo ist Hagrid?«
»Mein Name ist Professor Raue- Pritsche«, sagte sie barsch, »ich bin eure
Vertretung in Pflege magischer Geschöpfe.«
»Wo ist Hagrid?«, wiederholte Ha rry laut.

»Er fühlt sich nicht wohl«, sagte Professor Raue-Pritsche knapp.
Leises, unangenehmes Lachen drang an Harrys Ohren. Er wandte sich
um; Draco Malfoy und die anderen Slytherins waren hinzugestoßen.
Ihnen allen stand die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben, und keiner
schien überrascht, Professor Raue- Pritsche hier zu sehen.
»Hier lang, bitte«, sagte Professor Raue- Pritsche und ging mit schnellen
Schritten an der Koppel entlang, auf der die riesigen Beauxbatons -Pferde
zitterten.
Harry, Ron und Herm ine folgten ihr und warfen hin und wieder Blicke
über die Schulter zu Hagrids Hütte. Alle Vorhänge waren zugezogen.
War Hagrid dort drin, krank und allein?
»Was fehlt Hagrid denn?«, fragte Harry und beeilte sich, mit Professor
Raue- Pritsche Schritt zu halten.
»Das geht dich nichts an«, sagte sie, als hielte sie ihn für einen
naseweisen Bengel.
»Tut es allerdings«, sagte Harry gereizt. »Was ist los mit ihm?«
Professor Raue- Pritsche tat so, als ob sie ihn nicht hören würde. Sie
führte sie an der Koppel vorbei , wo sich die Beauxbatons-Pferde jetzt
zum Schutz gegen die Kälte aneinander geschmiegt hatten, und auf einen
Baum am Waldrand zu. An den Baum gebunden war ein großes, schönes
Einhorn. Viele Mädchen »uuuhten« bei diesem Anblick.
»Oooh, ist es nicht wunders chön?«, flüsterte Lavender Brown. »Wie hat
sie es gefangen? Das soll ja unglaublich schwer sein!«
Das Einhorn war so gleißend weiß, dass der Schnee um es herum grau
schien. Es stampfte nervös mit seinen goldenen Hufen und warf seinen
gehörnten Kopf zurück.
»Jungen zurückbleiben!«, bellte Professor Raue -Pritsche, und ihr
ausgestreckter Arm traf Harry hart an der Brust. »Sie ziehen die Hand
einer Frau vor, diese Einhörner. Mädchen nach vorn, und vorsichtig
annähern. Kommt schon, ganz locker bleiben ...«
Sie g ing mit den Mädchen langsam auf das Einhorn zu, während die
Jungen am Koppelzaun stehen blieben und zusahen.
Sobald Professor Raue- Pritsche außer Hörweite war, drehte sich Harry
zu Ron um. »Was, meinst du, ist los mit ihm? Hat ihn vielleicht ein
Kröter –?«
»Oh, er wurde nicht angegriffen, Potter, wenn du das meinst«, sagte

Malfoy leise. »Nein, er schämt sich nur zu sehr, sein großes hässliches
Gesicht zu zeigen.«
»Was meinst du damit?«, fragte Harry scharf.
Malfoy steckte die Hand in den Umhang und zog eine
zusammengefaltete Zeitungsseite heraus.
»Hier, lies«, sagte er. »Tut mir ja unendlich Leid, dass du es erfahren
musst, Potter ...«
Er grinste höhnisch, während Harry ihm das Zeitungsblatt aus der Hand
riss, es auffaltete und zusammen mit Ron, Seamus, Dean und Neville,
die ihm über die Schulter lugten, durchlas. Es war ein Artikel mit einem
Bild von Hagrid, auf dem er äußerst verschlagen aussah.
Dumbledores Riesenfehler Albus Dumbledore, der exzentrische Direktor
von Hogwarts, der Schule für Zauberei und He xerei, hat sich noch nie
gescheut, Stellen mit umstrittenen Personen zu besetzen. Im September
dieses Jahres stellte er Alastor »Mad -Eye« Moody ein, den berüchtigten,
schockzauberfreudigen Ex -Auroren, und zwar als Lehrer zur
Verteidigung gegen die dunklen Künste. Diese Entscheidung hat im
Zaubereiministerium einiges Kopfschütteln ausgelöst, da Moody
durchaus bekannt dafür ist, dass er gewohnheitsmäßig jeden angreift, der
in seinem Umkreis auch nur eine plötzliche Bewegung macht. MadEye
Moody jedoch kommt ei nem ganz vernünftig und freundlich vor, wenn
man ihn mit dem Halbmenschen vergleicht, den Dumbledore Pflege
magischer Geschöpfe unterrichten lässt.
Rubeus Hagrid, der zugibt, dass er in seinem dritten Schuljahr von
Hogwarts geflogen ist, hat seither die Stelle eines Wildhüters an der
Schule inne, eine Arbeit, die ihm Dumbledore besorgt hat. Letztes Jahr
allerdings hat Hagrid seinen unheilvollen Einfluss auf Dumbledore dazu
eingesetzt, sich zusätzlich die Stelle eines Lehrers für die Pflege
magischer Geschöp fe unter den Nagel zu reißen, ohne Rücksicht auf
viele besser ausgebildete Kandidaten.
Hagrid, ein beängstigend großer und wild aussehender Mann, nutzt
seitdem seine neu gewonnene Autorität, um die ihm anvertrauten Schüler
mit einer Reihe grauenhafter Kreaturen in Angst und Schrecken zu
versetzen. Während Dumbledore beide Augen zudrückte, hat Hagrid in
einigen seiner Unterrichtsstunden, die viele als »sehr beängstigend«
beschreiben, dafür gesorgt, dass mehrere Schüler schwer verletzt

wurden.
»Ich wurde von einem Hippogreif angegriffen und mein Freund Vincent
Crabbe ist von einem Flubberwurm ganz schlimm gebissen worden«,
berichtet der Viertklässler Draco Malfoy. »Wir alle hassen Hagrid, aber
wir haben zu viel Angst, um etwas zu sagen.«
Hagrid hat freilich nicht die Absicht, seine Einschüchterungskampagne
zu beenden. Im Gespräch mit einer Reporterin des Tagespropheten gab
er letzten Monat zu, dass er Geschöpfe gezüchtet habe, die er
»Knallrümpfige Kröter« nennt, eine höchst gefährliche Kreuzung
zwischen Heusch recke und Feuerkrabbe. Die Züchtung neuer
Kreuzungen magischer Geschöpfe steht natürlich unter der strengen
Kontrolle der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe.
Hagrid jedoch scheint sich über solch kleinliche Beschränkungen
erhaben zu fühlen.
»Es hat mir einfach Spaß gemacht«, sagte er, um dann hastig das Thema
zu wechseln.
Als ob dies nicht genug wäre, hat der Tagesprophet inzwischen Beweise
dafür gefunden, dass Hagrid kein – wie er immer vorgab – reinblü tiger
Zauberer ist. Er ist in Wahrheit nicht einmal ganz Mensch. Seine Mutter,
so können wir jetzt exklusiv berichten, ist keine andere als die Riesin
Fridwulfa, deren Aufenthalt gegenwärtig unbekannt ist.
Blutrünstig und gewalttätig wie sie sind, brachten sich die Riesen im
Laufe des vergangenen Jahrhunderts durch Kriege untereinander selbst
an den Rand des Aussterbens. Die wenigen, die übrig geblieben waren,
schlössen sich den Reihen von Du- weißt-schon- wem an und verübten
während seiner Schreckensherrschaft einige der bestialischsten
Massenmorde an Muggeln. Zwar wurden viele Riesen, die
Du -weißt- schonwem dienten, von Auroren im Kampf gegen die dunklen
Kräfte getötet, doch Fridwulfa entkam. Es ist möglich, dass sie Zuflucht
in einem der Riesen -Dörfer gefunden hat, die es in Bergregionen anderer
Länder noch immer gibt. Nach seinem Gebaren als Lehrer für die Pflege
magischer Geschöpfe zu schließen hat Fridwulfas Sohn jedoch
offensichtlich ihr gewalttätiges Wesen geerbt.
Eine makabre Seite dieser Geschichte ist nun, dass Hagrid, wie zu hören
ist, eine enge Freundschaft zu dem Jungen aufgebaut hat, der den Sturz
des Unnennbaren herbeiführte - und damit Hagrids Mutter und die übrig

gebliebenen Anhänger des Unnennbaren in den Untergrund getrieben
hat. Vielleicht kennt Harry Potter die unangenehme Wahrheit über
seinen großen Freund gar nicht – doch Albus Dumbledore hat gewiss die
Pflicht, dafür zu sorgen, dass Harry Potter und seine Mitschüler vor den
Gefahren, die ihnen beim Umgang mit Halbriesen drohen, gewarnt
werd en.
Rita Kimmkorn Als Harry zu Ende gelesen hatte, blickte er zu Ron auf,
dessen Mund offen stand.
»Wie hat sie das rausgefunden?«, wisperte er.
Das war es allerdings nicht, was Harry umtrieb.
»Was soll das heißen, »Wir alle hassen Hagrid«?«, blaffte er Malfoy an.
»Was soll der Mist, von wegen der hier« – und er deutete auf Crabbe –
»hätte einen üblen Biss von einem Flubberwurm abbekommen? Die
haben doch nicht mal Zähne!«
Crabbe kicherte, offenbar höchst zufrieden mit sich.
»Tja, ich vermute mal, das wird d ie Lehrerlaufbahn dieses Idioten
beenden«, sagte Malfoy mit fiebrigen Augen. »Halbriese ... und ich hab
doch tatsächlich geglaubt, er hätte als Kind 'ne ganze Flasche
Skele- Wachs ausgetrunken ... die Mamis und Papis werden das
überhaupt nicht gerne hören . .. Sie werden Angst bekommen, dass er ihre
Kleinen frisst, har, har ...«
»Du –«
»Hört ihr da drüben eigentlich zu?«
Professor Raue- Pritsches Stimme wehte zu den Jungen herüber. Die
Mädchen standen eng um das Einhorn gedrängt und streichelten es.
Harry war so zornig, dass die Seite aus dem Tagespropheten in seiner
Hand zitterte, als er sich umdrehte und mit leerem Blick hinüber zu dem
Einhorn starrte, dessen magische Eigenschaften Professor Raue- Pritsche
jetzt mit lauter Stimme aufzählte, damit auch die Jung en etwas
mitbekamen.
»Ich kann nur hoffen, dass diese Frau bleibt!«, sagte Parvati Patil nach
dem Ende der Stunde, als sie zum Mittagessen ins Schloss zurückgingen.
»Genau so hab ich mir Pflege magischer Geschöpfe immer vorgestellt ...
richtige Tiere wie d ieses Einhorn, keine Monster ...«
»Und was ist mit Hagrid?«, sagte Harry wütend, als sie die Treppe
hochgingen.

»Was soll mit ihm sein?«, sagte Parvati mit harter Stimme. »Er kann
doch immer noch den Wildhüter machen, oder?«
Seit dem Ball war Parvati gegen über Harry ziemlich kühl. Ihm war klar,
dass er ihr vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit hätte schenken
sollen, doch sie schien sich trotz allem gut amüsiert zu haben. Jedenfalls
erzählte sie allen, die es hören wollten, dass sie sich für den nächsten
Wochenendausflug nach Hogsmeade mit dem Jungen von Beauxbatons
verabredet hatte.
»Das war nun wirklich mal eine gute Unterrichtsstunde«, sagte Hermine,
als sie die Große Halle betraten. »Ich hätte nicht mal die Hälfte von dem
gewusst, was uns Professor Rau e-Pritsche über Ein –«
»Schau dir das an!«, knurrte Harry und hielt ihr den Artikel des
Tagespropheten unter die Nase.
Hermine ging beim Lesen langsam der Mund auf. Sie reagierte genau
wie Ron. »Wie hat diese fürchterliche Kimmkorn das rausbekommen?
Du glau bst doch nicht, Hagrid selbst hat es ihr erzählt?«
»Nein«, sagte Harry, ging voraus zum Gryffindor -Tisch und ließ sich
zornig auf einen Stuhl fallen. »Er hat es doch nicht mal uns erzählt,
oder? Ich schätze, sie war sauer, weil er ihr keine Horrorgeschichten
über mich erzählt hat, und hat dann rumgeschnüffelt, um es ihm
heimzuzahlen.«
»Vielleicht hat sie gehört, wie er es am Ballabend Madame Maxime
erzählt hat«, sagte Hermine leise.
»Dann hätten wir sie draußen im Garten sehen müssen!«, sagte Ron.
»Außerdem darf sie sich in der Schule ja gar nicht mehr blicken lassen,
Hagrid meinte, Dumbledore hätte ihr Hausverbot erteilt ...«
»Vielleicht hat sie einen Tarnurnhang«, sagte Harry und schöpfte sich so
wütend Hühnerfrikassee auf den Teller, dass er es nach allen Seiten
verspritzte.
»Das sieht ihr ähnlich, sich in Büschen zu verstecken und Leute zu
belauschen.«
»Wie du und Ron, willst du sagen«, entgegnete Hermine.
»Wir wollten ihn ja gar nicht belauschen!«, sagte Ron entrüstet. »Wir
hatten keine andere Wahl! Der Trottel plaudert über seine Riesenmutter,
wo ihn doch jeder hätte hören können!«
»Wir müssen zu ihm und sehen, wie es ihm geht«, sagte Harry. »Heute

Abend, nach Wahrsagen. Ihm sagen, dass wir ihn wiederhaben wollen ...
Du willst ihn doch auch wieder?«, fragte er mit wütendem Blick zu
Hermine gewandt.
»Ich – nun ja, ich will nicht so tun, als wär es keine schöne Abwechslung
gewesen, mal eine richtige Stunde Pflege magischer Geschöpfe – « Unter
Harrys wütendem Blick gab sie jedoch klein bei und setzte rasch hinzu:
» – aber natürlich will ich Hagrid wiederhaben!«
Und so gingen die drei nach dem Abendessen noch einmal aus dem
Schloss und über den gefrorenen Abhang hinunter zu Hagrids Hütte. Sie
klopften und Fang antwortete mit freudigem Gebelle.
» Hagrid, wir sind's!«, rief Harry und trommelte gegen die Tür.
Er gab keine Antwort. Sie hörten Fang an der Tür kratzen und winseln,
doch er machte nicht auf. Zehn Minuten lang hämmerten sie gegen die
Tür; Ron ging sogar um die Ecke und klopfte an ein Fenst er, aber nichts
rührte sich.
»Warum will er uns nicht sehen?«, fragte Hermine, als sie schließlich
aufgegeben hatten und zurück zum Schloss gingen. »Er denkt doch nicht
etwa, es würde uns was ausmachen, dass er ein Halbriese ist?«
Doch es hatte ganz den An schein, als würde es Hagrid selbst etwas
ausmachen. Die ganze Woche war keine Spur von ihm zu sehen. Er
erschien nicht zum Essen am Lehrertisch, er ging offenbar auch nicht
seinen Pflichten als Wildhüter auf den Ländereien nach, und Pflege
magischer Geschö pfe hatten sie auch weiterhin bei Professor
RauePritsche. Malfoy feixte bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
»Sehnst dich wohl nach deinem Mischlingskumpel?«, wisperte er
ständig Harry zu, wenn ein Lehrer in der Nähe war, um vor Harrys
Vergeltung sicher zu sein. »Sehnst dich nach dem Elefantenmenschen?«
Mitte Januar war wieder ein Besuch in Hogsmeade angesagt. Hermine
war sehr überrascht, dass Harry mitkommen wollte.
»Ich dachte eigentlich, du würdest die Gelegenheit vernünftig nutzen, wo
es doch im Gemein schaftsraum ausnahmsweise mal ruhig ist«, sagte sie.
»Du musst dich endlich um dieses Ei kümmern.«
»Oh, ich – ich glaub, ich weiß schon ziemlich genau, um was es geht«,
log Harry.
»Ach wirklich?«, sagte Hermine, offensichtlich beeindruckt. »Nicht
schlecht! «

Harrys Eingeweide verkrampften sich schuldbewusst, doch er achtete
nicht auf sie. Schließlich hatte er immer noch fünf Wochen, um die
Sache mit dem Ei zu klären, und das reichte doch ewig ... und wenn er
nach Hogsmeade ging, würde er vielleicht zufällig Hagrid treffen und
könnte ihn zur Rückkehr bewegen.
Am Sonntag verließ er mit Ron und Hermine das Schloss und sie
machten sich auf den Weg durch die nasskalten Wiesen hinüber zum
Tor. Als sie am Durnistrang -Schiff vorbeikamen, das immer noch am
Seeufer ver täut lag, sahen sie Viktor Krum mit nichts als einer Badehose
bekleidet an Deck kommen. Er war sehr hager, doch offenbar viel zäher,
als er aussah, denn er stieg auf die Reling des Schiffes, streckte die Arme
vor und sprang kopfüber in den See.
»Er muss ve rrückt sein!«, sagte Harry und sah gebannt zu, wie Krums
dunkler Schöpf mitten im See wieder auftauchte. »Das Wasser muss
eiskalt sein, wir haben doch Januar!«
»Da, wo er herkommt, ist es viel kälter«, sagte Hermine. »Ich schätze,
für ihn fühlt es sich zie mlich warm an.«
»Jaah, aber da ist auch noch der Riesenkrake«, sagte Ron. Er klang nicht
besorgt – wenn man genau hinhörte, klang er hoffnungsvoll. Hermine
entging dieser Unterton nicht und sie runzelte die Stirn.
»Er ist wirklich nett, weißt du«, sagte sie. »Überhaupt nicht so, wie du
denkst, nur weil er aus Durmstrang kommt. Hier gefällt es ihm viel
besser, hat er mir gesagt.«
Ron sagte nichts. Seit dem Ball hatte er Viktor Krum nicht mehr
erwähnt. Harry hatte jedoch am zweiten Feiertag unter seinem Bett einen
kleinen Arm gefunden, der sehr danach aussah, als wäre er von einer
kleinen Modellfigur mit bulgarischem Quidditch -Umhang abgerissen
worden.
Harry hielt den ganzen Weg die matschige Hauptstraße entlang
Ausschau nach einem Zeichen von Hagrid, und als er sich vergewissert
hatte, dass Hagrid in keinem der Läden war, schlug er vor, einen kleinen
Abstecher in die Drei Besen zu machen.
Der Pub war wie immer gut besucht, doch er brauchte den Blick nur kurz
über die Tische schweifen zu lassen, um festzustellen, dass Hagrid nicht
da war. Harry wurde schwer ums Herz und er ging mit Ron und Hermine
zur Bar und bestellte bei Madam Rosmerta drei Butterbier. Trübselig

ging ihm durch den Kopf, dass er vielleicht besser im Schloss geblieben
wäre und dem Wehklagen des Eis gelauscht hätte.
»Geht der eigentlich nie ins Büro?«, flüsterte Hermine plötzlich. »Seht
mal!«
Sie deutete auf den Spiegel hinter der Bar und im Spiegelbild sah Harry
Ludo Bagman mit einer Schar Kobolde in einer dunklen Ecke sitzen.
Bagman redete schnell und leise auf die Kobolde ein, die alle die Arme
verschränkt hatten und recht bedrohlich aussahen.
Tatsächlich merkwürdig, dachte Harry, dass Bagman hier in den Drei
Besen saß, an einem Wochenende ohne Turnier, wo er als Richter nicht
benötigt wurde. Er beobachtete Bagman im Spiegel. Wieder wirkte er
angespannt, nicht weniger als damals im nächtlichen Wald, bevor das
Dunkle Mal erschienen war. Doch in diesem Moment warf Bagman
einen Blick zur Bar, erkannte Harry und stand auf.
»Bin gleich wieder da, einen Moment nur!«, hörte ihn Harry barsch zu
den Kobolden sagen, dann hastete Bagman durch den Pub auf Harry zu,
nun wieder jungenhaft grinsend.
»Harry!«, sagte er. »Wie geht's dir? Hatte gehofft, dich zu treffen! Läuft
alles gut?«
»Ja, danke«, sagte Harry.
» Könnte ich dich vielleicht kurz unter vier Augen sprechen, Harry?«,
drängte Bagman. »Ihr zwei würdet uns doch kurz mal allein lassen, nicht
wahr?«
»Ähm – okay«, sagte Ron, und er und Hermine gingen davon, um einen
freien Tisch zu suchen.
Bagman führte Harr y ganz ans Ende der Bar, so weit wie möglich weg
von Madam Rosmerta.
»Ich dachte, ich könnte dir noch mal zu deiner glänzenden Leistung
gegen diesen Hornschwanz gratulieren, Harry«, sagte Bagman.
»Wirklich hervorragend.«
»Danke« , sagte Harry, doch er wusste, das konnte nicht alles sein, was
Bagman sagen wollte, denn er hätte ihm auch vor Ron und Hermine
gratulieren können. Bagman schien es jedoch nicht allzu eilig zu haben,
mit der Sprache rauszurücken. Harry bemerkte, wie er im Spiegel zu den
Kobolden hinübersah, die ihn und Harry mit ihren dunklen, schrägen
Augen beobachteten.

»Ein Alptraum, sag ich dir«, murmelte Bagman Harry zu, als er bemerkt
hatte, dass auch Harry die Kobolde beobachtete. »Ihr Englisch ist nicht
allzu gut ... als ob ich mich wieder mit diesen Bulgaren bei der
Weltmeisterschaft rumschlagen müsste ... aber die haben wenigstens eine
Zeichensprache benutzt, die ein normaler Mensch entziffern kann. Diese
Bande da quasselt ständig in Koboldogack ... und ich kenne nur ein Wort
in Koboldogack. Bladwack. Das bedeutet » Spitzhacke«. Sag ich
natürlich nicht, sonst meinen die noch, ich würde sie bedrohen.« Er
lachte kurz und dröhnend auf.
»Was wollen die?«, fragte Harry, dem auffiel, dass die Kobolde Bagman
immer noch scharf im Visier hatten.
»Ähm – nun ja ...«, sagte Bagman und schien plötzlich nervös geworden.
»Sie ... ähm ... sie suchen nach Barty Crouch.«
»Und warum ausgerechnet hier?«, sagte Harry. »Er ist doch in Lond9n
im Ministerium?«
»Ähm ... ehrlich gesagt, ich h ab keine Ahnung, wo er steckt«, sagte
Bagman. »Er hat gewissermaßen ... aufgehört zu arbeiten. Taucht schon
seit einigen Wochen nicht mehr auf. Der junge Percy, sein Assistent,
behauptet, er sei krank. Offenbar hat er vor kurzem per Eulenpost
Anweisungen g eschickt. Aber das bleibt doch unter uns, Harry? Rita
Kimmkorn schnüffelt nämlich immer noch überall rum, und ich wette,
sie bläst Bartys Krankheit zu irgendeiner üblen Geschichte auf. Dann
heißt es wahrscheinlich noch, er werde vermisst, wie Bertha Jorkin s.«
»Haben Sie etwas von Bertha Jorkins gehört?«, fragte Harry.
»Nein«, sagte Bagman, und wieder schien er angespannt. »Ich hab
natürlich ein paar Leute auf die Suche geschickt ...«, (Wurde allmählich
auch Zeit, dachte Harry), »doch das ist alles sehr merk würdig. Wir
wissen jetzt, dass sie in Albanien angekommen ist, weil sie dort ihren
Cousin zweiten Grades getroffen hat. Und dann hat sie das Haus ihres
Cousins in Richtung Süden verlassen, um eine Tante zu besuchen ... aber
unterwegs ist sie offenbar spurlos verschwunden. Verdammt, wenn ich
nur wüsste, wo sie steckt ... sie scheint jedenfalls nicht der Typ zu sein,
der einfach durchbrennt ... aber was soll's ... was reden wir hier
überhaupt von Kobolden und Bertha Jorkins? Ich wollte dich was ganz
anderes f ragen« – er senkte die Stimme – »wie kommst du mit dem
goldenen Ei voran?«

»Ähm ... nicht schlecht«, schwindelte Harry.
Bagman schien zu wissen, dass er nicht die Wahrheit sagte.
»Hör zu, Harry«, sagte er (immer noch mit gedämpfter Stimme), »ich
komme mir bei dieser ganzen Sache ziemlich schlecht vor ... du bist
einfach ins Turnier reingerasselt, du hast dich nicht freiwillig gemeldet ...
und wenn (er sprach jetzt so leise, dass Harry ihm das Ohr zuneigen
musste, um ihn zu verstehen) ... wenn ich dir irgend wie helfen kann ...
ein kleiner Tipp, wo's langgehen könnte ... weißt du, irgendwie mag ich
dich ... und wie du an diesem Drachen vorbeigekommen bist ... Also, du
brauchst nur ein Wort zu sagen.«
Harry blickte auf und sah in Bagmans rundes, rosiges Gesicht und die
geweiteten, babyblauen Augen.
»Wir sollen doch das Rätsel allein lösen, oder?«, sagte er, darauf
bedacht, lässig zu klingen und nicht so, als ob er den Chef der Abteilung
für Magische Spiele beschuldigen würde, die Regeln zu brechen.
»Ja, schon ri chtig«, sagte Bagman ungeduldig, »aber – nun stell dich
nicht so an, Harry, wir wollen doch alle einen Sieger aus Hogwarts,
oder?«
»Haben Sie Cedric auch Hilfe angeboten?«, fragte Harry.
Auf Bagmans glattem Gesicht erschienen sehr feine Runzeln.
»Nein, hab ich nicht«, sagte er. »Ich – nun, wie gesagt, ich mag dich
inzwischen ganz gern. Dachte eben, ich könnte dir ein wenig unter die
Arme ...«
»Nett von Ihnen«, sagte Harry, »aber ich glaube, ich hab dieses
Eierrätsel fast gelöst ... brauch vielleicht nur noch ein paar Tage.«
Er war sich nicht ganz sicher, warum er Bagmans Hilfe ablehnte, er
wusste nur, dass er Bagman eigentlich gar nicht kannte, und wenn er
seine Hilfe annehmen würde, hätte er viel eher das Gefühl, er würde
mogeln, als wenn er Ron, Hermine oder Sirius um Rat fragte.
Bagman sah fast beleidigt aus, aber er konnte nichts weiter sagen, weil in
diesem Augenblick Fred und George auftauchten.
»Hallo, Mr Bagman«, sagte Fred und lächelte breit. »Dürfen wir Sie zu
einem Drink einladen?«
»Ähm ... nein«, sagte Bagman mit einem letzten, enttäuschten Blick auf
Harry, »nein danke, Jungs ...«
Fred und George schienen nicht weniger enttäuscht als Mr Bagman, der

