Stern-Nr-30-20ter-Juli-2000-Gespräch-mit-Angela-Merkel

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,Das ell i't
Von AR 0 tulK und 0tAF Hllt{E (totos)
Die Steuerreform? ,,Der Kampf
ist noch nicht entschieden", sagt
Angela Merkel. Die CDU? Gedemütigt, aber:
.Wir machen Rot Grün wieder Dampfl"
Seit loo Tagen ist sie Chefin der CDU:
,,Ein Vorsitzender ist immer ein Vorsitzender
auf Abruf." Ballett-Tänzerin wolite sie
mal werden, lebte in besetzten Häusern, war
Mitglied eines Vereins, der ,,standhafte
Kämpfer" für den Kommunismus erzog.
,,Es ist nicht schlimm, ein Rätsel zu sein", meint
Ansela Merkel. Und sie weiß auch noch das:
,,JIenr.cr pogxJrcfi e 22-oro anpeJr.fi
1870 ro4y B ropo4e Yß,srroecr"x
Frau Me*el, dl€ €lnen verspötteln Sie
als,,bieder",,,m.usgrau",,,trantütig" gar.
Ander€ bejubeln Sie als ,,blltzg€schelt",
,,selbstbewusst", sogat öls "überheblich". Iö 6nde es nicht sd ilrlm, ein Rätsel zu sein.
Das erh:ilt die Spannung.
AbGr wea, zum Teutel, sind 5i€ nu.?
Moment. Ich habe viele Facetten - wie jeder
Mensch. Es verblüft mich imme. wiede., mit
welcher Schneligkeit abscbließende Urteile
geäilt werden. Und nocb rnehr 1€rblüfft
mich, mit w€lcher Selbst exst?indlichl€it
toumalistetr n.n€hmal die Urteile von€inan-
der abschreiben - oft ohne mit mir zu spre-
chen. Dann gibt es wichtige E eignisse, ünd
plötzlich Lat man €h ander€s Image. Gest€m
war ich mausgrau, plötzlicL bin i.h brutal
ünd herdos. Und morgeD ? l'{anchmal denke
ich, vie eicht runden sich aI diese Sichtwei
sen irgendwann zu ein€m Gesamtbüd.
lv€r.lso sind Sie?
lch bin ein Mensch. Eine Frau. 46 lalEe a1t. ln-
tercssant turde i€h, dass die Distanz zwischen
dem eigenen wunschbiid ünd de'n Erleben
der eisenen Persoü immer geringer wild.
Sl€ slnd mit slch elnverstanden?
Ich bitr auf gutem Weg. Mit sich selbst lri€-
den z1l schließen, das isi ja ein l€beDslang€r
Proz.ess, aber ich finde den Vorgang interes
saDt. Man hati:e ja als Kind so ldeale. Ich + ' ldin mrde am ,. April 1370 in lrljaldwk geboEn.
srrxN ro/:ooo 41

t;'

woli€ mal Eiskunsdäüferin werden. oder
auch Ba1ett-Tünzerin.
Sie waren doch, O-Ton Me*el, eln ,,Bewe-
gungsldiot"-
Ia ebenlAb€r da war die Sehnsucht nach ge
nau dem, was i.h eben nich! konnte oder
nicht hatte. Ich woltte dickere Ha3re. lch woll-
te blass nussehen, das wd füi mich wrnder
bar, denn ich hatte irnrn€r so rote Wangen I
und mitlünf Jahren konnten Sie noclr k€F
nen B€rg runte.gehen.
Man musste mir das rational erklären. Ich
hätte dä Angst. Mein Vater musste mir sasen,
lras ich tun muss: ,,Dü m1list ein Bein vorset-
zen urd noch ein 3ein, und wenn es zu steil
wird, dann nusst du die Fe߀ aufs€tzell lch
bab das brav nachgernachr ut}d dann ging es.
Dann'!var die Angst weg.
In €in€m sind sich .lle elnlg: sie haben
€lnen stärken lvillen, Sle sind ehrg€lzlg,
Was soli ich dazu sagen? Mir Sicherheit bin
ich nichr unehigeizig. Sonst hätte ich mir ei-
nen mderen iob aurgesucht, wo i€h am Frei
tag um 14 Uhr zu riause und nicht mit lhnetr
ulrich Merk€|, lhr erster Männ, hat Sie so
b€schrieben: "sie ist €lne Kämpfernatur."
lst doch nicht schlimm, oder? Ich empfinde
das als ein Komplimenr. Iin Politiker muss
machtbewusst sein. Er muss ehrgeizig sein. Er
nuss sich selber €twas abvedangen können.
