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Vom Unterschied zwischen Waffenstillstand und Frieden —

Der Waschsaal als Frisiersalon — Das doppelte Lottchen —

Trude kriegt eine Ohrfeige — Der Fotograf Eipeldauer und

die Förstersfrau — Meine Mutti, unsere Mutti — Sogar

Fräulein Ulrike hat etwas geahnt

Besaß der Waffenstillstand zwischen den zweien Wert und

Dauer? Obwohl er ohne Verhandlungen und Worte geschlossen

worden war? Ich möcht's schon glauben. Aber vom

Waffenstillstand zum Frieden ist ein weiter Weg. Auch bei

Kindern. Oder?

Sie wagten einander nicht anzusehen, als sie am nächsten

Morgen aufwachten, als sie dann in ihren weißen, langen

Nachthemden in den Waschsaal liefen, als sie sich, Schrank

an Schrank, anzogen, als sie, Stuhl an Stuhl, beim Milchfrühstück

saßen, und auch nicht, als sie nebeneinander, Lieder

singend, am See entlangliefen und später mit den Helferinnen

Reigen tanzten und Blumenkränze flochten. Ein einziges

Mal kreuzten sich ihre raschen, huschenden Blicke, doch dann

waren sie auch schon wieder erschrocken voneinander weggeglitten.

Jetzt sitzt Fräulein Ulrike in der Wiese und liest einen

wunderbaren Roman, in dem auf jeder Seite von Liebe die

Rede ist. Manchmal läßt sie das Buch sinken und denkt an

Herrn Rademacher, den Diplomingenieur, der bei ihrer

Tante zur Untermiete wohnt. Rudolf heißt er. Ach, Rudolf!

Luise spielt indessen mit ihren Freundinnen Völkerball.

Aber sie ist nicht recht bei der Sache. Oft schaut sie sich um,

als suche sie jemanden und könne ihn nicht finden.

Trude fragt: »Wann beißt du denn nun endlich der Neuen

die Nase ab, hm?«

»Sei nicht so blöd!« sagt Luise.

Christine blickt sie überrascht an. »Nanu! Ich denke, du

hast eine Wut auf sie?«

»Ich kann doch nicht jedem, auf den ich eine Wut habe,

die Nase abbeißen«, erklärt Luise kühl. Und sie setzt hinzu:

»Außerdem hab' ich gar keine Wut auf sie.«

»Aber gestern hattest du doch welche!« beharrt Steffie.

»Und was für eine Wut!« ergänzt Monika. »Beim Abendbrot

hast du sie unterm Tisch so gegen 's Schienbein getreten,

daß sie beinahe gebrüllt hätte!«

»Na also«, stellt Trude mit sichtlicher Genugtuung fest.

Luises Gefieder sträubt sich. »Wenn ihr nicht gleich aufhört

«, ruft sie zornig, »kriegt ihr auch eins ans Schienbein!«

Damit wendet sie sich um und rauscht davon.

»Die weiß nicht, was sie will«, meint Christine und zuckt

die Achseln.

1

Lotte sitzt, ein Blumenkränzchen auf den Zöpfen, allein

in der Wiese und ist damit beschäftigt, einen zweiten Kranz

zu winden. Da fällt ein Schatten über ihre Schürze. Sie

blickt auf.

Luise steht vor ihr und tritt, verlegen und unschlüssig, von

einem Bein aufs andere.

Lotte wagt ein schmales Lächeln. Kaum, daß man's sehen

kann. Eigentlich nur mit der Lupe.

Luise lächelt erleichtert zurück.

Lotte hält den Kranz, den sie eben gewunden hat, hoch

und fragt schüchtern: »Willst du ihn?«

Luise läßt sich auf die Knie nieder und sagt leidenschaftlich:

»Ja, aber nur, wenn du ihn mir aufsetzt!«

Lotte drückt ihr den Kranz in die Locken. Dann nickt sie

und fügt hinzu: »Schön!«

Nun sitzen also die beiden ähnlichen Mädchen nebeneinander

auf der Wiese, sind mutterseelenallein, schweigen und

lächeln einander vorsichtig an.

Dann atmet Luise schwer und fragt: »Bist du mir noch

böse?«

Lotte schüttelt den Kopf.