Harry musterte, als hätte er ihn ganz übel im Stich gelassen.
»Jetzt muss ich mich aber sputen«, sagte er. »War schön, euch zu sehen.
Viel Glück, Harry.«
Er eilte hinaus. Die Kobolde rutschten von ihren Stühlen und folgten ihm
vor die Tür. Harry ging hinüber zu Ron und Hermine.
»Was wollte er?«, fragte Ron, kaum hatte Harry sich gesetzt.
»Er hat mir Hilfe für das goldene Ei angeboten«, antwortete Harry.
»Das darf er eigentlich nicht!«, sagte Hermine schockiert. »Er ist einer
der Richter! Und außerdem hast du es doch schon gelöst, oder?«
»Ähemm ... fast«, sagte Harry.
» Ich glaube nicht, dass Dumbledore erfreut wäre, wenn er wüsste, dass
Bagman dich zum Mogeln anstiften will!«, sagte Hermine mit einem
noch immer zutiefst missbilligenden Blick. »Ich hoffe, er versucht auch
Cedric zu helfen!«
»Tut er nicht. Ich hab ihn gefr agt«, sagte Harry.
»Wen kümmert es, ob Diggory Hilfe kriegt?«, meinte Ron. Harry gab
ihm stillschweigend Recht.
»Diese Kobolde sahen nicht gerade freundlich aus«, sagte Hermine und
nippte an ihrem Butterbier. »Was hatten die hier verloren?«
»Bagman behaupt et, sie suchen nach Crouch«, entgegnete Harry. »Er ist
immer noch krank. Erscheint nicht zur Arbeit.«
»Vielleicht ist Percy dabei, ihn zu vergiften«, sagte Ron. »Denkt
wahrscheinlich, wenn Crouch abnippelt, wird er zum Chef der Abteilung
für Internationale Magische Zusammenarbeit ernannt.«
Hermine versetzte Ron einen Darüber -macht -man -keineWitze -Blick und
sagte: »Merkwürdig, Kobolde, die nach Mr Crouch suchen ...
normalerweise haben sie mit der Abteilung zur Führung und Aufsicht
Magischer Geschöpfe zu tun.«
»Crouch beherrscht übrigens eine Menge verschiedener Sprachen«, sagte
Harry. »Vielleicht brauchen sie einen Übersetzer.«
»Jetzt sorgst du dich auch noch um die süßen kleinen Kobolde, nicht
wahr?«, fragte Ron Hermine. »Willst du vielleicht so was wie BLÖK
gründen? Befreit die Lümmelhaften Öden Kobolde?«
»Ha, ha, ha«, lachte Hermine trocken. »Kobolde brauchen keinen
Schutz. Habt ihr nicht gehört, was uns Professor Binns über die
Kobold- Aufstände erzählt hat?«

»Nein«, sagten Harry und Ron wie aus einem Munde.
»Sie sind durchaus fähig, es mit Zauberern aufzunehmen«, sagte
Hermine und nippte an ihrem Butterbier. »Sie sind ziemlich klug. Ganz
anders als die Hauselfen, die nie für ihre Sache eingetreten sind.«
»O nein«, sagte Ron und blickte zur Tür.
Rita Kimmkorn war gerade eingetreten. Heute trug sie einen
bananengelben Umhang; ihre langen Fingernägel waren knallrosa
lackiert, und begleitet wurde sie von ihrem dickbauchigen Fotografen.
Sie holten Getränke an der Bar, dann drängten sie sich durch die Menge,
und zw ar, wie Harry, Ron und Hermine mit finsteren Blicken
feststellten, zu einem Tisch in ihrer Nähe. Rita Kimmkorn redete sehr
schnell und offenbar voller Genugtuung.
»... schien nicht besonders scharf darauf, mit uns zu reden, oder, Bozo?
Was glaubst du, waru m? Und was tut er eigentlich mit einer Bande
Kobolde im Schlepptau? Zeigt ihnen die Sehenswürdigkeiten ... was für
ein Blödsinn ... er war immer schon ein schlechter Lügner. Denkst du, da
ist was im Busch? Sollen wir vielleicht ein wenig Staub aufwirbeln? In
Ungnade gefallener Ex -Chef der Sportabteilung, Ludo Bagman ...
packender Satzanfang, Bozo – wir brauchen nur noch 'ne Story, die dazu
passt –«
»Wieder mal dabei, jemandes Leben zu ruinieren?«, fragte Harry laut.
Einige Köpfe wandten sich um. Rita Kimmko rns Augen hinter der
juwelenbesetzten Brille weiteten sich, als sie erkannte, wer gesprochen
hatte.
»Harry!«, rief sie und setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Wie
wunderbar! Willst du dich nicht zu uns – ?«
»Ich würde nicht mal mit einem Dreimeterbesen in Ihre Nähe kommen«,
sagte Harry erhitzt. »Warum haben Sie das Hagrid angetan?«
Rita Kimmkorn hob ihre stark nachgezogenen Brauen.
»Unsere Leser haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren, Harry, ich tue
nur meine –«
»Wen schert es, dass er ein Halbriese ist? «, rief Harry. »Er ist völlig in
Ordnung!«
Der ganze Pub war verstummt. Madam Rosmerta stand hinter der Bar
und starrte herüber, ohne zu merken, dass der Krug, den sie mit Met
füllte, schon überlief.

Rita Kimmkorns Lächeln flackerte kaum merklich, doch sie festigte es
sofort wieder; sie ließ ihre Krokodillederhandtasche aufschnappen, zog
ihre Flotte- Schreibe-Feder heraus und sagte: »Wie war's mit einem
Interview über Hagrid, wie du ihn kennst, Harry? Der Mann hinter den
Muskeln? Eure doch sehr verwunderliche Freundschaft und die Gründe,
die dahinter stecken. Würdest du ihn als Vaterersatz bezeichnen?«
Hermine stand abrupt auf und umklammerte das Butterbierglas, als wäre
es eine Granate.
»Sie entsetzliche Frau«, sagte sie zähneknirschend, »Ihnen ist alles
gleich, nicht wahr, Hauptsache, Sie haben eine Story und jeder kann
dafür den Kopf hinhalten, nicht wahr? Selbst Ludo Bagman – «
»Setz dich, du dummes kleines Gör, und red nicht über Dinge, von denen
du nichts verstehst«, sagte Rita Kimmkorn kühl und musterte Hermine
mit einem harten Ausdruck in den Augen. »Ich weiß Dinge über Ludo
Bagman, die dir die Haare zu Berge stehen ließen ... Nicht dass das nötig
wäre –«, fügte sie mit einem Blick auf Hermines buschigen Haar -schopf
hinzu.
»Gehen wir«, sagte Hermine. »Ko mmt, Harry – Ron ...«
Sie gingen zur Tür; viele Gäste starrten ihnen nach, und Harry warf von
der Tür her einen Blick zurück. Rita Kimmkorns Flotte -Schreibe- Feder
war nicht mehr zu halten; sie flog wie besessen über ein Blatt Pergament
auf dem Tisch, vor und zurück, vor und zurück.
»Dich nimmt sie als Nächste aufs Korn, Hermine«, sagte Ron mit leiser,
besorgter Stimme, während sie rasch die Straße hinuntergingen.
»Lasst sie nur machen!«, sagte Hermine schrill; sie zitterte vor Wut. » Ich
werd's ihr schon zeigen! 'ne dumme Göre bin ich also? Oh, das werd ich
ihr heimzahlen, erst Harry, dann Hagrid ...«
»Du willst doch nicht etwa Rita Kimmkorn in die Quere schießen«, sagte
Ron nervös. »Ich mein es ernst, Hermine, dann wird sie irgendwas über
dich ausgraben – «
»Meine Eltern lesen den Tagespropheten nicht, mich bringt sie nicht zum
Kuschen!«, sagte Hermine und schritt so energisch aus, dass Harry und
Ron Mühe hatten, ihr zu folgen. Das letzte Mal, dass Harry sie so wütend
gesehen hatte, hatte sie Draco Malfoy ein paar saftige Ohrfeigen
verpasst. »Und Hagrid kommt jetzt aus seinem Versteck! Er hätte sich
von so einer niederträchtigen Kreatur nie und nimmer einschüchtern

lassen dürfen! Kommt mit!«
Sie rannte ihnen voran den ganzen Weg zurück, durch das von Ebern
flankierte Tor und über das Schlossgelände zu Hagrids Hütte.
Die Vorhänge waren immer noch zugezogen, und als sie näher kamen,
hörten sie Fang kläffen.
»Hagrid!«, rief Hermine und pochte gegen die Tür. »Hagrid, jetzt reicht's
aber! Wir wissen, dass du dadrin bist! Es kümmert doch keinen, dass
deine Mum eine Riesin war, Hagrid! Du kannst doch nicht zulassen, dass
diese miese Kimmkorn dir das antut! Hagrid, komm jetzt raus, sei doch
nicht so – «
Die Tür ging auf. Hermine sagte: »Wird auch Z -!«, doch jäh brach sie
ab, denn nicht Hagrid sah ihr ins Gesicht, sondern Albus Dumbledore.
»Guten Tag«, sagte er freundlich und lächelte auf sie herab.
»Wir – ähem – wir wollten eigentlich Hagrid besuchen«, sagte Hermine
nun etwas kleinlaut.
»Ja, so viel hab ich verstanden«, sagte Dumbledore. »Wollt ihr nicht
reinkommen?«
»Oh – ähm – gut«, sagte Hermine.
Die drei betraten die Hütte; sofort stürzte sich Fang wie verrückt bellend
auf Harry und versuchte ihm die Ohren zu lecken. Harry wimmelte ihn
ab und sah sich um.
Hagrid saß an seinem Tisch, auf dem zwei große Becher Tee standen. Er
sah ungeheuer elend aus. Sein Gesicht war fleckig, die Augen waren
geschwollen, und was sein Haar anging, so hatte er es jetzt ins andere
Extrem getrieben; es war nicht im Mind esten gezähmt, sondern sah aus
wie eine Perücke aus verknoteter Drahtwolle.
»Hallo, Hagrid«, sagte Harry.
Hagrid sah auf.
»'lo«, sagte er mit sehr heiserer Stimme.
»Noch ein wenig Tee, nehm ich an«, sagte Dumbledore, schloss die Tür
hinter den dreien, zück te den Zauberstab und ließ ihn kurz im Kreis
wirbeln; mitten in der Luft erschien ein sich drehendes Tablett, mit
Teetassen und einem Teller voller Kekse. Dumbledore zauberte das
Tablett auf den Tisch und alle setzten sich. Ein kurzes Schweigen trat
ein, d ann sagte Dumbledore: »Hast du zufällig verstanden, was Miss
Granger da gerufen hat, Hagrid?«

Hermines Wangen verfärbten sich, doch Dumbledore lächelte sie an und
fuhr fort: »Hermine, Harry und Ron wollen offenbar immer noch etwas
mit dir zu tun haben, wenn man bedenkt, dass sie fast die Tür
eingeschlagen hätten.«
»Natürlich wollen wir das!«, sagte Harry und sah Hagrid eindringlich an.
»Du glaubst doch nicht etwa, dass irgendetwas von dieser
Kimmkorn -Kuh – Verzeihung, Professor«, fügte er rasch hinzu und sa h
Dumbledore an.
»Ich bin vorübergehend taub und hab keine Ahnung, was du gesagt hast,
Harry«, sagte Dumbledore, drehte Däumchen und starrte an die Decke.
»Ähm – gut«, sagte Harry verlegen. »Ich wollte nur sagen Hagrid, wie
konntest du nur glauben, wir wür den uns darum scheren, was diese –
Person – über dich geschrieben hat?«
Zwei dicke Tränen traten aus Hagrids käferschwarzen Augen und
kullerten langsam durch seinen wirren Bart.
»Das ist der lebendige Beweis dessen, was ich dir gesagt habe, Hagrid«,
sagte Dumbledore und starrte vorsorglich immer noch zur Decke. »Ich
hab dir die Briefe von zahllosen Eltern gezeigt, die dich noch aus ihrer
eigenen Schulzeit kennen und mir unmissverständlich schreiben, sollte
ich dich feuern, dann hätten sie ein Wörtchen mit m ir zu reden –«
»Nich alle«, sagte Hagrid heiser. »Nich alle woll'n, dass ich bleib.«
»Ich bitte dich, Hagrid, wenn du von allen geliebt werden willst, dann,
fürchte ich, musst du sehr lange in dieser Hütte hocken bleiben«, sagte
Dumbledore und schaute Hagr id nun streng über den Rand seiner
Halbmondgläser hinweg an. »Seit ich Direktor bin, ist noch keine Woche
vergangen, in der ich nicht mindestens eine Eule bekommen habe mit
einer Beschwerde über meine Art, diese Schule zu leiten. Aber was soll
ich machen? Mich in meinem Studierzimmer verbarrikadieren und mich
weigern, mit irgendjemandem zu reden?«
»Sie – Sie sind ja auch kein Halbriese!«, krächzte Hagrid.
»Hagrid, sieh dir doch mal meine Verwandten an!«, sagte Harry
aufgebracht. »Schau dir die Dursleys an!«
»Eine hervorragende Idee«, sagte Professor Dumbledore. »Mein eigener
Bruder, Aberforth, wurde wegen Ausübung unpassender Zauberstücke
an einer Ziege verklagt. Es stand in allen Zeitungen, aber meinst du,
Aberforth hätte sich versteckt? Von wegen! Er hielt die Ohren steif und

ging seinen Geschäften nach, als wäre nichts gewesen! Natürlich bin ich
mir nicht ganz sicher, ob er lesen kann, daher mag es nicht nur
Tapferkeit gewesen sein ...«
»Komm zurück und unterrichte wieder, Hagrid«, sagte Hermine leise,
» bitte komm zurück, wir vermissen dich sehr.«
Hagrid schluckte schwer. Noch mehr Tränen kullerten ihm aus den
Augen, liefen die Wangen hinunter und verschwanden in dem wirren
Bart.
Dumbledore erhob sich.
»Ich weigere mich, deine Kündigung anzunehmen, Hagrid , und erwarte
dich am Montag wieder zur Arbeit«, sagte er. »Du frühstückst um halb
neun mit mir in der Großen Halle. Und keine Widerrede. Schönen
Nachmittag euch allen noch.«
Dumbledore verließ die Hütte, nicht ohne vorher noch kurz Fangs Ohren
gekrault zu haben. Als die Tür hinter ihm zugegangen war, begann
Hagrid in seine mülleimerdeckelgroßen Hände zu schluchzen. Hermine
tätschelte ihm den Arm, und endlich hob Hagrid den Kopf, sah sie mit
brennend roten Augen an und sagte: »Großartiger Mann, Dumbledore . ..
großartiger Mann ...«
»Ja, das ist er«, sagte Ron. »Kann ich einen von diesen Keksen haben,
Hagrid?«
»Schlag zu«, sagte Hagrid und wischte sich mit dem Handrücken über
die Augen. »Aahr, 'türlich hat er Recht – ihr habt alle Recht ... war
dumm von mir .. . mein alter Dad hätt sich geschämt für mich ...« Wieder
rollten Tränen über seine Wangen, doch jetzt wischte er sie energisch
weg und sagte: »Hab euch noch nich mal 'n Bild von meinem alten Dad
gezeigt, nich? Hier ...«
Hagrid stand auf, ging hinüber zu se iner Kommode, öffnete eine
Schublade und zog ein Bild von einem kleinen Zauberer heraus, der
Hagrids runzlige schwarze Augen hatte und mit strahlendem Gesicht auf
Hagrids Schulter saß. Hagrid war nach dem Apfelbaum neben ihm zu
schließen gut zweieinhalb Meter groß, doch sein Gesicht war bartlos
jung, rund und glatt – er wirkte kaum älter als elf Jahre.
»Das war, kurz nachdem sie mich in Hogwarts aufgenommen ham«,
krächzte Hagrid. »Dad war so was von froh ... dachte, ich wär vielleicht
kein Zauberer, wisst ihr, weil meine Mum ... na, wie auch immer, 'türlich

war ich nie der große Magier, stimmt schon ... aber wenigstens hat er
nich erlebt, wie sie mich rausgeworfen haben. Ist nämlich schon in
meinem zweiten Schuljahr gestorben ...
Dumbledore war der Einzige, der sich nach dem Tod von meinem Dad
für mich eingesetzt hat. Hat mir diese Wildhüterstelle besorgt ... vertraut
einfach Leuten, ist doch wahr. Gibt ihnen noch 'ne zweite Schangse ...
ganz anders als die anderen Schulleiter, wisst ihr. Er nimmt jeden auf in
Hogwarts, wenn er nur begabt ist. Weiß, dass was Gutes aus den Leuten
werden kann, auch wenn ihre Familien ... wie sagt man ... nicht so
respektierlich war'n. Aber manche verstehn das einfach nich, 's gibt
welche, die halten dir das immer wieder vor ... manche von unserem
Schlag tun sogar so, als hätten sie nur große Knochen, statt den Mund
aufzumachen und zu sagen – ich bin, was ich bin, und ich schäm mich
nich dafür. » Schäm dich nie«, hat mein alter Dad immer gesagt, » 's gibt
immer welche, die's dir v orwerfen, aber mit denen brauchst du dich gar
nich abzugeben.« Und er hat Recht gehabt. Ich war 'n Idiot. Mit der geb
ich mich nich mehr ab, das versprech ich euch. Große Knochen ... erzählt
mir was von wegen große Knochen.«
Harry, Ron und Hermine warfen s ich nervöse Blicke zu; Harry wäre eher
mit fünfzig Knallrümpfigen Krötern spazieren gegangen als Hagrid zu
gestehen, dass er ihn bei seiner Unterhaltung mit Madame Maxime
belauscht hatte, doch Hagrid redete weiter, offenbar nicht ahnend, was er
ausgeplaude rt hatte.
»Weißt du was, Harry?«, sagte er und sah mit leuchtenden Augen vom
Foto seines Vaters auf. »Als ich dich kenn gelernt hab, hast du mich ein
bisschen an mich selbst erinnert. Mum und Dad nicht mehr da, und du
hattest das Gefühl, dass du gar nicht nach Hogwarts passt, weißt du
noch? Warst nicht sicher, ob du es überhaupt schaffst ... und nu schau
dich mal an, Harry! Schul- Schämpion!«
Sein Blick verweilte einen Moment lang auf Harry, dann sagte er
tiefernst: »Weißt du, was ich wirklich gut finden wür d, Harry? Ich fand's
wirklich gut, wenn du gewinnst, sag ich dir. Dann hättest du's allen
gezeigt ... du brauchst nicht reinblütig zu sein, um es zu schaffen. Du
brauchst dich nicht zu schämen, weil du so bist, wie du bist. Dann
würden sie sehen, dass es Dumbledore ist, der Recht hat und alle
aufnimmt, wenn sie nur zaubern können. Wie steht's eigentlich mit dem

Ei, Harry?«
»Großartig«, sagte Harry. »Wirklich großartig.«
Auf Hagrids verweintem Gesicht brach sich ein breites, feuchtes Lächeln
Bahn. »Gut gemac ht, Junge ... Du zeigst es denen, Harry, du zeigst es
denen. Schlägst sie alle.«
Hagrid anzulügen war nicht ganz dasselbe, wie irgendjemanden
anzulügen. Später am Nachmittag, als Harry mit Ron und Hermine zum
Schloss zurückging, konnte er das Bild von Hagr ids bartumwuchertem
Gesicht nicht aus seinen Gedanken verbannen, das so glücklich
ausgesehen hatte bei der Vorstellung, Harry würde das Turnier
gewinnen. Das rätselhafte Ei lastete an diesem Abend schwer auf Harrys
Gewissen, und als er im Bett lag, hatte er seinen Entschluss schon gefasst
– es war an der Zeit, seinen Stolz zu vergessen und herauszufinden, ob
Cedrics rätselhafter Hinweis irgendetwas taugte.

Das Ei und das Auge


Da Harry keine Ahnung hatte, wie lange er baden musste, um das
Geheimnis des goldenen Eis zu lüften, beschloss er, nachts zu gehen,
wenn er sich so viel Zeit nehmen konnte, wie er brauchte. Es
widerstrebte ihm zwar, einem weiteren Ratschlag von Cedric zu folgen,
doch er entschied sich, das Bad der Vertrauensschüler zu benutzen. Nur
wenige durften dort rein und so würde er eher ungestört bleilben.
Harry plante seine Unternehmung mit Sorgfalt, denn schon einmal hatte
ihn Filch, der Hausmeister, mitten in der Nacht aufgegriffen, als er sich
verbotenerweise im Schloss herumgetrieben hatte, und er hatte nicht das
Bedürfnis, dies noch einmal zu erleben. Natürlich würde der
Tarnurnhang entscheidend sein, und als zusätzliche Vorkehrung wollte
er die Karte des Rumtreibers mitnehmen, die neben dem Umhang das
nützlichste Werkzeug fürs Regelbrechen war, das Harry besaß. Die Karte
zeigte ganz Hogwarts, auch die vielen Abkürzungen und Geheimgänge,
und vor allem zeigte sie die Leute im Schloss als winzige, beschriftete
Punkte, die sich durch die Gänge bewegten, so dass Harry gewarnt sein
würde, wenn s ich jemand dem Badezimmer näherte.
Am Dienstagabend stahl sich Harry hoch in den Schlafsaal, warf sich
den Tarnurnhang über, schlich mach unten und wartete, wie in jener
Nacht, als Hagrid ihn zu den Drachen geführt hatte, bis sich das
Porträtloch öffnete. Diesmal war es Ron, mit dem er sich abgesprochen
hatte; er stand auf der anderen Seite des Porträtlochs, sagte der fetten
Dame das Passwort (»Bananeneis«), stieg in den Gemeinschaftsraum,
murmelte Harry »viel Glück« zu, und Harry schlüpfte hinaus.
Heute Ab end fiel es ihm schwer, sich mit dem Tarnurnhang zu bewegen,
denn er trug das schwere Ei unter dem einen Arm und hielt sich mit dem
anderen die Karte vor die Augen. Die mondbcschicnencn Gänge waren
jedoch ausgestorben und still, und indem Harry gelegentlich anhielt und
die Karte vorsorglich prüfte, gelang es ihm, unliebsame Begegnungen zu
vermeiden. Als er die Statue von Boris dem Bekloppten erreichte, einem
ratlos in die Gegend schauenden Zauberer mit Handschuhen, bei denen
er links und rechts verwechselt hatte, sah er die richtige Tür, neigte sich
zu ihr und murmelte das Passwort »Pinienfrisch«, wie Cedric ihm gesagt

hatte.
Knarrend öffnete sich die Tür. Harry glitt hinein, schob den Riegel vor,
zog den Tarnurnhang vom Kopf und sah sich um.
Sein erster Ein druck war, dass es sich durchaus lohnen würde,
Vertrauensschüler zu werden, nur um dieses Badezimmer benutzen zu
dürfen. Ein stattlicher kerzenbestückter Kronleuchter tauchte das Bad in
sein warmes Licht. Es war ganz aus Marmor, auch das in der Mitte des
R aums eingelassene rechteckige Becken, das eher wie ein leerer
Swimmingpool aussah. Rund hundert goldene Wasserhähne ragten aus
den Seitenwänden des Beckens und in jedem Drehknopf war ein
andersfarbener Juwel eingelassen. Auch ein Sprungbrett gab es hier. An
den Fenstern hingen lange, weiße Leinenvorhänge; in einer Ecke fand
sich ein großer Stapel flaumig weicher weißer Badetücher, und an der
Wand hing ein einzelnes, goldgerahmtes Gemälde. Darauf war eine
blonde Meerjungfrau zu sehen, die tief schlafend auf einem Felsen lag
und deren langes Haar bei jedem Schnarcher über ihr Gesicht flatterte.
Harry legte seinen Umhang, das Ei und die Karte auf den Boden und
ging, sich umsehend, auf das Becken zu, wobei seine Schritte von den
Wä nden widerhallten. Gewiss, dieses Bad war herrlich – und er hatte
große Lust, ein paar von diesen Wasserhähnen auszuprobieren - , doch
nun, da er hier war, kam ihm der unangenehme Gedanke, dass Cedric ihn
vielleicht auf den Arm genommen hatte. Wie um alles in der Welt sollte
ihm dieses Bad helfen, das Geheimnis des Eis zu lösen? Trotz allem
legte er eines der flaumigen Tücher an den Rand des
swimmingpoolgroßen Beckens, legte den Umhang, die Karte und das Ei
dazu, kniete sich nieder und drehte ein paar Wasser hähne auf.
Sofort war ihm klar, dass jeder Wasserstrahl eine andere Sorte
Schaumbad enthielt, aber es war Schaumbad, wie Harry es noch nie
erlebt hatte. Aus einem Hahn blubberten rosa und blaue Blasen von
Fußballgröße, aus einem anderen quoll eisweißer Sch aum, so dicht und
fest, dass Harry sicher war, er würde ihn über das Wasser tragen; aus
einem dritten Hahn sprühten schwer parfümierte purpurne Wolken, die
über dem Wasser schweben blieben. Harry drehte eine Weile nach Lust
und Laune an den Hähnen, und bes onders einer gefiel ihm, dessen Strahl
auf der Wasseroberfläche abprallte und in großen Bögen darüber
hinweghüpfte. Als das tiefe Becken mit heißem Wasser, feinem Schaum

und mächtigen Blasen gefüllt war (was bei seiner Größe doch schnell
gegangen war), drehte Harry alle Hähne zu, zog Morgenrock, Pyjama
und Badeschlappen aus und ließ sich ins Wasser gleiten.
Es war so tief, dass seine Füße kaum den Boden berührten, und so
schwamm er tatsächlich ein paar Runden, dann lehnte er sich an den
Beckenrand, planschte ein wenig im Wasser und nahm das Ei unter die
Lupe. So toll es auch war, im heißen und schaumigen Wasser durch
wabernde bunte Dampfwolken zu schwimmen, es hatte ihn kein
Geistesblitz getroffen, noch war ihm plötzlich etwas wie Schuppen von
den Augen gefa llen.
Harry streckte die Arme aus, hob das Ei mit nassen Händen hoch und
öffnete es. Das klagende, kreischende Lärmen erfüllte das Bad und hallte
zitternd von den Marmorwänden wider, doch es klang so unbegreiflich
wie immer, und im Gewirr der Echos vielleicht noch rätselhafter. Aus
Sorge, der Lärm könnte Filch auf den Plan rufen, wie es Cedric vielleicht
sogar beabsichtigt hatte, ließ er das Ei wieder zuschnappen – und dann
schrak er so heftig zusammen, dass er das Ei fallen ließ. Scheppernd
rollte es über den Marmorboden davon. Jemand sprach.
»Ich würde es einfach mal ins Wasser legen, wenn ich du wäre.«
Harry hatte vor Schreck eine beträchtliche Menge Seifenblasen
geschluckt. Prustend richtete er sich auf und sah den Geist eines sehr
verdrossen aussehenden Mädchens mit übergeschlagenen Beinen auf
einem der Wasserhähne sitzen. Es war die Maulende Myrte, die man
normalerweise im Abflussrohr eines Klos drei Stockwerke weiter unten
schluchzen hören konnte.
»Myrte!«, sagte Harry empört. »Ich – ich hab überhaupt nichts an!«
Der Schaum war so dicht, dass es kaum eine Rolle spielte, aber er hatte
das unangenehme Gefühl, dass Myrte ihn aus einem der Hähne heraus
beobachtet hatte, schon seit er hereingekommen war.
»Ich hab die Augen geschlossen, als du reinkamst«, sag te sie und
blinzelte ihn durch ihre dicken Brillengläser an. »Du hast mich schon
ewig nicht mehr besucht.«
»Jaah ... nun ...«, sagte Harry und ging ein wenig in die Knie, nur um
vollkommen sicher zu sein, dass Myrte nichts als seinen Kopf sehen
konnte, »ic h darf doch eigentlich gar nicht in dein Klo. Es ist doch nur
für Mädchen.«