Und €r muss kämpfen könn€n?
Ich glaube, dass ich känpfetr kanr), aber
ich gehe nicht jedo Kampfein. Ist der Kampf
erfolsversprechend? R€ichen die Kräfte?
Man kann nicht an allen lronten gleichzeitjg
kaimpfen. Müche Kämpf€ muss me delegi€-
ren, mche mus man verschieben.
Aber Mltte D€zember 1999 wussten Si€:
Jetzt muss ich den Brief in der ,,FAZ"
schreib€n t|nd dle CDU autfodem, slch von
Kohl :u lösen. Da wulsten Sle; J€tzt kann
ich d.n Kampl fijhren !
NichL kdn. Sofldern: muss I Um der Zulunft
der CDU wilen.
W.ren Sl€ b€lm schreiben d.s Brlets auf-
geregt ?
Ersrens war €s k€in Brief, sondern ein Aufsatz,
zweitens haben Sie einen Hang zum Theatra-
lch bitle Sie: Mit di€sem Schreiben legten
sie sich mit dem Übe.väterd€r CDU an. So
etwös macht man nichtjeden Tag.
Nein, Zuerst odn€t man da seine Gedanken.
Dann riqt man mit sich, ob man es macht
od€r nicht. Die Hnderyhase. und dann ;st es
Ein Beln vor, noch ein aein vor - es lst wl€
beim Berg-Runt€rgehen.
Wern nlan sich entschiedo hat, ist es durch.
Dann isi s ein Point aufno return, ünd dann
ist es gut.
Eg.l, wl€ Sie sich müh€n: sie häb€n k6ine
Cbance, Si. sind eine VoEltzende aüf ab-
ruf, lhr älter polltlscher Ziehvater zi€ht
welterhln dle Fäden und.-.
Moment, ein Vorsitz€nder ist iDmer ein Yor-
sitzender auf Zeit, auf Abnf Ich habe ein
schönes Ämt in einer schwierigen Zeit. l€h
muss mi€h bewähren. Die Ameril..aftr wür
den es "chall€nse'nennen, ünd ich n€hme die
sie steh€n aut der Kommandobrücke elnes
Tankers, und vorn am Bug brennt €s. sie
s€hen Llut€ rumrennen, aber Si. vvissen
nicht, ob dlo yrirklich lösch€n od.r 0l ins
Feuer gieDen. Es ist nur eine Fr.ge dea
Zeit, bis lhn€n der Laden um di€ Ohren
fliegt.
Das slaube ich ni€ht. lch habe e;nen guten
Überblick über den Laden, und der fliegr uns
nicht um die Ohren. Im Gegenteil, er macht
Ror-Grün wieder Dampf. pie Reglerung Schröd€r hat Sle mlt de.
Steüerr€form elegönt aufs Kreuz g€l€gt.
Nä ja. Unsü Weg in der sache r':I richtig. An
den Nachbessdrngen sehen Sie ja, dass die
Resieruq die schwächen ihier Reform kam-
ie. Ietzt trägt sie in vielen T€ilen die Hand
schrift der Union.
Doch .usg€knockt llegt lhr Fraktionschef
Frledrlch Merz da.
Idedrich Merz ist ein guts Fraktionsvor-
sitzender. Um in der Boxersprache zu blei-
ben: Die anderen haben einen Punk ge-
macht. Aber der Kampf ist noch lange nicht
lrnd der wird hart - auch parteiinte.n. lm
Bundestag 5itzt Helmut Kohl, seine Ge-
treuen kommen zu ihm, str€icheln ihn, be-
rühred ihn, tuscheln mit ihm, Das sind
doch Machtdemonstratlonen g€g€n Si€.
was ? sie brauchen gar nicht so eine dnmati-
sche Sprache zu wäbien. Die Sache ist nämli.h
sehr nüchtern snd sacHich a sehen: Die CDU
ist in einer Umbruclphase. Und die politische
Zukunft dieser Partei wird Dicht me}l] von
Helmtt Kohl bestimmt. Sondem von der neu
en Parteituhrung. Aber die Zukurft wird auch
dadurch beslinmt, wie sich die Psrt€i zu ihrer
Vergangenheit BhäIr. Wir müssen dä eine
gerechte Bedeilung hinbekoinn1en-
Nach all d€m, was über die CDU heraus-
kam, den Lügereien, Betrügerelen, d€n ver-
schwundenen, verlälsciten Akt€n,scbwar-
z€n Konten, Schwcizer Konten - würden
sle heill€ nochm.ls in dlc CDU €intreten?