Luise blickt zu Boden und stößt hervor: »Es kam so plötzlich!

Der Autobus! Und dann du! So ein Schreck!«

Lotte nickt. »So ein Schreck«, wiederholt sie.

Luise beugt sich vor. »Eigentlich ist es furchtbar lustig,

nein?«

Lotte blickt ihr erstaunt in die übermütig blitzenden

Augen. »Lustig?« Dann fragt sie leise: »Hast du Geschwister?

«

»Nein!«

»Ich auch nicht«, sagt Lotte.

Beide haben sich in den Waschsaal geschlichen und stehen

vor einem großen Spiegel. Lotte ist voll Feuereifer dabei,

Luises Locken mit Kamm und Bürste zu striegeln.

Luise schreit »Au!« und »Oh!«

»Willst du wohl ruhig sein?« schimpft Lotte, gespielt

streng. »Wenn dir deine Mutti Zöpfe flicht, wird nicht geschrien!

«

»Ich hab' doch gar keine Mutti!« murrt Luise. »Deswegen,

au! deswegen bin ich ja auch so ein lautes Kind, sagt mein

Vater!«

»Zieht er dir denn nie die Hosen straff?« erkundigt sich

Lotte angelegentlich, während sie mit dem Zopfflechten beginnt.

»Ach wo! Dazu hat er mich viel zu lieb!«

2

»Das hat doch damit nichts zu tun!« bemerkt Lotte sehr

weise.

»Und außerdem hat er den Kopf voll.«

»Es genügt doch, daß er eine Hand frei hat!« Sie lachen.

Dann sind Luises Zöpfe fertig, und nun schauen die Kinder

mit brennenden Augen in den Spiegel. Die Gesichter

strahlen wie Christbäume. Zwei völlig gleiche Mädchen blikken

in den Spiegel hinein! Zwei völlig gleiche Mädchen blikken

aus dem Spiegel heraus!

»Wie zwei Schwestern!« flüstert Lotte begeistert.

Der Mittagsgong ertönt.

»Das wird ein Spaß!« ruft Luise. »Komm!« Sie rennen

aus dem Waschsaal. Und halten einander an den Händen.

Die anderen Kinder sitzen längst. Nur Luises und Lottes

Schemel sind noch leer.

Da öffnet sich die Tür, und Lotte erscheint. Sie setzt sich,

ohne zu zaudern, auf Luises Schemel.

»Du!« warnt Monika. »Das ist Luises Platz! Denk an dein

Schienbein!«

Das Mädchen zuckt nur die Achseln und beginnt zu essen.

Die Tür öffnet sich wieder, und — ja, zum Donnerwetter!

— Lotte kommt leibhaftig noch einmal herein! Sie geht,

ohne eine Miene zu verziehen, auf den letzten leeren Platz

zu und setzt sich.

Die anderen Mädchen am Tisch sperren Mund und Nase

auf. Jetzt schauen auch die Kinder von den Nebentischen

herüber. Sie stehen auf und umdrängen die beiden Lotten.

Die Spannung löst sich erst, als die zwei zu lachen anfangen.

Es dauert keine Minute, da hallt der Saal von vielstimmigem

Kindergelächter wider.

Frau Muthesius runzelt die Stirn. »Was ist denn das für

ein Radau?« Sie steht auf und schreitet mit königlich strafenden

Blicken, in den tollen Jubel hinein. Als sie aber die

zwei Zopfmädchen entdeckt, schmilzt ihr Zorn wie Schnee

in der Sonne dahin. Belustigt fragt sie: »Also, welche von

euch ist nun Luise Palffy und welche Lotte Körner?«

»Das verraten wir nicht!« sagt die eine Lotte zwinkernd,

und wieder erklingt helles Gelächter.