»Früher hat dich das nicht gestört«, schmollte Myrte. »Früher bist du
ständig gekommen.«
Das stimmte, allerdings nur, weil Harry, Ron und Hermine festgestellt
hatten, dass Myrtes k aputtes Klo der beste Platz war, um insgeheim
einen Vielsaft- Trank zu brauen einen verbotenen Zaubertrank, der Harry
und Ron für eine Stunde in lebende Abbilder von Crabbe und Goyle
verwandelt hatte, als die sie sich dann in den Gemeinschaftsraum der
Slyth erins schmuggeln konnten.
»Ich hab Ärger gekriegt, weil ich dort rein bin«, sagte Harry, was nur die
halbe Wahrheit war; nur Percy hatte ihn einmal erwischt, wie er aus
Myrtes Klo kam. »Danach dachte ich, ich lass es lieber bleiben.«
»Oh ... verstehe ...«, sagte Myrte und fingerte mit grämlicher Miene an
einem dunklen Punkt auf ihrem Kinn herum. »Ja ... wie auch immer ...
ich würde das Ei mal ins Wasser legen. Das hat Cedric Diggory nämlich
getan.«
»Hast du den auch schon bespitzelt?«, sagte Harry entrüstet. »Was treibst
du hier eigentlich – schleichst dich abends einfach rein und siehst zu, wie
die Vertrauensschüler baden?«
»Manchmal«, sagte Myrte verschmitzt, »aber bisher bin ich noch nie aus
dem Versteck gekommen, um mit jemandem zu sprechen.«
»Das ehrt m ich aber«, sagte Harry mit finsterer Miene. »Halt dir jetzt
bloß die Augen zu!«
Er vergewisserte sich, dass Myrte ihre Brille gut verdeckt hatte, bevor er
sich aus dem Wasser zog, das Badetuch fest um sich wickelte und dann
das Ei holen ging.
Sobald er wieder im Wasser war, spähte Myrte durch ihre Finger
hindurch und sagte: »Nun mach schon ... öffne es unter Wasser.«
Harry drückte das Ei unter die schaumige Wasseroberfläche und öffnete
es ... und diesmal war kein Klagen zu hören. Ein gegurgeltes Lied
ertönte, ein Lied, dessen Text er durch das Wasser nicht verstehen
konnte.
»Du musst mit dem Kopf untertauchen«, sagte Myrte, die es
offensichtlich zutiefst genoss, ihn herumkommandieren zu können.
»Mach schon!«
Harry holte tief Atem und tauchte unter – undjetzt, da er auf dem
marmornen Boden des schaumgefüllten Bades saß, hörte er einen Chor

schauriger Stimmen, der aus dem offenen Ei in seinen Händen heraus ein
Lied für ihn sang:
Komm, such, wo unsere Stimmen klingen, denn über dem Grund können
wir nicht singen.
Und während du suchst, überlege jenes:
Wir nahmen, wonach du dich schmerzlich sehnest.
In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden.
Doch brauchst du länger, fehlt dir das Glück, zu spät, 's ist fort und
kommt nicht zurück. Har ry ließ sich nach oben treiben, stieß mit dem
Kopf durch die Seifenblasen und schüttelte sich das Haar aus dem
Gesicht.
»Hast du es gehört?«, fragte Myrte.
»Ja ... » Komm, such, wo unsere Stimmen klingen ...« Und wenn ich
mich bitten lasse? ... Warte, ich muss es noch mal hören ...« Wieder
tauchte er unter. Harry musste sich das Unterwasserlied noch dreimal
anhören, bis er es endlich auswendig konnte; dann dachte er eine Weile
im Wasser planschend angestrengt nach, während Myrte dasaß und ihn
beobachtete.
»Ich muss wohl nach Leuten Ausschau halten, die ihre Stimmen über
dem Wasser nicht benutzen können ...«, sagte er langsam. »Hmh ... wer
könnte das sein?«
»Bist einer von den Langsamen, nicht?«
Er hatte die Mau lende Myrte noch nie so gut gelaunt gesehen, außer an
dem Tag, als sich Hermine mit einer Dosis Vielsaft- Trank ein haariges
Gesicht und einen Katzenschwanz verpasst hatte.
Harry sah sich nachdenklich im Badezimmer um ... wenn die Stimmen
nur unter Wasser z u hören waren, dann mussten es Wassergeschöpfe
sein. Er stellte seine Überlegung Myrte vor, die ihn nur geziert
anlächelte.
»Tja, das hat Diggory auch gedacht«, sagte sie. »Da lag er und hat ewig
lang mit sich selbst gesprochen. Kam einfach nicht zum Schlu ss ... fast
alle Seifenblasen waren weg ...«
»Unter Wasser ...«, sagte Harry langsam. »Myrte ... was lebt eigentlich
im See, außer dem Riesenkraken?«
»Oh, dies und das«, sagte sie. »Manchmal komm ich dort runter ... es

geht einfach nicht anders, wenn jemand überraschend mein Klo spült ...«
Harry versuchte sich lieber nicht vorzustellen, wie es war, wenn die
Maulende Myrte mit dem Inhalt eines Klos durch ein Rohr in den See
rauschte, und sagte: »Hat denn etwas dort im See eine menschliche
Stimme? Wart mal – «
Sein Blick war auf das Bild der schnarchenden Nixe an der Wand
gefallen. »Myrte, dort drin leben doch nicht etwa Wassermenschen?«
»Ooh, sehr gut«, sagte sie und ihre dicken Brillengläser funkelten.
»Diggory hat viel länger gebraucht! Und die dort war sogar wach« –
Myrte zuckte mit dem Kopf angewidert in Richtung Nixe – »und hat
gekichert und sich rausgeputzt und mit ihrer Flosse gespielt ...«
»Das ist es!«, sagte Harry aufgeregt. »Die zweite Aufgabe ist, die
Wassermenschen im See aufzusuchen und ... und .. .«
Doch plötzlich wurde ihm klar, was er eben gesagt hatte, und die Freude
über seine Entdeckung wurde aus ihm herausgesogen, als ob jemand
einen Stöpsel aus seinem Magen gezogen hätte. Er war kein sehr guter
Schwimmer; viel geübt hatte er nie. Dudley hatte, als er noch kleiner
war, Unterricht bekommen, doch Tante Petunia und Onkel Vernon
hatten sich nie darum gekümmert, dass Harry schwimmen lernte,
zweifellos in der Hoffnung, Harry würde eines Tages ersaufen. Ein paar
Längen dieses Beckens, schön und gut, doch dieser See war sehr groß
und sehr tief ... und die Wassermenschen lebten sicher auf dem Grund
des Sees ...
»Myrte«, sagte Harry langsam, »wie soll ich dort unten atmen?«
Bei diesen Worten füllten sich Myrtes Augen plötzlich mit Tränen. »Wie
taktlos vo n dir!«, murrte sie und stöberte in ihrem Umhang nach einem
Taschentuch.
»Was ist taktlos?«, fragte Harry verwirrt.
»Vor mir vom Atmen zu sprechen!«, sagte sie schrill, und ihre Stimme
hallte laut im Badezimmer wider. »Wo ich doch ... schon so lange ...
ni cht mehr ... kann ...« Sie vergrub das Gesicht in ihrem Taschentuch
und schniefte laut.
Harry fiel ein, wie empfindlich Myrte schon immer gewesen war, weil
sie tot war, doch kein anderer Geist, den er kannte, machte ein solches
Drama daraus.
»Verzeihung«, sagte er ungeduldig. »Ich hab's nicht so gemeint – ist mir

ganz entfallen ...«
»O ja, es ist so leicht, Myrtes Tod zu vergessen«, schluchzte Myrte und
sah ihn mit verquollenen Augen an. »Keiner hat mich vermisst, selbst als
ich noch am Leben war. Stundenlang haben sie gebraucht, um meine
Leiche zu finden – ich weiß es noch, ich saß ja da und hab auf sie
gewartet. Olive Hornby kam in mein Klo – » Steckst du schon wieder
hier drin und schmollst, Myrte?«, hat sie gesagt. » Professor Dippet hat
mich nämlich geb eten, nach dir zu suchen - « Und dann hat sie meine
Leiche gesehen ... ooooh, das hat sie bis an ihr Lebensende nicht
vergessen, dafür hab ich schon gesorgt ... ich bin ihr nämlich ständig
gefolgt und hab sie dran erinnert, ich weiß noch, bei der Hochzeit ihres
Bruders –«
Doch Harry hörte ihr nicht zu; er dachte wieder über das Lied der
Wassermenschen nach. »Wir nahmen, wonach du dich schmerzlich
sehnest.« Das klang ganz danach, als würden sie ihm etwas stehlen,
etwas, das er zurückholen musste. Was sollte d as sein?
» – und dann ist sie natürlich vors Zaubereiministerium gezogen, damit
ich ihr nicht mehr nachspuke, deshalb musste ich wieder hierher
kommen und in meinem Klo leben.«
»Gut«, sagte Harry verschwommen. »Schön, ich bin jetzt viel weiter als
vorher ... schließ doch noch mal die Augen, ich komm raus.«
Er holte das Ei vom Beckenboden herauf, kletterte heraus, trocknete sich
ab und zog Pyjama und Morgenrock an.
»Kommst du mich mal wieder in meinem Klo besuchen?«, fragte die
Maulende Myrte mit trauriger Stimme, als Harry den Tarnurnhang
aufhob.
»Ähm ... ich versuch's«, sagte Harry, obwohl er im Stillen dachte, er
würde nur dann noch einmal in Myrtes Klo vorbeischauen, wenn alle
anderen Klos im Schloss verstopft wären. »Bis dann, Myrte ... danke für
deine Hilfe.«
»Adieu, adieu«, sagte sie schwermütig, und als sich Harry den
Tarnurnhang wieder anzog, sah er, wie sie in einem der Wasserhähne
verschwand.
Draußen im dunklen Korridor warf Harry einen Blick auf die Karte des
Rumtreibers, um zu prüfen, ob die Luft noch rein war. Ja, die Punkte für
Filch und Mrs Norris waren immer noch eindeutig in seinem Büro ...

niemand außer Peeves schien sich zu bewegen, der ein Stockwerk über
Harry im Pokalzimmer auf- und abhüpfte ... schon war er den ersten
Schritt zurück in den Gryffindor -Turm gegangen, als ihm etwas anderes
ins Auge fiel ... etwas äußerst Merkwürdiges.
Peeves war nicht der Einzige, der sich bewegte. Ein anderer Punkt flitzte
in einem Zimmer in der linken unteren Ecke umher – in Snapes Büro.
Doch der Punkt war n icht mit »Severus Snape« beschriftet ... es war
Bartemius Crouch.
Harry starrte auf den Punkt. Mr Crouch war doch angeblich zu krank, um
zur Arbeit oder zum Weihnachtsball zu kommen – also warum hatte er
sich um ein Uhr morgens in Hogwarts ein geschlichen? Harry sah
gespannt zu, wie der Punkt sich unablässig im Zimmer auf und ab
bewegte und nur hie und da kurz innehielt ...
Harry zögerte, überlegte ... und dann gewann seine Neugier die
Oberhand. Er drehte sich um und lief in die andere Richtung, bis zur
nächsten Treppe. Er würde schon herausfinden, was Crouch hier zu
suchen hatte.
Harry ging, so leise er konnte, treppab, dennoch wandten sich die Köpfe
in den Gemälden beim Knarzen eines Dielenbrettes oder bei dem
Rascheln seines Pyjamas neugierig um. Er schlich den Korridor einen
Stock tiefer entlang, schob auf halbem Weg einen Wandteppich zur Seite
und ging eine schmalere Treppe hinunter, eine Abkürzung, die ihn gleich
zwei Stockwerke tiefer bringen würde. Immer wieder warf er einen Blick
auf die Karte und wunderte sich ... es schien einfach nicht zu diesem
korrekten, gesetzestreuen Charakter von Mr Crouch zu passen, so spät in
der Nacht in einem fremden Büro herumzuschnüffeln ...
Und dann, auf halber Treppe, als er nicht mehr auf seine Schritte achtete
und ganz in Gedanken über das seltsame Gebaren von Mr Crouch
vertieft war, sank Harrys Bein plötzlich geradewegs durch die
Trickstufe, die Neville dauernd zu überspringen vergaß. Er begann
unbeholfen zu schwanken, und das goldene Ei, noch feucht vom
Badewasser, glitt ihm aus dem Arm. Er ließ sich nach vorn fallen, um es
aufzufangen, doch zu spät; das Ei kullerte die lange Treppe hinunter und
ließ auf jeder Stufe einen Schlag wie von einer Basstrommel hören. Der
Tarnurnhang rutschte ihm vom Kopf und Ha rry konnte ihn gerade noch
packen, da flatterte ihm die Karte des Rumtreibers aus der Hand und

segelte sechs Stufen hinunter, wo er sie, bis übers Knie in die Stufe
versunken, nicht erreichen konnte.
Das goldene Ei kullerte durch den Wandteppich am Fuß der Treppe,
schlug scheppernd im Korridor unten auf und begann mit seinem lauten
Wehklagen. Harry zog den Zauberstab und mühte sich verzweifelt, die
Karte des Rumtreibers zu berühren und sie zu löschen, doch er konnte
sie nicht erreichen.
Er zog sich den Umha ng wieder über den Kopf, richtete sich auf und
lauschte angestrengt, die Augen vor Angst zu Schlitzen verengt – und es
dauerte nur einen Augenblick –
»PEEVES!«
Das war unmissverständlich der Jagdruf von Filch, dem Hausmeister.
Harry konnte deutlich seine h astig schlurfenden Schritte näher und näher
kommen und seine keuchende Stimme vor Wut schrill werden hören.
»Was soll dieser Höllenlärm? Du weckst noch das ganze Schloss! Ich
krieg dich, Peeves, ich krieg dich, du wirst ... und was ist das?«
Filch war offenbar stehen geblieben; es gab ein Klingen von Metall auf
Metall und das Wehklagen erstarb. Filch hatte das Ei aufgehoben und es
geschlossen. Harry stand reglos da, das eine Bein immer noch fest in der
magischen Stufe verklemmt, und lauschte gebannt. Jeden Moment würde
Filch den Gobelin zur Seite ziehen und nach Peeves Ausschau halten ...
und da würde kein Peeves sein ... doch wenn er die Treppe hochstieg,
würde er die Karte des Rumtreibers entdecken ... und diese Karte würde,
mit oder ohne Tarnumhang, »Harr y Potter« genau da anzeigen, wo er
stand.
»Ei?«, sagte Filch leise am Fuß der Treppe. »Meine Süße!« – offenbar
war Mrs Norris bei ihm – »Das ist ein Trimagischer Schlüssel! Er gehört
einem Schul- Champion!«
Harry wurde schlecht; sein Herz hämmerte rasend schnell –
»PEEVES!«, donnerte Filch voll Schadenfreude. »Du hast gestohlen!«
Er riss den Wandteppich unten zur Seite, und Harry sah sein
fürchterliches Sackgesicht und die hervorquellenden fahlen Augen, die
die dunkle und (für Filch) völlig ausgestorbene Tre ppe hochstarrten.
»Versteckst dich, was?«, sagte er leise. »Ich werd dich schon kriegen,
Peeves ... du hast doch tatsächlich einen Trimagischen Schlüssel
gestohlen, Peeves ... dafür wird dich Dumbledore endlich

rausschmeißen, du mieser kleiner Dieb von Poltergeist ...«
Filch stieg die ersten Stufen hoch, dicht gefolgt von einer dürren,
staubfarbenen Katze. Mrs Norris' lampenartige Augen, die denen ihres
Herrn so sehr ähnelten, hatten geradewegs Harry ins Visier genommen.
Schon einmal hatte er sich fragen mü ssen, ob der Tarnurnhang auch bei
Katzen wirkte ... sein Magen verkrampfte sich vor Anspannung, während
er Filch in seinem alten Flanellmorgenmantel immer näher kommen sah
– verzweifelt mühte er sich, sein eingeklemmtes Bein zu befreien, doch
es sank nur noch ein paar weitere Zentimeter ein – und Filch musste nun
jede Sekunde die Karte entdecken oder direkt in ihn hineinlaufen –
»Filch? Was ist hier los?«
Filch hielt ein paar Stufen unterhalb von Harry inne und wandte sich um.
Am Fuß der Treppe stand der Ei nzige, der Harrys Lage nur noch
verschlimmern konnte – Snape. Er trug ein langes graues Nachthemd
und schien vor Zorn zu rasen.
»Es ist Peeves, Professor«, wisperte Filch bösartig. »Er hat dieses Ei die
Treppe runtergeworfen.«
Rasch nahm Snape die Stufen b is hinauf zu Filch. Harry biss die Zähne
zusammen, überzeugt, dass sein laut pochendes Herz ihn jede Sekunde
verraten musste ...
»Peeves?«, sagte Snape leise und starrte das Ei in Filchs Hand an. »Aber
Peeves konnte nicht in mein Büro ...«
»Dieses Ei war in Ihrem Büro, Professor?«
»Natürlich nicht«, fuhr ihn Snape an, »ich hab Gepolter und Gejammer
gehört –«
»Ja, Professor, das war das Ei – «
» – und wollte kurz nachsehen, was los ist – «
»Peeves hat es runtergeworfen, Professor – «
» – und als ich an meinem Bür o vorbeikam, sah ich, dass die Fackeln
brannten und eine Schranktür offen stand! Jemand hat es durchsucht!«
»Aber Peeves konnte nicht – «
»Das weiß ich auch, Filch!«, bellte Snape. »Ich versiegle mein Büro mit
einem Fluch, den nur ein Zauberer brechen kann! « Snape sah die Treppe
hoch, durch Harry hindurch, und dann hinunter auf den Korridor. »Ich
möchte, dass Sie mir bei der Suche nach dem Eindringling helfen,
Filch.«

»Ich – ja, Professor – aber –«
Filch blickte sehnsü chtig die Treppe hoch, und Harry entging nicht, dass
er nur widerwillig die Chance sausen ließ, Peeves in die Enge zu treiben.
Geh, flehte ihn Harry stumm an, geh mit Snape ... geh ... Mrs Norris
lugte hinter Filchs Beinen hervor ... Harry hatte den deutlichen Eindruck,
dass sie ihn riechen konnte ... warum nur hatte er das Bad mit so viel
Duftschaum gefüllt?
»Die Sache ist die, Professor«, sagte Filch mit wehleidiger Stimme,
»diesmal wird der Direktor auf mich hören müssen, Peeves hat einen
Schüler bestohlen, das wäre meine Chance, ihn ein für alle Mal aus dem
Schloss werfen zu lassen – «
»Filch, dieser vermaledeite Poltergeist ist mir verdammt noch mal völlig
egal, ich muss mich um mein Büro – «
Klonk. Klonk. Klonk.
Snape verstummte mit einem Schlag. Er und Filch spähten hinunter zum
Fuß der Treppe. Harry sah Mad -Eye Moody humpelnd in der schmalen
Lücke zwischen ihren Köpfen auftauchen. Moody trug seinen alten
Reiseumhang über dem Nachthemd und stützte sich wie immer auf
seinen Stock.
»Was haben wir denn hier , 'ne Pyjama-Party?«, knurrte er die Treppe
hoch.
»Professor Snape und ich haben Lärm gehört, Professor«, antwortete
Filch überstürzt. »Peeves, der Poltergeist, hat mal wieder Sachen durch
die Gegend geworfen – und dann hat Professor Snape entdeckt, dass
jemand in sein Büro eingeb– «
»Mund halten!«, zischte Snape.
Moody trat einen weiteren Schritt auf die Treppe zu. Harry sah, wie sein
magisches Auge über Snape wanderte und dann, er war sich sicher, auf
ihm ruhen blieb.
Harrys Herz tat einen ganz fürchterlichen Schlag: Moody konnte durch
Tarnumhänge sehen ... für ihn allein offenbarte sich die ganze
Seltsamkeit dieses Schauspiels auf der Treppe ... Snape im Nachthemd,
Filch mit dem Ei unter dem Arm, und er, Harry, über ihnen in eine Stufe
eingeklemmt. Moodys schräg klaffende Wunde von Mund öffnete sich
überrascht. Einige Sekunden lang starrten sich er und Harry an. Dann
machte Moody den Mund zu und ließ sein blaues Auge zu Snape

wandern.
»Hab ich richtig gehört, Snape?«, fragte er langsam. »Jemand ist in Ihr
B üro eingebrochen?«
»Das ist unwichtig«, sagte Snape kalt.
»Im Gegenteil«, knurrte Moody, »es ist sehr wichtig. Wer sollte denn in
Ihr Büro einbrechen wollen?«
»Ein Schüler, würde ich vermuten«, sagte Snape. Harry konnte eine
Ader auf Snapes fettiger Stirn fürchterlich zucken sehen. »Das ist schon
öfter vorgekommen. Zaubertrankzutaten sind aus meinem persönlichen
Vorratsschrank verschwunden ... Schüler, die verbotene Mixturen
ausprobieren, mit Sicherheit ...«
»Die waren also auf Trankzutaten aus?«, fragte Mo ody. »Sie verstecken
nicht zufällig etwas in Ihrem Büro?«
Harry sah von der Seite, wie Snapes fahles Gesicht hässlich ziegelrot
anlief und die Ader auf seiner Stirn noch schneller pulste.
»Sie wissen, dass ich nichts verstecke, Moody«, sagte er mit leiser und
drohender Stimme, »da Sie mein Büro ja selbst recht gründlich
durchsucht haben.«
Moodys Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Das Vorrecht des
Auroren, Snape. Dumbledore nieinte, ich solle ein Auge auf –«
»Dumbledore vertraut mir«, sagte Snape zähneknirschend. »Ich weigere
mich zu glauben, dass er Sie angewiesen hat, mein Büro zu
durchsuchen!«
»Natürlich traut Dumbledore Ihnen«, knurrte Moody. »Verliert nie den
Glauben an das Gute im Zauberer, nicht wahr? Gibt jedem 'ne zweite
Chance. Ich aber – ich sag e, es gibt Flecken, die gehen nicht mehr raus,
Snape. Flecken, die nie mehr rausgehen, Sie wissen, wovon ich rede?«
Snape tat plötzlich etwas sehr Seltsames. Er packte seinen linken
Unterarm krampfartig mit der rechten Hand, als ob er heftig schmerzen
würd e.
Moody lachte. »Gehen Sie wieder schlafen, Snape.«
»Sie sind nicht befugt, mich herumzukommandieren!«, zischte Snape
und ließ seinen Arm los, als würde er sich über sich selbst ärgern. »Ich
habe genauso das Recht wie Sie, nach Einbruch der Dunkelheit in dieser
Schule Wache zu gehen!«
»Dann wachen Sie woanders«, sagte Moody, doch in seiner Stimme lag

etwas sehr Bedrohliches. »Ich freu mich darauf, Sie eines Nachts in
einem dunklen Korridor zu treffen ... übrigens, Sie haben was verloren
...«
Mit einem stum men Schrei des Entsetzens sah Harry, wie Moody auf die
Karte des Rumtreibers deutete, die noch immer sechs Stufen unter ihm
lag. Snape und Filch wandten die Köpfe. Und in diesem Augenblick ließ
Harry alle Vorsicht fahren; er hob unter seinem Tarnurnhang die Arme,
winkte verzweifelt, um Moodys Blick auf sich zu ziehen, und formte mit
den Lippen die Worte: »Das ist meine! Meine!«
Schon hatte Snape, dem die dämmernde Erkenntnis als fürchterliche
Grimasse ins Gesicht geschrieben stand, die Hand nach der Karte
ausgestreckt –
»Accio Pergament!«
Die Karte flog hoch, raschelte durch Snapes ausgestreckte Finger und
flatterte die Stufen hinunter direkt in Moodys Hand.
»Mein Fehler«, sagte Moody gelassen. »Die gehört mir – muss sie
vorhin fallen gelassen haben – «
Doch Snapes schwarze Augen blitzten vom Ei in Filchs Armen hinüber
zur Karte in Moodys Hand, und Harry war klar, dass er zwei und zwei
zusammenzählte, wie nur Snape es konnte ...
»Potter«, flüsterte er.
»Wie bitte?«, sagte Moody gleichmütig, faltete die Karte zusammen und
steckte sie ein.
»Potter!«, raunzte Snape, und tatsächlich wandte er den Kopf und starrte
genau auf die Stelle, wo Harry stand, als ob er ihn plötzlich sehen
könnte. »Dieses Ei gehört Potter. Dieses Pergament gehört auch Potter.
Ich hab es schon einmal gesehen, ich erkenne es wieder. Potter ist hier!
Potter, in seinem Tarnurnhang!«
Snape streckte die Hände aus wie ein Blinder und begann die Stufen
hinaufzusteigen; Harry hätte schwören können, dass seine übergroßen
Nüstern sich weiteten und er versuchte, Harry zu erschnüffeln – in der
Falle festsitzend beugte sich Harry nach hinten, um Snapes Fingerspitzen
zu entgehen, doch er musste ihn jeden Moment –
»Da gibt's nichts zu suchen, Snape!«, bellte Moody. »Aber ich werde
umgehend dem Schulleiter berichten, wie schnell Sie an Harry Potter
gedacht haben!«