la denn die CDU ist viel netjr als das, was Sie
hier aufzählen. lch geh€ heule meinen w€g,
so wie ich ihn gehe, weil ich überzeu$ bin,
dass die CDU sonst rur von b€s.immten Leu-
ren aufdie Feltler rduziert würde. Damit wir
aber auch über unsere kistungen sprechen
können, nenne ich auch di€ Fehier.
cab es in den letzten Monat€n Moment6,ln
d€nen Sie saglen: ,,verdammt ! was für
einer Partei gehöre ich bloß än?"
Nein.
Ach, kommen sle.
Es gab Stunden, da hat es mn die Sprache ver-
schlagen.
Glauben Sie,d3ss Helmut Kohl beim feier-
llchen Akt zur Wledervereinigung am 3.
Oktober in der.rsten Reihe sltzen wird ?
Wa rten Sie es ab. Aber sagen Sie mal, worüm
geht es ihnen €igendich ?
Es g€ht mir um sie.
la?
Ja, aber Hehut Kohlhat Siedochg.prägt.
Zu ein€m Teil sicherlich. Ich habe viel lon He.t-
mut Kohl gel€mt - die polilische lhurt€ilungs-
krafr das Gefühi Dnd das Gespür Rir polirische
Vorgainge, fit Mehheiten. Aber ich bin ich
üd gehe meinen W€g mit meinem Stil.
Sie w€rdenals Chefin nicht so dlkt.torisch
was heißt ,diktatorisch'? Di€se Fnge akzep-
tiere ich nicht bei einem demokratisch g€-
wilhlten Parteivorsitzenden, ob er Heimut
Kobl oder Merkel oder sotrst wie heißt. -t
Und luorgen ?"
srlnl :oi:ooo 43

Sie musen als Chef in den Ring. Sie müsso
{ehrheiten zusammenbringen. Was Helrnut
rohl richtigerweise - sonst kan jmand auch
mch Paneivorsitz€nder sein - nicht geduldet
har, ist persönliche I[oyalität. Eitr gesundes
lirsFau€.r gehört zur poütischen Aibeit.
Es lst ein härles ceschäft?
Sicherlich. Aber auch ein Langstre.kenlauf ist
ban. Mdager bei einen Goßunternebmetr ztr
5ein ist h:rt. In Pdteien geht es doch nicht an-
d€ß zu als üderswo. Politik ist natiltich harl,
$€nn man an der Spitz€ is! Dazu gehört auch
EinsamkeiL Nun können Sie fragen, warum
run sich Menschen da.l an ? WeiI es Spaß macht.
r il es eine Herausfo.derug ist- Ich würde
mal geftagt, was der entscheidende Unrerschied
g€enüber dem Leben in der DDR ist. In der
DDR war es fast unmöglich, seine rühigkeiten
aüsal]ebetr md an die eigenen Lebtungsgen-
uen zu stoßen. Aber daran habe ich Freude.
Die G.üne Antj€ Radcke hat d€n Drang in
di€ Politik mal so begründet: ,,Es m.cht
spap, wlchtiq 2u s.iD!"
Ich denle dcht darüber nach, ob es schon
ist, wichtig zu sein. Es ist schon,
o die eig€ren Leisrungsgrenzen
zu stoßen, und das heißt in der
Politik Mehrheiten gewirmen,
kain schoD wieder der Ni€dergang des zwei-
ten sein. ÄIes is. stinmungsabhälgig.
Der Joürnalist Rolf Zundel...
Ach, mein ers.es Weihnachtsbuch nach der
Wende war von Zundel. Es war interessan , es
ging üEr Politil( und Psychologie.
Er schrl€br,,Dle Potitik ist erbarmungslos,
sie deformiert alle meh. oder wenig€.."
Tja das Leben ist überhaüpt erbarnungslos,
und es defomiert jeden bis zum Tod.
Oas Leb€n ist Kampf?