»Ja, um alles in der Welt!« ruft Frau Muthesius in komischer

Verzweiflung. »Was sollen wir denn nun machen?«

»Vielleicht«, schlägt die zweite Lotte vergnügt vor, »vielleicht

kriegt es doch jemand heraus?«

Steffie fuchtelt mit der Hand durch die Luft. Wie ein

Mädchen, das dringend ein Gedicht aufsagen möchte. »Ich

3

weiß etwas!« ruft sie. »Trude geht doch mit Luise in dieselbe

Klasse! Trude muß raten!«

Trude schiebt sich zögernd in den Vordergrund des Geschehens,

blickt musternd von der einen Lotte zur anderen

und schüttelt ratlos den Kopf. Dann aber huscht ein spitzbübisches

Lächeln über ihr Gesicht. Sie zieht die ihr näher

stehende Lotte tüchtig am Zopf — und im nächsten Augenblick

klatscht eine Ohrfeige!

Sich die Backe haltend, ruft Trude begeistert: »Das war

Luise!« (Womit die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt

erreicht hat.)

Luise und Lotte haben die Erlaubnis erhalten, in den Ort

zu gehen. Die »doppelte Lotte« soll unbedingt im Bild festgehalten

werden. Um Fotos nach Hause zu schicken! Da wird

man sich wundern!

Der Fotograf, ein gewisser Herr Eipeldauer, hat, nach der

ersten Verblüffung, ganze Arbeit geleistet. Sechs verschiedene

Aufnahmen hat er gemacht. In zehn Tagen sollen die Postkarten

fertig sein.

Zu seiner Frau meint er, als die Mädchen fort sind:

»Weißt was, am Ende schick' ich ein paar Glanzabzüge an

eine Illustrierte oder ein Magazin! Zeitschriften interessieren

sich manchmal für so was!«

Draußen vor seinem Geschäft dröselt Luise ihre »dummen

« Zöpfe wieder auf, denn die brave Haartracht beeinträchtigt

ihr Wohlbefinden. Und als sie ihre Locken wieder

schütteln kann, kehrt auch ihr Temperament zurück. Sie lädt

Lotte zu einem Glas Limonade ein. Lotte sträubt sich. Luise

sagt energisch: »Du hast zu folgen! Mein Vater hat vorgestern

frisches Taschengeld geschickt. Auf geht's!«

Sie spazieren also zur Försterei hinaus, setzen sich in den

Garten, trinken Limonade und plaudern. Es gibt ja so viel

zu erzählen, zu fragen und zu beantworten, wenn zwei

kleine Mädchen erst einmal Freundinnen geworden sind!

Die Hühner laufen pickend und gackernd zwischen den

Gasthaustischen hin und her. Ein alter Jagdhund beschnuppert

die beiden Gäste und ist mit ihrer Anwesenheit einverstanden.

»Ist dein Vater schon lange tot?« fragt Luise.

»Ich weiß es nicht«, sagt Lotte. »Mutti spricht niemals von

ihm — und fragen möcht' ich nicht gern.«

Luise nickt. »Ich kann mich an meine Mutti gar nicht

mehr erinnern. Früher stand auf Vaters Flügel ein großes

Bild von ihr. Einmal kam er dazu, wie ich es mir ansah.

Und am nächsten Tag war es fort. Er hat es wahrscheinlich

im Schreibtisch eingeschlossen.«

Die Hühner gackern. Der Jagdhund döst. Ein kleines

4

Mädchen, das keinen Vater, und ein kleines Mädchen, das

keine Mutter mehr hat, trinken Limonade.

»Du bist doch auch neun Jahre alt?« fragt Luise.

»Ja.« Lotte nickt. »Am 14. Oktober werde ich zehn.«

Luise setzt sich kerzengerade. »Am 14. Oktober?«

»Am 14. Oktober.«

Luise beugt sich vor und flüstert: »Ich auch!«

Lotte wird steif wie eine Puppe.

Hinterm Haus kräht ein Hahn. Der Jagdhund schnappt

nach einer Biene, die in seiner Nähe summt. Aus dem offenen

Küchenfenster hört man die Förstersfrau singen.

Die beiden Kinder schauen einander wie hypnotisiert in

die Augen. Lotte schluckt schwer und fragt, heiser vor Aufregung:

»Und — wo bist du geboren?«

Luise erwidert leise und zögernd: »In Linz an der Donau!«

Lotte fährt sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

»Ich auch!«

Es ist ganz still im Garten. Nur die Baumwipfel bewegen

sich. Vielleicht hat das Schicksal, das eben über den Garten

hinschwebte, sie mit seinen Flügeln gestreift?