»Was soll das heißen?«, raunzte Snape und wandte den Kopf, die
ausgestreckten Hände immer noch Zentimeter von Harrys Brust entfernt,
zu Moody um.
»Das soll heißen, dass Dumbledore sehr erpicht darauf ist zu erfahren,
wer es auf den Jungen abgesehen hat!«, sagte Moody und hinkte noch
einen Schritt näher zum Fuß der Treppe. »Und das gilt auch für mich,
Snape, da bin ich sehr neugierig.« Das Fackellicht flackerte über sein
zerstörtes Gesicht, so dass die Narben und die Stelle, an der ein Stück
seiner Nase fehlte, noch tiefer und dunkler wirkten.
Snape sah auf Moody hinunter und Harry konnte sein Gesicht nicht
sehen. Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille, niemand rührte
sich oder sprach. Dann ließ Snape langsam die Hände sinken.
»Ich dachte nur«, sagte Snape mit gezwungen ruhiger Stimme, »wenn
Potter sich schon wieder zu nachtschlafender Zeit im Schloss rumtreibt
... das ist eine bedauerliche Angewohnheit von ihm ... dann sollte man
ihm Einhalt gebieten. Zu – zu seiner eigenen Sicherheit.«
»Ah, verstehe«, sagte Moody leise. »Ihnen liegt nur Potters Wohl am
Herzen.«
Stille trat ein. Snape und Moody sahen sich immer noch an. Mrs Norris
ließ ein lautes Miauen hören und spähte immer noch hinter Filchs Beinen
hervor, auf der Suche nach der Quelle des Schaumbaddufts.
»Ich werd mich jetzt wohl wieder hinlegen«, sagte Snape barsch.
»Die beste Idee, die Sie heute Nacht hatten«, sagte Moody. »Filch, wenn
Sie mir jetzt bitte dieses Ei geben – «
»Nein!«, sagte Filch und umklammerte das Ei, als wäre es sein
erstgeborener Sohn. »Professor Moody, das ist der Beweis für Peeves'
Verrat!«
»Es ist das Eigentum des Champions, dem er es gestohlen hat!«, sagte
Moody. »Geben Sie es mir, sofort.«
Snape rauschte die Treppe hinunter und lief ohne ein Wort an Moody
vorbei. Filch schnalzte Mrs Norris zu, die noch ein paar Sekunden lang
unverwandt Harry anstarrte, sich dann umdrehte und ihrem Herrn folgte.
Harry, der immer noch schnell atmete, hörte, wie Snape sich auf dem
Korridor entfernte; Filch übergab Moody das Ei und verschwand nun
ebenfalls, wobei er Mrs Norris zumurmelte: »Macht nichts, meine Süße
... wir sehen Dumbledore morgen früh ... dann sagen wir ihm schon, was

Peeves angestellt hat ...«
Eine Tür fiel zu. Harry stand jetzt alleine auf der Treppe und sah
hinunter zu Moody, der seinen Stock auf die erste Stufe stellte und
begann, unter großer Mühsal und mit einem dumpfen Klonk auf jeder
Stufe die Treppe zu ihm hochzusteigen.
»Das war knapp, Potter«, murmelte er.
»Jaah ... ich – ähm ... danke«, sagte Harry matt.
»Was hat es damit auf sich?«, sagte Moody, zog die Karte des
Rumtreibers aus der Tasche und entfaltete sie.
»Karte von Hogwarts«, sagte Harry und hoffte, Moody würde ihn
endlich aus seiner Treppenstufe ziehen; d as Bein tat ihm inzwischen
richtig weh.
»Beim Barte des Merlin«, hauchte Moody, sein magisches Auge schien
angesichts der Karte völlig verrückt zu spielen. »Das ... das ist ja 'ne
sagenhafte Karte, Potter!«
»Jaah, sie ist ... recht nützlich«, sagte Harry. Ihm tränten allmählich die
Augen vor Schmerz. »Ähm – Professor Moody, vielleicht könnten Sie
mir kurz helfen – ?«
»Was? Oh! Ja ... ja natürlich ...«
Moody umklammerte Harrys Arme und zog ihn nach oben; Harrys Bein
löste sich aus der Trickstufe und er setzte es auf die Stufe darüber.
Moody starrte immer noch auf die Karte. »Potter ...«, sagte er langsam,
»du hast nicht zufällig gesehen, wer in Snapes Büro eingebrochen ist?
Auf dieser Karte, meine ich?«
»Ähm ... ja, hab ich ...«, gab Harry zu. »Es war Mr Crouc h.«
Moodys magisches Auge huschte prüfend über die Karte. Plötzlich
schien er alarmiert.
»Crouch?«, fragte er. »Bist du – bist du dir sicher, Potter?«
»Absolut«, sagte Harry.
»Jedenfalls ist er nicht mehr da«, sagte Moody, dessen Augen beständig
ü ber die Karte flogen. »Crouch ... das ist sehr – sehr interessant ...«
Fast eine Minute lang schwieg er und starrte nur auf die Karte. Harry war
klar, dass ihm diese Neuigkeit etwas gesagt hatte, und wollte sehnlichst
wissen, was es war. Er überlegte, ob er es wagen sollte zu fragen. Moody
jagte ihm ein wenig Angst ein ... doch Moody hatte ihm gerade geholfen,
einer Menge Ärger aus dem Weg zu gehen.

Ȁhm ... Professor Moody ... warum, glauben Sie, wollte sich Mr
Crouch in Snapes Büro umsehen?«
Moodys magisc hes Auge löste sich von der Karte und fixierte nun
zitternd Harry. Es war ein durchdringender Blick, und Harry hatte den
Eindruck, dass Moody ihn taxierte, nicht sicher, ob er antworten sollte
oder nicht, oder wie viel er ihm erzählen sollte.
»Lass es mich so sagen, Potter«, murmelte Moody endlich, »es heißt, der
alte Mad -Eye sei ganz besessen davon, schwarze Magier zu fassen ...
aber Mad -Eye ist nichts - nichts – im Vergleich zu Barty Crouch.«
Erneut starrte er auf die Karte. Harry brannte darauf, mehr zu erfahren.
»Professor Moody«, sagte er noch einmal. »Glauben Sie, könnte dies
damit zu tun haben ... dass Mr Crouch vielleicht denkt, es sei irgendwas
im Busch ...«
»Zum Beispiel?«, fragte Moody scharf.
Harry überlegte, wie viel er zu sagen wagen sollte. Moo dy sollte nicht
auf den Gedanken kommen, dass er eine Quelle außerhalb von Hogwarts
hatte; das würde womöglich zu peinlichen Fragen über Sirius führen.
»Ich weiß nicht«, murmelte Harry, »in letzter Zeit sind ein paar
merkwürdige Sachen passiert. Es stand ja im Tagespropheten ... das
Dunkle Mal bei der Weltmeisterschaft und die Todesser und alles ...«
Die beiden so verschiedenen Augen Moodys weiteten sich.
»Du bist ein schlauer Junge, Potter«, sagte er. Sein magisches Auge
wanderte nun wieder zur Karte des R umtreibers. »So was könnte
tatsächlich in Crouchs Kopf vor sich gehen«, sagte er langsam. »Sehr gut
möglich ... in letzter Zeit sind einige seltsame Gerüchte umhergeschwirrt
– mit tatkräftiger Unterstützung von Rita Kimmkorn, natürlich. Das
macht einige Leute nervös, vermute ich.« Ein grimmi -jges Lächeln zerrte
an seinem schrägen Mund. »Oh, wenn es eins gibt, das ich hasse«,
murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Harry gewandt, und sein
magisches Auge fixierte die Einke untere Ecke der Karte, »dann ist es
ein Todesser, der (entkommen ist und frei herumläuft ...«
Harry starrte ihn an. Konnte Moody tatsächlich das meinen, was Harry
vermutete?
»Und jetzt möchte ich dir eine Frage stellen, Potter«, sagte Moody nun
wieder in nüchternem Ton.
Harry wurde schwer um s Herz; er hatte schon darauf gewartet. Moody

würde ihn fragen, woher er die Karte, diesen recht zweifelhaften
magischen Gegenstand, eigentlich hatte – und die Geschichte, wie sie
ihm in die Hände gefallen war, würde nicht nur ihn belasten, sondern
seinen eigenen Vater, Fred und George Weasley sowie Professor Lupin,
ihren letzten Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Moody
wedelte mit der Karte vor Harrys Nase herum und Harry machte sich auf
das Schlimmste gefasst –
»Kann ich mir die ausleihen?«
»Oh!«, sagte Harry. Er hatte viel Freude an seiner Karte, doch
andererseits war er ungeheuer erleichtert, dass Moody nicht fragte, wo er
sie herhatte, und zweifellos schuldete er ähm auch einen Gefallen. »Ja,
klar.«
»Guter Junge«, knurrte Moody. »Die kann ich wirklich gut gebrauchen
... das ist vielleicht genau das, wonach ich gesucht habe ... schön, nun
aber ins Bett, Potter, komm mit ...«
Sie stiegen zusammen die Treppe hoch, und auch im Gehen untersuchte
Moody die Karte wie einen Schatz, von (dem er nicht zu träumen gewagt
hatte. Schweigend gingen sie bis zur Tür von Moodys Büro, wo er stehen
blieb und zu Harry hinuntersah. »Hast du jemals daran gedacht, ein
Au -ror zu werden, Potter?«
»Nein«, sagte Harry völlig perplex.
»Dann Überleg's dir doch mal«, sag te Moody, nickte mit dem Kopf und
musterte Harry nachdenklich. »Ja, allerdings ... und übrigens ... ich
vermute mal, du bist mit diesem Ei heute Nacht nicht einfach so
spazieren gegangen?«
»Ähm – nein«, sagte Harry grinsend. »Ich hab das Rätsel gelöst.«
Mo ody sah ihn zwinkernd an, und wieder spielte sein magisches Auge
verrückt. »Gibt nichts Besseres als einen kleinen
Mondscheinspaziergang, um auf Ideen zu kommen, Potter ... wir sehen
uns morgen früh ...« Er betrat sein Büro, den Blick schon wieder auf der
Karte des Rumtreibers, und schloss die Tür hinter sich.
Langsam ging Harry zurück in den Gryffindor -Turm, ganz in Gedanken
an Snape und Crouch versunken, und rätselte, was das alles zu bedeuten
hatte ... Warum schützte Crouch vor, krank zu sein, wenn er es dann
doch schaffte, nach Hogwarts zu kommen? Und was, vermutete er, sei in
Snapes Büro versteckt?

Dann hatte Moody auch noch vorgeschlagen, er, Harry, sollte Auror
werden! Interessanter Vorschlag ... doch als Harry vier Minuten später Ei
und Tarnurnhang sicher in seinem Koffer verstaut hatte und leise in sein
Bett stieg, kam ihm doch noch der Gedanke, dass er zunächst mal sehen
wollte, wie vernarbt die anderen Auroren waren, bevor er sich für diesen
Beruf entschied.

Die zweite Aufgabe


»Du hast doch gesagt, du hättest das Eierrätsel schon ge löst!«, entrüstete
sich Hermine.
»Sprich doch leiser!«, erwiderte Harry ärgerlich. »Ich muss es nur noch
ein wenig – ausfeilen, verstehst du?«
Sie hatten sich im Zauberkunstunterricht zu dritt an eine n Tisch in der
hinteren Reihe gesetzt. Heute war das Gegenteil des Aufrufezaubers dran
– der Verscheuchezauber. Professor Flitwick, wohl wissend, was für
hässliche Unfälle passieren konnten, wenn ständig irgendwelche
Gegenstände durch das Zimmer flogen, ha tte jedem Schüler einen Stapel
Kissen zum Üben gegeben. Der Gedanke dahinter war, dass niemand
verletzt würde, wenn die Kissen ihr Ziel verfehlten. Als Idee sehr gut,
taugte er in der Praxis nicht allzu viel. Neville peilte so schlecht, dass
nicht nur die leichten Kissen durchs Zimmer flogen, sondern zum
Beispiel auch Professor Flitwick.
»Vergiss doch einfach mal für 'ne Weile dieses Ei!«, zischte Harry,
während Professor Flitwick mit einem Ausdruck stummen Leidens auf
dem Gesicht an ihnen vorbeischwebte un d auf einem großen Schrank
landete. »Ich will dir doch nur diese Geschichte von Snape und Moody
erzählen ...«
Dieser Unterricht bot die beste Deckung für ein vertrauliches Gespräch,
da all ihre Mitschüler viel zu viel Spaß hatten, um groß auf die drei zu
achten. Harry erzählte nun schon seit einer halben Stunde in geflüsterten
Fortsetzungen von seinen Abenteuern in der vorigen Nacht.
»Snape sagte, auch Moody hätte sein Büro durchsucht?«, wisperte Ron,
die Augen vor Neugier flackernd, während er gleichzeitig mit einem
Schwung des Zauberstabs ein Kissen fortjagte (es sauste durch die Luft
und schlug Parvati den Hut vom Kopf). »Was glaubst du ... ist Moody
hier in der Schule, um nicht nur Karkaroff, sondern auch Snape im Auge
zu behalten?«
»Keine Ahnung, ob Dum bledore ihn darum gebeten hat, auf jeden Fall
tut er genau das«, sagte Harry und wedelte achtlos mit dem Zauberstab,
woraufhin sein Kissen eine verkorkste Bauchlandung auf dem Boden
hinlegte. »Moody meinte, Dumbledore behalte Snape nur hier, weil er

ihm eine zweite Chance oder so was geben will ...«
»Was?«, sagte Ron und riss die Augen auf. Sein nächstes Kissen trudelte
hoch in die Luft, prallte gegen den Kronleuchter und schlug klatschend
auf Professor Flitwicks Tisch auf. »Harry ... vielleicht glaubt Mood y,
Snape habe deinen Namen in den Feuerkelch geworfen!«
»Ach, Ron«, sagte Hermine und schüttelte ungläubig den Kopf. »Wir
haben schon einmal gedacht, Snape wolle Harry umbringen, und dann
stellte sich raus, dass er ihm das Leben gerettet hat, weißt du noch ?«
Sie verscheuchte ein Kissen, es flog quer durchs Zimmer und landete in
der Kiste, genau da, wo es sollte. Harry sah Hermine nachdenklich an ...
es stimmte, Snape hatte ihm einmal das Leben gerettet, doch das
Merkwürdige war, dass Snape ihn entschieden h asste, genauso, wie er
Harrys Vater gehasst hatte, als sie zusammen auf der Schule waren.
Snape bereitete es Genuss, Harry Punkte abzuziehen, und er ließ gewiss
nie eine Gelegenheit aus, ihm Strafen zu verpassen oder sogar
vorzuschlagen, er solle von der S chule verwiesen werden.
»Mir ist egal, was Moody sagt«, fuhr Hermine fort, »Dumbledore ist
nicht dumm. Er hatte Recht, Hagrid und Professor Lupin zu vertrauen,
auch wenn eine Menge Leute ihnen keine Arbeit gegeben hätten. Warum
sollte er sich dann in Snape täuschen, selbst wenn Snape ein wenig – «
» – bösartig ist«, ergänzte Ron schlagartig. »Nun hör mal, Hermine,
warum sollte dann ein Schwarzmagierfänger sein Büro durchsuchen?«
»Warum hat Mr Crouch so getan, als sei er krank?«, fragte Hermine,
ohne auf Ron e inzugehen. »Schon ein wenig komisch, oder, dass er es
nicht schafft, zum Weihnachtsball zu kommen, aber mitten in der Nacht
hier rumschleichen kann, wie es ihm passt?«
»Du kannst Crouch einfach nicht leiden, und zwar wegen dieser Winky,
seiner Elfe«, sagte Ron und ließ ein Kissen gegen das Fenster klatschen.
»Und du hast dir in den Kopf gesetzt, dass Snape irgendwas ausheckt«,
sagte Hermine und ließ ihr Kissen tadellos in die Kiste fliegen.
»Ich will nur wissen, was Snape mit seiner ersten Chance angefangen
hat, wenn das jetzt seine zweite ist«, sagte Harry grimmig, und zu seiner
größten Überraschung flog sein Kissen schnurgerade durchs Zimmer und
landete auf dem Hermines Harry folgte dem Wunsch von Sirius, über
alle merkwürdi- gen Geschehnisse in Hogwarts un terrichtet zu werden,
und schickte ihm noch in dieser Nach einen Brief per Waldkauz, in dem

er ihm alles über Mr Crouchs Einbruch in Snapes Büro und Moodys und
Snapes Zusammenstoß be-richtete. Dann wandte er seine
Aufmerksamkeit ernsthaft dem dringendsten Problem zu, vor dem er
stand. Wie sollte er am vierundzwanzigsten Februar eine Stunde lang
unter Wasser bleiben?
Ron gefiel die Idee ganz gut, noch einmal den Aufrufezauber zu
benutzen – Harry hatte ihm erklärt, dass es in der Muggelwelt
Atmungsgeräte gab, und Ron wollte partout nicht einsehen, warum
Harry nicht ein solches Gerät aus der nächsten Muggelstadt zu sich rufen
sollte. Hermine machte diesen Plan zunichte, indem sie verkündete, dass
Harry wohl kaum innerhalb der gesetzten Zeit von einer Stunde ler nen
würde, mit einer Taucherlunge umzugehen, und selbst dann würde er
sofort disqualifiziert, weil er den Internationalen Kodex zur
Geheimhaltung der Magie gebrochen hätte. Es war einfach unsinnig zu
hoffen, dass kein Muggel eine Taucherlunge bemerken würde, die über
das Land auf Hogwarts zuflog.
»Die beste Lösung wäre natürlich, wenn du dich in ein UBoot oder so
was verwandeln könntest«, sagte sie. »Wenn wir nur schon Verwandlung
für Menschen gehabt hätten! Aber ich glaub nicht, dass wir vor der
sechsten Klasse damit anfangen, und es kann ganz übel ausgehen, wenn
du nicht genau weißt, was du tust ...«
»Allerdings, ich hab keine Lust, mit einem Sehrohr im Kopf durch die
Gegend zu laufen«, sagte Harry. »Vielleicht sollte ich einfach jemanden
direkt vor Moodys Augen angreifen, dann erledigt er es sicher für mich
...«
»Er lässt dich nicht selbst wählen, in was er dich verwandelt«,
entgegnete Hermine nüchtern. »Nein, ich denke, die beste Möglichkeit
wäre irgendein Zauber.«
Und so vergrub Harry sich abermals in de r Bibliothek, auf der Suche
nach einem Zauber, der ihm helfen würde, ohne Sauerstoff zu überleben,
auch wenn er allmählich das Gefühl hatte, für den Rest seines Lebens
von den staubigen Bänden genug zu haben. Doch obwohl die drei ihre
Mittagspausen, die Ab ende und die Wochenenden mit der Suche
verbrachten – und obwohl Harry Professor McGonagall um eine
Bescheinigung bat, damit er auch die Verbotene Abteilung benutzen
durfte, und sogar die reizbare, geierartige Bibliothekarin Madam Pince

um Hilfe fragte -, s ie fanden trotz allem nichts, was es Harry ermöglicht
hätte, eine Stunde unter Wasser zu verbringen und danach seine
Geschichte auch noch erzählen zu können.
Anflüge von Panik, wie Harry sie schon kannte, begannen ihn nun
wieder zu quälen, und wieder einmal fiel es ihm schwer, im Unterricht
seine Gedanken beisammenzuhalten. Der See, der für Harry immer wie
selbstverständlich zum Schlossgelände gehört hatte, zog fortwährend
seinen Blick an, wenn er in der Nähe eines Klassenzimmerfensters saß,
diese große, eisengraue Masse kalten Wassers, dessen dunkle und eisige
Tiefen ihm allmählich so fern schienen wie der Mond.
Genau wie damals, bevor er es mit dem Hornschwanz aufnehmen
musste, glitt die Zeit davon, als ob jemand die Uhren verhext hätte und
sie jetzt beson ders schnell liefen. Noch eine Woche war es bis zum
vierundzwanzigsten Februar (also immer noch Zeit) ... dann waren es
fünf Tage (wurde nun allmählich Zeit, dass er etwas fand) ... noch drei
Tage (bitte lass mich was finden ... bitte).
Noch zwei Tage, und Harry verlor wieder einmal den Appetit. Das
einzig Gute beim Frühstück am Montag war die Rückkehr des
Waldkauzes, den er Sirius geschickt hatte. Er nahm ihm das Pergament
vom Bein, glättete es und hatte den kürzesten Brief vor Augen, den
Sirius ihm je ges chrieben hatte. Schick mir das Datum des nächsten
Hogsmeade -Wochenendes eulenwendend zurück. Harry drehte das
Pergament um, denn vielleicht stand ja etwas auf der Rückseite, doch sie
war leer.
»Übernächstes Wochenende«, flüsterte Hermine, die über Harrys
Schulter mitgelesen hatte. »Hier, nimm meine Feder und schick die Eule
sofort zurück.«
Harry kritzelte das Datum auf die Rückseite von Sirius' Brief, band ihn
wieder an das Bein des Waldkauzes und sah zu, wie der Vogel zum
Rückflug ansetzte. Was hatte er er wartet? Einen Ratschlag, wie er unter
Wasser überleben konnte? Er war so erpicht darauf gewesen, Sirius alles
über Snape und Moody zu erzählen, dass er völlig vergessen hatte, das
Eierrätsel zu erwähnen.
»Weshalb will er denn wissen, wann wir das nächste M al in Hogsmeade
sind?«, fragte Ron.
»Keine Ahnung«, sagte Harry dumpf. Das kurze Glücksgefühl

angesichts des Waldkauzes war schon wieder verflogen. »Beeil dich ...
wir haben Pflege magischer Geschöpfe.«
Ob Hagrid sie nun für die Knallrümpfigen Kröter entschädigen wollte,
oder weil nur noch zwei davon übrig waren, oder weil er beweisen
wollte, dass er alles konnte, was Professor Raue- Pritsche konnte – Harry
wusste es nicht, doch seit Hagrid wieder arbeitete, hatte er den Unterricht
über Einhörner fortgesetzt. Es stellte sich heraus, dass Hagrid
genausoviel über Einhörner wusste wie über Monster, aber es war klar,
dass ihn die Einhörner ein wenig enttäuschten, da sie ja keine Giftzähne
hatten.
Er hatte es geschafft, zwei Einhorn -Fohlen zu fangen. Im Gegensatz zu
ausgewachsenen Einhörnern waren sie von Kopf bis Schwanz von reiner
goldener Farbe. Parvati und Lavender waren ganz hingerissen von
diesem Anblick, und selbst Pansy Parkinson hatte Mühe zu verbergen,
wie sehr sie die Tiere mochte.
»Leichter zu erkennen als die Alten«, erklärte Hagrid der Klasse. »Sie
wer'n silbern, wenn sie etwa zwei Jahre alt sind, und mit vier Jahren
wächst ihnen das Horn. Erst wenn sie ausgewachsen sind, mit etwa
sieben, wer'n sie ganz weiß. Als Babys sind sie 'n wenig zutraulicher .. .
haben nicht so viel gegen Jungs ... nur zu, ein wenig näher ran, ihr könnt
sie streicheln, wenn ihr wollt ... gebt ihnen 'n paar von diesen
Zuckerstückchen ... Alles in Ordnung mit dir?«, murmelte Hagrid und
zog Harry ein wenig beiseite, während die meis ten anderen um die
Baby -Einhörner herumschwärmten.
»Jaah«, sagte Harry.
»Bloß 'n bisschen nervös, nich?«, sagte Hagrid. »Bisschen«, murmelte
Harry.
»Harry«, sagte Hagrid und gab ihm mit seiner massigen Hand einen
solchen Klaps auf die Schulter, dass Harrys Knie unter der Wucht
einknickten, »ich hab mir ja Sorgen gemacht, bevor ich gesehn hab, wie
du's mit diesem Hornschwanz aufgenommen hast, aber jetzt weiß ich, du
schaffst alles, was du dir inn Kopf setzt. Ich mach mir jedenfalls keine
Gedanken mehr drüber . Du kriegst das schon hin. Dein Rätsel hast du
doch schon gelöst, nich?«
Harry nickte, doch noch während er dies tat, überkam ihn ein verrückter
Drang zu gestehen, dass er keine Ahnung hatte, wie er eine Stunde lang