In gewnser Weise, ja. Ich war bis 35 Physike
rin, ich irabe heute zehn tahre Bemfseräh
rung als Politikerin hinter mir. Aber was de-
formielt mehr ? Der Drang, immer neue wis
senschaftliche lrkenlltliise zu gewinnen ? Als
wisserschafrler großem Runrn nachzujäser ?
Und wie ist es bei den Managen internatio-
naler Konzeme ? Ich glaübe ni.ht, dass Politi
ker etwas Beso eres sind. Sie haben doch
imms die Chance, ihren eigenen Stil zu b€-
wahren und mit sich im R€inen a sein.
Und das sind Sie?
Ichdenkeja.
Si€ haben dle stellstG Kaftie.€ hingelegt in
der bundesdeutsahen Pa*olengeschichte.
clauben Sie das?
Ja. Und sind Si€ stolz.ufdas Erreichte?
lch bin verwundert. Lh nuss aber erst nal
überlegen, was das heißtr "steilste Karride".
Vo.zehn Jahr€n erst tr.len Sie in die CDU
Gut, äber ich habe zu viel zu tun, um stau-
nend dazustehen. Mein Weg ist wahrschein-
lich bemerke.swerl abe! cott sei Danl fül e
ich das nicht so.
Abe. manchmal, abends vor d€m Spieq€|,
d.nken Sie da nlcht: ,,Huch, wer hin lch?
Was häb€ lch q€sch€tft ?"
Nein, üir wird manchmal eher rndmib reeru
ich durch die welt sehe und a[ die Me$chen
nicht kenne, die mir begegnen und die mei-
nen a e, däss sie mich kennen, dass sie von
mir alles wissen. Das gibt nir ein Gefiihl
d€t Unbalarce. Ich habe aber gem Balarce.
Das beklemmt mich manchmal. Nirtunt mn
Sie st€h€n ünter ständlger Beobachtu.g,
werden seziert, ana{ysiert, interpretiert.
Ich bin vöIig überrascht, {€m ich rnal wäs
über mich lese, wo ich das Getubl habe Das
bin ich ! Das pässiert nicht oft. Marchmdl, sel-
ten, gibt es Porträts votr lounalisten, die ei
ftn sogar noch auf et@s b.tngen. Einff hat
nal geschrieben, ich sei eine wanderin Mi-
schen den welten lud dass i.h mi.h keiner
total vers€brieben hätte. Das ist ein interes-
santer Gedanke, dadn ist wohl ein bisschen
Wahrheit. Und das berühlt mich dann.
Kennen Sle elgentlich den Witz, der in POS-
Kreisen üb€. sie kursiert?
Nein.
,,Wenigstens ei.e von uns hat es g.-
schafftl"
Was ist daran der Witz?
Sie wären ia mal in de. FDJ, "der Kampf-
reseave def sED".
Ach so. la, das ist richtig, das ist Teü meines
Lebens. Aber der PDS-Wiiz zeigr doch rur,
dass diese Partei auch heute noch in der Kon-
tinuität der aiter Zeit steht, dchts dazulemt.
Sle hlng€gen haben lchnell g.lernt, Sle
sind nun Vo.sitzend. der CDU. tst doch
irgendwi€ wahnsinnig?
Das ist ein€ westdeutsche Sicht. Aus Ost-Sicht
isr das viei weriger beachtlich. wahnsinn ist
eher, dass der Kalte Kdeg überwunden, dass
die Mauer gefalen ist ! Die meisten Mitglieder
der CDU kommen im Llbrigar aus den alter
Bu esländern, und tur sie ist meine Bioga-
fie bis zum 3s. kbensjahr etwar Besonderes.
Deshalb muss ich mich viel stüker legitimie
ren, also immer wieder erzühlenr Ich bin in
Haroburg gebo.en, irn Osten aufgewachs€n,
wr in der FDl, habe denno€h keine lusend
weihe, sondern bewlrsst nur die Kontumati-
on. Daraufbin ich stolz. Dass ich heute Par
teirorsitzende bin, ist ein echtes Stück deüt-
scher linheit.
Elnen Gro9teil d.r CDu-G€schichte haben
Sie nicht peßönlich erl.bt. Wle haben Sie
sich die Geschicht€, den Jargon ange€ig-
net ? Büffelt man das alles wie eine Fremd-
Bei mü heißt es ja heute noch, d6s ich nicht
wie ein Politiker spreche. Ich spreche rneine
Sprach€, und ich kann auch arhören. Dabei
lerDe ich etwas, und ich denlc, man kann
auch etwrs von mir le.nen. Änsonst€n be-
korn.ne ich vi€l d ch Erzehlung€n mit,
durch das Beftagen von Leuten, Zeitungs
artikel. Wenn ds Kabinett etwaweihnachts-
essen hatte, dann habe ich einfach zugehölt.