Lotte sagt langsam: »Ich habe ein Foto von . . . von meiner

Mutti im Schrank.«

Luise springt auf. »Zeig mir's!« Sie zerrt die andere vom

Stuhl herunter und aus dem Garten.

»Nanu!« ruft da jemand empört. »Was sind denn das für

neue Moden?« Es ist die Förstersfrau. »Limonade trinken

und nicht zahlen?«

Luise erschrickt. Sie kramt mit zitternden Fingern in

ihrem kleinen Portemonnaie, drückt der Frau einen mehrfach

gekniffenen Schein in die Hand und läuft zu Lotte zurück.

»Ihr kriegt etwas heraus!« schreit die Frau. Aber die Kinder

hören sie nicht. Sie rennen, als gälte es das Leben.

»Was mögen die kleinen Gänse bloß auf dem Kerbholz

haben?« brummt die Frau. Dann geht sie ins Haus. Der alte

Jagdhund trottet hinterdrein.

Lotte kramt im Kinderheim hastig in ihrem Schrank.

Unter dem Wäschestapel holt sie eine Fotografie hervor und

hält sie der am ganzen Körper zitternden Luise hin.

Luise schaut scheu und ängstlich auf das Bild. Dann verklärt

sich ihr Blick. Ihre Augen saugen sich förmlich an dem

Frauenantlitz fest.

Lottes Gesicht ist erwartungsvoll auf die andere gerichtet.

Luise läßt, vor lauter Glück erschöpft, das Bild sinken und

nickt selig. Dann preßt sie es wild an sich und flüstert:

»Meine Mutti!«

5

Lotte legt den Arm um Luises Hals. »Unsere Mutti.«

Zwei kleine Mädchen drängen sich eng aneinander. Hinter

dem Geheimnis, das sich ihnen eben entschleiert hat, warten

neue Rätsel, andere Geheimnisse.

Der Gong dröhnt durchs Haus. Kinder rennen lachend

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und lärmend treppab. Luise will das Bild in den Schrank zurücklegen.

Lotte sagt: »Ich schenk' dir's!«

Fräulein Ulrike steht im Büro vor dem Schreibtisch der

Leiterin und hat vor Aufregung krebsrote, kreisrunde Flekken

auf beiden Backen. »Ich kann es nicht für mich behalten!

« stößt sie hervor. »Ich muß mich Ihnen anvertrauen!

Wenn ich nur wüßte, was wir tun sollen!«

»Na, na«, sagt Frau Muthesius, »was drückt Ihnen denn

das Herz ab, meine Liebe?«

»Es sind gar keine astrologischen Zwillinge!«

»Wer denn?« fragt Frau Muthesius lächelnd. »Der englische

König und der Schneider?«

»Nein! Luise Palffy und Lotte Körner! Ich habe im Aufnahmebuch

nachgeschlagen! Sie sind beide am selben Tag in

Linz geboren! Das kann kein Zufall sein!«

»Wahrscheinlich ist es kein Zufall, meine Liebe. Ich habe

mir auch schon bestimmte Gedanken gemacht.«

»Sie wissen es also?« fragt Fräulein Ulrike und schnappt

nach Luft.

»Natürlich! Als ich die kleine Lotte, nachdem sie angekommen

war, nach ihren Daten gefragt und diese eingetragen

hatte, verglich ich sie mit Luises Geburtstag und Geburtsort.

Das lag doch einigermaßen nahe. Nicht wahr?«

»Ja, ja. Und was geschieht nun?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Nichts! Falls Sie den Mund nicht halten sollten, schneide

ich Ihnen die Ohren ab, meine Liebe.«

»Aber . . . «

»Kein Aber! Die Kinder ahnen nichts. Sie haben sich vorhin

fotografieren lassen und werden die Bildchen heimschikken.

Wenn sich die Fäden hierdurch entwirren, gut! Doch Sie

und ich, wir wollen uns hüten, Schicksal zu spielen. Ich danke

Ihnen für Ihre Einsicht, meine Liebe. Und jetzt schicken Sie

mir, bitte, die Köchin.«

Fräulein Ulrike macht kein sonderlich geistreiches Gesicht,

als sie das Büro verläßt. Übrigens wäre das bei ihr auch

etwas völlig Neues.

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