am Grund des Sees überleben sollte. Er sah zu Hagrid auf – vielleicht
hatte er schon ein paar Mal in den See steigen müssen, weil er sich um
dessen Geschöpfe kümmern musste? Schließlich pflegte er auch alle
anderen Wesen der Ländereien –
»Du gewinnst«, knurrte Hagrid und klatschte erneut mit so lcher Wucht
auf Harrys Schulter, dass er buchstäblich ein paar Zentimeter in den
sumpfigen Boden sank. »Das weiß ich. Hab ich im Gespür. Du gewinnst,
Harry.«
Harry brachte es einfach nicht über sich, das glückliche, zuversichtliche
Lächeln auf Hagrids Gesicht zu Eis gefrieren zu lassen. Er zwang sich
ebenfalls zu einem Lächeln, trat scheinbar ganz interessiert zu den
jungen Einhörnern und begann, seinen Mitschülern gleich, sie zu
streicheln. Am Abend vor der zweiten Aufgabe fühlte sich Harry in
einem Alptraum gefangen. Selbst wenn er wie durch ein Wunder einen
brauchbaren Zauber fand, so war ihm doch vollkommen klar, dass es
ungeheuer schwer sein würde, ihn über Nacht noch zu erlernen. Wie
hatte er es so weit kommen lassen können? Warum hatte er sich nicht
f rüher an das Eierrätsel gesetzt? Wieso war er im Unterricht so oft mit
den Gedanken woanders gewesen – was, wenn ein Lehrer einmal
zufällig erwähnt hätte, wie man unter Wasser atmen konnte?
Während draußen die Sonne unterging, saßen Harry, Ron und Hermine
in der Bibliothek, voreinander durch mächtige Stapel Zauberbücher
verborgen, und blätterten fieberhaft Seite um Seite um. Harry zuckte
jedes Mal heftig zusammen, wenn er das Wort »Wasser« auf einer
Buchseite sah, doch meist hieß es da nur: »Man nehme einen Liter
Wasser, ein halbes Pfund geschnittene Alraunenblätter und einen Molch
...«
»Ich glaub, es geht einfach nicht«, hörte er Rons matte Stimme von der
anderen Seite des Tisches her. »Nichts zu finden. Nichts. Was am
ehesten noch ginge, wäre dieser Dreh, um Pfützen und Tümpel
auszutrocknen, dieser Dürrezauber, aber der ist nie und nimmer mächtig
genug, um diesen See trocken zu legen.«
»Es muss doch etwas geben«, murmelte Hermine und zog eine Kerze
näher zu sich heran. Das Brüten über Alte und vergessene Hexereien und
Zaubereien in dieser winzigen Schrift hatte ihre Augen so ermüdet, dass
sie mit der Nasenspitze fast die Seiten berührte. »Sie würden doch nie

eine Aufgabe stellen, die nicht zu lösen ist.«
»Haben sie aber«, sagte Ron. »Harry, du gehst morgen e infach runter
zum See, steckst deinen Kopf ins Wasser und rufst nach den
Wassermenschen, sie sollen dir bitteschön das zurückgeben, was sie dir
gestohlen haben, und einfach rauswerfen. Mehr kannst du schlicht nicht
machen, Alter.«
»Es gibt eine Möglichkeit!«, sagte Hermine. »Es muss doch eine geben!«
Dass sich in der Bibliothek nichts Brauchbares finden ließ, schien sie als
persönliche Beleidigung aufzufassen; nie zuvor hatten sie die Bücher im
Stich gelassen.
»Ich weiß, was ich hätte tun sollen«, sagte Har ry, der die Wange auf
Scharfe Tricks für scharfe Typen gelegt hatte. »Ich hätte mich zum
Animagus ausbilden lassen sollen, so wie Sirius.«
»Genau, dann hättest du dich jederzeit in einen Goldfisch verwandeln
können!«, sagte Ron.
»Oder einen Frosch«, gähnte Harry. Er war erschöpft.
»Es dauert Jahre, bis man ein Animagus wird, und dann musst du dich
auch noch anmelden und so weiter«, sagte Hermine unwirsch. Sie hatte
in/wischen das Stichwortverzeichnis von Tausend knifflige Zauberrätsel
überflogen. »Wisst ihr das nicht mehr, Professor McGonagall hat es uns
doch gesagt ... du musst dich dann beim Amt gegen den Missbrauch der
Magie eintragen lassen ... welches Tier du werden willst, und deine
besonderen Kennzeichen, damit du keinen Unsinn anstellst ...«
»War doc h nur 'n Witz, Hermine«, sagte Harry müde. »Ich weiß, ich
habe keine Chance, mich bis morgen Abend in einen Frosch zu
verwandeln ...«
»Ach, das bringt doch überhaupt nichts«, sagte Hermine und klappte
Tausend knifflige Zauberrätsel zu. »Wer um Himmels willen möchte
schon, dass seine Nasenhaare als Ringellöckchen wachsen?«
»Fand ich nicht schlecht«, ertönte Fred Weasleys Stimme. »Könnte man
mal drüber reden, oder?«
Harry, Ron und Hermine sahen auf. Fred und George waren gerade
hinter einem Bücherregal hervor getreten.
»Was treibt ihr zwei denn hier?«, fragte Ron.
»Wir suchen euch«, sagte George. »McGonagall will dich sprechen,
Ron. Und dich auch, Hermine.«

»Warum?«, fragte Hermine verdutzt.
»Keine Ahnung ... jedenfalls sah sie ziemlich angespannt aus« , sagte
Fred.
»Wir sollen euch zu ihr ins Büro runterbringen«, sagte George.
Ron und Hermine starrten Harry an, dem sich der Magen zusammenzog.
Wollte Professor McGonagall den beiden eine Strafpredigt halten?
Vielleicht war ihr aufgefallen, wie viel sie ih m halfen, wo er doch allein
herausfinden sollte, wie die Aufgabe zu lösen war?
»Wir treffen uns dann im Gemeinschaftsraum«, sagte Hermine und
erhob sich zusammen mit Ron – beide schienen ziemlich beunruhigt.
»Und bring möglichst viele von diesen Büchern mi t, ja?«
»Gut«, sagte Harry bedrückt.
Um Punkt acht löschte Madam Pince alle Lampen und scheuchte Harry
aus der Bibliothek. Er nahm so viele Bücher mit, wie er tragen konnte,
und schwankte mit seiner Last zurück in den Gemeinschaftsraum der
Gryffindors, wo er sich einen Tisch beiseite zog und seine Suche
fortsetzte. In Magische Mätzchen für tumbe Zauberer war nichts ... und
auch nicht im Führer durch die mittelalterliche Hexenkunst ... nicht ein
Wort über Unterwasserausflüge in Eine Anthologie der Zauberei d es
achtzehnten Jahrhunderts oder in Grausige Wesen der Tiefe und auch
nicht in Kräfte Ihres Innern, von denen Sie nie wussten, und was Sie jetzt
damit anfangen.
Krummbein krabbelte auf Harrys Schoß und kuschelte sich sonor
schnurrend darin ein. Allmählich wurde es um Harry herum leer.
Manche wünschten ihm viel Glück für den nächsten Morgen und
klangen dabei so fröhlich und zuversichtlich wie Hagrid. Offenbar waren
sie alle überzeugt, er würde, wie schon bei der ersten Aufgabe, erneut
einen verblüffenden Auf tritt hinlegen. Harry konnte ihnen nicht
antworten, er hatte das Gefühl, ein Golfball stecke ihm in der Kehle, und
so nickte er nur. Er hatte alle mitgebrachten Bücher durchstöbert und
Ron und Hermine waren noch immer nicht zurück. Es ist aus, sagte er
sich. Du schaffst es nicht. Du musst eben morgen früh runter zum See
und es den Richtern ganz klar sagen ...
Er sah sich schon gestehen, dass er die Aufgabe nicht lösen konnte. Er
stellte sich Bagmans rundäugige Überraschung vor, Karkaroffs
zufriedenes, gelbzähniges Lächeln. Er hörte beinahe schon, wie Fleur

Delacour sagte: »Isch 'ab es gewusst, er ist doch nur ein kleiner Junge.«
Er sah Malfoy mit seinem POTTER STINKT-Anstecker vor dem
Publikum herumtänzeln, sah Hagrids enttäuschtes, ungläubiges Gesicht
...
Harry stand urplötzlich auf, und da er ganz vergessen hatte, dass
Krummbein auf seinem Schoß lag, landete der Kater auf dem Boden. Er
fauchte zornig, versetzte Harry einen angewiderten Blick und stolzierte
mit hoch aufgerichtetem Flaschenbürstenschwanz davo n. Doch Harry
stürmte bereits die Wendeltreppe zum Schlafsaal hoch ... er wollte sich
den Tarnurnhang schnappen und in die Bibliothek zurückkehren, und
dort würde er die ganze Nacht bleiben, wenn es sein musste ...
»Lumos«, flüsterte Harry fünfzehn Minuten später, als er die Tür zur
Bibliothek öffnete.
Mit leuchtender Zauberstabspitze schlich er an den Regalen entlang und
zog Bücher heraus – noch mehr Bücher über Hexerei und Zauberei,
Bücher über Wassermenschen und Wassermonster, Bücher über
berühmte Hexen und Zauberer, über magische Erfindungen, Bücher über
einfach alles, in denen vielleicht auch nur beiläufig erwähnt war, wie
man unter Wasser überleben konnte. Er trug den Stapel hinüber zu einem
Tisch und machte sich an die Arbeit. Im schmalen Lichtstrahl seines
Zauberstabs blätterte er Seite um Seite um, hin und wieder sah er auf die
Uhr ...
Ein Uhr ... zwei Uhr ... um sich anzuspornen, blieb ihm nur, sich selbst
einzureden: Im nächsten Buch ... im nächsten ... im nächsten ... Die Nixe
auf dem Gemälde im B adezimmer der Vertrauensschüler lachte und
lachte. Harry trieb wie ein Korken auf dem schaumigen Wasser um ihren
Fels, während sie den Feuerblitz über seinem Kopf ausgestreckt hielt.
»Komm und hol ihn dir!«, giggelte sie hämisch. »Los, spring schon!«
»Ich kann nicht«, keuchte Harry, schnappte nach dem Feuerblitz und
strampelte verzweifelt, um nicht unterzugehen. »Gib ihn her!«
Doch sie stieß ihm nur die Besenspitze schmerzhaft in die Seite und
lachte ihn aus.
»Das tut weh – lass das sein – autsch –«
»Harry Potter muss aufwachen, Sir!«
»Hör auf mich zu stupsen – «
»Dobby muss Harry Potter stupsen, Sir, er muss aufwachen!«

Harry öffnete die Augen. Er war immer noch in der Bibliothek; der
Tarnurnhang war ihm im Schlaf vom Kopf gerutscht und er lag mit der
Wange auf dem Großen Selbsthilfebuch für Zauberer. Er setzte sich auf,
rückte seine Brille zurecht und blinzelte ins helle Tageslicht.
»Harry Potter muss sich beeilen!«, quiekte Dobby. »Die zweite Runde
beginnt in zehn Minuten, und Harry Potter – « »Zehn Minuten?«,
krächzte Harry. »Zehn – zehn Minuten?«
Er blickte auf seine Uhr. Dobby hatte Recht. Es war zwanzig nach neun.
Ein großes schweres Gewicht schien ihm durch die Brust in den Magen
zu fallen.
»Beeilung, Harry Potter!«, quiekte Dobby und zupfte ihn am Ärmel.
»Sie sollten längst unten am See bei den anderen Champions sein, Sir!«
»Es ist zu spät, Dobby«, sagte Harry mit hoffnungsloser Stimme. »Ich
werde nicht antreten, ich weiß nicht, wie – «
»Harry Potter wird diese Aufgabe lösen!«, quiekte der Elf. »Dobby
wus ste, dass Harry nicht das richtige Buch gefunden hat, also hat Dobby
es für ihn getan!«
»Was?«, sagte Harry. »Aber du weißt doch gar nicht, was in der zweiten
Aufgabe drankommt – «
»Dobby weiß es sehr wohl, Sir! Harry Potter muss in den See hinein und
seinen Wheezy finden – « »Meinen was finden?«
» – und seinen Wheezy von den Wassermenschen zurückholen!«
»Was ist ein Wheezy?«
»Ihren Wheezy, Sir, Ihren Wheezy – Wheezy, der Dobby seinen Pulli
geschenkt hat!«
Dobby zupfte an dem geschrumpften kastanienbra unen Pulli, den er jetzt
über seinen Shorts trug.
»Was?«, keuchte Harry. »Sie haben ... sie haben Ron?«
»Das, was Harry Potter am meisten vermissen wird, Sir!«, quiekte
Dobby. »Und nach einer Stunde – «
»» - fehlt dir das Glück««, zitierte Harry und sah den Elfen an, »» zu
spät, 's ist fort und kommt nicht zurück.« Dobby – was muss ich tun?«
»Sie müssen essen, Sir!«, quiekte der Elf, steckte die Hand in die Tasche
seiner Shorts und zog etwas heraus, das aussah wie eine Kugel aus
schmierigen, graugrünen Rattenschwänzen. »Kurz bevor Sie in den See
gehen, Sir – Dianthuskraut!«

»Was bewirkt das?«, fragte Harry und starrte die Krautkugel an.
»Es macht, dass Harry Potter unter Wasser atmen kann, Sir!«
»Dobby«, sagte Harry aufgebracht, »hör zu – bist du dir sicher?«
Er konnte nicht ganz vergessen, dass er das letzte Mal, als Dobby
versucht hatte, ihm zu »helfen«, am Ende ohne Knochen in seinem
rechten Arm im Krankenflügel gelandet war.
»Dobby ist sich ganz, ganz sicher, Sir!«, sagte der Elf mit ernster Miene.
»Dobby hört dies und das, Sir, er ist ein Hauself, er geht im ganzen
Schloss herum und macht Feuer und wischt die Böden, Dobby hat
Professor McGonagall und Professor Moody im Lehrerzimmer gehört,
wie sie über die nächste Aufgabe gesprochen haben ... Dobby kann ni cht
zulassen, dass Harry Potter seinen Wheezy verliert!«
Harrys Zweifel schwanden. Er sprang auf und riss sich den Tarnurnhang
herunter, stopfte ihn in seine Schultasche, packte die
Dianthuskraut- Kugel und steckte sie in seinen Umhang, dann hetzte er
mit D obby auf den Fersen aus der Bibliothek.
»Dobby muss zurück in die Küche, Sir!«, quiekte Dobby, als sie in den
Korridor stürzten. »Man wird Dobby vermissen – viel Glück, Harry
Potter, Sir, viel Glück!«
»Bis später dann, Dobby!«, rief Harry, sprintete den Ko rridor entlang
und nahm drei Stufen auf einmal die Treppen hinunter.
In der Eingangshalle traf er auf ein paar Nachzügler aus der Großen
Halle, die durch das Eichenportal hinausgingen, um sich die zweite
Runde anzusehen. Mit aufgerissenen Augen sahen sie H arry
vorbeiflitzen, die steinerne Treppe hinunterrasen und, beinahe Colin und
Dennis Creevey umrempelnd, hinaus aufs Gelände und in den sonnigen,
kalten Tag spurten. Während er den grasbewachsenen Abhang
hinunterjagte, sah er, dass die Tribünen, die im Nov ember das
Drachengehege umgeben hatten, am anderen Ufer aufgebaut waren und
sich im See darunter spiegelten; eine Sitzreihe über der anderen war bis
auf den letzten Platz besetzt. Das aufgeregte Geschnatter und Getuschel
der Menge hallte als merkwürdiges S ummen über das Wasser, während
Harry, inzwischen völlig außer Atem, am Ufer entlang auf die Richter
zurannte, die wieder an einem golddrapierten Tisch direkt am Wasser
saßen. Cedric, Fleur und Krum standen neben dem Richtertisch und
sahen ihm entgegen.

»Ich ... ich bin ... da ...«, keuchte Harry, bremste schlitternd ab und
bespritzte Fleur versehentlich mit Uferschlamm.
»Wo hast du gesteckt?«, sagte eine herrische, missbilligende Stimme.
»Wir haben schon gewartet!«
Harry wandte sich um. Percy Weasley saß am Richtertisch – Mr Crouch
war wieder einmal nicht erschienen.
»Schon gut, Percy!«, sagte Ludo Bagman, der ungeheuer erleichtert
schien, Harry zu sehen. »Lassen Sie ihn doch erst mal Luft holen!«
Dumbledore lächelte Harry zu, doch Karkaroff und Madame Maxim e
schienen keineswegs erfreut, ihn zu sehen nach ihren Mienen zu
schließen hatten sie offenbar geglaubt, er würde nicht mehr auftauchen.
Harry stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft; er hatte solches
Seitenstechen, dass es ihm vorkam, als hätte er ein Messer zwischen den
Rippen. Aber er hatte nicht die Zeit, es ausklingen zu lassen; Ludo
Bagman trat nun zwischen die Champions und stellte sie in drei Meter
Abstand am Ufer entlang auf. Harry stand ganz am Ende der Reihe,
neben Krum, der eine Badeho se trug und seinen Zauberstab bereithielt.
»Alles klar, Harry?«, wisperte Bagman und zog Harry ein paar Schritte
weiter von Krum fort. »Du weißt, wie du es anstellst?«
»Ja«, keuchte Harry und massierte sich die Rippen.
Bagman kniff ihm kurz in die Schulter und kehrte zum Richtertisch
zurück; er richtete den Zauberstab, wie schon bei der Weltmeisterschaft,
auf seine Kehle, sagte »Sonorus!« und ließ seine Stimme über das
Wasser hinüber zu den Tribünen dröhnen.
»Es ist so weit, unsere Champions sind bereit für die nächste Aufgabe,
die auf meinen Pfiff hin beginnt. Sie haben genau eine Stunde, um das
zurückzuholen, was ihnen genommen wurde. Ich zähle also bis drei. Eins
... zwei ... drei!«
Der Pfiff hallte in der kalten, windstillen Luft schrill wider; auf den
T ribünen brach Jubel und Beifall los; ohne sich darum zu kümmern, was
die anderen Champions taten, zog Harry Schuhe und Socken aus, zog die
Hand voll Dianthuskraut aus der Tasche, stopfte sich die Kugel in den
Mund und watete hinaus in den See.
Das Wasser war so kalt, dass die Haut auf seinen Beinen brannte, als
würde er durch ein Feuer und nicht durch eisiges Wasser gehen. Sein
durchweichter Umhang hing ihm immer schwerer von den Schultern,

während er tiefer hineinwatete. Das Wasser stand ihm über den Knien
und seine rasch ertaubenden Füße rutschten über Schlick und flache,
glitschige Steine. Er kaute das Dianthuskraut, so kraftvoll und schnell er
konnte; es fühlte sich unangenehm schleimig und gummiartig an wie die
Greifarme eines Tintenfischs. Hüfthoch im eisigen Wasser hielt er inne,
schluckte und wartete darauf, dass etwas passierte.
Er konnte Gelächter aus dem Publikum hören und wusste, dass er
bescheuert aussehen musste, wie er da im See herumtapste ohne auch nur
ein Anzeichen für magische Kräfte. Was n och trocken an ihm war, war
Gänsehaut, und bis zur Brust im kalten Wasser stehend blies nun auch
noch eine grausame Brise durch sein Haar, und es begann ihn vor Kälte
heftig zu schütteln. Er mied den Blick hinüber zu den Tribünen; das
Gelächter wurde lauter und die Slytherins begannen zu buhen und zu
höhnen ...
Dann, ganz plötzlich, fühlte sich Harry, als würde ihm ein unsichtbares
Kissen auf Mund und Nase gedrückt. Er versuchte Luft zu holen, doch es
drehte sich alles in seinem Kopf; seine Lungen waren leer und er spürte
plötzlich einen stechenden Schmerz zu beiden Seiten seines Halses –
Harry klammerte die Hände um den Hals und spürte zwei große, gelippte
Schlitze gleich unter den Ohren, die in der kalten Luft flatterten ... er
hatte Kiemen. Ohne weiter nachzudenken, tat er das Einzige, was Sinn
hatte – er warf sich bäuchlings ins Wasser.
Der erste Zug eisigen Wassers kam ihm vor wie das lebensrettende
Atemholen. Der Wirbel in seinem Kopf legte sich; er nahm einen
weiteren kräftigen Zug Wasser und spürte, wie es sanft durch seine
Kiemen floss und Sauerstoff in sein Gehirn schickte. Er streckte die
Hände vor sich aus und betrachtete sie. Unter Wasser wirkten sie
gespenstisch grün und zwischen den Fingern hatten sich
Schwimmhäutchen gebildet. Er neigte den Kopf nach unten und musterte
seine nackten Füße – sie waren länger geworden, und auch zwischen
seinen Zehen waren nun Schwimmhäutchen; es sah aus, als wären ihm
Flossen gewachsen.
Das Wasser schien ihm nun auch nicht mehr eisig ... im Gegenteil, er
fühlte sich angenehm, kühl und sehr leicht. Harry machte noch einen
Schwimmzug und freute sich, wie schnell und weit seine Flossenfüße ihn
durchs Wasser trieben, freute sich, wie klar er jetzt sehen konnte und

dass er nicht mehr zu blinzeln brauchte. Bald war er so weit in den See
hineingeschwommen, dass er den Grund nicht mehr sehen konnte. Er
senkte den Kopf und stieß sich hinunter in die Tiefen.
Stille drückte auf seine Ohren, während er über eine fremde, dunkle,
neblige Landschaft schwebte. Er hatte nur drei Meter Sicht, und während
er rasch durchs Wasser glitt, tauchten plötzlich immer neue Landschaften
aus der Dunkelheit auf: Wälder aus wimmelndem schwarzem Tang,
weite, mit matt schimmernden Steinen übersäte Schlickebenen. Tiefer
hinunter schwamm er, und weit hinaus in die Mitte des Sees, mit
aufgerissenen Augen durch das schauerlich graue Licht starrend, auf die
Schatten um ihn her, die er nicht durchdringen konnte.
Kleine Fische flitzten an ihm vorbei wie Silberpfeile. Das eine oder
andere Mal glaubte er etwas Großes vor sich zu erkennen, doch wenn er
näher kam, entdeckte er, dass es nur ein dicker, geschwärzter
Baumstamm war oder ein dichtes Tanggeflecht. Von den anderen
Champions, von Wassermenschen, von Ron war keine Spur zu
entdecken – und glücklicherweise auch nicht von dem Riesenkraken.
Hellgrüner Tang erstreckte sich vor ihm, so weit sein Blick reichte,
meterhoch, wie eine wild verwucherte Wiese. Harry spähte ohne zu
blinzeln in die Tiefen und versuchte in dem düsteren Licht Ges talten zu
erkennen ... und dann, ohne Vorwarnung, packte ihn etwas am Knöchel.
Harry wirbelte herum und sah einen Grindeloh, einen kleinen, gehörnten
Wasserdämon, den Kopf aus dem Tang strecken, die langen Finger fest
um Harrys Bein geklammert und die spitzen Vorderzähne gebleckt –
rasch steckte Harry seine mit Schwimmhäutchen bewachsene Hand in
die Tasche und tastete nach seinem Zauberstab – aber bis er ihn in den
Fingern hatte, waren zwei weitere Grindelohs aus dem Tang aufgetaucht,
hatten sich an seinem Umhang festgeklammert und versuchten ihn in die
Tiefe zu ziehen.
»Relaschio!«, rief Harry, doch kein Laut kam aus seinem Mund ... nur
eine große Blase, und sein Zauberstab schoss auch keinen Funkenstrom
gegen die Grindelohs, sondern einen Strahl offenbar k ochend heißen
Wassers, denn da, wo er sie traf, flammten rote Flecken auf ihrer grünen
Haut auf. Harry entwand sein Bein dem Griff der Grindelohs und
schwamm, so schnell er konnte, davon; hin und wieder jagte er einen
weiteren heißen Wasserstrahl blindling s über die Schultern, denn ihm

war, als ob ein Grindeloh noch immer nach seinem Fuß schnappte. Dann
stieß er heftig nach hinten aus, und endlich spürte er, wie sein Fuß einen
gehörnten Schädel traf, und als er einen Blick zurückwarf, sah er den
benommenen Grindeloh mit schielendem Blick davontrei- ben, während
seine Mitdämonen wütend die Faust gegen ihn reckten und sich in ihren
Tang zurücksinken ließen.
Harry ging es nun ein wenig langsamer an, steckte den Zauberstab in den
Umhang und blickte lauschend umhe r, während er einen großen Kreis im
Wasser schwamm. Die Stille lastete nun noch schwerer auf seinen
Trommelfellen. Er wusste, dass er tief unten im See sein musste, doch
nichts außer dem wimmelnden Tang bewegte sich. »Wie kommst du so
voran?«
Harry war ein em Herzanfall nahe. Er wirbelte herum und sah die
Maulende Myrte im nebligen Licht vor sich schwimmen und ihn durch
ihre dicke Perlmuttbrille anstarren.
»Myrte!«, versuchte Harry zu rufen, doch wiederum kam nichts als eine
große Blase aus seinem Mund. Doch der Maulenden Myrte gelang es zu
kichern.
»Vielleicht probierst du es mal dort drüben!«, sagte sie und deutete ins
Trübe. »Ich komm nicht mit ... ich mag sie nicht besonders, sie jagen
mich immer, wenn ich ihnen zu nahe komme ...«
Harry bedankte sich mit nach oben gerecktem Daumen und schwamm
erneut los, darauf bedacht, etwas höher über dem Tang zu bleiben, um
den Grindelohs, die vielleicht noch auf ihn lauerten, zu entgehen.
Er schwamm, wie es ihm vorkam, mindestens zwanzig Minuten lang.
Weite Ebenen schwarzen Schlamms, von seinen Flossen trüb
aufgewirbelt, zogen unter ihm hinweg. Dann endlich hörte er einen
Fetzenjenes Wassermenschenliedes, das er nicht mehr vergessen würde:
»In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden ...«
Nach ein paar raschen Zügen sah Harry vor sich einen großen Fels aus
dem trüben Wasser auftauchen. Auf den Stein waren Wassermenschen
gemalt; sie trugen Speere und waren offenbar auf der Jagd nach
Riesenkraken. Harry schwamm weiter, am Fels vorbei, und folgte dem
Wassermenschenlied.
»... die Zeit ist halb um, so zaudre nicht, sonst sieht, was du suchst, nie