Und das sind schon interessante ce- t
II
l-i zu Kenllen. Il.inrn, mlC

schichten, wie Strauß und KoH ihre früIen
Kämpfe ausgefochten haben. Dass ich ein€n
T€it der Geschichte nicht erlebt habe, hat
auch Vorteil€, man hat eine g!ößere Unbe-
fsngenheit. Auch einen ld&eretr Blick auf
rnanlhen wildwu€hs in Deuts€bland. Mit
d;ese. Unbetungenheit können Sie auch Din-
ge anders machen. Ich slaube zm Beispiel,
dais kaum jemand aus der CDU zu den
Kernlraftgegnern &ch corleben sefahren wäre wie ich, aus dem osten konrnend, ürn
mit ihnen tu diskutieren.
Frau Merkel, Si€ sind scho. ein bisschen
.nders als dle übllch€n Pol{tlker Sle sind
Olympiasiegerln und...
Ia, ich habe nal die Russtsch-o
npiade ge-
wonn€n. Das r?r 1970, ich ar in der 9. Klas-
se. Mit der Mamschaft useres Bezirks {är
ich bei der DDR-ot).rnpiad€ in B€rlin. Lenin
hatte gerade seiDer 100. Geburtstag, daar
musste man w:s schieiben, und die Lenin-
Biogra€e ajrf Russisch erz;ihlen: Jlenr,cr
po$ancs B 22-oro arlperrn 18?0 roAr B
ropoÄe yJt6arroBcK.
la, "Lenin vurde am 22. April 1870 in Ulja-
nowsk geboref Rusisch isi eine schöDe
sprache, ganz gefiihlvol, ein bisschen wie
{usik, ein bisschen melancholisch. Ich ha-
be inmer sehr gern Russisch gesprcchen.
Eirs der schönsten russisch€n Worte ist
reptreE{e, uld es kliDgt wie das, was es
heißr Leidensfühigkeit. Ni€ht so zu sein wie (iI, sich auftulehnen und zu rebelieren, son-
dern die Dinge auch hinzunehnen und a
akzeptieren. Das schafft eine höhere Gelar-
s€nheit dem Lebetr gegenüber.
Die hätt€n Sie gern.
Der cedar*e gefüilt mir, wahrscheinlich w€-
gen meiner Unnihigkeit, s€lber o zu leben.
Sie haben geschafft, was deln Osten im
lGlten Krieg mit dem Westen nl€ gelöng,
obyrohl es Erich Honecker so verzweifelt
wollte: ,, Uberhol€n, ohne elnzuhol6n!"
Na gut, ich hale durch die deutsche Einheit
einfach unneirnlich6 Glück g€habt
Ultlch Scho€teicb, der SPD-Bürgermeister
lhres Heimato*€s Templin, ist sehr stllz
aul Sie, denn lhr E.folg zeige,,,dass wlr im
Osten nlcht nu. das grün€ Männ€hen auf
la, das stimmt. Ich bin eine Projektionsfläche,
kld, natürlich, filI viele Menschen aus den
neuen Bllndedändern. Es sibt ja nicht so vie-
1e, die an die Spitze gekommen sind.
Si€ sind nun sogar, lobt die ,,FAZ", eine
,,Lichtgestalt": Kein anderer h:itte die CDU
.,"lch u'olite
.,so schnellaus dem tleten Schatt€n vrieder
ans Licht bringen können".
Na ja.
So nüchtern sehen Sl€ das? Sogar einem
Helne. Gclßle. wird es ganz elegisch bel lh-
nen. Sie selen ,.elne herbe Schönhelt" mit
,,m€lancholischem Blick in einem zuweil€n
von Traurlgkeit umflorten cesicht".
Ich sehe aüs, w;e ich aussehe, und fertig.
Waren Sle €lgentllch g€rn eir Mädchen?
la, ich hatte ein€ schön€ Kindh€ir. Das wird ia im wesren oft übersehen. dars das Leben in
der DDR nicht fl]r aus Politik besland. Die
Uckermark als Landschaft ist wüderschön,
wii sind im Wald rumgerannt, hab€n Blau-
beeren gepflückt, Pilze gesamelt. Lh hatte
mein Gdtetrstüci., im Sommer bin ich jedetr
Tag baden gefaiüen. Abends auf dern See
schwimmen war schön. Weihnachtslieder sin
geD mit Echo. Lh habe viel mit russischen
Soldaten gepiaudert, weil bei uns ja doppelt so
viele RNetr im wald waren wie Dertsche.
lhr Eltem wären nicht seh. str€ng ?
Ia und nein. Es war ein se}]] geregeltes ElterD
haus. Aber es l% auch ein sebr offenes Haus,
wir hab€n viel diskutiefi- Mein Vat€r hatt€
eine klare Meitrug. Er ist sehr gründlich, ich
bh ein bisschen ptuschig. Das h"t mir
nanchnal als Kind Pein bereitet, aber daiaus
habe ich natüüch auch was gelemr. Ich düf-
te de auf dem Moped mi&lrcn. Ddunter
habe ich gelitten. Und ich musste beizeiten
ar Hause sein. Aber m;t r8 wurde es mir zu
eng in der Kl€instadt. So ab der zehnten
Klasse bin ich immer auf Toür geganger
Pia& Budapest, Bukarest, Sofia. Meist sind
wir mit dem Zug sefahren, haben wild gezel
tet, sindmit d€m Rucksackins cebirye. 1986
war ich in Arm€nien, Aserbaidschan, 6eor,
gien. Da war i€h mit zwei Freunden, wir sind
geuamPL
Das wa. eine gute z€it ?
ta, von 16 bis 26 war €s in Or&run& ab€r dann
hatte nan alles durö, nuf und runter. Und
dann finden Sie es zunehn€nd dümm, dass
man nur30 Mark PIo Tag umtauschen dari In
Budapest hat der Cmpingplatz schon 20 Maik
gekost€t, und dann mussG man ngendwie se-
hen, dass man zur Suppe noch ein bireü€n Sa
Iat kiegt. Irgendwann reichte es. hgeIdwann
hatte nun es auch satt, mit Konservenbüchsen
im Rucksack duch di€ wdt zu reiser
Wie slnd Sie erzogen words!?
Ma! hat mir wie Millionen anderer Kinder
beigebnchr dass man zu Ende briigt, Ms lrm
elnrngt. Es ltr auch so, dass neine Mu.t€r oft
sagte "Ihr seid Pfanerskinder I Ihr mii$t im-
mer noch etwai besse! s€in als die anderen:
lJnd am Mittagslisch wurde geb€tet ?
ta, sicher. Ich bin auch zur Cbristenlehre se- gangen, zum Gottesdienst, und ich habe mir
wie ale di€ Frage nach cott gestellr
Glaube - ist das äuch h€ute tür Si€ noch
vrichtig?
la. Wa.um schauen Sie jerzt so skeptisch? Der
Mensch ist nicht die l€tzte Instanz" ünd das,
tnde i.b ist etwas sehr Erleichtemdes, auch
für die Politik Dass man FeNer machen
kain, dass man irrt, dass nlan si€h nicht
überhöht, dass es Gemeinschaften gibt, die
das Gleicb€ glauben, ohne däss mal} dch stän
dig .echdertigen muss. Und der christliche
Glaube ist eine Sicht aufs Leben, die darin be
steht, dass man sich nicht als das Wichtigste
nimmt. Es hat auch etwas mit Vergebung zu
tun, damit, dass der Mens€h ein Sünder ist.
Sie sind währschelnllch dl€ eßt€ Partei-
vorsitzend€ d€r CDU, womöglich das eln-
zlge Mltglle.l d€r CDU, das je in €in€r be.
set*en Wohnting gelebt h.t.
Das nag sein, des weiß i€h ni.ht.
Aber geräumt wo.den slnd Sie nicht?
N€in, dern bin ich knapp ertsanseL Aber ich
w3r unheimlich froh, in Berlin in den 80er
tahr€n eine wohnuns setunden zu haben.
Und dann, Sie w.ren 30 Jahre alt, kam lhr
Vater zu Besuch und sägl€: ,,Weit h€st du
es noch nicht gebr.cht !"
la, ich best?itiBe die Richtigkeit des Zitats. Ich
war gerade mgezogen in eine nicht lega- -t
ci
46 srrRN ro/,ooo

,,5t-h, t-''-:ü,f ll:ii rinr-
ESn-FrEn-til
Er denkt nicht zu Ende"
le Wohnung, die war in keinem guten Zu-
Wi€ wat das für Sie, als die Mauer fi€l ?
wunderbar. Ich war in der Sauna. Da bin ich
immer donne.stags hingegmgen mit Freun
dinnen, im Th?ibnann-Park hier in BerLin.