mehr das Licht.«
Aus der Dunkelheit ragten plötzlich einige primitive und mit Algen
bewachsene steinerne Behausungen ins trübe Licht. Durch die dunklen
Fenster sah Harry hie und da ein paar Gesichter ... Gesichter, die nicht
entfernt der Nixe auf jenem Badezimmergemälde ähnelten ...
Die Wassermenschen hatten gräuliche Haut und langes, wildes,
dunkelgrünes Haar. Ihre Augen waren gelb, wie ihre splittrigen Zähne,
und sie trugen dicke Perlenschnüre um den Hals. Mit scheelen Blicken
verfolgten sie grinsend, wie Harry vorbeischwamm; einige wenige
kamen aus ihren Höhlen, um ihn besser betrachten zu können; sie trugen
Speere in den Händen und durchpeitschten das Wasser mit ihren
kräftigen silbernen Schwanzflossen.
Harry schwamm rasch weiter, spähte umher und sah bald noch weitere
Behausungen auftauchen; um. manche davon waren Tanggärten
angelegt, und vor einer Tür, an einem Pfahl angeleint, sah er sogar einen
Hausgr indeloh. Von allen Seiten erschienen jetzt Wassermenschen und
betrachteten ihn neugierig, deuteten auf seine Flossenhände und Kiemen
und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen miteinander. Schnell bog
Harry um einen Felsen, doch dahinter tat sich ein sonderbares Schauspiel
vor ihm auf. Eine ganze Schar Wassermenschen schwebte vor einer
Häuserreihe, die eine Art Dorfplatz bildete, nur dass dieser Platz unter
Wasser errichtet war. Ein Wassermenschenchor in der Mitte des Platzes
sang jenes Lied, das die Champions anlocken sollte, und hinter dem
Chor ragte eine Statue auf: ein gigantischer Wassermensch, mit groben
Schlägen aus einem mächtigen Geröllblock gehauen. An die
Schwanzflosse des steinernen Wassermenschen waren vier Menschen
gefesselt.
Ron hatten sie zwi schen Hermine und Cho Chang angebunden. Mit
dabei war auch ein Mädchen, das nicht älter als acht schien. Die silbrige
Haarwolke, die um es her im Wasser schwebte, ließ Harry sicher sein,
dass es Fleur Delacours Schwester war. Alle vier schienen in einen sehr
tiefen Schlaf versunken. Die Köpfe hingen schlaff herunter und Ströme
feiner Blasen quollen aus ihren Mündern.
Harry schwamm mit raschen Zügen auf die Geiseln zu, in der Furcht,
dass die Wassermenschen ihre Speere senken und gegen ihn schleudern
würden, doch nichts geschah. Die Gefangenen waren mit dicken,

glibberigen und sehr zähen Tangschlingen an die Statue gefesselt. Einen
kurzen Augenblick lang dachte er an das Messer, das ihm Sirius zu
Weihnachten geschenkt hatte – aber es lag sicher verwahrt und v öllig
nutzlos in seinem Koffer im Schloss.
Er sah sich um. Viele der Wassermenschen, die ihn und die vier Geiseln
umkreisten, trugen Speere. Er schwamm auf einen über zwei Meter
großen Wassermann mit langem grauem Bart und einer Halskette aus
Haifischzähnen zu und versuchte ihm grimassierend und fuchtelnd
verständlich zu machen, dass er sich seinen Speer ausleihen wolle. Der
Wassermann lachte und schüttelte den Kopf. »Wir helfen nicht«, sagte er
mit knirschender und krächzender Stimme.
»Nun mach schon!«, sa gte Harry wütend (doch nur Blasen kamen aus
seinem Mund) und versuchte dem Wassermann den Speer zu entwinden,
doch er riss ihn an sich, schüttelte wieder den Kopf und lachte.
Harry wirbelte herum und blickte umher. Etwas Scharfes ... irgendetwas
... Auf de m Boden des Sees lagen Steine verstreut. Er schwamm hinab,
holte sich einen besonders scharf gezackten Stein und kehrte zu der
Statue zurück. Dann begann er auf die Taue einzuhacken, mit denen Ron
gefesselt war, und nach einigen Minuten harter Arbeit rissen sie. Ron
blieb bewusstlos ein paar Zentimeter über dem Seegrund schweben und
dümpelte langsam dahin.
Harry sah sich um. Von den anderen Champions war keine Spur zu
sehen. Worauf warteten sie? Warum beeilten sie sich nicht? Er wandte
sich nun Hermine zu, hob den gezackten Stein und begann auch auf ihre
Fesseln einzuhacken –
Doch schon packten ihn mehrere Paar starker grauer Hände. Ein halbes
Dutzend Wassermänner schüttelten die grünhaarigen Köpfe und zogen
ihn lachend von Hermine fort.
» Du nimmst deine eigene Geisel«, sagte einer der Wassermänner. »Lass
die anderen hier ...«
»Unmöglich!«, wollte Harry aufgebracht schreien – doch seinem Mund
entwichen nur zwei große Blasen.
»Deine Aufgabe ist es, deinen Freund zurückzuholen ... lass die an deren
hier ...«
»Mit ihr bin ich auch befreundet!«, rief Harry und gestikulierte zu
Hermine hinüber, wobei ihm eine riesige silberne Blase geräuschlos aus

dem Mund trat. »Und die anderen sollen auch nicht sterben!«
Chos Kopf lag auf Hermines Schulter; das kleine silberhaarige Mädchen
war gespenstisch grün und fahl. Harry mühte sich verzweifelt, die
Wassermänner abzuschütteln, doch sie lachten nur noch lauter und
hielten ihn fest. Harry blickte hektisch um sich. Wo blieben die anderen
Champions? Hatte er noch Zeit, Ron nach oben zu bringen und dann
zurückzukommen, um Hermine und die anderen zu holen? Würde er sie
dann wieder finden? Er sah auf die Uhr, um zu prüfen, wie viel Zeit ihm
noch blieb – aber sie war stehen geblieben. Nun jedoch deuteten die
Wassermänner um ihn her auf etwas über seinem Kopf. Harry blickte auf
und sah Cedric auf sich zuschwimmen. Sein Kopf steckte in einer
mächtigen Blase, die seine Züge merkwürdig weitete und spannte.
»Hab mich verirrt!«, formte er mit den Lippen, die Augen voller Panik.
»Fleur und Krum kommen gleich!«
Harry fiel ein Stein vom Herzen, und er beobachtete, wie Cedric ein
Messer aus der Tasche zog und Chos Fesseln durchschnitt. Er zog sie in
die Höhe und verschwand mit ihr.
Harry sah sich angespannt um. Wo blieben Fleur und Krum? Die Zeit
wurde allmählich knapp, und dem Lied zufolge waren die Geiseln nach
einer Stunde verloren ...
Die Wassermenschen kreischten erregt. Jene, die Harry festhielten,
lockerten ihren Griff und schauten über die Schultern. Auch Harry
wandte sich um und sah etwas Monströses durch das Wasser furchen: ein
menschlicher Körper in Badehosen mit dem Kopf eines Hais ... es war
Krum. Er schien sich selbst verwandelt zu haben – allerdings nicht
besonders gut.
Der Hai- Mann schwamm geradewegs auf Hermine zu und begann an
ihren Fesseln zu reißen und zu beißen: Das Problem war nur, dass Krums
neue Zähne wenig dazu geeignet waren, etwas Kleineres als einen
Delphin zu zerbeißen, und Harry sah es schon kommen, dass Krum,
wenn er nicht vorsichtig war, Hermine in zwei Teile reißen würde. Er
schoss auf ihn zu, schlug ihm hart auf die Schulter und hielt den
gezackten Stein in die Höhe. Krum packte den Stein und begann
Hermine freizuhacken. Nach Sekunden schon war es ihm gelungen; er
schlang den Arm um Hermines Taille und schwamm ohne einen Blick
zurück davon.

Was jetzt?, dachte Harry verzweifelt. Wenn er nur sicher wüsste, dass
Fleur auf dem Weg war ... noch war nichts von ihr zu sehen. Es blieb
ihm nichts anderes übrig ...
Er holte den Stein vom Grund, den Krum hatte fallen lassen, doch die
Wassermänner kamen näher, bildeten nun einen Kreis um Ron und das
kleine Mädchen und schüttelten die Köpfe.
Harry zog seinen Zauberstab. »Aus dem Weg!«
Nur Blasen sprudelten ihm aus dem Mund, aber er war sich sicher, dass
die Wasser männer ihn verstanden hatten, denn plötzlich hörten sie auf zu
lachen. Mit ihren gelblichen Augen blickten sie gebannt und verängstigt
auf Harrys Zauberstab. Harry war allein und sie waren viele, doch nach
ihren Mienen zu schließen konnten sie genauso weni g zaubern wie der
Riesenkrake.
»Ich zähle bis drei!«, rief Harry; ein langer Strom aus Blasen quoll aus
seinem Mund, doch er hielt drei Finger in die Höhe, damit sie die
Botschaft auch sicher verstanden. »Eins ...« (er zog einen Finger ein) –
»zwei ...« (e r zog den zweiten Finger ein) –
Sie wichen zurück. Harry schoss auf das kleine Mädchen zu und hieb mit
dem Stein auf das Tau ein, mit dem es an die Statue gefesselt war; und
endlich war auch sie befreit. Er schlang den Arm um die Taille des
Mädchens, packte Ron hinten am Umhang und stieß mit seinen Beinen
durchs Wasser.
Er kam nur langsam und mühsam voran. Seine Schwimmhände konnte
er nicht mehr benutzen, um sich anzutreiben; er ruderte verzweifelt mit
seinen Beinen, doch Ron und Fleurs Schwester waren wie Säcke voll
Kartoffeln, die ihn hinabzogen ... er wandte das Gesicht nach oben,
obwohl das Wasser über ihm noch dunkel war und er wusste, dass er
noch tief unten sein musste ...
Auch Wassermenschen stiegen mit ihm hoch. Sie schlängelten völlig
mühelos um ih n herum und beobachteten, wie er sich durch das Wasser
kämpfte ... würden sie ihn zurück in die Tiefe ziehen, wenn die Zeit um
war? Fraßen sie vielleicht sogar Menschen? Harrys Beine verkrampften
sich vor Anstrengung; seine Schultern schmerzten furchtbar u nter der
Last Rons und des Mädchens, die sie nach oben ziehen mussten ...
Das Luftholen war nun unerträglich schwer geworden. Wieder spürte er
Schmerzen an beiden Seiten seines Halses ... jetzt wurde ihm auch

bewusst, dass sein Mund voll Wasser war ... aber die Dunkelheit war
jetzt nicht mehr so undurchdringlich ... über sich konnte er das
Tageslicht sehen ...
Er stieß mit den Beinen kräftig nach unten und entdeckte, dass er wieder
ganz normale Füße hatte ... Wasser drang ihm durch den Mund in die
Lungen .. . er fühlte sich schwindlig und benommen, doch er wusste, dass
nur drei Meter über ihm Licht und Luft waren ... er musste es bis oben
schaffen ... er musste einfach ...
Harry ruderte so verzweifelt mit seinen Beinen, dass es sich anfühlte, als
würden seine Muskeln vor Empörung schreien; sogar sein Kopf schien
voll Wasser, er konnte nicht atmen, er brauchte Sauerstoff, er musste
weitermachen, er durfte nicht aufhören –
Und dann spürte er, wie sein Kopf durch die Wasseroberfläche stieß;
wunderbare, kalte, klare Luft stach ihm ins nasse Gesicht; er sog sie in
mächtigen Zügen ein, und es schien ihm, als hätte er in seinem Leben
noch nie richtig geatmet. Keuchend zog er Ron und das kleine Mädchen
hoch an die Luft. Überall um ihn her tauchten wilde, grünbehaarte Köpfe
aus dem Wasser und lächelten ihm zu.
Die Menge auf der Tribüne machte einigen Lärm; alle waren
aufgesprungen und riefen und schrien; Harry hatte den Eindruck, dass sie
Ron und das Mädchen für tot hielten, doch sie irrten sich ... beide hatten
die Augen geöffnet; das Mädchen sah ängstlich und verwirrt aus und
Ron spuckte nur einen großen Wasserstrahl aus, blinzelte im hellen
Licht, wandte sich Harry zu und sagte: »Nass, oder?« Dann erkannte er
Fleurs Schwester. »Warum hast du die mitgebracht?«
»Fleur is t nicht gekommen. Ich konnte sie nicht da unten lassen«,
keuchte Harry.
»Harry, du Trottel!«, sagte Ron, »du hast dieses Lied doch nicht etwa
ernst genommen? Dumbledore hätte doch keinen von uns im Stich
gelassen!«
»Aber in dem Lied heißt es – «
»Nur damit ihr auch ja innerhalb der Zeit wieder zurückkommt!«, sagte
Ron. »Ich hoffe, du hast da unten nicht deine Zeit verplempert und den
Helden gespielt!«
Harry kam sich dumm vor und war zugleich verärgert. Ron hatte gut
reden; er hatte ja geschlafen, er hatte nicht erlebt, wie schaurig es dort

unten im See gewesen war, umkreist von speertragenden
Wassermännern, die durchaus zum Töten bereit schienen.
»Komm her«, sagte er schroff, »hilf mir mit dem Mädchen, ich glaub
nicht, dass sie allzu gut schwimmen kann.«
Sie zogen Fleurs Schwester durch das Wasser, hinüber zum Ufer, wo die
Richter standen und sie beobachteten. Begleitet wurden sie von einer Art
Ehrengarde aus zwanzig Wassermenschen, die ihre fürchterlich
kreischigen Lieder sangen.
Harry sah, wie Madam Pomf rey um Hermine, Krum, Cedric und Cho
herumwirbelte, die allesamt in dicke Decken eingewickelt waren.
Dumbledore und Ludo Bagman standen da und strahlten Harry und Ron
entgegen, die jetzt auf das Ufer zuschwammen, doch Percy, der sehr
blass und merkwürdig j ünger aussah als sonst, kam ins Wasser gepatscht,
um sie zu begrüßen.
Unterdessen versuchte Madame Maxime Fleur zu bändigen, die
vollkommen aufgelöst schien und sich mit Zähnen und Klauen kämpfend
zurück ins Wasser stürzen wollte.
»Gabrielle! Gabrielle! Lebt sie noch! Ist sie verletzt?«
»Ihr geht's gut!«, wollte Harry ihr zurufen, doch er war so erschöpft, dass
er kaum sprechen und schon gar nicht laut rufen konnte.
Percy schnappte sich Ron und zerrte ihn ans Ufer (»Hau ab, Percy, mir
geht's gut!«); Dumbled ore und Bagman zogen Harry auf die Beine; Fleur
hatte sich Madame Maximes Griff entwunden und umarmte ihre
Schwester.
»Es waren die Grindelohs ... sie 'aben misch angegriffen ... oh, Gabrielle,
isch dachte schon ... isch dachte ...«
»Komm hierher zu mir, J unge«, sagte Madam Pomfrey; sie packte Harry
am Arm, zog ihn hinüber zu Hermine und den anderen, wickelte ihn so
fest in eine Decke, dass er sich vorkam wie in einer Zwangsjacke, und
flößte ihm resolut einen Löffel sehr heißen Zaubertranks ein. Dampf stob
ihm aus den Ohren.
»Gut gemacht, Harry!«, rief Hermine. »Du hast es geschafft, du hast es
ganz allein rausgefunden!«
»Na ja –«, sagte Harry. Er hätte ihr gerne von Dobby erzählt, doch
soeben war ihm aufgefallen, dass Karkaroff ihn beobachtete. Er war der
einzige Richter, der den Tisch nicht verlassen hatte; der einzige Richter,

der nicht erfreut und erleichtert schien, dass Harry, Ron und Fleurs
Schwester wohlbehalten zurück waren. »Ja, stimmt schon«, sagte Harry
und hob ein wenig die Stimme, damit Karkaroff ihn hören konnte.
»Du hast eine Wasserkäfer in deine Haar, Erminne«, sagte Krum.
Harry hatte den Eindruck, dass Krum versuchte, ihre Aufmerksamkeit
wiederzugewinnen, vielleicht um sie daran zu erinnern, dass er sie
gerade aus dem See gerettet hatte, doch Hermine wischte den
Wasserkäfer unwirsch weg und sagte: »Aber du hast die Zeit weit
überschritten, Harry ... hast du so lange gebraucht, um uns zu finden?«
»Nein ... gefunden hatte ich euch schon lange ...«
Harry kam sich allmählich ziemlich belämmert vor . Nun, wieder auf dem
Trockenen, war er sich sicher, dass Dumbledore keine Geisel hätte
sterben lassen, nur weil ihr Champion nicht zu ihr durchkam. Warum
hatte er sich nicht einfach Ron geschnappt und war verschwunden? Er
wäre der Erste gewesen ... Cedric und Krum hatten keine Zeit damit
verschwendet, sich um irgendjemanden zu kümmern; sie hatten das
Wasserlied nicht ernst genommen ...
Dumbledore kauerte am Ufer, vertieft in ein Gespräch mit einem
Wassermenschen, offenbar der Anführerin, einer besonders wild und
grimmig aussehenden Nixe. Dumbledore machte genau jene Geräusche,
die die Wassermenschen von sich gaben, wenn sie an der Oberfläche
waren; offensichtlich konnte er Meerisch sprechen. Schließlich richtete
er sich auf, wandte sich seinen Richterkolleg en zu und sagte: »Ich denke,
wir sollten uns beraten, bevor wir die Noten vergeben.«
Die Richter scharten sich eng zusammen. Madam Pomfrey ging hinüber,
um Ron aus Percys Klammergriff zu lösen; sie führte ihn zu Harry und
den anderen, gab ihm eine Decke un d ein wenig Aufpäppel-Trank, dann
ging sie Fleur und ihre Schwester holen. Fleur hatte viele Schnittwunden
auf Gesicht und Armen und ihr Umhang war zerfetzt, doch es schien sie
nicht zu kümmern, und sie gestattete Madam Pomfrey nicht einmal, die
Wunden zu reinigen.
»Kümmern Sie sisch um Gabrielle«, sagte sie und wandte sich Harry zu.
»Du 'ast sie gerettet«, keuchte sie. »Obwohl sie nischt deine Geisel war.«
»Ja -ah«, sagte Harry, der inzwischen zutiefst bereute, nicht alle drei
Mädchen in Fesseln an der Statue gelassen zu haben.
Fleur stürzte sich nun auch auf ihn und gab ihm einen Kuss. Hermine

machte ein zorniges Gesicht, doch in diesem Augenblick dröhnte Ludo
Bagmans magisch verstärkte Stimme neben ihnen hinaus auf den See, sie
zuckten zusammen und die Menge auf der Tribüne wurde ganz still.
»Meine Damen und Herren, wir haben unsere Entscheidung getroffen.
Seehäuptlingin Murcus hat uns genau geschildert, was auf dem Grund
des Sees geschehen ist, und wir haben daher beschlossen, die Champions
bei fünfzig mög lichen Punkten wie folgt zu benoten ...
Miss Fleur Delacour hat zwar gezeigt, dass sie hervorragend mit dem
Kopfblasenzauber umgehen kann, doch sie wurde von Grindelohs
angegriffen, als sie sich ihrem Ziel näherte, und hat es nicht geschafft,
ihre Geisel zu befreien. Wir erteilen ihr fünfundzwanzig Punkte.«
Applaus von der Tribüne.
»Isch 'ab eigentlisch keinen verdient«, krächzte Fleur und schüttelte
ihren herrlichen Kopf.
»Mr Cedric Diggory, der ebenfalls den Kopfblasenzauber verwendet hat,
kam als Erster mit seiner Geisel zurück, allerdings nach der gesetzten
Zeit von einer Stunde.« Gewaltiger Jubel von den Hufflepuffs im
Publikum; Harry sah, wie Cho Cedric einen glühenden Blick schenkte.
»Deshalb geben wir ihm siebenundvierzig Punkte.«
Harry wurde schwer ums Herz. Wenn Cedric die Zeit überschritten hatte,
was war dann erst mit ihm?
»Mr Viktor Krum hat eine unvollständige Verwandlung benutzt, die
dennoch sehr wirksam war, und ist als Zweiter mit seiner Geisel
zurückgekehrt. Wir geben ihm vierzig Punkte.«
Karkaroff klatschte besonders laut und mit überlegenem Mienenspiel.
»Mr Harry Potter hat mit bester Wirkung Dianthuskraut genommen«,
fuhr Bagman fort. »Er kehrte als Letzter zurück und weit über dem
Zeitlimit von einer Stunde. Wie uns die Seehäuptlingin allerdings
mitteilt, hat Mr Potter die Geiseln als Erster erreicht, und die Verspätung
bei seiner Rückkehr war seiner Entschlossenheit geschuldet, alle Geiseln,
nicht nur die seine, in Sicherheit zu bringen.«
Ron und Hermine warfen Harry halb aufgebrachte, halb mitleidige
Blicke zu.
»Die Mehrzahl der Richter« – und an dieser Stelle versetzte Bagman
Karkaroff einen sehr bissigen Blick – »sind der Überzeugung, dass dies
moralisches Rückgrat beweist und mit der vollen Punktzahl belohnt

werden sollte. Dennoch ... Mr Potters Ergebnis lautet fünfundvierzig
Punkte.«
Harrys Magen sprang ihm in die Kehle – jetzt war er mit Cedric
zusammen auf dem ersten Platz. Ron und Hermine, auf dem falschen
Fuß erwischt, sahen Harry mit großen Augen an und begannen dann wie
die anderen wild zu klatschen.
»Da hast du es, Harry!«, rief Ron durch den Trubel. »Du warst überhaupt
nicht blöde – du hast moralisches Rückgrat bewiesen!«
Auch Fleur klatschte begeistert, während Krum überhaupt nicht
glückl ich schien. Wieder versuchte er, Hermine in ein Gespräch zu
verwickeln, doch sie war zu sehr damit beschäftigt, Harry zu bejubeln,
um hinzuhören.
»Die dritte und letzte Runde des Turniers findet am vierundzwanzigsten
Juni bei Einbruch der Dunkelheit statt« , fuhr Bagman fort. »Wir werden
den Champions genau einen Monat vorher mitteilen, was auf sie
zukommt. Dank an alle für die Unterstützung ihrer Champions.«
Es ist vorbei, dachte Harry benommen, und schon bugsierte Madam
Pomfrey die Champions und ihre Geiseln zurück ins Schloss, wo sie
trockene Kleider anziehen sollten Es war vorbei, er war durchgekommen
... er musste sich jetzt bis zum vierundzwanzigsten Juni um gar nichts
mehr sorgen ...
Das nächste Mal, wenn ich nach Hogsmeade komme, so beschloss er, als
er die Steinstufen zum Schloss hochging, das nächste Mal kaufe ich
Dobby für jeden Tag des Jahres ein Paar Socken.

Tatzes Rückkehr


Der ganze Trubel nach der zweiten Runde, als alle unbedingt hören
wollten, was denn genau auf dem Grund des Sees geschehen war, hatte
vor allem ein Gutes: Ron stand wenigstens einmal gemeinsam mit Harry
im Rampenlicht. Harry fiel auf, dass Ron seine Geschichte jedes Mal ein
wenig anders erzählte. Die erste Darstellung schien durchaus noch der
Wahrheit zu entsprechen; sie stim mte jedenfalls mit dem überein, was
Hermine berichtete: Dumbledore hatte in Professor McGonagalls Büro
die Geiseln in einen Zauberschlaf versetzt, nachdem er ihnen versichert
hatte, ihnen würde nichts geschehen und sie würden erst wieder
aufwachen, wenn sie an Land seien. Eine Woche später jedoch erzählte
Ron die nervenzerfetzende Geschichte einer Entführung, bei der er allein
gegen fünfzig schwer bewaffnete Wassermenschen gekämpft habe, die
ihn erst hätten zusammenschlagen müssen, um ihn fesseln zu können.
»Aber ich hatte meinen Zauberstab im Ärmel versteckt«, beteuerte er
Padma Patil, die nun, da Ron so viel Beachtung fand, offenbar viel
schärfer auf ihn war und jedes Mal, wenn sie ihm im Korridor begegnete,
unter großem Hallo unbedingt mit ihm sprechen wollte. »Diese
Wasseridioten hätt ich jederzeit erledigen können.«
»Und wie bitte hättest du das angestellt, wolltest du sie vielleicht
anschnarchen?«, giftete Hermine. Sie hatte sich viele Sticheleien anhören
müssen, weil sie es war, die Viktor Krum am meis ten vermisste, und war
in ziemlich gereizter Stimmung.
Ron wurde rot um die Ohren und kehrte von Stund an zu der Geschichte
mit dem Zauberschlaf zurück.
Anfang März wurde das Wetter trockener, aber wenn sie draußen auf
dem Land waren, röteten ihnen furchtb are Winde die Hände und
Gesichter. Ihre Briefe kamen verspätet an, denn die Stürme bliesen die
Eulen aus ihren Flugbahnen. Der Waldkauz, den Harry Sirius mit dem
Datum des Hogsmeade- Wochenendes geschickt hatte, tauchte eines
Freitagmorgens beim Frühstück auf, und die Hälfte seiner Federn war in
die falsche Richtung gebürstet; kaum hatte Harry Sirius' Antwort von
seinem Bein gerissen, flatterte er wieder davon, offensichtlich aus
Furcht, er würde gleich wieder in die Lüfte geschickt.