Und dann horte i.h die Pressekonferenz von
SchabowsK und nach der Sama bin ich dam
zur Bornholmer Straße und bin rüber. Mit
meiner Mutter hatte ich mi. ime! ausge
malt, (äs wir als Erstes machen wüden: ins
Kempinski gehen, Aust€rn essen. Aber da wa
ren wir bis heute nicht. lch habe bis jeizt noch
keine einzige Auster gegessen I
Aber in der DDR hatten Sie kelner Dlssl-
denteng.uppe ang€hört ?
Ich hane Mühe mit deren Stil. Ich hab€ Balt
ro gelesen, Solschentln, und mic! mit
lreuden darüber unterhalten. Im Blick zu-
.uck 1vürde ich sagen: zu altematiu
Loth.r de Malziöre hat Siedäm.ls so€mp-
lunden: Typ Studentin, selbstgeschnltte-
ner Bublkopf, Jes6letschen.
an kain wnklich nicht sägen, dass ich nur
bieder war ünd zwischen cümlnibam und
Robotron'Iemseher lebend nich abends nicht
aui dern Hans bsregt hätt€. Es hat mich faszi-
nielt. was passiert ist. Ich bin zu Räiner Eppel
mann gegangen, ud wenn der Stefan Heym
gelesen hat, dann bin ich da hin. Aber mich hat
das zu lange Disl'utieren gestdrr lch hatte mit
dem Sozialismus abseschlossen. Diese Mi,
schEg aus AlternatMtät und einer anderen
Form von Sozilismus hat mich nicht gerejzt.
Aber Si€ härtten doch, wie Kohl sagen wür-
de, ein ,,5o2" w€rd€n können.
Nein. Quatlch ! Ich bin ein setu individualis
tischer T}?, ich mag das Kolektivistische
nicht. Ich habe mir ja die SPD angeschaut tnit
meinem damaligen Chef Er ist dam sleich dort geblieben. I! ist heute der Bürgermeister
von Köpenick. SPD? Neinl Ftu mich Mr das
nichts. Ich bitr dann weit€r zün1 Demokrati-
scher Aufbruch. Das hatte e6gas s€tu Unko-
ordiniertes, das hat mir getrlen. Dä stoden
unausg€packte Computer rw.
Da wurden slc gebröucht?
Ich mrde gebraucht urd hab zugepackt. Und
die Ziele d€s demokratischen Au{bruchs - die
Einnek, W:ihrugsunion, soziale Ma*twin-
schaft: Das hat mil gut gefaleD.
Lothar de Maiziöre meint, Sie wäreh durch
Zütall in der cDU gelardet.
48 s rr:rx ;oru ooo
Das kam Lothar de Maiziare nichr einschäüen.
lYohln wollen Si€ die CDU lühren? Sle slnd
die Chefin, Sie hab€n d.s letzt€ Wort.
ich kenne den Pu.kt, dais in b€stinmten Fm-
gen die Chefs das letzte Wolt haben. Ich war
sieben Janre Ldndesvorsitzende, war Ministe-
rin. Ierzt so eine gioße, budesweite Volks,
partei zu fütuen, ist eine neue Aufgabe.
Und das Zi€l ist klar: Sie wollen an die
Macht.
Ich wi[, dass die CDU 2002 die Regierung
übemimmt, rurd sie dzu inhaldich voranbrin
gen. Wa5 zum Beispiel ilt die Aufgabe der CDU
nacb der Beodigug des Kalt€n Iciegs ? Nach-
dem die crünen die Nato äne*lmt haben?
Mit der deutschen Einheit hat sich die gaize
Na€hkiegso.dnung verändert. Und ich möch
te, mit den alten Werten lom drisdichen
ANGELA MERKEL
PRrvAlEs Geboren am 17. JuIi 1954
in IIanbuW außewaclsm in Te1npA11
(DDR), vlo ihr vnter Pfaier war.
Studiefte Phys* und prcmo1/iette
üb er Eleme nt arreaktiofl en.
KARR I ERE osT Sre üt ifl der Irl
(sie sagt: ah Kultuünktionö*x
andete sagen: als Sekretarin ful Agitation uüL Pßpaganda). Nach
dem Fa der Ma er: Engageneft in
Demokmtirchen AulbtlßlL ne ret
tetende Sprechein det Regierung
de Maiziarc-
KARRIERE CESAll|T I99,14e,I'J,/'
Merkel zw CDU, konnt in dm
Bundestag. Helm t Kohl (Yeftragen
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Genenlsekretiiti set Aem n. Apd
eßte Flau an dd Spitze der CDU.
Nein' dem würde e! genauso widersprechen
wie ich. Schröder hat eine große Schwäche. Ei
denk nicht zu Ende. E! interessielt sich ei
gentlich tur die Sachen nicht. Das ist sein gaM
großes Manko. Er ist ein Argenblicksnensch.
Aberdas ist doch eine Vision, die Sietrelht:
Die €rste Känzlerln der Bundesrepublik
Deutschländ zu sein.
Mir wurde schor gesagt ich kitte keine rich-
tigen Visionen. Das ist walrlich keine. Sie ha
b€n lhr Gespräch damit begonnen, dass ich
zum Scheited veru$eilt bin. Es gehi schneu
bei Ihnen: tetzt fragen Sie mich nach der Kanz
ierschaft, sehen Sie mich ais (anzleri.n.
Und Sie? Als w.s sehen Si€ sich?
Ich bin Parteivorsitzende, bin gerade mal hun-
dert Tage im Amt. Darauf konantriere ich
nich. lch habe das letzt€ Wort, Sie nun die
letzte liage.
l{ös werden Sie dereirst dem alten Mann da
ob€n sagen, wenn er Sle fr6gt, wEs Sie Gut€s
lür die Merschen getan haben?
tch bin noch:richt so weil, dass ich mich nit
solchen Gedanlen beschäftise. Ich weß ruch
licht, ob der Liebe cott so fragt- Ich habe
gende die Mitte mein€s Lebens erreicht. Ich
hab€ in der DDR selebr, ich lebe mein Le
ben jetzt im geeinten Deutschlad. lch habe
gute Sachen g€macht:
Ich war eine ordendiche
zweire Regierungsspre-
cherin, ich habe den
Rechtsanspruch auf ei
nen Kindergartenplatz
eingetuhrt, eine schöne
Klimakoderenz in Berlin
geführt. In einer ent-
scheide en Phase der
CDU habe ich ni€ht Un-
wichtiges getan. Und pri-
vat bin ich geborgen.
Und das ist doch in ord-
nuig, dass nm ab und
zu einen kleinen Stein
g€setzt hat. Sie können
doch dchi ewig aufÄch'
se sein, und zum Scbluss
blicken Sie zurück und
fragen: was habe ich ei
gendich gemacht?
lhr Kolleg€ Edmund
Stolber hat aüch fürs
Jenseits qrope Pläne.
Er möcht€ dort oben
Karl Marx haqen, ob
ihm eigentlich kl.r sel,
,;rvas er mll selner ldeo-
logi€ alles anq€richt€t
hat".
!ü! den Himmel habe
ich keine PLi!€. Ich wil
da oben meine t? Ruhe. Sonst nichrs. ZJ
Menschenbild Nd Mse
rem Verständnis von
Freiheit und Gerechtig-
keit, von SolidaJität, A!t-
worren auf di€ zukünfti-
gen lragen tndo.
Da9 slnd Schlögrvorte.
Vielleicllt fir. Sie, aber
sie umschreibo d;e
Aufgabe, deudich zu
machen, 'vas soziale
Marktwirlschaft lnter
intelnational€n Markt-
bedingungen bedeutet.
Glauben Sle, da5s dle
l{€lt g€re€ht€r wird?
Ich habe nichr dieses
determinisrische Ge-
schichtiverständni!, nach
dem sich die Menschheit
in einer st?indigen Hö
hereff {'icklungsspirale
be6ndet. lch slaube, dass
die welt sich miniert,
wenn sie €s nicht schafft,
nit den großen sozialen
Unterschied€n fertig zü
So ähnllch würd€ €s
Kärzler Schröder auch
sagen. Und d.s ist doch
lhr Problem: Überöll wo
Sie hinwollen, sltzt er
schon - und macht
quasi CDu-Potitik.
Aschenputtel
mit Kohlscher
Machtlust