Sirius' Brief war fast so kurz wie sein voriger. Komm
Samstagnachmittag um zwei zu dem Gatter an der Straße, die aus
Hogsmeade herausführt (an Derwisch und Banges vorbei). Bring so viel
Essbares mit, wie du tragen kannst. »Er ist doch nicht etwa wieder in
Hogsmeade?«, sagte Ron u ngläubig.
»Sieht ganz danach aus«, meinte Hermine.
»Das kann er doch nicht machen«, sagte Harry mit angespannter
Stimme. »Wenn sie ihn fassen ...«
»Bis hierher ist er jedenfalls durchgekommen«, sagte Ron. »Und in
diesem Kaff wird sich jetzt wohl kein Demen tor mehr rumtreiben.«
Nachdenklich faltete Harry den Brief zusammen. Wenn er ehrlich zu
sich war, wollte er Sirius wirklich gern wieder sehen. In die letzte
Doppelstunde an diesem Nachmittag – Zaubertränke – ging er jedenfalls
viel besser gelaunt als sonst, wenn er die Treppen zu den Kerkern
hinunterstieg.
Malfoy, Crabbe und Goyle standen vor der Klassenzimmertür und hatten
die Köpfe mit einigen Slytherin -Mädchen aus Pansy Parkinsons Bande
zusammengesteckt. Sie kicherten ausgelassen über etwas, das Harry
ni cht sehen konnte. Als die drei näher kamen, lugte Pansys aufgeregtes
Mopsgesicht hinter Goyles breitem Rücken hervor.
»Da sind sie ja, da sind sie!«, giggelte sie, und die Slytherin -Traube stob
auseinander. Harry sah, dass Pansy eine Illustrierte in der Hand hielt –
die Hexenwoche. Das bewegte Titelbild zeigte eine lockenhaarige Hexe,
die zähneblitzend lächelte und mit dem Zauberstab auf einen großen
Biskuitkuchen deutete.
»Da steht was drin, das dich sicher interessieren wird, Granger!«, rief
Pansy und war f die Illustrierte Hermine zu, die sie verdutzt auffing. In
diesem Augenblick öffnete sich die Kerkertür und Snape winkte sie
herein.
Harry, Ron und Hermine gingen wie immer schnurstracks auf einen
Tisch ganz hinten zu. Sobald Snape ihnen den Rücken gekehr t hatte, um
die Zutaten des heutigen Tranks an die Tafel zu schreiben, blätterte
Hermine unter dem Tisch hastig das Heft durch. Im mittleren Teil fand
sie schließlich, wonach sie suchten. Harry und Ron beugten sich tiefer
über die Seiten. Ein Farbfoto von Harry prangte über einem kurzen
Artikel mit der Überschrift

Harry Potters stummes Herzeleid Ein Junge wie kein anderer, könnte
man meinen – doch auch ein Junge, der die ganz gewöhnlichen Qualen
des Heranwachsenden durchleidet. Seit dem tragischen Ableben s einer
Eltern der Liebe beraubt, glaubte der vierzehnjährige Harry Potter,
endlich Trost bei seiner festen Freundin in Hogwarts, Hermine Granger,
gefunden zu haben. Doch er ahnte nicht, dass seine Seele in diesem
ohnehin von persönlichen Verlusten geprägten Leben bald erneut einen
schweren Schlag erleiden würde.
Miss Granger, ein äußerlich unscheinbares, aber ehrgeiziges Mädchen,
hegt offenbar eine Vorliebe für berü hmte Zauberer, die Harry allein nicht
befriedigen kann. Seit Viktor Krum, der bulgarische Sucher und Held der
letzten Quidditch -Weltmeisterschaft, in Hogwarts weilt, spielt Miss
Granger mit den Gefühlen beider Jungen. Krum, der von der tückischen
Miss Gran ger offensichtlich hingerissen ist, hat sie bereits eingeladen,
ihn während der Sommerferien in Bulgarien zu besuchen, und versichert,
er habe »solche Gefühle noch für kein anderes Mädchen empfunden«.
Allerdings sind es womöglich gar nicht die zweifelhaften natürlichen
Reize Miss Grangers, denen diese beiden unglücklichen Jungen verfallen
sind.
»Im Grunde ist sie hässlich«, meint Pansy Parkinson, eine hübsche und
lebhafte Viertklässlerin, »aber dass sie einen Liebestrank
zusammenbraut, traue ich ihr durchau s zu, sie hat ja ziemlich viel Grips.
Ich bin sicher, damit schafft sie es.«
Natürlich sind Liebestränke in Hogwarts verboten und zweifellos sollte
Albus Dumbledore diesen Behauptungen nachgehen. In der
Zwischenzeit können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen,
nur hoffen, dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren
Kandidatin schenkt.
Rita Kimmkorn »Ich hab's dir doch gesagt!«, zischelte Ron Hermine zu,
die mit offenem Mund das Blatt anstarrte. »Ich hab dir doch gesagt, du
sollst diese Rita Kimmkorn nicht ärgern! Jetzt hat sie dich auf dem
Kieker und macht aus dir so eine – eine Lebedame!«
Hermines verblüffte Miene löste sich in schnaubendes Gelächter auf.
»Lebedame?«, wiederholte sie, wandte sich Ron zu und zitterte verhalten
kichernd.
»So nennt es jedenfalls meine Mum«, murmelte Ron und wieder lief er

um die Ohren herum rot an.
»Wenn das alles ist, was Rita zustande bringt, dann wird sie allmählich
langweilig«, sagte Hermine und warf die Hexenwoche immer noch
kichernd auf den leeren Stuhl neben ihr. »Das ist doch nichts als ein
Haufen Müll.«
Sie sah hinüber zu den Slytherins, die gespannt beobachteten, ob es
ihnen gelungen war, sie und Harry mit dem Artikel zu ärgern. Hermine
schenkte ihnen ein herablassendes Lächeln und einen lässigen Wink mit
der Hand, dann packten die drei die Zutaten aus, die sie für ihren
Gripsschär -fungsTrank brauchten.
»Eins ist schon komisch daran«, sagte Hermine zehn Minuten später und
hielt die Mörserkeule über eine Schale Skarabäuskäfer. »Wie hat Rita
Kimmkorn das nur rausgefunden ...?«
»Was rausgefunden?«, fragte Ron sofort. »Du hast doch nicht etwa
Liebestränke gebraut?«
»Sei doch nicht albern«, zischte Hermine und begann ihre Käfer zu
zerstampfen. »Nein, es ist nur ... wie hat sie erfahren, dass Viktor mich
eing eladen hat, ihn im Sommer zu besuchen?« Hermine lief bei diesen
Worten scharlachrot an und vermied entschieden Rons Blick.
»Was?« Ron ließ seinen Stößel mit einem lauten Klonk fallen.
»Er hat mich gefragt, gleich nachdem er mich aus dem See gezogen
hatte«, murmelte Hermine. »Nachdem er seinen Haikopf losgeworden
ist. Madam Pomfrey hat uns Decken gegeben, dann hat er mich von den
Richtern weggezogen, damit sie nichts mitbekamen, und gefragt, ob ich
im Sommer schon was vorhätte und ob ich nicht Lust hätte – «
»Und was hast du geantwortet?«, warf Ron ein und hämmerte, die
Augen unverwandt auf Hermine gerichtet, gut eine Armlänge von der
Schale entfernt mit dem Stößel auf den Tisch.
»Und er hat wirklich gesagt, dass er noch nie solche Gefühle für
jemanden empfunden hätte«, fuhr Hermine fort und wurde so rot, dass
Harry die Hitze, die in ihr aufstieg, fast spüren konnte. »Aber wie könnte
Rita Kimmkorn uns belauscht haben? Sie war nicht da ... oder doch?
Vielleicht hat sie einen Tarnumhang und hat sich aufs Gelände
geschlichen, um sich die zweite Runde anzusehen ...«
»Und was hast du geantwortet?«, wiederholte Ron und hieb mit dem
Stößel so heftig auf den Tisch, dass eine Delle im Holz zurückblieb.

»Mich hat nur interessiert, ob es dir und Harry gut geht und –«
»So f aszinierend Ihr gesellschaftliches Leben zweifellos ist, Miss
Granger«, sagte eine eisige Stimme direkt hinter ihnen, »ich muss Sie
doch ermahnen, es nicht im Unterricht zu erörtern. Zehn Punkte Abzug
für Gryffindor.«
Snape war zu ihrem Tisch herübergeglitten, während sie gesprochen
hatten. Die ganze Klasse drehte nun die Köpfe um; Malfoy nutzte die
Gelegenheit und ließ POTTER STINKT durch den Kerker zu Harry
hinüberblitzen.
»Ah ... und man liest auch noch Heftchen unter dem Tisch?«, setzte
Snape hinzu und schnappte sich die Hexenwoche. »Noch einmal zehn
Punkte Abzug für Gryffindor ... oh, verstehe ...« Snapes schwarze Augen
stürzten sich gierig auf Rita Kimmkorns Artikel. »Potter muss natürlich
erfahren, was die Presse über ihn schreibt ...«
Der Kerker erzitterte unter dem Gelächter der Slytherins und ein
unangenehmes Lächeln kräuselte Snapes dünne Lippen. Harry trieb es
die Zornesröte ins Gesicht, als Snape auch noch begann, den Artikel laut
vorzulesen.
»Harry Potters stummes Herzeleid ... meine Güte, Potter, was hast du
nun wieder für ein Wehwehchen? Ein Junge wie kein anderer, könnte
man meinen ...«
Harrys Gesicht brannte. Snape legte am Ende jedes Satzes eine kleine
Pause ein, um den Slytherins einen ausgiebigen Lacher zu gönnen. Von
Snape vorgelesen, klang der Artikel noch zehnmal schlimmer.
»... können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen, nur hoffen,
dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren Kandidatin schenkt.
Wie unglaublich rührend«, höhnte Snape und rollte das Heft unter dem
anha ltenden Gelächter der Slytherins zusammen. »Es ist wohl am besten,
wenn ich euch drei voneinander trenne, damit ihr euch Gedanken über
Zaubertränke statt über euer Liebesleben macht. Weasley, du bleibst
hier. Miss Granger, dort rüber, neben Miss Parkinson. Potter, an den
Tisch vor meinem Pult. Beweg dich. Sofort.«
Harry warf die Zutaten und die Schultasche wütend in seinen Kessel und
zog ihn nach vorn zu dem freien Tisch. Snape folgte ihm, setzte sich an
das Pult und sah zu, wie Harry seine Sachen aus dem K essel packte.
Entschlossen, Snape keines Blickes zu würdigen, begann Harry erneut

seine Skarabäuskäfer zu zerstampfen, und jeder einzelne davon, so
schien es ihm, hatte Snapes Gesicht.
»Dieser ganze Presserummel scheint deinen ohnehin schon übergroßen
Kopf noch mehr aufgeblasen zu haben, Potter«, sagte Snape leise, sobald
der Rest der Klasse sich wieder beruhigt hatte.
Harry antwortete nicht. Er wusste, dass Snape ihn provozieren wollte;
das kannte er bereits von ihm. Zweifellos war er darauf aus, einen Gru nd
zu finden, um Gryffindor noch vor Ende der Stunde satte fünfzig Punkte
abzuziehen.
»Du leidest vielleicht unter der Wahnvorstellung, dass die ganze
Zaubererwelt von dir beeindruckt ist«, fuhr Snape so leise fort, dass ihn
niemand sonst hören konnte (Har ry hieb weiter auf seine Skarabäuskäfer
ein, obwohl er sie bereits zu einem ganz feinen Pulver zerstampft hatte),
»aber mir ist es völlig gleich, wie oft dein Bild in der Zeitung erscheint.
Für mich, Potter, bist du nichts als ein ungezogener kleiner Bengel, der
Vorschriften für unter seiner Würde hält.«
Harry schüttete die zerstäubten Käfer in seinen Kessel und begann seine
Ingwerwurzeln klein zu schneiden. Ihm bebten die Hände vor Wut, aber
er hielt den Blick gesenkt, als könne er nicht hö ren, was Snape sagte.
»Also lass dir das eine Warnung sein, Potter«, fuhr Snape noch leiser
und bedrohlicher klingend fort, »winzige Berühmtheit oder nicht – wenn
ich dich noch einmal dabei erwische, wie du in mein Büro einbrichst – «
»Ich war nicht mal in der Nähe Ihres Büros!«, entgegnete Harry zornig
und vergaß dabei völlig seine vorgeschützte Taubheit.
»Lüg mich nicht an!«, zischte Snape, und seine unergründlichen
schwarzen Augen bohrten sich in die Harrys. »Baumschlangenhaut.
Dianthuskraut. Beide stamme n aus meinen persönlichen Vorräten, und
ich weiß, wer sie gestohlen hat.«
Harry hielt Snapes Blick stand, entschlossen, nicht zu blinzeln oder
schuldbewusst auszusehen. In Wahrheit hatte er Snape weder das eine
noch das andere gestohlen. Hermine hatte die Baumschlangenhaut in
ihrem zweiten Schuljahr geklaut – die hatten sie für den Vielsaft- Trank
gebraucht -und damals hatte Snape Harry zwar verdächtigt, doch er hatte
es nie beweisen können. Und das Dianthuskraut hatte natürlich Dobby
gestohlen.
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, log Harry kühl.

»Du bist im Schloss umhergeschlichen in der Nacht, als bei mir
eingebrochen wurde!«, zischte Snape. »Mach mir nichts vor, Potter!
Schön, Mad-Eye hat sich vielleicht deinem Fanclub angeschlossen, ich
aber werde diese U mtriebe nicht dulden! Wenn du dich noch einmal in
mein Büro schleichst, Potter, dann bezahlst du dafür!«
»In Ordnung«, sagte Harry gelassen und wandte sich wieder seinen
Ingwerwurzeln zu, »ich denk dran, wenn ich je den Drang verspüren
sollte, da reinzugeh en.«
Snapes Augen blitzten. Er steckte die Hand ins Innere seines schwarzen
Umhangs. Einen verwirrten Moment lang dachte Harry, Snape würde
seinen Zauberstab ziehen und ihm einen Fluch auf den Hals jagen – doch
dann sah er, dass Snape eine kleine Kristallf lasche mit einer vollkommen
klaren Flüssigkeit herauszog. Harry starrte das Fläschchen an.
»Weißt du, was das ist, Potter?«, fragte Snape, und wieder glitzerten
seine Augen gefährlich.
»Nein«, entgegnete Harry, diesmal völlig aufrichtig.
»Das ist ein Veritaserum – ein Wahrheitselixier, das so mächtig ist, dass
drei Tropfen genügen, damit du vor der ganzen Klasse deine tiefsten
Geheimnisse ausplauderst«, sagte Snape mit tückischer Miene.
»Allerdings unterliegt der Gebrauch dieses Elixiers sehr strengen
Richtlinien des Ministeriums. Doch wenn du dich nicht vorsiehst, könnte
es passieren, dass meine Hand versehentlich – « er schüttelte lässig das
Kristallfläschchen » – über deinem abendlichen Kürbissaft ausrutscht.
Und dann, Potter ... dann wird sich erweisen, ob du in meinem Büro
warst oder nicht.«
Harry sagte kein Wort. Er nahm das Messer zur Hand, wandte sich
wieder den Ingwerwurzeln zu und begann sie in Scheiben zu schneiden.
Die Sache mit dem Wahrheitselixier hörte sich überhaupt nicht gut an,
und er würde es Snape durchaus zutrauen, ihm ein paar Tropfen
unterzujubeln. Er unterdrückte ein Schaudern bei dem Gedanken, was
ihm dann aus dem Mund sprudeln würde ... ganz abgesehen davon, dass
dann auch einige andere Ärger bekommen würden – vor allem Hermine
und Dobby – und dann waren da all die anderen Geschichten, die er
geheim hielt ... zum Beispiel, dass er Verbindung zu Sirius hatte ... und –
seine Eingeweide verknäulten sich — was er für Cho empfand ... Er
schüttete nun auch die Ingwerwurzeln in den Kessel und f ragte sich, ob

er sich an Moody ein Beispiel nehmen und nur noch aus seiner
persönlichen Taschenflasche trinken sollte.
An der Kerkertür klopfte es.
»Herein«, sagte Snape mit seiner gewöhnlichen Stimme.
Die Tür ging auf und die Klasse wandte die Köpfe. Pro fessor Karkaroff
trat ein. Unter aller Augen ging er auf Snapes Tisch zu. Er wirkte
aufgewühlt und wickelte schon wieder seinen Ziegenbart um den Finger.
»Ich muss Sie sprechen«, sagte Karkaroff unvermittelt, als er vor Snape
stand. Er öffnete kaum den Mund, offenbar entschlossen, niemand außer
Snape solle ihn hören, und wirkte dabei wie ein schlechter Bauchredner.
Harry wandte die Augen nicht von den Ingwerwurzeln und spitzte die
Ohren.
»Ich spreche nach dem Unterricht mit Ihnen, Karkaroff –«, murmelte
Snap e, doch Karkaroff unterbrach ihn.
»Ich will jetzt mit dir sprechen; von hier kannst du nicht einfach
verschwinden, Severus. Du bist mir die letzte Zeit dauernd aus dem Weg
gegangen.«
»Nach der Stunde«, zischte Snape.
Wie um zu prüfen, ob er genug Gürteltiergalle eingegossen hatte, hielt
Harry einen Messbecher in die Höhe und warf bei dieser Gelegenheit
einen Seitenblick auf die beiden. Karkaroff schien äußerst beunruhigt,
Snape dagegen wütend.
Karkaroff vertrat sich für den Rest der Doppelstunde die Beine h inter
Snapes Rücken. Er schien ihn unbedingt daran hindern zu wollen, am
Ende der Stunde einfach zu entwischen. Harry, ganz neugierig darauf,
was Karkaroff sagen wollte, stieß zwei Minuten vor dem Läuten
absichtlich seine Flasche Gürteltiergalle um, ein gu ter Grund, sie
anschließend hinter seinen Kessel gebückt aufzuwischen, während der
Rest der Klasse lärmend hinausging.
»Was ist denn so dringend?«, hörte er Snape zischen.
»Das hier«, sagte Karkaroff, und Harry sah, als er über den Rand seines
Kessels lugte, wie Karkaroff den linken Ärmel seines Umhangs hochzog
und Snape etwas auf der Innenseite seines Unterarms zeigte.
»Nun?«, sagte Karkaroff, immer noch bemüht, nicht die Lippen zu
bewegen. »Siehst du? Es war noch nie so deutlich, noch nie seit – «
»Weg dam it!«, raunzte Snape und ließ die schwarzen Augen durch das

Klassenzimmer schweifen.
»Aber du musst doch bemerkt haben –«, setzte Karkaroff mit erregter
Stimme an.
»Wir können später darüber sprechen, Karkaroff!«, bellte Snape.
»Potter! Was machst du hier?«
»Ich wische meine Gürteltiergalle auf, Professor«, sagte Harry mit
argloser Stimme, richtete sich auf und zeigte Snape den nassen Lumpen
in seiner Hand.
Karkaroff drehte sich auf dem Absatz um und marschierte hinaus,
offenbar verschreckt und wütend zugleich. Mit dem maßlos
aufgebrachten Snape wollte Harry auf keinen Fall allein bleiben; er
stopfte seine Bücher und Zutaten in die Tasche und machte sich
überstürzt davon, um Ron und Hermine zu erzählen, was er soeben
gehört hatte.
Am nächsten Tag g ingen sie um die Mittagszeit aus dem Schloss, hinaus
in das noch schwache silberne Sonnenlicht. So mild war es in diesem
Jahr noch nicht gewesen, und als sie in Hogsmeade angekommen waren,
hatten sie längst ihre Umhänge ausgezogen und über die Schultern
ge worfen. Das Essen, das sie für Sirius mitbringen sollten, trug Harry in
der Tasche mit sich; sie hatten ein Dutzend Hühnerbeine, einen Laib
Brot und eine Flasche Kürbissaft vom Mittagstisch geklaut.
Sie gingen in den Besenknecht, um ein Geschenk für Dobby zu kaufen,
und machten sich einen Spaß daraus, die grässlichsten Socken
auszusuchen, darunter auch welche, die mit blitzenden Gold - und
Silbersternen geschmückt waren, und solche, die laut schrien, wenn sie
zu stinkig wurden. Um halb zwei dann machten sie sich auf den Weg die
Hauptstraße entlang, an Derwisch und Banges vorbei zum Dorf hinaus.
In diese Richtung war Harry noch nie gegangen. Die gewundene Straße
führte sie hinaus in die wilde Landschaft um Hogsmeade. Hier gab es
nur noch vereinzelte Landhäuser mit großen Gärten; die Straße führte
zunächst auf den Berg zu, in dessen Schatten Hogsmeade lag. Dann
machte sie eine Biegung und sie konnten am Ende der Straße ein Gatter
sehen. Dort wartete, die Vorderpfoten auf der obersten Stange, ein sehr
großer, zot tiger schwarzer Hund, der einen Packen Zeitungen im Maul
trug und ihnen sehr bekannt vorkam ...
»Hallo, Sirius«, sagte Harry, als sie ihn erreicht hatten.

Der schwarze Hund schnüffelte begierig an Harrys Tasche, wedelte kurz
mit dem Schwanz, drehte sich dann um und trottete über das struppige
Grasland davon, das bis zum felsigen Fuß des Berges anstieg. Die drei
kletterten über das Gatter und folgten ihm.
Sirius führte sie bis zum Fuß des Berges, wo der Boden mit
Geröllblöcken und Steinen übersät war. Mit seinen vier Hundebeinen
kam er leicht voran; bei Harry, Ron und Hermine dauerte es nicht lange,
bis sie außer Puste waren. Doch sie folgten Sirius weiter; nun ging es
steil den Berg hoch. Die Gurte von Harrys Tasche schnitten ihm in die
Schultern, und alle d rei gerieten unter der Sonne ins Schwitzen, während
sie eine halbe Stunde lang Sirius' wedelndem Schwanz folgten und einen
gewundenen und steinigen Pfad emporkletterten.
Dann war es so weit. Sirius verschwand plötzlich, und als sie die Stelle
erreichten, wo sie ihn zuletzt gesehen hatten, standen sie vor einem
schmalen Spalt im Fels. Sie drängten sich hindurch und standen in einer
kühlen, schwach erleuchteten Höhle. Im hinteren Teil der Höhle,
angeleint an einen großen Stein, stand Seidenschnabel, der Hippo greif,
halb graues Pferd, halb Adler. Seine wilden Augen blitzten auf, als er sie
erkannte. Alle drei verbeugten sich tief vor ihm, und nachdem er sie
einen Moment lang gemustert hatte wie ein Gebieter, knickte er die
schuppigen Vorderbeine ein und erlaubt e es Hermine, rasch
hinüberzugehen und seinen fedrigen Hals zu streicheln. Harry jedoch sah
gebannt auf den schwarzen Hund, der sich gerade in seinen Paten
verwandelte.
Sirius trug einen zerlumpten grauen Umhang; er hatte ihn schon
getragen, als er aus Ask aban geflohen war. Seit er mit Harry im Kamin
gesprochen hatte, war sein schwarzes Haar länger geworden und nun
wieder stumpf und zerzaust. Er sah abgemagert aus.
»Hühnchen!«, sagte er mit rauer Stimme, nachdem er die alten
Tagespropheten aus dem Mund geno mmen und zu Boden geworfen
hatte.
Harry öffnete seine Tasche und reichte Sirius das Bündel mit
Hühnerbeinen und Brot.
»Danke«, sagte Sirius, wickelte es auf, packte einen Schlegel, setzte sich
auf den Höhlenboden und riss mit den Zähnen ein großes Stück Fl eisch
ab. »Hab die letzte Zeit meist von Ratten gelebt. Darf in Hogsmeade

nicht zu viel Essen stehlen; die würden sonst auf mich aufmerksam
werden.«
Er grinste zu Harry hoch, doch Harry grinste nur widerwillig zurück.
»Was treibst du hier, Sirius?«, fragte er.
»Ich erfülle meine Pflicht als Pate«, antwortete Sirius und nagte
hundemäßig an dem Hühnerknochen herum. »Mach dir keine Sorgen um
mich, für die Leute bin ich nur ein süßer kleiner Streuner.«
Noch immer grinste er, doch als er Harrys besorgte Miene sah, sagte er
mit ernster Stimme: »Ich will in der Nähe sein, für alle Fälle. Dein letzter
Brief ... sagen wir einfach, allmählich ist was faul. Immer wenn jemand
die Zeitung wegwirft, schnappe ich sie mir, und wie es aussieht, bin ich
mittlerweile nicht meh r der Einzige, der sich Sorgen macht.«
Er nickte zu den zwei vergilbenden Tagespropheten auf dem
Höhlenboden hinüber. Ron bückte sich danach und schlug eine Zeitung
auf.
Harry sah jedoch unverwandt Sirius an. »Was ist, wenn sie dich
erkennen? Was ist, wenn sie dich fangen?«
»Ihr drei und Dumbledore seid die Einzigen hier in der Gegend, die
wissen, dass ich ein Animagus bin«, sagte Sirius achselzuckend und
wandte sich wieder mit mächtigem Appetit seinem Hühnerbein zu.
Ron stieß Harry in die Rippen und reichte ihm die Tagespropheten. Es
waren zwei Ausgaben; die erste trug die Schlagzeile: Mysteriöse
Erkrankung von Bartemius Crouch, die zweite: Ministeriumshexe noch
immer vermisst – Zaubereiminister erklärt den Fall zur Chefsache.
Harry überflog den Artikel über Crouch. Auf einigen Sätzen blieb sein
Blick hängen:
... ist seit November nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden ...
sein Haus scheint leer zu stehen ... St. -Mun -goHospital für Magische
Krankheiten und Verletzungen lehnt jede Stellungnahme ab .. . das
Ministerium will Gerüchte über eine schwere Erkrankung nicht
bestätigen ... »Das klingt ja, als würde er im Sterben liegen«, sagte Harry
langsam. »Aber so krank kann er nicht sein, wenn er es geschafft hat,
hier hochzukommen ...«
»Mein Bruder ist Cro uchs persönlicher Assistent«, sagte Ron zu Sirius
gewandt. »Er behauptet, Crouch sei einfach überarbeitet.«
»Er hat wirklich ziemlich krank ausgesehen, als ich ihn das letzte Mal

aus der Nähe gesehen hab«, sagte Harry. »An dem Abend, als der Kelch
meinen Namen ausgegeben hat ...«
»Ist doch nur die wohlverdiente Strafe dafür, dass er Winky entlassen
hat«, sagte Hermine kühl. Sie streichelte Seidenschnabel, während dieser
knirschend einen Hühnerknochen zermalmte. »Ich wette, er bereut es
inzwischen -und spürt mal am eigenen Leib, wie es ist, wenn sie nicht da
ist und ihn betüttelt.«
»Hermine hat sich wegen dieser Hauselfen in irgendwas reingesteigert«,
murmelte Ron Sirius zu, wobei er Hermine einen finsteren Blick zuwarf.
Sirius jedoch schien aufzumerken. »Cro uch hat seine Hauselfe
rausgeworfen?«
»Ja, bei der Quidditch -Weltmeisterschaft«, sagte Harry und erzählte
hastig vom Erscheinen des Dunklen Mals, von Winky, die mit Harrys
Zauberstab in der Hand aufgefunden wurde, und von Mr Crouchs
großem Zorn deswegen.
Als Harry geendet hatte, war Sirius wieder auf den Beinen und schritt die
Höhle auf und ab. »Wie war das noch mal?«, sagte er nach einer Weile
und wedelte mit einem Hühnerbein. »Ihr habt die Elfe zunächst in der
Ehrenloge gesehen. Sie hat für Mr Crouch einen Platz besetzt?«
»Richtig«, sagten Harry, Ron und Hermine wie aus einem Mund.
»Aber Mr Crouch ist zu dem Spiel gar nicht aufgetaucht?« »Nein«, sagte
Harry. »Später meinte er, er sei zu beschäftigt gewesen.«
Ohne ein Wort zu sagen schritt Sirius an der Hö hlenwand entlang. Dann
wandte er sich Harry zu: »Hast du nachgesehen, ob dein Zauberstab noch
in der Tasche war, als du die Ehrenloge verlassen hast?«
»Ähm ...« Harry dachte angestrengt nach. »Nein«, sagte er schließlich.
»Bis wir in den Wald kamen, hab ich ihn ja nicht gebraucht. Und als ich
dann die Hand in die Tasche steckte, fand ich nur mein Omniglas.« Er
sah Sirius mit großen Augen an. »Willst du etwa sagen, wer immer
dieses Mal beschworen hat, der hat auch in der Ehrenloge meinen
Zauberstab gestohlen ?«
»Schon möglich«, erwiderte Sirius.
»Winky hat diesen Zauberstab nicht gestohlen!«, sagte Hermine schrill.
»Die Elfe war ja nicht alleine in der Ehrenloge«, sagte Sirius
stirnrunzelnd und war schon wieder dabei, in der Höhle auf und ab zu
schreiten. »Wer saß sonst noch hinter dir?«

»Eine Menge Leute«, sagte Harry. »Ein paar bulgarische Minister ...
Cornelius Fudge ... die Malfoys ...«
»Die Malfoys!«, rief Ron plötzlich so laut, dass seine Stimme an den
Höhlenwänden widerhallte und Seidenschnabel nervös seinen Kopf
zurückwarf. »Ich wette, es war Lucius Malfoy!«
»Sonst noch jemand?«, sagte Sirius.
»Nein, niemand«, sagte Harry.
»Doch, noch jemand, und zwar Ludo Bagman«, erinnerte ihn Hermine.
»Achja ...«
»Ich weiß nichts über Bagman, außer dass er früher Trei ber bei den
Wimbourner Wespen war«, sagte Sirius und ging immer noch auf und
ab. »Was ist er für ein Mann?«
»Er ist schon in Ordnung«, sagte Harry. »Er bietet mir andauernd seine
Hilfe für das Trimagische Turnier an.«
»Ach, tut er das?«, sagte Sirius und legte die Stirn in noch tiefere Falten.
»Ich frag mich, warum eigentlich?«
»Er meint, er könne mich ganz gut leiden«, sagte Harry.
»Hmmh«, brummte Sirius nachdenklich.
»Wir haben ihn im Wald gesehen, kurz bevor das Dunkle Mal erschienen
ist«, sagte Hermine. »Wisst ihr noch?«, wandte sie sich fragend an Harry
und Ron.
»Ja, aber er ist doch nicht im Wald geblieben«, sagte Ron. »Kaum hatten
wir ihm von dem Aufruhr erzählt, ist er Richtung Zeltplatz
verschwunden.«
»Woher willst du das wissen?«, warf Hermine ein. »Woher willst du
wissen, wohin er disappariert ist?«
»Nun hör aber auf«, entgegnete Ron verwundert, »willst du etwa sagen,
du hältst es für möglich, dass Ludo Bagman das Dunkle Mal
heraufbeschworen hat?«
»Jedenfalls ist es ihm eher zuzutrauen als Winky«, sagte Hermine stur.
»Hab's dir ja gesagt«, wandte sich Ron mit viel sagendem Blick an
Sirius, »sie hat sich da in was reingesteigert wegen dieser Haus –«
Doch Sirius hob die Hand, um Ron Schweigen zu gebieten. »Als das
Dunkle Mal am Himmel war und die Elfe mit Harrys Zauberstab
entdeckt wurde, was hat Crouch da getan?«
»Er ging ins Gebüsch, um noch einmal nachzusehen«, sagte Harry, »aber

er hat niemanden gefunden.«
»Natürlich«, murmelte Sirius auf und ab gehend, »natürlich wollte er es
unbedingt jemand ander em an den Hals hängen, wo doch seine Elfe
beschuldigt wurde ... und dann hat er sie rausgeworfen?«
»Ja«, regte sich Hermine auf. »Er hat sie rausgeworfen, nur weil sie nicht
im Zelt geblieben ist und sich hat niedertrampeln lassen – «
»Hermine, nun hör doch mal auf mit dieser Elfe!«, sagte Ron.
Doch Sirius schüttelte den Kopf. »Sie hat Crouch besser durchschaut als
du, Ron. Wenn du wissen willst, wie ein Mensch ist, dann sieh dir genau
an, wie er seine Untergebenen behandelt, nicht die Gleichrangigen.«
Er fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Gesicht, offenbar
angestrengt nachdenkend. »Dieser Barty Crouch lässt sich so selten
blicken ... da befiehlt er eigens seiner Hauselfe, ihm einen Platz bei der
Quidditch -Weltmeisterschaft zu besetzen, und dann kommt er nicht mal,
um sich das Spiel anzusehen. Er trägt mit viel Mühe dazu bei, dass das
Trimagische Turnier wieder stattfinden kann, und dann erscheint er auch
dazu nicht ... das sieht Crouch gar nicht ähnlich. Wenn er vor dieser
ganzen Geschichte auch nur einen Tag wegen Krankheit freigenommen
hat, dann verspeise ich Seidenschnabel.«
»Du kennst Crouch also?«, fragte Harry.
Sirius' Miene verdüsterte sich. Plötzlich sah er so bedrohlich aus wie in
der Nacht, als Harry ihn zum ersten Mal gesehen hatte, in jener Nacht,
als er noch geglaubt hatte, Sirius wäre ein Mörder.
»Oh, natürlich kenne ich Crouch«, sagte er leise. »Er war es, der den
Befehl gab, mich nach Askaban zu bringen - ohne Gerichtsverhandlung.«
»Was?«, sagten Ron und Hermine im selben Moment.
»Du machst Witze!«, sagte Harry.
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Sirius und biss ein großes Stück
Hühnchen ab. »Crouch war früher Chef der Abteilung für Magische
Strafverfolgung, habt ihr das nicht gewusst?«
Die drei schüttelten die Köpfe.
»Er war als nächster Zaubereiminister im Gespräch«, sagte Sirius. »Ein
großartiger Zauberer, dieser Barty Crouch, mit starken magischen
Kräften und machthungrig – übrigens nie ein Anhänger Voldemorts«,
setzte er hinzu und beantwortete damit die Frage, die in Harrys Gesicht
ge schrieben stand. »Nein, Barty Crouch hat sich immer klar und deutlich

gegen die dunkle Seite gewandt. Allerdings wurden mit der Zeit viele
Leute, die gegen die dunkle Seite kämpften ... nun, das würdet ihr nicht
verstehen ... ihr seid noch zu jung ...«
»Da s hat mein Dad bei der Weltmeisterschaft auch gesagt«, erwiderte
Ron mit einer Spur Ärger in der Stimme. »Warum stellst du uns denn
nicht mal auf die Probe?«
Ein Grinsen blitzte über Sirius' hageres Gesicht. »Gut, ich versuch's mal
...«
Er schritt davon in den hinteren Teil der Höhle, kehrte wieder zurück
und sagte: »Stellt euch vor, Voldemort ist gerade sehr mächtig. Ihr wisst
nicht, wer seine Anhänger sind, ihr wisst nicht, wer für ihn arbeitet und
wer nicht; ihr wisst, dass er sich Menschen Untertan mach en kann, die
dann schreckliche Dinge tun, ohne dass sie sich selbst Einhalt gebieten
können. Ihr habt Angst um euer eigenes Leben, um eure Familie, eure
Freunde. Jede Woche gibt es Meldungen von neuen Morden, von
Verschwundenen, von Folter ... im Zaubereim inisterium herrscht
völliges Durcheinander, sie wissen nicht, was sie tun sollen, sie
versuchen, alles vor den Muggeln zu verbergen, doch unterdessen
sterben auch Muggel. Allenthalben herrscht Schrecken ... Angst ... Chaos
... so war es damals.
Solche Zeiten bringen bei manchen Menschen das Beste zum Vorschein,
bei anderen das Schlimmste. Crouchs Grundsätze mögen zu Anfang gut
gewesen sein – ich weiß es nicht. Er stieg im Ministerium rasch auf und
begann harte Maßnahmen gegen Voldemorts Anhänger zu befehlen . Den
Auroren erteilte er weitgehende Machtbefugnisse – zum Beispiel die
Erlaubnis zu töten, statt Gefangene zu machen. Und ich war nicht der
Einzige, den sie ohne Prozess sofort den Dementoren ausgeliefert haben.
Crouch hat Gewalt mit Gewalt bekämpft und den Einsatz der
Unverzeihlichen Flüche gegen Verdächtige erlaubt. Ich würde sagen, er
wurde so gefühllos und grausam wie viele von der dunklen Seite. Er
hatte natürlich seine Anhänger – eine Menge Leute dachten, er würde die
Probleme richtig anpacken, und viele Hexen und Zauberer waren von der
Vorstellung ganz begeistert, er könnte Zaubereiminister werden. Als
Voldemort verschwand, sah es so aus, als wäre es nur noch eine Frage
der Zeit, bis Crouch den Ministerposten übernehmen würde. Doch dann
geschah etwas Peinliches ...« Sirius lächelte grimmig. »Crouchs eigener

Sohn wurde zusammen mit einer Gruppe von Todessern gefasst, die es
dank ihrer Lügenmärchen geschafft hatten, dass man sie aus Askaban
entlassen hatte. Offenbar versuchten sie damals, Voldemort zu finden
und ihn an die Macht zurückzubringen.«
»Crouchs Sohn wurde gefasst?«, keuchte Hermine.
»Ja«, sagte Sirius, warf Seidenschnabel einen Hühnerknochen zu, bückte
sich, hob das am Boden liegende Brot auf und brach es in zwei Teile.
»Hässlicher kleiner Schock für den guten Barty, könnte ich mir
vorstellen. Hätte vielleicht hin und wieder früher aus dem Büro gehen
und ein wenig mehr Zeit zu Hause bei seiner Familie verbringen sollen
... dann hätte er seinen eigenen Sohn kennen gelernt.«
Er begann große Stüc ke Brot zu verschlingen.
»War sein Sohn tatsächlich ein Todesser?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Sirius und stopfte sich weiter Brot in den Mund.
»Ich selbst war bereits in Askaban, als sie ihn eingeliefert haben. Das
meiste hab ich erst erfahren, s eit ich raus bin. Der Junge wurde jedenfalls
in Begleitung von Leuten geschnappt, die, da wette ich mein Leben
drum, Todesser waren – aber er hätte natürlich auch zufällig zur falschen
Zeit am falschen Ort sein können, genau wie die Hauselfe.«
»Hat Crouch versucht, seinen Sohn da rauszuhauen?«, flüsterte Hermine.
Sirius ließ ein Lachen hören, das eher wie ein Bellen klang. »Crouch und
seinen Sohn raushauen? Ich dachte, du hättest ihn durchschaut,
Hermine? Alles, was seinen Ruf zu gefährden drohte, musste beseitigt
werden, er hatte sein ganzes Leben dem Ziel gewidmet, Zaubereiminister
zu werden. Du hast doch gesehen, wie er eine treue Hauselfe
rausgeworfen hat, weil sie mit dem Dunklen Mal in Verbindung gebracht
wurde – das zeigt dir doch, wie er ist? Crouchs väterliche Zuneigung
ging nur so weit, dass er dafür sorgte, dass seinem Sohn der Prozess
gemacht wurde, und nach allem, was man hört, war dieser Prozess nicht
viel mehr als eine gute Gelegenheit für Crouch, zu zeigen, wie sehr er
seinen Sohn hasste ... d anach schickte er ihn direkt nach Askaban.«
»Er hat seinen eigenen Sohn den Dementoren ausgeliefert?«, fragte
Harry leise.
»Ja, allerdings«, sagte Sirius und wirkte nun keineswegs mehr amüsiert.
»Ich hab gesehen, wie ihn die Dementoren reinbrachten, ich hab sie
durch die Gitter meiner Zellentür genau beobachtet. Er konnte nicht älter

als neunzehn gewesen sein. Sie steckten ihn in eine Zelle in der Nähe
von meiner. Als es Nacht wurde, schrie er nach seiner Mutter. Nach ein
paar Tagen allerdings wurde er ruhiger ... irgendwann sind sie alle
verstummt ... nur hin und wieder schrien sie im Schlaf ...«
Für kurze Zeit war die Abgestumpftheit in Sirius' Blick deutlich wie nie
zu sehen, so als hätten sich Stahltüren hinter seinen Augen geschlossen.
»Also ist er imme r noch in Askaban?«, sagte Harry. »Nein«, sagte Sirius
matt. »Nein, er ist nicht mehr dort. Er starb, ungefähr ein Jahr nachdem
sie ihn eingeliefert hatten.« »Er ist gestorben?«
»Er war nicht der Einzige«, sagte Sirius bitter. »Die meisten dort drin
werden wahnsinnig und viele hören schließlich einfach auf zu essen. Sie
verlieren ihren Lebenswillen. Man wusste immer, wann einer sterben
würde, denn die Dementoren spürten es und wurden erregt. Dieser Junge
sah schon recht kränklich aus, als er eingeliefert wu rde. Da Crouch ein
wichtiger Mann im Ministerium war, durften er und seine Frau ihn am
Totenbett besuchen. Das war das letzte Mal, dass ich Barty Crouch
gesehen hab; er musste seine Frau praktisch an meiner Zelle
vorbeitragen. Offenbar ist sie dann auch gestorben, kurz danach.
Verzweiflung. Sie ist dahingesiecht, genau wir ihr Junge. Crouch hat die
Leiche seines Sohnes nicht einmal abgeholt. Die Dementoren haben ihn
draußen vor der Festung begraben, ich hab sie dabei beobachtet.«
Sirius warf das Brotstück, das er gerade zum Mund gehoben hatte,
beiseite, setzte die Flasche Kürbissaft an die Lippen und leerte sie in
schnellen Zügen.
»Der alte Crouch hat also alles verloren, genau in dem Augenblick, da er
glaubte, es endlich geschafft zu haben«, fuhr er fort un d wischte sich mit
dem Handrücken über den Mund. »Da ist er ein Held, drauf und dran,
Zaubereiminister zu werden ... kurz darauf stirbt sein Sohn, stirbt seine
Frau, der gute Name gerät in Verruf, und wie ich seit meiner Flucht
gehört habe, hat auch seine Beliebtheit rapide abgenommen. Als der
Junge schließlich tot war, empfanden die Leute ein wenig mehr
Mitgefühl für ihn und fingen an zu fragen, wie ein junger Bursche aus
einer angesehenen Familie auf solche Abwege geraten konnte. So konnte
Cornelius Fudge den Chefposten erobern und Crouch hat man in die
Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit abgeschoben.«
Ein langes Schweigen trat ein. Harry rief sich in Erinnerung, wie

Crouchs Augen hervorgequollen waren, als er auf seine ungehorsame
Hauselfe hinabgesehen hatte. Das musste der Grund sein, weshalb
Crouch so überzogen streng reagiert hatte, nachdem sie Winky im Wald
unter dem Dunklen Mal gefunden hatten. Der Vorfall hatte ihn an seinen
Sohn erinnert, an den alten Skandal und seinen Gesichtsverlust im
Ministerium.
»Moody behauptet, Crouch sei davon besessen, schwarze Magier zu
fangen«, bemerkte Harry.
»Ja, wie ich höre, ist es bei ihm fast ein Wahn geworden«, sagte Sirius.
»Wenn du mich fragst, glaubt er immer noch, er könnte seine frühere
Beliebtheit bei den Leuten zurückgewinnen, wenn er nur wieder einen
Todesser fängt.«
»Und er hat sich in Hogwarts eingeschlichen und Snapes Büro
durchsucht!«, sagte Ron und versetzte Hermine einen triumphierenden
Blick.
»Ja, und das ergibt überhaupt keinen Sinn«, entgegnete Sirius.
»Tut es sehr wohl!«, sagte Ron aufgeregt.
Doch Sirius schüttelte den Kopf. »Hör zu, wenn Crouch Snape
nachspüren will, warum kommt er dann nicht als Richter zum Turnier?
Das wäre doch die beste Begründung dafür, Hogwarts reg elmäßige
Besuche abzustatten und ihn im Auge zu behalten.«
»Dann glaubst du auch, dass Snape irgendwas ausheckt?«, fragte Harry,
doch Hermine redete dazwischen.
»Hör mal, egal was du sagst, Dumbledore jedenfalls vertraut Snape – «
»Nun lass das doch, Hermin e«, sagte Ron ungeduldig. »Natürlich weiß
ich, dass Dumbledore ein brillanter Kopf ist und so weiter, aber das heißt
nicht, dass ein wirklich gerissener schwarzer Magier ihn nicht täuschen
könnte –«
»Und warum hat dann Snape Harry im ersten Schuljahr das L eben
gerettet? Warum hat er ihn nicht einfach sterben lassen?«
»Keine Ahnung – vielleicht dachte er, Dumbledore würde ihn
rauswerfen –«
»Was meinst du, Sirius?«, sagte Harry laut. Ron und Hermine hörten auf
sich zu kabbeln und lauschten.
»Bei dem, was ihr beide sagt, ist wohl jeweils was Wahres dran«, sagte
Sirius und sah Ron und Hermine nachdenklich an. »Seit ich

rausgefunden habe, dass Snape hier unterrichtet, frage ich mich, warum
Dumbledore ihn eingestellt hat. Die dunklen Künste haben Snape immer
schon fasziniert, in der Schule wusste das jeder. Ein schleimiger, öliger,
fetthaariger Bengel war er«, fügte Sirius hinzu, und Harry und Ron
grinsten sich an. »Als Snape in die Schule kam, beherrschte er mehr
Flüche als die Hälfte der Schüler im siebten Jahr, und er gehörte zu einer
Bande von Slytherins, die sich später fast alle als Todesser erwiesen.«
Sirius hielt die Finger in die Höhe und begann Namen abzuzählen.
»Rosier und Wilkes – beide wurden ein Jahr vor Voldemorts Sturz von
Auroren getötet. Die Lestranges – ein Ehepaar – sitzen in Askaban.
Avery – wie ich höre, hat er sich aus der Schlinge gezogen, indem er
behauptete, er habe unter dem Einfluss des Imperius -Fluchs gehandelt –
er ist noch auf freiem Fuß. Doch soweit ich weiß, wurde Snape nie
beschuldig t, ein Todesser zu sein – aber das heißt natürlich nicht viel.
Viele von ihnen wurden nie gefasst. Und Snape ist sicher klug und
gerissen genug, nicht in irgendwelche Schwierigkeiten hineinzutappen.«
»Snape kennt Karkaroff ziemlich gut, aber das will er un ter der Decke
halten«, sagte Ron.
»Jaah, du hättest Snapes Gesicht sehen sollen, als er gestern in
Zaubertränke aufgetaucht ist!«, fügte Harry rasch hinzu. »Karkaroff
wollte mit Snape reden, er behauptete, Snape sei ihm aus dem Weg
gegangen. Er sah jedenfa lls ziemlich panisch aus. Dann hat er Snape
etwas auf seinem Arm gezeigt, aber ich konnte nicht sehen, was es war.«
»Er hat Snape etwas auf seinem Arm gezeigt?«, fragte Sirius
offensichtlich verblüfft. Nachdenklich fuhr er sich mit den Fingern durch
sein v erschmutztes Haar, dann zuckte er die Achseln. »Ich hab keine
Ahnung, was das bedeuten soll ... aber wenn Karkaroff aufrichtig besorgt
ist und er zu Snape geht, um sich Rat zu holen ...«
Sirius starrte auf die Höhlenwand, dann zog er eine verdrießliche
Gri masse. »Es bleibt dabei, Dumbledore vertraut Snape, und ich weiß,
dass Dumbledore noch vertrauensselig ist, wo andere längst misstrauisch
sind, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er Snape in
Hogwarts unterrichten ließe, wenn Snape je für Vold emort gearbeitet
hätte.«
»Warum sind Moody und Crouch dann so scharf darauf, Snapes Büro zu
durchsuchen?«, bohrte Ron nach.

»Na ja«, sagte Sirius bedächtig, »ich würde es Mad-Eye durchaus
zutrauen, dass er sämtliche Lehrerbüros durchsucht hat, als er nach
Hogwarts kam. Er nimmt die Verteidigung gegen die dunklen Künste
schon sehr ernst, der gute Moody. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er
überhaupt jemandem vertraut, und nach allem, was er erlebt hat, wundert
mich das nicht. Eins halte ich Moody jedoch zugut e, er hat nie getötet,
wenn es sich vermeiden ließ. Hat die Leute immer lebend abgeliefert. Er
war hart, aber er hat nie die Mittel der Todesser angewandt. Crouch
jedoch ... ist ein anderer Typ ... ist er wirklich krank? Wenn das stimmt,
warum hat er sich dann aufgerafft und sich in Snapes Büro geschleppt?
Und wenn nicht ... was hat er vor? Was war denn so wichtig, dass er bei
der Weltmeisterschaft nicht in die Ehrenloge kommen konnte? Was hat
er getrieben, während er als Richter beim Turnier gebraucht wurd e?«
Sirius, den Blick immer noch starr auf die Höhlenwand gerichtet, verfiel
in Schweigen. Seidenschnabel scharrte auf dem steinigen Boden nach
Knochen, die er vielleicht übersehen hatte.
Schließlich blickte Sirius zu Ron auf. »Du sagst, dein Bruder ist Cr ouchs
persönlicher Assistent? Vielleicht könntest du ihn fragen, ob er Crouch
in letzter Zeit gesehen hat?«
»Ich kann's versuchen«, sagte Ron mit zweifelnder Miene. »Sollte aber
möglichst nicht so klingen, als würde ich vermuten, Crouch würde
irgendein fau les Ei ausbrüten. Percy liegt Crouch zu Füßen.«
»Und wenn du schon dabei bist, könntest du versuchen herauszufinden,
ob sie irgendeine Spur von Bertha Jorkins gefunden haben«, setzte Sirius
hinzu und deutete auf die andere Ausgabe des Tagespropheten.
»Bagm an hat mir gesagt, dass sie immer noch im Dunkeln tappen«, sagte
Harry.
»Ja, er wird in diesem Artikel hier zitiert«, sagte Sirius mit einem
Kopfnicken zur Zeitung hin. »Lästert über Berthas schlechtes
Gedächtnis. Vielleicht hat sie sich seit damals veränd ert, aber die Bertha,
die ich kannte, war überhaupt nicht vergesslich – ganz im Gegenteil. Sie
war kein großes Licht, aber sie hatte ein glänzendes Gedächtnis für
Klatsch und Tratsch. Hat sich damals regelmäßig in große
Schwierigkeiten gebracht, weil sie n ie wusste, wann es besser war, den
Mund zu halten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie für das
Zaubereiministerium eine ziemliche Belastung war ... vielleicht hat sich

Bagman deshalb so lange nicht darum geschert, sie suchen zu lassen ...«
Sirius ließ einen mächtigen Seufzer hören und rieb sich die dunkel
umringten Augen. »Wie spät ist es?«
Harry sah auf die Uhr, dann fiel ihm ein, dass sie nicht mehr ging, seit
sie eine Stunde unter Wasser gewesen war. »Es ist halb vier«, sagte
Hermine.
»Ihr geht jetzt am besten zurück in die Schule«, sagte Sirius und erhob
sich. »Und hört mal ...«, er sah Harry besonders eindringlich an – »ich
will nicht, dass ihr euch allzu oft aus der Schule schleicht, um mich zu
besuchen, verstanden? Schickt mir einfach Nachrichten hier hoch. Ich
will weiterhin von allen merkwürdigen Vorfällen erfahren. Aber ihr
solltet Hogwarts nicht ohne Erlaubnis verlassen, das wäre die beste
Gelegenheit für jemanden, euch anzugreifen.«
»Bisher hat keiner versucht mich anzugreifen, auß er einem Drachen und
einer Hand voll Grindelohs«, sagte Harry.
Doch Sirius sah ihn stirnrunzelnd an. »Das hat nichts zu sagen ... ich
werd erst aufatmen können, wenn dieses Turnier vorbei ist, und das ist
erst im Juni. Und übrigens, wenn ihr unter euch übe r mich redet, dann
nennt mich Schnuffel, ja?«
Er reichte Harry das leere Serviettenbündel und die Flasche und ging
nach hinten, um sich mit einem Tätscheln von Seidenschnabel zu
verabschieden. »Ich lauf mit euch bis